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Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung

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Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Von Martin Koradi

Die politische Denkerin Hannah Arendt (1906 – 1975) kritisiert das Verschwinden der politischen Sphäre, das die Menschen als vereinzelte Individuen zurücklässt und das Aufkommen totalitärer Herrschaft ermöglicht.

Den öffentlichen Raum, in dem sich Menschen handelnd aufeinander beziehen, bezeichnet Arendt als kostbarstes Gut, das Menschen überhaupt besitzen.

Das Verschwinden des öffentlichen Raumes habe die Bürger ohnmächtig werden lassen und zu ihrer – im wörtlichen Sinne – Verantwortungslosigkeit und Vereinsamung beigetragen.

Als „politisch“ versteht Hannah Arendt das Netz von willentlichen und kontingenten (= zufälligen) Bezügen von Menschen aufeinander, die beim Handeln entstehen und auf etwas gemeinsames Drittes orientiert sind.

Politisch sind alle Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen – ob bewusst oder zufällig – um ihrer verschiedenen und gemeinsamen Interessen an einem Gemeinwesen willen, das ihr eigenes Leben überdauert.

Nicht politisch sind alle Beziehungen, die sie um ihrer legitimen privaten Interessen willen eingehen.

Die am Gemeinwesen orientierten Beziehungen nennt Hannah Arendt die politische Macht der Gesellschaft.

Antonia Grunenberg schreibt in ihrer Einführung ins Denken von Hannah Arendt:

„Politisches Handeln ist nur möglich in einem öffentlichen Raum. Dieser begründet die gemeinsame Mit-Welt, in der Menschen handelnd einander begegnen. Die Bürger haben sich darum zu sorgen, wie jene öffentliche Sphäre gestiftet und geschützt werden kann, in der öffentliches Denken und Handeln stattfindet…….Das Gemeinwesen ist für sie…..ein unabschliessbarer Prozess des Handelns in einem immer wieder neu zu bestimmender Raum. Die sorge der Bürger entsteht aus einem gemeinsamen Interesse an der Welt, der sie angehören und die ihnen immer wieder neues Leben schenkt.

Arendt hält die Erneuerung des öffentlichen Raums – der gemeinsamen Welt – für die einzige Möglichkeit, den (selbst)zerstörerischen Potenzen innerhalb der Moderne zu wehren. Sich dem Bösen in der Welt entgegenzustellen – das ist die Konsequenz aus dem Faktum der totalen Herrschaft-, ist nur möglich, wenn Menschen ihre Mit-Welt bewohnbar machen und diese Bewohnbarkeit ständig erneuern. Dies kann allerdings nur in dem Masse gelingen, wie sich Bürger darauf verständigen, dass der Zweck ihres Handelns die Stiftung der Freiheit ist.“

Das Denken Hanna Arendts ist geprägt von der Totalitarismus-Erfahrung im und mit dem Nationalsozialismus. Arendt setzt sich unter anderem mit den Ursachen auseinander, die diesem Desaster den Weg bereitet haben.

Da die liberalen, demokratischen Gesellschaften seit einigen Jahren wieder besorgnisserregend durch autoritäre Tendenzen unter Druck stehen, sind die Einsichten Hannah Arendts brandaktuell. Die folgenden Zeilen stellen solche Einsichten vor und ich würde mich freuen, wenn Sie sich als Leserin oder Leser damit aufmerksam befassen.

Der Mensch hat den Rückbezug auf einen einzigen, umfassenden und solchermassen objektiv verbürgten Sinnzusammenhang verloren. Angesichts dieser Situation der Bodenlosigkeit weist Hannah Arendt auf Zwischenböden hin, die uns davon abhalten, nach ideologischen Ersatzböden Ausschau zu halten. Zwischenböden lassen sich gewinnen, wenn wir unsere eigene sinnhafte Welt konstruieren. Zentral als sinnstiftende Tätigkeit ist für Arendt das Handeln. Sie unterscheidet dazu zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln.

 

Zum Unterschied von Arbeiten, Herstellen und Handeln

☛ Arbeiten ist eine Tätigkeit, die der biologische Rhythmus des menschlichen Körpers selbst verlangt: Das Leben muss erneuert, erhalten und genährt werden. Arbeit dient dazu, die ständige Sorge um den Körper und um die Umgebung, in der sich der Körper befindet, aufrechtzuerhalten. Zur Kategorie der Arbeit gehört die Beschaffung der täglichen Nahrung, das Sauberhalten und Pflegen des Körpers und des vom Menschen bewohnten Raumes, die Sorge um die uns alltäglich umgebenden Dinge und um die Welt der Gegenstände, welche die Menschen brauchen und die dem Verschleiss ausgesetzt sind. Arbeitstätigkeiten sind in einen immer währenden natürlichen Prozess eingebunden. Dieser einfache Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur erschafft keine beständige Dingwelt, sondern mündet in eine Kreislauf von Produktion und Verzehr.

 

☛ Herstellen umfasst diejenige Tätigkeit, in welcher der Mensch eine zweite Natur von Dingen schafft: Gebäude, Strukturen, Denkmale, Bücher etc. Durch das Herstellen entsteht eine Welt mehr oder weniger dauerhafter, künstlicher, der Natur widerstrebender Dinge, in welcher sich das menschliche Leben einrichtet. Das Herstellen setzt der natürlichen Vergänglichkeit des Menschen Bestand und Dauer entgegen. Die Güter des Herstellens besitzen eine bescheidene Eigenständigkeit, die sie befähigt, die wechselnden Launen ihres Besitzers für einen recht beträchtlichen Zeitraum zu überdauern. Damit entsteht eine künstliche Welt von Dingen, die der Welt bis zu einem gewissen Grad widerstehen und die von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Grundbedingung des Herstellens ist die Weltlichkeit des Menschen und sein Angewiesensein auf Gegenstände. Herstellen schafft aber noch keine Sinnzusammenhänge.

