Artikel mit Schlagwort ‘Medikamente’
Samstag, August 14th, 2010
Dass Cannabis nicht nur Droge und Genussmittel ist, sondern in manchen Bereichen auch zu den wirksamen Heilpflanzen gerechnet werden muss, ist inzwischen gut belegt. So lindert Cannabis oder sein Wirkstoff THC Muskelspastik bei Multiple Sklerose oder Nebenwirkungen von Chemotherapie bei Krebserkrankungen (Übelkeit, Appetitlosigkeit).
Auch über Nebenwirkungen und Risiken des Cannabis-Konsums wurde in den letzten Jahren ausgiebig berichtet, unter anderem auch hier im Pflanzenheilkunde-Blog. Siehe dazu:
US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multiple Sklerose
US-Regierung genehmigt Marihuana als Heilmittel
Cannabis & Psychose-Risiko
Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was
Cannabis-Extrakt hilft Multiple-Sklerose-Kranken
Weniger bekannt sind die Wechselwirkungen (Interaktionen), welche Cannabis bzw. THC mit Medikamenten zeigen kann, obwohl dies natürlich auch sehr relevante Informationen sind. Im Newsletter von pharmavista.net erscheint vor kurzen dazu eine gute Übersicht. Hier eine bearbeitete Zusammenfassung:
Als Hauptinhaltsstoff von Cannabis gilt delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser Wirkstoff wird in der Leber über das Cytochrom P450, vor allem über CYP2C9, verstoffwechselt. Nach 5 Tagen sind 80-90% der inhalierten THC-Dosis eliminiert. Bei chronischer Anwendung lassen sich die Metaboliten (Abbauprodukte) noch mehrere Wochen nach dem Konsum nachweisen.
Ähnlich wie Tabak enthält gerauchter Cannabis aromatische Kohlenwasserstoffe, welche als Induktoren von CYP1A2 wirken. Deshalb werden Medikamente, welche hauptsächlich über CYP1A2 verstoffwechselt werden, schneller abgebaut. Bei Cannabisrauchern wurde eine reduzierte Wirksamkeit von Theophyllin, Chlorpromazin und Clozapin festgestellt. Nach einem Rauchstopp von Cannabis kam es vereinzelt zu Symptomen einer Überdosierung.
Beim Konsum von Cannabis kommt es zu einer Tachykardie (Pulsbeschleunigung) und einer peripheren Vasodilatation (Gefässerweiterung). Die kardialen (herzbezogenen) Effekte addieren sich zu denjenigen der trizyklischen Antidepressiva, was das Auftreten von Tachykardien zusätzlich begünstigt. Bei gleichzeitigem Konsum von Cannabis und Sildenafil (Viagra) kam es zu einem Herzinfarkt. Der betroffene Mann hatte zuvor keine kardiovaskulären Beschwerden. Die sedativen (beruhigenden) Effekte von Cannabis werden durch Opioide, Barbiturate und Alkohol verstärkt.
Gemäss einem Fallbericht, kam es bei einem Patienten unter Warfarin nach Cannabis-Konsum zu Blutungen im Verdauungstrakt. Auslöser für diesen Effekt sind eine Hemmung des Metabolismus von Warfarin und eine verminderte Plasmaproteinbindung. Wird Cannabis während einer Warfarin-Therapie angewendet, sollte der INR-Wert regelmässig bestimmt werden. Bei Cannabiskonsumenten ist allenfalls eine Dosisanpassung des oralen Antikoagulans nötig.
Quellen:
_La Revue Prescrire 321/2010/p515
_ E. Williamson, S. Driver; Stockley’s Herbal Medicines Interactions; Pharmaceutical Press 2009; p107
http://www.pharmavista.net
Kommentar & Ergänzung:
Das ist die beste kurze Zusammenfassung, die mir zum Thema „Cannabis und Interaktionen“ bisher unter die Augen gekommen ist.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, August 9th, 2010
Auch nach der Einrichtung des Registers ClinicalTrials.gov enden die Resultate von klinischen Studien häufiger mit einem positivem Resultat, wenn sie von den Herstellern gesponsert wurden. Dies zeigte eine Studie in den Annals of Internal Medicine (2010; 153: 158-166), deren Interpretation allerdings schwierig ist.
ClinicalTrials.gov wurde im Jahre 1999 eingerichtet, um auszuschliessen, dass Studien mit einem negativen Ausgang von den Herstellern unter den Tisch gefallen lassen werden. Denn dann könnte in den Meta-Analysen, auf die sich zunehmend die Empfehlungen der Leitlinien stützen, ein zu günstiger Eindruck von der Wirksamkeit der Medikamente entstehen.
Im Jahr 2005 kündigte eine Gruppe von Fachzeitschriften, die sich zum International Committee of Medical Journal Editors zusammengeschlossen hat, an, nur noch Studien zu veröffentlichen, die vor ihrem Start bei ClinicalTrials.gov registriert wurden. Und seit dem Jahre 2007 hat sich auch die US-amerikanische Arzneibehörde FDA dieser Pflicht zur Präregistrierung angeschlossen – ausgenommen davon sind nur Phase I-Studien.
Durch diese Vorsichtsmaßnahmen sollte ein sogenannte Publication Bias verhindert werden. Umso überraschender sind die Resultate der Untersuchung von Florence Bourgeois vom Children’s Hospital in Boston und Mitarbeitern, die den Ergebnissen von 546 Studien nachgegangen sind, die zwischen 2000 und 2006 durchgeführt und auf ClinicalTrials.gov registriert wurden.
