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Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

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Weltweit sind offene, liberale Demokratien unter Druck geraten durch Linkspopulismus und Rechtspopulismus, iliberale Demokratien und autokratische Regime. Karl Poppers Unterscheidung zwischen einer offenen Gesellschaft und einer Geschlosssenen Gesellschaft gibt wertvolle Anregungen zur Verteidigung der offenen, liberalen Demokratie.

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[Buchtipp] Homöopathie neu gedacht von Natalie Grams

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Verlagsbeschreibung

Die Homöopathie ist über 200 Jahre alt und erfährt auch heute noch einen ungebrochenen Zustrom. Viele Patienten und Therapeuten schwören auf die alternative Heilmethode, die mittlerweile auch von vielen Krankenkassen erstattet wird. Kritikern erscheint dies völlig unverständlich ist für sie doch längst klar, dass die Homöopathie hoffnungslos unwissenschaftlich ist und allenfalls einen Placebo-Effekt zu bieten hat. Schon seit ihrer Geburtsstunde sieht sich die Homöopathie äusserst kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Die Positionen von Befürwortern und Gegnern scheinen dabei ebenso unverrückbar wie unvereinbar. Natalie Grams zugleich naturwissenschaftliche Ärztin und offene Homöopathin geht in diesem authentischen Buch über das bisher Gesagte hinaus. Sie beantwortet spannende Fragen: Was bleibt in einer Medizin des 21. Jahrhunderts übrig von dem Gedankengebäude der Homöopathie? Wie wirkt sie wirklich? Welche Teile von Hahnemanns Theorien können wir auch heute noch guten Gewissens anwenden und zum Nutzen von Patienten und Gesundheitssystem einsetzen? Wo aber hat die Homöopathie Grenzen und muss in der Tat kritisch betrachtet und bewertet werden? Die Autorin hat sich über Jahre mit den Kritikpunkten an der Homoöpathie auseinandergesetzt, nimmt aber gleichzeitig auch die Wünsche und Sorgen ihrer Patienten ernst, die sich in der konventionellen Medizin oft nur unzureichend versorgt fühlen. Ihr Buch versucht einen (überfalligen) Brückenschlag zwischen den zwei traditionell verfeindeten Lagern.

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Zur Autorin Natalie Grams

Die Ärztin Dr. med. Natalie Grams, Jahrgang 1978, führte eine erfolgreiche homöopathische Privatpraxis in Heidelberg. Im Laufe ihrer Tätigkeit kamen ihr als Naturwissenschaftlerin jedoch Zweifel darüber, wie die Homöopathie auch heute noch guten Gewissens angewendet werden kann. Ihr Medizinstudium hat Grams in München begonnen und in Heidelberg beendet, wo sie seither mit ihrem Mann und drei Kindern lebt.

Inhaltsverzeichnis des Buches „Homöopathie neu gedacht“:

Vorwort.

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?

2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?- Gibt es die Homöopathie?- Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie.- In welcher Zeit entstand die Homöopathie?- Die homöopathische Methode – was ist anders?- Die homöopathischen Repertorien und die Materia medica.- Die homöopathische Anamnese.- Die homöopathischen Medikamente (Potenzierung).- Die homöopathische Diagnose, das Prinzip Ähnlichkeit und die homöopathische Arzneimittel-Prüfung.- Die Empfindungsmethode in der Homöopathie.

3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?- Wozu brauchen wir die Wissenschaft überhaupt?- Zur persönlichen Situation: Im Konflikt mit der Naturwissenschaft.- Geistartige Energie und fehlender Wirkstoff – das Problem der potenzierten Medikamente in der Homöopathie.- Der problematische Begriff Lebenskraft.- Die homöopathische Arzneimittelprüfung.- Ist die Homöopathie Medizin?

4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?…

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch „Homöopathie neu gedacht“ von Natalie Grams ist sehr lesenswert für alle, die sich für Homöopathie im speziellen oder für Komplementärmedizin im weiteren Sinn interessieren. Doch auch wer wissenschaftlich-medizinisch denkt, wird aus dem Buch interessante Anregungen mitnehmen können. Denn die Frage, der Natalie Grams auf den Grund geht, ist sehr relevant: Wenn homöopathische Globuli keine spezifische arzneiliche Wirkung haben – und dafür sprechen die vorliegenden Erkenntnisse aus Studien mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit – wie kommt es dann, dass viele Menschen bei verschiedensten Beschwerden durch Homöopathie Linderung erfahren? – Die Antworten auf diese Frage sind auch lehrreich für andere therapeutische Methoden und für die Medizin. Kritiker und Anhänger der Homöopathie können aus „Homöopathie neu gedacht“ interessante Erkenntnisse gewinnen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen

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Hasspropaganda und Hasskommentare im Internet vergiftet das gesellschaftliche Klima und gefährdet die offen-liberale, pluralistische, demokratische Gesellschaft. Kritik gehört zur Demokratie wie das Salz in der Suppe. Aber Hass, Einschüchterung und Drohungen sind etwas fundamental anderes als Kritik und zurückzuweisen. Reflexion und Aktion gegen Hasspropaganda ist deshalb notwendig. Dieser Beitrag liefert dazu wichtige Stichworte und fasst zu diesem Zweck insbesondere im ersten Teil das Buch von Ingrid Brodnig zusammen (Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016).

 

Sechs Faktoren, welche die Enthemmung im Internet fördern

(nach John Suler)

  1. Anonymität: Gibt Gefühl der Unverwundbarkeit.

 

  1. Unsichtbarkeit: Nonverbale Feedbacksignale fallen weg. Fehlender Augenkontakt

 

  1. Asynchronität: Kein unmittelbares Feedback auf hasserfüllte Kommentare, „Emotionale Fahrerflucht“.

 

  1. Phantasievorstellung vom Gegner gespeist von eigener Persönlichkeit.

 

  1. Trennung zwischen Online- und Offline-Charakter: Online wird nicht so ganz ernst genommen.

 

  1. Fehlende Autorität: Online-Foren sind oft kaum moderiert – Hater werden selten zur Ordnung gerufen.

 

Internet fördert Echokammern – Echokammern fördern Radikalisierung

 

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Sichtweise bestätigen.

 

Menschen aggregieren sich in Communitys mit denselben Interessen. Kaum Kontakt mit Andersdenkenden.

 

Dadurch ständige Bestätigung der eigenen Vorurteile und Verfestigung der Vorstellung, dass alle so denken, wie man selbst.

 

Aggressive Kommentare auf Facebook bekommen mehr Likes (= Bestätigung). Bekommt ein Beitrag viele Likes und Kommentare, wird er von Facebook mehr gezeigt und bekommt mehr Beachtung. Dieses Zusammenwirken menschlicher und technischer Faktoren treibt die Polarisierung im Netz voran.

 

Diese Entwicklung ist verheerend, weil Demokratie darauf aufbaut, dass wir mit anderen Meinungen konfrontiert werden.

 

Zur Typologie problematischer Internetnutzer

1. Trolle

Ihnen geht es nicht um inhaltliche Anliegen, sondern um die eigene Belustigung. Sie wollen Aufruhr erzeugen und andere Internetnutzer zur Weissglut treiben. Daraus ziehen sie ein Gefühl der Überlegenheit. Die Bandbreite des Trollens reicht von skurrilen, aber harmlosen Provokationen bis hin zu äusserst verletzendem Mobbing.

Troll-Strategien nach Claire Hardaker:

– Abschweifen in ergebnislos bleibende Richtung, was Frustration auslöst.

– Unverhältnismässige oder pedantische Kritik.

– Antipathie auslösen durch Einnahme irritierender Haltungen und Sichtweisen.

– Eine Bedrohung fingieren, die andere Nutzer alarmiert.

– Schocken durch Tabubrüche und Verletzung von Moralvorstellungen.

– Unprovozierte Aggression durch grundlose Attacken und plumpe Beleidigungen.

 

2. Glaubenskrieger

Sie sind restlos überzeugt von einer Idee, dulden keinen Widerspruch und gehen aggressiv und herabwürdigend gegen alle vor, die eine andere Sichtweise einnehmen. Mit diesen Gegnern oder Feinden wollen sie nicht diskutieren, sondern sie nur wegmobben. In Diskussionen kommen sie sehr rasch auf ihr Thema, sind dort mitteilungsbedürftig, aufdringlich und von quasi religiösem Eifer getrieben. Glaubenskrieger wähnen sich im Krieg gegen Andersdenkende. Sie heizen daher die Stimmung gezielt an, weil sie polarisieren und eine Konfrontation herbeischreiben wollen.

 

Vier Faktoren sind charakteristisch für Glaubenskrieger:

 

– Unbeirrbare Überzeugungen:

Der Glaubenskrieger beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Demensprechend ist es im ernst. Im Gegensatz zum Troll agiert er nicht aus Jux und Tollerei. Er fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit möglichst laut zu verbreiten und zeigt als „Kampfposter“ oft grosses Engagement und eindrückliche Ausdauer.

 

– Heldenmythos:

Glaubenskrieger sind überzeugt davon, dass sie besser informiert sind als andere Menschen, und dass sie eine wichtige Information verstanden haben, die ein grosser Teil der Bevölkerung noch nicht so recht einsehen will. Dabei geht es oft um eine Bedrohung, manchmal sogar um ein Komplott, das die Eliten mittragen oder zumindestens schönreden. Hier kommen häufig Verschwörungstheorien ins Spiel. Glaubenskrieger begeben sich in Fundamentalopposition zum Rest der Gesellschaft und entwerfen ein Szenario von „Wir gegen die“, bei dem eine heldenhafte Gruppe gegen die verblendete Masse ankämpft.

