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Nutzen von Antioxidanzien erneut in Frage gestellt: Oft unnötig, manchmal schädlich

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Freie Radikale und der von ihnen ausgelöste oxidative Stress gelten als schädlich. Sie werden mitverantwortlich gemacht für das Altern und sollen an der Entstehung verschiedener Krankheiten beteiligt sein (z. B. Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, rheumatoide Arthritis). Antioxidanzien, die freie Radikale inaktivieren, gelten daher als gesund. Sie werden daher in einer Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln als „Anti-Aging“-Präparate und zur Krankheitsprävention (z. B. vor Krebs) angeboten.

Diese von Laien und Fachleuten sehr populäre Ansicht wird seit geraumer Zeit von Wissenschaftlern in Frage gestellt.

So auch vom Team um Professor Dr. Pietro Ghezzi an der Brighton & Sussex Medical School in Großbritannien, das die vorhandene Evidenz zur vorbeugenden oder therapeutischen Anwendung von Antioxidanzien im «British Journal of Pharmacology» zusammengetragen hat. Darin kommen die Forscher zum Schluss, dass Antioxidanzien nur in Fällen eines nachgewiesenen Mangels zum Einsatz kommen sollten. Andernfalls hätten sie keine positiven Effekte und könnten sogar schaden.

Bisher habe noch kein Antioxidans in randomisierten klinischen Studien so erfolgreich abgeschnitten, dass es für eine entsprechende Zulassung gereicht hätte.

Antioxidanzien könnten im Gegenteil sogar Schaden anrichten, wenn sie nämlich freie Radikale abfangen, die an Reaktionen des Immunsystems und der Synthese von Hormonen beteiligt seien. Hier eine passende Dosis zu finden, die einen schädlichen Überschuss der Moleküle abfängt, die physiologisch notwendige Menge jedoch übrig lässt, sei vermutlich extrem schwierig.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64406

DOI: 10.1111/bph.13544

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bph.13544/abstract;jsessionid=DAF575435A75A3CECC58897795628DC2.f04t04?systemMessage=Wiley+Online+Library+will+be+unavailable+on+Saturday+30th+July+2016+from+08%3A00-11%3A00+BST+%2F+03%3A00-06%3A00+EST+%2F+15%3A00-18%3A00+SGT+for+essential+maintenance.Apologies+for+the+inconvenience.

 

Kommentar & Ergänzung:

Der menschliche Organismus enthält schon endogen („von Haus aus“) eine ganze Reihe von antioxidativ wirksamen Stoffen, zum Beispiel Proteine wie Transferrin, Albumin, Coeruloplasmin, Hämopexin und Haptoglobin, sowie Enzyme wie Superoxiddismutase (SOD), Glutathionperoxidase (GPX) und Katalase. Für die antioxidative Aktivität dieser Enzyme sind Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink wichtig.

Wichtig sind aber auch exogene Antioxidanzien, die von aussen zugeführt werden.

Dazu gehören Stoffe wie Ascorbinsäure (Vitamin C), Tocopherol (Vitamin E) und Betacarotin (Provitamin A), die vom Organismus benötigt werden, aber nicht bedarfsdeckend selber produziert werden können und daher von aussen zugeführt werden müssen.

Darüber hinaus gibt es in in pflanzlichen Nahrungsmitteln eine ganze Reihe von Antioxidanzien, die zur Inaktivierung von freien Radikalen beitragen können, aber nicht zwingend von aussen zugeführt werden müssen, weil sie in dieser Funktion durch andere Antioxidanzien ersetzbar sind. Dabei handelt es sich um sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe wie Carotinoide (z. B. Lycopin, Lutein) und Polyphenole (Flavonoide, Anthocyane, Resveratrol, EGCG aus Grüntee), die in vielen Gemüsen, in Beeren und Obst sowie in Kräutern vorkommen.

Dass diese sekundären Pflanzeninhaltsstoffe als Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung nützlich sind, steht ausser Frage.

Zunehmen kritisch gesehen wird nur die Zufuhr solcher Substanzen über Nahrungsergänzungsmittel – also in isolierter Form und in grösseren Mengen.

Dieses fragwürdige Geschäft boomt. Hersteller wie Burgerstein und Verkäufer – Internetshops, Apotheken, Drogerien – profitieren hier von überzogenen Hoffnungen und von Konsumentinnen und Konsumenten, die mit solchen Produkten ein schlechtes Gewissen beruhigen möchten, das ihnen nicht selten zuvor eingeredet wurde.

Siehe auch:

Antioxidanzien können Ausbreitung von Krebs beschleunigen

Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Nicht übertreiben mit Antioxidanzien

Schwächen Antioxidantien die Muskelfunktion?

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Oxidativer Stress – weniger schädlich als gedacht?

Naturheilkunde – Früchte essen statt Burgerstein schlucken

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Antioxidanzien könnten Ausbreitung von Krebs beschleunigen

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Antioxidanzien sind Stoffe, die im Körper schädliche freie Radikale abfangen. Sie gelten deshalb als gesund und sollen unter anderem vor Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen schützen.

Inzwischen mehren sich allerdings die Hinweise, dass die schöne Schwarz-Weiss-Einteilung in die bösen freien Radikale einerseits und die guten Antioxidanzien anderseits zu einfach ist.

In diese Richtung deutet auch eine Untersuchung der Universität Göteborg. Sie kommt zum Schluss, dass Tumore bei Mäusen durch Einwirkung von Radikalfängern schneller Metastasen bilden. Die Wissenschaftler warnen nun vor der zusätzlichen Einnahme von Antioxidanzien.

Die schwedische Forschergruppe fand bei Untersuchungen an Mäusen Hinweise darauf, dass Hautkrebs unter der Einwirkung von Antioxidanzien schneller Tochtergeschwulste entwickeln.

Das Team um Martin Bergö von der Universität Göteborg schreibt, dass gentechnisch veränderte Mäuse, die spontan derartige Tumoren entwickeln, bei der Gabe des Antioxidans N-Acetylcystein doppelt so häufig Metastasen in den Lymphknoten bilden. Weitere Versuche mit menschlichen Krebszellen in Zellkultur bestätigten diese Resultate für dieses und ein weiteres Antioxidans. Die Resultate müssen allerdings noch am Menschen bestätigt werden, um weiter reichende Schlüsse zu ziehen, schränkt Bergö ein.

Diese neuen Resultate decken sich mit früheren Erkenntnissen des Wissenschaftlerteams und geben Hinweise darauf, weshalb Antioxidanzien in Studien manchmal sogar Krebs zu fördern scheinen.

Zuvor schon hatten die Wissenschaftler Indizien gefunden , dass Antioxidanzien Lungentumore rascher wachsen lassen.

Obwohl die meisten dieser Erkenntnisse noch vorläufig sind, mahnen die Forscher zur Zurückhaltung bei Antioxidanzien – insbesondere Krebspatienten sollten Vorsicht walten lassen.

