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Misteltinktur gegen Krebs?

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Ich bin immer wieder entsetzt, wieviel „Schrott“ im Internet unter den Etiketten „Alternativmedizin“ „Komplementärmedizin“ und „Naturheilkunde“ verkauft wird, weil hier jede Qualitätskontrolle fehlt.

Da verkauft beispielsweise ein österreichischer „Spezialist für ganzheitliche Gesundheit, Figur und Fitness“ Misteltinktur mit der Begründung, Mistel besitze immunverändernde Eigenschaften und könne bei manchen Krebsarten das Tumorwachstum hemmen.

Unterschlagen wird dabei, dass die immunstimulierenden Inhaltsstoffe der Mistel (Lektine, Viscotoxine) hochmolekular sind und aus dem Verdauungstrakt nicht in den Körper aufgenommen werden. In der anthroposophischen Krebstherapie wird die Mistel deshalb in Form von Injektionen verabreicht (z. B. als Iscador). Und selbst so ist die Wirkung alles andere als geklärt.

Siehe dazu:

Misteltherapie gegen Krebs  –  wirksam?

Misteltinktur (genauso wie Misteltee) ist jedoch auf jeden Fall eine ungeeignete Anwendungsform.

Aber wen interessiert das schon?

Weder die Verkäufer noch die Patientinnen und Patienten wollen das offenbar so genau wissen.

Wenn Sie lernen wollen, wie sich leere Versprechungen von glaubwürdigen Aussagen unterscheiden lassen, dann können Sie das bei mir im Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.

Siehe auch:

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Misteltherapie: Verzerrte Darstellung in der Boulevardzeitung „Blick“

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Viele Medienberichte zum Thema Komplementärmedizin sind irreführend und verzerrt. Ein Beispiel dafür liefert die Boulevardzeitung „Blick“ in einem Beitrag zur Misteltherapie („Blick“-Zitate kursiv).

Zitat:

„ Was bewirkt das Präparat?

Das Mistelextrakt enthält Eiweissstoffe, die im Körper des Kranken die Produktion von Endorphinen anregen. Das sind Stoffe, die unsere Schmerzen lindern und die Stimmung aufhellen. Zudem stärkt das Heilmittel die körpereigenen Abwehrkräfte, indem es die Produktion der weissen Blutkörperchen anregt. Mit der Misteltherapie lässt sich das Immunsystem so gut stimulieren, dass es auch zur Unterstützung von Chemo- und Strahlentherapie oder Krebsoperationen verwendet wird. In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“

Der entscheidende Satz ist dieser:

„In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“

Mistel tötet also in hoher Konzentration Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem.

Chemotherapie tötet Krebszellen und schwächt dabei das Immunsystem.

Keine Frage: Gemäss dieser Darstellung ist die Misteltherapie der Chemotherapie vorzuziehen.

Was der Satz verschweigt:

Misteltherapie tötet in hoher Konzentration Krebszellen im Labor an isolierten Geweben oder Zellen. Beim lebenden Menschen ist eine solche Wirkung leider nicht belegt.

Chemotherapie dagegen tötet Krebszellen beim Patienten, schädigt aber leider dabei auch das Immunsystem und andere gesunde Zellen.

Im Labor an isolierten Geweben und Zellen kann man Mistel tatsächlich in sehr hoher Konzentration einwirken lassen. Solche Ergebnisse lassen sich aber nicht einfach auf die Anwendung bei Krebspatienten übertragen.

Wenn man die Angabe „im Labor“ weglässt, erweckt man einen geschönten Eindruck und führt Krebspatientinnen und –patienten in die Irre.

Im weiteren schreibt „Blick“:

„Gibt es Risiken und Nebenwirkungen?

Die Behandlung ist risikoarm. Selten gibt es allergische Reaktionen: Rötung und Schwellung bei der Einstichstelle sind positive Reaktionen, die zur idealen Dosierung des Präparates beitragen.“

Eine sehr geschönte Darstellung.

