Artikel mit Schlagwort ‘Komplementärmedizin’

Was ist Braunhirse?

Dienstag, Mai 8th, 2012

Seit einiger Zeit wird in der Alternativmedizin-Szene Braunhirse gegen alle möglichen Beschwerden angeboten.

Was ist Braunhirse?

„Braunhirse ist ein Getreide aus der Familie der Süssgräser (Poaceae). Die Samen werden ungeschält mit Spelze und Schale zu einem Vollwertmehl verarbeitet. Das Pulver enthält unter anderem Eiweiss, Kohlenhydrate, Mineralstoffe und Kieselsäure mit einem hohen Anteil an Silicium. In der Alternativmedizin und in der Werbung wird es gegen zahlreiche Erkrankungen empfohlen, unter anderem gegen Arthrose, Osteoporose, Karies, Nagel- und Haarerkrankungen. Die Wirksamkeit in diesen Anwendungsgebieten ist nicht nachgewiesen und über mögliche Risiken und unerwünschte Wirkungen einer Behandlung ist nicht ausreichend bekannt. Braunhirse ist nicht als Arzneimittel zugelassen und wird als Nahrungsmittelergänzung verkauft.“

(Quelle: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Braunhirse)

Kommentar & Ergänzung:

Die Heilungsversprechungen bezüglich Braunhirse überschlagen sich geradezu und umfassen unterschiedlichste Erkrankungen. Das müsste eigentlich immer Anlass zu Skepsis sein und ist ein Beispiel für Indikationslyrik.

Wie andere Getreide auch, enthält Braunhirse verhältnismässig viel Mineralstoffe, darunter Kieselsäure. Diese besteht zu etwa einem Drittel aus Silizium, einem Spurenelement, das eine wichtige Rolle als Nährstoff und Aufbaustoff für Knorpelmasse, Bindegewebe, Haut, Haare und Nägel spielt und zur Mineralisation der Knochen beiträgt. Wahrscheinlich resultiert hieraus das Werbeversprechen, Braunhirse würde bei brüchigen Haaren und Nägeln, schlaffer Haut, Bindegewebsschwäche, Osteoporose und Arthrose helfen. Allerdings deckt eine normale Mischkost den Bedarf an Silicium problemlos.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Tod durch Lichtnahrungsprozess

Sonntag, Mai 6th, 2012

Der „Tages-Anzeiger“ berichtet über den Tod einer Ostschweizerin, die beim Absolvieren eines „Lichtnahrungsprozesses“ verhungert ist.

http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Von-Licht-ernaehrt–bis-in-den-Tod/story/28039574

Was ist der „Lichtnahrungsprozess“?

„Lichtnahrung oder auch Breatharianismus bezeichnet eine esoterische Methode, bei der nach Vorstellung ihrer Anhänger die für das Leben notwendige Energie aus feinstofflicher Energie („Licht“;…„Prana“ als universelle Lebensenergie) gewonnen werden soll. Dadurch soll man imstande sein, teilweise oder ganz ohne feste und flüssige Nahrung auskommen zu können, die sonst zum Überleben notwendig ist. Die Wissenschaft hält solche Behauptungen für unglaubwürdig und sieht mögliche Erklärungen in bewusstem Betrug oder Irrtum, wie Überschätzung der fürs Überleben notwendigen Menge an Kalorien, falsche Einschätzung der tatsächlich zugeführten Nahrungsmenge, Vernachlässigung der zugeführten Kalorienmenge in Flüssigkeiten oder unbewusste Nahrungsaufnahme beispielsweise beim Schlafwandeln. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass eine Person dauerhaft ohne jegliche Nahrung überleben kann. Aus medizinischer Sicht würde ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung zwangsläufig zum Tod führen.“

(Quelle: Wikipedia)

Der Lichtnahrungsprozess wurde propagiert von der australische Esoterikerin und Buchautorin Jasmuheen, mit bürgerlichem Namen Ellen Greve (* 1957). Das Pseudonym Jasmuheen bedeutet „Duft der Ewigkeit“.

Ellen Greve behauptete, sich seit dem Jahr 1993 ausschließlich von Prana (Lebensenergie) zu ernähren. Diese sogenannte Nahrungslosigkeit nennt sie Lichtfasten. Sie wurde allerdings mehrmals bei Mahlzeiten beobachtet und ein Testversuch unter kontrollierten Bedingungen wurde nach 4 Tagen wegen Dehydrierung und rapidem Gewichtsverlust abgebrochen.

Auch der bekannteste „Lichtesser“ im deutschsprachigen Raum, der Anthroposoph Michael Werner, versagte bei einer Überprüfung am KIKOM der Universität Bern kläglich.

(Zusammenfassung des Tests hier)

Ein weiterer bekannter Propagandist des Lichtnahrungsprozesses ist der ehemalige Basler Chefarzt und Psychiater Jakob Bösch.

Der vom Tages-Anzeiger beschriebene Todesfall ist nicht der einzige.

Dass die Lichtesser-Methode medizinisch absurd und riskant ist, steht meines Erachtens fest.

Interessanter ist die Frage, weshalb Menschen derart abstrusen Vorstellungen anhängen.

Es ist doch eine Allmachtsphantasie sondergleichen zu glauben, man könne sich von der materiellen Basis unserer Existenz, von der Natur, abkoppeln und autonom machen.

