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Weidenröschenkraut bei gutartiger Prostatavergrösserung (BPH) von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) positiv bewertet

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Die EMA trägt in regelmässigen Abständen Informationen zu Arzneipflanzen zusammen und bewertet deren Einsatz in der Pharmazie. Diese Bewertungen sollen Apotheken, Ärzten und Verbrauchern klare Richtlinien geben, inwieweit der Einsatz aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Inzwischen liegt auch eine Beurteilung des Weidenröschenkrauts (Epilobii herba) vor.

Epilobii herba, das Weidenröschenkraut, kann nach Einschätzung der EMA-Gutachter für Patienten mit benigner Prostatahyperplasie (BPH, gutartige Prostatavergrösserung) empfohlen werden. Weidenröschen kann bei Miktionsstörungen unterstützend eingesetzt werden. Eine Wirksamkeit sei insbesondere durch den jahrelangen erfolgreichen Gebrauch der Pflanze erwiesen, schreibt die EMA, und verweist auf Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit aus mehr als 30 Jahren. In der EU sind Produkte aus Weidenröschen seit 15 Jahren auf dem Markt.

Zwar gebe es keine klinischen Studien, doch sei aus Labortests ersichtlich, dass Epilobium einen Effekt auf das Wachstum von Prostatazellen habe. Darüber hinaus konnten im Labor antientzündliche und schmerzlindernde Wirkungen festgestellt werden. Nebenwirkungen bei Anwendung von Weidenröschenkraut sind nach Aussage der EMA nicht bekannt.

Für die Fachleute sind die jahrelange sichere Verwendung und die Hinweise auf gute Wirksamkeit zur unterstützenden Behandlung der BPH ausreichend, um die Anwendung bei dieser Indikation ausdrücklich zu empfehlen. Vor der Behandlung sollen allerdings schwerere Erkrankungen durch einen Arzt ausgeschlossen werden, erklärt die EMA.

Quelle:

https://m.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/arzneipflanzen-ema-empfiehlt-drei-phyto-klassiker-epilobium-eleutherococcus-centaurium/?forceMobile=1%3F&noMobile=1&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BcurrentPage%5D=2&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BitemsPerPage%5D=1&cHash=7114c4db7166baf0d965eea791dd4b48&tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Inhaltsstoffe verschiedener Weidenröschen-Arten wurden intensiv im Labor erforscht und zeigten zum Teil interessante Wirkungen. Die Empfehlung der EMA steht trotzdem auf wackligem Fundament. Laborergebnisse lassen sich nicht direkt auf die Anwendung beim Menschen übertragen und Erfahrungsberichte aus traditioneller Anwendung lassen keine sicheren Schlüsse zu. Bei einer Besserung ist nie klar erkennbar, ob sie wirklich vom angewendeten Weidenröschentee ausgelöst wurde. Bei langandauernden Beschwerden schwankt die Intensität der Beschwerden meistens im Verlauf und es passiert sehr leicht, dass jede Besserung dem angewendeten Mittel zugeschrieben wird, obwohl nur das natürliche Auf und Ab der Beschwerden vorliegt. Nur klinische Studien könnten hier Klarheit verschaffen, sind aber nicht in Sicht.

Die Phytotherapie-Fachliteratur ist deutlich zurückhaltender bezüglich der Wirksamkeit des Weidenröschens als die EMA.

Weidenröschentee verdankt seine Bekanntheit den Empfehlungen von Maria Treben (1907 – 1991), die aber wegen ihren zahlreichen fragwürdigen bis gefährlichen Ratschlägen nicht vertrauenswürdig ist.

Die auf Wikipedia geäusserte Kritik teile ich voll und ganz:

„Die Stiftung Warentest äußert erhebliche Zweifel an der Sachkundigkeit Maria Trebens und weist auf mehrere Fehler in ihren Büchern hin. Sie empfehle Pflanzen zur Behandlung schwerer Krankheiten bis hin zu Krebs, deren Wirksamkeit für diese Pflanzen überhaupt nicht nachgewiesen seien. Teilweise verwechsele Treben wichtige Fachbegriffe, beispielsweise den Zucker Inulin mit dem Hormon Insulin, wodurch sie fälschlich Löwenzahn gegen Diabetes mellitus empfehle. „Ihr Schöllkraut-Rezept gegen Leber- und Gallenleiden ist eine Anleitung zur Vergiftung. Der Ratschlag, Ohnmächtigen einen Esslöffel Schwedenbitter einzuflößen, ist lebensgefährlich.“

Die Universitätsklinik Freiburg äußert in ihrem Ratgeber für Krebspatienten: „(…) gefährlich ist (…) die Grundtendenz, alle Krankheiten als mit Kräutern heilbar darzustellen. Treben behauptet mit Hinweis auf Sebastian Kneipp, dass das Zinnkraut jeden gut- oder bösartigen Tumor zum Stillstand bringt und ihn langsam auflöst. (…) Gegenüber den ‚Ratschlägen und Erfahrungen mit Heilkräutern‘ der Maria Treben ist Skepsis und Zurückhaltung geboten. (…) Gefährlich sind Ratschläge, primär gut operable und damit heilbare Tumoren zuerst versuchsweise mit Kräutern zu behandeln, z. B. Hodenkrebs mit Spitzwegerichumschlägen. Damit geht (…) viel Zeit und möglicherweise die Heilungschance verloren. Alle diese Medikamente sind in ihrer Wirksamkeit gegen Krebs unbewiesen.“

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Arthrose: Fragwürdige Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln

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Gelenkschutzmittel sollen gegen Arthrose helfen oder die Knorpelmasse schützen – so verspricht es die Werbung der Produzenten und Verkäufer. Die Verbraucherzentralen in Deutschland haben 25 Nahrungsergänzungsmittel auf ihre Dosierung, Zusammensetzung und Werbeversprechen untersucht. Das Resultat: Der Nutzen der Produkte bei Gelenkerkrankungen oder Gelenkbeschwerden ist fraglich.

Anbieter von Gelenkmitteln zur Nahrungsergänzung dürfen die Inhaltsstoffe Glucosamin und Chondroitin nicht mit Gesundheitsversprechen anpreisen. Das schreibt die EU vor, weil die gesundheitliche Wirkung dieser Präparate nicht nachgewiesen ist. Doch nicht alle Hersteller und Verkäufer halten sich an dieses Verbot. Insbesondere Produkte aus dem Internet versprechen häufig mehr gesundheitlichen Nutzen, als belegt und erlaubt ist. Die Verbraucherzentralen fanden bei 73 Prozent der im Internet angebotenen Produkte nicht zulässige gesundheitsbezogene Angaben. Klärungsbedarf bezüglich der Zulässigkeit der Werbeaussagen besteht nach Auffassung der Verbraucherzentralen auch bei annähernd der Hälfte der im stationären Handel angebotenen Nahrungsergänzungsmittel.

Quelle:

https://www.vzth.de/pressemeldungen/lebensmittel/nahrungsergaenzungen-gegen-gelenkbeschwerden-von-wirkungslos-bis-riskant-19477

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Situation dürfte in der Schweiz nicht grundsätzlich anders sein.

In Apotheken und Drogerien, aber auch bei den Grossverteilern Migros und COOP findet man Gelenkskapseln und ähnliche Produkte, die alle mit der Hoffnung gekauft werden, die Schmerzen bei Arthrose zu lindern. Inhalt dieser scheinbaren Wundermittel sind häufig Kollagen, Glucosamin oder Chondroitin. Diese Substanzen sollen den Knorpel wieder aufbauen, die Knorpelsubstanz stärken sowie Entzündungen und Schmerzen entgegenwirken.