Quellen:

http://www.spektrum.de/news/antioxidanzien-treiben-wohl-ausbreitung-von-krebs-voran/1370229?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=news&utm_campaign=ZON_KOOP

http://stm.sciencemag.org/content/6/221/221ra15.full

http://stm.sciencemag.org/content/7/308/308re8.full

 

Kommentar & Ergänzung:

Antioxidanzien sind ein umsatzstarkes Geschäft für Hersteller und Verkäufer. Ausser zur Vorbeugung gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen werden Antioxidanzien auch generell als Anti-Aging-Mittel propagiert. Die Werbung übertreibt wie üblich den Nutzen und spielt die Risiken und Ungewissheiten herunter.

Bekannte Beispiele aus der Gruppe der Antioxidanzien:

Vitamin C, Vitamin E;

Polyphenolische Antioxidanzien wie Resveratrol, EGCG aus Grüntee, Flavonoide wie bspw. Anthocyane;

Carotinoide (Lycopin, Betacarotin, Lutein);

Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink fördern die Aktivität antioxidativer Enzyme.

Als Bestandteile einer vielfältigen Ernährung sind diese Substanzen nützlich und zum Teil sogar unentbehrlich. Aber es ist nicht belegt, dass die Einnahme solcher Substanzen in Nahrungsergänzungsmitteln für die Gesundheit nützlich ist. Anstatt grössere Mengen einzelner Antioxydanzien isoliert einzunehmen ist es höchstwahrscheinlich sinnvoller, eine breite Palette dieser Substanzen als Bestandteil der normalen Ernährung zuzuführen.

Die Zufuhr von Antioxidanzien über spezielle Nahrungsergänzungsmittel wie zum Beispiel von „Burgerstein“ dient meiner Ansicht nach vor allem zur Beruhigung eines schlechten Gewissens, das uns vorher eingeredet wurde. Wer lebt dann schon so gesund, wie es uns all die Ratschläger dringlichst nahelegen?  – Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Antioxidanzien erscheinen da als leicht erreichbarer Weg, um „Ernährungssünden“ aller Art auszugleichen.

Hier ein paar weitere Beiträge, um das allzu schöne Schwarz-Weiss-Bild der guten Antioxydanzien und der bösen freien Radikale differenzierter zu machen:

Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Nicht übertreiben mit Antioxidanzien

Selen kann Prostatakrebsrisiko steigern

 

 

Krebsvorbeugung durch Vitamin E – auf die Form kommt es möglicherweise an

Oxidativer Stress – weniger schädlich als gedacht

 

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidanzien

Schwächen Antioxidanzien die Muskelfunktion?

 

Naturheilkunde: Früchte essen statt „Burgerstein“ schlucken

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Nicht übertreiben mit Antioxidantien!

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Antioxidantien werden immer noch ziemlich pauschal als gesund propagiert, weil sie freie Radikale abfangen. Glaubt man der Propaganda, sollen sie vor Krebs, Herzerkrankungen und vielem mehr schützen und uns zudem als Anti-Aging-Mittel vor dem Älterwerden bewahren.

Seit einigen Jahren mehren sich allerdings die Hinweise darauf, dass die Situation nicht so einfach in ein Schwarz-weiss-Schema eingeordnet werden kann: Hier die guten Antioxidantien und dort die bösen freien Radikale.

Auf diesen Punkt kommt auch der Arzneipflanzenforscher Prof. Dr. Kurt Hostettmann (Universität Genf) in einem Interview zu sprechen:

„Noch etwas anderes: man spricht so viel von Antioxidantien und dass man sie in grossen Mengen einnehmen muss, um Krebs zu verhindern oder die Alterung zu stoppen. Jedoch gibt es aktuelle Arbeiten, die darauf hinweisen könnten, dass eine übermässige Einnahme von Antioxidantien, einen pro-oxidierenden Effekt haben könnten und dadurch die Alterung und die Entwicklung von Krebs fördern könnten. Im amerikanischen Magazin „ New Scientist“ vom 19.März 2013, hat James Watson, der den Nobelpreis der Medizin für die Entdeckung der DNA-Struktur erhalten hat, folgende Frage gestellt: Fördern Antioxidantien Krebs? Darüber sollte man nachdenken…!“

Quelle:

http://de.pharmapro.ch/N21580/interview-mit-prof-dr-kurt-hostettmann.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Prof. Hostettmann spricht hier einen wichtigen Punkt an und die Aussage von James Watson im „New Scientist“ hat schon für einigen Gesprächsstoff gesorgt.

Bekannte und oft propagierte Antioxidantien sind beispielsweise:

– Vitamin C, Vitamin E;

– Polyphenole, zum Beispiel Flavonoide wie Anthocyane (blaue Farbstoffe aus Heidelbeeren, Schwarzen Johannisbeere, Brombeeren etc.), Epigallocatechingallat (EGCG) aus Grüntee, Resveratrol aus Rotwein;

– Carotinoide wie Lycopin (aus Tomaten), Betacarotin (aus Karotten, Aprikosen u. a.), Lutein (in dunklen Blatttgemüsen wie Grünkohl, Spinat).

Dass solche Antioxidantien im Rahmen einer vielfältigen, abwechslungsreichen Ernährung wohl gesund sind, ist eine plausible Annahme. Bei den Vitaminen brauchen wir eine gewisse Zufuhr von aussen, weil wir sie nicht selber herstellen können. Bei den Antioxidantien ohne Vitamincharakter ist nicht der einzelne Stoff notwendig. Sie können sich wohl in ihrer antioxidativen Funktion weitgehend ersetzen.

Heikler wird die Sache, wenn Antioxidantien isoliert in höheren Dosierungen als Nahrungsergänzungsmittel konsumiert werden.

In den letzten Jahren haben sich die Hinweise zunehmend verdichtet, dass in solchen Fällen nicht nur der Nutzen der Antioxidantien in Frage steht, sondern möglichweise gar mit negativen Konsequenzen für die Gesundheit zu rechnen ist.

Siehe dazu beispielsweise:

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Schwächen Antioxidantien die Muskelfunktion

Selen kann Prostatakrebsrisiko steigern 

Oxidativer Stress weniger schädlich als gedacht 

Antioxidantien fördern möglicherweise Diabetes 

Mit Nahrungsergänzungsmitteln höheres Sterberisiko

 

Es kann ja nun nicht darum gehen, nun im Umkehrschluss die Antioxidantien als Bösewichte hinzustellen.

Aber es ist doch wohl sinnvoll, immer wieder einmal festzuhalten:

Nahrungsergänzungsmittel mit Antioxidantien sind vermutlich in den meisten Fällen einfach zum Fenster hinausgeschmissenes Geld. Man könnte sich etwas Sinnvolleres damit gönnen. Und möglicherweise sind diese Produkte in manchen Bereichen sogar eher schädlich, vor allem wenn man gleich mehrere Präparate kombiniert, was nicht selten vorkommt.

Meine Empfehlung daher: Cool bleiben, wenn die Werbung uns mal wieder einreden will, dass wir nur gesund und jung bleiben können, wenn wir die Präparate X, Y und Z täglich einnehmen.

