Artikel mit Schlagwort ‘Mastzellen’

Allergien durch Chlorhexidin

Sonntag, November 17th, 2013

Das Antiseptikum Chlorhexidin kann potenziell schwere Allergien verursachen. Das BfArM rät darum zur genauen Aufklärung sensibilisierter Personen.

Chlorhexidin wird u.a. für Mundspüllösungen, zur Desinfektion von Haut, Schleimhäuten und Händen, in Spüllösungen für Blasenkatheter, in Augen-, Nasentropfen, Wundpflastern und Kosmetika verwendet. Allerdings kann es bei der Anwendung von Chlorhexidin zu Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie kommen. Inzwischen liegen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 147 Berichte über anaphylaktische Reaktionen in Deutschland vor.

Deshalb empfehlen die Fachleute: Wenn es zu einer Überempfindlichkeitsreaktion gegen Chlorhexidin gekommen ist, muss der Patient über die Risiken einer erneuten Anwendung aufgeklärt werden und er muss die Substanz in Zukunft meiden. Das gelte auch nach Sensibilisierungen bei medizinischem Personal. In Zweifelsfällen sei eine allergologische Testung indiziert.

Quelle:

Meldung des BfArM, Bonn, 2013

http://www.medical-tribune.de/home/news/artikeldetail/chlorhexidin-macht-allergien.html

Kommentar & Ergänzung:

Chlorhexidin ist ein wirksames Desinfektionsmittel, das vor allem in der Zahnheilkunde eingesetzt wird. Es bleibt lange auf Zähnen und Mundschleimhaut haften, was ihm eine langanhaltende Wirkung verleiht. Chlorhexidin bekämpft sehr effektiv die bakterielle Plaque und wirkt dadurch gegen Karies und Gingivitis (Zahnfleischentzündung).

Im Mund sollte es jedoch in der Regel nicht länger als 10 Tage angewendet werden, weil es die Zähne verfärben und zu Geschmacksstörungen führen kann. Diese unerwünschten Nebenwirkungen sollen allerdings reversibel sein.

Anaphylaxie scheint als Reaktion auf Chlorhexidin zwar sehr selten zu sein. Tritt sie aber ein, dann ist das ein Notfall, der tödlich enden kann.

Neben dem BfArM hat sich auch Swissmedic zu dieser Frage geäussert:

„Eine Anaphylaxie äussert sich meist in Haut- und oder Schleimhautaffektionen, die mit weiteren Organdysfunktionen wie Atemstörung, Blutdruckabfall, Übelkeit oder Brechreiz einhergehen und kurz nach einem möglichen Allergenkontakt auftreten. Der Anaphylaxie liegt eine Degranulation von Basophilen und Mastzellen mit konsekutiver Freisetzung von Histamin, Leukotrienen, Zytokinen und anderen Mediatoren zugrunde (1, 2).

Es ist davon auszugehen, dass anaphylaktische Reaktionen unter Chlorhexidin sehr selten sind. Die genaue Häufigkeit ist nicht bekannt,  jedoch sind eine Zunahme sowie ein „Underreporting” sehr wahrscheinlich (3). Swissmedic liegen 18 Meldungen innerhalb der letzten 8 Jahre über schwer­wiegende anaphylaktische Reaktionen durch chlorhexidinhaltige Arzneimittel vor; bei 9 Patienten bestand Lebensgefahr, ein Patient verstarb. Chlorhexidin wurde intraurethral (Katheterisierung), als Mundspüllösung oder topisch angewendet.

Darüber hinaus liegen Swissmedic 6 Meldungen von Vorfällen in den letzten 12 Jahren vor, bei denen zum Teil lebensgefährliche anaphylaktische Reaktionen nach Anwendung von Medizinprodukten auftraten, welche zuvor mit chlorhexidinhaltigen Desinfektionsmitteln gereinigt wurden.“

Quelle: http://www.swissmedic.ch/marktueberwachung/00091/00092/02421/index.html?lang=de

Mit Chlorhexidin verhält es sich so wie mit vielen anderen Arzneimitteln: Es mag in bestimmten, genau definierten Situationen sinnvoll sein, sollte aber nicht unbedacht und über längere Zeit angewendet werden, sofern es nicht nötig ist.