 

☛ Handeln dagegen ist ein Heilmittel gegen die Sinnlosigkeit der Moderne. Es sind v.a. drei Merkmale, die Arendt für das Handeln beschreibt:

  1. Natalität

Das heisst die Fähigkeit zur Spontanität, etwas aus sich heraus und kreativ tun zu können. Basis dieser Fähigkeit ist die Natalität (Gebürtlichkeit) des Menschen. Da wir alle durch Geburt als Neuankömmlinge und als Neu-AnfängerInnen auf eine Welt kommen, die unserer Existenz vorausgeht, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen. Arendt schreibt in „Vita   activa“:   „Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ Zu handeln heisst für Arendt demnach „selbst einen neuen Anfang machen.“

Mit dem Begriff „Natalität“ schuf Arendt eine Metapher für den Anfang. Natalität bedeutet eine Art „zweite Geburt“. Gemeint ist jener Aspekt des Handelns, durch den wir uns selbst in die Welt einschalten. Diese „zweite Geburt“ geschieht nicht durch die blosse Tatsache des Geborenwerdens, sondern durch Einführung von Worten und Taten. Arendt nennt diese Einführung „das Prinzip des Anfangs“. Der einzelne Mensch könne es so wenig umgehen wie die „Tatsache des Geborenwerdens“. Ein Kind wird zum Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, indem es lernt, Sprache und Handlung einzuführen, wodurch jeweils „etwas Neues anfängt“. Diese „Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Nur im Sprechen und Handeln tritt Schritt um Schritt die Originalität einer Person zutage. In diesen Tätigkeiten unterscheiden sich die Menschen via Aktivität voneinander. Dies ist etwas völlig anderes als eine blosse Verschiedenartigkeit aufgrund unterschiedlicher genetischer Ausstattung. Zu den Eigentümlichkeiten, mit denen ein Mensch bei seiner Geburt ausgestattet ist, trägt der solchermassen ausgestattete nichts bei. Dagegen bildet sich, was das Handeln und Sprechen betrifft, die Einzigartigkeit einer Person im Vollzug dieser Tätigkeiten selbst aus:

„Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt […] Im Unterschied zu dem, was einer ist, im Unterschied zu den Eigenschaften, Gaben, Talenten, Defekten, die wir besitzen und daher soweit zum mindesten in der Hand und unter Kontrolle haben, dass es uns freisteht, sie zu zeigen oder zu verbergen, ist das eigentlich personale Wer jemand jeweilig ist, unserer Kontrolle darum entzogen, weil es sich unwillkürlich in allem mitoffenbart, das wir sagen oder tun.“ (aus: Vita activa)

  1. Pluralität

Arendt betrachtet das Handeln im Gegensatz zum Arbeiten und Herstellen als einzige Tätigkeit, die generell auf die Anwesenheit der anderen angewiesen ist. Handeln spielt sich ohne Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen ab. Es basiert daher auf der Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Diese Pluralität bedeutet, „dass alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.“

Pluralität bringt also sowohl Gleichartigkeit als auch Verschiedenheit mit sich. Wären Menschen nicht gleich, so könnten sie einander nicht verstehen; wären sie nicht verschiedenartig, so bräuchten sie weder das Sprechen noch das Handeln, um sich voneinander zu unterscheiden. Sprechend und Handelnd unterscheiden sich Menschen voreinander; sie werden zu Urhebern von „Worten und Taten“. Die Menschen „erscheinen“ sich oder offenbaren sich einander durch Worte und Taten.

Sprechen und Handeln geschieht zwischen Menschen, und „fast alles Handeln und Reden betrifft diesen Zwischenraum.“ Dieses Zwischen schliesst zwar die Welt der Dinge ein, hat aber auch eine ungreifbare Dimension: Handeln und Sprechen sind Vorgänge, die von sich aus keine greifbaren Resultate und Endprodukte hinterlassen. Doch dieses Zwischen ist in seiner Ungreifbarkeit nicht weniger wirklich als die Welt der Dinge in unserer sichtbaren Umgebung. Arendt nennt diese Wirklichkeit der Zwischenwelt „das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“. Es sind die Verknüpfungen, Netzwerke und Zusammenhänge menschlicher Beziehungen, die wie unsichtbare, hauchdünne, gesponnene Fäden den „Horizont“ menschlicher Angelegenheiten ausmachen. Dabei spielt der Ausdruck „Horizont“ auf die allgegenwärtigen, aber niemals ganz durchsichtigen Voraussetzungen, Zusammenhänge und Vernetzungen an, die wir immer auch für selbstverständlich halten müssen als In-der-Welt-Seiende. Der Horizont ist immer vorhanden und weicht bis ins Unendliche zurück. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit an einem beliebigen Moment nur auf irgendeinen Aspekt dieses Horizontes, irgendeinen Ausschnitt daraus, und dieser Teil wird uns dann gegenwärtig und erschliesst sich uns. Jeder Mensch findet bei seiner Geburt einen solchen Horizont und ein „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ schon vor als den stets schon gegebenen Hintergrund, vor dem sich sein Leben entfaltet.

„Da Menschen nicht von Ungefähr in die Welt geworfen, sondern von Menschen in eine schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern [….] Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar.[…..] Kein Mensch kann sein Leben ‚gestalten’ oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete.“ (aus: Vita activa, S. 174)

Zur menschlichen Realität gehören also die Handlungseinschüsse der vielen Einzelnen in ein vorbestehendes Gewebe und „weil dieses Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war [….] kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten, in Reinheit verwirklichen.“ (Vita activa, S. 174)

Weil das Handeln immer in ein Netz einander widersprechender Ziele und Absichten hineinhandelt, kann eine Tat niemals wirklich der Erwartung des Täters voll entsprechen, so wie etwa das hergestellte Ding den Erwartungen des herstellenden Handwerkers entsprechen kann. Diese Unabsehbarkeit ergibt sich aus der Pluralität und sie ist der Preis für die Freude, nicht allein zu sein.