Das Portal Medizin-Transparent hat die Ergebnisse bisheriger Studien zusammengefasst. Die Resultate deuten darauf hin, dass eine Nahrungsergänzung mit Glucosamin oder Kollagen zur Behandlung von Arthrose wirkungslos ist.

Glucosamin sei zwar ein wichtiger Bestandteil der schmierigen Gelenksflüssigkeit, und Kollagen bilde den Hauptbestandteil des Knorpelgewebes. Die Einnahme dieser Stoffe scheine Arthrose-Schmerzen dennoch nicht lindern zu können.

Etwas besser schneide Chondroitin ab. Der Stoff sei ein natürlicher Bestandteil des Knorpelgewebes, der Druck auf die Gelenke abfängt.

Einige Studien liefern Hinweise, dass die Nahrungsergänzung mit Chondroitin Schmerzen durch Arthrose zumindest geringfügig lindern könnte.

Allerdings wurden diese Studien häufig von Nahrungsergänzungs-Herstellerfirmen finanziert, oder die Autorinnen und Autoren der Studien waren Angestellte solcher Firmen. Es lässt sich nicht ausschließen, dass dadurch die Studienresultate beeinflusst wurden. Zudem sind viele dieser Untersuchungen von geringer Qualität und deshalb nur bedingt aussagekräftig.

Obwohl die bisher durchgeführten Studien zu Chondroitin teilweise mangelhaft durchgeführt wurden, deuten die zusammengefassten Resultate eine schmerzlindernde Wirkung an, die aber gering ausfällt: Chondroitin könnte die Schmerzen bei durchschnittlich einem von fünf Arthrose-Patienten zumindest kurzfristig geringfügig lindern.

Quelle:

https://www.medizin-transparent.at/gelenke-schmieren-mit-nahrungsergaenzungsmitteln

Siehe auch:

Weitere Studie verneint Wirkung von Glucosamin bei Kniearthrose

Glucosamin gegen Arthrose: Die Kritik wächst

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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[Buchtipp] „Zivilisierte Verachtung“, von Carlo Strenger

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Zivilisierte_VerachtungVerlagsbeschreibung

Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

Moderne Gesellschaften stehen seit je vor der Herausforderung, das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen, Ethnien usw. zu ermöglichen. Leitbilder wie das der multikulturellen Gesellschaft gerieten dabei jüngst in die Kritik. Zu Recht, so Carlo Strenger, habe der Westen mit der Idee der Political Correctness doch ein „Eigentor“ geschossen, da er nun selbst zum Ziel von Intoleranz werde.
Anhand konkreter Beispiele erläutert Strenger sein Gegenmodell der „Zivilisierten Verachtung“, einer Haltung, aus der heraus Menschen Positionen, die sie für irrational oder unmoralisch halten, verachten, ohne jenen, die sie vertreten, ihre Menschlichkeit abzusprechen. Zum Shop

Zum Autor Carlo Strenger

Carlo Strenger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv. Er schreibt regelmäßig für den britischen „Guardian“ und Israels führende liberale Zeitung „Haaretz“.

Kommentar von Martin Koradi

Der Titel dieses Buches wirkt wohl auf viele Menschen eher irritierend. „Verachtung“ ist ein hartes Wort und „zivilisiert“ passt irgendwie ganz und gar nicht dazu.

Worum es Carlo Sprenger geht, wird deutlicher durch dieses Zitat aus dem Vorwort des Buches:

„Meine Motivation war, der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken. Dieser oft gedankenlose Respekt hat meiner Meinung nach vielen liberal eingestellten Menschen den Mut genommen, offensiv für die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten. Die Gefahr, die ich sah und heute erst recht sehe, besteht darin, dass rechtsnationale Parteien und Gruppierungen die vakante Rolle der Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber die zu verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben.“

Das Buch von Carlo Sprenger ist eine Aufforderung, sich ernsthaft mit Islamismus und Populismus auseinanderzusetzen und dabei die Werte der Aufklärung zu verteidigen. Damit ist es sehr aktuell.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

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[Buchtipp] „Widerstand der Vernunft“, von Susan Neiman

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Widerstand-VernunftVerlagsprogramm

Ein Manifest in postfaktischen Zeiten

Susan Neiman zeigt in ihrem intellektuellen Aufruf, dass es neue politische Ideen braucht, um Populismus und konservativen Nationalismus aufzuhalten.
Wenn heute den Fakten, der Vernunft und dem politischen Mitdenken nicht der Raum gegeben wird, den es braucht, werden die Lügen der „postfaktischen“ Populisten Konsequenzen haben.
Susan Neiman ruft dazu auf, für Wahrheit und Moral öffentlich einzutreten, Alternativen zu denken und zu leben und den bedenklichen politischen Entwicklungen in den USA und Europa so die Stirn zu bieten. Zum Shop

Zur Autorin Susan Neiman

Susan Neiman ist Philosophin und die Direktorin des Einstein-Forums in Berlin-Potsdam. 1955 in Atlanta, USA, geboren, wuchs sie in einer jüdischen Familie auf, verließ mit 14 die Schule, lebte in Kommunen, engagierte sich in der Anti-Vietnam-Bewegung und studierte Philosophie in Harvard. Sie war Professorin an der Yale University (1989-1996) und der Universität von Tel Aviv (1996-2000) mit den Schwerpunkten: Moralphilosophie und politische Philosophie.

Kommentar von Martin Koradi

Susan Neuman legt mit diesem kleinen, gut lesbaren Buch ein engagiertes Manifest vor, in dem mich eine ganze Reihe von Passagen angesprochen haben. Zum Beispiel befasst sich die Autorin mit dem Unterschied zwischen berechtigtem Misstrauen und allgemeinem, destruktiv werdendem Misstrauen.

Zitat:

„Berechtigtes Misstrauen zu missbrauchen, um allgemeines Misstrauen so weit zu verbreiten, dass keinen seriösen Untersuchungen mehr geglaubt wird – dies ist eine Taktik, die jede Form der Gemeinschaft unterhöhlt. Denn jede Gemeinschaft setzt eine gemeinsame Wirklichkeit voraus, deren Existenz von Trumps Sprechern aber geleugnet wird. Inzwischen meinen mehrere Kritiker, die Strategie sei bewusst gewählt worden: Die permanente Verbreitung von offensichtlichen Lügen diene dazu, Gegner zu verwirren. Psychologen nennen diese Strategie Gaslighting. Sie zielt darauf ab, ihr Objekt in den Wahnsinn zu treiben.“

Susan Neiman argumentiert für den Wert und die Bedeutung von Wahrheit und Fakten, die heute beide davon bedroht sind, von Propaganda hinweggefegt zu werden.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen

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Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

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Weltweit sind offene, liberale Demokratien unter Druck geraten durch Linkspopulismus und Rechtspopulismus, iliberale Demokratien und autokratische Regime. Karl Poppers Unterscheidung zwischen einer offenen Gesellschaft und einer Geschlosssenen Gesellschaft gibt wertvolle Anregungen zur Verteidigung der offenen, liberalen Demokratie.

