Artikel mit Schlagwort ‘Nahrungsergänzungsmittel’
Samstag, Mai 1st, 2010
Zimt wird seit einiger Zeit als Heilmittel gegen Diabetes („Zuckerkrankheit“) empfohlen, gleichzeitig aber auch sehr kontrovers beurteilt. Dabei fällt auf, dass sowohl Befürworter als auch Skeptiker der Zimt-Anwendung ziemlich undifferenziert Stellung nehmen.
Im Internet und in Kreisen der Komplementärmedizin wird Zimt zum Teil ohne jede Einschränkung als Diabetes-Heilmittel propagiert. Absurderweise wird sogar Einlagesohlen mit Zimt eine Wirksamkeit gegen Diabetes zugeschrieben.
Andererseits ist auch die Kritik an der Verwendung von Zimt gegen Diabetes meist ziemlich undifferenziert.
In der „Welt“ (online 28. April 2010) kommt Prof. Rüdiger Landgraf von der Deutschen Diabetes-Stiftung in Düsseldorf zu Wort.
„In Online-Foren wird heiß diskutiert, welche Wundermittel gegen Diabetes die Natur bereithält. Ob Zimt, Grüner Tee oder spezielle japanische Heilpilze: ‚Es gibt bis heute noch keine Studien, die die positiven Wirkungen belegen’, sagt Landgraf. Er warnt besonders vor der Dauereinnahme von Zimt: ‚Es gibt keine Dosierungsempfehlung. Außerdem kann Zimt auf Dauer die Leber schädigen und sogar das Krebsrisiko erhöhen.’“
Zu präzisieren wäre da: Es gibt durchaus positive Zimt-Studien, doch ist die Wirksamkeit gegen Diabetes nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin tatsächlich nicht belegt.
Eine gute Zusammenfassung findet sich bei Wikipedia im Artikel über ZImt (Literaturangaben dort):
„Eine mögliche blutzuckersenkende Wirkung von Zimt in frühen Stadien des Diabetes mellitus wird in der modernen Medizin kontrovers diskutiert. In einer ersten Pilotstudie wurde die Wirksamkeit größerer Dosen Zimt (1–6 Gramm) auf Blutzucker- und Blutfettwerte untersucht. Hier konnte eine mögliche Senkung des Nüchternblutzuckers, der Triglyceride, des Gesamt- und des LDL-Cholesterins beobachtet werden. In einer weiteren Studie an 79 Patienten konnte eine Senkung des Blutzuckerspiegels, aber nicht des als “Langzeitblutzuckerspiegel” geltenden HbA1c-Werts und der Blutfettwerte beobachtet werden. Ein Wirksamkeitsnachweis der Anwendung von Zimt bei Diabetes mellitus nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin steht noch aus.“
Es gibt experimentelle und klinische Hinweise auf eine Wirksamkeit von Zimt, aber keine eindeutigen Belege.
Zur Diskussion steht aufgrund des gegenwärtigen Wissensstand nur der Diabetes-Typ-2, nicht der Diabetes-Typ1.
Die Warnung vor Langzeiteinnahme müsste differenziert werden. Heikel ist aufgrund des hohen Cumaringehalts der chinesische Zimt. Wikipedia dazu:
„In Zimt – vor allem im billigeren Cassia-Zimt (auch: chinesischer Zimt) – ist das als gesundheitsschädlich geltende Cumarin enthalten. In Fertigprodukten wird fast ausschließlich dieser aus China, Indonesien oder Vietnam stammende Cassia-Zimt verarbeitet. Der Cumarin-Anteil beider Zimtsorten unterscheidet sich erheblich: Während er bei dem Cassia-Zimt bei ca. 2 g Cumarin pro kg liegt, finden sich in der gleichen Menge Ceylon-Zimt nur ca. 0,02 g Cumarin.
Cumarin kann bei Einnahme in den Blutkreislauf Kopfschmerzen, Leberschäden, Leberentzündungen und, wie in wahrscheinlich nur bedingt auf den Menschen übertragbaren Tierversuchen mit Ratten festgestellt wurde, in sehr hohen Dosierungen sogar Krebs verursachen.“
Im „Leitfaden Phytotherapie“ (2007) schreiben Heinz Schilcher / Susanne Kammerer / Tankred Wegener:
„Der Ceylonzimt besitzt gegenüber dem chinesischen Zimt ein runderes Aroma, enthält keine oder nur in Spuren Cumarine und ist daher auch die verwendete Arzneibuchzimtrinde. Mit Ceylonzimt werden die erlaubten 0,1 mg Cumarin / kgKG nicht überschritten. Als Nahrungsergänzungsmittel zur begleiteten Diät bei Diabetes mellitus sollten nur wässrige Extrakte des Ceylonzimts verwendet werden.“
Im „Leitfaden Phytotherapie“ gibt es eine vorsichtige Empfehlung von Zimt zur unterstützenden Behandlung bei Diabetes.
Andere Phytotherapie-Fachautoren sind aber skeptischer, zum Beispiel Karl Hiller & Dieter Löw (in Max Wichtl, Teedrogen und Phytopharmaka, 2009):
„Eine blutzuckersenkende Wirkung von wasserlöslichen Inhaltsstoffen der Zimtrinde ist zwar wahrscheinlich, doch reichen die bisherigen Befunde nicht aus, die Anwendung als Antidiabetikum zu empfehlen, hierzu bedarf es noch wesentlich umfangreicherer klinischer Studien, sowohl bezüglich der Patientenzahlen als auch der untersuchten Parameter.“
Es gibt also noch viele offene Fragen zur Anwendung von Zimt bei Diabetes. Unkritische Zimt-Propaganda scheint mir daher genauso wenig angebracht wie fundamental-undifferenzierte Verdammung.
Sehr wichtig im Beitrag auf www.welt.de scheint mir folgender Hinweis:
„Statt auf die Rettung durch Nahrungsergänzungsmittel zu hoffen, sollten Diabetiker regelmäßig in die Sportschuhe schlüpfen. Walken, Joggen, Radfahren oder Schwimmen.“
Die Hoffnung auf irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel aus Zimt, Grüntee oder anderem kann die notwendigen Umstellungen im Lebensstil nicht ersetzen.
