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Neuraltherapie definitiv in der Grundversicherung

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Die NZZ am Sonntag meldet heute:

„Für die Befürworter der Komplementärmedizin brechen wieder bessere Zeiten an. Ab Januar werden Homöopathie, Neuraltherapie und drei weitere Behandlungsmethoden provisorisch für sechs Jahre wieder von der obligatorischen Grundversicherung vergütet. So hat es Gesundheitsminister Didier Burkhalter dieses Jahr entschieden.“

Kommentar:

Pauschale „Befürworter der Komplementärmedizin“ sind etwa so naiv wie Leute, die pauschal alle Pilze für essbar halten.

„Komplementärmedizin“ ist eine Worthülse mit sehr unklar definiertem Inhalt. Man muss die einzelnen Methoden anschauen und den leeren „Verpackungsbegriff“ Komplementärmedizin zur Seite legen.

Siehe:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Zu den erwähnten drei weiteren Behandlungsmethoden, die ab Januar wieder provisorisch von der Grundversicherung vergütet werden, gehört auch die Phytotherapie. Allerdings werden Patientinnen und Patienten davon nicht profitieren.

Siehe dazu:

Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?

Dass Phytotherapie in dieses 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, war wohl eher ein Lobbying-Trick, um mehr Befürworter für dieses Päckli zu gewinnen.

Täuschung der Stimmberechtigten, würde ich sagen.

„Was Burkhalter nicht kommuniziert hat: Für den grössten Teil der Neuraltherapie ist diese Aufnahme nicht limitiert, sondern unbeschränkt….Zudem wollen die Neuraltherapeuten mit ihren bisherigen Mitstreitern aus der Komplementärmedizin zu tun haben. Wie nun auch der Bund bestätige, gehörten grosse Teile ihrer Disziplin zur Schulmedizin, sagt Hausammann. Man wolle darum im politischen Streit um die Alternativmedizin nicht länger erwähnt werden.“

Kommentar:

Die Neuraltherapeuten haben sich schon vor einiger Zeit vom Komplementärmedizin-Dachverband getrennt:

„Die Schweizerische Ärztegesellschaft für Neuraltherapie hat die Zusammenarbeit mit dem Dachverband für Komplementärmedizin aufgekündigt. Laut einer geharnischten Mitteilung vom Samstag liegt der Grund für die Trennung im Konfrontationskurs, den der Dachverband gegenüber der eidgenössischen Leistungskommission (ELGK) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) unter Bundesrat Didier Burkhalter einschlagen will.“

Quelle:

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/alternativmediziner_im_bruderzwist_1.8496007.html

Kommentar:

Die Neuraltherapeuten kritisieren meines Erachtens zur Recht den polemischen Kurs des Dachverbandes Komplementärmedizin.

Und wenn die Neuraltherapeuten betonen, dass ihre Methode grossenteils zur Schulmedizin gehöre, dann ist dazu zu sagen:

1. Das trifft auch auf die Phytotherapie zu. Bisher habe ich noch kein auch nur ansatzweise plausibles Argument gehört, weshalb Phytotherapie zur Komplementärmedizin zählen soll.

Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

2. Auch der Begriff „Schulmedizin“ ist ausgesprochen fragwürdig und sollte meines Erachtens wo immer möglich vermieden werden.

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Methoden der Alternativmedizin

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Wie orientiert man sich eigentlich in diesem unübersichtlichen „Dschungel“?

„Alternativmedizin“ ist ein Begriff, der  sich gar nicht so einfach eindeutig definieren lässt. „Alternative“ bedeutet „Wahl zwischen zwei Möglichkeiten“.  Das Wort wurzelt im Lateinischen:

mlt. alternativus = zweideutig,

lat. alternare = abwechseln,

lat. alternus = jeder zweite,

lat. alter = der eine, der andere.

Ist nun Alternativmedizin selber eine Alternative zur Medizin oder eine Medizin,  die abwechselnd mit der Medizin zur Anwendung kommt?

Der Begriff Alternativmedizin wird zudem immer wieder sehr ähnlich verwendet wie der Begriff „Komplementärmedizin“, wobei – so ist zu hören, Komplementärmedizin die Medizin ergänzen will (lat. complere = ausfüllen, vollständig machen).

Darüber hinaus wird der Begriff Komplementärmedizin genauso wie der Begriff Alternativmedizin häufig mit dem Ausdruck Naturheilkunde vermischt oder gleichgesetzt. Ein ziemliches Definitionschaos also.

Ein genaueres Verständnis dieser Begriffe wäre aber wichtig, wenn wir uns in diesem unübersichtlichen Terrain orientieren wollen.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Naturheilkunde – was ist das?

Noch komplexer wird die Lage, wenn man bedenkt, dass es mehrere hundert Methoden gibt, die irgendwie zum Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin gerechnet werden. Am Schluss dieses Beitrages finden Sie eine Aufzählung der Methoden, die vom EMR (Erfahrungsmedizinisches Register) aufgeführt werden. Hinter dem EMR steht eine Privatfirma, die im Auftrag verschiedener Krankenkassen entscheidet, welche Methoden bzw, welche Therapeutinnen und Therapeuten über Zusatzversicherungen abrechnen dürfen. Das EMR selber prüft diese Methoden allerdings nicht auf ihre Qualität.

Wer sich für solche Methoden interessiert steht daher vor der Frage, wie sich bei dieser Vielfalt die Spreu vom Weizen trennen lässt.

Das scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit. Alle Methoden ausprobieren? Geht nicht. Sich in allen Methoden ausbilden lassen, um sich dann eine Meinung zu bilden? Auch nicht machbar.

Es gibt jedoch durchaus Kriterien, mit denen man Heilmethoden und Heilungsversprechungen prüfen kann, ohne dass man diese Methoden bis ins Detail kennen muss. Zum Beispiel kann man die Grundhaltungen anschauen, auf denen ein Therapiesystem aufbaut (Weltbild, Menschenbild, Verständnis von Gesundheit und Krankheit, Umgang mit Erkenntnis und Wissen). Solche Grundhaltungen zeigen sich oft schon im Klappentext eines Buches oder in einer Kursausschreibung.

Wer sich für solche Kriterien interessiert, bekommt dazu eine fundierte Basis im Tagesseminar

Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot

Methoden der Alternativmedizin / Komplementärmedizin (Auswahl):

Aderlass, Akumattherapie, Akupressur, Akupunkt-Massage, Akupunktur, Alexander-Technik, An-Mo / Tui-Na, Anthroposophische Medizin, Aromatherapie, Asiatische Körper- und Energiearbeit, Atemtherapie, Augendiagnostik / Irisdiagnostik, Aura-Soma-Therapie, Ausleitende Verfahren (NHP), Autogenes Training, Ayurveda-Ernährungsberatung, Ayurveda-Heilmittel, Ayurveda-Massage, Bach-Blütentherapie, Baunscheidt-Therapie, Bewegungstherapie und Tanztherapie nach Hauschild-Sutter, integrative Bewegungstherapie, klinische Bewegungstherapie, Bindegewebsmassage, Biochemie nach Schüssler, Biodynamische Psychologie / Biodynamik, Biofeedback, Bioresonanztherapie, Blutegel-Therapie, Brain Gym, Colon-Hydro-Therapie, Colon-Massage, Cranio-Sacral-Therapie, Deep Draining, Diätetik (NHP), Eigenbluttherapie / Autosanguisstufentherapie, Elektroakupunktur, Elektroakupunktur nach Voll / Bioelektronische Funktionsdiagnostik, Elektrotherapie, Ernährungsberatung, Ernährungsberatung (TCM), Esalen Massage, Eugemed-Regenerationstherapie, Eutonie Gerda Alexander, Fango, Farbpunktur, Farbtherapie, Fasciatherapie, Feldenkrais-Methode, Frecodyn-Therapie, Funktionelle Biometrie, Fussreflexzonen-Massage, Hatha Yoga, Heileurythmie, Heilpädagogisches Reiten / Therapeutisches Reiten, klassische Homöopathie, Hydrotherapie (Med. Mass.), Hämatogene Oxidationstherapie, Kinesiologie, Klassische Massage, Kneipp-Therapie / Hydrotherapie, Laser-Akupunktur, Lichttherapie, Lykotronic, Magnetfeldtherapie, Maltherapie, anthroposophische Maltherapie, Manuelle Lymphdrainage, Massagepraktiken (NHP), Meridian-Therapie, Mesotherapie, Metamorphosis, Moxa / Moxibustion, Musiktherapie, anthroposophische Musiktherapie, Muskelreflexzonenmassage, Myofunktionelle Therapie, Neuraltherapie, Neurofeedback, Ohrakupunktur, Ohrkerzen-Therapie, Organisch-rhythmische Bewegungsbildung Medau, Ortho-Bionomy, Orthomolekulare Therapie, Osteopathie / Etiopathie, Ozontherapie, Phytotherapie (TCM), westliche Phytotherapie, anthroposophisches Plastisch-therapeutisches Gestalten, Polarity, Posturale Integration, Psychomotorik, Psychozonenmassage, Puppenspiel-Therapie, Qi-Gong, Rebalancing, Rebirthing, Reflexzonenmassage, Reiki, anthroposophische Rhythmische Massage, Rolfing / Strukturelle Integration, Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, Schröpfen, Shiatsu, Shin Tai, Sophrologie Bio-Dynamique, Sophrologie Caycédienne, Sumathu-Therapie, Sympathico-Therapie, Tai-Chi, Tanztherapie, Thai-Massage, anthroposophische Therapeutische Sprachgestaltung, Thermographie, Tibetische Medizin, Tomatis-Methode, Touch for Health, Trager-Methode, Ultraviolettbestrahlung des Bluts, Vitalpraktik nach Vuille, Wickel / Umschläge, Wirbelsäulen-Basis-Ausgleich / Wirbelsäulen-Basis-Therapie.

