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Studie: Früherkennung hat auch Nachteile und Risiken

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Die möglichen Nachteile der Krebs-Früherkennung sind einer Studie zufolge nicht genügend bekannt. Bei einer Befragung von knapp 1800 Patienten habe nur jeder dritte gewusst, dass eine Früherkennungsuntersuchung auch Risiken mit sich bringen könne. Dazu gehörten hauptsächlich falsche Befunde, die häufig wochenlang zu psychischen Belastungen oder sogar zu überflüssigen Operationen führten, teilte die Bertelsmann-Stiftung mit. Sie hatte die Studie zusammen mit der Krankenkasse Barmer GEK durchgeführt.

Für 84 Prozent der Deutschen sei die Empfehlung ihres Arztes der wichtigste Grund, um an einer Untersuchung zur Krebsfrüherkennung teilzunehmen, schreibt die Stiftung in einer Pressemitteilung. Damit nehmen die Ärzte eine zentrale Rolle ein, wenn es um die Entscheidung der Versicherten zur Teilnahme an diesen Untersuchungen geht. Die Studie kommt allerdings zum Schluss, dass nur knapp die Hälfte der Patienten (46 Prozent) sich von ihrem Arzt über Nutzen und Risiken des Screenings aufgeklärt fühlen.

Nach Einschätzung der Studienautorin Sylvia Sänger vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf scheitert eine ausgewogene Aufklärung der Patienten häufig daran, dass selbst die Ärzte den Nutzen einer Krebsfrüherkennung überschätzen. Die Gesundheitswissenschaftlerin fordert daher, dass Ärzte in der Kommunikation über Nutzen und Risiken der Früherkennung gesondert geschult werden, damit sie ihrer Schlüsselrolle bei der Entscheidungsfindung der Patienten gerecht werden können. Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, sich ein unabhängiges, differenziertes Bild von Chancen und Risiken, Nutzen und Schaden der Früherkennung zu machen, erklärt Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK. Ausgewogen informiert können sie sich dann dafür oder dagegen entscheiden.

Quelle:

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-8CF66CCE-810D294D/bst/hs.xsl/nachrichten_121912.htm

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=53620

 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist ein schwieriges Thema. Früherkennung hat nachvollziehbarerweise auf den ersten Blick einen tadellosen Ruf. Es liegt doch völlig auf der Hand: Je früher eine Krankheit, zum Beispiel ein Tumor, erkannt wird, desto erfolgreicher kann behandelt werden. Und das stimmt ja oft auch. Dass es eine Kehrseite der Früherkennung gibt, ist sehr vielen Menschen nicht ansatzweise klar.

Es geht nicht nur um unnötige Beunruhigung durch falsch-positive Ergebnisse, wenn also in ersten Tests eine Krankheit festgestellt wird, die nach weiteren Abklärungen gar nicht vorhanden ist.

Früherkennung kann auch zu unnötigen bis riskanten Überbehandlungen führen, zum Beispiel wenn ein Tumor behandelt bzw. operiert wird, der im Leben des Tumorträgers gar nie zur Gefahr geworden wäre.

Darum ist es richtig und wichtig, dass Patientinnen und Patienten ausgewogen über Chancen und Risiken der Früherkennung informiert werden. Die Entscheidungen werden dadurch für sie allerdings nicht einfacher, sondern komplexer. Mehr Wissen wirft oft eine Reihe von weiteren Fragen auf, die man sonst gar nicht kennen würde. Diesen Preis muss man aber wohl bezahlen, wenn man auf Informed consent Wert legt (Informed consent = Informierte Einwilligung, siehe dazu Artikel auf Wikipedia)

 

Eine informative Einführung in das Thema „Nutzen und Schaden von Früherkennungsuntersuchungen“ hat das IQWiG auf dem Portal Gesundheitsinformation.de publiziert:

http://www.gesundheitsinformation.de/nutzen-und-schaden-von.2271.de.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

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Cannabis-Eigenanbau: Pharmazeutische Bedenken

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Das Verwaltungsgericht in Köln hat vor kurzem entschieden, dass Schmerzpatienten in Ausnahmefällen Cannabis zu Therapiezwecken selbst zu Hause anbauen dürfen.

Der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer, äusserte sich nun kritisch zu diesem Urteil. Wenn Cannabis gegen Schmerzen eingesetzt werde und die Funktion eines Arzneimittels habe, dann müsse es auch wie ein Arzneimittel behandelt werden, sagte er. Cannabis solle vom Arzt verordnet, von der Krankenkasse bezahlt und von der Apotheke unter kontrollierten Bedingungen abgegeben werden.

Der BAK-Präsidenten verlangt zudem strenge Qualitätskontrollen. Vom Anbau bis zur Anwendung müssten an Cannabisblüten die Standards angelegt werden, die für alle Arzneimittel gelten. Sie müssten daher entweder ein herkömmliches Zulassungsverfahren durchlaufen oder eine Monographie, wie der Deutsche Arzneimittel-Codex, müsse die pharmazeutischen Qualitätsstandards eindeutig definieren. Diese Standards fehlen bisher. Bei einem Eigenanbau im Wintergarten sei die Einhaltung der für Arzneimittel üblichen Qualitätsstandards daher nicht gewährleistet, betont Kiefer. Die BAK möchte sich erst detailliert zum Entscheid des Verwaltungsgerichts äußern, wenn die Urteilsbegründung vorliegt.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=53289

Kommentar & Ergänzung:

Man kann natürlich sagen, dass die Zulassung des Eigenanbaus von Cannabis für die Apothekenbranche ein Umsatzverlust ist (wenn auch zum jetzigen Zeitpunkt nur ein kleiner).

Die Einwände des BAK-Präsidenten auf diesen kommerziellen Aspekt hin festzulegen greift aber zu kurz.

Ja, Arzneimittel sollten gewissen Qualitätsstandards unterliegen.

Und ja, beim Eigenanbau sind die Dosierungen und die Konzentration von relevanten Inhaltsstoffen wie THC und Cannabidiol alles andere als klar.

Und ja, der Weg via Verschreibung, Bezug über die Apotheke und Vergütung durch die Krankenkasse wäre sicherer.

Andererseits haben gerade Patienten mit chronischen Krankheiten wie Multipler Sklerose oft viel Erfahrung mit ihrem Cannabis-Eigenanbau und können die Wirkung ihrer Pflanzen gut einschätzen. Kaufen sie Cannabis auf dem Schwarzmarkt, sind sie bezüglich Qualität und Wirkstoffkonzentration viel grösseren Schwankungen und Ungewissheiten ausgesetzt.

Dass man Patientinnen und Patienten, die zu therapeutischen Zwecken Cannabis anbauen, entkriminalisiert ist meines Erachtens eine Frage der Menschenwürde.

Die eigene Hanfplantage zuhause für jeden Schmerzpatienten ist allerdings auch keine Lösung. Das Gericht in Köln hat deshalb den bewilligten Eigenanbau als „Notlösung“ bezeichnet.

Die Politik ist nach wie vor gefragt, nach gangbaren Wegen zu suchen.

Zum Entscheid des Kölner Gerichts und zur Situation betreffend legaler Anwendung von Cannabis als Arznei in der Schweiz siehe:

Gericht erlaubt Schmerzpatienten Eigenanbau von Cannabis 

Zur medizinischen Anwendung von Cannabis:

Cannabis als Arznei

Weitere Beiträge zur medizinischen Anwendung von Cannabis, aber auch zu Risiken und Nebenwirkungen, finden Sie über die Suchfunktion in diesem Blog.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt?

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Unter dem Titel „Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt“ berichtet die Sendung „Kontext“ auf Radio DRS 2 über das Thema „Komplementärmedizin und Placebo“.

Quelle: http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/5005.sh10168514.html

Ich habe mir den dazu publizierten Text auf der DRS2-Website genauer angeschaut.

„Kontext“ – eine Sendung, die ich sehr schätze – stellt darin wichtige Fragen, lässt meines Erachtens aber auch entscheidende Fragen weg.

Eingangs stellt „Kontext“ fest:

„Die Diskussion in der Schweiz rund um die Komplementärmedizin ist gross. Alternative Behandlungen wirkten nicht besser als ein Placebo, wird oft bestätigt. Was wäre denn so schlimm daran?“

Eine interessante Frage. „Kontext“ schlägt auch den Bogen zur aktuellen Auseinandersetzung um die Aufnahme der Komplementärmedizin-Verfahren in die Grundversicherung:

„Vielleicht sollte die Diskussion um Sinn und Unsinn von medizinischen Therapien auch in der Schweiz stärker auf den Nutzen für den Patienten fokussieren, Placebo-Kontrolle hin oder her. Anders wird sich der Zwist um die Vergütung und Bewertung komplementärmedizinischer Verfahren wohl nicht lösen lassen.“

Heisst das nun, dass der Zwist um die Vergütung von Komplementärmedizin sich lösen lässt, wenn auch der reine Placebo-Effekt bezahlt wird?

