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Kalzium-Präparate: Kein Schutz vor Knochenbrüchen und Osteoporose

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Eine normale Ernährung reiche zur Vorbeugung, schreibt Werner Bartens in der „Süddeutschen“.

Millionen von Senioren schlucken Mineralien und Ergänzungspräparate – darunter auch Kalziumpräparate. Denn Kalzium soll die Knochen hart machen und vor Knochenbrüchen und Osteoporose schützen. So die Versprechungen der Hersteller.

Zwei große Studien im British Medical Journal zeigen nun jedoch, dass vermehrte Kalzium-Zufuhr das Skelettsystem kaum oder gar nicht schützt.

Neuseeländische Mediziner um Mark Bolland haben die Untersuchungen durchgeführt. Mit einer Meta-Analyse klärten sie die Frage, wie sich mehr Kalzium in der Nahrung und durch Zusatzpräparate auf die Knochendichte auswirkt (Bd. 351, S. h4183, 2015). Die Analyse von 59 Studien mit total beinahe 14 000 Teilnehmern kam zu ernüchternden Resultaten.

Die Knochendichte erhöhte sich durch Zugabe von Kalzium gerade mal zwischen 0,7 und 1,8 Prozent. Es spielte keine Rolle, ob geringe oder hohe Mengen Kalzium zugeführt wurden und wie intensiv sich die Versuchspersonen an eine Diät hielten, die reich an Milchprodukten war. Es sei unwahrscheinlich, dass dieser minimale Anstieg zu einer klinisch signifikanten Verminderung der Knochenbrüche führt, konstatiert Bolland.

In der zweiten Untersuchung analysierten die Mediziner, ob sich durch erhöhte Kalziumzufuhr in der Nahrung Knochenbrüche verhindern ließen (Bd. 351, S. h4580, 2015). Eine Meta-Analyse der fundiertesten Studien mit über 44 000 Probanden zeigte keine Erfolge. Zwar wurde in einigen Studien behauptet, dass sich mit Hilfe von Kalzium-Präparaten die Bruchgefahr geringfügig reduzieren ließe.

Diese Untersuchungen waren aber mit methodischen Mängeln behaftet. Bolland und seine Mitarbeiter vermuten daher, dass sogar dieser minimale Schutzeffekt nicht vorhanden ist, sondern auf einer eigenwilligen Interpretation der Daten basiert. Nur eine Untersuchung mit hochbetagten und schlecht ernährten Heimbewohnern ergab, dass sich ihr Zustand mit Kalzium-Zusätzen verbesserte. An der Schlussfolgerung für Senioren allgemein ändert diese Ausnahme aber nichts: „Milchprodukte verhindern keine Brüche und die Beweise dafür, dass Kalzium-Präparate die Knochen schützen, sind schwach und uneinheitlich.“

Nebenwirkungen möglich

Die meisten älteren Personen in westlichen Ländern nehmen pro Tag 700 – 900 Milligramm Kalzium ein. Manche Fachgesellschaften raten jedoch zu 1000 – 1200 Milligramm, sodass kalziumhaltige Zusatzpräparate zum Einsatz kommen. In einigen Ländern wie den USA schlucken zwischen 30 und 50 Prozent aller älteren Frauen Ergänzungsmittel. Deren Anwendung ist nicht ohne Risiko. Bei einer Dosis von über 1000 Milligramm, die durch Supplemente zugeführt wird, drohen Herzprobleme durch verkalkte Herzkranzgefäße, Nierensteine und Magen-Darm-Beschwerden.

Der Dachverband der deutschsprachigen Knochenexperten (DVO), empfiehlt ab dem 60. Lebensjahr auf genügend Bewegung zu achten und Immobilisierung zu vermeiden, um das Risiko von Osteoporose und Knochenbrüchen zu vermindern.

Wichtig ist zudem eine ausgewogene Ernährung, in der Milchprodukte ihren Platz haben, und eine ausreichende Kalorienzufuhr.

Felix Beuschlein, Stoffwechselexperte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wird in der „Süddeutschen“ zitiert mit der Aussage:

„Viele Menschen glauben, dass sie sich mit Kalzium-Zusatzpräparaten im Alter etwas Gutes tun.Aber der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass dies nicht nötig und nicht günstig ist. Die reine Kalzium-Substitution bringt zudem gar nichts, wenn nicht genügend Vitamin D vorhanden ist.“

Deshalb sollte auch auf genügend Aufenthalt an der Sonne geachtet werden und auf die Berücksichtigung von Vitamin-D-haltigen Lebensmitteln wie Innereien, Fisch, Eier und Milchprodukten.

Karl Michaelsson von der Universität Uppsala in Schweden warnt im Fachblatt British Medical Journal davor, ältere Menschen flächendeckend krankzureden, indem Grenzwerte verändert werden (Bd. 35, S. h4825, 2015). Statt bis zu 1200 Milligramm Kalzium täglich als Ziel zu proklamieren, wie dies beispielsweise die Osteoporose-Vereinigung der USA tut, gebe es gute Gründe, dass 700 bis 800 Milligramm genügen – und diese Menge wird fast immer schon mit der normalen Nahrung zugeführt. Michaelsson sagt:

„Legt man die hohen Werte zugrunde, ist nahezu jeder über 50 erhöhten Risiken ausgesetzt. Die Mehrzahl der Leute wird keinen Nutzen davon haben, wenn sie mehr Kalzium zu sich nimmt. Diese Massen-Medikation ist fragwürdig. Es wird Zeit, die kontroversen Empfehlungen zu überdenken.“

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/nahrungsergaenzungsmittel-die-mineralien-sage-1.2669935

Kommentar & Ergänzung:

Nahrungsergänzungsmittel jeder Art boomen seit längerem im Markt. Sie lindern wohl meistens einfach das schlechte Gewissen, das uns die Hersteller vorgängig eingeredet haben.

Dass diese Präparate in den allermeisten Fällen unnötig und unwirksam sind, haben schon etliche Studien gezeigt. Aber wir können uns diese Mittel halt offenbar leisten……

Eine ganz andere Dimension bekommt die Sache dann, wenn dieses Übermass an Nahrungsergänzung sogar negative Folgen für unsere Gesundheit hat.

Wir bezahlen dann vermeintlich für mehr Gesundheit und machen uns damit nur kränker. Das ist doch ziemlich absurd.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Ginkgo-Extrakt bei Demenz mindestens acht Wochen lang einnehmen

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Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel HMPC der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) kommt nach dreijähriger Überarbeitung der HMPC-Monographie zu Ginkgo biloba L., folium zum Schluss, dass die Wirksamkeit von Ginkgo-Blätter-Extrakt zur Verbesserung der kognitiven Leistungen und Lebensqualität bei milden Formen von Demenz gut belegt ist.

Ginkgo-Extrakte müssen für diesen Effekt über mindestens acht Wochen in einer Tagesdosis von 240 mg (zweimal täglich 120 mg oder einmal täglich 240 mg) eingenommen werden.

Falls sich nach dreimonatiger Einnahme keine Verbesserung der Symptome zeigt, sollte vom Arzt überprüft werden, ob eine weitere Einnahme gerechtfertigt ist. Tritt eine Verschlimmerung der Symptome auf, ist eine Konsultation beim Arzt oder Apotheker angezeigt.

