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Baldrian bei Schlafstörungen

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Die österreichische Zeitung „Kurier“ berichtet über Kräuter gegen Schlafstörungen.

Zum Stichwort „Baldrian“ heisst es da:

„Er gehört zur Familie der Baldriangewächse und wächst im Halbschatten auf feuchtem Boden. Das Kraut hat eine sehr entspannende Wirkung, wenn man die Wurzel als Tee zu sich nimmt oder in ein Baldrian-Bad steigt. Baldrian verbessert auch die Tiefe des Schlafs. Das ist aber nicht die einzige Wirkung von Baldrian, ganz im Gegenteil, die Pflanze wirkt herzberuhigend, krampflösend, schmerzstillend und gegen Blähungen.“

Quelle:

https://kurier.at/wellness/die-fuenf-besten-schlafkraeuter/252.547.803

Kommentar & Ergänzung:

Das ist nicht gerade falsch, aber auch nicht sehr genau.

Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat für Baldrianwurzel die Anwendung zur Besserung leichter nervöser Anspannung und bei Schlafstörungen als „medizinisch allgemein anerkannt“ („well-established medicinal use“) akzeptiert. Das HMPC) ist auf europäischer Ebene für die Beurteilung der Zulassung pflanzlicher Arzneimittel (Phytopharmaka) zuständig.

Weniger gut belegt oder gar nicht belegt sind die erwähnten herzberuhigenden, krampflösenden, schmerzstillenden und blähungswidrigen Wirkungen. Eine krampflösende Wirkung konnte zum Beispiel für den isolierten Inhaltsstoff Valerensäure gezeigt werden, doch lässt sich dieses experimentelle Resultat nicht so einfach auf die Anwendung von Baldrian als ganzes Wirkstoff-„Team“ übertragen.

Wichtig scheint mir aber noch ein anderer Aspekt: Es genügt nicht festzustellen, dass Baldrian entspannend wirkt und „die Tiefe des Schlafs“ verbessert. Mindestens so wichtig sind in der Phytotherapie genauere Angaben zur geeigneten Anwendungsform und zur Dosierung.

Eine Möglichkeit ist der erwähnte Baldriantee. Zubereitung: 1 bis 2 Teelöffel geschnittene Baldrianwurzeln mit ca. 150 ml siedendem Wasser übergießen und bedeckt stehen lassen. Nach 10 bis 15 Minuten absieben. Mehrmals täglich eine Tasse trinken. Baldriantee ist allerdings geschmacklich sehr gewöhnungsbedürftig.

Baldriantinktur wird oft verwendet, ist aber auch in der üblicherweise empfohlenen Dosierung von einem Teelöffel als Einzeldosis bezüglich Wirkstoffgehalt unterdosiert, da in der Tinktur die Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel im Verhältnis von ca. 1 : 5 verdünnt vorliegen.

Beim erwähnten Baldrianbad (100g Baldrianwurzel pro Vollbad) kommt nur das ätherische Baldrianöl allenfalls via Inhalation zur Wirkung, während nichtflüchtige Wirkstoffe wie zum Beispiel die Lignane wegen mangelnder Aufnahme keine Effekte erzeugen können.

Klinische Studien gibt es insbesondere mit lipophilen Baldrianextrakten in einer Dosis von etwa 600 mg pro Tag.

Die klinischen Studien mit Extraktpräparaten weisen darauf hin, dass eine schlaffördernde Wirkung von Baldrian erst nach etwa 14 Tagen zu erwarten ist. Bei Badriantee, Baldriantinktur und Baldrianbad könnte allerdings ein rascherer Effekt über die Duftebene ausgelöst werden (ätherisches Baldrianöl). Duftwirkungen treten schnell ein, weil sie direkt im Limbischen System ansetzen.

Baldrianextrakt wird oft kombiniert mit Hopfenextrakt.

Dass Baldrian als Schlafhilfe verwendet wird, ist im Übrigen sehr vielen Leuten bekannt. Wie die Pflanze aussieht und wo sie wächst, wissen aber leider nur wenige. Auf vielen meiner Kräuterwanderungen können Sie Baldrian in Natura kennenlernen, zum Beispiel in der „Petite Camargue“ bei Basel am 20. Mai 2017. Zur Ausschreibung hier: Kräuterwanderung Petite Camargue bei Basel.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Alternative Krebstherapie mit Amygdalin (bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“): unwirksam und toxisch

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Bittere Aprikosenkerne enthalten einen verhältnismässig hohen Anteil an Amygdalin. Das cyanogene Glycosid Amygdalin spaltet während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab.

Bittere Aprikosenkerne werden insbesondere zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen, wobei dieser Einsatz in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist und Amygdalin für die Krebstherapie als toxische Substanz ohne Effekte einzustufen ist.

Vom europäischen EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Nach Angaben von Tox Info Suisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten.

Produkte mit Amygdalin oder seinen Abkömmlingen (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) haben in der Schweiz keine Zulassung und werden als bedenklich eingestuft. Dennoch werden sie seit einiger Zeit wieder verstärkt als alternatives Heilmittel für die Krebstherapie und zur Tumorprophylaxe beworben und eingesetzt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“.

Literatur:

– EFSA: Aprikosenkerne bergen Risiko einer Cyanidvergiftung, 27.04.2016

– Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

– BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5098&NMID=5144&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Dass Krebskranke nach alternativen Behandlungsmethoden suchen ist gut nachvollziehbar. Dass sie dabei anfällig sind für Täuschungen, zeigt sich allerdings nur allzu oft. Das Internet überquellt von unseriösen Angeboten zur Krebsheilung, von denen jede garantierten Erfolg verspricht. Skepsis ist angebracht. Wenn die Versprechungen nur zu einem allerkleinsten Teil wahr wären, hätten wir keine Probleme mehr mit Krebserkrankungen.

Bittere Aprikosenkerne sind seit Jahren ein Renner in der alternativen Krebsheilerszene, obwohl es keinerlei fundierte Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt. Man kann nur immer wieder dazu auffordern, nicht alles zu glauben, sondern Behauptungen kritisch zu prüfen – Fact checking heisst das ja neuerdings….