Professor Thomas Haak vom Diabetes Zentrum Mergentheim erklärt dazu: „Bewegung ist neben der Ernährung die wichtigste Säule der Therapie.“
Je nach Konstitution und Gewicht solle unter ärztlicher Anleitung ein Trainingsplan erstellt werden. „Stark übergewichtige Menschen müssen natürlich langsam anfangen.“
Quelle: http://www.welt.de/wissenschaft/medizin/article7373687/Diabetes-auch-ohne-Medikamente-behandelbar.html
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Samstag, Januar 23rd, 2010
Eine Untersuchung an Ratten veranlasst Forscher zu der Annahme, dass der Genuss von Äpfeln auch das Verdauungssystem von Menschen stärken kann.
Der regelmäßige Konsum von Äpfeln stärkt das Verdauungssystem und damit die Gesundheit von Ratten – und wahrscheinlich auch von Menschen. Zu diesem Resultat sind Mikrobiologen um Tine Rask Licht vom Lebensmittel-Forschungsinstitut der Technischen Universität Kopenhagen gekommen, nachdem sie ihren Versuchstieren eine systematische Apfel-Diät in jeder nur erdenklichen Form verabreicht hatten: Die Ratten frassen über einen längeren Zeitraum ganze Äpfel, Apfelsaft, Apfelmus und auch Pressrückstände von Apfelsaft.
Pektine fördern nützliche Bakterien
Die Wissenschaftler sehen die in Äpfeln und anderen Früchten enthaltenen Pektine als mögliche Ursache. Pektine sind für den Menschen unverdauliche Ballaststoffe, können jedoch von manchen Bakterien genutzt werden. Die pektinreiche Ernährung habe die Menge nützlicher Bakterien im Verdauungstrakt der Nager erhöht, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal “BMC Microbiology”. Diese Bakterien stellten zum einen bestimmte Buttersäure-Ester her, welche den Zellen der Darmwand als Treibstoff dienen. Wenn Äpfel über längere Zeiträume gegessen würden, schienen die Bakterien zudem die Herstellung kurzkettiger Fettsäuren zu fördern, was eine günstige Balance von Mikroorganismen im Darm sicherstelle.
Es brauche allerdings noch weitere Forschungsarbeiten, um zu klären ob auch das Verdauungssystem von Menschen in ähnlicher Weise reagiere wie dasjenige der Nagetiere. Die bisherigen Resultate legten jedoch bereits nahe, dass “Europas beliebteste Obstsorte einen wohlverdienten Platz in unserer Fünf-pro-Tag-Strategie einnimmt”. “Fünf-pro-Tag” ist der Name der internationalen Kampagne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Aufforderung, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu verzehren.
Quelle:
http://www.n-tv.de / dpa
Kommentar & Ergänzung:
Für Äpfel als Gesundheitsprodukt wird wenig Propaganda gemacht. So gerät der Spruch “An apple a day keeps the doctor away” etwas in Vergessenheit.
Damit will ich den Apfel nicht als Universalheilmittel darstellen. Aber angesichts der unaufhörlichen Propagandawelle für Nahrungsergänzungsmittel scheint mir ein gelegentlicher Hinweis auf den Wert von ganz gewöhnlichen Lebensmitteln nützlich. Neben Pektin bietet ein Apfel auch Vitamine und Flavonoide wie beispielsweise Quercetin, das zu den Antioxidantien zählt und als Radikalfänger wirkt.
In der traditionellen Pflanzenheilkunde und auch in Phytotherapie und Naturheilkunde werden Apfel-Pektine bei akutem Durchfall (Diarrhoe) eingesetzt:
“Pektin wird gegen akute Diarrhoe eingesetzt. Die einfachste Form, dem Organismus Pektine zuzuführen, ist die Moro-Apfeldiät: 1 – 1,5 kg rohe, geriebene Äpfel über den Tag verteilt essen. Zur Verhütung der Bräunung kann Zitronensaft zugesetzt werden.” (Theodor Dingermann / Rudolf Hänsel / Ilse Zündorf; Pharmazeutische Biologie, Springer Verlag 2002).
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, Januar 10th, 2010
Hagebuttenpulver wird seit einigen Jahren gegen Rheuma und insbesondere bei Arthrose angewendet. Inzwischen existieren mehrere Studien zur Wirksamkeit, doch bleiben auch noch viele offene Fragen.
Die “Zeitschrift für Phytotherapie” (Nr. 5/2009) publizierte eine Übersicht zum Stand des Wissens. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
- Zum antientzündlichen Wirkungsmechanismus der Hagebutte
Das antientzündliche Wirkspektrum der Hagebutte ist vergleichbar mit demjenigen der synthetischen Schmerzmittel. Wässrige Extrakte aus der Hagebuttenscheinfrucht und der Schale waren in den In-vitro-Tests (also im Labor, im Reagenzglas) unwirksam. Im Gegensatz dazu waren lipophile Extrakte aus den Schalen der Hagebutte im COX-1- und COX-2-Assay wirksamer als Extrakte aus den Scheinfrüchten und hemmten darüber hinaus auch die LOX (Lipoxygenase).
Kommentar Koradi: Es geht hier um die Hemmung von Entzündungsstoffen (Prostaglandine, Leukotriene).
Bei Patienten mit entzündlichem Rheuma reduzierte sich der krankhaft erhöhte Wert des Entzündungsparameters CRP signifikant unter der Einnahme von Hagebuttenpulver, stieg jedoch nach Beendigung der Einnahme wieder auf die Ausgangswerte an.
In Hagebuttenpulver wurden als wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe neben Polyphenolen und Vitamin C auch ein Galaktolipid und verschiedene ungesättigte Fettsäuren identifiziert.
