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Frauenmantel im Heilpflanzenlexikon

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Im Magazin „Focus“ online ist ein Heilpflanzenlexikon zu finden.

Über den Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) steht da folgendes:

„Die Pflanze enthält nur wenig Gerbstoffe, Bitterstoffe und ätherisches Öl. Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zu wenig. Die traditionelle Kräutermedizin hat mit Frauenmantel aber gute Erfolge erzielt gegen Regelschmerzen, starke Menstruationsblutungen, Umstellungsprobleme in den Wechseljahren. Frauenmantel heilt Zahnfleisch- und Kehlkopfentzündungen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/alternativmedizin/kraeuter/heilpflanzen-lexikon/alchemilla-vulgaris_aid_57879.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Text, so kurz er auch ist, wirft viele Fragen auf:

Was heisst genau: „Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zuwenig“?

„Schulmedizinisch“ wird hier offenbar zwecks Abgrenzung und mit eher negativer Konnotation verwendet. „Schulmedizin“ ist generell ein höchst fragwürdiger Begriff.

Siehe:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Wer oft von „Schulmedizin“ spricht, festigt und bewirtschaftet meines Erachtens ein fragwürdiges Lagerdenken.

Ist mit „schulmedizinisch ausgerichtet“ eher „wissenschaftlich ausgerichtet“ gemeint? Wenn ja, warum wird es nicht auch so – und damit neutraler – formuliert?

Und was bedeutet genau „Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zuwenig“. Ich sehe nirgendwo in der wissenschaftlich ausgerichteten Pflanzenheilkunde (= Phytotherapie) eine solche Wertung („zu wenig“). Wissenschaft hat in diesem Sinne nicht zu werten.

Dieser Satz unterstellt eine Kritik der „schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde“, die dem Frauenmantel quasi einen Mangel an Wirkstoffen vorwirft. Das ist Unsinn.

Für eine wissenschaftlich ausgerichtete Pflanzenheilkunde dürften Wirkstoffe eher sekundär sein. Entscheidend ist dagegen, ob glaubwürdige Hinweise auf eine Wirksamkeit bei einer konkreten Erkrankung vorhanden sind. Bei den gynäkologischen Anwendungsbereichen des Frauenmantels ist das eben nicht der Fall. Darum enthält sich die wissenschaftlich ausgerichtete Pflanzenheilkunde in diesem Bereich einer Aussage. Das ist ehrlicher und bescheidener, als irgendwelche Phantasien in die Pflanze hinein zu interpretieren.

Dann steht da noch:

„Die traditionelle Kräutermedizin hat mit Frauenmantel aber gute Erfolge erzielt gegen Regelschmerzen, starke Menstruationsblutungen, Umstellungsprobleme in den Wechseljahren.“

Der Verweis auf eine lange Tradition ist nicht viel Wert. Die Medizingeschichte ist voll von Beispielen, in denen sich die Tradition über Jahrhunderte hartnäckig geirrt hat.

Auch Nashornpulver gegen Potenzschwäche hat eine lange Tradition. Millionen von Männern in China und Japan zeigt ihre Erfahrung, dass dieses Mittel hilft.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Naturheilkunde – Erfahrung genügt nicht als Begründung

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Fragwürdig ist auch die Angabe, dass Frauenmantel gegen „Umstellungsprobleme in den Wechseljahren* hilft. „Umstellungsprobleme“ – das ist ein ausgesprochen vager Begriff, unter dem man alles und jedes verstehen kann. Das hat den Vorteil, dass man einfach immer in den Wechseljahren Frauenmanteltee trinken kann, egal welche Beschwerden vorliegen. Das vereinfacht die Sache ungemein. Es ist aber unwahrscheinlich, dass ein Mittel in jeder Phase der Wechseljahre und bei allen möglichen Beschwerden hilft.

Das heisst nun meines Erachtens nicht, dass Frau keinen Frauenmanteltee trinken soll.