Rolf Thesen schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand fehlen klinische Belege für die Wirksamkeit von Amygdalin in der Krebstherapie. Angebliche positive Belege von In-vitro-Zellexperimenten oder Tiermodellen sind für einen Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichend, ebensowenig wie eine Vielzahl von Berichten über Einzelfälle und Fallserien mit angeblichen therapeutischen Erfolgen. Nur kontrollierte klinische Studien könnten diesen Nachweis erbringen. Die fehlen aber. Zudem gibt es eine Vielzahl von Berichten über erfolglose Behandlungen mit Amygdalin. Auch der häufig beworbene Nutzen von Amygdalin zur Krebsprophylaxe, etwa durch das Kauen von Aprikosenkernen, konnte nicht belegt werden.“

(http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542)

Eine gute Übersicht zum Stand des Wissens bietet ein Text im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM):

http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2014/3-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Siehe auch:

Krebsmittel Amygdalin / „Vitamin B17″ – oft propagiert, aber unwirksam

Unsinnige Krebstherapie mit bitteren Aprikosenkernen

 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen zur Frage: Sind Wunderheiler Scharlatane?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aloe vera als Wundheilmittel

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In der Zeitschrift für Phytotherapie (2/2016) befasst sich Prof. Karin Kraft mit dem Thema „Phytotherapie in der Wundbehandlung“. Dabei geht es in einem Kapitel um Aloe-Gel als Wundheilmittel. Die Autorin Karin Kraft ist Professorin am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und eine ausgezeichnete Kennerin der Phytotherapie.

Nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Abschnitts:

Aloe-Gel wird aus den Parenchymzellen der frischen oder lyophilisierten Blätter von Aloe barbadensis (Aloe vera, Aloe vulgaris) nach dem Entfernen der grünen Anteile gewonnen. Seine Hauptinhaltsstoffe sind Mucopolysaccharide, Enzyme, Anthranoide, Lignin, Saponine, Salizylsäure und Mineralstoffe.

Aloe-Gel beziehungsweise seine Inhaltsstoffe wirken in verschiedenen Untersuchungsmodellen bakterienhemmend, antioxidativ, schmerzstillend und entzündungshemmend. Das Gel stimuliert auch das Wachstum von basalen Keratinozyten im Reagenzglas. Hinweise auf eine lokale oder systemische Toxizität wurden bisher nicht gefunden

In Tierversuchen mit Mäusen zeigte eine Aloe-Behandlung wundheilende Effekte. Solche Experimente lassen sich aber nicht einfach so auf menschliche Wunden übertragen.

Der Wirksamkeitsnachweis von Aloezubereitungen durch Studien an Wunden bei Menschen ist noch nicht befriedigend gelungen.

Die Cochrane Collaboration fasste im Jahr 2012 in einem Review die Ergebnisse von 7 randomisierten und kontrollierten Therapiestudien mit Aloe-vera-Zubereitungen bei akuten und chronischen Wunden zusammen. Die Studien hatten eine sehr geringe Qualität. Eine randomisierte Studie bei Brustkrebspatientinnen mit Hautschäden nach Bestrahlung kam zum Schluss, dass nur neutraler Puder, nicht jedoch Aloe-Creme oder Basis-Creme wirksam waren.

Patienten mit Druckulcera, diabetischen oder venösen Ulcera wurden in einer randomisierten, doppelblinden Studie während 30 Tagen entweder mit einer Aloe vera/Olivenöl- oder mit einer Phenytoin-haltigen Creme behandelt. Dabei wirkte die Aloe vera/Olivenöl-Creme signifikant besser wundheilungsfördernd und analgetisch.

Die Autorin Prof. Karin Kraft zieht den Schluss: „Aloe-Spezies haben damit zwar ein Potenzial bei der Indikation ‚Unterstützung der Wundheilung’, weitere klinische Studien mit exakt definierten Zubereitungen sind jedoch erforderlich.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 2 / 2016

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-105039#R10-1055-s-0042-105039-31 (Zugang nur für Abonnenten)

Kommentar & Ergänzung:

Mit Aloe vera gibt es einen völlig absurden Hype. Irgendwelche Beschwerden zu finden, gegen die Aloe vera nicht helfen soll, dürfte schwer fallen. Das ist typische Indikationslyrik.

Inzwischen gibt zudem schon Putz- und Waschmittel mit Aloe vera – oder Stumpfhosen für schöne Beine….

Das ist reines Marketing. Ein Produkt, auf dem steht: „Mit Aloe vera“, verkauft sich einfach besser. Ob Aloe vera darin überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann und in der nötigen Konzentration vorhanden ist, spielt keine Rolle.

Im Bereich der Wundheilung scheint Aloe vera jedoch tatsächlich eine günstige Wirkung zu haben, auch wenn die Belege aus Studien dazu noch mager sind.

Bei kleinen Verbrennungen und bei Sonnenbrand wird Aloe vera frisch aufgelegt oder als Gel eingesetzt – und viele Anwender machen damit gute Erfahrungen. Eine kühlende und entzündungswidrige Wirkung ist jedenfalls plausibel.

Bei schlecht heilenden Wunden wie beim Ulcus venosum (venöses Unterschenkelgeschwür) könnte auch der Gel aus den Blättern über eine Feuchthaltung der Wunde günstig wirken und die Granulation fördern.

Bei den Aloe-Gelen aus dem Handel gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Sie sind nicht als Arzneimittel, sondern als Kosmetika im Markt. Dadurch müssen die Hersteller keine Wirksamkeit belegen, was die Motivation der Hersteller für die Finanzierung grosser Studien sehr reduziert.

Ursprünglich wurde Aloe vera in der Heilkunde vor allem als starkes Abführmittel eingesetzt. Dazu verwendet man den Zellsaft, der nach dem Abschneiden der Blätter austritt. Durch Eindampfen an der Sonne oder im Vakuum entsteht eine braune bis schwärzliche Substanz, die als Hauptwirkstoff das Anthranoid Aloin enthält. Die therapeutische Bedeutung von Aloe vera als Abführmittel ist stark zurückgegangen, da es deutlich verträglichere Wirkstoffe gibt.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Weidenröschen bei gutartiger Prostatavergrösserung

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Das „Weidenröschen“ wird in der Pflanzenheilkunde empfohlen als Mittel gegen die Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung (benigne Prostatahyperplasie, BPH), wobei in Apotheken und Drogerien oft ausdrücklich das „Kleinblütige Weidenröschen“ (Epilobium parviflorum) verlangt wird.

Mag. pharm. Dr. Siegrun Gerlach hat in der Zeitschrift „PHYTO Therapie“ (2/2016) der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie interessante Informationen dazu publiziert, von denen ich hier einige weitergeben möchte, ergänzt mit eigenen Bemerkungen.

Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der Europäischen Arzneimittelbehörde (European Medicines Agency – EMA) hat im November 2015 die Monographie „Epilobium angustifolium L. und/ oder Epilobium parviforum Schreb., herba“ veröffentlicht.

Die Publikation einer Monographie bedeutet die Anerkennung als traditionell verwendete Heilpflanze und damit die Möglichkeit einer Registrierung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel in der EU (traditionelle pflanzliche Arzneimittel sind vom Wirkungsnachweis befreit).

Die Empfehlung von gezielt kleinblütigen Arten ist auf die österreichische Kräuterbuchautorin Maria Treben zurück zu führen, die allerdings bei der Bestimmung der Weidenröschenarten nicht sehr genau war. So ist nicht klar, ob sie wirklich die botanische Art „Kleinblütiges Weidenröschen“ (Epilobium parviflorum) empfehlen wollte oder einfach alle kleinblütigen Weidenröschenarten.

