Artikel mit Schlagwort ‘Konzentrationsstörungen’

Umweltgifte gefährden Kinder

Samstag, März 1st, 2014

Neurowissenschaftler warnen vor schleichender Vergiftung von Kindern durch neurotoxische Chemikalien. Bereits im Mutterleib gefährden sie die Gesundheit der Kinder.

Eine schleichende Vergiftung mit Chemikalien könnte der Auslöser dafür sein, dass immer mehr Kinder unter Verhaltens- und Entwicklungsstörungen leiden. In einer Studie belegen die Wissenschaftler eine hirnschädigende Wirkung für elf verbreitete Chemikalien, gehen jedoch von zahlreichen weiteren unerkannten Giftstoffen aus. Dieser globalen, stillen Pandemie der schleichenden Vergiftung von Kindern müsse Einhalt geboten werden, warnen die Forscher eindringlich im Fachmagazin “Lancet Neurology”.

Mehr als jedes zehnte Kind habe heute schon von Geburt an eine Entwicklungs- und Verhaltensstörung, schreiben Philippe Grandjean von der Universität von Süddänemark in Odense und Philip Landrigan von der Harvard University. Dazu zählen Autismus, geistige Defizite und Hyperaktivität, aber auch eine später auftretende verstärkte Aggression und weitere Verhaltensauffälligkeiten. Die Wurzeln dieser globalen Pandemie von neurologischen Entwicklungsstörungen seien bisher nur in Teilen verstanden, stellen die Wissenschaftler fest.

Sensible Phase im Mutterleib

Genetische Faktoren spielen zwar für einige der Erkrankungen eine Rolle, sie können jedoch nur 30 bis 40 Prozent der Fälle erklären, schreiben die Forscher. Es liege deshalb nahe, die Ursachen für den Rest der Erkrankungen in Umwelteinflüssen zu suchen. Schon lange sei bekannt, dass das sich entwickelnde Gehirn hauptsächlich im Mutterleib und in der frühesten Kindheit besonders sensibel gegenüber chemischen und anderen Reizen reagiere.

Umweltgifte, denen die Mutter ausgesetzt ist, bekommt ihr Kind über das mütterliche Blut nahezu ungefiltert ab. Mehr als 200 Chemikalien wurden bereits in Nabelschnurblut nachgewiesen, schreiben die Wissenschaftler.

Sie konnten schon im Jahr 2006 in einer Überblicksstudie zeigen, dass fünf Umweltgifte, darunter Blei, Quecksilber, Arsen, polychorierte Biphenyle und das Lösungsmittel Toluol, messbare Einflüsse auf die Hirnentwicklung von Kindern haben. Dies zeigte sich in einem reduzierten Hirnvolumen, Defiziten in der geistigen Leistung aber auch in Problemen im Sozialverhalten und motorischen Störungen.

Grandjean und Landrigan haben in ihre aktuelle Studie nun neuere Studien zu den neurologischen Auswirkungen von Chemikalien in ihre Auswertungen einbezogen. Dabei entdeckten sie Belege für sechs weitere Chemikalien, die die Hirnentwicklung von Kindern nachweislich schädigen. Studien in Kanada und Bangladesch liefern beispielsweise Hinweise darauf, dass Mangan die mathematischen Fähigkeiten beeinträchtigt und Hyperaktivität begünstigt.

In Frankreich und den USA entdeckten Wissenschaftler Indizien dafür, dass Kinder von Müttern, die Lösungsmitteln wie Tetrachlorethylen ausgesetzt waren, zu aggressivem Verhalten, Hyperaktivität und psychischen Erkrankungen neigen.

Drei Kohortenstudien kommen zum Schluss, dass Kinder, die im Mutterleib Organophosphat-Pestiziden ausgesetzt waren, einen kleineren Kopfumfang aufweisen und bis ins Schulalter hinein Defizite in ihrer geistigen und sozialen Entwicklung zeigen.

Enorme Dunkelziffer befürchtet

Die größte Sorge der Forscher ist jedoch die große Zahl von Kindern, deren Gehirn durch giftigen Chemikalien geschädigt wurde, die aber nie eine formelle Diagnose erhalten haben.  Solche Kinder leiden unter Konzentrationsstörungen, einer verzögerten Entwicklung und schlechten schulischen Leistungen, ohne dass der Grund dafür bekannt ist.

Angesichts der immensen Menge an neurotoxischen Chemikalien, die in der Umwelt verbreitet sind, liege es nahe, diese Substanzen auch für solche eher unauffälligen Störungen als Ursache anzunehmen, schreiben die Wissenschaftler.

Von den 214 bisher bekannten neurotoxischen Substanzen werden mindestens die Hälfte in großen Mengen hergestellt – und in die Umwelt freigesetzt

Jährlich kommen zwei neue Chemikalien mit hirnschädigender Wirkung hinzu.

Lebenslange Folgen

Die im Mutterleib oder in der frühen Kindheit verursachten Chemikalienschäden seien größtenteils unbehandelbar, schreiben die Forscher.

Sie verlangen deshalb dringende Änderungen in den Zulassungsbestimmungen und Umweltrichtlinien. Auch bereits produzierte Chemikalien sollten noch einmal auf ihre neurotoxische Wirkung hin untersucht werden.

Wichtig ist den Wissenschaftlern zudem die Überprüfung der Kriterien für diese Tests. Bisher werden dabei zwar akute neurotoxische Wirkungen getesteet. Schleichende und pränatale Wirkungen dagegen werden nicht erfasst.

Die Forscher warnen vor der irrigen Annahme, nach der neue Chemikalien und Technologien solange als ungefährlich gelten, bis das Gegenteil bewiesen wird.

Umdenken und entschlossenes Handeln sei nötig, um die Kinder und auch die gesamte Gesellschaft gegen die stille Pandemie der schleichenden Vergiftung zu schützen.