Wer davon überzeugt ist, dass Frauenmantel ihr gut tut, kann ihn gern nutzen. Man sollte nur wissen, wo man mit einer Heilpflanze steht. Und Frauenmantel steht eher auf einem kulturhistorischen Boden und weniger auf einem pharmakologisch-physiologischen.

Nachvollziehbar ist im übrigen eine Wirkung der Gerbstoffe bei Zahnfleischentzündungen (Spülen, Gurgeln). Für diesen Anwendungsbereich gibt es aber viele gleichwertige oder gar wirksamere Heilpflanzen (Schwarztee, Tormentill, Salbei…).

Schon bei der Kehlkopfentzündung wäre ich wieder skeptischer. Kommt der Gerbstoff beim Gurgeln wirklich so tief runter oder bleibt er nicht eher im Rachenbereich?

Ich bin mir bewusst, dass man nur schon aus Zeitgründen nicht jeden Text so detailliert auseinander nehmen kann. Ich wollte nur zeigen, wie viele Fragen sich auftun, wenn man damit anfängt.

Und ich möchte anregen, mehr Fragen an solche Texte zu stellen.

Meiner Ansicht nach herrscht viel zu viel Fraglosigkeit in den Bereichen Naturheilkunde / Alternativmedizin / Komplementärmedizin.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Heilpflanzen für Wundheilung und bei Hautproblemen

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Verschiedene Heilpflanzen verbessern die Wundheilung, lindern Hautentzündungen oder wirken abschwellend. Es sollten jedoch nur Heilpflanzen verwendet werden, deren Wirkung wissenschaftlich belegt ist. Eine Fachperson erläutert, welche Kräuter das sind und welche Wirkung sie haben.

Ob Kamille, Fenchel oder Salbei: Viele Heilpflanzen eignen sich als Kräutertee für die Selbstbehandlung.

«Die klassische Kräutermedizin – in der Natur selbst Pflanzen sammeln und daraus zum Beispiel einen Tee kochen -, hat den Nachteil, dass die Inhaltsstoffe oft unterdosiert sind», sagt Andreas Kiefer, Vorstandsmitglied der Bundesapothekerkammer in Berlin.

Außerdem sei beim Selbstsammeln die Gefahr von Allergien höher, denn viele Wildpflanzen enthalten allergieauslösende Substanzen. Eine gute Alternative seien daher moderne pflanzliche Arzneimittel. Diese Heilpflanzen-Präparate leiten sich von der traditionellen Kräutermedizin ab. Industriell produzierte, standardisierte Extrakte werden als Salben, Cremes oder Tinkturen eingesetzt.

Eine der bekanntesten Heilpflanzen ist die Kamille bzw. die Kamillenblüte. Äußerlich angewendet wirken ihre Extrakte entzündungshemmend und wundheilungsfördernd. Im klassischen Kamillentee sind allerdings nur die wasserlöslichen Inhaltsstoffe zu finden. Alkoholische Kamillenextrakte enthalten weitere entzündungshemmende Inhaltsstoffe. «Deshalb sind diese bei medizinischen Anwendungen einem Tee überlegen», erklärt Kiefer.
Eichenrinde: gute Wirkung bei entzündeter Haut

Gerbstoffe entfalten eine zusammenziehende Wirkung auf entzündete Haut. Arzneipflanzen mit Gerbstoffen sind beispielsweise Eichenrinde oder die Zaubernuss (Hamamelis). Die feinen Gefäße in der Haut werden weniger durchlässig, wodurch Entzündungen und Juckreiz gemildert werden. Gerbstoff-Umschläge oder Bäder sind wirksam gegen Ekzeme, Schweißfüße oder Hämorrhoiden. Zaubernuss-Extrakte wirken auch bei leichten Hautverletzungen.

Breiumschläge mit Bockshornklee- oder Leinsamen erweichen die Haut. Um sie herzustellen, werden die pulverisierten Samen mit Wasser verrührt und aufgekocht. Solche Breiumschläge aus Leinsamen oder Bockshornkleesamen machen die Haut geschmeidig und helfen gegen lokale Entzündungen wie Furunkel.

