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[Buchtipp] „Die Fake-Jäger“, von Tom Wannenmacher und Andre Wolf

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Fake-JaegerVerlagsbeschreibung

Stimmt es, dass Facebook für jeden Share eines Bildes Geld für die Behandlung eines kranken Kindes zahlt? Oder dass die Organmafia Kinder in weiße Bullis zieht und entführt? Sind die Kondensstreifen am Himmel in Wahrheit Chemtrails, also Chemikalien, die uns im Auftrag einer Regierung vergiften sollen? Und kann ich den neuen Facebook-AGB widersprechen, indem ich eine Bockwurst auf Facebook poste? Solche und ähnliche Meldungen verbreiten sich in den sozialen Netzwerken oftmals wie Lauffeuer und werden tausendfach geteilt. Aber sind sie fake oder wirklich wahr?
Der Verein „Zuerst denken, dann klicken“ ist die internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch und zentrale Anlaufstelle für Internet-User, die verdächtige Internetinhalte melden möchten. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, Meldungen auf Facebook nachzugehen und Internet-Fakes aufzudecken. Selbst die Bundesregierung und die Polizei weisen auf ihren sozialen Netzwerken immer wieder auf ihre Artikel und Recherchen hin.
In ihrem Buch veröffentlichen die Betreiber Tom Wannenmacher und Andre Wolf ihre skurrilsten Fälle und zeigen, wie man selbst zum Fake-Jäger wird.

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Zu den Autoren Tom Wannenmacher und Andre Wolf

Die Kommunikationsexperten Tom Wannenmacher und Andre Wolf sind die Masterminds hinter einer der meist geklickten deutschsprachigen Facebook-Seiten „Zuerst denken, dann klicken“. Der Höhenflug war von Beginn an steil: Am 8. März 2011 ging die Seite zur Aufdeckung von Internetmissbrauch auf Facebook online, wenige Tage später zählte sie 4900 Fans. Heute sind es über 650.000, Tendenz steigend – stark steigend.“Mimikama“ ist Suaheli und bedeutet „gefällt mir“, beschreibt also das Wesensmerkmal von Facebook, einer „Like-Gesellschaft“ in der User Interessantes, Unterhaltsames und Aufregendes mit nur einem Klick ihren Freunden weiterempfehlen können.

Kommentar von Martin Koradi

Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit im Internet und insbesondere auf Facebook. Aber unser Wissen und unser Verständnis dazu, wie diese angeblich sozialen Plattformen funktionieren und wie man sich auf ihnen sicher bewegt, hat mit der Bedeutung dieser digitalen Räume nicht Schritt gehalten.

Der Verein „Mimika“ der beiden Autoren Tom Wannenmacher und Andre Wolf leistet hier wichtige praktische Informationsarbeit. Sie vermitteln notwendiges Wissen, das vor Missbrauch im Internet schützt – das kommt den einzelnen Userinnen und Usern zu gute, aber auch der Gesellschaft als Ganzes, die durch Fake-News im Netz angegriffen wird.

Link zur Website von Mimikama: https://www.mimikama.at

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Facebook-Gesellschaft“, von Roberto Simanowski,

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Facebook-GesellschaftVerlagsbeschreibung

Zehn Jahre nach seiner Gründung im Jahr 2004 ist Facebook das größte soziale Netzwerk der Welt und einer der mächtigsten Global Player des Internet. Der Reiz dieses Netzwerks liegt auf der Hand: die geballte Kommunikation mit vielen, die Lust der Selbstdarstellung, die Zeugenschaft im Leben der anderen, die reichlichen, pflegeleichten Bekanntschaften, das Wiedersehen alter Freunde etc.. Auch die Negativseite ist hinlänglich bekannt: die Kapitalisierung des Privaten, Überwachung, Selbstdarstellungszwang, Zeitverschwendung. Es gibt etablierte Neologismen und umfangreiche Studien zu Facebook. Zugleich gibt es viele Klischees und Leerstellen in der Reflexion, was Facebook ist und wie es die Gesellschaft verändert. Zum Shop

Zum Autor Roberto Simanowski

Prof. Dr. phil. Roberto Simanowski, geboren 1963, lehrt Medienwissenschaft an der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorie, Geschichte, Ästhetik und Soziologie digitaler Medien, Intermedialität, Narrativität sowie Interkulturalität.

Kommentar von Martin Koradi

Roberto Simanowski untersucht die Attraktivität von Facebook und geht der Frage nach, weshalb wir so leicht durch solche „Sozialen Medien“ verführbar sind. Wie verbinden sich die wirtschaftlichen und politischen Interessen, die hinter den Algorithmen von Facebook stecken, mit unseren menschlichen Grundbedürfnissen?

Und wie verändert eine Facebook-Gesellschaft unser Kommunikationsverhalten, unsere Identität, unser Reflexionsvermögen und unser zwischenmenschliches Verhalten?

Über diese Fragen nachzudenken ist nicht nur interessant und lohnend, sondern geradezu ein Gebot unserer Zeit. Facebook hat das Potenzial, unsere Gesellschaft fundamental zu verändern. Als Gesellschaft und als einzelne Idividuen sind wir herausgefordert darüber nachzudenken, wie wir mit dieser Entwicklung umgehen wollen. Roberto Simanowski liefert für diese Auseinandersetzung Informationen und wertvolle Denkanstösse.

Er versteht Facebook als Symptom einer kulturellen Entwicklung, die nicht vorschnell auf Szenarien politischer Unterdrückung und ökonomischer Ausbeutung reduziert werden sollte:

„Die politisch-ökonomischen Konsequenzen des Systems Facebook sind tiefer anzusetzen. Zum einen generiert Facebook durch die Akkumulation und Analyse persönlicher Daten Herrschaftswissen und treibt auf diese Weise den Kommerzialisierungsprozess voran. Zum anderen produziert es durch seine Einladung zu reflexionsarmer Selbsterfahrung genau jene Subjekte, die an diesem Prozess keinen Anstoss mehr nehmen.“ („Die Facebook-Gesellschaft“, Seite 14)

Das Buch ist meinem Eindruck nach gut lesbar. Um die anregenden und klugen Überlegungen des Autors aufzunehmen, sollte man sich jedoch Zeit lassen. Es lohnt sich aus der Lektüre ein Mehrgang-Menü zu machen und keine Fast-Food-Mahlzeit.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

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Ein Text von Martin Koradi

Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist im Informationszeitalter zum unverzichtbaren Schlüsselgut der Medienanbieter geworden. Medien aller Art müssen sich diese Aufmerksamkeit um jeden Preis erkämpfen.

Und wie holt man sich Aufmerksamkeit? Durch Auffallen. Und wie fällt man auf?

Durch Emotionalisierung, Skandalisierung, Aufregung, Polarisierung, Kontrastierung. Provokationen, Tabubrüche.

Nun ist das Aussergewöhnliche und Aufregende aber nicht unbedingt auch das Relevante. Eine Medienlandschaft, in der Aufmerksamkeit die überlebenswichtige Währung ist, könnte daher dramatische Folgen für den Einzelnen und für die demokratische Gesellschaft haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Meinungsbildung.

Matthias Zehnder beschreibt in seinem Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ die fatalen Folgen einer Publizistik, die sich ganz dem Aufmerksamkeitsmarkt verschrieben hat.

In diesem Text stelle ich die zentralen Aussagen aus diesem infomativen Buch zusammenfassend vor. Ergänzende Kommentare von mir sind kursiv gesetzt.

Wie es zum Schlaraffenlandproblem kam

Zehnder beschreibt sehr eindrücklich und illustrativ ein „Schlaraffenlandproblem“. Dazu kommt es so:

Die Menschen sind eigentlich Jäger und Sammler. Wir sind dafür gebaut, stundenlang durch die Savanne zu streifen und nach Beeren und Antilopen Ausschau zu halten.

In einer kargen Landschaft selten auftauchende Nahrung von weitem zu entdecken und dann auch gut zu verwerten war in den Anfängen der Menschheit überlebenswichtig.

Heute ist die Situation für die meisten Menschen vollkommen anders. Wir bewegen uns minimal und stehen vor übervollen Supermarktregalen. Demensprechend essen in den Industrieländern die meisten Menschen zu viel, zu süss, zu fettig, zu salzig. Und anstelle der Herausforderung, das spärliche Angebot zu finden und daraus viel Nahrung zu machen geht es nun darum, aus dem riesigen Angebot weniges, gesundes und leckeres auszuwählen.

Es kommt nicht mehr darauf an, in einem Meer von Blättergrün eine rote Beere zu entdecken, sondern aus unzähligen Joghurtsorten eine auszuwählen.

Im der Medienwelt und im Informationsbereich lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Information so wertvoll und schwer verfügbar wie eine Antilope für den Jäger in der Steppe. Dementsprechend sind die Menschen fundamental darauf angelegt, aus wenig Information viel Wissen und Meinung zu generieren. Unsere Gehirne sind geradezu optimiert dafür, aus wenig Information viel Zusammenhang zu machen. Ein Blick ins Gesicht eines Gegenübers genügt, um über dessen Gefühlslage einigermassen Bescheid zu wissen.

Zehnder schreibt dazu:

„Die Welt war für uns Menschen einst eine leere, weisse Leinwand, auf der jeder Farbtupfer eine grosse Bedeutung hatte. Heute leben wir in einem Action-Painting von Jackson Pollock, das ein verwirrendes Geflecht von Farben und Formen zeigt.“

Von der Steppe her sind unsere Gehirne auch darauf optimiert, primär Bewegung wahrzunehmen (es könnte ein Gepard sein oder eine Antilope). Dieses priorisierte Wahrnehmen von Bewegung hat zur Folge, dass wir uns heute unwillkürlich nach jedem Bildschirm umdrehen. Auch der belanglosesten Bewegung auf einem Monitor geben unsere Gehirne eine grössere Wichtigkeit als der bedeutsamsten Buchstabenfolge auf Papier.

Die Situation hat sich also für uns auch im Informationsbereich völlig verändert. Wir sind umzingelt von einem Informationssupermarkt und haben überall jederzeit Zugriff auf Bücher, Musik, Filme, Bilder, Nachrichten und ein unermessliches Meer von Websites. Dieses Riesenangebot ist nicht nur unendlich, sondern zum grössten auch noch gratis. Zumindestens die „Fett- und Zuckerbomben“ seien kostenlos, schreibt Zehnder: „Wer sich sinnvoll ernähren will, muss zahlen. Die Folgen lassen sich an einer Hand ausrechnen: Informative Fehlernährung, Mangelbildung durch Überinformation, geistige Adipositas bei gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes. Es ist das mediale Schlaraffenlandproblem.“

Im medialen Supermarkt greifen wir gerne zu den kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen.

Zehnder stellt fest, dass ähnlich wie bei der Ernährung für das geistige Überleben ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich sind:

„Es kommt nicht mehr darauf an, etwas beschaffen zu können und es zu besitzen, es kommt darauf an, das Richtige auszuwählen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Schlaraffenlandproblem fordert die Menschen ganz neu heraus, und nicht nur jene, die konsumieren, sondern auch die, die Inhalte schaffen. Sie drohen, wie die tausendste Joghurtsorte im Supermarktregal, zur beliebigen Variante des Überflusses zu verkommen. So wie es für das körperliche Überleben entscheidend ist, in der Fülle des Angebots die richtigen Nahrungsmittel in der richtigen Dosis auszuwählen, ist es für das geistige Überleben wichtig, die richtigen Informationen auszulesen.“

Zehnder konstatiert eine verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Regalen umzugehen und beschreibt dies mit dem Ausdruck „Schlaraffenlandproblem“. Besonders schlimm an dieser Diagnose sei, dass wir nicht auf die Hilfe des Marktes hoffen können. Die Wirtschaft sei nicht daran interessiert, dass wir uns selbst beschränken, genügsam nur das konsumieren, was uns guttut, und sonst den Supermarkt der Medien links liegen lassen: „Wir müssen uns selbst aus dem Schlamassel ziehen.“

Diese fundamentalen Veränderungen werfen daher wichtig Fragen auf:

  1. Welche Auswirkungen hat die grenzenlose Verfügbarkeit von Medien auf uns? Welche Folgen hat es, wenn wir immer und überall alles und jedes hören, sehen und lesen können?
  1. Was tut uns gut im Umgang mit den Medien, und was schadet? Ist mehr besser, oder wäre vielleicht weniger mehr?
  1. Welche Konsequenzen hat die veränderte Mediensituation auf die Erziehung? Wie können wir unsere Kinder gut auf die veränderten Weltbedingungen vorbereiten? Ist das überhaupt möglich? Was ist gut für unsere Kinder?