Die Wirksamkeit ist nur belegt für Extrakte, die den Anforderungen des Arzneibuches genügen: Das Droge-Extrakt-Verhältnis muss 35 bis 67:1 betragen. Als Lösungsmittel wird 60-prozentigem Aceton (m/m) verwendet. Der Ginkgo-Extrakt muss eingestellt sein auf 22 bis 27 Prozent Ginkgoflavonglykoside und 5 bis 7 Prozent Terpenlactone mit 2,8 bis 3,4 Prozent Ginkgolide A, B, C und 2,6 bis 3,2 Prozent Bilobalid. Der Gehalt an Ginkgolsäuren darf nicht höher liegen als 5 ppm. In die Bewertung flossen die Resultate von 199 Untersuchungen ein, wovon die meisten mit dem Spezialextrakt EGb 761® (Tebonin®, in CH: Tebofortin, Tebokan).

Während der Schwangerschaft und bei Überempfindlichkeit sind Ginkgo-biloba-Extrakte kontraindiziert. Für den Einsatz bei Stillenden, Kindern und Jugendlichen sind nicht genügend Daten vorhanden. Daher sollten sie den Ginkgo-Extrakt nicht einnehmen.

Bei erhöhtem Blutungsrisiko und während der Einnahme von Antikoagulanzien wie Phenprocoumon oder Dabigatran sowie Thrombozyten-Aggregations-Hemmern wie ASS oder Clopidogrel sollten Ginkgo-Präparate nur in Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden. Vor einer geplanten Operation sollte das Phytopharmakon drei bis vier Tage zuvor abgesetzt werden.

Ginkgo-Extrakt sollte nicht zusammen mit dem HIV-Medikament Efivarenz eingenommen werden. Bei Epilepsie-Patienten kann das Auftreten neuer Anfälle unter Ginkgo nicht ausgeschlossen werden. Die Bioverfügbarkeit von Nifedipin kann durch Ginkgo-Extrakt erhöhen werden.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=57657

Kommentar & Ergänzung:

Wichtig ist der Hinweis, dass die Empfehlung der HMPC-Monografie nur für spezifische, hoch konzentrierte Ginkgo-Extrakte gilt, nicht aber für Ginkgotee oder Ginkgotinktur.

Nur für solche Extrakte liegen fundierte Studien zur Wirksamkeit vor, denn hier gibt es Hersteller, die für ihre patentierbaren Extrakte in die Forschung investieren.

Über eine allfällige Wirksamkeit von Ginkgotee und Ginkgotinktur lässt sich daher kaum etwas Fundiertes aussagen. Die Extrakte sind allerdings so hoch konzentriert, dass ein Ginkgotee bezüglich Wirkstoffgehalt nicht mithalten kann – und eine Ginkgotinktur noch viel weniger.

Zudem enthalten Ginkgotee und Ginkgotinktur unerwünschte Inhaltsstoffe – zum Beispiel Ginkgolsäuren, die allergene Eigenschaften haben. Bei der Herstellung von Ginkgo-Extrakten werden diese unerwünschten Stoffe entfernt.

Sie siehe auch:

Ginkgotee nicht ohne Risiko 

Meta-Analyse bestätigt Nutzen von ginkgo-Extrakt bei Alzheimer

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Hormonersatztherapie steigert Risiko auf Eierstockkrebs

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Die heute seltener verordnete Hormonersatztherapie nach den Wechseljahren steigert einer Meta-Analyse im Lancet (2015; doi: org/10.1016/S0140-6736(14)61687-1) zufolge auch das Risiko für Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom).

 

Als die Women’s Health Initiative im Jahr 2002 aufzeigte, dass die Einnahme von Östrogen-Gestagen-Präparaten nach der Menopause das Risiko auf Herzinfarkt und Brustkrebs steigert, gingen die Verordnungszahlen der seit den 1940er Jahren propa­gierten Hormonersatztherapie stark zurück. In den letzten Jahren sollen sich die Verordnungen dann stabilisiert haben. Nach den Recherchen der Collaborative Group on Epidemiological Studies of Ovarian Cancer um den Epidemiologen Richard Peto von der Universität Oxford nehmen in den USA und Großbritannien inzwischen wieder 6 Millionen Frauen Hormonpräparate ein, um ihre Wechseljahrbeschwerden zu lindern.

 

Die jetzt vorgestellten Resultate der Collaborative Group on Epidemiological Studies of Ovarian Cancer sprechen erneut gegen den unbedachten und langfristigen Einsatz der Hormonpräparate. Die Auswertung von 52 epidemiologischen Studien (17 prospektive und 35 retrospektive Untersuchungen) zeigte nämlich, dass die Einnahme der Hormone auch mit einem Anstieg der Ovarialkarzinome verbunden ist.

Da diese Tumore relativ selten sind, wurde ein Zusammenhang mit Hormonpräparaten in der Women’s Health Initiative möglicherweise übersehen.

Anders als beim Brustkrebs existiert jedoch keine effektive Früherkennung und die Behandlungsresultate sind sehr viel ungünstiger als beim Brustkrebs, das im Frühstadium von neun von zehn Frauen überlebt wird, während die Mehrheit der Ovarialkarzinome zu spät entdeckt wird und nicht mehr kurativ therapiert werden kann.

 

Laut Peto erkrankt eine von 50 Frauen im Verlauf ihres Lebens an einem Eierstockkrebs. Die Studie kommt zum Schluss, dass eine Hormontherapie nach der Menopause zu einer zusätzlichen Erkrankung unter 1.000 Frauen führt. Dies ergibt einen Anstieg der Häufigkeit von 20 auf 21 Erkrankungen auf 1.000 Frauen. Bei derzeit etwa einer Million Frauen, die sich allein in Großbritannien für eine Hormontherapie entscheiden, führt dies pro Jahr zu etwa 7.000 Ovarialkarzinome, die bei einem Verzicht auf die Hormontherapie vermeidbar wären.

 

Quelle:

aerzteblatt.de, Hormonersatztherapie erhöht Risiko auf Ovarialkarzinom

 

Kommentar & Ergänzung:

Ein weiterer Grund, bei leichteren Wechseljahrbeschwerden die Option Phytopharmaka ins Auge zu fassen. Das heisst vor allem: Präparate mit Trockenextrakt aus Traubensilberkerzen-Wurzelstock (Cimicifuga racemosa, Actaea racemoa) bei Hitzewallungen. In den frühen Wechseljahren, wenn noch keine Hitzewallungen auftreten,  Mönchspfefferextrakt.

Bei leichteren Wechseljahrbeschwerden könnten aber auch nichtmedikamentöse Massnahmen helfen, zum Beispiel regelmässige sportliche Aktivitäten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Spirulina als „Superfood“

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Im Rahmen des „Impact Journalism Day“ stellte der „Tages-Anzeiger“ gestern kleine und grosse Projekte vor, die zu einer besseren Welt beitragen. Als erstes aufgefallen ist mir ein lobhudlerischer Artikel über Spirulina-Algen – mit grossem Verbesserungspotenzial, aber wohl hauptsächlich für die Finanzen der Hersteller und Verkäufer dieser Produkte.

Spirulina wird hochgejubelt und mit Heilserwartungen aufgeladen, manchmal sogar als Lösung für die Welternährungsprobleme propagiert.

