Artikel mit Schlagwort ‘Kritik’

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Dienstag, August 26th, 2014

Eckart von Hirschhausen ist Arzt und Kabarettist. Dem Tagesspiegel gab er kürzlich ein Interview.

Zitat:

„Dieses Rumhacken auf der ‚doofen Schulmedizin’ mache ich nicht mit. Wir sind extrem undankbar für die medizinischen Erfolge der letzten 100 Jahre, weil die uns so selbstverständlich erscheinen. Was verloren ging: der Wert von Zuwendung und Gespräch. Deshalb erzähle ich viel aus der Placebo-Forschung. Und selbst Operationen haben einen Voodoo-Effekt. Eine der spannendsten Studien der letzten Jahre betrifft tatsächlich Schein-Operationen am Knie. Die Erwartung ist immer ein großer Teil der Behandlung. Und in Amerika kam ein Unfallchirurg auf den genialen Gedanken, Knieoperationen zu testen, in dem er die Leute in zwei Gruppen einteilt. Natürlich, ohne dass sie es wussten. Die eine Gruppe wurde richtig operiert, bei der anderen nur ein Hautschnitt gemacht und etwas am Knie rumgeruckelt. Die Pointe ist, dass es auch zwei Jahre später keinen Unterschied beim Heilungserfolg beider Gruppen gab.“

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/dr-eckart-von-hirschhausen-verglichen-mit-van-gogh-geht-es-mir-blendend/10370898.html

Kommentar & Ergänzung:

Eckart von Hirschhausen ist immer wieder erfrischend, wenn er sich zu Themen wie „Schulmedizin“, „Komplementärmedizin“ oder „Alternativmedizin“ äussert.

Er zeigt darin oft eine Fähigkeit, alle diese Bereiche zugleich kritisch, neugierig und mit einer Prise Humor zu betrachten. Es braucht kritische Fragen in alle Richtungen und je mehr Leute nicht einfach blindlings in einem „Lager“ stehen, desto besser.

Und ja, ich finde auch, dass die Erfolge der “Schulmedizin” heute oft nicht mehr geschätzt werden, weil sie für uns selbstverständlich geworden sind.

Insbesondere aus manchen “Szenen” der „Alternativmedizin“ bzw. „Komplementärmedizin“ kommt ein fortwährendes, pauschales Diffamieren der „Schulmedizin“, was mir oft sehr anmassend erscheint.

Dieses pauschale und oft auch einfach denkfaule Verteufeln ist nicht zu verwechseln mit präziser Kritik auf der Basis von Argumenten an konkreten Punkten, die sehr wohl nötig ist.

Die auch immer wieder zu hörenden Beteuerungen, dass man ja nicht gegen die „Schulmedizin“ sei und dass man „ergänzende“ Methoden und Produkte anbiete, sind meiner Erfahrung nach oft Anbiederungen und nur zum Teil ernst zu nehmen. Zu oft höre ich von den selben Leuten dann wieder anmassende Aussagen wie: „Die ‚Schulmedizin’ behandelt nur Symptome, wir dagegen die Ursachen.“

Und ja, es gibt eine ganze Reihe von Operationen, die nicht wirksamer sind als Placebo-Operationen. Das wirft viele ethische Fragen auf.

Zum Thema Placebo / Nocebo:

Placebo – auch ohne Täuschung wirksam 

Überraschender Placebo-Erfolg bei Schmerztherapie

Placeboforschung: Tablettenschlucken bereits als Ritual wirksam bei Migräne

Interessantes zum Nocebo-Effekt

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Forschungsberichte oft übertrieben optimistisch formuliert

Donnerstag, August 7th, 2014

Dass Medienberichte über medizinische Studien oft allzu reisserisch formuliert sind, ist ein bekanntes Phänomen.

Ein Team um die Epidemiologin Isabelle Boutron von der Universität Paris Descartes hat nun in einer Studie gezeigt, dass auch die Berichte der Forscher selber oft mit einer allzu rosaroten Brille verfasst sind: Die Zusammenfassung ihrer Resultate ist oft spektakulärer als die zugrunde liegenden Daten.

Wie Boutron im Fachblatt “PLoS Medicine” berichtet, ist die angebotene Interpretation oft zu optimistisch, und zwar sowohl bei den Forschern selbst, als auch bei den PR-Abteilungen der Universitäten und nicht zuletzt auch bei den Medien.

„Unsere Ergebnisse könnten zur Entwicklung von neuen Therapiemöglichkeiten bei Alzheimer führen”, heisst es dann beispielsweise.

Forschung muss mögliche Folgen und Anwendungen ihrer Ergebnisse kommunizieren, doch wecken solche Einschätzungen nicht selten übertriebene Erwartungen.

 

Boutron und ihr Team nahmen 70 medizinische Pressemeldungen von der Wissenschaftswebsite “Eurekalert!” mit den dazugehörigen Studien und Medienberichten unter die Lupe. Das Schwergewicht der Untersuchungen legten sie auf so genannte randomisierte kontrollierte Studien – also solche mit einem hochwertigen Studiendesign.

Schon der “Abstract”, die Kurzzusammenfassung des wissenschaftlichen Berichts, ist Boutron zufolge verzerrt.

In 40 Prozent der Fälle sei diese kondensierte Darstellung der Resultate etwas freundlicher geraten, als es die Rohdaten belegen.

Die zu den Studien verfassten Pressemeldungen sind ebenfalls optimistisch geneigt (in 47 Prozent der Fälle). Und bei den Medienberichten übertreiben gar 51 Prozent der Artikel bei ihrer Darstellung. Boutron kommt zum Schluss, dass die überrissene Darstellung in den Medienberichten nicht nur an einer Missinterpretation der Originalarbeiten liegt. Der Impuls gehe meist schon von den Wissenschaftler aus – und werde danach von Journalisten noch verstärkt.