Eine Diplomarbeit an der Universität Wien (Lachinger 2004) konnte in der Zwischenzeit aufzeigen, dass die Inhaltsstoffe und deren Konzentration der in Österreich vorkommenden Weidenröschenarten vergleichbar sind.

Die von Maria Treben getroffene Unterscheidung der „kleinblütigen“ Weidenröschenarten als wirksam und der „großblütigen“ als unwirksam lässt sich nach diesen Resultaten nicht nachvollziehen.

Auf der Suche nach wirksamen Inhaltsstoffen der Weidenröschen glaubte man in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei den Flavonoiden fündig geworden zu sein. Das sind in Epilobium parviflorum und verwandten Weidenröschenarten:

Quercetin, Myricetin und Kämpferol, sowie die entsprechenden Glykoside, in Mengen von 1 – 2 Prozent. Als Prostaglandinsynthese-Hemmer können diese Inhaltsstoffe potenziell entzündungshemmend wirken.

Das Institut für Pharmakognosie der Universität Graz beschäftigte sich ausgiebig mit der Flavonoidfraktion aus Weidenröschenarten. Hiermann et al. stellten im Labor fest, dass Myricetin-3-O-glucuronid aus Epilobium bis zu 500mal stärker entzündungswidrig wirkt als der synthetische Wirkstoff Indomethacin.

Als weitere Inhaltsstoffe wurden in Weidenröschen bis zu 0,55 Prozent Phytosterole (β-Sitosterol, Sitosterolglucoside und Sitosterolester) gefunden. Diese Stoffgruppe gilt als wirksamkeitsmitbestimmend bei der Anwendung von Kürbissamen, Sägepalmenfrüchten und Brennnesselwurzel bei der gutartigen Prostatavergrösserung, was eine Anwendung von Weidenröschen bei der gleichen Indikation plausibel erscheinen lässt.

Einige Jahre später wurde dann die erste Arbeit publiziert, in der Oenothein A und B als Wirkstoffe vorgestellt wurden (Lesuisse et al., 1996).

Diese Gallussäurederivate (hydrolysierbare Tannine), strukturell in die Gruppe der Gerbstoffe einzuordnen, lassen sich in Mengen von 4 – 14 Prozent in Epilobium finden. In der Studie wurden verschiedene Inhaltsstoff-Fraktionen aus Weidenröschen hinsichtlich ihrer 5α-Reductase- Hemmwirkung getestet, wobei sich Oenotheine als die wirksamsten Substanzen erwiesen. 5α-Reductase- Hemmer sind etablierte Medikamente bei gutartiger Prostatavergrösserung (z.B. Finasterid, das aber beträchtliche Nebenwirkungen haben kann).

Oenotheine wurden weiter im Labor (=in vitro) untersucht. Dabei zeigte sich, dass sie nicht nur 5α-Reductase-Hemmstoffe sind, sondern in vitro auch Aromatase-Hemmstoffe.

Die Kombination der Prostaglandinsynthese-Hemmung durch Flavonoide mit der 5α-Reductase- und Aromatase-Hemmung durch Oenotheine macht den Einsatz von Weidenröschen bei benigner Prostatahyperplasie plausibel.

Die Autorin Siegrun Gerlach geht in ihrem Beitrag abschliessend noch auf Hürden für eine zukünftige Vermarktung von Weidenröschen ein:

„1. Ist nur die Anwendung als Tee traditionell belegt. „Weidenröschenextrakt“ als Basis einer galenischen Zubereitung würde, vielen europäischen Zulassungsbehörden zufolge, eine Vollzulassung mit klinischen Studien bedeuten und somit (weil teuer) unrentabel wer- den. Und 2.: Ob der Name „Weidenröschen“ sich gut als Männerarznei vermarkten ließe, wurde schon angezweifelt.“

Neben Kürbissamen, Sägepalmenfrüchten und Brennnesselwurzel stellt die Anwendung von Weidenröschenkraut nach Ansicht der Autorin eine interessante Option bei der Behandlung der BPH dar und bereichert den pflanzlichen Arzneischatz.

Quelle:

PHYTO Therapie 2|16

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0216.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Am interessantesten ist für mich die Bestätigung, dass die Inhaltsstoffe der verschiedenen Weidenröschenarten sich nicht wesentlich unterscheiden. Damit ist es plausibel, dass auch das Schmalblättrige Weidenröschen (Epilobium angustifolium) verwendet werden kann, wenn Weidenröschentee gewünscht wird. Das Schmalblättrige Weidenröschen ist zudem häufiger und eindeutiger zu bestimmen als das Kleinblütige Weidenröschen (Epilobium parviflorum).

Zum Schmalblütigen Weidenröschen beschreibt Siegrun Gerlach im übrigen eine interessante Anwendung als Tee in östlichen Ländern:

„Die frischen oder getrockneten Blätter des Schmalblättrigen Weidenröschens (Epilobium angustifolium) wer- den besonders in östlichen Ländern zur Bereitung eines wohlschmeckenden Tees verwendet (Koptischer Tee, Ivans Tee, Kapor Tee), der u. a. auch zur Behandlung von gastrointestinalen Beschwerden empfohlen wird.“

Bezüglich der Wirksamkeit von Weidenröschentee bei gutartigen Prostatabeschwerden überzeugt mich der Artikel allerdings nicht.

Maria Treben ist keine verlässliche Empfehlerin. Ihre Bücher sind voll von falschen, unsinnigen und gefährlichen Angaben.

Und die Resultate der Laboruntersuchungen zu den Inhaltsstoffen sind zwar interessant, sagen aber wenig Handfestes aus. Schön, wenn Flavonoide in vitro (= im Reagenzglas) entzündungswidrig wirken. Aber werden sie bei peroraler Anwendung auch in relevanter Menge aufgenommen in den Körper und erreichen sie in der Prostata wirklich eine Konzentration, die Entzündungen hemmt?

Desgleichen bei den Oenotheinen als 5α-Reductase-Hemmstoffe und Aromatase-Hemmstoffe – im Labor. Und wenn Oenotheine strukturell zu den Gerbstoffen gerechnet werden, dann ist es wohl nicht unwesentlich, dass Gerbstoffe im Allgemeinen kaum resorbiert werden.

Zum Gehalt an Phytosterolen in den Weidenröschen ist anzumerken, dass er mit bis zu 0,55% verhältnismässig gering ist (Kürbissamen: etwa 1 %). Laut klinischen Studien braucht es als Initialtherapie bei BPH 60mg Phytosterol pro Tag und für Langzeittherapie 30 mg pro Tag. Rechnet man mit diesen bis zu 0,55 Prozent, hat es 60 mg Phytosterole in rund 11 g Weidenröschenkraut und 30 mg in rund 5,5 g.