Problematisch scheint mir, dass viele Menschen Chlorhexidin langfristig anwenden und keine Ahnung davon haben, weil sie die Zusammensetzung der verwendeten Produkte nicht kennen (z. B. bei Mundspüllösungen), und dass Chlorhexidin auch in Präparaten auftaucht, in denen ein Nutzen meinem Eindruck nach fragwürdig ist (z. B. in Schnupfenspray und Halsweh-Lutschtabletten).

Und dann könnte man noch über pflanzliche Alternativen nachdenken.

Als Desinfektionsmittel im Mundraum ist Teebaumöl eine Option (Tebodont). Teebaumöl ist allerdings geschmacklich alles andere als ansprechend und kann ebenfalls Allergien bewirken.

Für mich selber sind Salbei und Tormentill (Blutwurz) in diesem Bereich aber überzeugender und auch sympathischer. Vor allem wenn es um Entzündungen im Mundraum geht, scheint mir die reine Desinfektionswirkung oft zu eingleisig und eine Ergänzung mit Gerbstoffen sinnvoll. Gerbstoffe wirken zusammenziehend, festigend und entzündungswidrig auf die Schleimhaut.

Salbei enthält antimikrobiell wirkendes Salbeiöl und entzündungswidrigen Lamiaceen-Gerbstoff. Tormentill entfaltet eine starke Gerbstoffwirkung.

Auch Salbei und Tormentill würde ich nicht unbedacht über längere Zeit anwenden und sie ersetzen Chlorhexidin nicht in allen Fällen. Solche Entscheidungen können nur individuell gefällt werden. Über Alternativen nachzudenken, scheint mir aber sinnvoll.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Mögliche Ursache des Reizdarmsyndroms entdeckt

Mittwoch, September 15th, 2010

Das Reizdarmsyndrom macht Betroffenen – immerhin rund zehn Prozent der Bevölkerung – das Leben schwer. Was viele Erkrankte zusätzlich belastet: Häufig werden sie als Psychosomatiker abgestempelt, denn körperliche Auslöser für einen Reizdarm waren bisher unbekannt. Nun haben Humanbiologen der Technischen Universität München (TUM) möglicherweise Licht ins Dunkel gebracht: Sie haben Mini-Entzündungen in der Darmschleimhaut entdeckt, die das empfindliche Gleichgewicht im Darm durcheinanderbringen und mit einer Sensibilisierung des Darmnervensystems einhergehen.

Blähungen, Verstopfung oder Durchfall, Übelkeit oder Bauchkrämpfe – beim sogenannten „Reizdarmsyndrom“ kann die Verdauung zum Alptraum werden. Manchmal kommen zum ständigen Toilettengang noch Schlafstörungen sowie Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen. Allein in Deutschland leiden etwa 7 Millionen Menschen an einem Reizdarmsyndrom – und daran, dass man ihre Erkrankung häufig für psychosomatisch hält. Denn bislang ist der organische Auslöser des Reizdarmsyndroms unentdeckt, entsprechend enttäuschend sind die Behandlungsansätze für Patienten wie Ärzte. Das könnte sich möglicherweise demnächst ändern: Denn Biologen der TU München konnten jetzt erstmals unsichtbare, körperliche Ursachen der tückischen Darmkrankheit belegen.

Dem Wissenschaflerteam vom TUM-Lehrstuhl für Humanbiologie ist unter der Leitung von Prof. Michael Schemann jetzt der Nachweis gelungen, dass offenbar Mikroentzündungen in der Schleimhaut eine Sensibilisierung des Darmnervensystems verursachen und damit Auslöser für das Reizdarmsyndrom sind. Mit ultraschnellen optischen Messverfahren konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Botenstoffe von Mastzellen und enterochromaffinen Zellen die Nervenzellen im Darm direkt aktivieren. Diese Überempfindlichkeit des Darmnervensystems bringt die Kommunikation zwischen Darmschleimhaut und -nervensystem durcheinander, erklärt Projektleiter Prof. Schemann: „Die irritierte Darmschleimhaut setzt nun vermehrt neuroaktive Körpersubstanzen wie Serotonin, Histamin und Proteasen frei. Dieser körpereigene Cocktail könnte also die eigentliche Ursache der unangenehmen Reizdarm-Beschwerden sein.“