 

Diese Resultate der Studie zeigen eine symbiotische Beziehung zwischen Forschung und Medien.

Untersuchungen belegen nämlich, dass Presseberichte über wissenschaftliche Studien dazu führen, dass die beschriebenen Studien häufiger zitiert werden.

Die Zahl der Zitate gilt in der Wissenschaft häufig als Maßstab für Relevanz und Qualität. Mediale Aufmerksamkeit kommt so auch den Wissenschaftlern entgegen.

Die Medien wiederum mögen möglichst spektakuläre Forschung, weil Klickraten und Auflage davon profitieren.

So wird halt nicht allzu Spektakulären von Forscher, PR-Leuten und Journalisten gerne etwas aufgepeppt.

Ähnliche Resultate wie Boutron hat auch die deutsche Wissenschaftsforscherin Michaela Franzen vorgelegt.

Sie sieht einen “Kampf um Aufmerksamkeit zwischen Fachjournalen”, in dem durchaus ähnliche Tendenzen zu beobachten seien, wie man sie aus den Massenmedien bereits länger kennt.

In einem ORF-Interview erklärte sie kürzlich: “Forscher neigen dazu, ihre Ergebnisse zu überzeichnen, um überhaupt auf Interesse zu stoßen. Manchmal wird mehr versprochen, als die Daten hergeben.”

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1704695/

 

Die Studie:

“Misrepresentation of Randomized Controlled Trials in Press Releases and News Coverage: A Cohort Study” PLoS Medicine (9(9): e1001308, doi: 10.1371/journal.pmed.1001308).

http://www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pmed.1001308

 

Kommentar & Ergänzung:

Forschung braucht Geld. Und wer Lösungen in Aussicht stellt für Gesundheitsprobleme wie Demenz, Krebs etc. findet einfacher neue Finanzierungsquellen. Der Trend zur überoptimistischen Darstellung hat auf Seiten der Forschung verschiedene Quellen.

Positiv erwähnt werden muss allerdings, dass es in der Wissenschaft auch eine Kultur der Kritik und Relativierung gibt. Forschungsergebnisse, ihre Interpretation und Darstellung werden von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Frage gestellt und auf ihre Solidität geprüft. Das geht manchmal zu langsam und dann dauert es zu lange, bis Irrtümer und Fehler entdeckt werden. Aber grundsätzlich finden ein solcher Vorgang statt.

Leider sind bei diesem Diskussionsprozess die PR-Abteilungen und die Medien meist nicht mehr dabei. Sie vermelden gerne die ersten, neusten, spektakulärsten Ergebnisse. Die darauf folgenden, oft ernüchternden Auseinandersetzungen und Relativierungen sind für die Medien eher selten interessant.

Eine solche Kultur der internen, kritischen Auseinandersetzung fehlt meinem Eindruck nach über weite Strecken bei vielen Methoden aus dem Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, die sich eher wie Sekten gebärden. Mit grosser Inbrunst und grossem Engagement wird hier alles zusammengetragen und verkündet, was die eigene Lehre zu bestätigen scheint, während kritische Fragen und Einwände sofort einem eingebildeten feindlichen Lager zugeordnet werden, zum Beispiel der „Pharmaindustrie“, die alle Kritiker gekauft haben soll….

Solche pauschalen Verschwörungstheorien sind bequem. Man muss sich mit kritischen Fragen im eigenen Terrain dann gar nicht befassen. Damit wird aber auch eine echte Auseinandersetzung mit Missständen in der Pharmaindustrie vermieden, bei der immer konkrete Missstände mit Fakten und Argumenten in Frage zu stellen wären.

 

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin: Genauer nachdenken, differenzierter argumentieren

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Pflanzenheilkunde – Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Komplementärmedizin – alles nur Ansichtssache? 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aromatherapie / Aromapflege: Spiegel online berichtet über Forschungsergebnisse

Freitag, Juni 27th, 2014

Das macht er allerdings über weite Strecken sehr vage.

Beispielsweise:

„Zwar mehren sich die Hinweise, dass ätherische Öle tatsächlich helfen könnten, Krankheiten zumindest teilweise zu lindern. Doch noch ist Zurückhaltung geboten: Zum einen gibt es insgesamt noch zu wenige wissenschaftliche Studien, die eine ursächliche und spezifische Wirkung am Menschen und bei bestimmten Krankheiten eindeutig belegen. In der Regel sollte die Aromatherapie daher lediglich als Unterstützung bei der Behandlung von Patienten gesehen werden. Zum anderen bergen ätherische Öle mitunter auch Gefahren, zum Beispiel für Kinder, oder können allergische Reaktionen auslösen.“

Da bleibt ziemlich unklar, welche ätherischen Öle nun welche Krankheiten teilweise lindern können.

Konkreter ist der Hinweis auf die Wirkung von Lavendelöl bei Angststörungen:

„Deutsche Forscher gingen auch der Frage nach, ob natürliche Öle möglicherweise bei psychischen Erkrankungen helfen. In einer Doppelblindstudie, an der ein Hersteller für pflanzliche Arzneimittel finanziell beteiligt ist, verglichen sie die Wirkung von Lavendelöl bei Angststörungen mit jener des Wirkstoffs Lorazepam, einem Benzodiazepin. Demnach waren Lavendelölkapseln genauso wirksam wie Lorazepam. Im Gegensatz dazu machte der natürliche Wirkstoff aber nicht müde oder abhängig ‚und eignet sich deshalb gut für die Behandlung einer Angststörung, schreiben die Studienautoren im Fachmagazin ‚Phytomedicine’.“

Dabei handelt es sich allerdings um die Einnahme von Lavendelöl in Kapselform. Ich würde diese innerliche Anwendung eher zur Phytotherapie zählen als zur Aromatherapie, die ihren Fokus auf die Anwendung von Düften „via Nase“ legt.