Das ist sehr fragwürdig:

„Befürworter heben vor allem den hohen Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen, Fettsäuren, Aminosäuren und Chlorophyll hervor. Da von den getrockneten Bakterien jedoch nicht mehr als 1,5 Gramm am Tag empfohlen werden, ist die absolute Nährstoffaufnahme gering. So enthält eine Scheibe Käse etwa zwanzigmal so viel Calcium wie eine Tagesdosis Algen. Und eine Scheibe Vollkornbrot liefert fast das Hundertfache an Zink. Mit den anderen Mikronährstoffen sieht es ähnlich aus. Die Algen-Vertreiber betonen zwar die hohe Verfügbarkeit der Nährstoffe. Dies macht jedoch die geringen Nährstoffmengen pro Portion nicht wett. Ob AFA-Algen für Vegetarier eine so gute Quelle für Vitamin B12 sind, wie die Anbieter behaupten, ist ebenfalls fraglich. Denn Algen enthalten überwiegend eine Form des Vitamins, das für den Menschen nicht nutzbar ist.“

Quelle: http://www.ugb.de/lebensmittel-im-test/afa-algen/

(UGB = Verband für unabhängige Ernährungsberatung)

 

„Ob Spirulina¬, Chlorella¬ oder Afa¬Algen, sie alle gel¬ ten als gute Eiweissquellen mit einer guten Ext¬ raportion an Vitaminen und Mineralstoffen. Das mag auf eine Menge von 100 Gramm zutreffen, doch heruntergerechnet auf die empfohlenen Höchstdosen ergeben sich nur vernachlässigbare 1,1 bis 5,4 Gramm Protein pro Tag.“

Quelle: Tabula (6 / 2013), Zeitschrift der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung

 

„Bei Spirulina-Produkten als Nahrungsergänzungsmittel wird der Eiweißgehalt und Vitamin B12-Gehalt ausgelobt. Die Dosis, die über Nahrungsergänzungsmittel bei Einnahme der höchsten empfohlenen Dosis aufgenommen wird, ist jedoch so gering, dass sich die ergänzende Eiweißzufuhr in der Regel kaum bemerkbar macht. Das manchmal gesondert ausgezeichnete Chlorophyll findet sich in jedem Lebensmittel mit grünen Pflanzenteilen. Die Auslobung von Vitamin B12 gilt als irreführende Werbung.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kam nach Auswertung der vorgelegten Studien von Herstellern zu dem Schluss, dass Spirulina-Kapseln keine Auswirkung auf die Glucose-Konzentration im Blut bei Diabetikern besitzen.“

Quelle: Wikipedia

Die Heilungsversprechungen stehen genauso auf wackeliger Basis. Hier der entsprechende Abschnitt aus Wikipedia. Zwischen den Zitaten kursiv Kommentare von mir.

 

„In der Alternativmedizin werden Spirulinapräparaten mögliche Effekte gegen Krebs, Viren und Allergien nachgesagt.“

Die angebliche Wirkung gegen Krebs ist aus der Luft gegriffen. Bei der Wirkung gegen Viren handelt es sich um Laborergebnisse ohne klare Aussage auf eine Wirkung beim Menschen. Die Wirkung bei Allergien wurde zu mindestens an Patienten untersucht – mit ungesicherten Hinweisen auf eine günstige Wirkung.

„Die Anwendung von Spirulina-Präparaten senkt möglicherweise die Cholesterin-Konzentration im Blut. Bei den durchgeführten Studien traten jedoch nur geringe Effekte zu Tage, die jeweilige Anzahl der Probanden bei den Studien war zu gering oder das Studiendesign schlecht, so dass bislang wenig verwertbare Ergebnisse vorliegen.“

Sehr vage Hinweise.

„Dokumentiert ist auch die immunmodulierende Wirkung von Spirulina u. a. bei Allergien als Mastzellinhibitor – Spirulina hemmt die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen. Ishii et al. demonstrierten den positiven Einfluss von Spirulina auf die Immunglobulin-A-Sekretion und damit die Verbesserung der Immunkompetenz und Abwehrfunktion im Speichel.“

Laborergebnisse ohne klare Aussage für Patienten.

„Eine aktuellere doppelblind placebokontrollierte Studie in der Türkei belegt eine signifikante Effizienz von Spirulina bei der Behandlung von Patienten mit allergischem Schnupfen. Bei guter Verträglichkeit wurden die Symptome einschließlich Sekretmenge, Niesen, geschwollenen Schleimhäuten und Juckreiz deutlich gebessert. In einer weiteren randomisierten, doppelblind placebokontrollierten Studie nahmen die Probanden 12 Wochen täglich 1 g bzw. 2 g Spirulina. Es zeigte sich, dass die Spiegel von Interleukin-4, das bei Immunglobulin-E-vermittelten Allergien eine verstärkende Rolle spielt, um etwa 32 % gesenkt werden konnten.“

Das sind immerhin positive klinische Studien mit Patienten, deren Qualität ich aber nicht beurteilen kann.

„Darüber hinaus konnte 2011 in einer Studie eine antivirale Wirkung von Spirulina gegen das Epstein-Barr-Virus nachgewiesen werden.“

Laborstudie, deren Relevanz für die Anwendung bei Patienten offen bleibt.

 

„Eine Meta-Analyse vermutete einen positiven Einfluss auf verschiedene Parameter, kritisierte jedoch die bis 2008 vorhandenen Studien als von schlechter methodischer Qualität und nicht ausreichend für eine Beurteilung.“

Auch die Meta-Analyse kommt zu sehr vagen Ergebnissen.

 

Die Quellenangaben zu den einzelnen Studien sind im Originalartikel auf Wikipedia zu finden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Spirulina#Gesundheit

Typisch ist, dass die Vermarkter solcher Produkte aus den vorliegenden Studien immer nur einzelne Bruchstücke herauspicken, die ihnen gerade passen. Dann tönt es jeweils so, wie wenn die Aussagen wissenschaftlich belegt seien.

Rosinenpicken nennt man dieses Vorgehen.

Vom „superfood“, den der Tages-Anzeiger beschreibt, bleibt nicht viel übrig, wenn man nur ein bisschen nachhakt.

Siehe ausserdem:

Naturheilkunde: Spirulina als Quelle von Vitamin B12

Algenpräparate: Schlechte Noten für Spirulina, Chlorella & Co. 

 

Ich halte es durchaus für möglich, dass Spirulina einige positive Eigenschaften haben könnte. Versucht man allerdings die Fakten zusammenzubringen, dann gibt es da einen grossen Berg von Versprechungen, der bestenfalls eine Maus an konkreten Wirkungen gebiert. Spirulina im Zuge des „Impact Journalism Day“ als Beitrag zu einer besseren Welt darzustellen, ist daher ein bisschen übertrieben und geht wohl auf das Konto „Schleichwerbung“.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Meta-Analyse bestätigt Nutzen von Ginkgo-Extrakt bei Alzheimer

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Eine Meta-Analyse von 21 klinischen Studien bestätigt, dass Ginkgo-Extrakt bei Patienten mit Alzheimerdemenz die Kognition verbessert und die Alltagsaktivitäten erleichtert.

Dr. Mengmeng Yang und Kollegen vom Tangdu Hospital in Xi’an untersucht durchforsteten Datenbanken nach Studien und bezogen 21 mit ausreichender Qualität in ihre Meta-Analyse ein.

Die Wissenschaftler fanden von Ginkgo biloba abgesehen für andere Behandlungsformen entweder nur minimale Effekte oder Studien, deren Qualität gering war.

Die Meta-Analyse kam zu folgenden Hauptresultaten: Verglichen mit Placebo hatte Ginkgo-Extrakt einen günstigen Effekt auf die Kognition von Alzheimer-Patienten. Bis auf eine Studie zeigten alle anderen einen deutlichen positiven Effekt auf die Kognition.

Vier Studien zeigten darüber hinaus zudem einen günstigen Effekt von Ginkgo auf die Alltagsaktivitäten der Patienten.

