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Was ist Populismus? Und was nicht?

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Populismus, Populist, populistisch – das sind Ausdrücke, die heute fast inflationär und ohne klare Bedeutung eingesetzt werden. Das ist unter anderem deshalb problematisch, weil sie dadurch ihre Unterscheidungskraft verlieren. Im folgenden Beitrag stelle ich insbesondere das Populismus-Konzept des Politologen Jan-Werner Müller zusammenfassend vor. Sein Konzept kann zu mehr Klarheit verhelfen darüber, womit wir es beim Populismus zu tun haben.

Martin Koradi


 

„Populismus“ wird oft oberflächlich als Schlagwort verwendet und als politischer Kampfbegriff eingesetzt.

Aber: Nicht jeder, der „Eliten“ kritisiert, gegen Globalisierung und Euro wettert, Emotionen instrumentalisiert und/oder für komplexe Sachverhalte simple Lösungen anbietet, ist ein Populist. Wird der Begriff „Populismus“ zu breit und vage eingesetzt, kommt ihm jede Unterscheidungskraft abhanden, worunter nicht zuletzt die politische Urteilskraft leidet. Deshalb braucht es eine griffige Definition und eine klare Vorstellung davon, womit wir es beim „Populismus“ zu tun haben.

Was charakterisiert Populismus?

– Populismus ist eine Politikvorstellung, bei der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen, die eigentlich gar nicht zum wirklichen Volk gehören.

– Insbesondere für Rechtspopulisten gehört eine angeblich parasitäre Unterschicht ebenfalls nicht zum wahren Volk und wird oft in einer unheiligen Allianz mit den Eliten gesehen.

– Populisten wähnen sich im Besitz eines moralischen Alleinvertretungsanspruchs: Sie behaupten: „Wir sind das Volk!“ oder genauer „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk“, wobei sie damit stets eine moralische Aussage machen, nicht eine empirische über ein reales Volk in der Aussenwelt. Wegen diesem moralischen Alleinvertretungsanspruch sind Populisten nicht nur antielitär, sondern auch antipluralistisch.

– Wer sich den Populisten entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, zählt automatisch nicht zum wahren Volk. Diese antipluralistische Haltung ist zugleich antidemokratisch, weil Demokratie ohne Pluralität nicht zu haben ist.

– Der moralische Alleinvertretungsanspruch der Populisten und ihre Vorstellung eines imperativen Mandats kommen auch zum Ausdruck, wenn sie einen fiktiven „Vertrag mit dem Volk“ schliessen – wie es beispielsweise die SVP, Jörg Haider und Silvio Berlusconi getan haben. Politik ist dann vermeintlich nur noch Vertragserfüllung und es wird dabei ausgeblendet, dass das Vertragsangebot eben nicht vom „Volk“, sondern von einer partikulären Partei ausging. Der „Vertrag mit dem Volk“ ist zudem einseitig geschlossen, weil „das Volk“ gar nicht gefragt wird und schon gar nicht die unterschiedlichen Individuen und Interessengruppen einer Bevölkerung.

– Für Populisten gibt es nur einen einzigen, klar erkennbaren Volkswillen, den der Führer oder die Führungsmannschaft eindeutig identifizieren kann. Unterschiedliche Interessenlagen im Volk werden damit negiert.

– Diese Führerfigur verspricht nichts anderes, als die Macht von der korrupten Elite und den bürokratischen Apparaten wegzunehmen und sie dem „Volk“ zurückzugeben. Die Inszenierung dieser Figur als alleiniger Garant für diese „Machtzurückholung“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Populismus. Paradox an dieser Inszenierung ist, dass die Führerfigur selbst dabei einerseits als so unwichtig erscheinen soll, dass sie als Person ganz hinter ihrem „Auftrag“ verschwindet, dass sie aber andererseits als mächtig und stark genug imaginiert werden muss, um die korrupten Eliten und Institutionen zu bekämpfen. Die populistische Führerfigur stellt sich dar als zwar notwendige, aber in sich bedeutungslose Kontaktstelle, als Durchgangspunkt nur. (1)

– Populismus ist die Forderung nach dieser unmittelbaren, unvermittelten Verbindung zwischen dem Volk und der Macht, geschaffen durch die populistische Führungsfigur. Parlamente, eine unabhängige Justiz, eine unabhängige staatliche Verwaltung und unabhängige Medien stehen dieser unmittelbaren Verbindung im Wege. Ginge dieser populistische Traum vom Unmittelbaren in Erfüllung, wäre damit das Ende der Demokratie als Herrschaft des Volkes eingeläutet. Die Aushandlungs- und Ausgleichsprozesse zwischen den zahlreichen unterschiedlichen Interessen in komplexen Gesellschaften verlangen Regeln und spezialisiertes Personal, die weder dem „Willen“ eines als einheitlich phantasierten „Volkes“ entsprechen können, noch durch eine Regierung ersetzt werden sollen, die diese Einheit autoritär verordnet. Der Populismus scheitert deshalb am Widerstand der Institutionen und an den Komplexitäten der Gesellschaft – oder er wird so autoritär, dass er seinen Legitimationskern, den Bezug auf das We, the people, vollständig verliert und zur Diktatur mutiert. (1)

– Populisten neigen dazu, Militaristen zu sein, weil die Logik ihrer Macht die Logik der Abgrenzung ist. Diese Politik hat nicht nur potenziell gewalttätige Konsequenzen, wenn militärische Formen der Grenzziehung gegenüber anderen Nationen aktiviert werden, sondern auch an den „inneren“ Grenzen einer Gesellschaft, dort, wo definiert werden soll, wer aus ihrem Kreis zum „Volk“ gehört und wer nicht. Dass Populisten innere und äussere Sündenböcke brauchen, trägt zur gewaltträchtigen Aufladung bei. Populisten stecken auf diesem Hintergrund oft deutlich mehr finanzielle Mittel in die Bereiche „Innere Sicherheit“ und „Verteidigung“. (1)

Wie erklären Populisten den Umstand, dass sie nicht an der Macht sind?

Solange Populisten in der Opposition sind, haben sie ein Problem: Sie müssen erklären, weshalb sie nicht an der Macht sind, obwohl sie doch in ihrem Verständnis das „Volk“ repräsentieren. Fehlende Mehrheiten scheinen dem Alleinvertretungsanspruch der Populisten zu widersprechen.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, nutzen Populisten hauptsächlich zwei Strategien:

  1. Die „Schweigende Mehrheit“

Populisten appellieren an ein „Volk“ da draussen, das sich mittels Wahlen oder anderen konventionellen demokratischen Verfahren nicht äussert, aber insgeheim die Ansichten der Populisten teilt.

  1. Moralische Gewinner

Verlieren Populisten eine Wahl, unterscheiden sie zwischen einem empirischen und einem moralischen Wahlergebnis. Diejenigen, die gegen die Populisten gestimmt haben, gehören moralisch gar nicht zum wirklichen „Volk“. Die Populisten sehen sich dadurch als moralische Gewinner.

  1. Defekte und korrupte Prozeduren

Mit einer Demokratie, in der die Populisten mit ihrem Alleinvertretungsanspruch nicht die überragende Mehrheit gewinnen, kann ja wohl nur etwas nicht stimmen. Die Verfahren müssen korrupt sein, die Medien von der herrschenden Elite instrumentalisiert („Lügenpresse“). Eine gute Portion Verschwörungstheorie hilft, das Unerklärliche der populistischen Niederlage zu erklären.

Populisten an der Macht

Man hört oft die Ansicht, Populisten könnten nur auf Opposition machen, aber nicht regieren. Sie würden an der Macht rasch an den Fakten scheitern und sich selber entzaubern. Damit aber machen es sich die Gegner der Populisten zu einfach.

Populisten können sehr wohl an der Macht sein und gleichzeitig Eliten kritisieren – nämlich die alten, die hinter den Kulissen immer noch die Strippen ziehen und die Populisten daran hindern, den wahren Volkswillen zu vollstrecken. Mehrheiten können sich wie verfolgte Minderheiten aufführen und damit von eigenen Misserfolgen ablenken. Und ob sie in der Opposition sind oder an der Macht: Populisten werden die politische Auseinandersetzung immer extrem polarisieren und moralisieren, sowie laufend neue Sündenböcke und Feinde entdecken. An der Macht zelebrieren die Populisten Volksnähe und die Krise als Dauermodus.