Auch wenn wir alle Handelnde sind, ist niemand von uns Autor oder Verfasser seiner oder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Vorstrukturierung durch das Bezugsgefüge menschlicher Angelegenheiten führt bei Arendt allerdings nicht in den Determinismus, in die totale Vorbestimmtheit. Denn wie jeder Sprechende die Fähigkeit besitzt, eine unbegrenzte Anzahl grammatisch korrekter Sätze zu bilden, besitzt der Mensch als Handelnder die Fähigkeit, jederzeit das Unvorhersehbare und Unwahrscheinliche in Gang zu bringen, das genauso zum Repertoire menschlichen Handelns und menschlichen Verhaltens gehört.

  1. Narrativität (von lat. narratio = Erzählung)

Die Narrativität besteht darin, dass das Handeln mit der gleichen Selbstverständlichkeit Geschichten hervorbringt, mit der das Herstellen Dinge und Gegenstände erzeugt. Geschichten und Erzählungen entstehen aus dem Handeln, weil dieses Eingebunden ist in ein Netz von Interpretationen. Unsere Handlungen stehen durchwegs den Deutungen und Fehldeutungen anderer offen. Handlungen werden von ihren AkteurInnen, von den Zuschauenden und auch von denjenigen, welche die Handlungsfolgen erleiden, durch verschiedene narrative Berichte bestimmt. In unserer eigenen Lebensgeschichte spielen wir zwar fraglos die Hauptrolle, sind aber keineswegs durchgängig deren AutorIn:

„Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen ‚Produkte’ des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser ‚Produkte’ dem geschuldet ist, dass handelnd und sprechend die Menschen sich als Personen enthüllen […..] mangelt der Geschichte selbst gleichsam ihr Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen.“

(Vita activa, S. 175)

Vollständig erzählen lässt sich die Lebensgeschichte erst von ihrem Ende, vom Tod her.

Im Handeln und Sprechen zeigt sich nach Arendt, Wer-einer-ist. Dabei unterscheidet sich ihr narratives Handlungsmodell von essentialistischen Handlungsmodellen (von lat. essentia = Wesen). Ein essentialistisches Handlungsmodell setzt ein vorgängiges „Wesen“ voraus, das sich im Handeln manifestiert. Es geht im essentialistischen Modell also um eine Enthüllung dessen, wer einer ist, um ein Manifestwerden des Inneren (wie es bspw. von der Physiognomie postuliert wird). Das Handeln wird zum Entdeckungsprozess, in dem das vorgängige „Wesen“ –   nämlich “Wer man ist“ – sich offenbart. Dass sich allerdings ein vorgängiges „Wesen“ fassen lässt, wird in der gegenwärtigen Philosophie stark in Frage gestellt. Dagegen ist Handeln im narrativen Modell charakterisiert durch das „Erzählen einer Geschichte“ und „das Weben eines Gewebes aus Geschichten“. Das „Wer-man-ist“ entsteht hier im Prozess des Tuns und beim Erzählen der Geschichte. Handeln ist ein Prozess des Erfindens und damit konstruktivistisch.

 

Handeln will geübt sein

Beim Sehen ist es so, dass aus dem Besitz des Sehens der Gebrauch des Sehens folgt. Beim Handeln ist es genau umgekehrt: Der Gebrauch geht dem Besitz voraus, d.h. aus der Handlung, dem Tätigkeitsvollzug, entwickelt sich die Tüchtigkeit. Im Gang des Praktizierens selbst wird in erster Linie eine gelingende Praxis erlernt. Nur über das Einüben im Tun wird der Besitz der Tüchtigkeit im entsprechenden Tun erworben. Schon Aristoteles (384-322 v.u.Z.) hat darauf hingewiesen, dass die Qualitäten, die unser Tätigsein charakterisieren, sich erst im Verlaufe des Tätigsein selbst bilden.

Arendt wendet sich entschieden gegen die Trennung von Wissen und Tun und dem damit verbundenen Handlungsverständnis, wonach menschliches Handeln verkürzt wird zur blossen Ausführung von Wissen. Handeln ist nicht das Vollstrecken theoretischen Wissens. Im Handeln bildet sich das Wissen um das Tun erst im Tätigkeitsverlauf selbst.

So hält Arendt auch Denken und Erfahrung für eine untrennbare Einheit. Das Denken braucht die konkrete Erfahrung des Handelns, aber das Handeln ist ohne die kritische Funktion des Denkens von seiner Sinnhaftigkeit abgeschnitten.

 

Handeln als „Heilmittel“ gegen moderne Sinnlosigkeit 

Arendt sieht die Moderne nicht durch Selbstentfremdung, sondern durch Weltentfremdung gekennzeichnet. Sie charakterisiert moderne Menschen als im Grunde weltlose und verlassene Menschen. Sie beobachtet eine Verflüchtigung des Zwischen und beschreibt dies als Ausbreitung der Wüste. Wirklichkeit zerrinnt uns, wenn wir sie nicht mit anderen Menschen erfahren und sie danach nicht zusammen besprechen, uns über die Bedeutung, die sie für unser Leben hat, verständigen. Weltlosigkeit entsteht, wenn wir uns nicht an dem gemeinsamen Unternehmen beteiligen, eine heimatgebende Welt zu etablieren. Die Weltlosigkeit kann in der Moderne zu den verheerendsten Verwüstungen führen und nach Arendt besteht die gegenwärtige Gefahr drin, dass wir anfangen, uns in der Wüste einzurichten. Arendt warnt uns vor der Versuchung, unser Dasein als Wüstenexistenz anzunehmen. Daraus ergeben sich auch Fragen an den Psycho-Boom in den fortgeschrittenen Industrieländern. Arendt schreibt: “sofern die Psychologie Menschen zu ‚helfen’ versucht, hilft sie ihnen, sich der Wüstenexistenz ‚anzupassen’.“ Diese Art von Psychologie sieht nicht so sehr die Wüste und ihre Ausbreitung als Problem, sondern thematisiert die psychischen Widerstände, die es dem Einzelnen verwehren, sich umstandslos in die Verwüstung einzufügen (für den „Eso-Boom“, welcher den „Psycho-Boom“ gegenwärtig deutlich überflügelt, gilt das genauso).