Schauen wir uns die Argumentation Schritt für Schritt an. Den Kontext-Text von der Radio-DRS-Website setze ich kursiv, anschliessend folgt jeweils mein Kommentar.

„’Wer heilt hat recht‘, sagt der Volksmund. Doch was genau heisst «heilen»? Wie kann man wissen, ob ein Medikament, eine Therapie, ein medizinischer Eingriff tatsächlich wirkt – sei er nun schul- oder komplementärmedizinisch?“

Kommentar: Wichtiger Punkt. Wer heilt hat nur Recht, wenn er oder sie wirklich heilt und es nicht nur behauptet. Therapeutinnen und Therapeuten jeder Couleur neigen dazu, auch die Wirkung der Selbstheilungskräfte der eigenen Methode gut zu schreiben.

“In der wissenschaftlich begründeten Medizin, der so genannten «evidence based medicine», hat man dazu eine einfache Antwort gefunden: Das Medikament, die Therapie, der medizinische Eingriff muss in einer placebokontrollierten Studie getestet werden, muss also besser wirken als eine Scheinbehandlung, als ein Placebo.“

Kommentar: Das ist allerdings alles andere als eine einfache Antwort. Es gibt Studien unterschiedlicher Qualität und mit widersprüchlichen Ergebnissen. Im Bereich der Phytotherapie ist das gut ersichtlich bei Heilpflanzen wie Echinacea oder Ginkgo. Die „evidence based medicine“ wertet deshalb mehrere Studien zum gleichen Thema in Metastudien aus, und versucht daraus Schlussfolgerungen mit grösserer Plausibiliät zu ziehen. Und es gibt sogar widersprüchliche Ergebnisse bei Metastudien zum gleichen Thema. Einfache Antworten zur Wirksamkeit gibt es dagegen in der Komplementärmedizin zuhauf. So behauptet beispielsweise das Bundesamt für Gesundheit, es beurteile die Wirksamkeit von Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin nicht einzeln, wenn es um die Zulassung zur Grundversicherung geht, sondern in Arzneimittelgruppen. Wie das genau abläuft, kann das BAG aber nicht darlegen. Eine vollkommen intransparente Pseudowirksamkeitsprüfung. Wenn also jemand eine (allzu) „einfache Antwort“ auf die Frage nach der Wirksamkeit gefunden hat, dann das BAG beim Thema Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit als Arzneimittelgruppe zu beurteilen, das ist einfach eine Verarschung und zudem wohl kaum konform mit den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes.

„Bedeutet das zwangsläufig, dass die komplementärmedizinischen Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder traditionelle chinesische Medizin wertlos sind? «Das mag zwar manchmal Sinn machen. Aus Labor- und klinischen Studien wissen wir aber auch, dass der Placebo-Effekt selber durchaus heilsam sein kann», sagt der Placebo-Spezialist Frank Miller vom National Institute of Health in den USA.“

Kommentar: Ja, keine Frage. Auch der Placebo-Effekt ist wertvoll. Das bestreitet aber wohl niemand im Ernst.

„In der Tat zeigen komplementärmedizinische Verfahren meist keine bessere Wirkung als Placebo. Zum Beispiel kam eine Studie, bei der Anwendung von Akupunktur gegen Kopfschmerzen untersucht wurde, zum Schluss, dass gegenüber der Schein-Akupunktur, bei der die Nadeln an beliebigen Orten in den Körper geführt werden, kein Wirkungsunterschied besteht. Aber: Akupunktur wirkte gegen Kopfschmerzen tendenziell besser als Medikamente, so Klaus Linde, Mediziner und Epidemiologe an der technischen Universität München und langjähriger Erforscher der Komplementärmedizin.“

Kommentar: Dazu ist vorerst einmal festzuhalten, dass Akupunktur schon bisher von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt wird. Darum kann es also nicht gehen.

Wenn Akupunktur gleich gut oder besser ist als Medikamente, dann soll Akupunktur bezahlt werden. Eigenartigerweise beruft sich „Kontext“ hier aber auf eine Vergleichsstudie, obwohl der Text sonst die Relevanz von Studien in Frage stellt.

Ich bin für klare, gerechte, transparente Regeln. Auf grund der Vergleichsstudie, aber auch wenn der Nutzen für den Patienten zum entscheidenden Kriterium wird, wie „Kontext“ das vorschlägt, dann muss Scheinakupunktur genauso bezahlt werden wie Akupunktur nach TCM-Lehre. Dann ist nicht einzusehen, weshalb man für teures Geld ein TCM-System mit Energiebahnen, Meridianen etc. lernen muss, wenn der Nutzen mit Scheinakupunktur genauso gross ist. Warum fordert niemand die Vergütung von Scheinakupunktur via Grundversicherung?

Nun zu den meines Erachtens entscheidenden Fragen, die „Kontext“ nicht stellt.

Wenn für die Aufnahme in die Grundversicherung das Kriterium „besser als Placebo“ fallen gelassen wird, und der „Nutzen für den Patienten“ zum Kriterium wird, stellen sich folgende Fragen bzw. Probleme:

1. Die Krankenkasse zahlt aus der Grundversicherung dann also auch den reinen Placeboeffekt. Für den Patienten ist dieser selbstverständlich fraglos wertvoll. Allerdings hat praktisch jede Heilmethode einen Placeboeffekt. Gerechterweise muss dann die Krankenkasse jede Methode zahlen.

2. Der „Nutzen für den Patienten“ ist ein nicht ganz einfach zu fassendes Phänomen. Wer den Nutzen als Kriterium propagiert, müsste auch klar darlegen, wie dieser Nutzen bestimmt werden soll. Mir hilft Pilates. Ich werde unter den Pilates-Übenden locker ein paar Tausend Leute finden, die den Nutzen dieser Bewegungsmethode bestätigen.  Im übrigen wäre es vor ein paar hundert Jahren auch ein leichtes gewesen, mit einer Umfrage den Nutzen der Aderlass-Methode darzulegen. Denn alle, die diese Intervention über sich ergehen liessen, waren von ihrem Nutzen wohl überzeugt. Für mich sehe ich keinen Nutzen in Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin, in Pilates aber schon. Wenn also der Nutzen als Kriterium entscheidet: Warum wollen mir Politikerinnen und Politiker vorschreiben, dass ich komplementär Homöopathie, Neuraltherapie, Traditionelle chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin oder Phytotherapie (die gar nicht zur Komplementärmedizin gehört) via Grundversicherung nutzen darf, Pilates aber nicht?

3. Das Kriterium „Nutzen“ ist etwa ähnlich schwammig und nebulös wie das Kriterium „Alltagswirksamkeit“. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat angekündigt, sich vermehrt am Kriterium „Alltagswirksamkeit“ zu orientieren, nachdem das Kriterium „wirksamer als Placebo“ durch populistische Politikerinnen und Politiker unter Druck geraten ist.

Quelle: http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878

„Nutzen“ und „Alltagswirksamkeit“ sind Beliebigkeitskriterien. Zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV) ein prägnantes Zitat:

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html

Das Kriterium „Nutzen“ scheint mir eine vergleichbare Nebelgranate wie „Alltagswirksamkeit“.

4. Der Placebo-Effekt ist wertvoll. Es gibt aber viele Krankheiten, bei denen ein Placebo-Effekt allein nicht reicht. Beispielsweise Krebs, Diabetes, AIDS, Borreliose, Parkinson, Malaria. Bei solchen Krankheiten ist es meines Erachtens entscheidend Medikamente zu finden, die besser wirken als Placebo. Und das geht nur durch den Vergleich mit Placebo. Dieser Aspekt geht leicht verloren, wenn man den „Kontext“-Text liest, der die positive Wirkung des Placebo-Effekts ins Zentrum stellt. Studien, in denen die Wirkung eines Heilmittels mit der Wirkung eines Placebos verglichen wird, werden von manchen Kreisen aus Komplementärmedizin und Alternativmedizin diffamiert, weil sie dadurch ihre Methoden und Überzeugungen bedroht sehen. Das ist ein Immunisierungsstrategie, die gegen Kritik schützen soll. „Kontext“ fährt meines Erachtens auf diesem „Diffamierungszug“ mit. Das halte ich für falsch, weil es kein besseres Mittel gibt für Fortschritte in der Medizin wie gut gemachte Doppelblind-Studien.

