Artikel mit Schlagwort ‘Kräuter’

Warnung vor pflanzlichem (?) Potenzmittel Viapro

Samstag, Juli 31st, 2010

Die „Zeitschrift für Phytotherapie“ warnt in ihrer jüngsten Ausgabe (Nr. 3 / 2010) vor dem im Internet als natürlicher Viagra-Ersatz  vertriebenen pflanzlichen Produkt Viapro:

„Bei Viapro handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel, welches eine Kombination aus 22 verschiedenen Kräutern enthalten soll und für den Einsatz bei erektiler Dyfunktion beworben wird. Ein solcher Indikationsanspruch würde das Präparat nach deutschem Recht automatisch dem Arzneimittelrecht unterwerfen, ein Vertrieb als Nahrungsergänzungsmittel wäre demnach illegal. In einer Untersuchung stellte die FDA im Juli 2008 die Anwesenheit einer Analogsubstanz des Sildenafils, nämlich Thio-Methisosildenafil in einer Charge des Präparates fest und forderte den Hersteller zum Rückruf auf. Patienten bzw. Kunden müssen über die gefährlichen Auswirkungen nicht deklarierter und nicht standardisierter Wirkstoff-Beimengungen aufgeklärt werden. Das Mittel sollte sofort abgesetzt werden.“

Sildenafil ist der keineswegs pflanzliche Wirkstoff im Viagra. Die Anwesenheit von Thio-Methisosildenafil als Analogsubstanz des Sildenafils gefährde den Verbraucher, „weil der Blutdruck aufgrund einer gravierenden Wechselwirkung mit Medikamenten wie z.B. Trinitroglycerin gefährlich absinken kann. Patienten mit Diabetes, hohem Blutdruck, hohen Cholesterinwerten oder Herzerkrankungen gehören oftmals zu den Betroffenen.“

Nach Herstellerangaben soll das Produkt speziell für die Beeinflussung der männlichen Erektion, also zur Behandlung von Impotenz, entwickelt worden sein.

Die „Zeitschrift für Phytotherapie“ druckt aus einem Verkaufsprospekt Angaben zur Zusammensetzung von Viapro ab (Zitat inkl. Fehler im Verkaufsprospekt):

»Smilax extract (Sarsaparille) – ist dafür bekannt ein Hormongleichgewicht zu halten. Der Saft verbessert die Blutzirkulation und die männliche Potenz.

Avena sativa Extrakt (oat straw) – dient als Aphrodisiakum. Fördert die Libido bei Männer und Frauen.

Zyzphys Jujube (Jujube) – verbessert die Libido beim Mann. Durch den süßlichen Geruch werden Frauen davon angezogen.

Weitere Wirkstoffe sind – Kapsikum annum (Cayenne), Eleutherococcus senticocus (Ginseng), Urtica dioca (stinging nettles), Sernoa repens (saw palmetto), Cucurbita pepo (Kürbiskerne).«

Quelle:

Zeitschrift für Phytotherapie 3 / 2010

Kommentar & Ergänzung:

Es ist eine hoch betrügerische Sache, dass immer wieder angeblich rein pflanzliche Naturheilmittel mit undeklarierten synthetischen Zusätzen vermarktet werden. Immer wieder festgestellt wurden solch gefährliche Betrügereien bei asiatischen Heilmitteln, die via Internet bestellt wurden.

Viapro ist nun offenbar ein europäisch-amerikanisches Beispiel.

Aber auch unabhängig von dem 2008 von der FDA gefundenen Sildenafil-Analogon ist die Zusammensetzung von Viapro mehr als fragwürdig.

- Sarsaparilla gehört zu den Stechwindengewächsen. Die China-Stechwinde (Smilax china) kam 1525 durch Vinzenz Gilius von Tristan nach Europa und wurde als Mittel gegen Lustseuche (Syphilis) empfohlen. Eine solche Heilpflanze einem Potenzmittel gleich beizufügen wäre ja zumindestens originell, wenn davon eine Wirkung erwartet werden könnte. Allerdings fehlen Hinweise auf solche Effekte.

- Avena sativa (Hafer) gilt als sehr energiereiches Pferdefutter…kann also in einem Potenzmittel auch nicht schaden. In der traditionellen Pflanzenheilkunde soll Hafertinktur allerdings eher beruhigend wirken – bleibt also zu hoffen, dass „er“ nicht einschläft.

- Die Chinesische Jujube (Ziziphus zizyphus, syn. Ziziphus jujuba), auch Chinesische Dattel oder Rote Dattel genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae) und stammt aus Nord- und Nordostchina. Die Jujube-Früchte dienen in getrockneter Form als Brusttee bei Erkältungen; aus diesem Grunde ist sie bei Apothekern häufig auch als Brustbeere bekannt. In China stellte sie schon sehr früh eine der wichtigsten Arzneipflanzen dar. Eine Wirkung als Potenzmittel ist nicht plausibel.

- Capsicum annuum (Spanischer Pfeffer, Paprika) hat zwar eine Ruf als unregendes Gewürz – aber in Kapselform?? Ausserdem wird Paprikaextrakt eingesetzt zur Förderung der Durchblutung und Reizempfindlichkeit im Genitalbereich – allerdings als Creme….

- Eleutherococcus senticosus (Taiga-Wurzel, Sibirischer Ginseng), im Prospekt fälschlich einfach als Ginseng (wodurch normalerweise gemeint ist: Panax ginseng) bezeichnet, verbessert als adaptogene Heilpflanze die Fähigkeit des Organismus zur Stressbewältigung. Das zumindestens kann ja in einem Potenzmittel nicht schaden….

- Urtica dioica, die altbekannte Brennessel. Um sie ranken sich zahlreiche Geschichten. Die Brennesselsamen sollen feurig machen in der Liebe – getestet von Pferdehändlern, die vor einem Verkauf damit ihre Tiere behandelt haben sollen, damit sie fitter aussehen. Und Brennesselpeitschungen sollen anregend wirken…na ja, wems gefällt.

Brennesselwurzel dagegen sind tatsächlich in ihrer Wirkung gut erforscht zur Linderung der Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung. Kann also für Männe auch nicht schaden, doch werden die Kapseln kaum die Wurzeln enthalten.

-  Serenoa repens (Zwergpalme, Sägepalme, Sabal serrulata) ist das am besten dokumentierte Heilpflanzen-Mittel gegen gutartige Prostatavergrösserung älterer Männer. Aber potenzsteigernd?

- Cucurbita pepo (Kürbiskerne) sind ebenfalls wirksam gegen Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung. Aber potenzsteigernd?

Eine ziemlich wilde, unsinnige Kräutermischung also, welches da als natürliches Potenzmittel vermarktet wird.

Allerdings wird von einem solchen Produkt schon ein anständiger Placeboeffekt zu erwarten sein. In Situationen, in denen Potenzmittel angewendet werden, spielt die Erwartungshaltung eine grosse und wohl mitunter entscheidende Rolle.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

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Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 2

Sonntag, Dezember 7th, 2008

Auf meine Kritik an den fahrlässigen Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl bekommen ich immer wieder mal empörte Mails von überzeugten AnhängerInnen der Kardentherapie. Ich dokumentiere hier eines dieser Mails und antworte auf die darin enthaltenen Aussagen, weil sich hier beispielhaft einige meines Erachtens hoch fragwürdige Grundmuster zeigen, die in der Naturheilkunde leider ziemlich verbreitet sind. Die Auseinandersetzung um diese Punkte scheint mir für die Naturheilkunde wichtig.

Zum Sachverhalt:
In fünf Artikeln habe ich die Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl mit zahlreichen fachlichen Argumenten kritisiert. Storl verspricht eine natürliche Heilung von Borreliose ohne Antibiotika-Therapie. Von den Heilpflanzen hält er die Karde für die grosse Borreliose-Heilerin. Fundierte Begründungen oder Dokumentationen dazu haben weder er noch seine AnhängerInnen bisher geliefert. Ich halte diese Versprechungen für hoch riskant, wenn Menschen in frühen Borreliose-Stadien sich entsprechend den Storl‘schen Tipps anstelle einer Antibiotika-Therapie mit Karde behandeln. Während die Borrelien im Frühstadium nämlich mit Antibiotika verhältnismässig sicher ausgeschaltet werden können, wird das in späten Phasen zum Teil schwierig bis unmöglich. Wolf-Dieter Storl als Autor und Peter Wanner als Besitzer des AT-Verlages setzen damit Borreliose-Infizierte einem Invaliditätsrisiko aus.
Wer meine Argumente dazu nachlesen will, findet die Links zu den Texten am Schluss dieses Beitrages.

Aufschlussreich sind nun die Reaktionen der AnhängerInnen von Wolf-Dieter Storl auf diese Kritik. Bisher kam jedenfalls noch keine einzige Reaktion, die konkret auf eines meiner Argumente einging.
(das Mail wurde von mir anonymisiert, ist aber sonst unverändert)

“Sehr geehrter Herr Koradi

ich finde Ihre Aussagen über das Buch von Herrn Storl unverschämt. Herr Storl hat, ebenso wie Sie, eine fundierte Ausbildung. Ich lese zur Zeit dieses Buch und Sie dürfen sicher gehen, dass ich ebenfalls die Karde ausprobieren werde. Es gibt immer mehrere Wahrheiten, nicht nur Ihre, und daher finde ich es vermessen, anderen “gute Ratschläge” zu erteilen, dass das Buch “Borreliose natürlich heilen” die Gesundheit gefährde. Meine Bekannte (Heilpraktikerin) hat ebenfalls ihre Borreliose mit der Karde und Saunabesuchen geheilt. Dafür ist eine sogenannte “wissenschaftliche Beweisung” nicht erforderlich. Vielmehr spricht Bände, wer etwas erlebt und erfährt. Und wer heilt hat immer recht. Die Schulmedizin jedenfalls unterdrückt Symptome, davon bin ich geheilt.
Ich gehe davon aus, dass Sie das Buch von Herrn Storl gelesen haben, dann dürfte Ihnen wohl auch nicht entgangen sein, dass Antibiotika sämtliche Viren, Bakterien usw. mutieren lässt. Das ist eine Tatsache. Ich erlebe es hier im Krankenhaus, wie Menschen damit abgeschossen werden, und die Wirkung der Antibiotika ist und bleibt ebenso umstritten, heilen tut sie auch nicht. Fragen Sie unsere Ärzte und die werden Ihnen bestätigen, dass Antibiotika eben nicht die Borreliose heilt. Das hat sie vielleicht mal vor 20 Jahren getan. Menschliche Grösse hat nur der, der auch neben sich andere Meinungen existieren lässt und nicht ständig versucht, zu dementieren. Vielleicht sollten Sie sich da mal etwas zurücknehmen.

Mit freundlichem Gruss

R. F.

Ich werde mich nun Schritt für Schritt mit diesem Text auseinandersetzen und darauf antworten (M.K.):

“Ich finde Ihre Aussagen über das Buch von Herrn Storl unverschämt.”

Was genau finden Sie unverschämt? Fachliche Kritik? Warum gehen Sie auf keinen einzigen meiner zahlreichen Kritikpunkte ein? – Darf Kritik nicht sein? Ist Kritik unverschämt? Und wo würde Ihre Haltung politisch hinführen, wenn Kritik generell als unverschämt gelten würde?
Oder finden Sie unverschämt, dass ich die Aussagen von Storl verantwortungslos und fahrlässig nenne? Das ist eine ethische Beurteilung auf der Grundlage von Argumenten. Bringen Sie Gegenargumente
Was Wolf-Dieter Storl macht finden Sie offenbar nciht unverschämt: Grossartige Heilungsversprechungen machen ohne fundierte Begründungen. Damit Hoffnungen wecken. Betroffene im Frühstadium einer Borreliose dadurch von einer wirksamen Antibiotika-Therapie abhalten und sie so dem Risiko von Spätschäden aussetzen….das alles scheint für Sie nicht unverschämt zu sein??
(M.K.).

“Herr Storl hat, ebenso wie Sie, eine fundierte Ausbildung.”