Im Einklang mit ihrem Alleinvertretungsanspruch und den damit verbundenen Antipluralismus wenden Populisten an der Macht ganz bestimmte Herrschaftstechniken an. Konkret lassen sich drei Herrschaftstechniken beschreiben, die charakteristisch sind für den Populismus, wenn er an die Macht gelangt:

  1. Die Vereinnahmung des gesamten Staates

Populisten nehmen den gesamten Staatsapparat in Besitz und platzieren ihre Partei- und Gefolgsleute in Positionen, die normalerweise neutrale Beamte innehaben sollten. Populistische Regierungen wie in Ungarn und Polen versuchen möglichst rasch, die Justiz und die Medienaufsicht unter ihre Kontrolle zu bringen, um zu verhindern, dass Richter und Journalisten weiterhin gegen die imaginierten Interessen des „Volkes“ agieren können. Wer diese Massnahmen kritisiert, wird als egoistischer Vertreter der alten, korrupten Eliten gebrandmarkt oder als Verräter an der Nation beschimpft. Populisten rechtfertigen diese Massnahmen damit, dass sie die einzigen legitimen Vertreter des Volkes sind. Warum sollte das „Volk“ seinen Staat nicht in Besitz nehmen und die Ausführung seines autentischen Willens durch das richtige Personal sicherstellen? Wer als neutraler Beamter auf Verfahrensregeln pocht oder als Richter auf der Einhaltung von Verfassungsgrundsätzen besteht, wird rasch als antidemokratisch hingestellt.

  1. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus

Damit erkaufen sich Populisten politische Unterstützung durch bevorzugte Behandlung für gefügige Bürger (lukrative Pöstchen, bevorzugte Behandlung in Behörden). Aus Sicht der herrschenden Populisten lässt sich der Klientelismus damit begründen, dass nur Anhänger zum wahren Volk gehören und Unterstützung verdienen. Enthüllungen über Klientelismus und Korruption schaden den Populisten nicht unbedingt. Aus Sicht ihrer Anhänger haben sie das alles nur für sie, das wahre Volk, getan.

  1. Unterdrückung von Zivilgesellschaft und Medien

Regt sich aus der Zivilgesellschaft heraus Widerstand gegen regierende Populisten, ist es für diese von hoher symbolischer Bedeutung, die Opposition zu diskreditieren. Sonst könnte es ja so aussehen, als repräsentierten die Populisten doch nicht das ganze Volk. Machthaber wie Putin oder Orbàn unterstellen daher kritischen Teilen der Zivilgesellschaft gern, sie seien von ausländischen Agenten ferngesteuert.

Diese drei Herrschaftstechniken sind von etwas gekennzeichnet, was „diskriminierender Legalismus“ genannt werden kann. Gegenüber politischen Gegnern wird das Recht bis in die feinsten Details angewandt und, wann immer möglich, buchstabengetreu ausgelegt; gegenüber den eigenen Anhängern dagegen gilt „normales“ Recht beziehungsweise es wird versucht, Ausnahmeregelungen und Vergünstigungen festzulegen.

Das Beispiel Ungarn zeigt zudem, dass Populisten an der Macht die Verfassung zu ihren Gunsten umschreiben können. Sie schreiben ihre politischen Anliegen direkt in der Verfassung fest und erschweren so ihre Abwahl oder nach ihrer Abwahl eine Richtungsänderung. Die Verfassung verliert dadurch eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Sicherstellung des Pluralismus.

Zum Umgang mit Populismus

Angesichts der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen des Populismus stellt sich die Frage nach dem passenden und wirksamen Umgang mit diesem Phänomen. Die Herausforderung liegt dabei darin, die Auseinandersetzung mit dem potenziell antidemokratischen Populismus in demokratischer Weise zu führen und ohne dass dadurch die Selbststilisierung der Populisten, sie würden durch die bösen Eliten diskriminiert, noch verstärkt wird.

Dazu einige Stichworte:

– Den Populismus nicht psychologisieren oder pathologisieren. Populisten sind nicht an ihren Gefühlslagen zu erkennen – zum Beipiel Abstiegsängsten oder Ressentiments – sondern an ihrem moralischen Alleinvertretungsanspruch. Wer die Anhängerschaft der Populisten von oben herab therapieren will, wird scheitern.

– Populistische Parteien sollten nicht verboten werden, sofern sie nicht eindeutig Volksverhetzung betreiben oder gar zur Gewalt aufrufen.

– Politische Parteien, Medien und die Zivilgesellschaft sollten Populisten nicht moralisch ausgrenzen. Eine „Mit denen reden wir nicht!“-Haltung bestätigt Populisten nur in ihrer Vorstellung, ein Machtkartell der etablierten Elite unterdrücke jede Kritik. Eine Antwort auf die Populisten kann nur in der Auseinandersetzung mit ihnen bestehen. Dabei sollten die etablierten Parteien untereinander um gute und gangbare politische Lösungen der politisch relevanten Probleme ringen. Entscheidend ist aber, in welcher Art diese Auseinandersetzung geführt wird.

– Provokationen sind ein Hauptinstrument der Populisten. Wer mit ihnen diskutieren will muss Provakationen ins Leere laufen lassen können. Zum Beispiel indem man nicht mit der vom Provokateur erwarteten Empörung reagiert, nicht sofort eine Gegenposition formuliert, sondern genau nachfragt und mit sachlichen Fakten kontert.

– Populisten pflegen oft nur eng begrenzte Themenfelder (Flüchtlinge, Islam, Europa…). Wer mit ihnen auf diesem Terrain diskutieren will, soll bestehende Probleme offen ansprechen, ohne den Blickwinkel, die Interpretation, den „Frame“ und die Lösungsvorstellungen der Populisten voll zu übernehmen.

– In Interviews und auf Podien Populisten konsequent auch auf Themen ansprechen, die nicht zu ihren Heimspielen gehören (z. B. Krankenversicherung, Rente, Wirtschaftslage….). Dabei zeigt sich oft überaus deutlich, wie schwach die Lösungsansätze der Populisten in diesen Bereichen sind.

– In der Auseinandersetzung mit Populisten immer wieder darauf hinweisen, wie vielfältig die Vorstellungen und Interessen in der Bevölkerung gelagert sind und wie illusionär die Idee eines einheitlichen „Volkswillens“ ist. Gegner der Populisten können mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sie auch Staatsbürger sind, und nicht in die krude Vorstellung eines einheitlichen „Volkes“ passen.

– Unterscheiden zwischen Diffamierung und Kritik. Populisten arbeiten sehr oft mit pauschalen Diffamierungen: Die Lügenpresse, die korrupten Eliten, die Politiker, die Altparteien…..Wer Populismus bekämpfen will soll selber keine pauschalen Diffamierungen verwenden und keine pauschalen Diffamierungen unwidersprochen stehen lassen. Im Unterschied zu pauschalen Diffamierungen ist Kritik erwünscht. Kritik differenziert (wer, was, wo, wann, wie?) und stellt bestimmte Sachverhalte oder Handlungen in Frage. Diffamierungen zielen dagegen oft auf die Person und bestehen aus moralischen Angriffen (z. B. „Landesverräter“).

– Andere politische Parteien sollten Populisten nicht zu imitieren suchen. Die Anhänger von Populisten wählen das Original, nicht die Kopie. Die Übernahme populistischer Forderungen durch die etablierten Parteien verhilft populistischen Parteien daher zum Durchbruch. Die etablierten Parteien profitieren dagegen längerfristig nicht von dieser Anbiederung, da die einfachen Lösungen der Populisten nicht zum Erfolg führen.

– Die Würde des Arguments verteidigen, Fakten ernstnehmen. Expertenwissen nicht diffamieren, sondern wertschätzen, ohne dabei unkritisch zu werden.

– Genau hinschauen, wo Populisten reale Probleme ansprechen. Dort nicht-populistische Lösungen anbieten, welche die oft simplen populistischen Lösungen alt aussehen lassen.