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[Buchtipp] Homöopathie neu gedacht von Natalie Grams

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homoeopathie-neu-gedacht

Verlagsbeschreibung

Die Homöopathie ist über 200 Jahre alt und erfährt auch heute noch einen ungebrochenen Zustrom. Viele Patienten und Therapeuten schwören auf die alternative Heilmethode, die mittlerweile auch von vielen Krankenkassen erstattet wird. Kritikern erscheint dies völlig unverständlich ist für sie doch längst klar, dass die Homöopathie hoffnungslos unwissenschaftlich ist und allenfalls einen Placebo-Effekt zu bieten hat. Schon seit ihrer Geburtsstunde sieht sich die Homöopathie äusserst kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Die Positionen von Befürwortern und Gegnern scheinen dabei ebenso unverrückbar wie unvereinbar. Natalie Grams zugleich naturwissenschaftliche Ärztin und offene Homöopathin geht in diesem authentischen Buch über das bisher Gesagte hinaus. Sie beantwortet spannende Fragen: Was bleibt in einer Medizin des 21. Jahrhunderts übrig von dem Gedankengebäude der Homöopathie? Wie wirkt sie wirklich? Welche Teile von Hahnemanns Theorien können wir auch heute noch guten Gewissens anwenden und zum Nutzen von Patienten und Gesundheitssystem einsetzen? Wo aber hat die Homöopathie Grenzen und muss in der Tat kritisch betrachtet und bewertet werden? Die Autorin hat sich über Jahre mit den Kritikpunkten an der Homoöpathie auseinandergesetzt, nimmt aber gleichzeitig auch die Wünsche und Sorgen ihrer Patienten ernst, die sich in der konventionellen Medizin oft nur unzureichend versorgt fühlen. Ihr Buch versucht einen (überfalligen) Brückenschlag zwischen den zwei traditionell verfeindeten Lagern.

Zum Shop

Zur Autorin Natalie Grams

Die Ärztin Dr. med. Natalie Grams, Jahrgang 1978, führte eine erfolgreiche homöopathische Privatpraxis in Heidelberg. Im Laufe ihrer Tätigkeit kamen ihr als Naturwissenschaftlerin jedoch Zweifel darüber, wie die Homöopathie auch heute noch guten Gewissens angewendet werden kann. Ihr Medizinstudium hat Grams in München begonnen und in Heidelberg beendet, wo sie seither mit ihrem Mann und drei Kindern lebt.

Inhaltsverzeichnis des Buches „Homöopathie neu gedacht“:

Vorwort.

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?

2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?- Gibt es die Homöopathie?- Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie.- In welcher Zeit entstand die Homöopathie?- Die homöopathische Methode – was ist anders?- Die homöopathischen Repertorien und die Materia medica.- Die homöopathische Anamnese.- Die homöopathischen Medikamente (Potenzierung).- Die homöopathische Diagnose, das Prinzip Ähnlichkeit und die homöopathische Arzneimittel-Prüfung.- Die Empfindungsmethode in der Homöopathie.

3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?- Wozu brauchen wir die Wissenschaft überhaupt?- Zur persönlichen Situation: Im Konflikt mit der Naturwissenschaft.- Geistartige Energie und fehlender Wirkstoff – das Problem der potenzierten Medikamente in der Homöopathie.- Der problematische Begriff Lebenskraft.- Die homöopathische Arzneimittelprüfung.- Ist die Homöopathie Medizin?

4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?…

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch „Homöopathie neu gedacht“ von Natalie Grams ist sehr lesenswert für alle, die sich für Homöopathie im speziellen oder für Komplementärmedizin im weiteren Sinn interessieren. Doch auch wer wissenschaftlich-medizinisch denkt, wird aus dem Buch interessante Anregungen mitnehmen können. Denn die Frage, der Natalie Grams auf den Grund geht, ist sehr relevant: Wenn homöopathische Globuli keine spezifische arzneiliche Wirkung haben – und dafür sprechen die vorliegenden Erkenntnisse aus Studien mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit – wie kommt es dann, dass viele Menschen bei verschiedensten Beschwerden durch Homöopathie Linderung erfahren? – Die Antworten auf diese Frage sind auch lehrreich für andere therapeutische Methoden und für die Medizin. Kritiker und Anhänger der Homöopathie können aus „Homöopathie neu gedacht“ interessante Erkenntnisse gewinnen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen

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Hasspropaganda und Hasskommentare im Internet vergiftet das gesellschaftliche Klima und gefährdet die offen-liberale, pluralistische, demokratische Gesellschaft. Kritik gehört zur Demokratie wie das Salz in der Suppe. Aber Hass, Einschüchterung und Drohungen sind etwas fundamental anderes als Kritik und zurückzuweisen. Reflexion und Aktion gegen Hasspropaganda ist deshalb notwendig. Dieser Beitrag liefert dazu wichtige Stichworte und fasst zu diesem Zweck insbesondere im ersten Teil das Buch von Ingrid Brodnig zusammen (Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016).

 

Sechs Faktoren, welche die Enthemmung im Internet fördern

(nach John Suler)

  1. Anonymität: Gibt Gefühl der Unverwundbarkeit.

 

  1. Unsichtbarkeit: Nonverbale Feedbacksignale fallen weg. Fehlender Augenkontakt

 

  1. Asynchronität: Kein unmittelbares Feedback auf hasserfüllte Kommentare, „Emotionale Fahrerflucht“.

 

  1. Phantasievorstellung vom Gegner gespeist von eigener Persönlichkeit.

 

  1. Trennung zwischen Online- und Offline-Charakter: Online wird nicht so ganz ernst genommen.

 

  1. Fehlende Autorität: Online-Foren sind oft kaum moderiert – Hater werden selten zur Ordnung gerufen.

 

Internet fördert Echokammern – Echokammern fördern Radikalisierung

 

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Sichtweise bestätigen.

 

Menschen aggregieren sich in Communitys mit denselben Interessen. Kaum Kontakt mit Andersdenkenden.

 

Dadurch ständige Bestätigung der eigenen Vorurteile und Verfestigung der Vorstellung, dass alle so denken, wie man selbst.

 

Aggressive Kommentare auf Facebook bekommen mehr Likes (= Bestätigung). Bekommt ein Beitrag viele Likes und Kommentare, wird er von Facebook mehr gezeigt und bekommt mehr Beachtung. Dieses Zusammenwirken menschlicher und technischer Faktoren treibt die Polarisierung im Netz voran.

 

Diese Entwicklung ist verheerend, weil Demokratie darauf aufbaut, dass wir mit anderen Meinungen konfrontiert werden.

 

Zur Typologie problematischer Internetnutzer

1. Trolle

Ihnen geht es nicht um inhaltliche Anliegen, sondern um die eigene Belustigung. Sie wollen Aufruhr erzeugen und andere Internetnutzer zur Weissglut treiben. Daraus ziehen sie ein Gefühl der Überlegenheit. Die Bandbreite des Trollens reicht von skurrilen, aber harmlosen Provokationen bis hin zu äusserst verletzendem Mobbing.

Troll-Strategien nach Claire Hardaker:

– Abschweifen in ergebnislos bleibende Richtung, was Frustration auslöst.

– Unverhältnismässige oder pedantische Kritik.

– Antipathie auslösen durch Einnahme irritierender Haltungen und Sichtweisen.

– Eine Bedrohung fingieren, die andere Nutzer alarmiert.

– Schocken durch Tabubrüche und Verletzung von Moralvorstellungen.

– Unprovozierte Aggression durch grundlose Attacken und plumpe Beleidigungen.

 

2. Glaubenskrieger

Sie sind restlos überzeugt von einer Idee, dulden keinen Widerspruch und gehen aggressiv und herabwürdigend gegen alle vor, die eine andere Sichtweise einnehmen. Mit diesen Gegnern oder Feinden wollen sie nicht diskutieren, sondern sie nur wegmobben. In Diskussionen kommen sie sehr rasch auf ihr Thema, sind dort mitteilungsbedürftig, aufdringlich und von quasi religiösem Eifer getrieben. Glaubenskrieger wähnen sich im Krieg gegen Andersdenkende. Sie heizen daher die Stimmung gezielt an, weil sie polarisieren und eine Konfrontation herbeischreiben wollen.

