Artikel mit Schlagwort ‘Placebo’

Komplementärmedizin: Populistische Sprüche aus der Politik

Sonntag, August 15th, 2010

Wie in der Schweiz, ist auch in Deutschland der Bereich Komplementärmedizin auf der politischen Ebene überwiegend in der Hand von Populistinnen und Populisten.

Es herrscht eine ziemlich naive und undifferenzierte Vorstellung von der sanften, wunderbaren Komplementärmedizin, die nur Gutes tut und ach so menschenfreundlich ist.

Ein Beispiel dafür lieferte vor kurzem die Gesundheitsministerin von Sachsen. „Bild“ berichtete:

„Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) sieht Homöopathie auf dem Vormarsch. ‚Die Alternativmedizin hat sich innerhalb von 40 Jahren in der deutschen Gesellschaft positiv und fest verankert. Ein Trend, der nach wie vor andauert’, erklärte sie anlässlich der nach dem Begründer der Homöopathie benannten 14. ‚Meißner Hahnemanntage’ am Wochenende. Viele Menschen vertrauten etwa bei der Behandlung von Erkältungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen und Hautkrankheiten auch auf alternative Heilmethoden. Entscheidend sei, was dem Patienten hilft – und ‚nicht die Frage Schul- oder Komplementärmedizin’. Clauß nannte dies ‚zwei Wege, ein Ziel’.“

Quelle:

http://www.bild.de/BILD/regional/leipzig/dpa/2010/04/11/ministerin-sieht-homoeopathie-auf-dem-vormarsch.html

Kommentar & Ergänzung:

Entscheidend sei, was dem Patienten hilft. Das ist einer von diesen tollen, gut klingenden Politikersprüchen, die konkret kaum etwas aussagen und die man auch in die Runde werfen kann ohne vorgängige Auseinandersetzung mit dem Thema.

Entscheidend wäre nämlich die Frage:

Wie stellt man fest, was dem Patienten hilft?

Bei jeder Behandlung trägt ein Placebo-Effekt mehr oder weniger stark zur Besserung bei.

Der überwiegende Anteil der Beschwerden bessert auch ohne Behandlung.

Gerade bei den von Christine Glauss als erfolgreiche Beispiele aufgeführten Erkältungen und  Kopfschmerzen handelt es sich normalerweise um selbstlimitierende Krankheiten. Sie bessern auch ohne Therapie. Auch Kreislaufstörungen verschwinden normalerweise wieder, andernfalls landet man ziemlich schnell auf einer Intensivstation.

Und zu chronischen Verläufen gehört erfahrungsgemäss ein Auf und Ab. – beispielsweise bei den von Glauss erwähnten Hauterkrankungen. Ob eine Besserung der Therapie zu verdanken ist oder nur einer natürlichen vorübergehenden Aufhellung im Krankheitsverlauf, lässt sich in der Regel nicht so einfach feststellen.

Werden nun alle diese Faktoren einfach der angewandten Behandlungsmethode gut geschrieben, ist das nicht sauber und nicht ehrlich. Genau dies geschieht aber sehr oft im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin. Vermieden wird damit eine differenzierende Betrachtungsweise, auch von Politikerinnen und Politikern, die pauschalisierend und simplizisitisch verkünden, dass schon richtig sei, was dem Patienten hilft.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es darum geht, ob eine Methode von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll. Gilt hier auch der naive Grundsatz, dass bezahlt wird, was dem Patienten hilft? Ohne weitere Kriterien?  Ohne Differenzierung zwischen  Effekten, die ein Medikament bzw. eine Therapie für sich bewirkt, und Besserung bringenden Kontextfaktoren wie Placebo-Effekt, Selbstheilkung, schwankender Krankheitsverlauf?

Dann würde ich sagen: Mir hilft Pilates, also möchte ich Pilates von der Grundversicherung bezahlt haben. Anderen tut vielleicht eine Wallfahrt nach Lourdes gut. Wenn entscheidend ist, was dem Patienten hilft, müsste die Wallfahrt von den Krankenkassen bezahlt werden.

Entscheidend wäre eine offene, transparente Diskussion der Kriterien, nach denen entschieden wird, ob eine Therapie bzw. ein Heilmittel  von der Grundversicherung bezahlt wird. Politikerinnen und Politiker, welche nur immer wieder den simplen Satz wiederholen, dass es nur darauf ankommt, was dem Patienten hilft, vermeiden diese komplexen Diskussionen und  beschränken sich auf billigen Populismus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Britische Ärzte halten Homöopathie für “Hexenzauber”

Samstag, Juli 31st, 2010

Der größte Ärztebund in Großbritannien verlangt, Homöopathie aus dem staatlichem Gesundheitsdienst auszuschließen.

Homöopathie sei “Hexenzauber” und “nicht wissenschaftlich belegt”, hält eine Resolution fest, die von hunderten Ärzten der British Medical Association (BMA) in London verabschiedet wurde. Damit befindet sich der Ärztebund, welcher die beruflichen Interessen von über 75 000 Medizinern im Königreich vertritt, auf direktem Konfrontationskurs mit dem Verband der Homöopathen. Die Ablehnung der Homöopathie fiel überraschend scharf aus.

Solange es “keine wissenschaftlichen Beweise” gebe, die die Wirksamkeit homöopathischer Heilmethoden belegten, solange solle der staatliche Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) die Kosten dafür nicht bezahlen. Die Resolution der BMA-Ärzte fordert weiter: “In Zeiten wachsender Geldknappheit ist es unverantwortlich, den Gesundheitsetat mit Ausgaben für Quacksalberei zu belasten.”

Der NHS übernimmt derzeit in gewissen Fällen die Kosten für homöopathische Therapien. Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums wurden im vergangenen Jahr rund 54 000 NHS-Patienten in den vier staatlichen Homöopathie-Kliniken in London, Glasgow, Bristol und Liverpool behandelt. Das kostete den Steuerzahler etwa vier Millionen Pfund (rund 5,5 Millionen Euro).

