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Phytotherapie: Arnika-Gel erfolgreich bei schmerzhaften Handarthrosen getestet

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Arthrosen sind die häufigsten Gelenkerkrankungen, wobei Beteiligungen im Bereich der Hand etwa 20 % erreichen. Mit dem Ziel einer Reduktion der Schmerzen, der Funktionsverbesserung und der Verzögerung von degenerativen Spätschäden werden neben chirurgischen und physikalischen Massnahmen vor allem schmerzstillende und entzündungswidrige Medikamente eingesetzt. Die Einnahme solcher Medikamente ist aber oft mit arzneimitteltypischen Nebenwirkungen hauptsächlich im Magen-Darm-Bereich verbunden. Die äusserliche Anwendung durch die Haut ist darum eine interessante Alternative. Als synthetischer Entzündungshemmer wird häufig der Wirkstoff Ibuprofen in Gel-Form eingesetzt.
Arnika gehört zu den Heilpflanzen mit entzündungswidriger Wirkung.
In der Pflanzenheilkunde haben Einreibungen mit Arnika-Extrakten zur Behandlung von Verstauchungen aber auch von entzündlichen Gelenkerkrankungen eine jahrhundertealte Tradition. Eine kontrollierte Studie mit 198 Patienten untersuchte die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Arnika-Gels bei schmerzhaften Arthrosen der Hand im Vergleich zur Behandlung mit einem Ibuprofen-Gel. 100 Patienten wurden mit Arnika-Gel behandelt, 98 mit Ibuprofen-Gel. Beide Gruppen bestanden aus rund zwei Dritteln Frauen und einem Drittel Männern. Die Studie war randomisiert, das heisst, die Teilnehmenden wurden per Zufall der Arnika-Gruppe oder der Ibuprofen-Gruppe zugeteilt. Beteiligt an der Durchführung waren 20 Schweizer Kliniken und Arztpraxen.
Die Studie zeigte die Gleichwertigkeit der beiden Gel-Präparate: Schmerzintensität und Handfunktion wurden unter der Therapie in beiden Gruppen klinisch relevant verbessert. Arnika gehört damit zweifellos zu den Heilpflanzen, die in der Therapie arthrotischer Beschwerden der Hand eine wertvolle Rolle spielen können.

Quelle:

Volker Schulz; Schmerzhafte Arthrosen im Bereich der Hand: Arnika-Gel wirkäquivalent mit Ibuprofen-Gel.
Zeitschrift für Phytotherapie 4/2008

Originalarbeit:
Widrig R, Suter A, Saller R, Melzer J; Choosing between NSAID and arnica for topical treatment of hand osteoarthritis in a randomised, double-blind study.
Rheumatol Int 2007; 27: 585 – 591

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Fragwürdige Nahrungsergänzungsmittel!

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Uns wird tagtäglich von einer intensiven Propaganda eingeredet, dass wir uns mit gewöhnlichen Lebensmitteln gar nicht mehr ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren notwendigen Stoffen ernähren könnten. Darum müssen Nahrungsergänzungsmittel (Supplemente) her. Regelmässig eingenommen und hochdosiert sollen sie gegen Krebs und zahlreiche andere Krankheiten schützen.
Viele Menschen sind anfällig für diese subtilen Drohungen und Werbeversprechen. Wer kann schon guten Gewissens behaupten, sich jederzeit optimal zu ernähren. Darum boomt der Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln im Internet, in Apotheken, Drogerien und Grossverteilern.
Allerdings häuften sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass Nahrungsergänzungsmittel unter Umständen auch schaden könnten. Das schlägt sich jetzt auch im Report “Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention” nieder, der vom World Cancer Research Fund (WCRF) herausgegeben wurde. Der gemeinnützige und unabhängige WCRF widmet sich seit seiner Gründung im Jahr 1982 der weltweiten Krebsprävention. Sein 517 Seiten starker Report ist die bisher massgeblichste wissenschaftliche Auswertung von über 7000 Forschungsstudien zum Thema Ernährung, körperliche Aktivität und Übergewicht und deren Auswirkungen auf das Krebsrisiko. Die Beurteilungen von weltweit anerkannten Experten führten zu 10 Empfehlungen zur Senkung des Krebsrisikos.
Empfehlung Nr. 8 lautet:
“Der Nährstoffbedarf sollte ausschliesslich durch Lebensmittel gedeckt werden. Nahrungsergänzungsmittel werden für die Krebsprävention nicht empfohlen.”
Begründet wird diese Empfehlung folgendermassen:
“Die Daten zeigen, dass hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel sowohl vor Krebs schützen als auch Krebs begünstigen können. Diesbezügliche Studienergebnisse sind jedoch nicht auf die allgemeiner Bevölkerung übertragbar, so dass insgesamt keine sichere Einschätzung des Nutzens und der Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln vorgenommen werden kann. Eine allgemeine Empfehlung, Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention von Krebserkrankungen einzusetzen, könnte unerwartete und nachteilige Wirkungen mit sich bringen. Deshalb wird eine erhöhte Zufuhr relevanter Nährstoffe mittels der üblichen Kost vorgezogen.”
Der Ernährungswissenschaftler und Experte für Vollwerternährung Prof. Claus Leitzmann kommentiert die Empfehlung in einer Zusammenfassung des Berichtes so:
“Die Gratwanderung der richtigen Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln zeigt sich deutlich an zwei gut untersuchten Beispielen: Beta-Carotin als Supplement erhöht das Risiko für Lungenkrebs (zumindest bei ehemaligen Rauchern) und senkt das Risiko für Lungenkrebs als Bestandteil von Lebensmitteln. Calciumsupplemente von etwa 1000g pro Tag senken das Risiko für Darmkrebs, erhöhen aber das Risiko für Prostatakrebs.”

Die Experten des WCRF-Reports erkennen zwar an, dass es Situationen geben kann, in denen der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln empfehlenswert ist, zum Beispiel bei bestimmten Krankheiten oder Mangelzuständen. Das sind aber Ausnahmen. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung könnte man dagegen zusammenfassen: Geschäft läuft, Nutzen in den meisten Fällen unklar, Schäden bei höheren Dosierungen möglich.

Die Propagandisten der Nahrungsergänzungsmittel verkünden sehr selektiv alle für ihr Business positiven Studien, verschweigen aber die negativen.
Kommt noch dazu, dass Nahrungsergänzungsmittel oft sehr unkontrolliert konsumiert werden. Gar nicht so selten trifft man auch Menschen, die zwei oder mehr dieser Produkte gleichzeitig einnehmen. So kommt es sehr leicht zu grotesken Überdosierungen, die nur den Herstellern und Verkäufern nützen, den Konsumierenden aber möglicherweise schaden.
Erstaunlich ist zudem, dass die Nahrungsergänzungsmittel auch im Umfeld der Naturheilkunde boomen. Schliesslich hört man ja oft von Seiten der Naturheilkunde an die Adresse der Medizin gerichtet den Vorwurf, sie setze auf isolierte Substanzen, während zum Beispiel Heilpflanzen immer Vielstoffgemische seien, deren Wirkstoffe sich gegenseitig ergänzten.
Was aber sind Nahrungsergänzungsmittel anderes als isolierte Substanzen? – Die von Claus Leitzmann empfohlene Vollwerternährung dagegen enthält die nötigen Stoffe im natürlichen Verbund der Lebensmittel. Aber selbst wer sich nicht konsequent vollwertig ernährt, kann den Bedarf noch immer mit Nahrungsmitteln decken, wenn nicht gerade die totale Einseitigkeit zum Ernährungsprinzip erhoben wird.
Offenbar gibt es jedoch bereits eine grössere Zahl von Menschen, die von der Propaganda für Nahrungsergänzungsmittel schon derart verunsichert sind, dass sie glauben, dringend auf solche Produkte angewiesen zu sein. Solchen Menschen kann man eigentlich nur den Rat geben: Wenn Sie schon die Hersteller und Verkäufer von Supplementen grosszügigerweise unterstützen wollen, halbieren Sie doch die empfohlenen Dosierungen. Es reicht immer noch bestens, schont Ihren Geldbeutel und reduziert allfällige negative Folgen. Ausgenommen von dieser Empfehlung ist nur der seltene Fall von konkreten, klar diagnostizierten Krankheiten oder Mangelzuständen, die eine Zufuhr gewisser Stoffe sinnvoll machen können. In solchen Situationen halten Sie sich am besten an die empfohlenen Dosierungen. Aber lassen Sie sich keine vagen Mangelzustände unterschieben. Sie werden dadurch nur krankgeredet und als behandlungsbedürftig hingestellt, damit Ihnen eine Therapie verpasst werden kann.