Die TUM-Humanbiologen verfolgen die heiße Spur nun weiter. Sie untersuchen momentan, inwieweit die Nervensensibilisierung mit der Schwere der Krankheitssymptome korreliert. In Kooperation mit Kollegen aus Amsterdam konnten sie bereits die klinische Relevanz ihrer Resultate untermauern: Reizdarmsymptome verbesserten sich nach Therapie mit einem Antihistaminikum, dessen immunstabilisierende Wirkung von der Therapie allergischer Reaktionen wie bsw. Heuschnupfen bekannt ist. Die Forscher untersuchen nun im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt, ob die Symptomverbesserung mit einer Normalisierung der Nervenaktivität einhergeht.

Mittelfristig ermöglicht die nun gelungene Identifizierung der aktiven Komponenten die Entwicklung wirksamer Arzneimittel gegen das Reizdarmsyndrom. Die TUM-Wissenschaftler haben jedoch schon jetzt zahlreichen Reizdarm-Patienten Erleichterung verschafft: Denn sie konnten nachweisen, dass das chronische Leiden körperliche Auslöser hat und nicht etwa „eingebildet“ ist.

Als federführende Autorin der Veröffentlichung in „Gastroenterology“ erhielt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Sabine Bühner den mit 5.000 Euro dotierten Norgine Gastro Award, der für herausragende Forschungs- und Erkenntnisleistung im Bereich der Gastroenterologie verliehen wurde. Finanziell Gefördert wird das Projekt „Pathophysiologie des Reizdarmsyndroms: Wirkung von Schleimhautbiopsie-Überständen von Reizdarmpatienten auf das enterische Nervensystem.“ durch Mittel der DFG.

Originalveröffentlichungen:

Buhner S, Li Q, Vignali S, Barbara G, De Giorgio R, Stanghellini V, Cremon C, Zeller F, Langer R, Daniel H, Michel K, Schemann M.: Activation of human enteric neurons by supernatants of colonic biopsy specimens from patients with irritable bowel syndrome. Gastroenterology. 2009 Oct;137(4):1425-34. (doi:10.1053/j.gastro.2009.07.005)

http://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085(09)01152-4/abstract

Klooker TK, Braak B, Koopman KE, Welting O, Wouters MM, van der Heide S, Schemann M, Bischoff SC, van den Wijngaard RM, Boeckxstaens GE.: The mast cell stabiliser ketotifen decreases visceral hypersensitivity and improves intestinal symptoms in patients with irritable bowel syndrome. Gut. Online vorab veröffentlicht unter http://gut.bmj.com/content/early/2010/07/21/gut.2010.213108.abstract

(doi:10.1136/gut.2010.213108)

Quelle:

Technische Universität München

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=31042

Kommentar & Ergänzung:

Tatsächlich eine gute Nachricht für Reizdarm-Betroffene, deren unerklärliche Beschwerden oft in die „Psychoecke“ gestellt werden, womit aber natürlich nicht gesagt sein soll,  dass psychosomatische  Störungen weniger ernst genommen werden sollten.

Eine vorschnelle Psychologisierung von Beschwerden, wie sie heute nicht selten praktiziert wird, tut den Betroffenen aber oft einfach unrecht.

Denkt man aus der Phytotherapie heraus über die Ergebnisse nach, dann legt die Beteiligung von Entzündungsprozessen natürlich die Anwendung von entzündungswidrigen Pflanzen wie Pestwurz oder Weihrauch nahe. Beide dürften den Forschungen gemäss vor allem als Leukotrien-Hemmer wirken, wobei beim gegenwärtigen Stand noch völlig ungeklärt ist, ob dies Sinn macht beim Reizdarm-Syndrom. Wir sind damit also noch voll im Reich der Spekulation.