Quellen:

Jan-Werner Müller, Was ist Populismus, edition suhrkamp 2016 (Hauptquelle)

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University.

(1) Quelle für diese Abschnitte:

Philipp Sarasin, Die autoritäre Logik des #Populismus,

URL im Internet:

https://geschichtedergegenwart.ch/die-autoritaere-logik-des-populismus/

Martin Koradi, April 2017

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

– Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien.
Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

.- Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Zermatt will Schutzgebiet Monte Rosa aufheben zugunsten von Heliskiing

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Die imposante Bergregion Monte Rosa soll den Schutzstatus verlieren. Die Gemeinde Zermatt will so das dort drohende Heliskiing-Verbot abwehren.

Das Monte-Rosa-Gebiet bei Zermatt steht seit dreissig Jahren unter Schutz. Der Bundesrat nahm diese imposante, stark vergletscherte Region 1983 ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) auf. Geht es nach dem Willen des  Gemeinderates von Zermatt, soll dieser Schutzstatus aufgehoben werden.

Davon wäre nicht nur das Monte-Rosa-Gebiet betroffen, sondern auch die angrenzende Gletscherwelt zwischen Matterhorn, Dent Blanche und Pigne d’Arolla – eine Fläche von insgesamt 270 Quadratkilometern, anderthalb Mal so gross wie der Schweizer Nationalpark im Engadin.

Mit seiner Forderung reagiert der Zermatter Gemeinderat auf ein Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK). Sie empfiehl dem Bund, Heliskiing und andere touristische Flüge auf den Gebirgslandeplatz Monte Rosa in Zukunft zu verbieten. Die Nutzung dieses Gebirgslandeplatzes, stellt die ENHK fest, beeinträchtige «schwerwiegend» das Schutzziel, die Ruhe und Stille in dieser «nahezu unbelasteten» Hochgebirgslandschaft zu erhalten oder wiederherzustellen.

Diese Empfehlung kommt nun der Tourismusstrategie in Zermatt in die Quere. Dort wurde nämlich vor kurzem die Strategie «Zermatt 2018» mit einem Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden Franken für die nächsten zehn Jahre verabschiedet. Ein Pfeiler dieser Strategie soll das Heliskiing bilden.

ENHK-Präsident Herbert Bühl zeigte sich über den Vorstoss der Zermatter besorgt. Er präsidiert die ENHK seit 2005 und kann sich an keinen vergleichbaren Angriff auf den BLN-Schutzstatus erinnern. Ein Land wie die Schweiz mit sehr hohem Siedlungsdruck tue gut daran, die wertvollsten Landschaften zu schützen, sagt Bühl, und meint dies nicht nur mit Blick auf Zermatt.

Der Druck auf die BLN-Gebiete wachse generell. Grund dafür sei nicht zuletzt die vom Parlament und Bundesrat beschlossene Energiewende.

So unterstützen beispielsweise die vorberatenden Kommissionen des Parlaments eine parlamentarische Initiative von Joachim Eder. Der Zuger FDP-Ständerat fordert, die Gutachten der ENHK in Zukunft nur noch als unverbindliche Stellungnahmen zu behandeln, die in die Interessenabwägung einfliessen sollen. Heute bilden die ENHK-Gutachten für die Behörden die massgebliche Entscheidungsgrundlage. Gelten soll die Neuerung besonders für Projekte, welche die erneuerbaren Energien fördern oder die energetische Sanierung von Gebäuden vorantreiben.

In einem nächsten Schritt versucht Zermatt nun den Kanton Wallis von seinem Ansinnen zu überzeugen. Denn nur die Kantone können beim Bund die Aufhebung von BLN-Gebieten beantragen.

Würde der Bundesrat einen allfälligen Antrag der Walliser Behörden unterstützen, wäre dies allerdings ein Novum. Bisher können nämlich Anpassungen von Gesetzes wegen nur erfolgen, falls dem Schutzziel gleich- oder höherwertige Interessen von ebenfalls nationaler Bedeutung entgegenstehen.

Quelle:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Zermatt-startet-Angriff-auf-das-Schutzgebiet-Monte-Rosa/story/18166130

Kommentar & Ergänzung:

Was soll man von einer Tourismusdestination halten, die Heliskiing zu einem zentralen Pfeiler ihrer Zukunftsstrategie macht?  Zermatt unterstützt und umwirbt eine kleine, meist eher gut betuchte Minderheit, die mit unnötigem Lärm die grosse Mehrheit der Berggänger belästigt.  Die grosse Mehrheit der Berggänger macht keinen Lärm und will keinen Lärm.

Auf die Heliskiing-Unsitte gibt es eine relativ einfach Antwort: Wo die Berge zum Rummelplatz umgebaut werden, gehe ich nicht mehr hin. Auch im Sommer nicht.

Zermatt weiträumig umfahren, das scheint die einzige Sprache zu sein, die die Tourismusverantwortlichen im Wallis verstehen. Das Matterhorn kann ich mir auch auf Fotos anschauen und schöne Berge gibt es auch anderswo.

Für einen nachhaltigen Alpentourismus und gegen das unnötige Heliskiing setzt sich im Übrigen die Organisation Mountain Wilderness ein.

http://mountainwilderness.ch/

Wenn Sie die Berge mit ihrer faszinierenden Pflanzenwelt auf sanfte und ruhige Art kennenlernen möchten, dann schauen Sie sich doch einmal hier die Daten und Orte meiner Kräuterexkursionen zu Heilpflanzen und Alpenblumen an.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Tschechien: Parlament gibt Cannabis auf Rezept frei

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Cannabis darf in Tschechien in Zukunft für medizinische Zwecke genutzt werden. Der Senat als zweite Parlamentskammer hat einer entsprechenden Gesetzesänderung zugestimmt. Nun braucht es noch die Unterschrift des Präsidenten. Es isei ein Heilmittel, das unerträgliche und chronische Schmerzen zu ertragen helfe, erklärte der konservative Abgeordnete und Arzt Pavel Bem, welcher die Vorlage eingebracht hatte. Menschen, die schwer erkrankt sind – beispielsweise an Krebs oder Multipler Sklerose – bekommen Cannabis-Medikamente künftig auf ärztliches Rezept. Für die Kosten müssen sie jedoch selber aufkommen.

Quelle:

http://news.search.ch/ausland/2013-01-30/parlament-gibt-cannabis-auf-rezept-frei

Kommentar & Ergänzung:

Menschen, die an Krebs oder Multipler Sklerose erkrankt sind, dürfen nicht kriminalisiert werden, wenn sie mit Cannabis ihre Beschwerden lindern können. Dass solchen Patientinnen und Patienten immer noch derartige Hürden in den Weg gestellt werden ist meines Erachtens ein politischer Skandal, für den aber in der Schweiz letztlich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger verantwortlich sind.

Tschechien ist uns da offenbar einen Schritt voraus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Ukraine will Werbung für Homosexualität mit Gefängnis bestrafen

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Die Kritik von Menschenrechtlern war wirkungslos.

Trotz massiver Proteste von Bürgerrechtlern hat die Ukraine ein Gesetz zum Verbot von Homosexuellen-Propaganda auf den Weg gebracht. Die Ukraine folgt damit dem Vorbild mehrerer russischer Städte, darunter der Touristenmetropole St. Petersburg.

Für Verstöße gegen das Gesetz soll es in der Ukraine bis zu fünf Jahre Gefängnis geben. Präsident Wiktor Janukowitsch lässt noch offen, ob er die Vorlage unterzeichnet. Das Parlament in Kiew hat das Gesetz in erster Lesung angenommen. „Werbung für gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen muss verboten werden“, verlangten die Autoren des Gesetzes im Parlament.

Als Beispiel für die positive öffentliche Darstellung von Homosexualität wurde von den Initiatoren der US-Spielfilm „Brokeback Mountain“ erwähnt.

Quelle:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-will-homosexuellen-informationen-verbieten-a-859224.html

http://www.n-tv.de/politik/Kiew-geht-gegen-Schwule-vor-article7381101.html

Kommentar & Ergänzung:

Diese Versuche in Russland und der Ukraine, „Werbung für Homosexualität“ zu verbieten, sind schon ziemlich bescheuert. Homosexualität ist doch nicht vergleichbar mit einer Antifaltencreme, bei der man mit etwas cleverer Werbung schon 30jährige davon überzeugen kann, dass sie dieses Produkt dringend brauchen.