Und wer unumstösslich überzeugt davon ist, dass er oder sie solche Nahrungsergänzungsmittel braucht, kann zu mindestens die Dosierung halbieren: Schont den Geldbeutel, minimiert das Risiko.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Selen kann Prostatakrebsrisiko steigern

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Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen, Mineralsalzen und Spurenelementen sind ein riesiger Markt, der mit weitreichenden Versprechungen zum Nutzen solcher Produkte für unsere Gesundheit am laufen gehalten wird. Seit einiger Zeit werden diese ausufernden Versprechungen allerdings zunehmend durch Studien zurechtgestutzt, die den Nutzen solcher Präparate in Frage stellen oder sogar ein Risiko postulieren. Eine aktuell erschienene Studie zu Selen unterstützt mit ihren Resultaten die kritische Einschätzung.

Nicht nur hochdosiertes Vitamin E aus Nahrungsergänzungsmitteln soll bei bei Männern das Prostatakrebsrisiko steigern – was schon lägner bekannt ist.

Eine neue Auswertung der SELECT-Studie im
Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2014; doi: 10.1093/jnci/djt456) zeigt nun auch, dass die Einnahme von Selen schädlich ist, wenn kein Mangel besteht.

Mit über 35.000 Teilnehmenden zählte der „Selenium and Vitamin E Cancer Preven­tion Trial“ zu den ambitionierten Präventionsstudien des US-National Cancer Institute. Die Studie wurde 2008 vorzeitig abgebrochen, als eine Zwischenauswertung zum Schluss kam, dass die Einnahme von Vitamin E und Selen oder die Kombination der beiden Antioxidanzien das Krebsrisiko von Männern nicht reduziert.

Im Jahr 2011 zeigte sich dann, dass die Männer, die Vitamin E eingenommen hatten, zu 17 Prozent häufiger an Prostatakrebs erkrankten als die Probanden des Placebo-Arms. Für Selen wurde nur eine tendenzielle Steigerung des Krebsrisikos gefunden.

Alan Kristal vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle wertete die Daten nun erneut aus. Der Wissenschaftler berücksichtigte dabei die Selenkonzentration in Fußnagelproben, die am Anfang der Studie entnommen worden waren. Sein Resultat: Im allgemeinen beeinflusste der Selenspiegel das Krebsrisiko nicht.

Allerdings erkrankten Männer, die trotz ausreichender Selen-Versorgung (gemessen an der Analyse der Fußnagelproben) Selen in hoher Dosis einnahmen, zu 91 Prozent häufiger an einem aggressiven high-grade Prostatakarzinom (Gleason 7–10), das heisst an einem Tumor, der frühzeitig die Organgrenzen überschreitet und durch Metastasen zum Tod führen kann. Kristal zieht daraus den Schluss, dass Selen für Männer, die ausreichend mit dem Mineral versorgt sind, eine toxische Wirkung ausüben kann.

Eine weitere Analyse bestätigte, dass Vitamin E das Risiko auf Prostatakrebs steigert. Diese schädliche Wirkung konnte der neuen Auswertung zufolge aber nur bei Männern festgestellt werden, die tiefe Selenwerte hatten. Sie erkrankten zu 63 Prozent häufiger an einem Prostatakrebsrisiko als die Probanden, die Placebos eingenommen hatten. Das Risiko auf einen High-Grade-Tumor war sogar um 111 Prozent grösser. Bei Teilnehmenden mit hohen Selenwerten am Anfang der Studie steigerte Vitamin E das Krebsrisiko nicht.

Kristal äussert die Vermutung, dass Selen eine gewisse Schutzwirkung gegen den schädlichen Effekt von Vitamin E hat. Dies würde auch ein paradoxes Resultat der Auswertung von 2008 erklären. Das erhöhte Krebsrisiko war damals nur bei Teilnehmenden festgestellt worden, die Vitamin E ohne Selen eingenommen hatten. Im Studienarm mit kombinierter Vitamin E plus Selen-Einnahme zeigten sich keine zusätzlichen Tumore.

Die Resultate der Studie unterstreichen nach Ansicht von Kristal ein weiteres Mal, dass hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel problematisch für die Gesundheit sind. Ihre Wirkung sei nicht vorhersehbar, komplex und häufig schädlich, kommentiert der Krebsforscher seine Warnung. Er rät Menschen, die keinen Mangel an Vitaminen oder Spurenelementen haben, auf die Einnahme solcher Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/57737/Selen-kann-Prostatakrebsrisiko-erhoehen

http://jnci.oxfordjournals.org/content/early/2014/02/21/jnci.djt456.abstract

Kommentar & Ergänzung:

Uns werden von einer sehr werbeaktiven Nahrungsergänzungsmittelindustrie auf breiter Front unzählige Mängel eingeredet, die sich dann – oh Wunder – mit den Produkten eben dieser Firmen glücklicherweise beheben lassen. Die allermeisten dieser Präparate sind schlicht und einfach zum Fenster hinaus geworfenes Geld.

Bedeutend heikler wird die Sache allerdings, wenn sich gar als gesundheitsgefährdend herausstellt, was als so ungemein gesund propagiert wurde.

Jahrelang war die Rollenverteilung im Kampf um unsere Gesundheit klar:

Die Guten, das sind die Antioxidantien, die Radikalfänger.

Die Bösen, das sind die „freien Radikale“. Sie sollen unter anderem Krebs verursachen.

Wirft man genügend gute Antioxidantien ein, bleibt man gesund.

Auch Selen gehört zu den Radikalfängern.

Zu den bekannteren Antioxidantien aus natürlichen Quellen gehören ausserdem:

– Gewisse Polyphenole aus Schwarztee, Grüntee (EGCG), Kakao, Kaffee, Rotwein (Resveratrol) u. a.. Phytotherpeutisch relevant sind aus dieser Gruppe vor allem Flavonoide wie z. B. Silymarin oder Anthocyane.

– Gewisse Vitamine (Vitamin E, Vitamin C).

– Carotinoide (Lycopin, Betacarotin, Lutein)

Das über lange Jahre aufgebaute Schwarz-Weiss-Bild kommt nun immer stärker ins Wanken.

Es wird immer wahrscheinlicher, dass freie Radikale nicht nur schädlich sind, sondern in bestimmten Funktionen für den Organismus auch wichtige Aufgaben erfüllen.

Und es wird immer deutlicher, dass Antioxidantien vor allem in grösseren Mengen auch schädliche Effekte auslösen können.

Das entspricht ziemlich genau der Einschätzung von Alan Kristal, dass diese Nahrungsergänzungsmittel in ihrer Wirkung nicht vorhersehbar, komplex und manchmal vielleicht gar schädlich sind.

Erstaunlich ist dabei nur, dass der Markt mit diesen Präparaten über viele Jahre derart gut laufen kann, obwohl noch nicht einmal die wichtigsten Fragen zu Wirksamkeit und Sicherheit geklärt sind.

Siehe auch:

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Selen: Kein Schutz vor Lungenkrebs

Spurenelement Selen – kein Schutz vor Herzkreislauferkrankungen

Oxidativer Stress weniger schädlich als gedacht?

Schwächen Antioxidantien die Muskelfunktion?