Literaturangabe:

World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research.
Food, Nutrition, Physical Activity, and the Prevention of Cancer: a Global Perspective.
Washington, DC: AICR, 2007

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom „Wesen der Pflanzen“

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Pflanzen werden schon seit Urzeiten zu Heilzwecken verwendet. Wie solche Heilwirkungen zustande kommen und wie man sie erkennen und nutzen kann, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die heute von einigen Autoren propagierte Variante, Wirkungen von einem ominösen “Wesen” herzuleiten, muss aus ethischen, psychologische, historischen und philosophischen Gründen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.
Die Rede vom “Wesen der Pflanze” tönt zwar tiefsinnig. Was genau mit “Wesen” gemeint ist, wird aber kaum je genau bestimmt. So kann sich dann jede und jeder seine eigenen Vorstellungen dazu machen. Das hat zur Folge, dass man sich stundenlang über das “Wesen der Pflanze” unterhalten kann, und dabei vollkommen aneinander vorbei redet, weil jeder etwas anders darunter versteht, diese Unterschiede aber nicht auf den Tisch kommen.
Wenn zum Beispiel das Wesen des Hopfens als “fröhlich” beschrieben wird, wirft dies zahlreiche Fragen auf. Kann eine Pflanze ein fröhliches Wesen haben? Oder wird hier nicht schlicht eine menschliche Eigenschaft auf die Pflanze projiziert? – Immerhin werden ja Menschen auf eine bestimmte Art fröhlich, wenn sie Hopfen in Form von Bier zu sich nehmen. Aus solchen Phänomenen aber auf die Heilwirkungen des Hopfens zu schliessen, entbehrt jeder Seriosität. Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben ein Anrecht auf einen sorgfältigeren Umgang. Von derart wirren Gedankengängen sollten sie verschont werden.
Das “Wesen” ist zudem philosophiegeschichtlich einer der schwierigsten Begriffe überhaupt. Immer aber bezeichnete er etwas Absolutes, Ewiges, Gleichbleibendes, das unabhängig von allen Wandlungen und aller menschlicher Wahrnehmung besteht. Die alten Griechen gingen davon aus, dass es ein solches “Wesen” gibt. Für Platon (427 – 347 v. u. Z.) steckte es allerdings in den ewigen, geistigen Ideen der Dinge. Real existierende Gegenstände waren für ihn so etwas wie eine minderwertige Kopie der wesenhaften Ideen. Sein Schüler Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.) glaubte das Wesen dagegen in den Dingen selbst erkennen zu können. Er sprach von “substantia”, dem Darunterliegenden, das unabhängig von allen sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Eigenschaften dauerhaft bleibt. Auch Kant (1724 – 1804) ging noch davon aus, dass es so etwas wie ein Wesen gibt. Er nannte es “Ding an sich”. Allerdings hielt er es für ausgeschlossen, dass wir Menschen dieses Wesen erkennen können. Wir nehmen nur Erscheinung war. Was wir wahrnehmen, ist immer wahrgenommene Welt, nicht Welt-an-sich. In jeder Wahrnehmung stecken unsere Sinnesorgane und unser Verarbeitungs- und Denkapparat schon mit drin. Wer ein Wesen der Pflanzen zu erkennen vorgibt, stellt damit seine persönlichen Assoziationen, Interpretationen und Phantasien bezüglich einer Pflanze als allgemein gültig und absolut dar. Damit werden möglicherweise Pflanzen zu narzisstischen Zwecken missbraucht und die Grundlage gelegt für ein Guru-System. Die Position des grossen Kants war jedenfalls bescheidener. Später haben Philosophen wie Friedrich Nietzsche, John Dewey oder Richard Rorty die Vorstellung von der Existenz eines “Wesens” in den Dingen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Spaltung der Welt in ein ewiges, wahres Wesen und trügerische, vergängliche Erscheinungen schien ihnen hoch problematisch.

Über die Heilwirkungen der Pflanzen darf es durchaus kontroverse Vorstellungen geben. Von nebulösen Begriffen wie dem “Wesen” der Pflanzen sollte man sich allerdings nicht einlullen lassen, sondern sie mit Nachdruck in Frage stellen.
Falls Pflanzen wirklich ein “Wesen” haben sollten, dann geht es dabei nur um sie selber, dann ist es ihr Wesen. Schaut man sich aber die heute gängigen Beschreibungen über das Wesen der Pflanzen genauer an, dann beziehen sie sich in der Regel auf den Menschen mit seinen Beschwerden. Damit wird der Mensch aber meines Erachtens für viel zu wichtig genommen. Wenn das Wesen der Wilden Möhre darin bestehen soll, dass zerstreute Kräfte wieder auf den Mittelpunkt hingeführt werden und der Blick für das Wesentliche geschärft wird, dann ist das eine Enteignung. Das Wesen der Wilden Möhre wird auf die Bedürfnisse des Menschen hin umgebogen.
Oder beim Gänseblümchen: Es soll tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im Wesen also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Gelegentlich wird von “Wesen der Pflanzen” auch gesprochen im Sinne eines inneren Kerns. Damit wird die Pflanze quasi auseinandergerissen. Wer vom inneren Kern spricht trennt diesen von randständigeren, offenbar weniger wichtigen Bereichen. Diese Trennung ist anmassend. Etwas krasser ausgedrückt: Wer vom “Wesen der Pflanze” spricht, impliziert damit auch, dass es ein “Unwesen der Pflanze” gibt. Das sagt natürlich keiner der “Wesens-Apostel” so, doch es folgt automatisch aus ihren Theorien: Wer ein Wesen setzt, setzt auch ein Un-wesen.
Dem könnte man mit Goethe entgegnen: „Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.“
Die Trennung in ein Wesen als ewiges, wahres Prinzip und in das Erscheinende als täuschend und vergänglich, hat die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt. Die gravierenden Folgen dieser Trennung sind bis heute wirksam. Wir sollten diese Trennung nicht weiterhin aufrechterhalten, indem wir ein Wesen der Pflanzen herbeiphantasieren. Und wir sollten uns nicht dazu versteigen, den Pflanzen ein Wesen überzustülpen, das ganz und gar auf unsere Heil(ung)sbedürfnisse zugeschnitten ist. Diese Vorstellung scheint mir viel zu eng und zu anthropozentrisch.
Mir wäre ganz im Gegensatz dazu wichtig, dass wir die Heilpflanzen in ihrem eigenen Dasein kennenlernen, ohne alles immer sofort auf uns zu beziehen. Wo lebt die Pflanze? Welche Ansprüche hat sie an ihre Umgebung? Wie hat sie sich durch Formen und Farben an ihre Lebensbedingungen angepasst? Wem dient sie als Nahrung? Bei all diesen Phänomenen geht es um die Pflanze selbst, nicht um uns. Darum scheint es mir frevelhaft, daraus ein Wesen abzuleiten, das auf unsere Bedürfnisse gerichtet ist.
Die Heilpflanzen sind ganz für sich betrachtet schon faszinierend.
Dazu kommt dann noch die ästhetische Ebene. Auf die Schönheit der Pflanzen können wir uns intensiver einlassen, wenn wir sie ohne Nützlichkeitsdenken betrachten. Denn Schönheitsempfinden hat viel zu tun mit interesselosem Schauen. Diese Erlebnisqualität wird beeinträchtigt, wenn wir den inneren Kern der Pflanze in einem Wesen fixieren, das uns zu Heilzwecken dienlich sein soll.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Jugend & Natur: Nachhaltige Entfremdung?