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Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt?

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Unter dem Titel „Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt“ berichtet die Sendung „Kontext“ auf Radio DRS 2 über das Thema „Komplementärmedizin und Placebo“.

Quelle: http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/5005.sh10168514.html

Ich habe mir den dazu publizierten Text auf der DRS2-Website genauer angeschaut.

„Kontext“ – eine Sendung, die ich sehr schätze – stellt darin wichtige Fragen, lässt meines Erachtens aber auch entscheidende Fragen weg.

Eingangs stellt „Kontext“ fest:

„Die Diskussion in der Schweiz rund um die Komplementärmedizin ist gross. Alternative Behandlungen wirkten nicht besser als ein Placebo, wird oft bestätigt. Was wäre denn so schlimm daran?“

Eine interessante Frage. „Kontext“ schlägt auch den Bogen zur aktuellen Auseinandersetzung um die Aufnahme der Komplementärmedizin-Verfahren in die Grundversicherung:

„Vielleicht sollte die Diskussion um Sinn und Unsinn von medizinischen Therapien auch in der Schweiz stärker auf den Nutzen für den Patienten fokussieren, Placebo-Kontrolle hin oder her. Anders wird sich der Zwist um die Vergütung und Bewertung komplementärmedizinischer Verfahren wohl nicht lösen lassen.“

Heisst das nun, dass der Zwist um die Vergütung von Komplementärmedizin sich lösen lässt, wenn auch der reine Placebo-Effekt bezahlt wird?

Schauen wir uns die Argumentation Schritt für Schritt an. Den Kontext-Text von der Radio-DRS-Website setze ich kursiv, anschliessend folgt jeweils mein Kommentar.

„’Wer heilt hat recht‘, sagt der Volksmund. Doch was genau heisst «heilen»? Wie kann man wissen, ob ein Medikament, eine Therapie, ein medizinischer Eingriff tatsächlich wirkt – sei er nun schul- oder komplementärmedizinisch?“

Kommentar: Wichtiger Punkt. Wer heilt hat nur Recht, wenn er oder sie wirklich heilt und es nicht nur behauptet. Therapeutinnen und Therapeuten jeder Couleur neigen dazu, auch die Wirkung der Selbstheilungskräfte der eigenen Methode gut zu schreiben.

“In der wissenschaftlich begründeten Medizin, der so genannten «evidence based medicine», hat man dazu eine einfache Antwort gefunden: Das Medikament, die Therapie, der medizinische Eingriff muss in einer placebokontrollierten Studie getestet werden, muss also besser wirken als eine Scheinbehandlung, als ein Placebo.“

Kommentar: Das ist allerdings alles andere als eine einfache Antwort. Es gibt Studien unterschiedlicher Qualität und mit widersprüchlichen Ergebnissen. Im Bereich der Phytotherapie ist das gut ersichtlich bei Heilpflanzen wie Echinacea oder Ginkgo. Die „evidence based medicine“ wertet deshalb mehrere Studien zum gleichen Thema in Metastudien aus, und versucht daraus Schlussfolgerungen mit grösserer Plausibiliät zu ziehen. Und es gibt sogar widersprüchliche Ergebnisse bei Metastudien zum gleichen Thema. Einfache Antworten zur Wirksamkeit gibt es dagegen in der Komplementärmedizin zuhauf. So behauptet beispielsweise das Bundesamt für Gesundheit, es beurteile die Wirksamkeit von Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin nicht einzeln, wenn es um die Zulassung zur Grundversicherung geht, sondern in Arzneimittelgruppen. Wie das genau abläuft, kann das BAG aber nicht darlegen. Eine vollkommen intransparente Pseudowirksamkeitsprüfung. Wenn also jemand eine (allzu) „einfache Antwort“ auf die Frage nach der Wirksamkeit gefunden hat, dann das BAG beim Thema Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit als Arzneimittelgruppe zu beurteilen, das ist einfach eine Verarschung und zudem wohl kaum konform mit den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes.

„Bedeutet das zwangsläufig, dass die komplementärmedizinischen Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder traditionelle chinesische Medizin wertlos sind? «Das mag zwar manchmal Sinn machen. Aus Labor- und klinischen Studien wissen wir aber auch, dass der Placebo-Effekt selber durchaus heilsam sein kann», sagt der Placebo-Spezialist Frank Miller vom National Institute of Health in den USA.“

Kommentar: Ja, keine Frage. Auch der Placebo-Effekt ist wertvoll. Das bestreitet aber wohl niemand im Ernst.

„In der Tat zeigen komplementärmedizinische Verfahren meist keine bessere Wirkung als Placebo. Zum Beispiel kam eine Studie, bei der Anwendung von Akupunktur gegen Kopfschmerzen untersucht wurde, zum Schluss, dass gegenüber der Schein-Akupunktur, bei der die Nadeln an beliebigen Orten in den Körper geführt werden, kein Wirkungsunterschied besteht. Aber: Akupunktur wirkte gegen Kopfschmerzen tendenziell besser als Medikamente, so Klaus Linde, Mediziner und Epidemiologe an der technischen Universität München und langjähriger Erforscher der Komplementärmedizin.“

Kommentar: Dazu ist vorerst einmal festzuhalten, dass Akupunktur schon bisher von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt wird. Darum kann es also nicht gehen.

Wenn Akupunktur gleich gut oder besser ist als Medikamente, dann soll Akupunktur bezahlt werden. Eigenartigerweise beruft sich „Kontext“ hier aber auf eine Vergleichsstudie, obwohl der Text sonst die Relevanz von Studien in Frage stellt.

Ich bin für klare, gerechte, transparente Regeln. Auf grund der Vergleichsstudie, aber auch wenn der Nutzen für den Patienten zum entscheidenden Kriterium wird, wie „Kontext“ das vorschlägt, dann muss Scheinakupunktur genauso bezahlt werden wie Akupunktur nach TCM-Lehre. Dann ist nicht einzusehen, weshalb man für teures Geld ein TCM-System mit Energiebahnen, Meridianen etc. lernen muss, wenn der Nutzen mit Scheinakupunktur genauso gross ist. Warum fordert niemand die Vergütung von Scheinakupunktur via Grundversicherung?

Nun zu den meines Erachtens entscheidenden Fragen, die „Kontext“ nicht stellt.

Wenn für die Aufnahme in die Grundversicherung das Kriterium „besser als Placebo“ fallen gelassen wird, und der „Nutzen für den Patienten“ zum Kriterium wird, stellen sich folgende Fragen bzw. Probleme:

1. Die Krankenkasse zahlt aus der Grundversicherung dann also auch den reinen Placeboeffekt. Für den Patienten ist dieser selbstverständlich fraglos wertvoll. Allerdings hat praktisch jede Heilmethode einen Placeboeffekt. Gerechterweise muss dann die Krankenkasse jede Methode zahlen.