Homosexualität ist einfach eine Variante, die es in der Natur gibt. Warum kann man diese Variante nicht einfach in Ruhe lassen?

Widernatürlich, wie es der Apostel Paulus darstellt (Römerbrief 1,24-32, Korintherbrief 1. Kot 6,9) ist Homosexualität jedenfalls nicht.

In der Natur ist diese Variante jedenfalls gut etabliert.  Das zeigt sich daran, dass Homosexualität bei Tieren ein weit  verbreitetes Phänomen ist.

Aber Paulus meinte wohl „wider die Natur des Menschen“, und da wäre dann zu klären, was zur „Natur“ des Menschen zählt. Die Festlegung jedenfalls, was zur Natur des Menschen zählt, ist ziemlich ideologieanfällig, zeitbedingt und kulturell geprägt. Zur Natur des Menschen gehörte in der Antike auch, dass es Freie gibt und Sklaven. Auch bei Paulus: „Ihr Sklaven, seid gehorsam in allen Dingen euren irdischen Herren!“ (Kol 3,22) und „Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.“ (1. Kor 7,20).

Wer also mit Paulus Homosexualität als gegen die Natur des Menschen betrachtet, müsste folgerichtig auch die Befreiung aus Sklaverei als widernatürlich auffassen.

Und wer die Diskriminierung der Homosexualität mit dem alttestamentarischen Gott begründet – der Homosexualität mit der Todesstrafe geahndet haben will – der vertritt ein Gottesbild, das auch Sklaverei und Steinigung zulässt oder rechtfertigt.

Manche Religionen haben mit zunehmendem Wissen auch ihren Horizont erweitert. Für die russisch-orthodoxe Kirche – die wesentlich zu diesen diskriminierenden Gesetzesentwürfen in Osteuropa beträgt – trifft das definitiv nicht zu.

Die russisch-orthodoxe Kirche, aber auch die römisch-katholische Kirche und sogenannt freikirchliche Kreise sollten ihre menschenverachtenden Positionen bezüglich Homosexualität revidieren. Dass auch Religionen schlauer werden können, hat die Römisch-Katholische Kirche am 2. November 1992 mit der Rehabilitierung von Galileo Galilei (1564 – 1642) bewiesen, auch wenn das ein paar Jahrhunderte gedauert hat.

Vom 13. Jahrhundert bis ins Zeitalter der Aufklärung landeten sehr viele Homosexuelle auf den Scheiterhaufen und im 20. Jahrhundert in den Konzentrationslagern.

Daran haben die Kirchen eine historische Mitschuld. Wiedergutmachen können sie das nicht. Aber soweit darf es nie mehr kommen. Die Kirchen jedoch haben diese Lektion nicht gelernt. Sie sollten die Worte ihres Herrn endlich ernst nehmen, der sich nie zum Thema Homosexualität geäussert hat, gemäss Neuem Testament aber mehrmals deutlich gegen diskriminierendes Verhalten Stellung nahm.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Abstrus: Russland will öffentliches Reden über Homosexualität verbieten

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Mit der Begründung des Kinderschutzes und Jugendschutzes stellt Russland in Zukunft das öffentliche Reden über Homosexualität unter Strafe. Auch die Aufklärung über Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität soll mit einer hohen Geldstrafe gebüsst werden. International gibt es Proteste gegen Russlands „mittelalterliche“ Rechtsauffassung.

Nach umstrittenen Modellversuchen in einigen Großstädten brachten Politiker aus Nowosibirsk im Parlament in Moskau eine entsprechende Gesetzesvorlage ein. Trotz internationaler Proteste war das „Gesetz gegen die Propaganda von Homosexualität“ zuvor unter anderem in der Touristenmetropole St. Petersburg erlassen worden.

Putin-Partei begrüßt Gesetzesvorlage

Menschenrechtler kritisieren, dass mit dem Gesetz indirekt auch zur Gewalt gegen Homosexuelle aufgerufen werde. Die Politiker der Regierungspartei Geeintes Russland dagegen begründen die Gesetzesvorlage mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen. Die einflussreiche russisch-orthodoxe Kirche und prominente Vertreter der von Regierungschef Wladimir Putin geführten Partei hatten eine mögliche landesweite Annahme eines solchen Gesetzes begrüßt.

Gesetz verbietet auch Aufklärung

Außenminister Sergej Lawrow sagte, dass Russland unabhängig von europäischen Werten das Recht haben müsse, die Gesellschaft vor Homosexuellen-Propaganda zu schützen. Gemäss dem Gesetz wird auch die Aufklärung über Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität mit Geldstrafen bebüsst. Kritiker warnen, dass damit beispielsweise die Aids-Vorsorge erschwert werde.

Wer gegen das Gesetz verstößt, muss bis zu 500.000 Rubel (12.800 Euro) Busse zahlen – mehr als ein durchschnittliches Jahresgehalt. Neben St. Petersburg hatten Städte wie etwa Archangelsk und Rjasan ähnliche Regelungen eingeführt. 1993 hatte Russland das Verbot der Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch genommen.

Quelle:

http://www.n-tv.de/politik/Reden-ueber-Schwule-verboten-article5903521.html

Kommentar & Ergänzung:

Wovor haben diese Herren eigentlich Angst??

Glauben die wirklich, man könne durch darüber reden, bzw. durch „Propaganda“ die geschlechtliche Orientierung Richtung Homosexualität umpolen?

Und glauben die wirklich, dass man Kinder durch Nicht-darüber-reden schützen kann??

Das ist vollkommen ignorant.

Es zeigt aber auch, wie fragile grundlegende Menschenrechte und die Werte der Aufklärung auch in Europa dastehen.

Nicht nur im Bereich der sexuellen Orientierung, sondern in verschiedensten Bereichen, zum Beispiel bezüglich Medienfreiheit in Ungarn.

Solche bedenklichen Entwicklungen machen es meiner Ansicht nach nötig,  dass Bürgerinnen und Bürger sich zugunsten dieser Werte äussern sollten, weil wir ihnen viel verdanken. Das scheint vielen Menschen nicht mehr sehr bewusst zu sein, weil es zu selbstverständlich ist.

Die Homophobie der russisch-orthodoxen Kirche ist notorisch, aber dass auch auf den ersten Blick „weltliche“ Organisationen wie die Putin-Partei derart abstruse Vorstellungen toll finden, gibt sehr zu denken.

Homophobie ist in Osteuropa ein virulentes und zunehmend bedrohliches Phänomen.

Siehe auch:

Angriff auf die Pride-Parade in Split (Kroatien)

Amnesty International Schweiz / Sexuelle Orientierung

P.S.:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

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Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

– Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Sie stützt sich auf medizinische Diagnostik.

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe: Was ist Naturheilkunde?

Phytotherapie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet als fundierte Verbindung zwischen Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Sozialdemokratische Partei (SPS) & Komplementärmedizin: Heimatschutz auch für unseriöse Naturheilmittel?

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Am 17. Mai 2009 haben die teilnehmenden Stimmberechtigten in der Schweiz einem Verfassungsartikel zugestimmt, welcher Bund und Kantone beauftragt, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten die Komplementärmedizin zu berücksichtigen.

Am Parlament läge es nun, diesen sehr offen formulierten Auftrag zu konkretisieren. Die Mehrheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier vermeidet aber meinem Eindruck nach bisher jede Differenzierung. Zu hören sind hauptsächlich pauschale, vernebelnde Formulierungen und irreführende, unreflektierte, hohle Phrasen. Populismus halt, der sich um eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema drückt.
Am deutlichsten zeigt sich dies – leider – bei der Sozialdemokratischen Partei (SPS).

Für die SPS – so mein Eindruck – ist Komplementärmedizin grundsätzlich und umfassend gut und heilsam.

Nebulöse Begriffe und hohle Phrasen

Das zeigt sich zum Beispiel in der Wortwahl. So fordert die Sozialdemokratische Partei den “Heilmittelschatz” und die “Vielfalt an traditionellen Heilmittel” zu bewahren und SP-Nationalrat Steiert verlangt Massnahmen zur Erhaltung bewährter Heilmittel.