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Jugendlichen scheint die Natur offenbar zunehmend unbekannter. Zu diesem Ergebnis kommt schon im Jahre 2003 die Studie “Jugendreport Natur 03 – Nachhaltige Entfremdung”. Der Soziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg untersuchte darin das Naturverständnis von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Der Vergleich mit dem ersten “Jugendreport Natur” aus dem Jahre 1997 zeigte einen besorgniserregenden Trend: 1997 glaubten 7 Prozent der Befragten, dass Enten gelb gefärbt sind. 2003 waren es schon 11 Prozent der befragten 1405 Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 und 9. Offenbar lernen Kinder die Natur früher in den Medien kennen als in der Realität. Wie Brämer erklärte, hat sich das Interesse an Pflanzen innerhalb von nur sechs Jahren halbiert und nur jeder sechste Schüler interessiere sich für das Bestimmen heimischer Pflanzen. Unter dem Einfluss der Medien und aufgrund fehlender eigener Erfahrungen werde die natürliche Umwelt immer mehr verniedlicht und pauschal als schützenswert empfunden. Die Einsicht in eine nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen gehe den Jugendlichen völlig verloren. Jugendliche könnten immer weniger differenzieren zwischen Realität und Fiktion. Dieses “Bambi-Syndrom” führe zu einer übertriebenen Naturverehrung und für die Mehrheit der Befragten sei es deshalb ein Tabu, Tiere als Nahrungsmittel und Bäume als Rohstoffe anzusehen.
Die Studie ist zwar nicht mehr taufrisch, doch dürfte sich der Trend zur Naturentfremdung in den letzten Jahren eher noch verstärkt haben. Das Thema wirft meines Erachtens auf mehreren Ebenen interessante Fragen auf:
Was sind die Konsequenzen einer zunehmenden Naturentfremdung?
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Naturerfahrungen sich günstig auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Natur bietet zum Beispiel emotionale Ankerplätze, welche bei der Bewältigung von Lebenskrisen helfen. Es spricht viel dafür, dass die zunehmende Naturentfremdung destabilisierend wirkt – und das nicht nur bei Jugendlichen.
Wie lässt sich die Naturentfremdung rückgängig machen?
Dazu sind wohl verschiedenartige Ansätze möglich und nötig, und es gibt auch einige Tücken. Als Ersatz für die ferne Natur wird den Menschen heute Natur in gezähmten, präparierten, leicht konsumierbaren Häppchen angeboten. Als Instant-Food quasi, als isolierte Insel, die mit ihnen und ihrem Leben nicht viel zu tun hat. Es ist dies eine künstliche Natur als Surrogat. Die Werbung quillt über von solchen Angeboten – und das nicht nur im Bereich der Urlaubsreisen sondern auch etwas weniger offensichtlich bei Nahrungsmitteln, Kosmetika oder Naturheilmitteln. Überall wird “Natur” verkauft. Aber diese Ersatzangebote ermöglichen kaum Kontakt zur wirklichen Natur. Sie können daher die Lücke zwischen uns und der Natur nicht füllen.
Damit Kinder und Jugendliche sich weniger entfremden von der Natur, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Angeboten wie Bücher, Spiele, naturpädagogische Wochenenden etc. Ich will diesen Angeboten nicht jeden Wert absprechen. Sie können gute Impulse geben. Aber auch hier wird oft Natur in einer künstlich präparierten Form verabreicht. Mir scheint, damit Kinder und Jugendliche leichter Kontakt zur Natur finden braucht es vor allem Erwachsene die einen solchen Zugang haben. Eltern, Grosseltern, Lehrpersonen, die selber fasziniert sind von der Natur und ein waches Auge besitzen für die Pflanzen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung. Solche alltägliche Begeisterung springt am leichtesten auf Kinder und Jugendliche über. Eine gute Möglichkeit für Erwachsene, sich einen Naturzugang zu schaffen, bietet die Pflanzenheilkunde. Wer sich intensiv mit Heilpflanzen befasst, wird meistens zuerst einmal wissen wollen, welche Wirkungen sie haben und gegen welche Krankheiten sie angewendet werden können. Dabei bleibt es aber nur, wenn die Pflanzenheilkunde eng beschränkt auf den menschlichen Nutzen hin betrieben wird. Fasst man sie weiter, kommt irgendwann einmal auch das Interesse für andere Pflanzen, für Tiere und für die Zusammenhänge in der Natur. Wer sich für diesen Natur-Zugang interessiert, findet dazu Angebote auf www.phytotherapie-seminare.ch.

Der “Jugendreport Natur 03” zeigt über die erwähnte Naturentfremdung hinaus aber noch ein weiteres auffallendes Phänomen:
Es gibt eine starke Idealisierung der Natur als ausschliesslich gut, heil, wahr, schön etc. Der Report spricht vom “Bambi-Effekt”. Diese Idealisierung findet man auch in einem Teil der Naturheilkunde, wo Natur als umfassender Heilsbringer quasireligiöse, göttliche Züge annimmt. Damit wird Natur tendenziell unberührbar, was die Distanz vergrössert. Mir scheint es sehr wichtig zu erkennen, dass diese starke Idealisierung eine Folge der starken Entfremdung ist. Wer real Kontakt hat zur Natur weiss, dass sie nicht nur heil, lieblich und gut ist.
Vielleicht bewahrheitet sich hier die Regel, dass dort, wo die grössten Defizite sind, auch die Ideale am stärksten in die Höhe wachsen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Krankenpflege: Phytotherapie bei Mundschleimhautproblemen

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Mundschleimhautprobleme sind in der Krankenpflege eine grosse Herausforderung, speziell bei der Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase (Palliative Care). Diese Gruppe von Patientinnen und Patienten leidet häufig an Mundschleimhautentzündungen, borkigen Belägen, Aphthen oder Herpes labialis. Als Ursache kommen vor allem in Frage: Nebenwirkungen von Radio- oder Chemotherapie, Immunschwäche, Mundatmung, Infektionen, fehlende oder verminderte Speichelproduktion, ungenügende Flüssigkeitszufuhr oder reduzierter Allgemein- und Ernährungszustand. Dass pflanzliche Heilmittel bei Mundschleimhautproblemen wirksam und nützlich sind, ist durch viele Erfahrungen belegt und wird nun auch in einer Abschlussarbeit aus der Höheren Fachausbildung dokumentiert.

Die Phytotherapie-Pflegefachfrau Miriam Rüsch hat in ihrer HöFa I-Abschlussarbeit die bewährtesten Heilpflanzen-Anwendungen für diese Beschwerden sorgfältig zusammengefasst. Diese Möglichkeiten können von Pflegenden im ambulanten oder stationären Bereich angewendet werden. Sie eignen sich jedoch auch für die Instruktion pflegender Angehöriger. Die Autorin stellt die ganze Palette pflanzlicher Möglichkeiten vor: Heilpflanzen mit ätherischen Ölen wie Kamille und Salbei, gerbstoffhaltige Pflanzen wie Blutwurz oder Schwarztee, Schleimstoff-Zubereitungen aus Malvenblättern, Eibischwurzeln oder Leinsamen. Die Arbeit gibt damit einen guten Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten, mit phytotherapeutischen Anwendungen Mundschleimhautprobleme zu lindern oder zu heilen.
Der Text umfasst 38 Seiten und kann kostenlos herunter geladen werden als Pdf-Dokument:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php
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Von krummen und geraden Wegen…..