5. Wenn alle Heilmethoden und Heilmittel einen Placebo-Effekt enthalten: Was spricht dann dagegen, trotzdem für die Vergütung via Grundversicherung daran festzuhalten, dass ein Mittel besser wirken soll als Placebo? Es ist doch die Alternative: „Placebo“ oder „Placebo plus spezifische Wirkung“, die zur Wahl steht. Also warum nicht ein Mittel, das beides bietet? Weshalb plädiert „Kontext“ – wenn ich das richtig versteht – für die verstärkte Berücksichtigung von „Nur Placebo“ statt für „Placebo plus spezifische Wirkung“? Das würde meiner Ansicht nach nämlich bedeuten: Wenn Firma XY behauptet, ihr Heilmittel Z. wirke gegen Krebs, dann müsste die Grundversicherung Z. bezahlen, wenn Z. (wie jedes Mittel) einen Placebo-Effekt hat und (wie jedes Mittel, das einen Placebo-Effekt hat) einen Nutzen darlegen kann. Auf die Forderung nach einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus wird somit verzichtet.

Der Kern dieser fraglichen Punkte ist meines Erachtens:

Wer für die Abrechnung via Grundversicherung auf die Forderung verzichten will, dass ein Heilmittel oder eine Heilmethode zusätzlich zum Placebo-Effekt noch eine spezifische Wirkung hat, wer also auch nur den reinen Placebo-Effekt aus der Grundversicherung zahlen will, wenn ein „Nutzen“ gegeben ist, der muss sehr genau darlegen, was er oder sie genau unter „Nutzen“ versteht und wie dieser „Nutzen“ erfasst und bewertet wird. Denn weil jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Placebo-Effekt hat, hat auch jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Nutzen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Komplementärmedizin: Expertenkommission lehnt Aufnahme in die obligatorische Krankenkassen-Grundversicherung ab

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Die Eidgenössische Leistungskommission (ELGK) empfiehlt Bundesrat Didier Burkhalter, keine der fünf zur Diskussion stehenden alternativen Heilmethoden wieder in die Grundversicherung aufzunehmen.
Der Tages-Anzeiger meldet am 8. 12. 2010:

„Man sei zum Schluss gekommen, dass weder die Homöopathie noch die Neuraltherapie, die Phytotherapie, die chinesische oder die anthroposophische Medizin  wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich genug seien, um von der Krankenkasse bezahlt zu werden. Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.
Definitiv entscheiden muss diese Frage nun Gesundheitsminister Didier Burkhalter.“

Kommentar & Ergänzung:

1. Zur sorgfältigen Beurteilung dieser Empfehlung der ELGK müsste die detaillierte Begründung vorliegen. Es ist zu hoffen, dass diese Begründung rasch publiziert wird.

2. Anerkennenswert ist meines Erachtens, dass die ELGK dem populistischen Druck aus dem Parlament stand gehalten hat. Parlamentsmitglieder wie beispielsweise Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG), aber auch die ehemalige Ständerätin und jetzige Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) stellen meines Erachtens die Lage sehr verzerrt dar. Sie erwecken den Eindruck, dass die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementärmedizin über alle Zweifel erhaben sei, und nur missgünstige und böswillige Behörden dies nicht zur Kenntnis nehmen.
Beispiele siehe:

Falschaussage von Simonetta Sommaruga

Fragen an Ständerat Rolf Büttiker

Damit wird meines Erachtens die Öffentlichkeit getäuscht. Den Stimmberechtigten wurde schon bei der Abstimmung vorgegaukelt, mit der Annahme des Verfassungsartikels zur Förderung der Komplementärmedizin sei die Wiederaufnahme der fünf Komplementärmedizin-Methoden zu erreichen. Unterschlagen wurde dabei, dass die Forderung des Krankenversicherungsgesetzes – Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit – damit nicht einfach aufgehoben werden.
Der populistische Druck auf das Bundesamt für Gesundheit, wie er in den letzten Wochen zum Beispiel von Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) aufgebaut wurde, ist meines Erachtens ein Druck, sich über das Krankenversicherungsgesetz hinweg zu setzen. Genauso wie schon seit Jahren Präparate der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin ohne Wirksamkeitsnachweis über die Grundversicherung abgerechnet werden, obwohl dafür eine gesetzliche Grundlage bisher nicht ersichtlich ist.
Siehe dazu: Bundesamt für Gesundheit: Nebulöse Bevorzugung von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin

3. Der vom KVG geforderte Wirksamkeitsnachweis ist nur zum kleinen Teil erbracht

Der Nachweis der Wirksamkeit, wie sie das Krankenversicherungsgesetz fordert, ist in der Komplementärmedizin über weite Strecken nicht erbracht, auch wenn Ständerat Rolf Büttiker und Nationalrätin Yvonne Gilli das anders darstellen und dadurch meines Erachtens die Öffentlichkeit fälschlicherweise aufputschen.

In der Anthroposophischen Medizin beispielsweise ist die Misteltherapie bei Krebs mit grossem Abstand am besten untersucht. Stellungnahmen von Medizinerinnen und Medizinern aus der komplementärmedizinischen Onkologie und systemische Auswertungen der vorliegenden Studien zeigen aber, dass die Wirksamkeit dieser Behandlung keineswegs so klar gesichert ist, wie es die Komplementärmedizin-Lobby darstellt.

Siehe dazu: Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Im Bereich der Homöopathie hat das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin eine kompakte Zusammenfassung des gegenwärtigen Stand der Forschung publiziert:

http://www.charite.de/epidemiologie/downloads/Informationen_Homoeopathie.pdf

Es handelt sich hier um eine homöopathiefreundliche Interpretation. Der Lehrstuhl von Prof. Claudia Witt wird von der Karl und Veronica Carstens Stiftung finanziert, deren Zweck die Förderung der Homöopathie-Forschung ist. Homöopathiekritische Interpretationen kommen zu negativeren Ergebnissen.

Von der Carstens-Stiftung unterstützt wird auch Tobias Nuhn, der in seiner Dissertation schreibt:

„Mögliche Konsequenzen für die zukünftige Beurteilung der Ergebnisse placebokontrollierter Studien zur klassischen Homöopathie: In der hier vorgelegten Studie variierte die Größe des Placeboeffekts zwar deutlich zwischen einzelnen Studien (abhängig vom betrachteten Erkrankungstyp, der Studiendauer etc.), jedoch nicht im Sinne eines grundsätzlich größeren Placeboeffektes in Studien der klassischen Homöopathie. Die Untersuchungsergebnisse sprechen daher für die herkömmliche Auffassung und Nullhypothese dieser Arbeit, dass der Placeboeffekt bei vergleichbarem Design in homöopathischen und konventionellen Studien ähnlich groß ausfällt. Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

(Verum  = das zu testende Medikament im Gegensatz zum Scheinmedikament / Placebo; M.K.)

Quelle: http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-16135/Tobias%20Nuhn%2C%20Dissertation.pdf

Aus:   Die Placebo-Problematik in klinischen Studien der Klassischen Homöopathie, Dissertation von Tobias Nuhn, S. 85

Entscheidend ist der letzte Satz:
„Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

Mit anderen Worten: Der Effekt der Globuli ist nicht ausreichend gross, um einen Wirksamkeitsnachweis zu ermöglichen.

Die Aussagen von Witt und Nuhn zeigen, dass auch die Wirksamkeit der Homöopathie nicht annähernd so eindeutig belegt ist, wie die Komplementärmedizin-Lobby dies darstellt. Und diese beiden Fachleute können nicht einfach als „Homöopathie-Feinde“ verunglimpft werden, wie dies die“Homöopathie-Szene“ gerne mit Kritikern macht.

Zu diesem Punkt möchte ich allerdings festhalten: Dass die Anwendung von Homöopathie in manchen Fällen mit einer Besserung einhergeht, scheint mir nicht  zu bezweifeln. Dies abzustreiten würde einfach der Erfahrung vieler Menschen entgegenlaufen. Dass eine solche Besserung mit einer spezifischen Wirkung der Globuli zusammenhängt, konnte bisher nicht gezeigt werden. Die Zusammenfasung der Charité deutet an, dass ein grosser Teil der Wirkung von therapeutischen Kontext stammen könnte. Nun kann man natürlich argumentieren, dass es für Patientinnen und Patienten unwichtig ist, ob die Wirkung vom Globuli, vom therapeutischen Kontext, von den Selbstheilungskräften oder ähnlichen Einflüssen herkommt.

Für die Entscheidung, welche Leistungen durch die Grundversicherung zu bezahlen sind, ist die Frage aber nicht so leicht zu umgehen. Lässt man nämlich das Kriterium einer spezifischen und durch Studien belegten Wirkung weg, dann gelten sollen. Einfach zu sagen: „Bezahlt wird, was dem Patienten gut tut“, ist zwar auf den ersten Blick einleuchtend, als Kriterium aber überhaupt nicht fassbar.