Im Spiegel-Artikel wird zudem der emeritierte Chemie-Professor und Aromatherapie-Forscher Dietrich Wabner zitiert:

„Die Aromatherapie ist eine rationale Therapie mit pflanzlichen Ölen und fern aller Esoterik.“

Diese Aussage scheint mir ergänzungsbedürftig. Aromatherapie lässt sich meines Erachtens durchaus „rational“ betreiben, gestützt also zumindestens auf nachvollziehbare, überzeugende Argumente und zum Teil auch gestützt auf Forschungsergebnisse.

Die Praxis sieht aber schon sehr anders aus. Die meisten Aromatherapie-Bücher sind voll mit Angaben zu Wirkungen und Anwendungsbereichen der ätherischen Öle, bei denen nicht im geringsten nachvollziehbar ist, wie die Aussagen zustande gekommen sind.

Wenn da beispielsweise nur steht, Zedernholzöl wirke schützend oder Rosmarinöl stärke den Willen, dann wirft das eine ganze Reihe von Fragen auf. Wovor soll Zedernholzöl schützen? Lawinen, Insekten, böse Geister, schlechte Energien, Bakterien? Und wie bitte soll Rosmarinöl den Willen stärken? Das ist sehr erklärungsbedürftig.

Solche Aussagen sind kaum überprüfbar, weil nicht offengelegt wird, wie sie zustande gekommen sind. Um mir eine eigene Meinung darüber zu bilden, ob Zedernholzöl wirklich schützend wirkt, müsste ich erfahren, auf welchen Erkenntnissen diese Aussage basiert.

Wer vertritt sie? Wie kam dieser Mensch zu seiner Aussage?

Eigene Erfahrungen? Dann stellt sich die Frage, wie sorgfältig die Person sich mit ihren Erfahrungen auseinandergesetzt hat. Eigene Erfahrungen unterliegen sehr häufig Täuschungen.

Experimente? Studien mit Patienten? Dann wäre wichtig zu wissen, um welche Art von Experimenten oder Studien es sich handelt und wie glaubwürdig sie sind.

Nur wenn ich den Weg sehe, auf dem eine Aussage zustande gekommen ist, kann ich ihre Glaubwürdigkeit beurteilen. Diese Transparenz fehlt oft in der Aromatherapie-Fachliteratur, aber auch in den meisten Büchern über Pflanzenheilkunde.

Seriöse Phytotherapie-Fachliteratur dagegen basiert mit ihren Aussagen über Heilwirkungen von Arzneipflanzen auf überprüfbaren Quellen, wie zum Beispiel den Monografien der ESCOP.

In diesen Fällen lässt sich überprüfen, welche Fachleute für die Empfehlungen stehen und auf welcher Erkenntnisbasis sie ihre Schlussfolgerungen getroffen haben.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Quellen:

Die Spiegel-Zitate:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aromatherapie-helfen-aetherische-oele-wie-lavendeloel-gegen-krankheiten-a-971155.html

Die Studie zur Wirkung von Lavendelölkapseln gegen Angststörungen:

http://www.phytomedicinejournal.com/article/S0944-7113(09)00261-X/abstract

 

Es handelt sich dabei um das Präparat Lasea®.

Siehe dazu:

Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen 

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelölpräparat Lasea 

BfArM wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelölpräparats Lasea

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cochrane-Review findet für Grippe-Impfstoffe nur mässige Wirksamkeit

Sonntag, März 23rd, 2014

Impfstoffe gegen Influenza-A oder Influenza-B-Infektionen wirken nur gering auf die Reduktion von Grippesymptomen und den Verlust von Arbeitstagen oder Krankenhausaufenthalte.

Zu diesem Resultat kommt ein aktueller Cochrane Review zumindest für die gesunde erwachsene Bevölkerung, schwangere Frauen eingeschlossen. Die „Deutsche Apothekerzeitung“ hat die Ergebnisse informativ zusammengefasst.

Die Cochrane-Forschergruppe wertete für den Review 90 Literaturberichte aus, darunter 69 klinische Studien, 27 davon Vergleichs-Kohortenstudien und 20 Fall-Kontroll-Studien mit total mehreren Millionen Menschen. 23 Berichte erfassten Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes bei schwangeren Frauen (ca. 1,6 Millionen Mutter-Kind-Paare).

So sehen die Ergebnisse im Detail aus:

- Bei Applikation von parenteralem inaktiviertem Grippe-Impfstoff an gesunde Erwachsene würden 71 Personen (number needed to vaccinate NNV) eine Impfung brauchen, um einen Fall von Grippe zu vermeiden (95%, Konfidenzintervall: 64-80).

- Mindestens 40 Personen würden eine Impfung benötigen, um einen ILI- Fall (Influenza-typische Erkrankung, Influenza-like Illness) zu verhindern (95%, Konfidenzintervall: 26 bis 128).

- Der Schutz schwangerer Frauen vor Grippe oder ILI mit inaktiviertem Grippe-Impfstoff ist nach der Datenerhebung ebenfalls unsicher oder zumindest sehr limitiert. Es existieren dazu nur Beobachtungsstudien von mäßiger methodischer Qualität.

- Um die Wirksamkeit der Aerosol-Lebend-Impfstoffe steht es nicht viel besser: 46 Personen (95% CI 29-115) würden eine Immunisierung brauchen, um einen Grippe-Fall zu vermeiden.

Die Datenlage zur Grippeschutzimpfung in der gesunden Normalbevölkerung sieht im Lichte dieses Cochrane Reviews nicht sehr überzeugend aus.

Aufgrund methodischer Mängel äussern die Urheber des Reviews allerdings vielfach Zweifel an der Aussagekraft der Daten. Nicht einmal 10 Prozent der Studien hatten eine gute Qualität, so stellen sie fest.

Über 200 Viren sind bekannt als Auslöser von Influenza und ILI, die beide vergleichbare Symptome zeigen wie Fieber, Schmerzen, Husten und Schnupfen.