Die Ablehnung der Homöopathie durch die britischen Ärzteverbände ist nicht neu. Die BMA hatte in der Vergangenheit mehrfach ihre Zweifel an der Wirksamkeit von Homöopathie und anderer Methoden der Alternativmedizin geäußert. Neu ist, dass die Organisation vom Gesetzgeber den Ausschluss von der Kostenerstattung fordert.

Ein Sprecher der “British Homeopathic Association” (BHA) erklärte in London, Homöopathie sei “bei zehntausenden Patienten beliebt” und Umfragen hätten gezeigt, dass “70 Prozent homöopathisch therapierter Patienten eine Besserung ihrer Leiden” meldeten.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gesundheitspolitik_international/article/607535/homoeopathie-hexenzauber-britische-aerzte.html?sh=4&h=-573125894

Kommentar & Ergänzung:

Ach, ein Ausdruck wie „Hexenzauber“ ist ziemlich polemisch und deplatziert.

Oder glaubt die BMA tatsächlich an „Hexenzauber“?

Auch ist das Argument der Kosten nicht sehr stark, weil in vielen anderen Bereichen des Gesundheitswesens unvergleichlich grössere Beträge gespart werden könnten, die sinnlos zum Fenster hinaus geworfen werden. Zudem wäre es konstruktiver, wenn Homöopathie-Kritiker nicht so unnötig arrogant auftreten würden wie die BMA und auch anerkennen könnten, dass viele Menschen subjektiv überzeugt davon sind, dass Homöopathie ihnen gut tut, auch wenn sich diese Wirkungen nicht objektivieren lassen. Diese Erfahrung gilt es erst einmal anzuerkennen und ernst zu nehmen. Gegen „Erfahrung“ lässt sich schlecht argumentieren. Die Interpretation der Erfahrung – beispielsweise dass die eingenommenen Globuli für die Besserung verantwortlich sind -  lässt sich aber sehr wohl in Frage stellen.

Dass in solchen subjektiven Interpretationen ein grosses Täuschungspotential liegt, ist ganz offensichtlich. Im Einzelfall kann ich zum Beispiel nie wissen, wie der Verlauf ohne Therapie gewesen wäre. In vielen Fällen werden Menschen ja einfach aufgrund ihrer Selbstheilungskräfte gesund. Das gilt natürlich für alle Therapien.

Während also die Stellungsnahme der BMA etwas gar polemisch daher kommt, fallen die Gegenargumente der “British Homeopathic Association” (BHA) bemerkenswert schwach aus.

Dass Homöopathie „bei zehntausenden Patienten beliebt“ sei, sagt über Wirksamkeit nichts aus. Die Medizingeschichte ist voll von beliebten Methoden, die sich nach Jahren oder Jahrhunderten der Beliebtheit als völlig nutzlos erwiesen haben. Der Aderlass zum Beispiel. Beliebtheit wäre auch ein fragwürdiges Kriterium um zu entscheiden, welche Methoden vom staatlichen Gesundheitsdienst bzw. von Krankenkassen bezahlt werden sollten. Jede und jeder hat dann mit Sicherheit eigene Lieblinge. Ich würde dann nämlich gerne Pilates bezahlt haben wollen, nicht aber Homöopathie oder Anthroposophische Medizin, die mir persönlich nichts sagen. Was also sind die Kriterien, nach denen zu entscheiden wäre, was bezahlt wird und was nicht? Das bessere Lobbying?

Und wenn „70 Prozent homöopathisch therapierter Patienten eine Besserung ihrer Leiden” melden, dann ist das auch nicht sehr erhellend, weil ein mindestens so grosser Anteil der Leiden aufgrund unserer Selbstheilungskräfte auch ohne Behandlung bessert, weil bei chronischen Krankheiten eine schwankender Verlauf mit charakteristischen Aufs und Abs oft Besserungen vorspiegelt und weil bei allen Behandlungsmethoden Erfolge durch Placebo-Effekte zu erwarten sind. Solche Angaben tönen gut, sind aber ohne Substanz. Eine Prise mehr Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung würde hier den Verteidigern der Homöopathie gut anstehen.

Was bleibt eigentlich jenseits von Polemik und Verteidigungsreflex?

Klar scheint mir zweierlei:

1. Wenn man nicht einzelne kleine Studien mit positivem Ergebnis herauszupft, sondern die ganze Studienlage in den Blick nimmt, auch mit den qualitativ guten Untersuchungen, dann gibt es starke Hinweise dafür, dass Globuli rein als solche nicht besser wirken als Placebo.

2. Schaut man sich Homöopathie als ganzes Therapieverfahren an, dann ist ebenso gut dokumentiert, dass nicht wenige Menschen bei verschiedenen Beschwerden  damit Linderung finden. Dabei spielt der Kontext eine wichtige Rolle (Erwartungshaltung von PatientIn und MedizinerIn, mehr Zeit für Erstgespräch mit dem Effekt des Sich-Ernst-genommen-fühlens etc.).

Die Frage ist nun, welche Schlüsse man daraus zieht hinsichtlich einer allfälligen Bezahlung von Homöopathie als Therapie via Krankenkassen (Homöopathika, also die homöopathischen Präparate, werden in der Schweiz von der obligatorischen Krankenversicherung schon seit langem bezahlt und sind vom Wirkungsnachweis befreit).

Wird Homöopathie von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt, dann müsste folgerichtig jede überwiegend kontextbezogen wirkende Therapie bezahlt werden. Dann landen wir beim Kriterium, dass bezahlt wird, was dem Patienten gut tut. Das wäre eine Entscheidung, deren Konsequenzen diskutiert werden müssten. Denn wie gesagt, mir tut beispielsweise Pilates gut. Mit welchem Recht verweigert man mir die Bezahlung, wenn das Kriterium „mir hilfts“ als entscheidend angesehen wird.