Bei Hautkrankheiten ist nicht nur der Inhaltsstoff wichtig, auch die Hilfsstoffe und die Zubereitung der Präparate spielen eine große Rolle. Bei akuten Hauterkrankungen wie nässenden Entzündungen wirken die Pflanzenextrakte besser, wenn sie in eher wässrige Grundlagen eingearbeitet sind. Bei chronischen Ekzemen hingegen sind fettreiche Zubereitungen besser wirksam.

Grüntee beziehungsweise Schwarztee ist zwar keine Heilpflanze. Er wird dennoch wegen seines Gehalts an Gerbstoffen gegen nässende Ekzeme angewendet: aus dem im Handel erhältlichen Grüntee oder Schwarztee einen starken Tee kochen und zehn Minuten ziehen lassen. Umschläge mit Grüntee oder Schwarztee sollten mehrmals täglich erneuert werden.

Quelle:

http://www.ruhrnachrichten.de/leben/gesundheit_und_wellness/gesundheit/Pflanzen-koennen-der-Haut-helfen;art364,1434760

Kommentar & Ergänzung:

Die Aussagen im Text auf ruhrnachrichten.de sind erfreulich fundiert.

Einzig die Aussage, dass beim Sammeln von Heilpflanzen in der Natur ein höheres Allergierisiko besteht, weil „viele Wildpflanzen….allergieauslösende Substanzen“ enthalten, kann ich nicht nachvollziehen. Ob ich zum Beispiel Schafgarbe oder Malvenblüten in der Natur sammle oder in der Apotheke oder Drogerie kaufe, macht meines Erachtens keinen eindeutigen Unterschied bei allergieauslösenden Stoffen in dem Sinne, dass Apothekenware grundsätzlich weniger Allergene enthalten würde. Vielleicht spricht aus dieser Aussage eher der Apotheker, der die Heilpflanzen gerne verkauft.

Am heikelsten beim Selbersammeln von Heilpflanzen scheint mir, dass man die Pflanzenwelt gut kennen muss, um Verwechslungen auszuschliessen.

Wichtig in diesem Text ist der Hinweis, dass bei der Behandlung von Hauterkrankungen  nicht nur die Inhaltsstoffe wichtig sind, sondern auch die Zubereitungsform (wässrig / fetthaltig).

Gefreut hat mich, dass Schwarztee und Grüntee als Gerbstoffpflanzen erwähnt werden. Sie gelten oft nur als Genusstee und ihre Qualitäten als Heilpflanzen gehen daher leicht vergessen. Das ist schade, weil Schwarztee oder Grüntee oft im Haushalt greifbar sind und wenig kosten.

Zum Thema „Heilpflanzen bei Hauterkrankungen und Wunden“ gibt es ein kompaktes, informatives Tagesseminar.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

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Gute Gründe für Phytotherapie in der Pflege

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Professionelle Heilpflanzen-Anwendungen sollen wieder mehr Gewicht bekommen in der Krankenpflege – in Spitex, Pflegeheimen und Kliniken. Von den zahlreichen Gründen, die für eine solche Innovation sprechen, sollen hier einige zusammen gefasst werden:

Der Einsatz von Heilpflanzen in der Pflege entspricht einem breiten Bedürfnis der Patientinnen und Patienten nach naturheilkundlichen Ergänzungen in der Medizin. Das deutliche Ja der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zur Vorlage «Zukunft mit Komplementärmedizin» hat dies einmal mehr aufgezeigt.

Phytotherapie ist in der Bevölkerung breit akzeptiert, weil sie tief in unserer Kultur verwurzelt ist.

Im Vergleich zu anderen Methoden ist sie zudem ideologisch unbelastet und ihre Wirkungen sind wissenschaftlich erklärbar.

Heilpflanzen sind nicht nur bei älteren Generationen gefragt («Grossmutters Kräutermedizin»).

Auch junge Familien sind häufig sehr offen für Angebote aus der Naturheilkunde.

Einfache Heilpflanzen-Anwendungen können insbesondere bei leichteren Beschwerden eine gute Wirkung zeigen, und dies oft bei sehr günstigem Kosten/Nutzen-Verhältnis.