Arendt warnt auch eindringlich davor, sich den Verhältnissen der Wüste anzupassen. Menschen als weltbegabte Wesen können ihre Qualitäten nicht leben, wenn sie nicht gemeinsam dafür Sorge tragen, untereinander intakte Weltbezüge einzugehen. Dabei geht es um die Pflege des Zwischenraumes im Handeln. Das Handeln kann sich allerdings erst durch den Verzicht auf den Rückzug ins Private entfalten, und dadurch einem Verlust des Gemeinsinnes entgegenwirken, der die Sinne des Menschen in ein objektiv Gemeinsames (Wirkliches) einfügt (Sinn macht). Den Verlust des Gemeinsinns sieht Arendt begleitet von Anfälligkeit für Leichtgläubigkeit und Ideologie, kurz von Realitätsverlust. Weltentfremdung, Weltverlust und Realitätsverlust entstehen aus einem neuzeitlichen Misstrauen in die Wirklichkeit der Sinneswahrnehmung und die dieses begleitende Wendung nach innen in den Subjektivismus.

Arendt fordert daher die Anerkennung von Tatsachenwahrheiten, weil sie uns Weltkontinuität, Verlässlichkeit und Orientierung in der Welt ermöglichen. Es sind für Arendt die Handlungen und Tatsachen, über die wir Geschichten erzählen, und es sind die erzählten Geschichten, in denen sich unsere Welt in ihrer Zusammenhang stiftenden Verlässlichkeit präsentiert.

Neben dem Verzicht auf den Rückzug ins Private – Handeln spielt sich für Arendt in der Öffentlichkeit ab – braucht das Handeln gleiche Menschen, d.h. Menschen, die sich von Herrschen oder Beherrschtwerden befreit haben.

 

Handelnd können wir in der Welt Stand nehmen

Unsere fortgeschrittene Art und Weise der Naturbeherrschung gewöhnt moderne Menschen daran, allenfalls gegenüber der Welt Stand zu nehmen. Ein Standnehmen in der Welt ist uns weitgehend fremd geworden und passt zudem schlecht zur wissenschaftlichen Methode. Descartes (1596-1650) suchte keinen Stand in der Welt, die ihm dadurch zur Heimat hätte werden können, sondern eine Stand gegenüber der Welt, von dem aus er sich ihrer bemächtigen konnte. Allerdings bleibt uns die Welt sehr fremd, wenn wir nicht handelnd und sprechend in ihr tätig sind und wenn wir nicht in einer politischen Ordnung leben, in der die handelnde Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zum Alltag gehört.

 

Handeln statt Sich-Verhalten

Arendt befürchtet, dass „das Handeln immer weniger Aussicht hat, die steigende Flut des Sich-Verhaltens einzudämmen.“

Im   „Sich-Verhalten“ zeigt sich der verbreitete Konformismus, in dem die Menschen zu Kopien werden und ihre Originalität verlieren, die im Handeln und Sprechen gründet. Auch wenn unsere Tätigkeit zur zeitsparenden Erledigung verkommt und wir unser Tun unter dem Diktat der Zeitersparnis möglichst schnell hinter uns bringen wollen, verkommt es zum bedeutungslosen „Sich-Verhalten“.

 

Die Welt als Bezugsraum des Menschen

Bereits in ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus setzt sich Arendt mit der spezifisch christlichen Weltabgewandtheit auseinander. Sie fragt sich, ob es nicht möglich ist, ein innerweltliches Bezugssystem zu knüpfen, in dem sich die Menschen auch jenseits der christlichen Nächstenliebe in eine verlässliche, gemeinsame Welt einbinden: „In der Nächstenliebe lieben die Menschen einander, weil sie auf diese Weise Christus ihren Erlöser lieben; Nächstenliebe ist eine überirdische, transzendente Liebe, zwar in der Welt, aber nicht zu ihr.“

Der andere Mensch wird nicht als diejenige Person angenommen, als welche er handelnd und sprechend in seiner Einmaligkeit zutage tritt, sondern im Anderen wird das geliebt, was am Ewigen teilhat, nämlich die Gleichursprünglichkeit aus der identischen Abstammung von Gott.

Was diesen Glauben an das Einssein aus der gemeinsamen Abstammung von Adam anbelangt, so schreibt Arendt von der „Unweltlichkeit des Christentums“. Denn wenn das Gemeinsame vorrangig in der gleichen Schöpfungsabstammung aus einem Ursprung gesehen wird, ist das Verbindende eben gerade nicht die gemeinsame Welt, in welcher wir leben. Es ist nicht ein aus Tätigkeiten zwischen Menschen entstandenes Bezugsgeflecht, welches uns miteinander verbindet – weder mit den heute Lebenden noch mit jenen, die vor uns gelebt haben und die nach uns leben werden.

Für Arendt ist dagegen entscheidend, dass die Bezüge zwischen Menschen nicht von einem massgebenden Bezugspunkt ausserhalb der Welt hergeleitet werden. Arendt denkt darüber nach, wie wir uns untereinander weltliche Bedeutsamkeit gewähren können. Unser Bezugspunkt muss die Welt sein, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eine gelungene weltliche Existenz in ihrer Eigenbedeutsamkeit aus den Augen zu verlieren.

