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Phytotherapie: Interessantes Gerichtsurteil zum Baldrianpräparat Baldriparan

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Hersteller Pfizer darf sein Präparat Baldriparan im Fernsehen nicht mehr mit dem Satz „1 Dragee am Abend“ bewerben. Das Landgericht Berlin hat den Spot des Pharmakonzerns als irreführend beurteilt.

Geklagt gegen den Spot hatte die Wettbewerbszentrale. Der Hinweis „1 Dragee am Abend“ ist aus Sicht der Wettbewerbszentrale ein Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz und das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb.

Verbraucher würden aufgrund dieser Werbeaussage nämlich erwarten, dass schon mit der Einnahme nur eines Dragees ein ruhiger Schlaf erreicht werden könne. Tatsächlich sei Baldriparan laut Gebrauchsinformation aufgrund der allmählich einsetzenden Wirkung nicht zur akuten Behandlung von nervös bedingten Schlafstörungen geeignet. Der Hersteller Pfizer selbst empfiehlt eine kontinuierliche Behandlung mit Baldriparan über zwei bis vier Wochen.

Der TV-Spot zeigt eine friedlich schlafende Frau verbunden mit der Aussage: „Gut ein- und durchschlafen. Baldriparan stark für die Nacht hilft dabei mit einem Dragee am Abend.“

Eingeblendet wird zudem die Baldriparan-Packung mit einer roten Banderole „1 Dragee am Abend“, der Satz wird in einem großen roten Punkt noch einmal wiederholt. Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass „der hochkonzentrierte Baldrian“ beim Einschlafen helfe und die natürlichen Schlafphasen bis zum Morgen unterstütze.

Bezüglich des Werbespots gab das Landgericht der Wettbewerbszentrale Recht und wies darauf hin, dass die Aussage „1 Dragee am Abend“ in dem Werbefilm als gute und effiziente Wirkweise und als Versprechen eines schnellen Ein- und Durchschlafens verstanden werde.

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/pfizers-frau-schlaeft-zu-schnell-ein-tv-spot-verboten-baldriparan-spot/

Kommentar & Ergänzung:

Die Wettbewerbszentrale und offenbar auch dieses Gericht scheinen gute Kenntnisse der Phytotherapie zu haben. Studien zeigen, dass die Wirkung von Baldrianextrakt sich erst klinisch signifikant nach 2 – 4 Wochen zeigt. Darum ist es sehr fragwürdig, wenn die Werbung eine Sofortwirkung verspricht. Allerdings kann bei der Einnahme vor dem Schlafengehen wohl oft mit einem schnell eintretenden Placeboeffekt gerechnet werden. Und wenn das der Fall ist, dann kann das auch als Erfolg betrachtet werden. Ein Placeboeffekt ist auch etwas wert. Das volle Potenzial von Baldrian nutzt man aber offensichtlich nur bei einer Anwendung über längere Zeit. Die fehlende Sofortwirkung trägt im Übrigen wesentlich dazu bei, dass die Einnahme von Baldrian kein Abhängigkeitsrisiko mit sich bringt.

Interessant an diesem Fall ist zudem, dass Badriparan zum Pharmakonzern Pfizer gehört. Pfizer ist der grösste Pharmakonzern der Welt.

Man hört ja immer wieder einmal die leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Vorstellung, dass die grossen Pharmakonzerne die Pflanzenheilkunde kaputt machen wollen, um sich unliebsame Konkurrenz vom Leibe zu halten. Das ist wohl ziemlich abwegig. Pharmakonzerne sind nicht so ideologisch fixiert auf „Chemie“. Sie verkaufen im Wesentlichen, was sich als Arzneimittel verkaufen lässt. Und wenn es Nachfrage gibt nach bestimmten Heilpflanzen-Präparaten, dann werden sie solche Extrakte entwickeln oder aufstrebende Firmen aufkaufen. So gehört zum Beispiel die Beinwellsalbe Kytta zu Merck Pharma und der Phytopharmaka-Hersteller Steigerwald wurde von Bayer übernommen. Steigerwald ist bekannt für das Verdauungspräparat Iberogast, den Hustensirup Phytohustil mit Eibischextrakt und das Johanniskrautpräparat Laif (in der Schweiz Solevita). Das ist im Übrigen nicht nur schlecht. Diese Pharmakonzerne haben in der Regel viel Know-how in der Forschung und können auch relevante finanzielle Mittel dafür locker machen. Es gibt aber natürlich auch eine ganze Reihe von unabhängigen Phytopharmaka-Herstellern, in der Schweiz zum Beispiel Zeller in Romanshorn oder Bioforce in Roggwil.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Artikel zum Thema „Johanniskraut & Depression“ in der Fachzeitschrift „Pflegen:Palliativ“

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In der Fachzeitschrift „Pflegen: Palliative“ ist gerade ein Beitrag von mir erschienen mit dem Titel: „Johanniskraut – eine phytotherapeutische Intervention“.

Stimmungseinbrüche kommen im Leben vieler Menschen immer wieder vor und sind auch in der Palliativ Care von Bedeutung. Johanniskraut wird bereits seit Längerem als Heilpflanze bei dieser Indikation angewendet. Johanniskrautextrakte zählen zu den am besten wissenschaftlich untersuchten und belegten pflanzlichen Arzneimitteln. Eine wirksame und sichere Anwendung von Johanniskraut setzt jedoch einige Fachkenntnisse voraus. Dieser Beitrag liefert dazu die nötigen Grundlagen.