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Letzte Woche leitete ich den Kurs “Heilpflanzen und Alpenblumen” in Lenk im Simmental – einer Region mit ausgesprochen reichhaltiger Pflanzenwelt und eindrücklichen Landschaften. Auf dem Anstieg zum “Hohberg” wanderten wir über einen alten Feldweg. Nun wurde seit dem letzten Sommer parallel zum alten etwas weiter oben im Hang ein neuer Feldweg gebaut. Interessant war es nun, die beiden Wege zu vergleichen. Während der alte Weg sich mit einigen Krümmungen durch die Weide schlängelt und sich dem Gelände anpasst, verläuft der neue Weg viel gerader. Auch passt sich dieser Weg kaum der Landschaft an – im Gegenteil: das Terrain wurde mit Baumaschinen dem Weg angepasst.
Mir scheint, hier drückt sich ein sehr starkes Ideal unserer Kultur aus: Erstrebenswert ist immer der gerade Weg, die direkte, schnellste und ebenste Verbindung zwischen zwei Punkten, ein Weg, der unserer Fortbewegung möglichst wenig Widerstand bietet. Ich will nun nicht in Gejammer ausbrechen. Gerade und schnelle Wege haben ihre Vorteile, die ich durchaus zu schätzen weiss. Ich bin mir aber auch sehr sicher, dass wir für dieses oft starre Ideal des direktesten Weges einen nicht geringen Preis zahlen. Ein verwinkelter, unebener Weg, der uns da und dort Widerstand bietet, ermöglicht dadurch auch intensiveren Kontakt mit einer Landschaft. Dieser Kontakt geht mehr und mehr verloren auf direkten, schnellen und topfebenen Wegen. Wir gewinnen an Schnelligkeit, verlieren aber dabei quasi an Bodenhaftung. Das kann meines Erachtens Konsequenzen haben bis in den Bereich der Gesundheit. Jedes Lebewesen braucht nämlich ein gewisses Mass an Widerstand, um fit zu bleiben.

Dass es Alternativen zum Ideal des Direkten und Glatten gibt, zeigt das altchinesische Denken. Dort wurde der Umweg und der indirekte Zugang besonders geschätzt. In altchinesischen Gärten sind Wege und Bücken oft im Zickzack angelegt. Das zwingt die Spazierenden zu Langsamkeit und zu Richtungswechseln, die immer wieder neue Perspektiven eröffnen. Ausserdem können einem Geister auf Zickzackwegen schlechter folgen, weil sie nur geradeaus gehen können…..

Bei uns zeigt sich das Ideal des Direkten und Glatten nicht nur im Weg- und Strassenbau. Auch beim Erwerb von Wissen scheint es mir stark präsent zu sein. Auch lernen soll möglichst direkt, schnell, ohne Friktionen, Umwege und unnötige Anstrengungen geschehen. Möglicherweise zahlen wir auch hier einen Preis, denn Umwege und Brüche sind oft wichtige Aspekte für die Entwicklung der Persönlichkeit. Und an Widerständen wachsen wir.

Wenn beispielsweise die Schulleitung einer Ausbildungsstätte für Naturheilkunde die Ansicht vertritt, die Studierenden könnten Heilpflanzen ja im Botanischen Garten kennenlernen, dazu brauche es doch keine Exkursionen in die Natur, dann drückt sich in einer solchen Haltung genau dieses Ideal des Direkten & Glatten aus. Im Botanischen Garten sind die Heilpflanzen für die BesucherInnen quasi vorpräpariert. Sie “warten” schön geordnet nach Anwendungsbereichen und mit Namensschildern versehen darauf, “konsumiert” zu werden. Das geht glatt, effizient, direkt und mühelos vonstatten. Sehr fraglich bleibt dabei allerdings, ob sich so überhaupt eine Beziehung zu den Heilpflanzen knüpfen lässt. Dazu müsste man meines Erachtens nämlich – sorry für den unanständigen Ausdruck – ein wenig “den Arsch lupfen” und ein bisschen Zeit und Energie aufwenden, um die Heilpflanzen in ihren Lebensräumen zu besuchen. Beziehung gibt es nicht “gratis” – auch nicht zu Heilpflanzen. Dort, in ihren Lebensräumen, stehen die Heilpflanzen nicht schon gruppiert und angeschrieben herum, sondern immer wieder in überraschenden Konstellationen und zusammen mit ihren Nachbarn aus der Pflanzen- und Tierwelt. Für solche Besuche muss man sich vielleicht manchmal auch ein bisschen körperlich anstrengen und sich Wind und Wetter aussetzen. Aber um wieviel bereichernder ist eine solche (Beziehungs-) Erfahrung doch verglichen mit dem “Konsum” im Botanischen Garten (nichts gegen Botanische Gärten!) Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Fast-Food-Mahlzeit und einem Gourmet-Dinner. Wer Heilpflanzen nur im Botanischen Garten kennenlernen will, könnte sich ja auch auf das Betrachten eines schönen Bildbandes beschränken, so gross ist der Unterschied dann nicht mehr, oder auf Fotos im Internet (ich empfehle meine Heilpflanzen-Bildergalerie …..). Dann leben wir schlussendlich in einer vollkommen glatten, mühelosen, wettersicheren, aber auch sterilen, beziehungslosen und virtuellen Welt. Das ist meines Erachtens keine wünschenswerte Entwicklung. Als Antidot (Gegenmittel) würde ich empfehlen: Rausgehen und Kontakt aufnehmen mit den Heilpflanzen und ihrem Lebensraum in der realen Natur. Ich selber schätze für diesen Zweck auch die Fortbewegung auf Bergwegen. Diese unebenen, verschlungenen Wege bringen starken Kontakt mit der Landschaft, wenn man dafür offen ist.
Gelegenheiten zu intensivem Naturkontakt und zu “Weg-Erfahrungen” finden Sie auch in meinen Heilpflanzen-Exkursionen

Selbst den Bereich der Erotik könnte das Ideal des Direkten und Glatten beeinflussen, lebt doch die Erotik wesentlich vom Indirekten, von der Andeutung. Im Modus des Direkten verflüchtigt sich die Erotik. Mehr zum Thema Erotik und erotische Berührung im soeben erschienenen Buch “Phänomen Haut”, das Sie auf www.phytotherapie-seminare.ch unter „Publikationen“ anschauen und bestellen können.

Zusammenfassend denke ich, wir sollten das Direkte, Klare, Schnelle und Glatte durchaus nutzen und auch schätzen. Aber wir sollten auch immer wieder bewusst Erfahrungen mit dem Indirekten, Krummen und Unebenen suchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Himbeerblätter zur Erleichterung der Geburt?