 

Vier Faktoren sind charakteristisch für Glaubenskrieger:

 

– Unbeirrbare Überzeugungen:

Der Glaubenskrieger beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Demensprechend ist es im ernst. Im Gegensatz zum Troll agiert er nicht aus Jux und Tollerei. Er fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit möglichst laut zu verbreiten und zeigt als „Kampfposter“ oft grosses Engagement und eindrückliche Ausdauer.

 

– Heldenmythos:

Glaubenskrieger sind überzeugt davon, dass sie besser informiert sind als andere Menschen, und dass sie eine wichtige Information verstanden haben, die ein grosser Teil der Bevölkerung noch nicht so recht einsehen will. Dabei geht es oft um eine Bedrohung, manchmal sogar um ein Komplott, das die Eliten mittragen oder zumindestens schönreden. Hier kommen häufig Verschwörungstheorien ins Spiel. Glaubenskrieger begeben sich in Fundamentalopposition zum Rest der Gesellschaft und entwerfen ein Szenario von „Wir gegen die“, bei dem eine heldenhafte Gruppe gegen die verblendete Masse ankämpft.

– Abschottung:

Glaubenskrieger sind nicht zugänglich für Fakten und Argumente, die ihrem Weltbild widersprechen. Kommen sie argumentativ gegen einen Diskussionsgegner nicht an, werfen sie ihm kurzerhand vor, zu lügen oder verblendet zu sein. Sie selbst fallen auf durch ihren unsorgfältigen Umgang mit Fakten. Sie berufen sich oft auf Quellen, die keine hohen Qualitätsansprüche haben und die oft aus derselben Szene stammen wie sie selbst. Manche Glaubenskrieger halten auch den Einsatz gezielter Lügen für ein adäquates Mittel, um ihren Standpunkt durchzusetzen und auf die vermeintliche Bedrohung hinzuweisen.

 

– Aggressive Tonalität:

Glaubenskrieger zeigen kaum Empathie gegenüber Andersdenkenden. Ihr aggressives Auftreten erfüllt zwei Aufgaben: Erstens stärkt es den Zusammenhalt durch Abgrenzung der „Eigengruppe“ von der „Fremdgruppe“. Der gemeinsame Feind vereint die Eigengruppe. Zweitens sollen Andersdenkende gezielt verunglimpft, übertönt und zum Verstummen gebracht werden. Sachliche Stimmen ziehen sich durch die ständigen Beleidigungen aus der Diskussion zurück. Andersdenkende werden bewusst so lange frustriert, bis sie gar nicht mehr das Wort ergreifen (Silencing). Die kontinuierlichen Provokationen führen manchmal dazu, dass Andersdenkende sich ebenfalls im Ton vergreifen. In den Augen der Glaubenskrieger beweist das dann, dass sie selbst die wahren Opfer sind.

 

Glaubenskrieger gibt es in vielen Varianten: Islamfeindliche, islamistische, rechtsextreme, linksextreme, antifeministische, fundamentalistisch impfkritische…..

 

Wie funktionieren Glaubenskrieger?

– Motiviertes Denken:

Die Weltsicht ist stark mitbestimmend für ihre Denkweise: „Motivated Reasoning“ (Motiviertes Denken) durch

  1. a) „Selective Exposure“ = verstärkte Suche nach Informationen, die mit den eigenen bestehenden Ansichten übereinstimmen, und
  2. b) „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler) = Aussagen eher akzeptieren, die der eigenen Weltsicht entsprechen, und
  3. c) „Disconfirmation Bias“ = Informationen eher ablehnen oder ignorieren, wenn sie der eigenen Weltsicht widersprechen.

 

– Zulaber-Technik:

In nur wenigen Sätzen unzählige Behauptungen aufstellen, was den Eindruck vermitteln soll, dass sie sich extrem gut auskennen. So rasch, wie Glaubenskrieger oft fragwürdige Behauptungen in den Raum werfen, kann ein Gegenüber sie gar nicht auf Richtigkeit überprüfen und gegebenenfalls widerlegen.

 

– Permanente Wiederholung:

Glaubenskrieger versuchen, ihre kognitiven Kurzschlüsse durch ständige Wiederholung zu verbreiten. Das Internet vervielfacht die Möglichkeiten dazu. Ständige Wiederholung von Behauptungen ist sehr wirkmächtig.

 

– Kampf um kulturelle Hegemonie:

Glaubenskrieger versuchen, digitale Diskussionsräume mit ihrer Aggression zu besetzen und damit sachliche Debatten in erhitzte Schlachtfelder zu verwandeln.

 

– Hass als Instrument zur Verhinderung von Empathie:

Durch fehlende Empathie fallen Hemmungen gegenüber den Gehassten weg, was starke Feindschaft ermöglicht und daraus folgende Spaltung in „wir“ gegen „die“.

 

– Schimpfworte und verbale Attacken:

Die konsequente Verwendung von Schimpfworten und verbalen Attacken führt zur Polarisierung und verhindert Konsensfindung, die für demokratische Gesellschaften essentiell ist.

 

– Fortlaufende Provokationen:

Durch Provokationen wird der Gegner dazu verleitet, selbst ausfällig zu werden. Gelingt das, kann sich der Glaubenskrieger als Opfer präsentieren. Statt in die Falle zu tappen und selber ausfällig zu werden: Unfaire Diskussionsstile konsequent benennen!

 

– Pochen auf „Meinungsfreiheit“ als Immunisierungsstrategie:

Glaubenskrieger missbrauchen den für demokratische Gesellschaften wichtigen Begriff der Meinungsfreiheit, klagen darüber, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und stellen sich als Opfer von Zensur dar. Sie missverstehen oder verdrehen dabei den Sinn der Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit ist jedoch kein Freibrief für Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen oder rüpelhaftes Verhalten. Sie umfasst nicht das Recht, jederzeit und überall zu Wort zu kommen und Gehör zu finden. Sie schützt auch nicht vor Kritik und In-Frage-gestellt-werden. Wie andere Grundrechte auch, ist die Meinungsfreiheit nicht grenzenlos. Sie schützt insbesondere vor Eingriffen der Behörden und staatlicher Verfolgung, wenn man Informationen oder Ideen weitergeben möchte.

 

Silencing

Mit „Silencing“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen. Ziel der Attacken: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Die Diskussionsräume im Internet sind kein egalitärer Ort. Von Silencing sind nicht alle Internet-Nutzer gleichermassen betroffen. Potenzielles Ziel von zum Teil organisierten Hasskampagnen sind alle, die sich mit Meinungen exponieren, die den Glaubenskriegern zuwider laufen, insbesondere Politikerinnen und Politiker. Frauen werden härter attackiert und persönlicher diffamiert, wobei Verunglimpfungen und Drohungen oft sexualisiert daherkommen, zum Beispiel als Vergewaltigungsdrohung.

Davon besonders betroffen sind Journalistinnen, Feministinnen und Lesben. Ein Migrationshintergrund verschärft die aggressive Tonalität der Angriffe.

 

Für demokratische Gesellschaften ist Silencing fatal, weil grosse Teile der Bevölkerung dadurch im öffentlichen Diskus unsichtbar werden.

Silencing belastet am stärksten, wenn Betroffene den Eindruck bekommen, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Solidaritätsbekundungen anderer User sind daher enorm wichtig.

 

Falschmeldungen und Lügen als Hass-Generatoren

 

Falschmeldungen und Lügen verbreiten sich im Netz wahnsinnig schnell. Sie sind oft sehr viel schockierender und emotionalisierender als Richtigstellungen und werden daher auch von mehr Menschen geliked und weitergereicht. Die höhere Rate an Likes und Shares wiederum hat zur Folge, dass der Facebook-Algorithmus Falschmeldungen gegenüber Richtigstellungen bevorzugt und sie stärker verbreitet.