 

Sie finden den Beitrag hier:

Johanniskraut – eine phytotherapeutische Intervention (Pflegen: Palliative 34 / 2017)

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Medikamentenverkauf: Migros versus Apotheken & Drogerien

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Ab 2019 werden in der Schweiz gewisse Medikamente auch im Detailhandel erhältlich sein. Dabei geht es auch um Heilpflanzen-Präparate.

Gegenwärtig prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche Arzneimittel in Zukunft von dieser Liberalisierung betroffen sind. Damit setzt Swissmedic die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Grossverteiler wie Migros und COOP begrüssen diese Entwicklung selbstverständlich und möchten möglichst viele Präparate verkaufen dürfen.

Die Branchenvertreter der Apotheken und Drogerien sind ebenso selbstverständlich dagegen und warnen vor Gefahren.

Beide Seiten operieren mit fragwürdigen Argumenten.

Bisher sind in der Schweiz die meisten Medikamente nur in Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Migros strebt aber deutsche Verhältnisse an. In Deutschland werden viel mehr Arzneimittel im Detailhandel verkauft.

Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, macht auf die Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere, etwa wenn in Deutschland Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Bangeter. Er weist darauf hin, dass Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen könne und dass dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Diese Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar. Johanniskraut-Extrakte mit ihren möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten taugen nicht für den Verkauf im Supermarkt.

Aber was sagt dazu die Migros?

Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik, kontert: «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.»

Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei, betont Maurer.

Damit hat er höchstwahrscheinlich Recht. Mit den niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten, wie sie die Supermärkte in Deutschland verkaufen, sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kaum zu erwarten.

Was Maurer nicht sagt: Von diesen niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten sind auch keine Wirkungen zu erwarten.

Effekte in diesem tiefen Dosisbereich sind weder plausibel noch durch Studien belegt (im Gegensatz zu den hochdosierten Extrakten).

Das scheint für die Migros aber kein Kriterium zu sein. Hauptsache, sie kann mehr Medikamente verkaufen…….

Ins Regal stellen will die Migros künftig auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Das Präparat wird sich bestimmt gut verkaufen, aber auch hier fällt ein wesentlicher Punkt unter den Tisch: Studien mit positiven Ergebnissen gibt es nur für Weidenrindenextrakt-Präparate, die wesentlich konzentrierter sind und dadurch einen deutlich höheren Gehalt an schmerzstillendem Salicin haben. Wirksamkeit scheint auch hier für die Migros kein Kriterium.

Die Vertreter der Apotheken und Drogerien argumentieren aber auch nicht überzeugend.

Der Apothekerverband Pharmasuisse weist darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte, speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen.

Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt:

«Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät.»

Dort müssten sich die Patienten auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie dagegen könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Das ist zumindestens schönfärberisch. Apotheken und Drogerien verkaufen selber aktiv und passiv (auf Verlangen) sehr viele „Pseudomedikamente“, ohne dass ihnen das grossen Kummer bereitet, solange es zum Umsatz beiträgt.

Für Bachblüten, Schüssler-Salze, Homöopathika und Spagyrika gibt es keine überzeugenden Belege. Unrealistische Wirkungsversprechungen dazu präsentieren die Schaufenstern von Apotheken und Drogerien aber noch und noch, ganz abgesehen von den Beratungen in den Geschäften.

Bei den Phytopharmaka ist nur eine Minderheit fundiert durch Studien belegt und viele Heilpflanzen-Präparate fallen durch unsinnige Zusammensetzung oder ungenügende Dosierung auf. Und auch eine ganze Reihe von synthetischen Medikamenten hat ihre Zulassung vor einigen Jahrzehnten bekommen auf der Grundlage von Studien, die heutigen Qualitätskriterien bei weitem nicht genügen.

Dass Mitarbeitende in Apotheken und Drogerien die Kundschaft hier kritisch beraten ist meiner Erfachrung nach eher die Ausnahme als die Regel. Wer mit fundiertem Heilpflanzen-Wissen in Apotheken und Drogerien fachliche Fragen stellt, bekommt oft falsche oder nichtssagende Antworten. Und Testkäufe von Konsumentenorganisationen zeigen immer wieder lückenhafte und falsche Beratungen.

Hier ein Beispiel für skrupellose Kundentäuschung aus der Apotheke:

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Apotheken und Drogerien sollten also den Mund nicht zu voll nehmen, was ihre überragende Beratungskompetenz gegenüber den Grossverteilern angeht.

Die Migros ist jedoch genauso wenig überzeugend. Sie begründet ihren Druck zugunsten einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs natürlich nicht mit dem zusätzlichen Markt und dem Umsatz, den sie damit machen kann. Sie präsentiert sich als Preisbrecherin zugunsten der Konsumenten.

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Einen Grund für die hohen Preise in der Schweiz sieht er im fehlenden Preiswettbewerb. Schläpfer ist überzeugt, dass die Konkurrenz durch die Detailhändler die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen werde.

Das kann sein. Die Preise werden sinken, aber die Wirksamkeit der Präparate auch. Wandert ein grosser Teil des Umsatzes mit Heilpflanzen-Präparaten zu den Grossverteilern, werden die Hersteller weniger Geld in die Entwicklung hochwertiger Extrakte und in die klinische Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit investieren.