 

Zeitungsmodelle und Aufmerksamkeit

Im medialen Schlaraffenland ist die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit sehr gross. In den letzten 100 Jahren hat sich die Zeit, die wir mit Medien verbringen, wohl mindestens verzehnfacht. Um 1900 lag der Medienkonsum nur etwa bei zehn Stunden pro Woche. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn damals waren Medien nur knapp verfügbar. Rund 100 Jahre später waren es etwa 100 Stunden pro Woche, also ganze 14 Stunden pro Tag. Stark zugenommen hat in den letzen Jahren die Zeit, die wir im Internet sind, während die Zeit, die wir mit dem Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verbringen, kontinuierlich zurück geht. Die langen Verweilzeiten im Internet hängen stark damit zusammen, dass das Handy immer dabei ist. Viele Alltagsaktivitäten sind heute medial begleitet. Die Zeit, die wir im Internet verbringen, geht dadurch nicht unbedingt auf Kosten von anderen Freizeitaktivitäten, aber auf Kosten der Konzentration darauf. Die konstante Präsenz von Handy und Internet hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer häufiger nur geteilt ist.

In dieser geteilten Aufmerksamkeit müssen Medien sich nun behaupten und an diesem Punkt kommt die Wandlung der Zeitungsmodelle ins Spiel.

Die abonnierte Zeitung setzt auf eine kontinuierliche Beziehung zum Lesenden, die über die reine Vermittlung von Nachrichten hinausgeht. Sie ist eingebettet in die Gewohnheiten des Alltags. Das verlässliche Verhältnis zwischen Zeitung und Abonnent ist verbunden mit gegenseitigen Erwartungen. Der Abonnent weiss, was er an seiner Zeitung hat und deshalb muss ihm die Zeitung das nicht jeden Morgen oder mit jedem Artikel beweisen. Es wird pauschal einmal im Jahr abgerechnet und nicht jede Leistung einzeln.

Die Boulevardzeitung funktioniert völlig anders als eine Abo-Zeitung (Boulevardzeitung in Deutschland ab 1904, in der Schweiz ab 1959 mit „Blick“).

Ihr geht es nicht um die Pflege einer Vertrauensbeziehung und nicht um Verlässlichkeit, sondern darum, innert Sekundenbruchteilen am Kiosk oder auf der Strasse potenzielle Käufer zum Kauf zu animieren. Das braucht Titel als „Knaller“ und mit grossen Buchstaben. Ausgewogene, differenzierende Titel funktionieren nicht. Das Erfolgsrezept heisst emotionalisieren, skandalisieren und personalisieren. Es geht nicht einfach um eine Nachricht, und schon gar nicht um Argumente, sondern um starke Emotionen, Menschen, Schicksale, Skandale – nur damit bewegt man Menschen zum Kauf.

Die Gratiszeitung konkurriert in der Schweiz seit Ende der 1990er Jahre die klassische Boulevardzeitung. Kostenlose Zeitungen gibt es in der Schweiz allerdings schon seit vielen Jahren. Insbesondere die Zeitungen der beiden Grossverteiler „Coopzeitung“ und „Migros Magazin“ erscheinen in Millionenauflagen.

Sie sind hauptsächlich ein Werbemittel und werden den Genossenschaftern gratis und ungefragt ins Haus geliefert. Dort werden sie gelesen oder auch nicht. Den Zwang, sich mit jeder Ausgabe Leser zu erkämpfen, kennen sie nicht.

Das ist bei den Gratis-Pendlerzeitungen anders, die sich ab Ende der 1990er-Jahre durchsetzten. Sie müssen die vorübereilenden Passanten jeden Tag mit einer Schlagzeile dazu bringen, in die Zeitungsbox zu breifen und ein Exemplar herauszunehmen. Dabei muss die Motivation nicht so stark sein wie bei einer Boulevardzeitung, weil die Pendlerzeitung nichts kostet. Zudem greifen manche Leser wohl aus purer Gewohnheit in die Zeitungsbox.

Die gedruckte Pendlerzeitung dient dann oft einfach dem Zeitvertreib während der Fahrt, bekommt in dieser Funktion aber zunehmend harte Konkurrenz durch die Smartphones. Pendlerzeitungen könnte man als anorektische Zeitungen beschreiben. Sie befinden sich also im Zustand der Magersucht oder auf Dauerdiät. Für intensivere Recherchen fehlen in den Redaktionen die Ressourcen und für differenziertere Argumentationen der Platz im Blatt. Sie füttern die Lesenden mit einem kontinuierlichen Strom von Nachrichten, helfen aber kaum bei der Einordnung der verspiesenen Informationen in einen grösseren Zusammenhang. Kurzfutter halt, oder Schmalkost.

In der Schweiz gehören die beiden grössten Gratis-Tageszeitungen den beiden grössten traditionellen Verlagen Tamedia („20 Minuten“) und Ringier („Blick am Abend“). In Deutschland haben sich die Verlage der Kaufzeitungen bisher erfolgreich gegen Gratiszeitungen gewehrt.

Das Internet hat in den letzten Jahren diesen grossen Medienmarktplatz drastisch erweitert und völlig umgekrempelt. Im Internet ist jede regionale Begrenzung aufgehoben. Etwa eine Milliarde Websites buhlen um die Aufmerksamkeit der Benutzer und im Unterschied zum Zeitungskiosk kann niemand die Übersicht haben über das Angebot im Internet. Im Internet braucht es daher sehr starke Schlagzeilen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Internet, schreibt Zehnder, ist Boulevard total.

Hier scheint mir ein anderer Aspekt mindestens so wichtig:

Ob eine Website im Internet auffällt, hängt nicht nur von starken Schlagzeilen ab, sondern mindestens so stark davon, ob sie die Algorhythmen von Google und Facebook bedient. Die weitgehend intransparenten Algorithmen von Google und Facebook bestimmen, welche Websites und News aus dem unendlichen Meer des Internets einem Benutzer präsentiert werden. Firmen geben sehr viel Geld aus, um bei Google auf die erste Seite zu kommen – als Anzeige oder via Suchmaschinenoptimierung (SEO) in den organischen Suchresultaten.

Die Algorhythmen von Google und Facebook, die über die Positionierung und damit über die Sichtbarkeit im Internet entscheiden, sagen kaum etwas aus über Relevanz und Qualität der Informationen, die damit gefunden werden. Sie sind gleichmacherisch, indem völlig irrelevante oder lügnerische Information neben oder über sorgfältig aufbereiteter, differenzierter Information steht. Das Internet ist ein unendlich langes Buffet, aber welche Gerichte mir da aus welchen Gründen und mit welchen Interessen angeboten werden, ist weitgehend intransparent.

Wer blind einer Suchmachine vertraut delegiert die Auswahl an einen Konzern, der nach intransparenten Kriterien vorgeht und dessen Hauptinteresse einzig darin liegt, kommerziell verwertbare Nutzerdaten abzuziehen.

Das Phänomen Aufmerksamkeit besser verstehen

Aufmerksamkeit ist zum Schüsselfaktor in der Medienwelt geworden. Schon immer war Aufmerksamkeit die Grundvoraussetzung dafür, dass Medien Informationen transportieren können. Ohne Aufmerksamkeit würden die Inhalte der Medien nicht wahrgenommen. Matthias Zehnder formuliert das mit einem prägnanten Bild: „Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.“

Bis vor ein paar Jahren haben die meisten Medien allerdings anders funktioniert als heute. Sie konnten davon ausgehen, dass sie die grundsätzliche Aufmerksamkeit ihrer Leser oder Zuschauer schon haben und diese nicht erst erobern müssen. Sie bauten auf eine Art von Vertrauensbeziehung, die zwischen dem Abonnenten und seiner Tageszeitung oder zwischen dem Zuschauer und seinem Fernsehsender bestand. Zehnder vergleicht diese konstante Grundbeziehung mit dem Verhältnis zwischen einem Gast mit Vollpension und dem Wirt in einem Hotel. Vielleicht wird auch mal gemurrt, aber grundsätzlich vertrauten die Vollpensiongäste darauf, dass der Wirt ihnen passende Mahlzeiten zum richtigen Zeitpunkt servierte. Der Wirt wiederum konnte davon ausgehen, dass seine Gäste bei ihm essen würden. Das erlaubte ihm, frisches Gemüse einzukaufen und eine abgestimmte Menge von Mahlzeiten zuzubereiten.

Solche Vertrauensverhältnisse gebe es heute kaum mehr, schreibt Zehnder. Der Gast sei zum Buffet-Hopper geworden. Er wende sich dem Stand zu, der gerade die farbigsten Angebote mache oder dessen Inhaber gerade am lautesten rufe.

Vergleichbares geschieht im Bereich der Medien. Kein Medium kann heute mehr davon ausgehen, dass es Aufmerksamkeit bekommt. Es muss sich die Aufmerksamkeit der Benutzer zuerst erkämpfen, und zwar für jeden Beitrag einzeln. Doch das Bufett in der Medienwelt ist unendlich gross geworden und dank Internet geogratisch ohne Grenzen. Im virtuellen Naschmarkt der Medien ist nicht mehr die Beziehung zwischen Vollpensiongast und Wirt entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit in jedem Moment. Gewinnen wird jenes Angebot, dem es gelingt, die grösste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Awareness und attention

Das deutsche Wort Aufmerksamkeit zieht zwei verschiedene Geisteszustände zusammen, die im Englischen als „awareness“ und „attention“ auseinandergehalten werden.

„Awareness“ ist eine Art Stand-by-Modus des Bewusstseins, eine Breitbandaufmerksamkeit, vergleichbar mit dem Grundlicht auf der Bühne, das dafür sorgt, dass niemand über ein Requisit stolpert. „Awareness“ ist ein Zustand der wachen Bewusstheit mit der Bereitschaft zur Zuwendung. Die Wahrnehmung ist im Betriebsmodus „Auto-Pilot“.

„Attention“ dagegen ist fokussiert, zielgerichtet und darum auch selektiv. Dieses gezielte Achtgeben ist vergleichbar mit dem Verfolgungsscheinwerfer, der eine einzelne Figur auf der Bühne hell ausleuchtet. „Attention“ ist ein Zustand des gezielten Achtgebens, verbunden mit Informationsselektion und Informationsverarbeitung. Der Betriebsmodus ist eher vergleichbar mit der manuellen Steuerung durch den Piloten. Der Pilot entspricht dabei dem bewussten Ich, das gezielt seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet und sich Zielen oder Aufgaben widmet. In diesem Zustand konsumieren wir Medien (sofern sie nicht nur als Hintergrundgeräusch mitlaufen), lesen eine Zeitung, verfolgen eine Sendung im Fernsehen…..

„Awareness“ und „attention“ sind zeitlich in einer bestimmten Abfolge angeordnet, weil „awareness“ die Voraussetzung dafür ist, dass es zu „attention“ kommen kann. Am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“ steht das Aufmerksamwerden, das „Aufmerken“. Das „Aufmerken“ entspricht also dem Aufwachen aus dem Stand-by-Modus am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“. Es ist vergleichbar mit dem Einschalten des Verfolgungsscheinwerfers.

Dem „Aufmerken“ geht immer etwas voraus. Etwas fällt uns auf, stört, unterbricht, bietet einen Anblick, erhebt einen Anspruch.

Was sind das genau für Reize, die zum „Aufmerken“ führen. Wodurch wechselt der Modus vom Autopiloten zur manuellen Steuerung durch den Piloten?