Die Monografie des Monografie des HMPC gibt als Tagesdosis an: 1,5 – 2,0 g Weidenröschenkraut / 250 ml Wasser als Aufguss, 2 x täglich, 1 Teelöffel entspricht rund 0,8 g.

Damit kommt man nicht ganz auf die 5,5 g Weidenröschenkraut, in denen die für Langzeittherapie nötigen 30 mg Phytosterole grundsätzlich vorhanden sein sollten. Aber: Phytosterole sind kaum wasserlöslich. Sie werden nicht oder nur zu einem sehr kleinen Teil ins Teewasser übergehen. Daher ist es fragwürdig, bei einer Heilpflanze, die als Kräutertee angewendet wird, mit Phytosterolen zu argumentieren.

Dazu kommt noch: Bei normaler, westeuropäischer Ernährung werden täglich 160–360 mg an Phytosterolen aufgenommen. Ob da eine zusätzliche Gabe von 30 mg noch einen Einfluss ausübt, kann als fraglich angesehen werden.

Fazit: Über die Wirksamkeit von Weidenröschentee gegen gutartige Prostatavergrösserung lässt sich so gut wie nichts Sicheres aussagen. Entscheidend wäre die Bestätigung der Wirksamkeit in klinischen Studien mit BPH-Patienten. Solche Studien gibt es aber nicht. Und leider – Siegrun Gerlach spricht das in ihrem Text an – wird es sie auch wohl kaum je geben. Für nicht patentierbare Arzneimittel wie Weidenröschentee und Weidenröschenextrakt lohnt es sich für keine Firma, mit der grossen Kelle in Forschung zu investieren.

Aber das ist natürlich ein Fazit, das kaum jemand hören will.

Dass Männer den Weidenröschentee aufgrund des Namens ablehnen, kann ich mir nicht recht vorstellen. Nicht ganz einfach dürfte es dagegen sein, ältere Männer dafür zu motivieren, 2 – 3 mal täglich eine Tasse Kräutertee zu trinken – und das über 6 bis 12 Monate. Die Studien mit pflanzlichen Prostatamitteln haben nämlich gezeigt: Falls sich eine Wirksamkeit besser als Placebo feststellen lässt, zeigt sich der Unterschied erst nach 6 bis 12 Monaten.

Ich selber würde bei Prostatabeschwerden wohl am ehesten Kürbissamen einnehmen, weil sie neben einer möglichen Linderung auch ein gesunder Bestandteil für die Ernährung sind. Als pflanzliches Arzneimittel würde ich ein Kombipräparat mit Brennesselwurzel & Sabalfrüchten (Prostagutt) in Betracht ziehen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie als Standardtherapie bei funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen

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An der Dreiländertagung Phytotherapie 2016 befasste sich Olaf Kelber in einem Vortrag mit dem Thema „Phytotherapie als Standardtherapie – Wunsch oder Wirklichkeit“.

Der geläufigen Auffassung nach liege Phytotherapie als Standardtherapie 200 Jahre zurück, in einer Zeit, als chemisch definierte Arzneimittel noch nicht erfunden waren.

Doch habe es sich durchaus als möglich erwiesen, dass pflanzliche Präparate auch heute noch zur Standardtherapie avancieren, wenn gewisse Voraussetzungen gegeben sind – wie insbesondere eine gute Studienlage.

Ein aktuelles Beispiel erwähnt Kelber die Therapie der funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen:

„Als Standardtherapie hatten sich in den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Prokinetika durchgesetzt, also Präparate wie Cisaprid, Metoclopramid und Domperidon, die insbesondere an Serotoninrezeptoren angreifen. Im Jahr 2000 fiel hier Cisaprid, 2014 Metoclopramid und Domperidon wegen seltener schwerwiegender Nebenwirkungen weg. Das Phytopharmakon Iberogast, für das in Studien schon 1984 die Vergleichbarkeit mit Metoclopramid, 2002 mit Cisaprid gezeigt worden und das schon 1999 bzw. 2001 in die ärztlichen Leitlinien aufgenommen worden war, nimmt nun in vielen Fällen den Platz dieser Therapien ein.“

Quelle:

Zeitschrift für Phytotherapie 2016; 37 – V02

DOI: 10.1055/s-0036-1584427

 

Kommentar & Ergänzung:

Iberogast ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte, was die Aufnahme in ärztliche Leitlinien betrifft. Bei Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Blähungen, Magen-Darm-Krämpfen, Übelkeit und Sodbrennen bewährt sich das Präparat.

Speziell an Iberogast ist seine Zusammensetzung aus neun verschiedenen Heilpflanzen:

 

Schleifenblumen-Extrakt

Engelwurz-Extrakt

Mariendistel-Extrakt

Kümmel-Extrakt

Schöllkraut-Extrakt

Süssholz-Fluidextrakt

Kamillenblüten-Fluidextrakt

Melissenblätter-Fluidextrakt

Pfefferminzblätter-Fluidextrakt

 

Das ist ungewöhnlich, weil moderne Phytopharmaka in der Regel nur noch aus 1 – 2 Heilpflanzen-Extrakten zusammengesetzt sind. Mischt man zu viele Pflanzen in ein Präparat, werden die Wirkstoffe der einzelnen Pflanzen nur noch in ungenügender Menge zugeführt. Konzentriert man sich dagegen auf einen oder wenige Bestandteile, erreicht man für die einzelnen Wirkstoffe höhere Spiegel.

Bei Iberogast funktioniert aber offenbar diese Mischung aus neun Pflanzen. Das zeigen jedenfalls klinischen Studien.

Es handelt sich dabei um eine typische Multi-Target-Therapie.

Siehe dazu:

Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Der Referent Olaf Kelber ist im Übrigen nicht ohne Interessensbindungen bezüglich Iberogast. Er arbeitet für den Iberogast-Hersteller Steigerwald.

Steigerwald gehört zu den bedeutenden Phytopharmaka-Herstellern in Deutschland und wurde 2013 von Bayer übernommen. Das war eine freundliche Übernahme. Die Besitzerfamilie wollte Bayer als Käufer.

Siehe dazu:

Bayer übernimmt Phytopharmaka-Hersteller Steigerwald

Das Beispiel zeigt übrigens, dass es nicht die scharfe Trennlinie zwischen Naturheilmittelherstellern einerseits und der „Pharmaindustrie“ andererseits gibt.