- Zur Wirksamkeit von Hagebuttenpulver
Zum Hagebuttenpulver existieren 5 Studien: 3 Doppelblindstudien bei Arthrosebeschwerden, eine Anwendungsbeobachtung bei akuten Exazerbationen chronischer Rückenschmerzen und eine Doppelblindstudie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis.
Kommentar Koradi: Exazerbation = Verschlechterung im Krankheitsverlauf einer chronischen Erkrankung.
Ein 2006 publiziertes systematisches Review analysierte 4 Veröffentlichungen zur Wirksamkeit eines Hagebuttenpulver-Präparates bei Patienten mit Arthrosebeschwerden. Beim Auflisten der Qualitätsmerkmale dieser Studien vermuteten die Autoren, dass es sich bei den 2 Kongressbeiträgen um Subgruppenanalysen der bereits veröffentlichten Originalarbeit handelte. Ein anschließend publiziertes Review schloss sich dieser Vermutung an. Eine Meta-Analyse schloss aber die beiden Subgruppenanalysen (insgesamt 126 Patienten) als separate Studien in die Berechnung ein, sodass die Wirkgröße des Hagebuttenpulver-Präparates überschätzt wurde. Die später veröffentlichte Originalarbeit stützte sich auf 3 Originalarbeiten.
Eine Nachforschung zeigte, dass die von Rein und Mitarbeitern bei einem Kongress im Jahr 2004 präsentierten Daten nach Auskunft eines der Autoren doch eine separate Studie gewesen sein soll. Bei der Ethikkommission wurde aber nur ein Studienprotokoll ohne Amendment (Änderung, M.K.) eingereicht, obwohl die Studienpopulation und die Messinstrumente in den beiden Studien sich unterschieden. Auch sind die Kollegen des zweiten medizinischen Zentrums, das zur Studie beigetragen hatte, im Manuskript nicht erwähnt.
Die Beweislage für die Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers Litozin® bei Arthrosebeschwerden ist auf der Grundlage von 2 oder 3 explorativen Studien »mäßig« und muss bei entzündlichem Rheuma bzw. bei Rückenschmerzen wegen der Existenz von nur je einer explorativen Studie als »schlecht« eingestuft werden. Wörtlich schreiben die Autorinnen und der Autor dann: “Dennoch besteht an der Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers in Anbetracht der nachgewiesenen antioxidativen und antientzündlichen Wirkung kein Zweifel.”
Einen indirekten Hinweis auf Wirksamkeit sehen sie auch aus dem Vergleich der Responder in den Jahresstudien mit dem Hagebuttenpulver Litozin® und dem wässrigen Teufelskrallenwurzelextrakt Doloteffin® . In diesen Studien wurde dasselbe Studienprotokoll verwendet und das Konsens-Kriterium der amerikanischen Orthopädiegesellschaften OMERACT und OARSI eingesetzt. Dieses Kriterium soll zum Einsatz kommen, damit die Wirkgrößen von Arzneimitteln besser verglichen werden können. Der Prozentsatz an OMERACT-OARSI-Respondern unterschied sich zwischen den Studien nicht, sodass Litozin® Hagebuttenpulver bei Unverträglichkeit von Doloteffin® oder als Ersatz bei der Langzeitbehandlung rheumatischer Beschwerden verwendet werden könnte.
Die Autorinnen und der Autor halten jedoch fest: “Dennoch muss betont werden, dass zunächst dringend die Durchführung konfirmativer Studien erforderlich ist, um die klinische Bedeutung der beobachteten Wirkung einschätzen zu können, auch unter dem Aspekt, ob dem Hagebuttenpulver ein Platz in den von Leitlinien empfohlenen Behandlungsstrategien zusteht.”
(konfirmativ = Bekräftigend, befestigend, M.K.)
- Allgemeine Hinweise zum Hagebuttenpulver
Der Artikel schliesst mit allgemeinen Hinweisen zum Hagebuttenpulver:
Als unerwünschtes Ereignis könne während der Einnahme von Hagebuttenpulver gelegentlich eine Allergie auftreten. Eine allergische Reaktion mit einem generalisierten Hautausschlag und gastrointestinalen Beschwerden habe sich auch nach Trinken eines Hagebuttentees gezeigt.
Die ansonsten aufgetretenen gastrointestinalen Beschwerden seien teilweise durch eine nicht angepasste Flüssigkeitszufuhr bedingt. Bei Reizdarm mit Verstopfung sollen 300-500 ml Flüssigkeit bei Einnahme des Hagebuttenpulvers getrunken werden, weil die Pflanzenfasern in der Flüssigkeit quellen, wodurch das Stuhlvolumen steige und der Darmtransport im Sinne einer abführenden Wirkung angeregt werde. Bei Reizdarm mit Durchfall würden die Pflanzenfasern bei geringer Flüssigkeitszufuhr den flüssigen Darminhalt aufsaugen und linderten dadurch die Beschwerden.
Wie für alle Präparate aus pflanzlichen Fasern gelte auch für die Einnahme von Hagebuttenpulver, dass ein Abstand von 2 Stunden zwischen der Einnahme des Pulvers und der Zufuhr anderer Medikamente eingehalten werden solle, um einer verzögerten Aufnahme von Medikamenten vorzubeugen.
Quelle:
Zeitschrift für Phytotherapie 2009;
30: 227-231
DOI: 10.1055/s-0029-1242924
Sigrun Chrubasik, Cosima Chrubasik, Elena Neumann, Ulf Müller-Ladner;
Zur antientzündlichen Wirksamkeit von Pulver aus der Hagebutte
Kommentar & Ergänzung:
Dass Hagebutten plötzlich eine Bedeutung bekommen in der Behandlung von Rheuma bzw. Arthrose – wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht. Erfreulich ist zudem, dass es wissenschaftliche Bestrebungen gibt, um die Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers fundiert zu belegen. Allerdings sind die Verkaufsaktivitäten losgaloppiert, bevor auch nur im Ansatz die wichtigsten Fragen geklärt wurden. Auch sind die Hagebutten-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, nicht aber als Heilmittel angemeldet. Eine Wirksamkeit ist daher gegenüber von Heilmittelbehörden nicht dokumentiert worden.
