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Heilpraktiker-Ausbildung in der Kritik

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Für die Ausbildung zum Heilpraktiker oder zur Heilpraktikerin gibt es weder Qualitätsstandards noch gesetzliche Regelungen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz, wo anstelle von „Heilpraktiker“ eher von „Naturheilpraktiker“ oder „Naturarzt“ die Rede ist. Entsprechend wird dann auch eher von „Naturheilkunde-Ausbildungen“ gesprochen. In der Schweiz gibt es aufgrund der Volksabstimmung 2009 inzwischen eine Höhere Fachprüfung Komplementärtherapie, die zwar gesetzlich geregelt ist, aber ebenfalls ohne auch nur annähernd fundierte Qualitätsstandards auskommt, und daher eine Qualitätssicherung vorspiegelt.

Wir haben es jedenfalls hier mit einem veritabler Begriffssalat und einem intransparenten Wirrwar zu tun.

Die Zeitschrift „Annabelle“ hat ein Interview veröffentlicht mit der deutschen Autorin Anousch Mueller. Sie wollte Heilpraktikerin werden, doch während der Ausbildung an der Berliner Paracelsus-Schule beschlichen sie immer grössere Zweifel. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben („Unheilpraktiker“, Riemann Verlag 2016)

Zum Interview geht’s hier.

Auch wenn die Kritik hart klingen mag. Sie trifft in einer ganzen Reihe von Punkten glasklar zu.

Zu Recht kritisiert wird meiner Erfahrung nach zum Beispiel:

– Die weit verbreitete, völlig unkritische Glorifizierung von allem, was als traditionelle Naturheilkunde gilt. Tradition hat dann einen Wert, wenn man sich sorgfältig, offen, aber auch kritisch mit ihr auseinandersetzt. Tradition hat jedoch nicht immer Recht. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

– Das weitgehende Fehlen einer auch nur einigermassen ernstzunehmenden Qualitätssicherung in Ausbildung und Praxis.

– Die nicht selten völlig überzogenen Versprechungen.

– Die Verwendung von Begriffen wie „Energie“, „Schwingungen“, „Ausleitung“ in völlig undefinierter Form, so dass sie willkürlich quasi als „Dienstmagd für alles“ zur Erklärung von x-Beliebigem eingesetzt werden können. Zu Recht sagt Anousch Mueller im Interview: „Wenn etwas nach Geschwurbel klingt, sollte man es kritisch hinterfragen. Das ist meine Botschaft.“

– Verbreitete Indoktrination mit irrationalen Theorien in der Ausbildung.

– Verbreitete pauschale Verteufelung von medizinischen Massnahmen, die in manchen Fällen richtig, wichtig oder gar lebensnotwendig sind (Kortison! Impfen! Chemotherapie!).

 

Ich will nicht generalisieren. Es gibt auch in diesem Bereich Leute, die ihre Arbeit sorgfältig machen, keine pauschalen Feindbilder gegen die böse „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ kultivieren und ihre Grenzen kennen. Aber das sind nach meiner Erfahrung eher die Ausnahmen als die Regel. Und das muss man klar benennen – vor allem, weil diese „Heilerszene“ meistens so sanft, ganzheitlich und menschenfreundlich daher kommt, was leider oft irreführend ist.

Im Interview wird Anousch Mueller gefragt:

„Sie halten die Naturheilkunde für rückständig?“

Antwort:

„Allerdings. Paradoxerweise wird der Schulmedizin ja immer vorgehalten, sie sei rückständig und orthodox. In Wahrheit ist es genau umgekehrt.“

Diese Aussage scheint mir zu pauschal. Sie mag ja vielleicht auf die Erfahrungen der Autorin mit der Paracelsus-Schule zutreffen….

Vor allem liegt dieser Aussage aber meinem Eindruck nach ein unklarer Begriff von „Naturheilkunde“ zugrunde, wie er heute leider weit verbreitet ist. Viele der Methoden, von denen Anousch Mueller im Interview spricht – zum Beispiel Bioresonanz, Kinesiologie, Homöopathie, Bachblüten, Schüsslersalze – gehören nicht zur Naturheilkunde, wenn man den Begriff genau verwendet.

Die Naturheilkunde hat, so wie dieser Begriff entstanden ist, ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Die Idee der Naturheilkunde-Begründer war, Faktoren für die Gesundwerdung direkt aus der Natur zu nehmen. Im Kern bestand diese klassische Naturheilkunde aus dem, was später mit den 5-Säulen der Kneipptherapie umschrieben wurde:

Hydrotherapie (Wasseranwendungen)

Ernährungstherapie

Heilpflanzen-Anwendungen

Bewegung, Luft, Licht

Lebensordnung

Grundsätzlich sind diese fünf Verfahren kompatibel mit Medizin und Wissenschaft. Sie sind wissenschaftlicher Forschung zugänglich, lassen sich mit wissenschaftlichen Begriffen und Theorien beschreiben und allfällige Effekte im menschlichen Organismus sind messbar.