Daran habe ich nicht gezweifelt. Allerdings bezeichnet sich Storl ja als Ethnobotaniker. Da dies meines Wissens kein offizieller Titel ist, sagt es wenig aus. Und es stellt sich die Frage, ob ein Ethnobotaniker von seiner Ausbildung her fundierte Kenntnisse über Borreliose und ihre Behandlung hat. Borreliose-Fachleute jedenfalls haben Wolf-Dieter Storl fachliche Schwächen, Irrtümer und Fehlinformationen vorgehalten (Beispiele dafür in meinen Texten, z. B. im Borreliose-Jahrbuch 2006).
Fachleute sind jedenfalls nicht einfach in jedem Gebiet kompetent – ein Ethnobotaniker nicht unbedingt in den Bereichen Medizin und Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Bezüglich der Wirkungen und Anwendungmöglichkeiten von Heilpflanzen zeigt Storl‘s Buch zahlreiche Schwächen, wenn man es am Stand des phytotherapeutischen Wissens misst.
Nun können Sie natürlich sagen: Das phytotherapeutische Fachwissen ist falsch, Storl dagegen hat recht. Das ist aber schon eher unwahrscheinlich, vor allem weil Storl seine Aussagen ohne fundierte Begründungen lässt. Die fachlich-phytotherapeutischen Kritikpunkte finden Sie in meinen Artikeln(M.K.).

“Ich lese zur Zeit dieses Buch und Sie dürfen sicher gehen, dass ich ebenfalls die Karde ausprobieren werde.”

Diese Entscheidung steht Ihnen natürlich frei. Mir ist nur wichtig, dass Borreliose-Infizierte auch Gegenargumente hören können, falls sie dafür offen sind. Und dann abwägen und entscheiden können in Kenntnis dieser Gegenargumente (M.K.).

“Es gibt immer mehrere Wahrheiten, nicht nur Ihre…..”

Komisch: Wenn Sie schreiben, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt, dann tönt das, wie wenn es für Sie nur eine Wahrheit gibt, nämlich die, dass es mehrere Wahrheiten gibt….
Ich habe nicht die Idee oder den Anspruch, eine Wahrheit zu haben. Meiner Ansicht nach entwickelt jeder Mensch seine eigene Interpretation der Welt. Keine dieser Interpretationen kann den Anspruch auf Wahrheit erheben. In diesem Sinne gibt es für mich auch nicht mehrere Wahrheiten, sondern nur verschiedene Interpretationen. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass wir nun nicht jeder mit seiner Interpretation auf einer isolierten Insel sitzen bleiben sollten, sondern dass es den Austausch und die Auseinandersetzung über die unterschiedlichen Interpretationen braucht. Nur so können wir einer Wahrheit näher kommen, ohne sie je endgültig zu erreichen. Diese Auseinandersetzung um verschiedene Interpretationen und um eine Annäherung an eine gemeinsame Wahrheit scheint mir eine Voraussetzung für ein Zusammenleben der Menschen. Daraus entsteht eine gemeinsame Basis die fehlt, wenn jeder unberührt von anderen Interpretationen auf seiner Interpretationsinsel (bzw. seiner “Wahrheit”) sitzt.
Wenn Sie von mehreren Wahrheiten sprechen, verwenden Sie den Begriff “Wahrheit” meines Erachtens in sehr ungewöhnlicher Form. Im Begriff “Wahrheit” ist üblicherweise enthalten, dass es nur eine Wahrheit gibt. Nur wie schon gesagt: Ich selber würde den Begriff “Wahrheit” viel vorsichtiger verwenden (M.K.).

“…und daher finde ich es vermessen, anderen ,gute Ratschläge‘ zu erteilen, dass das Buch ,Borreliose natürlich heilen‘ die Gesundheit gefährde.”

Eine kleine, aber nicht unwichtige Nuance, die Sie vielleicht übersehen haben: Ich schreibe nicht, dass das Buch von Storl die Gesundheit gefährde, sondern dass es sie gefährden kann. Ich bin vorsichtiger, als Sie mir unterstellen. Ein Risiko besteht meines Erachtens in zwei Fällen:

- Wenn im Frühstadium, in dem Antibiotika noch helfen würden, eine antibiotische Therapie verpasst und durch Tipps des Wolf-Dieter Storl ersetzt wird. Hier besteht ein Risiko für Spätschäden bis hin zur Invalidität.
- Wenn eine Überhitzungstherapie bei 42°C Körpertemperatur durchgeführt wird, wie Storl es in der ersten Auflage empfiehlt. Hier besteht ein Risiko für die Schädigung wichtiger Körpereiweisse und für Kreislaufzusammenbrüche.

Diese zwei Risikopunkte nehme ich sehr ernst und das habe ich in meiner Kritik so beschrieben (M.K.).

“Meine Bekannte (Heilpraktikerin) hat ebenfalls ihre Borreliose mit der Karde und Saunabesuchen geheilt.”

Genau solche vollkommen vagen Heilungsgeschichten sind mein Hauptkritikpunkt auch am Buch von Wolf-Dieter Storl (aber offenbar haben Sie die Kritik gar nicht gelesen, die Sie so unverschämt finden…). Eine Borreliose zu diagnostizieren ist oft sehr anspruchsvoll. Ich höre in der Naturheilkunde-Szene im Dutzend Geschichten nach folgendem Schema:
Zeckenstich gehabt – Stichstelle entzündet sich – Karde genommen – Entzündung geht weg – Borreliose geheilt – ein Wunder!
Gibt alles strahlende Heilungsberichte der Karde.
Ob wirklich eine Borreliose vorgelegen hat, wurde in der Mehrzahl dieser schönen Anekdoten nie geklärt. Ein Krankheits- und Heilungsverlauf müsste präzis und umfassend dokumentiert und publiziert werden, damit man sich dazu ein fundiertes Urteil bilden könnte. Dazu gehört auch die genaue Diagnose zu Beginn der Krankheit. Wolf-Dieter Storl hat aber noch keine einzige solche Krankengeschichte publiziert.
In der Mehrzahl der Fälle kommt eine Borreliose-Infektion von selber zum Stillstand und der Organismus kann sie überwinden. Vielleicht gehört ja Ihre Bekannte einfach zu diesem grösseren und glücklicheren Teil der Borreliose-Opfer? Warum berücksichtigen Sie dieses Phänomen nicht, wenn Sie von Heilung sprechen. Auch Wolf-Dieter Storl geht an keiner Stelle darauf ein. Darf man diesen zentralen Aspekt einfach unterschlagen und auch diejenigen Fälle als Erfolg der eigenen Karden-Therapie verbuchen, in denen die Selbstheilungskräfte des Organismus für die Heilung verantwortlich sind? Ich finde sehr klar nein! Das ist einer meiner wichtigsten Kritikpunkte an Storl. Und bei chronifizierter Borreliose wird jede Besserung sofort als Erfolg der Karde verbucht, obwohl ein schwankender Verlauf mit Auf-und-Ab‘s für diese Krankheit charakteristisch ist. Verschlechterungen dagegen gelten nie als Versagen der Kardentherapie. Diese einseitige Buchhaltung finde ich langsam zum Schreien.
Hat Ihre Bekannte übrigens wirklich 42°C Körpertemperatur erreicht in der Sauna? – Soviel braucht es ja nach Storl (1. Auflage), damit die Borrelien absterben. In diesem hohen Temperaturbereich stellt sich dann die Frage, wer zuerst stirbt: Der borrelioseinfizierte Mensch oder die Borrelien. Zur Überhitzungstherapie siehe Link unterhalb dieses Textes (M.K.).

“Dafür ist eine sogenannte ,wissenschaftliche Beweisung‘ nicht erforderlich.”

Ich verlange nirgends Beweise, nur eine sorgfältige, vollständige Dokumentation der geschilderten Heilungsgeschichten und eine plausible Begründung (M.K.).

“Vielmehr spricht Bände, wer etwas erlebt und erfährt. Und wer heilt hat immer recht.”

Schon mal etwas davon gehört, dass sich “Erfahrung” auch täuschen kann?
(siehe: Pflanzenheilkunde: “Erfahrung” allein genügt nicht zur Begründung!
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/11/07/pflanzenheillkunde-erfahrung-allein-genuegt-nicht-zur-begruendung.html )
“Wer heilt hat immer Recht.” – Das ist ein alter “Kampfspruch” der Naturheilkunde gegen die sogenannte “Schulmedizin”. Er geht meines Erachtens naiverweise davon aus, dass die Heilung immer durch die behandelnde Person bzw. die angewandte Therapie bewirkt wird. Ausgeblendet wird der bei jeder Behandlung mitwirkende Placebo-Effekt, die Möglichkeit der Selbstheilung des Organismus und des schwankenden Verlaufs vieler chronischer Krankheiten. Meines Erachtens ist es auf diesem Hintergrund ziemlich anmassend, jede Besserung sogleich als “Recht-haben” zu interpretieren(M.K.).

“Die Schulmedizin jedenfalls unterdrückt Symptome, davon bin ich geheilt.”

Warum nur werde ich den Eindruck nicht los, dass Sie - auch an dieser Stelle – nur eine “Wahrheit” gelten lassen.
Sie arbeiten in einer Klinik mit Tumorpatienten. Was finden Sie eigentlich schlecht daran, wenn die Schmerzen von Tumorpatienten gelindert werden? Nennen Sie das auch eine Unterdrückung von Symptomen? Zudem scheint mir, dass die von Ihnen verteufelte “Schulmedizin” durchaus auch ursächliche Therapien durchführt. Eine Antibiotikatherapie im Frühstadium einer Borreliose kann Borrelien relativ zuverlässig eliminieren. Keine ursächliche Therapie? Ihre Aussage sieht meines Erachtens danach aus, als würden Sie den Ratschlägen von Wolf-Dieter Storl zutrauen, dass sie die Ursachen behandeln. Was macht Sie da so sicher? (M.K.)

“Ich gehe davon aus, dass Sie das Buch von Herrn Storl gelesen haben, dann dürfte Ihnen wohl auch nicht entgangen sein, dass Antibiotika sämtliche Viren, Bakterien usw. mutieren lässt. Das ist eine Tatsache.”

Auch hier wieder: Warum reiben Sie eigentlich mir unter die Nase, dass es “immer mehrere Wahrheiten” gibt, wenn Sie selber so reden, wie wenn nur eine Wahrheit existiert – nämlich Ihre?
Wir haben ein ernstes Problem damit, dass viele Bakterienstämme Resistenzen gegen verschiedenste Antibiotika entwickeln. Ihre Aussage ist aber sehr absolut. Viren zum Beispiel werden gar nicht mit Antibiotika behandelt. Wie also können Antibiotika Viren mutieren lassen? Bakterien mutieren übrigens von selbst. Dazu braucht es keine Antibiotika (M.K.).

“Ich erlebe es hier im Krankenhaus, wie Menschen damit abgeschossen werden, und die Wirkung der Antibiotika ist und bleibt ebenso umstritten, heilen tut sie auch nicht. Fragen Sie unsere Ärzte und die werden Ihnen bestätigen, dass Antibiotika eben nicht die Borreliose heilt. Das hat sie vielleicht mal vor 20 Jahren getan.”

Wie können Sie in einem Krankenhaus arbeiten, in dem Patienten durch Antibiotika “abgeschossen werden”? – Können Sie das ethisch verantworten?
Auch hier wieder: Mir scheint, Sie kennen nur eine Wahrheit – Ihre. Sie sagen: Antibiotika heilen nicht. Ich sage: Antibiotika heilen in manchen Fällen – zum Beispiel im Frühstadium von Borreliose – in manchen Fällen heilen sie aber auch nicht.
Dass es grundsätzlich Antibiotika gibt, die Borrelien unschädlich machen, ist meines Erachtens sehr gut dokumentiert, zum Beispiel durch die Forschungen von Professor Sievers an der Hochschule Wädenswil. Allerdings gibt es Borreliose-Stadien, in denen das Antibiotikum die Borrelien im Organismus in ihren “Verstecken” kaum mehr erreicht (M.K.).

“Menschliche Grösse hat nur der, der auch neben sich andere Meinungen existieren lässt und nicht ständig versucht, zu dementieren. Vielleicht sollten Sie sich da mal etwas zurücknehmen.”

Schon wieder so eine absolute Aussage (Menschliche Grösse hat nur der…).
Ich bin übrigens durchaus der Ansicht, dass verschiedene Meinungen existieren sollen. Vor meiner fachlichen Kritik an den Versprechungen von Wolf-Dieter Storl hatte es jedenfalls nur seine Meinung dazu im Internet und diejenige seiner AnhängerInnen. Nun gibt es auch eine andere Meinung zu diesem Thema und die Leute können sich eine eigene Meinung bilden. Sie müssten sich doch eigentlich freuen, wenn ich meine andere Meinung publiziere. Warum also werfen Sie mir das vor? (M.K.)