– Abschottung:

Glaubenskrieger sind nicht zugänglich für Fakten und Argumente, die ihrem Weltbild widersprechen. Kommen sie argumentativ gegen einen Diskussionsgegner nicht an, werfen sie ihm kurzerhand vor, zu lügen oder verblendet zu sein. Sie selbst fallen auf durch ihren unsorgfältigen Umgang mit Fakten. Sie berufen sich oft auf Quellen, die keine hohen Qualitätsansprüche haben und die oft aus derselben Szene stammen wie sie selbst. Manche Glaubenskrieger halten auch den Einsatz gezielter Lügen für ein adäquates Mittel, um ihren Standpunkt durchzusetzen und auf die vermeintliche Bedrohung hinzuweisen.

 

– Aggressive Tonalität:

Glaubenskrieger zeigen kaum Empathie gegenüber Andersdenkenden. Ihr aggressives Auftreten erfüllt zwei Aufgaben: Erstens stärkt es den Zusammenhalt durch Abgrenzung der „Eigengruppe“ von der „Fremdgruppe“. Der gemeinsame Feind vereint die Eigengruppe. Zweitens sollen Andersdenkende gezielt verunglimpft, übertönt und zum Verstummen gebracht werden. Sachliche Stimmen ziehen sich durch die ständigen Beleidigungen aus der Diskussion zurück. Andersdenkende werden bewusst so lange frustriert, bis sie gar nicht mehr das Wort ergreifen (Silencing). Die kontinuierlichen Provokationen führen manchmal dazu, dass Andersdenkende sich ebenfalls im Ton vergreifen. In den Augen der Glaubenskrieger beweist das dann, dass sie selbst die wahren Opfer sind.

 

Glaubenskrieger gibt es in vielen Varianten: Islamfeindliche, islamistische, rechtsextreme, linksextreme, antifeministische, fundamentalistisch impfkritische…..

 

Wie funktionieren Glaubenskrieger?

– Motiviertes Denken:

Die Weltsicht ist stark mitbestimmend für ihre Denkweise: „Motivated Reasoning“ (Motiviertes Denken) durch

  1. a) „Selective Exposure“ = verstärkte Suche nach Informationen, die mit den eigenen bestehenden Ansichten übereinstimmen, und
  2. b) „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler) = Aussagen eher akzeptieren, die der eigenen Weltsicht entsprechen, und
  3. c) „Disconfirmation Bias“ = Informationen eher ablehnen oder ignorieren, wenn sie der eigenen Weltsicht widersprechen.

 

– Zulaber-Technik:

In nur wenigen Sätzen unzählige Behauptungen aufstellen, was den Eindruck vermitteln soll, dass sie sich extrem gut auskennen. So rasch, wie Glaubenskrieger oft fragwürdige Behauptungen in den Raum werfen, kann ein Gegenüber sie gar nicht auf Richtigkeit überprüfen und gegebenenfalls widerlegen.

 

– Permanente Wiederholung:

Glaubenskrieger versuchen, ihre kognitiven Kurzschlüsse durch ständige Wiederholung zu verbreiten. Das Internet vervielfacht die Möglichkeiten dazu. Ständige Wiederholung von Behauptungen ist sehr wirkmächtig.

 

– Kampf um kulturelle Hegemonie:

Glaubenskrieger versuchen, digitale Diskussionsräume mit ihrer Aggression zu besetzen und damit sachliche Debatten in erhitzte Schlachtfelder zu verwandeln.

 

– Hass als Instrument zur Verhinderung von Empathie:

Durch fehlende Empathie fallen Hemmungen gegenüber den Gehassten weg, was starke Feindschaft ermöglicht und daraus folgende Spaltung in „wir“ gegen „die“.

 

– Schimpfworte und verbale Attacken:

Die konsequente Verwendung von Schimpfworten und verbalen Attacken führt zur Polarisierung und verhindert Konsensfindung, die für demokratische Gesellschaften essentiell ist.

 

– Fortlaufende Provokationen:

Durch Provokationen wird der Gegner dazu verleitet, selbst ausfällig zu werden. Gelingt das, kann sich der Glaubenskrieger als Opfer präsentieren. Statt in die Falle zu tappen und selber ausfällig zu werden: Unfaire Diskussionsstile konsequent benennen!

 

– Pochen auf „Meinungsfreiheit“ als Immunisierungsstrategie:

Glaubenskrieger missbrauchen den für demokratische Gesellschaften wichtigen Begriff der Meinungsfreiheit, klagen darüber, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und stellen sich als Opfer von Zensur dar. Sie missverstehen oder verdrehen dabei den Sinn der Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit ist jedoch kein Freibrief für Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen oder rüpelhaftes Verhalten. Sie umfasst nicht das Recht, jederzeit und überall zu Wort zu kommen und Gehör zu finden. Sie schützt auch nicht vor Kritik und In-Frage-gestellt-werden. Wie andere Grundrechte auch, ist die Meinungsfreiheit nicht grenzenlos. Sie schützt insbesondere vor Eingriffen der Behörden und staatlicher Verfolgung, wenn man Informationen oder Ideen weitergeben möchte.

 

Silencing

Mit „Silencing“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen. Ziel der Attacken: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Die Diskussionsräume im Internet sind kein egalitärer Ort. Von Silencing sind nicht alle Internet-Nutzer gleichermassen betroffen. Potenzielles Ziel von zum Teil organisierten Hasskampagnen sind alle, die sich mit Meinungen exponieren, die den Glaubenskriegern zuwider laufen, insbesondere Politikerinnen und Politiker. Frauen werden härter attackiert und persönlicher diffamiert, wobei Verunglimpfungen und Drohungen oft sexualisiert daherkommen, zum Beispiel als Vergewaltigungsdrohung.

Davon besonders betroffen sind Journalistinnen, Feministinnen und Lesben. Ein Migrationshintergrund verschärft die aggressive Tonalität der Angriffe.

 

Für demokratische Gesellschaften ist Silencing fatal, weil grosse Teile der Bevölkerung dadurch im öffentlichen Diskus unsichtbar werden.

Silencing belastet am stärksten, wenn Betroffene den Eindruck bekommen, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Solidaritätsbekundungen anderer User sind daher enorm wichtig.

 

Falschmeldungen und Lügen als Hass-Generatoren

 

Falschmeldungen und Lügen verbreiten sich im Netz wahnsinnig schnell. Sie sind oft sehr viel schockierender und emotionalisierender als Richtigstellungen und werden daher auch von mehr Menschen geliked und weitergereicht. Die höhere Rate an Likes und Shares wiederum hat zur Folge, dass der Facebook-Algorithmus Falschmeldungen gegenüber Richtigstellungen bevorzugt und sie stärker verbreitet.

Die ständigen Wiederholungen machen die Fälschungen so wirkungsvoll. Glaubenskrieger zielen mit der Verbreitung von Falschmeldungen auf die Erzeugung von Panik. Die bisher ruhige Mitte, die sich in die Debatte nicht einmischt, soll auch polarisiert werden.

 

Umgang mit Falschmeldungen:

 

– Grundsätzliche Medienkompetenz vermitteln: Meldungen zuerst prüfen, erst danach allenfalls weiterverbreiten („Zuerst denken, dann klicken“). Quellen von Meldungen prüfen (wer, was, wann, wo, wie?). Weblink: www.mimikama.at

 

Richtigstellungen sind schwierig und müssen gut formuliert sein: Sie erreichen weniger Leute und oft die falschen. Facebook praktiziert „Preaching to the Choir“: Die Botschaft wird demjenigen präsentiert, der ohnehin schon an den Inhalt glaubt. Eine flüchtlingsfeindliche Falschmeldung wird dem Flüchtlingsfeind gezeigt, die Richtigstellung eher dem Flüchtlingsfreund. Dazu kommt der „Backfire Effekt“. Der Schuss kann nach hinten losgehen: Glaubenskrieger werden durch Richtigstellung von Falschmeldungen, die ihr Weltbild bestätigen, in diesem Weltbild oft sogar bestärkt.

Korrekturen nicht als Verneinung formulieren, weil dann die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt wird. „Obama ist kein Moslem“ verfestig die Verbindung „Obama–Moslem“. Affirmation ist wirksamer: „Obama ist Christ“. Den Hintergrund der Falschmeldung erklären (wem nützt sie?). Auf häufige Widerholungen falscher Aussagen verzichten.

 

– Bei rufschädigenden Falschmeldungen: Anzeige prüfen.

 

Quelle:

Ingrid Brodig, Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016

Die bisherigen Abschnitte sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung dieses Buches. „Hass im Netz“ können Sie kaufen im Buchshop.

 

Hasspropaganda als Instrument hybrider Kriegsführung

 

Hasspropaganda im Internet wird auch eingesetzt im Rahmen hybrider Kriegsführung. Dabei handelt es sich um „eine flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den völkerrechtlich angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen.“ (Quelle: Wikipedia).

Desinformationskampagnen und Propaganda spielen im hybriden Krieg eine wichtige Rolle. Aktuelles Beispiel ist die hybride Kriegführung Russlands (Krim, Ostukraine) und die propagandistische und finanzielle Unterstützung rechtsradikaler und linksradikaler Bewegungen in Europa durch die Kremlführung.

Beispiele:

– Staatlich gelenkte russische Propagandamedien streuen Falschmeldungen über Vergewaltigung durch NATO-Soldaten in Litauen.

– Unterstützung Marine Le Pens durch Diffamierung Macrons durch „Sputnick“ (Unterstellung von verheimlichter Homosexualität).

– Der „Fall Lisa“.

– Die St. Petersburger Trollfabrik, zur Flutung von Kommentarspalten westlicher Medien mit kremlfreundlichen, EU-feindlichen, Merkel-feindlichen Statements.