Ohne Laboruntersuchung lässt es sich im Einzelfall nicht klären, ob es sich um eine Influenza-Infektion oder um grippeähnliche Erkältungskrankheiten handelt.

Grippe-Impfstoffe wirken aber nur gegen Influenza A und B, die nicht mehr als rund 10 Prozent der zirkulierenden Viren ausmachen. Und die Grippe-Impfung wirkt nur, wenn sie auf Virusstämmen basiert, die in der jeweiligen Saison auch tatsächlich zirkulieren.

Welche Virusstämme in die saisonalen Grippeschutz-Impfungen einbezogen werden sollen, das bestimmt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr neu.

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2014/03/21/grippe-impfstoffe-nur-maessig-wirksam/12391.html

Demicheli V, Jefferson T, Al-Ansary LA, Ferroni E, Rivetti A, Di Pietrantonj C. Vaccines for preventing influenza in healthy adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 3. Art. No.: CD001269. DOI: 10.1002/14651858.CD001269.pub5.

Kommentar & Ergänzung:

Ziemlich ernüchternd, dieses Fazit. Wobei aber festzuhalten ist, dass die Wirkung bei gesunden Personen unter die Lupe genommen wurde. Vielleicht sieht der Nutzen bei geschwächten Menschen anders aus.

Sehr bedenklich ist allerdings, dass die Cochrane-Forscher nicht einmal 10 % der Studien eine gute Qualität bescheinigen können.

Ausserdem gibt es weiter hochwertige Studien, die zur Wirksamkeit der Grippe-Impfung Fragezeichen aufwerfen.

Zu finden beispielsweise auf der Website „Gesundes Reisen“ – ein Service des Reisemedizinischen Zentrums (MD Medicus Reise und Tropenmedizin GmbH, Tropeninstitut Hamburg). Zum Thema Grippe gibt es hier zwei interessante Zitat:

http://www.gesundes-reisen.eu/print_artikel_details.php?contentType=3&themaID=1280

Was steht da genau in diesen zwei Zitaten?

Zitat 1:

“Mit Influenza Impfungen ist ein moderater Effekt verbunden, Influenza-Symptome zu vermindern und Arbeitszeit einzusparen. Es besteht keine Evidenz, dass sie sich auf Komplikationen auswirken, wie Lungenentzündung, oder auf die Übertragung des Virus.”

Als Quellenangabe für dieses Zitat wird angegeben: Cochrane 2010 (wo ich das Zitat aber nicht gefunden habe).

Ausserdem Zitat 2:

“Influenza vaccines can provide moderate protection against virologically confirmed influenza, but such protection is greatly reduced or absent in some seasons. Evidence for protection in adults aged 65 years or older is lacking.”

Dieses Zitat stammt aus Lancet Infectious Diseases (Osterholm 2012)

The Lancet ist als medizinisches Fachjournal sehr renommiert – genauso wie die Cochrane Collaboration.

Insgesamt ist festzuhalten, dass solch hochkarätige Kritik sich nicht leicht vom Tisch wischen lässt.

Wenn ich hier diese kritischen Zitate zur Wirksamkeit der Grippe-Impfungen anführe, dann möchte ich zugleich mit Nachdruck festhalten, dass ich mich nicht zu den fundamentalistischen Impfgegnern zähle.

Pauschale Verteufelung von Impfungen und die damit verknüpften Verschwörungstheorien halte ich für grundfalsch, höchst fragwürdig und destruktiv. Sie basieren auf einer höchst einseitigen, selektiven Interpretation.

Impfungen sind meines Erachtens eine Erfolgsgeschichte. Sie sind nun quasi ein Opfer ihres eigenen Erfolges. Viele gefährliche Krankheiten wie Kinderlähmung, Diphtherie, Pocken oder Starrkrampf sind dank Impfungen aus unserem Leben verschwunden. So ist es leicht, pauschal gegen Impfungen zu wettern, wenn der Schrecken dieser Krankheiten nicht mehr präsent ist. Ich meinerseits bin jedenfalls dankbar, dass ich nie in meinem Leben mit solchen Krankheiten zu tun haben musste.

Wer nicht in die pauschale Impf-Verteufelung einstimmt, muss deshalb nicht jeder Impfung unkritisch gegenüber stehen. Es gibt einen differenzierteren Mittelweg. Eine kritische Auseinandersetzung mit Impfungen ist nötig, aber sie muss konkrete Punkte mit Argumenten in Frage stellen, so wie es die Cochrane-Studien und der „Lancet“-Artikel tun.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Weitere Studie verneint Wirkung von Glucosamin bei Kniearthrose

Freitag, März 14th, 2014

Glucosamin wird heftig als Knorpelschutzmittel propagiert und ist als Nahrungsergänzungsmittel in Apotheken und Drogerien (z. B. von Burgerstein), aber auch in Grossverteilern wie Migros und COOP erhältlich.

Nun hat eine orale Behandlung mit Glucosamin in einer randomisierten US-Studie keinerlei Wirkung bei Patienten mit milder oder mittelschwerer Kniegelenkarthrose erzielt. Publiziert wurde die Studie in Fachorgan Arthritis & Rheumatology (2014: doi: 10.1002/art.38314).

Glucosamin ist ein Aminozucker und ein Baustein der Glykosaminoglykane, aus denen der Gelenkknorpel besteht. Die orale Behandlung mit Glucosamin soll die Regenerierung des Gelenkknorpels fördern, wofür allerdings keine überzeugenden Beweise aus randomisierten klinischen Studien existieren. Bereits im Jahr 2006 scheiterte in den USA der Glucosamine/chondroitin Arthritis Intervention Trial (GAIT) des US-National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM), der die Behandlung mit Glucosamine/Chondroitin oder einer Kombination beider Mittel an über 1.500 Patienten mit Placebo oder dem nicht-steroidalen Antiphlogistikum Celecoxib verglich.