Wenn man nun diese Verfahren genau so anwendet, wie das vor allem im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, dann sind sie tatsächlich veraltet. Zu diesem Blödsinn wird aber niemand gezwungen:

Hydrotherapie lässt sich auf neueren Erkenntnissen begründen und wird dann anschlussfähig an Physiotherapie.

Ernährungstherapie kann sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen (auch wenn Ernährungsstudien oft wenig fundiert sind, siehe dazu: Viele Ernährungsstudien mit wenig Aussagekraft.

Heilpflanzen-Anwendungen sind ein Spezialbereich der Pharmakologie. Pflanzliche Wirkstoffe lassen sich im Labor testen. Effekte von Heilpflanzen-Präparaten können in klinischen Studien an Patienten überprüft werden

Altes Wissen kann so durch neue Forschung bestätigt oder als Irrtum verworfen werden. Diese erneuerte Form der Heilpflanzen-Anwendung nennt sich dann Phytotherapie.

Die hohe Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien dokumentiert worden.

Lebensordnung als angejahrter Begriff kann mit neuen Inhalten gefüllt werden, nennt sich dann vielleicht psychosomatische Medizin oder „Lifestyle-Modifikation“ und gehört zur Psychologie.

Voilà. Wir kommen so vom Methodischen her schon ziemlich nah an eine keineswegs veraltete, sondern zeitgemässe Naturheilkunde.

Was es dann noch braucht für eine seriöse Anwendung sind vor allem Elemente, die mit einer bestimmten Grundhaltung verbunden sind. Zum Beispiel:

– Erkennen von Grenzen der eigenen Methoden.

– Vermeiden von pauschalen Feindbildern und Verschwörungstheorien gegen „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ (was nicht Kritiklosigkeit heisst, aber Kritik muss auf Argumenten basieren und konkrete Punkte in Frage stellen).

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde-Ausbildung – was Sie wissen sollten (…wenn Sie sich für eine Naturheilkunde-Ausbildung interessieren)

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/18/naturheilkunde-ausbildung-was-sie-wissen-sollten.html

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Komplementärmedizin: Genauer Nachdenken, differenzierter argumentieren

Naturheilkunde – was ist das?

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Naturheilkunde: Selber denken statt blind glauben

 

Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Naturheilkunde und Medizin – kein Entweder-oder

…….huch, das ist ja ein ganz schöner Marathon, aber er zeigt, dass mir das Thema ernst und wichtig ist.

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Satire-Song über Erdogan – teilen, weiterverbreiten, jetzt erst recht

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Wegen einer NDR-Satieresendung, die den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aufs Korn nimmt, wurde der deutsche Botschafter in der Türkei ins Aussenministerium zitiert. Die türkische Regierung soll verlangt haben, dass das Video gelöscht wird. Darauf gibt es nur eine passende Antwort: teilen, weiterverbreiten…..

Das Video wirft nämlich Kritikpunkte an, die sehr relevant sind – zum Beispiel die Abschaffung der Pressefreiheit durch Erdogan.

In der Türkei würden die Urheber eines solchen Videos mit grosser Wahrscheinlichkeit vom Präsidenten persönlich vor Gericht gezogen und langjährige Gefängnisstrafen riskieren.

Englische und türkische Untertitel lassen sich im YouTube-Video einstellen.

Bitte teilen, damit ein möglichst grosser Streisand-Effekt entsteht (Erklärung dazu auf Wikipedia).

Bericht auf Spiegel online.

 

 

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Lavendelöl-Präparat bei Angststörungen

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An der Pharma World in Düsseldorf kommentierte Dr. Mario Wurglics von der Goethe-Universität Frankfurt Forschungsergebnisse zum Lavendelöl-Präparat Silexan.

Das Präparat aus Lavandula angustifolia sei ein rationales Phytopharmakon zur Therapie von Angststörungen bei Erwachsenen. Es habe eine belegte Wirksamkeit bei guter Verträglichkeit, löse keine Sedierung aus und verbessere die Schlafqualität.

In der S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen werde Silexan bei den pflanzlichen Präparaten genannt. Es enthält ein spezielles Lavendelöl mit einem Gehalt an Linalool und Linalylacetat von etwa 80 Prozent. Das sei extrem hoch, sagt Wurglics.

In zwei Studien zeigte sich Silexan laut Wurglics dem Placebo deutlich überlegen und war vergleichbar wirksam zu Lorazepam. 2014 wurde eine dritte Studie veröffentlicht, bei der Silexan (80 oder 160 mg) sowohl dem Paroxetin als auch einem Placebo überlegen war.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=60027

Kommentar & Ergänzung:

Silexan ist ein „optimiertes“ Lavendelöl mit einem besonders hohen Gehalt an den wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen Linalool und Linalylacetat. Die Kapseln sind in Deutschland unter dem Namen Lasea® im Handel. In der Schweiz können sie von Apotheken aus Deutschland besorgt werden.