Untenstehend mein Antwortmail an Frau F., abgeschickt noch vor den detaillierten Antworten im obigen Abschnitt (M.K.).

Sehr geehrte Frau F.
Ich bin sehr erstaunt von Ihnen zu hören, dass die Ärzte in Ihrer Klinik Antibiotika als unwirksam gegen Borrelien bezeichnen. Wie Sie meinen storl-kritischen Texten entnehmen können, geht es mir vor allem um die Borreliose im Frühstadium. In dieser Phase halte ich eine antibiotische Therapie für wichtig. Wer sich statt dessen auf die Empfehlung von Wolf-Dieter Storl und seine Kardentinktur verlässt, geht meines Erachtens ein Risiko für Spätschäden ein, wenn er oder sie nicht das Glück hat, zu derjenigen Gruppe zu gehören, bei der die Krankheit auch ohne Behandlung zum Stillstand kommt.
Können Sie mir die E-mail-Adressen der entsprechenden Ärzte senden, damit ich um eine Stellungnahme zu dieser Frage ersuchen kann?
Andernfalls werde ich einfach direkt an die Klinikleitung schreiben.
Freundliche Grüsse
Martin Koradi

“Sehr geehrter Herr Koradi,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Ich habe kürzlich mit einer Ärztin gesprochen, die meiner Meinung war, und die das von mir gezeigte Buch von Herrn Storl interessant fand und zum überlegen brachte. Ich habe dann mit ihr privat aufgrund meiner Ausbildung ein Gespräch bezüglich dieses Themas geführt. Sie dürfen davon ausgehen, dass die Ärzte hier in der Klinik mit Rücksicht auf ihre Stellungen und Arbeitsplätze nicht mit Ihnen in Kontakt gehen werden.
Mein Anschreiben an Sie war aus meinem persönlichen Interesse und vielen jahrelangen Erfahrungen mit der Naturheilkunde entstanden. Und ich (54 Jahre) nehme seit ca 35 Jahren keine Antibiotika und erfreue mich eines guten Immunsystems. Die letzte Antibiotikaeinnahme erfolgte bei mir als junge Frau und ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Seit dieser Einnahme hatte ich daraus resultierende nachfolgen, wie z.B. erhebliche intermittierende Pilzinfektionen über 30 Jahre hinweg und alles, was sich danach an Bakterien andockte. Erst die Homöopathie und die Naturheilkunde (mit dem höheren Bewusstsein, wie sie eben von Herrn Storl geschildert wird) haben mir mit Hilfe meiner Heilpraktikerin und vielen Blutdunkelfelduntersuchungen meine jetzige Gesundheit wiedergebracht. Nun habe ich leider das Pech gehabt, im Sommer von 2 Zecken angefallen worden zu sein und seitdem habe ich die zugehörigen Symptome der Borreliose. Ich gebe mich nicht in die Hände der Schulmedizin, weil ich dann um die vielen aggressiven Untersuchungsmethoden fürchte, nur um der Wissenschaft Willen, “damit man es weiss auf schwarz hat”. Ich werde die gleiche Methode bei mir durchführen, die meine Heilpraktikerin nach dem Buch von Herrn Storl an sich mit positivem Ergebnis durchgeführt hat, und ich weiss schon jetzt, dass dies gelingt – und das ohne das Bewusstsein, dass dies gefährlich sei. Ausserdem habe ich in schon mehrfacher, von mir gelesener Literatur, auch von Schulmedizinern geschrieben, erfahren, dass Antibiotika nicht mehr die gewünschten Wirkungen zeigt, wie sie es vor ca. 40 – 50 Jahren tat. Und ich bezweifle auch in meinem Fall, dass dies helfen wird. Ich baue ja nicht mein Immunsystem über Jahre hinweg mit viel trinken, Entgiftungen und Entschlackungen, Vitaminen sowie Mineralstoffen auf, um es dann mit Hilfe von Antibiotika zu zerstören. Die danach resultierenden Folgen nach dieser Einnahme sind für mich schlimmer, als die Borreliose-Symptome, die ich bis jetzt habe. Ich könnte Ihnen in ca. 3 Monaten darüber berichten, wenn Sie Interesse hätten.

Ich finde nur nicht gut, wenn alles, was für andere Menschen die Wahrheit ist, ständig dementiert wird. Das scheint in Deutschland so üblich zu sein, dass alles niedergemacht wird, was man selbst noch nicht erlebt hat. Ich werde es durchleben und dann wissen.
Mit freundlichen Grüssen

R. F.

Ich werde mich nun mit diesem Mail wieder Schritt für Schritt auseinandersetzen (M.K.):

“Ich habe kürzlich mit einer Ärztin gesprochen, die meiner Meinung war, und die das von mir gezeigte Buch von Herrn Storl interessant fand und zum überlegen brachte.”

Worin genau war die Ärztin Ihrer Meinung? Etwas “interessant finden”, das kann einfach Höflichkeit sein (M.K.).

“Sie dürfen davon ausgehen, dass die Ärzte hier in der Klinik mit Rücksicht auf ihre Stellungen und Arbeitsplätze nicht mit Ihnen in Kontakt gehen werden.”

Verstehe ich Sie richtig: Die Ärzte in Ihrer Klinik halten Antibiotika bei Borreliose für wirkungslos, trauen sich aber nicht, das öffentlich zu sagen, weil sie sonst entlassen werden? Eigentlich sind also alle auf Ihrer Seite, nur sind sie so unterdrückt, dass sie ihre Meinung nicht äussern dürfen? Verkennen Sie da nicht vielleicht etwas? Warum haben Sie mir geschrieben, dass ich die Ärzte Ihrer Klinik fragen könne und dass diese mir bestätigen würden, dass Antibiotika bei Borreliose nicht wirken? (M.K.)

“Die letzte Antibiotikaeinnahme erfolgte bei mir als junge Frau und ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Seit dieser Einnahme hatte ich daraus resultierende nachfolgen, wie z.B. erhebliche intermittierende Pilzinfektionen über 30 Jahre hinweg und alles, was sich danach an Bakterien andockte.”

Na ja, immerhin scheint Ihre Niere dank Antibiotika die Infektion unbeschädigt überstanden zu haben. Ohne Antibiotika kann so was bös enden.
Dass Antibiotika temporär zum Beispiel die Döderleinbakterien in der Vagina zerstören können und sich aus der darausfolgenden Dysbalance im Scheidenmilieu Pilzinfektionen ergeben können ist bekannt. Dass Sie aber über 30 Jahre hinweg Pilzinfektionen und allenfalls bakterielle Erkrankungen auf diese eine Antibiotika-Therapie zurückführen, scheint mir eine sehr gewagte Interpretation. Meines Wissens gibt es keine plausiblen Hinweise, dass die Behandlung einer Nierenbeckenentzündung das Immunsystem schädigt – und dies dann noch über 30 Jahre. Woher haben Sie diese Vorstellung? (M.K.)

“Erst die Homöopathie und die Naturheilkunde (mit dem höheren Bewusstsein, wie sie eben von Herrn Storl geschildert wird) haben mir mit Hilfe meiner Heilpraktikerin und vielen Blutdunkelfelduntersuchungen meine jetzige Gesundheit wiedergebracht.”

Meinem Eindruck nach knüpfen Sie sehr rasch scheinbar eindeutige Zusammenhänge im Sinne von Ursache und Folge:

Antibiotika – als Folge davon 30 Jahre lang immer wieder krank.

Homöopathie, (höhere) Naturheilkunde, Blutdunkelfelduntersuchung – aktuelle Gesundheit.

Was macht Sie so sicher bezüglich dieser Zusammenhänge? Legen Sie die Zusammenhänge nicht vielmehr entlang Ihrer vorbestehenden Überzeugungen?
Aufschlussreich finde ich immer wieder, wie konsequent sich esoterisch angehauchte Menschen auf eine höhere Ebene phantasieren. Wozu brauchen Sie eigentlich diese Vorstellung vom höheren Bewusstsein? Was passt Ihnen nicht auf der Horizontalen mit all den anderen, gewöhnlichen Menschen? Zu langweilig? Zu komplexes Zusammenleben? Zu viele Konflikte? – Wie schön, wenn man sich da in ein höheres Bewusstsein absetzen kann (M.K.).

“Ich gebe mich nicht in die Hände der Schulmedizin, weil ich dann um die vielen aggressiven Untersuchungsmethoden fürchte, nur um der Wissenschaft Willen, ,damit man es weiss auf schwarz hat‘.”

Wer hat Sie so einseitig indoktriniert? Ihre Heilpraktikerin? Meiner Ansicht nach sind Sie gegen-abhängig von der “Schulmedizin”.
Es gibt Leute, die sind vollkommen abhängig von der Medizin und glauben, schlucken und tun alles, was diese anbietet und vorschlägt. Und es gibt Leute die sind gegen-abhängig, weil sie unter keinen Umständen etwas annehmen können, was die Medizin für nötig erachtet. Gegen-abhängige sind genauso wenig frei wie abhängige. Beide können nicht wählen, was ihnen selber und ihrer Situation am angemessensten ist. Sie müssen sich ja nicht einfach allen aggressiven Untersuchungsmethoden unterwerfen. Sie können als mündige Patientin doch mitreden und wählen. Abgesehen davon, dass ich gar nicht sehe, was für aggressive Untersuchungsmethoden in der Borreliosediagnostik denn drohen würden. Woher kommt dieses hohe Bedrohungsgefühl? Wer hat Ihnen das eingeredet? So sind Sie doch nicht auf die Welt gekommen? (M.K.)

“Ich werde die gleiche Methode bei mir durchführen, die meine Heilpraktikerin nach dem Buch von Herrn Storl an sich mit positivem Ergebnis durchgeführt hat, und ich weiss schon jetzt, dass dies gelingt – und das ohne das Bewusstsein, dass dies gefährlich sei.”

Wie schon in der Antwort auf Ihr erstes Mail erwähnt: Ihr Schluss von einer Besserung auf eine Wirkung der Storl‘schen Ratschläge scheint mir sehr vorschnell. Und die Vorstellung, dass eine bestimmte Behandlung mit Garantie wirkt, ist meines Erachtens immer fragwürdig. Das läuft auf eine Art von Heilungsgarantie hinaus und spricht eher für eine Idealisierung einer Methode. Der Mensch und seine Krankheiten sind viel zu komplex, als dass es Heilungsgarantien geben könnte (M.K.).

“Ausserdem habe ich in schon mehrfacher, von mir gelesener Literatur, auch von Schulmedizinern geschrieben, erfahren, dass Antibiotika nicht mehr die gewünschten Wirkungen zeigt, wie sie es vor ca. 40 – 50 Jahren tat.”

Ja, manche Antibiotika wirken gegen bestimmte Keime nicht mehr. Das ist ein ernsthaftes Problem. Aber manche Antibiotika wirken gegen manche Keime immer noch. Warum interpretieren Sie so einseitig? (M.K.)

“Ich baue ja nicht mein Immunsystem über Jahre hinweg mit viel trinken, Entgiftungen und Entschlackungen, Vitaminen sowie Mineralstoffen auf, um es dann mit Hilfe von Antibiotika zu zerstören.”

Ich würde sehr bezweifeln, ob man mit viel trinken, Entgiftungen (welche Gifte genau?) und Entschlackungen (was für Schlacken genau?), Vitaminen sowie Mineralstoffen sein Immunsystem aufbauen kann. Das Thema “Entgiften & Entschlacken” ist meines Erachtens eine Medikalisierung. Uns wird eingeredet, dass wir voller Gifte und Schlacken sind, damit wir uns behandlungsbedürftig fühlen. Nur so kann man uns allezeit therapieren. Aber erklären Sie mir doch mal, welche Gifte und was für Schlacken Sie ausgeleitet haben, damit Ihr Immunsystem stark wird. Und dass Vitamin- und Mineralstoffpräparate in den meisten Fällen mehr schaden als nützen, sollte sich inzwischen eigentlich herumgesprochen haben.
Dass Bakterien gegen bestimmte Antibiotika resistent werden können, ist ein reales Problem. Dass Antibiotika ihr Immunsystem zerstören würden, müssten Sie mir erst noch plausibel machen. Dafür haben ich bisher keinen glaubhaften Hinweis gefunden. Auch hier wieder: Woher kommt diese Angst? Wer hat Sie so einseitig indoktriniert? (M.K.)