Auf dieser Basis scheint mir jedenfalls die Polemik gegen den Entscheid der ELGK nicht angemessen.

4. Kassenpflicht nicht ohne Änderung des Krankenversicherungsgesetzes

Wichtig in der Meldung des „Tages-Anzeigers“ ist folgender Satz:
„Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.“

In diese Richtung äussert sich auch Markus Moser. Er arbeitete von 1987 bis 1997 als Leiter der Hauptabteilung Kranken- und Unfallversicherung im Bundesamt für Sozialversicherungen. Der Jurist gilt als Vater des 1996 in Kraft getretenen Krankenversicherungsgesetzes (KVG).

Im Interview mit der „Berner Zeitung“ hält Moser fest, dass der Verfassungsartikel zur Komplementärmedizin nicht klar formuliert ist und er empfiehlt das Krankenversicherungsgesetz zu ändern.

Im Artikel steht nur: „Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin.“

Markus Moser weißt zudem auf zwei Stellen im Abstimmungsbüchlein hin:

„Einige Parlamentarier sprachen sich für die Aufnahme wirksamer Methoden der Komplementärmedizin in den Leistungskatalog der Grundversicherung aus. Es bestand weitgehend Übereinstimmung darüber, dass auch komplementärmedizinische Leistungen den Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu genügen haben.“

„Sollten jedoch für Komplementärmedizin andere Kriterien gelten oder der Nachweis für Wirksamkeit nach einem anderen Verfahren erbracht werden, müsste das Gesetz entsprechend angepasst werden.“

Quelle: http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Markus-Moser-Der-Verfassungsartikel-ist-nicht-klar/story/25207479

Statt populistisch Druck auf das BAG zu machen, damit dieses das Krankenversicherungsgesetz übergeht, sollten die Befürworter der Komplementärmedizin im Parlament selber Verantwortung übernehmen  und das Krankenversicherungsgesetz in ihrem Sinne ändern.

Das Parlament hat es in der Hand, das Kriterium „Wirksamkeit“ als Bedingung für die Aufnahme in die Grundversicherung abzuschaffen.

Allerdings müssen dann diejenigen Parlamentsmitglieder, die jetzt wie zum Beispiel Rolf Büttiker und Yvonne Gilli so laut ausrufen, offenlegen, nach welchen Kriterien sie entscheiden, was von der Grundversicherung bezahlt wird und was nicht. Das wird dann aber eine heisse Diskussion, denn es ist ziemlich schwierig, transparente und nachvollziehbare Kriterien zu finden, wenn man wissenschaftliche Kriterien ausklammert.
Anstelle der bisherigen Kriterien WZW (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) könnte das Parlament ja, wenn es konsequent die Verantwortung übernehmen würde, umstellen auf BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Oder BZW (Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Hört man die aktuellen Stellungnahmen aus dem Parlament zur Empfehlung der ELGK, so wäre dies nur folgerichtig.

Eine ernsthafte Diskussion würde sich aber inhaltlich und differenziert mit den einzelnen Methoden auseinandersetzen und nicht einfach pauschal mit dem wohl klingenden Schlagwort „Komplementärmedizin“ operieren.

Siehe dazu: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Komplementärmedizin auf dem Weg in die Grundversicherung? Mission impossible?

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Die „Weltwoche“ veröffentlichte am 4. 11. 2010 online einen Artikel unter dem Titel „’Mission impossible’ bei der Komplementärmedizin“. Autor Alex Reichmuth schreibt:

„ Die Bundesverwaltung muss entscheiden, wie weit alternative Heilmethoden in der Grundversicherung berücksichtigt werden. Sie steht vor einem unerfüllbaren Auftrag.“

Das sehe ich genau so. Weiter schreibt die „Weltwoche“:

„Die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind nicht zu beneiden. Im letzten Jahr hat das Stimmvolk mit 67 Prozent Ja entschieden, dass fünf alternative Heilmethoden im Gesundheitswesen stärker berücksichtigt werden sollen. Bis Ende Jahr muss das BAG nun entscheiden, ob und wie weit die Leistungen der Homöopathie, der Neuraltherapie, der Phytotherapie, der anthroposophischen Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin Aufnahme in die Krankengrundversicherung finden. Das Problem dabei ist, dass die Wirkung von Leistungen, die die Krankenkasse übernimmt, nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein muss. So verlangt es das Gesetz.“

Wie wahr. Das BAG ist tatsächlich nicht zu beneiden, denn es steht massiv unter Druck und befindet sich in einem kaum lösbaren Dilemma.

Druck kommt von diesem Volksentscheid im Mai 2009, bei dem 67 % der Stimmenden für einen Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin votierten. Der Verfassungsartikel ist zwar vage formuliert. Er verlangt eine Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch Bund und Kantone und sagt nichts über konkrete Methoden aus. Doch die Befürworter der Vorlage im Parlament versprachen, dass bei einem JA die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung aufgenommen würden. Und sie blendeten dabei einfach aus, dass das Krankenversicherungsgesetz auch weiterhin „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit (WZW)“ als Bedingung für eine Aufnahme in die Grundversicherung fordert.

Genauer gesagt: Sie gingen wohl fraglos davon aus, dass die fünf Methoden diese Kriterien erfüllen, was ziemlich naiv ist. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wurden meiner Ansicht nach hier in die Irre geführt.

Dazu kommt noch, dass die Stimmenden nur marginalst über die Thematik im Bilde waren. Die meisten Leute, die ich gefragt habe, gingen davon aus, dass es bei der Abstimmung darum gehe, dass Medikamente beispielsweise der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Krankenkassen bezahlt würden. Dabei werden diese Präparate schon seit 1996 von der Grundversicherung bezahlt – und zwar befreit vom Wirkungsnachweis und ohne ersichtliche gesetzliche Grundlage. Ganz abgesehen davon, dass viele Leute kaum den Unterschied zwischen einem Kamillentee und einem Homöopathikum kennen…….

Unter Druck kommt das BAG auch aus dem Parlament. Hier kommt die andauernde Forderung nach pauschaler Aufnahme dieser fünf Komplementärmedizin-Methoden, wieder unter Ausblendung der Tatsache, dass die vom Gesetz geforderte Wirksamkeit keineswegs so pauschal feststeht. Würde das Parlament seine Verantwortung wahrnehmen, dann würde es statt in populistische Rhetorik zu verfallen das Krankenversicherungsgesetz ändern und das Kriterium „Wirksamkeit“ streichen – und nicht den Schwarzen Peter einfach ans BAG weiterreichen. Die Parlamentsmehrheit reitet meines Erachtens auf einer Populismuswelle: Das “Volk“ will Komplementärmedizin. also geben wir ihm, was es wünscht. Dabei geht jede differenzierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema unter.

Die „Weltwoche“ schreibt in ihrem Artikel:

„ Die Unterscheidung in Schulmedizin und Komplementärmedizin ist im Grunde eine einfache: Alles, was auf Wissenschaftlichkeit beruht, zählt zur Schulmedizin. Wo es hingegen nur um behauptete Wirkungen geht, die wissenschaftlich nicht belegt sind, handelt es sich um Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit der Homöopathie beispielsweise kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Aufgrund des Konzepts der Homöopathie ist auch nicht zu erwarten, dass je eine Wirksamkeit belegt werden kann, die über den Placeboeffekt hinausgeht. Damit komplementär-medizinische Leistungen in den Grundversicherungskatalog kommen, müsste somit die Wirksamkeit von Methoden nachgewiesen werden, die wissenschaftlich eben nicht nachweisbar sind.“

Auch wenn das viele Leute, die der Komplementärmedizin nahestehen, nicht gerne hören: Alex Reichmuth bringt hier das Problem absolut auf den Punkt. Ich würde einzig die Verwendung des Begriffs „Schulmedizin“ in Frage stellen. Dieser diffamierende Kampfbegriff aus Homöopathie und Nationalsozialismus sollte meines Erachtens nicht mehr verwendet werden oder allenfalls noch zwischen Anführungs- und Schlusszeichen. Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Was kann das BAG tun?