Siehe auch:

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln Lasea bei Angststörungen

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelöl-Präparat Lasea

Bfarm wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelöl-Präparats Lasea

Lavendelöl-Kapseln reduzieren Angst bei Depressionen (Fallstudie)

Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen

 

 

 

Lavendelöl reduziert Angst und bessert den Schlaf

Phytotherapie: Lavendelöl als Angstlöser

 

Phytotherapie: Lavendelöl gegen Unruhe

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Fragwürdige Eigenverantwortungsideologie in Esoterik und Alternativmedizin

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In Esoterik und Alternativmedizin trifft man oft auf eine fragwürdige Eigenverantwortlichkeitsideologie nach dem Motto:

Meine Krankheit teilt mir etwas mit, sie drückt aus, dass in meinem Leben etwas falsch ist und ich habe es selbst in der Hand, dies zu ändern.

Der Gesundheitswissenschaftler Joseph Kuhn nimmt diese Vorstellungen in seinem Blog kritisch unter die Lupe und schreibt:

„Die Sozialepidemiologie hat inzwischen in tausenden Studien gezeigt, dass der wichtigste Einflussfaktor auf die Gesundheit der Menschen die soziale Lage ist. Das untere Einkommensfünftel stirbt etwa 10 Jahre früher als das obere. Man verstehe mich nicht falsch: Vieles an unserem Lebensstil ist nicht sonderlich gesund und vieles kann man selbst ändern. Aber dass man ‚gesund, ganz und heil’ wird, das steht eben allzu oft nicht in unserer Macht und ein solches Heilversprechen an einen Wandel des Lebensstils zu knüpfen, ist Hybris.“

Kuhn schreibt weiter, hier kehre im Gewande eines alternativmedizinischen Irrtums eben jene Omnipotenzphantasie wieder, welche die Alternativmedizin bei der etablierten Medizin anprangere: dass sie einem Machbarkeitswahn verfallen sei, der die vernünftigen Grenzen des eigenen Tuns nicht mehr erkennt.

Quelle:

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2015/05/31/alternativmedizinische-omnipotenzphantasien/

Kommentar & Ergänzung:

Die Kritik von Joseph Kuhn trifft präzis einen wichtigen Punkt. Wer genau und ohne Scheuklappen hinschaut, erkennt in der Alternativmedizin laufend Allmachtsphantasien. Allzu oft wird das Heil und die Überwindung aller Krankheiten versprochen – erreichbar durch eine bestimmte Methode oder ein bestimmtes Heilmittel.

Kritisches Nachfragen ist deshalb notwendig.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Inquisitionsopfer Homöopathie?

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Die Webplattform heute.at berichtet über ein Expertengespräch zur Homöopathie und zitiert dabei einen „Martin Peithner, Vorsitzender des ‚Fachausschusses für Homöopathie’“:

„Die Inquisition ist zurück……..Wir haben eine gute Chance, verbrannt zu werden, wenns nach unseren Kritikern geht.“

Quelle:

http://www.heute.at/lifestyle/gesundheit/art23696,1144972

Kommentar & Ergänzung:

 

Uff – das ist eine inakzeptable Verharmlosung der Inquisition.

In der Inquisition wurden sogenannte Ketzer verfolgt. Dabei kam auch Folter zur Anwendung und es wurden manchmal auch Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt.

Und was passiert der Homöopathie? Sie wird mit kritischen Einwänden „misshandelt“. Zum Beispiel durch Norbert Aust im Blog „Beweisaufnahme Homöopathie“.

Erfüllt das schon den Tatbestand der Folter?

Es wäre doch einfach schön, wenn Herr Peithner und der „Fachausschuss für Homöopathie“ auf kritische Argumente mit Gegenargumenten reagieren würden – und nicht mit dieser ausgesprochen weinerlichen Opfer-Inszenierung.

Fakt ist: Von den Arzneimittelbehörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird die Homöopathie hoch privilegiert. Homöopathika sind vom Wirksamkeitsnachweis befreit. Sie dürfen als Heilmittel verkauft werden, ohne dass die Hersteller die Wirksamkeit ihrer Präparate belegen müssen.

Gegenüber den „chemischen“ Medikamenten ist das eine ausgesprochene Bevorzugung. Es gibt also kein Opfer „Homöopathie“ – und schon gar kein Inquisitionsopfer.