Hier die andere, vom „blick“ ausgeklammerte Seite:

„In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine……..Lektine und Viscotoxine sind nach parenteraler Applikation extrem giftig. Die akute Toxizität ist möglicherweise nicht nur auf die direkte Cytotoxizität der Lektine und Viscotoxine, sondern auch auf die provozierte Ausschüttung von Mediatoren des Immunsystems zurückzuführen.“

(Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html)

Oder bei Wikipedia:

„Unerwünschte Wirkungen der Misteltherapie betreffen das Herz-Kreislauf-System (Blutdruckabfall oder -anstieg, Verlangsamung des Herzschlags), den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Dehydratation), das zentrale Nervensystem (Verwirrtheit, Halluzinationen, epileptische Anfälle) sowie das Immunsystem (Fieber, Anstieg der weißen Blutkörperchen im Blut). In der bisher einzigen randomisierten kontrollierten Studie zur Wirksamkeit des Mistelpräparates Iscador wurde ein beunruhigendes Ausmaß an Toxizität beobachtet. Vor allem fiel eine Zunahme von Gehirnmetastasen beim Iscador-Patientenkollektiv im Vergleich zur Kontrolle auf. Lokale Entzündungsreaktionen an der Injektionsstelle (wie Rötung, Schwellung, Schmerzen) sind häufig. Schwerwiegende Komplikationen sind selten, jedoch wurden einige Todesfälle berichtet. Ursache hierfür können allergische Reaktionen sein, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können. Nicht angezeigt ist die Misteltherapie während der Schwangerschaft und in der Stillzeit.“  (Quelle: wikipedia)

Solche Nebenwirkungen scheinen allerdings selten von schwerwiegender Natur zu sein.

Problematischer sind Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine Misteltherapie bei bestimmten Tumorarten das Wachstum des Tumors steigern könnte.

„Konsequente Grundlagenforschung in den letzten Jahren zeigte, dass die durch Mistellektin I (besser: Viscum album Agglutinin I = VAA I) vermehrt freigesetzten Zytokine in vitro und in vivo (Tiermodelle) die Proliferation von Zellen verschiedener Tumore, Leukämien und Lymphome stimulieren können. In der Literatur finden sich Berichte über negative Effekte von Mistelextrakten bzw. Lektin in der Zellkultur, in Tumorexplantaten, in Tierversuchen und bei klinischer Anwendung. Experimentelle Befunde verweisen auf die realistische Möglichkeit einer Gefährdung zumindestens einzelner Patienten bei bestimmten Tumorarten und/oder -stadien durch lektinbezogene) Mistelanwendung. Die Annahme, dass eine Erhöhung der Serumspiegel dieser Botenstoffe zumindestens bei einzelnen Tumorpatienten negativ mit einer kürzeren Lebenserwartung korreliert ist, hat sich für verschiedene Malignome bestätigt.“

(Quelle: Barbara Burkhard, Anthroposophische Medizin, Pharmazeutische Zeitung, Govi-Verlag 2000).

Ähnlich schreibt Dr. med Jutta Hübner, Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft:

„ Die direkte Wirkung auf den Tumor wurde leider noch nicht bewiesen. Unklar ist, ob eine Beeinflussung des Tumorwachstums stattfindet. Mistelextrakt kann das Absterben von Tumorzellen im Reagenzglas fördern. In Tierexperimenten konnte durch die Gabe von Mistel die Ausbreitung von Tumoren vermindert werden. Es liegen aber auch Untersuchungen vor, die für einige Tumorarten im Laborexperiment eine wachstumsfördernde Wirkung zeigten. Auch bei Untersuchungen an Patienten ergaben sich zum Teil ungünstige Ergebnisse…….Bei bestimmten Tumoren wie Melanom, Nierenkarzinom, Lymphom und Leukämien sollte die Mistel auf keinen Fall eingesetzt werden“

(aus: Aloe, Ginkgo, Mistel & Co., Schattauer 2009)

Im weiteren schreibt „Blick“:

„ Was ist das stärkste Argument gegen die Mistelanwendung?

Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde. So lange diese wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise fehlen, gelten Mistelpräparate nicht als Heilmittel gegen Krebs.“

Der Satz: „Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde“, ist eine einzige Lüge. Die Misteltherapie wurde in einer ganzen Reihe von Doppelblindstudien untersucht. Die „Schulmedizin“ kritisiert, dass die Qualität der meisten Studien schlecht ist und die Ergebnisse insgesamt nicht überzeugen. Und diese Einschätzung dominiert nicht einfach nur  in der „Schulmedizin“. Man findet sie auch in der Phytotherapie-Fachliteratur und bei Jutta Hübner.

„Blick“ verbiegt das „stärkste Argument gegen die Mistelanwendung“.

Sie auch:

Misteltherapie gegen Krebs wirksam?

Weshalb stellt „Blick“ die Misteltherapie derart verzerrt dar?

Zu vermuten ist, dass sich die Zeitung einseitig auf die Angaben der Mistel-Propagandisten stützt. Ausserdem schreibt „Blick“ wohl einfach, was die Leserinnen und Leser gerne hören. Heilungsversprechungen kommen immer gut an. Sie lindern die Angst vor Krebs.

Wer Heilungsversprechungen in Frage stellt, hat da zum vorneherein einen schwereren Stand.

Quelle der „Blick“-Zitate:

http://www.blick.ch/life/ratgeber/das-muessen-sie-ueber-die-therapie-wissen-186039

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

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Mistel-Therapie gegen Krebs – wirksam?

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Die Krebsbehandlung mit Mistelpräparaten ist beliebt. Fachleute sind allerdings skeptisch: Die Wirksamkeit der Misteltherapie ist nicht belegt.

Den Anstoß zur Therapie von Krebserkrankungen mit Mistelpräparaten gab der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, im Jahr 1916.

1917 entwickelte die Ärztin Ita Wegman das erste Mistelpräparat – seitdem hat sich die Mistelbehandlung zur häufigsten alternativen Krebsbehandlungsmethode im deutschsprachigen Raum entwickelt.

In der Schweiz liegen dem Bundesamt für Gesundheit zurzeit Gesuche von fünf Methoden der Komplementärmedizin vor, in denen es um deren Aufnahme in die Grundversicherung der Krankenkassen geht.

Laut Krankenversicherungsgesetz müssen die Methoden wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein, um in die Grundversicherung aufgenommen zu werden (WZW-Kritierien).

Für die Anthroposophische Medizin ist dabei die Misteltherapie zentral, weil zu dieser viele Studien vorliegen, die nach Ansicht der Anthroposophen die Wirksamkeit belegen. Die Vertreterinnen und Vertreter der Anthroposophischen Medizin sind jedenfalls überzeugt, dass ihr Gesuch die  WZW-Kriterien belegt. So schreibt zum Beispiel Danielle Lemann, Fachärztin FMH für Allgemeine und Anthroposophische Medizin, in einem Leserbrief im Tages-Anzeiger vom 13. 10. 2010:

„Der neue Antrag ans Bundesamt für Gesundheit (BAG) enthält einen fundierten Wirksamkeitsnachweis, selbst der von den Schulmedizinern geforderte Doppelblindversuch ist gebührlich berücksichtigt.“

Das scheint mir Wunschdenken zu sein. Bezüglich der Misteltherapie jedenfalls fällt die Bewertung durch Fachleute nicht so eindeutig aus.

Aus Studien lassen sich Hinweise darauf finden, wonach Misteltherapie das Immunsystem stärken und die Lebensqualität verbessern kann.