2. Der „Nutzen für den Patienten“ ist ein nicht ganz einfach zu fassendes Phänomen. Wer den Nutzen als Kriterium propagiert, müsste auch klar darlegen, wie dieser Nutzen bestimmt werden soll. Mir hilft Pilates. Ich werde unter den Pilates-Übenden locker ein paar Tausend Leute finden, die den Nutzen dieser Bewegungsmethode bestätigen.  Im übrigen wäre es vor ein paar hundert Jahren auch ein leichtes gewesen, mit einer Umfrage den Nutzen der Aderlass-Methode darzulegen. Denn alle, die diese Intervention über sich ergehen liessen, waren von ihrem Nutzen wohl überzeugt. Für mich sehe ich keinen Nutzen in Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin, in Pilates aber schon. Wenn also der Nutzen als Kriterium entscheidet: Warum wollen mir Politikerinnen und Politiker vorschreiben, dass ich komplementär Homöopathie, Neuraltherapie, Traditionelle chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin oder Phytotherapie (die gar nicht zur Komplementärmedizin gehört) via Grundversicherung nutzen darf, Pilates aber nicht?

3. Das Kriterium „Nutzen“ ist etwa ähnlich schwammig und nebulös wie das Kriterium „Alltagswirksamkeit“. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat angekündigt, sich vermehrt am Kriterium „Alltagswirksamkeit“ zu orientieren, nachdem das Kriterium „wirksamer als Placebo“ durch populistische Politikerinnen und Politiker unter Druck geraten ist.

Quelle: http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878

„Nutzen“ und „Alltagswirksamkeit“ sind Beliebigkeitskriterien. Zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV) ein prägnantes Zitat:

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html

Das Kriterium „Nutzen“ scheint mir eine vergleichbare Nebelgranate wie „Alltagswirksamkeit“.

4. Der Placebo-Effekt ist wertvoll. Es gibt aber viele Krankheiten, bei denen ein Placebo-Effekt allein nicht reicht. Beispielsweise Krebs, Diabetes, AIDS, Borreliose, Parkinson, Malaria. Bei solchen Krankheiten ist es meines Erachtens entscheidend Medikamente zu finden, die besser wirken als Placebo. Und das geht nur durch den Vergleich mit Placebo. Dieser Aspekt geht leicht verloren, wenn man den „Kontext“-Text liest, der die positive Wirkung des Placebo-Effekts ins Zentrum stellt. Studien, in denen die Wirkung eines Heilmittels mit der Wirkung eines Placebos verglichen wird, werden von manchen Kreisen aus Komplementärmedizin und Alternativmedizin diffamiert, weil sie dadurch ihre Methoden und Überzeugungen bedroht sehen. Das ist ein Immunisierungsstrategie, die gegen Kritik schützen soll. „Kontext“ fährt meines Erachtens auf diesem „Diffamierungszug“ mit. Das halte ich für falsch, weil es kein besseres Mittel gibt für Fortschritte in der Medizin wie gut gemachte Doppelblind-Studien.

5. Wenn alle Heilmethoden und Heilmittel einen Placebo-Effekt enthalten: Was spricht dann dagegen, trotzdem für die Vergütung via Grundversicherung daran festzuhalten, dass ein Mittel besser wirken soll als Placebo? Es ist doch die Alternative: „Placebo“ oder „Placebo plus spezifische Wirkung“, die zur Wahl steht. Also warum nicht ein Mittel, das beides bietet? Weshalb plädiert „Kontext“ – wenn ich das richtig versteht – für die verstärkte Berücksichtigung von „Nur Placebo“ statt für „Placebo plus spezifische Wirkung“? Das würde meiner Ansicht nach nämlich bedeuten: Wenn Firma XY behauptet, ihr Heilmittel Z. wirke gegen Krebs, dann müsste die Grundversicherung Z. bezahlen, wenn Z. (wie jedes Mittel) einen Placebo-Effekt hat und (wie jedes Mittel, das einen Placebo-Effekt hat) einen Nutzen darlegen kann. Auf die Forderung nach einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus wird somit verzichtet.

Der Kern dieser fraglichen Punkte ist meines Erachtens:

Wer für die Abrechnung via Grundversicherung auf die Forderung verzichten will, dass ein Heilmittel oder eine Heilmethode zusätzlich zum Placebo-Effekt noch eine spezifische Wirkung hat, wer also auch nur den reinen Placebo-Effekt aus der Grundversicherung zahlen will, wenn ein „Nutzen“ gegeben ist, der muss sehr genau darlegen, was er oder sie genau unter „Nutzen“ versteht und wie dieser „Nutzen“ erfasst und bewertet wird. Denn weil jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Placebo-Effekt hat, hat auch jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Nutzen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Phytotherapie & Wirksamkeit

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Gesundheitsminister Didier Burkhalter hat bekanntlich entschieden, fünf Komplementärmedizin-Methoden von 2012 bis 2017 provisorisch wieder für die obligatorische Grundversicherung der Krankenkassen zuzulassen. Es geht um Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.

Dass meiner Ansicht nach Phytotherapie mit guten Gründen gar nicht zur Komplementärmedizin gehört, sondern zur Naturheilkunde, habe ich schon an anderer Stelle dargelegt.

Siehe:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Naturheilkunde – was ist das?

Die provisorische Zulassung begründet Bundesrat Burkhalter damit, dass die vom Gesetz vorgeschriebene Wirksamkeit der fünf Komplementärmethoden nicht belegt sei, was weitere Abklärungen nötig mache.

Wie steht es dabei mit der Phytotherapie?

Ist die Wirksamkeit der Phytotherapie nun wissenschaftliche belegt oder nicht?

Mit Verlaub: Nur schon diese Fragestellung scheint mir irgendwie bescheuert.

Es gibt Heilpflanzen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist.

Und es gibt Heilpflanzen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist.

Genauer noch: Es gibt bestimmte Zubereitungen aus Heilpflanzen, die belegt sind, andere Zubereitungen aus der gleichen Heilpflanze sind nicht belegt.

Wie bitteschön soll also jemand den Schluss ziehen, dass Phytotherapie generell (!) wirksam ist oder nicht? Das ist meines Erachtens undifferenzierter Schabernack.

Heilpflanzen-Zubereitungen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist, werden im übrigen schon bisher von der Grundversicherung bezahlt, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt.  Deshalb sehe ich immer noch keinen Nutzen für Patientinnen und Patienten, wenn Phytotherapie nun (provisorisch) in die Grundversicherung kommt – aber das habe ich ebenfalls schon an anderer Stelle dargelegt.

Siehe:

Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin provisorisch wieder in der Grundversicherung

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Gesundheitsminister Didier Burkhalter hat entschieden, fünf Methoden der Komplementärmedizin – Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Neuraltherapie, Phytotherapie – provisorisch von 2012 – 2017 wieder in die Grundversicherung aufzunehmen.

http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=37173

Was folgt daraus?

Im Bereich der Phytotherapie werden Patientinnen und Patienten meines Erachtens von diesem Entscheid gar nichts profitieren. Die Forderung „Phytotherapie in die Grundversicherung“ war und ist meiner Ansicht nach leere populistische Rhetorik.

Siehe:

Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringts?

Fachlich spricht meines Erachtens sowieso alles dafür, dass Phytotherapie gar nicht zur Komplementärmedizin gehört, sondern zur Naturheilkunde.

Siehe:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Naturheilkunde – was ist das?

Dass Phytotherapie in diesem 5er-Paket als Komplementärmedizin-Methode daher kommt, dürfte zusammenhängen mit fehlenden Detailkenntnissen der Parlamentsmitglieder und einer cleveren Lobbying-Strategie der pauschalen Komplementärmedizin-Befürworter.

Nun kann man also – nicht zuletzt dank engagiertem Einsatz der Sozialdemokratischen Partei, der Grünen Partei und der Stiftung für Konsumentenschutz – den Kampf gegen die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer über die Grundversicherung abrechnen.

Siehe:

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

Und Behinderte können endlich wieder mit Anthroposophischer Medizin via Grundversicherung ihr schlechtes Karma verbessern. Denn Krankheit und Behinderung sind nach anthroposophischer Vorstellung Folge von moralischem Versagen in einem früheren Leben. Lügenhaftigkeit bringt geistige Behinderung…..

Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Schön, dass ich vielleicht bald meine durch moralisches Versagen in einem früheren Leben erworbene Sehschwäche via Grundversicherung durch Augenheileurythmie angehen kann. Pech nur, dass die Grundversicherung Kontaktlinsen und Brillen neuerdings nicht mehr zahlt. Aber die sind ja sowieso nur Symptombekämpfung, während eine anthroposophische Karmatherapie natürlich an die Ursache geht.

Von einem öffentlichen Engagement der Sozialdemokratischen Partei, der Grünen Partei oder der Stiftung für Konsumentenschutz gegen die Streichung von Brillen und Kontaktlinsen ist mir nichts zu Ohren gekommen.