“Die danach resultierenden Folgen nach dieser Einnahme sind für mich schlimmer, als die Borreliose-Symptome, die ich bis jetzt habe. Ich könnte Ihnen in ca. 3 Monaten darüber berichten, wenn Sie Interesse hätten.”

Haben Sie sich mal genauer über die möglichen Langzeitfolgen der Borreliose informiert? Vielleicht ändert sich Ihre Einschätzung, wenn Sie mal etwas in Borrelioseforen nachlesen, womit Borreliose-Infizierte sich herumschlagen müssen.
Ich wäre grundsätzlich sehr interessiert an Ihrem Bericht. Allerdings müssten Sie dabei ein paar Grundregeln beachten, damit er aussagekräftig ist:
1. Es braucht ein genaue Diagnose. Ist es überhaupt Borreliose? Diese Diagnose ist oft schwierig sicher zu stellen. Sie müssten mir auch Laborwerte liefern. Damit soll ausgeschlossen werden, dass eine allfällige Besserung auf das Konto von Kardentinktur verbucht wird, obwohl es sich gar nicht um eine Borreliose gehandelt hat (passiert laufend, diese Verwechslung).
2. Es braucht einen genau protokollierten Krankheitsverlauf inklusive allfälliger Begleitmedikation. Was haben Sie sonst noch alles gemacht oder eingenommen?
3. Ein Bericht nach drei Monaten ist nicht aussagekräftig. Spätere Stadien der Borreliose können nach langer Zeit erst auftreten. Daher bräuchte ich einen Bericht nach drei Monaten, sechs Monaten, einem Jahr, zwei Jahren, fünf Jahren, zehn Jahren.
4. Falls Sie irgendwann den Eindruck haben, geheilt zu sein, wäre eine genaue Abschlussuntersuchung nötig, inklusive Laborwerten. Bei chronischen Verläufen ist es normal, dass man sich zwischen durch besser oder gar gesund fühlt.

Mit freundlichen Grüssen
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Links zur fachlichen Kritik an den Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl:

- Karde gegen Borreliose: Immer noch wirre Behauptungen statt fundierte Begründungen!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/132919_Karde-Kraut-Borreliose-wirre.pdf

Karde – kein Kraut gegen Borreliose!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/110646_Karde-Kraut-Borreliose.pdf

Karde gegen Borreliose – Heilungsversprechungen der fragwürdigsten Art
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125527_Storl-Karde-Borreliose.pdf

Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: “Borreliose natürlich heilen” von Wolf-Dieter Storl,
AT-Verlag 2007
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125713_Borreliose-Storl-Karde-1.pdf

Fahrlässig-riskante Überhitzungstherapie bei Borreliose
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/10/01/fahrlaessig-riskante-ueberhitzungstherapie-bei-borreliose.html

Weitere Beiträge zur Debatte:

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 1
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/11/06/pflanzenheilkunde-hoch-fragwuerdige-esoterische-theorien-ein-beispiel.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 3
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/11/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte-3.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 4

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/25/karde-borreliose-therapie-nach-storl-beitraege-zur-debatte-4.html

Karde & Borreliose-therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 5:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/07/14/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitrage-zur-debatte-5.html

Pflanzenheilkunde: Hoch fragwürdige esoterische Theorien – ein Beispiel

Donnerstag, November 6th, 2008

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl – Beiträge zur Debatte 1

Es gibt meiner Ansicht nach ein Ausmass an esoterischen Verirrungen in der Pflanzenheilkunde, das mir sehr problematisch scheint und das ich an einem Beispiel illustrieren möchte. Ich schildere es hier, weil ich glaube, dass die Auseinandersetzung damit lehrreich sein kann für den Umgang mit Heilpflanzen und mit dem ganzen Feld von Pflanzenheilkunde & Naturheilkunde. Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, wenn Sie sich auf diese Auseinandersetzung einlassen möchten. Kommentare wie immer erwünscht.

Ich habe in mehreren Texten das Buch “Borreliose natürlich heilen” von Wolf-Dieter Storl an zahlreichen Punkten kritisiert, weil ich es für ausgesprochen gefährlich und fahrlässig halte. Weder Peter Wanner vom AT-Verlag noch Wolf-Dieter Storl vom AT-Verlag sind auf die detaillierte Kritik eingegangen.
Interessierte können die Texte hier nachlesen:

Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: “Borreliose natürlich heilen” von Wolf-Dieter Storl:
www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125713_Borreliose-Storl-Karde-1.pdf

Karde gegen Borreliose – Heilungsversprechungen der fragwürdigsten Art:
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125527_Storl-Karde-Borreliose.pdf

Karde – kein Kraut gegen Borreliose!
www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/110646_Karde-Kraut-Borreliose.pdf

Karde gegen Borreliose: Immer noch wirre Behauptungen statt fundierte Begründungen!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/132919_Karde-Kraut-Borreliose-wirre.pdf

Sehr eindrücklich sind für mich die Reaktionen auf diese Kritik. So erreichte mich zum Beispiel vor kurzem ein E-Mail der Leiterin einer “Akademie”, an der Kräuterheilkundige ausgebildet werden. Ich zitiere dieses Mail hier vollständig, aber anonymisiert:

“Guten Tag Herr Koradi

Vielleicht interessiert es Sie, dass Herr Dr. Storl von der Natur als Naturgelehrter akzeptiert wird. Also kann er nicht so falsch liegen. Und im Endeffekt hilft uns Menschen das, was wir glauben. Eine Freundin von mir wurde mit Kardentinktur gesund, was den behandelnden Arzt sehr gewundert hat. Und meine Studierenden lernen bereits in der ersten Lektion, dass es keine allgemein gültigen Regeln gibt. Und dann beachten Sie bitte, wie viele angebliche Giftpflanzen und Nebenwirkungen die atheistische Wissenschaft gezaubert hat, weil sie immer noch nicht begriffen hat, dass sich die Natur weder normen noch standardisieren, noch beherrschen lässt. Die Quittung für unser Tun werden wir nun erhalten. Und ebenfalls ist eine Tatsache, dass Herr Dr. Storl um einiges weiter sieht als sogenannt normale Menschen, da er auch die intuitive Ebene braucht. Darum würde ich sagen, dass sein Weg und Ihr Weg eine Berechtigung hat, da alles aus dem selben Licht geschaffen ist. Das oberste göttliche Prinzip ist übrigens, dass der Mensch den freien Willen hat, das zu wählen, was er als richtig erachtet. Mit kollegialen Grüssen
X. Y.”

Auf dieses Mail möchte ich im Sinne einer Antwort nun genauer eingehen.

Guten Tag Frau X. Y.

Schade, dass Sie an keinem Punkt auf meine detaillierte fachliche Kritik eingehen. Diese Abschottung gegen jede kritische Reflexion, wie sie auch Peter Wanner als Verleger und Besitzer des AT-Verlages und Wolf-Dieter Storl als Autor betreiben, halte ich auf einer politischen Ebene für höchst besorgniserregend. Glauben Sie auch im politischen Bereich so vollkommen blind und ungeprüft jeder wunderbaren Behauptung? Dann kann ich nur hoffen, dass sich diese Haltung nicht noch mehr ausbreitet. Sonst “Gute Nacht, Demokratie”. Demokratie lebt nämlich von der kritischen Auseinandersetzung und Prüfung.
In diesem Sinne denke ich gerne über Ihr Mail nach:

Sie schreiben:
“Vielleicht interessiert es Sie, dass Herr Dr. Storl von der Natur als Naturgelehrter akzeptiert wird. Also kann er nicht so falsch liegen.”

Wie genau hat denn die Natur Ihnen mitgeteilt, dass sie Wolf-Dieter Storl als Naturgelehrten akzeptiert? Spricht die Natur in Ihrem Verständnis mit einer ungeteilten Stimme? Keine Differenzen in der Natur? Keine Widersprüche? Die Natur ist eins? Eine Person gar? – Mir scheint, es gibt durchaus unterschiedliche Positionen in der Natur, zum Beispiel zwischen der Krähe und den Eiern der Kohlmeise, die sie gerade frisst. Oder zwischen der Kohlmeise und der Schwalbenschwanzraupe, die verspeist wird. Aber für Sie ist alles eins?
Bezüglich Naturvorstellung liegen tatsächlich Welten zwischen mir und den Positionen von Ihnen und Wolf-Dieter Storl. Dieser behauptet ja: “Ich bin ein Teil des Waldes!” – Aber er fliegt als Teil des Waldes problemlos nach Mallorca oder sonstwohin, um ein Seminar zu leiten. Kann man da einfach als Teil des Waldes kurz mal aussteigen? – Wer behauptet, er sei ein Teil des Waldes, den würde ich auch fragen: “Wer frisst Dich?” – Denn mindestens in einem Wald im ökologischen Gleichgewicht wird wohl jeder Teil von einem anderen gefressen. Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben, hat Albert Schweitzer gesagt. Wie schön, dass man sich da als Teil des Waldes bei Bedarf wieder in die gute Stube zurückziehen kann. Ich finde solch hohle Phrasen zum Schreien.
Mir scheint, dass Sie die Natur als göttliche Instanz hinstellen, wenn Sie schreiben, dass “Dr. Storl” von der Natur als Naturgelehrter akzeptiert worden ist. Das halte ich an sich schon für hoch fragwürdig. Wie erkennen Sie denn genau, was diese vergöttlichte Natur will? Eine Tumorerkrankung ist ja auch Natur. Darf man da eingreifen oder will es die göttliche Natur, dass der Krebs wächst und sich entwickelt? Auch das AIDS-Virus ist Natur. Würden Sie eine Behandlung als unnatürlich ablehnen? Eine Lungenentzündung? Die Bakterien sind Natur, die Antibiotika stammen von der “atheistischen” Wissenschaft. Patient sterben lassen als Naturprozess? Ich meine diese Fragen sehr ernst.

“Und im Endeffekt hilft uns Menschen das, was wir glauben.”

Da wäre ich mir nicht so sicher. In den 30er- und 40er-Jahren des letzen Jahrhunderts haben viele Menschen an Adolf Hitler geglaubt, leider gerade auch viele Menschen im Umfeld von Esoterik und Naturheilkunde, dort waren die führenden Nationalsozialisten nämlich geistig zuhause (siehe: http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/07/27/naturheilkunde-und-nationalsozialismus-eine-kaum-bekannte-unheilsame-verbindung.html).
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es diesen hitlergläubigen Menschen beispielsweise geholfen hat, bei den Bombardierungen von Dresden während des Feuersturms im Keller zu verbrennen. Was die Menschen glauben, kann sie zu edelsten Taten motivieren, aber auch ins totale Verderben stürzen oder zum Kriegsverbrecher werden lassen. Genau darum müssen wir sorgfältig prüfen, was wir glauben.
Oder um ein Beispiel aus der Medizin zu nehmen: Finden Sie es akzeptabel, wenn Zeugen Jehovas ihrem Kind eine lebensrettende Bluttransfusion nach einem Unfall wegen ihres Glaubens verweigern? Kein ethisches Problem?