In einer Zeit, die von zunehmender Technisierung geprägt ist, kommt die menschliche Seite der Pflege im Empfinden der Patientinnen und Patienten bisweilen etwas zu kurz. Bei bestimmten phytotherapeutischen Anwendungen erlangen die Patientinnen und Patienten Aufmerksamkeit und Zuwendung von hoher Qualität. Ferner können sie aktiv mitwirken und in einem definierten Rahmen Einfluss nehmen auf ihre Therapie. Das wirkt sich positiv auf den Heilungsvorgang aus und auf die Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Behandlungsprozess (Compliance).

Für die Pflegenden eröffnet die Option, neben der selbstverständlich prioritären medizinischen Behandlung phytotherapeutische Anwendungen einzusetzen, mehr eigenständige Handlungsmöglichkeiten. Ihre Arbeit wird dadurch noch interessanter und befriedigender. Dies kann zu einer Aufwertung der Pflegetätigkeit beitragen, was beim zunehmenden Mangel an qualifiziertem Personal vor allem in der Langzeitpflege sehr förderungswürdig ist.

Ärztinnen und Ärzte werden in manchen Situationen von Bagatellfällen überschwemmt, für die es kein langjähriges Medizinstudium braucht. Phytotherapeutisch ausgebildete Pflegepersonen können – in enger Kooperation mit den medizinischen Diensten – in solchen Bereichen entlasten.

Mediziner/-innen können dadurch mehr Aufmerksamkeit auf die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Erkrankungen richten.

Angesichts des ausgewiesenen Bedürfnisses grosser Bevölkerungsteile nach naturheilkundlichen Ergänzungen ergeben sich für unternehmerisch orientierte Institutionen im Gesundheitswesen mit der Einführung eines Phytotherapie-Konzepts interessante Wettbewerbsvorteile.

Weitere Pluspunkte für Phytotherapie in der Pflege:

Gute Gründe für Phytotherapie in der Spitex

Noch umfassender orientiert das „Dokument Phytotherapie in der Pflege„.

Falls Sie als Pflegeperson an der Innovation „Phytotherapie in der Pflege“ mitwirken wollen, finden Sie am „Seminar für Integrative Phytotherapie“ in Winterthur eine fundierte Phytotherapie-Ausbildung.

Patienten und Angehörige können Phytotherapie in der Pflege sehr unterstützen, wenn sie bei den Leitungen der Pflegeorganisationen nach diesem Angebot fragen und Pflegefachleute darauf aufmerksam machen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

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Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

– Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Sie stützt sich auf medizinische Diagnostik.

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe: Was ist Naturheilkunde?

Phytotherapie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet als fundierte Verbindung zwischen Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Melissenöl hält Herpes-Viren in Zellkulturen in Schach

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Bereits die Kräutermedizin des Mittelalters setzte bei Entzündungen auf die Zitronenmelisse. Jetzt konnten Wissenschaftler am Universitätsklinikum und der Universität Heidelberg zeigen, dass sie das Herpesvirus, das bei rund 20 Prozent der Bevölkerung Entzündungen an der Lippe (Lippenherpes, Fieberbläschen) hervorruft, im Reagenzglas in Schach halten kann. Die Wissenschaftler wurden für diese Arbeit im November 2008 mit dem Sebastian-Kneipp-Preis 2008 ausgezeichnet.

Der mit 10‘000 Euro dotierte Preis ging zu gleichen Teilen an das Forscherteam Privatdozent Dr. Paul Schnitzler, Abteilung Virologie des Hygiene-Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg, und Professor Dr. Jürgen Reichling, Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Universität Heidelberg, und Professor Dr. Veronika Butterweck, University of Florida, USA, für ihre Studien zur angstlösenden Wirkung von Arzneipflanzen.