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Im Bereich der Naturheilkunde schwirren unzählige Aussagen, Behauptungen und Versprechungen herum, die ungeprüft abgeschrieben und weiter erzählt werden. Ein Beispiel dafür ist die Empfehlung, Himbeerblättertee erleichtere die Geburt. Kaum ein Naturheilkunde-Führer für Frauen, der diesen Tipp nicht kolportiert. Auch viele Hebammen geben diesen Rat – ohne genauer nachzufragen – als gesicherte Erkenntnis weiter.
Dabei gibt es beim Thema Himbeerblätter zur Geburtserleichterung fast nur offene Fragen. Unklar ist nur schon die Quelle dieser Information. Wer hat sie in die Welt gesetzt, mit welcher Begründung, aufgrund welcher Beobachtungen oder Überlegungen? Antworten auf solche Fragen wären zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser Versprechung zentral.
Fragt man genauer nach, wie denn diese Geburtserleichterung durch Himbeerblättertee zustande kommen soll, dann bekommt man unterschiedliche Antworten: Himbeerblätter sollen das Bindegewebe weich machen. Auf welchem Weg das geschehen soll, bleibt schleierhaft. Und schwer vorstellbar ist zudem, dass Himbeerblätter selektiv nur Bindegewebe in Bereich der Gebärmutter erweichen sollen. Würde Bindegewebe aber generell erweicht, müsste auch verstärkt mit der Entwicklung von Cellulite oder Krampfadern gerechnet werden.
Manchmal hört man auch, die Bänder im Bereich der Gebärmutter würden durch Himbeerblätter gelockert. Wieder selektiv nur diese Bänder? – Oder besteht das Risiko, dass auch Gelenke “schlotterig” werden? – Damit klar ist: Ich sehe bei der Anwendung von Himbeerblättertee kein erkennbares Risiko. Wer aber von solchen “Lockerungen” zur Geburtserleichterung überzeugt ist und sie propagiert, müsste sich mit solchen Fragen ernsthaft auseinandersetzten.
Schaden wird der Himberblättertee kaum. Für eine Wirksamkeit zur Geburtserleichterung gibt es allerdings in der gesamten Phytotherapie-Fachliteratur keinerlei Hinweise. Und es sind auch keine Wirkstoffe in Himbeerblättern bekannt, die einen solchen Effekt auslösen könnten. Es ist überhaupt schwer vorstellbar, was das für ein Wirkstoff denn sein könnte. Ebenso wenig findet sich diese Empfehlung in den Angaben der traditionellen Pflanzenheilkunde. Die Himbeerblätter werden weniger zu den Heilpflanzen gezählt und eher als Genusstee betrachtet.
Auch aus der “Erfahrung” lässt sich eine günstige Wirkung auf den Geburtsvorgang nicht ableiten, weil bei jeder individuellen Anwendung von Himbeerblättertee nie geklärt werden kann, wie denn die Geburt ohne diese Teekur verlaufen wäre.
Nun kann man natürlich sagen: Falls der Himbeerblättertee nichts nützt, dann schadet er jedenfalls nichts – und so kann man denn als Hebamme, KursleiterIn oder AutorIn den Tee empfehlen – und ausserdem wird er der Schwangeren Zuversicht geben, dass es schon gut kommt mit der Geburt, was auch nicht gering zu schätzen ist.
Andererseits finde ich aber, dass es gerade für Fachleute auch eine Frage der Glaubwürdigkeit ist, ob sie eine Empfehlung kritisch prüfen, bevor sie diese weitergeben. Blindes Nachplappern jedenfalls macht nicht gerade einen kompetenten Eindruck.

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Curcumin gegen Krebs?

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Der Zürcher Ex-Nationalrat Roland Wiederkehr propagiert Curcumin als Heilmittel gegen Krebs. Die Substanz stammt aus der seit langem bekannten Gewürz- und Heilpflanze Gelbwurz (Curcuma longa und Curcuma xanthorrhiza). Gelbwurz ist ein Bestandteil der Curry-Mischung und für deren gelbe Farbe verantwortlich. Durch Artikel im “Tages-Anzeiger” vom 8. und 16. Juli 2008 sowie durch die Diskussion in der Fernsehsendung “Club” vom 15. Juli auf SF 1 ist die Curcumin-Kampagne von Roland Wiederkehr zum Gespräch geworden. Roland Wiederkehr hat sich als Gründer von Road Cross, der früheren Vereinigung der Opfer von Strassenunfällen, sehr für die Sicherheit im Strassenverkehr verdient gemacht. Mit seiner Curcumin-Propaganda verrennt er sich meiner Ansicht nach aber einseitig auf einem Holzweg.

Curcumin gehört tatsächlich in den letzten 10 Jahren zu den am intensivsten wissenschaftlich untersuchten Naturstoffen. Unter anderem besitzt es antioxidative Eigenschaften. Es fängt also aggressive Sauerstoffradikale im Körper ab, die mit der Entstehung von Tumorerkrankungen in Zusammenhang gebracht werden. Dazu muss allerdings gesagt werden: Im Labor lässt sich mit Experimenten “in-vitro” (im Reagenzglas) sehr schnell und billig nachweisen, ob eine Substanz antioxidativ wirkt. Solche Untersuchungen werden daher auch in grossem Stil gemacht. Als antioxidativ hochwirksam zeigten sich bestimmte Flavonoide (in Obst und Gemüse), Chlorophylle (in Blattgemüse), Anthozyane (Farbstoffe in Beeren wie Heidelbeere oder Schwarze Johannisbeere), Catechine (im Grüntee) und eben auch Curcumin aus der Gelbwurz.
Der grosse Nachteil solcher Laborexperimente ist, dass sie keine Informationen darüber liefern, ob diese Verbindungen auch im Menschen wirksam sind. Mit einigen dieser Substanzen wurden auch Tierexperimente durchgeführt. Eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ist aber aufgrund der hohen Dosierungen, die meist verwendet wurden, kaum möglich. Bei der Maus zeigten sich antioxidative Effekte eine Stunde nach oraler Verabreichung von 500 mg Curcumin pro Kilogramm Körpergewicht. (Schneider u.a., Arzneidrogen, Spektrum Verlag 2004). Macht auf den Menschen umgerechnet bei 80kg Körpergewicht die ziemlich absurde Menge von 40g reines Curcumin. Und das dann vielleicht noch alle paar Stunden?
Für eine Aussage über Wirksamkeiten beim Menschen wären aufwendige klinische Studien mit kranken Personen nötig.
Einen speziellen und inzwischen gut akzeptierten Ansatz, um antioxidative Effekte direkt beim Menschen nachzuweisen, verfolgen Univ. Prof. Dr. Siegfried Knasmüller und Mag. Franziska Ferk am Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien. Das Comet Assay Verfahren gibt Auskunft über das Ausmass oxidativer Schäden im Organismus. Dabei werden Interventionsstudien gemacht, bei denen gesunde Probanden über einen bestimmten Zeitraum hinweg Nahrungsmittel konsumieren. Durch Vergleiche der Schäden vor und nach der Intervention ist es möglich, Schutzeffekte festzustellen. Knasmüller & Ferk schreiben dazu: “ Wir verwenden diese Methode nun bereits seit einigen Jahren und haben einige durchwegs unerwartete und teilweise Aufsehen erregende Befunde erhalten. Beispielweise zeigte sich, dass der Konsum von Kaffee (600ml/Person/Tag) einen deutlichen Schutz bewirkt. Mit einem Gewürz (Sumach), das in orientalischen Ländern weit verbreitet ist, fanden wir ebenfalls sehr deutliche antioxidative Effekte (Konsum von 3g/P/T). Weiteres war es möglich, als aktive Wirksubstanz eine kleinmolekulare phenolische Verbindung zu charakterisieren. Dieselbe Menge (berechnet auf das Körpergewicht) reichte aus, um in Laborratten in inneren Organen vor oxdidativen Schäden, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst wurde, zu schützen.” (MMA, krebs:hilfe! 04/2006). Unter dem Titel: “ Ernüchterung bei großmolekularen Verbindungen” schreiben die Autoren weiter: “ Ernüchternd hingegen sind die Ergebnisse, die mit den “besten” In-vitro-Antioxdantien erhalten wurden: Weder Anthozyane noch Chlorophylle, Cucurmin und Catechine bewirken im Körperinneren deutliche Schutzeffekte. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese großmolekularen Verbindungen bei der Verdauung kaum aufgenommen werden, daher ist lediglich im Darmbereich mit Schutzeffekten zu rechnen. Nichtsdestotrotz werden auch derzeit noch zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel mit angeblich antioxidativen Eigenschaften vermarktet, ohne dass deren Wirksamkeit bei Menschen nachgewiesen wurde. Eine neue EU-Direktive schreibt vor, dass “health claims” (“Gesundheitsansprüche”) von Nahrungsmitteln und Supplementen nur dann zulässigerweise gemacht werden können, wenn diese durch entsprechende wissenschaftliche Befunde begründet werden.”