– Das Donezk-Leak aus dem E-Mail-Account der Informationsministerin der prorussischen Rebellen in der Ostukraine zeigt die Propagandastrategie und den Einfluss Russlands auf den Propagandaapparat der Separatisten.

– Social-Bots-Armeen für die politische Propaganda und Desinformation.

Quelle für diesen Abschnitt:

Markus Wehner, Putins Kalter Krieg, Knauer 2016

Boris Reitschuster, Putins verdeckter Krieg, Econ 2016

 

Kernpunkte im Engagement gegen Hasspropaganda:

– Differenzieren, ohne zu verharmlosen. Das ist nicht selten eine Gratwanderung.

– Unterscheiden zwischen Hass / Hetze / Diffamierung einerseits, und Kritik andererseits. Kritik bezieht sich auf konkrete Sachverhalte, Äusserungen oder Handlungen. Sie basiert auf Argumenten. Kritik ist wichtig und muss erlaubt sein. Sie ist unerlässlich in einem demokratischen Gesellschaftsmodell. Hass / Hetze / Diffamierung dagegen pauschalisiert, zielt auf die Person oder auf Personengruppen.

– Propaganda-Strategien durchschauen lernen. Wie überprüft man Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt?

– Unterscheiden lernen: Wie weit geht die Meinungsäusserungsfreiheit – und wo endet sie?

– Hasspropaganda kann jeden und jede treffen. Es gibt zum Beispiel Islamhasser, Hass von Islamisten gegen „Ungläubige“, Hass gegen Homosexuelle, Übergewichtige, gegen besonders „schöne“ oder „hässliche“ Menschen…………Das Engagement gegen Hasspropaganda ist deshalb umfassend und lässt sich nicht von einer bestimmten Position vereinnahmen.

– Gegenseitiger Hass hängt sehr viel stärker zusammen, als es den Beteiligten klar ist. Islamhasser und Islamisten brauchen sich, fördern sich gegenseitig und spielen sich in die Hände. Darum kann man Islamisten nicht mit Islamhass bekämpfen und Islamhass nicht durch Islamismus. Es braucht unabhängiges Engagement gegen Hasspropaganda.

 

Mögliche Aktivitäten gegen Hasspropaganda

– Counterspeech: Bei der Counter Speech geht man bewusst auf Redewendungen ein, die Ressentiments und Vorurteile enthalten: nicht durch Polemik, sondern durch unaufgeregte und klare Argumentation, die den diskriminierenden Post ins Leere laufen lässt. Counterspeech kann auch der Stärkung von Minderheiten dienen, weil diesen damit öffentlich gezeigt wird: »Ihr seid nicht alleine.« Guter Counterspeech will gelernt sein. Vernetzung und Erfahrungsaustausch sind dazu nützlich. Die Forderung nach Counterspeech ist allerdings bequem für die Social Media Plattformen. Counterspeech hält die Leute auf der Plattform und Twitter, Facebook & Co. können sich um ihre Veranwortung drücken. Die User erledigen die „Putzarbeit“ auf der Plattform, die eigentlich die Plattform-Firmen erledigen müssten. Daher ist neben gutem Counterspeech auch wichtig:

 

– Druck machen auf die Social Media Plattformen, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen (Rasche Löschung von Hass, Diffamierung, Drohung; Algorithmen überarbeiten, damit sie nicht Hass, Drohung, Diffamierung begünstigen).

 

– Hasspropaganda im Internet auffinden und an die entsprechenden Stellen melden (Social Media Plattformen, http://www.hass-im-netz.info, Gericht).

 

– Gegen Hasspropaganda sensibilisieren in Schulen, Betrieben etc.

 

– Möglichkeiten suchen und aufbauen, um Opfer von Hasspropaganda zu unterstützen.

 

Links gegen Hasspropaganda:

 

– Die Facebook-Gruppe #ichbinhier wirkt aktiv Hasskommentaren entgegen und steht für eine Diskussionskultur, die auf Argumenten basiert – nicht auf Gerüchten und Beleidigungen.

 

http://www.stoppt-hasspropaganda.de

 

http://www.mimikama.at (Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch)

 

https://no-hate-speech.de

 

http://hasspropaganda.tumblr.com (Seite von Martin Koradi)

 

http://www.stopfake.org/de/start/ (widerlegt russsiche Fake News zur Ukraine).

 

http://www.solidaritystorm.at/index

 

Zitat von Heinz Kleger zum Thema Einschüchterung:

«Bei solchen Fragen der Einschüchterung und Gewalt geht es nicht um Kompromisse. Abgesehen von faulen Kompromissen sind verhandelte Kompromisse meistens gut, zumindest sind sie legitim. Bei Gewalt- und Einschüchterungsfragen geht es dagegen um weit mehr, nämlich um Legitimitätskonzessionen und die sind immer schlecht, wenn es um Demokratie geht. Jeder sollte ohne Angst zu Wort kommen können. Einschüchterung und Gewalt sind nicht nur zu verachten, sondern offen zu bekämpfen. Entscheidend ist, dass es eine sichtbare Gegenwehr gibt.

Dies gilt insbesondere für eine Hasspropaganda, die zu Gewalt führt. Eine Politik des Hasses und der Gewalt lässt sich mit Demokratie nicht vereinbaren („not in my name“). Viel zu oft nehmen wir sie passiv hin, was kein Ausdruck demokratischer Tugendethik ist, sondern der Anfang vom Ende: Die lauten Minderheiten gewinnen dann über die stillen Mehrheiten, im Kleinen wie im Grossen. Gesellschaftliche Mehrheitsverhältnisse werden umgedreht. Toleranz und Entschiedenheit schliessen sich jedoch nicht aus, im Gegenteil. Es ist wichtig, frühzeitig, klug, breit und originell (in Verbindung mit den neuen Techniken, Künsten und den Lebenswelten heutiger Jugendlicher) gegen eine Politik des Hasses vorzugehen. Über und mit der Toleranz steht die Übung der Urteilsfähigkeit. Zu den kleinen Schritten der Aufklärung als Prozess gehört die Überprüfung der Informationen, um nicht Mitläufer zu werden („erst prüfen, dann teilen“).»

Quelle: Tugendethik ohne Tugendterror, Heinz Kleger, Verlag Books on Demand, 2015, Seite 89. Heinz Kleger ist Politikwissenschaftler in Potsdam.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Für den konstruktiven Weg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Was ist Populismus? Und was nicht? (eine Zusammenfassung des Buchs „Was ist Populismus“ von Jan-Werner Müller).

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist eine fulminante Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie, die heute wieder weltweit unter Druck steht.

 

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US-Studie belegt: Preise für moderne Krebstherapien sind zu hoch angesetzt

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Moderne Krebstherapien können pro Patient zum Teil Hunderttausende Euro kosten.

US-Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, ob derart hohe Preise gerechtfertigt sind. Sie konnten mit einer Studie belegen, dass die Entwicklung neuer Krebsmedikamente keineswegs so kostspielig ist wie von der Industrie behauptet wird, und dass die Entwicklungskosten relativ rasch wieder eingespielt werden.

Ende August wurde die Zulassung einer neuartigen Krebstherapie durch die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) vielfach mit enthusiastischen Worten kommentiert – zum Beispiel als Beginn einer neuen Ära in der Onkologie.

„Kymriah“, so heisst die vom Konzern Novartis entwickelten Krebstherapie, verwendet im Gegensatz zu bisherigen Ansätzen ein „lebendiges Medikament“, nämlich gentechnisch modifizierte T-Zellen, die im Körper des Patienten Jagd auf Tumorzellen machen. Das funktioniert offenbar, wie klinische Studien zeigen, insbesondere bei Leukämie und Lymphdrüsenkrebs bestens, möglicherweise auch bei ganz anderen Tumorarten wie Brustkrebs, Eierstockkrebs und Lungenkrebs.

Kymriah läutet allerdings auch in finanzieller Hinsicht eine neue Ära ein.

Eine Injektion mit den genetisch maßgeschneiderten T-Zellen ist zum stolzen Preis von 470.000 US-Dollar zu haben. Novartis-Chef Joseph Jimenez kommentierte die Preisgestaltung kühl mit den Worten: „Hätten wir nicht investiert, bliebe dem Patienten keine Wahl.“

Widerspruch kam von der US-Patientenorganisation „Patients for Affordable Drugs“. Sie bezeichnete die Therapiekosten als „exzessiv“ und verwies auf die staatlichen Förderungen in der Größenordnung von 200 Millionen US-Dollar, die Novartis für die Entwicklung der Therapie bekommen habe.

Der Vorgang wiederholt sich bei Zulassung neuer Medikamente in den USA und in Europa ein ums andere Mal. Wenn die staatlichen Gesundheitssysteme unter der Last steigender Ausgaben an ihr Limit geraten, antworten die Pharmakonzerne immer mit den gleichen Argumenten: Die zum Teil exorbitanten Preise für neue Medikamente und Therapien seien nötig, um den grossen Entwicklungsaufwand zu decken. Lägen die Preise tiefer, würde das Innovationen abwürgen. Die Entwicklung moderner Behandlungverfahren wäre dann unrentabel und damit schlicht nicht möglich.

Kosten rasch eingespielt

Wissenschaftler um Sham Mailankody vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York haben nun untersucht, ob dieses Argument eine solide Basis hat. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Argumente der Pharmakonzerne zumindest im Bereich der Krebsforschung nicht überzeugend sind.