Die ständigen Wiederholungen machen die Fälschungen so wirkungsvoll. Glaubenskrieger zielen mit der Verbreitung von Falschmeldungen auf die Erzeugung von Panik. Die bisher ruhige Mitte, die sich in die Debatte nicht einmischt, soll auch polarisiert werden.

 

Umgang mit Falschmeldungen:

 

– Grundsätzliche Medienkompetenz vermitteln: Meldungen zuerst prüfen, erst danach allenfalls weiterverbreiten („Zuerst denken, dann klicken“). Quellen von Meldungen prüfen (wer, was, wann, wo, wie?). Weblink: www.mimikama.at

 

Richtigstellungen sind schwierig und müssen gut formuliert sein: Sie erreichen weniger Leute und oft die falschen. Facebook praktiziert „Preaching to the Choir“: Die Botschaft wird demjenigen präsentiert, der ohnehin schon an den Inhalt glaubt. Eine flüchtlingsfeindliche Falschmeldung wird dem Flüchtlingsfeind gezeigt, die Richtigstellung eher dem Flüchtlingsfreund. Dazu kommt der „Backfire Effekt“. Der Schuss kann nach hinten losgehen: Glaubenskrieger werden durch Richtigstellung von Falschmeldungen, die ihr Weltbild bestätigen, in diesem Weltbild oft sogar bestärkt.

Korrekturen nicht als Verneinung formulieren, weil dann die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt wird. „Obama ist kein Moslem“ verfestig die Verbindung „Obama–Moslem“. Affirmation ist wirksamer: „Obama ist Christ“. Den Hintergrund der Falschmeldung erklären (wem nützt sie?). Auf häufige Widerholungen falscher Aussagen verzichten.

 

– Bei rufschädigenden Falschmeldungen: Anzeige prüfen.

 

Quelle:

Ingrid Brodig, Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016

Die bisherigen Abschnitte sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung dieses Buches. „Hass im Netz“ können Sie kaufen im Buchshop.

 

Hasspropaganda als Instrument hybrider Kriegsführung

 

Hasspropaganda im Internet wird auch eingesetzt im Rahmen hybrider Kriegsführung. Dabei handelt es sich um „eine flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den völkerrechtlich angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen.“ (Quelle: Wikipedia).

Desinformationskampagnen und Propaganda spielen im hybriden Krieg eine wichtige Rolle. Aktuelles Beispiel ist die hybride Kriegführung Russlands (Krim, Ostukraine) und die propagandistische und finanzielle Unterstützung rechtsradikaler und linksradikaler Bewegungen in Europa durch die Kremlführung.

Beispiele:

– Staatlich gelenkte russische Propagandamedien streuen Falschmeldungen über Vergewaltigung durch NATO-Soldaten in Litauen.

– Unterstützung Marine Le Pens durch Diffamierung Macrons durch „Sputnick“ (Unterstellung von verheimlichter Homosexualität).

– Der „Fall Lisa“.

– Die St. Petersburger Trollfabrik, zur Flutung von Kommentarspalten westlicher Medien mit kremlfreundlichen, EU-feindlichen, Merkel-feindlichen Statements.

– Das Donezk-Leak aus dem E-Mail-Account der Informationsministerin der prorussischen Rebellen in der Ostukraine zeigt die Propagandastrategie und den Einfluss Russlands auf den Propagandaapparat der Separatisten.

– Social-Bots-Armeen für die politische Propaganda und Desinformation.

Quelle für diesen Abschnitt:

Markus Wehner, Putins Kalter Krieg, Knauer 2016

Boris Reitschuster, Putins verdeckter Krieg, Econ 2016

 

Kernpunkte im Engagement gegen Hasspropaganda:

– Differenzieren, ohne zu verharmlosen. Das ist nicht selten eine Gratwanderung.

– Unterscheiden zwischen Hass / Hetze / Diffamierung einerseits, und Kritik andererseits. Kritik bezieht sich auf konkrete Sachverhalte, Äusserungen oder Handlungen. Sie basiert auf Argumenten. Kritik ist wichtig und muss erlaubt sein. Sie ist unerlässlich in einem demokratischen Gesellschaftsmodell. Hass / Hetze / Diffamierung dagegen pauschalisiert, zielt auf die Person oder auf Personengruppen.

– Propaganda-Strategien durchschauen lernen. Wie überprüft man Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt?

– Unterscheiden lernen: Wie weit geht die Meinungsäusserungsfreiheit – und wo endet sie?

– Hasspropaganda kann jeden und jede treffen. Es gibt zum Beispiel Islamhasser, Hass von Islamisten gegen „Ungläubige“, Hass gegen Homosexuelle, Übergewichtige, gegen besonders „schöne“ oder „hässliche“ Menschen…………Das Engagement gegen Hasspropaganda ist deshalb umfassend und lässt sich nicht von einer bestimmten Position vereinnahmen.

– Gegenseitiger Hass hängt sehr viel stärker zusammen, als es den Beteiligten klar ist. Islamhasser und Islamisten brauchen sich, fördern sich gegenseitig und spielen sich in die Hände. Darum kann man Islamisten nicht mit Islamhass bekämpfen und Islamhass nicht durch Islamismus. Es braucht unabhängiges Engagement gegen Hasspropaganda.

 

Mögliche Aktivitäten gegen Hasspropaganda

– Counterspeech: Bei der Counter Speech geht man bewusst auf Redewendungen ein, die Ressentiments und Vorurteile enthalten: nicht durch Polemik, sondern durch unaufgeregte und klare Argumentation, die den diskriminierenden Post ins Leere laufen lässt. Counterspeech kann auch der Stärkung von Minderheiten dienen, weil diesen damit öffentlich gezeigt wird: »Ihr seid nicht alleine.« Guter Counterspeech will gelernt sein. Vernetzung und Erfahrungsaustausch sind dazu nützlich. Die Forderung nach Counterspeech ist allerdings bequem für die Social Media Plattformen. Counterspeech hält die Leute auf der Plattform und Twitter, Facebook & Co. können sich um ihre Veranwortung drücken. Die User erledigen die „Putzarbeit“ auf der Plattform, die eigentlich die Plattform-Firmen erledigen müssten. Daher ist neben gutem Counterspeech auch wichtig:

 

– Druck machen auf die Social Media Plattformen, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen (Rasche Löschung von Hass, Diffamierung, Drohung; Algorithmen überarbeiten, damit sie nicht Hass, Drohung, Diffamierung begünstigen).

 

– Hasspropaganda im Internet auffinden und an die entsprechenden Stellen melden (Social Media Plattformen, http://www.hass-im-netz.info, Gericht).

 

– Gegen Hasspropaganda sensibilisieren in Schulen, Betrieben etc.

 

– Möglichkeiten suchen und aufbauen, um Opfer von Hasspropaganda zu unterstützen.

 

Links gegen Hasspropaganda:

 

– Die Facebook-Gruppe #ichbinhier wirkt aktiv Hasskommentaren entgegen und steht für eine Diskussionskultur, die auf Argumenten basiert – nicht auf Gerüchten und Beleidigungen.

 

http://www.stoppt-hasspropaganda.de

 

http://www.mimikama.at (Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch)

 

https://no-hate-speech.de

 

http://hasspropaganda.tumblr.com (Seite von Martin Koradi)

 

http://www.stopfake.org/de/start/ (widerlegt russsiche Fake News zur Ukraine).

 

http://www.solidaritystorm.at/index

 

Zitat von Heinz Kleger zum Thema Einschüchterung:

«Bei solchen Fragen der Einschüchterung und Gewalt geht es nicht um Kompromisse. Abgesehen von faulen Kompromissen sind verhandelte Kompromisse meistens gut, zumindest sind sie legitim. Bei Gewalt- und Einschüchterungsfragen geht es dagegen um weit mehr, nämlich um Legitimitätskonzessionen und die sind immer schlecht, wenn es um Demokratie geht. Jeder sollte ohne Angst zu Wort kommen können. Einschüchterung und Gewalt sind nicht nur zu verachten, sondern offen zu bekämpfen. Entscheidend ist, dass es eine sichtbare Gegenwehr gibt.