Die Arbeit von Florence Bourgeois erfasst Studien zu fünf Behandlungen: Cholesterinsenker, Antidepressiva, Antipsychotika, Protonenpumpeninhibitoren und Vasodilatatoren. In den ersten drei Jahren nach der Beendigung der Studien wurden die Resultate in drei Viertel der Fälle veröffentlicht, wie die Wissenschaftler durch Recherchen in Datenbanken und durch direkte Nachfragen bei den Autoren ermitteln konnten.
Warum die Resultate der anderen Studien zurückgehalten wurden, ist nicht bekannt. Auffällig war aber, dass die Resultate der vom Hersteller gesponserten Studien häufiger nicht oder verspätet veröffentlicht werden: Die Publikation der Studien erfolgte nur in 32,4 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Bei den Studien, welche von unabhängigen Organisationen finanziert wurden, war der Anteil mit 56,2 Prozent fast doppelt so hoch.
Verdächtig ist auch, dass die von der Industrie gesponserten Studien zu 85,4 Prozent zu einem günstigen Resultat kamen, gegenüber nur 50 Prozent der von der Regierung geförderten Studien und 71,9 Prozent der Studien, die von Nonprofit-Organisationen finanziert wurden. Letztere werden nicht selten durch die Industrie mitfinanziert. Sie erhöhten den Anteil der Studien mit einem günstigen Resultat von 61,2 auf 85 Prozent.
Die Resultate bedeuten nicht automatisch, dass es den Herstellern gelungen ist, die Kontrollen zu unterlaufen. Eine mögliche Erklärung wäre auch, dass die Hersteller häufiger Wirkstoffe testen lassen, die größere Aussichten auf eine Wirksamkeit haben. Für diese Erklärung spricht, dass der Anteil der Phase-III-Studien größer war als bei den unabhängigen Studien. Da diese Studien sehr teuer sind, haben die Hersteller ein wirtschaftliches Interesse daran, Studien zu Medikamenten mit geringen Erfolgsaussichten zu vermeiden. Die jetzige Untersuchung zeigt aber, dass Meta-Analysen nur die zweitbeste Möglichkeit zur Beurteilung von medizinischen Therapien sind.
Quelle:
www.aerzteblatt.de
http://www.e-healthcaresolutions.com/ACP/januvia-annals-0610-inter.php?url=http://www.annals.org/content/153/3/158.abstract
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/42229/Pharmastudien_glaenzen_haeufiger_mit_positivem_Ergebnis.htm
Kommentar & Ergänzung:
Das Zurückhalten negativer Studien, der sogenannte „publication bias“, ist ein ernsthaftes Problem in der Pharmaforschung. Und dies allerdings nicht nur im Bereich synthetischer Medikamente. Die Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin (z. B. Homöopathie-Forschung) und Phytotherapie ist nicht weniger davon betroffen. Auch hier wird gern publiziert, was einen günstigen Einfluss zeigt und ebenso gern verschwiegen, was der Vermarktung abträglich wäre. Es gilt daher, in allen Bereichen ein scharfes Auge auf dieses Phänomen zu werfen und sich der dadurch möglichen Verzerrungen bewusst zu bleiben.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Donnerstag, August 5th, 2010
Benzodiazepine (z.B. Valium), Barbiturate und Narkosemittel wie Propofol wirken über spezifische Haftstellen an Rezeptoren, die an Synapsen im Gehirn liegen und die Wirkung des hemmenden körpereigenen Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure) steigern. Um selbst wie GABA zu wirken, müssten die Medikamente sehr hoch dosiert werden, schon geringere Dosierungen genügen jedoch, um die Wirkung der körpereigenen GABA um das Zwei- bis Dreifache zu verstärken.
Wissenschaftler haben jetzt in einer großen Screeningstudie mehrere hundert Duftstoffe hinsichtlich ihrer Wirkung auf GABA-Rezeptoren von Mensch und Maus getestet. Die beiden Duftstoffe Vertacetal-coeur (VC) und die chemische Variante (PI24513) wirkten am stärksten: Sie konnten die GABA-Wirkung um mehr als das Fünffache verstärken und wirken somit ähnlich stark wie die bekannten Medikamente.
Der Jasmin-Duftstoff Vertacetal-couer bindet im Gehirn an den gleichen Rezeptor wie Benzodiazepine (z. B. Valium, Lexotanil, Seresta, Temesta), Barbiturate und das Narkotikum Propofol. Zumindest bei Mäusen konnten Wissenschaftler im Journal of Biological Chemistry (2010, doi: 10.1074/jbc.M110.103309) eine sedative Wirkung nachweisen. Die Forschungsgruppe um Olga Sergeeva von der Universität Düsseldorf kann jetzt aufzeigen, dass Vertacetal-coeur (oder die chemische Variante PI24513) die Aktivität einer (von 19 bekannten) Varianten des GABA-Rezeptors moduliert.
Die Varianten des GABA-Rezeptors sind im Schlaf-Wach-Zentrum des Hypothalamus lokalisiert. Die Aktivität der “schlafaktiven” Rezeptoren wurde in den Duft-Experimenten in gleichem Maße verstärkt wie durch Benzodiazepine, Barbiturate oder Propofol.
Dies muss nicht unbedingt heissen, dass Jasmin (in entsprechenden Dosierungen) als Sedativum oder gar als Narkotikum angewendet werden könnte. Eine gewisser beruhigender Effekt wurde indes bei Versuchstieren beobachtet, die in einem Plexiglaskäfig einer höheren Konzentration der Jasmin-Duftstoffe ausgesetzt waren.