„ Das Bundesamt für Gesundheit hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten: Es hält sich an das Gesetz und lehnt die Aufnahme alternativer Heilmethoden in die Grundversicherung vollumfänglich ab. Damit handelt es aber gegen den Volkswillen. Oder es respektiert den Volkswillen und nimmt die fünf Methoden auf. Das ist aber gegen das Gesetz und damit illegal.“

Das sehe ich etwas anders. Es gibt durchaus einen grösseren Bereich in der Phytotherapie, der wissenschaftlich anerkannt ist und das Kriterium der Wirksamkeit erfüllt. Nicht ganz ohne Grund gehen (unbestätigte) Gerüchte um, wonach die Phytotherapie für eine Aufnahme in die Grundversicherung vorgesehen sei. Der Clou dabei ist allerdings:

1. Fachlich gibt es meines Erachtens kaum Gründe, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode auftaucht, scheint mir Folge von cleverem Lobbying im Hinblick auf die Abstimmung vom Mai 2009. Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

2. Sehr fraglich ist, was die Aufnahme der Phytotherapie in die Grundversicherung bringen würde. Kaum ein Arzt oder eine Ärztin wird Phytotherapie als Methode abrechnen. Üblich wird weiterhin sein: Es wird eine normale ärztliche Anamnese und Diagnostik gemacht, und am Schluss steht ein Entscheid, statt eines synthetischen Medikamentes ein Phytotherapeutikum zu verschreiben. Phytopharmaka, deren Wirkung durch Studien belegt ist, werden auch heute schon durch die Grundversicherung bezahlt (im Gegensatz zu den vom Wirksamkeitsnachweis befreiten Präparaten aus Homöopathie  und Anthroposophischer Medizin, die wie schon erwähnt ohne Wirksamkeitsnachweis bezahlt werden). Also wird da kaum etwas ändern.

Allenfalls profitiert die Phytotherapie beim Image, wenn sie in die Grundversicherung aufgenommen wird. Und es gibt möglicherweise den einen oder anderen Professorenposten für Vertreter der akademischen Phytotherapie.

Die Homöopathie zum Beispiel würde von einer Aufnahme in die Grundversicherung profitieren, weil ihre langen Gespräche unter dem Titel „Homöopathie“ dann abgerechnet werden könnten. Da wäre mein Vorschlag aber, dass allen Ärztinnen und Ärzten eine solche Gesprächszeitspanne zugestanden und bezahlt wird. Dann hätten nämlich alle gleich lange Spiesse und als Patient kann ich dann wählen, ob ich diese Gesprächszeit zum Beispiel  für Homöopathie, Information oder psycho-soziale Beratung einsetzen will. Dass mehr Zeit für Gespräch, Beratung und Information sich günstig auf die Behandlung und den Therapieerfolg auswirkt, scheint mir jedenfalls gut belegt.

„ Konsequenterweise müsste die Bundesverwaltung den unerfüllbaren Auftrag, über die Aufnahme der fünf alternativen Heilmethoden zu entscheiden, dem Bundesrat zurückgeben. Wäre auch der Bundesrat konsequent, müsste dieser das Parlament anschliessend beauftragen, den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit aus dem Gesetz zu streichen, um dem Volkswillen nachkommen zu können. In Zukunft wäre Wissenschaftlichkeit bei der Krankengrundversicherung somit kein Kriterium mehr.“

Dann hätten wir statt WZW neu BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

„ Auch Anbieter von allerlei Voodoomedizin hätten die Chance, bald von der Kasse bezahlt zu werden: vom Handaufleger über den Geistheiler bis zu Uriella mit ihrem Badewasser. Würden diese Konsequenzen offen und transparent kommuniziert, gäbe es wohl einen grossen – und heilsamen – Aufschrei: Die Öffentlichkeit würde erkennen, welch unsinniger Volksentscheid 2009 getroffen wurde.“

So krasse Beispiele wie Uriella’s Badewasser würde ich hier zwar nicht wählen. Aber tendenziell sehe ich diesen Punkt sehr ähnlich. Wir hätten dann BZW im Sinne von: Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit.

Die Frage ist wirklich und sehr ernsthaft: Welche Kriterien haben wir für die Aufnahme in die Grundversicherung, wenn wissenschaftlich geklärte Wirksamkeit wegfällt.

Nebelbegriff Alltagswirksamkeit

Das BAG in seinem heillosen Dilemma möchte nun  „Alltagswirksamkeit“ als Kriterium einführen.

(http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878)

„Alltagswirksamkeit“ ist nun genau ein solches Beliebigkeits-Kriterium. Für mich ist im Alltag Pilates wirksam. Warum soll – wenn Alltagswirksamkeit Kriterium ist – meine Pilates-Lektion nicht auch aus der Grundversicherung bezahlt werden?

Eine sehr prägnante Stellungnahme zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerische Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV):

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

(Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html )

Bisher ist es mir nicht gelungen, vom BAG eine Stellungnahme zu bekommen dazu,  wie denn diese Alltagswirksamkeit festgestellt werden soll. Ich bleibe aber dran.

Ich bin ja sehr gespannt, wie dieses Dilemma gelöst oder umgangen wird. Die Probleme, die bei der Umsetzung dieses Verfassungsartikels noch auf uns zu kommen werden, haben vor allem damit zu tun, dass schon im Vorfeld dieser Abstimmung sehr einseitig informiert wurde und Wunschdenken die Stellungnahmen beherrschte.

Verschärft werden die Probleme dadurch, dass im Parlament beim Thema Komplementärmedizin Anhängerinnen und Anhänger von Homöopathie und Anthroposopischer Medizin federführend sind. Eine kritische Reflexion auch über die Schwachpunkte dieser Methoden ist hier nicht erkennbar. Der überwiegende Teil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier hat  aber keinen Schimmer von den Methoden, um welche es da geht – und surft einfach auf der Populismuswelle.

Quelle:

http://www.weltwoche.ch/onlineexklusiv/details/article/mission-impossible-bei-der-komplementaermedizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Komplementärmedizin: Populistische Sprüche aus der Politik

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Wie in der Schweiz, ist auch in Deutschland der Bereich Komplementärmedizin auf der politischen Ebene überwiegend in der Hand von Populistinnen und Populisten.

Es herrscht eine ziemlich naive und undifferenzierte Vorstellung von der sanften, wunderbaren Komplementärmedizin, die nur Gutes tut und ach so menschenfreundlich ist.

Ein Beispiel dafür lieferte vor kurzem die Gesundheitsministerin von Sachsen. „Bild“ berichtete:

„Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) sieht Homöopathie auf dem Vormarsch. ‚Die Alternativmedizin hat sich innerhalb von 40 Jahren in der deutschen Gesellschaft positiv und fest verankert. Ein Trend, der nach wie vor andauert’, erklärte sie anlässlich der nach dem Begründer der Homöopathie benannten 14. ‚Meißner Hahnemanntage’ am Wochenende. Viele Menschen vertrauten etwa bei der Behandlung von Erkältungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen und Hautkrankheiten auch auf alternative Heilmethoden. Entscheidend sei, was dem Patienten hilft – und ‚nicht die Frage Schul- oder Komplementärmedizin’. Clauß nannte dies ‚zwei Wege, ein Ziel’.“

Quelle:

http://www.bild.de/BILD/regional/leipzig/dpa/2010/04/11/ministerin-sieht-homoeopathie-auf-dem-vormarsch.html

Kommentar & Ergänzung:

Entscheidend sei, was dem Patienten hilft. Das ist einer von diesen tollen, gut klingenden Politikersprüchen, die konkret kaum etwas aussagen und die man auch in die Runde werfen kann ohne vorgängige Auseinandersetzung mit dem Thema.

Entscheidend wäre nämlich die Frage:

Wie stellt man fest, was dem Patienten hilft?

Bei jeder Behandlung trägt ein Placebo-Effekt mehr oder weniger stark zur Besserung bei.

Der überwiegende Anteil der Beschwerden bessert auch ohne Behandlung.

Gerade bei den von Christine Glauss als erfolgreiche Beispiele aufgeführten Erkältungen und  Kopfschmerzen handelt es sich normalerweise um selbstlimitierende Krankheiten. Sie bessern auch ohne Therapie. Auch Kreislaufstörungen verschwinden normalerweise wieder, andernfalls landet man ziemlich schnell auf einer Intensivstation.

Und zu chronischen Verläufen gehört erfahrungsgemäss ein Auf und Ab. – beispielsweise bei den von Glauss erwähnten Hauterkrankungen. Ob eine Besserung der Therapie zu verdanken ist oder nur einer natürlichen vorübergehenden Aufhellung im Krankheitsverlauf, lässt sich in der Regel nicht so einfach feststellen.

Werden nun alle diese Faktoren einfach der angewandten Behandlungsmethode gut geschrieben, ist das nicht sauber und nicht ehrlich. Genau dies geschieht aber sehr oft im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin. Vermieden wird damit eine differenzierende Betrachtungsweise, auch von Politikerinnen und Politikern, die pauschalisierend und simplizisitisch verkünden, dass schon richtig sei, was dem Patienten hilft.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es darum geht, ob eine Methode von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll. Gilt hier auch der naive Grundsatz, dass bezahlt wird, was dem Patienten hilft? Ohne weitere Kriterien?  Ohne Differenzierung zwischen  Effekten, die ein Medikament bzw. eine Therapie für sich bewirkt, und Besserung bringenden Kontextfaktoren wie Placebo-Effekt, Selbstheilkung, schwankender Krankheitsverlauf?