Solche Ergebnisse werden von den Curcumin-Propagandisten offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Sie müssten aber mitdiskutiert und mitberücksichtigt werden.
Wer die Phytotherapie-Fachliteratur zu antioxidativen Heilpflanzen wie Curcuma konsultiert, stellt zudem rasch fest, das die Situation gar nicht so eindeutig ist, wie die Curcumin-Propagandisten es darstellen. So schreiben zum Beispiel die sehr fundierten Hänsel & Sticher in “Pharmakognosie – Phytopharmazie” (Springer 2007): “Curcumin.. ist ein Hemmstoff verschiedener Enzyme, Proteine, Faktoren und Signaltransduktionswege, die mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang stehen.” Es steht dort aber auch: “Ob es sich bei den bisherigen positiven Resultaten um eine Überbewertung von Laborstudien handelt….oder ob daraus klinisch relevante Wirkungen abgeleitet werden können, ist zurzeit schwierig zu beurteilen, das kann erst in klinischen Studien nachgewiesen werden.”
Schilcher, Kammerer und Wegener schreiben im Standardwerk “Leitfaden Phytotherapie” (Urban & Fischer 2007) zur Heilpflanze Curcuma: “Die Wirkstoffe sind in einer Teezubereitung in überraschend hoher Konzentration enthalten.” – Fragt sich nur, ob sie über den Verdauungstrakt auch aufgenommen werden. Hänsel & Sticher dazu: “Die Bioverfügbarkeit von Curcumin nach oraler Verabreichung ist sehr gering.” Auch Schneider u. a. (2004) schreiben, dass Curcumin über den Verdauungstrakt schlecht aufgenommen und überwiegend mit dem Stuhl ausgeschieden wird.
Warum hört man von den Curcumin-Propagandisten davon nichts, obwohl sie selbstverständlich ihre Präparate über den Verdauungstrakt anwenden?
Bei Hänsel & Sticher (2007) wird noch auf epidemiologische Studien auf dem indischen Subkontinent verwiesen, wo Curcuma eine grosse Rolle in der täglichen Ernährung spielt: “Diese haben ergeben, dass in Indien Kolon-, Brust-, Prostata- und Lungenkarzinome im Gegensatz zu Europa und Amerika relativ wenig vorkommen”. Das ist den Inderinnen und Indern ja zu gönnen. Die dortige Bevölkerung und ihr Lebensstil unterscheiden sich allerdings an verschiedenen Punkten und nicht nur beim Curcumakonsum von europäischen und amerikanischen Verhältnissen. Falls diese Unterschiede aber doch mit Curcuma zusammenhängen, geht es dabei um einen sehr langfristigen vorbeugenden Effekt bei konstanter Einnahme von der Kindheit an. Damit lässt sich noch nicht im Ansatz eine therapeutische, krebsheilende Wirkung bei manifestem Tumor begründen und diese Therapie als sanfte Alternative zu Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie propagieren. Das schreibe ich ausdrücklich als Vertreter der Pflanzenheilkunde, weil ich überzeugt bin, dass wir nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen der Heilpflanzen diskutieren müssen. Zu einer allfälligen vorbeugenden Wirkung von Curcumin schreiben Schneider u.a. (2004): “Bei der Maus wird durch 1% Curcumapulver im Futter die Ausbildung von induziertem Magenkrebs (Benzpyren, Dimethylbenzanthracen) und spontanem Gebärmutterkrebs um 58% bzw. 60% gehemmt.”

Schilcher / Kammerer / Wegener (2007) fassen meines Erachtens sehr differenziert zusammen: “Trotz der zahlreichen positiven Ergebnisse aus der experimentellen Forschung lassen sich spezifische Indikationen in der Tumortherapie für Curcumawurzelstock oder Curcuminoide noch nicht ableiten, da bisher nur klinische Pilotstudien, jedoch noch keine echten klinischen Studien bekannt sind….Hinsichtlich der Verträglichkeit wurden in den klinischen Pilotstudien hohe Dosierungen bis zu 8 – 10 g tägl. ohne relevante Nebenwirkungen gut vertragen. Ein supportiver Einsatz könnte daher zwar möglich sein, jedoch nur dann, wenn die Therapie engmaschig kontrolliert würde.” (supportiv = unterstützend neben einer sonstigen angemessenen Tumortherapie, M.K.)

Soweit zum Stand des Fachwissens bezüglich Curcumin in der Phytotherapie. Nur schon diese kurze Auslegeordnung zeigt, dass die Lage sehr viel widersprüchlicher ist, als es von Roland Wiederkehr und anderen Curcumin-Propagandisten dargestellt wird. Die erwähnten Fachbücher sind im Buchshop auf dieser Website genauer vorgestellt und können dort auch erworben werden.

Darüber hinaus wirft die Curcumin-Kampagne aber noch weitere Fragen auf:

Mir fällt immer wieder auf, dass viele VertreterInnen der Naturheilkunde zwar bei der “Schulmedizin” alle Forschungsergebnisse stark in Frage stellen, die im Reagenzglas, im Tierexperiment und mit isolierten Substanzen gemacht werden. Sobald es aber Wasser auf die eigenen Mühlen leitet, werden solche Ergebnisse fraglos zur Verbesserung der eigenen Position ins Feld geführt. Oft allerdings ohne dass die Herkunft der Ergebnisse aus dem Labor oder aus Tierversuchen transparent gemacht wird. Das ist ein eklatanter Widerspruch. Auch die Curcumin-Kampagne deckt nicht voll auf, wie sehr sie sich auf solche Labor- und Tierexperimente mit beschränkter Aussagekraft stützt.

Im “Tages-Anzeiger” vom 8. Juli 2008 wird Roland Wiederkehr mit der Aussage zitiert: “Alles, was mit Naturstoffen zu tun hat, wird bei uns verboten”. Das ist ganz einfach nicht wahr. Natürlich gibt es immer wieder behördliche Einschränkungen und darüber kann man im Einzelfall aus fachlicher Sicht unterschiedlicher Meinung sein. Tatsache ist aber auch: Heilpflanzen-Extrakte, deren Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien belegt sind, werden sehr wohl zugelassen. Die am besten dokumentierten Präparate der Phytotherapie werden sogar von der Krankenkasse über die Grundversicherung bezahlt, wenn sie ärztlich verschrieben werden. So beispielsweise bei Heilpflanzen-Extrakten aus Ginkgo, Johanniskraut, Sabal, Artischocke, Baldrian, Weissdorn und vielen anderen mehr.
Selbst in der schulmedizinischen Tumortherapie werden durchaus Naturstoffe eingesetzt, beispielsweise Taxol aus der Pazifischen Eibe oder Vinca-Alkaloide aus einer Immergrün-Art (Vinca rosea). Das sind dann allerdings auch Giftpflanzen, die in der Tumorbehandlung auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Auch mit dieser oben zitierten Aussage stellt Roland Wiederkehr meines Erachtens die Situation sehr einseitig und von “Lager-Denken” geprägt dar. Gefragt und angemessen wäre aber eine viel differenziertere und weniger polarisierte Betrachtungsweise. Vor allem, wenn es um eine so schwierige und komplexe Thematik wie Krebs geht. Chemotherapien, Operationen und Strahlenbehandlungen in der Tumortherapie sind oft belastend. Es ist so einfach, hier Hoffnungen zu wecken und Betroffenen eine (scheinbare) Alternative zu bieten. Gerade weil das so simpel ist, müssen die Anforderungen an solche Heilungsempfehlungen so strikt sein.

Sehr blind scheint mir auch, wenn Roland Wiederkehr im Tages-Anzeiger” vom 8. Juli und im “Club” auf SF 1 seinen Freund Bruno A. als Beispiel für eine Heilung durch die von ihm propagierte Zelltherapie mit (unter anderem) Curcumin präsentiert, nachdem dieser eine schulmedizinische Therapie mit Operationen und einigen Bestrahlungen durchgemacht hat. Da müsste mindestens in Erwägung gezogen werden, dass der Patient auch schon mit den Operationen geheilt worden sein könnte.