Diese Forderungen nach Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes tönen sehr schön und sprechen auch vielen Menschen aus dem Herzen. Wer stellt sich schon gegen die Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes?
Hinter den schönen Phrasen versteckt sich aber nur die Forderung, dass auch in Zukunft Produkte als Heilmittel verkauft werden dürfen, ohne dass deren Hersteller die Wirksamkeit glaubwürdig dokumentieren müssen.

Die Problematik der schönen Phrasen, wie sie in diesem Zusammenhang von der SP verwendet werden, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Es ist nämlich vollkommen unklar, was die Sozialdemokratische Partei denn genau meint mit der Forderung nach Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes.
Bisher konnte mir auch noch niemand in der SPS sagen, um welche Heilmittel genau es der Partei geht, geschweige denn, aufgrund welcher Argumente sie unter Schutz zu stellen seien.

Dabei stellen sich an diesem Punkt zahlreiche Fragen:

1. Was meint die SPS genau mit traditionellen Heilmitteln?

Wie alt muss ein Heilmittel sein, um als traditionell zu gelten? Zehn, fünfzig, hundert oder fünfhundert Jahre?
Und ist “traditionell” allein schon ein schützenswerter Wert?

Welche traditionellen Heilmittel genau will die SPS retten? Wirklich traditionelle Heilmittel wie Kamillentee oder Johannisöl sind nämlich nicht bedroht (aber was sind wirklich traditionelle Heilmittel?)

Und was spricht denn dafür, traditionelle Heilmittel pauschal unter Heimatschutz zu stellen?
Für mich steht fest, dass es wertvolle traditionelle Heilmittel gibt. Genauso existiert in diesem Bereich aber auch jede Menge Schrott und Betrug an Konsumentinnen und Konsumenten.

Ist “Tradition” für die SPS trotzdem generell gut und erhaltenswert?
Wenn Ja, dann schützt die SPS auch massenhaft hoch fragwürdige Heilmittel. Und ausserdem haben wir dann schlechtere Argumente gegen Frauenbeschneidung und Diskriminierung von Homosexuellen – beides ist traditionell gut verankert. Und Tradition ist doch generell schützenswert, oder?

Wenn nein: Welche Kriterien hält die SPS für geeignet zur Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten traditionellen Heilmittel? Oder will die SPS gar keine Unterscheidung?

Wer “traditionell” ganz simpel als “gut” betrachtet betreibt meines Erachtens eine ziemlich obskure Retro-Romantik, oder anders ausgedrückt eine Vergangenheitsverklärung.
Erstaunlich, dass die SPS auf dieser Welle surft.
Das Alter eines Heilmittels kann aber ja wohl nicht pauschal als Kriterium für Vertrauenswürdigkeit gelten. Sonst können wir uns auch einsetzen für die Erhaltung der “traditionellen” 60-Arbeitsstunden-Woche.

Welche Argumente also sprechen dafür, den traditionellen Heilmittelschatz – ganz generell – zu bewahren?

Und wenn der traditionelle Heilmittelschatz nach Ansicht der SPS ganz pauschal unter Schutz gestellt werden soll: Warum nicht auch der traditionelle Schatz an Operationstechniken und der traditionelle Schatz an Diagnosemethoden?
Traditionelle Operationstechniken und Diagnosemethoden müssten doch genauso schützenswert sein wie traditionelle Heilmittel, wenn “Tradition” ein Wert an sich ist?

Hat die SPS Argumente, warum die traditionellen Heilmittel ganz pauschal wirksamer, sicherer und wertvoller sind als traditionelle Operationstechniken und traditionelle Diagnosemethoden?
Oder geht es nicht vielleicht darum, dass es für traditionelle Heilmittel eine aktive Hersteller-Lobby gibt, während an traditionellen Operationstechniken und traditionellen Diagnosemethoden niemand auch nur einen müden Franken verdient.

2. Was meint die SPS genau mit “bewährte Heilmittel”?

Nach welchen Kriterien gedenkt die SPS zu bestimmen, was zu den bewährten Heilmitteln gehört, die es zu erhalten gilt‘
Heisst “bewährt” einfach “wirksam”? Dann braucht es Kriterien dafür, was als wirksam gilt. Die Erfahrung von Patienten, dass es ihnen nach der Anwendung eines Heilmittels besser geht, reicht nicht. Schliesslich heilen die allermeisten Krankheiten auch von selbst – und chronische Krankheiten bessern sich immer wieder zwischendurch.
Oder heisst “bewährt” einfach, dass das Heilmittel schon lange verkauft wird? Das ist ein sehr schwaches Argument, weil es nichts über Qualität aussagt. Auch völlig wirkungslose Pseudoheilmittel werden über Jahrhunderte verkauft. Die Medizingeschichte ist voll von Beispielen.

3. Was meint die SPS genau mit dem traditionellen “Heilmittelschatz”?

Der Begriff “Heilmittelschatz” ist meines Erachtens ziemlich manipulativ. Ein Schatz ist ja fraglos etwas Wertvolles, das es zu bewahren gilt.

Die Sozialdemokratische Partei sagt der Bevölkerung aber nicht, was genau sie zu diesem Schatz zählt (meinem Eindruck nach weiss die SPS das selber nicht). Hausspezialitäten von Apotheken und Drogerien?
Darunter gibt es viel Konsumentenbetrug wie zum Beispiel Abführtees, die als Wundermittel zur Gewichtsreduktion verkauft werden. Oder unnütze Vitalstoffpräparate, die laut Studien gar die Sterblichkeit der Konsumenten erhöhen könnten.

Oder geht es der SPS um die “Appenzeller Heilmittelliste”?
Im Kanton Appenzell (AR) ist ja der Verkauf von wirkungslosen (und zum Teil sehr fragwürdigen) Heilmitteln staatlich legitimiert. Diese Praxis ist durch das neue Heilmittelgesetz bedroht und soll nun offenbar mit Hilfe der SPS bewahrt werden.

Weshalb wird nicht offen dargelegt, um welche Art von “Heilmittelschatz” es geht?
Dann könnten die Bürgerinnen und Bürger nämlich mitdiskutieren, ob sie einen solchen pauschalen Schutz wollen. Ich vermute, dass sich dann eine Mehrheit der Bevölkerung für Differenzierung und gegen Pauschalisierung aussprechen würde. Auch bei der “Appenzeller-Liste” müsste man dann sorgfältig und differenziert prüfen, was erhaltenswert ist und zurecht als Heilmittel gelten soll und was nur dazu dient, kranken Menschen falsche Hoffnungen zu machen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Dazu müsste man sich aber mit dem Thema auseinandersetzen und könnte nicht in einer bequemen Verklärung komplementärmedizinischer Produkte verharren.

Kann die Sozialdemokratische Partei konkrete Heilmittel nennen, für deren Schutz sie sich einsetzt, und begründen, weshalb sie diese Präparate für schützenswert hält?

Warum will die SPS solche Produkte schützen? Wo bleibt der Konsumentenschutz? Sollen auch weiterhin vollkommen unsinnige und unwirksame “Heilmittel” verkauft werden dürfen? Wem nützt dies? Warum verlangt die SPS “Heimatschutz” für Konsumententäuschung?

Die Sozialdemokratische Partei macht es sich meines Erachtens sehr einfach: Indem sie alle “traditionellen” Heilmittel als “Schatz” bezeichnet, muss sie sich keine Gedanken dazu machen, wie sich “Perlen” von “Schrott” trennen lassen. Es gibt ja offenbar für die SPS nur “Perlen”. In einem Schatz kann es niemals Schrott und niemals Betrug geben.

Kann die SPS wenigstens genau sagen, welche Heilmittelgruppen sie als “Schatz” unter Schutz stellen will?
Ist die SPS bereit, konkrete Beispiele zu diskutieren? Im Abstrakten kann man nämlich gut grosse Reden schwingen und schöne Worte machen.
Und welche Firmen sollen auf Kosten der Konsumenten von diesem pauschalen “Heimatschutz” für Schrott profitieren?