Im Verlaufe ihres politischen Schreibens setzt Arendt der Liebe in der Welt, die von der ausserweltlichen Beziehung zu Gott getragen wird, immer ausdrücklicher die Liebe zur Welt entgegen, die sie als „amor mundi“ bezeichnet.

Eine Zwei-Welten-Theorie mit einem jenseitigen Prinzip, das der diesseitigen Welt vorausgeht und sie begründet, verfehlt in Arendt’s Denken alle weltbezogenen Bedingungen menschlichen Handelns und Sprechens. Beispielsweise depotenziert (= entmächtigt) die (partielle) Wiederverzauberung das Handeln, in dem das Wesentliche sich nun in einer (pseudo)magischen Hinterwelt abspielt. Die dadurch geförderte Entpolitisierung, der Rückzug ins „innere Gärtchen“, begünstigt totalitäre Entwicklungen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hannah Arendt zahlreiche Anregungen bietet für ein gelingendes Leben in einer entzauberten Welt.

Beispielsweise:

☛ Erst das Handeln schafft Bezug zur Welt und gibt der Welt Bedeutung. Gefragt ist weltbezogenes Tätigsein.

☛ In der Welt stehen, statt ihr gegenüber.

☛ Bezugspunkte in der Welt pflegen, auch in der gemeinsamen, politischen Sphäre. Kein kompleter Rückzug ins eigene Gärtchen.

☛ Aufmerksam bleiben für gesellschaftliche Entwicklungen, Einfluss nehmen, einen Faden schlagen ins Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten.

☛ Die offene, liberale Gesellschaft verteidigen.

Literatur zu den Abschnitten über Hannah Arendt:

  • Hannah Arendt; Vita activa, oder vom tätigen Leben, Kohlhammer Stuttgart 1960
  • Karl-Heinz Breier; Hannah Arendt zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1992
  • Seyla Benhabib; Hannah Arendt, Die melancholische Denkerin der Moderne, Rotbuch Verlag Hamburg 1998
  • Antonia Grunenberg; Arendt, Herder Spektrum Meisterdenker, 2003

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist     deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

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Ein Text von Martin Koradi

Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist im Informationszeitalter zum unverzichtbaren Schlüsselgut der Medienanbieter geworden. Medien aller Art müssen sich diese Aufmerksamkeit um jeden Preis erkämpfen.

Und wie holt man sich Aufmerksamkeit? Durch Auffallen. Und wie fällt man auf?

Durch Emotionalisierung, Skandalisierung, Aufregung, Polarisierung, Kontrastierung. Provokationen, Tabubrüche.

Nun ist das Aussergewöhnliche und Aufregende aber nicht unbedingt auch das Relevante. Eine Medienlandschaft, in der Aufmerksamkeit die überlebenswichtige Währung ist, könnte daher dramatische Folgen für den Einzelnen und für die demokratische Gesellschaft haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Meinungsbildung.

Matthias Zehnder beschreibt in seinem Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ die fatalen Folgen einer Publizistik, die sich ganz dem Aufmerksamkeitsmarkt verschrieben hat.

In diesem Text stelle ich die zentralen Aussagen aus diesem infomativen Buch zusammenfassend vor. Ergänzende Kommentare von mir sind kursiv gesetzt.

Wie es zum Schlaraffenlandproblem kam

Zehnder beschreibt sehr eindrücklich und illustrativ ein „Schlaraffenlandproblem“. Dazu kommt es so:

Die Menschen sind eigentlich Jäger und Sammler. Wir sind dafür gebaut, stundenlang durch die Savanne zu streifen und nach Beeren und Antilopen Ausschau zu halten.

In einer kargen Landschaft selten auftauchende Nahrung von weitem zu entdecken und dann auch gut zu verwerten war in den Anfängen der Menschheit überlebenswichtig.

Heute ist die Situation für die meisten Menschen vollkommen anders. Wir bewegen uns minimal und stehen vor übervollen Supermarktregalen. Demensprechend essen in den Industrieländern die meisten Menschen zu viel, zu süss, zu fettig, zu salzig. Und anstelle der Herausforderung, das spärliche Angebot zu finden und daraus viel Nahrung zu machen geht es nun darum, aus dem riesigen Angebot weniges, gesundes und leckeres auszuwählen.

Es kommt nicht mehr darauf an, in einem Meer von Blättergrün eine rote Beere zu entdecken, sondern aus unzähligen Joghurtsorten eine auszuwählen.

Im der Medienwelt und im Informationsbereich lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Information so wertvoll und schwer verfügbar wie eine Antilope für den Jäger in der Steppe. Dementsprechend sind die Menschen fundamental darauf angelegt, aus wenig Information viel Wissen und Meinung zu generieren. Unsere Gehirne sind geradezu optimiert dafür, aus wenig Information viel Zusammenhang zu machen. Ein Blick ins Gesicht eines Gegenübers genügt, um über dessen Gefühlslage einigermassen Bescheid zu wissen.

Zehnder schreibt dazu:

„Die Welt war für uns Menschen einst eine leere, weisse Leinwand, auf der jeder Farbtupfer eine grosse Bedeutung hatte. Heute leben wir in einem Action-Painting von Jackson Pollock, das ein verwirrendes Geflecht von Farben und Formen zeigt.“

Von der Steppe her sind unsere Gehirne auch darauf optimiert, primär Bewegung wahrzunehmen (es könnte ein Gepard sein oder eine Antilope). Dieses priorisierte Wahrnehmen von Bewegung hat zur Folge, dass wir uns heute unwillkürlich nach jedem Bildschirm umdrehen. Auch der belanglosesten Bewegung auf einem Monitor geben unsere Gehirne eine grössere Wichtigkeit als der bedeutsamsten Buchstabenfolge auf Papier.