Antioxidantien fördern möglicherweise Diabetes

Naturheilkunde: Früchte essen statt Burgerstein schlucken

Cochrane-Review: Kein Schutz vor Krebs durch Selen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen gegen Prostatabeschwerden

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Zu Beginn eines Benignen Prostatasyndroms (BPS) genügen häufig Maßnahmen wie Blasentraining oder Abnehmen. Heilpflanzen-Präparate können unterstützend wirken.

Typisch für das Benigne Prostatasyndrom (BPS) ist eine Trias aus Prostatavergrößerung, Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS) und Blasenauslass-Obstruktion. Zwischen ihnen bestehe kein fester Zusammenhang, erklärte Professor Klaus Höfner beim Uro Update in Düsseldorf.

So könne bei einem Patienten eine Veränderung allein auftreten, bei anderen zwei oder auch alle drei, wobei die Symptome von milde bis stark reichen.

Über die einzuleitenden Maßnahmen entscheiden Arzt und Patient gemeinsam, empfehlen Fachgesellschaften Deutscher Urologen in ihren Leitlinien zum BPS und stellen dafür einen Algorithmus bereit (Der Urologe A. 2009; 48: 1503). Als Hauptkriterien für die Behandlung haben sich herauskristallisiert: Wie stark ist die Blasenauslass-Obstruktion? Schreitet die Krankheit fort, und wie gross ist das Risiko von Komplikationen?

Für die Indikation zu einer Behandlung sei die individuelle Progression einzuschätzen, empfahl der Urologe aus Oberhausen. Im ersten Stadium sind Medikamente häufig nicht unbedingt nötig („Watchful Waiting“). Dabei ist es gut zu wissen, dass sich die Prognose der Prostata-Obstruktion sich durch dieses kontrollierte Zuwarten nicht verschlechert.

Es eignet sich für Patienten mit leichten Beschwerden, kaum eingeschränkter Lebensqualität, kleiner Prostata, niedrigem PSA, wenig Restharn und gutem Harnfluss. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind Bestandteil dieses Konzepts, genauso wie Änderungen des Lebensstils: Regulieren der Flüssigkeitszufuhr, wenig Alkohol und Kaffee, Blasentraining und für Übergewichtige Abnehmen, weil das die Beschwerden verringert.

Eine Option bei milden BPS-Symptomen sind pflanzliche Präparate (Phytopharmaka), in Deutschland hauptsächlich Extrakte aus Sägezahnpalmenfrüchten (Serenoa repens, Sabal serrulata), Brennnesselwurzeln (Urtica dioica), Kürbissamen (Cucurbita pepo), Roggenpollen (Secale cereale) sowie Phytosterole aus der afrikanischen Wurzel Hypoxis rooperi, aus Kiefer und Fichte (Pinus und Picea).

Für einige Phytotherapeutika (Harzol®, Azuprostat®, ProstaFink®, Permixon® und Prostagutt®) ergeben sich aus randomisierten Studien Hinweise auf Wirksamkeit.

Eine Übersicht der Cochrane Collaboration zu β-Sitosterol-haltigen Präparaten haltigen Präparaten zeigt: Sie werden gut vertragen, die Beschwerden bessern sich, der Harnstrahl wird kräftiger.

Seit 2004 müssen Patienten diese Phytotherapeutika in Deutschland selbst bezahlen. Die Konsultation in der Praxis ist jedoch über EBM abzurechnen.

Die Präparate bestehen aus einer Arzneipflanze oder aus mehreren. Die Hersteller verwenden unterschiedliche Extraktionsverfahren, so dass die Heilpflanzen-Präparate in ihrer Zusammensetzung variieren, selbst wenn sie aus derselben Pflanze stammen, erklärte Höfner. Resultate aus Grundlagenforschung und klinischen Studien zu Wirkung, Bioverfügbarkeit und Pharmakodynamik sind nicht von einem Präparat auf ein anderes übertragbar, auch wenn beide aus der gleichen Heilpflanze produziert werden.

Zudem sei noch nicht erforscht, ob die Heilpflanzen-Präparate langfristig wirken, ob sie das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen und Harnverhalt oder Operation vorbeugen. Dennoch erscheine der Ansatz interessant und solle weiter beobachtet werden, sagte Höfner.

Er stellte eine neue Studie zu einer Serenoa-repens-Zubereitung vor: Im Tiermodell hemmte sie, additiv verstärkt durch Selen und das in Tomaten vorkommende Lycopin, die Entzündung und Hyperplasie, die mit der Obstruktion einhergehen (Urology 2011; 77: 248).

Ein Naturprodukt, das bereits bei Harnwegsinfekten getestet wurde, schlagen Wissenschaftler jetzt für die BPS-Behandlung vor: ein Pulver aus Cranberries. Teilnehmer einer Studie waren 42 Männer mit LUTS, erhöhtem PSA und chronischer, nicht-bakterieller Prostatitis. 21 nahmen sechs Monate täglich 1500 mg des Pulvers.

Danach hatten sich die Werte auf dem Internationalen Prostata Symptomen-Score IPSS, Lebensqualität, Uroflow und Restharn signifikant stärker gebessert als bei den 21 nicht-behandelten Prostata-Patienten (Br J Nutr 2010; 104: 1181).

Quellen:

http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?fromPage=online&aid=7912891&fulltextType=RA&fileId=S0007114510002059

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/656555/pflanzen-prostatabeschwerden.html

Kommentar & Ergänzung:

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in der Schweiz einige Phytopharmaka zur Linderung der Beschwerden bei Gutartiger Prostatavergrösserung (Benigne Prostatahyperplasie) die von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie verschreibt.

Wichtig ist bei allen Heilpflanzen-Präparaten in diesem Bereich, dass sie langfristig eingenommen werden sollten, idealerweise mindestens über sechs Monate.

Die erwähnte Anwendung von Cranberries bei Prostatabeschwerden (nicht-bakterielle Prostatitis) ist eine ziemlich neue Idee. Die beschriebene Studien ist zwar interessant, ihre Aussagekraft allerdings nur schon wegen der kleinen Zahl der Teilnehmer sehr begrenzt.

Ansonsten erwähnt der Bericht die wichtigsten Prostatapflanzen: Sabalfrüchte, Kürbissamen, Brennnesselwurzel, Roggenpollen.

Erstaunen mag, dass der in der traditionellen Pflanzenheilkunde  häufig angewendete Weidenröschentee nicht erwähnt wird. Das hat damit zu tun, dass zur Wirkung des „Kleinblütigen Weidenröschens“ gegen Prostatabeschwerden im Gegensatz zu den aufgeführten Heilpflanzen keine fundierte Dokumentation vorliegt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Sabalfrüchte gegen Prostatabeschwerden

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Für Patienten mit milden Beschwerden eines benignen Prostatasyndroms sind Heilpflanze-Präparate eine Option. Für einige Phytotherapeutika gebe es aus randomisierten Studien Hinweise auf Wirksamkeit, darunter für Extrakte aus Sägezahnpalmenfrüchten (Serenoa repens, Sabal serrulata, Sägepalme), erklärte Professor Klaus Höfner beim Uro Update in Düsseldorf.