Wird Homöopathie von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt, dann wäre meines Erachtens zu prüfen, ob nicht auch den Hausärzten generell mehr Gesprächszeit vergütet werden müsste. Man könnte allen Ärztinnen und Ärzten eine Erstanamnese von 1 ½ Stunden bezahlen. Dann können Behandelnde und Behandelte entscheiden, ob sie diese Zeit für eine homöopathische Anamnese, oder für ein sonstiges anamnestisch-medizinisches Gespräch nutzen wollen. Das fände ich eine faire Lösung.

Die österreichische Zeitung „Die Presse“ hat die aktuelle Debatte um die Wirksamkeit der Homöopathie als „sinnlosen Glaubenskrieg“ bezeichnet. Ich teile diese Ansicht nicht, weil es mir wichtig scheint, dass diese Auseinandersetzung geführt wird. Wenn es dabei allerdings nur bei einem Schlagabtausch zwischen den Positionen „Homöopathie wirkt“ und „Homöopathie ist unwirksam“ bleibt, stagniert die Debatte. Der Rahmen der Auseinandersetzung müsste weiter gefasst werden. Ein erster Schritt dazu wäre die Trennung zwischen der Wirksamkeit von Globuli an sich und der Wirksamkeit von Homöopathie als Therapiesystem. Das sind zwei völlig unterschiedliche Bereiche, die nicht miteinander vermischt werden sollten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Britische Politiker fordern Streichung der Homöopathie aus dem Leistungskatalog des staatlichen Gesundheitsdienstes

Sonntag, Juli 11th, 2010

Ein britisches Gutachten kritisiert die Homöopathie wegen fehlender Wirksamkeit. Der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Unterhauses bescheinigt der Homöopathie in einem 275 Seiten umfassenden Gutachten nichts weiter als einen Placeboeffekt. Da Homöopathika ihre Wirksamkeit nicht mit Studien belegen können, sollen sie nach Ansicht der Kommission aus dem Leistungskatalog der britischen Krankenversicherung gestrichen werden. Auch sollen sie sich in Zukunft nicht mehr mit medizinischen Effekten kennzeichnen dürfen, solange diese nicht nachgewiesen worden sind. Weil der Ausschuss homöopathische Arzneimittel nicht als Medikamente einstuft, sollen sie zudem nicht mehr von der zuständigen Behörde zugelassen werden.

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hat den Placebovorwurf entschieden zurückgewiesen. Der Verein verweist auf einen Bericht der Schweizer Regierung (Health Technology Assessment) zur Homöopathie von 2006, welcher homöopathischen Arzneimitteln sowohl Wirksamkeit als auch Sicherheit bescheinigt habe.

Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de   / 26.02.2010 l PZ

Kommentar & Ergänzung:

Ich kann die Qualität und Relevanz dieses britischen Gutachtens nicht beurteilen. Das PDF zum Gutachten findet sich hier:

http://www.publications.parliament.uk/pa/cm200910/cmselect/cmsctech/45/45.pdf

Wenn allerdings der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) auf einen Bericht der Schweizer Regierung (Health Technology Assessment) zur Homöopathie von 2006 verweist, welcher die Wirksamkeit der Homöopathie bescheinigt habe, dann wirft dies schon einige Fragen auf:

Wenn dadurch nämlich der Eindruck erweckt wird, dass die Schweizerische Regierung hinter diesem Bericht steht und damit die Wirksamkeit der Homöopathie bestätigt, so ist dieser Eindruck falsch. Die Schweizer Regierung hat zwar diesen Bericht in Auftrag gegeben, seine Schlussfolgerungen aber ausdrücklich nicht übernommen. Hier wird quasi die Schweizer Regierung in einem Kampf als Verbündete vereinnahmt, was nicht den Tatsachen entspricht.

Die von der Schweizer Regierung im Rahmen des „Programms Evaluation Komplementärmedizin“ (PEK) in Auftrag gegebenen HTA-Berichte zu fünf Methoden der Komplementärmedizin – Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie (die real m. E. nicht zur Komplementärmedizin gehört, siehe hier) – spiegeln eher den jeweiligen Binnenkonsens bezüglich der untersuchten Komplementärmedizin-Methoden wieder. Sie sind nicht im Ansatz unabhängig und neutral. Im Bericht zur Homöopathie haben überwiegend Homöopathinnen bzw. Homöopathen entschieden, welche Studien zur Beurteilung der Homöopathie zugezogen werden sollen. Selbstverständlich geschah dies selektiv aus dem Blickwinkel von Homöopathie-Befürwortern.

Zur Problematik der HTA-Berichte:

Komplementärmedizin: fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit

Im Schlussbericht zum Programm Evaluation Komplementärmedizin, der die erwähnten HTA-Berichte zusammenfassend bewertet, steht beispielsweise auch der Satz:

“Die vorliegenden placebokontrollierten Studien zur Homöopathie belegen aus Sicht der Autoren der Meta-Analysen keinen eindeutigen Effekt über Placebo hinaus. Für die Phytotherapie zeigt sich dagegen wie im Bewertungsbericht ein positives Ergebnis, für die traditionelle chinesische Arzneitherapie ist eine klare Beurteilung nicht möglich“

(PEK-Schlussbericht, S. 5)

…aber der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte vereinnahmt den Bericht inklusive Schweizerische Regierung vollumfänglich für seine Zurückweisung des Placebovorwurfs.

Das ist Desinformation pur. Hier wird einfach das herausgepickt und der Öffentlichkeit präsentiert, was die eigene Position stärkt. Weggelassen wird, was die eigene Position in Frage stellen könnte.

Es ist diese oft hoch einseitige, selektive Argumentation, welche mir im Bereich Komplementärmedizin immer wieder Anlass zu kritischen Fragen gibt. Eine offene Diskussion auf der Basis von Argumenten würde ganz anders aussehen und wäre sehr nötig.