“Eine Freundin von mir wurde mit Kardentinktur gesund, was den behandelnden Arzt sehr gewundert hat”

Das ist wieder so eine schöne Anekdote, wie ich sie schon in meiner Kritik des Storl-Buches in Frage gestellt habe. Warum verschweigt ihr Dr. Storl eigentlich in seinen wundersamen Heilungsberichten konsequent, dass der überwiegende Teil der Borreliosen von selbst zum Stillstand kommt? Vielleicht gehört ja ihre Freundin zu dieser glücklichen Gruppe. Pech hat ja nur der Rest, bei dem die Krankheit weitergeht, wenn man sich statt einer Antibiotika-Therapie auf die famosen Tipps des Wolf-Dieter Storl verlässt. Diese gutgläubigen Leute riskieren dann Dauerschäden bis hin zur Invalidität. Das nenne ich fahrlässige Heilsversprechungen.
Warum verschweigt ihr Dr. Storl bei seinen Heilungsversprechungen, dass es bei chronischen Borreliosen in der Regel von Natur aus (!) einen schwankenden Verlauf gibt, und dass man darum nicht jede Besserung zum Beispiel einer Kardentherapie zuschreiben kann.
Warum verschliessen Sie und Ihr Dr. Storl die Augen davor, dass bei jeder Therapie und gerade auch bei Schmerzbehandlungen ein grosser Teil der Wirkung auf einem Placebo-Effekt beruht und dass man dies bei der Beurteilung von Heilerfolgen berücksichtigen müsste?
Warum verschweigt Wolf-Dieter Storl, dass die Karde das Wachstum von Borrelien nicht hemmt, sondern allenfalls sogar eher fördert – untersucht im Labor an der Hochschule Wädenswil, zugegeben, aber es liegt an Storl, die von ihm behauptete Wirkung plausibel zu dokumentieren. Man könnte ja diese Untersuchungen von Prof. Sievers zumindestens erwähnen und allenfalls kritisch kommentieren. Dann könnten sich die Leute eine eigene Meinung bilden. Aber warum verschweigen?
Warum liegt auch nach Jahren der Heilungsversprechungen von Storl noch kein einziger publizierter Krankheitsverlauf vor: Eingangsbefund und -diagnose, Krankheitsverlauf, Begleitmedikation, Abschlussbefund und -diagnose. Das wäre der Minimalststandard, damit Fachleute sich damit auseinandersetzen können. Es bleibt aber bisher bei Schlagworten im Stil von: Schon wieder eine wunderbare Heilung!
Warum dieses eklatante Desinteresse an sorgfältiger Dokumentation. Warum das Abschieben von Misserfolgen mit der Kardentherapie, im Buch zum Beispiel auf eine Beziehungsstörung der Patientin. Vielleicht weil von “der Natur” akzeptierte Naturgelehrte solch banalen Pipifax wie Dokumentation und Begründung nicht nötig haben?
Ich bin interessiert an einer detaillierten Krankengeschichte ihrer Freundin, aber nicht nur an einer schönen Geschichte, es müssten schon Facts sein. Oder wie wärs mit einem Bericht des behandelnden Arztes, wenn der doch so verwundert war?

“Und meine Studierenden lernen bereits in der ersten Lektion, dass es keine allgemein gültigen Regeln gibt”

Meiner Meinung nach ist es ziemlich schwierig, etwas zu lehren oder zu lernen, wenn es keine allgemein gültigen Regeln gibt. Wie stellen Sie das wohl an? Ich kann mich natürlich ganz darauf beschränken, was die Heilpflanze in mir auslöst. Das kann dann jede und jeder so machen und es mag durchaus schön sein, aber irgendwie bleiben ja dabei alle ganz in ihrer Welt isoliert. Und vielleicht hat dann das Erlebte viel mehr mit dem Erlebenden zu tun als mit der Heilpflanze. Das kann eine gute Selbsterfahrung sein, wenn damit sorgfältig umgegangen wird – wobei dann wohl wichtig wäre, dass die Leiterin eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung hat – und nicht einfach in der Psyche herumfuhrwerkt, wie das im Eso-Bereich meiner Erfahrung nach ziemlich üblich ist.
Im übrigen finde ich Ihre Behauptung, dass es keine allgemein gültigen Regeln gibt, sehr gewagt. Orientieren Sie sich nicht an Verkehrsregeln? Gesetze? In meinem Leben gibt es durchaus allgemeingültige Regeln. Wenn ich meinen Kugelschreiber von Tisch schubse, fällt er immer runter – zweifellos eine allgemein gültige Regel auf der Erde. Und ausgerechnet im Bereich der Heilkunde soll es keine allgemein gültigen Regeln geben? Wie halten Sie es zum Beispiel in Ihrer Schule für Heilpflanzenkundige mit Dosierungsangaben – das wären allgemeine Regeln, die es Ihrer Ansicht nach nicht gibt. Werden Dosierungen von Heilpflanzen immer “intuitiv” festgelegt? Wenn ja: Warum profitieren Sie nicht von den Erfahrungen anderer Menschen, die zu allgemeinen Regeln geführt haben? Regeln selbstverständlich, die auch Ausnahmen kennen und sich verändern im Verlaufe der Zeit.
Meines Erachtens vertreten Sie an diesem Punkt einen verheerenden Relativismus
(siehe: www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/10/17/pflanzenheilkunde-die-falle-der-beliebigkeit-vermeiden.html ).
Das scheint mir sehr fragwürdig und auch riskant, wenn es um Patientinnen und Patienten geht.

“Und dann beachten Sie bitte, wie viele angebliche Giftpflanzen und Nebenwirkungen die atheistische Wissenschaft gezaubert hat, weil sie immer noch nicht begriffen hat, dass sich die Natur weder normen noch standardisieren, noch beherrschen lässt.”

Sie spielen darauf an, dass in den letzten Jahren in einigen Heilpflanzen auch giftige Stoffe gefunden wurden. Das ist nicht weiter überraschend. Schliesslich produzieren Heilpflanzen ihre Wirkstoffe nicht für unsere Gesundheit, sondern weil sie nicht gefressen werden wollen. Dieser Aspekt der Natur passt aber wohl nicht in Ihre harmonizistische Vorstellung der Beziehung zwischen Menschen und Heilpflanzen.
Ob die gefundenen giftigen Stoffe in therapeutischer Dosis für den Menschen riskant sein können, ist nicht einfach zu entscheiden, und wohl bei jeder betroffenen Pflanze wieder etwas anders zu beurteilen. Immerhin gibt es von solchen Stoffen auch ernste bis tödliche Vergiftungen bei Weidevieh. Über ein allfälliges Risiko für den Menschen müsste man differenziert nachdenken und nicht einfach in einer hochgradigen Idealisierung der Heilpflanzen jede mögliche Gefährdung dogmatisch ausschliessen.
Sie bieten auf Ihrer Website ja auch einen Vortrag an, in dem Sie darlegen, warum Heilpflanzen keine Nebenwirkungen haben können. Noch nie etwas gehört beispielsweise von Allergien auf Ringelblumentinktur? Kommt selten vor, aber das gibt‘s. Bauchkrämpfe bei pflanzlichen Abführtees? Oder schon mal etwas gehört von den Nierenversagen nach Langzeit-Einnahme von chinesischen Heilpflanzen durch den Inhaltsstoff Aristolochiasäure in Belgien in den 1990er Jahren? Diese sehr ernsten Fälle sind gut dokumentiert. Die europäischen Arzneimittelbehörden haben aristolochiasäurehaltige Heilpflanzen anfangs der 80er Jahre vorsichtshalber aus dem Verkehr gezogen. Unter grossem Protest der Naturheilkunde-Szene, die behauptete, dass nur die isolierte Aristolochiasäure schädlich sei im Laborversuch, nicht aber die ganze, harmonisch ausbalancierte Heilpflanze. Nun ja, haben Sie daraus nichts gelernt oder haben Sie sich damals noch nicht mit Heilpflanzen befasst. In der Phytotherapie-Fachliteratur werden diese tragischen Vergiftungen beschrieben. Kein Interesse an solchen Berichten? Gefährdet das Ihre harmonisch-idealisierte Vorstellung von Heilpflanze?
Es macht den Anschein, dass Sie glauben, Heilpflanzen würden uns ausschliesslich heilen. Das halte ich für eine einseitige Idealisierung. Meiner Meinung nach kann, was erwünschte Wirkungen hat, auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Was meinen Sie genau mit der “atheistischen Wissenschaft”. Ja klar, die Wissenschaft verzichtet auf einen “Gott” als Erklärungsprinzip. Sollte ihrer Meinung nach die Wissenschaft abgeschafft werden oder stellen Sie sich eine Wissenschaft inklusive Erklärungsprinzip “Gott” vor. Wie würde unsere Kultur und unsere Wissenschaft dann aussehen? Was sagen Sie dazu, dass es auch viele gläubige Wissenschaftler gibt?
Ich empfinde Ihre Beschreibung der Wissenschaft sehr eng und pauschal. Mir erscheint die Wissenschaft vielfältiger. Es gibt in ihr intensive Diskussionen, Auseinandersetzungen und unterschiedliche Standpunkte. Das ist mir oft viel sympathischer als der Dogmatismus und Relativismus, denen ich so häufig in der Naturheilkunde begegne. Ich kenne niemanden, der so pauschal “die Natur” standardisieren will. Es gibt aber das Bestreben, Extrakte aus Pflanzen auf einen möglichst gleichbleibenden Wirkstoffgehalt einzustellen, damit der Patient oder die Patientin Gewähr hat auf eine verlässliche, gleichbleibende Wirkung. Was ist so schlimm daran? Ich kenne auch niemanden, der so generell “die Natur” beherrschen will. Es gibt konkrete Eingriffe in die Natur und wir müssen politisch entscheiden, welche wir zulässig finden und welche nicht. Es gibt auch Eingriffe in die Natur, die meiner Ansicht nach zu weit gehen. Aber eine Tumortherapie strebt auch nach Herrschaft über einen Teil der Natur, nämlich den Tumor. Akzeptabel oder nicht? Ich selber sehe von Natur aus sehr schlecht und muss die Natur korrigieren mit Kontaktlinsen. Ein Frevel? Vielleicht will “die Natur” ja meine Kurzsichtigkeit. Kontaktlinsen wird sie wohl kaum vorgesehen haben. Meine Nasenscheidewand war von Natur aus sehr verkrümmt und behinderte zunehmend meine Nasenatmung. Ich habe diese meine Natur via Operation normiert und bin dankbar dafür. Habe ich der Natur ins Handwerk gepfuscht? Bekomme ich dafür einmal eine Quittung?
Ich finde, dass vieles in der Welt (in der Natur) viel ambivalenter ist als Sie das darstellen. Warum so einseitig im Gut-Schlecht-Schema?

“Die Quittung für unser Tun werden wir nun erhalten”

Was meinen Sie genau mit dieser Drohung. Was genau meinen Sie mit “unser Tun” und welche “Quittung”.

“Und ebenfalls ist eine Tatsache, dass Herr Dr. Storl um einiges weiter sieht als sogenannt normale Menschen, da er auch die intuitive Ebene braucht”

Intuition ist eine spannende und wichtige Erkenntnisquelle. Nur: Auch wenn mir eine spontan einfallende Erkenntnis als unbedingt wahr vorkommt, kann ich mich grässlich täuschen. Oder schreiben Sie Wolf-Dieter Storl Unfehlbarkeit zu? Intuition kann in die Irre führen. Die Rassentheorien der Nationalsozialisten waren zum grossen Teil intuitiv begründet. Rudolf Steiner, auch einer, der überzeugt war, das er weiter sehen konnte als andere, sah in dieser Anderswelt auch, dass Indianer ein dekadenter Zweig in der Entwicklung der Menschheit seien und ein Zwischenwesen zwischen Menschen und Affen. Teilen Sie diese Ansicht oder gehen Sie mit mir einig, dass sich auch sogenannt intuitive Erkenntnisse kritischen Prüfungen stellen müssen?
Oder können sogenannt normale Menschen die “intuitiven” Erkenntnisse des Dr. Storl gar nicht nachprüfen? – Das würde die starre Resistenz gegen jede Kritik erklären, die Peter Wanner und Wolf-Dieter Storl an den Tag legen. Diese Haltung scheint mir aber auch ziemlich guruhaft und demokratiefeindlich, weil Demokratie vom Austausch von Argumenten lebt. Wenn einer behauptet, er habe Erkenntnisse, zu denen andere, sogenannt normale Menschen keinen Zugang haben, dann können seine Behauptungen nicht auf ihre Wahrheit überprüft werden. Wehe, wenn eine solche Person Macht bekommt. Wo kämen wir hin, wenn alle Entscheidungen auf dieser Basis fallen würden? – In einer solchen undemokratischen, intransparenten und vielleicht sogar totalitären Welt möchte ich lieber nicht leben.

Darum würde ich sagen, dass sein Weg und Ihr Weg eine Berechtigung hat, da alles aus dem selben Licht geschaffen ist”

Da haben wir ihn wieder, diesen Relativismus
(siehe: www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/10/17/pflanzenheilkunde-die-falle-der-beliebigkeit-vermeiden.html
Wir müssen sorgfältig und fundiert urteilen lernen und nicht alles gleich-gültig finden.
Was finden Sie an meinem Weg gut und was halten Sie daran für fragwürdig?
Was finden Sie an Storls Weg gut und was halten Sie daran für fragwürdig?
Aber bitte so detailliert wie möglich!
Was meinen Sie genau damit, dass “alles aus dem selben Licht geschaffen ist”.
Was wollen Sie damit sagen? Dass alles eins ist? – Warum verwischen Sie Unterschiede?