Die Mäuse stellten jede Aktivität ein und saßen ruhig in der Ecke, schreiben die Wissenschaftler, die sich auch beim Menschen eine angstlösende, beruhigende, erregungs- und aggressionsdämpfende oder schlafanstoßende Wirkung vorstellen können. Belegen lässt sich dies durch tierexperimentelle Untersuchungen allerdings nicht. Dazu wären klinische Studien nötig.
Durch die Veränderung der chemischen Struktur der Duftmoleküle wollen die Wissenschaftler nun versuchen, noch stärkere Wirkung zu erreichen.
Quellen:
www.aerzteblatt.de
http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2010/pm00222.html.de
http://www.jbc.org/content/early/2010/05/28/jbc.M110.103309.full.pdf#page=1&view=FitH
Sergeeva, O. A., et al.: J. Biol. Chem., Online-Vorabpublikation, DOI: 10.1074/jbc.M110.103309
http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de
Kommentar & Ergänzung:
Es gibt in der Aromatherapie eine Vielzahl von Aussagen über die Beeinflussung von ganz spezifischen Gefühlszuständen, wobei meistens völlig ungeklärt bleibt, ob die versprochenen Wirkungen auch tatsächlich eintreten. Klar ist aber, dass es Duftstoffe bzw. ätherische Öle gibt, die anregende oder beruhigende Effekte auslösen.
Dass ein Jasmin-Duftstoff ähnlich beruhigende Wirkungen zeigt wie Benzodiazepine bzw. Valium, ist daher durchaus denkbar.
Zurecht schränkt das „Ärzteblatt“ aber ein, dass tierexperimentelle Untersuchungen noch kein Beleg für eine Wirksamkeit beim Menschen sind.
Im Text ist die Rede von inhalativen beruhigenden Effekten auf lebende Mäuse und von Untersuchungen an Rezeptoren, die an isolierten Geweben stattfinden müssen. Offen bleibt meiner Ansicht nach hierbei, ob die inhalativen Effekte ebenfalls über die beschriebene Rezeptor-Theorie erklärt werden kann. Es könnte sich auch um zwei verschiedene Wirkungsmechanismen handeln.
Zwiespältig erscheint mir der Hinweis auf den Versuch, durch Veränderung der Jasminduft-Moleküle noch stärkere Wirkungen zu erzielen. Dabei könnte es auch um eine bessere Patentierbarkeit gehen, sind doch modifizierte Naturmoleküle eher als Erfindungen schützbar als Originalmoleküle aus der Natur. Ausserdem wird mit der angestrebten erhöhten Wirkung wohl auch ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen einhergehen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, August 2nd, 2010
Fachleute gehen davon aus, dass Geheimniskrämerei in der Gesundheitsforschung in den vergangenen Jahrzehnten zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben könnte. Das zeigt eine Untersuchung des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Wissenschaftler haben etwa 60 Fälle zusammengetragen, in denen die Ausbreitung von Wissen in der Medizin behindert wurde.
Sie werteten hunderte von Fachartikeln und andere Quellen aus – unter anderem aus den Gebieten Psychiatrie, Schmerztherapie, Herz-Kreislauf-Medizin, Krebstherapie und Infektionskrankheiten. “Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie”, kommentieren die Autoren.
Hauptsächlich das Verschweigen negativer Untersuchungsresultate bei neuen Medikamenten sei weit verbreitet. Eine Analyse von 90 in den USA zugelassenen Medikamenten ergebe, dass diese in insgesamt 900 Studien geprüft worden seien, jedoch selbst fünf Jahre nach der Zulassung 60 Prozent der Studien noch nicht publiziert worden seien. Bei anderen Studien würden häufig nur ausgewählte Resultate veröffentlicht.
“Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt, als sie sind”, erklärt Studienautorin Beate Wieseler, Stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung des Bonner Instituts. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen “publication bias” – oder: “Verzerrung durch selektives Veröffentlichen”.
Auslöser für die Suche nach dokumentierten Beispielen für “publication bias” waren eigene Erfahrungen des IQWiG – zuletzt bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Therapie von Depression. Das Pharmaunternehmen Pfizer hatte dem IQWiG nur dank öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die von der Firma bis dahin unter Verschluss gehalten wurden. Und in diesen unveröffentlichten Studien schnitt Reboxetin deutlich schlechter ab, als es zuvor anhand der publizierten Studien den Anschein hatte. “Über viele Jahre wurden Patienten und Ärzte getäuscht”, stellt Wieseler dazu fest.
Eine besonders hohe Korrelation zwischen Eigeninteressen und veröffentlichten Ergebnissen ortet das IQWiG bei von Pharmafirmen durchgeführten Studien. Zitiert wird vom IQWiG zudem eine Analyse, in welcher 2000 Studien aus dem Fachgebiet der Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden: Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht publiziert, von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 Prozent. Aufgrund von gesetzlichen Regelungen müssen auch Zulassungsbehörden Daten zurückhalten.
Leidtragende des „publication bias“ sind oft die Patienten. Wenn Misserfolgsmeldungen nicht veröffentlicht werden, “setzen Ärzte und Patienten häufig Therapien ein, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind”, stellt Wieseler fest. Beispielsweise gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht publiziert worden seien.
“Bei registrierten Studien werden die Ergebnisse zurückgehalten, weil die untersuchten Präparate schlechter oder gleich gut funktionieren wie das Kontrollprodukt. Das färbt die Resultate der Evidenz-basierten Medizin rosa ein”, erklärt Claudia Wild vom Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment in Wien: “Pharmafirmen wollen den Markt und medizinische Forscher stets neue Sensationen publizieren.” Kann man überhaupt noch den Medikamenten vertrauen, welche der Arzt verschreibt? Claudia Wild umschreibt es so: “Wenn Sie Ihrem Hausarzt vertrauen, dann vielleicht ja.”