Dann würde ich sagen: Mir hilft Pilates, also möchte ich Pilates von der Grundversicherung bezahlt haben. Anderen tut vielleicht eine Wallfahrt nach Lourdes gut. Wenn entscheidend ist, was dem Patienten hilft, müsste die Wallfahrt von den Krankenkassen bezahlt werden.

Entscheidend wäre eine offene, transparente Diskussion der Kriterien, nach denen entschieden wird, ob eine Therapie bzw. ein Heilmittel  von der Grundversicherung bezahlt wird. Politikerinnen und Politiker, welche nur immer wieder den simplen Satz wiederholen, dass es nur darauf ankommt, was dem Patienten hilft, vermeiden diese komplexen Diskussionen und  beschränken sich auf billigen Populismus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

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Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

– Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Sie stützt sich auf medizinische Diagnostik.

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe: Was ist Naturheilkunde?

Phytotherapie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet als fundierte Verbindung zwischen Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Studie zeigt: Diabetiker können „der Krankheit davonlaufen“

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Die meisten Diabetiker können nach einer Untersuchung des Heidelberger Sportwissenschaftlers Gerhard Huber ihre Krankheit aus eigener Kraft wirkungsvoll bekämpfen. «Diabetes mellitus Typ 2 ist tatsächlich eine Krankheit, der man regelrecht davonlaufen kann», erklärte Huber in einem Gespräch mit der dpa. Die günstige Wirkung von Bewegung auf die meisten Krankheiten sei bekannt. «In der Regel hilft Sport aber nur, den Krankheitsverlauf zu verzögern oder wirkt sich positiv auf das Allgemeinbefinden aus», sagte Huber. «Bei Diabetes kann durch ausreichende Bewegung aber tatsächlich die Uhr zurückbewegt werden.»

Der Sportwissenschaftler begleitete ein Pilotprojekt der DAK. Diese Krankenkasse bot in neun Städten spezielle Bewegungskurse für Diabetiker an, die gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie (DVGS) entwickelt wurden. An der Studie beteiligten sich 250 Diabetiker.

«Vor allem die Ausdauer der Teilnehmer war zu Beginn enorm eingeschränkt», sagte Huber. Die Leistung der Teilnehmer erreichte anfangs nur ein Drittel des Normalwertes der jeweiligen Altersgruppe. Im Verlaufe von zehn Wochen sei die Leistungsfähigkeit allerdings auf mehr als 50 Prozent gestiegen. «Aus anderen Studien wissen wir außerdem, dass regelmäßige Bewegung den Blutzuckerspiegel nachhaltig senkt», so Huber.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse will die DAK nun als erste gesetzliche Krankenkasse den Baustein Bewegung fest in das Therapiekonzept bei Diabetes Typ 2 einbauen. Dies sollte bundesweit auch von anderen Krankenkassen umgesetzt werden, betonte der Sportwissenschaftler. «Diabetiker müssen lernen, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.» Das bestehende Gesundheitssystem sei aber darauf nicht ausgerichtet. «Es gibt eine Vielzahl von Medikamenten. Die werden verschrieben – und alle sind glücklich», kritisierte Huber.

Angesichts der steigenden Anzahl von Diabetes-Erkrankungen würden dadurch viele Chancen verschenkt. «Der Arzt müsste den Patienten eigentlich Druck machen und sie zur Bewegung zwingen», sagte der Sportwissenschaftler. «Zugleich müsste er sie beraten und Angebote nennen können – dafür gibt es aber keinen Abrechnungsposten.» Zudem fehle es an Infrastruktur. Sport-Studios seien für die zirka 6,4 Millionen Menschen mit Diabetes die falsche Adresse. «Die wenden sich an Menschen, die allenfalls ein Fettpölsterchen loswerden möchten», sagte Huber. «Bei unseren Patienten geht es aber um Menschen, die Fettpolster abbauen und ihren Lebensstil umfassend ändern müssen.»

Quelle: http://www.journalmed.de/newsview.php?id=25846

Kommentar:

Ob es sinnvoll ist, wenn man Diabetikerinnen und Diabetiker zu mehr Bewegung “zwingt”, wie es Sportwissenschaftler Huber fordert, das sei hier in Frage gestellt.
Zwang ist im Umgang mit Gesundheit ein problematischer Ansatz. Er erinnert an die “Pflicht zur Gesundheit”, die im “Dritten Reich” eingefordert wurde.

Diabetes ist aber eine ernsthafte Krankheit mit zahlreichen möglichen Begleit- und Folgeerkrankungen (nach Gesundheitsbericht Diabetes 2007, auf wikipedia):

Der Gesundheitsbericht Diabetes 2007 gibt einen Überblick über die Häufigkeit des Auftretens von Begleit- und Folgekrankheiten bei 120.000 betreuten Typ-2-DiabetikerInnen:
75,2 % Bluthochdruck
11,9 % Diabetische Retinopathie
10,6 % Neuropathie
9,1 % Herzinfarkt
7,4 % periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
4,7 % Apoplex (Apoplexia cerebri, Schlaganfall)
3,3 % Nephropathie (Niereninsuffizienz)
1,7 % diabetisches Fußsyndrom
0,8 % Amputation
0,3 % Erblindung

Grundlage vieler Folgeerkrankungen sind dauerhafte Veränderungen strukturbildender Eiweiße und negative Effekte von Reparaturvorgängen, beispielsweise der ungeordneten Bildung neuer Blutgefäße oder Unterdrückung der Neubildung von Ersatzblutgefäßen bei Beschädigungen.

Kompetente und professionelle Motivation wäre daher sehr gefragt. Blosser Zwang macht es sich da auch zu einfach.

Vor allem müsste die Motivation zu mehr Bewegung nicht erst einsetzen, wenn sich ein Diabetes schon entwickelt hat. Mir ist aber klar, dass dies kein einfaches Unterfangen ist.
Arbeit und Schule, der Alltag vieler Menschen überhaupt, gestaltet sich gegenüber früher sehr viel bewegungsärmer. Andererseits gab es wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit ein derart grosses Angebot an Sportgelegenheiten und Fitnessstudios.
Letztlich wäre es wohl am sinnvollsten, wenn Bewegung wieder mehr in den normalen Alltag eingebaut werden könnte. Bewegung ist ein Grundpfeiler der Naturheilkunde.

Eine mögliche Motivation zu mehr Bewegung im Alltag sehe ich auch im Interesse an der Natur. Wer eine Beziehung zu Pflanzen und Tieren hat, wird weniger geneigt sein, jede freie Minute hinter dem Computer oder vor dem TV-Gerät zu verbringen.
In diesem Sinne sehe ich Heilpflanzen-Exkursionen und Kräuterwanderkurse auch als einen Motivationsbeitrag für einen gesünderen, bewegungsreicheren Lebensstil.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Abstimmung Komplementärmedizin: Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes – zweifelhafte Versprechen

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Fragen an Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE), Präsidiumsmitglied des JA-Komitees.

Sehr geehrte Frau Sommaruga

Die Befürworterinnen und Befürworter der Abstimmungsvorlage vom 17. Mai zur Förderung der Komplementärmedizin versprechen bei einem JA bessere Bedingungen für sogenannt traditionelle Heilmittel. Sie beklagen sich über unnötige und harte Schikanen durch die Heilmittelbehörde SWISSMEDIC, hohe Kosten und bürokratische Hindernisse.
“Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes” – das tönt sehr sympathisch, blendet aber meines Erachtens einen grossen Teil der Realität vollkommen aus.

Die Darstellung jedenfalls scheint mir sehr einseitig und irreführend. Es mag durchaus zutreffen, dass es an manchen Punkten übertriebene Kosten oder allzu hohe bürokratische Hürden gibt.
Unterschlagen wird bei diesem einseitigen Gejammer aber dreierlei:

1. Die Bevorzugung von Homöopathica und Anthroposophica durch Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis.

Viele Heilmittel der Komplementärmedizin werden von der Heilmittelbehörde SWISSMEDIC aufgrund von politischen Vorgaben bevorzugt behandelt.
Grundsätzlich ist es schon mal so, dass Medikamente der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin bei SWISSMEDIC von jedem Nachweis einer Wirksamkeit befreit sind, während dies von “normalen” Medikamenten und auch von neuen Heilmitteln aus der Phytotherapie selbstverständlich verlangt wird.