Seit acht Jahren überprüfen die Heidelberger Wissenschaftler die therapeutische Wirkung von Heilpflanzen, welche in historischen Schriften überliefert ist: „Wir fanden heraus, dass Extrakte von Heilpflanzen in Zellkulturen effektiv die Infektion mit verschiedenen Bakterien, Herpesviren, Erkältungsviren und Hefepilzen eindämmen können“, stellt Professor Reichling fest. Als wirksam zeigten sich ätherische Öle aus Kamille, Rosmarin, Pfefferminze, Manuka- und Teebaum sowie wässrige oder alkoholische Extrakte aus Melisse, Salbei oder Pfefferminze. Die Heidelberger Forscher identifizierten zudem die Inhaltsstoffe, welche den Krankheitserreger entgegenwirken. Die Naturstoffe sind auch darum interessant, weil die Krankheitserreger in zunehmendem Maße resistent gegen Antibiotika oder Anti-Viren-Mittel werden.

Ätherisches Öl aus Zitronenmelisse blockiert Befall der Zellen mit Herpesviren

Aktuell sind die Untersuchungen zur Zitronenmelisse: Melissenöl reduziert die Infektion einer Zellkultur mit Herpes-Viren um mehr als 97 Prozent, indem es die Viren vor dem Befall der Zellen blockiert. Diese Resultate wurden 2008 im Fachjournal „Phytomedicine“ publiziert. Weil die ätherischen Öle gut in der Haut resorbiert werden, ist eine einfache äußerliche Anwendung denkbar. Zudem wirken die ätherischen Öle schon in so kleinen Konzentrationen, dass schädliche Nebenwirkungen für den Körper bisher selten beobachtet wurden.

Erste klinische Tests, welche von australischen Medizinern mit Teebaumöl durchgeführt wurden, zeigen den Nutzen einer Salbentherapie. Allerdings steht der Beleg für die Wirksamkeit in einer klinischen Studie noch aus. Die Heidelberger Wissenschaftler sind mit den Medizinern des Universitätsklinikums Heidelberg nun im Gespräch, um die Wirksamkeit der Zitronenmelisse klinisch zu testen (klinisch = am Patienten, im Gegensatz zu den Untersuchungen mit Zellkulturen).

Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) hat neben der Wassertherapie, für die er vor allem bekannt ist, unter anderem auch grossen Wert auf die Anwendung von Heilpflanzen gelegt. Die mit dem Kneipp-Preis ausgezeichneten Untersuchungen tragen dazu bei, das therapeutische Wirkungsspektrum verschiedener Heilpflanzen genauer zu untersuchen und wissenschaftlich zu untermauern.

Literatur:

Schnitzler P., Schuhmacher A., Astani A., Reichling J. (2008) Melissa officinalis oil affects infectivity of enveloped herpesviruses.
Phytomedicine, 15, 734-40.

Schnitzler P., Koch C., Reichling J. (2007) Susceptibility of drug-resistant clinical HSV-1 strains to essential oils of ginger, thyme, hyssop and sandalwood.
Antimicrob. Agents Chemother., 51, 1859 – 1862.

Reichling J., Suschke U., Schneele J., Geiss H.K. (2006) Antibacterial activity and irritation potential of selected essential oil components – structure-activity relationship.
Nat. Prod. Comm. 11, 1003-1012.

Nolkemper S., Reichling J., Stintzing F.C., Carle R., Schnitzler P. (2006) Antiviral effect of aqueous extracts from species of the Lamiaceae family against herpes simplex virus type 1 and type 2 in vitro.
Planta Med. 72, 1378 – 1382.

Klinische Studie:
CF Carson et al.: Melaleuca alternifolia (tea tree) oil gel 6%) for the treatment of recurrent herpes labialis, J Antimicrob Chemother 2001; 48: 450 – 451

Quelle: Pressemitteilung Universitätsklinikum Heidelberg

Kommentar:

Herpescremen auf der Basis von Melissenextrakt sind schon seit längerem auf dem Markt. Dort wird die antivirale Wirkung aber auf den “Lamiaceen-Gerbstoff” zurückgeführt.
Erfreulich, dass sich eine Forschungsgruppe mal intensiv mit den antiviralen Eigenschaften von Melissenöl befasst hat. Ein Nachteil von echtem Melissenöl ist allerdings sein sehr hoher Preis.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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