Um beim Beispiel Johanniskraut zu bleiben: Hersteller, die ihr niedrig dosiertes Johanniskraut-Präparat im Supermarkt verkaufen, brauchen keine Forschung, weil kein Wirksamkeitsnachweis gefordert wird. Darum wird es in diesem Bereich auch keine Forschung geben.

Hersteller, die ihr hochkonzentriertes, aber teureres Johanniskraut-Präparat als Arzneimittel in Apotheken und Drogerien verkaufen, werden weniger Umsatz machen und daher weniger in Forschung investieren können. Das schadet der Phytotherapie.

Ich selber bin bereit, einen höheren Preis für ein Heilpflanzen-Präparat zu bezahlen, wenn ich weiss, dass der Hersteller in Forschung und Entwicklung investiert hat. Trittbrettfahrer, die ein billiges, aber wirkungsloses Präparat in den Supermarkt werfen und vom Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingaufwand anderer Hersteller profitieren, gehen bei mir leer aus.

Quelle der Zitate und Stellungnahmen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/streit-um-medikamente-im-supermarkt/story/25388132

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Saathafer – die Arzneipflanze des Jahres 2017

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Der Saathafer wurde vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt.

Der Saathafer (Avena sativa) ist ein Getreide und zählt zu den Süßgräsern (Poaceae oder Gramineae). Er bildet im Gegensatz zu Weizen, Roggen und Gerste seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus.

Die Haferkörner sind von Spelzen umschlossen, die durch einen speziellen Mahlgang entfernt werden müssen. Der Hafer liefert zwar tiefere Hektar-Erträge als Weizen, Roggen und Gerste, doch ist er diesen gegenüber beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack überlegen. Zudem ist Hafer weniger anspruchsvoll, denn er gedeiht auch auf kargen Böden und bei feuchter Witterung.

Drei Pflanzenteile des Saathafers stossen auf pharmazeutisches Interesse:

Haferstroh (Avenae stramentum) wird als Abkochung für Bäder bei Hautverletzungen und Juckreiz verwendet.

Für die Gewinnung von Haferkraut (Avenae herba) wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet. Haferkraut ist reich an Flavonoiden, Saponinen und Mineralien (Kalium, Calcium, Magnesium), wobei den Flavonoiden entzündungshemmende und den Saponinen immunmodulierende Eigenschaften zugesprochen werden.

Haferkraut-Extrakte kommen daher bei trockener Haut und bei atopischer Dermatitis zur Anwendung.

In den Neunzigerjahren wurde in Frankreich durch Selektion eine Hafersorte mit einem besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen gezüchtet, die schon sehr jung geerntet und durch ein besonderes Verfahren extrahiert wird. Der aufgereinigte Extrakt ist frei von Proteinen und wird für Hautpflegemittel wie Cremes, Körpermilch und Badezusätze eingesetzt, die für Allergiker speziell gut verträglich sein sollen. Seine Bedeutung für die Dermatologie wurde schon in neueren Fachpublikationen gezeigt. Haferkrautextrakt-Produkte werden aber auch zur Pflege von empfindlicher Haut (Babys, Senioren) und zur Behandlung von Wunden, Rosacea und nicht zuletzt von Psoriasis eingesetzt.

Das Haferkorn (Avenae fructus), aus dem die allseits bekannten Haferflocken hergestellt werden, ist reich an Ballaststoffen (Polysacchariden), von denen die löslichen β-Glucane etwa die Hälfte ausmachen.

In 100 Gramm Haferflocken sind etwa 4,5 Gramm β-Glucane enthalten, in der Haferkleie sind es sogar mehr als 8 Gramm pro 100 Gramm. Die β-Glucane geben dem Haferschleim seine Konsistenz. Indem sie die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen, wirken sie sich günstig auf den Cholesterinspiegel und den Blutzuckerspiegel aus.

Die Fähigkeit der β-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt wahrscheinlich zur Ausscheidung von Cholesterol und zur Reduktion des Gesamtcholesterol- und des LDL-Cholesterol-Spiegels, was einer Atherosklerose vorbeugen kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Jahr 2011 bestätigt, dass die Einnahme von Hafer-β-Glucanen zur Reduktion des Cholesterolspiegels beitragen kann.

Die unlöslichen Ballaststoffe regulierend ausserdem die Verdauungstätigkeit. Da sie die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darm in den Körper verzögern, steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit zeitverzögert an, was eine geringere Ausschüttung von Insulin zur Folge hat. Schon vor 100 Jahren wurden daher diätetische „Hafertage“ für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eingeführt. Eine neuere Studie am Diabetologikum in Berlin hat gezeigt, dass die Insulindosis bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach zwei Hafertagen um bis zu 30 Prozent reduziert werden kann. Dieser günstige Effekt soll bis zu vier Wochen nachweisbar sein.

Haferflocken zeigen aber auch günstige Auswirkungen auf die Verdauungsorgane selbst. Die Darmwand wird durch die viskösen löslichen Ballaststoffe vor Reizen aus dem Darmlumen geschützt und ein empfindlicher Magen beruhigt.

Umstritten ist noch, ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können. Bei der Zöliakie entzündet sich die Schleimhaut des Darms nach dem Verzehr von Gluten, dem Kleber-Eiweiß in verschiedenen Getreidekörnern.