Die Situation hat sich also für uns auch im Informationsbereich völlig verändert. Wir sind umzingelt von einem Informationssupermarkt und haben überall jederzeit Zugriff auf Bücher, Musik, Filme, Bilder, Nachrichten und ein unermessliches Meer von Websites. Dieses Riesenangebot ist nicht nur unendlich, sondern zum grössten auch noch gratis. Zumindestens die „Fett- und Zuckerbomben“ seien kostenlos, schreibt Zehnder: „Wer sich sinnvoll ernähren will, muss zahlen. Die Folgen lassen sich an einer Hand ausrechnen: Informative Fehlernährung, Mangelbildung durch Überinformation, geistige Adipositas bei gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes. Es ist das mediale Schlaraffenlandproblem.“

Im medialen Supermarkt greifen wir gerne zu den kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen.

Zehnder stellt fest, dass ähnlich wie bei der Ernährung für das geistige Überleben ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich sind:

„Es kommt nicht mehr darauf an, etwas beschaffen zu können und es zu besitzen, es kommt darauf an, das Richtige auszuwählen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Schlaraffenlandproblem fordert die Menschen ganz neu heraus, und nicht nur jene, die konsumieren, sondern auch die, die Inhalte schaffen. Sie drohen, wie die tausendste Joghurtsorte im Supermarktregal, zur beliebigen Variante des Überflusses zu verkommen. So wie es für das körperliche Überleben entscheidend ist, in der Fülle des Angebots die richtigen Nahrungsmittel in der richtigen Dosis auszuwählen, ist es für das geistige Überleben wichtig, die richtigen Informationen auszulesen.“

Zehnder konstatiert eine verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Regalen umzugehen und beschreibt dies mit dem Ausdruck „Schlaraffenlandproblem“. Besonders schlimm an dieser Diagnose sei, dass wir nicht auf die Hilfe des Marktes hoffen können. Die Wirtschaft sei nicht daran interessiert, dass wir uns selbst beschränken, genügsam nur das konsumieren, was uns guttut, und sonst den Supermarkt der Medien links liegen lassen: „Wir müssen uns selbst aus dem Schlamassel ziehen.“

Diese fundamentalen Veränderungen werfen daher wichtig Fragen auf:

  1. Welche Auswirkungen hat die grenzenlose Verfügbarkeit von Medien auf uns? Welche Folgen hat es, wenn wir immer und überall alles und jedes hören, sehen und lesen können?
  1. Was tut uns gut im Umgang mit den Medien, und was schadet? Ist mehr besser, oder wäre vielleicht weniger mehr?
  1. Welche Konsequenzen hat die veränderte Mediensituation auf die Erziehung? Wie können wir unsere Kinder gut auf die veränderten Weltbedingungen vorbereiten? Ist das überhaupt möglich? Was ist gut für unsere Kinder?

 

Zeitungsmodelle und Aufmerksamkeit

Im medialen Schlaraffenland ist die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit sehr gross. In den letzten 100 Jahren hat sich die Zeit, die wir mit Medien verbringen, wohl mindestens verzehnfacht. Um 1900 lag der Medienkonsum nur etwa bei zehn Stunden pro Woche. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn damals waren Medien nur knapp verfügbar. Rund 100 Jahre später waren es etwa 100 Stunden pro Woche, also ganze 14 Stunden pro Tag. Stark zugenommen hat in den letzen Jahren die Zeit, die wir im Internet sind, während die Zeit, die wir mit dem Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verbringen, kontinuierlich zurück geht. Die langen Verweilzeiten im Internet hängen stark damit zusammen, dass das Handy immer dabei ist. Viele Alltagsaktivitäten sind heute medial begleitet. Die Zeit, die wir im Internet verbringen, geht dadurch nicht unbedingt auf Kosten von anderen Freizeitaktivitäten, aber auf Kosten der Konzentration darauf. Die konstante Präsenz von Handy und Internet hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer häufiger nur geteilt ist.

In dieser geteilten Aufmerksamkeit müssen Medien sich nun behaupten und an diesem Punkt kommt die Wandlung der Zeitungsmodelle ins Spiel.

Die abonnierte Zeitung setzt auf eine kontinuierliche Beziehung zum Lesenden, die über die reine Vermittlung von Nachrichten hinausgeht. Sie ist eingebettet in die Gewohnheiten des Alltags. Das verlässliche Verhältnis zwischen Zeitung und Abonnent ist verbunden mit gegenseitigen Erwartungen. Der Abonnent weiss, was er an seiner Zeitung hat und deshalb muss ihm die Zeitung das nicht jeden Morgen oder mit jedem Artikel beweisen. Es wird pauschal einmal im Jahr abgerechnet und nicht jede Leistung einzeln.

Die Boulevardzeitung funktioniert völlig anders als eine Abo-Zeitung (Boulevardzeitung in Deutschland ab 1904, in der Schweiz ab 1959 mit „Blick“).

Ihr geht es nicht um die Pflege einer Vertrauensbeziehung und nicht um Verlässlichkeit, sondern darum, innert Sekundenbruchteilen am Kiosk oder auf der Strasse potenzielle Käufer zum Kauf zu animieren. Das braucht Titel als „Knaller“ und mit grossen Buchstaben. Ausgewogene, differenzierende Titel funktionieren nicht. Das Erfolgsrezept heisst emotionalisieren, skandalisieren und personalisieren. Es geht nicht einfach um eine Nachricht, und schon gar nicht um Argumente, sondern um starke Emotionen, Menschen, Schicksale, Skandale – nur damit bewegt man Menschen zum Kauf.

