Artikel mit Schlagwort ‘Phytopharmaka’

Sechs Gründe für Phytotherapie in der Kinderheilkunde

Dienstag, August 17th, 2010

Heinz Schilcher und Walter Dorsch beschreiben in ihrem Buch „Phytotherapie in der Kinderheilkunde“ sechs Gründe, welche für Heilpflanzen-Anwendungen aus der Phytotherapie bei der Behandlung von Kindern sprechen.

Nachfolgend diese sechs Gründe in leicht modifizierter Form:

1. Viele Phytopharmaka zeichnet ein relativ gutes Nutzen-Risiko-Verhältnis aus: „ Zahlreiche Naturstoffgruppen (z. B. ätherische Öle, Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe, Saponine, Schleimstoffe u. a.) bzw. viele Naturstoffeinzelverbindungen (z.B. Chamazulen, Campher, Bisabolol, Menthol, Rutin u. a.) besitzen experimentell nachgewiesene Wirkungen und / oder klinisch belegte Wirksamkeiten bei gleichzeitig geringen oder zu vernachlässigenden unerwünschten Wirkungen.“

2. Viele – nicht alle – pflanzliche Arzneimittel haben eine milde Wirkung: „Bei zahlreichen Kinderkrankheiten genügen aber gerade ‚milde’ bzw. schwache therapeutischen Effekte auch für eine rationale Behandlungsstrategie.“

3. Die Phytotherapie kennt kinderfreundliche Applikationsformen (z. B. Inhalate, Bäder, Salben, Sirupe usw.).

4. „Kinderfreundliche Applikationsformen und in der Regel die überzeugte Mitarbeit der Mütter bzw. der Kinderbetreuer sorgen für eine gute Compliance.“

5. „Das fünfte Argument, welches für die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel in der Pädiatrie spricht, ist die Tatsache, dass mit einer Reihe von Phytopharmaka nicht nur eine symptomatische, sondern gleichzeitig auch eine kausale Therapie betrieben werden kann.“

6. „Zuletzt muss auch noch darauf hingewiesen werden, dass im Durchschnitt Phytopharmaka kostengünstiger sind als vergleichbare synthetisch hergestellte Arzneimittel, insbesondere wenn Medizinaltees, Tinkturen, Inhalate, Salben etc. rezeptmässig verordnet bzw. angewendet werden.“

Kommentar & Ergänzung:

Der Erfolg von Phytotherapie in der Kinderheilkunde hängt auch wesentlich damit zusammen, dass  viele Eltern nach natürlichen Alternativen für die Behandlung ihrer Kinder verlangen.

Ergänzend zu Punkt 1: Diesem Argument würde ich zwar zustimmen. Allerdings finde ich Campher und Menthol nicht ganz unproblematische Beispiele für ein gutes Nutzen-Risiko-Verhältnis in der Kinderheilkunde. Campher wird – zum Beispiel wenn in Form einer Erkältungssalbe grossflächig auf die Haut appliziert – rasch und gut in den Organismus aufgenommen, wo es in grösseren Mengen für Säuglinge toxisch wirken kann. Menthol ist für Säuglinge ungeeignet, weil es in seltenen Fällen ernsthafte Atemstörungen auslösen kann (z. B. Kratzschmer-Reflex) kommen kann. Daher bei Säuglingen und Kleinkindern Menthol nicht zur Inhalation verwenden und nicht im Bereich von Hals und Gesicht (insbesondere Nase) auftragen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie für Kinder – Verträglichkeit, Akzeptanz, Dosierung

Sonntag, August 15th, 2010

Eltern verlangen heute vermehrt nach natürlichen Alternativen in der Behandlung ihrer Kinder. Heilpflanzen-Präparate kommen diesem Bedürfnis entgegen. Prof. Karin Kraft hat sich in der Zeitschrift „ Kinderärztliche Praxis“ zu Verträglichkeit, Akzeptanz und Dosierung von Phytotherapeutika in der Kinderheilkunde geäussert:

„Verträglichkeit und Akzeptanz von Phytopharmaka im Kindesalter sind sehr gut, zumal durch die Beimengung von Geschmackskorrigentien oder durch die Anwendung von wohlschmeckenden Sirup- und Saftrezepturen eine zufrieden stellende Akzeptanz erzielt werden kann. Zudem stehen für einige Erkrankungen Einreibungen und andere Externa zur Verfügung. Es ergeben sich jedoch einige Unterschiede zur Therapie von Erwachsenen. So wird die Compliance vor allem bei den kleineren Kindern vorwiegend von den Eltern und vom Umfeld bestimmt. Dosierungsangaben haben in der Kinderheilkunde grundsätzlich als Bezugswerte Körpergewicht, Körperoberfläche und/oder Lebensalter zu berücksichtigen. Bei Säuglingen und Kleinkindern richtet sich die Dosierung in der Regel nach dem Körpergewicht, bei älteren Kindern nach der Körperoberfläche oder dem Alter. Als Faustregel gilt, dass Kinder von 6–9 Jahren etwa die Hälfte, Kinder von 10–12 Jahren zwei Drittel der Erwachsenendosis erhalten. Es gibt mittlerweile einige klinische Studien zur Anwendung von Phytopharmaka bei Kindern, in denen die Empfehlungen von Expertenkommissionen berücksichtigt wurden, und bei denen Wirksamkeitnachweise erbracht werden konnten. Für die meisten Phytopharmaka muss man jedoch auf empirisch begründete Empfehlungen zurückgreifen. Diese sind in der Regel bei den Dosierungsempfehlungen der Hersteller berücksichtigt.

Viele Phytopharmaka, die schon lange bei Kindern angewendet werden, tragen auf dem Beipackzettel den Hinweis: Nicht anzuwenden bei Kindern unter 12 Jahren. Dieser Hinweis deutet oft lediglich darauf hin, dass weder zu den enthaltenen pflanzlichen Drogen noch zum betreffenden Arzneimittel ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei Kindern vorliegen.“

Quelle:

Kinderärztliche Praxis, Heft 05, 2008 Jahrgang 79

Rubrik: Fortbildung

Seite: 282-289

Kommentar & Ergänzung:

- Wenn in der drittuntersten Zeile von „Drogen“ die Rede ist, meint dies im Kontext der Phytotherapie „getrocknete Heilpflanze“. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Droge“, im Gegensatz zur heute üblichen Verwendung im Sinne von Betäubungsmittel.

- Zur Bedeutung des Begriffs „Compliance“:

„In der Medizin spricht man von der Compliance bzw. Komplianz des Patienten als Oberbegriff für das kooperative Verhalten des Patienten im Rahmen der Therapie. Der Begriff kann als Therapietreue übersetzt werden. Im Englischen wird der Begriff Adherence synonym verwendet. Eine gute Compliance entspricht dem konsequenten Befolgen der ärztlichen Ratschläge. Besonders wichtig ist die Compliance bei chronisch Kranken in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten, dem Befolgen einer Diät oder der Veränderung des Lebensstils. Weiter gefasst versteht man hierunter die Bereitschaft des Patienten und seines gesamten relevanten Umfelds, sich gegen die Erkrankung zur Wehr zu setzen.“ (nach Wikipedia)

Die Compliance der Patientinnen und Patienten, Erwachsenen und Kindern, ist bei Heilpflanzen-Anwendungen in der Regel gut, vorausgesetzt, dass es sich um geschmacklich akzeptable Zubereitungen handelt. Schwierigkeiten kann es geben mit sehr Bitterstoff-haltigen Teezubereitungen – vor allem bei Kindern muss dann oft eine geschmacklich neutralere Arzneiform gefunden werden.

- Prof. Dr. med. Karin Kraft ist Inhaberin des Lehrstuhles für Naturheilkunde an der Universität Rostock und eine wichtige Vertreterin der universitären Phytotherapie im deutschsprachigen Raum.

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Phytotherapie in der Kinderheilkunde

Donnerstag, August 12th, 2010

Eltern verlangen heute vermehrt nach natürlichen Alternativen in der Behandlung ihrer Kinder. Heilpflanzen-Präparate kommen diesem Bedürfnis eintgegen. Prof. Karin Kraft hat in der Zeitschrift „ Kinderärztliche Praxis“ den Stellenwert der Phytotherapie in der Kinderheilkunde folgendermassen umschrieben:

„Phytopharmaka zählen heute in der Kinderheilkunde zu denjenigen Medikamenten, die mehr denn je von den Eltern erwünscht und der Selbstmedikation zugänglich sind. Während der medizinische Laie aber Phytopharmaka als „natürliche Arzneimittel ohne Nebenwirkungen“ ansieht, haben moderne Phytotherapeutika einen hohen Anspruch bei Pharmakologie und Toxikologie. Eine sehr wesentliche Rolle in der Beurteilung von pflanzlichen Arzneimitteln stellt die im Gegensatz zu den Synthetika oft über Jahrhunderte tradierte Erfahrung dar, während bei der wissenschaftlichen Evidenzlage gerade für die Anwendung bei Kindern teilweise noch Lücken vorhanden sind. Der Schwerpunkt der Phytotherapie liegt in der Kinderheilkunde in der Supportivtherapie bei Erkältungskrankheiten, Erkrankungen der Atemwege, Pflege der empfindlichen Haut, Behandlung von entzündeter Haut, Behandlung von Wunden und stumpfen Traumen, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes sowie psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen.“

Quelle:

Kinderärztliche Praxis, Heft 05, 2008 Jahrgang 79

Rubrik: Fortbildung

Seite: 282-289

Autor: Prof. Dr. med. Karin Kraft

Kommentar & Ergänzung:

Prof. Dr. med. Karin Kraft ist Inhaberin des Lehrstuhles für Naturheilkunde an der Universität Rostock und eine wichtige Vertreterin der universitären Phytotherapie im deutschsprachigen Raum.  Sie spricht hier gerade zwei bedeutende Punkte an rund um Phytotherapie in der Kinderheilkunde:

- Moderne Phytotherapeutika haben tatsächlich einen hohen Anspruch bei Pharmakologie und Toxikologie. Das heisst, ihre Wirksamkeit und Sicherheit muss gut dokumentiert sein. Diesen Standard erfüllten allerdings längst nicht alle Heilpflanzen-Präparate.. Weil der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt ist, werden unter diesem Label auch viele unwirksame und zweifelhafte Produkte vermarktet.