Die Autoren der Meta-Analyse weisen zudem daraufhin, dass eine Reihe randomisierter kontrollierter Studien bei Patienten mit unterschiedlichen Demenzformen ebenfalls günstige Effekte von Ginkgo biloba gezeigt hätten.

Diese Studien wurden in die aktuelle Meta-Analyse nicht aufgenommen, weil der Fokus auf Alzheimer-Demenz lag.

Yang und Kollegen erwähnen zudem, dass in zwei Studien Ginkgo biloba (EGb761®, Tebonin®, in CH: Tebofortin®, Tebokan®) mit dem Cholinesterasehemmer Donepezil bei Patienten mit leichter bis moderater Alzheimer-Demenz verglichen wurde. Hier hätten sich keine Differenzen zwischen den Wirkstoffen gezeigt.

Nach Ansicht der Studienautoren weist das daraufhin, dass die Effektivität von Ginkgo-Extrakt durch dessen modulierenden Einfluss auf das cholinerge System erklärt werden kann.

Zudem habe der Ginkgo-biloba-Extrakt EGb761® in mehreren präklinischen Studien fast alle Aspekte der neuronalen Plastizität verbessert.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/article/866654/phytotherapie-nutzen-ginkgo-alzheimer-bestaetigt.html?sh=5&h=392834615

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24871648

(Am J Chin Med 2014; 42: 505-521)

http://www.worldscientific.com/doi/abs/10.1142/S0192415X14500335

 

Kommentar & Ergänzung:

Erfreulich positiv, diese Meta-Analyse, deren Qualität ich allerdings nicht beurteilen kann.

(Was eine „Metaanalyse“ist, erklärt hier Wikipedia)

Das IQWiG war in seinem Bericht zur Studienlage bei Ginkgo zurückhaltender. Es sah Belege für eine positive Wirkung auf die „Aktivitäten des täglichen Lebens“ bei einer Dosis von 240 mg Trockenextrakt pro Tag. Für eine Verbesserung der geistigen Fähigkeiten, der psychischen Verfassung und der Lebensqualität von betreuenden Angehörigen sieht das IQWiG allerdings nur Hinweise, keine eindeutigen Belege.

Siehe dazu:

Metastudie zeigt: Alzheimer-Kranke können von Ginkgo-Extrakt profitieren

Ausserdem:

Demenz: Ginkgo-Extrakt bessert Kognition und Verhalten

Die Ginkgo-Forschung zeigt deutlich, dass die Wirkung dosisabhängig ist, und dass es hochkonzentrierte Extrakte braucht, wenn man von den Präparaten im Frühstadium von Demenz eine Wirkung erwartet.

Die Anwendung von Kräutertee ist gegenüber einem Extrakt nicht immer unterlegen – bei Ginkgo biloba aber schon. Ginkgotee enthält zuwenig Wirkstoffe und zudem noch unerwünschte Substanzen (Ginkgolsäuren mit allergenem Potenzial), die bei der Extraktherstellung entfernt werden.

Siehe:

Ginkgotee nicht ohne Risiko

Auch Ginkgotinktur ist unterdosiert.

Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass jede medikamentöse Beeinflussung von Alzheimer oder von anderen Demenzformen leider in der Wirkung sehr limitiert ist.

Nicht nachvollziehen kann ich, wenn die Autoren aus einer vergleichbaren Wirkung von Ginkgo-Extrakt und dem Cholinesterasehemmer Donepezil den Schluss ziehen, dass Ginkgo ebenfalls via cholinerges System wirkt. Eine klinische Wirkung kann identisch sein, auch wenn die Wirkungsmechanismen sich unterscheiden. Theoretisch ist sogar denkbar, dass beide – Ginkgo-Extrakt und Donepezil – nur einen Placeboeffekt haben – dann wären sie ebenfalls vergleichbar wirksam. Es gibt allerdings pharmakologische Untersuchungen, die eine Wirkung via Cholinesterasehemmung nahelegen.

 

Vorbeugende Wirkung von Ginkgo fraglich

Ginkgo ist eine sehr interessante Heilpflanze, bei der allerdings noch viele Fragen zur Wirkung und zu den geeigneten Anwendungsbereichen offen sind.

Viele Konsumentinnen und Konsumenten nehmen Ginkgo-Präparate vorbeugend, weil sie Angst davor haben, an Demenz zu erkranken.

Doch genau diese vorbeugende Wirkung konnte bisher nicht in Studien belegt werden.

Siehe dazu:

Ginkgo-Studie findet keine vorbeugende Wirkung

Auch ist es fraglich, ob ein gesundes Gehirn mit Ginkgo in relevantem Mass in seiner Leistung verbessert werden kann. Der Traum vieler Studentinnen und Studenten nach einem völlig unschädlichen, rein natürlichen und zugleich hoch wirksamen Hirndoping-Mittel ist wohl generell nicht sehr realistisch. Zu Ginkgo-Extrakt gibt es für diesen Anwendungsbereich widersprüchliche Studien, die insgesamt – und vor allem gemessen an den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten – bisher nicht überzeugend sind.

 

Als Vorteil kann allerdings gelten, dass dem Ginkgo-Extrakt die Risiken der häufig zu Hirndoping-Zwecken missbrauchten synthetischen Substanzen wie Methylphenidat (z.B. Ritalin®) und Modafinil völlig abgehen.

Siehe dazu:

Warnung vor Hirndoping 

Hirndoping: Forscher befürchten langfristig negative Folgen 

Hirndoping an Universitäten verbreitet

Die Einnahme von psychoaktiven Substanzen mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung wird auch unter dem Begriff pharmakologisches Neuro-Enhacement diskutiert. Einen Überblick dazu gibt Wikipedia (auch zu den ethischen Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen).

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

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Weitere Studie verneint Wirkung von Glucosamin bei Kniearthrose

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Glucosamin wird heftig als Knorpelschutzmittel propagiert und ist als Nahrungsergänzungsmittel in Apotheken und Drogerien (z. B. von Burgerstein), aber auch in Grossverteilern wie Migros und COOP erhältlich.

Nun hat eine orale Behandlung mit Glucosamin in einer randomisierten US-Studie keinerlei Wirkung bei Patienten mit milder oder mittelschwerer Kniegelenkarthrose erzielt. Publiziert wurde die Studie in Fachorgan Arthritis & Rheumatology (2014: doi: 10.1002/art.38314).

Glucosamin ist ein Aminozucker und ein Baustein der Glykosaminoglykane, aus denen der Gelenkknorpel besteht. Die orale Behandlung mit Glucosamin soll die Regenerierung des Gelenkknorpels fördern, wofür allerdings keine überzeugenden Beweise aus randomisierten klinischen Studien existieren. Bereits im Jahr 2006 scheiterte in den USA der Glucosamine/chondroitin Arthritis Intervention Trial (GAIT) des US-National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM), der die Behandlung mit Glucosamine/Chondroitin oder einer Kombination beider Mittel an über 1.500 Patienten mit Placebo oder dem nicht-steroidalen Antiphlogistikum Celecoxib verglich.

Nur der Entzündungshemmer Celecoxib linderte damals die Beschwerden besser als Placebo (NEJM 2006; 354: 795-808). Später kam auch eine Meta-Analyse (BMJ 2010; 341:c4675) zu dem Schluss, dass die beiden „Chondroprotektiva“ bestenfalls eine Placebo-Wirkung entfalten.

Der Beliebtheit von Glucosamin-Präparaten tat dies aber keinerlei Abbruch.