Gluten ist die dominierende Eiweissfraktion im Weizenkorn, Im Haferkorn herrscht dagegen das Globulin Avenalin mit 80% vor, während Gluten nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Hirse, Mais und Reis gelten dagegen als glutenfrei.

Die Zusammensetzung des Glutens unterscheidet sich in den einzelnen Getreidearten und ihren Sorten. Allgemein besteht Gluten aus den Proteingemischen der Prolamine und Gluteline, die wegen ihres hohen Anteils an den Aminosäuren Prolin und Glutaminsäure so benannt worden sind.

Krankheitsauslösend sind bei der Zöliakie die Prolamine, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Für zahlreiche Zöliakie-Patienten ist zwar das Weizen-Prolamin Gliadin, nicht jedoch das Hafer-Prolamin Avenin unverträglich. Und die relative Unverträglichkeit des Avenins hängt zudem noch von der Hafersorte ab; es gibt Hafersorten, die sogar für eine glutenfreie Ernährung infrage kommen.

Mehrere Studien zur Verträglichkeit des Hafers bei Zöliakie-Patienten haben gezeigt, dass kleinere Mengen Hafer im allgemeinen gut vertragen werden. In Schweden und Finnland gilt die Aufnahme von bis zu 50 g Hafer pro Tag als unbedenklich. Es muss sich dabei jedoch um „nicht-kontaminierten Hafer“ handeln, der nicht mit anderem Getreide verunreinigt sein darf und speziell für diesen Zweck angebaut wird.

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ ist überzeugt davon, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft ist und hofft, dass die Arzneipflanze des Jahres 2017 Gegenstand weiterer Forschungen sein wird.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/10/28/noch-viel-potenzial-bei-hautkrankheiten-und-zoeliakie

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine ungewöhnliche Wahl, zählt doch der Hafer seit je her zu den Nahrungsmitteln und nicht zu den typischen Heilpflanzen. Nimmt man ihn aber aus der Perspektive der Heilwirkungen in den Blick, steht er in einem Übergangsbereich zwischen Phytotherapie und Ernährungstherapie. Und dieser Übergangsbereich ist durchaus interessant.

Wie gewohnt begründet der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ seine Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2017 auch dieses Mal fundiert.

2016 war der Kümmel Arzneipflanze des Jahres, 2015 das Johanniskraut, 20114 der Spitzwegerich, 2013 die Kapuzinerkresse und 2012 das Süssholz.

Hier geht’s zur Website des Studienkreises:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Manager bevorzugen pflanzliche Schlafmittel

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Jede dritte deutsche Führungskraft konsumiert zumindestens ab und zu Schlafmittel. Zu diesem Resultat kommt eine Umfrage der Regensburger R-und-K-Marktforschung im Auftrag der Max-Grundig-Klinik in Bühl. 1000 Führungskräfte verschiedener Hierarchiestufen nahmen an der Umfrage teil, wobei Mitarbeiter von Unternehmen verschiedener Größen, Branchen und Regionen vertreten waren.

33 Prozent der Befragten erklärten, ab und zu Schlafmittel zu verwenden. Beim überwiegenden Teil von ihnen (29 Prozent) geschieht dies allerdings nur selten. 4 Prozent sagten, dass sie die Mittel regelmäßig einnehmen. Dabei kommen chemische Präparate allerdings nicht häufig zum Zug: 96 Prozent der befragten Führungskräfte sagten aus, dass sie keine chemischen Schlafmittel wie Benzodiazepine und Z-Substanzen verwenden und auch keine sedierenden Antidepressiva wie Doxepin, Mirtazapin oder Amitryptilin. Nur 2 Prozent der Befragten nehmen diese Präparate gelegentlich ein, 1 Prozent oft und 1 Prozent immer.

Stattdessen greifen Managerinnen und Manager vielfach zu pflanzlichen Beruhigungsmittel – und zwar 21 Prozent gelegentlich, 11 Prozent häufig und 5 Prozent immer. Der weitgehende Verzicht auf harte Substanzen sei ein gutes Zeichen, sagt dazu Henning Hager, Leitender Arzt der Psychosomatischen Medizin an der Max-Grundig-Klinik. Er weist darauf hin, dass aus ärztlicher Sicht chemische Präparate nur im Notfall angewendet werden sollten.

Dass über ein Drittel der deutschen Führungskräfte regelmäßig auf pflanzliche Beruhigungsmittel zurückgreife, sei aber ein deutlicher Hinweis, dass viele von ihnen mit Stress und mangelndem Schlaf nicht zurechtkämen.

Auf die Frage, welche pflanzlichen Schlafmittel sie kennen, nannten 87 Prozent der befragten Führungskräfte Baldrian, 75 Prozent Hopfen, 51 Prozent Lavendel, 47 Prozent Johanniskraut und 31 Prozent Passionsblume. Neben pflanzlichen Beruhigungsmitteln setzt außerdem jede vierte befragte Person (28 Prozent) auf Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder Meditation.