Dort stellte der Experte aus Oberhausen eine neue Studie zu einer Serenoa-repens-Zubereitung vor: Im Tiermodell hemmte das Präparat, additiv verstärkt durch Lycopin und Selen, die mit der Obstruktion einhergehende Entzündung und Hyperplasie (Urology 2011; 77: 248).

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/urologische-krankheiten/prostata/article/652374/saegezahnpalmenfruechte-prostatasymptome.html?sh=8&h=-202169220

Kommentar & Ergänzung:

Trockenextrakte aus den Sabalfrüchten werden zur Linderung von milderen gutartigen Prostatabeschwerden schon seit längerem erforscht.

Tatsächlich gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit aus randomisierten klinischen Studien. Der Text  übergeht an diesen Punkt allerdings, dass es auch Studien gibt, in denen Sabalfrüchte keine Wirkung zeigten. Insofern ist die Darstellung einseitig.

Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang:

Alle positiven Hinweise aus Patienten-Studien basieren auf Langzeitanwendungen über drei bis (eher) sechs Monate. Kurzzeitige Anwendung über wenige Wochen sind daher  nicht sehr erfolgsversprechend.

Bei der erwähnten Untersuchung am „Tiermodell“ bleibt  völlig offen, ob daraus auch Schlüsse auf eine Wirkung auch beim Menschen gezogen werden kann.

Ernstnehmen kann man hier eigentlich nur klinische Studien mit Prostata-Patienten.

Weitere Informationen zu Lycopin:

Lycopin im Tomatensaft reduziert Knochenschwund

Tomatenmark schützt vor Sonnenschäden

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Lycopin im Tomatensaft reduziert Knochenschwund

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Kanadische Wissenschaftler haben festgestellt, dass mit zwei Gläsern Tomatensaft pro Tag das Osteoporoserisiko vermindert werden kann. Die Ursache für diesen Effekt: Ein Inhaltsstoff des Tomatensaftes, das Lycopin, kann das Vorkommen freier Radikale reduzieren.

Oxidativer Stress durch freie Radikale verstärkt den Knochenabbau. In einer Studie, an der sich 60 Frauen in der Postmenopause beteiligten, stieg die antioxidative Kapazität um 9 Prozent, und die Marker für den Knochenabbau verminderten sich um 8 Prozent, wenn die Frauen Lycopin bekamen.

(Ostoporos Int 2010, Pub online)

Quellen:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/skelett_und_weichteilkrankheiten/osteoporose/article/631697/lycopin-tomatensaft-mindert-knochenschwund.html?sh=6&h=1511252959

http://www.springerlink.com/content/004120828267370w/fulltext.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Dass Tomatensaft gesund ist wird wohl kaum jemand in Frage stellen. Und Lycopin ist zweifellos ein interessanter Inhaltsstoff des Tomatensaftes.

Zwei Anmerkungen:

– Wenn tatsächlich die antioxidativen Eigenschaften von Lycopin für die Wirkung gegen Knochenschwund (Osteoporose) verantwortlich sind, dann ist festzuhalten, dass es neben Lycopin noch eine ganze Reihe anderer potenter Antioxidantien gibt.  Reich an Antioxidantien sind beispielsweise Äpfel, Paprika, Früchte mit blauen Farbstoffen (Anthocyane) wie Heidelbeeren, Holunderbeeren, schwarze Johannisbeeren (Cassis), Grüntee (EGCG)……

Es dürfte sinnvoller sein, eine breite Palette von verschiedenen Antioxidantien einzunehmen, statt ausschliesslich auf eine Substanz wie Lycopin zu setzen.

– Die Studie misst den Effekt der Tomatensaft-Einnahme anhand von zwei Laborwerten.

Das gemessene N-telopeptid gilt als guter Biomarker für den Knochenabbau. Allerdings ist die Veränderung solcher Messwerte bei postmenopausalen Frauen nach ein paar Wochen oder Monaten noch nicht gleichbedeutend mit einem real verminderten Osteoporoserisiko zwanzig oder dreissig Jahre später. Insofern ist die Aussage, dass Lycopin und Tomatensaft das Osteoporoserisiko vermindern, noch etwas gewagt.

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Tomatenmark schützt vor Sonnenschäden

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Tomaten enthalten in hohen Konzentrationen Lycopin, ein antioxidativ wirkendes Karotinoid, das vor Schäden durch UV-Licht schützt. Wie Wissenschaftler nun herausgefunden haben, bewahrt Tomatenmark jedoch auch menschliche Haut in gewissem Umfang vor UV-Schäden. Man braucht das Mark dafür allerdings nicht etwa äusserlich aufzutragen – es genügt der Verzehr.

„Unsere Studie zeigt, dass Lycopin-reiches Tomatenmark signifikant vor UV-Licht-induzierten Erythemen schützt“, erklären die Wissenschaftler um den Dermatologen Lesley Rhodes von der Universität Manchester. Auch die Indikatoren für lichtbedingte Hautschäden sprächen für den schützenden Effekt.

An den Versuchen hatten 20 gesunde Freiwillige teilgenommen. Sie bekamen über einen Zeitraum von drei Monaten täglich 55 g Tomatenmark (entsprechend 16 mg Lycopin) in Olivenöl auf Weißbrot serviert. Die Kontrollgruppe bekam nur Olivenöl auf’s Brot. Am Start und am Ende des Versuchszeitraums wurde die Haut am Gesäß mit einem standardisierten Bestrahlungsgerät UV-Licht ausgesetzt und der Erythemindex (Erythem = Röte, Entzündung) gemessen. Zudem entnahm man den Teilnehmenden Hautbiopsien.

Die Forscher stellten fest, dass die Tomatenmark-Esser zum einen höhere UV-Dosen vertrugen, bevor sie mit einer Hautrötung reagierten. Zum anderen fiel die Expression dermaler Matrix-Metalloproteinase-1 (MMP-1) bei ihnen schwächer aus. MMP-1 ist ein kollagenolytisches Enzym, das bei der Lichtalterung der Haut eine Rolle spielt.

Auch die UV-Licht-bedingte Reduktion von Fibrillin-1 war reduziert. Zudem wurde die mitochondriale DNA durch UV-Licht weniger geschädigt. „Lycopin, ein starkes Antioxidans, schützt vor UV-Licht-induzierten Schäden, indem es reaktive Sauerstoffspezies und oxidativen Stress bekämpft“, erläutern die Forscher. Zudem beeinflusse Lycopin möglicherweise die Zellkommunikation und aktiviere antioxidativ wirksame Gene.

Allerdings, so geben Rhodes und Kollegen zu, reiche dies alles noch nicht für eine klinisch relevante Vorbeugung gegen Sonnenbrand aus. Nahrungsvermittelte Lichtprotektion sei jedoch durchaus ein vielversprechendes Forschungsgebiet.

Die wissenschaftliche Bezeichnung der Tomate, „Solanum lycopersicum“, deutet schon darauf hin, dass Lycopin zu den Hauptinhaltsstoffen der Frucht gehört.