Es ist eine Körperfeindlichkeit sondergleichen zu glauben, man könne materielle Bedürfnisse wie das Bedürfnis nach Nahrung durch einen Weg der Vergeistigung ausschalten. Damit katapultiert man sich in einen quasigöttlichen Zustand und verabschiedet sich von „primitiven“ Kreaturen wie Pflanzen, Tieren und weniger erleuchteten Mitmenschen.

Meinem Eindruck nach dient diese Abwertung des Körpers und der materiellen Grundlage unserer Existenz einer Verleugnung der Verletzlichkeit, die mit dieser körperlichen Basis verbunden sind. Als Menschen sind wir jederzeit in einer fragilen Situation und gefährdet durch Krankheit und Tod. Es ist hauptsächlich die Körperlichkeit, die uns in dieser Hinsicht Grenzen setzt.

Das Lichtnahrungsprogramm und viele andere esoterische Konstrukte sind ein illusionärer Fluchversuch weg von dieser Fragilität.

Meiner Ansicht nach wäre es stattdessen wichtig, die Fragilität der menschlichen Existenz und unsere Verletzbarkeit zu anerkennen. Das schafft auch einen Boden für Solidarität zwischen den Menschen, weil wir diesbezüglich alle im selben Boot sitzen. Wer sich dagegen zurecht phantasiert, er oder sie könne sich der Gebundenheit an die materiellen Basis durch Höherentwicklung entziehen, frönt einem Elitarismus und veraschiedet sich tendenziell von menschlicher Solidarität.

Essen ist zudem auch ein sinnlicher Vorgang und mehr oder weniger häufig sogar mit Genuss verbunden.

„Prana-Essen“ ist auf jeden Fall unsinnlich. Geschmack und Geruch dürften da keine Rolle spielen und mangels Erfahrung kann ich nicht beurteilen, ob man den Prana-Konsum auch geniessen kann. Aber ich würde das sehr bezweifeln.

Und wenn dann noch Lichtesser davon phantasieren, ihr Spleen sei ein Beitrag zur Lösung des Welthunger-Problems, dann kann man nur fragen, weshalb sie ihre Methode nicht schon längst in Hungergebieten gratis anbieten. Lichtesser-Knowhow könnte dort Nahrungsmittelhilfe und gerechtere Handelsbeziehungen ersetzen…….

Nimmt man den Lichtnahrungsprozess ernst, dann ist, wer an Unterernährung stirbt, in seiner spirituellen Entwicklung leider noch nicht genug fortgeschritten, um auf Prana- Nahrung umzusteigen. Pech für die Kinder in Somalia. Aber das ist dann wohl aus esoterischer Sicht karmisch bedingt und hat auch seine Richtigkeit.

Die Zukunft hält für die Lichtesser allerdings einige Chancen bereit. Bestimmt lässt sich ein Pflanzengen finden, das für die Photosynthese verantwortlich ist, und das sich in potenzielle Lichtesser implementieren lässt.

Bis die Prana-Genforschung soweit ist, können Interessierte schon mal Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Chlorophyll zu sich nehmen. Achtung: Bei Überdosierung kann es zu Grünfärbung kommen, aber das wäre ja schon ein guter Anfang…..

Siehe auch:

Chlorophyll zur Entschlackung und Entgiftung?

P.S.:

Es wimmelt von abgehobenen esoterischen Vorstellungen, die irgendein sich berufen fühlender Mensch erfunden hat und nun in die Welt hinaus posaunt, um die Menschheit zu retten. Auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin.

Ich halte einen kritischen Umgang mit solchen Erlösungsphantasien für sehr angebracht.

Dazu ein Zitat von Erich Fromm:

„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“

(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)

Siehe auch:

Esoterikfreie Pflanzenheilkunde – warum?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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China: Widerstand gegen Entnahme von Bärengalle steigt

Freitag, April 27th, 2012

In der traditionellen chinesischen Medizin gilt die Galle von Bären als Heilmittel. Um an das “flüssige Gold” zu gelangen, werden die Bären grausam gequält. Jetzt allerdings regt sich laut einer Studie Kritik an der schmerzhafte Prozedur.

In China werden etwa 10.000 Bären für die traditionelle chinesische Medizin gequält. Zahlreiche Menschen halten die flüssige Bärengalle für ein wahres Wundermittel, doch nun rege sich Widerstand gegen die brutalen Praktiken an den Bären. wie ein Forscher-Team um Qiang Weng von der Universität für Forstwirtschaft in Peking im Fachblatt “Nature” schreibt.

Mit einer Nadel ziehen die Mitarbeiter spezieller Bären-Farmen die Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase der lebendigen Bären. “Eine schmerzhafte und erschreckende Prozedur”, schreiben die Forscher in dem Artikel. Die begehrte Substanz kann mittlerweile auch künstlich im Labor produziert werden – zahlreiche Reiche wollen dennoch das echte “flüssige Gold”. Für einige Hersteller sei das Motivation genug, die Tierquälerei weiterhin aufrecht zu erhalten.