Quelle:
http://www.wienerzeitung.at/
Printausgabe vom Mittwoch, 19. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 18. Mai 2010 16:21:00
Kommentar & Ergänzung:
Der „publication bias“ ist ein ernsthaftes Problem in der Pharmaforschung. Und dies allerdings nicht nur im Bereich synthetischer Medikamente. Die Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin (z. B. Homöopathie-Forschung) und Phytotherapie ist nicht weniger davon betroffen. Auch hier wird gern publiziert, was einen günstigen Einfluss zeigt und ebenso gern verschwiegen, was der Vermarktung abträglich wäre. Es gilt daher, in allen Bereichen ein scharfes Auge auf dieses Phänomen zu werfen und sich der dadurch möglichen Verzerrungen bewusst zu bleiben.
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Samstag, Juli 31st, 2010
Die „Zeitschrift für Phytotherapie“ warnt in ihrer jüngsten Ausgabe (Nr. 3 / 2010) vor dem im Internet als natürlicher Viagra-Ersatz vertriebenen pflanzlichen Produkt Viapro:
„Bei Viapro handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel, welches eine Kombination aus 22 verschiedenen Kräutern enthalten soll und für den Einsatz bei erektiler Dyfunktion beworben wird. Ein solcher Indikationsanspruch würde das Präparat nach deutschem Recht automatisch dem Arzneimittelrecht unterwerfen, ein Vertrieb als Nahrungsergänzungsmittel wäre demnach illegal. In einer Untersuchung stellte die FDA im Juli 2008 die Anwesenheit einer Analogsubstanz des Sildenafils, nämlich Thio-Methisosildenafil in einer Charge des Präparates fest und forderte den Hersteller zum Rückruf auf. Patienten bzw. Kunden müssen über die gefährlichen Auswirkungen nicht deklarierter und nicht standardisierter Wirkstoff-Beimengungen aufgeklärt werden. Das Mittel sollte sofort abgesetzt werden.“
Sildenafil ist der keineswegs pflanzliche Wirkstoff im Viagra. Die Anwesenheit von Thio-Methisosildenafil als Analogsubstanz des Sildenafils gefährde den Verbraucher, „weil der Blutdruck aufgrund einer gravierenden Wechselwirkung mit Medikamenten wie z.B. Trinitroglycerin gefährlich absinken kann. Patienten mit Diabetes, hohem Blutdruck, hohen Cholesterinwerten oder Herzerkrankungen gehören oftmals zu den Betroffenen.“
Nach Herstellerangaben soll das Produkt speziell für die Beeinflussung der männlichen Erektion, also zur Behandlung von Impotenz, entwickelt worden sein.
Die „Zeitschrift für Phytotherapie“ druckt aus einem Verkaufsprospekt Angaben zur Zusammensetzung von Viapro ab (Zitat inkl. Fehler im Verkaufsprospekt):
»Smilax extract (Sarsaparille) – ist dafür bekannt ein Hormongleichgewicht zu halten. Der Saft verbessert die Blutzirkulation und die männliche Potenz.
Avena sativa Extrakt (oat straw) – dient als Aphrodisiakum. Fördert die Libido bei Männer und Frauen.
Zyzphys Jujube (Jujube) – verbessert die Libido beim Mann. Durch den süßlichen Geruch werden Frauen davon angezogen.
Weitere Wirkstoffe sind – Kapsikum annum (Cayenne), Eleutherococcus senticocus (Ginseng), Urtica dioca (stinging nettles), Sernoa repens (saw palmetto), Cucurbita pepo (Kürbiskerne).«
Quelle:
Zeitschrift für Phytotherapie 3 / 2010
Kommentar & Ergänzung:
Es ist eine hoch betrügerische Sache, dass immer wieder angeblich rein pflanzliche Naturheilmittel mit undeklarierten synthetischen Zusätzen vermarktet werden. Immer wieder festgestellt wurden solch gefährliche Betrügereien bei asiatischen Heilmitteln, die via Internet bestellt wurden.
Viapro ist nun offenbar ein europäisch-amerikanisches Beispiel.
Aber auch unabhängig von dem 2008 von der FDA gefundenen Sildenafil-Analogon ist die Zusammensetzung von Viapro mehr als fragwürdig.
- Sarsaparilla gehört zu den Stechwindengewächsen. Die China-Stechwinde (Smilax china) kam 1525 durch Vinzenz Gilius von Tristan nach Europa und wurde als Mittel gegen Lustseuche (Syphilis) empfohlen. Eine solche Heilpflanze einem Potenzmittel gleich beizufügen wäre ja zumindestens originell, wenn davon eine Wirkung erwartet werden könnte. Allerdings fehlen Hinweise auf solche Effekte.
- Avena sativa (Hafer) gilt als sehr energiereiches Pferdefutter…kann also in einem Potenzmittel auch nicht schaden. In der traditionellen Pflanzenheilkunde soll Hafertinktur allerdings eher beruhigend wirken – bleibt also zu hoffen, dass „er“ nicht einschläft.
- Die Chinesische Jujube (Ziziphus zizyphus, syn. Ziziphus jujuba), auch Chinesische Dattel oder Rote Dattel genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae) und stammt aus Nord- und Nordostchina. Die Jujube-Früchte dienen in getrockneter Form als Brusttee bei Erkältungen; aus diesem Grunde ist sie bei Apothekern häufig auch als Brustbeere bekannt. In China stellte sie schon sehr früh eine der wichtigsten Arzneipflanzen dar. Eine Wirkung als Potenzmittel ist nicht plausibel.