(Lancet Neurology, 2014; doi: 10.1016/S1474-4422(13)70278-3)

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-17226-2014-02-18.html

http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(13)70278-3/abstract

Kommentar & Ergänzung:

Die Qualität dieser Studien kann ich nicht einschätzen. Doch ist „The Lancet“ eine renommierte Fachzeitschrift. Und dass es weltweit schärfere Vorschriften braucht gegen die allzu sorglose Freisetzung problematischer Chemikalien steht für mich ausser Frage.

Dass es immer wieder Fälle gibt, bei denen erst nach Jahren oder Jahrzehnten klar wird, dass eine Chemikalie die Gesundheit von Mensch und Tier gefährdet, ist nicht akzeptabel. Wählen Sie bevorzugt Politikerinnen und Politiker, welche diese Probleme ernstnehmen und angehen. Unterstützen Sie NGO, welche diese Probleme ernstnehmen und angehen. Es braucht Druck. Gesundheit ist nicht nur eine individuelle Angelegenheit – sie hat auch eine gesellschaftliche Dimension.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Phytotherapie: Wirkungsmechanismus von Ginkgo biloba

Freitag, April 26th, 2013

In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (Nr. 5 / 2012) veröffentliche Prof. Dr. Kristina Leuner (Universität Erlangen-Nürnberg) Angaben zum Wirkungsmechanismus von Ginkgo biloba:

„Für Ginkgo biloba Extrakt haben sich in den letzten Jahren die Mitochondrien und die Stabilisierung der mitochondrialen Dysfunktion bei der Alzheimer Demenz als möglicher interessanter Wirkmechanismus herauskristallisiert. Mitochondrien sind die Kraftwerke unserer Zellen, welche die Energie für die unterschiedlichsten Prozesse wie z. B. Neurotransmitter-Freisetzung in unseren Zellen liefern. Es konnte von unterschiedlichen Arbeitsgruppen gezeigt werden, dass die mitochondriale Dysfunktion ein sehr frühes pathologisches Ereignis bei der Alzheimer Erkrankung darstellt. Hierdurch ist die Versorgung der Neuronen mit Energie empfindlich gestört. Diese Fehlfunktion führt zu einem Circulus vitiosus, der z.B. die Proteinablagerung von Amyloid-beta initiiert und verstärkt. Ginkgo biloba Extrakt stabilisiert die mitochondriale Funktion in unterschiedlichsten Alzheimer Modellen und kann somit wahrscheinlich die neuronale Funktion verbessern. In einer aktuellen klinischen Studie zeichnet sich zum ersten Mal eine positive protektive Wirkung von Ginkgo biloba bei älteren Patienten ab, so dass die klinische Anwendung durch diese neuen klinischen Daten unterstützt wird.“

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat ist ohne Fachkenntnisse wohl nicht einfach zu verstehen.

Aber Ginkgo biloba ist eine Heilpflanze, die intensiv erforscht wird, und über die es viele Erkenntnisse gibt. Im Zentrum stehen dabei standardisierte Ginkgoextrakte – Ginkgotee oder Ginkgotinktur sind dagegen ungeeignet.

Durch Studien lässt sich zeigen, dass Ginkgoextrakte bei milden Demenzformen das Lernvermögen und die Gedächtnisleistung fördern können. Sie lindern bei degenerativ oder vaskulär bedingter Demenz Symptome wie Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen, depressive Vertimmung, Schwindel, Ohrensausen oder Kopfschmerz.

In der Schweiz ist der am besten untersuchte Ginkgoextrakt unter der Bezeichnung Tebokan / Tebofortin im Handel. Tebokan ist die kassenzulässige Form, wenn es ärztlich verschieben wird.

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Test: Bioresonanz bei Nahrungsmittelallergie – lauter Fehldiagnosen

Freitag, April 26th, 2013

Die Bioresonanztherapie wird angeboten zur Behandlung von Allergien, Migräne, Neurodermitis, Atemwegserkrankungen, Schlafstörungen, chronischen Schmerzen und weiteren Krankheiten. Die Methode wurde 1977 von dem deutschen Arzt und Scientologen Franz Morell und seinem Schwiegersohn, dem Ingenieur Erich Rasche als MORA-Therapie eingeführt. Die Bioresonanztherapie hat nichts zu tun mit Biofeedback.

Beim Bioresonanzverfahren sollen mittels Elektroden elektromagnetische Körperschwingungen gemessen und an das Bioresonanzgerät übertragen werden. Der Apparat vergleiche das Körpersignal mit einem festgelegten Sollwert und übermittle korrigierende Signale zurück an den Körper, so die Erklärung der Bioresonanz-Anwender. Das krankhafte Signal werde sozusagen im Gerät zu einer guten Schwingung umgepolt und über die zweite Elektrode zurück zum Patienten geleitet. So sollen nach der Bioresonanz-Lehre pathologische Schwingungen nach und nach aufgelöst und Krankheiten geheilt werden.

In der Alternativmedizin wird Bioresonanz häufig angewendet zur Diagnostik und Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. Nahrungsmittelallergien.

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) in Österreich hat eine Testperson von sechs Bioresonanz-Anbietern im Raum Wien untersuchen lassen und kommt zum vernichtenden Resulat: Die Bioresonanztherapie ist teuer und liefert Fehldiagnosen.

Kein einziger Befund deckte sich mit der von einem Allergiezentrum durchgeführten Kontrolluntersuchung, in der unter anderem eine Fruchtzucker- und Milchzuckerunverträglichkeit diagnostiziert wurde. Zudem unterschieden sich die Befunde der Bioresonanzinstitute fundamental: Das Spektrum erstreckte sich von einer Unverträglichkeit gegen Erdnüsse und Walnüsse über Instantkaffee und Saccharin bis hin zu Milcheiweiß und Weizen.