- Die Evidenzlage für die Anwendung von Phytopharmaka bei Kindern hat tatsächlich in manchen Bereichen noch Lücken, das heisst. Es mangelt an Wirksamkeitsbelegen in Form von klinischen Studien. Das trifft allerdings auch auf weite Bereiche der synthetischen Medikamente zu. Es ist einfach schwieriger – unter anderem aus ethischen Gründen – Patientenstudien mit Kindern durchzuführen. Hier sind zurecht die Sicherheitsanforderungen und die ethischen  Kritierien strenger gefasst.

Unter Supportivtherapie versteht man eine unterstützende Behandlung. Hier ist die Phytotherapie in der Kinderheilkunde genau in den Bereichen stark, welche Prof. Kraft aufzählt: Erkältungskrankheiten,  Hauterkrankungen, Verdauungsstörungen, psychosomatische Befindlichkeitsstörungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] Richtiger Umgang mit pflanzlichen Arzneimitteln – von Reinhard Länger, Heinz Schiller,

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Verlagsbeschreibung

 Der Großteil der pflanzlichen Arzneimittel wird von Patienten selbst – ohne ärztliche Verordnung – gekauft. Für all jene Personen, die Phytopharmaka selbst anwenden wollen oder gezielt Arzt oder Apotheker ansprechen wollen, bietet dieses Buch wissenschaftlich fundierte Informationen. Es ist kein weiteres “Kräuterbuch”, sondern legt die Vorteile und Grenzen der Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln dar.

Nach einleitenden Kapiteln werden alle Indikationsgebiete besprochen, in denen pflanzliche Arzneimittel sinnvoll eingesetzt werden können. Die Kapitel sind untergliedert in einen medizinischen (Funktion der betreffenden Organe, Krankheitssymptome, Grenzen der Selbstbehandlung) und einen pharmazeutischen Teil (Stellenwert der Phytotherapie, Pflanzen und ihre Wirkweise, einfache Hausmittel, empfehlenswerte Präparate aus Apotheke und Reformhaus).

Spezielle Kapitel (Schwangerschaft, Stillperiode, Kinder, …), Bewertungen von “Wundermitteln”, sowie Glossar, Adressteil und Register runden den Inhalt ab. TOC:Inhaltsverzeichnis

Wieso verwenden wir Pflanzen zum Heilen?.- Charakteristika,Vorteile und Grenzen der Phytotherapie.-Nervensystem, Gehirn.- Magen-Darm-Trakt.-Erkrankungen der ableitenden Harnwege.- Immunsystem und Infekte.- Husten.- Erkrankungen des Bewegungsapparates.- Herz, Kreislauf, Blutgefässe.- Frauenkrankheiten und Geburtshilfe.- Erkrankungen der Haut.- Chronische Müdigkeit und psychosomatische Erkrankungen.- Krebsbehandlung mit Pflanzen?.- Ist gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen? Krankheiten, die nicht mit Arzneipflanzen behandelt werden können.- Pflanzliche Neuheiten am Markt?.- Pflanzliche Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit.- Vital durch Kneipp. Zum Shop

Kommentar:

Gesundheit aus der Naturapotheke

Reinhard Länger ist Professor für Pharmakognosie (Heilpflanzenkunde) an der Universität Wien und ein profunder Kenner der Phytotherapie. Heinz Schiller ist Arzt. Das österreichische Autoren-Duo hat ein gut verständliches und fachlich sehr fundiertes Buch geschrieben. Informativ ist das einführende Kapitel über „Charakteristika, Vorteile und Grenzen der Phytotherapie“. Hier wird beispielsweise erklärt, wodurch sich die Phytotherapie von anderen Therapieformen unterscheiden wie Homöopathie, Bach-Blüten-Therapie, Aromatherapie, Anthroposophischer Medizin, Spagyrik oder Hildegard-Medizin. Auch wird der Weg beschrieben von der Pflanze zum Arzneimittel.

Das Buch enthält einen ausführlichen und sorgfältigen Organsystemteil, in dem die Krankheiten beschrieben und die dazu passenden Heilpflanzen erwähnt werden. Eher knapp gehalten sind die Einzelbeschreibungen der Heilpflanzen. Ein separater Bildteil stellt die Heilkräuter mit ausgezeichneten Fotos vor. Von den erwähnten pflanzlichen Arzneimitteln sind die meisten nur in Österreich oder allenfalls in Deutschland erhältlich..

Sehr empfehlenswert, wenn Sie sich ohne medizinische Grundkenntnisse für Pflanzenheilkunde interessieren. Das schliesst aber natürlich nicht aus, dass Personen mit solchen Vorkenntnissen von diesem Heilpflanzen-Buch da und dort auch profitieren könnten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

[Buchtipp] Handbuch Phytotherapie, Indikationen, Anwendungen, Wirksamkeit, Präparate – von Thomas Brendler, Jörg Grünwald, Christof Jänicke

Freitag, Juli 23rd, 2010

Verlagsbeschreibung

Wegweiser in der Phytotherapie Umfassend – Kritisch – Nützlich – Übersichtlich – Unentbehrlich

Das Handbuch Phytotherapie – ein Leitfaden für pflanzliche Arzneimittel und für die Therapie mit Phytopharmaka. Auf der Grundlage der Monographien der Kommission E, der ESCOP und unabhängiger Informationen aus internationalen medizinischen Datenbanken werden 500 Arzneidrogen aus 410 verschiedenen Pflanzen steckbriefartig beschrieben.

Übersichtlich – Klare Verzeichnisse für Arzneidrogen, Produktnamen sowie Indikationen erlauben den raschen Zugriff auf die gesuchte Information im Hauptteil. Umfassend – Aktuelle literaturgestützte Daten zu Inhaltsstoffen, pharmakologischen Wirkungen, klinischen Studien, Anwendungsgebieten, Dosierungen und Risiken stellen die ärztliche Verordnung auf ein solides Fundament. Kritisch – Auf einen Blick informiert der Abschnitt ? Beurteilung der Wirksamkeit” über den therapeutischen Wert der Droge und bewertet deren Nutzen-Risiko-Verhältnis im Sinne einer rationalen Phytotherapie. Den Interaktionen zwischen Arzneidrogen und synthetischen Arzneistoffen ist ein eigenes Verzeichnis gewidmet. Patientenorientiert – Wichtige Hinweise zur Weitergabe an Patienten sowie Angaben über ausreichende Dosierungen, sowohl für die Droge als auch für deren Zubereitungen und Extrakte, gewährleisten eine wirk-same und sichere Behandlung.

Ein Verzeichnis mit Warnhinweisen legt Risiken offen und macht Anwendungsbeschränkungen für Schwangere und Stillende transparent. Das umfangreichste Nachschlagewerk über Arzneidrogen und Phytopharmaka für die kompetente Beratung und verantwortungsvolle Verordnung von pflanzlichen Arzneimitteln.  »Zum Shop

Kommentar:

Handbuch der Phytotherapie

Dieses Buch bietet fundierte, verlässliche Einzelbeschreibungen (Monografien) von 410 Heilpflanzen. Dabei wird der Rahmen weiter gesteckt als in vielen anderen Phytotherapie-Fachbücher. Es werden auch Heilpflanzen vorgestellt, die kaum mehr verwendet werden oder mehr in der Tradition verankert sind. So kommen dann beispielsweise auch Pflanzen wie Gundermann oder Lerchensporn zum Zug, die sonst in keinem Phytotherapie-Fachbuch zu finden sind. Zwar bietet das „Handbuch Phytotherapie“ zu solchen Pflanzen dann nicht sehr viel handfestes Material, weil eben nicht viel dazu vorhanden ist. Doch ist es begrüssenswert, wenn wenigstens das Vorhandene zusammengestellt wird und auch diese Pflanzen berücksichtigt werden. Selbstverständlich werden auch die zentralen, gut dokumentierten Heilpflanzen wie beispielsweise Johanniskraut, Ginkgo oder Weissdorn fundiert vorgestellt.