Homöopathische und anthroposophische Medikamente müssen keinerlei Belege für ihre Wirksamkeit einreichen, es reicht der Nachweis, dass es sich um ein Medikament nach homöopathischen Grundregeln oder anthroposophischen Angaben handelt.

Homöopathika und Anthroposophika werden ohne auf ihre Wirksamkeit geprüft zu werden von der Krankenkasse aus der Grundversicherung bezahlt (BAG-Spezialitätenliste 70.01 Homöopathica und Anthroposophica) Das wissen allerdings die meisten Leute im “Volk” nicht, die im Glauben gelassen werden, es gehe in der Abstimmung vom 17. Mai um das Bezahlen homöopathischer oder anthroposophischer Medikamente. Die aber sind schon längst in der Grundversicherung, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt.

Frau Sommaruga, wie lässt sich Ihrer Meinung nach diese Bevorzugung der Homöopathika und Anthroposophika rechtfertigen? Sie sagen doch, die Wirksamkeit der Therapiemethoden Homöopathie und Anthroposophie sei durch alle wissenschaftlichen Studien belegt (Tagesschau vom 9. April). Wie rechtfertigt sich dann diese Ungleichbehandlung? Die Bevölkerung weiss nichts von diesem ungleichen Status und dieser Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis.
Finden Sie das als profilierte Konsumentenschützerin nicht stossend? Wäre nicht Transparenz (Produktedeklaration) das absolute Minimum?

Die Bevorzugung von Heilmitteln der Homöopathie und Anthroposophie durch Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis hat jedenfalls Konsequenzen, die Ihnen als Konsumentenschützerin meiner Ansicht nach gar nicht gefallen können.

Ein Beispiel:

Verschiedene Johanniskraut-Extrakte aus der Phytotherapie sind als Heilmittel bei leichten und mittleren Depressionen gut belegt mit Dutzenden von Patientenstudien.
Verschreibt sie ein Arzt oder eine Ärztin, werden sie darum von der Krankenkasse über die Grundversicherung bezahlt. Phytotherapeutika erreichen diesen Status im Gegensatz zu Homöopathika und Anthroposophika allerdings nur, wenn sie diese Belege wirklich liefern.

Johanniskraut-Extrakte werden jedoch seit Jahren nicht nur über die Grundversicherung abgerechnet, sondern auch direkt in Apotheken und Drogerien gekauft und selber bezahlt. Nun zeigte sich, dass einige dieser Heilpflanzen-Präparate mit gewissen Medikamenten Wechselwirkungen machen können, indem sie deren Abbau in der Leber beschleunigen. Daraufhin wurde der Verkauf von solchen gut belegten Johanniskraut-Extrakten auf Apotheken beschränkt. Und was machen nun die Drogerien? Sie weichen aus auf homöopathische Johanniskraut-Präparate zum Beispiel von Similasan. Hier ist das Johanniskraut (Hypericum perforatum) sehr stark verdünnt (D12/D15/D30, D 12 = 1 : 1 000 000 000 000).

Klar ist: Hier sind Wirkstoffe nur noch in allerkleinsten Spuren vorhanden und Wechselwirkungen daher ausgeschlossen. Darf die Drogerie also verkaufen.

Nur stellt sich dann zwangsläufig die Frage: Lassen sich die wechselwirkenden Inhaltsstoffe herausverdünnen, aber die Wirkung bleibt trotzdem dieselbe? Kaum denkbar. Diese Frage wird allerdings nicht geklärt, weil ja eben Homöopathika keinerlei Wirksamkeitsnachweis bringen müssen. Ganz nebenbei spart der Hersteller durch diese Bevorzugung auch alle Forschungs- und Entwicklungskosten. Er übernimmt einfach den Ruf, den sich die Johanniskraut-Extrakt-Präparate durch seriöse Forschung aufgebaut haben, und das ohne Eigenleistung. Zudem entspricht der Verkauf dieses homöopathischen Hypericum-Produktes auch nicht den Regeln der klassischen Homöopathie. Aber was soll‘s…
Geht es um solche Trittbrettfahrer, wenn Sie von der Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes reden?
Die Konsumentinnen und Konsumenten wissen kaum über diese Unterschiede Bescheid und werden meines Erachtens oft getäuscht.

Und was halten Sie von Pflanzentinkturen, die nach Vorschrift des Homöopathischen Arzneibuches (HAB) hergestellt werden, und daher bequemerweise (kein Wirksamkeitsnachweis) und viel billiger bei SWISSMEDIC als Homöopathika angemeldet werden, aber beim Patienten als Phytotherapeutika propagiert werden und auch so zum Einsatz kommen? Sind es solche etwas eigenartigen Grauzonen, für die Sie sich einsetzen?

2. Hausspezialitäten von Apotheken und Drogerien

Vor allem Ständerat Rolf Büttiker hat auf SF 1 (Arena) und Radio DRS 1 vage angedeutet, worum es beim “Bewahren des traditionellen Heilmittelschatzes” auch gehen könnte. Er hat gefährdete Heilmittelabgabemöglichkeiten der Drogerien und Apotheken angedeutet.

Zwischenbemerkung: Rolf Büttiker hat in beiden Sendungen die achtjährige Ausbildung der Drogisten herausgestrichen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein Drogist oder eine Drogistin absolviert eine gute, seriöse 4jährige Ausbildung. Die meisten Mitarbeitenden in einer Drogerie haben diesen Abschluss. Wer als Geschäftsführer eine eigene Drogerie leiten möchte, geht noch für zwei anspruchsvolle Jahre Vollzeit an die Drogistenschule in Neuenburg, nachdem er oder sie zwei Jahre als Angestellter in einer Drogerie gearbeitet hat. Ein solcher Drogist HF (früher dipl. Drogist) hat also sechs Jahre Ausbildung. Auf eine 8jährige Ausbildung kommt nur, wer die zwei Jahre als Angestellter zur Ausbildung zählt. Ich bin selber ursprünglich dipl Drogist und finde es unredlich, von einer achtjährigen Ausbildung “der Drogisten” zu sprechen. Es ist dieses immer wieder anzutreffende aufplustern und sich grösser und kompetenter machen, das mich in der komplementärmedizinischen “Szene” zunehmend stört.

Rolf Büttiker hat in der Arena und auf DRS 1 wohl auf die sogenannten Hausspezialitäten angespielt, welche Apotheken und Drogerien ohne Wirksamkeitsnachweis verkaufen dürfen.
Dazu würden dann zum Beispiel all die Entschlackungskuren und Schlankheitsmittel gehören, welche von Apotheken und Drogerien jeden Frühling vor der Badesaison vor allem den Frauen angedreht werden. Aus fachlicher Sicht in der Regel vollkommener Schrott, allenfalls noch mit Gewöhnungsgefahr und mit Nebenwirkungen (Darmkrämpfe), weil oft starke Abführmittel enthaltend.

Der “Wunderfigurtee” zum Beispiel, den ich in einer Apotheke in Bern gekauft habe: Enthält als wirksame Bestandteile nur Abführpflanzen und entwässernde Heilpflanzen. Verspricht im Beipackzettel: “Beim Trinken von 1 Liter täglich kommen Sie Ihrer Traumfigur 2 – 3 Kilogramm pro Woche näher!” Kein Einzelfall!
So nimmt niemand ab, allenfalls gibt es einen Wasserverlust und eine Annäherung ans Traumfigurziel “Dörrfrucht”. Betrug an den Konsumentinnen, würde ich sagen.
Offenbar geht es um solche “Perlen” bei der Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes, für welche Sie sich einsetzen.
Was sagen Sie dazu als profilierte Konsumentenschützerin?
Auch hier scheint mir: Die Apotheken und Drogerien sollten ihre Hausaufgaben machen und weniger Schrott verkaufen, statt nach (noch mehr) staatlichen Schonräumen zu rufen.

3. Appenzeller Heilmittel-Liste

Oder geht es um die über dreitausend Heilmittel, die nur durch die Heilmittelkontrolle des Kantons Appenzell zugelassen und durch das neue Heilmittelgesetz in ihrer Existenz gefährdet sind? Der Kanton Appenzell verlangt ja generell keinerlei Wirksamkeitsbelege für “seine” Heilmittel, im Gegensatz zur SWISSMEDIC, die nur bei Homöopathika und Anthroposophika darauf verzichtet.