Dass Curcumin dann auch gleich noch unzählige andere Krankheiten wie AIDS, Arthritis, cystische Fibrose, , Arteriosklerose, Alzheimer etc. heilen soll, macht die Kampagne vollends unglaubwürdig. Das Märchen vom Allheilmittel, mit dem sich alle Krankheiten besiegen lassen, ist zwar uralt und wird in immer neuen Varianten wieder aufgefrischt, weil es offenbar so dringend benötigt wird. Sehr realistische ist es aber nicht, dass jemals ein solches Universalheilmittel gefunden wird. Das bleibt wohl leider ein schöner Wunschtraum.

Erstaunlich ist zudem immer wieder, dass offenbar viele Leute davon ausgehen, im Bereich der Pflanzenheilkunde brauche es keine fundiertere, längerfristige, breitere Auseinandersetzung mit den Grundlagen – oder gar eine Ausbildung – und sehr punktuell auf ein scheinbares Wundermittel aufspringen. Zum Thema Pflanzenheilkunde kann offenbar jede und jeder als Experte mitreden…..

Alles in allem wäre meine Bitte, dass sich Roland Wiederkehr doch besser wieder um Strassenverkehrsopfer kümmern soll. Für dieses Engagement bin ich ihm nämlich sehr dankbar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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Pflanzenheilkunde: Woran Sie fragwürdige Aussagen erkennen könnennnen

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Pflanzenheilkunde findet erfreulicherweise zunehmend Interesse. Dadurch werden wir jedoch auch überschwemmt mit Ratschlägen, Versprechungen und Behauptungen zu diesem Thema. Im Gebiet der Naturheilkunde fehlt es weit gehend an Qualitätskontrolle – bei Therapeutinnen und Therapeuten, im Bereich der Ausbildungsinstitute, aber auch bei Apotheken und Drogerien. Papier ist sowieso geduldig. Gedruckt wird praktisch alles, was sich verkaufen lässt. Und im Internet findet sich neben hochwertiger Information auch jede Menge Schrott. Konsumentinnen und Konsumenten sind darum zum grossen Teil auf sich allein gestellt, wenn sie sich in diesem Dschungel eine eigene Meinung bilden wollen. Sie finden hier 14 Punkte, die zur Orientierung und Klärung beitragen können – und das nicht nur in der Pflanzenheilkunde.

1. Quellenangaben verlangen
Wenn Sie Ratschläge, Versprechungen oder Behauptungen auf Glaubwürdigkeit prüfen wollen, verlangen Sie konsequent Quellenangaben: Wer hat was, wann und wo gesagt oder geschrieben?

2. Begründungen verlangen
Akzeptieren Sie keine reinen Behauptungen. Verlangen Sie Begründungen. Auf Grund welcher Erfahrungen, Beobachtungen oder Überlegungen kommt jemand zu einer Aussage?
Wenn Sie Quelle und Begründungen kennen, lässt sich die Glaubwürdigkeit einer Behauptung eher einschätzen.
Skepsis ist angebracht, wenn Begründungen durch Schlagworte ersetzt werden. Ein oft gehörtes Beispiel dafür ist der Spruch: “Wer heilt hat recht!” – Er fegt scheinbar die Notwendigkeit von plausiblen Begründungen vom Tisch. Ausgeklammert bleibt dabei, ob die Heilung spezifisch mit der Therapie zusammenhängt, oder ob sie auf die Selbstheilungskräfte des Organismus zurück zu führen ist, oder auf den Placebo-Effekt, der bei jeder Behandlung mitbeteiligt ist.

3. Verständlichkeit verlangen
Verlangen Sie verständliche Begründungen. Erstarren Sie nicht vor Ehrfurcht, wenn Sie eine Erklärung nicht verstehen. Unverständlichkeit wird manchmal als Folge besonders tief greifender oder gar höherer Erkenntnis aufgefasst. Genauso gut kann sie aber ein Ergebnis wirrer Gedankengänge sein.

4. Bestätigung durch Fachwelt
Steht die zu prüfende Behauptung isoliert da oder wird sie von anderen Fachleuten oder Büchern geteilt? Zwar wird eine Meinung nicht unbedingt wahr dadurch, dass Sie von zahlreichen Personen geteilt wird – auch viele können sich irren. Von einer isoliert dastehenden Behauptung müssen jedoch besonders plausible Gründe verlangt werden. Die Glaubwürdigkeit einer Aussage steigt dagegen, wenn sie die kritische Diskussion in der Fachwelt “überlebt” hat.

5. Suspekte Heilungsgarantien
Vorsicht bei absoluten Heilungsversprechen, die zum beispielsweise mit “immer” oder “nie mehr” daher kommen. Menschliche Gesundheit und Krankheit sind viel zu komplex, als dass Garantien abgegeben werden könnten. Wer dies trotzdem tut, gehört wohl zu den “terrible simplificateurs”, den “schrecklichen Vereinfachern”.

6. Feindbilder meiden!
Wie in anderen Bereichen der Komplementärmedizin auch, gibt es in der Pflanzenheilkunde nicht wenige Leute, die Sie mit ihren eigenen Feindbildern gegen die “Schulmedizin” abfüllen wollen. Man erkennt solche Personen an ihrem Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, lebens- und menschenfreundliche Naturheilkunde, dort die schädliche, menschenverachtende Medizin. Notwendig wäre dagegen eine kritisch-differenzierte Auseinandersetzung mit Medizin und Naturheilkunde. Wer nur kritisch gegenüber der sogenannten “Schulmedizin” auftritt, in der Naturheilkunde aber blauäugig alles wunderbar findet, ist nicht wirklich kritisch, sondern nur verhaftet in den eigenen Feindbildern.

7. Werden Misserfolge, unerwünschte Nebenwirkungen und Grenzen thematisiert?
Wer nur von Heilerfolgen redet oder schreibt, nie jedoch von Misserfolgen und Grenzen der eigenen Methoden, der blendet einen wichtigen Bereich der Realität aus. Es ist aussergesprochen unwahrscheinlich, dass es jemals eine Heilmethode gab oder geben wird, die weder Misserfolge noch Grenzen kennt.
Fragwürdig ist auch, wenn zum Beispiel in einem Heilpflanzenbuch nur von wunderbaren Heilwirkungen, nie aber von unerwünschten Nebenwirkungen die Rede ist. Es spricht viel dafür, dass, was therapeutische Wirkung entfaltet, auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann. Das gilt auch für Behandlungen mit Heilpflanzen.

8. Arbeitsteiliges Wissen bevorzugen
Vorsicht ist angebracht, wenn ein einzelner Mensch ein scheinbar geniales, aber durch andere unüberprüfbares Heilsystem aus dem Hut zaubert. Daraus entsteht oft die Grundlage für ein Guru-System. Solche Angaben kann man nur glauben oder nicht. Arbeitsteilig in kleinen Schritten gewonnene Erkenntnisse dagegen sind zwar viel weniger spektakulär, stehen dafür aber auf sichererem Fundament. Ein einzelner Mensch ist anfälliger für Irrtum und (Selbst-)Täuschung. Narzissmus und Selbstüberschätzung können beispielsweise dazu verführen, eigene Deutungen der Pflanzen für allgemeingültig zu erklären, statt klar zu stellen, dass es sich um Interpretationen handelt

9. Vorsicht bei grossen Versprechungen
Je grösser die Versprechungen, desto mehr Belege sind zu fordern! Achten Sie auf Leute mit Grössenphantasien. Charakteristisch für solche Personen ist, dass sie sich und ihren Methoden grundsätzlich alles zutrauen. Das äussert sich zum Beispiel in Sprüchen wie: “Gegen jede Krankheit ist ein Kräutchen gewachsen” oder “Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir dagegen behandeln die Ursachen”. Letzteres trieft vor Arroganz, ist doch das Finden der letztendlichen Ursachen einer Krankheit ein äusserst schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen.