Hager bewertete das Resultat der Umfrage positiv, vor allem die Tatsache, dass die Mehrheit der Befragten vertretbare pflanzliche Mittel zum Schlafen einsetze. Er empfiehlt, diese Mittel ausreichend hoch zu dosieren und langfristig einzunehmen: Schnelle Erfolge seien bei Einmalgabe nicht erreichbar. Auch sollten Personen mit Schlafproblemen vor dem Zubettgehen keinen Alkohol und kein schweres Essen einnehmen, keinen Hochleistungssport ausüben und keine Konfliktgespräche führen. Auch bläuliches LED-Licht vor dem Schlafengehen sei kontraproduktiv, weshalb Hager dazu rät, eine Stunde vor dem Schlafengehen auf die Benutzung von Laptop und Smartphone verzichten.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=65926

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Umfrage. Vernünftige Stellungnahme des Psychosomatikers aus der Max-Grundig-Klinik.

Wiederkehrende Schlafstörungen können durch unterschiedlichste Ursachen ausgelöst werden. Falls möglich sollten diese Ursachen identifiziert und angegangen werden. Dazu sind in der Regel hauptsächliche nichtmedikamentöse Massnahmen sinnvoll und nötig.

Sollen trotzdem Arzneimittel zur Anwendung kommen, sind pflanzliche Präparate wegen ihrer ausgesprochen guten Verträglichkeit eine sinnvolle Option. Das scheinen also auch die befragten Manager gemerkt zu haben.

Mich erstaunt allerdings, dass bei diesen Führungskräften Baldrian, Hopfen, Lavendel, Johanniskraut und Passionsblume als Schlafmittel so bekannt sein sollen. Da müsste man mehr darüber wissen, wie die Fragen gestellt wurden. Aufzählung vorgegebener Antworten zum ankreuzen? So frei aus dem Kopf heraus kann ich mir vorstellen, dass den Befragten Baldrian in den Sinn kommt, kaum aber zum Beispiel Passionsblume.

Johanniskraut würde ich im Übrigen zu den Antidepressiva zählen und nicht zu den Schlafmitteln.

 

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Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) verteidigt Homöopathie

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Achtung, Achtung: Wichtige Durchsage für alle Verschwörungstheoretiker, die daran glauben, dass die böse „Pharmaindustrie“ Krieg führt gegen die sanften Naturheilmittel und diese mit aller Macht unterdrücken und ausrotten will……

Unerhörtes ist nämlich passiert, und ausgerechnet die „Pharmazeutische Zeitung“ und die „Ärzte Zeitung“ berichten davon:

Nachdem Professor Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, sich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dafür ausgesprochen hat, Homöopathie als Kassenleistung wegen fehlender Evidenz zu verbieten, verteidigt ausgerechnet der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) die Homöopathie. BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp verlangt, auch in Zukunft Satzungsleistungen anzubieten. Es gebe zahlreiche Erkrankungen, bei denen homöopathische Arzneimittel eingesetzt werden können, schreibt der BPI. Auch der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) widerspricht Heckens Vorschlag. Ärzten, Apothekern und Patienten sollte eine möglichst große Vielfalt von Arzneimitteln zur Verfügung stehen, verlangt BAH-Geschäftsführer Elmar Kroth.

Quellen für die Stellungnahmen von BPI und BAH:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64860

http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/918270/todesfaelle-krebszentrumhecken-watscht-homoeopathie-ab.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Diese neue Situation fordert nun alle Verschwörungstheoretiker heraus, ihre Konstrukte und Konzepte so anzupassen, dass das bewährte Feindbild weiterhin intakt bleibt.

Hier kann nur angedeutet werden, in welche Richtung die Neuinterpretation gehen könnte: Es kann sich bei diesen Stellungnahmen von BPI und BAH eigentlich nur um eine Finte handeln. Der Feind will uns täuschen und in Sicherheit wiegen……

Jetzt aber im Ernst:

Der Vorfall zeigt exemplarisch, dass es die scharfe Trennung zwischen der „Pharmaindustrie“ und den Naturheilmittelherstellern so nicht gibt. Hersteller von Homöopathika und auch von Phytopharmaka sind bestens in die Verbände der Pharmaindustrie integriert, die ihre Interessen vertreten. In Deutschland sind das der BPI und der BAH.

Unabhängig davon, ob man die Homöopathie als spezifisch wirksam ansieht oder nicht, kann man an diesem Beispiel feststellen: Der „Pharmaindustrie“ geht es nicht um einen ideologischen Krieg gegen die Naturheilmittel. Ihr kommt es auch nicht darauf an, ob ein Präparat „chemisch“ oder „natürlich“, wirksam oder unwirksam ist. Entscheidend dürfte eher sein, ob sich ein Produkt mit angemessenem Gewinn unter dem Begriff Arzneimittel verkaufen lässt. Bewährt sich ein Naturheilmittel und erreicht es einen bedeutenden Marktanteil, wird die „Pharmaindustrie“ nicht einen geheimen Vernichtungsfeldzug starten, sondern in diesem Mark mit Konkurrenzprodukten aktiv werden (1) oder Naturheilmittel-Hersteller aufkaufen(2).

Beispiele für (1) sind:

– Die Firma Sandoz, eine Generika-Tochter von Novartis, die einen Ginkgo-Extrakt verkauft und mit Sanabronch einen Hustensirup auf der Basis von Efeublätter-Extrakt.

– Die Firma Viforpharma mit den Präparaten Faros (Weissdorn-Extrkt), Jarsin (Johanniskraut-Extrakt), Feminelle (Traubensilberkerzen-Extrakt), Hepa-S (Artischocken-Extrakt) und Colosan mite (Sterculia).