Eine Stärke dieses Buches ist, dass es im Bereich der pharmakologischen Wirkungen der Heilpflanzen wo immer möglich unterscheidet zwischen präklinischen und klinischen Angaben. Mit anderen Worten: Es wird bei Angaben zu den belegten Heilwirkungen differenziert zwischen Ergebnissen, die experimentell im Labor gewonnen wurden und solchen, die aus Studien mit Patienten stammen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Was sich im Labor zum Beispiel an isolierten Geweben zeigt, muss noch lange nicht auch beim kranken Menschen wirken. Ergebnisse aus klinischen Studien gelten daher als relevanter.

Das Buch enthält einen separaten Teil mit Heilpflanzen-Fotos.

Es enthält keinen Organsystemteil. Dieser Zugang von den Krankheiten her ist nötig für ein gutes Verständnis der Phytotherapie. Wer aber ein Nachschlagewerk sucht, um für einzelne Heilpflanzen alle relevanten Informationen zusammengefasst zu finden, ist mit diesem Buch gut bedient

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

[Buchtipp] Heilpflanzen-Lexikon, Ein Leitfaden auf wissenschaftlicher Grundlage – von Dietrich Frohne

Freitag, Juli 23rd, 2010

Verlagsbeschreibung:

Weihrauchkapseln, Ginkgotropfen, Teebaumöl – pflanzliche Arzneimittel sind seit Jahren im Aufwind und das mit gutem Grund! Der renommierte Autor informiert Sie wissenschaftlich fundiert über 413 Heilpflanzen und die daraus gewonnenen Arzneidrogen und Phytopharmaka. Und er trennt die Spreu vom Weizen. Ob jüngst in Diskussion gekommene Wunderdroge, Klassiker oder Außenseiter – hier werden Sie nicht im Stich gelassen. Die übersichtlichen Monographien geben u.a. Auskunft über Herkunft, Wirkstoffe, Dosierungen, Nebenwirkungen, Handelspräparate und insbesondere über die Wirksamkeit von Droge und Arzneimittel. Zusätzlich weist Ihnen ein Indikationsregister den Weg von der Erkrankung zur empfohlenen Heilpflanze. Das ideale Nachschlagewerk für Apotheker und Ärzte in der täglichen Praxis.   »Zum Shop

Kommentar:

Heilpflanzen-Lexikon

Das Heilpflanzen-Lexikon von Dietrich Frohne ist ein Klassiker in neu bearbeiteter Auflage.

Alle wichtigen Heilpflanzen der Phytotherapie werden in alphabetischer Reihenfolge beschrieben: Sorgfältig und fundiert, mit Herkunft, angewandten Pflanzenteilen, Inhaltsstoffen, Wirkung, Anwendung, unerwünschten Wirkungen und Fertigarzneimitteln. Allerdings sind die meisten der aufgeführten Fertigarzneimittel nur in Deutschland erhältlich und nur eine Minderzahl auch in der Schweiz (das ist in allen deutschsprachigen Phytotherapie-Büchern so).

Die Heilpflanzen-Monografien (Einzelpflanzen-Beschreibungen) sind sehr verlässlich zum Nachschlägen. Für ein vertieftes Verständnis der ganzen Phytotherapie braucht es allerdings noch einen Zugang von den Organsystemen her, also zum Beispiel Phytotherapie im Bereich Verdauungstrakt, der Haut, der Atemwege…..(siehe dazu beispielsweise bei Schilcher / Kammerer, Leitfaden Phytotherapie).

Frohne’s Heilpflanzen-Lexikon verwendet medizinische Fachwörter, doch dürfte es (nötigenfalls mit einem medizinischen Wörterbuch) auch für Laien grossenteils verständlich sein.

Dieses Buch enthält keine Heilpflanzen-Fotos.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Bundesgerichtshof verbietet Ginkgo-Zusatz in einem Lebensmittel

Mittwoch, Juli 14th, 2010

In der Auseinandersetzung darüber, ob das als Arzneimittel bewährte Ginkgo biloba auch einem Lebensmittel zugesetzt, und entsprechend beworben werden darf, hat der Bundesgerichtshof in Deutschland jetzt ein klares Urteil gefällt:

In letzter Instanz wurde dem Produzenten eines ginkgo-haltigen Erfrischungsgetränks mit sofortiger Wirkung der Vertrieb dieses Produkts verboten.

Im Lebensmittelhandel wächst seit längerer Zeit das Angebot an Produkten stetig an, die dem Verbraucher allerlei gesundheitliche Vorteile versprechen. Dank dem Zusatz bekannter arzneilicher Stoffe glaubt der Konsument beim Kauf solcher Lebensmittel nicht nur Genuss, sondern darüber hinaus auch Gesundheit zu erwerben.

Was zunächst einleuchtend tönt, birgt jedoch häufig ernst zu nehmende Risiken in sich. Hauptsächlich, weil so die Grenze zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln bedenklich verschwimmt. „Wir sehen die Verwendung arzneilich wirksamer Bestandteile in Lebensmitteln kritisch. Eine derartige Unschärfe zwischen Arznei- und Lebensmitteln kann nicht im Sinne des Verbraucherschutzes sein“, stellt Professor Michael Habs, Geschäftsführer der Firma Schwabe in Karlsruhe, dazu fest. Er führt folgende Gründe an für seine Bedenken:

- Arzneimittel müsen sehr strenge gesetzliche Anforderungen an Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erfüllen, Lebensmittel nicht.

- Ein Arzneimittel muss in einer bestimmten, wissenschaftlich belegten Dosierung regelmäßig eingenommen werden, damit es eine Wirkung entfaltet. Bei Lebensmitteln kann eine vergleichbar hohe Dosierung Probleme verursachen.

- Zur Herstellung von modernen pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) braucht es hoch entwickelter Technologie, denn beispielsweise in Ginkgo biloba sind neben den heilsamen auch potentiell schädliche Substanzen enthalten. Die müssen fachgerecht eliminiert werden.

Quelle:

Komitee Forschung Naturmedizin e. V. (KFN), www.phytotherapie-komitee.de

Kommentar & Ergänzung:

Die Pressemitteilung des KFN spricht tatsächlich eine problematische Entwicklung an.

Hersteller von Lebensmitteln versuchen zunehmend, ihre Produkte mit Heilungsversprechungen verknüpft zu vermarkten. Dabei spielen neben Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen oft auch Heilpflanzen eine zentrale Rolle. Ein bisschen Ginkgo ins Getränk und schwups – schon glauben viele Leute, sie täten damit ihrem Gehirn etwas Gutes. Ein bisschen Rotes Weinlaub für die Venen?

Ein bisschen Preiselbeere gegen Blasenentzündung kann auch nicht schaden… Grüntee-Extrakt ist sowieso immer gesund, sogar im Haarshampoo oder in der Fusscrème. Oder gar Aloe vera für alles, gegen alles und in allem, auch in den Strumpfhosen und im Waschpulver……

Das ist oft wirklich blanke Konsumenten-Verarschung – wobei allerdings fast noch schlimmer ist, wie leicht sich viele Konsumentinnen und Konsumenten ohne einen Funken kritischen Nachdenkens verarschen lassen, wenn es um Gesundheit geht. Besonders leichtgläubig sind nach meiner Erfahrung oft esoterisch angehauchte Personen mit starker Affinität zu den Bereichen Komplementärmedizin / Alternativmedizin. Die lassen sich häufig auch den eklatantesten Unsinn andrehen. Je absurder desto mehr steht ihnen vor Staunen der Mund offen, während das Gehirn offenbar im „sleep-modus“ verharrt.

Aber sorry – ich will ja nicht „gifteln“ und bin etwas abgeschweift….

Es macht mir aber wirklich Sorgen, wohin das eigentlich führt, wenn diese „sanfte Verblödung“ (Hans A. Pestalozzi) weiter um sich greift – auch politisch.

Zurück zur Pressemeldung:

Wenn darin Professor Michael Habs als Geschäftsführer der Firma Schwabe in Karlsruhe zu Wort kommt, dann ist klar: Die Firma Wilmar Schwabe hat ein grosses Interesse daran, dass Ginkgo seinen Heilmittelstatus behält und nicht zum Lebensmittelzusatz verkommt. Schliesslich ist Schwabe der führende Hersteller von Phytotherapeutika auf der Basis von Ginkgo-Extrakt (Tebonin, Tebofortin, Tebokan).

Dieser Interessens-Hintergrund kommt in der Pressemitteilung nicht zur Sprache.

Die Argumentation von Habs kann ich aber voll und ganz nachvollziehen. Vor der Anwendung einer Arznei steht idealerweise eine Diagnose. Das gilt selbst bei banalen Alltagsbeschwerden, bei denen dann eine Diagnose wie „Schnupfen“ oft von der betroffenen Person selber gestellt wird. Und es gilt auch für die Anwendung von Heilpflanzen. Habs betont auch sehr zu Recht, dass beim Einsatz von Arzneimitteln eine konstante Dosierung über eine gewisse Zeit nötig ist.

Diese Bedingungen sind in keiner Weise erfüllt, wenn Heilpflanzen willkürlich irgendwelchen Lebensmitteln beigemischt werden.