 

Martin Peithner sollte das wissen, ist er doch Geschäftsführer der Homöopathie-Firma Dr. Peithner KG – eine Interessensbindung, die heute.at im Artikel unterschlägt. Homöopathika-Hersteller brauchen dank der Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis keinen Franken bzw. Euro in die Forschung zu investieren.

„Vorsitzender des Fachausschusses für Homöopathie“ – das tönt sachlich, expertenhaft und neutral – dass der Mann hauptberuflich Homöopathika-Verkäufer ist, wäre aber zur Einschätzung seiner Glaubwürdigkeit nicht ganz unwichtig.

Der Text auf heute.at ist ein Beispiel für fragwürdige und irreführende Berichterstattung.

Eine gewisse Privilegierung gibt es im übrigen auch bei Phytopharmaka, wenn auch nicht so radikal wie bei Homöopathika.

Traditionelle Heilpflanzen-Anwendungen wie zum Beispiel Kamillentee sind vom Wirksamkeitsnachweis befreit. Neu entwickelte Extrakt-Präparate müssen aber ihren Nutzen belegen.

Phytoparmaka-Hersteller, die nicht nur althergebrachtes verkaufen, sondern moderne Produkte entwickeln, haben daher einen nicht zu unterschätzenden Forschungsaufwand. Auch kommen Phytopharmaka in der Schweiz nur mit Wirksamkeitsstudien auf die Liste der Präparate, die durch die Grundversicherung bezahlt werden. Homöopathika und Anthroposophika werden dagegen ohne Wirksamkeitsnachweis von den Krankenkassen bezahlt.

Dass die Inszenierung der Homöopathie als armes, unschuldiges Opfer, wie sie Martin Peithner zelebriert, vollkommen deplaziert ist, zeigt sich auch an anderen Beispielen im „homöopathischen“ Umgang mit Kritik.

Da werden Kritiker schon mal mit Einschüchterungsversuchen eingedeckt:

Homöopathie-Konzern Boiron: Einschüchterungsversuch  gegen Kritiker

Oder es wird ein Journalist bezahlt, damit er Homöopathie-Kritiker mit einer diffamierenden Internetkampagne schlecht macht:

Homöopathie-Lobby im Netz: Schmutzige Methoden der Sanften Medizin

Das hier beschriebene Phänomen betrifft nicht nur die Homöopathie. In weiten Bereichen von Komplementärmedizin, Alternativmedizin und Naturheilkunde fehlt ein konstruktiver Umgang mit Kritik. Stattdessen findet man Opferlegenden, wie oben im Beispiel mit Dr. Peithner, oder Verschwörungstheorien („Die böse Pharmaindustrie“).

Kritik mit starken Argumenten ist aber wichtig für jeden Fortschritt des Wissens. Kritik trägt dazu bei, Irrtümer und Fehler zu entdecken und zu überwinden.

Ohne fundierte Kritik mit Argumenten ist es kaum möglich, sich eine eigenständige Meinung über Versprechungen zu bilden. Ohne Kritik setzt sich durch, was am lautstärksten propagiert wird.

Siehe auch:

 Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin – genauer nachdenken, differenzierter argumentieren 

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit 

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht? 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben!

Naturheilkunde: selber denken statt blind glauben

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Edzard Ernst zu Nutzen und Risiken von Pflanzenheilmitteln

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Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter (Grossbritannien). Der profilierte Kritiker der Homöopathie stellt sich im Interview mit dem Tages-Anzeiger den Fragen von Kai Kupferschmidt.

In der Alternativmedizin wird oft behauptet, dass alternative Heilverfahren sich nicht eignen für die Prüfung in klinischen Studien im Vergleich zu Scheinpräparaten (Placebos). Ernst hält diese Behauptung für Humbug und findet, dass diejenigen, die so argumentieren, einfach nicht zu einem endgültigen Ergebnis kommen wollen.

Im Interview wird Ernst gefragt, ob denn gar nichts wirke in Naturheilkunde und Alternativmedizin. Doch, er habe einmal in einer Publikation nur die positiven Dinge rausgestellt, antwortet Ernst. Da seien etwa 20 Therapieformen genannt, vornehmlich Pflanzenheilmittel, aber auch physikalische Massnahmen wie Massage.

Warum gerade Pflanzenheilmittel gut abschneiden, fragt der Interviewer weiter.

Antwort Ernst:

„Viele moderne Medikamente haben eine pflanzliche Basis. Pflanzen enthalten pharmakologisch aktive Moleküle, es ist nicht erstaunlich, dass sie etwas Gutes bewirken können. Gleichzeitig können sie aber auch Schaden verursachen.“

Diesen Faden nimmt der Interviewer auf mit der Feststellung, dass viele glauben, dass ein pflanzliches Mittel nicht schaden kann.