10. Diffuse Begriffe in Frage stellen!
In der Pflanzenheilkunde gibt es eine “Szene”, die mit äusserst vagen Begriffen operiert und damit viele Leute einnebelt. So wird zum Beispiel gern vom “Wesen der Pflanzen” gesprochen, das erkannt werden müsse, wenn Heilpflanzen erfolgreich angewendet werden sollen. Der bedeutungsschwer tönende Begriff vom “Wesen der Pflanzen” bleibt aber weitestgehend ungeklärt. So kann jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen damit verbinden. Werden diese nie thematisiert, reden die beteiligten Personen vollkommen aneinander vorbei, während sie zugleich glauben, sie würden sich gut verstehen. Unter dem Etikett des “Wesens” der Pflanzen werden dann eigene Deutungen als allgemein gültig verkauft. Anstelle eines sorgfältigen “so sehe ich diese Pflanze” gilt dann ein dogmatisierendes “so ist diese Pflanze”.

11. Transparenz verlangen!
Akzeptieren Sie es nicht, wenn Ihnen die Zusammensetzung eines Heilmittels, einer Teemischung oder eines anderen Präparates, verschwiegen wird. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten wissen, was sie einnehmen.

12. Popularität ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Qualität
Lassen Sie sich nicht täuschen von hohen Buchauflagen und grosser Bekanntheit. Beides entsteht hauptsächlich, wenn ein Buch oder ein Mensch Bedürfnisse weiter Kreise bedient. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die vertretenen Ansichten richtig und die Behandlung wirksam sein muss. Oder halten Sie McDonalds qualitativ für das beste Restaurant? Cola für das wertvollste Getränk?

13. Vorsicht bei Heilungsgeschichten
Bleiben Sie skeptisch bei überschwänglichen Heilungsgeschichten. Dabei werden oft Placebo-Effekte und Selbstheilungsvorgänge ausgeblendet.

14. “Erfahrung” reicht nicht als Begründung
Oft werden Ratschläge und Heilungsversprechungen nur begründet mit Aussagen wie: “Es wirkt doch, ich habe es selbst erlebt”. Dieser simple Rückgriff auf “Erfahrung” ist naiv, weil es keine reine Erfahrung geben kann, die uns unmittelbar etwas sagt. Wir kommen nur mit bereits (durch uns) wahrgenommener und interpretierter Erfahrung in Kontakt. Und jede Erfahrung ist bereits durch unsere vorgängigen Theorien und Überzeugungen beeinflusst. Erfahrung allein zählt zudem nicht, man muss auch aus ihr gelernt haben. Dazu braucht es Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, Vergleiche mit den Erfahrungen anderer Leute in ähnlichen Situationen etc.

Diese 14 Punkte garantieren nicht, dass Sie sicher die Spreu vom Weizen trennen können. Sie schärfen aber die Wahrnehmung für Qualitätsunterschiede. Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen! Prüfen Sie Behauptungen, Meinungen und Versprechungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Ärztemangel? – Phytotherapie in die Krankenpflege!

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“Ärztemangel ab 2030 gravierendes Problem” – mit dieser Schlagzeile wird auf www.espace.ch eine Meldung der “Schweizerischen Depeschenagentur” (sda) vom 4. Juli 2008 zusammengefasst. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) des Kantons Bern teile die Einschätzung des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums über einen drohenden Ärztemangel. Stark betroffen sei laut GEF die ambulante Versorgung.
Die Meldung im weiteren Wortlaut:
“Während die Zahl der ambulanten Arztbesuche stark steige, gehe die Zahl der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte zurück, teilte die GEF am Freitag mit. Dieser Trend könne dazu führen, dass 2030 drei von zehn Arztkonsultationen nicht mehr gewährleistet seine.
Für die GEF steht fest, dass nur gemeinsame Anstrengungen aller im Gesundheitswesen tätigen Partner die drohende ambulante medizinische Unterversorgung abwenden kann. Die GEF will bei der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, den Bundesbehörden und bei der Standesorganisation Druck machen.”

Soweit die Meldung der SDA.
Ein ganz nahe liegender Beitrag zur Lösung dieses ernsthaften Problems wird bisher kaum diskutiert: Im Schweden beispielsweise gehen die Leute nur halb so oft zum Arzt wie im OECD-Schnitt, weil gut ausgebildete Pflegefachleute die Fälle zuerst sieben (Beat Kappeler in der NZZ am Sonntag vom 27. Februar 2005).
Ärztinnen und Ärzte werden heute überschwemmt mit Bagatellfällen, weil viele Leute schon mit einer einfachen Erkältung nicht mehr umzugehen wissen. Die Behandlung vieler einfacherer Beschwerden ist eigentlich Routine und braucht kein jahrelanges Medizinstudium. Aber einen geschulten Blick dafür, wann eine ernstere Erkrankung vorliegt und eine ärztliche Konsultation nötig ist. Für diese Triage sind Pflegefachleute in besonderem Masse geeignet. Das zeigen unter anderem die Erfahrungen aus Skandinavien. Ärztinnen und Ärzte könnten sich durch eine solche Entlastung wieder vermehrt um die wirklich komplexen Situationen kümmern, in denen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Zeit gefordert sind.
Ein konkreter Schritt in diese Richtung ist der Einbau einer fachlich fundierten Phytotherapie in die Spitex. In den Ambulatorien der Spitex können fundiert ausgebildete Phytotherapie-Fachleute mit kompetenter Beratung viele der einfacheren Gesundheitsprobleme lösen. Dazu gehört eine Schulung der Patientinnen und Patienten darin, dass sie einerseits leichtere Beschwerden selbständig behandeln können, und andererseits aber auch fachliche Hilfe holen, wo dies nötig wird.
Für die Spitex-Organisationen ist zudem ein fundiertes Kursangebot im Bereich “Phytotherapie” eine der besten Gelegenheiten für die Öffentlichkeitsarbeit. Dabei gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, von der Heilpflanzen-Exkursion im Quartier bis zum Kurs “Mit Heilpflanzen gesund durch den Winter”. Die Spitex kommt dadurch auch ihrem Auftrag zur Gesundheitsförderung nach. Und weil solche Kurse auch Einnahmen generieren, haben wir es hier mit einer Öffentlichkeitsarbeit zu tun, die zu mindestens kostenneutral sein kann. In einer Zeit, in der die Spitex auf der politischen Ebene sehr um Ressourcen kämpfen muss, kann ein Phytotherapie-Angebot zudem weite Bevölkerungskreise ansprechen und mit der Spitex in Kontakt bringen. Das ist wertvoll für den Support auf der politischen Bühne.

Es ist gut zu wissen, dass die GEF in Bern der Ansicht ist, dass nur gemeinsame Anstrengungen aller im Gesundheitswesen tätigen Partner die Gefahr einer drohenden ambulanten medizinischen Unterversorgung abwenden können. “Phytotherapie in die Spitex” ist ein Beitrag von Seiten der Krankenpflege. Was es dazu braucht: Lobbying bei den zuständigen Behörden, zum Beispiel der GEF in Bern, und ein paar ausgebildete Phytotherapie-Pflegefachleute, welche diese Chance erkennen und sich am Lobbying beteiligen. Für dieses Projekt sind aber auch Sponsoren und UnterstützerInnen gesucht.
In Vorbereitung ist zur Zeit der Aufbau einer “Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege” (IGPP) welche Einfluss nimmt zugunsten einer professionellen Phytotherapie in der Pflege. Weitere Informationen finden Sie in den nächsten Wochen hier im Blog oder im Abschnitt “Heilpflanze-Info” auf dieser Website.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur
www.phytotherapie-seminare.ch

Das Seminar für Integrative Phytotherapie führt Lehrgänge durch zur Ausbildung von Phytotherapie-Pflegefachleuten, aber auch Heilkräuter-Exkursionen und Heilpflanzen-Seminare für Berufsleute aus anderen medizinischen Bereichen und für interessierte Laien.
Im Dokument „Phytotherapie in der Pflege“ finden Sie Statements & Argumente für Phytotherapie in der Pflege. sowie Beispiele von Pflegeinstitutionen, welche Heilpflanzen-Anwendungen integrieren.

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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