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt, den Habs nicht erwähnt hat:

Die Hersteller von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) wie Schwabe wenden viel Geld auf, um die Wirksamkeit und Sicherheit ihrer Heilpflanzen-Extrakte auch wissenschaftlich abzusichern. Wenn Schwabe die Wirksamkeit seines Ginkgo-Extraktes wissenschftlich belegt, dann sind diese Erkenntnisse nicht auf andere Zubereitungen aus Ginkgo (wie Ginkgo-Tee, Ginkgo-Tinktur oder anders hergestellte Ginkgo-Extrakte) übertragbar. Trotzdem profitieren dann auch Lebensmittelfirmen mit Produkten, die durch Ginkgo „aufgemotzt“ werden vom Ruf, den die Heilpflanze durch die Forschungen der Phytopharmaka-Hersteller erworben hat.

So profitieren Lebensmittel-Hersteller mit Ginkgo-Zusätzen von den Forschungen der Phytopharmaka-Hersteller ohne dass sie Eigenleistungen erbringen und sind damit klassische Trittbrettfahrer.

Wer sinnvoll findet, dass die Wirkung von Heilpflanzen wissenschaftlich erforscht und belegt wird, der sollte daher auch die Präparate von Herstellern vorziehen, die solche Forschung durchführen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Schlafstörungen ohne Hangover mit Heilpflanzen-Präparaten behandeln

Donnerstag, Mai 27th, 2010

Gute Schlafmittel machen wach, denn Schlafstörungen belasten Betroffene in zweierlei Hinsicht: Nicht einschlafen können oder stundenlanges Wachliegen quält in der Nacht, und am folgenden Tag fühlt man sich unausgeschlafen, müde und unkonzentriert. Das ideale Schlafmittel sollte sowohl Einschlafen als auch Durchschlafen unterstützen, und am folgenden Tag sollte man sich frisch, ausgeruht und leistungsfähig fühlen.

Benzodiazepine, die zu den am häufigsten verwendeten Schlafmitteln zählen, erfüllen nur den ersten Teil dieser Anforderungen. „Hangover“, also unangenehme Nachwirkungen am Tag, sind ihr typisches Problem.

Obwohl Benzodiazepine die Schlafzeit verlängern, berichten Anwender zwei- bis viermal mehr über Tagesmüdigkeit und Benommenheit. Dies ist nicht nur subjektiv belastend, sondern birgt auch Gefahren. Umfangreiche Fall-Kontroll- und Kohortenstudien fanden bei Unfallfahrern 60 Prozent häufiger die Anwendung von Benzodiazepinen, als bei unfallfreien Fahrern. Auch bei Fahrsicherheitsuntersuchungen im realen Straßenverkehr wurden signifikante Beeinträchtigungen festgestellt, so dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis sedierender Schlafmittel in Frage gestellt wurde, vor allem bei älteren Menschen.

Bieten Heilpflanzen-Präparate hier Vorteile?

Seit Jahrtausenden wird in unterschiedlichen Kulturen das Wissen über Schlafmittel aus der Pflanzenheilkunde weitergegeben. Präparate aus fünf Heilpflanzen wurden inzwischen vom Herbal Medicinal Products Committee (HMPC), der europäischen Zulassungsbehörde, als traditionelle pflanzliche Schlafmittel offiziell anerkannt:

Die ausgleichenden und schlaffördernden Wirkungen von Zubereitungen aus Melissenblättern (Melissa officinalis L.) wurden bereits im 1. Jahrhundert von Plinius schriftlich erwähnt. In der traditionellen chinesischen Medizin sind seit alters her die schlaffördernden Wirkungen von Hopfenzapfen (Humulus lupulus L.) bekannt, ab dem 9. Jahrhundert wurde Hopfen in Europa vermehrt angebaut und dieses Wissen fand Eingang in die europäische Kultur. Die Azteken sowie die Indianer Nordamerikas verwendeten traditionell die Passionsblume (Passiflora incarnata L.), welche im  16. Jahrhundert durch die spanischen Eroberer für die westliche Kultur entdeckt wurden; seit dem 18. Jahrhundert wird die Passionsblume als Schlafmittel in der nordamerikanischen Literatur aufgeführt.

Baldrian (Valeriana officinalis L.) oder eine ähnliche Heilpflanze wurden bereits in der Antike medizinisch eingesetzt, die entspannenden und schlaffördernden Eigenschaften wurden aber erst um die Jahrhundertwende erkannt und in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 1916 von Holste beschrieben.

Haferkraut oder Grünhafer (Avena sativa L.) wurde ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schlafmittel bekannt.

Diese traditionellen Pflanzen wurden als Einzelsubstanz, oft jedoch auch in Kombination angewendet.

Für solche Kombinationen konnten jüngste wissenschaftliche Studien eine biochemische Begründungen liefern. Zahlreiche Substanzen mit beruhigender und schlafanstoßender Wirkung, z. B. Alkohol, Benzodiazepine oder Barbiturate, beeinflussen den Stoffwechsel und die Wirkweise des Nervenbotenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (GABA), welcher das beruhigende Prinzip im Gehirn darstellt. Valerensäure und Valerenol aus Baldrian sowie Extrakte aus der Passionsblume modulieren den GABAA Rezeptor, wodurch GABA über diesen Rezeptor eine stärkere Wirkung entwickelt.  Alkoholischer Baldrianextrakt unterstützt die Synthese von GABA, indem er die Aktivität der Glutaminsäuredecarboxylase erhöht.

Wässriger und alkoholischer Extrakt aus Melisse vermindert den Abbau von GABA über die GABA-Transaminase.

Diese Befunde liefern die biochemische Begründung für eine Kombination speziell aus Baldrian und Melisse, für die in placebokontrollierten Studien sowohl bei schlafgestörten Patienten als auch bei Gesunden eine Besserung der Schlafqualität und des Tagesbefindens belegt werden konnte.

Leistungsfähigkeit und Verkehrssicherheit bei Baldrian & Co

Weil Baldrian, Melisse und Passionsblume auf dieselben Stoffwechselwege im Gehirn einwirken, über die auch Benzodiazepine wirksam sind, war es nötig, einen möglichen Einfluss solcher Pflanzenpräparate auf die psychomotorische Leistungsfähigkeit zu untersuchen.

Es liegen die Resultate aus acht placebokontrollierten Studien vor, in denen Extrakte aus Baldrian alleine oder in Kombination mit Hopfen und/oder Melisse placebokontrolliert untersucht und mit Benzodiazepinen und dem Betablocker Propranolol verglichen wurden. Dabei wurden Baldrianextrakte bis zu einer Dosierung von 1800 mg als Einzeldosis, sowie bis zu 640 mg Tagesdosis als Dauertherapie untersucht, Hopfenextrakt bis zu 300 mg als Einzeldosis und Melissenextrakt bis zu 510 mg pro Tag als Dauertherapie.

In keiner der Studien fand sich durch die Heilpflanzen-Präparate eine Einschränkung von Wahrnehmung, Einscheidungsfähigkeit, Konzentration, kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit oder Vigilanz am Tag.

Sedierung, Tagesmüdigkeit oder Benommenheit wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studien nicht stärker empfunden als unter Placebo. Auch bei einer gleichzeitigen Alkoholzufuhr (0,5 Promille Blutalkoholkonzentration) führte die über zwei bis drei Wochen durchgeführte Einnahme von Baldrian kombiniert mit Melisse oder als Dreierkombination (zusätzlich mit Hopfen) nicht zu einer über die Wirkung des Alkohols hinaus gehenden Einschränkung. Im Gegensatz dazu konnte in diesen Studien der sedierende Hangover durch Benzodiazepine regelmäßig bestätigt werden.

Acht placebokontrollierte Doppelblindstudien zeigten mit unterschiedlichen Methoden, Extrakten, Dosierungen und Behandlungszeiten den stabilen, konsistent wiederholbaren Befund, dass hochwirksame pflanzliche Schlafmittel aus Baldrianextrakt alleine oder in Kombination mit Extrakten aus Melisse und / oder Hopfen keine kognitiven oder psychomotorischen Einschränkungen am Tag nach sich ziehen.

Schlafstörungen lassen sich mit pflanzlichen Schlafmitteln ohne Hangover therapieren. Diese Aussage gilt selbstverständlich nur für die pflanzlichen Arzneimittel (Phytopharmaka) mit in placebokontrollierten Studien nachgewiesener Wirksamkeit.

Quelle:

http://www.phytotherapie-komitee.de/News/pk_21_04_10/Burkart-Statement.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Das ist tatsächlich einer der wichtigen Vorteile von Heilpflanzen-Präparaten zur Schlafförderung, dass bei Hangover befürchtet werden muss. Und für Extrakte aus Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Melisse ist die schlafanstossende Wirkung am besten dokumentiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die beschriebenen Wirkungen  auf das GABA-System keine Soforteffekte sind, sondern eine gewisse Anlaufszeit brauchen – wie das von Baldrian bekannt ist.

Eine weitere wichtige Schlafpflanze ist der Lavendel, wobei hier in der Regel das ätherische Lavendelöl zur Anwendung kommt.

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Heilpflanzen bei Venenbeschwerden

Mittwoch, Mai 26th, 2010

Über Heilpflanzen zur Behandlung von Venenbeschwerden schreibt Reinhard Länger in der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (PHYTO Therapie Austria  2|10).