Darauf Ernst:

„Dabei sind viele regelrecht gefährlich. Chinesische Phytotherapeutika zum Beispiel sind meist Kombinationen. Da weiss niemand, was wirklich mit was interagiert. Oft sind sie mit Schwermetallen verunreinigt, oder es sind chemische Präparate reingemischt. Johanniskraut kann bei Depressionen helfen, aber wenn es mit anderen Medikamenten interagiert, etwa mit Gerinnungshemmern, kann es den Spiegel dieser Medikamente im Blut so stark senken, dass Patienten einen Schlaganfall erleiden.“

Quelle:

http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Wir-lassen-uns-viel-zu-viel-gefallen/story/20481809

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Behauptung, dass alternative Heilverfahren sich nicht eignen für die Prüfung in klinischen Studien im Vergleich zu Scheinpräparaten (Placebos), ist meiner Ansicht nach oft tatsächlich fragwürdig. Und sie dient dann wohl wirklich nur zur Abwehr negativer Studienergebnisse.

Heilpflanzenpräparate (Phytopharmaka) jedenfalls eignen sich grundsätzlich gut zur Überprüfung mittels klinischer Studien im Vergleich zu Placebos.

Trotzdem muss man aber meines Erachtens berücksichtigen, dass es in der Forschung über Phytopharmaka einige spezifische Schwierigkeiten gibt:

– Firmen investieren hauptsächlich dann im grossen Stil Geld in Forschung, wenn die dazu gehörenden Produkte patentierbar sind. Bei neu entwickelten chemischen Verbindungen ist das Patentieren einfacher. Heilpflanzen als solche können nicht patentiert werden.

Beispiel: Johanniskraut als Kräutertee wird nicht erforscht, weil sich das für keine Firma rentiert. Jeder könnte die Forschungsergebnisse für sich nutzen. Daher konzentriert sich die Forschung auf firmenspezifisch entwickelte Johanniskraut-Extrakte, die patentierbar sind.

– Die verschiedenen Präparate aus einer Heilpflanze unterscheiden sich bezüglich Wirkstoffgehalt und Wirkung oft beträchtlich. Die Forschung kann daher genau genommen nichts Generelles sagen über die Wirkung beispielsweise von Baldrian, sondern nur über die Wirkung des jeweils untersuchten Präparats.

Beispiel:

Forschungsresultate eines bestimmten Baldrianextrakts lassen sich nicht 1:1 auf andere Baldrianextrakte und schon gar nicht auf Baldriantinktur oder Baldriantee übertragen.

Jeder Hersteller muss daher die Wirksamkeit seines Präparats separat belegen, was aufwändig ist. Und weil die Präparate oft sehr unterschiedlich sind, lassen sich die Forschungsresultate auch nicht so einfach für Metastudien zusammenfassen.

Und ja, Professor Ernst hat Recht mit dem Hinweis, dass Pflanzenpräparate auch Schaden können. Das kommt zwar eher selten vor und ist meistens die Folge von falscher Anwendung, doch müssen allfällige Nebenwirkungen und Interaktionen berücksichtigt werden.

Das ist ein Unterschied zu Homöopathika, Schüssler Salzen oder Bach-Blütentropfen, die keine Wirkstoffe enthalten und daher keine spezifischen Wirkungen, aber auch keine spezifischen Nebenwirkungen und keine Interaktionen auslösen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendelöl: Keine Interaktionen mit der „Pille“

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Eine im Fachmagazin «Drugs in Research in Development» publizierte Studie findet keine Interaktionen (Wechselwirkungen) zwischen der „Pille“ und der Lavendelöl-Zubereitung „Lasea®“.

Die doppelblinde, randomisierte Pilotstudie mit 24 Probandinnen zeigt, dass die gleichzeitige Einnahme eines Lavendelöl-haltigen Fertigpräparats und eines oralen Kontrazeptivums die Plasmaspiegel der Hormone nicht beeinflusst.

Die Frauen nahmen entweder über zwei Monate lang eine Ethinylestradiol- und Levonorgestrel-haltige Pille (Microgynon®) und die angstlösende Lavendelöl-Zubereitung Silexan® ein, die im Fertigarzneimittel Lasea® enthalten ist, oder Microgynon plus Placebo. Die Verum- und die Placebo-Gruppe wechselten nach einem Monat (Crossover-Design). Jeweils am Tag 18 ± 1 des Zyklus‘ nahmen die Wissenschaftler Blutproben und maßen die Konzentration-Zeit-Kurven der beiden Hormone über ein Intervall von 24 Stunden, die sogenannte Area under the Curve (AUC), sowie die maximale Konzentration (cmax). Beide Werte bewegten sich im Sollbereich und sollten damit ihre empfängnisverhütende Wirkung entfalten können, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin «Drugs in Research in Development». Die Follikelgröße und die Dicke der Gebärmutterschleimhaut blieben ebenfalls unbeeinflusst.