Für mich steht im übrigen fest, dass Homöopathie als Therapiesystem im manchen Fällen positive Effekte zeigt. Fraglich ist meines Erachtens nur, ob dies mit den homöopathischen Globuli zusammenhängt, oder mit dem therapeutischen Kontext (Erwartungshaltung, therapeutische Beziehung, Überzeugung von PatientIn und TherapeutIn etc.).

Für die Wirksamkeit der Globuli sind die Belege jedenfalls nicht gerade überzeugend.

Auf der politischen Ebene wäre eine kritische, differenzierende Diskussion rund um die Komplementärmedizin auch in der Schweiz notwendig. Die Mehrheit des eidgenössischen Parlamentes drückt sich aber um diese Auseinandersetzung und macht auf Populismus.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Hausärzteverband kritisiert ökonomisch beherrschte Medizin

Montag, Mai 31st, 2010

Mediziner und Patienten sollten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen, denn diese beruhten häufig auf Studien, die eine auf Gewinn ausgerichtete Pharmaindustrie gesponsert hat. So lautete die Botschaft einer Veranstaltung des Österreichischen Hausärzteverbandes mit dem Titel “Medizinische Erkenntnisse – erforscht oder erkauft?” am 11. Mai 2010 in Wien.

Am Beispiel der Schweinegrippe-Impfung, eines Präparates gegen Rheumatoide Arthritis und diverser Onkologika (Krebsmedikamente) zeigte die Expertin Claudia Wild, Direktorin des Ludwig Boltzmann Institutes für Health Technology Assessment, fragwürdige Praktiken im Gesundheitsmarkt auf. Die Pharmaindustrie stelle immer weniger wirklich innovative Produkte her, während gleichzeitig zahlreiche alte Patente auslaufen. Darum würden beispielweise große Anstrengungen unternommen, um Generika zu desavouieren.

Scheinbare Unabhängigkeit

“Während die klassischen Pharmareferenten immer weniger werden, investiert die Industrie in Lobbying und Awareness-Strategien über die Medien”, stellte Wild fest. So würden von Pharmafirmen unter verschiedenen Namen, die wissenschaftliche Unabhängigkeit suggerieren (wie etwa “The European Scientific Working group on Influenza” – ESWI), Initiativen gestartet, die mit Workshops und Konferenzen sowie darauf folgenden Veröffentlichungen Stimmung bei Medien und Politik dafür machen, dass man gewisse Krankheiten dringend mit bestimmten Methoden oder Medikamenten bekämpfen müsse, etwa die drohende Schweinegrippe durch eine entsprechende Impfung.

Claudia Wild wies auf Systemmängel hin: “Wenn jene, die Impfstoffe entwickeln, auch die Forschung über deren Wirksamkeit finanzieren und gar noch in den Gremien über deren Einsatz entscheiden, entsteht ein unakzeptabler Interessenkonflikt.”

Sorge wegen Leitlinien

Die Hausärzte warnen vor einer ökonomisch motivierten “Integrierten Versorgung” mit standardisierten Diagnosestraßen und Behandlungen – dies gehe zu Lasten des individuellen Bemühens um den Patienten. Der Chef des Hausärzteverbandes, Christian Euler, und seine Kollegen lehnen strenge Leitlinien deshalb ab: “Rahmenbedingungen können so eng werden, dass im Rahmen kein Platz mehr ist.” Susanne Rabady von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin setzte sich für Leitlinien und Standards ein, doch dürften daraus nicht “starre Schemata” werden.

Michael Wendler, Leiter einer Lehrpraxis in Graz, will zurück zu einer Medizin, welche den Patienten als Partner und nicht als Objekt sieht. Der Ärztenachwuchs solle zu mehr Kritikfähigkeit ausgebildet werden. Er müsse häufig Gespräche mit Patienten führen, die ihr medizinisches Wissen aus dem Internet beziehen, erklärte Wendler. Er rate dann meist: “Erst gurgeln, dann googeln.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4109&Alias=wzo&cob=493144

Printausgabe vom Freitag, 14. Mai 2010
Online seit: Donnerstag, 13. Mai 2010

Kommentar & Ergänzung:

Sehr einverstanden bin ich mit der Empfehlung, dass Mediziner und Patienten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen sollen. Kann alles in dieser Meldung dreifach unterstreichen.

Zur Ökonomisierung der Medizin schreibt Urs P. Gasche im Tages-Anzeiger (31. 5. 2010):

„Ob jemand besonders viele Medikamente verschrieben bekommt oder eine Knieprothese erhält, ob einer Frau die Gebärmutter entfernt oder einem Mann die Gallenblase operiert  wird, hängt weniger vom Zustand der Patienten ab als davon, ob es in der Gegend viele Spezialärzte gibt. Computertomografien zu diagnostischen Zwecken ordnen Ärzte in der Waadt trotz der enormen Strahlenbelastung fast doppelt so häufig an wie ihre St. Galler Kollegen. Untersuchungen mit Herzkatheter, ebenfalls risikobehaftet, machen Waadtländer Ärzte 80 % häufiger. Trotzdem sterben die Waadtländer nicht weniger oft an Herzleiden. Für solche Überbehandlungen gibt es keine medizinischen Erklärungen. Die Risiken aber tragen stets die Patienten.“

Ich würde die Forderung des Österreichischen Hausärzteverbandes  allerdings nicht einseitig auf die Medizin beschränken. Auch im Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde braucht es mehr kritisches Denken.

Bei einem sehr grossen Teil der Naturheilmittel, die in Apotheken und Drogerien verkauft werden, fehlt einfach jeder Hinweis darauf, dass sie – von Placebo-Effekten abgesehen – eine Wirkung haben. Es stellen sich hier Fragen bezüglich Ethik und bezüglich Konsumentenschutz.

Und es gibt auch im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde eine unübersehbare Tendenz zur Medikalisierung: Den Menschen werden Störungen eingeredet, um sie anschliessend zu therapieren.