“Das oberste göttliche Prinzip ist übrigens, dass der Mensch den freien Willen hat, das zu wählen, was er als richtig erachtet”

Woher wissen Sie so genau, was das oberste göttliche Prinzip ist? Ziemlich dogmatische Aussage. Ich selber würde mich nicht als religiösen Menschen bezeichnen, erinnere mich aber aus meiner Ministrantenzeit an Aussagen, wonach das oberste göttliche Prinzip die Liebe sei. Was stimmt denn nun?
Und was den freien Willen des Menschen betrifft, machen Sie es sich meines Erachtens sehr einfach. So klar, wie Sie das darstelle, ist der Punkt mit dem freien Willen nicht. Ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht, wird zur Zeit heftig diskutiert. Kein Interesse an solchen Auseinandersetzungen? Sie wissen ja schon, wie es ist?
Schade. Aber auch wenn wir annehmen, dass der Mensch einen freien Willen hat (ich hoffe jedenfalls, dass es so etwas ähnliches gibt), dann liegt doch sehr auf der Hand, dass dieser freie Wille auch eingeschränkt und geprägt wird von kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen.

“Mit kollegialen Grüssen”

Ich glaube, dass Sie sich schwer täuschen. Wir leben auf vollkommen unterschiedlichen Planeten und haben wohl kaum eine kollegiale Ebene – und das sage ich nicht aus Hochmut, sondern um Differenzen nicht unter den Tisch zu wischen…..
..aber ich freue mich, wenn Sie meine Kritik ihrerseits in Frage stellen.
Die Kommentarfunktion steht Ihnen offen.

P.S: Sie schreiben auf der Website Ihrer Schule für Heilpflanzenkundige, dass esoterisch orientierte Menschen, die von Licht und Liebe reden und die Schattenseiten nur bei anderen sehen wollen, von der Natur nicht akzeptiert werden. Und dass diejenigen, welche esoterische Bücher gelesen haben, grosse Mühe bekunden.

Da stellen sich für mich gerade nochmals unzählige Fragen:

- Woher wissen Sie so genau, dass die Natur esoterische Menschen nicht akzeptiert?
- Woher weiss “die Natur”, wer ein esoterischer Mensch ist und wer nicht – und nach welchen Kriterien entscheidet “die Natur” das?
- Sie schreiben doch selber vom Licht, aus dem alles geschaffen ist. Trifft das Verdikt “der Natur” nicht auch Sie selber?
- Ich entnehme Ihrem Mail und Ihrer Website, dass Sie die Schattenseiten ausschliesslich bei Wissenschaft, Medizin, Verstand etc. sehen, die Natur dagegen als vollkommen heil, wunderbar und lichterfüllt. Machen Sie nicht selber eine dieser Spaltungen in Hell und Dunkel, welche “die Natur” Ihrer Meinung nach ablehnt?
- Ihr Mail und Ihre Website erscheinen mir als Esoterik pur. Wo sehen Sie selber den Unterschied zwischen Ihren Positionen und einer Esoterik, welche “die Natur” Ihrer Meinung nach nicht akzeptiert?
- Wieso bekunden Leute, welche esoterische Bücher gelesen haben, in Ihren Ausbildungen grosse Mühe? Sie bedienen doch gerade deren Bedürfnisse. Diese Klientel sollte sich doch bei Ihnen gerade zuhause fühlen? Oder gibt es nur eine richtige esoterische Theorie, Ihre?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie / Heilpflanzen-Exkursionen / Heilkräuter-Kurse / Phytotherapie-Ausbildungen
www.phytotherapie-seminare.ch

Weitere Beiträge zur Debatte:

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 2
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/07/borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 3
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/11/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte-3.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 4
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/25/karde-borreliose-therapie-nach-storl-beitraege-zur-debatte-4.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 5:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/07/14/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitrage-zur-debatte-5.html

Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom “Wesen der Pflanzen

Freitag, August 15th, 2008

Pflanzen werden schon seit Urzeiten zu Heilzwecken verwendet. Wie solche Heilwirkungen zustande kommen und wie man sie erkennen und nutzen kann, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die heute von einigen Autoren propagierte Variante, Wirkungen von einem ominösen “Wesen” herzuleiten, muss aus ethischen, psychologische, historischen und philosophischen Gründen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.
Die Rede vom “Wesen der Pflanze” tönt zwar tiefsinnig. Was genau mit “Wesen” gemeint ist, wird aber kaum je genau bestimmt. So kann sich dann jede und jeder seine eigenen Vorstellungen dazu machen. Das hat zur Folge, dass man sich stundenlang über das “Wesen der Pflanze” unterhalten kann, und dabei vollkommen aneinander vorbei redet, weil jeder etwas anders darunter versteht, diese Unterschiede aber nicht auf den Tisch kommen.
Wenn zum Beispiel das Wesen des Hopfens als “fröhlich” beschrieben wird, wirft dies zahlreiche Fragen auf. Kann eine Pflanze ein fröhliches Wesen haben? Oder wird hier nicht schlicht eine menschliche Eigenschaft auf die Pflanze projiziert? – Immerhin werden ja Menschen auf eine bestimmte Art fröhlich, wenn sie Hopfen in Form von Bier zu sich nehmen. Aus solchen Phänomenen aber auf die Heilwirkungen des Hopfens zu schliessen, entbehrt jeder Seriosität. Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben ein Anrecht auf einen sorgfältigeren Umgang. Von derart wirren Gedankengängen sollten sie verschont werden.
Das “Wesen” ist zudem philosophiegeschichtlich einer der schwierigsten Begriffe überhaupt. Immer aber bezeichnete er etwas Absolutes, Ewiges, Gleichbleibendes, das unabhängig von allen Wandlungen und aller menschlicher Wahrnehmung besteht. Die alten Griechen gingen davon aus, dass es ein solches “Wesen” gibt. Für Platon (427 – 347 v. u. Z.) steckte es allerdings in den ewigen, geistigen Ideen der Dinge. Real existierende Gegenstände waren für ihn so etwas wie eine minderwertige Kopie der wesenhaften Ideen. Sein Schüler Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.) glaubte das Wesen dagegen in den Dingen selbst erkennen zu können. Er sprach von “substantia”, dem Darunterliegenden, das unabhängig von allen sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Eigenschaften dauerhaft bleibt. Auch Kant (1724 – 1804) ging noch davon aus, dass es so etwas wie ein Wesen gibt. Er nannte es “Ding an sich”. Allerdings hielt er es für ausgeschlossen, dass wir Menschen dieses Wesen erkennen können. Wir nehmen nur Erscheinung war. Was wir wahrnehmen, ist immer wahrgenommene Welt, nicht Welt-an-sich. In jeder Wahrnehmung stecken unsere Sinnesorgane und unser Verarbeitungs- und Denkapparat schon mit drin. Wer ein Wesen der Pflanzen zu erkennen vorgibt, stellt damit seine persönlichen Assoziationen, Interpretationen und Phantasien bezüglich einer Pflanze als allgemein gültig und absolut dar. Damit werden möglicherweise Pflanzen zu narzisstischen Zwecken missbraucht und die Grundlage gelegt für ein Guru-System. Die Position des grossen Kants war jedenfalls bescheidener. Später haben Philosophen wie Friedrich Nietzsche, John Dewey oder Richard Rorty die Vorstellung von der Existenz eines “Wesens” in den Dingen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Spaltung der Welt in ein ewiges, wahres Wesen und trügerische, vergängliche Erscheinungen schien ihnen hoch problematisch.

Über die Heilwirkungen der Pflanzen darf es durchaus kontroverse Vorstellungen geben. Von nebulösen Begriffen wie dem “Wesen” der Pflanzen sollte man sich allerdings nicht einlullen lassen, sondern sie mit Nachdruck in Frage stellen.
Falls Pflanzen wirklich ein “Wesen” haben sollten, dann geht es dabei nur um sie selber, dann ist es ihr Wesen. Schaut man sich aber die heute gängigen Beschreibungen über das Wesen der Pflanzen genauer an, dann beziehen sie sich in der Regel auf den Menschen mit seinen Beschwerden. Damit wird der Mensch aber meines Erachtens für viel zu wichtig genommen. Wenn das Wesen der Wilden Möhre darin bestehen soll, dass zerstreute Kräfte wieder auf den Mittelpunkt hingeführt werden und der Blick für das Wesentliche geschärft wird, dann ist das eine Enteignung. Das Wesen der Wilden Möhre wird auf die Bedürfnisse des Menschen hin umgebogen.
Oder beim Gänseblümchen: Es soll tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im Wesen also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Gelegentlich wird von “Wesen der Pflanzen” auch gesprochen im Sinne eines inneren Kerns. Damit wird die Pflanze quasi auseinandergerissen. Wer vom inneren Kern spricht trennt diesen von randständigeren, offenbar weniger wichtigen Bereichen. Diese Trennung ist anmassend. Etwas krasser ausgedrückt: Wer vom “Wesen der Pflanze” spricht, impliziert damit auch, dass es ein “Unwesen der Pflanze” gibt. Das sagt natürlich keiner der “Wesens-Apostel” so, doch es folgt automatisch aus ihren Theorien: Wer ein Wesen setzt, setzt auch ein Un-wesen.
Dem könnte man mit Goethe entgegnen: Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.
Die Trennung in ein Wesen als ewiges, wahres Prinzip und in das Erscheinende als täuschend und vergänglich, hat die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt. Die gravierenden Folgen dieser Trennung sind bis heute wirksam. Wir sollten diese Trennung nicht weiterhin aufrechterhalten, indem wir ein Wesen der Pflanzen herbeiphantasieren. Und wir sollten uns nicht dazu versteigen, den Pflanzen ein Wesen überzustülpen, das ganz und gar auf unsere Heil(ung)sbedürfnisse zugeschnitten ist. Diese Vorstellung scheint mir viel zu eng und zu anthropozentrisch.
Mir wäre ganz im Gegensatz dazu wichtig, dass wir die Heilpflanzen in ihrem eigenen Dasein kennenlernen, ohne alles immer sofort auf uns zu beziehen. Wo lebt die Pflanze? Welche Ansprüche hat sie an ihre Umgebung? Wie hat sie sich durch Formen und Farben an ihre Lebensbedingungen angepasst? Wem dient sie als Nahrung? Bei all diesen Phänomenen geht es um die Pflanze selbst, nicht um uns. Darum scheint es mir frevelhaft, daraus ein Wesen abzuleiten, das auf unsere Bedürfnisse gerichtet ist.
Die Heilpflanzen sind ganz für sich betrachtet schon faszinierend.
Dazu kommt dann noch die ästhetische Ebene. Auf die Schönheit der Pflanzen können wir uns intensiver einlassen, wenn wir sie ohne Nützlichkeitsdenken betrachten. Denn Schönheitsempfinden hat viel zu tun mit interesselosem Schauen. Diese Erlebnisqualität wird beeinträchtigt, wenn wir den inneren Kern der Pflanze in einem Wesen fixieren, das uns zu Heilzwecken dienlich sein soll.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen / Heilkräuter-Exkursionen / Phytotherapie-Ausbildungen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen

Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

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Pflanzenheilkunde: ist das Vertrauen gerechtfertigt?

Donnerstag, August 14th, 2008

Das Vertrauen vieler Menschen in die Wirksamkeit von Heilpflanzen-Präparaten ist gross. Und manchmal ist es sogar gerechtfertigt – aber bei weitem nicht immer.
Tatsächlich existieren enorme Qualitätsunterschiede, die jedoch nur mit entsprechendem Fachwissen zu erkennen sind. Diese Unterschiede hängen ganz entscheidend davon ab, wie eine Heilpflanze verarbeitet worden ist.