In einem der getesteten Bioresonanz-Institute wurde der Testperson fälschlicherweise sogar eine zerebrale Durchblutungsstörung attestiert. Die Testperson leidet aber weder unter charakteristischen Symptomen wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen oder Kopfschmerzen, noch wurde diese Erkrankung jemals im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung diagnostiziert. Der VKI kritisiert auch die Ernährungsempfehlungen: Eine ausgewogene Ernährung wäre schier unmöglich, würde man sich an die gegebenen Empfehlungen halten.

Während sie sich in den Diagnosen unterscheiden, haben die getesteten Anbieter die hohen Kosten im Falle einer Therapie gemeinsam. Diese bewegen sich zwischen 50 und 120 Euro pro Sitzung, wobei teils bis zu zehn notwendige Behandlungen in Aussicht gestellt wurden. Bei Erstkonsultationen wurden zum Teil höhere Beträge (bis zu 168 Euro) verlangt. Hätte sich die VKI-Testperson auf eine Behandlung eingelassen, wären im extremsten Fall – inklusive der empfohlenen Nahrungsergänzungsmittel – bis zu 900 Euro fällig geworden.

Um Bioresonanz durchzuführen braucht es keine Ausbildung – es reicht, ein Gerät zur Verfügung zu haben.

Quelle:

http://derstandard.at/1363705912849/Bioresonanz-Heilen-mit-einem-Luegendetektor

http://derstandard.at/1363709129052/Bioresonanz-bei-Lebensmittelunvertraeglichkeit-unzuverlaessig-und-teuer

Kommentar & Ergänzung:

Am Ursprung des Bioresonanzverfahrens stehen mit (SS-Oberscharführer) Morell, Erich Rasche und Hans Brügemann Leute, die von den obskuren Vorstellungen des Scientology-Gurus  L. Ron Hubbard beeinflusst waren bzw. sind. Sie bestreiten aber eine Ähnlichkeit des Bioresonanzgeräts mit dem ähnlichen E-Meter, das von Scientology eingesetzt wird.

Die Erklärungen zur Wirkungsweise des Bioresonanzgerätes sind durchwegs schwammig und nebulös, und eine ganze Reihe von Überprüfungen ergab keinen Effekt des Verfahrens, der über einen Placeboeffekt hinausgeht.

Quellenangaben und weitere Informationen dazu auf Psiram.

Psychologisch gesehen ist es interessant, wie ein immer wieder mit negativem Ergebnis überprüftes Verfahren derart viele Anhänger gewinnen kann.

Überraschend ist das allerdings nicht. In der Medizingeschichte haben auch völlig absurde Verfahren begeisterte Anhänger gefunden, was sich in der Regel mit dem Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss erklären lässt, der zu eindrücklichen Fremd- und Selbsttäuschungen führt.

Siehe:

Komplementärmedizin – Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss als häufige Irrtumsquelle

Ein Beispiel aus der europäischen Vergangenheit sind die beliebten Schluckbildchen, ein Beispiel aus der Gegenwart die anhaltend grosse Nachfrage nach Nashornpulver gegen Potenzprobleme in China und Japan.

Siehe: Traditionelle Medizin gefährdet Nashörner

Bioresonanz ist eine technisierte Variante und passt damit gut in unsere Zeit.

Im Bereich der Allergiebehandlung ist es allerdings sehr problematisch,  dass dadurch Fehldiagnosen in derart grosser Zahl in die Welt gesetzt werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Medikalisierung der Trauer

Dienstag, April 17th, 2012

Früher auf dem Dorf wurde von einer Witwe erwartet, dass sie für mindestens ein Jahr schwarze Kleidung trug.

Inzwischen hat sich diese Konvention stark gelockert, doch wie lange dauert eine Trauerzeit jenseits der Konvention?

Wann wird aus einer Trauer, die zum Leben gehört, eine Depression, die ärztlicher Behandlung bedarf?

Um diese Fragen wird in den USA eine heftige Debatte geführt.

Auslöser ist die Neufassung des Krankheitskataloges der American Psychiatric Association, der ab dem nächsten Jahr in Kraft treten soll. Gemäss diesem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM 5, ist bereits nach zwei Trauerwochen eine Grenze erreicht, bei der man an eine Depression denken muss : Wenn Traurigkeit, Apathie, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit und Appetitmangel dann noch andauern, könnten sie Symptome einer Depression sein. Der Vorläufer, das DSM 4, gab den Trauernden nach dem Tod eines nahen Angehörigen noch mindestens zwei Monate Zeit. In der vorangegangenen Fassung war es sogar ein ganzes Trauerjahr. In der medizinischen Fachzeitchrift „Lancet“ wurden angesichts der nochmals verkürzten Zeitspanne Einwände geäussert: „Trauer ist keine Krankheit; sie sollte als Teil des menschlichen Leben und als normale Antwort auf den Tod eines geliebten Menschen betrachtet werden“. Für diese natürliche Reaktion enge zeitliche Grenzziehungen vorzusehen sei unangemessen, heisst es in „Lancet“: „Die meisten, die einen Menschen verlieren, den sie lieben, brauchen keine Behandlung durch einen Psychiater oder einen anderen Arzt.“ Eine echte Hilfe in solchen Situationen sei mitmenschliche Empathie, nicht Pillen.

Parallel zu der Neufassung des DSM überlegen sich auch Fachleute bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die International Classification of Disorders ICD 11 um eine Störung mit der Bezeichnung „verlängerte Trauer“ zu erweitern.

Der Psychiater Allen Frances von der amerikanischen Duke University warnte auf der Tagung „Graduelle Annäherungen an Gesundheit und Krankheit“ in Berlin vor derart tief angesetzten Krankheitsschwellen: Werde Trauer zu schnell pathologisiert, dann sei das „ein Angriff auf die Würde von etwas, das zur Liebe gehört“. Das gelte auch für andere schwerwiegende Lebensereignisse wie eine Trennung oder den Verlust des langjährigen Arbeitsplatzes, hielt der Psychiater fest und kritisierte die neuen Grenzziehungen in dem Bewusstsein, dass Grenzen zwischen gesund und krank in zahlreichen Fällen schwer zu ziehen sind – nicht nur in der Psychiatrie.