Beispiele für (2) sind:

– Die mehr als 100 Jahre alte Marke Abtei, die 1996 unter das Dach der SmithKlineBeecham kam, der heutigen GlaxoSmithKline, und 2012 von der Abtei OP Pharma GmbH übernommen wurde, einer Tochter der Omega Pharma, einem belgischen Pharmazieunternehmen.

– Die Baldriparan-Präparate – Beruhigungsmittel auf der Basis von Baldrian, Melisse und Hopfen – die zum Pharmakonzern Pfizer gehören.

– Die Kytta Beinwellsalbe, die schon vor längerem in den Pharmakonzern Merck integriert wurde.

– Die Phytopharmaka-Herstellerin Steigerwald, die 2013 von Bayer aufgekauft worden ist, eine freundliche Übernahme übrigens – die Besitzer wollten an Bayer verkaufen. Siehe dazu: Bayer übernimmt Phytopharmaka-Hersteller Steigerwald.

Daneben gibt es natürlich immer noch eine ganze Reihe von Naturheilmittel-Herstellern, die unabhängig unterwegs sind. In Deutschland zum Beispiel die Dr. Willmar Schwabe Gruppe in Karlsruhe oder Bionorica in Neumarkt, in der Schweiz die Firmen Zeller in Romanshorn oder Bioforce in Roggwil.

Ich habe diese Hintergründe hier aufgeführt um zu zeigen, dass die Verbindungen zwischen Naturheilmittel-Herstellern und der „Pharmaindustrie“ vielfältig sind und sich diese „Landschaft“ nicht so simpel in ein Schwarz-Weiss-Schema einteilen lässt, wie es von den Verschwörungstheoretikern gerne gepflegt wird.

Ich habe mich dabei auf die Phytopharmaka-Hersteller konzentriert, weil ich die besser kenne. Über die Besitzverhältnisse der Homöopathika-Hersteller weiss ich nicht so genau Bescheid.

Der Homöopathika-Hersteller Heel aber zum Beispiel ist eine Tochtergesellschaft der Delton-Gruppe, die zu 100% dem BMW-Grossaktionär Stefan Quandt gehört, ein Umfeld also, das je eigentlich nicht so recht zum sanft naturnahen Image passt. Heel finanzierte zudem zusammen mit der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) und den Firmen Staufen Pharma, WALA Heilmittel, Weleda und Hevert einen Schreiber, der im Internet Kritiker komplementärmedizinischer Verfahren systematisch diffamierte, ein ausserordentlich rüdes Vorgehen, das man eher der bösen Pharmaindustrie zutrauen würde. Siehe dazu den Bericht der „Süddeutschen“:

Homöopathie-Lobby im Netz: Schmutzige Methoden der sanften Medizin

Auch hier: Der schlichte Gegensatz – da die sanften, selbstlosen, menschenfreundlichen Hersteller von Naturheilmitteln und Homöopathika, dort dagegen die bösen, ausschliesslich kommerzgetriebenen Pharmakonzerne – funktioniert einfach nicht.

Anstatt die „Welt“ schön und klar in die Guten und die Bösen einzuteilen wäre es sinnvoller, allen kritisch auf die Finger zu schauen – den Naturheilmittel-Herstellern genauso wie der „chemischen“ Pharmaindustrie.

 

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Johanniskraut gegen Depressionen im Fokus

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An der Pharma World in Düsseldorf kommentierte Dr. Mario Wurglics von der Goethe-Universität Frankfurt Forschungsresultate zu Johanniskrautextrakten.

Nach einer Analyse der Cochrane-Collaboration zeigten sich Johanniskraut-Extraktpräparate in Studien bei Patienten mit leichter bis mittelschweren Depression als signifikant besser wirksam gegenüber Placebo und vergleichbar mit chemisch-synthetischen Antidepressiva, erklärte Wurglics. In diesen Studien wurden relativ hohe Dosen eingesetzt, meist mehr als 900 mg. Entsprechend der S3-Leitlinie zur unipolaren Depression könne mit Johanniskraut-Präparaten ein erster Behandlungsversuch unternommen werden. Apotheker sollten die Patienten über die unterschiedlichen Wirkstärken der Johanniskraut-Präparate und deren Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten informieren.

Empfehlenswert sind laut Wurglics alle Johanniskraut-Präparate, die den Kriterien des Europäischen Arzneibuchs entsprechen. Manche Handelspräparate seien jedoch unterdosiert oder enthielten Johanniskraut-Pulver statt Johanniskraut-Extrakt.

Pulverpräparate seien „nicht vergleichbar mit den geprüften Präparaten».

Sie enthalten nur Spuren des Wirkstoffs Hyperforin.

Der Experten zieht aus der wissenschaftlichen Datenlage den Schluss, dass Johanniskraut-Extrakte in einer Dosierung von mindestens 600 mg/Tag gut wirksam sind bei leichten bis mittelschweren Depressionen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=60027

Kommentar & Ergänzung:

Der Experte weist sehr zu Recht darauf hin, dass es Johanniskraut-Präparate in unterschiedlicher Qualität gibt.