Dies gilt insbesondere für eine Hasspropaganda, die zu Gewalt führt. Eine Politik des Hasses und der Gewalt lässt sich mit Demokratie nicht vereinbaren („not in my name“). Viel zu oft nehmen wir sie passiv hin, was kein Ausdruck demokratischer Tugendethik ist, sondern der Anfang vom Ende: Die lauten Minderheiten gewinnen dann über die stillen Mehrheiten, im Kleinen wie im Grossen. Gesellschaftliche Mehrheitsverhältnisse werden umgedreht. Toleranz und Entschiedenheit schliessen sich jedoch nicht aus, im Gegenteil. Es ist wichtig, frühzeitig, klug, breit und originell (in Verbindung mit den neuen Techniken, Künsten und den Lebenswelten heutiger Jugendlicher) gegen eine Politik des Hasses vorzugehen. Über und mit der Toleranz steht die Übung der Urteilsfähigkeit. Zu den kleinen Schritten der Aufklärung als Prozess gehört die Überprüfung der Informationen, um nicht Mitläufer zu werden („erst prüfen, dann teilen“).»

Quelle: Tugendethik ohne Tugendterror, Heinz Kleger, Verlag Books on Demand, 2015, Seite 89. Heinz Kleger ist Politikwissenschaftler in Potsdam.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Für den konstruktiven Weg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Was ist Populismus? Und was nicht? (eine Zusammenfassung des Buchs „Was ist Populismus“ von Jan-Werner Müller).

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist eine fulminante Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie, die heute wieder weltweit unter Druck steht.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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US-Studie belegt: Preise für moderne Krebstherapien sind zu hoch angesetzt

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Moderne Krebstherapien können pro Patient zum Teil Hunderttausende Euro kosten.

US-Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, ob derart hohe Preise gerechtfertigt sind. Sie konnten mit einer Studie belegen, dass die Entwicklung neuer Krebsmedikamente keineswegs so kostspielig ist wie von der Industrie behauptet wird, und dass die Entwicklungskosten relativ rasch wieder eingespielt werden.

Ende August wurde die Zulassung einer neuartigen Krebstherapie durch die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) vielfach mit enthusiastischen Worten kommentiert – zum Beispiel als Beginn einer neuen Ära in der Onkologie.

„Kymriah“, so heisst die vom Konzern Novartis entwickelten Krebstherapie, verwendet im Gegensatz zu bisherigen Ansätzen ein „lebendiges Medikament“, nämlich gentechnisch modifizierte T-Zellen, die im Körper des Patienten Jagd auf Tumorzellen machen. Das funktioniert offenbar, wie klinische Studien zeigen, insbesondere bei Leukämie und Lymphdrüsenkrebs bestens, möglicherweise auch bei ganz anderen Tumorarten wie Brustkrebs, Eierstockkrebs und Lungenkrebs.

Kymriah läutet allerdings auch in finanzieller Hinsicht eine neue Ära ein.

Eine Injektion mit den genetisch maßgeschneiderten T-Zellen ist zum stolzen Preis von 470.000 US-Dollar zu haben. Novartis-Chef Joseph Jimenez kommentierte die Preisgestaltung kühl mit den Worten: „Hätten wir nicht investiert, bliebe dem Patienten keine Wahl.“

Widerspruch kam von der US-Patientenorganisation „Patients for Affordable Drugs“. Sie bezeichnete die Therapiekosten als „exzessiv“ und verwies auf die staatlichen Förderungen in der Größenordnung von 200 Millionen US-Dollar, die Novartis für die Entwicklung der Therapie bekommen habe.

Der Vorgang wiederholt sich bei Zulassung neuer Medikamente in den USA und in Europa ein ums andere Mal. Wenn die staatlichen Gesundheitssysteme unter der Last steigender Ausgaben an ihr Limit geraten, antworten die Pharmakonzerne immer mit den gleichen Argumenten: Die zum Teil exorbitanten Preise für neue Medikamente und Therapien seien nötig, um den grossen Entwicklungsaufwand zu decken. Lägen die Preise tiefer, würde das Innovationen abwürgen. Die Entwicklung moderner Behandlungverfahren wäre dann unrentabel und damit schlicht nicht möglich.

Kosten rasch eingespielt

Wissenschaftler um Sham Mailankody vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York haben nun untersucht, ob dieses Argument eine solide Basis hat. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Argumente der Pharmakonzerne zumindest im Bereich der Krebsforschung nicht überzeugend sind.

Zwar liegen die Entwicklungskosten, wenn auch die Fehlschläge mitgerechnet werden, im Bereich von mehreren hundert Millionen Dollar. Die Einnahmen aus dem Medikamentenverkauf kompensieren das aber meist innerhalb weniger Jahre. Verglichen mit den Gewinnen ist das Investment daher klein. Aufgrund dieser Resultate sehen die Autoren der Studie keine Gefahr, dass eine moderatere Preisgestaltung den medizinischen Fortschritt gefährden würde.

Mailankody hat für seine Studie zehn Krebsmedikamente unter die Lupe genommen. Zu den zehn Auserwählten gehörte auch der monoklonale Antikörper Eculizumab, mit Jahrestherapiekosten von bis zu 600.000 Euro eines der teuersten Medikamente der Welt. Die untersuchten Präparate stammen allesamt von kleinen Pharmafirmen, weil die Innovationen in der Branche heutzutage meistens dort ihren Ursprung haben. Die Grosskonzerne verlegen sich zusehends auf das Einverleiben von Start-ups. 70 Prozent der neuen Produkte gelangen laut „Wall Street Journal“ inzwischen auf diesem Weg auf den Markt.

Mailankody liefert im Fachblatt „JAMA Internal Medicine“ Durchschnittswerte: Danach dauerte die Entwicklung der analysierten Krebsmittel im Schnitt 7,3 Jahre, die Kosten betrugen 648 Millionen Dollar. Bis Jahresende 2016 standen dem Einnahmen von 6,7 Milliarden Dollar pro Medikament gegenüber.

Ob die gegenwärtigen Preise für Therapien gerechtfertigt sind oder nicht – diese Frage könne die Ärzteschaft nicht beantworten, sagt Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe. Das zu entscheiden sei vielmehr Sache der Politik beziehungsweise der Gesellschaft. Ihn überrascht in diesem Zusammenhang, dass es in der Welt enorme Unterschiede gibt: „Medikamente sind in den USA mitunter doppelt so teuer wie in Europa. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist.“

Therapien, die nur Reichen zu Verfügung stehen, seien keine Option für die Solidargemeinschaft, sagt Sevelda, und weißt darauf hin, dass dies den ethischen Prinzipien ärztlichen Handelns widersprechen würde.

Der Medizinjournalist Merrill Goozner schreibt in einem Kommentar zur Studie:

„Die Politik kann die Preise für Medikamente beschränken – und muss sich keine Sorgen machen, dass sie mit diesem Schritt Innovation abwürgen würde.“

 

Quelle:

http://science.orf.at/stories/2865794/

Studie:

„Research and Development Spending to Bring a Single Cancer Drug to Market and Revenues After Approval“, JAMA Internal Medicine, 11.9.2017

http://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2653012

Kommentar & Ergänzung:

Die Pharmakonzerne tun sich mit solchen Preisexzessen auf die Länge nichts Gutes, weil sie damit ihren Ruf ruinieren und allerlei Verschwörungstheorien betreffend „Bigpharma“ Auftrieb verschaffen. Solche Feindbilder und Verschwörungstheorien gegenüber der Pharmaindustrie sind kontraproduktiv, unter anderem weil sie in der Regel sehr pauschal bleiben. Die oben geschilderte Thematik zeigt aber, dass Kritik an ganz bestimmten Punkten sehr angebracht ist. Kritik muss Missstände möglichst präzis benennen: Wer hat wann, was gemacht oder unterlassen……..