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/wissen/medizin-eine-krankheit-namens-diagnose/6444260.html

Kommentar & Ergänzung:

Die zunehmende Pathologisierung der Trauer ist ausgesprochen fragwürdig und ich teile die Einwände aus „Lancet“ und von dieser Tagung in Berlin voll und ganz. Das heisst nicht, dass es in Trauerphasen nicht auch Situationen geben kann, in denen ärztliche Behandlung und gegebenenfalls medikamentöse Therapie angemessen ist. Das sollte aber nicht zum Standard werden.

Trauer ist in erster Linie eine menschliche Reaktion, die Zeit braucht und mitmenschliche Unterstützung.

Das hat auch Konsequenzen für die Behandlung mit Johanniskraut. Die vorschnelle Empfehlung von Johanniskrautextrakt in Trauerphasen halte ich nicht für angebracht. Auch bei temporären, kürzeren Verstimmungen braucht es wohl in den seltensten Fällen schon ein Johanniskraut-Präparat oder ein synthetisches Antidepressivum.

Die Anwendung von Johanniskraut bei temporären, kürzeren Verstimmungen ist auch deshalb unsinnig, weil es bis zum Wirkungseintritt etwas 14 Tage dauert.

Es gehört auch zum Leben, dass man gelegentlich für ein paar Tage nicht so gut „drauf“ ist. Für solche Situationen ist es sinnvoll, wenn man ein paar passende nichtmedikamentöse Bewältigungsstrategien zur Verfügung hat (Spazierengehen, eine Massage, ein Gespräch…).

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GEM-Studie: Ginkgo biloba ohne kognitiven Effekt – und nun?

Dienstag, Februar 2nd, 2010

Die Einnahme von Ginkgo-biloba-Extrakten kann den kognitiven Abbau im Alter nicht anhalten. Zu diesem Resultat kommt eine randomisierte placebokontrollierte Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (2009; 302: 2663-2670).

Ich stelle hier diese Studie anhand einer Meldung aus dem Deutschen Ärzteblatt vor. Anschliessend finden Sie unter “Kommentar & Ergänzung” kritische Einwände zu dieser Studie, einen Versuch der Bewertung auf dem Hintergrund von bisherigen positiven Ginkgo-Studien und ein paar Schlussfolgerungen für den Einsatz von Ginkgo-biloba-Extrakten in der Phytotherapie.

Die GEM-Studie

Die Ginkgo Evaluation of Memory oder GEM-Studie ist die bisher größte Studie zu den Wirkungen von Extrakten, welche aus den Blättern des Ginkgobaumes hergestellt werden. Sie erfreuen sich in Europa und hauptsächlich in Deutschland großer Beliebtheit. Das US-National Center for Complementary and Alternative Medicine wählte das marktführende Präparat eines deutschen Produzenten (Schwabe) für die GEM-Studie aus, in welcher 3.069 Senioren im Alter von 72 bis 96 Jahren auf die zweimal tägliche Einnahme des Ginkgo-biloba-Extraktes oder eines Placebo von identischem Aussehen randomisiert ( = nach dem Zufallsprinzip verteilt) wurden. Durchgeführt wurde die Ginkgo-Studie in den Jahren 2000 und 2008 an sechs akademischen US-Zentren. Die Resultate zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimerdemenz, wurden im letzten Jahr veröffentlicht (JAMA 2008; 300: 2253-2262).?

Das Ginkgo-Extrakt war nach einer mittleren Beobachtungszeit von 6,1 Jahren nicht in der Lage, verglichen mit Placebo die Zahl der Neuerkrankungen zu reduzieren – weder in der Gesamtgruppe noch in einer Untergruppe von Teilnehmern, die schon unter einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) litten, einer möglichen Vorstufe der Alzheimerdemenz.

Jetzt liegen die Resultate zum Rückgang der kognitiven Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimerdemenz vor. Dies war ein vor Beginn der Studie festgelegter sekundärer Endpunkt der GEM-Studie. Wie Beth Snitz von der Universität Pittsburgh und Mitarbeiter mitteilen, konnten hier ebenfalls keine positiven Effekte des Extraktes gefunden werden – weder in den globalen Tests, noch in spezifischen Untersuchungen zur Gedächtnisleistung, zu den visuellem räumlichen Fähigkeiten, zu Sprache, Aufmerksamkeit und zur psychomotorischen Geschwindigkeit oder in den ”exekutiven Funktionen” (Verstandsleistung). Auch die Auswertung nach Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, Ausbildungsniveau, APOE*E4-Status oder kognitiver Leistung am Anfang der Studie zeigten keine Hinweise auf eine Untergruppe, in der Ginkgo-biloba-Extrakte einen (weiteren) Rückgang der kognitiven Leistungen verhindern könnte. Die Resultate stimmen mit der bisherigen Einschätzung der Cochrane Collaboration überein, die Ginkgo-biloba-Extrakten keine gesicherte Antidemenzwirkung bescheinigen konnte (Cochrane Database Syst Rev. 2009 Jan 21;(1):CD003120).

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Das ist nicht wie von vielen Medien gemeldet, eine neue Ginkgo-biloba-Studie. Das “Ärzteblatt” beschreibt korrekt:
“Die Resultate zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimerdemenz, wurden bereits im letzten Jahr veröffentlicht….Der untersuchte Ginkgo-Extrakt war nach einer mittleren Beobachtungszeit von 6,1 Jahren nicht in der Lage, verglichen mit Placebo die Zahl der Neuerkrankungen an Alzheimer-Demenz zu reduzieren.”

Nun geht es um die Resultate zu einen vor Beginn der Studie festgelegten sekundären Endpunkt derselben Studie: Zum Rückgang der kognitiven Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimerdemenz.
Auch hier konnte der Ginkgo-biloba-Extrakt die kognitive Leistungsfähigkeit nicht beeinflussen.
Das Ginkgo-Präparat verbesserte weder das geistige Allgemeinbefinden der Probanden noch wirkte es sich positiv auf einzelne kognitive Funktionen des Gehirns aus.