Sie setzen sich lieber für die Bezahlung einer Karmatherapie und für den Kampf gegen Ahriman und Luzifer via Grundversicherung ein. So kann man sich täuschen – dachte ich doch, das seien konsumentenfreundliche und behindertenfreundliche Organisationen….

Die provisorische Aufnahme der fünf Komplementärmedizin-Methoden eröffnet jetzt aber die Möglichkeit, Zweckmässigkeit und Wirksamkeit der anthroposophischen Karmatherapie und des Kampfes gegen die anthroposophischen Widersachermächte genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei den PEK-Studien wurden diese Fragen ja ausgeklammert.

Siehe:

Komplementärmedizin – Fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit

Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.

Wenn diese Provisoriumszeit tatsächlich zu einer seriöseren und differenzierteren Auseinandersetzung mit den Fragen rund um die Komplementärmedizin führt, hat sie durchaus ihren Sinn. Von den Politikerinnen und Politikern wünsche ich mir im Umgang mit diesem Thema weniger Populismus und dass sie nicht nur schöne Schlagworte verwenden, sondern sich mit konkreten Inhalten befassen. Dann würden sie vielleicht merken, wie komplex, heterogen und zum Teil auch sehr fragwürdig das Terrain Komplementärmedizin ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Alternativmedizin und Naturheilkunde nicht in einen Topf werfen!

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Um die Begriffe Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde herrscht ein veritables Durcheinander. Colin Goldener hat im Humanistischen Pressedienst einen Text veröffentlicht, der einige Unterschiede zwischen Alternativmedizin und Naturheilkunde aufzeigt. Ich übernehme diesen Text hier abschnittweise (kursiv) mit dazwischen geschalteten Kommentaren:

„Aus Apotheken-Rundschauen, Hausfrauenpostillen und Lifestylemagazinen sind den Lesern Dutzende von Verfahren geläufig, die sie für besonders sanft und natürlich halten: Alternativheilkunde und Naturheilkunde werden insofern häufig ineinsgesetzt. Tatsächlich haben sie überhaupt nichts miteinander zu tun…..Zu den wirklichen Naturheilverfahren – allesamt Teil der Schulmedizin – zählen Luft- und Lichttherapie, Wasseranwendungen, Entspannungs- und Bewegungsübungen, bewusste Ernährung und allgemein »gesündere Lebensführung«; pharmakologisch auch der Einsatz wirkbelegter Pflanzenpräparate. Im Gegensatz zu diesen bewährten Verfahren können die Alternativheilverfahren keinerlei tragfähigen Wirkbeleg vorweisen, ein Umstand, der mit Hilfe suggestiver Begleitbegriffe wie »unkonventionell«, »komplementär« oder auch »ganzheitlich« vertuscht wird. Wären die Alternativheilverfahren wirkbelegt, wären sie längst Teil der Schulmedizin.“

Die Verfahren der Naturheilkunde lassen sich auch gut umschreiben mit den 5-Säulen nach Sebastian Kneipp: Hydrotherapie, Heilpflanzen-Anwendungen, Ernährung, Bewegung / Luft / Licht, Ordnungstherapie.

Die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) gehört zur Naturheilkunde, nicht zur Komplementärmedizin oder Alternativmedizin.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde – was ist das?

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

„Der große Zuspruch, den die Alternativheilkunde erfährt, begründet sich darin, daß ihre Anbieter sich dem jeweiligen Patienten und seinen Problemen meist sehr viel intensiver zuwenden, als Schulmediziner dies tun. Es ist ein erhebliches Manko des schulmedizinischen Versorgungssystems, dass viel zu wenig Zeit aufgewandt wird, dem Patienten wirklich zuzuhören und persönlich auf ihn einzugehen. Eben deshalb wenden sich rat- und hilfesuchende Menschen gerne an Heilpraktiker und Homöopathen, bei denen sie sich allein schon des anamnestischen Zeitaufwandes wegen sehr viel ernster genommen fühlen als in der regulären Arztpraxis oder Klinik. Die Alternativheilverfahren selbst erscheinen attraktiv, da sie – auch wenn dies nicht zutrifft – als »natürlich wirksam« und damit »nebenwirkungsfrei« angepriesen werden. Der Umstand, dass viele davon auf magisch-okkulte Wirkkräfte abstellen – Geistheilung, Reiki, Touch for Health – tut ein übriges.“

Verfahren der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin decken darüber hinaus oft auch Sinnbedürfnisse, in dem sie eine Krankheit in einen grösseren Zusammenhang stellen, während eine wissenschaftliche Medizin sich solcher Sinndeutungen enthält. Dazu ist allerdings zu sagen, dass die komplementärmedizinischen Sinnzuschreibungen oft hoch spekulativ sind und leicht in Schuldzuweisungen umschlagen. Vorgegebene „Instant-Sinnangebote“ sind sowieso ziemlich problematisch und stehen oft einer eigenen, autonomen Sinnfindung eher im Wege.

„Es spricht überhaupt nichts dagegen, bei kleineren Beschwerden und Mißbefindlichkeiten, auch zur Vor- und Nachsorge, naturheilkundliche Verfahren einzusetzen. Abzuraten ist indes von sämtlichen Verfahren und Praktiken der sogenannten Alternativheilkunde, die, wie gesagt, mit Naturheilverfahren überhaupt nichts zu tun haben.

Skepsis ist allemal geboten, wenn von »Schwingungen« oder »Lebensenergien« die Rede ist, die da »gesteigert« oder »harmonisiert« werden sollen; desgleichen, wenn das jeweilige Verfahren als »unkonventionelle«, »komplementäre«, »ganzheitliche« oder sonstig alternative »Erfahrungsheilkunde« angepriesen wird, die insofern der »Schulmedizin« turmhoch überlegen – oder zumindest ebenbürtig – und zudem völlig nebenwirkungsfrei sei. Letzteres kann nur für jene Verfahren gelten, die, wie z.B. Bachblütentherapie, überhaupt keine Wirkung haben. Einige der Alternativheilpraktiken, Akupunktur etwa oder Neuraltherapie, bergen ungeahnte Risiken, und selbst vermeintliche Harmlosverfahren wie Aromatherapie sind keineswegs risikofrei. Ansonsten besteht das Hauptrisiko alternativer Heilverfahren darin, daß der rechte Zeitpunkt zum Einsatz einer verfügbaren und sinnvollen Therapie verpaßt wird, wodurch sich das jeweilige Problem massiv verschärfen kann.“

Die Inflation aufgeblasener Worthülsen wie „energetisierte Heilpflanzen“, „Wesen der Pflanzen“, „Lebensenergie“ etc. ist tatsächlich eine hoch fragwürdige Angelegenheit. Die Schwierigkeit dabei ist, dass solche gut tönenden Schlagworte verwendet werden, ohne dass auch nur ansatzweise geklärt wird, was der sprechende oder schreibende Mensch damit meint. Damit haben dann alle Beteiligten sich möglicherweise gut unterhalten, reden aber ziemlich sicher aneinander vorbei, weil jede und jeder sehr unterschiedliche Vorstellungen mit diesen Begriffen verbindet.

„Abstand zu halten ist von Anbietern, die ihre diagnostischen oder heilerischen Fähigkeiten von »höherer Warte« – von Engeln, Jesus oder »aus dem Kosmos« – bekommen haben wollen oder die Praktiken verwenden, die die Gesetze von Physik, Chemie oder des »gesunden Menschenverstandes« außer Kraft setzen. Göttliche Heilkräfte und Engelsenergien gibt es nicht, ebensowenig diagnostisch brauchbare Aussagen aus dem astrologischen Horoskop oder solche, die mit Pendel und Wünschelrute gewonnen wurden.“

Jedenfalls laufen hunderte von durchgeknallten Heilerinnen und Heiler mit der hoch narzisstischen Phantasie herum, direktes Sprachrohr einer höheren Macht zu sein.