Die Studie von Sham Mailankody erfüllt meinem Eindruck nach diese Ansprüche und kann deshalb als vorzügliche Kritik gelten.

Bürgerinnen und Bürger sollten wo immer möglich den staatlichen Behörden in den Preisverhandlungen mit den Pharmakonzernen den Rücken stärken.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Nobelpreisträger Randy Schekman: Kritik am Wissenschaftsbetrieb

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Ich bin kein Wissenschaftsfeind – im Gegenteil. Wer wissenschaftliche Argumente ignoriert, kann sich nur an Werbung und Propaganda orientieren. Dann setzt sich durch, wer mehr Geld hat und damit lauter schreien kann in der Öffentlichkeit. Das ist ungesund und absurd.

Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Kritikpunkten am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb.

Ernstzunehmende Kritik sollte nicht pauschal herumschwadronieren, sondern möglichst genau Fehlentwicklungen und Schwachpunkte benennen.

Holger Dambeck hat auf Spiegel online ein lesenswertes Interview mit dem Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman geführt, der präzis auf fragwürdige Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb hinweist.

Schekman attestiert der Wissenschaft ein Qualitätsproblem und kritisiert im Interview namhafte Wissenschaftsjournals wie „Nature“, „Science“ und „Cell“, die der Wissenschaft seiner Meinung nach schaden:

„Diese Magazine suchen Studien, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Das ist logisch, denn sie wollen Hefte verkaufen. Aber es verzerrt die wissenschaftliche Arbeit. Junge Forscher glauben, sie müssten auf Gebieten arbeiten, auf denen sie eine Sensation kreieren können. Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird…….. Der Druck, in renommierten Magazinen veröffentlichen zu müssen, führt auch dazu, dass Wissenschaftler betrügen. Spektakuläre Ergebnisse erhöhen die Chancen, dass eine Studie zur Veröffentlichung angenommen wird.“

Als Beispiel geht Schekman auf die Andrew-Wakefield-Studie ein, die 1998 in „Lancet“ erschienen war und behauptete, eine Impfung könne Autismus auslösen.:

„Das war extrem schädlich.“

Der Interviewer Dambeck verweist dann auf den Peer Review, die Prüfung von Fachartikeln vor der Veröffentlichung durch Kollegen, der so etwas doch verhindern sollte.

Schekman geht darauf konkreter auf die Andrew-Wakefield-Studie ein:

„Bei der Wakefield-Studie hat die Begutachtung zwar funktioniert, aber nichts bewirkt. Ich habe von einem damaligen „Lancet“-Mitarbeiter erfahren, dass das Paper von allen Gutachtern kritisiert worden war, die am Peer Review beteiligt waren. Auch die Redakteure von „Lancet“ kritisierten Wakefields Arbeit. Aber aus der Chefetage hieß es, das ist eine sensationelle Geschichte, wir sollten sie veröffentlichen. Später stellte sich heraus: Das Ganze war Betrug, Wakefield verlor seine Zulassung. Schauen Sie sich an, welchen Schaden dieses aus Sensationslust veröffentlichte Paper angerichtet hat. Bis heute glauben Leute, Impfungen könnten Autismus auslösen.“

Fehlende Reproduzierbarkeit

Danach gefragt, ob von seiner Kritik einzelne Fachrichtungen besonders betroffen seien, antwortet Schekman:

„Ja, die biomedizinische Forschung. Wir können viele veröffentlichte Studien nicht reproduzieren, also die Ergebnisse in einem neuen Experiment wiederholen.“

Das ist eine alarmierende Aussage. Reproduzierbarkeit ist eine zentrale Forderung an die wissenschaftliche Forschung. Eine durchgeführte Studie muss von anderen Wissenschaftlern mit dem gleichen Resultat wiederholt werden können, wenn sie genau gleich durchgeführt wird. Fehlende Reproduzierbarkeit stellt Forschung fundamental in Frage.

Schekman kritisiert auch den Impact-Faktor, mit dem erfasst, wie häufig Artikel eines Magazins zitiert werden, und mit dem wissenschaftliche Bedeutung messbar gemacht werden soll:

„Der Impact Factor ist eine komplett falsche Messmethode. Aus mehreren Gründen. Zuerst: Die Zahl wird über einen Zeitraum von nur zwei Jahren ermittelt. Zwei Jahre – das ist ein in der Wissenschaft lächerlich kurzer Zeitraum. Deshalb wollen die Magazine besonders schillernde Artikel veröffentlichen. Zweitens: Die Zahl ist ein ganz normaler Mittelwert über alle Zitierungen sämtlicher Artikel eines Fachblatts. Sortiert man die Artikel nach der Anzahl der Zitate, erhält man einige wenige mit besonders vielen und sehr viele mit sehr wenigen Zitaten.“

Wenn Fachmagazine gierig sind nach besonders schillernden Artikeln, dann ist Verzerrung vorprogrammiert. Die reine Reproduktion einer bereits veröffentlichten Studie wird dadurch wegen fehlendem Neuigkeitswert unattraktiv für eine Publikation.

Abschliessend fragt Spiegel online:

„Glauben Sie, dass Wissenschaftler eines Tages aufhören, sensationell klingende Studien zu verfassen und nach Impact Faktoren und renommierten Magazinen zu schielen?“

Antwort Schekman:

„Wir müssen den Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen ändern. Das erzähle ich auch überall, wenn ich Vorträge halte oder befragt werde. Ich versuche, vor allem die Geldgeber zu überzeugen, die über die Forschungsförderung und Stipendien entscheiden. Wenn sie verstehen, dass sie nach anderen Kriterien entscheiden müssen, dann wird sich viel ändern. Da bin ich ganz optimistisch.“

Quelle:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/nobelpreistraeger-randy-schekman-kritisiert-science-und-nature-a-1154483.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein weiterer kritischer Punkt im Wissenschaftsbetrieb ist das Verschweigen negativer Studienresultate bei neuen Medikamenten (publication bias).

Studienresultate werden gern publiziert, wenn sie einen günstigen Einfluss zeigen und ebenso gern verschwiegen, wenn sie der Vermarktung abträglich sind. Das machen im Übrigen nicht nur klassische Pharmakonzerne, sondern genauso die Hersteller von Präparaten der sogenannten Komplementärmedizin (Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff)

Zu Kritikpunkten der Pharmaforschung siehe:

Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Medizinische Forschung: Petition fordert volle Transparenz

Pharmaforschung verheimlichte Interessenkonflikte in Meta-Analysen

Pharmastudien glänzen häufiger mit günstigem Resultat

Unsinnig und unnötig sind pauschale Feindbilder gegenüber der Wissenschaft, wie leider auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin allzu oft gepflegt werden. Aber detaillierte, präzise Kritik an konkreten Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb ist sehr wichtig.

Die im Interview erwähnte Geschichte rund um die Andrew-Wakefield-Studie ist im Übrigen ein absolutes Desaster. Der von Andrew Wakefield im Jahr 1998 im renomierten Fachmagazin The Lancet publizierte Artikel unterstellte fälschlicherweise einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (gegen Mumps, Masern, Röteln) und der Entstehung von Autismus.