Dieser “Heimatschutz” für angeblich traditionelle Heilmittel schadet im übrigen auch jeder seriösen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde. Diese dokumentiert und belegt die Wirksamkeit ihrer Heilpflanzen-Präparate nämlich sorgfältig durch aufwendige Entwicklungs- und Forschungsarbeiten. Unter dem Label “traditionell” laufen dagegen zahlreiche Produkte, die reine Trittbrettfahrer sind, nie einen müden Franken in Entwicklung und Forschung gesteckt haben und keinerlei Gewähr bieten für Wirksamkeit und Sicherheit.

Wenn der Staat Produkte als Heilmittel akzeptiert, deren Wirksamkeit in keiner Weise dokumentiert ist, muss sich jeder Phytotherapeutika-Hersteller ernsthaft überlegen, ob er noch unnötigerweise Geld in die Forschung steckt. Forschung wird so nämlich schnell einmal zum Wettbewerbsnachteil, wenn die Konkurrenz sich solche Ausgaben ersparen kann.

Transparenz wäre nötig als Minimalstandard

Oder ist die SPS wenigstens bereit, zu Gunsten der Konsumentinnen und Konsumenten für Transparenz zu sorgen und eine Deklarationspflicht einzuführen, die offenlegt, welche Produkte einen ausreichenden Wirksamkeitsbeleg vorweisen können, und welche unter dem Label “Heimatschutz” betreffend Wirksamkeit undokumentiert akzeptiert werden?

Wenn die staatliche Heilmittelkontrolle nämlich ein Produkt auf eine Heilmittelliste nimmt und zum Verkauf in Apotheken und Drogerien freigibt, macht er damit meines Erachtens eine positive Aussage zur Wirksamkeit. Und wenn er dabei unbesehen wirksame und unwirksame Produkte in den gleichen Topf wirft, wirkt er mit bei der Täuschung von Konsumentinnen und Konsumenten. Diesen schon jetzt bestehenden Zustand halte ich für vollkommen intransparent und unakzeptabel.

Sozialdemokratische Partei – blind für Konsumentenschutz im Bereich Komplementärmedizin?

Überraschend ist für mich, wie konsumentenfeindlich die SPS in diesem Bereich agiert – obwohl die Partei doch immer wieder hervorstreicht, dass sie die Interessen der Konsumenten vertritt. Davon kann ich hier nichts erkennen. Ich sehe blinde Loyalität gegenüber einer einflussreichen und zum Teil fundamentalistisch angehauchten Komplementärmedizin-Lobby.

Und ich bin erstaunt, wie nebulös, intransparent und manipulativ die von der SPS verwendeten Begriffe sind.
Meinem Eindruck nach kommt dies aus einer sehr einseitigen, pauschalen Interpretation der Komplementärmedizin als “heile Welt”.

Differenzierung statt pauschalen „Heimatschutz“

Gut dreissig Jahre Erfahrung im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde – den überwiegenden Teil davon als Ausbildner – haben mir ein differenzierteres Bild gezeigt. Ich kann je länger desto weniger einfach pauschal für oder gegen Komplementärmedizin sein. Es braucht meines Erachtens Differenzierung, nicht pauschalen “Heimatschutz”. Und es braucht viel kritische Auseinandersetzung, wenn die Komplementärmedizin sich weiter entwickeln soll. Und zwar “kritisch” im ursprünglichen Sinne einer griechischen “kritike”, einer “Kunst der Beurteilung” als Fähigkeit zu sorgfältiger Unterscheidung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Haarsträubende Kommentare zur Verhaftung von Roman Polanski

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Die Fragwürdigkeit vieler Kommentare zur Verhaftung des Starregisseurs Roman Polanski hat mich sehr überrascht. Wenn Kulturschaffende direkt nach der Verhaftung dessen sofortige Freilassung fordern, scheint mir dies zwar ziemlich unreflektiert, aber aus dem ersten Schreck heraus vielleicht noch entschuldbar. Es stellt sich hier nur die Frage, ob die Betreffenden irgendwann schon mal von den Grundsätzen eines Rechtsstaates gehört haben. Offenbar ist ihnen nicht klar, dass ein Rechtsstaat keine Ausnahme machen kann für einen prominenten und genialen Regisseur, ohne sich selber ausser Kraft zu setzen. Dass Prominente sich ausserhalb der Gesetze stehend sehen, kennen wir doch zur Genüge von Silvio Berlusconi. Dass nun die Fans eines Prominenten diesen ausserhalb der Gesetze stehend sehen, ist jedenfalls nicht viel besser. Jeder Hauch einer Berlusconisierung der Verhältnisse scheint mir verheerend.

Inzwischen ist jedoch genügend Zeit verflossen, um sich über die Hintergründe und Umstände dieser Verhaftung zu informieren und darüber nachzudenken.
Aber viele Kommentare sind meinem Eindruck nach immer noch geprägt von einer hoch fragwürdigen, ziemlich blinden Loyalität mit einem verehrten Idol.

Die Behörden hätten Roman Polanski vor der Verhaftung warnen müssen. Das fordert der Grüne Nationalrat Daniel Fischer, ein Anwalt und Strafverteidiger (!). Das fordert Daniel Binswanger im „Magazin“ (Nr. 40/2009), dessen kluge Kommentare ich oft schätze. Das fordert Alt-Bundesrat und Ex-Justizminister Christoph Blocher, der allerdings nicht zum ersten Mal ein problematisches Verhältnis zum Rechtsstaat zeigt.
Sehr erstaunlich, dass diese doch sehr unterschiedlichen Personen sich unisono für die Begünstigung eines Prominenten vor dem Gesetz aussprechen.

Mein Vorschlag: Daniel Vischer, Daniel Binswanger und Christoph Blocher sollen doch zusammen eine Volksinitiative lancieren, um den Grundsatz einer Vorwarnung von prominenten gesuchten Verbrechern anlässlich einer bevorstehenden Verhaftung in der Verfassung zu verankern. Dann haben wir für ihre Forderung wenigstens eine Rechtsgrundlage.
Wenn Daniel Vischer die Grünen ins Boot holt, Christoph Blocher die SVP von der Wichtigkeit dieses Anliegens überzeugt und seine finanziellen Ressourcen zu Verfügung stellt, und Daniel Binswanger publizistische Schützenhilfe via Tamedia gibt, dürfte eine solche Volksinitiative locker die nötigen Unterschriften bekommen. Keine Frage aber, dass die Stimmberechtigten ein solches Anliegen haushoch bodigen würden. Im “einfachen Volk” ist meinem Eindruck nach durchaus noch ein Sensorium vorhanden für die Bedeutung der Rechtsgleichheit.

Das Parlament könnte ja dann einen Gegenvorschlag ausarbeiten, wonach die Vorwarnung durch die Behörden anlässlich einer geplanten Verhaftung bei allen gesuchten Verbrechern zur Pflicht wird. So wäre mindestens die Rechtsgleichheit für alle Bürgerinnen und Bürger gewahrt…….

Differenzierter, aber an einigen Punkten immer noch sehr fragwürdig, scheint mir der Kommentar von Manfred Papst in der heutigen “NZZ am Sonntag” unter dem Titel “Korrekt gehandelt und doch vieles falsch gemacht.”
Papst schreibt: “Die Verhaftung des Filmregisseurs Roman Polanski bei seiner Einreise in die Schweiz war rechtmässig. Doch sie erfolgte zum falschesten Zeitpunkt und bringt niemandem etwas.” Und er spricht sich zugunsten der Rechtsgleichheit und gegen eine behördliche Vorwarnung aus.

Über den Zeitpunkt der Verhaftung kann man sich durchaus kritische Gedanken machen. Dann müsste aber vor allem in Frage gestellt werden, warum Polanski über so viele Jahre in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern nicht festgesetzt wurde, und ob auch hier der “Promi-Effekt” mitgewirkt hat. Das wäre dann der Skandal und nicht die Verhaftung nun bei der Einreise zum Filmfestival.