„Auch das vielzitierte Schlagwort »Wer heilt, hat recht« kann nicht zur Bestätigung der Alternativheilverfahren herangezogen werden. Tatsächlich heilen diese – über einen allemal möglichen Placeboeffekt hinaus – gar nichts. Vielmehr beruhen ihre »Erfolge« darauf, dass unterschiedlichste Beeinträchtigungen der Gesundheit nach einer Zeit »von selbst« wieder verschwinden. Menschen mit derlei Beeinträchtigung suchen häufig »alternative« Heiler auf, die dann, ebenso wie sie selbst, natürliche oder spontane Heilungsverläufe bzw. zyklische Besserungen als Ergebnis der jeweiligen »Behandlung« interpretieren. Eine »irgendwann« eintretende Besserung kann dann der jeweiligen Behandlung zugute geschrieben werden, auch wenn diese mit dem Heilungsverlauf überhaupt nichts zu tun hat.“

„Wer heilt hat recht“ ist tatsächlich ein zwar oft gebrauchter, aber nicht desto trotz ziemlich dummer Kampfspruch. Denn er unterschlägt in der Regel alle anderen Einflüsse auf den Genesungsprozess wie Placebo-Effekt, Selbstheilungkräfte, natürliche Schwankungen der Beschwerden bei chronischen Krankheiten, veränderte Lebensumstände. Es ist wirklich sehr simpel, naiv und unbescheiden, jede Besserung sogleich dem eigenen Heilmittel zuzuschreiben.

„Insofern spielen auch Realitätsverzerrungen eine Rolle: Selbst wenn keine Verbesserung nachweisbar ist, können Anhänger alternativer Heilverfahren davon überzeugt sein, dass ihnen geholfen wurde, allein, weil sie sich besser fühlen. Es kann dieses »Gefühl der Besserung« ein durchaus bedeutsamer Genesungsfaktor sein, der allerdings nichts mit dem angewandten Verfahren zu tun hat. Keine Besserung zu erhalten, nachdem man viel Zeit, Geld und guten Glauben in eine alternative Behandlung investiert hat, führt oft auch dazu, dass ein ausbleibender Erfolg konstruiert wird, allein schon, um das ansonsten notwendige Eingeständnis zu vermeiden, einem Quacksalberverfahren aufgesessen zu sein. Wider jede Vernunft und mit oftmals nachgerade fanatischem Glaubenseifer werden jede Kritik und Selbstkritik abgewehrt.“

Der Umgang mit Kritik ist ein Prüfstein für Methoden der Komplementärmedizin. Je offener die Auseinandersetzung mit argumentativer Kritik, desto höher die Glaubwürdigkeit. Je fanatischer und missionarischer das Auftreten, desto mehr Vorsicht ist geboten.

„Grundsätzlich abzuraten ist von Anbietern, die über kein akademisches Fachstudium verfügen. Ausreichende Qualifikation des Therapeuten und Wirksamkeitsnachweis des eingesetzten Verfahrens geben zwar keine Garantie für einen Erfolg, aber das Risiko seitens des Patienten ist minimiert. Besondere Vorsicht ist insofern walten zu lassen bei der Konsultation von Heilpraktikern. Diese verfügen zwar über eine formale Berechtigung zur Ausübung der Heilkunde, ihre Ausbildung kann indes dem Anspruch seriöser Heilbehandlung nicht ansatzweise genügen.“

Da ich selber keine universitäre Ausbildung absolviert habe, finde ich die pauschale Beschränkung auf Leute mit akademischer Fachausbildung naturgemäss etwas eng, wobei ich mich allerdings auch nicht als Therapeuten oder Heiler bezeichnen würde. Und dann sind ja bekannterweise einige der durchgeknalltesten Heilgurus Akademiker bzw. Mediziner.

Für mich sind einfach andere Kriterien wichtiger, zum Beispiel, ob jemand die Grenzen seiner Methoden kennt.

Zu sagen ist allerdings, dass im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin eine Qualitätssicherung, welche diesen Namen verdient, kaum existent ist.

Und im nichtärztlichen Bereich gibt es punkto Ausbildung sehr grosse Unterschiede. Eine Bezeichnung wie „Naturheilpraktikerin“ oder „Naturarzt“ kann auf einer absoluten Schnellbleiche, oder auch auf einer vierjährigen Vollzeitausbildung basieren. Und es gibt für die Ausbildungen selber keine Qualitätskriterien.

„Im Übrigen werden Alternativheilverfahren nicht brauchbarer dadurch, dass sie vielfach auch in Arztpraxen und Kliniken anzutreffen sind und dass einige davon sogar in die offizielle Aus- und Fortbildung von Ärzten Eingang gefunden haben.“

Stimmt. Das ist auch kein Qualitätskriterium.

„Gegen die Quacksalberverfahren der Alternativheilkunde zu sein, heißt keineswegs, der Schulmedizin oder Pharmaindustrie blind zu vertrauen. Ganz im Gegenteil: Kritik ist auch und gerade hier unabdingbar.“

Ja, Kritik an der „Schulmedizin“ oder an der Pharmaindustrie ist nötig. Sie muss allerdings präzis und argumentengestützt sein. Pauschale Kritik, wie sie oft zu hören ist, entstammt eher einer Feindbildhaltung.

„Es darf die notwendige Kritik an Mediziner- und Pharmalobby allerdings nicht dazu führen, windigen Heilpraktikern mit ihren erwiesenermaßen unbrauchbaren Alternativheilverfahren auf den Leim zu gehen.“

Ja, das passiert leider nur allzu oft.

Quelle: Humanistischer Pressedienst, www.hpd.de

Fazit: Ein Artikel mit stellenweise harter Formulierung, aber im Kern sehr bedenkenswerten und ernst zu nehmende Aussagen. Sehr wichtig scheint mir der Versuch, Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin einerseits und Naturheilkunde andererseits zu unterscheiden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Politik macht Druck für die Komplementärmedizin

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Unter diesem Titel berichtete die NZZ am Sonntag vom 26. Dezember 2010 über die Auseinandersetzungen um die Aufnahme von fünf Verfahren der Komplementärmedizin – Traditionelle Chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Homöopathie, Neuraltherapie – in die Grundversicherung der Krankenkassen.

Sowohl die politischen Statements also auch die Medienberichterstattung sind bei diesem Thema über weite Strecken irreführend.

So schreibt beispielsweise die NZZ am Sonntag:

„Die Pflanzenheilkunde wird seit 2005 nicht mehr aus der Grundversicherung bezahlt“

Mir konnte bisher niemand sagen, welche Leistungen im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde denn seit 2005 nicht mehr aus der Grundversicherung bezahlt werden, und welche Leistungen neu wieder übernommen würden, falls Phytotherapie in die Grundversicherung aufgenommen würde.

Die Forderung nach Aufnahme der Phytotherapie in die Grundversicherung ist meiner Ansicht nach hohle populistische Rhetorik.

Siehe auch:

Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?

Dass vor allem die Sozialdemokratische Partei, die Grüne Partei und die Stiftung für Konsumentenschutz, von denen ich eigentlich eine ernsthafte Politik erwartet hätte, die Öffentlichkeit mit derartigen Leerforderungen an der Nase herumführen, finde ich einigermassen irritierend. Und auch seriöse Medien wie die NZZ am Sonntag stellen kaum kritische Fragen zu den teilweise sehr einseitigen Darstellungen der Komplementärmedizin-Lobby.

Mir scheint es sehr befremdlich, dass die politische Diskussion zu diesem Thema fast ausschliesslich an gut tönenden Schlagworten wie „Komplementärmedizin“ hängen bleibt, aber kaum je konkret wird und schon gar nicht differenziert zwischen einzelnen Methoden.

Seriöse Politik stelle ich mir anders vor.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

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Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?

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Letzte Woche wurde bekannt, dass die Eidgenössische Leistungskommission (ELGK) dem Bundesrat empfiehlt, fünf Methoden der Komplementärmedizin nicht wieder in die obligatorische Grundversicherung aufzunehmen. Gemäss Entscheid der ELGK genügen die zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie,  Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Phytotherapie und Neuraltherapie den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes nicht. Dieses verlangt Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Der Entscheid wurde von Befürwortern der Komplementärmedizin im Parlament heftig kritisiert.

Entscheiden muss nun Bundesrat und Gesundheitsminister Didier Burkhalter.

Für die Phytotherapie wirft dies einige Fragen auf.

1. Was bringt es den Patientinnen und Patienten, wenn Phytotherapie in die Grundversicherung aufgenommen würde?

Mir ist ein Nutzen nicht ersichtlich. Heute läuft es so:

Die Ärzte oder Ärztinnen machen eine normale medizinische Anamnese und Diagnostik, denn Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik.

Dann wird entschieden, anstelle eines synthetischen Arzneimitttels ein pflanzliches zu verschreiben. Ist die Wirksamkeit dieses Phytotherapeutikums belegt, zahlt es die Grundversicherung bereits heute. Daran würde sich auch nach einer Aufnahme in die Grundversicherung nichts ändern.