Auch auf dieser Appenzeller-Heilmittelliste gibt es vielleicht ein paar wertvolle Produkte, aber auch sehr viel Schrott und Konsumententäuschung. Darunter wieder viele Entschlackungskuren und Abmagerungsmittel. Ist das wirklich der traditionelle Heilmittelschatz, den es zu erhalten gilt?
Finden Sie, dass Sie etwas Gutes tun für die Naturheilkunde, wenn Sie auch den Schrott unter Heimatschutz stellen? – Ich finde ganz und gar nicht, dass ein solches Vorgehen für die Entwicklung einer fundierten und seriösen Naturheilkunde sinnvoll wäre.

Oder finden Sie, dass der Staat generell Heilmittel zulassen sollte, ohne Ansprüche zu erheben bezüglich Wirksamkeitsbelege oder nur schon fachlich fundierte Zusammensetzungen? Aber dann könnte man ja auf eine Heilmittelkontrolle ganz verzichten und müsste der Bevölkerung keine Qualitätssicherung vorgaukeln.

Wie viele dieser “Naturheilmittel”, die Sie unter dem Begriff des “traditionellen Heilmittelschatzes” unter Heimatschutz stellen wollen, können wirklich “Tradition” in Anspruch nehmen? Nicht sehr viele, würde ich vermuten.

Und ist Tradition wirklich schon Legitimation genug?

Maria Treben hat in ihren Schriften in den 1980er Jahren die Ringelblume pauschal gegen allerlei Krebsarten empfohlen. Das lässt sich traditionell aus alten Schriften begründen. Ringelblume wurde früher sogar “Herba canceri” genannt. Dieser “traditionelle” Therapievorschlag hat einigen Kindern mit Leukämie das Leben gekostet. Die Zeitschrift “Stern” hat dies damals recherchiert. Das Recht auf freie Meinungsäusserung erlaubt es Autorinnen wie Maria Treben, solche fahrlässigen Behandlungsvorschläge in ihren Schriften zu verbreiten. Obwohl das höchst problematische ist, stelle ich dieses Recht aufgrund von demokratischen Gründen nicht in Frage.

Kann ich aber nun aufgrund dieser Tradition ein Heilmittel aus Ringelblume gegen Krebs herstellen und propagieren? – Reicht auch hier die Tradition als Legitimation?
Oder gibt es hier dann doch wieder über die Tradition hinausgehend Kriterien, vielleicht sogar medizinische, die ein solches Heilmittel verhindern?

Und warum dann nicht auch bei den Entschlackungsmitteln und Schlankheitskuren?
Würden Sie dort einfach sagen, wenn die Leute dran glauben, ist das Qualitätsbeweis genug? Aber warum kümmern Sie sich dann als Konsumentenschützerin zum Beispiel um kritische Bewertungen von Kosmetika, Waschmitteln, Ferienkatalogen, Versicherungen usw.? Dort könnte man ja auch sagen, wenn die Leute dran glauben und es ihnen gut tut…

Aber ausgerechnet beim Thema Naturheilmittel / Komplementärmedizin befürworten Sie offenbar unter dem Begriff “traditioneller Heilmittelschatz” einen Schonraum für Schrott und Konsumententäuschung? Ich finde diese “positive Diskriminierung” verfehlt und wäre sehr interessiert daran von Ihnen zu hören, was sie genau unter “Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes” verstehen. Bisher habe ich im Vorfeld der Abstimmung vom 17. Mai dazu nur vage Andeutungen mitbekommen.

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Abstimmung Komplementärmedizin am 17. Mai: Nein oder Ja?

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Kommentar zur Medienkonferenz von BR Couchepin:

Bundesrat Pascal Couchepin überlässt es ganz dem Parlament, was es aus einem Ja am 17. Mai machen will.
Vor den Medien machte der Gesundheitsminister in Bern keinen Hehl daraus, dass er den Gegenvorschlag zur zurückgezogenen Volksinitiative „Ja zur Komplementärmedizin“ unnötig findet. Pflichtgetreu vertrat er jedoch die Ja-Parole des Bundesrates, welcher dem Parlament vor Urnengängen nicht widersprechen darf.
Wie bereits schon bei früherer Gelegenheit dämpfte der Gesundheitsminister die Hoffnung und Erwartung der Befürworter, die von ihm 2005 aus der Grundversicherung gekippten fünf ärztlichen Methoden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Neuraltherapie würden erneut kassenpflichtig.
Bedenken äusserte der Gesundheitsminister wegen der Mehrkosten, die eine stärkere Berücksichtigung der Komplementärmedizin seiner Ansicht nach bringen könnte. Die fünf provisorisch aufgenommenen Methoden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Neuraltherapie hätten die Krankenversicherung 2004 zwar nur 25 Millionen Franken gekostet. Nun jedoch wendeten die Zusatzversicherungen über 200 Millionen für die Komplementärmedizin auf.

Quelle: sda / www.sonntagszeitung.ch, 9. April 2009

Kommentar:

Dass Bundesrat Couchepin weder von der Initiative noch vom Gegenvorschlag viel hält, ist schon lange klar. Meine eigene Begeisterung darüber hält sich ebenfalls in engen Grenzen. Für mich steht noch gar nicht fest, dass die Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin dadurch eine guten Schritt vorwärts macht. Mich stört im Vorfeld dieser Abstimmung, dass es kaum zu einer inhaltlichen Diskussion kommt und kritische Einwände allenfalls aus einer Finanz-Perspektive heraus erhoben werden. So auch hier wieder. Wenn Bundesrat Couchepin sagt, die fünf Methoden hätten 2004 nur 25 Millionen Franken gekostet, die Zusatzversicherungen nun aber bereits 200 Millionen Franken, so vergleicht er zudem meiner Ansicht nach Äpfel mit Birnen.
Während es sich bei den 25 Millionen Franken um fünf begrenzte Methoden handelt, umfasst die Zusatzversicherung ein fast grenzenloses Sammelsurium von Methoden, ist kaum eingegrenzt.

Im Bereich der Zusatzversicherungen werden zudem zahlreiche Verfahren via Krankenkasse abgerechnet, deren Bezug zur Heilkunde fraglich ist, und die wohl eher zum Thema Wellness, Lebensbewältigung, Sinnsuche etc. gerechnet werden müssten (“Partnerschaftsprobleme? Kinesiologie hilft! EMR-Anerkannt”). Im Bereich der Zusatzversicherungen fehlen engere Grenzen und vor allem existiert nicht im Ansatz eine überzeugende Qualitätskontrolle.

Daher lassen sich die 25 Millionen Franken von 2004 (Grundversicherung mit fünf Methoden) und die heutigen 200 Millionen (Zusatzversicherung incl. nichtärztlicher Bereich und mit unzähligen Methoden) nie und nimmer vergleichen.
Mir fehlt aber die inhaltliche Auseinandersetzung im Vorfeld dieser Abstimmung (und auch generell vorher und nachher):

Welche Komplementärmedizin ist sinnvoll und welche nicht?

Welche Komplementärmedizin ist wirksam und welche nicht?

Wie lässt sich eine glaubwürdige Qualitätssicherung aufbauen im Bereich von Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde? Bisher wird nämlich den Konsumentinnen und Konsumenten mit “Labels” wie dem EMR eine Qualitätssicherung nur vorgegaukelt.

An dieser Konsumententäuschung sind auch Krankenkassen sowie Kantone wie Graubünden und Luzern beteiligt, die sich auf solche leeren “Labels” abstützen.

Das “Erfahrungsmedizinische Register” (EMR) beispielsweise ist eine Abteilung der Privatfirma Eskamed, einer Kommunikationsagentur in Basel. Hier wird angeblich die Qualität von nichtärztlichen Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde beurteilt. Aber genau genommen werden vor allem Ausbildungsstunden und Weiterbildungsstunden zusammengezählt. Was in diesen Ausbildungsstunden für Inhalte vermittelt wird, ob hier Bullshit erzählt wird oder fundiertes Wissen, ist dem EMR und offenbar auch den Krankenkassen ziemlich egal (sonst gäbe es nicht so viel Bullshit in diesem Bereich).

Inhaltliche Qualität zählt nichts im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde. Das halte ich für verheerend.
Hier müsste meines Erachtens die Diskussion geführt werden und nicht nur beim Punkt der Finanzen. Die Befürworter dieses Verfassungsartikels müssten genau aufzeigen, wie sie sich eine (auch inhaltliche) Qualitätssicherung vorstellen.
Die Fragestellung “Komplementärmedizin Ja oder Nein?” bleibt undifferenziert im Lagerdenken stecken. Es müsste mindestens so gründlich diskutiert werden darüber, welche Komplementärmedizin wir wollen / brauchen – und welche nicht.

Zur Abstimmung über den Verfassungsartikel zur Förderung der Kommplementärmedizin siehe auch folgenden Beitrag:
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/03/volksabstimmung-zur-foerderung-der-komplementaermedizin-ja-oder-nein.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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