Der Wissenschaftler Kent Kwoh von der Universität in Tucson im US-Staat Arizona hat nun in einer randomisierten Studie erneut die Wirkung von Glucosamin untersucht. Im Zentrum seiner Forschung standen die Auswirkungen auf die Knorpelzerstörung und die subchondralen Knochenmarkläsionen im Bereich der Kniegelenke. Als Maßstab für die Knorpelzerstörung verwendete Kent Kwoh die Ausscheidung des C-Telopeptids vom Typ II-Kollagen.

Bei diesem Messwert waren drei und sechs Monate nach dem Start der Behandlung mit täglich einmal 1.500 mg Glucosamin keine signifikanten Differenzen zum Placebo-Arm der Studie erkennbar.

Die subchondralen Knochenmarkläsionen wurden in der Studie mittels des Whole-Organ MRI-Scores (WORM) erfasst.

Auch an diesem Punkt traten unter der 24-wöchigen Behandlung mit Glucosamin keine signifikanten Vorteile gegenüber Placebo auf, wie der Forscher mitteilt.

Darüber hinaus zeigten sich auch im Western Ontario and McMaster Universities (WOMAC), der die klinischen Beschwerden erfasst, keine Anzeichen einer signifikanten Besserung. Für Kwoh steht damit fest, dass es keinerlei Evidenz für eine Wirkung der Glucosamin-Präparate gibt.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/57911/Orales-Glukosamin-in-Studie-ohne-Wirkung-bei-Gonarthrose

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/art.38314/abstract?systemMessage=Wiley+Online+Library+will+be+disrupted+Saturday%2C+15+March+from+10%3A00-12%3A00+GMT+%2806%3A00-08%3A00+EDT%29+for+essential+maintenance

Kommentar & Ergänzung:

Glucosamin ist wohl so beliebt, weil es eine ursächlichere Therapie vorspiegelt – nämlich den Wiederaufbau zerstörter Knorpelgewebe – während die üblichen Medikamente gegen Arthrose vor allem Schmerzen und Entzündungen lindern.

Zudem fehlen dem Glucosamin die problematischen Risiken der klassischen Entzündungshemmer wie Diclofenac (Voltaren®), welche ernsthafte Nebenwirkungen an Magen und Herz auslösen können.

Ganz unproblematisch ist aber auch Glucosamin nicht. Es kann zu Wechselwirkungen (Interaktionen) zwischen Glucosamin und Cumarin-Antikoagulanzien kommen. Glucosamin kann zu einer Verstärkung der blutgerinnungshemmenden Wirkung der Cumarin-Antikoagulanzien führen, d.h. diese kann unversehens stärker als erwartet ausfallen. Eine mögliche Konsequenz aus dieser Wechselwirkung ist das Auftreten von Blutungen. In den meisten der berichteten Fälle handelte es sich um symptomlose Veränderungen von Laborwerten. In einigen Fällen kam es aber zu Blutungen in verschiedenen Organen. In einem Fall sogar mit der Folge einer schweren Hirnblutung.

Glucosamin gegen Arthrose: Die Kritik wächst

Zur Wirksamkeit von Glucosamin wird auf Wikipedia auch eine Studie der Universität Sydney aus dem Jahr 2013 aufgeführt:

„Eine doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie von 2013, durchgeführt von der Universität Sydney mit 605 Probanden (Alter 45–75 Jahre, Kniegelenksarthrose) konnte eine statistisch signifikante Abschwächung des Gelenkspaltrückgangs beobachten. Es wurde dabei über 2 Jahre täglich 2 x 750 mg Glucosaminsulfat und 2 x 400 mg Chondroitinsulfat eingenommen. Ein Rückgang der Gelenkschmerzen konnte bei allen Gruppen [1) Glucosaminsulfat 2 x 750 mg, 2) Chondroitinsulfat 2 x 400 mg , 3) Glucosaminsulfat 2 x 750 mg + Chondroitinsulfat 2 x 400 mg, 4) Placebo] – ohne signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen – beobachtet werden.“

Da zeigt sich also zwar eine Abschwächung des Gelenkspaltrückgangs, aber der entscheidendere Rückgang der Gelenkschmerzen wurde in allen 4 untersuchten Gruppen beobachtet, auch im Placebo-Arm.

Schlussfolgerungen?

Wenn jemand Glucosamin schluckt und überzeugt davon ist, dass ihm oder ihr das hilft, dann habe ich keine Einwände.

Dass Glucosamin aber von Herstellern und Verkäufern als Knorpelschutz gegen Gelenkschmerzen propagiert wird, entbehrt ganz offensichtlich jeder seriösen Grundlage.

Bei Produkten wie „Burgerstein“ ist heikel daran, dass sie in Apotheken und Drogerien verkauft werden. Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben aber vor allem bei Apotheken die Vorstellung, dass dort nur wirksame Heilmittel verkauft werden – ein fundamentaler Irrtum. Apotheken und Drogerien machen einen nicht unbedeutenden Teil ihres Umsatzes mit reinen Placebos, die allerdings nicht als solche gekennzeichnet sind.

Und bei den Grossverteilern wie COOP und Migros sind ebenfalls kritsche Fragen angebracht. Sie expandieren massiv in dem Bereich der Heilmittel und der (angeblich) gesundheitserhaltenden Nahrungsergänzungsmittel. Qualität im Sinne von Wirksamkeit ist dabei ganz offensichtlich kein Kriterium. Propagiert und verkauft wird, was sich verkaufen lässt.

Konsumentinnen und Konsumenten tun deshalb gut daran, die damit verbundenen Versprechungen mit kritischem Blick zu betrachten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Interessantes zum Nocebo-Effekt

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Kennen Sie den Nocebo-Effekt?

Damit sind unerwünschte Nebenwirkungen gemeint, die aufgrund einer negativen Erwartungshaltung (z. B. Befürchtungen) entstehen.

Der Nocebo-Effekt ist quasi der böse Bruder des Placebo-Effekts (= erwünschte Wirkungen durch eine Erwartungshaltung).

Alles, was beim Patienten den Eindruck erweckt, medizinisch behandelt zu werden, kann Placebo- und Noceboeffekte auslösen: ein Gespräch, Handauflegen, mit Nadeln stechen, eine Spritze, eine Tablette, ein Wickel, ein Kräutertee…einfach alles, was im Auge des Patienten nach Therapie aussieht.

Während die Placebo-Wirkung zunehmend erforscht und in den Medien thematisiert wird, ist dies beim Nocebo-Effekt weniger der Fall.

Das ist schade, denn genauso wie der Placebo-Effekt ist auch der Nocebo-Effekt faszinierend und zugleich sehr bedeutsam in verschiedener Hinsicht.

Eindrücklich beobachten lässt sich der Nocebo-Effekt In randomisiert-kontrollierten Studien.

In solchen Studien bekommt eine Patientengruppe das zu testende Medikament verabreicht und eine andere Patientengruppe zur Kontrolle ein Scheinmedikament. Welcher Gruppe sie zugeteilt werden, wissen die Probanden dabei nicht. Noceboeffekte sind nun jene Nebenwirkungen, die sich in der Patientengruppe mit dem Scheinmedikament zeigen. Obwohl diese Patienten also gar keinen Wirkstoff bekommen, können die Nebenwirkungen heftig und häufig sein; so heftig, dass Teilnehmer aus diesem Grund die Studie beenden müssen: Zwischen sechs und zwölf Prozent der Probanden in der Placebogruppe leiden an so starken Nebenwirkungen, dass sie die Studie vorzeitig abbrechen. Der Noceboeffekt kann also massive gesundheitliche Einschränkungen bewirken. Gemäss einer Meta-Analyse leiden rund die Hälfte aller Studienteilnehmer in der Placebogruppe Nebenwirkungen, der Wert schwankt jedoch stark in den einzelnen Studien

Interessant ist daran vor allem, dass die Nebenwirkungen der Scheinbehandlung zu den Nebenwirkungen des jeweils getesteten Medikaments passen, also sehr spezifisch sind.