Und es ist auch nicht so, wie es leicht verschwörungstheoretisch angehaucht oft dargestellt wird, dass die böse Pharmaindustrie die Naturheilmittel-Hersteller kaputt machen will. Die Pharmaindustrie hat keine ideologische Feindschaft gegenüber Naturheilmitteln. Sie verkauft auch Phytopharmaka, wenn sie darin ein lohnendes Geschäftsfeld sieht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpraktiker-Ausbildung in der Kritik

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Für die Ausbildung zum Heilpraktiker oder zur Heilpraktikerin gibt es weder Qualitätsstandards noch gesetzliche Regelungen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz, wo anstelle von „Heilpraktiker“ eher von „Naturheilpraktiker“ oder „Naturarzt“ die Rede ist. Entsprechend wird dann auch eher von „Naturheilkunde-Ausbildungen“ gesprochen. In der Schweiz gibt es aufgrund der Volksabstimmung 2009 inzwischen eine Höhere Fachprüfung Komplementärtherapie, die zwar gesetzlich geregelt ist, aber ebenfalls ohne auch nur annähernd fundierte Qualitätsstandards auskommt, und daher eine Qualitätssicherung vorspiegelt.

Wir haben es jedenfalls hier mit einem veritabler Begriffssalat und einem intransparenten Wirrwar zu tun.

Die Zeitschrift „Annabelle“ hat ein Interview veröffentlicht mit der deutschen Autorin Anousch Mueller. Sie wollte Heilpraktikerin werden, doch während der Ausbildung an der Berliner Paracelsus-Schule beschlichen sie immer grössere Zweifel. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben („Unheilpraktiker“, Riemann Verlag 2016)

Zum Interview geht’s hier.

Auch wenn die Kritik hart klingen mag. Sie trifft in einer ganzen Reihe von Punkten glasklar zu.

Zu Recht kritisiert wird meiner Erfahrung nach zum Beispiel:

– Die weit verbreitete, völlig unkritische Glorifizierung von allem, was als traditionelle Naturheilkunde gilt. Tradition hat dann einen Wert, wenn man sich sorgfältig, offen, aber auch kritisch mit ihr auseinandersetzt. Tradition hat jedoch nicht immer Recht. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

– Das weitgehende Fehlen einer auch nur einigermassen ernstzunehmenden Qualitätssicherung in Ausbildung und Praxis.

– Die nicht selten völlig überzogenen Versprechungen.

– Die Verwendung von Begriffen wie „Energie“, „Schwingungen“, „Ausleitung“ in völlig undefinierter Form, so dass sie willkürlich quasi als „Dienstmagd für alles“ zur Erklärung von x-Beliebigem eingesetzt werden können. Zu Recht sagt Anousch Mueller im Interview: „Wenn etwas nach Geschwurbel klingt, sollte man es kritisch hinterfragen. Das ist meine Botschaft.“

– Verbreitete Indoktrination mit irrationalen Theorien in der Ausbildung.

– Verbreitete pauschale Verteufelung von medizinischen Massnahmen, die in manchen Fällen richtig, wichtig oder gar lebensnotwendig sind (Kortison! Impfen! Chemotherapie!).

 

Ich will nicht generalisieren. Es gibt auch in diesem Bereich Leute, die ihre Arbeit sorgfältig machen, keine pauschalen Feindbilder gegen die böse „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ kultivieren und ihre Grenzen kennen. Aber das sind nach meiner Erfahrung eher die Ausnahmen als die Regel. Und das muss man klar benennen – vor allem, weil diese „Heilerszene“ meistens so sanft, ganzheitlich und menschenfreundlich daher kommt, was leider oft irreführend ist.

Im Interview wird Anousch Mueller gefragt:

„Sie halten die Naturheilkunde für rückständig?“

Antwort:

„Allerdings. Paradoxerweise wird der Schulmedizin ja immer vorgehalten, sie sei rückständig und orthodox. In Wahrheit ist es genau umgekehrt.“

Diese Aussage scheint mir zu pauschal. Sie mag ja vielleicht auf die Erfahrungen der Autorin mit der Paracelsus-Schule zutreffen….

Vor allem liegt dieser Aussage aber meinem Eindruck nach ein unklarer Begriff von „Naturheilkunde“ zugrunde, wie er heute leider weit verbreitet ist. Viele der Methoden, von denen Anousch Mueller im Interview spricht – zum Beispiel Bioresonanz, Kinesiologie, Homöopathie, Bachblüten, Schüsslersalze – gehören nicht zur Naturheilkunde, wenn man den Begriff genau verwendet.

Die Naturheilkunde hat, so wie dieser Begriff entstanden ist, ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Die Idee der Naturheilkunde-Begründer war, Faktoren für die Gesundwerdung direkt aus der Natur zu nehmen. Im Kern bestand diese klassische Naturheilkunde aus dem, was später mit den 5-Säulen der Kneipptherapie umschrieben wurde:

Hydrotherapie (Wasseranwendungen)

Ernährungstherapie

Heilpflanzen-Anwendungen

Bewegung, Luft, Licht

Lebensordnung

Grundsätzlich sind diese fünf Verfahren kompatibel mit Medizin und Wissenschaft. Sie sind wissenschaftlicher Forschung zugänglich, lassen sich mit wissenschaftlichen Begriffen und Theorien beschreiben und allfällige Effekte im menschlichen Organismus sind messbar.

Wenn man nun diese Verfahren genau so anwendet, wie das vor allem im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, dann sind sie tatsächlich veraltet. Zu diesem Blödsinn wird aber niemand gezwungen:

Hydrotherapie lässt sich auf neueren Erkenntnissen begründen und wird dann anschlussfähig an Physiotherapie.

Ernährungstherapie kann sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen (auch wenn Ernährungsstudien oft wenig fundiert sind, siehe dazu: Viele Ernährungsstudien mit wenig Aussagekraft.

Heilpflanzen-Anwendungen sind ein Spezialbereich der Pharmakologie. Pflanzliche Wirkstoffe lassen sich im Labor testen. Effekte von Heilpflanzen-Präparaten können in klinischen Studien an Patienten überprüft werden

Altes Wissen kann so durch neue Forschung bestätigt oder als Irrtum verworfen werden. Diese erneuerte Form der Heilpflanzen-Anwendung nennt sich dann Phytotherapie.

Die hohe Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien dokumentiert worden.

Lebensordnung als angejahrter Begriff kann mit neuen Inhalten gefüllt werden, nennt sich dann vielleicht psychosomatische Medizin oder „Lifestyle-Modifikation“ und gehört zur Psychologie.

Voilà. Wir kommen so vom Methodischen her schon ziemlich nah an eine keineswegs veraltete, sondern zeitgemässe Naturheilkunde.

Was es dann noch braucht für eine seriöse Anwendung sind vor allem Elemente, die mit einer bestimmten Grundhaltung verbunden sind. Zum Beispiel:

– Erkennen von Grenzen der eigenen Methoden.

– Vermeiden von pauschalen Feindbildern und Verschwörungstheorien gegen „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ (was nicht Kritiklosigkeit heisst, aber Kritik muss auf Argumenten basieren und konkrete Punkte in Frage stellen).