Genau genommen ist es nämlich beispielweise grundfalsch zu sagen, Johanniskraut wirke gegen Depressionen. Man müsste präziser sagen, dieses bestimmte Johanniskraut-Präparat, also diese bestimmte Form der Herstellung, wirkt gegen Depressionen.
Vor kurzen erzählte mir eine Phytotherapie-Studentin, dass sie in der Drogerie nach Weissdorn gefragt habe. Dazu ist zu sagen: Weissdorn wirkt herzstärkend und fördert die Durchblutung der Herzkranzgefässe. Von allen Heilpflanzen der Phytotherapie ist Weissdorn für diese Wirkungen am besten dokumentiert.
Die Drogistin empfahl nun eine spagyrische Weissdorn-Tinktur. Die Spagyrik ist ein Herstellungsverfahren, das auf alchemistischen Grundsätzen beruht. Ihren Höhepunkt hatte die Spagyrik in der Renaissance. Die Pflanzenteile werden zuerst mit Hefe vergoren, dann wird abdestilliert. Der Destillationsrückstand wird bei hohen Temperaturen verascht. Zum Schluss werden das Destillat und der Veraschungsrückstand zusammengefügt. Zum Teil werden die Produkte heute anschliessend noch “potenziert”, also stark verdünnt und verschüttelt.
Viele Anhängerinnen und Anhänger der Spagyrik halten dieses Verfahren für das einzige, mit dem die Heilkräfte der Pflanzen vollkommen aufgeschlossen werden können. Hier kommt manchmal ein Hauch von Heilslehre ins Spiel.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Phytotherapeutische Heilpflanzen-Präparate (Tinkturen, Extrakte) und spagyrische Tinkturen unterscheiden sich fundamental. Bei der Veraschung werden beim spagyrischen Verfahren durch die hohen Temperaturen viele Inhaltsstoffe zerstört, beispielsweise Alkaloide und Glykoside. Beide Stoffgruppen sind aber oft auch wichtige Wirkstoffe, so zum Beispiel die Glykoside beim Weissdorn.
Darum können phytotherapeutische und spagyrische Tinkturen in ihrer Wirkung nicht gleichgesetzt werden. Die Herzwirkung des Weissdorns ist nur mit phytotherapeutischen Heilpflanzen-Präparaten untersucht und dokumentiert worden. Oft werden nun diese phytotherapeutischen Ergebnisse einfach auf die ganz anders zusammengesetzten spagyrischen Produkte übertragen. Das ist fahrlässig und zeugt von mangelndem Fachwissen. Das geschilderte Beispiel aus der Drogerie ist meines Erachtens ein “Kunstfehler”. Es handelt sich aber nicht um einen Einzelfall, sondern um ein ziemlich verbreitetes Phänomen. Ich könnte zahlreiche ähnliche Beispiele aus Apotheken und Drogerien schildern. Oft wird einfach verkauft, was dem Geschäft am meisten gut tut. Und das nicht einmal böswillig. Man identifiziert sich einfach leichter mit solchen Produkten.
Ich behaupte nun nicht, dass spagyrische Tinkturen völlig wirkungslos seien. Dazu habe ich keine Belege und die Wirkungslosigkeit von irgendetwas ist nur mit einer aufwendigen Doppelblind-Studie vielleicht einigermassen nachzuweisen.
Ich sage nur: Die Spagyrik müsste die Wirksamkeit ihrer Präparate selber dokumentieren und belegen. Ich sage auch nicht, dass Drogerien oder Apotheken keine Spagyrik verkaufen dürfen. Aber ich würde mit Nachdruck verlangen, dass Mitarbeitende in Drogerien und Apotheken ihrer Kundschaft die ganze Palette der Weissdornpräparate vorstellen und dabei auch transparent machen, welche Produkte in ihrer Wirksamkeit geprüft sind und welche nicht. Gerade beim Weissdorn gibt es einige Präparate, die so gut untersucht und dokumentiert sind, dass sie sogar von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt. Nur wenn der Kundschaft die ganze Palette der Weissdornprodukte vorgestellt wird mit der Information, ob sie dokumentiert sind oder nicht, ist eine fundierte Wahl möglich. Ausschliesslich das am schlechtesten bzw. gar nicht dokumentierte Produkt hinzustellen und das ohne nähere Information, kommt einer Täuschung der Kundin oder des Kunden gleich.
Nach meinen Erfahrungen ist hier auf die Mitarbeitenden in Apotheken und Drogerien – von Ausnahmen abgesehen – kaum Verlass. Und in den Regalen dieser Fachgeschäfte stehen sehr oft Produkte, deren Wirksamkeit gut dokumentiert ist, direkt neben Produkten, die diesbezüglich gar nichts vorzuweisen haben.
Aus diesem Grund kann man Menschen, die sich für Pflanzenheilkunde interessieren, nur empfehlen: Machen Sie sich selber schlau. Setzen Sie sich vertieft mit diesem Thema auseinander und glauben Sie niemals blind, was ihnen versprochen oder angeboten wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP)
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Am SIP werden Lehrgänge und Kurse durchgeführt in Phytotherapie / Pflanzenheilkunde für Berufsleute aus Krankenpflege, Heilpraktik, Drogerie, Pharmazie, Medizin ( Lehrgang Integrative Phytotherapie), aber auch für interessierte Laien aus anderen Berufen (z.B. das Heilpflanzen-Seminar über 6 Wochenenden). Dabei ist die Frage der Qualität und wie sie sich beurteilen lässt, immer wieder ein wichtiges Thema.
Info: www.phytotherapie-seminare.ch

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Pflanzenheilkunde: Grüne Medizin im Aufwind – sieben spontane Gedankensplitter

Mittwoch, August 13th, 2008

Die “Grüne Medizin” ist im Trend. Dabei gilt es aber zu beachten: Nicht jedes angepriesene Heilmittel, das aus der Natur stammt, ist auch wirksam und sicher. Es lohnt daher und ist nötig, immer wieder auch kritisch über die Entwicklungen in der Pflanzenheilkunde nachzudenken. Dazu für heute sieben unsystematische Anmerkungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Pflanzenheilkunde begleitet die Menschen seit ihren Ursprüngen. Auf welche Art genau die Heilkraft der Pflanzen zustande kommt, darüber hatte jedes Zeitalter seine eigenen Ansichten. Die Pflanzenheilkunde verbindet so alle Epochen unserer Geschichte. Dadurch entsteht eine Kraft der Tradition, von der wir auch heute noch profitieren können. Und wer die Vergangenheit versteht, kann sich auch besser in der Gegenwart zurecht finden.

2. Auf Tradition allein sollten wir allerdings nicht bauen. Tradition hat sich in vielen Punkten auch gründlich geirrt, und das nicht selten über Jahrhunderte. Tradition allein legitimiert eine Heilmethode oder eine einzelne heilkundliche Idee noch nicht. Die Pflanzenheilkunde muss sich deshalb der Kritik und wissenschaftlicher Überprüfung stellen.

3. Aus der Auseinandersetzung zwischen Tradition und Wissenschaft entsteht eine zeitgemässe Form der Pflanzenheilkunde.

4. Diese modernere Pflanzenheilkunde kennt keine fest gefügten, für immer gültigen Erkenntnisse. Sie ist sich bewusst, dass Wissen sich wandelt. Überholtes wird ausgeschieden und neue Erkenntnisse werden integriert.

5. Wird Pflanzenheilkunde in diesem Sinne betrieben, steht sie genau zwischen der sogenannten “Schulmedizin” und der Naturheilkunde. Sie eignet sich darum auch ganz besonders als Brücke zwischen diesen sich oft feindlich gegenüberstehenden Lagern.

6. Für zahlreiche Krankheiten und Beschwerden bietet eine moderne Pflanzenheilkunde milde, gut verträgliche Behandlungsmöglichkeiten. Dabei gilt es jedoch im Auge zu behalten, dass auch Heilpflanzen unerwünschte Nebenwirkungen haben können und dass in manchen Fällen ein “chemisches” Arzneimittel die bessere Wahl ist. Es geht nicht um Entweder-oder, sondern darum, für jeden Fall die jeweils angemessene Behandlungsform zu finden. Diese Grundhaltung beugt Feindbildern vor, wie sie leider sowohl auf Seiten der Medizin als auch der Naturheilkunde immer noch verbreitet sind.

7. Pflanzenheilkunde kann den Kontakt zur Natur fördern. Wer Heilpflanzen verwendet, wird sich irgendwann fragen, wo diese wachsen und wie sie wohl aussehen. Der daraus entstehende Kontakt zur Natur hat mit grosser Wahrscheinlichkeit schon für sich allein genommen eine günstige Wirkung auf die Gesundheit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde,
Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP) in Winterthur.
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Am SIP werden Lehrgänge und Kurse durchgeführt in Phytotherapie / Pflanzenheilkunde für interessierte Laien und für Berufsleute aus Krankenpflege, Medizin, Pharmazie, Pharma-Assistenz, Drogerie und Heilpraktik.
Im Sommerhalbjahr zudem Tages-, Wochenend- und Wochenkurse zum Kennenlernen von Heilpflanzen und Alpenblumen in den Bergen.
Im “Forum Naturheilkunde Philosophie” wird unter anderem die Kulturgeschichte der Pflanzenheilkunde vermittelt (Magische Medizin, Vier-Säftelehre, Klostermedizin, Signaturenlehre).
Info auf: www.phytotherapie-seminare.ch.

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Jugend & Natur: Nachhaltige Entfremdung?

Montag, August 11th, 2008

Jugendlichen scheint die Natur offenbar zunehmend unbekannter. Zu diesem Ergebnis kommt schon im Jahre 2003 die Studie “Jugendreport Natur 03 – Nachhaltige Entfremdung”. Der Soziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg untersuchte darin das Naturverständnis von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Der Vergleich mit dem ersten “Jugendreport Natur” aus dem Jahre 1997 zeigte einen besorgniserregenden Trend: 1997 glaubten 7 Prozent der Befragten, dass Enten gelb gefärbt sind. 2003 waren es schon 11 Prozent der befragten 1405 Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 und 9. Offenbar lernen Kinder die Natur früher in den Medien kennen als in der Realität. Wie Brämer erklärte, hat sich das Interesse an Pflanzen innerhalb von nur sechs Jahren halbiert und nur jeder sechste Schüler interessiere sich für das Bestimmen heimischer Pflanzen. Unter dem Einfluss der Medien und aufgrund fehlender eigener Erfahrungen werde die natürliche Umwelt immer mehr verniedlicht und pauschal als schützenswert empfunden. Die Einsicht in eine nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen gehe den Jugendlichen völlig verloren. Jugendliche könnten immer weniger differenzieren zwischen Realität und Fiktion. Dieses “Bambi-Syndrom” führe zu einer übertriebenen Naturverehrung und für die Mehrheit der Befragten sei es deshalb ein Tabu, Tiere als Nahrungsmittel und Bäume als Rohstoffe anzusehen.
Die Studie ist zwar nicht mehr taufrisch, doch dürfte sich der Trend zur Naturentfremdung in den letzten Jahren eher noch verstärkt haben. Das Thema wirft meines Erachtens auf mehreren Ebenen interessante Fragen auf:
Was sind die Konsequenzen einer zunehmenden Naturentfremdung?
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Naturerfahrungen sich günstig auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Natur bietet zum Beispiel emotionale Ankerplätze, welche bei der Bewältigung von Lebenskrisen helfen. Es spricht viel dafür, dass die zunehmende Naturentfremdung destabilisierend wirkt – und das nicht nur bei Jugendlichen.
Wie lässt sich die Naturentfremdung rückgängig machen?
Dazu sind wohl verschiedenartige Ansätze möglich und nötig, und es gibt auch einige Tücken. Als Ersatz für die ferne Natur wird den Menschen heute Natur in gezähmten, präparierten, leicht konsumierbaren Häppchen angeboten. Als Instant-Food quasi, als isolierte Insel, die mit ihnen und ihrem Leben nicht viel zu tun hat. Es ist dies eine künstliche Natur als Surrogat. Die Werbung quillt über von solchen Angeboten – und das nicht nur im Bereich der Urlaubsreisen sondern auch etwas weniger offensichtlich bei Nahrungsmitteln, Kosmetika oder Naturheilmitteln. Überall wird “Natur” verkauft. Aber diese Ersatzangebote ermöglichen kaum Kontakt zur wirklichen Natur. Sie können daher die Lücke zwischen uns und der Natur nicht füllen.
Damit Kinder und Jugendliche sich weniger entfremden von der Natur, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Angeboten wie Bücher, Spiele, naturpädagogische Wochenenden etc. Ich will diesen Angeboten nicht jeden Wert absprechen. Sie können gute Impulse geben. Aber auch hier wird oft Natur in einer künstlich präparierten Form verabreicht. Mir scheint, damit Kinder und Jugendliche leichter Kontakt zur Natur finden braucht es vor allem Erwachsene die einen solchen Zugang haben. Eltern, Grosseltern, Lehrpersonen, die selber fasziniert sind von der Natur und ein waches Auge besitzen für die Pflanzen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung. Solche alltägliche Begeisterung springt am leichtesten auf Kinder und Jugendliche über. Eine gute Möglichkeit für Erwachsene, sich einen Naturzugang zu schaffen, bietet die Pflanzenheilkunde. Wer sich intensiv mit Heilpflanzen befasst, wird meistens zuerst einmal wissen wollen, welche Wirkungen sie haben und gegen welche Krankheiten sie angewendet werden können. Dabei bleibt es aber nur, wenn die Pflanzenheilkunde eng beschränkt auf den menschlichen Nutzen hin betrieben wird. Fasst man sie weiter, kommt irgendwann einmal auch das Interesse für andere Pflanzen, für Tiere und für die Zusammenhänge in der Natur. Wer sich für diesen Natur-Zugang interessiert, findet dazu Angebote auf www.phytotherapie-seminare.ch.