Auch die im Artikel beschriebenen Ungereimtheiten in der Hagebutten-Forschung legen eine vorsichtige Einschätzung der Hagebutten-Wirkung nahe.
Die Autorinnen und der Autor schreiben ja:
“Dennoch besteht an der Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers in Anbetracht der nachgewiesenen antioxidativen und antientzündlichen Wirkung kein Zweifel.”
Ich vermute aufgrund der vorliegenden Daten ebenfalls, dass Hagebuttenpulver eine günstige Wirkung hat im Bereich Rheuma bzw. Arthrose. Dass aber kein Zweifel mehr besteht, scheint mir doch etwas stark ausgedrückt. Laborexperimente mit antioxidativen und antientzündlichen Effekten sagen noch wenig über tatsächliche Wirkungen an Rheumapatienten aus.
Das als wichtiger Wirkstoff der Hagebutte herausgehobene Galaktolipid soll übrigens fettliebend (lipophil) sein. Das spricht gegen eine gute Wirksamkeit von Hagebuttentee, weil sich das Galaktolipid im wässrigen Milieu wohl schlecht lösen wird.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, Dezember 28th, 2009
Der Echte Schwarzkümmel (Nigella sativa), häufig nur Schwarzkümmel genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Schwarzkümmel ist also nicht mit Kümmel und Kreuzkümmel verwandt.
Heimisch ist der Schwarzkümmel in Südeuropa, Westasien, Indien und Nordafrika.
Als pfefferartiges Gewürz und Medizin wird Schwarzkümmel im Orient bereits seit mehr als 2.000 Jahren verwendet. Punkto Geschmack erinnert Schwarzkümmel leicht an Sesam mit einer leichten Kreuzkümmelnote. Die schwarzen Samen, die im asiatischen Raum auch als “black onion seed” (“schwarzer Zwiebelsamen”) bezeichnet werden, streut man heute noch ähnlich wie Sesam auf Fladenbrot. Die Beliebtheit der Schwarzkümmelsamen als Brotgewürz führte zur Bezeichnung “Brotwurz”. Im Handel ist Schwarzkümmel häufig unter der Panjabi-Bezeichnung Kalonji erhältlich.
In der islamischen Welt kam der Schwarzkümmel zu grosser Popularität. Das soll auf einen Spruch Mohammeds (570 – 632 n. u. Z.) im Hadith (Buchari) zurückgehen: “Schwarzkümmel heilt jede Krankheit – ausser den Tod.”
Schwarzkümmelöl: grosse Versprechungen – viele offene Fragen
Schwarzkümmelöl ist ein fettes Öl, wird durch Pressung gewonnen und enthält daher auch ätherisches Öl. Es enthält neben gesättigten Fettsäuren die ungesättigten Fettsäuren Linolsäure und Ölsäure. Der Gehalt an Gamma-Linolensäure ist im Vergleich zum Nachtkerzenöl und zum Borretschsamenöl verhältnismässig gering.
Reines Schwarzkümmelöl wird in der Naturheilkunde als Heilmittel vor allem zur Linderung von Allergien (z. B. Heuschnupfen), Neurodermitis (Atopische Dermatitis), Psoriasis (Schuppenflechte), zur Regulierung des Immunsystems, gegen Asthma, in Begleitung von Chemotherapien zur Linderung der Nebenwirkungen, bei Verdauungsproblemen, Bluthochdruck sowie in der Tiermedizin empfohlen. In der indischen Heilkunde gilt Schwarzkümmelöl als bevorzugtes Mittel zu Linderung von Schwangerschaftsbeschwerden. Schwarzkümmelöl wird in Flaschen abgefüllt oder verkapselt. Die Kapseln können besser dosiert werden und sind länger haltbar. Schwarzkümmelöl ist in Apotheken, Drogerien und Reformhäusern erhältlich.
Die beste Qualität soll das kaltgepresste Öl aus ägyptischen Schwarzkümmelsamen besitzen, welche im trocken-heißen Klima Oberägyptens auf sandigen Böden gereift sind (Al-Baraka-Qualität); und auch in Österreich, speziell im Marchfeld (Wittau, Niederösterreich), wird Schwarzkümmel erfolgreich angebaut, geerntet und daraus kaltgepresstes Schwarzkümmelöl produziert.
Wichtig zu wissen ist: Schwarzkümmelöl ist als Nahrungsergänzungsmittel im Handel und nicht als Heilmittel zugelassen. Die Heilungsversprechungen, mit denen Schwarzkümmelöl zum Teil propagiert werden, sind daher nicht behördlich überprüft.
Bisher gibt es im wesentlichen tierexperimentelle Untersuchungen und Laborexperimente (in-vitro), in welchen antimikrobielle, antitumorale und immunmodulierende Effekte beschreiben wurden. Ob sich solche Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, bleibt dabei offen, weil valide klinische Studien mit Patienten bisher fehlen.
Bezüglich der Wirksamkeit von Schwarzkümmelöl bleiben also viele Fragen offen.
Nicht sehr überzeugend erscheint mir jedenfalls ein Ersatz von Nachtkerzenöl oder Borretschsamenöl durch Schwarzkümmelöl, wenn es um die Behandlung von atopischer Dermatitis (Neurodermitis) geht, weil zu diesem Zweck die Gamma-Linolensäure wesentlich ist. Der Gehalt an Gamma-Linolensäure ist jedenfalls im Nachtkerzenöl und im Borretschsamenöl wesentlich höher als im Schwarzkümmelöl.
Quellen:
Wikipedia;
Heilpflanzenlexikon von Dietrich Frohne (siehe Buchshop)
Biogene Nahrungsergänzungsmittel von Hans-Peter Hannssen, Angelika Koch, Rita Richter (siehe Buchshop)
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Samstag, Oktober 31st, 2009
“Fitness ohne Training durch ,Phytodoping‘?”, fragt die “Ärztezeitung” und fügt bei: “Ganz ohne Trainingsanstrengung die körperliche Fitness verbessern – diese ,bequeme‘ Leistungssteigerung scheint mit dem Wirkstoff Quercetin möglich zu sein. Ein neuer Fall für die Dopingkontrolleure?”