Hier zusammenfassend die wichtigsten Aussagen zu den zentalen Heilpflanzen im Venenbereich:

„ Üblich hingegen ist der Einsatz von Ödemprotektiva, in dieser Gruppe von Arzneimitteln spielen pflanzliche Zubereitungen die dominierende Rolle. Als Wirkstoffe fungieren Saponine (Rosskastanie, Mäusedornwurzelstock) und Flavonoide (Rotes Weinlaub, Buchweizenkraut), manche Flavonoide werden auch als Reinsubstanzen, Substanzgemische oder in chemisch abgewandelter Form eingesetzt. Der Wirkmechanismus ist für alle genannten Substanzen noch nicht vollständig geklärt, die Hemmung bestimmter Enzyme, die die Gefäßpermeabilität erhöhen können, dürfte aber im Vordergrund stehen.“

Damit sind die wichtigsten Heilpflanzen und Wirkstoffgruppen zusammengefasst.

Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)

Im nächsten Abschnitt geht der Text detaillierter auf Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) ein:

„Die Samen enthalten 3 bis 10 Prozent Triterpensaponine, das Saponingemisch wird als Aescin (oder Escin) bezeichnet. Aescin in Arzneimitteln ist keine Reinsubstanz, sondern ein Gemisch strukturell sehr ähnlicher Substanzen. Deshalb ist Aescin als pflanzliche Zubereitung anzusehen, Arzneimittel mit Aescin als Wirkstoff werden als Phytopharmaka definiert.“

Das Saponingemisch Aescin gilt eindeutig als zentral für die Wirkung der Rosskastaniensamen zur Linderung der Beschwerden von Venenerkrankungen.

Wäre Aescin ein bestimmtes, genau definiertes Molekül, gälte es nicht als Phytopharmaka, weil die Phytotherapie „Teams“ von Wirkstoffen einsetzt und nicht Einzelsubstanzen. Allerdings ist Aescin ein Grenzfall, weil die verschiedenen Bestandteile dieses Gemisches sich sehr ähnlich sind.

Zur Wirksamkeit und zum Anwendungsbereich von Rosskastaniensamen-Extrakt schreibt Länger:

„Die orale Anwendung von Extrakten aus Rosskastaniensamen, die mit Ethanol-Wasser-Mischungen (Ethanol 40-80 % v/v) hergestellt werden und 16-28 % Aescin enthalten, wurde im Zuge der Erstellung einer EU-Gemeinschaftsmonographie durch das Herbal Committee (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) als klinisch belegt bewertet. Einsatzgebiet ist die chronisch venöse Insuffizienz der Stadien I und II….Ein systematischer Review (Meta-Analyse) von 17 klinischen Studien kommt zum Schluss, dass standardisierter Rosskastaniensamenextrakt verglichen mit Placebo signifikant die Symptome von CVI wie Ödeme, Schmerz, Juckreiz reduziert.“

Bei Venenschwäche Stadien I und II gilt Rosskastanienextrakt als gut dokumentiertes und belegtes Heilpflanzen-Präparat. Es braucht aber eine ausreichende Tagesdosis an Aescin und eine genügend lange Anwendungsdauer:

„Die Bioverfügbarkeit von Aescin liegt bei nur ca. 5 Prozent. Eine Tagesdosis von 100 mg Aescin sollte eingehalten werden, therapeutische Effekte werden unter Umständen erst nach 4 Wochen Behandlung erkennbar.“

Kritisch sieht Reinhard Länger offensichtlich die Anwendung von Rosskastanien-Präparaten via Haut (Venengel oder Venensalbe auf Basis von Aescin, Rosskastanienbad):

„Kontrovers wird hingegen die klinische Datenlage zur kutanen Anwendung derartiger Extrakte interpretiert. Die Resorption der großen, hydrophilen Saponinmoleküle durch die intakte Haut ist sicher gering, weshalb sich nach wie vor die Frage stellt, ob relevante Konzentrationen im Bereich der Venen erreicht werden können. Deshalb bleibt die kutane Anwendung traditionell pflanzlichen Arzneimitteln vorbehalten, die Indikation ist ‚leichte Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen im Zusammenhang mit leichten venösen Durchblutungsstörungen’.“

Das bestätigt mir meine Skepsis an diesem Punkt. Sehr viele Venenkranke schätzen zwar Venengels oder Venensalben. Die Vorstellung, dass die grossen, wasserliebenden (hydrophilen) Aescinmoleküle in relevanten Mengen durch die Haut aufgenommen werden und in den Venen wirksam werden, habe ich schon seit langem in Frage gestellt. Gut durch die Haut gehen in der Regel kleine, lipophile Moleküle (zum Beispiel ätherische Öle). Vielleicht ist es bei der Anwendung von Venensalben mehr der Massageeffekt, welcher Linderung bringt.

Wichtig ist auch der Hinweis, dass Rosskastanien-Extrakte nicht andere Massnahmen wie Bewegung oder Kompressionsstrümpfe ersetzen soll:

„Für die Praxis ist wesentlich, dem Patienten klar zu vermitteln, dass Zubereitungen aus Rosskastaniensamen als zusätzliche Maßnahme zu Stützstrümpfen und Bewegungstherapie zu sehen sind und diese physikalischen Behandlungen nicht abgebrochen werden sollten.“

Rotes Weinlaub (Vitis vinifera)

Noch nicht so lange wie die Rosskastanie ist das Rote Weinlaub als Heilpflanze bei Venenbeschwerden Gegenstand der Phytotherapie-Forschung. Es handelt sich dabei um Arzneimittel mit Extrakten aus den nach der Traubenlese geernteten Laubblättern von rotblättrigen Varietäten der Weinrebe:

„Auch zu diesen Extrakten ist eine Monographie des HMPC in Ausarbeitung. Im publizierten Entwurf wurden Trockenextrakte (Extraktionsmittel Wasser) mit einem definierten Gehalt an Flavonoiden von 3 bis 7 Prozent unter dem Begriff „well-established use“ eingestuft. Dies bedeutet, dass die klinische Wirksamkeit im vorgeschlagenen Indikationsgebiet CVI (Stadien I und II) bei oraler Anwendung durch mindestens eine qualitativ hochwertige kontrollierte klinische Studie belegt ist. Diese Daten fehlen hingegen für den Tee aus Weinlaub, Pflanzenpulver in Kapseln und auch für die äußerliche Anwendung von Extrakten. Diese können in traditionell pflanzlichen Arzneimitteln registriert werden.“

Auch hier bleibt also festzuhalten: Für den Tee aus Rotem Weinlaub und für äusserliche Anwendungen als Salbe / Gel gibt es keine Belege für Wirksamkeit.

Buchweizenkraut (Fagopyrum esculentum)

Buchweizenkraut hat sich in den letzten Jahren zu einem interessanten Venenmittel entwickelt:

„Für die Behandlung von CVI kommen aber nur ausgewählte Sorten in Frage, deren Gehalt an Flavonoiden höher ist und bei denen das Flavonoid Rutin bis zu 90 Prozent des Flavonoidgehalts ausmacht. Signale für eine Wirksamkeit eines Aufgusses aus Buchweizenkraut (Dosierung 3 x täglich 1 Tasse) konnten aus einer klinischen Studie aus dem Jahr 1996 abgeleitet werden. Eine aktuelle Bewertung nach den Kriterien des HMPC ist derzeit nicht vorgesehen.“

Buchweizen hat als gesundes Lebensmittel eine lange Tradition, wobei Buchweizensamen verwendet werden. Als Venenmittel dagegen wird das Buchweizenkraut eingesetzt.

Weitere Venenmittel

Es gibt noch eine ganze Reihe von Heilpflanzen zur Linderung von Venenerkrankungen,  die weniger gebräuchlich sind:

„Obwohl relativ gut untersucht gibt es in Österreich kein zugelassenes Arzneimittel mit einer Zubereitung aus Mäusedornwurzelstock (Ruscus aculeatus). Auch Steinkleekraut, das traditionell eine Komponente von Venentees ist, ist derzeit in keiner Arzneispezialität enthalten. Diosmin, ein Flavonoid, das in der Natur im japanischen Schnurbaum (Sophora japonica), einem bei uns beliebten Parkbaum, vorkommt, ist ein Wirkstoff in Venenmitteln, allerdings wird diese Reinsubstanz partialsynthetisch hergestellt und nicht aus einem Extrakt isoliert. Um die Löslichkeit und damit die Bioverfügbarkeit von Flavonoiden zu verbessern, wurden auch verschiedenste Derivate synthetisiert. In medizinischer Verwendung ist ein Gemisch von Ethern des Flavonoids Rutin mit dem Namen Oxerutin.“

Kommentar & Ergänzung:

Das ist wirklich eine ausgezeichnete Zusammenfassung der aktuellen Phytotherapie bei Venenbeschwerden. Betont werden muss aber noch, dass es nicht nur darauf ankommt, die richtigen Heilpflanzen anzuwenden. Genauso wichtig ist es, die jeweils geeignetste Form zu wählen, weil es grosse Qualitätsunterschiede gibt bei den Heilpflanzen-Präparaten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

www.phytotherapie-seminare.ch

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Was sind Schüssler-Salze?