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde-Ausbildung – was Sie wissen sollten (…wenn Sie sich für eine Naturheilkunde-Ausbildung interessieren)

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/18/naturheilkunde-ausbildung-was-sie-wissen-sollten.html

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Komplementärmedizin: Genauer Nachdenken, differenzierter argumentieren

Naturheilkunde – was ist das?

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Naturheilkunde: Selber denken statt blind glauben

 

Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Naturheilkunde und Medizin – kein Entweder-oder

…….huch, das ist ja ein ganz schöner Marathon, aber er zeigt, dass mir das Thema ernst und wichtig ist.

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Bockshornkleesamen senken Blutzuckerspiegel und Cholesterinwerte

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Bockshornkleesamen reduzieren den Blutzuckerspiegel und die Cholesterinwerte. Für diese Anwendungsbereiche wird Bockshornkleesamen auch von der ESCOP empfohlen.

Siehe dazu:

Phytotherapie: Was sind ESCOP-Monografien?

 

Insbesondere die blutzuckersenkenden Effekte sind wissenschaftlich durch verschiedene experimentelle und klinische Studien belegt.

Die „Grüne Apotheke“ beschreibt eine Studie bei Diabetes Typ I (insulinpflichtiger Diabetes):

„Zehn Patienten mit insulinpflichtigem Diabetes erhielten in einer randomisierten Cross-over-Studie über einen Zeitraum von zehn Tagen zweimal täglich 50 g Bockshornkleesamenpulver mit der Nahrung. Es konnte eine deutliche Senkung der Blutzuckerspiegel erreicht werden. Die Blutspiegel von HDL-Cholesterin (dem ‚guten’ Cholesterin) und Insulin blieben unverändert.“

Und zum Diabetes Typ II (nicht insulinpflichtiger Diabetes, Altersdiabetes):

„In mehreren klinischen Studien mit jeweils zweimal 12,5 g pulverisierten Bockshornkleesamen wurden die Wirksamkeit an insgesamt mehr als 70 Patienten und 16 Kontrollpersonen gezeigt. Der Behandlungszeitraum betrug zwischen 3 und 24 Wochen. Es konnte eine deutliche Senkung der Blutzuckerspiegel und der Cholesterinwerte erreicht werden. Weitere Studien wurden mit anderen Dosierungen durchgeführt.“

Als Dosierung empfiehlt die „Grüne Apotheke“ zur Cholesterinsenkung und Blutzuckersenkung die Einnahme von 25 g pulverisierte Bockshornkleesamen pro Tag.

Quelle: „Die Grüne Apotheke“

 

Kommentar & Ergänzung:

Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) wächst verbreitet im südlichen Europa, in Afrika, Indien, China, Australien sowie im Nahen Osten. Die Pflanze hat eine lange Kulturgeschichte hinter sich. Sie wird schon seit langem in der traditionellen Pflanzenheilkunde eingesetzt und in der Küche verwendet, unter anderem als Bestandteil von Currymischungen. Die Bockshornkleesamen sind ein traditionelles Gewürz der indischen und arabischen Küche.

Die Bockshornkleesamen enthalten etwa 20 – 45 % Schleimstoffe. Sie verlangsamen möglicherweise im Darm nach den Mahlzeiten die Aufnahme von Zucker zu und wirken dadurch Blutzuckerspitzen entgegen. Und wahrscheinlich sind sie auch beteiligt an der Senkung der Cholesterinwerte – durch Hemmung der Gallensäure-Rückresorption aus dem Darm. Schleimstoffe in grösseren Mengen können aber auch die Aufnahme von Arzneistoffen aus dem Darm reduzieren und sollten daher nicht gleichzeitig mit Medikamenten genommen werden.

Experimente mit Ratten deuten darauf hin, dass für die Reduktion des Blutzuckers auch ein bestimmter Inhaltsstoff der Bockshornkleesamen verantwortlich ein könnte – das 4-Hydoxy-Isoleucin. Allerdings ist völlig unklar, ob diese experimentellen Ergebnisse auf Diabetes-Kranke übertragen werden können.

Siehe:

Bockshornklee in der Diabetesbehandlung

Die Studien, die in der „Grünen Apotheke“ beschrieben werden, sind bezüglich der Probandenzahl klein und daher von begrenzter Aussagekraft. Für ein Produkt wie Bockshornkleesamen, das sich nicht patentieren lässt, wird sich aber wohl kaum ein Sponsor finden für richtig grosse, teure Patientenstudien. Immerhin ist Bockshornkleesamenpulver aber billig und lässt sich zusammen mit anderen Schleimstoffen gut in die Ernährung einbauen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Nutzen von Antioxidanzien erneut in Frage gestellt: Oft unnötig, manchmal schädlich

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Freie Radikale und der von ihnen ausgelöste oxidative Stress gelten als schädlich. Sie werden mitverantwortlich gemacht für das Altern und sollen an der Entstehung verschiedener Krankheiten beteiligt sein (z. B. Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, rheumatoide Arthritis). Antioxidanzien, die freie Radikale inaktivieren, gelten daher als gesund. Sie werden daher in einer Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln als „Anti-Aging“-Präparate und zur Krankheitsprävention (z. B. vor Krebs) angeboten.

Diese von Laien und Fachleuten sehr populäre Ansicht wird seit geraumer Zeit von Wissenschaftlern in Frage gestellt.

So auch vom Team um Professor Dr. Pietro Ghezzi an der Brighton & Sussex Medical School in Großbritannien, das die vorhandene Evidenz zur vorbeugenden oder therapeutischen Anwendung von Antioxidanzien im «British Journal of Pharmacology» zusammengetragen hat. Darin kommen die Forscher zum Schluss, dass Antioxidanzien nur in Fällen eines nachgewiesenen Mangels zum Einsatz kommen sollten. Andernfalls hätten sie keine positiven Effekte und könnten sogar schaden.

Bisher habe noch kein Antioxidans in randomisierten klinischen Studien so erfolgreich abgeschnitten, dass es für eine entsprechende Zulassung gereicht hätte.

Antioxidanzien könnten im Gegenteil sogar Schaden anrichten, wenn sie nämlich freie Radikale abfangen, die an Reaktionen des Immunsystems und der Synthese von Hormonen beteiligt seien. Hier eine passende Dosis zu finden, die einen schädlichen Überschuss der Moleküle abfängt, die physiologisch notwendige Menge jedoch übrig lässt, sei vermutlich extrem schwierig.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64406

DOI: 10.1111/bph.13544

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bph.13544/abstract;jsessionid=DAF575435A75A3CECC58897795628DC2.f04t04?systemMessage=Wiley+Online+Library+will+be+unavailable+on+Saturday+30th+July+2016+from+08%3A00-11%3A00+BST+%2F+03%3A00-06%3A00+EST+%2F+15%3A00-18%3A00+SGT+for+essential+maintenance.Apologies+for+the+inconvenience.