Quercetin gehört zu den Polyphenolen – sein Name verweist auf eine Beziehung zur Eiche (lateinisch Quercus) – und kommt in höherer Konzentration etwa in Zwiebeln, Äpfeln oder Brokkoli vor. Dem Pflanzenfarbstoff werden starke antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben.
Ein US-Wissenschaftlerteam um Dr. J. Mark Davis an der Universität in Columbia hat seit einiger Zeit eine weitere potenzielle Wirkung im Auge. Tierexperimentell fand die Gruppe Anhaltspunkte dafür, dass Quercetin auch die Biogenese der Mitochondrien, die als biochemische “Kraftwerke” der Zellen gelten, verbessern kann. In der Studie war die Verbesserung der mitochondrialen Biogenese mit einer erhöhten Ausdauerkraft verbunden.
Kann man also mit dem Polyphenol Quercetin auch bei Menschen die Fitness ohne die Mühsal eines schweißtreibenden Ausdauertrainings verbessern? Die Antwort brachte kürzlich eine kleine Studie bei zwölf gesunden, aber sportlich untrainierten Versuchsteilnehmern. Diese bekamen jeweils sieben Tage lang entweder zweimal täglich ein Präparat mit 500 mg reinem Quercetin oder Placebo. Am Anfang und am Schluss der einwöchigen Behandlungsperiode stand jeweils ein Belastungstest auf dem Fahrradergometer.
Die Einnahme von Quercetin war mit einer moderaten Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2) um 3,9 Prozent verbunden, schreiben die Forscher im “International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism”. Deutlicher war die Verbesserung beim Parameter Zeit bis zur Erschöpfung (time to fatigue), welche um 13,2 Prozent verlängert wurde. Die Autoren ziehen den Schluss: Quercetin verbesserte bei Untrainierten die Ausdauerleistung in einem Maße, wie es sonst nur durch konsequentes Training erreichbar ist.
Ob das neue Möglichkeiten nicht nur zum Doping, sondern auch zur Krankheitsverhütung eröffnet, bleibt abzuwarten.
Die Ärztezeitung schreibt: “Äpfel essen als Phytodoping? Da müssten es schon knapp 100 Stück täglich sein.”
Quelle: www.aerztezeitung.de
Kommentar & Ergänzung:
“Und wie viele Zwiebeln?”, würde ich da weiterfragen…..
Im Ernst: Quercetin ist ein interessanter Inhaltsstoff und auch in vielen Heilpflanzen enthalten.
Quercetin ist ein gelber Naturfarbstoff, der in vielen Pflanzen vorkommt, zum Beispiel inm der Färbereiche oder im Apfel. Ebenso ist Quecetin im Wein enthalten. Da Quercetin vor allem in der Traubenschale vorkommt, sind die Gehalte in Rotweinen höher als im Weißwein. Daneben trägt auch eine Holzfasslagerung zum Quercetingehalt bei, weil die Substanz während der Lagerung langsam vom Holz in den Wein übergeht.
Das Polyphenol Quercetin ist ein Flavonoid. Es ist weit verbreitet im Pflanzenreich und somit auch in der Nahrung. Große Quercetin-Mengen können in Zwiebeln, Äpfeln, Brokkoli oder grünen Bohnen gefunden werden, die je nach Art der Zubereitung aber teilweise zerstört werden. Auch das Schälen von Obst und Gemüse reduziert den Flavonoid-Anteil drastisch, denn speziell in den farbigen Schalen (Flavonoide sind Pflanzenfarbstoffe) ist der Flavonoidgehalt hoch. Quercetin werden weitreichende, physiologisch günstige Effekte zugesprochen. Hervorzuheben wird dabei eine krebshemmende Wirkung, welche hauptsächlich auf das antioxidative Potenzial zurückzuführen sein soll. Quercetin wirkt wie die Vitamine A, C und E als Radikalfänger.
Die tägliche Aufnahme von Quecetin mit der Nahrung soll in westlichen Ländern geschätzte 25 mg betragen. Obwohl der Stoff also verbreitet in der Nahrung vorkommt, können auf diesem Weg die in der Studie verabreichten 1000mg Quercetin pro Tag nicht zugeführt werden. Es stellt sich aber sowieso die Frage, ob derart hohe, unphysiologische Quercetin-Mengen nicht auch negative Effekte auslösen könnten. Grundsätzlich sind Flavonoide gut verträgliche Wirkstoffe, die auch leicht wieder ausgeschieden werden. Das spricht für gute Verträglichkeit. Allerdings gibt es inzwischen einige Studien, in denen unnatürlich hohe Gaben von Antioxidantien negative Folgen zeigten. Ein breites Angebot an verschiedenen Radikalfängern, wie es eine abwechslungsreiche Ernährung am besten sicherstellt, ist wohl sinnvoller als die Einnahme eines einzigen Stoffes in sehr hoher Dosis.
Im übrigen wird die Schlagzeile “Fitness ohne Training durch Phytodoping” ziemlich relativiert durch eine Meldung im “Ärzteblatt”, die ich hier modifiziert anfüge:
Energiedrinks mit Quercetin anderen Getränken nicht überlegen
Energydrinks mit Quercetin als Inhaltstoff sind nicht wirksamer andere Getränke dieser Gattung. Zu diesem Resultat kommt eine Studie von Forschern der University of Georgia. Das Journal of Applied Physiology publizierte die Untersuchung (2009; 107: 1095-1104).??Das Polyphenol Quercetin erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Es wird vermarktet als leistungssteigernder Nahrungsmittelzusatz. So wirbt zum Beispiel Lance Armstrong für einen sogenannten Energy Drink, dem dieses Antioxidanz beigefügt ist. Quercetin findet sich als Naturfarbstoff in vielen Pflanzen und kommt auch in Nahrungsmitteln wie Äpfeln oder Wein vor.?