Die stärksten Steuerungsmechanismen sind hier die drei zentralen Elemente, die schon in der Steinzeit das langfristige Überleben der Menschen abgesichert haben:

1. Überleben in Gefahrensituationen,

2. Fortpflanzung,

3. Nachwuchspflege.

 

  1. Überleben in Gefahrensituationen

Wer als Mensch überleben will, muss Gefahren aller Art frühzeitig erkennen, um für Kampf oder Flucht bereit zu sein. Deshalb drehen wir uns unwillkürlich nach einer Bewegung am Rande unseres Gesichtsfeldes um. Es könnte ein Raubtier sein. Bewegungen haben in unseren Wahrnehmungsprozessen eine extrem hohe Priorität. Aus diesem Grund zieht Werbung, die sich bewegt, unsere Blicke magisch an und es fällt uns schwer, einen Fussballmatch auf dem Bildschirm im Restaurant zu ignorieren, auch wenn uns das Fussballspiel gar nicht interessiert.

  1. Fortpflanzung

Dass erotische Reize einen hohen Aufmerksamkeitseffekt haben, ist fest in unserer Evolution verankert. Schliesslich zeigen sie immer eine Gelegenheit zur Weitergabe der eigenen Gene an. Kein Wunder daher, dass Werbung mit erotischen Bildern funktioniert.

  1. Nachwuchspflege

Um seine Gene weiterzugeben ist es nicht nur wichtig, sich fortzupflanzen. Der entstandene Nachwuchs muss auch mindestens solange überleben, bis er wieder selbst fortpflanzungsfähig ist.

 

Weil Überleben, Fortpflanzung und Nachwuchspflege evolutionär bedingt fest in unseren Genen verankert sind, lassen sich Reize, die aus diesen Bereichen stammen, kaum mit dem Verstand kontrollieren. Diesen Effekt nutzt die Boulevardpresse. Deren Slogan umschreibt Zehnder so: „Blut, Brüste, Büsi (schweizerdeutsch für ‚Kätzchen’) sind die ‚drei grossen B’ des Boulevardjournalismus.“

 

– Mit Blut sind Berichte über Unfälle und Verbrechen gemeint.

Brüste kommen in Boulevardmedien mit dem klassischen „Seite-3-Girl“ zum Zug. Seriösere Medien bringen Bilder von flirtenden Promis, Modeaufnahmen mit jungen Frauen oder – top seriös – erotisch angehauchte Bilder im Rahmen von Beiträgen zur medizinischen Aufklärung.

– Mit Büsi sind insbesondere Berichte gemeint über Jungtiere – zum Beispiel Videos mit jungen Kätzchen als Quotenrenner.

Neben diesen evolutionär quasi fest verdrahteten Ur-Aufmerksamkeiten gibt es weitere Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung, derer sich insbesondere die Boulevardmedien bedienen. Matthias Zehnder führt dazu die wichtigen Stichworte an aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Peter A. Bruck und des Sprach- und Literaturwissenschaftlers Günther Stocker:

– Familiarisierung nach dem Prinzip: Nähe schafft Aufmerksamkeit.

Benutzung von Spitznamen anstelle der richtigen Namen, Bevorzugung von umgangssprachlichen Wendungen und Fokussierung auf Menschen mit ihren Schicksalen und Erlebnissen schaffen Nähe zwischen dem Thema und dem Medienkonsumenten.

– Simplifizierung nach dem Prinzip: Kontraste schaffen Aufmerksamkeit.

Die Welt wird unterteilt in einfache Gegensätze wie „gut“ und „böse“, „links“ oder „rechts“. Die Komplexität wird reduziert unter anderem durch Personifizierung, Einpassen in übersichtliche Weltbilder und moralische Bewertung der Handlungen der Personen durch das Medium.

– Personalisierung nach dem Prinzip: Menschen schaffen Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche und politische Probleme werden überschaubar gemacht durch Reduktion auf ihre Protagonisten. Zehnder führt als Beispiele an: „So hat nicht mehr Deutschland ein kompliziertes Problem mit der Türkei, sondern Merkel mit Erdoğan, und die Credit Suisse kämpft nicht mit Renditeproblemen, sondern Tidjane Thiam muss sich etwas einfallenlassen.“

– Melodramatisierung nach dem Prinzip: Drama schafft Aufmerksamkeit.

Ein Thema wird dramatisiert, indem es nicht einfach sachlich dargestellt wird, sondern als Melodram, als Schicksal von Menschen erzählt. Der Medienkonsument wird abwechselnd als Voyeur und als Theaterzuschauer angesprochen.

– Visualisierung nach dem Prinzip: Gefahr und Gefühle schaffen Aufmerksamkeit.

Komplexe Themen werden über Bilder oder einfache Grafiken vermitttelt. Durch Bilder und eine bildhafte Sprache werden beim Zuschauer / Leser „Schauer und Entsetzen“ ausgelöst. Entscheidend für die Auswahl der Bilder ist ihr Schock-Gehalt, wobei die Abbildungen oft gar nicht die behandelte Sache abbilden, sondern Themenbilder sind.

– Spektakularisierung nach dem Prinzip: Teilnahme schafft Betroffenheit und Betroffenheit schafft Aufmerksamkeit.

Geschichten werden in der Gegenwartsform so erzählt, dass der Medienkonsument den Eindruck eines Live-Berichts bekommt. Ein drastisches Beispiel sind die Live-Streams in Sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Benutzern, Ereignissen live zu verfolgen und vermitteln das Gefühl, dabei zu sein.

– Sensationalisierung nach dem Prinzip: Dringlichkeit schafft Aufmerksamkeit.

In diesen Bereich gehören grosse, fett gedruckte Titel mit ständigen Übertreibungen und der permanenten Konstruktion von Krisen.

Matthias Zehnder fügt noch ein weiteres Boulevardelement hinzu:

– Repetition oder Serialisierung.

Damit ist gemeint: Eine Geschichte wird nicht als Ganzes und in allen Aspekten erzählt, sondern aufgeteilt in einzelne Häppchen hintereinandergeschaltet. So entsteht der Eindruck einer sich ständig weiterentwickelten Story. Ein Teil einer solchen Story ist von Beginn weg geplant, ein weiterer Teil ergibt sich, wenn Betroffene widersprechen, sich wehren und eigene Standpunkte einbringen.

Weitere verschärfende Tricks und Phänomene

Im folgenden sollen einige weitere Phänomene und Tricks in der Medienlandschaft vorgestellt werden, welche die Aufmerksamkeitsfalle verschärfen und die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft verstärken.

– Clickbaiting

Die Anzahl der Klicks ist für Online-Medien entscheidend, weil dadurch Werbegelder generiert werden. Beim Clickbaiting wird eine Schlagzeile so formuliert, dass der Leser fast nicht anders kann, als zu klicken. Der Leser wird mit einer Teilinformation „angefixt“, während das Wesentliche noch offengelassen wird. Beispielsweise: „Vier Änderungen der Steuergesetze, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten können.“

Listen und Bildergalerien, durch die man sich klicken muss, dienen ebenfalls dem Clickbaiting und dem Verkauf von dazwischengeschalteter Werbung („Die zehn Schlankheitsdiäten, die Sie noch nicht kennen“).

– Boulevardmedien vertiefen über Stimmungsmache die Spaltung der Gesellschaft (Disjunktion)

Stimmmungen und Stimmungswechsel gibt es nicht nur bei Individuen, sondern auch in Gesellschaften. Dabei spielen die Medien eine zentrale Rolle. Sie erzeugen Räume der Stimmungen. Mit diesem Thema befasst sich der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch „Das Gefühl der Welt – über die Macht von Stimmungen“.

Solche Räume der Stimmungen werden aufrecht erhalten durch einen gleichmässigen Strom von relevanten Informationen und durch gemeinsame Erregungen, wodurch das Erleben von Gesellschaft intensiviert wird. Heinz Bude unterscheidet dabei zwischen den traditionellen Medien, also beispielsweise den abonnierten Tageszeitungen, und den Boulevardmedien. Wesentlicher als ihr Inhalt ist bei den Boulevardmedien die direkte, emotionale, affektive Art ihrer Ansprache.

Die Boulevardmedien und die klickorientierten Internetmedien verbreiten Stimmungen nicht über die Inhalte, die sie transportieren, sondern über die Art und Weise, wie sie diese Inhalte vermitteln. Entscheidend ist dabei die Methode der direkten, affektiven Publikumsansprache. Dabei kommt es zu einem Wir-Gefühl unter Menschen, die sich im Opposition zur etablierten Gesellschaft und zu den etablierten Medien sehen – also zur sogenannten „Classe Politique“ und zur angeblichen „Lügenpresse“.

Wenn diese Annahmen Heinz Budes zutreffen, dann ist die zu beobachtende Disjunktion in der Politik, die Spaltung der Gesellschaft und das Auseinanderbrechen von Parteien und Gruppen, eine direkte Folge der Boulevardisierung der Medien. Die Spaltung entsteht dann aus einer direkten Folge einer immer stärkeren Ausrichtung der Medien auf den Aufmerksamkeitsmarkt. Indem die Medien in die Aufmerksamkeitsfalle tappen, verstärken sie die Spaltung der Gesellschaft.

Ergänzung: Heinz Bude bezieht sich an dieser Stelle in seinem Buch auf den französichen Soziologen Gabriel Tarde (1843 – 1904). Er publizierte 1898 und 1899 zwei Abhandlungen, in denen er sich den Stimmungsträgern des Publikums, der Masse und der öffentlichen Meinung widmete.

Heinz Bude schreibt:

„Wie kommen die Individuen, fragt Tarde im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, die voneinander getrennt in der Stadt, zerstreut in einem Land oder nur schwer füreinander erreichbar auf einem Kontinent leben, zu dem Gefühl, dass sie in einer gemeinsamen sozialen Welt leben? Die Antwort lautet: Indem sie eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen. Der Unterschied zwischen Zeitungs- und Buchlektüre liegt darin, dass das Empörende, Verschreckende oder Abstossende, von dem ich gerade lese, in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird, die, ebenfalls ein jeder für sich, auf dem Weg zur Arbeit oder sonstwo dieselbe Zeitung lesen. Die lebhafte Neugier, mit der der Abonnent noch in der Nachtkleidung am Morgen die Tageszeitung aus dem Briefkasten holt, wird von der unbewussten Einbildung gegleitet, dass eine grosse Zahl anderer Menschen im gleichen Augenblick ebenfalls zum Briefkasten unterwegs ist. Darin liegt das Geheimnis der Konstitution eines Publikums.“

Nach Tardes Ansicht hängt das Gefühl der Aktualität nicht an der bedrängenden Tatsächlichkeit der Ereignisse, sondern an der erregenden Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme. Aktuell ist auf diesem Hintergrund nicht das, was gerade stattgefunden hat, sondern was im Moment ein allgemeines Interesse weckt – auch wenn es sich um ein längst vergangenes Ereignis handelt. Aktuell ist auf diesem Hintergrund alles, was besprochen wird. Das fiebrige Interesse an Aktualität begründet die Assoziation, den Zusammenschluss eines Zeitungspublikums. Es kommt zu einer Gruppenbildung aufgrund von geteilten Erregungen.

Diese Gruppenbildung, dieses Wir-Gefühl wird über die Boulevardmedien hinaus verstärkt durch die sogenannten Sozialen Medien. Hier wird die Ansprache noch personalisierter und emotionalisierter, weil sie quasi unter Freunden und in einer Filterblase stattfindet, die den Eindruck vermittelt, dass alle so denken.

Das begünstigt Radikalisierung.

Heinz Bude schreibt:

„Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk schliesslich noch von den vorbereiteten Foren des Bürgerjournalismus emanzipiert und in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richtet, die in den ‚frivolen Jahren’ des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind. Sprecher dieser Stimmung wie die Komiker Beppo Grillo in Italien oder Dieudonné in Frankreich verleihen einem Systemmisstrauen in ihren Blogs mit Hunderttausenden von Followern Ausdruck, indem sie wieder eine vertikale Spaltung in den politischen Diskurs einführen: die Spaltung zwischen dem Palazzo, der die gleichgültigen, glatten und grausamen Mächtigen beherbergt, und der Piazza, wo das Volk murmelt, rumort und sich empört.

Gabriel Tarde wusste, dass aus einem überhitzten Publikum plötzlich eine kämpferische Masse werden kann, die durch die Strassen zieht oder sich auf Plätzen versammelt und Losungen und Parolen skandiert, die irgendetwas hochleben lassen oder irgendjemandem für irgendetwas die Schuld geben. In diesem Sinne liesse sich das Publikum als virtuelle Masse begreifen. Im Publikum bereitet sich vor, was in der Masse sich Luft verschafft. Der Absturz des letzlich passiven Publikums in die aktive Masse hat für Tarde etwas in höchstem Masse Gefährliches, findet seiner Wahrnehmung nach aber zum Glück nur selten statt.