Dass Präparate aus Johanniskraut-Pulver unterdosiert sind, hat sich in verschiedenen Untersuchungen gezeigt. Auch Johanniskrauttinktur und Johanniskrautöl sind für die Anwendung bei Depressionen ungenügend bezüglich dem Wirkstoffgehalt. Eher noch könnte mit Johanniskrauttee eine ausreichende Wirkstoffmenge zugeführt werden, die an die Johanniskrautextrakt-Präparate herankommt, wenn man 2 – 3 Tassen pro Tag trinkt. Allerdings gibt es keine klinischen Studien, die eine Wirksamkeit von Johanniskrauttee bei Patienten belegen würden. Das hat auch kommerzielle Gründe, weil keine Firma Interesse daran haben kann Johanniskrauttee zu erforschen und zu belegen, der von allen Interessierten angebaut und verkauft werden kann. In die Forschung investieren Pharmafirmen für ihre eigenen, patentierten Produkte. Ein Nachteil von Johanniskrauttee ist zudem, dass mit stark schwankendem Wirkstoffgehalt gerechnet werden muss, während die Johanniskrautextrakt-Präparate auf einen bestimmten Gehalt gewisser Leitsubstanzen standardisiert sind.

Etablierte Johanniskrautextrakt-Präparate in der Schweiz sind:

Jarsin, Solevita / Deprivita, Hyperiplant, Hyperiforce / Hyperimed (Bioforce), Rebalance / Remotiv (Zeller), Hypericum-Mepha, Hypericum-Sandoz.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Onkologie: Johanniskraut beim Chronischen Fatigue Syndrom?

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In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (Nr. 1 / 2015) schreibt Christian Thuile, Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin am KH Meran, über Johanniskraut beim Chronische Fatigue Syndrom:

„Wir alle kennen Johanniskraut für den Einsatz bei depressiven Ver- stimmungen, leichten und mittelschweren Grades. Die Studienlage ist gut und es gilt als klinisch anerkannt. Es wäre sozusagen prädestiniert für den Einsatz beim krebskranken Menschen, Niedergeschlagenheit ist ja ein häufiges Problem, das den Erkrankten begleitet. Dazu gibt es noch Studien die zeigen, dass Johanniskraut absolut positive Effekte auf das Chronische Fatigue Syndrom hat, also geradezu ideal vom Profil her.“

Thuile geht aber auch auf die Wechselwirkungen ein, die Johanniskraut mit manchen Chemotherapeutika auslösen kann:

„Leider schaut es in der Realität aber wieder ganz anders aus. Es gibt Chemotherapeutika (z. B. Irinotecan, aber auch viele andere) die denselben Abbaumechanismus in der Leber verwenden wie das Johanniskraut. Das ausschlaggebende Enzym ist das Cytochrom P 450 (3A4); wie stark diese Interaktion sein kann, sieht man an der Tatsache, dass Irinotecan unter dem Einfluss von Johanniskraut bis zu 40 Prozent schneller abgebaut werden kann. Der schnellere Abbau klingt auf den ersten Blick vielleicht verlockend positiv in Hinblick auf Nebenwirkungen, bedeutet aber ganz klar einen deutlichen Wirkungsverlust der Chemotherapie.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0215.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Als „Fatigue“ wird eine besonders ausgeprägte Form der Erschöpfung bei Krebspatienten bezeichnet. Nicht alle Tumorpatienten sind davon gleichermassen betroffen: Bei vielen Krebspatienten tritt die Fatigue akut auf und steht in direktem Zusammenhang mit einer Behandlung. Die akute Fatigue verschwindet in den meisten Fällen rasch nach Abschluss der Krebsbehandlung. Wer noch Wochen oder Monate nach abgeschlossener Krebstherapie darunter leidet, obwohl die Krebserkrankung nicht fortschreitet oder sogar geheilt werden konnte, leidet an einer chronischen Fatigue. Sie kann die Lebensqualität Betroffener stark einschränken.

Der Hinweis auf eine positive Wirkung des Johanniskrauts beim Chronischen Fatigue Syndrom ist interessant. Die Studienlage zu diesem Thema ist zwar sehr schmal. Ich finde dazu nur eine kleine Pilotstudie aus dem Jahr 1998:

Hypericum for fatigue — a pilot study

  1. Stevinson, M. Dixon, E. Ernst

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0944711398800408

Zwanzig depressive Patienten wurden über sechs Wochen mit Johanniskraut behandelt, wobei sich die Müdigkeit verringerte. Es gab keine Placebo-Kontroll-Gruppe und es handelte sich nicht um Krebspatienten, sondern um depressive Personen.

„Studien die zeigen, dass Johanniskraut absolut positive Effekte auf das Chronische Fatigue Syndrom hat“, müssten anders aussehen.

Trotzdem scheint es mir sinnvoll, Johanniskraut beim Chronischen Fatigue Syndrom in Auge zu behalten, insbesondere natürlich für Situationen, in denen gleichzeitig eine depressive Thematik vorliegt.

Der Warnhinweis auf die Wechselwirkungen von Johanniskraut mit diversen Chemotherapeutika ist sehr berechtigt.