Forscher des UGA College of Education testeten nun Quercetin in einer Doppelblindstudie an 30 Versuchspersonen. Die Fallgruppe bekamen über 16 Tage viermal täglich 250mg Quercetin, während die Kontrollgruppe ein Placebo einnahm. Die Wissenschaftler erfassten dabei zahlreiche Parameter wie den maximalen Sauerstoffverbrauch, Kraftverlust im Verlauf einer Übung, Leistungsfähigkeit auf dem Fahrradergometer oder die Fähigkeit der Muskeln, Energie zu synthetisieren. ??“Wir konnten keine Verbesserung der Leistungsfähigkeit durch Quercetin feststellen. In gewisser Weise hat uns das Ergebnis enttäuscht, da unsere Hypothese auf vorangegangenen Untersuchungen an Mäusen fußte. Diese hatten uns ein positives Ergebnis vermuten lassen”, hielt Kirk Cureton fest, Leiter der Abteilung für Kinesiologie.
Quelle: www.aerzteblatt.de
Originalpublikation:
http://jap.physiology.org/cgi/content/abstract/107/4/1095
Kommentar & Ergänzung:
Alles unklar und offen, könnte man hier also schlussfolgern. Nichtsdestotrotz wird Quercetin als Nahrungsergänzungsmittel heftig vermarktet.
Mit nur 12 und 30 Teilnehmenden sind im übrigen beide Studien nicht sehr gewichtig.
Also doch lieber trainieren – schliesslich profitiert der Organismus von Bewegung auf den verschiedensten Ebenen…..
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Samstag, Oktober 3rd, 2009
Gegen Harnwegsinfektionen können die Inhaltsstoffe von Cranberrys gut helfen. Seitdem verschiedene Studien die Wirkung dieser Früchte bestätigen, kommen immer mehr Heilpflanzen-Präparate mit Cranberry-Extrakten auf den Markt, die gegen Blasenentzündungen bzw. Harnwegsinfektionen helfen sollen. Ihre Wirksamkeit hängt allerdings stark von der Menge des Wirkstoffes im eingesetzten Produkt ab.
Zu diesem Resultat kommt eine Untersuchung von 24 Cranberry-Präparaten durch die Zeitschrift “Öko-Test”. Nur drei der überprüften Mittel schlossen mit dem Gesamturteil “gut” ab. Der Rest der getesteten Cranberry-Produkte schnitt deutlich schlechter ab: Elf Präparate bekamen ein “ausreichend”, ein Mittel wurde mit “mangelhaft” beurteilt und neun Präparate schnitten als “ungenügend” ab. Für die schlechten Noten waren hauptsächlich ein nicht ausreichender Cranberry-Gehalt verantwortlich, in einigen Produkten jedoch auch die gefundenen Pestizidspuren oder andere bedenkliche Inhaltsstoffe.
Quelle:
http://de.news.yahoo.com/
Kommentar & Ergänzung:
Getestet wurden deutsche Cranberry-Produkte, doch dürften die Ergebnisse in der Schweiz nicht wesentlich anders sein.
Cranberry heisst auf deutsch Grossfrüchtige Moosbeere (Vaccinium macrocarpon). Heilpflanzen-Präparate aus Cranberry und auch aus der einheimischen Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) sind nur als Nahrungsergänzungsmittel bzw. als Lebensmittel im Handel und nicht als Arzneimittel registriert. Sie müssen daher keine Wirksamkeit belegen und auch keinen Mindestgehalt an wirksamen Inhaltsstoffen aufweisen. Aus dieser fehlenden Qualitätskontrolle ergeben sich die grossen Qualitätsunterschiede.
Proanthocyanidine (PAC) gelten gegenwärtig als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe der Cranberrys. Doch bis heute existiert keine allgemein anerkannte Methode zur Bestimmung des PAC-Gehaltes in Cranberry-Produkten. Alle Methoden sind störanfällig und liefern stark unterschiedliche Resultate.
Zudem ist es sehr schwierig, wirklich begründete Dosierungsempfehlungen zu finden.
Die französische Agentur für Lebensmittelsicherheit AFSSA geht von einer erforderlichen Mindestmenge von 36 mg PAC oder 29 g frischen Cranberrys in einer Tagesportion aus, um die Anzahl der Harnwegsinfektionen zu reduzieren (nach: www.oekotest.de).
Dies ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass es in der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde nicht nur darauf ankommt, welche Heilpflanze für welche Krankheit geeignet ist. Genauso wichtig ist die Frage, in welcher Form die ausgewählte Heilpflanze zur Anwendung kommt.
Siehe auch:
Phytotherapie: Cranberry-Saft wirkt wie Teflon
Pflanzenheilkunde: Preiselbeersaft wirkt gegen Blasenentzündung
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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Samstag, September 26th, 2009
Die Einstellung von amerikanischen Ärzten und Patienten zu Heilpflanzen-Präparaten ändert sich gegenwärtig. Hauptsächlich bei Erkältungskrankheiten erobern Phytotherapeutika den Markt.
Phytotherapie hat in den USA einen ganz anderen Stellenwert als in Europa. Das Wissen um wirksame Heilpflanzen-Präparate war in den USA bisher kaum entwickelt. Weil es in diesem Bereich dort keine ausreichende Qualitätskontrolle gibt, wurde der Markt mit billigen Importen etwa aus Fernost überschwemmt.
Seit einiger Zeit ändert sich in den USA jedoch einiges. So fördern die National Institutes of Health die Erforschung von Heilpflanzen-Präparaten mittlerweile mit dreistelligen Millionen-Dollar-Beträgen pro Jahr. Und auch US-amerikanische Ärzte sind mehr und mehr an Evidenz-basierten Phytopharmaka interessiert, insbesondere im Bereich der Erkältungskrankheiten. In diesem Indikationsbereich wurden einige synthetische Arzneimittel wegen unerwünschter Wirkungen vom Markt genommen, darunter Mittel zur Abschwellung der Nasenschleimhaut.