Reife Tomaten haben einen Lycopinanteil von knapp 4 bis gut 5 mg pro 100 g Frucht. Wesentlich mehr Lycopin enthalten Dosentomaten – etwa 10 mg pro 100 Gramm –, wel sie meist erst in reifem Zustand geerntet werden. Sehr hohe Lycopinkonzentrationen von bis zu 60 mg Lycopin pro 100 Gramm enthält konzentriertes Tomatenmark.

Quelle: SpringerMedizin.de,

basierend auf: Rhodes LE et al. Br J Dermatol 2010 (online first)

http://www.springermedizin.de/tomatenmark-schuetzt-vor-sonnenschaeden/299136.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Tomaten-Inhaltsstoff Lycopin zeigt interessante Eigenschaften. Hier eine gekürzte Zusammenfassung zu Lycopin aus Wikipedia:

„Lycopin, auch Lycopen oder Leukopin gehört zur Klasse der Carotinoide und wird in hohen Konzentrationen in Tomaten – von deren wissenschaftlichem Namen Solanum lycopersicum auch die Bezeichnung des Stoffes herrührt – und Hagebutten gefunden. Der Stoff besitzt aufgrund seiner Polyen-Struktur eine rote Farbe, welche auch den Tomaten ihre charakteristische Färbung verleiht. Es ist als Lebensmittelfarbstoff E 160d in der EU zugelassen. Lycopin zählt zu den Antioxidantien und gilt als Radikalfänger, d.h., es kann bestimmte reaktionsfreudige Moleküle im menschlichen Körper unschädlich machen.“

Zum Vorkommen und zur Gewinnung von Lycopin schreibt Wikipedia:

„Reife Tomaten haben einen Lycopinanteil von ca. 3,9–5,6 mg pro 100 g Frucht. Auch Wassermelonen können etwa diese Konzentration an Lycopin (bis zu 1000 ppm der Trockenmasse) enthalten. Wesentlich mehr Lycopin enthalten Dosentomaten mit ca. 10 mg pro 100 Gramm. Dosentomaten werden meist erst in reifem Zustand geerntet und weisen deshalb mehr Lycopin auf. Konzentriertes Tomatenmark enthält sehr hohe Lycopinkonzentrationen (ca. 62 mg Lycopin pro 100 Gramm).

Die Verfügbarkeit von Lycopin ist bei verarbeiteten und erhitzten Produkten (z. B. Tomatensaft) höher als bei rohen, da beim Erhitzen die pflanzlichen Zellstrukturen aufgebrochen werden und das Lycopin herausgelöst wird. Eine deutliche Resorptionssteigerung wird durch die Kombination mit Fett erreicht.

Großtechnisch wird Lycopin mit organischen Lösungsmitteln (Hexan, Dichlormethan, Methanol) aus Tomatenkonzentraten extrahiert.“

Und zur Verwendung von Lycopin:

„Lycopin wird als rote Lebensmittelfarbe als Carotinoid deklariert (siehe auch Carotine (E 160a–160f)) und zur Koloration von Lebensmitteln verwendet. Es wird vor allem zur Färbung von herzhaften Produkten, Suppen und Soßen eingesetzt.“

Zur biologischen Wirkung von Lycopin schreibt Wikipedia unter anderem:

„Es gab Hinweise, dass der Konsum von Lycopin zu einem reduzierten Risiko führt, an Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs (vor allem Prostatakrebs), Diabetes mellitus, Osteoporose und Unfruchtbarkeit zu leiden. Eine neuere, große Studie mit ca. 28.000 Probanden lässt jedoch vermuten, dass kein Zusammenhang zwischen Lycopin und Krebsrisiko besteht. Vielmehr zeigte sich, dass das verwandte Antioxidant β-Carotin das Risiko für Prostatakrebs erhöht. Eine schützende Wirkung bei Belastungs-Asthma konnte nicht gezeigt werden.

Im Menschen wird Lycopin mithilfe der β-Carotin-Dioxygenase 2 abgebaut. Die Abbauprodukte sind Pseudojonon, Geranial und 2-Methyl-2-hepten-6-on.“

Kommentar & Ergänzung:

Auffallend und interessant ist in diesem Wikipedia-Eintrag der Hinweis, dass auch die Hagebutte Lycopin enthält.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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[Buchtipp] Aloe, Ginkgo Mistel & Co, von Jutta Hübner

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Aloe-Gingko-MistelVerlagsbeschreibung

Enzyme gegen Krebs – helfen die wirklich?“
„Sind ergänzende Wirkstoffe auch für mich und meine Krebserkrankung geeignet?“
„Woher bekomme ich verlässliche Informationen?“
Dies sind Fragen, die sich krebskranke Patienten und ihre Angehörigen sehr oft stellen. Unbehagen gegenüber einer hochtechnisierten Medizin, gleichzeitig die Hoffnung auf sanfte, aber wirkungsvolle Hilfe „aus der Natur“ sind Anlass, um nach Alternativen Ausschau zu halten.
In den Medien findet sich eine unüberschaubare Informationsflut zu oft plakativ angepriesenen ergänzenden, so genannten „komplementären“ Wirkstoffen in der Krebsbehandlung. Je nach Seriosität des Anbieters versprechen diese zum Teil wahre Wunderdinge – und wecken so überzogene Hoffnungen bei den Betroffenen. Auf der anderen Seite gibt es bei „Schulmedizinern“ eine Skepsis gegenüber komplementären Ansätzen, die Patienten in ihrem Kampf gegen die Krankheit manchmal durchaus entmutigen kann.
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Die erfahrene, auf Krebsbehandlung spezialisierte Ärztin Dr. med. Jutta Hübner gibt kompetent Auskunft zu allen wichtigen Fragestellungen rund um die komplementärmedizinischen Wirkstoffe. Besonders berücksichtigt sie dabei die Frage, bei welchen Krebserkrankungen und Behandlungsfolgen eine ergänzende Behandlung sinnvoll ist.
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Ein hilfreicher und zuverlässiger Ratgeber für eine sinnvolle ergänzende Krebstherapie im Angebotsdschungel der Komplementärmedizin.

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Kommentar

Aloe, Ginkgo, Mistel & Co

Unzählige Wirkstoffe aus Heilpflanzen werden zur Vorbeugung oder zur ergänzenden Behandlung von Krebs propagiert. Zum grossen Teil handelt es sich dabei um unsinnige Versprechungen, doch gibt es auch interessante Wirkstoffe. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen ist keine leichte Aufgabe.

Dr. med. Jutta Hübner ist Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre onkologische Medizin in der Deutschen Krebsgesellschaft und zudem Chefärztin einer onkologischen Klinik. Sie ist eine qualifizierte Expertin und damit bestens geeignet als Autorin dieses Buches. Vor allem trennt sie sauber zwischen Forschungsergebnissen, die im Labor gewonnen wurden, und den Resultaten von Studien mit Patienten. Es ist nämlich ein verbreiteter Irrtum, vorschnell von positiven Laborresultaten auf entsprechende Wirkungen bei Krebskranken zu schliessen.