Nur der Entzündungshemmer Celecoxib linderte damals die Beschwerden besser als Placebo (NEJM 2006; 354: 795-808). Später kam auch eine Meta-Analyse (BMJ 2010; 341:c4675) zu dem Schluss, dass die beiden „Chondroprotektiva“ bestenfalls eine Placebo-Wirkung entfalten.

Der Beliebtheit von Glucosamin-Präparaten tat dies aber keinerlei Abbruch.

Der Wissenschaftler Kent Kwoh von der Universität in Tucson im US-Staat Arizona hat nun in einer randomisierten Studie erneut die Wirkung von Glucosamin untersucht. Im Zentrum seiner Forschung standen die Auswirkungen auf die Knorpelzerstörung und die subchondralen Knochenmarkläsionen im Bereich der Kniegelenke. Als Maßstab für die Knorpelzerstörung verwendete Kent Kwoh die Ausscheidung des C-Telopeptids vom Typ II-Kollagen.

Bei diesem Messwert waren drei und sechs Monate nach dem Start der Behandlung mit täglich einmal 1.500 mg Glucosamin keine signifikanten Differenzen zum Placebo-Arm der Studie erkennbar.

Die subchondralen Knochenmarkläsionen wurden in der Studie mittels des Whole-Organ MRI-Scores (WORM) erfasst.

Auch an diesem Punkt traten unter der 24-wöchigen Behandlung mit Glucosamin keine signifikanten Vorteile gegenüber Placebo auf, wie der Forscher mitteilt.

Darüber hinaus zeigten sich auch im Western Ontario and McMaster Universities (WOMAC), der die klinischen Beschwerden erfasst, keine Anzeichen einer signifikanten Besserung. Für Kwoh steht damit fest, dass es keinerlei Evidenz für eine Wirkung der Glucosamin-Präparate gibt.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/57911/Orales-Glukosamin-in-Studie-ohne-Wirkung-bei-Gonarthrose

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/art.38314/abstract?systemMessage=Wiley+Online+Library+will+be+disrupted+Saturday%2C+15+March+from+10%3A00-12%3A00+GMT+%2806%3A00-08%3A00+EDT%29+for+essential+maintenance

Kommentar & Ergänzung:

Glucosamin ist wohl so beliebt, weil es eine ursächlichere Therapie vorspiegelt – nämlich den Wiederaufbau zerstörter Knorpelgewebe – während die üblichen Medikamente gegen Arthrose vor allem Schmerzen und Entzündungen lindern.

Zudem fehlen dem Glucosamin die problematischen Risiken der klassischen Entzündungshemmer wie Diclofenac (Voltaren®), welche ernsthafte Nebenwirkungen an Magen und Herz auslösen können.

Ganz unproblematisch ist aber auch Glucosamin nicht. Es kann zu Wechselwirkungen (Interaktionen) zwischen Glucosamin und Cumarin-Antikoagulanzien kommen. Glucosamin kann zu einer Verstärkung der blutgerinnungshemmenden Wirkung der Cumarin-Antikoagulanzien führen, d.h. diese kann unversehens stärker als erwartet ausfallen. Eine mögliche Konsequenz aus dieser Wechselwirkung ist das Auftreten von Blutungen. In den meisten der berichteten Fälle handelte es sich um symptomlose Veränderungen von Laborwerten. In einigen Fällen kam es aber zu Blutungen in verschiedenen Organen. In einem Fall sogar mit der Folge einer schweren Hirnblutung.

Glucosamin gegen Arthrose: Die Kritik wächst

Zur Wirksamkeit von Glucosamin wird auf Wikipedia auch eine Studie der Universität Sydney aus dem Jahr 2013 aufgeführt:

„Eine doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie von 2013, durchgeführt von der Universität Sydney mit 605 Probanden (Alter 45–75 Jahre, Kniegelenksarthrose) konnte eine statistisch signifikante Abschwächung des Gelenkspaltrückgangs beobachten. Es wurde dabei über 2 Jahre täglich 2 x 750 mg Glucosaminsulfat und 2 x 400 mg Chondroitinsulfat eingenommen. Ein Rückgang der Gelenkschmerzen konnte bei allen Gruppen [1) Glucosaminsulfat 2 x 750 mg, 2) Chondroitinsulfat 2 x 400 mg , 3) Glucosaminsulfat 2 x 750 mg + Chondroitinsulfat 2 x 400 mg, 4) Placebo] – ohne signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen – beobachtet werden.“

Da zeigt sich also zwar eine Abschwächung des Gelenkspaltrückgangs, aber der entscheidendere Rückgang der Gelenkschmerzen wurde in allen 4 untersuchten Gruppen beobachtet, auch im Placebo-Arm.

Schlussfolgerungen?

Wenn jemand Glucosamin schluckt und überzeugt davon ist, dass ihm oder ihr das hilft, dann habe ich keine Einwände.

Dass Glucosamin aber von Herstellern und Verkäufern als Knorpelschutz gegen Gelenkschmerzen propagiert wird, entbehrt ganz offensichtlich jeder seriösen Grundlage.

Bei Produkten wie „Burgerstein“ ist heikel daran, dass sie in Apotheken und Drogerien verkauft werden. Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben aber vor allem bei Apotheken die Vorstellung, dass dort nur wirksame Heilmittel verkauft werden – ein fundamentaler Irrtum. Apotheken und Drogerien machen einen nicht unbedeutenden Teil ihres Umsatzes mit reinen Placebos, die allerdings nicht als solche gekennzeichnet sind.

Und bei den Grossverteilern wie COOP und Migros sind ebenfalls kritsche Fragen angebracht. Sie expandieren massiv in dem Bereich der Heilmittel und der (angeblich) gesundheitserhaltenden Nahrungsergänzungsmittel. Qualität im Sinne von Wirksamkeit ist dabei ganz offensichtlich kein Kriterium. Propagiert und verkauft wird, was sich verkaufen lässt.