Papst schreibt: “Ein kantonaler Beamter fragte beim Justizdepartement nach, was im Fall der Einreise Polanskis zu tun sei. Das EJPD setzte sich mit den zuständigen Behörden in den USA, mit denen ein Rechtshilfeabkommen besteht, in Verbindung und veranlasste die Verhaftung des Regisseurs, als er am 26. 9. am Zürcher Flughafen ankam.”
Bei diesem Vorgehen, so schreibt Papst, scheint es sich “eher um eine typisch helvetische Mischung aus Formalismus und vorauseilenden Gehorsam zu handeln.”
Mit Verlaub: Ich finde, dieser kantonale Beamte und die Leute im EJPD haben hier nur ihren Job gemacht, für den sie angestellt sind.

Natürlich ist es unschön, wenn Polanski genau in einem Moment verhaftet wird, an dem er für sein Lebenswerk eine Auszeichnung bekommen sollte.
Immerhin hält Papst die da und dort aufgetauchte Vorstellung, dass die Behörden dem Regisseur absichtlich eine Falle gestellt haben, aufgrund der Chronologie der Ereignisse für unzutreffend.

Aber selbst wenn es sich um eine Falle gehandelt hätte: Es schiene mir durchaus zulässig, einen international mit Haftbefehl gesuchten Kriminellen mit einer Falle festzusetzen. Insofern gibt es meines Erachtens gar keinen falschen Zeitpunkt.
Papst hält die Beteuerungen der verantwortlichen Personen, sie hätten nur jetzt und nur so handeln können, für nicht sehr überzeugend. Das kann ich nicht gut beurteilen. Doch die zwei Beispiele, die Papst dafür aufführt, dass Behörden durchaus rechtliche Spielräume nutzen, überzeugen mich noch weniger:

“Erst vor wenigen Wochen hat sich die Schweiz beim libyschen Diktator Ghadhafi in aller Form für die Anwendung geltenden Rechts entschuldigt, und im Streit mit den USA um Steuerbetrug und Bankgeheimnis hat sie geltende Gesetze per Notrecht ausser Kraft gesetzt.”

Zu Libyen: Mit dieser Entschuldigung durch Bundesrat Merz wurde meines Erachtens kein schweizerisches Gesetz gebrochen oder gebeugt. Ob dieses Vorgehen geschickt war, ist eine andere Frage. Ich kann aber nachvollziehen, dass im Bemühen um die Freilassung von unrechtmässig festgehaltenen Personen manchmal zu Mitteln gegriffen wird, die sehr ambivalent sind. Mit diesem Vorgehen wird jedenfalls nicht ein Krimineller dem Zugriff der Justiz entzogen. Dieser Vergleich hinkt vollkommen.

Zum Fall UBS: Tatsächlich, hier wurden per Notrecht geltende Gesetze ausser Kraft gesetzt. Der Sinn des Notrechts steht hier nicht zur Diskussion und auch nicht, ob seine Anwendung im Fall UBS nötig war oder nicht.
Dass die Anwendung von Notrecht im Fall der Verhaltung von Roman Polanski jedoch völlig überzogen gewesen wäre, wird aber wohl niemand ernsthaft bestreiten. Auch dieser Vergleich ist meines Erachtens ziemlich an den Haaren herbei gezogen.

Am Ende seines Kommentars stellt Manfred Papst die Frage, wem mit Polanskis später Verhaftung gedient ist, und er kommt zum Schluss:

“Der Gesellschaft sicher nicht. Für sie ist der 76-jährige Regisseur keine Gefahr mehr. Dem Opfer auch nicht. Es ist nun gegen seinen Willen wieder eine öffentliche Person. Die Schweiz trägt eine Imageschaden davon, und auch die USA dürften an der Sache wenig Freude haben: Sie müssen sich jetzt mit einem – auch aufgrund damaliger Fehler der Justiz – entsetzlich komplizierten Fall herumschlagen, bei dem es nur Verlierer gibt und der allenfalls ein Exempel statuiert.” Die Verhaftung also “bringt niemandem etwas.”

Einspruch mit Nachdruck!
Ja, alles spricht dafür, dass Polanski für die Gesellschaft keine Gefahr mehr darstellt.
Ja, das Opfer hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden.
Nein, ich finde gar nicht, dass die Schweiz einen Imageschaden davonträgt, wenn sie einen internationalen Haftbefehl vollzieht. Polanski hat die gravierende Tat gestanden, es droht ihm in den USA weder die Todesstrafe noch das Abhacken der Hände.
In den USA soll ein Gericht entscheiden, ob nach so langer Zeit ein korrekter Prozess noch möglich ist. Die lange Zeitdauer kann aber nicht zugunsten von Polanski sprechen, weil dieser sich dem Prozess durch Flucht entzogen hat.
Und ja, die US-Justiz wird sich auch mit den Ungereimtheiten und Fehlern im diesem Verfahren befassen müssen. Das wird durch den zeitlichen Abstand vielleicht sogar eher möglich sein. US-Anwälte sind nicht auf den Kopf gefallen und Herr Polanski kann sich bestimmt einen guten Verteidiger leisten.

Und zum Schluss:
Diese Verhaftung dient meines Erachtens durchaus jemandem: Der Rechtsgleichheit.
Das ist zwar eine ziemlich abstrakte Sache, die nicht so personalisiert greifbar ist wie ein berühmter Regisseur oder sein Opfer.
Aber diese Rechtsgleichheit ist ein Grundpfeiler des Rechtstaates und sie ist permanent bedroht. Wer viel Geld hat kommt viel leichter zu seinem Recht. Das ist stossend.

Genauso gefährlich für den Rechtsstaat ist es aber, wenn Prominente vom Zugriff der Justiz ausgenommen werden. Im Falle des Roman Polanski scheint mir, dass der “Promi-Schonraum” schon viel zulange angedauert hat. Dass die Justiz nun endlich gehandelt hat, stärkt den Rechtsstaat.
Dass nun die Schatten der Vergangenheit einen genialen Regisseur eingeholt haben und seinen Lebensabend verdüstern, ist allerdings tragisch.

Beim Umgang mit dem Fall Polanski in der Öffentlichkeit können wir meines Erachtens lernen, wie wichtig Ambivalenztoleranz ist. Es scheint mir eine der wichtigen Herausforderungen der Gegenwart, dass wir lernen, ambivalente Situationen zu bewältigen: Genie und Verbrechen können in einer Person zusammenfallen. Diese Spannung gilt es auszuhalten, ohne die Person zu dämonisieren oder zu idealisieren.

Martin Koradi

P.S.:

Hier finden Sie eine Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

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Inserat:

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Zukunft mit Komplementärmedizin – Parlament soll Verantwortung & übernehmen

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Jetzt haben wir also diesen Artikel in der Verfassung, wonach Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin sorgen sollen.

Für meine berufliche Tätigkeit als Dozent für Phytotherapie dürfte sich dieser Entscheid eher positiv auswirken. In diesem Sinne “Merci vilmol” an alle Befürworterinnen und Befürworter. Dass ich trotzdem gegen diese Vorlage war, hat mit den vielen damit verknüpften Versprechungen zu tun, die sich meines Erachtens kaum seriös umsetzen lassen (z. B. die Qualitätssicherung bei nichtärztlichen Komplementärtherapeuten) und mit den zahlreichen ungeklärten Fragwürdigkeiten (z. B. der Remoralisierung von Krankheit und Behinderung, wenn diese wieder wie in der Anthroposophischen Medizin als Folge von moralischem Versagen in früheren Leben gesehen werden).

Nun geht es also um die Umsetzung dieses Artikels und schon kommen die Forderungen an BR Pascal Couchepin nach einer raschen Wiederaufnahme der fünf Methoden Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin, Neuraltherapie, Anthroposophische Medizin und Phytotherapie in die Grundversicherung.

Dass Couchepin zu einer solchen Hauruck-Übung keine Hand bieten will, dafür wird er nun ziemlich gescholten.

Ich bin mit Pascal Couchepin nicht immer einverstanden, aber an diesem Punkt kann ich nur festhalten: Vielen Dank, Herr Bundesrat, dass Sie dem populistischen Druck nach Instant-Lösungen nicht nachgeben und sich ans Gesetz halten. Dieses verlangt eine nachgewiesene Wirksamkeit für Methoden, die über die Grundversicherung solidarisch finanziert werden. Und diese Wirksamkeit ist keineswegs so pauschal und fraglos belegt, wie die Befürworter des Verfassungsartikels es dargestellt haben.