„In der Regel wird dem Patienten während oder nach einer konventionellen Krebstherapie täglich ein Mistelpräparat unter die Haut gespritzt. Dabei finden Mistelpräparate unterschiedlicher Wirtsbäume Verwendung“(1), erklärt Gunver Kienle, Ärztin am Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie (IFAEMM) in Freiburg.

„Die Behandlung kann über einige Wochen, aber auch über Jahre erfolgen – häufig mit dem Ziel, den Organismus und das Immunsystem zu stärken und möglicherweise auch das Tumorwachstum zu reduzieren.“(1)

Paradoxerweise gehört die Mistelbehandlung zwar zu den am besten erforschten Behandlungsansätzen der Komplementärmedizin, eine eindeutige Aussage über ihre Wirksamkeit lässt sich aber bis heute nicht treffen. „Nach streng wissenschaftlichen Kriterien, die man auch bei der Überprüfung neuer Medikamente anlegen würde, lässt sich bisher keine verlässliche Wirkung auf das Tumorwachstum oder die Überlebenszeit bei Krebspatienten nachweisen“(1), stellt Markus Horneber fest, Leiter der Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie am Klinikum Nürnberg.

Gemeinsam mit Forschern aus Berlin, Freiburg und München hat der Mediziner im Jahr 2008 Studien zur Misteltherapie aus den letzten 30 Jahren analysiert. Gerade einmal 21 zuverlässige Untersuchungen spürten die Wissenschaftler auf. Sie deuten allerdings auf eine Verbesserung der Lebensqualität und eine generell gute Verträglichkeit der Mistelbehandlung hin.

„Insgesamt ist es schwierig, eine Gesamtaussage über die Wirksamkeit von Mistelextrakten zu treffen, denn die Studien zu diesem Thema unterscheiden sich stark in ihrer Methodik, den verwendeten Mistelextrakten und der Art der Anwendung“(1), erläutert Horneber. „Allerdings zeigen vielfache ärztliche Erfahrungen, dass Mistelextrakte durchaus Wirkungen haben, zum Beispiel auf das Immunsystem.“(1)

Dies zeigten auch die Untersuchungen von Gunver Kienle, die sich seit 1994 wissenschaftlich mit der Mistelbehandlung beschäftigt. „Aus tierexperimentellen Studien wissen wir, dass Mistelextrakte Immunprozesse stimulieren, was eine Relevanz für die Tumorabwehr hat“, berichtet Kienle. „Weiterhin wurde auch ein direkter hemmender Einfluss auf das Wachstum von Krebszellen dokumentiert.“(1)

Für eine längere Überlebenszeit von Krebspatienten oder eine Rückbildung von Tumoren hat aber auch Kienle keine definitiven Belege gefunden. „Allerdings zeigt sich in vielen Studien, dass die Therapie die Lebensqualität der Patienten verbessern kann: Sie fühlen sich kräftiger und weniger müde, haben weniger Infekte und berichten über weniger Übelkeit, Angst und niedergeschlagene Stimmung“(1), sagt die Forscherin.

In einigen Studien haben Wissenschaftler die Mistelextrakte auch direkt in oder um den Tumor gespritzt und dabei offenbar eine Verkleinerung beobachtet. „Allerdings sind Mistelpräparate für diese Applikation nicht zugelassen, so dass sie nur in sorgfältig kontrollierten Untersuchungen eingesetzt werden sollten“, erklärt Kienle. „Um die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Anwendung zu überprüfen, sind wesentlich mehr Untersuchungen notwendig.“(1)

In einem Interview äusserte sich kürzlich auch Dr. med. Jutta Hübner zur Misteltherapie. Sie leitet die Palliativmedizin, die komplementäre und supportive Onkologie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Auf die Frage, was sie von der umstrittenen Misteltherapie halte, antwortet die Expertin:

„Ich empfehle sie nicht, weil mir die im Moment vorhandenen Daten nicht ausreichen. Möchte eine Patientin gerne Mistel nehmen, kann ich sie über die derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse informieren. In einigen Fällen, wie zum Beispiel bei Leukämien und Lymphomen, sollte eine Misteltherapie nicht angewendet werden. Bei Patientinnen, die nach einer Chemotherapie dann einen Versuch mit einer Misteltherapie machen möchten, um ihre Lebensqualität zu verbessern, spricht meist nichts dagegen.“ (2)

In der Zeitschrift „Der Hausarzt“ schreibt Dr. med. Berthold Musselmann,

Facharzt für Allgemeinmedizn mit Ausbildung in Naturheilverfahren:

„ Der subkutane, seltener der intravenöse Einsatz bei Krebs als komplementäre und palliative Therapie wirkt leistungssteigernd, stimmungsverbessernd und immunstimulierend.  Eine Lebensverlängerung bei Krebserkrankungen durch Mistel konnte in Studien allerdings nicht nachgewiesen werden.“ (3)

Die Cochrane Collaboration erstellt systematische Übersichtsarbeiten (systematic reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien.

Zur Misteltherapie existiert ein Cochrane Database of Systematic Reviews 2008:

„Studien zeigen verbesserte Lebensqualität bei Brustkrebspatientinnen während der Chemotherapie durch standardisierte Mistelextrakttherapie. Diese Daten müssen bestätigt werden!” (4)

Selbst die Verbesserung der Lebensqualität ist also noch ungenügend gesichert.

Und hier die Zusammenfassung einer neueren Cochrane Übersichtsstudie von 2010 aus der Österreichischen Apothekerzeitung:

„Ein Cochrane Review (Horneber M, 2010) analysierte Studien zu Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Mistelpräparaten bei Krebspatienten. Die betrachteten Endpunkte der eingeschlossenen Studien (21; 3484 Patienten) waren u.a. Gesamtüberleben, Tumoransprechen, Lebensqualität und diverse psychologische Outcome-Parameter. Die Autoren schlussfolgern, dass die vorliegende Evidenz schwach ist, um die Annahme zu unterstützen, dass Mistelextrakte einen Einfluss auf die Gesamtüberlebenszeit haben, die Fähigkeit, den Krebs zu bekämpfen, erhöhen und die Verträglichkeit konventioneller Krebstherapien verbessern. Es gibt Evidenz zu einem positiven Einfluss standardisierter Mistelpräparate auf die Lebensqualität von Patientinnen mit Mammakarzinom und Chemotherapie. Die meisten Studien hatten jedoch methodische Schwachstellen, die laut amerikanischem National Cancer Institute (NCI), Zweifel an der Richtigkeit und Verallgemeinerbarkeit aufkommen lassen: geringe Patientenzahlen, hohe Therapieabbruch-Raten, inadäquate Kontrollgruppen und Randomisierung, Unklarheiten zur Dosierung und Anwendungsart sowie häufige Subgruppenanalysen. Aufgrund der vorliegenden Evidenz empfiehlt das NCI die Anwendung von Mistelpräparaten nur im Rahmen kontrollierter klinischer Studien (NCI PDQ Mistletoe extracts).“ (5)

Quellenangaben:

(1) http://www.welt.de/gesundheit/article10529435/Misteln-gegen-Krebs-Humbug-oder-Heilsbringer.html

(2) http://www.apotheken-umschau.de/Brustkrebs/Brustkrebs-Was-kann-ich-selbst-tun-77401.html

(3) Der Hausarzt, 2010/14:  31-36, http://www.springermedizin.de/abc-der-klassischen-phytotherapie/275054.html

(4) Quelle: http://www.tumorzentrum.uk-erlangen.de/e1846/e3928/e4113/inhalt4749/Sinnvolletherapiebegleitende_20100707.pdf

(5) Quelle: http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-25.pdf,  Österreichische Apothekerzeitung 25 / 2010,   Autor:   Mag. pharm. Gunar Stemer

Kommentar & Ergänzung:

Rudolf Steiner prophezeite, dass die Mistel das Messer des Chirurgen einst ersetzen würde. Schaut man sich die Bewertungen der Studienlage durch die zitierten Fachleute an, scheint dieser Anspruch doch sehr überzogen. Und es handelt sich dabei nicht um Experten, die der Komplementärmedizin feindlich gesinnt sind. Das IFAEMM in Freiburg, an dem Gunver Kienle arbeitet, ist gar ein anthroposophisches Institut.