Dem Entscheid von Bundesrat Didier Burkhalter kann man daher aus Sicht der

Phytotherapie meines Erachtens sehr gelassen entgegen sehen.

Hier stellt sich die Frage, weshalb überhaupt die Integration von Phytotherapie in die Grundversicherung gefordert wird, wenn doch reale Vorteile für Patientinnen und Patienten nicht ersichtlich sind.

Diese Forderung ist meines Erachtens tatsächlich leer, sie hat keinen Inhalt, aber sie kommt offenbar im „Volk“ gut an (weil das „Volk“ nicht weiss, dass es um nichts geht). Wenn Politikerinnen und Politiker Forderungen aufstellen, die inhaltsleer, aber wohl tönend sind, dann liegt die Vermutung sehr nah, dass wir es mit Populismus zu tun haben. Parlamentmitglieder wie Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) kritisierten den Entscheid der ELGK heftig. In der Sendung „Rendez-vous“ von Radio DRS (8. 12. 2010) sprach Gilli von Skandal und streute Verdächtigungen, ohne sie zu belegen, und Büttiker verstieg sich gar zum Ausdruck „Stahlhelmentscheid“. Fundierte Argumente waren keine zu hören.

Woher kommt dieser Anflug von Fanatismus, Missionarismus und Kriegsrhetorik? Gilli und Büttiker sollten meiner Ansicht nach aufhören mit den schönen populistischen Schlagworten und auf eine inhaltliche Diskussion über die fünf Methoden einsteigen, wenn sie schon der ELGK jede Kompetenz absprechen.

2.  Gehört die Phytotherapie überhaupt zur Komplementärmedizin?

Meiner Ansicht nach nein. Phytotherapie gehört m. E. zur Naturheilkunde. Phytotherapie basiert auf einer medizinischen Diagnostik und sie ist in ihrem Kern kompatibel mit medizinischem Denken und Handeln. Fachliche Argumente für eine Zuordnung der Phytotherapie in die Komplementärmedizin sehe ich keine.

Siehe auch:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Naturheilkunde – was ist das?

Hier stellt sich die Frage, weshalb Phytotherapie in dieses „Fünfer-Päckli“ mit dem Etikett „Komplementärmedizin“ überhaupt aufgenommen wurde.

Meines Erachtens handelt es sich dabei um einen abstimmungstaktischen Entscheid und um geschicktes Lobbying. Phytotherapie ist von den fünf Methoden aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet am plausibelsten,  weltanschaulich neutral und in der Bevölkerung sind Heilpflanzen-Anwendungen gut verankert.

Die Integration der Phytotherapie wirkt sich gut aus auf die Glaubwürdigkeit des „Fünfer-Päckli“.

Die Auseinandersetzung über die Integration der Komplementärmedizin ist zu führen, weil der Wunsch in der Bevölkerung  offensichtlich ist. Aber nicht einfach über Schlagworte wie „Skandal“ oder „Stahlhelmentscheid“. Und auch nicht nur mit pauschalen, gut tönenden, aber fragwürdigen Begriffen wie „Komplementärmedizin“    (siehe dazu: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff ).

Sondern konkret, inhaltlich und differenziert – bezogen auf die einzelnen Methoden. Denn die Komplementärmedizin als Methode gibt es nicht, der Begriff ist ziemlich fiktional. Unter diesem positiv besetzten Label segeln unterschiedlichste Verfahren, Weltbilder, Ideologien etc. Wer pauschal behauptet, dass die Komplementärmedizin wirksam und zweckmässig ist, blendet jedenfalls ziemlich viel aus.

Zudem wäre eine vertiefte Diskussion nötig über die Gründe für das zunehmende Bedürfnis nach Komplementärmedizin. Die liegen nämlich nicht einfach in den Defiziten der Medizin. Wer die Ursachen derart einseitig sieht, hätschelt Feindbilder. Nötig wäre beispielsweise eine Auseinandersetzung mit unseren Ansprüchen im Bereich von Krankheit und Gesundheit und mit den gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen für die grosse Nachfrage nach „Komplementärmedizin“. „Komplementärmedizin“ deckt beispielsweise oft unerfüllte Sinnbedürfnisse. Über die Art und Weise, wie mit „Komplementärmedizin“ Sinnbedürfnisse gedeckt werden – und über allfällige daraus entstehende positive oder negative Nebenwirkungen – sollte meines Erachtens nachgedacht und diskutiert werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin: Expertenkommission lehnt Aufnahme in die obligatorische Krankenkassen-Grundversicherung ab

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Die Eidgenössische Leistungskommission (ELGK) empfiehlt Bundesrat Didier Burkhalter, keine der fünf zur Diskussion stehenden alternativen Heilmethoden wieder in die Grundversicherung aufzunehmen.
Der Tages-Anzeiger meldet am 8. 12. 2010:

„Man sei zum Schluss gekommen, dass weder die Homöopathie noch die Neuraltherapie, die Phytotherapie, die chinesische oder die anthroposophische Medizin  wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich genug seien, um von der Krankenkasse bezahlt zu werden. Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.
Definitiv entscheiden muss diese Frage nun Gesundheitsminister Didier Burkhalter.“

Kommentar & Ergänzung:

1. Zur sorgfältigen Beurteilung dieser Empfehlung der ELGK müsste die detaillierte Begründung vorliegen. Es ist zu hoffen, dass diese Begründung rasch publiziert wird.

2. Anerkennenswert ist meines Erachtens, dass die ELGK dem populistischen Druck aus dem Parlament stand gehalten hat. Parlamentsmitglieder wie beispielsweise Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG), aber auch die ehemalige Ständerätin und jetzige Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) stellen meines Erachtens die Lage sehr verzerrt dar. Sie erwecken den Eindruck, dass die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementärmedizin über alle Zweifel erhaben sei, und nur missgünstige und böswillige Behörden dies nicht zur Kenntnis nehmen.
Beispiele siehe:

Falschaussage von Simonetta Sommaruga

Fragen an Ständerat Rolf Büttiker

Damit wird meines Erachtens die Öffentlichkeit getäuscht. Den Stimmberechtigten wurde schon bei der Abstimmung vorgegaukelt, mit der Annahme des Verfassungsartikels zur Förderung der Komplementärmedizin sei die Wiederaufnahme der fünf Komplementärmedizin-Methoden zu erreichen. Unterschlagen wurde dabei, dass die Forderung des Krankenversicherungsgesetzes – Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit – damit nicht einfach aufgehoben werden.
Der populistische Druck auf das Bundesamt für Gesundheit, wie er in den letzten Wochen zum Beispiel von Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) aufgebaut wurde, ist meines Erachtens ein Druck, sich über das Krankenversicherungsgesetz hinweg zu setzen. Genauso wie schon seit Jahren Präparate der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin ohne Wirksamkeitsnachweis über die Grundversicherung abgerechnet werden, obwohl dafür eine gesetzliche Grundlage bisher nicht ersichtlich ist.
Siehe dazu: Bundesamt für Gesundheit: Nebulöse Bevorzugung von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin

3. Der vom KVG geforderte Wirksamkeitsnachweis ist nur zum kleinen Teil erbracht

Der Nachweis der Wirksamkeit, wie sie das Krankenversicherungsgesetz fordert, ist in der Komplementärmedizin über weite Strecken nicht erbracht, auch wenn Ständerat Rolf Büttiker und Nationalrätin Yvonne Gilli das anders darstellen und dadurch meines Erachtens die Öffentlichkeit fälschlicherweise aufputschen.

In der Anthroposophischen Medizin beispielsweise ist die Misteltherapie bei Krebs mit grossem Abstand am besten untersucht. Stellungnahmen von Medizinerinnen und Medizinern aus der komplementärmedizinischen Onkologie und systemische Auswertungen der vorliegenden Studien zeigen aber, dass die Wirksamkeit dieser Behandlung keineswegs so klar gesichert ist, wie es die Komplementärmedizin-Lobby darstellt.

Siehe dazu: Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Im Bereich der Homöopathie hat das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin eine kompakte Zusammenfassung des gegenwärtigen Stand der Forschung publiziert:

http://www.charite.de/epidemiologie/downloads/Informationen_Homoeopathie.pdf

Es handelt sich hier um eine homöopathiefreundliche Interpretation. Der Lehrstuhl von Prof. Claudia Witt wird von der Karl und Veronica Carstens Stiftung finanziert, deren Zweck die Förderung der Homöopathie-Forschung ist. Homöopathiekritische Interpretationen kommen zu negativeren Ergebnissen.