Dienstag, Mai 18th, 2010

Schüssler-Salze erleben im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde gerade einen ziemlichen Boom. Gleichzeitig wissen aber die wenigsten Anwenderinnen und Anwender genauer über diese Präparate Bescheid.
Es folgt darum hier eine Zusamenfassung aus Wikipedia und daran anschliessend ein ergänzender Kommentar:

Schüßler-Salze sind Präparate von Mineralsalzen in homöopathischer Dosierung (Potenzierung), die zur Alternativmedizin gezählt werden Die Behandlung mit ihnen basiert auf der Annahme, Krankheiten entstünden allgemein durch Störungen des Mineralhaushalts der Körperzellen und könnten durch homöopathische Gaben von Mineralien geheilt werden. Diese Annahmen und Vorstellungen sind wissenschaftlich nicht anerkannt. Eine Wirksamkeit der Schüßler-Salze ist weder experimentell noch klinisch nachgewiesen.

Der homöopathische Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) publizierte in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung 1873 den Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“, in dem er eine Therapieform namens „Biochemische Heilweise“ vorstellte. Seine Abkürzung bestand darin, dass er statt der etwa tausend Mittel in der Homöopathie nur zwölf Salze, „Schüßler-Salze“ genannt, zur Behandlung fast aller Krankheiten für ausreichend hielt. Schüßler ging davon aus, dass Krankheiten auf der Basis gestörter biochemischer Vorgänge entstehen. Er ging davon aus, dass Krankheiten zu einem großen Teil auf der Grundlage eines „gestörten Mineralhaushaltes“ entstehen, wobei das Fehlen eines bestimmten Minerals den gesamten Stoffwechsel beeinträchtige. Schüßler betonte, sein Verfahren sei „kein homöopathisches“, weil es nicht auf dem von Samuel Hahnemann propagierten Simile-Prinzip (“Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden”) beruhe, sondern auf physiologisch-chemische Vorgänge im menschlichen Organismus zurückzuführen sei. Aus diesem Grund lehnte Schüssler auch die in der Homöopathie üblichen Arzneimittelprüfungen an gesunden Probanden als „grundfalsch“ ab.

Der Vizepräsident des Biochemischen Bund Deutschlands e. V., Hans-Heinrich Jörgensen, vertritt allerdings die Auffassung, dass sich Schüßler-Salze nicht nur zum Ausgleich von Mangelerscheinungen, sondern auch gemäß dem homöopathischen Ähnlichkeitsprinzip anwenden lassen: „Beides ist möglich und funktioniert auch, denn schließlich sind die Salze ja nach den Regeln der Homöopathie aufbereitet. Aber die Indikationsansprüche, die Zielrichtung, die Erscheinungen, die behandelt werden sollen, sind andere, ob ich mit meiner Arznei schlicht Mineralmängel beseitigen will, oder ob ich entsprechend dem homöopathischen Arzneibild Konstitutionen verändern will.“

Bei den biochemischen Präparaten nach Schüßler handelt es sich um homöopathische Arzneimittel im Sinne des deutschen Arzneimittelgesetzes (AMG), die nach einem vereinfachten Genehmigungsverfahren („Registrierung“) in den Verkehr gebracht werden. Im Gegensatz zur „Zulassung“ von Arzneimitteln (Synthetika, Phytopharmaka) brauchen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei der “Registrierung” homöopathischer Arzneimittel nicht nachgewiesen zu werden; im Gegenzug dürfen allerdings auch keine Anwendungsgebiete (Indikationen) aufgeführt werden. Die im Zusammenhang mit der Verabreichung von Schüssler-Salzen manchmal durchgeführte so genannte Antlitzdiagnostik bzw. Antlitzanalyse ist nach wissenschaftlichen Kriterien nicht haltbar.

Schüssler-Salze werden nach homöopathischer Verfahrensweise durch Schütteln, Reiben oder Zerkleinern verdünnt und haben entsprechende Verdünnungsbezeichnungen: D1 bedeutet, dass es sich um eine Verdünnung von 1:10 handelt, Dx allgemein eine Verdünnung von 1:10x. Die Salze sind in der Regel D6 = 1:1.000.000 oder D12 = 1:1.000.000.000.000 verdünnt.

Die „Biochemie nach Schüßler“ ist vor allem durch Heilpraktiker als Behandlungsform erhalten geblieben. Sie wird in Fachschulen gelehrt und viele Heilpraktiker arbeiten täglich in der Praxis mit Schüssler-Salzen. Vor der gesetzlichen Festschreibung der Berufsbezeichnung Heilpraktiker (1939) in Deutschland wurde Schüßlers Lehre wesentlich durch Laienbewegungen verbreitet. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schüssler-Methode leistete Kurt Hickethier, welcher zwei Kurhäuser zur Behandlung seiner Patienten errichtete. Der erste „biochemische Verein“ wurde im Jahre 1885 in Oldenburg gegründet. Heute (2004) existieren in Deutschland etwa 70 „biochemische Vereine“ und weitere im Ausland. Die Schüßler-Salze werden von interessierten Menschen bei verschiedensten Krankheitsbildern eingesetzt.

Wirksamkeit der Schüssler-Salze

Schüßler-Salze haben keinerlei wissenschaftlich belegte Wirkung. Die Stiftung Warentest kommt zu dem Schluss: „Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Der Professor für Alternativmedizin Edzard Ernst stellt fest: “Die Behandlungskostenübernahme durch einige deutsche Krankenkassen ändert nichts daran, dass diese ‚Therapie’ als eine nicht wirksam bewertete Behandlung einzustufen ist”.

Die „Biochemie“ nach Schüßler

Wilhelm Heinrich Schüßler distanzierte sich mit seiner Therapiemethode strikt von der Homöopathie. Es gab zu Schüssler’s Lebzeiten viele Auseinandersetzungen mit Homöopathen, die seine Behandlungsmethode schon allein wegen ihrer Einfachheit nicht akzeptierten und verächtlich von Düngemitteln sprachen. In seinem Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“ schreibt Schüßler selbst: „Die Grundlage meiner Forschung waren Histologie, die darauf bezügliche Chemie, die anorganischen Bestandteile der Gewebe und die physiologischen Wirkungen oder Funktionen dieser Bestandteile.“

Bei seinen Untersuchungen fand er nach eigenen Angaben zwölf verschiedene Verbindungen, die im menschlichen Organismus vorkämen, die sogenannten Schüßler-Salze. Nach Schüßlers Ansicht bewirkt ein pathogener Reiz die Verstärkung der Funktion einer Zelle, weil die Zelle bemüht ist, den Reiz abzustoßen. Wegen dieser Tätigkeit verliere sie einen Teil ihrer mineralischen Funktionsmittel. Schüssler glaubte, diese Zellen seien dann pathogen verändert, was das Wesen einer Krankheit sei.

Durch die Zufuhr dieser nun fehlenden Mineralstoffe könnten die Krankheiten bekämpft werden. Dazu sei die Potenzierung der Salze nötig, um Mängel innerhalb einer Zelle aufzufüllen. Nach Schüssler’s Ansicht gelangen die hoch verdünnten „feinstofflichen“ Mineralstoffe, also die einzelnen Moleküle, direkt in das Zellinnere. Die Mängel außerhalb der Zellen seien durch eine nährstoff- und basenreiche Ernährung aufzufüllen, weil ein gewisses Gleichgewicht zwischen Zellinnerem und Extrazellularraum nötig sei.
Merkmale im Gesicht ließen Schüssler die verschiedenen fehlenden Mineralstoffe feststellen und so eine entsprechende Dosierung der Salze vornehmen.

Kurt Hickethier erweiterte die von Schüßler eingeführte „Antlitzanalyse“ und nannte sie zu seiner Zeit “Sonnerschau”. So ist nach Hickethier zum Beispiel ein Mangel am Schüssler-Salz Nr. 3 (Ferrum phosphoricum) unter anderem an den inneren Augenwinkeln durch eine dunklere, blauschwarze bis schwarze Färbung zu erkennen. Durch die darauf folgende Einnahme des entsprechenden Mineralstoffs konnte Hickethier nach eigenen Angaben einen Rückgang der antlitzanalytischen Zeichen im Gesicht feststellen.
Praktische Anwendung der Schüssler-Salze
Schüßler-Salze sollen als „homöopathisch aufbereitete“, das heisst potenzierte Mittel in Tablettenform angewendet werden, die man dann im Mund langsam zergehen lässt. Die Mineralstoffe sollen dann über die Mundschleimhaut vom Organismus aufgenommen werden. Für jedes Schüssler-Salz gibt es eine sogenannte Regelpotenz. Für die Schüssler-Salze Nr. 1, 3 und 11 wird in der Regel D12 genommen. Für die übrigen Schüssler-Salze gilt D6 als Regelpotenz.

Zur Anzahl der Tabletten pro Tag existieren verschiedene Ansätze. Ein Teil der Heilpraktiker empfiehlt eine Dosierung von etwa drei bis sechs Stück täglich von nur zwei bis drei verschiedenen Schüßler-Salzen, der andere Teil wiederum empfiehlt auch mehr verschiedene Salze und höhere Dosen bis insgesamt etwa 150 Pastillen pro Tag. Wahrscheinlich sind die Dosierungen darum so unterschiedlich, weil manche Anwender die Aussagen von Schüßler und Hickethier unterschiedlich interpretieren. Manche Heilpraktiker sehen die Heilweise auch als Reizheilweise, während Schüßler selbst sie in seiner „abgekürzten Therapie“ als Substitutionsheilweise bezeichnet.