Sorgfältige, unabhängige, und möglichst unvoreingenommene (in beide Richtungen) Prüfung ist angesagt. Und die Frage, welche Komplementärmedizin wir wollen, ist auch eine politische Frage.

Ich kann daher sehr die Forderung von BR Couchepin nachvollziehen, dass nun das Parlament Verantwortung übernehmen soll.
Das Parlament hat mit diesem Gegenvorschlag grosse Erwartungen geweckt und sehr grosse, meines Erachtens aber weitgehend leere Versprechungen gemacht.
Die konkrete Arbeit und Auseinandersetzung mit all den offen gelassenen Fragen soll nun aber wohl auf ein paar Bundesbeamte im BAG abgeschoben werden.

Nein, nein: Das Parlament soll die Verantwortung übernehmen, wenn es die Anforderungen an die Wirksamkeit von Behandlungsmethoden lockern will, die von der Grundversicherung bezahlt werden müssen.

Das Parlament soll die Verantwortung übernehmen, wenn es beispielsweise eine Heilmethode wie die Anthroposophische Medizin in die Grundversicherung nehmen will, welche Krankheit und Behinderung als Folge von moralischem Versagen in einem früheren Leben auffasst.

Meines Erachtens war es ein grosser Fortschritt der Neuzeit, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr als Strafe für moralisches Versagen gesehen wird.

Wenn wir nun staatlicherseits diesen Fortschritt rückgängig machen wollen, ist das ein gravierender Schritt, den das Parlament verantworten soll, und nicht einige Bundesbeamte im BAG.

Nach dieser Verantwortung müsste man dann vor allem Parlamentarierinnen und Parlamentarier der Sozialdemokratischen Partei und der Grünen Partei fragen, die in ihrem Selbstverständnis ja so behindertenfreundlich sind, im Zuge dieses Verfassungsartikels aber die Remoralisierung von Krankheit und Behinderung am undifferenziertesten puschen.
Ebenso werden Fragen zu stellen sein an christliche Parteien wie CVP und EVP, ob sie eine solche Remoralisierung von Krankheit und Behinderung auf der Basis einer Karma-Lehre mittragen können.

Offene Fragen zuhanden des Parlamentes wären zum Beispiel:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/13/abstimmung-komplementaermedizin-bewahrung-des-traditionellen-heilmittelschatzes-zweifelhafte-versprechen.html

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/09/komplementaermedizin-abstimmung-fragwuerdige-versprechen-zur-qualitaetssicherung.html

Ich bin sehr gespannt auf die Diskussionen, wenn sich das Parlament einmal konkret mit dem Thema Komplementärmedizin befassen wird, und nicht nur vollkommen abstrakt und pauschal wie bisher.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Abstimmung Komplementärmedizin am 17. Mai: Nein oder Ja?

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Kommentar zur Medienkonferenz von BR Couchepin:

Bundesrat Pascal Couchepin überlässt es ganz dem Parlament, was es aus einem Ja am 17. Mai machen will.
Vor den Medien machte der Gesundheitsminister in Bern keinen Hehl daraus, dass er den Gegenvorschlag zur zurückgezogenen Volksinitiative „Ja zur Komplementärmedizin“ unnötig findet. Pflichtgetreu vertrat er jedoch die Ja-Parole des Bundesrates, welcher dem Parlament vor Urnengängen nicht widersprechen darf.
Wie bereits schon bei früherer Gelegenheit dämpfte der Gesundheitsminister die Hoffnung und Erwartung der Befürworter, die von ihm 2005 aus der Grundversicherung gekippten fünf ärztlichen Methoden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Neuraltherapie würden erneut kassenpflichtig.
Bedenken äusserte der Gesundheitsminister wegen der Mehrkosten, die eine stärkere Berücksichtigung der Komplementärmedizin seiner Ansicht nach bringen könnte. Die fünf provisorisch aufgenommenen Methoden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Neuraltherapie hätten die Krankenversicherung 2004 zwar nur 25 Millionen Franken gekostet. Nun jedoch wendeten die Zusatzversicherungen über 200 Millionen für die Komplementärmedizin auf.

Quelle: sda / www.sonntagszeitung.ch, 9. April 2009

Kommentar:

Dass Bundesrat Couchepin weder von der Initiative noch vom Gegenvorschlag viel hält, ist schon lange klar. Meine eigene Begeisterung darüber hält sich ebenfalls in engen Grenzen. Für mich steht noch gar nicht fest, dass die Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin dadurch eine guten Schritt vorwärts macht. Mich stört im Vorfeld dieser Abstimmung, dass es kaum zu einer inhaltlichen Diskussion kommt und kritische Einwände allenfalls aus einer Finanz-Perspektive heraus erhoben werden. So auch hier wieder. Wenn Bundesrat Couchepin sagt, die fünf Methoden hätten 2004 nur 25 Millionen Franken gekostet, die Zusatzversicherungen nun aber bereits 200 Millionen Franken, so vergleicht er zudem meiner Ansicht nach Äpfel mit Birnen.
Während es sich bei den 25 Millionen Franken um fünf begrenzte Methoden handelt, umfasst die Zusatzversicherung ein fast grenzenloses Sammelsurium von Methoden, ist kaum eingegrenzt.

Im Bereich der Zusatzversicherungen werden zudem zahlreiche Verfahren via Krankenkasse abgerechnet, deren Bezug zur Heilkunde fraglich ist, und die wohl eher zum Thema Wellness, Lebensbewältigung, Sinnsuche etc. gerechnet werden müssten (“Partnerschaftsprobleme? Kinesiologie hilft! EMR-Anerkannt”). Im Bereich der Zusatzversicherungen fehlen engere Grenzen und vor allem existiert nicht im Ansatz eine überzeugende Qualitätskontrolle.

Daher lassen sich die 25 Millionen Franken von 2004 (Grundversicherung mit fünf Methoden) und die heutigen 200 Millionen (Zusatzversicherung incl. nichtärztlicher Bereich und mit unzähligen Methoden) nie und nimmer vergleichen.
Mir fehlt aber die inhaltliche Auseinandersetzung im Vorfeld dieser Abstimmung (und auch generell vorher und nachher):

Welche Komplementärmedizin ist sinnvoll und welche nicht?

Welche Komplementärmedizin ist wirksam und welche nicht?

Wie lässt sich eine glaubwürdige Qualitätssicherung aufbauen im Bereich von Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde? Bisher wird nämlich den Konsumentinnen und Konsumenten mit “Labels” wie dem EMR eine Qualitätssicherung nur vorgegaukelt.

An dieser Konsumententäuschung sind auch Krankenkassen sowie Kantone wie Graubünden und Luzern beteiligt, die sich auf solche leeren “Labels” abstützen.

Das “Erfahrungsmedizinische Register” (EMR) beispielsweise ist eine Abteilung der Privatfirma Eskamed, einer Kommunikationsagentur in Basel. Hier wird angeblich die Qualität von nichtärztlichen Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde beurteilt. Aber genau genommen werden vor allem Ausbildungsstunden und Weiterbildungsstunden zusammengezählt. Was in diesen Ausbildungsstunden für Inhalte vermittelt wird, ob hier Bullshit erzählt wird oder fundiertes Wissen, ist dem EMR und offenbar auch den Krankenkassen ziemlich egal (sonst gäbe es nicht so viel Bullshit in diesem Bereich).

Inhaltliche Qualität zählt nichts im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde. Das halte ich für verheerend.
Hier müsste meines Erachtens die Diskussion geführt werden und nicht nur beim Punkt der Finanzen. Die Befürworter dieses Verfassungsartikels müssten genau aufzeigen, wie sie sich eine (auch inhaltliche) Qualitätssicherung vorstellen.
Die Fragestellung “Komplementärmedizin Ja oder Nein?” bleibt undifferenziert im Lagerdenken stecken. Es müsste mindestens so gründlich diskutiert werden darüber, welche Komplementärmedizin wir wollen / brauchen – und welche nicht.

Zur Abstimmung über den Verfassungsartikel zur Förderung der Kommplementärmedizin siehe auch folgenden Beitrag:
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/03/volksabstimmung-zur-foerderung-der-komplementaermedizin-ja-oder-nein.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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