Quellen:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=56694

DOI: 10.1007/s40268-014-0065-5

 

Kommentar & Ergänzung:

Zur Wirkung von Lavendelöl gegen Angststörungen siehe auch:

Phytotherapie: Lavendelöl gegen Unruhe

Phytotherapie: Lavendelöl als Angstlöser 

Lavendelöl reduziert Angst und bessert den Schlaf

Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen

Lavendelöl-Kapseln reduzieren Angst bei Depressionen (Fallstudie) 

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelöl-Präparat Lasea 

BfArM wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelöl-Präparats Lasea

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln bei Angststörungen 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] Verbesserte Körper – gutes Leben? Bioethik, Enhancement und die Disability Studies, von Miriam Eilers, Katrin Grüber, Christoph Rehmann-Sutter

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verbesserte_koerper_gutes_lebenVerlagsbeschreibung:

Enhancement (= „Verbesserung“) – Behinderung – gutes Leben.

Der Band verknüpft diese drei Themen und entwickelt einen breiten Zugang zur Debatte um die biotechnologischen Möglichkeiten zur Verbesserung des menschlichen Körpers. Die Beiträge gehen von der Arbeitshypothese aus, dass die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen wichtig sind, um ethische Fragen, die sich bei Enhancement-Projekten stellen, konkreter – und so besser – zu verstehen.

Eine zweite Hypothese ist, dass die Sprache der Rechte, Pflichten und Verbote nicht ausreicht, um zu erfassen, worum es im Kern der Fragen zum Enhancement in ethischer Hinsicht geht. Stattdessen muss geklärt werden, inwieweit mit einer möglichen Verbesserung auch eine Steigerung des menschlichen Wohls verbunden ist und welche Veränderungen im Kontext eines guten Lebens wünschenswert sind.  Zum Shop

Inhaltsverzeichnis:

Inhalt:

Miriam Eilers / Katrin Grüber / Christoph Rehmann-Sutter: Einleitung.

Alfred Nordmann: Die unheimliche Wirklichkeit des Möglichen: Kritik der zukunftsverliebten Technikbewertung.

Christina Schües: Menschliche Natur, glückliche Leben und zukünftige Ethik. Anthropologische und ethische Hinterfragungen.

Christoph Rehmann-Sutter: Können und wünschen können.

Katrin Grüber: Bedingungen für ein gutes Leben mit Behinderung.

Stuart Blume: Ethikdebatte und gesellschaftlicher Prozess: Lehren aus der Geschichte des Cochlea-Implantats.

Sigrid Bosteels / Stuart Blume: Über Konstruktion und Dekonstruktion von Gehörlosigkeit bei Kindern.

Jackie Leach Scully: Auf moralisch unsicherem Terrain: Über Embodiment, Enhancement, und Normativität.

Miriam Eilers: «Fünfundzwanzigstündiger Arbeitstag – denn ne Prothese wird nie müde.» Normative und selektive Implikationen der Prothetik nach dem Ersten Weltkrieg.

Birgit Stammberger: Posthumane Verkörperungen in einer Post-Gender Welt? Kulturelle Dimensionen der kosmetischen Chirurgie.

Trijsje Franssen: Prometheus steigt herab: Beeinträchtigung oder Enhancement?

Lisa Forsberg: Mood-Enhancement und die Authentizität der Erfahrung: Ethische Überlegungen.

Annika den Dikken: Die ethische Relevanz von Körperbildern für die Enhancement-Debatte.

Morten Hillgaard Bülow: Das gute alte Hirn. Wie die Sorgen um eine alternde Gesellschaft und die Ideen zum kognitiven Enhancement in den Neurowissenschaften interagieren.

Nicolai Münch: Körperverachtung oder Phänomenologie der Leiblichkeit? Eine Kritik am Transhumanismus.

Natasha Burns: Nootropika, Smart Drugs und das Problem der Governance.

Kommentar von Martin Koradi zu diesem Buch:

– Gentechnik und Stammzellentherapie

– Nanotechnologie, Prothetik, Implantate (z. B. Hirnschrittmacher)

– Künstliche Intelligenz (z. B. Gehirn-Computer-Schnittstellen)

– Pharma-Enhacement (Leitungssteigernde und moralfördernde Substanzen)

– Upload aller Daten vom Gehirn auf einen Computer zwecks “Unsterblichkeit”.

Mit solchen Verfahren und Technologien propagiert der sogenannte Transhumanismus die Optimierung und schlussendlich Überwindung des Menschen.

Dabei stellen sich aber eine ganze Reihe von kritischen Fragen, die bisher nur unzureichend thematisiert wurden. Das Buch „Verbesserte Körper – gutes Leben?“ stellt solche Fragen und beleuchtet zum Beispiel die gesellschaftlichen Folgen der transhumanistischen Optimierungsstrategien.