Die Tierschutzorganisation Animal Asia Foundation kämpft den Wissenschaftlern zufolge seit zehn Jahren gegen das Geschäft mit dem Gallensaft der Bären und bekommt jetzt starke öffentliche Rückendeckung. Das Forscher-Team verlangt in seinem Artikel, China müsse Ersatzprodukte stärker bewerben und die Bevölkerung besser aufklären. Außerdem solle ein Tierschutzgesetz erlassen werden, das eventuell sogar die Bären-Farmen untersage.

Quelle:

http://www.n-tv.de/wissen/Chinas-Baeren-leiden-Hoellenqualen-article6117816.html

Kommentar & Ergänzung:

Bärengalle zählt zur ursprünglichen traditionellen chinesischen Medizin. Man muss sich klarmachen, dass die Traditionelle Chinesische Medizin, wie wir sie im Westen kennen, ein ziemlich junges Exportprodukt ist, das auf westliche Bedürfnisse hin zugeschnitten wurde. Die originale chinesische Medizin  hat zum Beispiel auch über zwei Jahrtausende ein sehr kriegerisches Vokabular verwendet, das im Exportprodukt TCM fehlt, in China jedoch durchaus noch im Gebrauch ist.

Ich bin selber häufig in China unterwegs und immer wieder erstaunt über die sehr unterschiedliche Sichtweise auf die traditionelle chinesische Medizin in China und im Westen.

Dass in China nun der Widerstand gegen diese Tierquälerei mit der Bärengalle zunimmt, ist sehr zu begrüssen.

Auch Tradition muss sich in Frage stellen lassen. Tradition hat nicht fraglos Recht. Das gilt natürlich für alle Arten und Methoden der Heilkunde.

Siehe auch:

China: Kritik an geplantem Börsengang einer Bärengalle-Produktionsfirma

Vietnam gegen Geschäft mit Bärengalle

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Omega-3-Fettsäuren / Fischöl-Kapseln bei multipler Sklerose unwirksam

Mittwoch, April 18th, 2012

Die Einnahme vom Fischöl-Kapseln (Omega-3-Fettsäuren) hat sich in einer randomisierten klinischen Studie bei multipler Sklerose als unwirksam erwiesen. Publiziert wurde die Studie in den Archives of Neurology (2012; doi: 10.1001/archneurol.2012.283). Laut einer Umfrage unter Mitgliedern der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft war die Einnahme von Fischöl-Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren nach einer Umstellung der Ernährung die am zweithäufigsten angewandte Variante der Komplementärmedizin.

Omega-3-Fettsäuren sollen einen günstigen Einfluss auf Entzündungsvorgänge haben und auf die Immunprozesse bei der multiplen Sklerose.  Jeder dritte Multiple-Sklerose-Patient hatte diese Präparate schon einmal eingesetzt (Mult Scler 2008; 14: 1113-1119).

Im Internet finden sich zahlreiche Hinweise auf die Fischöl-Behandlung. Als Beleg für die Wirksamkeit wird eine offene Studie aus Norwegen aufgeführt, in der es über 2 Jahre zu einer Besserung gekommen war. Weil in dieser Studie aber eine Vergleichsgruppe fehlte, kann mit ihr die Wirksamkeit nicht belegt werden. (Acta Neurol Scand 2000; 102: 143-9).

Die Wissenschaftler führten darum eine randomisierte Doppelblindstudie durch. Zur Anwendung kam das Fischöl-Präparat eines norwegischen Herstellers (mit 1350 mg Eicosapentaensäure und 850 mg Docosahexaensäure). Im ersten halben Jahr wurden die Fischöl-Kapseln als Monotherapie mit Placebo verglichen.

Danach bekamen alle Probanden (also auch im Placebo-Arm) zusätzlich Interferon beta-1a. Primärer Endpunkt der Studie waren die Veränderungen in den T1-gewichteten Gadolinium-anreichernden Läsionen bei der Kernspintomografie. Zu den sekundären Endpunkten zählten neben der Krankheitsaktivität in der Kernspintomografie nach 9 Monaten und zwei Jahren auch klinische Parameter wie die Schubrate, das Fortschreiten der Behinderungen, die „Fatigue“ sowie Lebensqualität und Sicherheit.

In keinem der Endpunkte kam es zu einer Verbesserung, schreiben Øivind Torkildsen von der Haukeland Universitätsklinik in Bergen und Mitarbeiter in ihrer Publikation. Die Zahl der Läsionen stieg im Verlauf der Studie unter der Fischöl-Behandlung sogar tendenziell an. Die Differenzen waren allerdings nicht signifikant, so dass die Wissenschaftler keinen Anhaltspunkt für eine Störung der Interferon-Therapie durch die Omega-3-Fettsäuren sehen. Unter der Fischöl-Behandlung kam es zu keinen relevanten Nebenwirkungen, so dass den Patienten auch nicht unbedingt davon abgeraten werden muss.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/49876/Omega-3-Fettsaeuren-bei-multipler-Sklerose-ineffektiv

http://archneur.ama-assn.org/cgi/content/short/archneurol.2012.283

Kommentar & Ergänzung.

Die Studie war nicht sehr gross (total 92 Probanden, 46 in der Fischöl-Gruppe, 46 in der Placebo-Gruppe).