Die Gratiszeitung konkurriert in der Schweiz seit Ende der 1990er Jahre die klassische Boulevardzeitung. Kostenlose Zeitungen gibt es in der Schweiz allerdings schon seit vielen Jahren. Insbesondere die Zeitungen der beiden Grossverteiler „Coopzeitung“ und „Migros Magazin“ erscheinen in Millionenauflagen.

Sie sind hauptsächlich ein Werbemittel und werden den Genossenschaftern gratis und ungefragt ins Haus geliefert. Dort werden sie gelesen oder auch nicht. Den Zwang, sich mit jeder Ausgabe Leser zu erkämpfen, kennen sie nicht.

Das ist bei den Gratis-Pendlerzeitungen anders, die sich ab Ende der 1990er-Jahre durchsetzten. Sie müssen die vorübereilenden Passanten jeden Tag mit einer Schlagzeile dazu bringen, in die Zeitungsbox zu breifen und ein Exemplar herauszunehmen. Dabei muss die Motivation nicht so stark sein wie bei einer Boulevardzeitung, weil die Pendlerzeitung nichts kostet. Zudem greifen manche Leser wohl aus purer Gewohnheit in die Zeitungsbox.

Die gedruckte Pendlerzeitung dient dann oft einfach dem Zeitvertreib während der Fahrt, bekommt in dieser Funktion aber zunehmend harte Konkurrenz durch die Smartphones. Pendlerzeitungen könnte man als anorektische Zeitungen beschreiben. Sie befinden sich also im Zustand der Magersucht oder auf Dauerdiät. Für intensivere Recherchen fehlen in den Redaktionen die Ressourcen und für differenziertere Argumentationen der Platz im Blatt. Sie füttern die Lesenden mit einem kontinuierlichen Strom von Nachrichten, helfen aber kaum bei der Einordnung der verspiesenen Informationen in einen grösseren Zusammenhang. Kurzfutter halt, oder Schmalkost.

In der Schweiz gehören die beiden grössten Gratis-Tageszeitungen den beiden grössten traditionellen Verlagen Tamedia („20 Minuten“) und Ringier („Blick am Abend“). In Deutschland haben sich die Verlage der Kaufzeitungen bisher erfolgreich gegen Gratiszeitungen gewehrt.

Das Internet hat in den letzten Jahren diesen grossen Medienmarktplatz drastisch erweitert und völlig umgekrempelt. Im Internet ist jede regionale Begrenzung aufgehoben. Etwa eine Milliarde Websites buhlen um die Aufmerksamkeit der Benutzer und im Unterschied zum Zeitungskiosk kann niemand die Übersicht haben über das Angebot im Internet. Im Internet braucht es daher sehr starke Schlagzeilen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Internet, schreibt Zehnder, ist Boulevard total.

Hier scheint mir ein anderer Aspekt mindestens so wichtig:

Ob eine Website im Internet auffällt, hängt nicht nur von starken Schlagzeilen ab, sondern mindestens so stark davon, ob sie die Algorhythmen von Google und Facebook bedient. Die weitgehend intransparenten Algorithmen von Google und Facebook bestimmen, welche Websites und News aus dem unendlichen Meer des Internets einem Benutzer präsentiert werden. Firmen geben sehr viel Geld aus, um bei Google auf die erste Seite zu kommen – als Anzeige oder via Suchmaschinenoptimierung (SEO) in den organischen Suchresultaten.

Die Algorhythmen von Google und Facebook, die über die Positionierung und damit über die Sichtbarkeit im Internet entscheiden, sagen kaum etwas aus über Relevanz und Qualität der Informationen, die damit gefunden werden. Sie sind gleichmacherisch, indem völlig irrelevante oder lügnerische Information neben oder über sorgfältig aufbereiteter, differenzierter Information steht. Das Internet ist ein unendlich langes Buffet, aber welche Gerichte mir da aus welchen Gründen und mit welchen Interessen angeboten werden, ist weitgehend intransparent.

Wer blind einer Suchmachine vertraut delegiert die Auswahl an einen Konzern, der nach intransparenten Kriterien vorgeht und dessen Hauptinteresse einzig darin liegt, kommerziell verwertbare Nutzerdaten abzuziehen.

Das Phänomen Aufmerksamkeit besser verstehen

Aufmerksamkeit ist zum Schüsselfaktor in der Medienwelt geworden. Schon immer war Aufmerksamkeit die Grundvoraussetzung dafür, dass Medien Informationen transportieren können. Ohne Aufmerksamkeit würden die Inhalte der Medien nicht wahrgenommen. Matthias Zehnder formuliert das mit einem prägnanten Bild: „Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.“

Bis vor ein paar Jahren haben die meisten Medien allerdings anders funktioniert als heute. Sie konnten davon ausgehen, dass sie die grundsätzliche Aufmerksamkeit ihrer Leser oder Zuschauer schon haben und diese nicht erst erobern müssen. Sie bauten auf eine Art von Vertrauensbeziehung, die zwischen dem Abonnenten und seiner Tageszeitung oder zwischen dem Zuschauer und seinem Fernsehsender bestand. Zehnder vergleicht diese konstante Grundbeziehung mit dem Verhältnis zwischen einem Gast mit Vollpension und dem Wirt in einem Hotel. Vielleicht wird auch mal gemurrt, aber grundsätzlich vertrauten die Vollpensiongäste darauf, dass der Wirt ihnen passende Mahlzeiten zum richtigen Zeitpunkt servierte. Der Wirt wiederum konnte davon ausgehen, dass seine Gäste bei ihm essen würden. Das erlaubte ihm, frisches Gemüse einzukaufen und eine abgestimmte Menge von Mahlzeiten zuzubereiten.

Solche Vertrauensverhältnisse gebe es heute kaum mehr, schreibt Zehnder. Der Gast sei zum Buffet-Hopper geworden. Er wende sich dem Stand zu, der gerade die farbigsten Angebote mache oder dessen Inhaber gerade am lautesten rufe.