Konsumentinnen und Konsumenten tun deshalb gut daran, die damit verbundenen Versprechungen mit kritischem Blick zu betrachten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen

Freitag, Februar 7th, 2014

Lavendelöl-Kapseln sind wirksam gegen Angststörungen. Das haben Forscher aus Wien sowie aus Berlin, München und Werneck in Deutschland nun mit einer groß angelegten und mit Placebo-Kontrolle durchgeführten Studie belegt.

Der Lavendelöl-Extrakt aus dem schmalblättrigen Lavendel soll auch besser als ein modernes Antidepressivum wirken.

Die Wissenschaftler untersuchten die angstlösende Wirkung der oral einzunehmenden Lavendelöl-Zubereitung ‘Silexan’ bei generalisierter Angststörung im Vergleich zu Placebo und Paroxetin (ein bekanntes Antidepressivum, ein Serotonin-Reuptake-Hemmer).

Die Studie wurde im International Journal for Neuropsychopharmacology veröffentlicht.

Als Testpersonen nahmen 539 Patienten mit laut den offiziellen Kriterien gut belegter Angststörung an der Studie teil. Sie erhielten entweder 160 oder 80 Milligramm des Lavendelöl-Produkts eines bekannten deutschen Phytopharma-Unternehmens oder 20 Milligramm Paroxetin bzw. ein Placebo pro Tag. Das geschah über einen Zeitraum von zehn Wochen.

Die Probanden hatten am Beginn mit einem Wert von mehr als 18 auf der HAMA-Skala (Hamilton Anxiety Scale) zumindest eine mehr als milde Angststörung. Die Skala mit einem Fragebogen zu 14 Symptomen in je fünf Stufen ermittelt den Schweregrad von Symptomen wie Angst, Anspannung, depressive Stimmung, Herzklopfen, Atemschwierigkeiten, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit und anderen körperlichen Symptomen bei Patienten mit dieser häufigen psychischen Erkrankung. Ein HAMA-Wert von 17 bis 24 wird als milde bis moderate Angststörung bezeichnet, darüber spricht man von einer schweren Angststörung.

Die Resultate waren in mehreren Bereichen aussagekräftig: 160 Milligramm des Lavendelöls pro Tag reduzierten den HAMA-Score bei den damit Behandelten um 14,1 Punkte. 80 Milligramm des Lavendelöls brachten es auf eine Verminderung von 12,8 Punkten.

Das moderne Antidepressivum Paroxetin zeigte im Vergleich dazu mit minus 11,3 Punkten auf der HAMA-Skala einen etwas schwächeren Effekt. Eine Wirkung zeigte aber auch das Placebo: Sie lag bei minus 9,5 Punkten auf der Skala bei der zweiten Untersuchung. Die Besserung bei den Patienten unter den zwei Lavendelöl-Dosierungen war verglichen mit dem Placebo statistisch signifikant, während Paroxetin keine statistische Signifikanz zeigte.
Eine andere Analyse unterstrich die Wirkung des Lavendelöls: Unter der höheren Dosierung zeigten 60,3 Prozent der Testpersonen eine Besserung um mehr als 50 Prozent bei den Symptomen (gemessen mit der HAMA-Skala), unter der tieferen Dosierung waren es 51,9 Prozent, bei Behandlung mit Paroxetin waren es 43,2 Prozent und 37,8 Prozent mit dem Scheinmedikament.

Quelle:

http://www.meduniwien.ac.at/homepage/news-und-topstories/?Fsize=0&tx_ttnews%5Btt_news%5D=4508&cHash=4708a3acb2

Die Studie in “The International Journal of Neuropsychopharmacology”:

“Lavender oil preparation Silexan is effective in generalized anxiety disorder – a randomized, double-blind comparison to placebo and paroxetine” von Siegfried Kasper et al., wurde publiziert am 23. Januar 2014.

https://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?fromPage=online&aid=9157723&fulltextType=RA&fileId=S1461145714000017

Kommentar & Ergänzung:

Die Vergleichssubstanz Paroxetin wird zur Behandlung von Depressionen, Zwangsstörungen, Panikstörungen, sozialen Angststörungen, generalisierten Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Fibromyalgie verwendet.

Der in dieser Studie untersuchte Lavendelöl-Extrakt ist in Deutschland unter dem Namen Lasea®  in  Kapselform im Handel.

Siehe dazu auch:

Lavendelblüten und Lavendelöl

Bfarm wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelöl-Präparates Lasea

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelöl-Präparat Lasea

Lavendelöl reduziert Angst und bessert den Schlaf,

Phytotherapie: Lavendelöl als Angstlöser

Phytotherapie: Lavendel gegen Unruhe,

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schwei

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Aromatherapie / Phytotherapie: Teebaumöl giftig für Katzen

Montag, Januar 20th, 2014

Die „FAZ“ stellt das „Wundermittel“ Teebaumöl in Frage und verweist auf Vergiftungen bei Hunden und Katzen:

„Besonders herbe Kritik an der unreflektierten Verwendung des Wundermittels kommt aber von amerikanischen Veterinärmedizinern. Sie sammelten über zehn Jahre Fälle von fast 450 Hunden und Katzen, die mit Teebaumöl in Kontakt gekommen und dadurch massiv vergiftet worden waren. In neunzig Prozent der Fälle hatten die Halter ihre Tiere absichtlich mit dem Mittel besprüht, offenbar, um sie auf „natürliche“ Weise zu entflohen. Die Tiere litten unter Lähmungen und Krämpfen; ihre Entgiftungssysteme sind der Substanz nicht gewachsen.“

Quelle:

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/glosse-die-neue-teebaumoel-skepsis-hilft-gegen-alles-12750479.html

Kommentar & Ergänzung:

Dass Teebaumöl für Katzen gefährlich werden kann, ist eine gut gesicherte Erkenntnis, die leider nicht allen Katzenbesitzerinnen und Katzenbesitzern bekannt ist. Es wird aber auch von Vergiftungen bei Hunden berichtet. Leider fehlen im „FAZ“-Artikel Angaben dazu, wo in den USA und von wem diese Fallsammlung erstellt wurde.