2007 warnte die US-Gesundheitsbehörde FDA sogar ausdrücklich davor, frei erhältliche synthetische Medikamente gegen Husten und Erkältungskrankheiten bei Kindern unter sechs Jahren anzuwenden.
Diese Situation stellte US-Ärzte vor ein Dilemma, weil viele Medikamente nach der FDA-Warnung nicht mehr zur Verfügung standen. Pflanzliche Mittel galten zudem als gefährlich. In den USA müssen erst einmal viele Ärzte aufgeklärt werden, dass es bei vielen Erkrankungen ernst zu nehmende Heilpflanzen-Präparate gibt.
Quelle: www.aerztezeitung.de
Kommentar & Ergänzung:
Problematisch ist unter anderem, dass in den USA “Herbals” nicht als Arzneimittel gelten, sondern überwiegend als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden. Sie sind daher auch kaum staatlich reguliert und kontrolliert, was erhebliche Qualitätsprobleme verursacht. Das ist ein grosser Unterschied zur Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hier konnten qualitativ hochstehende Heilpflanzen-Präparate ihren Status als offiziell anerkannte Heilmittel verteidigen oder gar ausbauen. Phytopharmaka, deren Wirkungen gut durch Studien belegt ist, werden daher in der Schweiz von den Krankenkassen über die Grundversicherung bezahlt. Das ist ein Unterschied zu Homöopathika und Anthroposophika, die aufgrund politischer Entscheidungen vom Wirkungsnachweis befreit sind und daher von der Grundversicherung bezahlt werden, ohne dass ihre Wirkung belegt werden müsste.
Für europäische Verhältnisse beneidenswert hoch ist der finanzielle Aufwand des National Institutes of Health zur Förderung der Heilpflanzen-Forschung. Allerdings fehlt es in den USA ganz offensichtlich wegen der mangelnden Erfahrung im Umgang mit Heilpflanzen-Forschung oft an Phytotherapie-Fachleuten, die solche Studien auch sach- und fachgerecht durchführen können. Wir müssen uns dann in Europa mit amerikanischen Grosstudien herumschlagen, die manchmal ziemlich weit weg von der hiesigen Phytotherapie-Praxis liegen, und zum Teil auch grobe Fehler enthalten. Jedenfalls gibt es durch diese Resultate aus den USA in der “Phytotherapie-Szene” immer wieder anregenden bis heiss debattierten Diskussionsstoff.
Und das ist ja auch eine der Stärken der Phytotherapie, dass sie ein offenes Feld ist und kein geschlossenes System, das Gültigkeit für alle Ewigkeit beansprucht. So setzen sich immer wieder neue Erkenntnisse durch. Neue Wirkungen von Heilpflanzen werden entdeckt, aber auch alte Irrtümer über Bord geworfen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Freitag, Juli 31st, 2009
Hier als Überblick eine überarbeitete und gekürzte Zusammenstellung aus der Universität Duisburg-Essen mit den wichtigsten Heilpflanzen bei Schlaflosigkeit, Depression, Stress, Erschöpfung und ähnlichem:
Die Heilpflanzen in diesem Bereich werden in fünf Indikationsgruppen eingeteilt: Nachtsedativa, Tagessedativa, Antidepressiva, Nootropika und Medikamente gegen Erschöpfung. Bei den Phytotherapeutika dieser Gruppe ist oft eine längere Therapie notwendig, bevor eine Wirkung offensichtlich wird.
Nacht- und tagessedativ (schlafanstoßend und teilweise thymoleptisch) wirken:
– Baldrianwurzel (Valerianae radix, Valeriana officinalis)
– Hopfenzapfen (Lupuli strobulus, Humulus lupulus)
– Melissenblätter (Melissae folium, Melissa officinalis)
– Passionsblumenkraut (Passiflorae herba, Passiflora incarnata)
Vorwiegend nachtsedativ wirken
– Lavendelblüten (Lavandulae flos, Lavandula angustifolia)
Antidepressiv wirkt vorrangig Johanniskraut (Hyperici herba, Hypericum perforatum). Hierzu liegen etliche Studien vor.
Auch Hopfen entfaltet zum Teil eine antidepressive Wirkung. Für
Präparate aus dem hauptsächlich anxiolytisch (= angstlösend) wirkenden Kava-Kava-Wurzelstock wurde die Zulassung wegen zum Teil schwerer lebertoxischer Wirkung widerrufen.
Nootrop wirken hauptsächlich Extraktpräparate aus Gingkoblättern (Ginkgo folium, Ginkgo biloba). Ihre durchblutungsfördernde Wirkung wird genutzt bei beginnender Demenz, Vertigo, Tinnitus und pAVK (periphere arterielle Verschlusskrankheit).
Gegen psychophysische Erschöpfung wirken
– Ginsengwurzel (Ginseng radix, Panax ginseng)
– Taigawurzel (Eleutherococci radix, Eleutherococcus senticosus)
Sie erhöhen die Stressresistenz und wirken gegen Müdigkeit, Schwäche, nachlassende
Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit.
Koffeinhaltige Pflanzen wie Kaffee, Guarana,
Tee, Mate machen zwar wacher, verstärken aber bei unkritischer Anwendung auf kurze
oder längere Sicht die Erschöpfung.
Kommentar & Ergänzung:
– Mit “nootrop” ist eine Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit gemeint.
Ein Nootropikum wie Ginseng oder Ginkgo ist also ein Mittel zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit. Es handelt sich um einen unscharf definierten Begriff. Im weitesten Sinne geht es dabei um Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder andere Substanzen, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird, wobei auch überspitzt von “Gehirndoping-Mittel” geredet wird. Im engeren und wissenschaftlich-pharmakologischen Sinne sind Nootropika Arzneimittel, welche als so genannte Antidementiva für die Behandlung einer Demenz zugelassen sind. In der Phytotherapie steht dabei eindeutig Ginkgo-biloba-Extrakt im Zentrum.