Zwar liegen die Entwicklungskosten, wenn auch die Fehlschläge mitgerechnet werden, im Bereich von mehreren hundert Millionen Dollar. Die Einnahmen aus dem Medikamentenverkauf kompensieren das aber meist innerhalb weniger Jahre. Verglichen mit den Gewinnen ist das Investment daher klein. Aufgrund dieser Resultate sehen die Autoren der Studie keine Gefahr, dass eine moderatere Preisgestaltung den medizinischen Fortschritt gefährden würde.

Mailankody hat für seine Studie zehn Krebsmedikamente unter die Lupe genommen. Zu den zehn Auserwählten gehörte auch der monoklonale Antikörper Eculizumab, mit Jahrestherapiekosten von bis zu 600.000 Euro eines der teuersten Medikamente der Welt. Die untersuchten Präparate stammen allesamt von kleinen Pharmafirmen, weil die Innovationen in der Branche heutzutage meistens dort ihren Ursprung haben. Die Grosskonzerne verlegen sich zusehends auf das Einverleiben von Start-ups. 70 Prozent der neuen Produkte gelangen laut „Wall Street Journal“ inzwischen auf diesem Weg auf den Markt.

Mailankody liefert im Fachblatt „JAMA Internal Medicine“ Durchschnittswerte: Danach dauerte die Entwicklung der analysierten Krebsmittel im Schnitt 7,3 Jahre, die Kosten betrugen 648 Millionen Dollar. Bis Jahresende 2016 standen dem Einnahmen von 6,7 Milliarden Dollar pro Medikament gegenüber.

Ob die gegenwärtigen Preise für Therapien gerechtfertigt sind oder nicht – diese Frage könne die Ärzteschaft nicht beantworten, sagt Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe. Das zu entscheiden sei vielmehr Sache der Politik beziehungsweise der Gesellschaft. Ihn überrascht in diesem Zusammenhang, dass es in der Welt enorme Unterschiede gibt: „Medikamente sind in den USA mitunter doppelt so teuer wie in Europa. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist.“

Therapien, die nur Reichen zu Verfügung stehen, seien keine Option für die Solidargemeinschaft, sagt Sevelda, und weißt darauf hin, dass dies den ethischen Prinzipien ärztlichen Handelns widersprechen würde.

Der Medizinjournalist Merrill Goozner schreibt in einem Kommentar zur Studie:

„Die Politik kann die Preise für Medikamente beschränken – und muss sich keine Sorgen machen, dass sie mit diesem Schritt Innovation abwürgen würde.“

 

Quelle:

http://science.orf.at/stories/2865794/

Studie:

„Research and Development Spending to Bring a Single Cancer Drug to Market and Revenues After Approval“, JAMA Internal Medicine, 11.9.2017

http://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2653012

Kommentar & Ergänzung:

Die Pharmakonzerne tun sich mit solchen Preisexzessen auf die Länge nichts Gutes, weil sie damit ihren Ruf ruinieren und allerlei Verschwörungstheorien betreffend „Bigpharma“ Auftrieb verschaffen. Solche Feindbilder und Verschwörungstheorien gegenüber der Pharmaindustrie sind kontraproduktiv, unter anderem weil sie in der Regel sehr pauschal bleiben. Die oben geschilderte Thematik zeigt aber, dass Kritik an ganz bestimmten Punkten sehr angebracht ist. Kritik muss Missstände möglichst präzis benennen: Wer hat wann, was gemacht oder unterlassen……..

Die Studie von Sham Mailankody erfüllt meinem Eindruck nach diese Ansprüche und kann deshalb als vorzügliche Kritik gelten.

Bürgerinnen und Bürger sollten wo immer möglich den staatlichen Behörden in den Preisverhandlungen mit den Pharmakonzernen den Rücken stärken.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Nobelpreisträger Randy Schekman: Kritik am Wissenschaftsbetrieb

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Ich bin kein Wissenschaftsfeind – im Gegenteil. Wer wissenschaftliche Argumente ignoriert, kann sich nur an Werbung und Propaganda orientieren. Dann setzt sich durch, wer mehr Geld hat und damit lauter schreien kann in der Öffentlichkeit. Das ist ungesund und absurd.

Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Kritikpunkten am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb.

Ernstzunehmende Kritik sollte nicht pauschal herumschwadronieren, sondern möglichst genau Fehlentwicklungen und Schwachpunkte benennen.

Holger Dambeck hat auf Spiegel online ein lesenswertes Interview mit dem Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman geführt, der präzis auf fragwürdige Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb hinweist.

Schekman attestiert der Wissenschaft ein Qualitätsproblem und kritisiert im Interview namhafte Wissenschaftsjournals wie „Nature“, „Science“ und „Cell“, die der Wissenschaft seiner Meinung nach schaden:

„Diese Magazine suchen Studien, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Das ist logisch, denn sie wollen Hefte verkaufen. Aber es verzerrt die wissenschaftliche Arbeit. Junge Forscher glauben, sie müssten auf Gebieten arbeiten, auf denen sie eine Sensation kreieren können. Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird…….. Der Druck, in renommierten Magazinen veröffentlichen zu müssen, führt auch dazu, dass Wissenschaftler betrügen. Spektakuläre Ergebnisse erhöhen die Chancen, dass eine Studie zur Veröffentlichung angenommen wird.“

Als Beispiel geht Schekman auf die Andrew-Wakefield-Studie ein, die 1998 in „Lancet“ erschienen war und behauptete, eine Impfung könne Autismus auslösen.:

„Das war extrem schädlich.“

Der Interviewer Dambeck verweist dann auf den Peer Review, die Prüfung von Fachartikeln vor der Veröffentlichung durch Kollegen, der so etwas doch verhindern sollte.

Schekman geht darauf konkreter auf die Andrew-Wakefield-Studie ein:

„Bei der Wakefield-Studie hat die Begutachtung zwar funktioniert, aber nichts bewirkt. Ich habe von einem damaligen „Lancet“-Mitarbeiter erfahren, dass das Paper von allen Gutachtern kritisiert worden war, die am Peer Review beteiligt waren. Auch die Redakteure von „Lancet“ kritisierten Wakefields Arbeit. Aber aus der Chefetage hieß es, das ist eine sensationelle Geschichte, wir sollten sie veröffentlichen. Später stellte sich heraus: Das Ganze war Betrug, Wakefield verlor seine Zulassung. Schauen Sie sich an, welchen Schaden dieses aus Sensationslust veröffentlichte Paper angerichtet hat. Bis heute glauben Leute, Impfungen könnten Autismus auslösen.“

Fehlende Reproduzierbarkeit

Danach gefragt, ob von seiner Kritik einzelne Fachrichtungen besonders betroffen seien, antwortet Schekman:

„Ja, die biomedizinische Forschung. Wir können viele veröffentlichte Studien nicht reproduzieren, also die Ergebnisse in einem neuen Experiment wiederholen.“

Das ist eine alarmierende Aussage. Reproduzierbarkeit ist eine zentrale Forderung an die wissenschaftliche Forschung. Eine durchgeführte Studie muss von anderen Wissenschaftlern mit dem gleichen Resultat wiederholt werden können, wenn sie genau gleich durchgeführt wird. Fehlende Reproduzierbarkeit stellt Forschung fundamental in Frage.

Schekman kritisiert auch den Impact-Faktor, mit dem erfasst, wie häufig Artikel eines Magazins zitiert werden, und mit dem wissenschaftliche Bedeutung messbar gemacht werden soll:

„Der Impact Factor ist eine komplett falsche Messmethode. Aus mehreren Gründen. Zuerst: Die Zahl wird über einen Zeitraum von nur zwei Jahren ermittelt. Zwei Jahre – das ist ein in der Wissenschaft lächerlich kurzer Zeitraum. Deshalb wollen die Magazine besonders schillernde Artikel veröffentlichen. Zweitens: Die Zahl ist ein ganz normaler Mittelwert über alle Zitierungen sämtlicher Artikel eines Fachblatts. Sortiert man die Artikel nach der Anzahl der Zitate, erhält man einige wenige mit besonders vielen und sehr viele mit sehr wenigen Zitaten.“

Wenn Fachmagazine gierig sind nach besonders schillernden Artikeln, dann ist Verzerrung vorprogrammiert. Die reine Reproduktion einer bereits veröffentlichten Studie wird dadurch wegen fehlendem Neuigkeitswert unattraktiv für eine Publikation.

Abschliessend fragt Spiegel online:

„Glauben Sie, dass Wissenschaftler eines Tages aufhören, sensationell klingende Studien zu verfassen und nach Impact Faktoren und renommierten Magazinen zu schielen?“

Antwort Schekman:

„Wir müssen den Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen ändern. Das erzähle ich auch überall, wenn ich Vorträge halte oder befragt werde. Ich versuche, vor allem die Geldgeber zu überzeugen, die über die Forschungsförderung und Stipendien entscheiden. Wenn sie verstehen, dass sie nach anderen Kriterien entscheiden müssen, dann wird sich viel ändern. Da bin ich ganz optimistisch.“

Quelle:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/nobelpreistraeger-randy-schekman-kritisiert-science-und-nature-a-1154483.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein weiterer kritischer Punkt im Wissenschaftsbetrieb ist das Verschweigen negativer Studienresultate bei neuen Medikamenten (publication bias).

Studienresultate werden gern publiziert, wenn sie einen günstigen Einfluss zeigen und ebenso gern verschwiegen, wenn sie der Vermarktung abträglich sind. Das machen im Übrigen nicht nur klassische Pharmakonzerne, sondern genauso die Hersteller von Präparaten der sogenannten Komplementärmedizin (Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff)

Zu Kritikpunkten der Pharmaforschung siehe:

Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Medizinische Forschung: Petition fordert volle Transparenz

Pharmaforschung verheimlichte Interessenkonflikte in Meta-Analysen

Pharmastudien glänzen häufiger mit günstigem Resultat

Unsinnig und unnötig sind pauschale Feindbilder gegenüber der Wissenschaft, wie leider auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin allzu oft gepflegt werden. Aber detaillierte, präzise Kritik an konkreten Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb ist sehr wichtig.