Vergleichbares geschieht im Bereich der Medien. Kein Medium kann heute mehr davon ausgehen, dass es Aufmerksamkeit bekommt. Es muss sich die Aufmerksamkeit der Benutzer zuerst erkämpfen, und zwar für jeden Beitrag einzeln. Doch das Bufett in der Medienwelt ist unendlich gross geworden und dank Internet geogratisch ohne Grenzen. Im virtuellen Naschmarkt der Medien ist nicht mehr die Beziehung zwischen Vollpensiongast und Wirt entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit in jedem Moment. Gewinnen wird jenes Angebot, dem es gelingt, die grösste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Awareness und attention

Das deutsche Wort Aufmerksamkeit zieht zwei verschiedene Geisteszustände zusammen, die im Englischen als „awareness“ und „attention“ auseinandergehalten werden.

„Awareness“ ist eine Art Stand-by-Modus des Bewusstseins, eine Breitbandaufmerksamkeit, vergleichbar mit dem Grundlicht auf der Bühne, das dafür sorgt, dass niemand über ein Requisit stolpert. „Awareness“ ist ein Zustand der wachen Bewusstheit mit der Bereitschaft zur Zuwendung. Die Wahrnehmung ist im Betriebsmodus „Auto-Pilot“.

„Attention“ dagegen ist fokussiert, zielgerichtet und darum auch selektiv. Dieses gezielte Achtgeben ist vergleichbar mit dem Verfolgungsscheinwerfer, der eine einzelne Figur auf der Bühne hell ausleuchtet. „Attention“ ist ein Zustand des gezielten Achtgebens, verbunden mit Informationsselektion und Informationsverarbeitung. Der Betriebsmodus ist eher vergleichbar mit der manuellen Steuerung durch den Piloten. Der Pilot entspricht dabei dem bewussten Ich, das gezielt seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet und sich Zielen oder Aufgaben widmet. In diesem Zustand konsumieren wir Medien (sofern sie nicht nur als Hintergrundgeräusch mitlaufen), lesen eine Zeitung, verfolgen eine Sendung im Fernsehen…..

„Awareness“ und „attention“ sind zeitlich in einer bestimmten Abfolge angeordnet, weil „awareness“ die Voraussetzung dafür ist, dass es zu „attention“ kommen kann. Am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“ steht das Aufmerksamwerden, das „Aufmerken“. Das „Aufmerken“ entspricht also dem Aufwachen aus dem Stand-by-Modus am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“. Es ist vergleichbar mit dem Einschalten des Verfolgungsscheinwerfers.

Dem „Aufmerken“ geht immer etwas voraus. Etwas fällt uns auf, stört, unterbricht, bietet einen Anblick, erhebt einen Anspruch.

Was sind das genau für Reize, die zum „Aufmerken“ führen. Wodurch wechselt der Modus vom Autopiloten zur manuellen Steuerung durch den Piloten?

Die stärksten Steuerungsmechanismen sind hier die drei zentralen Elemente, die schon in der Steinzeit das langfristige Überleben der Menschen abgesichert haben:

1. Überleben in Gefahrensituationen,

2. Fortpflanzung,

3. Nachwuchspflege.

 

  1. Überleben in Gefahrensituationen

Wer als Mensch überleben will, muss Gefahren aller Art frühzeitig erkennen, um für Kampf oder Flucht bereit zu sein. Deshalb drehen wir uns unwillkürlich nach einer Bewegung am Rande unseres Gesichtsfeldes um. Es könnte ein Raubtier sein. Bewegungen haben in unseren Wahrnehmungsprozessen eine extrem hohe Priorität. Aus diesem Grund zieht Werbung, die sich bewegt, unsere Blicke magisch an und es fällt uns schwer, einen Fussballmatch auf dem Bildschirm im Restaurant zu ignorieren, auch wenn uns das Fussballspiel gar nicht interessiert.

  1. Fortpflanzung

Dass erotische Reize einen hohen Aufmerksamkeitseffekt haben, ist fest in unserer Evolution verankert. Schliesslich zeigen sie immer eine Gelegenheit zur Weitergabe der eigenen Gene an. Kein Wunder daher, dass Werbung mit erotischen Bildern funktioniert.

  1. Nachwuchspflege

Um seine Gene weiterzugeben ist es nicht nur wichtig, sich fortzupflanzen. Der entstandene Nachwuchs muss auch mindestens solange überleben, bis er wieder selbst fortpflanzungsfähig ist.

 

Weil Überleben, Fortpflanzung und Nachwuchspflege evolutionär bedingt fest in unseren Genen verankert sind, lassen sich Reize, die aus diesen Bereichen stammen, kaum mit dem Verstand kontrollieren. Diesen Effekt nutzt die Boulevardpresse. Deren Slogan umschreibt Zehnder so: „Blut, Brüste, Büsi (schweizerdeutsch für ‚Kätzchen’) sind die ‚drei grossen B’ des Boulevardjournalismus.“

 

– Mit Blut sind Berichte über Unfälle und Verbrechen gemeint.

Brüste kommen in Boulevardmedien mit dem klassischen „Seite-3-Girl“ zum Zug. Seriösere Medien bringen Bilder von flirtenden Promis, Modeaufnahmen mit jungen Frauen oder – top seriös – erotisch angehauchte Bilder im Rahmen von Beiträgen zur medizinischen Aufklärung.

– Mit Büsi sind insbesondere Berichte gemeint über Jungtiere – zum Beispiel Videos mit jungen Kätzchen als Quotenrenner.

Neben diesen evolutionär quasi fest verdrahteten Ur-Aufmerksamkeiten gibt es weitere Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung, derer sich insbesondere die Boulevardmedien bedienen. Matthias Zehnder führt dazu die wichtigen Stichworte an aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Peter A. