Artikel mit Schlagwort ‘Nebenwirkungen’

Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Dienstag, August 24th, 2010

Weil die Menschen in Europa immer älter werden, bekommen Medikamente in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle. Wie wichtig, belegt die Statistik: In Deutschland nimmt jeder Kassenpatient über 60 Jahre im Durchschnitt drei Arzneimittel pro Tag ein! Das Problematische dabei: Zahlreiche dieser Medikamente sind ausgerechnet bei älteren Menschen mit Nebenwirkungen und sogar gefährlichen Risiken verbunden. Eine Arbeitsgruppe um die Wuppertaler Pharmakologin Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann hat jetzt zum ersten Mal eine für Deutschland gültige Liste von Arzneistoffen erstellt, die bei älteren Menschen wenn möglich vermieden werden sollten.

Die soeben publizierte PRISCUS-Liste (Dtsch.Arztebl. Int. 2010; 107(31-32): 543-51, www.priscus.net) liest sich wie ein Katalog der am häufigsten verordneten synthetischen Medikamente. 83 Arzneimittel haben die an der Beurteilung mitwirkenden 38 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen als für ältere Menschen „potentiell inadäquate Medikamente“(PIM) eingestuft. Dazu zählen die in Deutschland besonders oft verordneten Schlaf- und Beruhigungsmittel Benzodiazepine, Z-Substanzen, Chloralhydrat und Diphenhydramin. Sie gefährden die Alltagssicherheit und das Reaktionsvermögen und sind eine häufige Ursache von schweren Stürzen. Benzodiazepine beispielsweise steigern das Risiko von Knochenbrüchen bei älteren Patienten um 50 bis 110 Prozent! Gefürchtet sind jedoch auch ihre unerwünschten Wirkungen auf die Psyche: Sie reichen von paradoxen Reaktionen wie Unruhe und Reizbarkeit bis hin zu Depressionen und Psychosen.

Als eine der wenigen therapeutischen Alternativen, welche ohne unangemessene Risiken auch bei älteren Patienten angewendet werden können, nennt die PRISCUS-Liste pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian. Die beruhigende und Schlaf anstoßende Wirkung von Baldrian-Extrakten ist in randomisierten und kontrollierten wissenschaftlichen Studien gut dokumentiert. In keiner dieser Untersuchungen zeigte sich ein Hinweis auf eine Verschlechterung der Konzentration, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Wahrnehmung oder der Wachheit. Eine Erhöhung der Sturzgefahr muss nach Einnahme von Baldrian-Extrakten ebenfalls nicht befürchtet werden. Weil Baldrian-Extrakt den Schlafrhythmus nicht störet und nicht abhängig machen, können diese Heilpflanzen-Präparate im Gegensatz zu Benzodiazepinen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Quelle:

www.phytotherapie-komitee.de    KFN 14/2010 – 19.08.2010

Kommentar & Ergänzung:

Die erhöhte Sturzgefahr bei älteren Menschen durch Schlafmittel oder Beruhigungsmittel sind ein ernsthaftes Problem. Heilpflanzen-Präparate auf der Basis von Baldrian-Extrakt, eventuell in Kombination mit Hopfen-Extrakt, Melissen-Extrakt oder Passionsblumen-Extrakt,  sind in vielen Fällen eine sichere und empfehlenswerte Alternative.

Zu beachten ist dabei aber:

Um das Potenzial von Baldrian optimal zu nutzen, scheint die Einnahme über längere Zeit sinnvoll zu sein, darauf deuten jedenfalls klinische Studien hin.

Die Qualität der Baldrian-Zubereitungen ist sehr unterschiedlich. Gut mit Patienten-Studien belegt sind die beruhigenden und schlafanstossenden Wirkungen nur für eine kleine Zahl von Baldrian-Präparaten auf der Grundlage von Trockenextrakten.

Baldriantinktur muss ausreichend stark dosiert werden. Die Dosierung ist abhängig von der Herstellungsweise der jeweiligen Tinktur: Frischpflanzentinkturen zum Beispiel enthalten in der Regel geringere Wirkstoffmengen als Tinkturen nach Arzneibuch aus getrockneten Baldrianwurzeln und müssen daher höher dosiert werden. Für die heute oft propagierten Tiefstdosierungen von zum Beispiel 3 mal täglich 3 – 5 Tropfen Baldriantinktur gibt es keinerlei Hinweise auf eine Wirkung, die über Placebo hinaus geht. Diese Tiefstdosierungs-Empfehlungen gehen zurück auf einen Hersteller von Pflanzentinkturen, der seine Produkte für 10mal wirksamer hält als vergleichbare Produkte der Konkurrenz. Sieht nach Selbstüberschätzung aus.

Es gibt jedenfalls meines Erachtens keine auch nur ansatzweise überzeugenden Argumente für die Richtigkeit dieser Behauptung und damit für die Tiefstdosierungen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten daher wachsam und kritisch bleiben, damit sie nicht Naturheilmittel mit stolzem Preis aber fragwürdiger Qualität kaufen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

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Cannabis: Wechselwirkungen mit Medikamenten

Samstag, August 14th, 2010

Dass Cannabis nicht nur Droge und Genussmittel ist, sondern in manchen Bereichen auch zu den wirksamen Heilpflanzen gerechnet werden muss, ist inzwischen gut belegt. So lindert Cannabis oder sein Wirkstoff THC Muskelspastik bei Multiple Sklerose oder Nebenwirkungen von Chemotherapie bei Krebserkrankungen (Übelkeit, Appetitlosigkeit).

Auch über Nebenwirkungen und Risiken des Cannabis-Konsums wurde in den letzten Jahren ausgiebig berichtet, unter anderem auch hier im Pflanzenheilkunde-Blog. Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multiple Sklerose

US-Regierung genehmigt Marihuana als Heilmittel

Cannabis & Psychose-Risiko

Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was

Cannabis-Extrakt hilft Multiple-Sklerose-Kranken

Weniger bekannt sind die Wechselwirkungen (Interaktionen), welche Cannabis bzw. THC mit Medikamenten  zeigen kann, obwohl dies natürlich auch sehr relevante Informationen sind. Im Newsletter von pharmavista.net  erscheint vor kurzen dazu eine gute Übersicht.  Hier eine bearbeitete Zusammenfassung:

Als Hauptinhaltsstoff von Cannabis gilt delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser Wirkstoff wird in der Leber über das Cytochrom P450, vor allem über CYP2C9, verstoffwechselt. Nach 5 Tagen sind 80-90% der inhalierten THC-Dosis eliminiert. Bei chronischer Anwendung lassen sich die Metaboliten (Abbauprodukte) noch mehrere Wochen nach dem Konsum nachweisen.

Ähnlich wie Tabak enthält gerauchter Cannabis aromatische Kohlenwasserstoffe, welche als Induktoren von CYP1A2 wirken. Deshalb werden Medikamente, welche hauptsächlich über CYP1A2 verstoffwechselt werden, schneller abgebaut. Bei Cannabisrauchern wurde eine reduzierte Wirksamkeit von Theophyllin, Chlorpromazin und Clozapin festgestellt. Nach einem Rauchstopp von Cannabis kam es vereinzelt zu Symptomen einer Überdosierung.

Beim Konsum von Cannabis kommt es zu einer Tachykardie (Pulsbeschleunigung) und einer peripheren Vasodilatation (Gefässerweiterung). Die kardialen (herzbezogenen) Effekte addieren sich zu denjenigen der trizyklischen Antidepressiva, was das Auftreten von Tachykardien zusätzlich begünstigt. Bei gleichzeitigem Konsum von Cannabis und Sildenafil (Viagra) kam es zu einem Herzinfarkt. Der betroffene Mann hatte zuvor keine kardiovaskulären Beschwerden. Die sedativen (beruhigenden) Effekte von Cannabis werden durch Opioide, Barbiturate und Alkohol verstärkt.

Gemäss einem Fallbericht, kam es bei einem Patienten unter Warfarin nach Cannabis-Konsum zu Blutungen im Verdauungstrakt. Auslöser für diesen Effekt sind eine Hemmung des Metabolismus von Warfarin und eine verminderte Plasmaproteinbindung. Wird Cannabis während einer Warfarin-Therapie angewendet, sollte der INR-Wert regelmässig bestimmt werden. Bei Cannabiskonsumenten ist allenfalls eine Dosisanpassung des oralen Antikoagulans nötig.

Quellen:

_La Revue Prescrire 321/2010/p515

_ E. Williamson, S. Driver; Stockley’s Herbal Medicines Interactions; Pharmaceutical Press 2009; p107

http://www.pharmavista.net

Kommentar & Ergänzung:

Das ist die beste kurze Zusammenfassung, die mir zum Thema „Cannabis und Interaktionen“ bisher unter die Augen gekommen ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie in der Kinderheilkunde

Donnerstag, August 12th, 2010

Eltern verlangen heute vermehrt nach natürlichen Alternativen in der Behandlung ihrer Kinder. Heilpflanzen-Präparate kommen diesem Bedürfnis eintgegen. Prof. Karin Kraft hat in der Zeitschrift „ Kinderärztliche Praxis“ den Stellenwert der Phytotherapie in der Kinderheilkunde folgendermassen umschrieben:

„Phytopharmaka zählen heute in der Kinderheilkunde zu denjenigen Medikamenten, die mehr denn je von den Eltern erwünscht und der Selbstmedikation zugänglich sind. Während der medizinische Laie aber Phytopharmaka als „natürliche Arzneimittel ohne Nebenwirkungen“ ansieht, haben moderne Phytotherapeutika einen hohen Anspruch bei Pharmakologie und Toxikologie. Eine sehr wesentliche Rolle in der Beurteilung von pflanzlichen Arzneimitteln stellt die im Gegensatz zu den Synthetika oft über Jahrhunderte tradierte Erfahrung dar, während bei der wissenschaftlichen Evidenzlage gerade für die Anwendung bei Kindern teilweise noch Lücken vorhanden sind. Der Schwerpunkt der Phytotherapie liegt in der Kinderheilkunde in der Supportivtherapie bei Erkältungskrankheiten, Erkrankungen der Atemwege, Pflege der empfindlichen Haut, Behandlung von entzündeter Haut, Behandlung von Wunden und stumpfen Traumen, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes sowie psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen.“

Quelle:

Kinderärztliche Praxis, Heft 05, 2008 Jahrgang 79

Rubrik: Fortbildung

Seite: 282-289

Autor: Prof. Dr. med. Karin Kraft

Kommentar & Ergänzung:

Prof. Dr. med. Karin Kraft ist Inhaberin des Lehrstuhles für Naturheilkunde an der Universität Rostock und eine wichtige Vertreterin der universitären Phytotherapie im deutschsprachigen Raum.  Sie spricht hier gerade zwei bedeutende Punkte an rund um Phytotherapie in der Kinderheilkunde:

- Moderne Phytotherapeutika haben tatsächlich einen hohen Anspruch bei Pharmakologie und Toxikologie. Das heisst, ihre Wirksamkeit und Sicherheit muss gut dokumentiert sein. Diesen Standard erfüllten allerdings längst nicht alle Heilpflanzen-Präparate.. Weil der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt ist, werden unter diesem Label auch viele unwirksame und zweifelhafte Produkte vermarktet.

- Die Evidenzlage für die Anwendung von Phytopharmaka bei Kindern hat tatsächlich in manchen Bereichen noch Lücken, das heisst. Es mangelt an Wirksamkeitsbelegen in Form von klinischen Studien. Das trifft allerdings auch auf weite Bereiche der synthetischen Medikamente zu. Es ist einfach schwieriger – unter anderem aus ethischen Gründen – Patientenstudien mit Kindern durchzuführen. Hier sind zurecht die Sicherheitsanforderungen und die ethischen  Kritierien strenger gefasst.

Unter Supportivtherapie versteht man eine unterstützende Behandlung. Hier ist die Phytotherapie in der Kinderheilkunde genau in den Bereichen stark, welche Prof. Kraft aufzählt: Erkältungskrankheiten,  Hauterkrankungen, Verdauungsstörungen, psychosomatische Befindlichkeitsstörungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Beliebte Heilpflanzen-Präparate

Mittwoch, August 11th, 2010

Eine Studie der GfK Marktforschung Nürnberg hat ergeben, dass die meisten Befragten pflanzliche Wirkstoffe gegenüber herkömmlichen chemischen Wirkstoffen für verträglicher halten.

Jedenfalls äußerten sich acht von zehn (80,6 Prozent) der Befragten entsprechend. Mehr als zwei Drittel (69,5) sind der Meinung, dass pflanzliche Arzneien kaum Nebenwirkungen aufweisen. Viele (78,7 Prozent) wissen jedoch, dass sie trotzdem auf unerwünschte Wechselwirkungen (Interaktionen) mit anderen eingenommenen Medikamenten achten müssen. Befragt wurden im Auftrag der Zeitschrift «Apotheken Umschau» 1994 Personen ab 14 Jahren.

Quelle:

http://de.news.yahoo.com/26/20100811/thl-deutsche-halten-pflanzliche-arzneien-b930478.html

Kommentar & Ergänzung:

Diese Umfrage-Resultate würden in der Schweiz wohl ähnlich ausfallen. Der Einschätzung einer überwiegenden Mehrheit der Befragten, dass pflanzliche Arzneien kaum Nebenwirkungen haben, ist zuzustimmen, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Wir kennen durchaus Heilpflanzen, bei denen auf unerwünschte Nebenwirkungen geachtet werden muss.

Die hohe Wertschätzung von Heilpflanzen-Präparaten ist erfreulich. Allerdings zeigen mir meine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich, dass dem überwiegenden Teil der Bevölkerung überhaupt nicht bewusst ist, welch grosse Qualitätsunterschiede es bei pflanzlichen Arzneien gibt. Die grosse Mehrheit dieser Produkte wird einfach clever vermarktet, ohne dass sie jemals ihre Wirksamkeit dokumentiert haben. Und dies unabhängig davon, ob sie via Internet gekauft oder in Apotheken und Drogerien erstanden werden.

Für Konsumentinnen und Konsumenten lohnt es sich daher zu lernen, anhand welcher Kriterien Heilpflanzen-Präparate mit dokumentierter Wirksamkeit zu erkennen sind.

Wenn Sie also nicht mehr einfach blind den Herstellern und Verkäufern solcher Produkte glauben, sondern sich eine eigene fundierte Meinung über deren Wert  bilden wollen, dann können Sie sich das nötige Wissen dazu erwerben im Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aromatherapie: Jasmin-Duftstoff wirkt wie Valium

Donnerstag, August 5th, 2010

Benzodiazepine (z.B. Valium), Barbiturate und Narkosemittel wie Propofol wirken über spezifische Haftstellen an Rezeptoren, die an Synapsen im Gehirn liegen und die Wirkung des hemmenden körpereigenen Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure) steigern. Um selbst wie GABA zu wirken, müssten die Medikamente sehr hoch dosiert werden, schon geringere Dosierungen genügen jedoch, um die Wirkung der körpereigenen GABA um das Zwei- bis Dreifache zu verstärken.

Wissenschaftler haben jetzt in einer großen Screeningstudie mehrere hundert Duftstoffe hinsichtlich ihrer Wirkung auf GABA-Rezeptoren von Mensch und Maus getestet. Die beiden Duftstoffe Vertacetal-coeur (VC) und die chemische Variante (PI24513) wirkten am stärksten: Sie konnten die GABA-Wirkung um mehr als das Fünffache verstärken und wirken somit ähnlich stark wie die bekannten Medikamente.

Der Jasmin-Duftstoff Vertacetal-couer bindet im Gehirn an den gleichen Rezeptor wie Benzodiazepine (z. B. Valium, Lexotanil, Seresta, Temesta), Barbiturate und das Narkotikum Propofol. Zumindest bei Mäusen konnten Wissenschaftler im Journal of Biological Chemistry (2010, doi: 10.1074/jbc.M110.103309) eine sedative Wirkung nachweisen. Die Forschungsgruppe um Olga Sergeeva von der Universität Düsseldorf kann jetzt aufzeigen, dass Vertacetal-coeur (oder die chemische Variante PI24513) die Aktivität einer (von 19 bekannten) Varianten des GABA-Rezeptors moduliert.

Die Varianten des GABA-Rezeptors sind im Schlaf-Wach-Zentrum des Hypothalamus lokalisiert. Die Aktivität der “schlafaktiven” Rezeptoren wurde in den Duft-Experimenten in gleichem Maße verstärkt wie durch Benzodiazepine, Barbiturate oder Propofol.

Dies muss nicht unbedingt heissen, dass Jasmin (in entsprechenden Dosierungen) als Sedativum oder gar als Narkotikum angewendet werden könnte. Eine gewisser beruhigender Effekt wurde indes bei Versuchstieren beobachtet, die in einem Plexiglaskäfig einer höheren Konzentration der Jasmin-Duftstoffe ausgesetzt waren.

Die Mäuse stellten jede Aktivität ein und saßen ruhig in der Ecke, schreiben die Wissenschaftler, die sich auch beim Menschen eine angstlösende, beruhigende, erregungs- und aggressionsdämpfende oder schlafanstoßende Wirkung vorstellen können. Belegen lässt sich dies durch tierexperimentelle Untersuchungen allerdings nicht. Dazu wären klinische Studien nötig.

Durch die Veränderung der chemischen Struktur der Duftmoleküle wollen die Wissenschaftler nun versuchen, noch stärkere Wirkung zu erreichen.

Quellen:

www.aerzteblatt.de

http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2010/pm00222.html.de

http://www.jbc.org/content/early/2010/05/28/jbc.M110.103309.full.pdf#page=1&view=FitH

Sergeeva, O. A., et al.: J. Biol. Chem., Online-Vorabpublikation, DOI: 10.1074/jbc.M110.103309

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Es gibt in der Aromatherapie eine Vielzahl von Aussagen über die Beeinflussung von ganz spezifischen Gefühlszuständen, wobei meistens völlig ungeklärt bleibt, ob die versprochenen Wirkungen auch tatsächlich eintreten. Klar ist aber, dass es Duftstoffe bzw. ätherische Öle gibt, die anregende oder beruhigende Effekte auslösen.

Dass ein Jasmin-Duftstoff ähnlich beruhigende Wirkungen zeigt wie Benzodiazepine bzw. Valium, ist daher durchaus denkbar.

Zurecht schränkt das „Ärzteblatt“ aber ein, dass tierexperimentelle Untersuchungen noch kein Beleg für eine Wirksamkeit beim Menschen sind.

Im Text ist die Rede von inhalativen beruhigenden Effekten auf lebende Mäuse und von Untersuchungen an Rezeptoren, die an isolierten Geweben stattfinden müssen. Offen bleibt meiner Ansicht nach hierbei, ob die inhalativen Effekte ebenfalls über die beschriebene Rezeptor-Theorie erklärt werden kann. Es könnte sich auch um zwei verschiedene Wirkungsmechanismen handeln.

Zwiespältig erscheint mir der Hinweis auf den Versuch, durch Veränderung der Jasminduft-Moleküle noch stärkere Wirkungen zu erzielen. Dabei könnte es auch um eine bessere Patentierbarkeit gehen, sind doch modifizierte Naturmoleküle eher als Erfindungen schützbar als Originalmoleküle aus der Natur. Ausserdem wird mit der angestrebten erhöhten Wirkung wohl auch ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen einhergehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Montag, August 2nd, 2010

Fachleute gehen davon aus, dass Geheimniskrämerei in der Gesundheitsforschung in den vergangenen Jahrzehnten zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben könnte. Das zeigt eine Untersuchung des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Wissenschaftler haben etwa 60 Fälle zusammengetragen, in denen die Ausbreitung von Wissen in der Medizin behindert wurde.

Sie werteten hunderte von Fachartikeln und andere Quellen aus – unter anderem aus den Gebieten Psychiatrie, Schmerztherapie, Herz-Kreislauf-Medizin, Krebstherapie und Infektionskrankheiten. “Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie”, kommentieren die Autoren.
Hauptsächlich das Verschweigen negativer Untersuchungsresultate bei neuen Medikamenten sei weit verbreitet. Eine Analyse von 90 in den USA zugelassenen Medikamenten ergebe, dass diese in insgesamt 900 Studien geprüft worden seien, jedoch selbst fünf Jahre nach der Zulassung 60 Prozent der Studien noch nicht publiziert worden seien. Bei anderen Studien würden häufig nur ausgewählte Resultate veröffentlicht.

“Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt, als sie sind”, erklärt Studienautorin Beate Wieseler, Stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung des Bonner Instituts. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen “publication bias” – oder: “Verzerrung durch selektives Veröffentlichen”.

Auslöser für die Suche nach dokumentierten Beispielen für “publication bias” waren eigene Erfahrungen des IQWiG – zuletzt bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Therapie von Depression. Das Pharmaunternehmen Pfizer hatte dem IQWiG nur dank öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die von der Firma bis dahin unter Verschluss gehalten wurden. Und in diesen unveröffentlichten Studien schnitt Reboxetin deutlich schlechter ab, als es zuvor anhand der publizierten Studien den Anschein hatte. “Über viele Jahre wurden Patienten und Ärzte getäuscht”, stellt Wieseler dazu fest.

Eine besonders hohe Korrelation zwischen Eigeninteressen und veröffentlichten Ergebnissen ortet das IQWiG bei von Pharmafirmen durchgeführten Studien. Zitiert wird vom IQWiG zudem eine Analyse, in welcher 2000 Studien aus dem Fachgebiet der Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden: Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht publiziert, von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 Prozent. Aufgrund von gesetzlichen Regelungen müssen auch Zulassungsbehörden Daten zurückhalten.

Leidtragende des „publication bias“ sind oft die Patienten. Wenn Misserfolgsmeldungen nicht veröffentlicht werden, “setzen Ärzte und Patienten häufig Therapien ein, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind”, stellt Wieseler fest. Beispielsweise gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht publiziert worden seien.

“Bei registrierten Studien werden die Ergebnisse zurückgehalten, weil die untersuchten Präparate schlechter oder gleich gut funktionieren wie das Kontrollprodukt. Das färbt die Resultate der Evidenz-basierten Medizin rosa ein”, erklärt Claudia Wild vom Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment in Wien: “Pharmafirmen wollen den Markt und medizinische Forscher stets neue Sensationen publizieren.” Kann man überhaupt noch den Medikamenten vertrauen, welche der Arzt verschreibt? Claudia Wild umschreibt es so: “Wenn Sie Ihrem Hausarzt vertrauen, dann vielleicht ja.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/

Printausgabe vom Mittwoch, 19. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 18. Mai 2010 16:21:00

Kommentar & Ergänzung:
Der „publication bias“ ist ein ernsthaftes Problem in der Pharmaforschung. Und dies allerdings nicht nur im Bereich synthetischer Medikamente. Die Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin (z. B. Homöopathie-Forschung) und Phytotherapie ist nicht weniger davon betroffen. Auch hier wird gern publiziert, was einen günstigen Einfluss zeigt und ebenso gern verschwiegen, was der Vermarktung abträglich wäre. Es gilt daher, in allen Bereichen ein scharfes Auge auf dieses Phänomen zu werfen und sich der dadurch möglichen Verzerrungen bewusst zu bleiben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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[Buchtipp] Heilpflanzen-Lexikon, Ein Leitfaden auf wissenschaftlicher Grundlage – von Dietrich Frohne

Freitag, Juli 23rd, 2010

Verlagsbeschreibung:

Weihrauchkapseln, Ginkgotropfen, Teebaumöl – pflanzliche Arzneimittel sind seit Jahren im Aufwind und das mit gutem Grund! Der renommierte Autor informiert Sie wissenschaftlich fundiert über 413 Heilpflanzen und die daraus gewonnenen Arzneidrogen und Phytopharmaka. Und er trennt die Spreu vom Weizen. Ob jüngst in Diskussion gekommene Wunderdroge, Klassiker oder Außenseiter – hier werden Sie nicht im Stich gelassen. Die übersichtlichen Monographien geben u.a. Auskunft über Herkunft, Wirkstoffe, Dosierungen, Nebenwirkungen, Handelspräparate und insbesondere über die Wirksamkeit von Droge und Arzneimittel. Zusätzlich weist Ihnen ein Indikationsregister den Weg von der Erkrankung zur empfohlenen Heilpflanze. Das ideale Nachschlagewerk für Apotheker und Ärzte in der täglichen Praxis.   »Zum Shop

Kommentar:

Heilpflanzen-Lexikon

Das Heilpflanzen-Lexikon von Dietrich Frohne ist ein Klassiker in neu bearbeiteter Auflage.

Alle wichtigen Heilpflanzen der Phytotherapie werden in alphabetischer Reihenfolge beschrieben: Sorgfältig und fundiert, mit Herkunft, angewandten Pflanzenteilen, Inhaltsstoffen, Wirkung, Anwendung, unerwünschten Wirkungen und Fertigarzneimitteln. Allerdings sind die meisten der aufgeführten Fertigarzneimittel nur in Deutschland erhältlich und nur eine Minderzahl auch in der Schweiz (das ist in allen deutschsprachigen Phytotherapie-Büchern so).

Die Heilpflanzen-Monografien (Einzelpflanzen-Beschreibungen) sind sehr verlässlich zum Nachschlägen. Für ein vertieftes Verständnis der ganzen Phytotherapie braucht es allerdings noch einen Zugang von den Organsystemen her, also zum Beispiel Phytotherapie im Bereich Verdauungstrakt, der Haut, der Atemwege…..(siehe dazu beispielsweise bei Schilcher / Kammerer, Leitfaden Phytotherapie).

Frohne’s Heilpflanzen-Lexikon verwendet medizinische Fachwörter, doch dürfte es (nötigenfalls mit einem medizinischen Wörterbuch) auch für Laien grossenteils verständlich sein.

Dieses Buch enthält keine Heilpflanzen-Fotos.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Heilpflanzenkunde: Wirkstoff aus Kudzu gegen Alkoholismus?

Sonntag, Juli 11th, 2010

Ein Inhaltsstoff aus der traditionellen Heilpflanze Kudzu könnte Trinkern beim Entzug helfen.

Kudzu wird schon seit über 1.000 Jahren in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt. Eine synthetische Form des Wirkstoffs Daidzin, einem in der Kudzu-Pflanze enthaltenen Inhaltsstoff, hat sich in vorklinischen Studien mit Nagetieren bereits bewährt, haben US-Wissenschaftler jetzt gezeigt. Die behandelten Tiere konsumierten weniger Alkohol, und die Rückfallgefahr wurde reduziert. Besonders vielversprechend: Im Gegensatz zu bisher verwendeten Wirkstoffen sind von Daidzin bisher keine schwerwiegenden Nebenwirkungen bekannt.

Der Studienleiter Ivan Diamond hat sich zum Ziel gesetzt, ein neues Medikament auf der Basis von Daidzin zu entwickeln, welches Ärzte bei Alkoholismus und möglicherweise auch bei anderen Suchtkrankheiten verschreiben können. Viele der bisher verwendeten Medikamente basieren auf dem Wirkstoff Disulfiram (Handelsname Antabus®) und haben massive Nebenwirkungen, welche laut der Studie bei Daidzin nicht auftraten. Zudem müsse das unrealistische Ziel einer kompletten Abstinenz für alle Alkoholkranken überdacht werden, sagte Diamond. Vielmehr sollten sie dahingehend behandelt werden, dass sie zwar noch Alkohol zu sich nehmen, jedoch nicht mehr in toxischen Mengen. Auch hier lassen die Eigenschaften des neuen Wirkstoffes hoffen, vermindern sie doch das Verlangen nach Alkohol und damit die Gefahr eines Rausches.

Alkohol wird im Körper zu Acetaldehyd abgebaut, der anschließend vom Enzym Aldehyddehydrogenase (ALDH-2) in die für den Körper unproblematische Essigsäure umgewandelt wird. Daidzin blockiert wie konventionelle Wirkstoffe ALDH-2, so dass der Alkohol nicht mehr komplett abgebaut werden kann und sich das giftige Acetaldehyd anreichert. Im Unterschied zu anderen Wirkstoffen dockt Daidzin aber ausschließlich an der ALDH an, so dass es andere Stoffwechselvorgänge nicht beeinträchtigt. Genau darin bestehen die Nebenwirkungen des bisher häufig verwendeten Wirkstoffs Disulfiram. Dieser stammt aus den 50er Jahren und würde nach Ansicht von Diamond heute nicht einmal mehr als Medikament zugelassen. Daidzin wirkt grundsätzlich aber ähnlich wie Disulfiram: Es steigert den Gehalt an Acetaldehyd im Blut, das für die unangenehmen Nebenerscheinungen des Trinkens wie Schwindel und Unwohlsein verantwortlich ist. Dieses Unwohlsein verunmöglicht es Trinkern praktisch, große Mengen Alkohol zu konsumieren.

Gleichzeitig verändert Daidzin den Dopamin-Spiegel im Gehirn und beeinflusst damit auch das Risiko, nach einer Abstinenzphase rückfällig zu werden: Der als Belohnungshormon bekannte Botenstoff Dopamin wird im Gehirn von Suchtkranken in hohen Mengen ausgeschüttet, wenn sie ihre Droge einnehmen. Dafür fällt der Dopaminspiegel bei Entzug drastisch. Dieses Auf und Ab, welches das Verlangen nach der Droge steuert, wird von Daidzin abgefangen, konnten die Wissenschaftler dokumentieren. Sie wollen nun mit klinischen Studien beim Menschen beginnen. In der traditionellen chinesischen Medizin wird Daidzin schon lange eingesetzt. Es stammt aus der Pflanze Kudzu oder Kopoubohne. Diese ist Botanikern unter dem Namen Pueraria lobata bekannt und verwandt mit Hülsenfrüchten und Klee. Pueraria lobata wurde aus Japan eingeschleppt und gedeiht in vielen europäischen Gärten.

Quelle:

ddp/ www.wissenschaft.de

Originalpublikation:

Ivan Diamond (Universität von Kalifornien, San Francisco) et al: Alcoholism: Clinical & Experimental Research

Kommentar & Ergänzung:

Das läuft also auf die Entwicklung eines Präparates mit isoliertem Daidzin heraus, was aber noch Jahre dauern dürfte. Angesichts vieler noch offener Fragen ist die gegenwärtig zu beobachtende Vermarktung von Kudzu via Internet problematisch. Wie in vielen ähnlichen Fällen auch, galoppiert die Vermarktung im Eiltempo davon, während die Klärung der offenen Punkte weit hinten her hinkt.

Wikipedia schreibt zu Kudzu:

„ Eigentlich ist Kudzu ….eine sehr nützliche Pflanze. Man kann fast jeden Teil als Nahrungsmittel verwenden und auch Tiere fressen sie gerne. In Japan wird Kudzu als Heilpflanze verwendet. Der alte chinesische Name lautet Ge-gen und die Pflanze zählt zur Familie der Leguminosen. Es besteht eine enge Verwandtschaft zu unseren heimischen Bohnengewächsen.

Die Blätter, Samen (Bohnen) und Wurzeln enthalten die Isoflavonoide Daidzin und Daidzein. Diese Substanzen sollen das Verlangen nach Zigaretten-Konsum stark einschränken. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten dies nicht bestätigen.“

Zur Verbreitung von Kudzu:

„In der Schweiz (und in Italien) in warmen Lagen am Lago Maggiore und am Lago di Lugano mindestens 30 Wuchsorte. Hat dort schon bis zu 0.7 ha grosse Flächen mit bis zu 2 m dicken Matten bedeckt und bis zu 20 m hohe Bäume überwachsen. Verwildert auch in Zürich-Höngg. Pueraria (Kudzu) ist vor allem in den südöstlichen USA (mehrere Mio. ha beeinträchtigt, Schäden 500e Mio. $/Jr), in Südafrika, Australien und auf vielen ozeanischen Inseln ein gefürchteter, invasiver Neophyt. Wurde z.B. in USA zur Erosionsbekämpfung in grossem Massstab gepflanzt und kann auch als Futter für Weidetiere genutzt werden. Für den Menschen als Zierpflanze, Medizin, Gemüse, Stärkelieferant und für Flechtwerk nutzbar.“

(Quelle: Schweizerische Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen, http://www.cps-skew.ch/deutsch/schwarze_liste.htm)

Pueraria, Kudzu, Kopoubohne wird von der Kommision auf der „Schwarzen Liste“ geführt.

Die Schwarze Liste umfasst die invasiven Neophyten der Schweiz, die in den Bereichen der Biodiversität, Gesundheit und/oder Ökonomie Schäden verursachen. Vorkommen und Ausbreitung dieser Arten muss verhindert werden.

Als Neophyten gelten im übrigen Pflanzen, die unter bewusster oder unbewusster, direkter oder indirekter Mithilfe des Menschen nach 1492, dem Jahr der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, in ein Gebiet gelangt sind, in dem sie natürlicherweise nicht vorkamen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Umfrage: Eltern bevorzugen Arzneimittel aus Heilpflanzen

Mittwoch, Juni 30th, 2010

Ob bei Erkältungen, Durchfall, Allergien oder bei Zahnungsbeschwerden: Wenn ihre Kinder erkrankt sind, greifen zahlreiche Eltern zu Heilpflanzen-Präparaten. Nicht alle Eltern teilen dies allerdings ihrem Kinderarzt mit. Und nur wenigen Vätern und Müttern ist klar, dass sich ärztlich verordnete Medikamente und Naturheilmittel nicht immer problemlos vertragen. Dies geht aus einer in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ veröffentlichten Elternumfrage (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) hervor.

An den Kinderkliniken der Universitäten Leipzig und München sowie bei zwei Kinderärzten in Leipzig füllten 413 Eltern einen Fragebogen zu ihrem Einsatz von Arzneimitteln aus Heilpflanzen aus: 85 Prozent gaben ihrem Kind ein oder mehrere davon – zusätzlich zu den Medikamenten, welche der Arzt verschrieben hatte. Der Anteil sei deutlich höher als in anderen Ländern, stellt Professor Wieland Kiess von der Universitätsklinik Leipzig fest. In den USA hätten in einer vergleichbaren Umfrage nur zehn Prozent der Eltern Phytotherapeutika angewendet, in Großbritannien waren es 28 Prozent, in der Türkei 44 Prozent.

Auch in Deutschland zeigte die Umfrage Unterschiede. In den Städten verwendeten Eltern häufiger Heilpflanzen-Präparate als auf dem Land. In den neuen Bundesländern sind sie beliebter als in den alten, möglicherweise eine Folge der geringen Verfügbarkeit solcher Mittel vor der Wiedervereinigung, mutmasst Professor Kiess. Auch höherer Bildungsstand und höheres Nettoeinkommen fördern die Beliebtheit von Heilpflanzen-Präparaten. Die Motivation sei dabei keinesfalls in einer Unzufriedenheit mit der Schulmedizin zu suchen, stellt der Experte fest. Im Gegenteil: Zahlreiche Eltern waren mit ihrem Kinderarzt zufrieden, 80 Prozent der Eltern gaben ihn sogar als Informationsquelle bezüglich Phytotherapie an.

Die Eltern sehen in Kamille, Fenchel, Eukalyptus, Salbei und Thymian eine natürliche Ergänzung zu den Arzneimitteln der Schulmedizin. Hier beginnen nach Ansicht von Professor Kiess allerdings die Schwierigkeiten: Zahlreiche der aus den Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe seien keineswegs harmlos. Einige könnten die Wirkung der Medikamente, die der Arzt verschreibt, verstärken oder abschwächen, warnt der Kinderarzt. Diese Gefahr war den meisten Eltern nicht klar: Drei Viertel glaubten, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen hätten. Zu den Beweggründen für die Verwendung von Heilpflanzen-Präparaten zählte mit 72 Prozent die Überzeugung, sie seien natürlicher und 65 Prozent glaubten, sie seien nebenwirkungsärmer als die vom Arzt verschriebenen Arzneien.

Die meisten Eltern sahen darum auch keine Notwendigkeit, die Mediziner über die Begleitbehandlung zu informieren: Nur 22 Prozent der Eltern hatten den Kinderarzt in Kenntnis gesetzt. Professor Kiess empfiehlt darum Ärzten, gezielt nach dem Gebrauch von pflanzlicher Medizin zu fragen und die Eltern auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Dies verbessere letztlich die Sicherheit und Effektivität der schulmedizinischen Therapie.
Quelle: Pressemeldung Georg Thieme Verlag

Orgiginalquelle:

M. Hümer et al.:
Phytotherapie in der Kinderheilkunde. Prävalenz, Indikationen und Motivation.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (19): S. 959-964

Kommentar & Ergänzung:

Die Resultate einer Umfrage in der Schweiz wären wohl vergleichbar mit den hier präsentierten Ergebnissen in Deutschland.

Das grosse Vertrauen von Eltern in Heilpflanzen-Präparate ist erfreulich. Es fragt sich allerdings, ob es auch in jeder Hinsicht gerechtfertigt ist. Bei den Naturheilmitteln gibt es nämlich ausgesprochen grosse Unterschiede in der Qualität. Beispielsweise dürfen alle Präparate aus den Bereichen Homöopathie, Anthroposophische Medizin und Spagyrik in Apotheken und Drogerien als Heilmittel verkauft werden, ohne dass ihre Wirksamkeit belegt werden muss. Der Unterschied zu Phytotherapeutika, welche ihre Wirksamkeit genauso belegen und dokumentieren müssen wie synthetische Medikamente, ist vielen Eltern nicht klar.

Und wenn drei Viertel der Eltern der Überzeugung sind, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen haben, so stimmt dies nur teilweise. Gerade bei Kindern sind bei einigen Heilpflanzen-Anwendungen auch allfällige Nebenwirkungen zu beachten.

Es fragt sich auch, wo Eltern zu verlässlichen Informationen über Heilpflanzen-Präparate und Naturheilmittel kommen.

Nur eine Minderheit der Ärztinnen und Ärzte ist zum Beispiel über Arzneimittel aus dem Bereich der Phytotherapie fundiert im Bilde. Und Apotheken und Drogerien verkaufen eine grosse Zahl von Naturheilmittel, bei denen jeder fundierte Hinweis auf eine Wirksamkeit fehlt.

Gesundheitszeitschriften als Infoquelle sind in der Regel sehr von Inserenten abhängig – und zwar nicht nur von den Herstellern synthetischer Medikamente, sondern genauso von den Produzenten aus dem Bereich der Komplementärmedizin. Das verhindert weitgehend eine kritische Berichterstattung und fördert undifferenzierte Propagandaberichte.

Und auf dem Buchmarkt gibt es sowieso keine wasserdichte Qualitätskontrolle. Die meisten Buchverlage publizieren, was sich gut verkauft. Eine harte fachliche Qualitätskontrolle ist dem Verkaufserfolg oft sogar eher hinderlich.

Meine zwei Empfehlungen:

- Fundierte Bücher zum Bereich Pflanzenheilkunde / Phytotherapie finden Sie in meinem Buchshop – und zwar mit ergänzendem Kommentar.