Während aber in der Medizin immer wieder auch eine kritische Diskussion von Fehlentwicklungen und Auswüchsen stattfindet– die Veranstaltung des Östereichischen Hausärzteverbandes ist dafür ein Beispiel – fehlt eine solche Auseinandersetzung im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde fast vollständig. Hier herrscht meiner Erfahrung nach  über weite Strecken eine naive Gläubigkeit, die ich ziemlich erschreckend finde.

Wenn der Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde einen fundierten, seriösen Boden finden soll, braucht es meiner Ansicht nach vielmehr sorgfältige, selbstkritische Prüfung von Aussagen und Versprechungen und sehr viel mehr Auseinandersetzung mit den Grenzen der eigenen Heilmethode.

Die Kategorie „Naturheilkunde-Debatte“ in diesem Pflanzenheilkunde-Blog ist ein Versuch, diese Fragen zu thematisieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pharma-Studien: Firmengeld verzerrt Resultat

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Finanziert ein Pharmakonzern medizinische Studien zu einem seiner Wirkstoffe, fällt das Resultat für ihn vielfach günstiger aus als bei Studien mit anderer Geldquelle. Diese nicht völlig überraschende Erkenntnis wurde nun durch deutsche Forscher wissenschaftlich bestätigt. Ein Grund dafür sei, dass die Firmen die Studienprotokolle gezielt zu ihren Gunsten beeinflussten, schreiben die Wissenschaftler im «Deutschen Ärzteblatt» (Bd. 107, S. 279).

An der Analyse waren Experten der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in Berlin, Professor Wolf-Dieter Ludwig vom Helios-Klinikum in Berlin und Professor Klaus Lieb von der Universitätsmedizin in Mainz beteiligt. Sie werteten insgesamt 57 Publikationen zu dem Thema aus, die zwischen November 2002 und Dezember 2009 publiziert worden waren. Es handele sich vor allem um Untersuchungen, deren «ausdrückliches Ziel» es war, von Pharmafirmen finanzierte Studien mit unabhängig finanzierten zu vergleichen.

Quelle:
www.pharmazeutische-Zeitung.de


Kommentar & Ergänzung:
Welche Schlüsse folgen aus diesem Erkenntnissen?
Klar scheint mir, dass Hersteller-finanzierte Studien besonders kritisch unter die Lupe genommen werden müssen. Das gilt natürlich auch für Studien aus den Bereichen Komplementärmedizin oder Phytotherapie.
Keine Lösung wäre eine generelle Ablehnung von Studien als Mittel der Erkenntnisgewinnung.
Ohne qualitativ gute Studien lässt sich nämlich die Wirksamkeit von Heilmitteln nicht annähernd sicher beurteilen. Kommt es nach der Einnahme eines Heilmittels zu einer Besserung, so bleibt im Einzelfall unklar, worauf diese zurückzuführen ist: Placebo-Effekt? Spontane Besserung durch den normalen Verlauf der Krankheit? Wirkung des Heilmittels?
Die starke Abhängigkeit der Universitäten von Forschungsgeldern der Hersteller ist daher sehr problematisch (aber wohl politisch so gewollt).
Für die Phytotherapie ist dies ein wichtiges Thema. Während nämlich Heilmittel der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Arzneimittelbehörden aus politischen Gründen (gutes Lobbying) von jeglichem Wirksamkeitsnachweis befreit sind, müssen Phytopharmaka ihre Wirksamkeit in gleicher Weise mit Studien belegen wie synthetische Medikamente.
Die Phytotherapie ist daher auf qualitativ gute Studien angewiesen.

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Beinwell: Rasche Wirkung gegen Rückenschmerzen

Montag, Mai 3rd, 2010

Eine Heilpflanzen-Salbe mit Beinwellwurzel-Extrakt hat sich in einer Studie als effektiv und schnell wirksam bei Rückenschmerzen erwiesen. 120 Patienten mit akuten Schmerzen im oberen Rückenbereich wurden über 4 bis 6 Tage dreimal täglich mit 4 Gramm einer Beinwellsalbe oder mit Placebo behandelt. Über den Behandlungszeitraum reduzierte sich die Schmerzintensität in der Beinwell-Gruppe um 95,2 Prozent, in der Placebogruppe um 37,8 Prozent. Schon innerhalb einer Stunde nach der ersten Applikation verminderten sich Ruhe- und Bewegungsschmerzen signifikant. Die Verträglichkeit der Salbe war sehr gut. Die Studie ist im »British Journal of Sports Medicine« publiziert worden (doi: 10.1136/bjsm.2009.058677).

Quelle:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=32865

Kommentar & Ergänzung:

Beinwell ( = Wallwurz, Symphytum officinale)  wird seit einigen Jahren intensiv erforscht und zeigt gute Wirkungen bei Gelenkschmerzen, Sportverletzungen, Verstauchungen, Quetschungen, Prellungen, Sehnenscheidenentzündungen, Knochenhautentzündungen und ähnlichem.
Es gibt allerdings bei den Beinwell-Präparaten (wie auch bei anderen Naturheilmitteln) grosse Qualitätsunterschiede, so dass die Forschungsergebnisse nicht auf alle Beinwellsalben übertragen werden können.

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Ginkgo lindert Begleitsymptome bei Demenz

Montag, April 26th, 2010

Die Demenz wird meist begleitet von neuropsychiatrischen Symptomen wie Depression, Angst, Reizbarkeit oder Apathie (Teilnahmslosigkeit). Aktuelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Gabe von Ginkgo-Extrakt hier helfen kann.

Schon frühere Untersuchungen zeigten, dass Ginkgo-Biloba-Extrakt bei Patienten mit Hirnleistungsstörungen positive Effekte auf Symptome wie depressive Verstimmung, Gleichgültigkeit, Reizbarkeit und Angst  hat. Analysen ergaben, dass die Behandlung bei neuropsychiatrischen Auffälligkeiten besser anschlägt als bei rein geistiger Beeinträchtigung, erklärte Professor Dr. Ralf Ihl von der Klinik für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie am Krankenhaus Maria Hilf in Krefeld auf dem 7. Berliner Kongress für Phytotherapie.