Totaler Absturz für Ginkgo?
Oder was bleibt?
Halten wir ein paar Facetten fest:

- Kritische Einwände
Der Hersteller des untersuchten Ginkgo-Extraktes (Wilmar Schwabe, Karlsruhe) hat die Studie mit folgenden Argumenten kritisiert:

Der Nutzen des von Schwabe produzierten, apothekenpflichtigen Ginkgo-Präparates auf die Gehirnleistung sei durch eine Reihe aktueller Studien wissenschaftlich belegt. Die Aussagekraft der aktuellen Studie sei nur gering. Die Untersuchung habe methodische Schwächen: Ein kognitiver Abbau sei selbst in der Placebogruppe kaum zu erkennen.

Schwabe schreibt weiter: “Die Studienteilnehmer zeigten trotz des hohen durchschnittlichen Alters von rund 80 Jahren im Laufe der Studie außergewöhnlich geringe kognitive Verschlechterungen, die fast siebenmal langsamer erfolgten, als in der Planungsgrundlage der Autoren. Diese räumen hierzu selbst ein ,Die von uns beobachteten Veränderungen im 3MSE waren gering und klinisch nicht signifikant.‘”
Ein Nutzen des Schwabe-Präparates könne jedoch nur dann gezeigt werden, wenn auch erste kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen oder Vergesslichkeit auftreten würden.

“Die Studie hätte noch mindestens 10 Jahre länger dauern müssen, bevor ein relevanter geistiger Abbau sichtbar geworden wäre”, sagte Günter Ment, der Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Karlsruher Firma.
Weitere Kritikpunkte sind nach Schwabe: “ Zudem wurde die kognitive Leistungsfähigkeit über ca. 4 von durchschnittlich 6 Behandlungsjahren nur mit groben Demenz-Screeningverfahren erhoben, die ausführlichen Testungen erfolgten erst, als bereits über 500 Teilnehmer die Studie verlassen hatten. Am Ende der Studie fehlten sogar Daten von über einem Drittel der Probanden.
Von den in der Studie Verbliebenen nahmen nur noch gut die Hälfte (60%) ihr Medikament auch wirklich ein. Ein Ginkgopräparat kann das Nachlassen der geistigen Leistung aber nur verhindern, wenn es auch regelmäßig eingenommen wird, wie Forscher der Universität von Oregon unlängst nachwiesen (Dodge et al. 2008).”

- Ginkgo-Extrakt zeigt Nutzen im Frühstadium der Demenz
Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kam in einer Analyse vom Jahr 2008 zu dem Schluss, dass ein Nutzen von Gingko-Präparaten gegeben sei:

“ Für das Therapieziel ‘Aktivitäten des täglichen Lebens’ gibt es einen Beleg für einen Nutzen
von Ginkgo biloba, Extrakt EGb 761, bei Verwendung einer hohen Dosis von 240 mg täglich.
Für die Therapieziele ‘kognitive Fähigkeiten’ und ‘allgemeine psychopathologische
Symptome’ sowie für das angehörigenrelevante Therapieziel ‘Lebensqualität der
(betreuenden) Angehörigen’ (gemessen anhand des emotionalen Stresses der Angehörigen)
gibt es bei einer Dosis von 240 mg täglich einen Hinweis auf einen Nutzen.”

Quelle: http://www.iqwig.de/download/A05-19B_Abschlussbericht_Ginkgohaltige_Praeparate_bei_Alzheimer_Demenz.pdf

- Ginkgo-Diskussion an Phytotherapie-Kongress
Im September dieses Jahres fand der Berliner Phytotherapie-Kongress statt, bei dem Mediziner auch über die Behandlungsmöglichkeiten mit Ginkgo-Präparaten diskutiert hatten – eine der Diskussionen wurde von “Medical Tribune Online” als Video veröffentlicht. Sie finden den Link zu diesem Video im Bereich “Infodienst Forschende Phytotherapie” im Abschnitt “Ginkgo biloba”, siehe:

moodle.heilpflanzen-info.ch/course/view.php

- Positive Ginkgo-Studien
Die “Ärztezeitung” berichtet ebenfalls detailliert über das negative Resultat der GEM-Studie. Allerdings stellt sie dem eine positive Meta-Analyse entgegen, die ebenfalls erst kürzlich erschienen ist:

“ Hinweise auf einen …..Nutzen gibt immerhin eine vor kurzem publizierte Analyse von 29 Placebo-kontrollierten Studien mit Extrakten aus Ginkgo biloba, an denen insgesamt über 2400 Personen teilgenommen hatten. Das Spektrum der ausgewerteten Untersuchungen reichte von Studien mit ausschließlich Alzheimer-Patienten über Studien mit Patienten, die nur leichte Gedächtnisstörungen hatten, bishin zu Studien, an denen ausschließlich kognitiv gesunde ältere Menschen teilnahmen. In mehr als zwei Drittel der Studien wurde der Extrakt EGb 761® verwendet (in Deutschland vom Unternehmen Dr. Wilmar Schwabe….angeboten). Das Besondere an der Analyse: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Ginkgo-Extrakte die Kognition allgemein verbessern, oder ob die Effekte spezifisch bestimmte kognitive Funktionen betreffen. Daher wurden nur Studien berücksichtigt, die mithilfe neuropsychologischer Tests solche kognitive Funktionen separat erfassten. Dazu gehörten etwa Tests auf verbales und visuelles Kurz- und Langzeitgedächtnis. Bei der Aufmerksamkeit wurden Vigilanz, Informationsverarbeitung und Fokussierung auf Informationen berücksichtigt, zudem wurden Studien mit Intelligenztests und Exekutivfunktionen wie Planung oder Flexibilität bewertet. Insgesamt erfolgten mit solchen Tests in den 29 Studien insgesamt 209 Ginkgo-Placebo-Vergleiche.
Die Ergebnisse der Analyse hat jetzt Privatdozent Reiner Kaschel von der Universität Osnabrück in der Zeitschrift ‘Human Psychopharmacology’ (24, 2009, 345) veröffentlicht. So zeigten 23 Prozent der Tests zum verbalen Kurzzeitgedächtnis einen signifikanten Vorteil für Ginkgo, knapp 27 Prozent waren es beim verbalen Langzeitgedächtnis, zwischen 33 und 46 Prozent bei Aufmerksamkeitstests. Auch bei Exekutivfunktionen wie Flexibilität (Hin- und Herschalten zwischen unterschiedlichen Aufgaben) und fluider Intelligenz (Bewältigung neuer Herausforderungen) war der Anteil von Tests mit signifikanten Effekten zugunsten von Ginkgo mit 23 und 38 Prozent relativ hoch. Bei den genannten Tests war damit die Rate signifikanter Ergebnisse um den Faktor fünf bis acht höher als bei einer reinen Zufallsverteilung. Ginkgo-Extrakte scheinen zumindest nach diesen Daten eine Vielzahl von kognitiven Funktionen günstig zu beeinflussen.” (www.aerztezeitung.de)