Geklärt und mit Studien belegt ist beim Reizdarmsydrom der Nutzen von Pfefferminzöl in Form von dünndarmlöslichen Kapseln und von Flohsamen.

Zur Phytotherapie beim Reizdarmsyndrom siehe auch:

Reizdarmsyndrom: Flohsamen und Pfefferminzöl top – Kleie Flop

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Phytotherapie: Mutterkraut gegen Migräne

Freitag, Januar 29th, 2010

Mutterkraut, Feverfew, Falsche Kamille: Die volkstümlichen Bezeichnungen lassen schon das Aussehen und die verschiedenen Anwendungsbereiche des Mutterkrauts erahnen. In der Tat wird Tanacetum parthenium L. (= Chrysanthemum parthenium) von Laien wegen der Ähnlichkeit der Blüten und des campherartigen Geruchs oft mit der Echten Kamille (Matricaria recutita) verwechselt.
Tanacetum parthenium L. zählt zur Familie der Asteraceae (Korbblütler), stammt ursprünglich aus Südosteuropa und ist in ganz Europa, Australien und Nordamerika verbreitet. Die wichtigsten Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl mit L-Campher als Hauptbestandteil und Sesquiterpenlactone wie Parthenolid. Für Heilzwecke genutzt werden die getrockneten, ganzen oder geschnittenen oberirdischen Pflanzenteile. Die Europäische Pharmakopöe schreibt einen Mindestgehalt von 0.2% Parthenolid bezogen auf die getrocknete Heilpflanze vor.
Mutterkrautextrakte wirken unter anderem entzündnungswidrig und antibakteriell. Parthenolid und Mutterkraut-Extrakte reduzieren die Thrombozytenaggregation, die Prostaglandinsynthese, die Histaminfreisetzung aus Mastzellen und die Kontraktiliät der glatten Gefässmuskulatur.
Hauptanwendungsbereiche sind Migräne, Arthritis und rheumatische Erkrankungen. Seit dem Altertum wird Mutterkraut auch bei Frauenleiden eingesetzt (unter anderem gegen Menstruationsbeschwerden).
Im Brennpunkt des Interesses steht gegenwärtig die Verwendung zur Migräneprophylaxe. Diese Wirkung wird dem Parthenolid zugeschrieben, wobei der Wirkmechanismus noch nicht vollständig bekannt ist. Die Indikation Migräneprophylaxe ist in der ESCOP-Monografie aufgeführt (European Scientific Cooperative On Phytotherapy). In der Schweiz ist ein entsprechendes Präparat erhältlich.
Parthenolid und die anderen Sesquiterpenlactone sind allerdings potente Allergene. Hautkontakt mit Mutterkraut löst nicht selten eine Kontaktdermatitis aus. Personen mit einer Kontaktallergie gegen Asteraceae (Korbblütler) ist von der Anwendung von Mutterkraut abzuraten. Schwangerschaft und Stillzeit sind ebenfalls Kontraindikationen für Mutterkraut.
Literatur:
_PTA-Forum 12/2009/p34
_M. Wichtl; Teedrogen und Phytopharmaka; 5. Auflage 2009; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart; p650
_D. Frohne; Heilpflanzenlexikon; 8. Auflage 2006; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart; p483
_Jänicke et al.; Handbuch Phytotherapie; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart; p375

Quelle:

http://www.pharmavista.net

Kommentar & Ergänzung:

Mutterkraut wurde schon von Dioskurides im 1. Jahrhundert als Heilpflanze beschrieben. Im Mittelalter wurde es gegen Fieber und Kopfschmerzen verwendet. Der Name kommt von seiner früheren Verwendung bei Erkrankungen der Mutter (Gebärmutter). Mutterkraut soll Schwangerschaftsbeschwerden lindern, die Menstruation auslösen und die Ablösung der Plazenta bewirken.
Diese gynäkologischen Indikationen sind aber nicht belegt, während es für die Anwendung zur Migräneprophylaxe einige wissenschaftliche Studien gibt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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