Die im Interview erwähnte Geschichte rund um die Andrew-Wakefield-Studie ist im Übrigen ein absolutes Desaster. Der von Andrew Wakefield im Jahr 1998 im renomierten Fachmagazin The Lancet publizierte Artikel unterstellte fälschlicherweise einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (gegen Mumps, Masern, Röteln) und der Entstehung von Autismus.

Obwohl der Artikel wegen gravierenden Fehlern von The Lancet im Jahr 2010 zurückgezogen wurde und inzwischen mehrfach belegt werden konnte, dass MMR-Impfungen nicht ursächlich für Autismus verantwortlich sind, wird die Behauptung, dass Impfungen Autismus auslösen, von fundamentalistischen Impfgegnern immer noch weiter verbreitet. Siehe Artikel zu Andrew Wakefield auf Psiram.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Test zeigt grosse Unterschiede in der Qualität von Ernährungsberatung

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Ernährungsberatung ist sehr gefragt, doch die Qualität lässt nicht selten zu wünschen übrig.

Zu diesem Schluss kam ein Test des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) in Wien. Zwei Testpersonen überprüften 16 Wiener Anbieter.

Die Testpersonen wurden nur von drei Anbietern sehr gut beraten. Ihre Ernährungsempfehlungen entsprachen in beiden Szenarien dem Stand der Wissenschaft, berichtete der VKI.

Fünfmal beurteilten die Fachleute die Beratung mit „gut“, dreimal mit „weniger zufriedenstellend“ und fünfmal mit „nicht zufriedenstellend“.

Der VKI kritisiert, dass teilweise abstruse Ernährungsempfehlungen abgegeben wurden.

So meinten zum Beispiel einige Ernährungsberater, Obst und Gemüse solle besser nicht zu spät am Abend oder dann nur in geringen Mengen gegessen werden, da sonst Leberschäden drohen könnten. Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Etliche Berater rieten zum Verzicht auf Weizen und Gluten. Gluten, ein Klebereiweiss in Getreide, sei als ‚eines der schlimmsten Lebensmittel überhaupt’ dargestellt worden und von Weizen wurde behauptet, dass er den Darm „verkleben und verschlacken“ soll. Außerdem erfuhren die staunenden Testerpersonen, dass „die meisten Menschen heute auf Weizen schlecht reagieren, da dieser so verändert ist“. Die Konsumentenschützer kritisieren, dass zuerst ärztlich abgeklärt werden müsse, ob überhaupt eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten vorliege, bevor zum Verzicht auf Gluten geraten wird.

Auch die Bildung von „Schlacken“ im Körper war in einigen der getesteten Ernährungsberatungen ein Thema. Solche vermeintlichen Rückstände aus dem Stoffwechsel seien jedoch im Körper nicht nachweisbar. Kritik äusserte der VKI weiters an „nutzlosen Testverfahren“ wie Bioresonanz oder Autonome Regulations-Testung, die zum Feststellen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten vollkommen ungeeignet seien.

Quelle:

http://derstandard.at/2000063393576/Test-Wiener-Ernaehrungsberater-zwischen-sehr-gut-und-abstrus

https://www.konsument.at/ernaehrungsberatung092017

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Test fand zwar in Wien statt, doch dürfte das Ergebnis in der Schweiz sehr ähnlich aussehen. Ernährungsberater und Ernährungsberaterin sind keine geschützen Titel. So kann sich jede und jeder nennen. Dadurch müssen Patientinnen und Patienten mit sehr grossen Qualitätsunterschieden rechnen. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass Ernährung inwischen mehr und mehr zu einer Art von Religionsersatz und Heilsbringer geworden ist.

In der Schweiz gibt es den gesetzlich geschützten Titel „Ernährungsberaterin/Ernährungsberater SVDE“. Er garantiert für eine wissenschaftlich fundierte und praktisch erprobte ernährungsberaterische und ernährungstherapeutische Ausbildung. Mehr dazu auf der Website des

Schweizerischen Verbands der Ernährungsberater/innen SVDE

Zu zwei Stichworten in den Testkäufen noch ein paar Anmerkungen:

Schlacken: Die Kritik des KVI ist nachvollziehbar. Schlacken entstehen im Hochofen. Auf den menschlichen Organismus bezogen ist der Begriff höchst fragwürdig und wohl ein Phantasieprodukt. Ich hätte jedenfalls kein Vertrauen in BeraterInnen, TherapeutInnen oder VerkäuferInnen, die mir „Schlacken“ einreden wollen.

Siehe dazu:

Schlackenstoffe ein Phantom macht Karriere

Entgiften und entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Gluten: Die Kritik des KVI ist sehr zu unterstreichen. Wer an Zöliakie leidet, muss Gluten meiden. Solche Personen leiden an einer Überempfindlichkeit gegenüber Gluten (Klebereiweiss), die zum Teil erblich bedingt ist, lebenslang bestehen bleibt und zur Zeit nicht ursächlich behandelt werden kann. Kontakt mit Gluten führt bei Zöliakie zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Weizen ist ein wichtiger Lieferant von Gluten, das aber auch in Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel und Grünkern nachgewiesen wurde. Die Häufigkeitsangaben für Zöliakie schwanken von Land zu Land beträchtlich. Es handelt sich aber um eine sehr seltene Erkrankung – etwa ein Prozent der Bevölkerung dürfte grosszügig gerechnet sein – und es ist unsinnig, wenn Menschen, die nicht an Zöliakie leiden, auf glutenfreie Nahrung umstellen. Das ist nämlich nicht nur erheblich teuerer, sondern möglicherweise für Gesunde auch ungesünder. „Glutenfrei“ ist inzwischen zu einer Art Lifestyle geworden und ein Milliardenmarkt.

Es gebe aktuell keine Hinweise, dass eine glutenfreie Ernährung einen gesundheitsfördernden Effekt hat“, sagt Daniel C. Baumgart, Oberarzt am Zentrum für Innere Medizin an der Charité in Berlin: „Wenn man keine Zöliakie hat, gibt es keinen Grund für diese nicht ganz einfach einzuhaltende Diät.“ Auch Maria Boumezrag von der Deutschen Zöliakigesellschaft (DZG) sieht das so: „Eine glutenfreie Ernährung braucht ein normaler Mensch nicht. Das wirkt sich weder positiv noch negativ aus – es ist einfach unnötig.“

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrung-in-der-glutenfrei-falle-1.2678505

Trotzdem lebt zum Beispiel jeder zehnte US-Haushalt glutenfrei und jeder vierte Amerikaner glaubt, dass Ernährung ohne Gluten für jedermann gesund sei.

Eine US-Studie, die im „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde (http://www.bmj.com/content/357/bmj.j1892) hat jedoch gezeigt, dass eine glutenfreie Kost für die Herzgesundheit keine Vorteile bringt. Möglicherweise wirkt das Weglassen von Gluten sogar ungünstig, weil viele Menschen mit dem Gluten zugleich auch ihren Vollkornkonsum reduzieren, der das Herz zu schützen scheint. Ballaststoffe aus Vollkorn sind zudem wichtig für die Darmflora, regulieren die Darmtätigkeit und lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen.

Siehe auch:

Fragwürdiger Hype um Nahrungsmittel-Unverträglichkeit

Nicht gerade einfach ist im Bereich der Ernährungsberatung, dass die Empfehlungen im Laufe der Zeit immer wieder einmal ändern. Das führt nicht selten zu Verwirrung, ist aber auch ein Stück weit charakteristisch für die Wissenschaft. Sie stellt die eigenen Erkenntnisse immer wieder kritisch auf den Prüfstand und nutzt damit die Chance, Irrtümmer aufzudecken. Nur dogmatische Lehren verkünden ewige Wahrheiten.

Erschwerend kommt für die Ernährungsberatung allerdings noch hinzu, dass die Ernährungswissenschaft oft nicht gerade eindeutige Ergebnisse liefert. Das liegt auch daran, dass es nicht einfach ist, qualitativ hochstehende und aussagekräftige Ernährungsstudien durchzuführen.

Siehe dazu:

Ernährungswissenschaft: Fragwürdige Studien stiften mehr Verwirrung als Nutzen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Grüntee vorbeugend gegen Krebs?

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Hier ein “Fundstück” zur oft diskutierten Frage, ob Grüntee vorbeugend gegen Krebs wirksam ist:

“Die Polyphenole, die besonders im Grünen Tee reichlich enthalten sind, haben antimutagene und antioxidative Wirkung und hemmen im Tierversuch die Entstehung und das Wachstum von Tumoren. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass auch beim Menschen das Risiko, an Tumoren zu erkranken, durch regelmässigen Teegenuss verringert wird, allerdings in für einen Mitteleuropaer ungewöhnlich hohen Dosen (10 Tassen/Tag und mehr). Kritiker weisen darauf hin, dass die scheinbaren Wirkungen des Teegenusses auf die Häufigkeit des Auftretens von Tumoren möglicherweise auch auf die unterschiedlichen Essgewohnheiten von Teetrinkern und Menschen, die keinen Tee trinken, zurückzuführen sind.”

Dieses Zitat stammt aus dem Fachbuch “Biogene Arzneimittel” von Teuscher, Melzig und Lindequist.

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012.

Details zu diesem Buch und eine Bestellmöglichkeit finden Sie im Buchshop. Es handelt sich um ein Fachbuch, das sich fundiert mit der Wirkstoffkunde befasst, die der Phytotherapie zugrunde liegt.