Der Grund dafür liegt darin, dass alle Teilnehmer einer Studie vor Studienbeginn die gleiche Aufklärung bekommen, egal ob sie anschliessen per Zufallentscheid der Vergleichsgruppe (Placebogruppe) mit dem Scheinmedikament oder der Gruppe mit dem richtigen Medikament zugeteilt werden. Zur notwendigen Aufklärung zählen auch die Informationen über mögliche Nebenwirkungen. Die Probanden wissen also, welche Nebenwirkungen sie zu erwarten haben – und genau diese treten dann bei einigen der Placebogruppen-Teilnehmer auch auf. Die Erwartungshaltung bewirkt diese Nebenwirkungen.

Quelle und weitere Infos zum Nocebo-Effekt:

http://www.medizin-transparent.at/nocebo-wenn-nichts-schadet

Kommentar & Ergänzung:

Nocebo-Effekte sind allgegenwärtig und sehr bedeutsam.

Beispiele:

1. Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten

Ellenlange Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten dürften wohl dazu beitragen, dass aufgeführte Nebenwirkungen tatsächlich vermehrt auftreten. Patientinnen und Patienten müssen selbstverständlich über mögliche Nebenwirkungen informiert sein. Wenn aber viele auch sehr selten auftretende Nebenwirkungen aufgeführt werden, nährt dies Befürchtungen, die zu negativen Erwartungshaltungen und damit zu Nocebo-Effekten führen können.

2. Nocebo-Effekte beim Thema „Amalgam“

Nocebo-Effekte spielen auch eine wichtige gesundheitliche Rolle ausserhalb von medizinischen Therapieverfahren, beispielsweise beim Stichwort „Amalgam“.

Siehe dazu auch:

Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

Ich will nicht grundsätzlich ausschliessen, dass Amalgam möglicherweise in Einzelfällen gesundheitliche Auswirkungen haben könnte, obwohl eindeutige Belege dafür fehlen. Klar scheint mir allerdings, dass in diesem Bereich Nocebo-Effekte sehr grosse Bedeutung haben. Auffallend ist jedenfalls, dass alle nur irgendwie möglichen psychischen und körperlichen Beschwerden auf Amalgam zurückgeführt werden. Das deutet auf einen „Super-Nocebo-Effekt“ hin. Davon profitieren in grossem Stil naturheilkundliche „Ausleitverfahren“ und die „ganzheitliche Zahnmedizin“.

Wenn die Beschwerden, die dem Amalgam angelastet werden, nichts mit dieser Substanz zu tun haben, dann folgt daraus allerdings nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt.

3. Nocebo-Effekte beim Thema „Elektrosmog“

Beim Thema „Elektrosmog“ (umgangssprachlich für nichtionisierende Strahlung) scheint mir die Situation in vielem ähnlich wie beim Thema „Amalgam“.

Ich würde Warnungen bezüglich „Elektrosmog“ nicht einfach generell auf die leichte Schulter nehmen und halte es für sinnvoll, wenn die Entwicklung in diesem Bereich kontinuierlich mittels wissenschaftlicher Studien auf allfällige gesundheitliche Risiken überprüft wird. Substanzen wie PCB, DDT, Lindan, Asbest etc. wurden schliesslich auch jahrzehntelang als unproblematisch betrachtet.

Ein Beispiel für solche Forschungen war das nationale Forschungsprogramm NFP 57 des Nationalfonds, das den Einfluss nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Umwelt und Gesundheit unter die Lupe nahm.

Siehe dazu:

Entwarnung, aber kein grünes Licht

Dass Nocebo-Effekte beim Thema Elektrosmog eine wichtige Rolle spielen, ist allerdings überaus deutlich erkennbar.

Testet man nämlich „elektrosensible“ Menschen, können sie nicht mit überzufälliger  Trefferquote sagen, ob eine Antenne, deren Strahlung sie ausgesetzt sind, eingeschaltet ist oder nicht.

„An der englischen Universität Essex wurde in einer über drei Jahre dauernden Studie das Verhalten von 44 Versuchspersonen untersucht, die glauben, elektrosmogsensibel zu sein, sowie gleichzeitig 114 Personen, die noch nie negative Auswirkungen durch Mobilfunk an sich bemerkt hatten. In einem Labor wurden diese Personen in verschiedenen Experimenten elektromagnetischen Strahlen mit Frequenzen im GSM- und UMTS-Bereich ausgesetzt. In der Doppelblindstudie wurde den Versuchsteilnehmern gesagt, dass eine Antenne mit der entsprechenden Strahlung für 50 Minuten in Betrieb sei. Die Probanden, die sich für strahlungssensibel hielten, klagten anschließend über Übelkeit, Kopfschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Ebenso konnten die Ärzte bei den Betroffenen Änderungen der Herzfrequenz und der Hautfeuchtigkeit messen. Diese subjektiv empfundenen Beschwerden und messbaren Symptome waren allerdings ganz unabhängig davon, ob die Antenne tatsächlich in Betrieb war oder nicht. Zwölf Personen mussten wegen massiver gesundheitlicher Beschwerden den Test beenden.“

Quelle: http://www.psiram.com/ge/index.php/Elektrosmog

Zum Thema Elektrosmog siehe auch die Übersicht auf Wikipedia.

Ein vorsichtiger Umgang mit Elektrosmog macht meines Erachtens schon Sinn. Das Wissen um die grosse Rolle von Nocebo-Effekten erlaubt aber auch eine gewisse Entdramatisierung.

Denn auch hier profitiert eine ganze Branche davon, Pseudo-Schutzmassnahmen gegen Elektrosmog zu verkaufen.

Massnahmen notabene, die unwirksam sind und unnötig, weil die damit angeblich bekämpften Beschwerden durch Nocebo-Effekte ausgelöst werden, welche die Branche mit ihren Warnungen selbst „gezüchtet“ hat.

Auch hier gilt aber: Wenn Beschwerden, die auf Elektrosmog zurückgeführt werden, auf Nocebo-Effekten basieren, dann folgt daraus nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt. Nocebo-Effekte sind nicht = Einbildung.  Ausserdem werden oft echte Beschwerden, die durch anderweitige Störungen verursacht werden, irrtümlich dem Elektrosmog (oder dem Amalgam) zugeschrieben. Auch in diesen Fällen sind die Beschwerden echt, nur die Erklärung dazu ist falsch.

4. Nocebo-Effekte bei homöopathischen Arzneimittelprüfungen

Nocebo-Effekte beeinflussen in starkem Mass viele homöopathische Arzneimittelprüfungen und damit die Arzneimittelbilder, auf deren Grundlage Homöopathika eingesetzt werden.

Um ihren Anwendungsbereich festzulegen, werden Homöopathika an Gesunden getestet. Dazu müssen die Probanden genau protokollieren, welche Beschwerden und Veränderungen des Befindens während der Einnahme des Mittels auftreten.