Obwohl der Artikel wegen gravierenden Fehlern von The Lancet im Jahr 2010 zurückgezogen wurde und inzwischen mehrfach belegt werden konnte, dass MMR-Impfungen nicht ursächlich für Autismus verantwortlich sind, wird die Behauptung, dass Impfungen Autismus auslösen, von fundamentalistischen Impfgegnern immer noch weiter verbreitet. Siehe Artikel zu Andrew Wakefield auf Psiram.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Test zeigt grosse Unterschiede in der Qualität von Ernährungsberatung

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Ernährungsberatung ist sehr gefragt, doch die Qualität lässt nicht selten zu wünschen übrig.

Zu diesem Schluss kam ein Test des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) in Wien. Zwei Testpersonen überprüften 16 Wiener Anbieter.

Die Testpersonen wurden nur von drei Anbietern sehr gut beraten. Ihre Ernährungsempfehlungen entsprachen in beiden Szenarien dem Stand der Wissenschaft, berichtete der VKI.

Fünfmal beurteilten die Fachleute die Beratung mit „gut“, dreimal mit „weniger zufriedenstellend“ und fünfmal mit „nicht zufriedenstellend“.

Der VKI kritisiert, dass teilweise abstruse Ernährungsempfehlungen abgegeben wurden.

So meinten zum Beispiel einige Ernährungsberater, Obst und Gemüse solle besser nicht zu spät am Abend oder dann nur in geringen Mengen gegessen werden, da sonst Leberschäden drohen könnten. Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Etliche Berater rieten zum Verzicht auf Weizen und Gluten. Gluten, ein Klebereiweiss in Getreide, sei als ‚eines der schlimmsten Lebensmittel überhaupt’ dargestellt worden und von Weizen wurde behauptet, dass er den Darm „verkleben und verschlacken“ soll. Außerdem erfuhren die staunenden Testerpersonen, dass „die meisten Menschen heute auf Weizen schlecht reagieren, da dieser so verändert ist“. Die Konsumentenschützer kritisieren, dass zuerst ärztlich abgeklärt werden müsse, ob überhaupt eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten vorliege, bevor zum Verzicht auf Gluten geraten wird.

Auch die Bildung von „Schlacken“ im Körper war in einigen der getesteten Ernährungsberatungen ein Thema. Solche vermeintlichen Rückstände aus dem Stoffwechsel seien jedoch im Körper nicht nachweisbar. Kritik äusserte der VKI weiters an „nutzlosen Testverfahren“ wie Bioresonanz oder Autonome Regulations-Testung, die zum Feststellen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten vollkommen ungeeignet seien.

Quelle:

http://derstandard.at/2000063393576/Test-Wiener-Ernaehrungsberater-zwischen-sehr-gut-und-abstrus

https://www.konsument.at/ernaehrungsberatung092017

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Test fand zwar in Wien statt, doch dürfte das Ergebnis in der Schweiz sehr ähnlich aussehen. Ernährungsberater und Ernährungsberaterin sind keine geschützen Titel. So kann sich jede und jeder nennen. Dadurch müssen Patientinnen und Patienten mit sehr grossen Qualitätsunterschieden rechnen. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass Ernährung inwischen mehr und mehr zu einer Art von Religionsersatz und Heilsbringer geworden ist.

In der Schweiz gibt es den gesetzlich geschützten Titel „Ernährungsberaterin/Ernährungsberater SVDE“. Er garantiert für eine wissenschaftlich fundierte und praktisch erprobte ernährungsberaterische und ernährungstherapeutische Ausbildung. Mehr dazu auf der Website des

Schweizerischen Verbands der Ernährungsberater/innen SVDE

Zu zwei Stichworten in den Testkäufen noch ein paar Anmerkungen:

Schlacken: Die Kritik des KVI ist nachvollziehbar. Schlacken entstehen im Hochofen. Auf den menschlichen Organismus bezogen ist der Begriff höchst fragwürdig und wohl ein Phantasieprodukt. Ich hätte jedenfalls kein Vertrauen in BeraterInnen, TherapeutInnen oder VerkäuferInnen, die mir „Schlacken“ einreden wollen.

Siehe dazu:

Schlackenstoffe ein Phantom macht Karriere

Entgiften und entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Gluten: Die Kritik des KVI ist sehr zu unterstreichen. Wer an Zöliakie leidet, muss Gluten meiden. Solche Personen leiden an einer Überempfindlichkeit gegenüber Gluten (Klebereiweiss), die zum Teil erblich bedingt ist, lebenslang bestehen bleibt und zur Zeit nicht ursächlich behandelt werden kann. Kontakt mit Gluten führt bei Zöliakie zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Weizen ist ein wichtiger Lieferant von Gluten, das aber auch in Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel und Grünkern nachgewiesen wurde. Die Häufigkeitsangaben für Zöliakie schwanken von Land zu Land beträchtlich. Es handelt sich aber um eine sehr seltene Erkrankung – etwa ein Prozent der Bevölkerung dürfte grosszügig gerechnet sein – und es ist unsinnig, wenn Menschen, die nicht an Zöliakie leiden, auf glutenfreie Nahrung umstellen. Das ist nämlich nicht nur erheblich teuerer, sondern möglicherweise für Gesunde auch ungesünder. „Glutenfrei“ ist inzwischen zu einer Art Lifestyle geworden und ein Milliardenmarkt.

Es gebe aktuell keine Hinweise, dass eine glutenfreie Ernährung einen gesundheitsfördernden Effekt hat“, sagt Daniel C. Baumgart, Oberarzt am Zentrum für Innere Medizin an der Charité in Berlin: „Wenn man keine Zöliakie hat, gibt es keinen Grund für diese nicht ganz einfach einzuhaltende Diät.“ Auch Maria Boumezrag von der Deutschen Zöliakigesellschaft (DZG) sieht das so: „Eine glutenfreie Ernährung braucht ein normaler Mensch nicht. Das wirkt sich weder positiv noch negativ aus – es ist einfach unnötig.“

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrung-in-der-glutenfrei-falle-1.2678505

Trotzdem lebt zum Beispiel jeder zehnte US-Haushalt glutenfrei und jeder vierte Amerikaner glaubt, dass Ernährung ohne Gluten für jedermann gesund sei.

Eine US-Studie, die im „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde (http://www.bmj.com/content/357/bmj.j1892) hat jedoch gezeigt, dass eine glutenfreie Kost für die Herzgesundheit keine Vorteile bringt. Möglicherweise wirkt das Weglassen von Gluten sogar ungünstig, weil viele Menschen mit dem Gluten zugleich auch ihren Vollkornkonsum reduzieren, der das Herz zu schützen scheint. Ballaststoffe aus Vollkorn sind zudem wichtig für die Darmflora, regulieren die Darmtätigkeit und lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen.

Siehe auch:

Fragwürdiger Hype um Nahrungsmittel-Unverträglichkeit

Nicht gerade einfach ist im Bereich der Ernährungsberatung, dass die Empfehlungen im Laufe der Zeit immer wieder einmal ändern. Das führt nicht selten zu Verwirrung, ist aber auch ein Stück weit charakteristisch für die Wissenschaft. Sie stellt die eigenen Erkenntnisse immer wieder kritisch auf den Prüfstand und nutzt damit die Chance, Irrtümmer aufzudecken. Nur dogmatische Lehren verkünden ewige Wahrheiten.

Erschwerend kommt für die Ernährungsberatung allerdings noch hinzu, dass die Ernährungswissenschaft oft nicht gerade eindeutige Ergebnisse liefert. Das liegt auch daran, dass es nicht einfach ist, qualitativ hochstehende und aussagekräftige Ernährungsstudien durchzuführen.

Siehe dazu:

Ernährungswissenschaft: Fragwürdige Studien stiften mehr Verwirrung als Nutzen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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