- Capsicum annuum (Spanischer Pfeffer, Paprika) hat zwar eine Ruf als unregendes Gewürz – aber in Kapselform?? Ausserdem wird Paprikaextrakt eingesetzt zur Förderung der Durchblutung und Reizempfindlichkeit im Genitalbereich – allerdings als Creme….
- Eleutherococcus senticosus (Taiga-Wurzel, Sibirischer Ginseng), im Prospekt fälschlich einfach als Ginseng (wodurch normalerweise gemeint ist: Panax ginseng) bezeichnet, verbessert als adaptogene Heilpflanze die Fähigkeit des Organismus zur Stressbewältigung. Das zumindestens kann ja in einem Potenzmittel nicht schaden….
- Urtica dioica, die altbekannte Brennessel. Um sie ranken sich zahlreiche Geschichten. Die Brennesselsamen sollen feurig machen in der Liebe – getestet von Pferdehändlern, die vor einem Verkauf damit ihre Tiere behandelt haben sollen, damit sie fitter aussehen. Und Brennesselpeitschungen sollen anregend wirken…na ja, wems gefällt.
Brennesselwurzel dagegen sind tatsächlich in ihrer Wirkung gut erforscht zur Linderung der Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung. Kann also für Männe auch nicht schaden, doch werden die Kapseln kaum die Wurzeln enthalten.
- Serenoa repens (Zwergpalme, Sägepalme, Sabal serrulata) ist das am besten dokumentierte Heilpflanzen-Mittel gegen gutartige Prostatavergrösserung älterer Männer. Aber potenzsteigernd?
- Cucurbita pepo (Kürbiskerne) sind ebenfalls wirksam gegen Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung. Aber potenzsteigernd?
Eine ziemlich wilde, unsinnige Kräutermischung also, welches da als natürliches Potenzmittel vermarktet wird.
Allerdings wird von einem solchen Produkt schon ein anständiger Placeboeffekt zu erwarten sein. In Situationen, in denen Potenzmittel angewendet werden, spielt die Erwartungshaltung eine grosse und wohl mitunter entscheidende Rolle.
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Mittwoch, Juli 14th, 2010
Die Einnahme von Schlaftabletten oder Beruhigungsmitteln, aber auch von Medikamenten gegen Depressionen erhöhen bei älteren Personen die Gefahr von schweren Stürzen, die im Alter mit einer hohen Morbidität und Mortalität einhergehen. Fachleute raten in den Archives of Internal Medicine (2009; 169: 1952-1960) zu einer zurückhaltenden Verordnung.
Mehr als 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahre stürzen mindestens einmal jährlich. Dabei erleiden sie nicht selten Verletzungen und Knochenbrüche, die eine Hospitalisierung nötig machen. Nicht weniger als 85 Prozent aller verletzungsbedingten Klinikbehandlungen und 40 Prozent aller Einweisungen in Pflegeheime werden durch Stürze von Senioren verursacht, berichten John Woolcott und Mitarbeiter von der Universität Vancouver.
Die Gründe für die Stürze sind vielfältig. Nicht selten werden sie jedoch durch Medikamente begünstigt. Dies war vor zehn Jahren schon Gegenstand einer Meta-Analyse (RM Leipzig et al. J Am Geriatr Soc 1999; 47: 30-9 und 40 bis 50). In der Zwischenzeit wurden 22 weitere Studien dazu veröffentlicht.
Sie stellen in die Aussagen auf eine solide Basis von beinahe 80.000 Patienten im Alter von mehr als 60 Jahren. Für Sedativa und Hypnotika (Odds Ratio OR 1,47), Antidepressiva (OR 1,68) und Benzodiazepine (OR 1,57) wurde ein signifikant erhöhtes Risiko für Stürze gefunden.
Beta-Blocker und Diuretika, welche in früheren Studien mit einer erhöhten Sturzgefahr in Verbindung gebracht wurden, sind nicht mehr betroffen. Woolcott fordert zu einem indikationsgerechten Einsatz der psychotropen Medikamente auf, weil dadurch zahlreiche Stürze vermieden werden könnten.
Quelle:
www.aerzteblatt.de
Kommentar & Ergänzung:
Dieser Beitrag im Aerzteblatt ist meines Erachtens ein starkes Argument für Schlafmittel aus Heilpflanzen wie Baldrian, Passionsblume, Hopfen oder Melisse, bei denen eine Erhöhung der Sturzgefahr nicht zu befürchten ist. Solche Heilpflanzen-Extrakte helfen nicht in jedem Fall, aber doch oft genug, um sie als ernsthafte Option zu berücksichtigen.
Auch Lavendelöl sollte als Schlafhilfe und Beruhigungsmittel vermehrt berücksichtigt werden.
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Mittwoch, Juni 30th, 2010
Ob bei Erkältungen, Durchfall, Allergien oder bei Zahnungsbeschwerden: Wenn ihre Kinder erkrankt sind, greifen zahlreiche Eltern zu Heilpflanzen-Präparaten. Nicht alle Eltern teilen dies allerdings ihrem Kinderarzt mit. Und nur wenigen Vätern und Müttern ist klar, dass sich ärztlich verordnete Medikamente und Naturheilmittel nicht immer problemlos vertragen. Dies geht aus einer in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ veröffentlichten Elternumfrage (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) hervor.