Diese Erkenntnisse wurden nun in aktuellen Studien bestätigt. Eine Neurologengruppe aus der Ukraine verglich den Extrakt mit einem Placebo (Scheinmedikament) an 400 Patienten über 50 Jahre mit Morbus Alzheimer oder vaskulärer Demenz über einen Zeitraum von 22 Wochen.  Der positive Effekt zeigte sich am deutlichsten bei Apathie, Angst, Labilität, Depression und Schlafstörungen. Der günstige Einfluss des Ginkgo-biloba-Extraktes führte auch zu einer messbaren Entlastung pflegender Angehöriger.

Eine eigene Untersuchung vom Team um Prof. Ihl konnte die günstigen Resultate bestätigen. Laut Prof. Ihl zeigen die Ergebnisse erneut die gute und sichere Wirkung des Ginkgo-Extraktes auf neuropsychiatrische Symptome bei Patienten mit Demenz.

Quelle:
www.medical-tribune.de
MTD, Ausgabe 8 / 2010

Kommentar & Ergänzung:

Ginkgo biloba zählt zu den am intensivsten wissenschaftlich erforschten Heilpflanzen. Dabei ist die Lage zur Zeit durchaus unübersichtlich. Es liegen Studien mit negativem Ergebnis und mit positivem Ergebnis vor. Dabei klärt sich langsam, was von Ginkgo-biloba-Extrakten erwartet werden kann und was nicht. Offenbar können entsprechende Heilpflanzen-Präparate die Alltagsbewältigung von Demenz-Patienten verbessern. Eine vorbeugende oder gar heilende Wirkung gegen Demenz haben sie aber nach gegenwärtigem Wissenstand nicht.
Voraussetzung für eine Wirksamkeit ist die Verwendung von qualitativ hochstehenden Ginkgo-Extrakten.

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Seekiefer-Wirkstoff Pycnogenol lindert Hämorrhoiden-Beschwerden

Samstag, Januar 30th, 2010

Die Seekiefer (Pinus maritima, Pinus pinaster) liefert einen Wirkstoff zur Linderung von akuten Hämorrhoiden-Beschwerden.?
Der Rindenextrakt der Seekiefer hilft rasch bei akuten Hämorrhoiden-Beschwerden. Ein Wissenschaftlerteam hat in einer Vergleichsstudie aufgezeigt, dass sich Blutungen, Schmerzen im Dammbereich, Druckempfindlichkeit und Blutgerinnsel durch den Wirkstoff Pycnogenol der Pinus maritima mildern lassen, die an der französischen Atlantikküste beheimatet ist. Der Rinden-Extrakt soll Entzündungen und die Thrombosenbildung am effektivsten in der kombinierten Anwendung als Salbe und Tablette hemmen.

Pycnogenol ist ein Wasserextrakt aus der Borke der Seekiefer, welche an der Atlantikküste Frankreichs wächst und bis zu 300 Jahre alt werden kann. Seine bisherige Karriere in der Medizin basierte auf der Eigenschaft, Blutgefäße im Gehirn zu schützen, indem es dort mit aggressiven Sauerstoffmolekülen reagiert und diese so neutralisiert. Es passiert dazu als eines der wenigen pflanzlichen Antioxidantien die so genannte Blut-Hirn-Schranke, eine Barriere zwischen Blutkreislauf und Zentralnervensystem, welche das Gehirn vor Krankheitserregern und Giften schützt. In der Wirkungsanalyse stellten die Forscher durch die Anwendung von Tabletten und Salben aus dem Rindenextrakt einen Rückgang bei der Intensität und Dauer von Hämorrhoiden-Schmerzen und Hämorrhoiden-Blutungen fest. Auch die Zahl der Eingriffe und Überweisungen in Krankenhäuser sei zurückgegangen.

An der Universität G. D’Annunzio im italienischen Chieti nahmen 84 Patienten über zwei Wochen an einer Studie teil: Zwei Gruppen erhielten den Wirkstoff in unterschiedlichen Dosen und Zeiträumen verabreicht, eine dritte nur ein Placebo. Durch Pycnogenol verschwanden die Blutungen nach sieben Tagen bei den beiden behandelten Gruppen, die Teilnehmer in der Placebo-Gruppe klagten auch noch nach 14 Tagen über Blutungen. Entsprechend verbesserte sich auch die Lebensqualität der mit Pycnogenol behandelten Studienteilnehmern: Die Forscher registrierten bei ihnen deutliche Verbesserungen, wenn es um Bewegungen, Sitzen und auch die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten ging. Die Dauer der schlimmsten Schmerzen verminderte sich hauptsächlich durch die kombinierte Anwendung von Salbe und Tabletten – zudem mussten die Patienten in den Folgemonaten weniger Komplikationen durchstehen und die Behandlungskosten reduzierten sich.

Etwa die Hälfte aller Menschen, die über 50 Jahre alt sind, haben Hämorrhoiden. Wer noch nie darunter gelitten habe, könne sich nicht vorstellen, was die Patienten durchmachen. Das Krankheitsbild habe Auswirkungen auf jeden Aspekt des Alltags. Für die Kontrolle der Symptome der Hämorrhoiden seien neben den Medikamenten auch eine Veränderung des Lebensstils und sorgsame Hygiene nötig.

Quelle: ddp/wissenschaft.de

Originalpublikation:
Peter Rohdewald (Universität Münster) et al.: Phytotherapy Research, doi: 10.1002/ptr.3021

Kommentar & Ergänzung:

Die See-Kiefer (Pinus pinaster, Syn. Pinus maritima) wird auch Bordeaux-Kiefer, Igel-Kiefer, Stern-Kiefer, Meer-Kiefer, Seestrand-Kiefer oder Strand-Kiefer genannt. Sie stammt aus dem westlichen Mittelmeerraum.
Die Seestrandkiefer führt zu Unrecht ein Mauerblümchen-Dasein in der Phytotherapie. Seestrandkiefer-Extrakte bewähren sich bei der Behandlung von venösen Durchblutungsstörungen, beispielsweise bei Krampfadern und venösen Ödemen. Dem wird nun mit dem Thema Hämorrhoiden-Behandlung ein weiterer interessanter Aspekt beigefügt.