Trotzdem ist der Umschlag immer möglich. Das Publikum führt ein, wie er an anderer Stelle sagt, schweigsames Leben, das zur friedlichen Verkettung der Möglichkeiten neigt, aber aufgrund zufälliger Bedingungen wie extremer Witterung, des Todes einer Ikone, eines bestimmten Tweets oder eines über Instagram geteilten Bildes oder Videos kann sich die Szene mit einem Mal wandeln.“

Heinz Bude zitiert zu diesem Punkt Gabriel Tarde:

„Eine Masse ist ein seltsames Phänomen: Sie ist eine Versammlung heterogener Elemente, die sich gegenseitig unbekannt sind; aber sobald ein Funke der Leidenschaft entstanden ist, der von einem ihrer Elemente ausgeht, wird dieses Durcheinander elektrisiert; auf diese Weise findet ein spontaner und plötzlicher Organisationsprozess statt. Die Inkohärenz wird kohärent, der Lärm wird zur Stimme; und die Tausende eng zusammengepferchten Leute verwandeln sich in nichts anderes als eine Bestie, ein wildes Tier ohne Namen.“

Zum Abschluss dieser Ergänzung noch ein Hinweis auf den Begriff „Disjunktion“, der hier im Sinne einer Spaltung der Gesellschaft steht. Der Begriff „Disjunktion“ wird auch in der Ökologie verwendet:

Die Disjunktion ist in der Ökologie ein Teilareal (Exklave), das vom übrigen Verbreitungsgebiet einer Pflanzen- oder Tierart räumlich getrennt wurde und mit den üblichen Verbreitungsmitteln dieser Art nicht überbrückt werden kann, aber noch ein Habitat darstellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Das sagt auch einiges aus über die gesellschaftliche Disjunktion.

Nun aber zurück zum Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“.

– „Fake News“ verbreiten sich im Netz schneller als echte News

Gefälschte Nachrichten wurden schon immer in Umlauf gebracht, sei es in Form von Leserbriefen oder von professioneller Desinformation.

Noch nie jedoch konnten Lügenbarone ihre Falschmeldungen so einfach und grenzenlos verbreiten und damit sogar direkt Gewinn machen mittels bezahlter Werbeanzeigen, die neben den „News“ eingeblendet werden.

Weshalb sind „Fake News“ so erfolgreich? Weshalb glauben Menschen auch noch den grössten Humbug?

Die Antwort ist simpel: Weil sie den gefälschen Nachrichten glauben wollen. Und sie wollen den gefälschten Nachrichten glauben, wenn sie ihrer eigenen Meinung entsprechen und in ihr Weltbild passen.

Für diese Menschen scheint es keine glaubwürdigen Medien zu geben, sondern nur glaubwürdige Meinungen. Und glaubwürdig ist nur diejenige Meinung, die sie in ihren Ansichten bestätigt.

In der Folge richten die Menschen das Bild in ihrem Kopf nicht mehr nach der Welt, sondern bauen sich die Welt nach dem Bild in ihrem Kopf. Die Menschen basteln sich immer öfter jene Realität, die präzis zu ihrer eigenen Meinung passt.

„Fake News“ sind daher dann erfolgreich, wenn sie (unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt), erwünscht sind.

Verkompliziert wird die Diskussion um „Fake News“, weil dieser Begriff inzwischen auch ins Gegenteil gewendet verwendet wird. Donald Trump bezeichnet Nachrichten als „Fake News“, wenn sie aus seiner Sicht besonders unerwünscht sind. Unter „Fake News“ fällt bei ihm, was er nicht hören will.

„Fake News“ sind gefälschte News. Nicht jede falsche Information ist deshalb „Fake News“. Eine Wetterprognose, die sich als falsch heraus stellt, ist keine „Fake News“.

Ergänzung:

Eine Website, die sich mit „Fake News“ im Internet befasst, ist http://www.mimikama.at.

 

– Filterblasen

Das Internet wäre eigentlich prädestiniert dafür, jede „Fake News“ sogleich als falsch zu entlarven, denn die richtigen Informationen sind im Netz in der Regel verfügbar. Eine Suchmaschine, in welche man die Kernbegriffe einer Story eingibt, genügt dazu in vielen Fällen.

Leider passiert im Internet aber das genaue Gegenteil. Das Netz wird mehr und mehr zur grossen „Fake-News-Schleuder“. Ein wichtiger Grund dafür sind die sogenannten Filterblasen, die ebenfalls mit der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zusammenhängen.

Wenn Sie ein Suchsystem bei Google oder Facebook nutzen, werden Ihnen Resultate gezeigt, die aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens im Internet zusammengestellt sind.

Google und Facebook sortieren die Ergebnisse speziell für Sie nach ihrer Wichtigkeit, nach ihrer „Relevanz“. Unter Wichtigkeit verstehen diese beiden privaten Supermächte allerdings nicht die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ein Ergebnis klicken. – also auf die Bedeutung, die das Ergebnis für Sie hat.

Noch genauer gesagt geht es bei der Reihenfolge der Ihnen präsentierten Ergebnisse um die höchste Wahrscheinlichkeit, Ihnen Werbung einblenden zu können, die zu Ihren Bedürfnissen passt.

Das kann auf den ersten Blick betrachtet auch angenehm erscheinen, hat aber drastische Nebenwirkungen. Google und Facebook präsentieren Ihnen mit ihren Suchresultaten nur noch jene Welt, die sie suchen. Diese von Algorithmen nach den Vorlieben der Benutzer zurechtgefilterte Welt nennt man Filterblase („Filter Bubble“). Sie entsteht überall dort, wo Computerprogramme Resultate so auswählen, dass die Klickrate zunimmt, dass also die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Benutzer auf ein Resultat klickt. Dieses Prinzip funktioniert also überall dort, wo es darauf ankommt, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die verheerenden Folgen von Filterblasen lassen sich sehr gut in den USA beobachten, die scharf in Republikaner und Demokraten getrennt sind.

Linksliberale Personen sehen nur noch linksliberale News, Konservative nur noch konservative. Die Fähigkeit, in einer gemeinsam geteilten Welt Kompromisse zu finden, wird dadurch stark reduziert.

Die Zeitung „Wall Street Journal“ hat eine Seite aufgeschaltet, auf der links ein liberaler Newsfeed läuft und rechts ein konservativer. Diese beiden Newsstränge zeigen zwei völlig verschiedene Welten.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir auch in der realen Welt in Filterblasen – entsprechend unserem Umfeld, unserem beruflichen oder bildungsmässigen Hintergrund.

Drei Gründe sprechen aber dafür, dass Google, Facebook & Co. dieses Problem drastisch verschärfen:

– Die Onlineangebote von Google, Facebook & Co. wenden einen geheimen Algorithmus an, sind also vollkommen intransparent. Sie können als Nutzer nicht wissen, weshalb sie online sehen, was Sie sehen.

– Sie haben keine Möglichkeit, auf diesen Plattformen dem Filter zu entkommen. Diese Seiten wollen uns möglicht gut gefallen und zeigen uns darum möglichst viele Dinge, die uns gefallen.

– Weil immer mehr Onlineangebote auf solchen Algorithmen basieren, wird es immer weniger möglich, dieser Filterblase zu entgehen.

Der Unterschied zur Nutzung klassischer Medien ist einschneidend: Wer durch eine Zeitung blättert oder durch die Fernsehprogramme zappt, stösst unvermeidlich auch auf Inhalte, die er oder sie nicht primär gesucht hat und die ihn oder sie nicht von vorneherein interessieren. Und manchmal werden solche Fundstücke dann doch konsumiert. Dieser Effekt heisst im Fachjargon „ Serendipity“, was sich übersetzen lässt mit „über die Ränder lesen“.

Online kommt dieser Effekt viel weniger zum Zug, weil wir sehr viel direkter und gezielter auf ein Ziel zusteuern. Wir sind online quasi im Schlüssellochmodus unterwegs. Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich genau den Ausschnitt, der unsere Aufmerksamkeit geholt hat, weil er unseren Erwartungen entspricht.

Aus der Filterblase hinaus zu treten bedeutet nicht, keine Meinung und keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet, sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, und damit auch jenen Menschen Respekt zu zollen, die anderer Meinung sind.

Ausserdem entdeckt man auf Umwegen nicht selten Wertvolles, dem man auf dem direktesten Weg nicht begegnet wäre. Der direkte Weg ist zwar oft der schnellste, aber er blendet auch sehr viel aus.

– Desensibilisierung

Alles, was unsere Aufmerksamkeit anspricht, unterliegt dem Gesetz der Desensibilisierung, oder etwas härter ausgedrückt: der Abstumpfung. Das Phänomen der Desensibilisierung lässt sich gut bei der Geschwindigkeit von Medien beobachten. Die Geschwindigkeit von Filmen hat sich über die Jahre dramatisch gesteigert. Die Reizintensität hat dadurch massiv zugenommen. Es braucht infolge dieser Entwicklung immer mehr und dichtere Reize, um dieselben Effekte wie früher zu erzeugen.

Auch erotische Reize, wie sie beispielweise in der Werbung eingesetzt werden, stumpfen ab. Es braucht immer mehr nackte Haut, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber auch die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen müssen grösser und schriller werden, die Sprache im Fernsehen lauter und deftiger.

Auch Nachrichten unterliegen der Desensibilisierung. Früher war ein ankommender Brief ein einzelnes Ereignis, das sich im Gedächtnis einbrannte und dort eine einzelne Spur hinterliess. Heute werden wir mit Nachrichten überschwemmt. Eine einzelne Nachricht hinterlässt in der Regel keine Spur mehr. Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Nachrichten von besonders glücklichen oder tragischen Ereignissen. Viele Menschen erinnern sich zum Beispiel noch an die Situation, als sie von den Anschlägen auf das Word Trade Center in New York erfuhren. Eine normale Facebook-Nachricht oder ein einzelnes SMS sind aber ausgesprochen flüchtige Ereignisse. Damit Nachrichten Spuren hinterlassen, müssen sie wiederholt vermittelt werden. Die einzelne Nachricht spielt keine Rolle, es braucht den kontinuierlichen Nachrichtenfluss, um Eindrücke zu erzeugen. Das stellt Medien vor die Herausforderung, laufend neue News anzubieten.

Solche Desensibilisierungseffekte machen es für die Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erreichen.

– Push-Meldungen

Push-Meldungen sind besonders wichtige Meldungen, die mit einem Alarmsignal versehen auf das Mobiltelefon ‚gepusht’ (also gestossen) werden, beim Surfen am Computer automatisch im Browser auftauchen oder sich durch Klopfen auf der Apple Watch melden. Für Medien sind Push-Meldungen die simpelste Form, um die Aufmerksamkeit der Benutzer zu bekommen.

Hinter jeder Push-Meldung verbirgt sich ein Beitrag mit einer ausführlichen Meldung. Mit wirksamen Push-Meldungen lassen sich Benutzer regelmässig auf das Angebot des Versenders lenken. Push-Meldungen sind oft weder eilig noch wichtig. Sie appellieren vielfach auch simpel an die Neugier des Benutzers und funktionieren dann nach dem altbewährten Boulevardprinzip. Sie treiben das Aufmerksamkeitsproblem auf die Spitze.

– Das Hirtenjungen-Problem

Mit dem Begriff „Hirtenjungen-Problem“ umschreibt Matthias Zehnder den Verlust der Glaubwürdigkeit von Medien mangels Sorgfalt im Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf geht auf den antiken griechischen Dichter Äsop zurück. Der Hirtenjunge hatte mehrfach mit „Der Wolf! Der Wolf!“ um Hilfe gerufen, obwohl kein Wolf da war. Als der Wolf dann wirklich kam, um ein Schaf zu reissen, und der Hirtenjunge wieder um Hilfe rief, kam niemand mehr zu Hilfe.

Die Medien können gar nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Publikums zu enttäuschen. Sie erscheinen regelmässig, egal ob sich etwas Wichtiges ereignet hat oder nicht. Die Medien haben Rezepte, mit denen sie auf Grossereignisse reagieren – zum Beispiel Sondersendungen. Für ereignislose Tage fehlen ihnen aber meist die Rezepte.