- Differenzierte Stellungnahme des Präsidenten der Österreichischen Alzheimergesellschaft
Auf http://kurier.at nimmt Univ.-Prof. Reinhold Schmidt, Neurologe an der MedUni Graz und Präsident der Österreichischen Alzheimergesellschaft, zur aktuellen Situation um Ginkgo Stellung:

“Bei älteren Menschen mit einer normalen Gedächtnisleistung oder leichten Beeinträchtigungen bringt ein vorbeugender Einsatz von Ginkgo nichts. Dies gilt aber auch für jene Arzneien, die bei bereits bestehendem Alzheimer eingesetzt werden.”

Anders sei die Situation bei Patienten, die schon an Alzheimer-Demenz leiden: In diesem Fall könne man sehr wohl Ginkgo-Präparate als Mittel der zweiten oder dritten Wahl einnehmen, wenn herkömmliche Medikamente (Acetylcholinesterase-Hemmer, Memantin) nicht wirken oder nicht vertragen werden. Doch auch für diesen Einsatzbereich sei die wissenschaftliche Datenlage widersprüchlich, erklärt der Mediziner.??

- Vergleichsstudie Ginkgo-biloba-Extrakt versus Donepezil
Prof. Volker Schulz stellt in der Zeitschrift für Phytotherapie (Nr. 6 / 2009) eine Pilotstudie mit Ginkgo-blioba-Extrakt vor und fasst das Resultat folgendermassen zusammen:

“Ginkgo-Spezialextrakt bei Alzheimer-Demenz gleich wirksam aber verträglicher als Donepezil”

Den Hintergrund zu dieser Studie erläutert Prof. Schulz folgendermassen:

“ Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat im Zeitraum von 2005 bis 2008 eine Bewertung zum Nutzen der therapeutischen Anwendung von Antidementiva, darunter Ginkgo-biloba-Extrakte (GBE) und Cholinesterasehemmer (ChEH), bei Patienten mit Demenz erarbeitet. Für die Beurteilung wurden vor allem praxisrelevante Therapieziele herangezogen, darunter Aktivitäten des täglichen Lebens, kognitive Leistungsfähigkeit, gesundheitsbezogene Lebensqualität, spezielle mit der Krankheit verbundene Symptome und therapieassoziierte unerwünschte Ereignisse. Das Urteil fiel für GBE insgesamt ähnlich positiv aus wie für ChEH. Der Nutzen in Relation zu anderen Antidementiva ist aber laut IQWiG derzeit nicht abschließend einschätzbar. Daher wurden u.a. direkte Vergleichsstudien zwischen GBE und ChEH empfohlen. Aus der Gruppe der ChEH wurde bisher der Wirkstoff Donepezil am gründlichsten geprüft. Das IQWiG erkennt bei Donepezil für alle in den Studien eingesetzten Dosierungen einen Nutzen bezüglich des Therapieziels der kognitiven Leistungsfähigkeit für Patienten mit einer Alzheimer-Demenz leichten bis mittleren Grades an. Es lag daher nahe, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von GBE gegenüber diesem synthetischen Antidementivum als Vergleichsstandard zu prüfen. Mangels dafür notwendiger Vorergebnisse wurde der Planung konfirmatorischer Untersuchungen eine explorative Studie vorangeschaltet.”

Verglichen mit dem Standard-Antidementivum Donepezil ergaben sich in den eingesetzten Testverfahren und Beurteilungsskalen nach Prof. Schulz keine signifikanten Unterschiede zum Ginkgo-Extrakt.
Schulz kommentiert:

“Die Studie zielt konsequent auf das, was in der Praxis ebenso wie beim IQWiG besonders gefragt ist, nämlich den direkten Vergleich der Wirksamkeit und Verträglichkeit etablierter und zugleich konkurrierender Therapien. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe und des explorativen Ansatzes nicht beweisend, jedoch vielversprechend für GBE. Eine konfirmatorische Studie zum statistischen Beweis der äquivalenten Wirksamkeit oder der Nichtunterlegenheit von GBE sollte baldmöglichst folgen.”

Schlussfolgerungen

Und was lässt sich nun aus all diesen Facetten für die Anwendung von Ginkgo-biloba-Extrakten schliessen?

1. Diese zweite Meldung zur GEM-Studie aus dem US-amerikanischen Ärzteblatt wurde von vielen Medien mit Schlagzeilen wie: Ginkgo – die wirkungslose Wunderwaffe” (Zeitschrift “Focus”) publiziert. Das scheint mir undifferenziert und auch ziemlich unwissenschaftlich, weil es der komplexen Forschungslage rund um Ginkgo biloba nicht annähernd gerecht wird. Es müsste in diesem Fall vielmehr darum gehen, genauer zu fassen, in welchen Situationen eine Anwendung von Ginkgo Sinn macht und in welchen nicht.