Von der Carstens-Stiftung unterstützt wird auch Tobias Nuhn, der in seiner Dissertation schreibt:

„Mögliche Konsequenzen für die zukünftige Beurteilung der Ergebnisse placebokontrollierter Studien zur klassischen Homöopathie: In der hier vorgelegten Studie variierte die Größe des Placeboeffekts zwar deutlich zwischen einzelnen Studien (abhängig vom betrachteten Erkrankungstyp, der Studiendauer etc.), jedoch nicht im Sinne eines grundsätzlich größeren Placeboeffektes in Studien der klassischen Homöopathie. Die Untersuchungsergebnisse sprechen daher für die herkömmliche Auffassung und Nullhypothese dieser Arbeit, dass der Placeboeffekt bei vergleichbarem Design in homöopathischen und konventionellen Studien ähnlich groß ausfällt. Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

(Verum  = das zu testende Medikament im Gegensatz zum Scheinmedikament / Placebo; M.K.)

Quelle: http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-16135/Tobias%20Nuhn%2C%20Dissertation.pdf

Aus:   Die Placebo-Problematik in klinischen Studien der Klassischen Homöopathie, Dissertation von Tobias Nuhn, S. 85

Entscheidend ist der letzte Satz:
„Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

Mit anderen Worten: Der Effekt der Globuli ist nicht ausreichend gross, um einen Wirksamkeitsnachweis zu ermöglichen.

Die Aussagen von Witt und Nuhn zeigen, dass auch die Wirksamkeit der Homöopathie nicht annähernd so eindeutig belegt ist, wie die Komplementärmedizin-Lobby dies darstellt. Und diese beiden Fachleute können nicht einfach als „Homöopathie-Feinde“ verunglimpft werden, wie dies die“Homöopathie-Szene“ gerne mit Kritikern macht.

Zu diesem Punkt möchte ich allerdings festhalten: Dass die Anwendung von Homöopathie in manchen Fällen mit einer Besserung einhergeht, scheint mir nicht  zu bezweifeln. Dies abzustreiten würde einfach der Erfahrung vieler Menschen entgegenlaufen. Dass eine solche Besserung mit einer spezifischen Wirkung der Globuli zusammenhängt, konnte bisher nicht gezeigt werden. Die Zusammenfasung der Charité deutet an, dass ein grosser Teil der Wirkung von therapeutischen Kontext stammen könnte. Nun kann man natürlich argumentieren, dass es für Patientinnen und Patienten unwichtig ist, ob die Wirkung vom Globuli, vom therapeutischen Kontext, von den Selbstheilungskräften oder ähnlichen Einflüssen herkommt.

Für die Entscheidung, welche Leistungen durch die Grundversicherung zu bezahlen sind, ist die Frage aber nicht so leicht zu umgehen. Lässt man nämlich das Kriterium einer spezifischen und durch Studien belegten Wirkung weg, dann gelten sollen. Einfach zu sagen: „Bezahlt wird, was dem Patienten gut tut“, ist zwar auf den ersten Blick einleuchtend, als Kriterium aber überhaupt nicht fassbar.

Auf dieser Basis scheint mir jedenfalls die Polemik gegen den Entscheid der ELGK nicht angemessen.

4. Kassenpflicht nicht ohne Änderung des Krankenversicherungsgesetzes

Wichtig in der Meldung des „Tages-Anzeigers“ ist folgender Satz:
„Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.“

In diese Richtung äussert sich auch Markus Moser. Er arbeitete von 1987 bis 1997 als Leiter der Hauptabteilung Kranken- und Unfallversicherung im Bundesamt für Sozialversicherungen. Der Jurist gilt als Vater des 1996 in Kraft getretenen Krankenversicherungsgesetzes (KVG).

Im Interview mit der „Berner Zeitung“ hält Moser fest, dass der Verfassungsartikel zur Komplementärmedizin nicht klar formuliert ist und er empfiehlt das Krankenversicherungsgesetz zu ändern.

Im Artikel steht nur: „Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin.“

Markus Moser weißt zudem auf zwei Stellen im Abstimmungsbüchlein hin:

„Einige Parlamentarier sprachen sich für die Aufnahme wirksamer Methoden der Komplementärmedizin in den Leistungskatalog der Grundversicherung aus. Es bestand weitgehend Übereinstimmung darüber, dass auch komplementärmedizinische Leistungen den Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu genügen haben.“

„Sollten jedoch für Komplementärmedizin andere Kriterien gelten oder der Nachweis für Wirksamkeit nach einem anderen Verfahren erbracht werden, müsste das Gesetz entsprechend angepasst werden.“

Quelle: http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Markus-Moser-Der-Verfassungsartikel-ist-nicht-klar/story/25207479

Statt populistisch Druck auf das BAG zu machen, damit dieses das Krankenversicherungsgesetz übergeht, sollten die Befürworter der Komplementärmedizin im Parlament selber Verantwortung übernehmen  und das Krankenversicherungsgesetz in ihrem Sinne ändern.

Das Parlament hat es in der Hand, das Kriterium „Wirksamkeit“ als Bedingung für die Aufnahme in die Grundversicherung abzuschaffen.

Allerdings müssen dann diejenigen Parlamentsmitglieder, die jetzt wie zum Beispiel Rolf Büttiker und Yvonne Gilli so laut ausrufen, offenlegen, nach welchen Kriterien sie entscheiden, was von der Grundversicherung bezahlt wird und was nicht. Das wird dann aber eine heisse Diskussion, denn es ist ziemlich schwierig, transparente und nachvollziehbare Kriterien zu finden, wenn man wissenschaftliche Kriterien ausklammert.
Anstelle der bisherigen Kriterien WZW (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) könnte das Parlament ja, wenn es konsequent die Verantwortung übernehmen würde, umstellen auf BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Oder BZW (Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Hört man die aktuellen Stellungnahmen aus dem Parlament zur Empfehlung der ELGK, so wäre dies nur folgerichtig.

Eine ernsthafte Diskussion würde sich aber inhaltlich und differenziert mit den einzelnen Methoden auseinandersetzen und nicht einfach pauschal mit dem wohl klingenden Schlagwort „Komplementärmedizin“ operieren.

Siehe dazu: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin auf dem Weg in die Grundversicherung? Mission impossible?

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Die „Weltwoche“ veröffentlichte am 4. 11. 2010 online einen Artikel unter dem Titel „’Mission impossible’ bei der Komplementärmedizin“. Autor Alex Reichmuth schreibt:

„ Die Bundesverwaltung muss entscheiden, wie weit alternative Heilmethoden in der Grundversicherung berücksichtigt werden. Sie steht vor einem unerfüllbaren Auftrag.“

Das sehe ich genau so. Weiter schreibt die „Weltwoche“:

„Die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind nicht zu beneiden. Im letzten Jahr hat das Stimmvolk mit 67 Prozent Ja entschieden, dass fünf alternative Heilmethoden im Gesundheitswesen stärker berücksichtigt werden sollen. Bis Ende Jahr muss das BAG nun entscheiden, ob und wie weit die Leistungen der Homöopathie, der Neuraltherapie, der Phytotherapie, der anthroposophischen Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin Aufnahme in die Krankengrundversicherung finden. Das Problem dabei ist, dass die Wirkung von Leistungen, die die Krankenkasse übernimmt, nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein muss. So verlangt es das Gesetz.“

Wie wahr. Das BAG ist tatsächlich nicht zu beneiden, denn es steht massiv unter Druck und befindet sich in einem kaum lösbaren Dilemma.

Druck kommt von diesem Volksentscheid im Mai 2009, bei dem 67 % der Stimmenden für einen Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin votierten. Der Verfassungsartikel ist zwar vage formuliert. Er verlangt eine Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch Bund und Kantone und sagt nichts über konkrete Methoden aus. Doch die Befürworter der Vorlage im Parlament versprachen, dass bei einem JA die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung aufgenommen würden. Und sie blendeten dabei einfach aus, dass das Krankenversicherungsgesetz auch weiterhin „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit (WZW)“ als Bedingung für eine Aufnahme in die Grundversicherung fordert.

Genauer gesagt: Sie gingen wohl fraglos davon aus, dass die fünf Methoden diese Kriterien erfüllen, was ziemlich naiv ist. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wurden meiner Ansicht nach hier in die Irre geführt.