Omega-3-Fettsäuren / Fischöl-Kapseln werden vor allem vorbeugend gegen eine Vielzahl von Krankheiten empfohlen, hauptsächlich im Bereich Herz-Kreislauf und im Bereich Psychiatrie / Neurologie (Depression, Schizophrenie, Schlaganfall, Alzheimer,  Borderline-Persönlichkeit, ADHS). Die Studienergebnisse sind aber in vielen Bereichen widersprüchlich und lassen endgültige Beurteilungen bezüglich Wirksamkeit nur sehr eingeschränkt zu.

Ein generelles Problem von Doppelblindstudien mit Fischöl – und damit der potenziell aussagekräftigsten Studien – ist das häufig auftretende fischige Aufstossen.  Dadurch könnte den Probanden ziemlich rasch klar werden, ob sie zur Fischöl- oder zur Placebogruppe gehören. Eine wirksame Verblindung ist dadurch in Frage gestellt. Verblindung bedeutet, dass das Placebo und das zu testende Medikament (Verum) für die Probanden nicht unterscheidbar sein dürfen. Merkt der Proband, ob er ein Pacebo oder ein Verum bekommt, kann das die Resultate der Studie verfälschen.

Siehe auch:

Metastudie: Fischöl-Kapseln nutzlos für Herzpatienten

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ungesunde TCM-Kräuter

Montag, April 16th, 2012

Zwei Studien zeigen Risiken bei manchen Heilpflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Krebserkrankungen des Harntrakts kommen in Taiwan ungewöhnlich oft vor. Eine neue Studie kommt zu Schluss, dass höchstwahrscheinlich Pflanzenzubereitungen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bei zahlreichen Betroffenen die Tumoren ausgelöst haben dürften.

Ein internationales Forscherteam um Chung-Hsin Chen vom National Taiwan University Hospital in Taipeh hat mithilfe von Genanalysen 151 Krebserkrankungen der oberen Harnwege untersucht. Eine besondere Gensignatur ist charakteristisch für Tumoren, die unter der Einwirkung von sogenannter Aristolochiasäure entstanden sind. Diese Signatur entdeckten die Forscher bei 60 Prozent der Fälle.

In der Fachzeitschrift PNAS berichten die Wissenschaftler, dass zwischen 1997 und 2003 ein Drittel der taiwanischen Bevölkerung Aristolochia-Präparate einnahm. Sie basieren auf der sogenannten Gewöhnlichen Osterluzei (Aristolochia clematitis) und verwandten Pflanzen, die  in der TCM über lange Zeit als Heilmittel galten.

Dass zahlreiche Taiwanesen durch Aristolochia-Präparate an Harnwegstumoren erkrankten, erkläre auch, weshalb sich die Verteilung dieser Krebsformen dort von der in anderen Staaten unterscheide, meinen die Wissenschaftler. Bei 35 Prozent der Patienten in Taiwan entwickeeln sich die Tumore nicht in der Blase, sondern in Harnleiter oder Nierenbecken. Weltweit sei dies bei weniger als zehn Prozent der Patienten der Fall. Auch erkrankten Frauen in Taiwan überdurchschnittlich häufig an diesen Tumorformen – und sie bekamen auch häufiger Aristolochia-Präparate verordnet als Männer.

Aristolochiasäure schädigt auch die Nieren, was im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen kann. In Belgien erkrankten in den neunziger Jahren mehrere Frauen an Nierenversagen, die die Präparate im Rahmen von Diätkuren eingenommen hatten.

Hierzulande sind Präparate, die Aristolochia-Säure enthalten, bereits länger untersagt. Auch in China und Taiwan wurden sie m Jahr 2003 verboten.

Während also das  Problem mit den Aristolochia-Präparate mittlerweile auch in China vom Tisch ist, geben andere TCM-Präparate, die weiterhin im Handel sind und nun von australischen Wissenschaftlern untersucht wurden, Anlass zu berechtigter Sorge. Die Forscher fanden in den vom Zoll beschlagnahmten Präparaten Extrakte von total 68 verschiedenen Pflanzenfamilien, und einige davon sind alles andere als risikolos.

Einige der Mixturen enthielten beispielsweise Pflanzenbestandteile der Gattung Ephedra (Meerträubel) und Asarum (Haselwurz), die bei falscher Dosierung toxisch sind. In den Packungsbeilagen fehlte der Hinweis auf diese heiklen Inhaltsstoffe und die potenzielle Gefährlichkeit.

In ihrem Artikel im Fachplan PLoS Genetics weisen die australischen Wissenschaftler jedoch noch auf ein weiteres Problem hin: In einigen der analysierten TCM-Proben fanden sie Spuren von Tieren, die gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind, wie der Kragenbär oder die asiatische Huftierart Saiga.

Quelle:

http://derstandard.at/1334132463824/Giftig-und-krebserregend-Ungesunde-TCM-Inhaltsstoffe

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,826636,00.html

http://www.pnas.org/content/early/2012/04/03/1119920109

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Beispiel zeigt, dass Tradition nicht immer Recht hat. In diesem Sinn kann man auch für die westliche Pflanzenheilkunde viel daraus lernen.

Siehe:

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Erfahrung allein zeigt Irrtümer und Risiken nur sehr unzulänglich.

Siehe:

Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Daher reicht es nicht zu sagen, diese Heilpflanze ist seit Tausenden von Jahren im Gebrauch, ergo ist sie wirksam und harmlos.

Manche Zusammenhänge sieht man erst, wenn man systematisch danach sucht. Dem sagt man dann Wissenschaft.