An den Kinderkliniken der Universitäten Leipzig und München sowie bei zwei Kinderärzten in Leipzig füllten 413 Eltern einen Fragebogen zu ihrem Einsatz von Arzneimitteln aus Heilpflanzen aus: 85 Prozent gaben ihrem Kind ein oder mehrere davon – zusätzlich zu den Medikamenten, welche der Arzt verschrieben hatte. Der Anteil sei deutlich höher als in anderen Ländern, stellt Professor Wieland Kiess von der Universitätsklinik Leipzig fest. In den USA hätten in einer vergleichbaren Umfrage nur zehn Prozent der Eltern Phytotherapeutika angewendet, in Großbritannien waren es 28 Prozent, in der Türkei 44 Prozent.
Auch in Deutschland zeigte die Umfrage Unterschiede. In den Städten verwendeten Eltern häufiger Heilpflanzen-Präparate als auf dem Land. In den neuen Bundesländern sind sie beliebter als in den alten, möglicherweise eine Folge der geringen Verfügbarkeit solcher Mittel vor der Wiedervereinigung, mutmasst Professor Kiess. Auch höherer Bildungsstand und höheres Nettoeinkommen fördern die Beliebtheit von Heilpflanzen-Präparaten. Die Motivation sei dabei keinesfalls in einer Unzufriedenheit mit der Schulmedizin zu suchen, stellt der Experte fest. Im Gegenteil: Zahlreiche Eltern waren mit ihrem Kinderarzt zufrieden, 80 Prozent der Eltern gaben ihn sogar als Informationsquelle bezüglich Phytotherapie an.
Die Eltern sehen in Kamille, Fenchel, Eukalyptus, Salbei und Thymian eine natürliche Ergänzung zu den Arzneimitteln der Schulmedizin. Hier beginnen nach Ansicht von Professor Kiess allerdings die Schwierigkeiten: Zahlreiche der aus den Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe seien keineswegs harmlos. Einige könnten die Wirkung der Medikamente, die der Arzt verschreibt, verstärken oder abschwächen, warnt der Kinderarzt. Diese Gefahr war den meisten Eltern nicht klar: Drei Viertel glaubten, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen hätten. Zu den Beweggründen für die Verwendung von Heilpflanzen-Präparaten zählte mit 72 Prozent die Überzeugung, sie seien natürlicher und 65 Prozent glaubten, sie seien nebenwirkungsärmer als die vom Arzt verschriebenen Arzneien.
Die meisten Eltern sahen darum auch keine Notwendigkeit, die Mediziner über die Begleitbehandlung zu informieren: Nur 22 Prozent der Eltern hatten den Kinderarzt in Kenntnis gesetzt. Professor Kiess empfiehlt darum Ärzten, gezielt nach dem Gebrauch von pflanzlicher Medizin zu fragen und die Eltern auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Dies verbessere letztlich die Sicherheit und Effektivität der schulmedizinischen Therapie.
Quelle: Pressemeldung Georg Thieme Verlag
Orgiginalquelle:
M. Hümer et al.:
Phytotherapie in der Kinderheilkunde. Prävalenz, Indikationen und Motivation.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (19): S. 959-964
Kommentar & Ergänzung:
Die Resultate einer Umfrage in der Schweiz wären wohl vergleichbar mit den hier präsentierten Ergebnissen in Deutschland.
Das grosse Vertrauen von Eltern in Heilpflanzen-Präparate ist erfreulich. Es fragt sich allerdings, ob es auch in jeder Hinsicht gerechtfertigt ist. Bei den Naturheilmitteln gibt es nämlich ausgesprochen grosse Unterschiede in der Qualität. Beispielsweise dürfen alle Präparate aus den Bereichen Homöopathie, Anthroposophische Medizin und Spagyrik in Apotheken und Drogerien als Heilmittel verkauft werden, ohne dass ihre Wirksamkeit belegt werden muss. Der Unterschied zu Phytotherapeutika, welche ihre Wirksamkeit genauso belegen und dokumentieren müssen wie synthetische Medikamente, ist vielen Eltern nicht klar.
Und wenn drei Viertel der Eltern der Überzeugung sind, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen haben, so stimmt dies nur teilweise. Gerade bei Kindern sind bei einigen Heilpflanzen-Anwendungen auch allfällige Nebenwirkungen zu beachten.
Es fragt sich auch, wo Eltern zu verlässlichen Informationen über Heilpflanzen-Präparate und Naturheilmittel kommen.
Nur eine Minderheit der Ärztinnen und Ärzte ist zum Beispiel über Arzneimittel aus dem Bereich der Phytotherapie fundiert im Bilde. Und Apotheken und Drogerien verkaufen eine grosse Zahl von Naturheilmittel, bei denen jeder fundierte Hinweis auf eine Wirksamkeit fehlt.
Gesundheitszeitschriften als Infoquelle sind in der Regel sehr von Inserenten abhängig – und zwar nicht nur von den Herstellern synthetischer Medikamente, sondern genauso von den Produzenten aus dem Bereich der Komplementärmedizin. Das verhindert weitgehend eine kritische Berichterstattung und fördert undifferenzierte Propagandaberichte.
Und auf dem Buchmarkt gibt es sowieso keine wasserdichte Qualitätskontrolle. Die meisten Buchverlage publizieren, was sich gut verkauft. Eine harte fachliche Qualitätskontrolle ist dem Verkaufserfolg oft sogar eher hinderlich.
Meine zwei Empfehlungen:
- Fundierte Bücher zum Bereich Pflanzenheilkunde / Phytotherapie finden Sie in meinem Buchshop – und zwar mit ergänzendem Kommentar.