Durch den Wandel der Zeit und einen möglichen erhöhten Bedarf an Mineralstoffen, durch Stress und falsche Ernährung sind nach der Ansicht einiger heutiger Heilpraktiker größere Gaben von Mineralstoffen nötig.
Die Vorstellung, dass die Verwendung großer Mengen Schüßler-Salze einen Mineralstoffmangel besser beheben könne als die Verabreichung nur weniger Tabletten pro Tag, steht allerdings im Widerspruch zu der Tatsache, dass bei der Potenz D6 selbst 1000 Tabletten immer noch weniger als ein Milligramm des zugrundeliegenden Minerals enthalten.
Kurt Hickethier schreibt, dass er um etwa 1910 bei seinen Patienten meist nur zwei bis drei verschiedene nennenswerte Salzmängel in einem Antlitz feststellen konnte. Manche Mangelanzeichen traten laut seinen Angaben sehr selten auf, weil sie einen überaus starken, langjährigen Mangel eines Mineralstoffes voraussetzen. Heute seien diese von ihm beschriebenen, damals seltenen Anzeichen aber häufig anzutreffen. Auch die Anzahl und Ausprägung der Mängel, welche in einem Gesicht zu erkennen seien, sei viel größer geworden. Hickethier selbst rät: „In schweren Fällen und bei großen Mängeln erscheint es gerechtfertigt, kurze Zeit hindurch alle Minuten eine Gabe der üblichen Verdünnung (laut Schüßler) zu geben.“ Schüßler war in seiner abgekürzten Therapie offen für unterschiedliche Dosierungen seiner Salze und schrieb, dass jeder Arzt nach eigenem Ermessen die Dosis wählen solle.

Einnahmearten der Schüssler-Salze

Die Schüßler-Pastillen werden einzeln, können jedoch auch bis zu etwa fünf Stück gleichzeitig im Mund gelutscht werden. Die Schüssler-Salze sollen dabei über die Mundschleimhaut aufgenommen werden. Weil die Pastillen fast nur aus Milchzucker (Laktose) bestehen, ist bei einer Laktoseintoleranz Vorsicht angezeigt. Die Pastillen können in Leitungswasser aufgelöst werden, wobei nicht umgerührt werden soll, damit der Milchzucker am Boden der Tasse nicht verworfen wird. Diese Lösung wird dann schluckweise getrunken. Hierbei wird nur eine verhältnismäsig geringe Menge von Milchzucker eingenommen. Auch gibt es inzwischen in Alkohol aufgelöste Schüßler-Salze, welche laktosefrei sind.

Sehr bekannt ist die Einnahme des Schüssler-Salzes Nr. 7, Magnesium phosphoricum, als „heiße Sieben“. Bei akuten Schmerzzuständen sollen 10 Tabletten in einer Tasse in kochend heißem Wasser aufgelöst werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Lösung nicht mit einem Metallgegenstand umgerührt wird. Die Milchzuckerlösung wird so warm wie möglich getrunken, wobei jeder Schluck lange im Mund behalten werden soll, um die Aufnahme durch die Mundschleimhäute zu verbessern. Auch die Einnahme der anderen Schüßler-Salze kann sowohl als heiße Lösung wie auch durch Auflösen in einem Glas abgekochtem Wasser geschehen. Eine Anwendung soll auch in Salbenform möglich sein (etwa Ferrum phosphoricum „biochemisch“ für Entzündungen).

Die 12 „Funktionsmittel“ der Schüssler-Salze

    Calcium fluoratum D12
    Calcium phosphoricum D6
    Ferrum phosphoricum D12
    Kalium chloratum D6
    Kalium phosphoricum D6
    Kalium sulfuricum D6
    Magnesium phosphoricum D6
    Natrium chloratum D6 (Kochsalz)
    Natrium phosphoricum D6
    Natrium sulfuricum D6
    Silicea D12 (Kieselsäure)
    (Calcium sulfuricum D6)

Diese 12 ursprünglichen Schüßler-Salze reduzierte Schüßler im Jahr 1895 auf elf; er schrieb: „Da der schwefelsaure Kalk nicht in die konstante Zusammensetzung des Organismus eingeht, so muss er von der biochemischen Bildfläche verschwinden. Statt seiner kommt Natrium phosphoricum resp. Silicea in Betracht.“
Später wurden von verschiedenen Autoren zusätzliche Mineralstoffe eingeführt, welche heute unter der Bezeichnung „Ergänzungsmittel“ zusammengefasst werden.

Die 15 „Ergänzungsmittel“ der Schüssler-Salze

    Kalium arsenicosum D6
    Kalium bromatum D6
    Kalium jodatum D6
    Lithium chloratum D6
    Manganum sulfuricum D6
    Calcium sulfuratum D6
    Cuprum arsenicosum D6
    Kalium-Aluminium sulfuricum D6
    Zincum chloratum D6
    Calcium carbonicum D6
    Natrium bicarbonicum D6
    Arsenum jodatum D6
    Aurum Chloratum Natronatum D6
    Selenium D6 (Selen)
    Kalium bichromicum D12

Ergänzende biochemische Mittel nach Joachim Broy

    Natrium fluoratum D6
    Magnesium fluoratum D6
    Calcium chloratum D6
    Ferrum chloratum D6
    Ferrum sulfuricum D3
    Magnesium chloratum D6
    Magnesium sulfuricum D6

Geschichte der „Biochemie nach Schüßler“

Schüßler, welcher bis zu Beginn der 1870er Jahre der „klassischen“ Homöopathie mehr oder weniger treu geblieben war, wurde nach der Erstveröffentlichung seiner „neuen“ Therapie in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung (1873) heftig von Homöopathen kritisiert, welche Verrat an der gemeinsamen Sache witterten. Ein Jahr später publizierte er sein grundlegendes Werk „Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie“, welches auf knapp 16 Seiten die Grundzüge seiner Lehre enthielt. Dabei grenzte er sich deutlich von der Homöopathie ab. Im Vorwort zu späteren Auflagen bekannte er sich zu den Einflüssen, welche der Physiologe Jakob M. Moleschott und der Pathologe Rudolf Virchow auf seine Theorie hatten.

Die heftigen Auseinandersetzungen mit führenden Vertretern der Homöopathie brachten Schüßler 1876 zum Austritt aus dem „Centralverein homöopathischer Ärzte“. Der polemische Schlagabtausch ging allerdings über Jahrzehnte weiter. Die naturwissenschaftliche Medizin nahm dagegen kaum Kenntnis vom neuen „biochemischen“ Verfahren. Im deutschen Kaiserreich wurde es zwar von den meisten Gesundheitsbehörden im Rahmen der gesetzlich verankerten Kurierfreiheit toleriert, jedoch nicht gefördert.

Geschichte der biochemischen Verbände

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten drei konkurrierende Verbände: der „Verband biochemischer Vereine für das Deutsche Reich“, der „Schüssler-Bund“ und der „Jade-Verband“. In den 1920er Jahren zählte die biochemische Bewegung mehr als achthundert ehrenamtliche „Krankenbehandler“. Diese wurden von Ärzten, die in ihnen Kurpfuscher sahen, nicht selten wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar Tötung angezeigt. Die meisten Gerichtsverfahren endeten jedoch mit Freispruch.
Durch die Reichsarbeitsgemeinschaft der Volksverbände wurden die biochemischen Vereine 1922 zwangs-zusammengeschlossen zum „Biochemischen Bund Deutschlands“, der 1928 bereits 184.672 Mitglieder zählte und straff organisiert war. 1929 umfasste die Bundesgeschäftsstelle 22 hauptamtliche Mitarbeiter. In einem eigenen Verlag in Potsdam erschienen die „Zeitschrift für Biochemie. Volkstümliches Fachorgan für Mineralstofflehre“ mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren sowie vielen Informationsschriften.

Zur Zeit des Nationalsozialismus stieg die „Biochemie“ zu einer anerkannten Heilweise auf. Die „Krankenbehandler“, welche bisher am Rande der Legalität praktiziert hatten, bekamen den Status von Heilpraktikern. Außerdem konnten im „Dritten Reich“ erstmals mit staatlicher Billigung und Förderung Untersuchungen durchgeführt werden, in denen die behauptete Wirksamkeit „biochemischer“ Arzneimittel überprüft wurde. Solche Menschen-Versuche fanden auch in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz statt, unter Leitung des Reichsarztes SS Ernst-Robert Grawitz. Dabei wurden unter anderem künstlich herbeigeführte Fälle von Blutvergiftung und Malaria weitgehend erfolglos „therapiert“. Für die Häftlinge nahmen diese grausamen Experimente in den meisten Fällen einen tödlichen Ausgang.