Das Institut für Veterinärpharmakologie und –toxikologie der Universität Zürich schreibt zur Toxizität des Teebaumöls und zum Unterschied zwischen Hund und Katze:

„Die Toxizität des Teebaumöls ist mit der anderer terpenhaltiger ätherischer Öle (z.B. Eukalyptusöl) vergleichbar. Katzen sind aufgrund geringerer Glukuronidierungsfähigkeit und intensiveren Putzverhalten empfindlicher als Hunde (Bischoff 1998).“

Quelle:

http://www.vetpharm.uzh.ch/reloader.htm?wir/00006864/7734_08.htm?wir/00006864/7734_00.htm

Teebaumöl ist ein interessantes Naturheilmittel, aber bezüglich Verträglichkeit und Allergiepotenzial nicht unproblematisch. Meines Erachtens gibt es für die meisten Anwendungsbereiche andere ätherische Öle, die besser verträglich, geruchlich angenehmer und betreffend Wirksamkeit ebenbürtig sind.

Siehe auch:

Aromatherapie / Phytotherapie: Zur Wirkung von Teebaumöl

Jasminöl, Teebaumöl und Minzöl gegen Scheidenpilz untersucht

Teebaumöl – ein Naturheilmittel macht Karriere

Herpesviren mit Melissenöl und Teebaumöl stoppen

Teebaumöl als Naturheilmittel

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Zitat des Tages von Erasmus von Rotterdam

Mittwoch, Dezember 4th, 2013

„Doch sich täuschen zu lassen, gilt nach landläufiger Auffassung als elend.

Ich behaupte dagegen, daß es das größte Unglück ist,

über alle Täuschungen erhaben zu sein.

Der Geist des Menschen ist nun einmal so angelegt, daß der Schein

ihn mehr fesselt als die Wahrheit.“

Erasmus von Rotterdam

Quelle:

http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fachbereich_physik/didaktik_physik/publikationen/267_zaubern_entzaubern_wieder_verzaubern.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Meiner Ansicht nach ist es nicht „das grösste Unglück“, über alle Täuschungen erhaben zu sein – weil das gar nicht erreichbar ist.

Zu glauben, man sei über alle Täuschungen erhaben, scheint mir dagegen sehr problematisch. Diese Überzeugung macht uns unkritisch gegenüber den eigenen Interpretationen.

Im Bereich der Heilkunde braucht es beispielsweise ein Bewusstsein um die Irrtumsanfälligkeit bei der Interpretation eigener Erfahrungen.

Siehe dazu:

Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Spannend finde ich die Aussage des Erasmus, dass der Geist des Menschen so angelegt sei, dass der Schein ihn mehr fesselt als die Wahrheit. Das ist stark der Fall, wenn der Schein sehr unseren Bedürfnissen entgegenkommt – beispielsweise dem Bedürfnis nach Heilung.

An diesem Punkt sind Menschen anfällig für grandiose Heilungsversprechungen.

Darum ist es empfehlenswert, immer dann genauer kritisch nachzufragen, wenn medizinische, komplementärmedizinische , alternativmedizinische (oder was auch immer…) Angebote sehr unseren Bedürfnissen zu entsprechen scheinen.

Siehe:

Komplementärmedizin: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Komplementärmedizin: Qualität und Quacksalberei

P. S. zu Erasmus von Rotterdam:

Erasmus von Rottterdam war ein bedeutender niederländischer Gelehrter des europäischen Humanismus. Er war Theologe, Philosoph, Philologe und Autor zahlreicher Bücher. Er starb 1536 in Basel und ist im Basler Münster begraben.

Eindrücklich an Erasmus von Rotterdam finde ich, dass er sich angesichts der Reformationskonflikte nicht einfach in ein Lager pressen liess.

Als katholischer Theologe hat er die katholische Kirche rigoros kritisiert – den Ablasshandel, die Prunksucht der Kirchenoberen, die Kriegswut des Papstes. Gleichzeitig hat sich Erasmus deutlich von den deutschen Reformatoren und vor allem von ihrem fanatischen Anführer aus Wittenberg – Martin Luther – distanziert. Er forderte unbedingte Dialogbereitschaft. Über alles muss geredet werden können, weil niemand absolute Gewissheit haben kann, dass er Recht hat. Wer die Durchsetzung der eigenen Glaubenssätze für wichtiger hält als eine friedliche Gemeinschaft, muss einsehen, dass nichts im Leben „wertvoller ist als das Leben selbst“.

Erasmus kannte nicht nur beissende Kritik, die auf Veränderung gesellschaftlicher oder kirchlicher Verhältnisse abzielt. Die Schwächen der Menschen entlockten ihm oftmals auch einfach ein versöhnliches Schmunzeln. Es ist immer dann angebracht, wenn durch das törichte Verhalten niemand zu Schaden kommt, ja, wenn es die Menschen subjektiv sogar glücklicher macht. Alles, was der Freundschaft und dem friedlichen Zusammenleben der Menschen zuträglich ist, verdient nach Erasmus unsere Anerkennung – oder zumindest unsere Nachsicht.

(Quelle: Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, Ausstellungstext „Lob der Torheit“, Ausstellung über Erasmus von Rotterdam, 2009)

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Jean Ziegler: Förderung von Biosprit muss aufhören

Dienstag, Dezember 3rd, 2013

Wenn alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, ist es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Autos mit Lebensmitteln zu betanken.

Diese Ansicht vertritt der UNO-Berater und Globalisierungskritiker Jean Ziegler. In einem Gastbeitrag für die “Süddeutsche Zeitung” verlangt Jean Ziegler, dass die Staaten Biokraftstoffe nicht mehr fördern.