Weitere Informationen zu diesen Themen im Blog Transhumanismus & Kritik.

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Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

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Eckart von Hirschhausen ist Arzt und Kabarettist. Dem Tagesspiegel gab er kürzlich ein Interview.

Zitat:

„Dieses Rumhacken auf der ‚doofen Schulmedizin’ mache ich nicht mit. Wir sind extrem undankbar für die medizinischen Erfolge der letzten 100 Jahre, weil die uns so selbstverständlich erscheinen. Was verloren ging: der Wert von Zuwendung und Gespräch. Deshalb erzähle ich viel aus der Placebo-Forschung. Und selbst Operationen haben einen Voodoo-Effekt. Eine der spannendsten Studien der letzten Jahre betrifft tatsächlich Schein-Operationen am Knie. Die Erwartung ist immer ein großer Teil der Behandlung. Und in Amerika kam ein Unfallchirurg auf den genialen Gedanken, Knieoperationen zu testen, in dem er die Leute in zwei Gruppen einteilt. Natürlich, ohne dass sie es wussten. Die eine Gruppe wurde richtig operiert, bei der anderen nur ein Hautschnitt gemacht und etwas am Knie rumgeruckelt. Die Pointe ist, dass es auch zwei Jahre später keinen Unterschied beim Heilungserfolg beider Gruppen gab.“

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/dr-eckart-von-hirschhausen-verglichen-mit-van-gogh-geht-es-mir-blendend/10370898.html

Kommentar & Ergänzung:

Eckart von Hirschhausen ist immer wieder erfrischend, wenn er sich zu Themen wie „Schulmedizin“, „Komplementärmedizin“ oder „Alternativmedizin“ äussert.

Er zeigt darin oft eine Fähigkeit, alle diese Bereiche zugleich kritisch, neugierig und mit einer Prise Humor zu betrachten. Es braucht kritische Fragen in alle Richtungen und je mehr Leute nicht einfach blindlings in einem „Lager“ stehen, desto besser.

Und ja, ich finde auch, dass die Erfolge der „Schulmedizin“ heute oft nicht mehr geschätzt werden, weil sie für uns selbstverständlich geworden sind.

Insbesondere aus manchen „Szenen“ der „Alternativmedizin“ bzw. „Komplementärmedizin“ kommt ein fortwährendes, pauschales Diffamieren der „Schulmedizin“, was mir oft sehr anmassend erscheint.

Dieses pauschale und oft auch einfach denkfaule Verteufeln ist nicht zu verwechseln mit präziser Kritik auf der Basis von Argumenten an konkreten Punkten, die sehr wohl nötig ist.

Die auch immer wieder zu hörenden Beteuerungen, dass man ja nicht gegen die „Schulmedizin“ sei und dass man „ergänzende“ Methoden und Produkte anbiete, sind meiner Erfahrung nach oft Anbiederungen und nur zum Teil ernst zu nehmen. Zu oft höre ich von den selben Leuten dann wieder anmassende Aussagen wie: „Die ‚Schulmedizin’ behandelt nur Symptome, wir dagegen die Ursachen.“

Und ja, es gibt eine ganze Reihe von Operationen, die nicht wirksamer sind als Placebo-Operationen. Das wirft viele ethische Fragen auf.

Zum Thema Placebo / Nocebo:

Placebo – auch ohne Täuschung wirksam 

Überraschender Placebo-Erfolg bei Schmerztherapie

Placeboforschung: Tablettenschlucken bereits als Ritual wirksam bei Migräne

Interessantes zum Nocebo-Effekt

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Forschungsberichte oft übertrieben optimistisch formuliert

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Dass Medienberichte über medizinische Studien oft allzu reisserisch formuliert sind, ist ein bekanntes Phänomen.

Ein Team um die Epidemiologin Isabelle Boutron von der Universität Paris Descartes hat nun in einer Studie gezeigt, dass auch die Berichte der Forscher selber oft mit einer allzu rosaroten Brille verfasst sind: Die Zusammenfassung ihrer Resultate ist oft spektakulärer als die zugrunde liegenden Daten.

Wie Boutron im Fachblatt „PLoS Medicine“ berichtet, ist die angebotene Interpretation oft zu optimistisch, und zwar sowohl bei den Forschern selbst, als auch bei den PR-Abteilungen der Universitäten und nicht zuletzt auch bei den Medien.

„Unsere Ergebnisse könnten zur Entwicklung von neuen Therapiemöglichkeiten bei Alzheimer führen“, heisst es dann beispielsweise.

Forschung muss mögliche Folgen und Anwendungen ihrer Ergebnisse kommunizieren, doch wecken solche Einschätzungen nicht selten übertriebene Erwartungen.

 

Boutron und ihr Team nahmen 70 medizinische Pressemeldungen von der Wissenschaftswebsite „Eurekalert!“ mit den dazugehörigen Studien und Medienberichten unter die Lupe. Das Schwergewicht der Untersuchungen legten sie auf so genannte randomisierte kontrollierte Studien – also solche mit einem hochwertigen Studiendesign.

Schon der „Abstract“, die Kurzzusammenfassung des wissenschaftlichen Berichts, ist Boutron zufolge verzerrt.

In 40 Prozent der Fälle sei diese kondensierte Darstellung der Resultate etwas freundlicher geraten, als es die Rohdaten belegen.

Die zu den Studien verfassten Pressemeldungen sind ebenfalls optimistisch geneigt (in 47 Prozent der Fälle). Und bei den Medienberichten übertreiben gar 51 Prozent der Artikel bei ihrer Darstellung. Boutron kommt zum Schluss, dass die überrissene Darstellung in den Medienberichten nicht nur an einer Missinterpretation der Originalarbeiten liegt. Der Impuls gehe meist schon von den Wissenschaftler aus – und werde danach von Journalisten noch verstärkt.

 

Diese Resultate der Studie zeigen eine symbiotische Beziehung zwischen Forschung und Medien.

Untersuchungen belegen nämlich, dass Presseberichte über wissenschaftliche Studien dazu führen, dass die beschriebenen Studien häufiger zitiert werden.

Die Zahl der Zitate gilt in der Wissenschaft häufig als Maßstab für Relevanz und Qualität. Mediale Aufmerksamkeit kommt so auch den Wissenschaftlern entgegen.

Die Medien wiederum mögen möglichst spektakuläre Forschung, weil Klickraten und Auflage davon profitieren.

So wird halt nicht allzu Spektakulären von Forscher, PR-Leuten und Journalisten gerne etwas aufgepeppt.

Ähnliche Resultate wie Boutron hat auch die deutsche Wissenschaftsforscherin Michaela Franzen vorgelegt.

Sie sieht einen „Kampf um Aufmerksamkeit zwischen Fachjournalen“, in dem durchaus ähnliche Tendenzen zu beobachten seien, wie man sie aus den Massenmedien bereits länger kennt.

In einem ORF-Interview erklärte sie kürzlich: „Forscher neigen dazu, ihre Ergebnisse zu überzeichnen, um überhaupt auf Interesse zu stoßen. Manchmal wird mehr versprochen, als die Daten hergeben.“

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1704695/

 

Die Studie:

„Misrepresentation of Randomized Controlled Trials in Press Releases and News Coverage: A Cohort Study“ PLoS Medicine (9(9): e1001308, doi: 10.1371/journal.pmed.1001308).

http://www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pmed.1001308

 

Kommentar & Ergänzung:

Forschung braucht Geld. Und wer Lösungen in Aussicht stellt für Gesundheitsprobleme wie Demenz, Krebs etc. findet einfacher neue Finanzierungsquellen. Der Trend zur überoptimistischen Darstellung hat auf Seiten der Forschung verschiedene Quellen.

Positiv erwähnt werden muss allerdings, dass es in der Wissenschaft auch eine Kultur der Kritik und Relativierung gibt. Forschungsergebnisse, ihre Interpretation und Darstellung werden von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Frage gestellt und auf ihre Solidität geprüft. Das geht manchmal zu langsam und dann dauert es zu lange, bis Irrtümer und Fehler entdeckt werden. Aber grundsätzlich finden ein solcher Vorgang statt.

Leider sind bei diesem Diskussionsprozess die PR-Abteilungen und die Medien meist nicht mehr dabei. Sie vermelden gerne die ersten, neusten, spektakulärsten Ergebnisse. Die darauf folgenden, oft ernüchternden Auseinandersetzungen und Relativierungen sind für die Medien eher selten interessant.

Eine solche Kultur der internen, kritischen Auseinandersetzung fehlt meinem Eindruck nach über weite Strecken bei vielen Methoden aus dem Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, die sich eher wie Sekten gebärden. Mit grosser Inbrunst und grossem Engagement wird hier alles zusammengetragen und verkündet, was die eigene Lehre zu bestätigen scheint, während kritische Fragen und Einwände sofort einem eingebildeten feindlichen Lager zugeordnet werden, zum Beispiel der „Pharmaindustrie“, die alle Kritiker gekauft haben soll….

Solche pauschalen Verschwörungstheorien sind bequem. Man muss sich mit kritischen Fragen im eigenen Terrain dann gar nicht befassen. Damit wird aber auch eine echte Auseinandersetzung mit Missständen in der Pharmaindustrie vermieden, bei der immer konkrete Missstände mit Fakten und Argumenten in Frage zu stellen wären.

 

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin: Genauer nachdenken, differenzierter argumentieren

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Pflanzenheilkunde – Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Komplementärmedizin – alles nur Ansichtssache? 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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