In solchen „Sommerloch-Zeiten“ ist die Versuchung sehr gross, Ereignisse herbeizuschreiben und unbedeutende Geschehnisse aufzublasen. Die Ereignislosigkeit wird durch die Medien nicht abgebildet. Sie warnen quasi vor Wölfen, die gar nicht existieren. Medien aber, die mehrmals ohne Anlass nach Aufmerksamkeit rufen, werden mit dem Enzug von Aufmerksamkeit bestraft.

– Die Briefträger-Verzerrung

Matthias Zehnder nennt die „Briefträger-Verzerrung“ eine „alte Journalistenweisheit“ und beschreibt sie so:

„Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn ein Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale, hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Aussergewöhnliche, das Überraschende…….“

Das hat einschneidende Konsequenzen:

„….Wenn nie gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, aber immer gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, verkehrt sich unser Weltbild ins Gegenteil dessen, was tatsächlich der Fall ist. Also glauben wir mit der Zeit, dass sehr viele Briefträger Hunde beissen und ganz wenige Hunde Briefträger beissen.“

Die „Briefträger-Verzerrrung“ ist im Bereich der Nachrichten laufend zu beobachten, zum Beispiel wenn über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Terrorattacken und andere Katastrophen berichtet wird. Flugzeuge stürzen sehr selten ab und kommem dabei zuverlässig in die News. Über planmässig landende Flugzeuge wird dagegen nicht berichtet. Darum wird das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, systematisch überschätzt – und beispielsweise das Risiko von Gesundheitsgefährdungen wie der Luftverschmutzung oder mangelnder Bewegung unterschätzt.

Wenn Medien zunehmend auf die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit fokussiert sind, steigert das die „Briefträger-Verzerrung“ und bewirkt in der Folge, dass wir uns ein falsches Bild der Welt machen. Das ist in einer direkten Demokratie fatal, weil das Bild, das wir uns als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Welt machen, unser Abstimmungsverhalten beeinflusst.

Als eine Variante der „Briefträger-Verzerrung“ beschreibt Matthias Zehnder das

Konflikt-Prinzip: „Medien suchen den Konflikt.“

Für die Medien ist eine Geschichte dann interessant, wenn sie sich als Konflikt darstellen lässt. Insbesondere die Boulevardmedien suchen das Drama, die Zuspitzung. Je stärker die Medien auf Aufmerksamkeit angewiesen sind, desto mehr stellen sie die Welt als dramatischen Kampf dar. Matthias Zehnder schreibt dazu:

„Aus den harmlosen Gesprächen über eine Rentenreform wird ein ‚Ringen um unsere Renten’, aus der simplen Diskussion über die Klimaerwärmung wird der ‚Showdown’, die Wissenschaftler stehen sich ‚unversöhnlich’ gegenüber und kämpfen mit ‚harten Bandagen’.“

Dieser Kampf sei umso dramatischer, je ausgeglichener die Kräfte sind. Auch das verzerre das Bild der Welt. Am augenfälligsten sei das bei der Diskussion über den Klimawandel:

„99 von 100 Wisssenschaftlern sind sich heute einig, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. Jeder Fernsehsender wird für eine Diskussion über den Klimawandel aber einen ‚Bestätiger’ und einen ‚Leugner’ einladen. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, dass die Diskussion fifty-fifty steht.

Wollte ein Fernsehsender die Diskussion über den Klimawandel korrekt abbilden, müsste er 99 Wissenschaftler einladen, die sich für einen menschengemachten Klimawandel aussprechen, und einen, der den Klimawandel leugnet.“

Entsprechend dem Konflikt-Prinzip erhalten kontradiktorische Diskussionen und Darstellungen in den Medien mehr Aufmerksamkeit – vermitteln manchmal aber auch ein völlig falsches Bild und neigen stark zur „Briefträger-Verzerrung“. Diskussionen in den Medien sind spannender, wenn sie nicht einfach die vorherrschende Meinung abbilden, sondern wenn Vertreter von Extrempositionen eingeladen werden. Sie sind zuverlässige Garanten dafür, dass Diskussionen nicht konstruktiv (und damit etwas langweilig) verlaufen, sondern konfliktbeladen und damit erregend.

Daraus entsteht eine doppelte „Briefträger-Verzerrung“:

Erstens werden Extrempositionen nur schon dadurch salonfähig, dass sie Sendezeit bekommen. Ihre Vertreter erhalten dadurch Gelegenheit, ansonsten eher Undenkbares auszusprechen und in den Raum zu stellen.

Zweitens hinterlassen Diskussionen mit Extrempositionen den Eindruck von tiefen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen, weil sie gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen.

Dabei stehen sich im realen Leben nur die Extrempositionen so unversönlich gegenüber, und die grosse Mehrheit in der Gesellschaft steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich problemlos auf eine konstruktive Lösung einigen.

Die starke Fokussierung auf Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende „Briefträger-Verzerrung“ führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

– Boulevardmedien und Boulevardpolitik Hand in Hand

Extrempositionen werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Entsprechend werden auch Politiker mit extremen Ansichten häufiger eingeladen (SVP-Nationalrat Rogel Köppel ist bspw. gern gesehener Gast in deutschen Talkshows). Dadurch verstärken sich Medien und (extreme) Politik gegenseitig. Beide hängen quasi an der Droge „Aufmerksamkeit“. Politiker können sich am leichtesten Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun.

Vor allem Tabubrüche werden von den Medien gerne weiterverbreitet und ausgewalzt, weil das auch für sie Aufmerksamkeit generiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gegenüber ZEIT ONLINE (27. 9. 2017):

„‎Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.“

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit geraten und werden in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Es kommt zu einer fatalen Symbiose von Politik und Medien im Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist eine Boulevardpolitik, die nicht Probleme löst, sondern sich im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit inzeniert.

Die Boulevardisierung der Medien führt zu einer Boulevardisierung der Politik. Das ist speziell in einer direkten Demokratie wie der Schweiz fatal, weil sich die Politik in der direkten Demokratie in der Öffentlichkeit abspielen muss – und darum auf Aufmerksamkeit angewiesen ist.

Laut Matthias Zehnder kommt es aber noch schlimmer: „Die Folge der Aufmerksamkeitsfalle, in der die Medien (und die Politik) stecken, ist letzlich Populismus.“

– Weshalb in der Aufmerksamkeitsfalle der Populismus lauert

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller beschreibt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ den Populismus als „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen. – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören“. Populisten wenden sich also im Namen des Volkes gegen die Eliten, wobei sie der Ansicht sind, dass einzig sie „das wahre Volk vertreten; alle anderen vermeintlichen Repräsentanten der Bürger seien auf die eine oder andere Art illegitim“. Der Schlachtruf der Populisten ist also weniger „Wir sind das Volk“ als vielmehr „Nur wir vertreten das Volk“.

In einer modernen Demokratie gibt es aber kein homogenes Volk, sondern viele verschiedene Interessen, Perspektiven und Meinungen, die miteinander um Lösungen ringen.

In einer Demokratie besitzt auch niemand die absolute Macht, auch nicht das Volk. Es gibt vielmehr ein System von „Checks and Balances“ mit Institutionen wie einem Verfassungsgericht oder Bundesrichtern, die für eine Gewaltenteilung auf allen Ebenen sorgen. Populisten lehnen deshalb solche Institutionen ab, weil sie diesen einen, angeblich moralisch richtigen Volkswillen zum Beispiel mit Gerichtsurteilen verwässern.

Und wie tragen die Massenmedien zum Aufkommen des Populismus bei? 

Massenmedien und populistische Politik sind eng miteinander verwoben. Beide sind abhängig von Aufmerksamkeit und profitieren voneinander.

Populisten befinden sich permanent im Wahlkampf und buhlen um die Masse. Dabei bedienen sie sich derselben Mittel wie eine auf Masse und Aufmerksamkeit fokussierte Publizistik. Populistische Parteien, Bewegungen und Politiker könnten nicht existieren ohne die Nutzung von Massenmedien und die Grundzüge populistischer Politik kommen den Massenmedien entgegen.

Matthias Zehnder verweist an diesem Punkt auf die Kommunikationswissenschafterin Beate Ociepka. Sie hat drei wesentliche Merkmale populistischer Politik beschrieben, die sich besonders dafür eignen, von den Medien zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung aufgenommen und genutzt zu werden:

1.) Das Charisma des populistischen Anführers ist wichtiger als politische Programme. Das kommt der Neigung der Medien zur Personalisierung entgegen. Jedes Thema wird wenn möglich an Personen aufgehängt.

2.) Populisten setzen auf eine vereinfachte Form der Kommunikation und stützen sich darum mehr auf emotionale als auf rationale Argumente (entspricht der Emotionalisierung im Boulevard) und auf einseitige anstelle von differenzierter Darstellung (kommt dem Konflikt-Prinzip der Medien entgegen).

3.) Die populistische Politik wird zum Spektakel (zum Beispiel durch Tabubrüche und Grenzüberschreitungen).

Diese Aufzählung lese sich wie ein Wunschkatalog von Boulevardmedien an die Politik, schreibt Matthias Zehnder. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik seien natürliche Partner:

„Populisten vereinfachen, spitzen zu, emotionalisieren. Sie teilen die Welt ganz simpel in Freund und Feind, in Gut und Böse. Sie bedienen sich alter Stereotypen und sind deshalb fremdenfeindlich und nationalistisch. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen ‚die da oben’ an. Schliesslich ist er der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und ‚great again’ macht. All diese Eigenschaften machen populistische Politiker zum Lieblingsobjekt von Boulevardmedien.“

Aber auch seriöse Medien können sich diesen Effekten nicht entziehen. Wenn Donald Trump lügt ist es für sie ein Skandal, über den sie gross berichten. Beispielsweise hat Trump wiederholt behauptet, Obama habe ihn im Wahlkampf abgehört. Dieser ungeheure Vorwurf wird noch durch die Provokation gesteigert, dass Trump es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, ihn durch Belege glaubhaft zu machen.

Die ständige Berichterstattung über solche Lügen machen sie grösser, hämmern sie in die Köpfe der Medienkonsumenten und lassen sie als eine reale Möglichkeit erscheinen (zumindestens bei Trumps Anhängern, und auf die kommt es ihm an).

Seriöse Medien sind darauf fokussiert, die Wahrheit zu finden. Im Populismus gibt es aber diese Wahrheit nicht mehr. Wahrheit wird zu einer Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten (wir erinnern uns: Trumps Sprecherin präsentierte „Alternative Fakten“).

Wenn seriöse Medien nachweisen, dass Trump lügt, dann sagt Trump: „Die Medien lügen, sie sind Fake News“. Wenn Wahrheit kein unabhängiger Referenzwert mehr ist, dann bestimmt der Stärkere, was als wahr zu gelten hat – und der Stärkere ist dann derjenige, der die Medien dominiert. Und das ist, weil er dem Aufmerksamkeitsbedarf der Medien so gut in die Hände spielt, der Populist.

Matthias Zehnder schreibt:

„Je stärker die Medien in der Aufmerksamkeitsfalle sitzen und um die Aufmerksamkeit ihrer Leser, Hörer und Zuschauer buhlen, desto eher werden sie zur Beute populistischer Politik. Populismus führt im Endeffekt zu einer iliberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letzlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.“

Wege aus der Aufmerksamkeitsfalle

Dass Medien in der Aufmerksamkeitsfalle stecken ist nicht nur für die Medien von Bedeutung, sondern für uns alle. Denn die Folgen dieser Entwicklungen sind für Politik und Gesellschaft unerwünscht.

Matthias Zehnder befasst sich gegen Schluss seines Buches mit Wegen aus der Aufmerksamkeitsfalle – einerseits für die Medien und anderseits für das Publikum.

Welche Auswege für die Medien?

Zehnder ist der Ansicht, dass die Hinwendung zu einer rein aufmerksamkeitsorientierten Publizistik für die meisten Medien eine Sackgasse ist. Er begründet das mit dem Phänomen der Desensibilisierung und weil es im unendlich grossen Medienschlaraffenland nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf Dauer zu erhalten. Zwar brauche jedes Medium Aufmerksamkeit, doch gehe es um den Grund, warum es zum Aufmerken komme, also um die Ursache für ein Umschalten von „awareness“ zu „attention“.