Für die Produktion von Biokraftstoffen werden nachwachsende Rohstoffe wie beispielsweise Getreide oder Zuckerrohr verwendet. Verglichen mit klassischen, fossilen Treibstoffen gelten Biotreibstoffe als umweltfreundlicher. Ziegler vertritt jedoch die Ansicht, mit Umweltfreundlichkeit habe Biosprit nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Umwelt werde durch sie massiv gefährdet. Denn um einen Liter Biosprit zu gewinnen, brauche man 2500 Liter Wasser. Zudem würden Kleinbauern verdrängt, um große Anbauflächen zu bekommen.

In eineinhalb Wochen entscheidet die Europäische Union, wie die Mitgliedstaaten mit Biosprit weiter umgehen sollen. Ziegler verlangt: Keine Energie mehr aus Lebensmitteln.

Quelle:

http://www.dradiowissen.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=294510

Kommentar & Ergänzung:

Man muss nicht mit allem Einverstanden sein, was Jean Ziegler sagt. Manchmal polemisiert er meines Erachtens kontraproduktiv und schiesst über das Ziel hinaus. Manchmal sagt er aber auch Dinge, die nicht deutlich genug gesagt werden können und die gehört werden sollten. Die Kritik am Biosprit aus Lebensmitteln gehört meiner Ansicht nach zu Letzterem.

Mehr Infos bei Oxfam.

http://www.oxfam.de/publikationen/biosprit-hunger

Allerdings muss Biotreibstoff nicht per se und immer schlecht sein und eine nachhaltige Produktion ist nicht ausgeschlossen (z. B. aus Holzabfällen, Stroh oder in Zukunft vielleicht aus Algen). Es braucht aber griffige Regeln, damit die Produktion von Biosprit nachhaltig ist und die Hungerkrise nicht verschärft.

Wikipedia zur Thema Biokraftstoff.

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Hildegard-Medizin – eine Erfindung des 20. Jahrhunderts

Sonntag, Oktober 20th, 2013

Der „Volksfreund“ berichtete über einen Vortrag des Bonner Theologen und Botanikers Dr. Hermann Josef Roth mit dem Thema „Klostermedizin von Hildegard bis heute: Rheinischer Beitrag – Kritische Würdigung”. Die Pflege der Kranken habe im Mittelalter zu den wichtigen Tätigkeiten im Kloster gehört. Schon die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia, des Vaters des europäischen Mönchtums, habe einen Abt oder eine Äbtissin zum Dienst an den Kranken und Schwachen verpflichtet. Daher seien die Klöster nicht nur wichtige Orte der Kulturtradition, der Forschung und Lehre, sondern auch der Ursprung einer “ganzheitlichen Medizin” gewesen.

Diesen Behandlungsansatz setzten die Nonnen und Mönche mit eigenen Krankenhäusern und der Herstellung von Arzneien aus Heilpflanzen um. Die heilige Hildegard von Bingen kannte, schätzte und förderte gemäss Hermann Josef Roth umsichtig diese “echte Klostermedizin” in Eibingen und auf dem Rupertsberg. Hildegard habe ein Herz für Kranke und Schwache gehabt, weil sie selbst auf ärztliche Hilfe angewiesen war. Medizinische Schriften wie die “Physica” habe sie wohl kaum selbst verfasst; sie seien ihr zugeschrieben worden, sagte Roth.

Die sogenannte „Hildegard-Medizin“, die heute sehr populär ist und zahlreiche „Hildegard-Produkte“ vermarktet, ist laut Roth eine Erfindung des 20. Jahrhunderts und steht in keiner Verbindung zur historischen Hildegard.

Quelle:

http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trier/Kurz-Die-Klostermedizin-im-Wandel-der-Zeit;art777,3672661

Kommentar & Ergänzung:

Das scheint auf den ersten Blick vielleicht ein gar hartes Urteil über die „Hildegard-Medizin“ zu sein. Hermann Josef Roth weiss aber, wovon er spricht, wenn es um die Klostermedizin geht. Er ist nicht nur Theologe und Botaniker, sondern darüber hinaus auch Zisterzienserpater und Ordenshistoriker. Zudem gehört er zum erweiterten Kreis der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.

Klar ist: Diese Kritik richtet sich nicht gegen Hildegard von Bingen, die eine faszinierende Persönlichkeit war und ein eindrückliches Werk hinterlassen hat.

Fragwürdig ist einfach, wenn aus der Geschichte der Heilkunde einfach das herausgepickt wird, was einem gerade in den Kram passt. Tradition darf nicht einfach als Steinbruch missbraucht werden, um gegenwärtige Phantasien und Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Tradition ist ganz besonders auch für die Pflanzenheilkunde eine wichtige Quelle. Aber es braucht eine kritische Auseinandersetzung mit der Tradition.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin –  hat Tradition Recht?

Wer sich mit der traditionellen Pflanzenheilkunde befasst, sollte meines Erachtens auch danach streben, den jeweiligen geschichtlichen Kontext zu verstehen. Man kann nicht einfach ein Zitat von Hildegard von Bingen quasi wie mit dem Wordprogramm im Mittelalter „ausschneiden“, und dann im Jahr 2013 isoliert und kontexlos „einfügen“. Für das Verständnis eines Zitates ist ein Verständnis des Welt- und Menschenbildes nötig, auf dem die Klostermedizin basiert.

Die Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg befasst sich vorbildlich mit diesen medizingeschichtlichen Fragen.

Siehe: http://www.klostermedizin.de

Die „Hildegard-Medizin“ dagegen benutzt (oder vielleicht gar: missbraucht) Hildegard um ein eigenes Konstrukt zu bauen. Dieses Konstrukt hat mehr mit den Erbauerinnen und Erbauern des Konstrukts zu tun als mit Hildegard.

Zur Hildegard-Medizin siehe auch:

Hildegard-Medizin

Die Vermarktung der Hildegard von Bingen

Aderlass & Hildegard-Medizin

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