 

Kommentar & Ergänzung:

Der menschliche Organismus enthält schon endogen („von Haus aus“) eine ganze Reihe von antioxidativ wirksamen Stoffen, zum Beispiel Proteine wie Transferrin, Albumin, Coeruloplasmin, Hämopexin und Haptoglobin, sowie Enzyme wie Superoxiddismutase (SOD), Glutathionperoxidase (GPX) und Katalase. Für die antioxidative Aktivität dieser Enzyme sind Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink wichtig.

Wichtig sind aber auch exogene Antioxidanzien, die von aussen zugeführt werden.

Dazu gehören Stoffe wie Ascorbinsäure (Vitamin C), Tocopherol (Vitamin E) und Betacarotin (Provitamin A), die vom Organismus benötigt werden, aber nicht bedarfsdeckend selber produziert werden können und daher von aussen zugeführt werden müssen.

Darüber hinaus gibt es in in pflanzlichen Nahrungsmitteln eine ganze Reihe von Antioxidanzien, die zur Inaktivierung von freien Radikalen beitragen können, aber nicht zwingend von aussen zugeführt werden müssen, weil sie in dieser Funktion durch andere Antioxidanzien ersetzbar sind. Dabei handelt es sich um sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe wie Carotinoide (z. B. Lycopin, Lutein) und Polyphenole (Flavonoide, Anthocyane, Resveratrol, EGCG aus Grüntee), die in vielen Gemüsen, in Beeren und Obst sowie in Kräutern vorkommen.

Dass diese sekundären Pflanzeninhaltsstoffe als Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung nützlich sind, steht ausser Frage.

Zunehmen kritisch gesehen wird nur die Zufuhr solcher Substanzen über Nahrungsergänzungsmittel – also in isolierter Form und in grösseren Mengen.

Dieses fragwürdige Geschäft boomt. Hersteller wie Burgerstein und Verkäufer – Internetshops, Apotheken, Drogerien – profitieren hier von überzogenen Hoffnungen und von Konsumentinnen und Konsumenten, die mit solchen Produkten ein schlechtes Gewissen beruhigen möchten, das ihnen nicht selten zuvor eingeredet wurde.

Siehe auch:

Antioxidanzien können Ausbreitung von Krebs beschleunigen

Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Nicht übertreiben mit Antioxidanzien

Schwächen Antioxidantien die Muskelfunktion?

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Oxidativer Stress – weniger schädlich als gedacht?

Naturheilkunde – Früchte essen statt Burgerstein schlucken

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Antidepressiva meist ungeeignet für Jugendliche

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Eine im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichte Metastudie kommt zum Schluss, dass Antidepressiva bei schwer depressiven Kindern und Jugendlichen weitgehend wirkungslos sind. Der Wirkstoff Venlafaxin habe suizidale Tendenzen sogar verstärkt.

Die gängigen Arzneimittel zur Behandlung von Depressionen sind bei schwer depressiven Kindern und Jugendlichen weitgehend wirkungslos. In Einzelfällen könnten Antidepressiva sogar suizidale Tendenzen der minderjährigen Patienten steigern, heißt es in der Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams, das im Fachblatt „The Lancet“ publiziert wurde.

Für die Metastudie hatten die Forscher die Befunde aus 34 klinischen Studien an mehr als 5000 Patienten im Alter zwischen neun und 18 Jahren ausgewertet. Dabei wurden 14 verschiedene Antidepressiva einbezogen: Amitriptylin, Citalopram, Clomipramin, Desipramin, Duloxetin, Escitalopram, Fluoxetin, Imipramin, Mirtazapin, Nefazodon, Nortriptylin, Paroxetin, Sertralin und Venlafaxin. Die Wissenschaftler bewerteten für jeden Wirkstoff die Effektivität, die Verträglichkeit, die Akzeptanz sowie schwere damit in Verbindung stehende Schäden, etwa suizidale Gedanken oder Suizidversuche.

Nur das Antidepressivum Fluoxetin zeigte bei der Behandlung der Minderjährigen ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Metastudie. Der ebenfalls zur Depressionsbehandlung eingesetzte Wirkstoff Venlafaxin habe sogar stärker zu ausgeprägten Suizidgedanken geführt. Weitere Antidepressiva seien weitgehend wirkungslos geblieben.

Das internationale Autorenteam um Dr. Andrea Cipriani von der University of Oxford und Dr. Xinyu Zhou von der Chongqing University in China schreibt:

»Die Behandlung mit Antidepressiva scheint Kindern und Jugendlichen mit einer akuten Major Depression keinen klaren Vorteil zu bieten. Fluoxetin ist wahrscheinlich die beste Option, die bei einer Indikation für eine Pharmakotherapie in Betracht gezogen werden sollte.«

Die Wissenschaftler empfehlen, junge Patienten unabhängig vom eingesetzten Wirkstoff eng zu überwachen, vor allem zu Beginn einer antidepressiven Pharmakotherapie.

Die Forscher kritisierten zudem die schlechte Datenlage:

Von den untersuchten Studien waren 22 (65 Prozent) von Pharmaherstellern gesponsert, zehn hatten nach Kriterien der Cochrane Collaboration ein hohes Risiko für Verzerrung, 20 ein mittleres und nur vier ein niedriges. In einer Pressemitteilung kritisierte Cipriani den fehlenden Zugang zu Patientendaten: »Ohne diesen ist es schwierig, die Effekte präzise abzuschätzen. Wir können nicht sicher sein, dass die Informationen in den publizierten und nicht veröffentlichten Studien tatsächlich korrekt sind.«

in einem begleitenden Kommentar zur Studie schreibt Jon Jureidini von der University of Adelaide in Australien, die Häufigkeit von Nebenwirkungen werde möglicherweise aufgrund von falscher Codierung unterschätzt. Antidepressiva seien deshalb für Kinder und Jugendliche vermutlich gefährlicher und weniger effektiv als bislang angenommen, was möglicherweise auch für Fluoxetin gelte. Auch Jureidini fordert eine umfassende Publikation aller Studiendaten. »Der Behauptung, dass der Zugang zu diesen Daten geistiges Eigentum und die Privatsphäre der Patienten verletzt, muss entschieden widersprochen werden.«

Quelle:

http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/5007514/Antidepressiva-eignen-sich-nicht-fur-Jugendliche?_vl_backlink=/home/leben/gesundheit/index.do

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=63863

 

Die Studie in „The Lancet“:

http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2816%2930385-3/abstract

 

Kommentar & Ergänzung:

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Antidepressiva in manchen Situationen sinnvoll und notwendig sein können.

Das Beispiel zeigt aber, wie wichtig Metastudien sind, um zu differenzierteren Erkenntnissen zu gelangen.

Bei Metastudien werden alle auffindbaren klinischen Studien zu einer Fragestellung, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, zusammenfassend ausgewertet.

Damit soll im Vergleich zu einzelnen Studien eine fundiertere Aussage gewonnen werden.