Aus phytotherapeutischer Sicht hat das Buch Schwächen im Bereich Wirkstoffkunde, beispielsweise wenn Thymian, Sonnentau und Süssholz zu den schleimhaltigen Heilpflanzen gezählt werden. In dieser Hinsicht würde ich dem Buch nicht trauen. Allerdings habe ich keinen wirkstoffkundlichen Irrtum gefunden, der für die Therapie relevant wäre. Das sind eher „Schönheitsfehler“. Das gilt auch für die Illustration im Abschnitt „Teufelskralle“, wo anstelle der südafrikanischen Harpagophytum procumbens, die als Heilpflanze verwendet wird, unsere einheimische Ährige Teufelskralle (Phyteuma spicatum) abgebildet ist. Eine Verwechslung, die ziemlich häufig geschieht.

Das Buch „Aloe, Ginkgo, Mistel & Co“ eignet sich gut zur Orientierung für den Bereich pflanzlicher Wirkstoffe im Umfeld der Onkologie.

Besprochen werden unter anderem folgende Wirkstoffe / Heilpflanzen:

Aloe, Amygdalin, Anamu (Petiveria alliacea), Anthocyane, Apigenin, Arganöl, Arginin, Avemar®, Ballonerbse (Sutherlandia frutescens), Beifuss (Artemisia annua anamed), Biobran®, Brennessel, Cannabis (Hanf, Cannabis sativa), Canthaxanthin, Capsaicin, Carnitin, Carnesol, Chinesischer Engelwurz (Angelica sinensis), Chlorogensäure, Cimetidin, Coenzym Q10 / Ubichinon, Cumarin, Curcumin, Ellagsäure, Emodin, Eugenol, Faktor AF 2, Ferulasäure, Flor Essence® / Essiac®, Folsäure, Galactose, Galavit®, Geraniol, Ginkgo (Ginkgo biloba), Ginseng (Panax ginseng), Glucarat, Glutamin, Gluthathion, Granatapfel (Punica granatum), Grüntee (Camellia sinensis), Haifischknorpelextrakt, Honig, Honokiol (Magnolia officinalis), Hydrazinsulfat, Indol-3-Carbinol, Ingwer (Zingiber officinale), Inositol-Hexaphosphat, Isoflavone, Isothiocyanate, Kaempherol, Kaffeesäureester, Katzenkralle (Uncaria tormentosa), Knoblauch, Allium sativum, Kombucha, Lapacho Leinsamen, Leinöl, Lignane Limonen, Lutein, Lycopin, Mariendistel (Silybum marianum) Melatonin, Melittin, Mistel (Viscum album), Zitruspektin, Moosbeere, Cranberry (Vaccinium macrocarpon, Myrobalanen (Terminalia), N-Acetylcystein, Noni (Morinda citrifolia), Oleanolsäure, Omega-3-Fettsäuren, Omega-6-Fettsäuren, Oridonin, PC-SPES / Prostasol®, Perillylalkohol, Polyerga®, Probiotika, Propolis, Proteaseinhibitoren, Quercetin, Resveratrol, Rooibos (Aspalathus linearis), Rutin, Saikosaponine, Schlafbeere (Withania somnifera), Scutellaria (Scutellaria baicalensis), Selen, Sojasaponine, Spirulina, Squalen, Süssholrwurzel (Glycyrrhiza glabra), Teufelskralle (Harpagophytum procumbens), Theanin, Thymus, Tragant (Astragalus), Traubenkernöl, Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa), Ukrain, Ursolsäure, Weidenrinde, Weihrauch (Boswellia), Zeaxanthin, Zeolithe, Zink, Zitrusflavonoide,

Und es werden folgende Krebs- und Therapiefolgeerkrankungen besprochen. Bei denen Massnahmen aus Naturheilkunde / Komplementärmedizin sinnvoll sein können:

Appetitlosigkeit, Depression, Diarrhoe (Durchfall), Erschöpfung, Hustenreiz, Leberschädigung, Lymphödem, Magenschleimhautentzündung, Meteorismus (Blähungen) Mundschleimhautentzündung, Obstipation (Verstopfung), Schädigung des Herzmuskels, Schädigung des Immunsystems, Schlafstörungen, Schmerzen, Strahlentherapiefolgeschäden, Übelkeit, Wechseljahrbeschwerden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Rotwein und Schokolade – gegen Krebs wirksamer als Chemotherapie?

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Die Meldung wurde von den Nachrichtenagenturen AFP und SDA verbreitet und in zahlreichen Medien völlig unkritisch abgedruckt:

Rotwein, Schokolade, Knoblauch, Petersilie, Rote Trauben, Heidelbeeren und Soja wirken gegen Krebs gleich gut oder gar noch besser als Chemotherapie.

Die Meldung wirft zahlreiche Fragen auf und ist meines Erachtens eine totale Verarschung der Leserinnen und Leser. Doch schauen wir uns den Text (kursiv gesetzt) Schritt für Schritt an (Quelle: Tages-Anzeiger online):

Der “Tages-Anzeiger” bringt die Meldung unter dem Titel
“Die tägliche Chemotherapie”.

Das lässt aufhorchen: Rotwein, Schokolade; Heidelbeeren Co ersetzen also eine Chemotherapie?
Die Fortsetzung ist in zahlreichen Online-Medien praktisch identisch publiziert worden:

“Rotwein und Schokolade können neuen Forschungen zufolge Krebszellen regelrecht bekämpfen. Rote Trauben, dunkle Schokolade und Heidelbeeren, Knoblauch und Soja können Krebszellen «aushungern».”

Was bedeutet “neue Forschungen”? Wer hat was genau, wo und wann erforscht? In welcher Fachzeitschrift wurde diese Forschung veröffentlicht (falls überhaupt)?
Komisch auch, dass wir Schweizer als Weltmeister im Schokoladekonsum überhaupt noch an Krebs erkranken. Und die Franzosen mit dem Wein erst, und die Japaner mit ihrem Sojakonsum. Eigenartig, dass es überhaupt noch Krebs gibt auf dieser Welt. Oder wieviel Schokolade muss ich essen, um eine Chemotherapie zu ersetzen?

“‘Wir bewerten Lebensmittel nach ihrer Fähigkeit, Krebs zu bekämpfen‘, sagte der Forscher William Li auf einer Konferenz in Long Beach im US-Bundesstaat Kalifornien. ,Unser Essen ist unsere dreimal tägliche Chemotherapie.‘”

“Forscher” kann sich jeder nennen. Bei tatsächlichen oder angeblichen Experten ist immer zu prüfen, ob sie auch wirklich kompetent sind für die Frage, zu der sie gerade Stellung nehmen.