Aus diesem Grund verknüpft eine seriöse Phytotherapie die Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde mit den Erkenntnissen moderner Arzneipflanzenforschung.

Diese Kombination ist unverzichtbar zum Schutz von Patientinnen und Patienten.

Leider ist der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt und deshalb laufen unter diesem Begriff inzwischen auch Vorstellungen mit, welche die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit  von Heilpflanzen-Präparaten ablehnen, und sich statt dessen lieber an ihren eigenen Überzeugungen von der ausschliesslich heilenden und sanften Natur festhalten. Das ist meines Erachtens aber eine zu einseitige und riskante Betrachtungsweise.

Eine fundierte, seriöse Phytotherapie verbindet Tradition und Wissenschaft. Sie verlässt sich nicht einfach auf die Fantasien irgendeines Kräutergurus (wie heisst eigentlich die weibliche Form von Guru? Guresse?).

Das Beispiel mit den ungesunden TCM-Kräutern zeigt auch, wie wichtig eine staatliche Kontrolle des Heilmittelmarktes ist. Vor ein paar Monaten gab es einen Wirbel im Internet über ein angebliches Verbot der Heilpflanzen durch die EU, dabei ging es nur um ein Registrierungsverfahren für pflanzliche Arzneimittel.

Dazu ein Zitat von Reinhold Rathscheck:

„Der Nachweis der Wirksamkeit ist von jedem neuen Mittel zu fordern, das den Anspruch erhebt, ein Arzneimittel zu sein. Hiervon wird man nicht die Mittel ausnehmen dürfen, deren Unschädlichkeit  zwar keineswegs bezweifelt wird, deren Wirkung aber einzig und allein auf dem Glauben beruht. Sonst müsste auch ein Placebo, ein Scheinarzneimittel, das keinen arzneilich wirksamen Stoff enthält, beim Bundesgesundheitsamt registrierbar sein, fehlen ihm doch toxische Effekte mit Sicherheit, wogegen psychische Wirkungen durchaus nachweisbar sein können.

Hier trägt der Staat eine Mitverantwortung: Ein Staat, der einerseits mit Recht Arzneimittelsicherheit fordert, hat seine Bürger andererseits vor Arzneimitteln zu schützen, die keine sind. Er hat kranke Menschen davor zu bewahren, dass Gutgläubigkeit oder Verzweiflung dank staatlicher Mithilfe ummünzbar werden in Profit, ohne dass eine wirkliche Aussicht auf Heilerfolg besteht.“

(aus: Konfliktstoff Arzneimittel, Suhrkamp 1974)

Klar ist aber auch, dass solche Registrierungsverfahren und Kontrollen verhältnismässig sein müssen und dass Entscheide der Arzneimittelbehörden aus fachlicher Sicht auch kritisiert werden dürfen und sollen (z. B. im Fall Kava-Kava)

Das Aristolochiasäure-Problem scheint zumindestens in Europa durch das Verbot entsprechender Bestandteile in Arzneimittel unter Kontrolle zu sein. Bei TCM-Kräutern, die unkontrolliert im Internet gehandelt werden, wäre ich da nicht so sicher.

Und zudem sind die generellen Qualitätsprobleme bei TCM-Kräutern nicht vom Tisch. Anbaubedingungen und Verarbeitungsbedingungen sind oft alles andere als einfach zu kontrollieren. Und ob in den entsprechenden Kräutermischungen auch drin ist, was drauf steht, bleibt oft fraglich – sofern überhaupt etwas draufsteht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Misteltinktur gegen Krebs?

Sonntag, April 15th, 2012

Ich bin immer wieder entsetzt, wieviel „Schrott“ im Internet unter den Etiketten „Alternativmedizin“ „Komplementärmedizin“ und „Naturheilkunde“ verkauft wird, weil hier jede Qualitätskontrolle fehlt.

Da verkauft beispielsweise ein österreichischer „Spezialist für ganzheitliche Gesundheit, Figur und Fitness“ Misteltinktur mit der Begründung, Mistel besitze immunverändernde Eigenschaften und könne bei manchen Krebsarten das Tumorwachstum hemmen.

Unterschlagen wird dabei, dass die immunstimulierenden Inhaltsstoffe der Mistel (Lektine, Viscotoxine) hochmolekular sind und aus dem Verdauungstrakt nicht in den Körper aufgenommen werden. In der anthroposophischen Krebstherapie wird die Mistel deshalb in Form von Injektionen verabreicht (z. B. als Iscador). Und selbst so ist die Wirkung alles andere als geklärt.

Siehe dazu:

Misteltherapie gegen Krebs  -  wirksam?

Misteltinktur (genauso wie Misteltee) ist jedoch auf jeden Fall eine ungeeignete Anwendungsform.

Aber wen interessiert das schon?

Weder die Verkäufer noch die Patientinnen und Patienten wollen das offenbar so genau wissen.

Wenn Sie lernen wollen, wie sich leere Versprechungen von glaubwürdigen Aussagen unterscheiden lassen, dann können Sie das bei mir im Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.

Siehe auch:

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

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Zitat von Juli Zeh zum Thema “Zurück zur Natur”

Sonntag, April 15th, 2012

Der Tages-Anzeiger publizierte ein Gespräch mit der Schriftstellerin Juli Zeh. Eine interessante Passage dreht sich um das Thema „Zurück zur Natur“.