Der “Jugendreport Natur 03” zeigt über die erwähnte Naturentfremdung hinaus aber noch ein weiteres auffallendes Phänomen:
Es gibt eine starke Idealisierung der Natur als ausschliesslich gut, heil, wahr, schön etc. Der Report spricht vom “Bambi-Effekt”. Diese Idealisierung findet man auch in einem Teil der Naturheilkunde, wo Natur als umfassender Heilsbringer quasireligiöse, göttliche Züge annimmt. Damit wird Natur tendenziell unberührbar, was die Distanz vergrössert. Mir scheint es sehr wichtig zu erkennen, dass diese starke Idealisierung eine Folge der starken Entfremdung ist. Wer real Kontakt hat zur Natur weiss, dass sie nicht nur heil, lieblich und gut ist.
Vielleicht bewahrheitet sich hier die Regel, dass dort, wo die grössten Defizite sind, auch die Ideale am stärksten in die Höhe wachsen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen / Heilkräuter-Exkursionen
Phytotherapie-Ausbildungen,
www.phytotherapie-seminare.ch

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Lücken in der Vegetation nützen Vögeln, Insekten, Wildblumen….und sogar Heilpflanzen

Donnerstag, August 7th, 2008

Die Bestände zahlreicher Brutvogelarten des Kulturlandes sind in den letzten Jahrzehnten enorm zurückgegangen. Stark betroffen sind vor allem insektenfressende Arten, welche ihre Nahrung am Boden in Wiesen und Weiden suchen.
Diese Vogelarten leiden nicht nur oft an einem Mangel an Nistplätzen, sondern auch an einer ungenügenden Nahrungssituation. Durch den stark gestiegenen Nährstoffeintrag aus Landwirtschaft (Dünger) und Luft (Stickstoff aus Abgasen) wächst die Vegetation der Wiesen und Weiden wesentlich dichter und rascher als vor 30 Jahren. Die Vögel stehen nun vor der Schwierigkeit, dass sie in der dichten Vegetation die Beutetiere kaum mehr entdecken und fangen können. Die Sichtbarkeit der Beutetiere wäre natürlich optimal, wenn es gar keine Vegetation hätte. An vegetationslosen Plätzen ist jedoch die Insektenzahl geringer und damit das Nahrungsangebot mager.
Ideal ist darum ein kleinräumiges Mosaik von vegetationsfreien und bewachsenen Stellen. Davon profitieren zum Teil selten gewordene Vogelarten wie Wiedehopf, Wendehals, Neuntöter oder Gartenrotschwanz, aber auch zahlreiche Insekten und Spinnen.
Eine dicht wachsende Vegetation verdrängt auch zahlreiche Wildblumen und Heilpflanzen, zum Beispiel das Hirtentäschel. Wer für eine lückige Vegetation sorgt, schafft Platz für mehr Vielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt.
Kurzfristig kann dies erreicht werden durch streifenförmiges Auffräsen der Vegetation oder durch Abtragen des Humus. Längerfristig wirkt ein Düngerverzicht. Besonders günstig ist eine kleinräumige Verzahnung des Grünlandes mit Kulturen, die eine lückige Vegetation haben (Gärten, Böschungen, Reben).
Vertiefte Informationen zu diesem Thema und präzisere Anleitungen finden Sie auf der Website der Schweizerischen Vogelwarte im Faktenblatt “Vögel brauchen lückige Vegetation”:
www.vogelwarte.ch/pdf/projekte-upload/rtm_vegetationen_d_klein.pdf

Das Faktenblatt der Vogelwarte diente als Anregung und Info-Quelle für diesen Text. Es fasst die biologischen Zusammenhänge des Themas fundiert zusammen und gibt gute Tipps für eine lückigere Vegetation. Darüber hinaus scheint es mir interessant, nach der Deutung und Bedeutung einer lückigen Vegetation zu fragen. Anzunehmen ist nämlich, dass Lücken in der Pflanzendecke historisch gesehen wohl überwiegend als Makel empfunden wurden, jedenfalls im Kulturland. Als Ideal dürfte die geschlossene Pflanzendecke gegolten haben, weil man sie als produktiver empfand. Im Umgang mit unserer Kulturlandschaft – und im Umgang mit der Natur – spielen immer unsere Wertungen mit. Haben Sie sich schon gefragt, wie Ihre Wertungen einer lückigen Vegetation aussehen und wie sie entstanden sind?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen, Feldornithologe ZVS
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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Pflanzenheilkunde: Wundermittel Aloe vera?

Sonntag, August 3rd, 2008

Aloe vera hat als Heilpflanze eine sehr lange Tradition. Nachdem sie bei uns längere Zeit fast in Vergessenheit geriet, erleben wir gegenwärtig einen ausgeprägten Aloe-Boom. Kann die Heilpflanze all die Versprechungen auch halten?

Der eingedickte Blattsaft aus Aloe-Pflanzen wurde über viele Jahrhunderte als rabiates Abführmittel eingesetzt. Da heute sanftere Methoden gegen Verstopfung vorgezogen werden, kommt Aloe als Heilpflanze in diesem Bereich kaum mehr zur Anwendung. Eine lange Tradition hat Aloe aber auch in zahlreichen Ländern als Mittel zur Wundheilung und gegen Verbrennungen. Dieses Anwendungsgebiet ist inzwischen gut erforscht. Aloe-Gel fördert zum Beispiel die Heilung von venösen Unterschenkelgeschwüren (Ulcus cruris). Das zeigen auch Erfahrungen von Phytotherapie-Pflegefachfrauen in Pflegeheimen und in der Spitex.

Aloe vera – ein wichtiges Wundheilmittel der Pflanzenheilkunde

Der Boom mit Aloe vera geht jedoch weit über diesen Bereich hinaus. In grossen Mengen eingenommen wird Aloesaft gegenwärtig in flüssiger Form, wobei von diesen Produkten in der Regel keine abführende Wirkung ausgeht. Problematisch ist hier nur die fast grenzenlose Liste von Heilungsversprechungen auch für schwerste Erkrankungen. Das ist nun einfach viel zu schön, um wahr zu sein. Ein solches Allheilmittel ist eine alte Sehnsucht der Menschheit. Hier werden ganz offensichtlich Illusionen vermarktet. Das gilt auch für die populären Yoghurts mit Aloe vera, wenn der Hersteller den Konsumentinnen und Konsumenten “Harmonie” und “Schönheit” verspricht. Wer Aloe-Yoghurts liebt, der soll sie meinetwegen kaufen. Aber dass man Schönheit und Harmonie mit dem Löffel per Yoghurt einnehmen kann, gehört ins Kapitel Verdummung. Und dass es inzwischen sogar Strumpfhosen – für schöne Beine – und Waschmittel mit Aloe vera gibt, kann nur noch als absurd bezeichnet werden.

Aloe vera als Heilpflanze hat durchaus einen fundierten Platz in der Pflanzenheilkunde – hauptsächlich als Mittel zur Wundheilung und bei leichten Verbrennungen. Das unkritische Hochjubeln der Pflanze zum Wundermittel schadet aber ihrer Glaubwürdigkeit in denjenigen Bereichen, in denen sie tatsächlich gute Wirkungen zeigt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Wer mehr über Heilpflanzen wissen möchte, Heilpflanzen in der Natur auf Exkursionen kennen lernen will oder eine Phytotherapie-Ausbildung ins Auge fasst, findet Informationen dazu auf www.phytotherapie-seminare.ch .

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Naturheilkunde: Kritisch nachfragen statt blind glauben

Samstag, August 2nd, 2008

Edelsteine, Pflanzen, Bücher, Seminare, Räucherstäbchen, Kraftplätze….alles wird mit besonderer Bedeutung aufgeladen und dann 5mal mehr und 5mal teurer verkauft. Eine Pflanzentinktur beispielsweise, die als “wesenhaft” propagiert wird, verkauft sich auch ganz wesentlich besser – und teurer. Ein Ausdruck wie “wesenhaft” muss gar nichts aussagen, wenn er nur bedeutungsvoll tönt. Hohle Begriffe eignen sich viel besser dafür, dass jeder Mensch sie mit seinen eigenen Vorstellungen füllen kann. So ist dann scheinbar allen gedient – den Verkäufern des Produktes und den verzückten Konsumentinnen.
Dazu könnte man natürlich sagen: Wer überflüssiges Geld hat, soll es halt ausgeben. Das belebt schliesslich die Wirtschaft und der Esoterik-Boom ist ja inzwischen eine sehr umsatzstarke Branche – der es aber natürlich nie um‘s Geld geht, sondern um das Heil der Menschheit.
Wo kommen wir jedoch hin, wenn nur noch naiv geglaubt wird, was offenbar unwiderstehlichen Bedürfnissen nach dem Wunderbaren entgegen kommt und zur Weltflucht verhilft? – Wo kommen wir hin, wenn Behauptungen unhinterfragt übernommen und missionarisch weitergegeben werden, wie das in vielen naturheilkundlichen Ausbildungen geschieht? Wenn Begründungen und Argumente weder verlangt noch geboten werden?
Nähern wir uns dem Punkt, den Hans A. Pestalozzi als “sanfte Verblödung” beschrieben hat? – Sind Leute, die jeden Quark glauben, überhaupt demokratiefähig? Oder werden sie auch im politischen Bereich blind jedem Führer nachrennen, der Wunderbares verspricht? Die kritische Auseinandersetzung gehört zum Kern der Demokratie, weil so die Chance besteht, dass sich die besseren Lösungen durchsetzen. Brauchen wir das nicht mehr?
Kritische Auseinandersetzung ist jedenfalls eine wichtige Basis für Lern- und Entwicklungsprozesse. Sie hilft bei der Überwindung individueller blinder Flecken und eliminiert manchen Irrtum.
Wem dient es, wenn grosse Bevölkerungsteile vor allem im blinden Glauben “geschult” werden und nicht einmal mehr auf die Idee kommen, dass man auch kritische Fragen stellen könnte angesichts von grossartigen Behauptungen?
Und wie steht es damit im Bereich von Gesundheit und Krankheit? Haben wir nicht die Verpflichtung, genau und kritisch zu prüfen, was wir kranken Menschen als Heilmittel und Therapie empfehlen oder Lernenden weitergeben?
Meiner Meinung nach geht es hier um eine unabdingbare ethische Verpflichtung. Nach mehr als 25 Jahren Erfahrung im Bereich der Naturheilkunde kann ich aber nur sagen, dass kritisches Prüfen hier die seltene Ausnahme ist – sowohl in der therapeutischen Praxis als auch in Seminaren und Ausbildungen. Es braucht in der Naturheilkunde meiner Ansicht nach viel mehr (selbst)kritische Prüfung und weniger wundergläubiges esoterisches Gesäusel. Nur so lässt sich die Qualität in der Naturheilkunde verbessern und damit auch ihre Stellung in der Gesellschaft.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
Auf www.phytotherapie-seminare.ch finden Sie Informationen über Ausbildungen, Kurse, Exkursionen zum Thema Phytotherapie / Pflanzenheilkunde, notabene geleitet mit viel Engagement und Freude an den Heilpflanzen, aber ohne esoterische Verzückung…..

Info-Treff Pflanzenheilkunde
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