Für den Entscheid, ob man als Tumorpatientin oder Tumorpatient eine Misteltherapie nutzen will oder nicht, scheint mir die Kenntnis dieser Bewertungen wichtig.

Kennen sollte man mögliche Stärken bezüglich Verbesserung der Lebensqualität, aber auch die deutliche Schwäche wenn es um den Nachweis einer  Verlängerung der Lebenszeit geht. Informiert werden sollten Krebspatienten auch über die von Jutta Hübner, erwähnte Einschränkung, dass Mistelpräparate bei einigen Tumorarten wie zum Beispiel Leukämien und Lymphomen nicht angewendet werden sollten.

Wichtig zu wissen ist auch: Wenn Gunver Kienle von einem dokumentierten, direkten hemmenden Einfluss der Mistel auf das Wachstum von Krebszellen spricht, dann handelt es sich dabei um Laborexperimente an isoliertem Gewebe. Ob ein solcher Effekt auch im krebskranken Menschen stattfindet, ist damit keineswegs klar. Im Labor lassen sich sehr oft Wirkungen beobachten, die im lebenden Organismus nicht zu erzielen sind.

Dass Krebspatienten jede mögliche Therapieoption prüfen, ist sehr gut verständlich. Eine Stärke der Misteltherapie scheint mir darin zu liegen, dass sie ein Gefühl der Unterstützung vermittelt. Chemotherapien sind sehr einschneidend, aggressiv und von vielfältigen Nebenwirkungen begleitet. Sie als positive, hilfreiche Heilmittel zu erleben, dürfte dadurch vielen Betroffenen nicht leicht fallen. Die Misteltherapie bietet hier ein ganz anderes Konzept. Hier wird ein Mittel angeboten, das als gut verträglicher, unterstützender Helfer erlebt werden kann. Dass dieser zusätzliche positive Support wertvoll für Krebspatienten sein kann, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Die Misteltherapie wird von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt, auch wenn dafür eine gesetzliche Grundlage nicht ersichtlich ist und der Wirksamkeitsnachweis nie erbracht wurde. Präparate der Anthroposophischen Medizin sind genauso wie Präparate der Homöopathie vom Wirksamkeitsnachweis pauschal befreit.

Ob Heilmittel der Komplementärmedizin aus der Grundversicherung bezahlt werden oder nicht, ist ein Entscheid, der unabhängig bleibt vom jetzt bevorstehenden BAG-Entscheid, welche Komplementärmedizin-Methoden von der Grundversicherung bezahlt werden sollen.

Hoch problematisch ist meines Erachtens, dass die Anthroposophische Medizin regelmäßig „Präkanzerosen“ (= Vorstadium eines Krebses) als Ergebnis eines “Blutkristallisationstests” diagnostiziert, von dem völlig ungeklärt ist, ob er überhaupt etwas relevantes aussagt. Konkret besteht hier ein Risiko, dass nicht existierende Krebskrankheiten „entdeckt“ werden. Als Folge dieser angsterzeugenden Diagnose wird den Patienten in der Regel und rein vorsorglich zu Mistelinjektionen geraten. Mit den dabei meisteingesetzten Mistel-Präparaten “Iscador” (Weleda) und “Iscucin” (Wala), werden Millionenumsätze erzielt. Es besteht hier die Gefahr, dass Menschen durch die Anthroposophische Medizin medikalisiert werden: Es wird ihnen ein (real nicht vorliegender) Krankheitsbefund unterschoben, der anschliessend therapiert wird.