 

Kommentar & Ergänzung:

Das wichtigste der Polyphenole, die für die Wirkung von Grüntee verantwortlich gemacht werden, heisst Epigallocatechingallat (EGCG).

Siehe dazu:

Grüntee-Inhaltsstoff EGCG als Therapieoption gegen Krebs erforscht

 

Experimente im Reagenzglas und Tierversuche können allerdings niemals die Wirksamkeit bei krebskranken Menschen belegen. Auch epidemiologische Studien verschaffen keine Gewissheit. Sie vergleichen Bevölkerungsgruppen. Dabei lässt sich zeigen, dass in den Gruppen mit hohem Grüntee-Konsum weniger Tumorerkrankungen auftreten als in Gruppen mit tiefem oder fehlendem Grüntee-Konsum.

Aber – das Zitat weist darauf hin, ein relevanter Unterschied zeigt sich bei sehr hohen Dosen von etwa 10 Tassen pro Tag. Ausserdem ist bei epidemiologischen Studien nie auszuschliessen, dass für die Unterschiede andere, noch unbekannte Faktoren verantwortliche sind. Grüntee-Trinker unterscheiden sich möglicherweise an mehreren entscheidenden Punkten von Nicht-Grüntee-Trinkern (Lebensstil, Ernährungsweise).

Es spricht viel dafür, dass Grüntee gesund ist und wer ihn gerne trinkt, kann das auch gerne weiter tun. Allerdings werden oft Gesundheitsversprechungen mit dem Grüntee-Konsum verbunden, die sich so nicht belegen lassen. Ein Wundermittel zum Beispiel gegen Krebs ist leider auch der Grüntee nicht.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Kult des Positiven Denkens

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Als Schüler haben mich die Bücher des New Yorker Pastors Norman Vincent Peale zur „Kraft des Positiven Denkens“ sehr angesprochen. Erst viel später habe ich realisiert, wie verlogen dieses zwangshafte „Positive Thinking“ ist und wie ungesund.

Im Portal „Geschichte der Gegenwart“ gibt die Historikerin Brigitta Bernet einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Bewegung. Wie stark Peale auch eine politische Mission verfolgte und mit seinen Schriften rechtskonservative Normen verbreitete, war mir bisher nicht klar.

Bernet schreibt, dass Peales politische Mission ihn zum Freund von Richard Nixon und Ronald Reagan machte, aber auch von Bill Clinton und Donald Trump. Trump, habe als Kind mit seiner Familie regelmässig an den Gottesdiensten von Peale teilgenommen und sich 1978 (mit seiner ersten Frau Ivana) von diesem trauen lassen. Er habe seine Prägung durch Peale stets hervorgehoben und sich auch jüngst wieder als „firm believer in the power of being positive“ bezeichnet.

Bernet verweisst auf Carl Cederström, der im Guardian schrieb, dass Trumps Begriff von Wahrheit und alternativen Fakten direkt auf Peales Glaube an die Macht des positiven Denkens zurückzuführen sei. Dieses Denken laufe darauf hinaus, sich eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren, über die man die vollständige Verfügungsgewalt hat. Bei Trump sei das absichtliche Ausblenden der äusseren Umstände zur politischen Kerntugend geworden. Daran knüpfe eine Moral an, die von den Einzelnen verlangt, die Verantwortung für ihr Handeln auch dort zu übernehmen, wo die Rahmenbedingungen längst zu ihren Ungunsten festgelegt sind.

Bernet geht aber auch auf den Boom des „Positiven Denkens“ in Managment- und Motivationskursen ein:

„Der gegenwärtige Kult des positiven Denkens mag Vorgesetzten und Arbeitgebern entgegenkommen, denen vorgetäuschter Frohsinn lieber ist als Klagen und Kritik. Für die Betroffenen aber ist er alles andere als leicht. Anstatt die Menschen ernst zu nehmen und ihnen zu einer realistischen Sicht zu verhelfen, übt die Glückspsychologie das Schönreden des Status quo ein. Ihre Techniken zielen darauf, Gefühle wie Angst und Auflehnung zu verleugnen und hinter einer kosmetischen Schicht von Munterkeit zu verbergen.“

Bernet verweisst auch auf den dänischen Psychologen Svend Brinkmann, der in seinem Anti-Ratgeber Stand Firm. Resisting the Self-Improvement Craze von 2017 betonte, dass der aktuelle Kult des Optimismus für viele Menschen zu einer Belastung geworden ist. Wer Unsicherheit, Angst oder Enttäuschung zeige, stehe im positiven Unternehmen schnell einmal als Losertyp da, von dem sich auch KollegInnen fernhalten, um nicht in den Strudel der „Abwärtsspirale“ zu geraten.

Die Folgen der neuen Happiness-Kultur seien nicht nur Egozentrik und Verblödung, sondern auch ein Verlust an Empathie, Toleranz und Solidarität:

„Die Gefahren des Self-Made-Man wie auch der Self-Made-Nation liegen darin, dass durch die positive Selbstmanipulation der Sinn für die Realität verloren geht. Denn offensichtlich ist die neue Glückspsychologie kein Mittel, das auf die Erhöhung des allgemeinen Wohlstands oder des individuellen Glücks zielt. Viel eher ist sie ein Schmiermittel für den Umbau der Subjekte nach Massgabe der globalen Marktwirtschaft und eine Ideologie, die soziale Ungleichheiten zu legitimieren und zu verschleiern hilft.“

Quelle:

http://geschichtedergegenwart.ch/smile-or-die-der-kreuzzug-des-gluecks-gegen-die-vernunft/

Kommentar & Ergänzung:

Der „Kult des Positiven Denkens“ kann auch im Bereich von Gesundheit und Krankheit zu ausgesprochen fragwürdigen Auswüchsen führen.

Dann heisst es zum Beispiel: Wer gesund werden will, wird gesund – und wer krank bleibt, will nicht wirklich gesundwerden.

Die Vorstellung, Gesundheit könne zu 100% beeinflusst werden, wenn man nur genug stark wolle, ist eine Allmachtsphantasie. Damit werden oft Ohnmachtsgefühle vermieden, die mit Krankheiten verbunden sein können. Konstruktiver wäre es, mit Ohnmachtsgefühlen umgehen zu lernen. Dazu gehört auch zwischenmenschliche Solidarität.

Besonders abstosssend wird es, wenn chronisch kranken Menschen unterstellt wird, dass sie einfach nicht gesund werden wollen. Das ist nur noch pure Arroganz.

Wer derart radikal ausblendet, dass wir Menschen unsere Gesundheit niemals vollständig in der eigenen Hand haben können, kann sich auch sehr einfach von jeglicher zwischenmenschlichen Solidarität absetzen. Wer krank ist, ist dann selber schuld.

Wir sind nicht ohne Einfluss auf unsere Gesundheit und stehen in dieser Hinsicht auch in einer Verantwortung. Dieser Einfluss und diese Verantwortung sind aber limitiert. Sie sind nicht immer vorhanden und nicht an jedem Punkt. Krankheit kann jeden Menschen treffen, zufällig, schicksalshaft, oder wie auch immer man das benennen will.

Nur wenn wir akzeptieren, dass Krankheit jeden und jede treffen kann, entsteht ein solider Boden für zwischenmenschliche Solidarität. Denn wenn ich mir einrede, dass ein Kranker gar nicht gesund werden will und folglich an seinem Zustand selber schuld ist, dann kann ich mir auch einreden, dass wir uns als Gesellschaft nicht an entstehenden Pflegekosten zu beteiligen brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Was ist Populismus? Und was nicht?

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Populismus, Populist, populistisch – das sind Ausdrücke, die heute fast inflationär und ohne klare Bedeutung eingesetzt werden. Das ist unter anderem deshalb problematisch, weil sie dadurch ihre Unterscheidungskraft verlieren. Im folgenden Beitrag stelle ich insbesondere das Populismus-Konzept des Politologen Jan-Werner Müller zusammenfassend vor. Sein Konzept kann zu mehr Klarheit verhelfen darüber, womit wir es beim Populismus zu tun haben.

Martin Koradi


 

„Populismus“ wird oft oberflächlich als Schlagwort verwendet und als politischer Kampfbegriff eingesetzt.

Aber: Nicht jeder, der „Eliten“ kritisiert, gegen Globalisierung und Euro wettert, Emotionen instrumentalisiert und/oder für komplexe Sachverhalte simple Lösungen anbietet, ist ein Populist. Wird der Begriff „Populismus“ zu breit und vage eingesetzt, kommt ihm jede Unterscheidungskraft abhanden, worunter nicht zuletzt die politische Urteilskraft leidet. Deshalb braucht es eine griffige Definition und eine klare Vorstellung davon, womit wir es beim „Populismus“ zu tun haben.

Was charakterisiert Populismus?

– Populismus ist eine Politikvorstellung, bei der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen, die eigentlich gar nicht zum wirklichen Volk gehören.

– Insbesondere für Rechtspopulisten gehört eine angeblich parasitäre Unterschicht ebenfalls nicht zum wahren Volk und wird oft in einer unheiligen Allianz mit den Eliten gesehen.

– Populisten wähnen sich im Besitz eines moralischen Alleinvertretungsanspruchs: Sie behaupten: „Wir sind das Volk!“ oder genauer „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk“, wobei sie damit stets eine moralische Aussage machen, nicht eine empirische über ein reales Volk in der Aussenwelt. Wegen diesem moralischen Alleinvertretungsanspruch sind Populisten nicht nur antielitär, sondern auch antipluralistisch.

– Wer sich den Populisten entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, zählt automatisch nicht zum wahren Volk. Diese antipluralistische Haltung ist zugleich antidemokratisch, weil Demokratie ohne Pluralität nicht zu haben ist.