2. Die Wirkung von Medikamenten gegen Demenz ist sehr begrenzt. Das gilt für synthetische wie für pflanzliche Medikamente. Wenn aber Ginkgo-biloba-Extrakte im Frühstadium von Demenz bei besserer Verträglichkeit tatsächlich den Synthetika ebenbürtig sein sollten, spricht sehr viel für Ginkgo biloba.

3. Zur Langzeit-Prophylaxe gegen Alzheimer-Demenz scheint mir die Einnahme von Ginkgo-biloba-Präparaten sowieso nicht sinnvoll – und das schon vor der Veröffentlichung dieser Studienresultate. Wenn Schwabe fordert, dass die Studie mindestens 10 Jahre länger hätte dauern müssen, dann läuft dies auf eine Dauermedikation in der zweiten Lebenshälfte hinaus. Älter werden allein ist aber kein behandlungsbedürftiger Vorgang. Die zweite Lebenshälfte wird meines Erachtens schon viel zu stark medikalisiert. Zur Vorbeugung gegen Demenz – soweit dies möglich ist – scheint es zweifellos sinnvoller, geistig und körperlich so gut wie möglich in Bewegung zu bleiben.

4. Ob Ginkgo-Präparate bei Gesunden im Sinne von “Hirndoping” sinnvoll sind, scheint mir eine sehr offene Frage. Einerseits deutet die oben erwähnte Publikation von Reiner Kaschel darauf hin, dass Ginkgo-Extrakte über gewisse Phasen verstärkter geistiger Beanspruchung günstige Effekte auf die kognitiven Funktionen haben könnten. Andererseits ist aber das ganze Gerede von “Hirndoping” ziemlich fragwürdig und die bisher erreichbaren Wirkungen werden wohl sehr überschätzt.

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Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

Freitag, Februar 20th, 2009

Die Entfernung von Amalgamfüllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit ist in der Regel unnötig. Solche Symptome könnten auch durch ein spezielles Gesundheitstraining und eine gesunde Lebensweise verschwinden. Die Metalllegierung jedenfalls verursache nur selten Beschwerden.

Zu diesem Resultat kommt ein fächerübergreifendes, insgesamt zwölf Jahre dauerndes Forschungsprojekt.

“Die Empfehlung aus dieser Studie ist: Eine Entfernung des Amalgams ist nicht die einzige Option gegen die Beschwerden”, hält Dieter Melchart vom Münchner Klinikum rechts der Isar fest. An dem Langzeitprojekt hatten mehrere universitäre Einrichtungen mitgewirkt. Die Leitung lag beim Zentrum für naturheilkundliche Forschung am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass eindeutige Aussagen über die Schädlichkeit von Amalgam nicht gemacht werden können. “Mit Sicherheit besteht kein Zusammenhang mit viel Amalgam im Mund und hohen Beschwerden”, erklärt Melchart.

Quecksilber-Werte liegen weit unterhalb der Belastungsgrenze

“Allgemein schadet Amalgam nicht”, sagt auch Prof. Reinhard Hickel von der Zahnpoliklinik der Münchner Ludwig Maximilians-Universität. Die Patienten hatten in Fragebögen über 300 Symptome wie Konzentrationsstörungen mit ihren Amalgam-Füllungen in Verbindung gebracht.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die anorganischen Quecksilberwerte im Blut von Patienten mit Amalgamfüllungen viermal höher waren als bei Menschen ohne solche Füllungen. Allerdings bewegten sich diese Werte weit unterhalb der kritischen Belastungsgrenze, berichtete der Toxikologe Prof. Stefan Halbach vom Helmholtz-Forschungszentrum in Neuherberg bei München. “Hier befinden wir uns im Dosis-Keller.”

Amalgam als Füllstoff

Amalgame sind Legierungen, die aus Quecksilber und anderen Metallen zusammengesetzt sind. Als Material für Zahnfüllungen werden sie eingesetzt, weil sie gut formbar sind und anschliessend rasch hart werden. Das Quecksilber wird während des Härtens fest in die Legierung eingebunden. Dennoch können geringe Mengen des giftigen Metalls aus den Zahnfüllungen freigesetzt werden.

Halbach erläuterte, dass das anorganische Quecksilber im Amalgam weit weniger giftig sei als das organische Quecksilber, welches die Menschen durch den Verzehr von Fischen zu sich nehmen. Bei der Entfernung des Amalgams verminderten sich die anorganischen Quecksilberwerte bei den Patienten, die organischen Quecksilberbestandteile im Blut blieben davon unberührt.
Nach Angaben der Forscher existiert kein Verfahren, um Amalgamschäden eindeutig festzustellen. In einer Kontrollstudie hatten die Wissenschaftler die Messung elektrischer Hautwiderstände, die medikamentöse Ausleitung des im Amalgam enthaltenen Quecksilbers und einen immunologischen Sensibilisierungstest an gesunden und amalgambelasteten Personen untersucht. Resultat: Mit keiner der Methoden könne zwischen gesunden und subjektiv amalgamgeschädigten Menschen unterschieden werden.
Heiss umstrittene Zahnfüllungen

Das Ausmaß der Amalgam-Belastung und die damit verbundenen Folgen sind umstritten. Amalgam-Gegner führen Kopfschmerzen, Nervosität und andere Beschwerden auf ihre Zahnfüllungen zurück. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bergen ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen keine Gesundheitsgefährdung. Trotz vieler Millionen solcher Füllungen seien weltweit nur etwa 100 Fälle sicher als Amalgam-Allergie beschrieben worden. Einschränkungen der Anwendung bei Schwangeren oder Kleinkindern seien lediglich aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes gemacht worden.