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Melisse (Melissa officinalis) bei Autismus?

Dienstag, Januar 12th, 2010

Vielversprechende Resultate einer Beobachtung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus werden durch qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Interaktion, der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert und durch ein
merklich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen.
Eine Publikation in der Zeitschrift ProMed komplementär 4/2009 beschreibt eine kleine Beobachtungsstudie zur Anwendung von Melissenextrakt bei Autismus. Hier eine Zusammenfassung:

Melisse, so wird berichtet, besitze eine beruhigende und ordnende Wirkung. Aus dem Grund vermuten die Autoren der Studie, dass Melissenextrakt vielleicht wirksam sein könnte bei der Behandlung von Autismus.
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An der Beobachtungsstudie nahmen drei ambulante männliche Patienten teil (16.1-17.3 Jahre; mean=16.7 Jahre; SD=0.4-Jahre). Ihre Intelligenzquotienten bewegten sich zwischen 56 und 88 (72+/?16), gemessen mit der Wechsler Intelligence Scale. Die Diagnose wurde unabhängig voneinander von zwei Psychologen gestellt und bestätigt. Alle Patienten waren frei von zusätzlichen medizinischen oder neurologische Erkrankungen und zudem wenigstens für einen Monat medikamentenfrei. Einer war vorgängig mit Methylphenidat, der andere mit Neuroleptika behandelt worden, beide mit ungünstigem Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis. Die Sprache eines Patienten bestand aus einsilbigen Wörtern, die der anderen aus einzelnen Wörtern (10-Wort-Vokabular). Eltern und Mentoren (= die Personen, die den Patienten im Alltag betreuten) bewerteten die Symptome mit der Verhaltens- (ABC) und Symptomkontrolliste. Melissenblätter-Trockenextrakt, (5.0-6.2:1, Auszugsmittel Wasser) in der Dosierung von 2 x 225 mg (2 x 1 Tbl.) wurde einen Monat lang verabreicht. Die pädagogischen Interventionen blieben vor, während und nach dieser Beobachtungsstudie gleich.
Die Bewertungen (Durchschnittswert beider Bewerter) wurden vor und am Ende von der Behandlungsperiode erstellt, wobei zwei Patienten zuerst Melisse, nach einer vierwöchigen Pause Placebo und ein Patient zuerst Placebo, nach einer vier- wöchigen Pause Melisse bekam.
Melisse verbesserte signifikant die ABC-Faktoren Reizbarkeit, Überaktivität, inadaequater Blickkontakt und unpassende Sprache. Die Symptomkontrollistenresultate zeigten eine signifikante Zunahme an Schläfrigkeit, verminderte Aktivität. Kein Patient klagte über Kopfschmerzen oder Magenschmerzen. Obwohl diese kleine Beobachtungsstudie nur einen bescheidenen therapeutischen Effekt von Melisse im akuten Management von Autismus-Patienten zeigte, so wurde doch eine leichte Verbesserung dieser schwer behandelbaren Symptome evident. Weiterführende diesbezügliche Untersuchungen wären nach Meinung der Autoren des Artikels wünschenswert.
Für die Praxis ziehen sie folgendes Fazit:

“Mangelnder Blickkontakt und vor allem die fehlende soziale Interaktion reduzieren die Effizienz pädagogischer Interventionen bei Patienten mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Aus dem Grund sind auch zusätzliche psychopharmakologische Therapien unerlässlich, um die Symptome zu verbessern.
Wir beobachteten bei drei männlichen autistischen Patienten, diagnostiziert nach den ICD-10 Kriterien, den Effekt von Melisse. Die Patienten wurden eingeschlossen, wenn ihr Augenkontakt und ihre Sprache inadäquat für ihren Entwicklungsstand waren.
Reizbarkeit und Stereotypien verbesserten sich leicht während Behandlung mit Melisse.
Zusammenfassend: Melisse war in der kurzfristigen Behandlung bei einigen autistischen Patienten gering, aber doch wirksam.”

Quelle:
http://www.springermedizin.at
H. Niederhofer, ProMed komplementär 4/2009

Kommentar & Ergänzung:

Das ist natürlich tatsächlich eine sehr kleine Studien mit beschränkter Aussagekraft. Die Autoren stellen das selber fest und sind vorsichtig mit ihren Aussagen.
Aus Sicht der Phytotherapie scheint mir interessant, dass hier ein Melissen-Extrakt peroral angewendet wurde. Ich hätte bei dieser Indikation eher die inhalative Anwendung von Melissenöl erwartet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Phytotherapie: Positive Aussagen zu Johanniskraut bei Depressionen

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Seit der Antike gilt Johanniskraut (Hypericum perforatum) als wirksames Heilmittel. Wie die Forschung inzwischen gezeigt hat, hilft die Heilpflanze bei Depressionen und kann tatsächlich eine verträglichere Alternative zu Antidepressiva sein. Bei keinem anderen Heilpflanzen-Präparat ist die Wirkung vergleichbar gut mit harten wissenschaftlichen Daten untermauert. Das solide Fundament zahlt sich aus: Seit vielen Jahren läuft das Geschäft mit Johanniskraut ausgezeichnet.