Frage Tages-Anzeiger:

„Der Trend zurück zur Natur äussert sich auch in einer gesteigerten Impf-Skepsis – und zwar vor allem bei gut ausgebildeten Eltern.“

Antwort Juli Zeh:

„Das ist komplett reaktionär. Und ganz simpel gesagt, ist dieses übersteigerte Natur-Denken auch rechts. Konsequent müsste man doch sagen: Wenn die Natur immer recht hat, ist Selektion ein angemessenes Mittel, über die Lebenstauglichkeit zu befinden. Der äussere Rand der Öko-Bewegung ist rechts, obschon sich diese Leute politisch nach wie vor dem linken Spektrum zuordnen und sich als sehr fortschrittlich begreifen. Ich empfinde die neue Natur-Hörigkeit oft als degeneriert und dekadent und undankbar. Man muss ja nur ein Buch über die Pest lesen oder über die Zustände, die herrschten, bevor es Penicillin gab, dann kann man sich noch mal fragen, ob die Natur wirklich alles so toll eingerichtet hat. Ich kämpfe zwar gegen überbordende Gesundheitssysteme, aber auch hier geht es wieder darum, dass andere zu wissen meinen, was gut für mich sei. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich hab nichts dagegen, wenn jemand persönlich nicht impft. Was mich an diesem ganzen Thema stört, ist, dass es so religiös daherkommt, so missionarisch.“

Quelle:

http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Es-gibt-nichts-Teureres-als-ein-langes-Leben/story/10144823

Kommentar:

Zum Thema „Impfungen“: Ich finde eine kritische Haltung gegenüber Impfempfehlungen durchaus angebracht (genauso wie auch in allen anderen Bereichen kritisches Nachhaken nötig ist). Eine kritische Haltung sollte sich aber auf Argumente stützen. Und an diesem Punkt teile ich die Kritik von Juli Zeh voll und ganz. Es gibt eine missionarisch gefärbte Impfgegner-Szene, die sich nicht auf Argumente, sondern auf Verschwörungstheorien stützt. Das führt manchmal zu sehr drastischen Aussagen wie „Jede Impfung ist eine Kindsmisshandlung“.

Solche fundamentalistischen Positionen sind meines Erachtens ziemlich bescheuert, borniert und ignorant.

Zum Thema „Natur-Hörigkeit“:

Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich ein leidenschaftlicher Naturliebhaber bin, teile ich die Kritik von Juli Zeh hier voll und ganz.

Es gibt heute eine Idealisierung der Natur, die nur möglich ist aus grosser Naturferne.

Als Städter kann man die Natur in den Bergen leicht romantisch verklären. Ein Bergbauer, der das ganze Jahr auch mit Naturgefahren lebt, sich täglich mit  „Natur“ auseinandersetzt und ihr den Lebensunterhalt abringen muss, sieht das wohl etwas anders.

“Wer eins mit der Natur werden will, beginnt damit am besten während einer Naturkatastrophe.”

Bertrand Russel  (Brit. Philosoph u. Mathematiker, 1872 – 1970)

Die Idealisierung der Natur schlägt sich auch nieder im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde, nämlich dort, wo der „Natur“ (was ist da genau gemeint?) die Heilung jeder Krankheit zugetraut wird.

Das zeigt sich zum Beispiel in Aussagen wie:

„Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“

Siehe dazu:

Ist wirklich gegen jedes Übel ein Kraut gewachsen?

Pflanzenheilkunde: Ist gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen?

Fragwürdig sind auch Aussagen wie: Die Natur hat immer Recht (Maurice Mességué). Recht haben oder Unrecht haben – das sind menschliche Kategorien, die auf die Natur nicht so einfach angewendet werden können. Und zudem müsste man entgegnen, dass ein Tumor oder ein Malariaerreger auch Natur sind und dann genauso Recht hätten, wenn sie den Menschen umbringen.

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Angeblich pflanzliche Potenzmittel und Schlankheitsmittel mit unerlaubten Wirkstoffen

Donnerstag, April 12th, 2012

„Rein pflanzlich“ und „frei von Nebenwirkungen“ – mit diesen Slogans werden Nahrungsergänzungsmittel zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion oftmals propagiert. Über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel (RASFF) wird europaweit vor vielen Präparaten dieser Produktgruppe gewarnt. Einige Untersuchungen von Überwachungsbehörden haben gezeigt, dass manche dieser Produkte unerlaubte, nicht deklarierte arzneiliche Wirkstoffe enthielten.

Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), rät deshalb zur Vorsicht bei Präparaten, die als Nahrungsergänzungsmittel zur Steigerung der Potenz oder zur Gewichtsreduktion angeboten werden: „Verbraucher werden in einigen Fällen über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihrer Eigenschaften, einschließlich ihrer Risiken, getäuscht.“

Nahrungsergänzungsmittel müssen als Lebensmittel nicht wie Arzneimittel staatlich zugelassen werden.