Wenn dieses Aufmerken rein Neugier-basiert sei, dann sei die Aufmerksamkeit eine flüchtige und untreue Angelegenheit. Sie wende sich dem jeweils stärksten Reiz zu – und von diesem sogleich wieder ab, wenn ein anderer, stärkerer Reiz auftauche. Weil die Empfindlichkeit der Menschen sich wiederholenden Reizen gegenüber abnehme, brauche es immer stärkere Reize. So öffne sich die Aufmerksamkeitsfalle.

Matthias Zehnder zieht daraus den Schluss, dass die Aufmerksamkeit nicht aufgrund eines Reizes dem Medium zugewendet werden darf, sondern aufgrund eines Entscheides.

Früher, in der Vergangenheit, basierte die Mediennutzung auf einem Entscheid und der daraus sich entwickelnden Gewohnheit.

Gewohnheit kann aber nicht die Lösung sein, welche die Medien heute anstreben. Es braucht viel Zeit, bis Gewohnheiten aufgebaut sind und für die grosse Mehrheit der heutigen Bürgerinnen und Bürger scheint das kein atttraktives Angebot zu sein – sie verpflegt sich lieber jeweils spontan am grossen Medienbuffet.

Wenn sowohl die Aufmerksamkeit aus Neugier aufgrund von Reizen als auch aus Gewohnheit nicht realisierbar sind, bleibt nach Ansicht von Matthias Zehnder nur eine Lösung: Nutzen.

Das Medienangebot muss einen klar ersichtlichen Nutzen schaffen.

Für eine politische Zeitung würde das heissen: Information ohne Sensation, Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung anstelle von Blut und Brüsten.

Der Nutzen eines solchen Medienangebots zeigt sich daran, ob seine Benutzer bereit sind, dafür zu zahlen, schreibt Zehnder.

Was können Medienkonsumenten tun?

Dieser Abschnitt ist im Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ leider etwas gar kurz. Zehnder weißt darauf hin, dass das Angebot der Nachfrage folgt. Er rät, die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit zu belohnen. In der Medienwelt steuert der Kunde mit seinem Verhalten das Angebot. Wer häufig auf Nackedeis klickt, wird mehr Nackedeis bekommen. Als Medienkonsument kann man sich auch vornehmen, nicht jeder Versuchung für einen Neugier-Klick nachzugeben.

Das sind allerdings sehr individuelle Lösungen, nicht ganz ohne Einfluss, aber mit doch sehr begrenzter Wirkung.

Darum sollten diese individuellen Verhaltensmassnahmen ergänzt werden durch grundsätzlichere Ansätze, auf die Zehnder abschliessend zu sprechen kommt:

„Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowd-funding oder den Kauf von Medien.“

Mir fehlt hier noch eine gesellschaftlich-politische Ebene. Vielleicht braucht es auch Rahmenbedingungen, um die Qualität der Medienlandschaft zu schützen. Zum Beispiel könnte man Facebook, Google & Co. unter das Presserecht stellen. Diese privaten Supermächte müssten dann Verantwortung übernehmen für ihre Inhalte, so wie das klassische Medien auch müssen.

Abschliessend hält Matthias Zehnder ein beherzigenswertes „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das Überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017,

Das sehr empfehlenswerte Buch ist erhältlich in meinem Buchshop.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Was ist Populismus? Und was nicht? Eine Zusammenfassung des Essays von Jan-Werner Müller.

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Bullshit zu Aromapflege und Aromatherapie

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Bullshit redet, wer wohlklingende Worte äussert, die nichts aussagen. Ein Beispiel für solchen Bullshit sind meines Erachtens folgende Sätze über Aromapflege und Aromatherapie:

„Aromapflege und Aromatherapie folgen den Prinzipien der Naturheilkunde. Sie wollen die Lebenskraft und Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken. Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht. Sie bewirken eine seelische Umstimmung, regulieren aus der Balance Geratenes und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden. Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“

Quelle:

http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/komplementaermedizin/?full=50130

Kommentar und Ergänzung:

Hier werden wohlklingende Begriffe aneinandergereiht, die kaum irgendwelche konkreten Inhalte haben.

⇒ Die „Prinzipien der Naturheilkunde“ sind nicht so klar definiert, wie das hier aussieht. Der Autor müsste konkrete Beispiele bringen um zu illustrieren, was genau er damit meint. Aber wenn man konkret wird, stösst man schnell an Grenzen oder verwickelt sich in Widersprüche. Bleibt man schön im wohlklingenden Allgemeinen, lässt sich diese Schwierigkeit vermeiden.

„Lebenskraft“ ist ein schillernder Begriff, der spontan oft klar und einleuchtend klingt, aber sofort schwierig wird, wenn man genau erklären soll, was damit gemeint ist.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge……

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben…..

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.“

⇒  Die „Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken“ tönt auch immer gut. Die Selbstheilung des Menschen ist faszinierend. Daran wirken aber tausende von Vorgängen im Organismus mit, die sich je nach Krankheit beträchtlich unterscheiden können. Die Selbstheilungskräfte als feststehende Grösse wird es daher kaum geben. Auch hier wären detaillierte Angaben vorzuziehen. Welche Prozesse beeinflusst das ätherische Öl genau und wie? Aber auch hier gilt: Sobald man genaue Aussagen macht, können diese auch in Frage gestellt, kritisiert und widerlegt werden. „Die Selbstheilungskräfte“ dagegen bieten keine Angriffsfläche für konkrete Einwände.

 „Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht.“ – „Tief“ tönt immer gut. Aber was heisst „tief“ genau in diesem Zusammenhang? Eingreifend? Tief eingreifend in die Psyche? Könnte das, wenn es stimmt, nicht gefährlich werden? Oder ist nur immer und ausschliesslich eine positive Wirkung zu erwarten im Sinne einer Förderung des Gleichgewichts. Ist das nicht etwas gar viel Wunschdenken?

 „Sie bewirken eine seelische Umstimmung…“  Wenn das stimmt, kann das nicht auch schiefgehen? Oder muss ich mir das einfach immer positiv vorstellen? In Sinne von: Das ätherische Öl weiss schon, was es machen muss? Ist das nicht allzu schön um plausibel zu sein?

„…regulieren aus der Balance Geratenes…“ Da haben wir sie wieder, die umfassende Regulation. Damit kann man nie schiefliegen.

 „…und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden.“    Das ist eine sehr weitreichende Versprechung. Wie machen die ätherischen Öle das und was sollen wir verstehen unter dem „eigentlichen Nährboden“ einer Krankheit: Auch hier: Wer nicht konkret wird, versteckt sich vor möglichen konkreten Einwänden.

„Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“ Das tönt immer gut, sagt aber auch nichts Konkretes aus.

Diese Kritik richtet sich nicht generell gegen Aromatherapie und Aromapflege. Ätherische Öle sind im vielen Bereichen interessante und wirksame Heilmittel. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Texten über Aromatherapie und Aromapflege auf derartigen Worthülsen treffe.

Das ist meines Erachtens immer ein Anlass für genaues, kritisches Nachfragen, auch wenn es um andere Bereiche als Aromapflege und Aromatherapie geht – zum Beispiel um Texte in der Pflanzenheilkunde.

Vorgänge und Begriffe möglichst genau zu beschreiben ist eine Grundvoraussetzung guter Kommunikation und fachlicher Auseinandersetzung. Mit schwammigen Begriffen wie sie das oben aufgeführte Zitat enthält, redet man weitgehend aneinander vorbei. Das gilt auch für Vorträge, Kurse und Ausbildungen. Haken Sie nach, wenn Sie in Lehrveranstaltungen mit wohlklingenden, aber schwammigen Begriffen „gefüttert“ werden.

Wer leere Worthülsen einfach schluckt, weil sie so gut tönend daherkommen, lässt sich einlullen oder lullt sich selber ein. Wer dagegen genau nachfragt, klärt die Begriffe so weit es geht und bekommt dadurch einen stabileren Stand in der Welt.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat übrigens ein lesenswertes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Bullshit“ (Suhrkamp Verlag).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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Benzodiazepine: Aufklärungskampagne zum Suchtpotential

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Bezodiazepine werden als Schlafmittel und Beruhigungsmittel oft verschrieben und konsumiert. Auch über lange Zeit, obwohl die Risiken beträchtlich sind. Mit einer Kampagne machen die Barmer-GEK, die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und die Bundesärztekammer (BÄK) nun Patienten und Ärzte auf die Risiken von Schlaf- und Beruhigungsmitteln aufmerksam.

Vielen Menschen sei das Suchtpotenzial der zur Wirkstoffgruppe der sogenannten Benzodiazepine gehörenden Präparate nicht bewusst, erklärt Andrea Jakob-Pannier, Suchtpräventionsexpertin bei der Barmer-GEK. Eine neue Patienten-Broschüre stellt die 4K-Regel bei Anwendung von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial vor: klare Indikationsstellung, kleinste notwendige Dosis, kurze Anwendungsdauer und kein schlagartiges Absetzen der Medikamente.

Ein zweiseitiger Leitfaden für Ärzte enthält einen Fragebogen für das Screening und Tipps zur Kommunikation mit und Motivation des Patienten. Schon nach zwei Wochen beginne der Körper, sich an ein solches Medikament zu gewöhnen, heisst es in einer Pressemitteilung zur Kampagne. Dann meinen viele Konsumentinnen und Konsumenten, das Medikament sein nicht mehr stark genug und steigern die Dosis. Viele haben dann das Gefühl, das Medikament sei nicht mehr stark genug und steigern die Dosis.

Daher sollte die Einnahme von Benzodiazepinen immer nur unter ärztlicher Kontrolle und nur zur Überbrückung von Krisensituationen erfolgen. Nach längerer Einnahme dürfen diese Medikamente niemals abrupt abgesetzt werden.

Patienten-Broschüre (PDF zum Download)

Leitfaden für Ärzte / Ärztinnen (PFF zum Download)

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=55445

Kommentar & Ergänzung:

In der Broschüre werden folgende Wirkstoffe als Benzodiazepine aufgeführt: Alprazolam

Bromazepam

Brotizolam

Chlordiazepoxid

Clobazam

Diazepam

Dikaliumclorazepat

Flunitrazepam

Lorazepam

Lormetazepam

Medazepam

Nitrazepam

Nordazepam

Oxazepam

Prazepam

Temazepam

Eine vergleichbare Wirkung wie Benzodiazepine haben Präparate mit den Wirkstoffen Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon.

Und ausser dem:

In manchen – vor allem akuten – Situationen sind Benzodiazepine nötig und sinnvoll.

Es wäre also vermessen zu sagen, sie könnten immer durch pflanzliche Schlafmittel und Beruhigungsmittel ersetzt werden.

In manchen Situationen – vor allem bei längerfristiger Anwendung und bei milderen Störungen – sind pflanzliche Schlafhilfen und Beruhigungsmittel aber eine gute Option, die zu prüfen ist. Baldrian, Passionsblume, Melisse, Lavendelöl und andere helfen in manchen Situationen gut und ohne Abhängigkeitsrisiko.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Zitate aus der Placebo-Forschung

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Der Informationsdienst Wissenschaft berichtete über ein Projekt der Placebo-Forschung. Untenstehend interessante Zitate aus dieser Meldung mit kurzem Kommentar:

Zitat:

„Die vom Arzt verordnete Pille ist nur ein Teil des Heilungsprozesses bei Erkrankungen; viele weitere Einflüsse tragen zum Behandlungserfolg bei. „Eine zentrale Rolle dabei spielen die Placeboeffekte, die jedoch in der Forschung und der klinischen Anwendung bisher zu wenig beachtet wurden“, so Professor Manfred Schedlowski. Den Placebo-Effekten liegen messbare körperliche Vorgänge zu Grunde, die sich zum Beispiel in der Hirnaktivität, in immunologischen Veränderungen oder Veränderungen im Hormonsystem dokumentieren lassen. Diese Placebo-Effekte können durch aktuelle Erwartungen und frühere Erfahrungen des Patienten mit einer Erkrankung, aber auch durch den Behandlungskontext und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ausgelöst oder verstärkt werden.