Samuel Hahnemann (1755 – 1843) betonte, dass sämtliche Befindlichkeiten der Probanden während der Wirkungszeit des Mittels als durch dieses ursächlich hervorgerufen gelten müssten, selbst wenn der Prüfer Ähnliches in anderen Zusammenhängen beobachtet habe. In seinem Hauptwerk, dem „Organon der Heilkunst“, schreibt der Begründer der Homöopathie:

„Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchsperson während der Wirkungsdauer einer Arznei […] rühren bloß von dieser her und müssen als deren eigentümlich zugehörig, als ihre Symptome angesehen werden und aufgezeichnet werden; gesetzt auch die Person hätte ähnlich Zufälle vor längerer Zeit bei sich von selbst wahrgenommen.“ (6. Auflage, §138).

Hahnemann negiert vollständig die Möglichkeit, dass

A. Veränderungen und Beschwerden während der Testphase am Gesunden auch unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten können und

B. dass negative Erwartungen zu Nocebo-Effekten führen können.

Das führt dazu, dass Nocebo-Effekte und zufällig gleichzeitig auftretende, unabhängige Veränderungen in die Arzneimittelbilder einfliessen und diese zu willkürlichen Konstrukten machen.

Allfällige spezifische Wirkungen des Homöopathikums könnte man nur von den beiden Möglichkeiten in Punkt A und B unterscheiden durch eine Kontrollgruppe, die unbehandelte Globuli (Scheinpräparate) bekommt – also mit einem Doppelblind-Test. Das wurde in neuerer Zeit auch gemacht. Siehe dazu beispielsweise hier:

Arzneimittelprüfung Belladonna C30 / Belladonna D60

Dabei zeigte sich in der Arzneimittelprüfung am Gesunden allerdings kein Unterschied zwischen dem Homöopathika und dem Scheinpräparat. Daher steht in Frage, ob Belladonna C30 / Belladonna D60 überhaupt ein Homöopathika ist.

Zumindestens bei Belladonna C30 / Belladonna D60 dürfte das Arzneimittelbild bei Prüfungen ohne Kontrollgruppe jedenfalls aus Nocebo-Effekten und spontanen Veränderungen bestehen, die unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten. Das gibt eine massive Verfälschung der Basis, auf welcher die Anwendung von Belladonna C30 / Belladonna D60 steht, so dass in Frage steht, ob solche Präparate nach en Regeln der Homöopathie überhaupt als Homöopathika gelten können.

Ein vergleichbares Ergebnis lieferte die doppelblinde Überprüfung des Arzneimittelbildes von Okoubaka aubrevillei. In der Homöopathie erfreuen sich Potenzen von Okoubaka aubrevillei großer Beliebtheit bei der Behandlung von Magen-Darm-Problemen. Die Forscher fanden bei der Arznimittelprüfung am Gesunden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen dem Homöopathika aus Okoubaka und dem Scheinglobuli bezüglich der Anzahl der als charakteristisch eingestuften Symptome. Auch bei Okoubaka scheint also das Arzneimittelbild aus Nocebo-Effekten und zufällig mit einfliessenden Veränderungen zu bestehen.

Siehe dazu:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/moderne-arzneimittelpruefung-mit-okoubaka.html

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23561008

Fazit:

Die Beispiele aus den Punkten 1 – 4 zeigen, welch grossen Einfluss Nocebo-Effekte in unserem Alltag haben können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cochrane-Studie findet keine Evidenz für Borretschöl und Nachtkerzenöl bei Neurodermitis

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Borretschöl oder Nachtkerzenöl, die als Kapseln oder in flüssiger Form als Naturheilmittel zur Behandlung der Neurodermitis eingesetzt werden, haben in klinischen Studien keinen nachweisbare Wirkung gezeigt. Das berichten US-Dermatologen in der Cochrane Library (2013; doi: 10.1002/14651858.CD004416.pub2).

Das Wissenschaftlerteam um Joel Bamford von Essential Health System, einem Gesundheitsanbieter mit Sitz in Duluth / Minnesota, machte total 27 Studien mit 1.596 Patienten (Erwachsene und Kinder) in 27 Ländern ausfindig, in denen die Wirkung von Borretschöl oder Nachtkerzenöl im Vergleich zu Placebo untersucht wurde.

Die Studiendauer betrug zwischen 3 und 24 Wochen. Eine Meta-Analyse konnte nur für Nachtkerzenöl erstellt werden.

Das Nachtkerzenöl war weder in den Angaben der Patienten zu den allgemeinen Ekzembeschwerden noch in der Bewertung durch den Arzt einer Behandlung mit Placebo signifikant überlegen, berichtet Bamford. Den gleichen Eindruck vermittelten die Resultate der einzelnen Studien zum Borretschöl, die sich aufgrund großer Differenzen in der Darstellung der Resultat nicht zu einer Meta-Studie zusammenfassen ließen.

Die große Beliebtheit beider Naturheilmittel – also Nachtkerzenöl und Borretschöl –  erklärt sich Bamford zufolge einmal durch den Leidensdruck der Patienten und zum anderen aus dem Wunsch, den Einsatz von Steroiden und anderen Externa zu umgehen. Dabei sind Borretschöl oder Nachtkerzenöl jedoch nicht frei von Nebenwirkungen. Beide Präparate können zu Beschwerden im Verdauungstrakt führen. Für Nachtkerzenöl sind zudem Interaktionen (Wechselwirkungen) mit oralen Antikoagulanzien wie Marcumar bekannt, die das Blutungsrisiko erhöhen.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54242/Neurodermitis-Keine-Evidenz-fuer-Borretsch-oder-Nachtkerzenoel

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004416.pub2/abstract

Kommentar & Ergänzung:

Das sind ernüchternde Resultate. Bisher galt die Studienlage zu Nachtkerzenöl zwar als widersprüchlich, doch sprach viel dafür, dass die Mehrzahl der Studien eine Überlegenheit im Vergleich zu Placebo zeigt, insbesondere was die juckreizstillende Wirkung bei Kindern betrifft. Es fragt sich also nun, ob diese Einschätzung revidiert werden muss.

Der Einbezug von Erwachsenen in diese neue Meta-Studie könnte das Ergebnis negativ beeinflusst haben. Auch gibt die Studiendauer von 3 bis 24 Wochen Anlass zu Einwänden. Die erfolgreiche Studie mit Epogam, auf der die positiven Einschätzungen basieren, lief über 6 Monate und es wird auch eine solche Therapiedauer empfohlen. Studien mit 3 Wochen in eine Meta-Studie  einzubeziehen scheint mit deshalb möglicherweise fragwürdig, weil es nicht dem Stand des Wissens entspricht.

Die Nachtkerzenöl-Therapie ist allerdings nicht ganz billig und es ist daher wichtig, den Nutzen genau unter die Lupe zu nehmen. Problematisch ist dabei, dass die Nachtkerzenöl-Forschung stark von den Herstellern abhängig zu sein scheint.

Als relevanter Wirkstoff im Nachtkerzenöl gilt die Gamma-Linolensäure. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Borretschsamenöl eine deutlich höhere Konzentration an Gamma-Linolensäure enthält.