Allerdings treten solche Wechselwirkungen mit Wirkungseinbusse der Chemotherapie nur auf, wenn Johanniskraut parallel zur Chemo eingenommen wird. Das Chronische Fatigue Syndrom kann aber noch lange nach dem Therapieende anhalten und dann sind diese Wechselwirkungen hinfällig.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Alkohol und Antidepressiva: Steigerung von Alkoholkonsum und alkoholbedingter Aggressionen möglich

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Einige hundert gemeldete Fälle aus der Literatur deuten darauf hin, dass die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI und Venlafaxin bestimmte Nebenwirkungen auslösen könnte. Dazu zählt einerseits eine Zunahme des Alkoholkonsums, andererseits verstärkte alkoholbedingte Vergiftungserscheinungen wie gesteigerte Aggressivität in verschiedenster Ausprägung (Tötung und Tötungsversuche, Suizidversuche, Vergewaltigung, Aggression, etc.).

In der Literatur liegen Fallbeschriebe vor allem zu Paroxetin, Fluoxetin, Sertralin und vereinzelt auch zu Venlafaxin (SSNRI) vor.

Die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und den erwähnten Antidepressiva steigert das Risiko für alkoholbedingte Enthemmungen und gewaltsame Verhaltensweisen. Patienten müssen über diese möglichen Nebenwirkungen in Kenntnis gesetzt werden. Vom Alkoholkonsum während der Einnahme von Antidepressiva wird grundsätzlich abgeraten. Dies gilt vor allem für die aufgeführten Wirkstoffe.

Literatur: _La Revue Prescrire 380/2015/p431

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5242&NMID=5239&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Johanniskraut-Extrakte tauchen in diesen Fallberichten offenbar nicht oder jedenfalls nicht in erwähnenswertem Umfang auf. Und dies obwohl die antidepressive Wirkung von Johanniskraut-Extrakt nach gegenwärtigem Wissensstand ebenfalls mit einer Wiederaufnahmehemmung von Überträgerstoffen zusammenhängt.

Johanniskraut-Extrakte wirken nach gegenwärtigem Wissensstand mild und breit auf mehrere Transmittersysteme, während synthetische Medikamente intensiver an einem bestimmten Punkt ansetzen. Das könnte eine Erklärung sein für die bessere Verträglichkeit der Johanniskraut-Extrakte. Das sind aber nur Überlegungen – geklärt ist das bisher nicht.

Wenn diese massiven Nebenwirkungen bei der kombinierten Einnahme von Alkohol und Antidepressiva tatsächlich so wie beschrieben auftreten, dann ist es ausserordentlich wichtig, dass Patientinnen und Patienten darüber informiert sind, wenn sie Antidepressive einnehmen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Gut geprüfte Phytopharmaka behaupten ihren Platz unter den Arzneimitteln

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Dass gut geprüfte, evidenzbasierte Phytopharmaka ihren festen Platz im Arzneimittelsortiment haben, weil sie zuverlässig wirken und nicht zufällig, zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion unter Leitung von Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Frankfurt, an der Pharma World.

Auf dem Podium wirkten mit Professor Dr. Michael Habs von der Dr. Willmar Schwabe GmbH, Professor Dr. Theo Dingermann von der Universität Frankfurt am Main und Dr. Harel Seidenwerg von Bionorica Deutschland.

Professor Habs unterstrich die Bedeutung universitärer und klinischer Forschung: Empathie müsse sich mit Wissenschaftlichkeit verbinden, damit die rationale Phytotherapie eine Zukunft habe.

Prof. Dingermann wies auf die Vielfalt der Produkte hin.

Vielfach spreche man einfach nur von Baldrian- oder Johanniskraut-Produkten. Der relevante pharmazeutische Rohstoff sei jedoch die Droge (= die getrocknete Heilpflanze), aus dem in einem speziellen Prozess ein Extrakt hergestellt wird, der als Wirkstoff gilt. Dieser Prozess ermöglicht gemäss Dingermann ein «Höchstmaß an Komplexität» und führe zu sehr heterogenen Produkten.

Schubert-Zsilavecz stellte fest, dass infolge der wissenschaftlichen Prüfung von Phytopharmaka diese vermehrt Aufnahme in aktuelle Therapieleitlinien finden.

Professor Habs begrüßte diese Entwicklung und sagte, dass kein Weg an guter Forschung vorbei führe, um in Leitlinien zu kommen.

Nach Habs liegt ein großer Wachstumsmarkt für Phytopharmaka in China, Indien oder Ländern in Südamerika.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=60002

Kommentar & Ergänzung:

Mit Bionorica und Willmar Schwabe waren auf diesem Podium zwei führende forschende Phytopharmaka-Hersteller vertreten und mit Professor Dingermann eine Top-Koryphäe der universitären Arzneipflanzenforschung.

Insofern ist es keine Überraschung, dass sich die Herren für die Phytopharmaka-Forschung stark machen.

Erläuterung verdient der Hinweis von Dingermann auf die Vielfalt der Phytopharmaka.

Tatsächlich gibt es grosse Qualitätsunterschiede bei Präparaten aus Heilpflanzen. Wo zum Beispiel „Baldrian“ draufsteht, kann sehr unterschiedlich viel Baldrian drin sein. Auf die Beratung in Apotheken oder Drogerien kann man sich diesbezüglich meiner Erfahrung nach sehr oft nicht verlassen. Es wird häufig nicht das am besten wirkende Präparat verkauft, sondern entweder das lukrativste, oder einfach das Lieblingspräparat der Verkaufsperson. X-mal erlebt.

Deshalb ist es mir wichtig, in meinen Weiterbildungen und Ausbildungen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Heilpflanzen-Präparaten zu vermitteln, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, die Qualität selber zu beurteilen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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