Eine überregionale Forschergruppe widmet sich deshalb der Analyse dieser Placebo-Effekte, die neben der eigentlichen medizinischen Verordnung zum Behandlungserfolg beitragen.“

Kommentar:

Wichtig – weil zuwenig bekannt – ist hier die Aussage, dass bei Placebo-Effekten messbare körperliche Vorgänge vorliegen, zum Beispiel Veränderungen im Immunsystem, in der Hirnaktivität und im Hormonsystem.

Zu oft wird der Placebo-Effekt mit Einbildung verwechselt. Placebo-Effekte sind aber sehr real.

Im letzten Abschnitt finde ich es fragwürdig, wenn von Placebo-Effekten, „die neben der eigentlichen medizinischen Verordnung zum Behandlungserfolg beitragen“ die Rede ist. Ich würde „Placebo-Effekte“ nicht von der „eigentlichen medizinischen Behandlung“ trennen. Sie sind ein integraler Bestandteil jeder medizinischen Behandlung.

Zitat:

„’In einer Reihe von medizinischen Anwendungsfeldern sind die beteiligten Placebo-Effekte größer als die spezifischen, auf das Medikament zurückzuführenden Effekte. Dies unterstreicht, dass hier ein großes, oftmals nur unsystematisch genutztes Potential zur Verbesserung von Behandlungen liegt‘, so der Sprecher der Forschergruppe, Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg…… Die klinischen Anwendungen reichen von Patienten mit postoperativem Schmerz, Patienten mit Schlafstörungen, Patientinnen mit Reizdarmsyndrom bis hin zur Beeinflussung von immunologischen Funktionen bei Patienten nach Nierentransplantation.“

Kommentar:

Es gibt sehr interessante Anwendungsbereiche für Placebos, doch stellt sich immer die Frage, wann ihr Einsatz ethisch vertretbar ist.

Ausserdem muss immer auch festgehalten werden, dass Placebo-Effekte bei vielen Erkrankungen an Grenzen stossen. Dass z. B. Krebs, Multiple Sklerose oder Malaria allein mit dem Placebo-Effekt geheilt werden können, dafür gibt es keinerlei plausible Hinweise.

Quelle der Zitate:

http://idw-online.de/en/news561686

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Palliative Care: Krebskranke machen sich häufig falsche Hoffnungen

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Patientinnen und Patienten, die eine palliative Chemotherapie bekommen, wissen erschreckend oft nicht, dass es für sie keine Heilungschancen gibt.

Unheilbar krebskranke Menschen haben verständlicherweise manchmal unrealistische Hoffnungen. Doch das Ausmaß dieser Fehleinschätzung, das eine US-Studie aufdeckt, legt systematische Aufklärungsfehler nahe.

In einem Kollektiv von 1193 Patienten, die wegen metastasierendem bronchialem oder kolorektalem Karzinom (Stadium IV) eine palliative Chemotherapie bekamen, hatte die Mehrzahl völlig falsche Vorstellungen von der Intention der Behandlung. 81 % der Darmkrebskranken und 69 % der Lungenkrebspatienten waren sich nicht darüber im Klaren, dass es für sie keine Heilungschance gab, schreibt das Team um Dr. Jane C. Weeks vom Dana-Farber Cancer Institute, Boston, im „New England Journal of Medicine“.

Um eine gut fundierte Therapieentscheidung treffen zu können, muss der Patient über Nutzen und Risiken genau aufgeklärt sein, betonen die Wissenschaftler. Eine palliative Chemotherapie kann das Leben um Wochen oder sogar Monate verlängern sowie tumorassoziierte Symptome reduzieren, doch ist sie bekanntlich begleitet von toxischen Effekten. Die Entscheidung, ob ein Patient diese Belastung in Kauf nehmen will, kann er nur nach eingehender Aufklärung fällen.

Von „informed consent“ kann jedoch bei den meisten Studienteilnehmern offenbar keine Rede sein. Wie erklären sich die Forscher die eklatanten Missverständnisse? Paradoxerweise berichteten gerade die Patienten mit unrealistischen Therapie-Erwartungen von einer besonders guten Arzt-Patient-Beziehung und Kommunikation mit ihrem Arzt.

Möglicherweise, so die Interpretation der Forscher, empfinden Betroffene ein Gespräch als angenehmer, wenn der Doktor eine optimistische Sichtweise vermittelt. Fatal ist es aber, wenn diesem Optimismus jede Basis fehlt. Es ist bekannt, dass viele Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung die Unannehmlichkeiten einer toxischen Behandlung auf sich nehmen würden, wenn auch nur eine 1%ige Heilungschance bestünde – nicht jedoch, wenn diese gleich null ist.

Unheilbarkeit und Lebenserwartung sollten daher klar angesprochen werden.

Falsche Erwartungen zu schüren könne eine optimale Planung des Patienten am Ende seines Lebens stark behindern, kritisieren die Wissenschaftler. Dabei unterstellen sie den aufklärenden Medizinern keine vorsätzlichen Lügen. Es genüge schon, wenn der Arzt das Gespräch recht rasch vom unangenehmen Thema Lebenserwartung auf Details der Behandlungsplanung lenke. Die Information der Unheilbarkeit kann dabei leicht untergehen beziehungsweise überhört werden.

Mediziner müssten bei der Aufklärung vor einer palliativen Chemotherapie die Prognose unmissverständlich klarmachen und sicher sein, dass der Patient alles verstanden habe, auch wenn damit das Risiko verbunden sei, vom Betroffenen schlechter beurteilt zu werden. Eine ehrliche und vertrauensvolle Kommunikation, so die Studienautoren, sei das höhere Gut.

Andere Studien haben zudem gezeigt, dass viele Mediziner zwar über fehlende Heilungschancen informieren, jedoch nur jeder zweite über die voraussichtliche Lebenserwartung spricht.

Dies könnte dafür verantwortlich sein, dass die Hälfte aller Lungenkrebspatienten noch zwei Monate vor dem Tod von ihrem Arzt das Wort Hospiz nicht einmal gehört hat, erklären Dr. Thomas J. Smith und Dr. Dan L. Longo von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore in ihrem Kommentar zu der Studie. Tatsächlich jedoch wollen die meisten Krebskranken die Wahrheit wissen, auch über ihre Prognose.

Damit diese wichtigen Informationen im Arzt-Patienten-Gespräch nicht unter gehen, empfehlen die Wissenschaftler die Frage-Antwort-Frage-Methode: „Was wollen Sie über Ihre Prognose wissen?“ – erläutern, was der Patient wissen will – und erneut fragen: „Was haben Sie nun genau über Ihre Situation verstanden?“

Ehrliche Gespräche bewirken entgegen verbreiteter Meinung keine Verzweiflung oder Depression. Allerdings sei es nicht mit einem ausführlichen Gespräch getan, sondern es bedürfe nach der ersten Mitteilung über die tödliche Krankheit einer ganzen Serie guter Gespräche, betonen die Kommentatoren. Sehr früh, so raten sie, sollte zudem ein Termin für einen Informationsbesuch im Hospiz abgemacht werden.

Quellen:

http://www.medical-tribune.de/medizin/fokus-medizin/artikeldetail/tumorkranke-machen-sich-oft-falsche-hoffnungen.html

Kommentar & Ergänzung:

Diese Studie zeigt einmal mehr die grosse Bedeutung guter Kommunikation.

Wie weit sich die Ergebnisse und die Schlussfolgerungen auf die Schweiz oder auf Deutschland übertragen lassen, kann ich nicht beurteilen.

Grundsätzliche sind aber die Anforderungen an gute Kommunikation im Bereich der Krebstherapie wohl in allen Ländern gleich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Psychologie: Studien werden nur selten reproduziert

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Experimente zu wiederholen ist eines der wichtigsten Merkmale von Wissenschaft. Dass dies jedoch nur sehr selten gemacht wird, zeigt nun eine US-Studie: In den vergangenen 100 Jahren seien in der Psychologie nur etwas mehr als ein Prozent aller Forschungen reproduziert worden, erklären die Forscher.

Im Gegensatz zu früheren Annahmen würden diese Wiederholungen jedoch immerhin tendenziell zu den gleichen Ergebnissen gelangen wie ihre Vorgänger, schreiben der Psychologe Matthew Makel von der Duke University und Kollegen in einer Studie.

Ihrer Untersuchung voran stellen sie ein Zitat des US-Mathematikers und -Statistikers John Tukey, der 1969 schrieb: „Bestätigung erfolgt durch Wiederholung. Jeder Versuch, diese Aussage zu vermeiden, führt zu Versagen und noch wahrscheinlicher zu Zerstörung“.

In der Wiederholung von Experimenten sehen viele Forscher einen „Goldstandard“: Wiederholungen können dabei helfen, mögliche Fehler in den Grundannahmen oder Arbeitshypothesen zu entdecken und zu beheben. Das gilt für alle Wissenschaftsdisziplinen, aber speziell auch für die Psychologie, deren Forschungsbereich der methodisch besonders schwierig zu fassende Mensch ist.

So eindeutig dies für Wiederholungen von Studien spricht, so wenig attraktiv sind solche Reproduktionen in der Realität. Entsprechende Arbeiten haben nicht gerade ein „sexy“ Image, dabei wird auf den ersten Blick kein neues Wissen gewonnen, das sich dann medial gut „verkaufen“ lässt. „Wiederholungsforscher“ gelten darum eher als Handwerker, denen die Kreativität abgeht. Dass das nicht erst ein Phänomen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte ist, belegt nun die Studie von Makel und seinen Kollegen.

Wiederholungsrate von 1,07 Prozent

Sie haben die Frage der Wiederholungen in der Psychologie mit statistischen Mitteln unter die Lupe genommen. Zu diesem Zweck durchkämmten sie die online zur Verfügung stehende Forschungsliteratur seit 1900 und durchsuchten die 100 bedeutendsten Fachzeitschriften nach dem Ausdruck „replicat*“, wobei das Sternchen für alle möglichen Wortendungen steht.

Nach Korrektur einiger Fehlerquellen errechneten die Forscher für den Gesamtzeitraum seit 1900 eine Wiederholungsrate von 1,07 Prozent.

Andere Wissenschaftler, andere Resultate

Ab den 1960er Jahren ist die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Bereich Psychologie geradezu explodiert. Auch die Wiederholungsrate stieg an,  jedoch nicht in im gleichen Ausmaß.

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen zeigten die Auswertungen von Makel und Kollegen, dass der Großteil der Reproduktionen „erfolgreiche Wiederholungen“ waren, dass die Resultate also den ursprünglichen Studien entsprachen. Allerdings: Wenn keiner der ursprünglichen Autoren an der Wiederholungsstudie beteiligt war, reduzierte sich die Wahrscheinlichkeit einer „erfolgreichen Replikation signifikant“ – andere Wissenschaftler kommen also auch im gleichen Setting zu eher anderen Resultaten.

Betrifft auch andere Disziplinen

Die Psychologie stehe mit ihrer Wiederholungsrate von knapp über einem Prozent keineswegs allein, schreiben die Wissenschaftler. Zwar gebe es keine vergleichbaren umfassenden Studien wie die aktuelle in anderen Wissenschaftsdisziplinen. Einzelstudien in den Bereichen Wirtschaft, Marketing und Kommunikation würden jedoch ebenfalls auf Raten zwischen einem und drei Prozent kommen.

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1707700/

Die Studie:

„Replications in Psychology Research: How Often Do They Really Occur?“ von Matthew Makel und Kollegen ist in der November-Ausgabe der „Perspectives on Psychological Science “ publiziert worden.

http://pps.sagepub.com/content/7/6/537.full

Kommentar & Ergänzung:

Interessant wäre es zu erfahren, wie hoch die Wiederholungsraten bei Studien in den Bereichen Medizin und Pharmakologie sind.

Auch hier gilt nämlich, dass eine einzelne Studie zu einem bestimmten Verfahren oder Medikament noch kein eindeutiger Beleg ist und erst die Wiederholung ausreichend Glaubwürdigkeit schafft. Es ist nützlich, sich dieses Qualitätsmerkmal der wissenschaftlichen Arbeit immer wieder klar zu machen. Das schützt davor, jede Sensationsmeldung über neueste Forschungsergebnisse ungefiltert für bare Münze zu nehmen.  Die Meldungen sind auch im Gesundheitsbereich voll mit Berichten über Erststudien, die nie wiederholt oder später durch Wiederholung  widerlegt werden, wobei das zweite negative Resultat es dann kaum mehr in die Medien schafft.