Um welche Art von Konferenz handelt es sich da? Eine Pressekonferenz oder eine Konferenz von Wissenschaftlern – das macht schon einen Unterschied punkto Glaubwürdigkeit. Unter welchem Thema stand die Konferenz? Wer hat sie organisiert und gesponsert? Sollte Forscher William Li tatsächlich gesagt haben, dass unser Essen unsere dreimal tägliche Chemotherapie ist, spricht das nicht gerade für seine Seriosität.
Glaubt der Mann wirklich, dass man Chemotherapie gegen Krebs einfach durch Essen ersetzen kann? Wir essen doch alle und viele von uns zudem die aufgeführten Nahrungsmittel gar nicht zu knapp. Warum also gibt es überhaupt noch Krebs?
Auf Tages-Anzeiger online hat ein Leser den Bericht treffend kommentiert:

“ Wer glaubt wird selig. Meine Frau und ich essen und trinken seit Jahrzehnten unbewusst dieser ,Studie‘ genau auch diese Lebensmittel täglich. Wir beide sind seit 2 resp.5 Jahren an Krebs erkrankt. Solche ungesicherte Daten geben nur falsche Hoffnungen .Wer hat die Studie bezahlt ? Wahrscheinlich die Hersteller dieser Ware- wie so oft.”

“Die Angiogenesis Foundation aus Massachusetts habe Lebensmittel ermittelt, die chemische Substanzen enthalten, mit denen die Blutversorgung von Tumoren geradezu abgeschnitten werde. Als Beispiel nannte Li auch eine Studie der Harvard Medical School, wonach Männer, die mehrmals pro Woche gegarte Tomaten essen, 30 bis 50 Prozent weniger unter Prostatakrebs litten.”

Was ist die “Angiogenesis Foundation”?

Als Angiogenese bezeichnet man das Wachstum von kleinen Blutgefäßen (Kapillaren). Tumore sind abhängig von einem mitwachsenden Kapillarnetz, das den Tumor mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Entsprechend versuchen anti-angiogenetische Therapieansätze (Antiangiogenese), die Gefäßversorgung und damit die Durchblutung eines Tumors zu vermindern oder zu blockieren.

Laut ihrer Website http://www.angio.org/ beschäftigt sich die “Angiogenesis Foundation” mit diesem Thema. Begriffe wie Rotwein, Schokolade, Petersilie, Soja, Heidelbeeren oder Knoblauch finde ich dort allerdings nicht, dafür jedoch zahlreiche Medikamente.

Der Hinweis von William Li auf die Wirkung gegarter Tomaten gegen Prostatakrebs stellt die Situation einseitig dar.
Es gibt zwar eine Untersuchung von Giovannuci, E. et al. (2002), die einen positiven Effekt nahelegten (A Prospective Study of Tomato Products, Lycopene and Prostate Cancer Risk. In: J. Natl. Cancer. Inst. Bd. 94, S. 391-398).

Wikipedia schreibt dazu:

“Es gab Hinweise, dass der Konsum von Lycopin zu einem reduzierten Risiko führt, an Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs (vor allem Prostatakrebs), Diabetes mellitus, Osteoporose und Unfruchtbarkeit zu leiden.”

Wikipedia fährt aber fort:
“Eine neuere, große Studie mit ca. 28.000 Probanden lässt jedoch vermuten, dass kein Zusammenhang zwischen Lycopin und Krebsrisiko besteht. Vielmehr zeigte sich, dass das verwandte Antioxidant ?-Carotin das Risiko für Prostatakrebs erhöht.”
(American Association for Cancer Research. No Magic Tomato? Study Breaks Link between Lycopene and Prostate Cancer Prevention , Science Daily, May 17, 2007.
http://www.sciencedaily.com/releases/2007/05/070517063011.htm)
Davon sagt William Li offenbar nichts.

“‘Überall geschieht eine medizinische Revolution‘, sagte Li. ,Wenn wir recht haben, dann wird das Auswirkungen auf Konsumentenfortbildung, Lebensmittelherstellung, die Volksgesundheit und sogar auf die Versicherungen haben.‘”

Da scheinen Heilsvorstellungen herumzugeistern. Mein Eindruck – auch von der Website der “Angiogenesis Foundation”: Da wird sehr viel aufgehängt am Thema “Angiogenese”. Wenn für so viele Probleme eine einzige Lösung propagiert wird – wie hier das Thema “Angiogenese” – ist Skepsis immer angebracht.

“Besser als Medikamente”

Dieser Titel des “Tages-Anzeigers” ist ziemlich gewagt.

“In Test verglichen Forscher der Foundation die Wirkung zugelassener Medikamente mit der von Petersilie, Weintrauben, Beeren und anderen Lebensmitteln. Dabei stellten sie fest, dass die Lebensmittel genauso gut oder besser gegen Krebszellen wirkten.”

Da fragt sich erstens, mit welchen Medikamenten denn verglichen wurde. Chemotherapeutika?
Da wurde offenbar etwas im Labor untersucht, aber man kann ja nicht einfach Petersilie und Krebszellen vermanschen und dann schauen, ob Krebszellen zugrunde gehen und das schlussendlich auf Krebspatienten übertragen. Völlig wirr.

Auch ist “und andere Lebensmittel” keine sehr präzise Angabe. Wenn so viele Lebensmittel besser gegen Krebszellen wirken wie Krebsmedikamente, warum brauchen wir dann eigentlich noch Chemotherapien und Onkologie-Abteilungen an Spitälern. Alles überflüssig?

“‘Für viele Menschen kann die ernährungsmässige Behandlung von Krebs die einzige Lösung sein, denn nicht jeder kann sich Krebsmedikamente leisten.‘”

Na super, essen müssen wir ja sowieso. Billiger kann eine Behandlung wirklich nicht sein. Endlich die Lösung für die explodierenden Gesundheitskosten. Krebstherapien nur noch für Privatpatienten! Die Allgemeinversicherten und auch Patienten in Afrika oder so sollen sich doch mit Rotwein und Schokolade heilen. Letzteres gibt für die Schweiz unerwartete Exportmöglichkeiten in alle Welt. Schokolade auf Rezept und auf Kosten der Krankenkasse! Ich fasse es kaum.

“Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen, fügte Li hinzu. Denn auch Fett sei auf den Blutstrom angewiesen, den die Bestandteile dieser Lebensmittel beeinflussen.”

Das fehlt gerade noch. Besser kann es gar nicht mehr kommen! Auch gegen Übergewicht wirksam! Körperfett lässt sich mit Schokolade oder Rotwein wegschmelzen! Ganz einfach durch Hemmung der Angiogenese! Super!

Dringende Anfrage: Wieviel Schokolade muss ich essen oder wieviel Rotwein trinken, um meine Fettpölsterchen wegzuschmelzen? Und wie finde ich eine Schokolade, die intelligent genug ist, damit sie weiss, welche Partien meines Körpers sie aushungern soll? Wenn da nur nichts schief läuft und die falschen Regionen weggeschmolzen werden! Vielleicht sicherheitshalber mal bei Lindt Sprüngli nachfragen…..

Und der Satz: “Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen”, ist ein Unding.
Oder liegt der Grund für diesen von A bis Z verunglückten Text einfach in einer miserablen Übersetzung?

Ich verwende nur selten solch harte Ausdrücke, aber dass Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Blick, Thurgauer Zeitung, 20 Minuten, Schweizerbauer und Berner Zeitung solchen Bullshit veröffentlichen, ist ausgesprochen peinlich.

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