- Der beste Weg für Konsumentinnen und Konsumenten von Naturheilmitteln ist meines Erachtens, sich selber schlau zu machen. Eine Möglichkeit, sich vertieftes Wissen vor allem für die Anwendung von Heilpflanzen im familiären Umfeld anzueignen, ist das Heilpflanzen-Seminar über sechs Wochenenden. Hier werden die Grundlagen vermittelt für eine fundiertere Beurteilung der Qualität von Heilpflanzen-Präparaten.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Mittwoch, Juni 2nd, 2010
Ein Wirkstoff aus Baldrian wird als Basis für neue angstlösende Medikamente erforscht: Wissenschaftler der Universität Wien synthetisieren neuartige potenzielle Wirkstoffe in Ableitung von Substanzen, die in der Baldrian-Pflanze enthalten sind. Das gemeinsame Ziel der Chemiker und Pharmakologen ist es, angstlösende Arzneistoffe zu entwickeln, welche besser verträglich sind und weniger unerwünschte Wirkungen besitzen. In der aktuellen Ausgabe des British Journal of Pharmacology (BJP) werden Resultate dazu veröffentlicht.
In Österreich leiden über 800.000 Menschen an Angsterkrankungen, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Unter den Begriff Angststörungen fallen verschiedene Symptome wie Schlafstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Erregung. Herkömmliche Medikamente wie Antidepressiva oder Tranquillizer haben zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen und können innerhalb von Wochen zur Abhängigkeit führen.
Hilfe aus der Naturmedizin
In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird Baldrian seit dem 18. Jahrhundert bei Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress, Reizbarkeit und Angstzuständen eingesetzt. Vor zwei Jahren zeigte das Team um Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, erstmals, dass der Naturstoff Valerensäure aus dem Baldrian einen bestimmten Typ von sogenannten GABAA-Rezeptoren auf Nervenzellen anregt. Dadurch wird die Erregbarkeit von Nervenzellen vermindert. Weiterführende Untersuchungen kamen dann zum Schluss, dass Valerensäure eine angstlösende und schlaffördernde Wirkung hat.
Die in der Praxis oft verordneten Benzodiazepine (ein bekannter Vertreter ist “Valium”) führen rasch zur Abhängigkeit und können unerwünschte Wirkungen entfalten, wie beispielsweise Tagesmüdigkeit (“hang over”), Gangunsicherheit und Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit. Das Team um Hering geht davon aus, dass die aus Baldrian gewonnene Valerensäure nur gewisse Subtypen von GABAA-Rezeptoren beeinflusst. Daraus zieht Post-Doc Sophia Khom vom Department für Pharmakologie und Toxikologie folgenden Schluss: “Der große Vorteil dessen wäre, dass dadurch nur ganz bestimmte Hirnareale stimuliert werden, so weniger Nebenwirkungen entstehen und das Abhängigkeitspotenzial vermindert werden könnte.”
Synthetisierte Derivate wirksamer
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Johann Mulzer, Professor am Institut für Organische Chemie der Universität Wien, und Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, synthetisierte Jürgen Ramharter (Organische Chemie) nicht nur den Baldrian-Inhaltsstoff Valerensäure, sondern stellte auch Derivate davon her, also von der Valerensäure abgeleitete Wirkstoffe. Die Pharmakologin Sophia Khom erläutert dazu: “Mehrere der synthetisierten Derivate sind im Vergleich zur Valerensäure deutlich stärker wirksam. Bei einer der neu synthetisieren Verbindungen war die Wirkung auf den Rezeptor mehr als doppelt so stark.”
Der Pharmakologe und Department-Leiter Steffen Hering stellt dazu fest: “Wir sind auf einem guten Weg, auf Basis der Valerensäure neue, angstlösende Wirkstoffe zu finden, die für die Entwicklung von Arzneistoffen geeignet sind. Einige der bisher untersuchten Substanzen haben bereits eine deutlich stärkere Wirkung als der Naturstoff aus dem Baldrian selbst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir unter den Derivaten auch Wirkstoffe finden, die bei Epilepsie eingesetzt werden können.”
Quelle:
http://derstandard.at
Originalpublikation:
British Journal of Pharmacology: Valerenic acid derivatives as novel subunit-selective GABA(A) receptor ligands – in vitro and in vivo characterization. S. Khom, B. Strommer, J. Ramharter, T. Schwarz, C. Schwarzer, T. Erker, G.F. Ecker, J. Mulzer, S. Hering.
Kommentar & Ergänzung:
Eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen aus der Baldrianwurzel sind in den letzten Jahren auf ihre angstlösenden und / oder schlaffördernden Wirkungen untersucht worden. Ich bin nicht gegen diese Forschungen an einzelnen Baldrian-Wirkstoffen. Festzuhalten bleibt aber: Phytotherapie setzt ganze „Teams“ von Wirkstoffen ein, zum Beispiel in Form von Tees, Tinkturen oder Extrakten. Bisher jedenfalls kann man die Baldrianwirkung nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff zurückführen.
Ich kann auch nachvollziehen, dass Forschende einen Inhaltsstoff wie die Valerensäure synthetisiert und nach Abkömmlingen mit stärkerer Wirkung sucht. Es ist aber voraussehbar, dass diese „Optimierung“ auch einen Preis haben wird. Die verstärkte Wirkung geht mit prägnanteren Eingriffen in den Organismus einher – beispielsweise mit einer grösseren Veränderungen der Schlafarchitektur. Daher wird bei solchen optimierten Molekülen auch mit verstärkten unerwünschten Nebenwirkungen und erhöhten Risiken zu rechnen sein.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, Mai 31st, 2010
Mediziner und Patienten sollten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen, denn diese beruhten häufig auf Studien, die eine auf Gewinn ausgerichtete Pharmaindustrie gesponsert hat. So lautete die Botschaft einer Veranstaltung des Österreichischen Hausärzteverbandes mit dem Titel “Medizinische Erkenntnisse – erforscht oder erkauft?” am 11. Mai 2010 in Wien.