- Der beste Weg für Konsumentinnen und Konsumenten von Naturheilmitteln ist meines Erachtens, sich selber schlau zu machen. Eine Möglichkeit, sich vertieftes Wissen vor allem für die Anwendung von Heilpflanzen im familiären Umfeld anzueignen, ist das Heilpflanzen-Seminar über sechs Wochenenden. Hier werden die Grundlagen vermittelt für eine fundiertere Beurteilung der Qualität von Heilpflanzen-Präparaten.

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Baldrian-Wirkstoff als Angstlöser

Mittwoch, Juni 2nd, 2010

Ein Wirkstoff aus Baldrian wird als Basis für neue angstlösende Medikamente erforscht: Wissenschaftler der Universität Wien synthetisieren neuartige potenzielle Wirkstoffe in Ableitung von Substanzen, die in der Baldrian-Pflanze enthalten sind. Das gemeinsame Ziel der Chemiker und Pharmakologen ist es, angstlösende Arzneistoffe zu entwickeln, welche besser verträglich sind und weniger unerwünschte Wirkungen besitzen. In der aktuellen Ausgabe des British Journal of Pharmacology (BJP) werden Resultate dazu veröffentlicht.

In Österreich leiden über 800.000 Menschen an Angsterkrankungen, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Unter den Begriff Angststörungen fallen verschiedene Symptome wie Schlafstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Erregung. Herkömmliche Medikamente wie Antidepressiva oder Tranquillizer haben zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen und können innerhalb von Wochen zur Abhängigkeit führen.

Hilfe aus der Naturmedizin

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird Baldrian seit dem 18. Jahrhundert bei Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress, Reizbarkeit und Angstzuständen eingesetzt. Vor zwei Jahren zeigte das Team um Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, erstmals, dass der Naturstoff Valerensäure aus dem Baldrian einen bestimmten Typ von sogenannten GABAA-Rezeptoren auf Nervenzellen anregt. Dadurch wird die Erregbarkeit von Nervenzellen vermindert. Weiterführende Untersuchungen kamen dann zum Schluss, dass Valerensäure eine angstlösende und schlaffördernde Wirkung hat.

Die in der Praxis oft verordneten Benzodiazepine (ein bekannter Vertreter ist “Valium”) führen rasch zur Abhängigkeit und können  unerwünschte Wirkungen entfalten, wie beispielsweise Tagesmüdigkeit (“hang over”), Gangunsicherheit und Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit. Das Team um Hering geht davon aus, dass die aus Baldrian gewonnene Valerensäure nur gewisse Subtypen von GABAA-Rezeptoren beeinflusst. Daraus zieht Post-Doc Sophia Khom vom Department für Pharmakologie und Toxikologie folgenden Schluss: “Der große Vorteil dessen wäre, dass dadurch nur ganz bestimmte Hirnareale stimuliert werden, so weniger Nebenwirkungen entstehen und das Abhängigkeitspotenzial vermindert werden könnte.”

Synthetisierte Derivate wirksamer

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Johann Mulzer, Professor am Institut für Organische Chemie der Universität Wien, und Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, synthetisierte Jürgen Ramharter (Organische Chemie) nicht nur den Baldrian-Inhaltsstoff Valerensäure, sondern stellte auch Derivate davon her, also von der Valerensäure abgeleitete Wirkstoffe. Die Pharmakologin Sophia Khom erläutert dazu: “Mehrere der synthetisierten Derivate sind im Vergleich zur Valerensäure deutlich stärker wirksam. Bei einer der neu synthetisieren Verbindungen war die Wirkung auf den Rezeptor mehr als doppelt so stark.”

Der Pharmakologe und Department-Leiter Steffen Hering stellt dazu fest: “Wir sind auf einem guten Weg, auf Basis der Valerensäure neue, angstlösende Wirkstoffe zu finden, die für die Entwicklung von Arzneistoffen geeignet sind. Einige der bisher untersuchten Substanzen haben bereits eine deutlich stärkere Wirkung als der Naturstoff aus dem Baldrian selbst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir unter den Derivaten auch Wirkstoffe finden, die bei Epilepsie eingesetzt werden können.”

Quelle:

http://derstandard.at

Originalpublikation:

British Journal of Pharmacology: Valerenic acid derivatives as novel subunit-selective GABA(A) receptor ligands – in vitro and in vivo characterization. S. Khom, B. Strommer, J. Ramharter, T. Schwarz, C. Schwarzer, T. Erker, G.F. Ecker, J. Mulzer, S. Hering.

Kommentar & Ergänzung:

Eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen aus der Baldrianwurzel sind in den letzten Jahren auf ihre angstlösenden und / oder schlaffördernden Wirkungen untersucht worden. Ich bin nicht gegen diese Forschungen an einzelnen Baldrian-Wirkstoffen. Festzuhalten bleibt aber: Phytotherapie setzt ganze „Teams“ von Wirkstoffen ein, zum Beispiel in Form von Tees, Tinkturen oder Extrakten. Bisher jedenfalls kann man die Baldrianwirkung nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff zurückführen.

Ich kann auch nachvollziehen, dass Forschende einen Inhaltsstoff wie die Valerensäure synthetisiert und nach Abkömmlingen mit stärkerer Wirkung sucht.  Es ist aber voraussehbar, dass diese „Optimierung“ auch einen Preis haben wird. Die verstärkte Wirkung geht mit prägnanteren Eingriffen in den Organismus einher – beispielsweise mit einer grösseren Veränderungen der Schlafarchitektur. Daher wird bei solchen optimierten Molekülen auch mit verstärkten unerwünschten Nebenwirkungen und erhöhten Risiken zu rechnen sein.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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