Dass Fachzeitschriften und Publikumsmedien so stark das Sensationelle und Neue vorziehen, tut der Wissenschaft nicht gut.

Zudem sind die meisten Empfängerinnen und Empfänger von Meldungen viel stärker interessiert an Bestätigungen als an Widerlegungen.

Ein Vortrag, ein Buch, ein Kurs zum Thema „XY wirkt nicht wie versprochen“ stösst auf sehr mässiges Interesse.

Ein Vortrag, ein Buch, ein Kurs zum Thema „XY wird gegen…“ zieht dagegen.

Ein Vortrag, ein Buch, ein Kurs zum Thema „XY wirkt wunderbar gegen….“ wird zum Renner.

Daraus entsteht eine Einseitigkeit in der Aufnahme und Bewertung von Informationen, die ich für ausgesprochen ungesund halte.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zur Diskussionskultur bei Elefanten…….

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Wenn sich eine Elefantenherde in Bewegung setzt, dann geschieht das nicht spontan, wie Verhaltensforscher nun herausgefunden haben. Die dominanten Elefanten aus der Herde bilden ein Komitee – und beraten die Entscheidung.

Ein entsprechendes Tondokument haben nun Wissenschaftler um Caitlin O’Connell-Rodwell präsentiert. Wie die Forscher im Fachblatt „Bioacoustics“ berichten, produzieren Afrikanische Elefanten im Debattenmodus tiefe, gurgelnde Töne, die in anderen Situationen nicht vorkommen.

Den Auftakt macht das dominante Tier, dann stimmen die nächsten ein bis zwei Ranghöchsten in die minutenlange Konversation ein.

Auf der Website von „Science Now“ können Sie nun einen Ausschnitt aus einer solchen Debatte hören. Sie kreise um die Frage, ob nun die Wasserstelle verlassen werden soll oder nicht – und ende mit dem einstimmigen Beschluss: Wir gehen!

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1706097/

„Antiphonal vocal bouts associated with departures in free-ranging African elephant family groups“, Bioacoustics (DOI:10.1080/09524622.2012.686166).

Kommentar & Ergänzung:

Naja, so einfach wird die Übersetzung aus der Elefantensprache in die Menschensprache wohl nicht sein.

Ob es wohl bei den Elefanten auch – nach Friedemann Schulz von Thun – in jeder Kommunikation eine Beziehungsebene, eine Sachebene, eine Appellebene und eine Selbstoffenbarungsebene gibt?

Und entsprechend ein Sachohr, Beziehungsohr, Appellohr und Selbstoffenbarungsohr?

Gewiss ist allerdings auch aus anderen Studien, dass Elefanten eine differenzierte Kommunikation und ein faszinierendes Sozialleben haben.

Hier noch ein paar interessante Informationen über Elefanten:

Die Bedeutung der Elefanten in Mythologie und Symbolik

„Der Elefant gilt als weise, stark und keusch, aber auch als nachtragend. Er ist das Wappentier mehrerer asiatischer und afrikanischer Staaten sowie das politische Wappentier der Republikaner in den USA. Der höchste dänische Orden heißt Elefantenorden. Die Seekriegsflagge Thailands ziert ein weißer Elefant, der dort als Zeichen von Macht verehrt wird.

In der indischen Mythologie ist Airavata der erste Elefant. Gott Ganesha erscheint mit dem Kopf eines Elefanten. Er ist eine der beliebtesten Gottheiten des Hinduismus und gilt als Verkörperung von Weisheit und Wohlstand und als Helfer in schwierigen Lebenssituationen. Die buddhistische Überlieferung kennt eine Legende, nach der Mahamaya, der Mutter Siddhartha Gautamas, vor dessen Geburt ein weißer Elefant erschien.

Im Gleichnis ‚Die blinden Männer und der Elefant‘, das im Sufismus, Jainismus, Buddhismus und Hinduismus erzählt wird, geht es um die begrenzte Fähigkeit des Menschen, die Realität – symbolisch durch den Elefanten dargestellt – so zu erkennen und zu verstehen, wie sie wirklich ist.

In China erscheint ein weißer elefantenköpfiger Gott, der eine jungfräuliche Göttin, Moye, schwängert. Moye gebiert den Helden Fu-Hi. In China gelten Elefanten noch heute als Symbol für männliche Potenz. Im Judentum bzw. Christentum taucht der elefantenköpfige Dämon Behemoth auf, und auch er symbolisiert die „Fleischlichkeit“, d. h. die sexuelle Energie. Die Verbindung zwischen Elefanten und sexueller Energie existierte auch in Heldenepen des europäischen Mittelalters, in denen „Hörner aus Elfenbein“ eine wichtige Rolle spielten (z. B. das Horn Olifant im Rolandslied). Gemahlenes Elfenbein gilt noch heute bei einigen asiatischen Völkern als Potenzmittel. In eine andere Richtung deutet dagegen die Legende vom Elefantenfriedhof.

Seit dem indischen Chaturanga bestand in vielen historischen Schachformen eine Elefantenfigur.

Schließlich ist der Begriff des Elefanten teilweise auch negativ besetzt. So knüpft die Redensart „wie ein Elefant im Porzellanladen“ an die Vorstellung an, Elefanten seien ungeschickt.“

(Quelle: Wikipedia)

Zum Amboseli Elephant Research Project

„Das Amboseli Elephant Research Project ist ein Projekt der Non-Profit-Organisation Amboseli Trust for Elephants. Es ist das detaillierteste und langfristigste Projekt zur Erforschung der Afrikanischen Elefanten. Ziel des Forschungsprojekts ist das Studium des Sozialverhaltens, der Altersstruktur und der Populationsdynamik Afrikanischer Elefanten.

Das Forschungsprojekt wurde 1972 von Cynthia Moss und Harvey Croze in dem im Süden Kenias liegenden Amboseli-Nationalpark initiiert. Der Amboseli-Park zeichnet sich dadurch aus, dass in dem rund 390 Quadratkilometer großen Park nur wenig Wilderer aktiv waren. Das ist insbesondere dem Volk der Massai, den Besitzern des umliegenden Landes, sowie der ständigen Anwesenheit von Touristen und Forschern zu verdanken. Damit gehört Amboseli zu den wenigen Regionen in Afrika, in denen die Altersstruktur der Elefanten unverzerrt geblieben ist. In dem Areal, das von Wildhütern und Wissenschaftern ganzjährig überwacht wird, werden vor allem die Interaktionen der Elefanten und ihr Netzwerk von Familien, Familiengruppen, Sippen und Populationen beobachtet.

Zwischen September 2007 und Mai 2008 wurde von Animal Planet eine 13-teilige Dokumentation über die Elefanten im Amboseli-Nationalpark und die Arbeit des Amboseli Trust for Elephants gefilmt.“

(Quelle: Wikipedia)

Website (englisch): http://www.elephanttrust.org/node/268

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie auf der Intensivstation – eine Chance!

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Phytotherapie verbindet die Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde mit den Ergebnissen neuzeitlicher Arzneipflanzenforschung. Sie gehört damit zur klassischen Naturheilkunde und ist ein (randständiger) Teil der Medizin. Phytotherapie ist deshalb konzeptuell medizin- und pflegekompatibel.

Was ist Phytotherapie?

Heilpflanzen-Anwendungen auf phytotherapeutischer Basis haben sich in den letzen Jahren in vielen Bereichen der Pflege bewährt – zum Beispiel in Pflegeheimen, Spitex-Organisationen, Psychiatrischen Kliniken und in der Palliative Care.

Phytotherapie in der Pflege

Aber auf der Intensivstation? Stehen da nicht ganz andere Probleme im Vordergrund?

Professionelle Heilpflanzen-Anwendungen machen auch auf der Intensivstation Sinn und bringen viel „Soft-Power“ mit.

Heilpflanzen-Anwendungen in der Pflege nehmen ein weit verbreitetes Bedürfnis nach „natürlichen Alternativen“ auf und beantworten es mit einem fundierten Angebot.

Sie lassen sich science-basiert und medizinisch gut begründbar integrieren. Dass die IPS zur Filiale von Harry Potter’s Hogwarts wird, muss bei phytotherapeutischen Anwendungen jedenfalls niemand befürchten….

Was bringt Phytotherapie auf der Intensivstation?

In der technikgeprägten Atmosphäre einer Intensivstation setzen Heilpflanzen-Anwendungen einen besonders wichtigen ausgleichenden Akzent:

– In einer Umgebung, die den Patientinnen und Patienten meist sehr fremd ist, sind Kräutertees, Wickel, Kompressen und Einreibungen oft vertraute Elemente;

– Heilpflanzen-Anwendungen ermöglichen eine ritualisierte Form von Zuwendung;

– Manche Heilpflanzen-Anwendungen eignen sich auch zur Instruktion von Angehörigen., die damit ihren Liebsten etwas Gutes tun können;

– Heilpflanzen-Anwendungen können zur Tagesstrukturierung eingesetzt werden;

– Heilpflanzen-Anwendungen können zu einem Gefühl der Entschleunigung beitragen – auch bei den Pflegenden;

– Heilpflanzen-Anwendungen bieten den Pflegenden oft eine bessere Basis für Kommunikation und damit einen besseren Zugang zu Patientinnen und Patienten, als es beim Stecken einer Infusion oder beim Verabreichen einer Tablette der Fall ist.

Beispiele für Heilpflanzen-Anwendungen auf der Intensivstation

Mundschleimhaut

Die Phytotherapie kennt verschiedene Ansätze zur Behandlung von Entzündungen im Bereich von Haut und Schleimhaut, die sich gut in die Pflege integrieren lassen.

Bekannt sind die „Klassiker“: Entzündungswidrige Spülungen mit Salbeitee und Kamillentee. Wirksam sind aber auch Schleimpflanzen wie Leinsamen und Eibischwurzel mit ihrem reizlindernden und schleimhautschützenden  Effekt.

Gerbstoffpflanzen wie Blutwurz und Schwarztee reduzieren die Empfindlichkeit des Gewebes und holen Entzündungen relativ rasch herunter. Sie sind aber im Gegensatz zu den Schleimpflanzen meist nicht für die Anwendung über längere Zeit geeignet.

Bewährt haben sich ausserdem gefrorene Ananasstückchen.

Übelkeit und Erbrechen

Gute Erfahrungen haben wir gemacht mit Pfefferminztee, Ingwer und Iberogast®.

Ängstlichkeit / Unruhe / Schlafstörungen

Baldrian, Hopfen, Passionsblume, Lavendelblüten, Lavendelöl, Melisse, Orangenblüte.

Die Phytotherapie hat nicht nur eine Reihe von unterschiedlich wirkenden Heilpflanzen „im Köcher“, sondern auch sehr verschiedene Anwendungsformen: Vom Dragée, das so schnell und quasi reibungslos geschluckt wird wie ein synthetisches Medikament, bis zu ritualisierten Anwendungen wie Auflagen, Wickel, Einreibungen oder Kräutertees, bei denen Zuwendung und ein sinnlicher Input integriert sind.

Gerade in den Bereichen Ängstlichkeit / Unruhe / Schlafstörungen, aber auch bei Schmerzen, bringen diese ritualisierten Anwendungsformen Effekte mit sich, die ein Dragées nie bieten kann.

Hautentzündungen

Bei Hautentzündungen bewährt sich oft Lavendelöl gemischt mit fettem Öl oder Lipolotion. Bei nässenden Hautentzündungen sind Kompressen mit Schwarztee gut wirksam (Gerbstoffanwendung).

Juckreiz

Juckreizlindernd wirken zum Beispiel:

– Pfefferminzöl auftragen (0.5% in fettem Öl), Mentholpuder;

– Kühle Waschungen mit Zugabe von Pfefferminzöl oder Lavendelöl;

– Kühle Schwarztee-Waschungen;

– Gurkenmus (pürieren, auftragen)

– Quarkauflagen.

Heilpflanzen-Anwendungen in der Pflege brauchen allerdings fundiertes Fachwissen.

Am Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP) in Winterthur wird eine Phytotherapie-Ausbildung für Pflegende angeboten, welche dieses Fachwissen vermittelt.

Ausserdem gibt es am SIP  Tagesseminare für Pflegende und ein Angebot für Teamweiterbildungen in Pflegeinstitutionen.

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