Als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnete Präparate zur Potenzsteigerung werden überwiegend im Internet oder in Erotik-Shops unter verschiedenen Bezeichnungen vertrieben. Die Produkte sollen nach Angaben der Anbieter oft ausschließlich rein pflanzliche, natürliche Inhaltsstoffe enthalten. Bei einer Reihe von Präparaten zeigten Analysen allerdings, dass sie nicht deklarierte „verschreibungspflichtige“ arzneiliche Wirkstoffe (Sildenafil = Viagra, Tadalafil = Cialis) bzw. nicht zugelassene Sildenafil-Analoga (Hydroxyhomosildenafil, Hydroxythiohomosildenafil, Sulfoaildenafil) in pharmakologisch wirksamen Konzentrationen enthielten. Bei Einnahme von Arzneimitteln dieser Wirkstoffgruppe muss damit gerechnet werden, dass auch bei gegebener Indikation und bestimmungsgemäßem Gebrauch in seltenen Fällen schwere unerwünschte Wirkungen (z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt) auftreten können.

Auch in als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Präparaten zur Gewichtsreduktion wurden in der Vergangenheit wiederholt pharmakologisch wirksame Substanzen gefunden, u. a. der in Deutschland in Arzneimitteln nicht mehr zugelassene Wirkstoff Sibutramin. Derartige Produkte werden ebenfalls hauptsächlich über das Internet vertrieben und oft als „natürliche“ oder „100% pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel propagiert. Sibutramin ist eine seit dem  Februar 2010 in Deutschland nicht mehr zugelassene pharmakologisch wirksame Substanz aus der Gruppe der Appetitzügler. Aufgrund zum Teil erheblicher Nebenwirkungen, vor allem bei übergewichtigen Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hatte die Europäische Arzneimittelagentur im Januar 2010 empfohlen, die Zulassung von Sibutramin-haltigen Arzneimitteln zu widerrufen.

Als Nahrungsergänzungsmittel hält das BfR Produkte mit den aufgeführten Wirkstoffen für nicht sicher. Vor allem über das Internet vermarktete Präparate sind durch die amtlichen Überwachungsbehörden schwer zu fassen. Es besteht das Risiko, dass Verbraucher über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihre Eigenschaften, einschließlich ihrer Gefahren, getäuscht werden.

Die Einnahme von als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Produkten zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion kann mit einem hohen gesundheitlichen Risiko verbunden sein, wenn sie pharmakologisch wirksame Substanzen enthalten. Das BfR rät daher Verbrauchern zur Vorsicht und dazu, sich beim Hersteller über die genaue Zusammensetzung der Produkte zu informieren. Bei Zweifeln oder unklaren Auskünften sollte auf die Einnahme derartiger Präparate verzichtet werden.

Quelle:

http://idw-online.de/pages/de/news471060

Kommentar & Ergänzung:

Vor allem im Internet tauchen immer wieder angeblich rein pflanzliche Präparate auf, die mit riskanten und nicht zugelassenen Wirkstoffen versetzt sind. Sehr typisch ist dies bei Potenzmitteln und bei Schlankheitsmitteln, doch  finden sich solche problematische Zusätze nicht selten auch in Heilmitteln der asiatischen Medizin. Beispielsweise in Rheumamitteln, die als Naturheilmittel propagiert werden, aber undeklariert Entzündungshemmer wie NSAR enthalten.

Der Gesundheitsmarkt wird überschwemmt mit Nahrungsergänzungsmitteln,  die unerlaubterweise  als Heilmittel propagiert werden. Deren Sicherheit ist oft nur ungenügend geklärt und die Wirksamkeit nicht ansatzweise belegt.

Im Gegensatz zum Internethandel kann man meines Erachtens in Apotheken und Drogerien (jedenfalls in der Schweiz, ich kenne nur die Drogerien in der Schweiz) davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel frei sind von undeklarierten, riskanten Substanzen wie Sibutramin.

Bezüglich Wirksamkeit ist die Situation allerdings nicht so klar. Viele Apotheken und Drogerien verkaufen  ziemlich skrupelfrei „rein natürliche“ oder „rein pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel und „Pseudoheilmittel“, die zwar mit blumigen Versprechungen angepriesen werden, deren Wirksamkeit aber völlig  in den Sternen steht.

Man kann also in keiner Art und Weise davon ausgehen, dass komplementärmedizinische oder pflanzliche Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel aus Apotheken oder Drogerien auch wirksam sind.

Den Konsumentinnen und Konsumenten kann man nur raten,  allen Heilungsversprechungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen und kritische Fragen zu stellen.

Pointiert ausgedrückt hat diese Haltung Erich Fromm:

„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“

(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)

Erich Fromm (1900 – 1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Bedeutende Werke (Auswahl):

Die Furcht vor der Freiheit, 1941.

Psychoanalyse & Ethik, 1946.

Die Kunst des Liebens, 1956.

Zen-Buddhismus und Psychoanalyse (mit Daisetz Teitaro Suzuki, Richard de Martino) 1971.

Haben oder Sein, 1976.

Märchen, Mythen, Träume, 1951.

Die Seele des Menschen, Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei

Und ausserdem: Wenn  Sie sich mehr Wissen aneignen möchten, um wirksame und unwirksame Naturheilmittel zu unterscheiden, dann können Sie das in meiner Phytotherapie-Ausbildung, im Heilpflanzen-Seminar und im Tagesseminar “Komplementärmedizin verstehen und beurteilen”

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Phytotherapie-Ausbildung für Pflegeberufe

Montag, April 9th, 2012

Heilpflanzen-Anwendungen bewähren sich in vielen Bereichen der Pflege.