– Der moralische Alleinvertretungsanspruch der Populisten und ihre Vorstellung eines imperativen Mandats kommen auch zum Ausdruck, wenn sie einen fiktiven „Vertrag mit dem Volk“ schliessen – wie es beispielsweise die SVP, Jörg Haider und Silvio Berlusconi getan haben. Politik ist dann vermeintlich nur noch Vertragserfüllung und es wird dabei ausgeblendet, dass das Vertragsangebot eben nicht vom „Volk“, sondern von einer partikulären Partei ausging. Der „Vertrag mit dem Volk“ ist zudem einseitig geschlossen, weil „das Volk“ gar nicht gefragt wird und schon gar nicht die unterschiedlichen Individuen und Interessengruppen einer Bevölkerung.

– Für Populisten gibt es nur einen einzigen, klar erkennbaren Volkswillen, den der Führer oder die Führungsmannschaft eindeutig identifizieren kann. Unterschiedliche Interessenlagen im Volk werden damit negiert.

– Diese Führerfigur verspricht nichts anderes, als die Macht von der korrupten Elite und den bürokratischen Apparaten wegzunehmen und sie dem „Volk“ zurückzugeben. Die Inszenierung dieser Figur als alleiniger Garant für diese „Machtzurückholung“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Populismus. Paradox an dieser Inszenierung ist, dass die Führerfigur selbst dabei einerseits als so unwichtig erscheinen soll, dass sie als Person ganz hinter ihrem „Auftrag“ verschwindet, dass sie aber andererseits als mächtig und stark genug imaginiert werden muss, um die korrupten Eliten und Institutionen zu bekämpfen. Die populistische Führerfigur stellt sich dar als zwar notwendige, aber in sich bedeutungslose Kontaktstelle, als Durchgangspunkt nur. (1)

– Populismus ist die Forderung nach dieser unmittelbaren, unvermittelten Verbindung zwischen dem Volk und der Macht, geschaffen durch die populistische Führungsfigur. Parlamente, eine unabhängige Justiz, eine unabhängige staatliche Verwaltung und unabhängige Medien stehen dieser unmittelbaren Verbindung im Wege. Ginge dieser populistische Traum vom Unmittelbaren in Erfüllung, wäre damit das Ende der Demokratie als Herrschaft des Volkes eingeläutet. Die Aushandlungs- und Ausgleichsprozesse zwischen den zahlreichen unterschiedlichen Interessen in komplexen Gesellschaften verlangen Regeln und spezialisiertes Personal, die weder dem „Willen“ eines als einheitlich phantasierten „Volkes“ entsprechen können, noch durch eine Regierung ersetzt werden sollen, die diese Einheit autoritär verordnet. Der Populismus scheitert deshalb am Widerstand der Institutionen und an den Komplexitäten der Gesellschaft – oder er wird so autoritär, dass er seinen Legitimationskern, den Bezug auf das We, the people, vollständig verliert und zur Diktatur mutiert. (1)

– Populisten neigen dazu, Militaristen zu sein, weil die Logik ihrer Macht die Logik der Abgrenzung ist. Diese Politik hat nicht nur potenziell gewalttätige Konsequenzen, wenn militärische Formen der Grenzziehung gegenüber anderen Nationen aktiviert werden, sondern auch an den „inneren“ Grenzen einer Gesellschaft, dort, wo definiert werden soll, wer aus ihrem Kreis zum „Volk“ gehört und wer nicht. Dass Populisten innere und äussere Sündenböcke brauchen, trägt zur gewaltträchtigen Aufladung bei. Populisten stecken auf diesem Hintergrund oft deutlich mehr finanzielle Mittel in die Bereiche „Innere Sicherheit“ und „Verteidigung“. (1)

Wie erklären Populisten den Umstand, dass sie nicht an der Macht sind?

Solange Populisten in der Opposition sind, haben sie ein Problem: Sie müssen erklären, weshalb sie nicht an der Macht sind, obwohl sie doch in ihrem Verständnis das „Volk“ repräsentieren. Fehlende Mehrheiten scheinen dem Alleinvertretungsanspruch der Populisten zu widersprechen.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, nutzen Populisten hauptsächlich zwei Strategien:

  1. Die „Schweigende Mehrheit“

Populisten appellieren an ein „Volk“ da draussen, das sich mittels Wahlen oder anderen konventionellen demokratischen Verfahren nicht äussert, aber insgeheim die Ansichten der Populisten teilt.

  1. Moralische Gewinner

Verlieren Populisten eine Wahl, unterscheiden sie zwischen einem empirischen und einem moralischen Wahlergebnis. Diejenigen, die gegen die Populisten gestimmt haben, gehören moralisch gar nicht zum wirklichen „Volk“. Die Populisten sehen sich dadurch als moralische Gewinner.

  1. Defekte und korrupte Prozeduren

Mit einer Demokratie, in der die Populisten mit ihrem Alleinvertretungsanspruch nicht die überragende Mehrheit gewinnen, kann ja wohl nur etwas nicht stimmen. Die Verfahren müssen korrupt sein, die Medien von der herrschenden Elite instrumentalisiert („Lügenpresse“). Eine gute Portion Verschwörungstheorie hilft, das Unerklärliche der populistischen Niederlage zu erklären.

Populisten an der Macht

Man hört oft die Ansicht, Populisten könnten nur auf Opposition machen, aber nicht regieren. Sie würden an der Macht rasch an den Fakten scheitern und sich selber entzaubern. Damit aber machen es sich die Gegner der Populisten zu einfach.

Populisten können sehr wohl an der Macht sein und gleichzeitig Eliten kritisieren – nämlich die alten, die hinter den Kulissen immer noch die Strippen ziehen und die Populisten daran hindern, den wahren Volkswillen zu vollstrecken. Mehrheiten können sich wie verfolgte Minderheiten aufführen und damit von eigenen Misserfolgen ablenken. Und ob sie in der Opposition sind oder an der Macht: Populisten werden die politische Auseinandersetzung immer extrem polarisieren und moralisieren, sowie laufend neue Sündenböcke und Feinde entdecken. An der Macht zelebrieren die Populisten Volksnähe und die Krise als Dauermodus.

Im Einklang mit ihrem Alleinvertretungsanspruch und den damit verbundenen Antipluralismus wenden Populisten an der Macht ganz bestimmte Herrschaftstechniken an. Konkret lassen sich drei Herrschaftstechniken beschreiben, die charakteristisch sind für den Populismus, wenn er an die Macht gelangt:

  1. Die Vereinnahmung des gesamten Staates

Populisten nehmen den gesamten Staatsapparat in Besitz und platzieren ihre Partei- und Gefolgsleute in Positionen, die normalerweise neutrale Beamte innehaben sollten. Populistische Regierungen wie in Ungarn und Polen versuchen möglichst rasch, die Justiz und die Medienaufsicht unter ihre Kontrolle zu bringen, um zu verhindern, dass Richter und Journalisten weiterhin gegen die imaginierten Interessen des „Volkes“ agieren können. Wer diese Massnahmen kritisiert, wird als egoistischer Vertreter der alten, korrupten Eliten gebrandmarkt oder als Verräter an der Nation beschimpft. Populisten rechtfertigen diese Massnahmen damit, dass sie die einzigen legitimen Vertreter des Volkes sind. Warum sollte das „Volk“ seinen Staat nicht in Besitz nehmen und die Ausführung seines autentischen Willens durch das richtige Personal sicherstellen? Wer als neutraler Beamter auf Verfahrensregeln pocht oder als Richter auf der Einhaltung von Verfassungsgrundsätzen besteht, wird rasch als antidemokratisch hingestellt.

  1. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus

Damit erkaufen sich Populisten politische Unterstützung durch bevorzugte Behandlung für gefügige Bürger (lukrative Pöstchen, bevorzugte Behandlung in Behörden). Aus Sicht der herrschenden Populisten lässt sich der Klientelismus damit begründen, dass nur Anhänger zum wahren Volk gehören und Unterstützung verdienen. Enthüllungen über Klientelismus und Korruption schaden den Populisten nicht unbedingt. Aus Sicht ihrer Anhänger haben sie das alles nur für sie, das wahre Volk, getan.

  1. Unterdrückung von Zivilgesellschaft und Medien

Regt sich aus der Zivilgesellschaft heraus Widerstand gegen regierende Populisten, ist es für diese von hoher symbolischer Bedeutung, die Opposition zu diskreditieren. Sonst könnte es ja so aussehen, als repräsentierten die Populisten doch nicht das ganze Volk. Machthaber wie Putin oder Orbàn unterstellen daher kritischen Teilen der Zivilgesellschaft gern, sie seien von ausländischen Agenten ferngesteuert.

Diese drei Herrschaftstechniken sind von etwas gekennzeichnet, was „diskriminierender Legalismus“ genannt werden kann. Gegenüber politischen Gegnern wird das Recht bis in die feinsten Details angewandt und, wann immer möglich, buchstabengetreu ausgelegt; gegenüber den eigenen Anhängern dagegen gilt „normales“ Recht beziehungsweise es wird versucht, Ausnahmeregelungen und Vergünstigungen festzulegen.

Das Beispiel Ungarn zeigt zudem, dass Populisten an der Macht die Verfassung zu ihren Gunsten umschreiben können. Sie schreiben ihre politischen Anliegen direkt in der Verfassung fest und erschweren so ihre Abwahl oder nach ihrer Abwahl eine Richtungsänderung. Die Verfassung verliert dadurch eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Sicherstellung des Pluralismus.