Eine ausgesprochen positive Stellungnahme zur Behandlung von Depressionen mit Johanniskraut wurde soeben veröffentlicht von Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter:

“Die Heilpflanze, das weiß inzwischen nahezu jeder, hilft bei Depressionen. Dazu liegen mehr als 50 gute klinische Studien vor. Ihre Ergebnisse sind zwar nicht völlig einheitlich – das ist auch kaum anders zu erwarten – aber die große Mehrzahl dieser Untersuchungen belegt recht eindeutig, dass Johanniskraut wirkt. Zunächst nahm man an, der Effekt beschränke sich auf leichte depressive Verstimmungen. Heute meint man jedoch, dass Johanniskraut auch bei schweren Depressionen hilft. Gemäß einiger Studien wirkt es sogar mindestens so gut wie moderne Antidepressiva wie beispielsweise Fluctin, international auch unter dem Namen Prozac bekannt.”

Auch bezüglich allfälliger Nebenwirkungen stellt Prof. Ernst dem Johanniskraut eine gutes Zeugnis aus:

“Was Johanniskraut den synthetischen Medikamenten überlegen macht: Nebenwirkungen treten sehr viel seltener und milder auf. Groß angelegte Beobachtungsstudien deuten sogar darauf hin, dass die Pflanze kaum mehr davon hat als ein Placebo. Man könnte also sagen, dieses Phyto ist frei von schweren Nebenwirkungen.”

Hier müsste noch ergänzt werden, dass Johanniskraut die Empfindlichkeit der Haut gegen Sonnenstrahlung erhöhen kann (Photosensibilisierung). Daher empfiehlt es sich, während der Einnahme von Johanniskraut-Produkten intensive Sonnenbestrahlung zu meiden. Allerdings sollte dieser Punkt auch nicht dramatisiert werden, weil bei üblichen, durchschnittlichen Sonnenbestrahlungen kaum mit Problemen gerechnet werden muss.

Zurecht fordert Edzard Ernst, dass allfällige Wechselwirkungen (Interaktionen) von Johanniskraut mit anderen Medikamenten im Auge behalten werden sollten:

“Wird Johanniskraut mit anderen Medikamenten kombiniert, kann es zu schwerwiegenden Interaktionen kommen. Es stimuliert den Abbau zahlreicher Medikamente in der Leber und reduziert deren Aufnahme im Darm. Beide Effekte wirken zusammen, sodass der Blutspiegel der entsprechenden Medikamente erheblich abfällt und die erwünschten Wirkungen der Arzneien nicht zum Tragen kommen. Handelt es sich um ein lebenswichtiges Mittel, etwa einen Gerinnungshemmer, dann können diese Interaktionen lebensgefährliche Folgen haben. Der beste Rat, den man hier wohl geben kann, ist, Johanniskraut prinzipiell nicht mit anderen Medikamenten zu kombinieren – es sei denn, der behandelnde Arzt hat dies ausdrücklich für gut befunden.”

Diese Interaktionen betreffen nicht alle Medikamente, aber doch wichtige Vertreter aus verschiedenen Bereichen, beispielsweise Digitalisglykoside, Blutgerinnungshemmer, Immunsuppressiva, gewisse HIV-Medikamente und Chemotherapeutika, Östrogene.
Daher ist es wichtig, behandelnde Ärztinnen und Ärzte über eine geplante Einnahme von Johanniskraut-Präparaten zu informieren.

Prof. Ernst geht dann noch auf die Frage ein, weshalb aus dem Johanniskraut nicht schon längst ein wirksamer Inhaltsstoff isoliert wurde:

“Wenn Johanniskraut so prima ist, warum isoliert man dann nicht einfach seinen pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoff und bringt ihn als synthetisches Medikament auf den Markt? So verfahren Pharmakologen häufig, und diese Vorgehensweise leuchtet völlig ein, schließlich macht sie die Therapie transparent. Im Falle des Johanniskrauts hat die Methode jedoch einen entscheidenden Fehler: In der Pflanze stecken derart viele Inhaltsstoffe, die möglicherweise alle an der Wirksamkeit beteiligt sind, dass die simple Logik der Pharmakologie hier nicht greift. Wir müssen also weiterhin mit der Komplexität der Heilpflanze zurechtkommen.”

Es gibt zwar intensiv erforschte Johanniskraut-Inhaltsstoffe, insbesondere Hyperforin und Hypericin. Die Untersuchungen zeigen aber auch, dass der Johanniskraut-Gesamtextrakt besser wirksam ist als die isolierten Einzelstoffe.

Sehr wichtig ist der Hinweis von Prof. Edzard Ernst auf die grossen Qualitätsunterschiede bei Johanniskraut-Präparaten:

“Wer den Kauf einer Johanniskraut-Arznei erwägt, sollte bedenken: In der Qualität unterscheiden sich die zahlreichen Mittel enorm. Viele frei verkäufliche Präparate sind zu niedrig dosiert, um zu wirken. Als Faustregel gilt: Was wenig kostet, ist meist wenig wert. Aufgrund der Verschiedenheit der Mittel lässt sich keine allgemeine Empfehlung geben; auf jeden Fall sollte die Tagesdosis bei 300 bis 900 Milligramm des Extraktes liegen.”

Erschweren kommt an diesem Punkt hinzu, dass die Extrakte der verschiedenen Hersteller sich qualitativ nur beschränkt vergleichen lassen. Die Extrakte können sehr unterschiedlich konzentriert sein, so dass gleich viele Miligramm von zwei verschiedenen Extrakten nicht zwingend die gleiche Wirkung auslösen.
Wenn Edzard Ernst eine Tagesdosis zwischen 300 und 900mg empfielt, dann muss dazu gesagt werden, dass die in ihrer Wirksamkeit gut dokumentierten Johanniskraut-Präparate eher bei 900 mg Tagesdosis liegen als bei 300 mg.

Quelle: www.stern.de, 27. Nov.2009

Weitere Informationen zu Johanniskraut im Bereich Infodienst Forschende Phytotherapie: moodle.heilpflanzen-info.ch/course/view.php

Genauer:
Kurzmeldungen zum Stand der klinischenJohannskraut-Forschung:
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Johanniskraut-Forschung zu Inhaltsstoffen & Wirkungsweise:
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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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