Wer sich für eine Misteltherapie interessiert, sollte meines Erachtens auch wissen, dass die Anthroposophische Medizin Krebserkrankungen mit Deutungen belegt, die durchaus fragwürdig sind.

Rudolf Steiner sprach nach Aussagen von Johannes Hoffmann, dem früheren ärztlichen Leiter der „Lukas Klinik zur Behandlung Geschwulstkranker auf anthroposophischer Erkenntnisbasis“, in den späteren Jahren vom Krebs immer als von einer ahrimanischen Erkrankung. Und die Mistel „mit ihrer Fähigkeit, Entzündungen hervorzurufen, hat mindestens ebenso viele luziferische wie ahrimanische Anteile, wenn man das überhaupt so formulieren will.“

(Quelle: http://www.windstosser.ch/museum/manuskript/allgem_u_historisch/6_1.pdf).

Ahriman (6) und Luzifer sind zwei anthroposophische Widersachermächte.

Rudolf Steiner in einem Vortrag zum Thema Ahriman und Karzinombildung:

„Denn nehmen Sie einmal an, es gelingt den ahrimanischen Mächten, im menschlichen

physischen Körper einen Sieg zu erringen über die luziferischen Mächte, über diejenigen Mächte, die den Menschen ganz durchsetzen wollen mit dem, was nur an der Oberfläche in den Sinnen sein soll, dann verfällt der Mensch durch diesen Sieg der ahrimanischen Mächte in solche Erkrankungen, wie Geschwulstbildungen, Karzinombildungen oder Stoffwechselkrankheiten, wie Diabetes, Zuckerkrankheit.

Wenn irgendwo in einer physichen Menschennatur diese Krankheiten auftreten, dann hat Ahriman gegen Luzifer einen Sieg errungen, der aber damit verknüpft ist, dass die physische Natur des Menschen zeitweilig ruiniert ist. Dann taugt diese physische Natur dem Ahriman nicht dazu, die Instinkte, Triebe herauszureissen und sein eigenes Geschlecht daraus zu bilden. Daraus bekommen Sie eine vielleicht paradoxe, aber richtige Ansicht von der Krankheit. Sie ist in vielen Fällen das einzige Mittel der guten Mächte, den Menschen vor den Fängen von Ahriman zu retten.“

(GA 218, Vortrag 16. 11. 1922))

Es steht jedem Menschen frei, solche Geistergeschichten zu glauben, doch wäre es meines Erachtens aus Gründen der Transparenz wünschenswert, wenn die Anthroposophische Medizin die Voraussetzungen, von denen aus sie operiert, offen legen würde. Das gilt auch für einen zweiten zentralen Glaubenssatz der Anthroposophischen Medizin, der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben verursacht werden. Diese Aspekte der Anthroposophischen Medizin müssten in der Öffentlichkeit diskutiert werden, wenn es um die Frage geht, ob dieser Ansatz von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll.

Weiter Info:

Abstimmung Komplementärmedizin – kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Fragen zur anthroposophischen Medizin

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

(6) Die Anthroposophie sieht in Ahriman ein Wesen, das in schädlicher Überspitzung des materialistisch-technischen Verstandes den Gegenpol zum rauschhaft schwelgenden, weltflüchtigen Luzifer bildet. Der Mensch müsse in sich mit Christi Hilfe die Mitte zwischen den beiden Wesen und deren Qualitäten halten.

Ahriman sei ein Geist, begabt mit einer die menschliche Fassungskraft übersteigenden, durchdringenden aber kalten Intelligenz, die er jedoch begierig in sich verschließe. Im Gegensatz zu Luzifer erscheine er daher als der Geist der Finsternis und der Widermächte, welcher der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt verdunkeln und versperren möchte, um ihr Bewusstsein immer mehr an die physische Leiblichkeit zu ketten und einzuschränken.

(Quelle: Wikipedia)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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