Zum Umgang mit Populismus

Angesichts der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen des Populismus stellt sich die Frage nach dem passenden und wirksamen Umgang mit diesem Phänomen. Die Herausforderung liegt dabei darin, die Auseinandersetzung mit dem potenziell antidemokratischen Populismus in demokratischer Weise zu führen und ohne dass dadurch die Selbststilisierung der Populisten, sie würden durch die bösen Eliten diskriminiert, noch verstärkt wird.

Dazu einige Stichworte:

– Den Populismus nicht psychologisieren oder pathologisieren. Populisten sind nicht an ihren Gefühlslagen zu erkennen – zum Beipiel Abstiegsängsten oder Ressentiments – sondern an ihrem moralischen Alleinvertretungsanspruch. Wer die Anhängerschaft der Populisten von oben herab therapieren will, wird scheitern.

– Populistische Parteien sollten nicht verboten werden, sofern sie nicht eindeutig Volksverhetzung betreiben oder gar zur Gewalt aufrufen.

– Politische Parteien, Medien und die Zivilgesellschaft sollten Populisten nicht moralisch ausgrenzen. Eine „Mit denen reden wir nicht!“-Haltung bestätigt Populisten nur in ihrer Vorstellung, ein Machtkartell der etablierten Elite unterdrücke jede Kritik. Eine Antwort auf die Populisten kann nur in der Auseinandersetzung mit ihnen bestehen. Dabei sollten die etablierten Parteien untereinander um gute und gangbare politische Lösungen der politisch relevanten Probleme ringen. Entscheidend ist aber, in welcher Art diese Auseinandersetzung geführt wird.

– Provokationen sind ein Hauptinstrument der Populisten. Wer mit ihnen diskutieren will muss Provakationen ins Leere laufen lassen können. Zum Beispiel indem man nicht mit der vom Provokateur erwarteten Empörung reagiert, nicht sofort eine Gegenposition formuliert, sondern genau nachfragt und mit sachlichen Fakten kontert.

– Populisten pflegen oft nur eng begrenzte Themenfelder (Flüchtlinge, Islam, Europa…). Wer mit ihnen auf diesem Terrain diskutieren will, soll bestehende Probleme offen ansprechen, ohne den Blickwinkel, die Interpretation, den „Frame“ und die Lösungsvorstellungen der Populisten voll zu übernehmen.

– In Interviews und auf Podien Populisten konsequent auch auf Themen ansprechen, die nicht zu ihren Heimspielen gehören (z. B. Krankenversicherung, Rente, Wirtschaftslage….). Dabei zeigt sich oft überaus deutlich, wie schwach die Lösungsansätze der Populisten in diesen Bereichen sind.

– In der Auseinandersetzung mit Populisten immer wieder darauf hinweisen, wie vielfältig die Vorstellungen und Interessen in der Bevölkerung gelagert sind und wie illusionär die Idee eines einheitlichen „Volkswillens“ ist. Gegner der Populisten können mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sie auch Staatsbürger sind, und nicht in die krude Vorstellung eines einheitlichen „Volkes“ passen.

– Unterscheiden zwischen Diffamierung und Kritik. Populisten arbeiten sehr oft mit pauschalen Diffamierungen: Die Lügenpresse, die korrupten Eliten, die Politiker, die Altparteien…..Wer Populismus bekämpfen will soll selber keine pauschalen Diffamierungen verwenden und keine pauschalen Diffamierungen unwidersprochen stehen lassen. Im Unterschied zu pauschalen Diffamierungen ist Kritik erwünscht. Kritik differenziert (wer, was, wo, wann, wie?) und stellt bestimmte Sachverhalte oder Handlungen in Frage. Diffamierungen zielen dagegen oft auf die Person und bestehen aus moralischen Angriffen (z. B. „Landesverräter“).

– Andere politische Parteien sollten Populisten nicht zu imitieren suchen. Die Anhänger von Populisten wählen das Original, nicht die Kopie. Die Übernahme populistischer Forderungen durch die etablierten Parteien verhilft populistischen Parteien daher zum Durchbruch. Die etablierten Parteien profitieren dagegen längerfristig nicht von dieser Anbiederung, da die einfachen Lösungen der Populisten nicht zum Erfolg führen.

– Die Würde des Arguments verteidigen, Fakten ernstnehmen. Expertenwissen nicht diffamieren, sondern wertschätzen, ohne dabei unkritisch zu werden.

– Genau hinschauen, wo Populisten reale Probleme ansprechen. Dort nicht-populistische Lösungen anbieten, welche die oft simplen populistischen Lösungen alt aussehen lassen.

Quellen:

Jan-Werner Müller, Was ist Populismus, edition suhrkamp 2016 (Hauptquelle)

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University.

(1) Quelle für diese Abschnitte:

Philipp Sarasin, Die autoritäre Logik des #Populismus,

URL im Internet:

https://geschichtedergegenwart.ch/die-autoritaere-logik-des-populismus/

Martin Koradi, April 2017

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

 

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Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin – was heisst das genau?

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In einer Diskussion in den Kommentarspalten der Seite „DocCheck“ bin ich auf folgendes Statement gestossen:

„Ich finde es sehr schade und traurig und auch arm, dass man nicht beide Ansätze (Schulmedizin und Alternative Medizin) nebeneinander stehen lassen kann und dass diese nicht endlich mal zusammenarbeiten können zum Wohle des Patienten. Jedes hat was Gutes und auch was negatives – nehmen wir doch von beiden Ansätzen das Gute! :-)“

Quelle:

http://news.doccheck.com/de/blog/post/6569-als-globuli-gegner-wird-man-nicht-reich/

Kommentar & Ergänzung:

Im ersten Moment hat mich dieses Statement angesprochen. Sympathisch, oder nicht? Kurz danach hat es mich aber eher irritiert und ich habe mich gefragt, was diese Sätze eigentlich aussagen.

Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin zum Wohle des Patienten – das ist auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Forderung. „Zusammenarbeit“ und „Wohl des Patienten“ – wer könnte da schon ernsthaft etwas dagegen einwenden.

Schaut man genauer hin, stellen sich allerdings eine ganze Reihe von Fragen.

Das fängt schon damit an, dass der Begriff „Schulmedizin“ ausgesprochen problematisch ist.

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Mit dem Ausdruck „Alternative Medizin“ steht es aber auch nicht besser. Wer möchte nicht Alternativen haben, vor allem, wenn es um die eigene Gesundheit geht.

Aber was ist denn genau gemeint mit „Alternativer Medizin“?

Darunter kann man sich alles und jedes vorstellen. Da es hier keinerlei Einschränkungen gibt, kann jede Methode und jedes Präparat, das Heilung verspricht und nicht der „Schulmedizin“ entstammt, als „Alternative Medizin“ etikettiert werden.

Pauschal eine Zusammenarbeit zwischen „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ zu fordern, läuft daher ziemlich ins Leere.

Der Begriff „Alternative Medizin“ ist eine inhaltslose Worthülse. Reden wir doch stattdessen von konkreten Methoden. Nur dann lässt sich fundiert darüber diskutieren, ob eine bestimmte Methode für die geforderte Zusammenarbeit geeignet ist oder nicht.

Zu klären wäre dann aber ausserdem noch, was mit „zusammenarbeiten“ genau gemeint ist. Auch „zusammenarbeiten“ tönt ja immer gut und erstrebenswert.

Wie die Zusammenarbeit konkret aussehen soll, müsste auf den Tisch gelegt und diskutiert werden. Während es ganz einfach ist, pauschal und vage Zusammenarbeit zu fordern, zeigen sich die Tücken erst im Detail. Ein Widerspruch taucht bereits im erwähnten Kommentar auf, wenn gleichzeitig gefordert wird, dass die beiden Ansätze „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ nebeneinander stehen gelassen werden sollten. Neben einander stehen lassen – das ist jedoch weit entfernt von Zusammenarbeiten.

.Auch wenn von „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ gesagt wird, jedes habe „was Gutes und auch was Negatives“, und man solle doch von beiden Ansätzen das Gute nehmen, dann ist das für sich genommen nur ein wohlfeiler Spruch.

Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir genau benennen, was wir jeweils als das Gute und das Negative betrachten auf beiden Seiten. Nur auf der Basis konkreter Aussagen kann eine produktive Diskussions- und Kritikkultur entwickelt werden. Hier hat die „Alternative Medizin“ allerdings noch viel zu lernen. Aus dieser „Szene“ ist viel pauschale Diffamierung der Medizin zu hören, während präzise Kritik auf der Basis von Argumenten kaum vorkommt. Präzise Kritik an Missständen in der Medizin ist durchaus nötig. Sie muss allfällige Missstände aber genau benennen (wer, was, wo, wie, wann?) und nicht einfach pauschale Feindbilder kultivieren.

Zudem fehlt der „Alternativen Medizin“ weitgehend die präzise Kritik im eigenen Lager, die genauso nötig wäre.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde  kritische Fragen unerwünscht?

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Auch die Forderung nach Zusammenarbeit zum „Wohl des Patienten“ klingt gut, sagt aber noch kaum etwas aus. Was ist gemeint mit dem „Wohl des Patienten“?

Umfasst das „Wohl des Patienten“ mehr als „Gesundheit“? Schon der Begriff „Gesundheit“ ist komplex und alles andere als einfach zu erfassen. Und das „Wohl des Patienten“? Ist damit gemeint, dass alle Bedürfnisse des Patienten erfüllt werden? Können und sollen „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ das zusammen leisten?

Meiner Ansicht nach bringen uns wohlklingende, aber vage bis inhaltsleere Begriffe nicht weiter. Solchen Reden fehlt der Realitätsbezug. Die Arbeit, Begriffe zu klären so gut es geht und nach präziser Ausdrucksweise zu streben, lohnt sich auf jeden Fall.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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