Am Beispiel der Schweinegrippe-Impfung, eines Präparates gegen Rheumatoide Arthritis und diverser Onkologika (Krebsmedikamente) zeigte die Expertin Claudia Wild, Direktorin des Ludwig Boltzmann Institutes für Health Technology Assessment, fragwürdige Praktiken im Gesundheitsmarkt auf. Die Pharmaindustrie stelle immer weniger wirklich innovative Produkte her, während gleichzeitig zahlreiche alte Patente auslaufen. Darum würden beispielweise große Anstrengungen unternommen, um Generika zu desavouieren.
Scheinbare Unabhängigkeit
“Während die klassischen Pharmareferenten immer weniger werden, investiert die Industrie in Lobbying und Awareness-Strategien über die Medien”, stellte Wild fest. So würden von Pharmafirmen unter verschiedenen Namen, die wissenschaftliche Unabhängigkeit suggerieren (wie etwa “The European Scientific Working group on Influenza” – ESWI), Initiativen gestartet, die mit Workshops und Konferenzen sowie darauf folgenden Veröffentlichungen Stimmung bei Medien und Politik dafür machen, dass man gewisse Krankheiten dringend mit bestimmten Methoden oder Medikamenten bekämpfen müsse, etwa die drohende Schweinegrippe durch eine entsprechende Impfung.
Claudia Wild wies auf Systemmängel hin: “Wenn jene, die Impfstoffe entwickeln, auch die Forschung über deren Wirksamkeit finanzieren und gar noch in den Gremien über deren Einsatz entscheiden, entsteht ein unakzeptabler Interessenkonflikt.”
Sorge wegen Leitlinien
Die Hausärzte warnen vor einer ökonomisch motivierten “Integrierten Versorgung” mit standardisierten Diagnosestraßen und Behandlungen – dies gehe zu Lasten des individuellen Bemühens um den Patienten. Der Chef des Hausärzteverbandes, Christian Euler, und seine Kollegen lehnen strenge Leitlinien deshalb ab: “Rahmenbedingungen können so eng werden, dass im Rahmen kein Platz mehr ist.” Susanne Rabady von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin setzte sich für Leitlinien und Standards ein, doch dürften daraus nicht “starre Schemata” werden.
Michael Wendler, Leiter einer Lehrpraxis in Graz, will zurück zu einer Medizin, welche den Patienten als Partner und nicht als Objekt sieht. Der Ärztenachwuchs solle zu mehr Kritikfähigkeit ausgebildet werden. Er müsse häufig Gespräche mit Patienten führen, die ihr medizinisches Wissen aus dem Internet beziehen, erklärte Wendler. Er rate dann meist: “Erst gurgeln, dann googeln.”
Quelle:
http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4109&Alias=wzo&cob=493144
Printausgabe vom Freitag, 14. Mai 2010
Online seit: Donnerstag, 13. Mai 2010
Kommentar & Ergänzung:
Sehr einverstanden bin ich mit der Empfehlung, dass Mediziner und Patienten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen sollen. Kann alles in dieser Meldung dreifach unterstreichen.
Zur Ökonomisierung der Medizin schreibt Urs P. Gasche im Tages-Anzeiger (31. 5. 2010):
„Ob jemand besonders viele Medikamente verschrieben bekommt oder eine Knieprothese erhält, ob einer Frau die Gebärmutter entfernt oder einem Mann die Gallenblase operiert wird, hängt weniger vom Zustand der Patienten ab als davon, ob es in der Gegend viele Spezialärzte gibt. Computertomografien zu diagnostischen Zwecken ordnen Ärzte in der Waadt trotz der enormen Strahlenbelastung fast doppelt so häufig an wie ihre St. Galler Kollegen. Untersuchungen mit Herzkatheter, ebenfalls risikobehaftet, machen Waadtländer Ärzte 80 % häufiger. Trotzdem sterben die Waadtländer nicht weniger oft an Herzleiden. Für solche Überbehandlungen gibt es keine medizinischen Erklärungen. Die Risiken aber tragen stets die Patienten.“
Ich würde die Forderung des Österreichischen Hausärzteverbandes allerdings nicht einseitig auf die Medizin beschränken. Auch im Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde braucht es mehr kritisches Denken.
Bei einem sehr grossen Teil der Naturheilmittel, die in Apotheken und Drogerien verkauft werden, fehlt einfach jeder Hinweis darauf, dass sie – von Placebo-Effekten abgesehen – eine Wirkung haben. Es stellen sich hier Fragen bezüglich Ethik und bezüglich Konsumentenschutz.
Und es gibt auch im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde eine unübersehbare Tendenz zur Medikalisierung: Den Menschen werden Störungen eingeredet, um sie anschliessend zu therapieren.
Während aber in der Medizin immer wieder auch eine kritische Diskussion von Fehlentwicklungen und Auswüchsen stattfindet– die Veranstaltung des Östereichischen Hausärzteverbandes ist dafür ein Beispiel – fehlt eine solche Auseinandersetzung im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde fast vollständig. Hier herrscht meiner Erfahrung nach über weite Strecken eine naive Gläubigkeit, die ich ziemlich erschreckend finde.
Wenn der Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde einen fundierten, seriösen Boden finden soll, braucht es meiner Ansicht nach vielmehr sorgfältige, selbstkritische Prüfung von Aussagen und Versprechungen und sehr viel mehr Auseinandersetzung mit den Grenzen der eigenen Heilmethode.
Die Kategorie „Naturheilkunde-Debatte“ in diesem Pflanzenheilkunde-Blog ist ein Versuch, diese Fragen zu thematisieren.
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