– Nicht sehr überzeugend scheint mir der Hinweis auf antidepressive Effekte bei Hopfen. Dazu gibt es meines Erachtens keine überzeugenden Argumente. Johanniskraut ist bei leichten und mittleren Depressionen zweifellos das Mittel der Wahl in der Phytotherapie. Allenfalls könnten noch ätherische Öle wie Melissenöl oder Lavendelöl günstig wirken bei leichten depressiven Verstimmungen (rascher eintretende Wirkung verglichen mit Johanniskraut, das erst nach 10 – 14 Tagen zur Wirkung kommt).
– Die Abgenzung von Lavendelblüten als vorwiegend nachtsedativ scheint mir fraglich. Sinnvoller wäre meiner Ansicht nach eher eine Unterscheidung von Heilpflanzen, die eher nach mehrtägiger (10 – 14 Tage) Einnahme ihre Wirkung voll entfalten (Baldrian) und Heilpflanzen, welche innert Minutenfrist wirken (ätherische Öle wie Melissenöl und Lavendelöl).
Abschliessend zu diesem Überblick der Universität Duisburg-Essen soll noch betont werden, dass es nicht nur darauf ankommt, die richtige Heilpflanze für eine bestimmte Krankheit zu finden. Ebenso wichtig ist es, in welcher Form die Heilpflanze zur Anwendung kommt (z. B. Tee, verschiedene Varianten von Tinktur oder Extrakt).
Es ist nämlich eine ganze Anzahl von Heilpflanzen-Präparaten im Handel, von denen ausgesprochen fragwürdig ist, ob sie überhaupt eine Wirkung haben – neben fundierten Produkten, die es natürlich auch gibt.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Samstag, Juli 25th, 2009
Spirulina wird als Nahrungsergänzungsmittel immer wieder in höchsten Tönen gelobt.
So beschreibt beispielsweise ein Anbieter im Internet die “einzigartige Power-Alge” sei “sicherlich eine der bedeutendsten Nahrungspflanzen und wichtigsten (Über-) Lebensmittel unserer Zeit”.
Das sind etwas gar grosse Worte.
Empfohlen wird Spirulina aber auch als ideale Quelle für Vitamin B12 bei vegetarischer Ernährung.
Diese Anpreisung ist sehr fragwürdig. Nach Angaben der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg haben nämlich Studien “gezeigt, dass das enthaltene Vitamin B12 in einer für den Menschen nicht nutzbaren Form vorliegt”.
Und in “Wikipedia” heisst es zu diesem Punkt:
“Spirulina enthält praktisch ausschließlich eine unwirksame Form des Vitamins (,Pseudovitamin B12‘, ,Vitamin B12 Analoge‘), das die Aufnahme und den Stoffwechsel des physiologischen Vitamin B12 blockieren kann.”
Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hält zudem fest:
“Spirulina Algen (Süßwasser-Mikroalgen) bestehen zu 60% aus Eiweiß und enthalten auch Vitamine und Mineralstoffe. Die Dosis, die als Ergänzung aufgenommen wird, ist jedoch so gering, dass sich die ergänzende Eiweißzufuhr in der Regel kaum bemerkbar macht. Darüber hinaus kommt ein Eiweißmangel in westlichen Industrieländern bei einer vielseitigen und ausgewogenen Ernährung kaum noch vor. In der Regel tritt ein Eiweißmangel als Folge extrem einseitiger Diäten oder chronischer Erkrankungen auf. Den Eiweißbedarf können Sie über tierische (Fleisch, Eier, Milch- und Milchprodukte) und pflanzliche Lebensmittel (Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln) decken. Eine Kombination beider, wie z.B. Kartoffeln und Ei, erhöht zudem die Wertigkeit. Wissenschaftliche Belege zum Nutzen von Spirulina fehlen.”
Diese Einschätzung wird auch geteilt von Hanssen / Koch / Richter im Buch “Biogene Nahrungsergänzungsmittel”:
“Dosierung meist zu gering zur Aufnahme ernährungsphysiologisch relevanter Mengen.”
Völlig aus dem Ruder läuft die Spirulina-Geschichte mit Anpreisungen gegen Aids und Krebs, die jeder seriösen Grundlage entbehren.
Die grossen Heilungsversprechungen, die in manchen Kreisen der Naturheilkunde mit der Spirulina-Propaganda verbunden werden, sind meines Erachtens sehr fragwürdig und kommen einer Täuschung von Konsumentinnen und Konsumenten nahe. In diesen eher esoterisch angehauchten Bereichen der Naturheilkunde gibt es meiner Erfahrung nach ein starkes Tabu bezüglich dem Stellen kritischer Fragen. So etwas Wunderbares wie Spirulina darf nicht mit kritischen Fragen in den Schmutz gezogen werden. Solche Denk- und Frage-Tabus sind ein guter Boden für Heilslehren aller Art.
Der grosse Boom, den Spirulina-Produkte und andere Nahrungsergänzungsmittel erleben, dürfte wohl hauptsächlich mit dem schlechten Gewissen zu tun haben, das viele Menschen bezüglich ihres Gesundheitsverhaltens plagt. Uns wird ja ständig eingeredet, was wir alles für unsere Gesundheit tun oder lassen sollten. Kein Mensch kann alle diese Ratschläge auch nur ansatzweise umsetzen.
Daraus entsteht dann leicht ein schlechtes Gewissen, welches sich mit dem Konsum von angeblich ganz besonders gesunden Produkten wie Spirulina immer wieder besänftigen lässt.
Das Buch “Biogene Nahrungsergänzungsmittel” von Hanssen / Koch / Richter” können Sie in unserem Buchshop näher anschauen und beziehen. Neben Spirulina liefert es für über 100 pflanzliche und tierische Nahrungsergänzungsmittel Informationen zu Herkunft, Beschreibung, Inhaltsstoffe, Verwendung und Verzehrempfehlung, gefolgt von einer kritischen Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses jedes Präparates.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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