Der „Biochemische Bund“ steuerte nach 1933 mehr und mehr ins nationalsozialistische Fahrwasser. Eine interne Gleichschaltung führte zum Ausschluss unerwünschter, hauptsächlich “nichtarischer” Mitglieder. Ab 1934 findet man in der Mitgliederzeitschrift die Rubrik „Volk und Rasse“ und an der Spitze der Bundesleitung stehen linientreue Parteigenossen. 1935 wurde der „Biochemische Bund“  zwangsweise in die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ eingegliedert. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der „Bund“ aufgelöst, jedoch schon 1946 neu konstituiert. 1949 gab er wieder eine Mitgliederzeitschrift heraus („Gesundes Volk“, später „Weg zur Gesundheit“), konnte jedoch nicht wieder an die frühere Bedeutung anknüpfen. Aus einem verbandseigenen Kurhaus, welches 1936 in Hahnenklee im Harz in Betrieb genommen wurde, ging 1949 ein „Dr. Schüssler-Sanatorium“ hervor. Im Jahr 2004 existierten in Deutschland wieder etwa 70 biochemische Vereine, weitere im Ausland.

Komplex-Biochemie

Die Komplex-Biochemie ist eine seit den 1920er Jahren bestehende Sonderform der Behandlung mit Schüßler-Salzen. Sie wurde entwickelt von dem Berliner Arzt Konrad Grams. Die etwa dreissig Präparate der Komplex-Biochemie werden seither unter dem Namen „JSO Bicomplexe“ produziert und vermarktet, die Zusammensetzung ist nur unwesentlich verändert worden. Konrad Grams entwickelte damit – dem Zeitgeist folgend – aus der Schüßler-Biochemie ein deutlich laienfreundlicheres Selbstbehandlungs-System – die „Komplex-Biochemie“: „Unter Komplex-Biochemie verstehen wir die Vereinigung mehrerer Mineralsalze zu einem Mittel, welches zu den erkrankten Geweben oder dem erkrankten Körperteil in Beziehung steht. Es deckt gewissermaßen alle Krankheitserscheinungen der betreffenden Krankheit.“ Grams selbst hängt in seinen Publikationen auch weiterhin der pseudomaterialistischen Defizit-Hypothese an („Die Komplex-Biochemie ist […] eine Ernährungstherapie.“)

Die Komplex-Biochemie nach Grams umfasst 30 sehr einfache Konzepte, welche die Wahl des Mittels leicht machen (bei Durchfall das „Darmmittel“, bei „Husten“ das „Hustenmittel“ etc.). Auch wenn etliche Heilpraktiker die Behandlung mit komplex-biochemischen Mitteln anbieten, ist das System hauptsächlich zur Selbstmedikation gedacht.
Allerdings ist aufgrund arzneimittelrechtlicher Vorschriften die Angabe einer Indikation nur noch für zugelassene, nicht aber für registrierte homöopathische Arzneimittel erlaubt, so dass Angaben wie “Hustenmittel” auf der Packung der – lediglich registrierten – JSO Bicomplexe nicht mehr zugelassen sind. Die Erteilung einer Zulassung (statt der ebenfalls zulässigen Registrierung) würde aber Wirksamkeitsnachweise für die beanspruchte Indikation voraussetzen, welche die „Schüssler-Salze“ nicht vorweisen können.

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Diese Wikipedia-Informationen rufen nur an wenigen Stellen nach einer Ergänzung oder Präzisierungen. Ich versuche hier, ein paar offene Punkte bzw. Fragen aufzuführen.

– Schüssler-Salze werden von den Arzneimittelbehörden gleich behandelt wie Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin. Sie sind daher wie diese vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit. Dadurch besteht auch keine Notwendigkeit, Wirkungen fundiert zu dokumentieren.
Daher ist es nicht erstaunlich, dass experimentelle oder klinische Belege für eine Wirksamkeit fehlen.

– Ausser Frage steht, dass viele AnwenderInnen von Schüssler-Salzen von positiven Wirkungen berichten. Dabei kann es sich aber auch um Effekte handeln, welche durch die Erwartungshaltung ausgelöst wurden, oder um Verbesserungen aufgrund des natürlichen Verlaufs der Beschwerden (Selbstheilungskräfte). Vor kurzen erklärte mir eine Bekannte, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen könne, ohne Schüssler-Salze Nr. X, Y und Z ihren Alltag zu bewältigen. Ich halte solche Aussagen für ein Symptom psychischer Abhängigkeit und beobachte ähnliche Phänomene im Umfeld der Schüssler-Salze nicht selten.

– Schüssler-Salze im Sinne einer Substitutionsbehandlung als Mineralstofftherapie zu bezeichnen, halte ich für eine Konsumententäuschung. Bei Verdünnungen von D6 (1: 1 000 000) und D12 (1:1 000 000 000 000) sind von ursprünglich vorhandenen Mineral nur noch äusserst minimale Spuren vorhanden.

– Die mit der Anwendung von Schüssler-Salzen oft verknüpfte „Antlitzanalyse“ (Physiognomik) ist hoch fragwürdig und problematisch. Sie eignet sich bestens als Transportmittel für Vorurteile, Projektionen und Unterstellungen.

– Das Konzept von Schüssler, alle Krankheiten auf Mineralstoffmängel zurückzuführen, ist ausgesprochen einseitig und zudem sehr mechanistisch.

– Die Tiroler Apotheken führten am 7. Mai der „1. Schüssler Tag“ durch. Die Ankündigung dafür ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für unseriöse Propaganda.

Beispiel 1:
„ Die Salze, die von dem Arzt Wilhelm Schüßler vor über hundert Jahren erforscht wurden, sollen genau jene Mineralstoffe beinhalten, die Körperzellen brauchen. Kommt es zu einem Mangel einzelner Mineralstoffe im Körper, kann diese „Betriebsstörung“ durch die Einnahme der Schüßler Salze ausgeglichen werden.“ (Quelle: www.tt.com)
Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass Schüssler-Salze einen Mangel an Mineralstoffen ausgleichen können. Wie schon weiter oben erwähnt: Als Substitutionstherapie bei Mineralstoffmangel sind Schüsslersalze unsinnig. Allenfalls dienen sie als indirekte Substitutionstherapie bei Mangelzuständen in Apothekerkassen…..

Beispiel 2:
„’Diese alte Form der Alternativmedizin erfährt zurzeit eine Renaissance’, betonte Apothekerkammer-Präsident Martin Hochstöger am Montag bei einer Pressekonferenz. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich um ein natürliches und risikoloses Behandlungsmodell handelt, bestätigte auch Monika Winkler, Pharmazeutin der Stadtapotheke Innsbruck. Bei der Anwendung könne man nichts falsch machen.“ (Quelle: www.tt.com)
Natürlich und risikolos – das kommt immer gut an. Wirksamkeit ist dagegen für die Apotheker kein Thema. Und eine Heilmethode, bei der man nichts falsch machen kann, entspricht ebenfalls dem Zeitgeist. Dann muss man sich ja auch nicht vertiefter damit auseinandersetzen und kann einfach mal rumprobieren. So erlebe ich jedenfalls nicht wenige Anwenderinnen und Anwender von Schüssler-Salzen. Ein Wochenendkurs, und man hat Gesundheit und Krankheit im Griff – bei sich selber und bei Patientinnen und Patienten. Eine ziemliche Fast-Food-Haltung, was mir da oft entgegen kommt. Und eine masslose (Selbst-) Überschätzung.

Beispiel 3:
„Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr breit gestreut. ‚Jetzt im Frühjahr kämpfen viele Tiroler mit Pollenallergien, grippalen Infekten und Erkältungen. Da sind die homöopathisch zubereiteten Mineralstoffe eine wichtige Stütze für den menschlichen Organismus. Schüßler Salze können jedoch auch schon vorbeugend und in jedem Alter zur Gesundheitsvorsorge angewendet werden’, erklärte Susana Niedan-Feichtinger, Geschäftsführerin der Adler Pharma.“ (Quelle: www.tt.com)

Das ist ja schön für Adler Pharma als Markführerin im Bereich Schüssler-Salz in Österreich. Eigentlich heisst das: Schüssler Salze kann man immer einnehmen – ob gesund oder krank, alt oder jung – Schüssler-Salze braucht’s immer. Die perfekte Medikalisierung des Lebens, was ein unerschöpfliches Marktpotenzial mit sich bringt.
Zu einem professionellen Umgang mit Naturheilmitteln gehört wie auch bei anderen Medikamenten eine Einschränkung des Anwendungsbereiches auf Indikationen, bei denen der Nutzen überzeugend dokumentiert ist.
Leider sieht man bei Apotheken und Drogerien zunehmend, dass die fachlich-professionelle Haltung von kommerziellen Interessen völlig überdeckt wird.

„Mehr Wissen über die Salze von Dr. Schüssler“ verspricht die Ankündigung des „1. Schüssler Tages“ im Titel. Nach dem „Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe“ (Meiner Verlag 1998) ist „Wissen“ die auf „subjektiv und objektiv zureichenden Gründen  beruhende Überzeugung vom tatsächlichen Bestehen von Gegenständen, Vorgängen oder Sachverhalten“. Gründe für die gemachten Versprechungen sind in dieser Ankündigung aber nicht ersichtlich. Statt von „Wissen“ wäre es deshalb m. E.  angebrachter, von Behauptungen zu sprechen.

Mag sein, dass meine Kritik gerade ziemlich hart daherkommt. Ich will eigentlich gar keine „Standpauke“ halten.
Ich finde es aber unakzeptabel, wenn Apotheker ihr fachliches Renommee ins Feld führen, um mit derart fadenscheinigen und irreführenden Aussagen auf Kundenfang zu gehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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