Die Auswertung von über 4.700 Fragebögen aus deutschen Zahnpraxen zu Beschwerden und Zahnstatus ergab keine Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Amalgamfüllungen hinsichtlich der subjektiv genannten Beschwerden: “Es gab keine signifikante Korrelation zwischen dem Auftreten und der Intensität bestimmter Symptome und der Anzahl von Amalgamfüllungen”, schreiben die Autoren in ihrer Studie.
Vor der breiten Diskussion über mögliche Gesundheitsschäden wurden in Deutschland pro Jahr rund 60 Millionen Amalgamfüllungen gelegt. Diese Zahl vermindert sich seit Jahren.

http://www.aerztlichepraxis.de/artikel_homepage_aktuell_amalgam_120731564541.htm

Kommentar:

Amalgam ist in der “Naturheilkunde-Szene” ein grosses Thema. Es gibt unzählige “Ausleitverfahren”, mit denen angeblich Quecksilber-Rückstände aus dem Organismus eliminiert werden können.
Ich würde die Möglichkeit nicht ausschliessen, dass es Menschen gibt, die gesundheitliche Probleme wegen Amalgam-Füllungen haben. Geklärt ist offenbar, dass ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung allergisch auf Amalgam reagiert (nach SSO, Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft). Andere Gesundheitsschäden konnten bis heute in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden. Belegt ist dagegen, dass die Belastung des menschlichen Organismus durch gelöstes Quecksilber aus Amalgamen kleiner ist als die Quecksilberaufnahme durch unsere Nahrungsmittel.

Die Verwendung von Quecksilber scheint mir allenfalls aus ökologischen Gründen fragwürdig .
Darüber hinaus gibt es aber meines Erachtens einige Hinweise für eine groteske Dämonisierung von Amalgam. Es wird für eine sehr lange Reihe von Beschwerden verantwortlich gemacht.
Nun leiden aber auch sehr viele Menschen an diversen, unklaren, unfassbaren Beschwerden.
Meines Erachtens werden oft solche vagen Symptome dem Amalgam untergeschoben. Es ist nämlich schwer auszuhalten, wenn für solche Beschwerden keine Ursache zu finden ist. Eine klare Ursache, ein Sündenbock, erleichtert die Situation ungemein und ermöglicht eine Behandlungsstrategie. Zum Beispiel das Ersetzen aller Amalgam-Füllungen oder aufwendige Quecksilber-Ausleitungen. Dadurch verbessern sich vage Beschwerden oft.
Das könnte gut mit dem Placebo-Effekt zu tun haben. Der ist umso stärker, je ausgefallener, teurer, exotischer, schmerzhafter die Behandlung ist.

Im Klartext: Es gibt wohl eine (eher kleine) Gruppe von Menschen mit gesundheitlichen Problemen infolge von Amalgam-Füllungen. Und es gibt wohl eine viel grössere Gruppe von Menschen, denen eingeredet wurde, dass sie ein Problem mit Amalgam haben. Das kommt vielen angeblich Betroffenen entgegen, weil sie dadurch endlich eine klare Diagnose für ihre unklaren Beschwerden bekommen. Und es kommt auch vielen Therapeuten und Therapeutinnen entgegen, die sich voller Überzeugung an die Eliminierung des Quecksilbers machen und dabei in einer Heiler-Rolle aufgehen können.

Die Untersuchung unter Leitung des Zentrums für naturheilkundliche Forschung scheint mir jedenfalls diese Einschätzung zu stützen.

Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich - Ausleitungsmittel?

Zur Ausleitung von Quecksilber werden auch verschiedene Heilpflanzen angepriesen, zum Beispiel Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich. Trotz intensiver Suche habe ich bis zum jetzigen Zeitpunkt kein einziges Argument gefunden, welches die Wirksamkeit dieser Massnahmen glaubwürdig macht.
Heilpflanzen haben viele Kräfte, auch Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich. Aber nicht alles, was ihnen an Wirkungen zugeschrieben wird, ist auch plausibel.

Dazu kommt dann noch, dass die Amalgam-Angst in der Naturheilkunde-Szene stark geschürt wird. Dadurch werden zahlreiche Leute überzeugt sein von Amalgam-Problemen, die sie möglicherweise gar nicht real haben.
Lassen Sie sich nicht unnötigerweise Angst einjagen. Wenn Ihnen jemand zur Behandlung von vagen Beschwerden wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen eine Quecksilber-Ausleitung empfiehlt, verlangen Sie Belege dafür, dass Wirklich das Quecksilber die Ursache ihrer Beschwerden ist. Solche Zusammenhänge werden nämlich häufig konstruiert von Therapeutinnen oder Therapeuten, für welche Quecksilber fast für alle gesundheitlichen Beschwerden verantwortlich ist.

Ich behaupte nicht, dass Amalgam harmlos ist. Es gibt aber meines Erachtens gute Gründe dafür, dass Amalgam als Sündenbock hochgespielt wird. Und kaum fundierte Gründe für die Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen, die als Gegenmittel propagiert werden.
Trotzdem boomt die Amalgam-Sanierungs-Branche, weil sie offenbar verbreitete Bedürfnisse bedient.

Solche Überlegungen hört man in weiten Bereichen der Naturheilkunde gar nicht gerne. Und auch die Untersuchung am Zentrum für naturheilkundliche Forschung wird in diesen Kreisen wohl unreflektiert zerrissen oder gar nicht zur Kenntnis genommen.

Dabei wäre meiner Meinung nach ein kritischerer Umgang mit den eigenen Überzeugungen für die weitere Entwicklung der Naturheilkunde von grosser Bedeutung. Panikmache und Wundergeschichten allein sind jedenfalls nicht dazu angetan, das Vertrauen in die Naturheilkunde zu stärken.

Falls mir jemand Facts zur Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen durch Korianderkraut, Bärlauch, Knoblauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich liefern kann, bin ich daran interessiert und werde alle Infos sorgfältig prüfen. Aber Facts bitte, nicht nur wunderbare Heilungsgeschichten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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