Vor allem in Spitex, Pflegeheim, Palliativ-Pflege und Psychiatrischer Klinik schätzen Patientinnen und Patienten genauso wie Pflegefachleute die erweiterten Möglichkeiten aus der Naturheilkunde. Phytotherapie verbindet die Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde mit den Erkenntnissen moderner Arzneipflanzenforschung.

Sie nimmt also Erfahrungen auf, die in der Bevölkerung gerade bei älteren Personen zum Teil noch vorhanden sind. Und sie bringt diese traditionellen Heilkräuter-Erfahrungen in eine medizinkompatible, fundierte, auch wissenschaftlich begründbare Form.

Phytotherapie in der Pflege nimmt das Bedürfnis nach Ergänzungen aus Komplementärmedizin & Naturheilkunde auf und beantwortet es mit einem professionellen, seriösen Angebot. Sie bietet eine ideale Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Komplementäre Pflege.

Auf www.igpp.ch (Interessengemeinschaft Phytotherapie & Pflege) und im „Dokument Phytotherapie & Pflege“ finden Sie Beispiele von Pflegeinstitutionen, die Heilpflanzen-Anwendungen in die Pflege integriert haben, und zwar aus Spitex, Pflegeheim, Palliative-Pflege, Psychiatrie. Aber selbst in der Intensivpflege bzw. auf der Intensivstation können Heilpflanzen-Anwendungen sinnvoll angewendet werden.

Die nächste Phytotherapie-Ausbildung speziell für Pflegeberufe startet am 14. Mai 2012.

(eine beschränkte Anzahl der Ausbildungsplätze ist für andere Gesundheitsberufe offen)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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www.phytotherapie-seminare.ch

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Löwenzahn entgiftet

Samstag, April 7th, 2012

….schreibt die „Berliner Zeitung“.

Quelle: http://www.bz-berlin.de/ratgeber/ernaehrung/salate-oder-kraeuter-die-vitalstoffbomben-article1417232.html

Sie sagt uns aber leider nicht, um welche Art von Giftstoffen es sich hier handeln soll. Auch bleibt unklar, wie der Löwenzahn denn entscheidet, welche Stoffe als Giftstoffe raus müssen, und welche auf keinen Fall ausgeschieden werden dürfen, weil sie im Organismus eine wichtige Funktion haben. Wie erkennt Löwenzahn „Giftstoffe“? Und wie genau scheidet Löwenzahn „Giftstoffe“ aus? Auf welchem Weg?

Löwenzahn ist fraglos ein gesunder Frühlingssalat und die Vorstellung, dass durch eine Löwenzahnkur all die zwar unbekannten, aber ganz bestimmt bösen Giftstoffe quasi ausgewiesen werden, ist zweifellos beruhigend. Mehr als eine Vorstellung ist es aber nicht.

Ich finde, wir sollten uns angewöhnen, nicht mit leeren Worthülsen zu hantieren und leere Worthülsen auch nicht fraglos hinzunehmen. Sonst werden wir auch in der Politik anfällig für leere Worthülsen und das ist dann tatsächlich „Gift“ für jede offen-demokratische Gesellschaft.

„Entgiftung“ und „entgiftend“  sind – bezogen auf Löwenzahn – solche leeren Worthülsen.

Wenn Sie leeren Worthülsen begegnen – also Ausdrücken, denen ein Inhalt fehlt – dann empfiehlt es sich, immer schön nachzufragen:

Was genau? Wie genau? Wann genau? Wer genau?

Egal ob in der Politik, in der Komplementärmedizin, in der Medizin, im Sport….:

Sich mit leeren Worthülsen bedienen zu lassen ist tendenziell unwürdig, weil Sie als Gegenüber nicht ernst genommen werden.

Löwenzahn ist aber tatsächlich nicht nur ein gesunder Frühlingssalat, sondern auch eine Heilpflanze. Durch seine Bitterstoffe wirkt er verdauungsfördernd, indem er Magensaftproduktion und Gallefluss anregt. Ausserdem wirkt Löwenzahn harntreibend, wahrscheinlich durch den hohen Kaliumgehalt.

Und Löwenzahnhonig ist ganz einfach lecker.

Das will ich noch gesagt haben, damit ich keine Vorwürfe zu hören bekomme, ich mache den Löwenzahn schlecht…..

Im übrigen kann man sich am Löwenzahn freuen, ohne dass man ihn als grossen „Entgiftungskünstler“ inszeniert. Das ist ja doch eine ziemlich menschenbezogene Vorstellung. Wer die Natur hauptsächlich durch die Brille des Nutzens für den Menschen betrachtet – kann man diese Pflanze essen? Wogegen hilft sie? – läuft mit einem ziemlich eingeschränkten Blick umher. Löwenzahnblüten sind im Frühling beispielsweise eine sehr wertvolle und wichtige Nahrungsquelle für Honigbienen und für viele Wildbienenarten. Ob Löwenzahn „entgiftend“ wirkt, dürfte den Honigbienen und Wildbienen ziemlich egal sein.

Siehe dazu:

Naturkunde: Löwenzahn & Wildbienen

Und zum Thema “Entgiftung”:

Entgiften und Entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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