Die Gamma-Linolensäure gehört zu den Omega-6-Fettsäuren. Dazu abschliessend ein beachtenswerter Hinweis aus Teuscher / Melzig / Lindequist, Biogene Arzneimittel, 2012):

„Ein Überangebot an Omega-6-Fettsäuren ist ungünstig, weil es die Bildung von TXA2 und LTB5 fördert, die gefässverengend und entzündungsfördernd wirken.“

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Spurenelement Selen – kein Schutz vor Herzkreislauferkrankungen

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Selenpräparate werden als Nahrungsergänzung von Herstellern wie zum Beispiel Burgerstein ausdrücklich bei Herzerkrankungen empfohlen.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie nimmt in einer Pressemitteilung Stellung zum Nutzen von Selen für das Herz:

Die Einnahme von Selen schützt nicht vor Herzkreislauferkrankungen. Das schreibt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) anlässlich einer aktuellen Meta-Analyse. Darüber hinaus bestehe anscheinend ein Zusammenhang von Seleneinnahme und erhöhtem Diabetesrisiko, hält die DGE weiter fest. Möglicherweise gebe es jedoch eine positive Wirkung dieses Spurenelementes bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen. Die Fachgesellschaft empfiehlt, sich ähnlich wie bei der Einnahme von Vitamin D und Kalzium auch vor der Einnahme von Selenpräparaten ärztlich beraten zu lassen.

Wozu Selen nötig ist

Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe seien lebensnotwendig und heutzutage auch in Form von Nahrungsergänzungsmitteln weit verbreitet. Das Spurenelement Selen schütze nicht nur die Zellmembran, sondern sei auch an der Regelung des Stoffwechsels beteiligt.

Menschen nehmen Selen mit der Nahrung auf – reich an Selen seien Fleisch, Meeresfrüchte, Fisch sowie Milch- und Getreideprodukte. Ein Selenmangel sei – ähnlich wie ein Vitamin-D-Mangel – in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht worden, sagt Professor Dr. med. Dr. h. c. Helmut Schatz, Mediensprecher der DGE aus Bochum. Dazu gehören Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit bei Männern, Gemütsschwankungen, Alzheimer, Herzkreislauferkrankungen und entzündliche Gelenkerkrankungen.

Einen Beleg, dass die Einnahme von Selen diese Erkrankungen verhindern oder bessern kann, gab und gebe es allerdings nicht, stellt Professor Schatz klar.

Für Herzerkrankungen gibt es nun eine aktuelle Analyse der renommierten Cochrane-Institution über zwölf randomisierte, kontrollierte Studien mit annähernd 20 000 Teilnehmern. Die Resultate dieser Metaanalyse zeigen keinen vorbeugenden Effekt einer Selen-Gabe.

In mit Selen gut versorgten Gegenden der Erde wie in den USA oder auch bei uns, sei eine Selenzufuhr zur kardiovaskulären Vorbeugung offenbar ohne Effekt, kommentiert Schatz.

Ein Selenmangel sei bei uns höchstens bei Veganern oder künstlich ernährten Menschen zu finden.

Eine weitere Studie habe ergeben, dass unter Selengabe das Risiko für Diabetes Typ 2 bis auf das Dreifache steigen kann. Zu ähnlichen Resultaten kamen auch schon frühere Studien.

Zahlreiche Endokrinologen wenden Selen therapeutisch bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie der Hashimoto-Thyreoiditis an. Selen diene als Baustein bestimmter Enzyme, welche bei der Produktion der Schilddrüsenhormone beteiligt seien, erklärt Professor Schatz. Aber auch hier sei die Beweislage für die Notwendigkeit einer Selengabe nicht gesichert. Dafür wären dringend prospektive, kontrollierte Therapiestudien mit Selen im Vergleich zu Placebo nötig, die an einer größeren Anzahl von Patienten durchgeführt werden.

Selenpräparate bei gesunden Menschen unnötig

Gesunde Menschen brauchen keine Selenpräparate, sagt der DGE-Mediensprecher.

Die Seleneinnahme ohne Grund könnte sogar schädlich sein. Zu viel Selen kann eine Selenvergiftung auslösen, die Selenose. Deren Symptome sind gemäss Professor Schatz Magendarmbeschwerden, Haarausfall, Nagelveränderungen, Abgeschlagenheit, Reizbarkeit und Nervenirritationen.

Ähnlich ist die Situation auch bei der ärztlich nicht begründeten Zufuhr höherer Dosen von Kalzium. Hier erhöhe sich bei Männern das Risiko an Herzkreislauferkrankungen zu sterben um 20 Prozent, erklärt der Experte und verweist auf eine neue Studie an knapp 400 000 Menschen aus den USA. Weniger sei mehr, das gelte auch im Fall dieser Nahrungsergänzungsmittel, betont Professor Schatz.

Quelle:

http://www.endokrinologie.net/presse_130212.php

Kommentar & Ergänzung:

Sehr fragwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass Hersteller wie beispielsweise Burgerstein Selenpräparate mit grossen Versprechungen vermarkten, obwohl noch eine Vielzahl von wichtigen Fragen offen sind. Der Nutzen solcher Nahrungsergänzungsmittel ist nicht wirklich belegt und die Sicherheit nicht wirklich geklärt. Aber das Business läuft wie geschmiert. Burgerstein empfiehlt Selen ausdrücklich bei „Herzerkrankungen (Herzinfarkt, begleitend; Herzinsuffizienz)“.

Siehe auch:

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Selen – kein Schutz vor Lungenkrebs

Cochrane-Review: Kein Schutz vor Krebs durch Selen

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Darmkrebs-Studie: Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 reduzieren Krebsrisiko nicht

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Forscher an einem Bostoner Spital haben untersucht, welche Wirkungen Folsäure sowie Vitamin B6 und B12 bei der Darmkrebsvorsorge von Frauen haben. Das Resultat: egal, ob die Frauen die Vitamine oder Placebos einnahmen – das Risiko für Polypen im Darm blieb identisch. Trotz Vitamingaben entwickelten 24,3 Prozent der Frauen diese Vorstufe für Darmkrebs, in der Kontrollgruppe waren es 24,0 Prozent.

Bisherige Studien zu dem Thema hatten vermuten lassen, dass es einen Zusammenhang zwischen Folsäure und Darmkrebs gibt. Allerdings gab es dazu widersprüchliche Meinungen. Einige Wissenschaftler nahmen an, dass Folsäure das Krebsrisiko reduziere – andere waren der Meinung, dass zu viel davon das Krebswachstum beschleunige.

Die Studie wurde im Fachmagazin „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlicht.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=147538

http://jnci.oxfordjournals.org/content/early/2012/10/12/jnci.djs370.abstract?sid=aa1937ca-ff66-4ea8-bf3f-ce3716f43a0c

Kommentar & Ergänzung:

Nahrungsergänzungsmittel werden immer wieder mit der Andeutung vermarktet, dass sie vor Krebs schützen könnten. Die grossen Versprechungen wurden allerdings in den letzten Jahren immer wieder durch Studien erschüttert. Die Studie aus Boston ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Skepsis gegenüber solcher Vitaminpropaganda angebracht ist.

Das „Aerzteblatt“ schreibt dazu:

„Die Hoffnung, dass Vitamine vor Krebs schützen können, haben sich bisher nicht erfüllt. So kam 1994 eine finnische Studie zu dem Ergebnis, dass Betacarotin, eine Vorstufe von Vitamin A, das Lungenkrebsrisiko von Rauchern erhöht, statt sie vor dem Tumor zu schützen (NEJM 1994; 330: 1029-1035). In der SELECT-Studie wurde für Vitamin E ein erhöhtes Sterberisiko am Prostatakarzinom  nachgewiesen (JAMA 2011; 306: 1549-1556). Eine Meta-Analyse zeigt für Menschen, die aus Gesundheitsbewusstsein Vitamin A und E oder Beta-Carotin einnahmen, eine höhere allgemeine Sterblichkeitsrate (JAMA 2007: 297: 842-57).“

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/52028/B-Vitamine-koennen-Darmkrebs-nicht-vorbeugen

Siehe auch:

Naturheilkunde: Früchte essen statt Burgerstein schlucken

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