Dazu kommt noch, dass die Stimmenden nur marginalst über die Thematik im Bilde waren. Die meisten Leute, die ich gefragt habe, gingen davon aus, dass es bei der Abstimmung darum gehe, dass Medikamente beispielsweise der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Krankenkassen bezahlt würden. Dabei werden diese Präparate schon seit 1996 von der Grundversicherung bezahlt – und zwar befreit vom Wirkungsnachweis und ohne ersichtliche gesetzliche Grundlage. Ganz abgesehen davon, dass viele Leute kaum den Unterschied zwischen einem Kamillentee und einem Homöopathikum kennen…….

Unter Druck kommt das BAG auch aus dem Parlament. Hier kommt die andauernde Forderung nach pauschaler Aufnahme dieser fünf Komplementärmedizin-Methoden, wieder unter Ausblendung der Tatsache, dass die vom Gesetz geforderte Wirksamkeit keineswegs so pauschal feststeht. Würde das Parlament seine Verantwortung wahrnehmen, dann würde es statt in populistische Rhetorik zu verfallen das Krankenversicherungsgesetz ändern und das Kriterium „Wirksamkeit“ streichen – und nicht den Schwarzen Peter einfach ans BAG weiterreichen. Die Parlamentsmehrheit reitet meines Erachtens auf einer Populismuswelle: Das “Volk“ will Komplementärmedizin. also geben wir ihm, was es wünscht. Dabei geht jede differenzierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema unter.

Die „Weltwoche“ schreibt in ihrem Artikel:

„ Die Unterscheidung in Schulmedizin und Komplementärmedizin ist im Grunde eine einfache: Alles, was auf Wissenschaftlichkeit beruht, zählt zur Schulmedizin. Wo es hingegen nur um behauptete Wirkungen geht, die wissenschaftlich nicht belegt sind, handelt es sich um Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit der Homöopathie beispielsweise kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Aufgrund des Konzepts der Homöopathie ist auch nicht zu erwarten, dass je eine Wirksamkeit belegt werden kann, die über den Placeboeffekt hinausgeht. Damit komplementär-medizinische Leistungen in den Grundversicherungskatalog kommen, müsste somit die Wirksamkeit von Methoden nachgewiesen werden, die wissenschaftlich eben nicht nachweisbar sind.“

Auch wenn das viele Leute, die der Komplementärmedizin nahestehen, nicht gerne hören: Alex Reichmuth bringt hier das Problem absolut auf den Punkt. Ich würde einzig die Verwendung des Begriffs „Schulmedizin“ in Frage stellen. Dieser diffamierende Kampfbegriff aus Homöopathie und Nationalsozialismus sollte meines Erachtens nicht mehr verwendet werden oder allenfalls noch zwischen Anführungs- und Schlusszeichen. Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Was kann das BAG tun?

„ Das Bundesamt für Gesundheit hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten: Es hält sich an das Gesetz und lehnt die Aufnahme alternativer Heilmethoden in die Grundversicherung vollumfänglich ab. Damit handelt es aber gegen den Volkswillen. Oder es respektiert den Volkswillen und nimmt die fünf Methoden auf. Das ist aber gegen das Gesetz und damit illegal.“

Das sehe ich etwas anders. Es gibt durchaus einen grösseren Bereich in der Phytotherapie, der wissenschaftlich anerkannt ist und das Kriterium der Wirksamkeit erfüllt. Nicht ganz ohne Grund gehen (unbestätigte) Gerüchte um, wonach die Phytotherapie für eine Aufnahme in die Grundversicherung vorgesehen sei. Der Clou dabei ist allerdings:

1. Fachlich gibt es meines Erachtens kaum Gründe, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode auftaucht, scheint mir Folge von cleverem Lobbying im Hinblick auf die Abstimmung vom Mai 2009. Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

2. Sehr fraglich ist, was die Aufnahme der Phytotherapie in die Grundversicherung bringen würde. Kaum ein Arzt oder eine Ärztin wird Phytotherapie als Methode abrechnen. Üblich wird weiterhin sein: Es wird eine normale ärztliche Anamnese und Diagnostik gemacht, und am Schluss steht ein Entscheid, statt eines synthetischen Medikamentes ein Phytotherapeutikum zu verschreiben. Phytopharmaka, deren Wirkung durch Studien belegt ist, werden auch heute schon durch die Grundversicherung bezahlt (im Gegensatz zu den vom Wirksamkeitsnachweis befreiten Präparaten aus Homöopathie  und Anthroposophischer Medizin, die wie schon erwähnt ohne Wirksamkeitsnachweis bezahlt werden). Also wird da kaum etwas ändern.

Allenfalls profitiert die Phytotherapie beim Image, wenn sie in die Grundversicherung aufgenommen wird. Und es gibt möglicherweise den einen oder anderen Professorenposten für Vertreter der akademischen Phytotherapie.

Die Homöopathie zum Beispiel würde von einer Aufnahme in die Grundversicherung profitieren, weil ihre langen Gespräche unter dem Titel „Homöopathie“ dann abgerechnet werden könnten. Da wäre mein Vorschlag aber, dass allen Ärztinnen und Ärzten eine solche Gesprächszeitspanne zugestanden und bezahlt wird. Dann hätten nämlich alle gleich lange Spiesse und als Patient kann ich dann wählen, ob ich diese Gesprächszeit zum Beispiel  für Homöopathie, Information oder psycho-soziale Beratung einsetzen will. Dass mehr Zeit für Gespräch, Beratung und Information sich günstig auf die Behandlung und den Therapieerfolg auswirkt, scheint mir jedenfalls gut belegt.

„ Konsequenterweise müsste die Bundesverwaltung den unerfüllbaren Auftrag, über die Aufnahme der fünf alternativen Heilmethoden zu entscheiden, dem Bundesrat zurückgeben. Wäre auch der Bundesrat konsequent, müsste dieser das Parlament anschliessend beauftragen, den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit aus dem Gesetz zu streichen, um dem Volkswillen nachkommen zu können. In Zukunft wäre Wissenschaftlichkeit bei der Krankengrundversicherung somit kein Kriterium mehr.“

Dann hätten wir statt WZW neu BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

„ Auch Anbieter von allerlei Voodoomedizin hätten die Chance, bald von der Kasse bezahlt zu werden: vom Handaufleger über den Geistheiler bis zu Uriella mit ihrem Badewasser. Würden diese Konsequenzen offen und transparent kommuniziert, gäbe es wohl einen grossen – und heilsamen – Aufschrei: Die Öffentlichkeit würde erkennen, welch unsinniger Volksentscheid 2009 getroffen wurde.“

So krasse Beispiele wie Uriella’s Badewasser würde ich hier zwar nicht wählen. Aber tendenziell sehe ich diesen Punkt sehr ähnlich. Wir hätten dann BZW im Sinne von: Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit.

Die Frage ist wirklich und sehr ernsthaft: Welche Kriterien haben wir für die Aufnahme in die Grundversicherung, wenn wissenschaftlich geklärte Wirksamkeit wegfällt.

Nebelbegriff Alltagswirksamkeit

Das BAG in seinem heillosen Dilemma möchte nun  „Alltagswirksamkeit“ als Kriterium einführen.

(http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878)

„Alltagswirksamkeit“ ist nun genau ein solches Beliebigkeits-Kriterium. Für mich ist im Alltag Pilates wirksam. Warum soll – wenn Alltagswirksamkeit Kriterium ist – meine Pilates-Lektion nicht auch aus der Grundversicherung bezahlt werden?

Eine sehr prägnante Stellungnahme zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerische Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV):

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

(Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html )

Bisher ist es mir nicht gelungen, vom BAG eine Stellungnahme zu bekommen dazu,  wie denn diese Alltagswirksamkeit festgestellt werden soll. Ich bleibe aber dran.

Ich bin ja sehr gespannt, wie dieses Dilemma gelöst oder umgangen wird. Die Probleme, die bei der Umsetzung dieses Verfassungsartikels noch auf uns zu kommen werden, haben vor allem damit zu tun, dass schon im Vorfeld dieser Abstimmung sehr einseitig informiert wurde und Wunschdenken die Stellungnahmen beherrschte.

Verschärft werden die Probleme dadurch, dass im Parlament beim Thema Komplementärmedizin Anhängerinnen und Anhänger von Homöopathie und Anthroposopischer Medizin federführend sind. Eine kritische Reflexion auch über die Schwachpunkte dieser Methoden ist hier nicht erkennbar. Der überwiegende Teil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier hat  aber keinen Schimmer von den Methoden, um welche es da geht – und surft einfach auf der Populismuswelle.

Quelle:

http://www.weltwoche.ch/onlineexklusiv/details/article/mission-impossible-bei-der-komplementaermedizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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