Es gibt eine ganze Reihe von unwirksamen Therapien, die sich in der Medizin weiterhin halten.

Allerdings ist es auch eine Stärke der Medizin, dass Therapien immer wieder überprüft und kritisch unter die Lupe genommen werden – zum Beispiel durch Metastudien.

So können Irrtümer entdeckt und Therapien verbessert werden. Das ist ein Pluspunkt für die Medizin. Alternativmedizin und Komplementärmedizin tun sich dagegen in der Regel sehr schwer mit kritischer Überprüfung. Das machte es schwieriger, Irrtümer zu erkennen und Methoden weiterzuentwickeln.

Siehe auch:

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde!

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phyto-Kombi mit Pfefferminzöl und Kümmelöl bei Reizdarm

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Mit einem pflanzlichen Kombinationspräparat aus Pfefferminzöl und Kümmelöl lassen sich die Symptome funktioneller Magen-Darm-Beschwerden erfolgreich lindern. Zudem ist die Behandlung mit dem Phytopharmakon leitliniengerecht.

Studiengemäß habe sich der symptomgerechte Einsatz von Pfefferminzöl und Kümmelöl bei Reizdarm als effektiv erwiesen, sagte der Gastroenterologe Professor Dr. Ahmed Madisch, Hannover, auf einer Pressekonferenz der Dr. Willmar Schwabe GmbH.

Er unterstrich dabei, dass der pflanzlichen Wirkstoffkombination aus 90 mg Pfefferminzöl und 50 mg Kümmelöl (Carmenthin®) bei Schmerzen und Krämpfen in der aktuellen S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom der Evidenzgrad A und eine abgeschwächt positive Empfehlungsstufe (sollte oder kann) zugesprochen wird. Damit stehe das Phytopräparat auf einer Stufe mit dem Spasmolytikum Mebeverin.

Carmenthin habe in klinischen Studien verglichen mit Placebo eine doppelt so hohe Verminderung der Reizdarmsyndrom (RDS)-assoziierten Beschwerden Flatulenz, Druck-, Schwere- und Völlegefühl gezeigt. Als effektives Therapie-Modul füge sich das Phytopharmakon gut in die bei RDS notwendigen multimodalen Behandlungskonzepte auch bei Kindern ein, erklärte der Referent. Die Wirkstoffkombination aus Pfefferminzöl und Kümmelöl darf ab dem Alter von zwölf Jahren angewendet werden.

Das Reizdarmsyndrom ist von einer großen Symptom-Variabilität geprägt: Schmerzen, Krämpfe, Blähungen, Durchfall und/oder Verstopfung.

Dabei werden unterschiedliche Ursachen und individuelle Triggerfaktoren diskutiert. Leitliniengerecht liege ein Reizdarmsyndrom vor, wenn die RDS-charakteristischen Beschwerden seit mindestens drei Monaten vorliegen und andere Erkrankungen ursächlich ausgeschlossen wurden«, erläuterte Professor Dr. Stephan Miehlke aus Hamburg an der Pressekonferenz. Der Leiter des Magen-Darm-Zentrums am Universitätsklinikum Eppendorf wies auch darauf hin, dass bei RDS-Patienten nicht nur eine generell gesteigerte Darmmotilität beobachtet wird.

Darüber hinaus sei festgestellt worden, dass viszerale Schmerzreize bei diesen Patienten zur Aktivierung anderer und größerer Hirnregionen als bei gesunden Kontrollpersonen führen. Bei zahlreichen RDS-Betroffenen finde sich zudem eine erhöhte Innervation der Darmmucosa. Ein verändertes Schleimhaut-Mediatorprofil eine Aktivierung des enterischen Nervensystems und der primär afferenten Nerven bewirken.

Dr. Michael Harkenthal aus Ettlingen erklärte die sich ergänzenden Wirkmechanismen des Phytopharmakons und unterstrich, dass Reizdarmbeschwerden häufig nach akuten Infektionen im Verdauungstrakt entstehen. Es komme zur Hypersensibilität der Nerven im Darm, die dann bereits bei der geringsten psychischen oder physischen Reizung mit Schmerzsignalen und Krämpfen reagieren.

Pfefferminzöl aktiviert die Kältesensoren der Darmnerven, konstatierte Harkenthal. Das bewirke eine Beruhigung benachbarter Schmerzsensoren und eine drastische Verminderung ihrer Empfindlichkeit. Kümmelöl wirkt aktivitätshemmend auf gasbildende Bakterien, sodass Blähungen reduziert werden.

Im Vergleich zu den einzelnen Bestandteilen habe sich das Kombinations-Phytopharmakon mit Blick auf die Minderung abdomineller Schmerzen bei RDS als überlegen erwiesen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=63399

 

Kommentar & Ergänzung:

Pharmakologisch betrachtet ist beim Reizdarm die Anwendung von Kümmelöl und Pfefferminzöl in Kapselform einer Anwendung von Kümmeltee bzw. Pfefferminztee vorzuziehen. Durch die magensaftresistente Carmenthin-Kapsel lassen sich grössere Mengen an ätherischem Öl bis in tiefere Darmabschnitte applizieren, als es mit einer Teeanwendung möglich wäre.

Ein Kräutertee hat aber immer auch einen Ritualcharakter und wirkt zudem möglicherweise durch die Wärmezufuhr entspannend.

Das Kombi-Präparat Carmenthin® ist in der Schweiz nicht als Arzneimittel registriert, kann aber von Apotheken aus Deutschland besorgt werden.

Magensaftresistente Pfefferminzöl-Kapseln gibt es unter dem Namen Colpermin®.

Für dieses Produkt liegen ebenfalls positive Studien zur Behandlung von Reizdarm vor.

Siehe dazu:

Pfefferminzöl bei Reizdarmsyndrom

Pfefferminzöl bei Reizdarm schmerzlindernd

Reizdarmsyndrom: Flohsamen und Pfefferminzöl top – Kleie flop

 

Phytotherapie: Pfefferminzöl bei Reizdarmsyndrom

Heilpflanzen-Anwendungen bei Reizdarmsyndrom

Pflanzenheilkunde bei Reizdarm: Pfefferminze, Kümmel, Fenchel, Anis, Flohsamen

Phytotherapie bewährt bei Reizdarmsyndrom (Colon irritabile)

 

Kümmel und Pfefferminze sind in Form eines alkoholischen Extrakts auch Bestandteil der Iberogast Tropfen (neben Extrakten aus Schleifenblumenkraut, Engelwurz, Schöllkraut, Mariendistel, Kamille, Süssholz und Melisse). Das Kombi-Phytopharmakon wird ebenfalls bei Reizdarm eingesetzt, dürfte seine Wirkung aber eher im oberen Verdauungstrakt entfalten (Reizmagen, Völlegefühl im Oberbauch).

Siehe:

Phytotherapie bei funktionellen Magenbeschwerden

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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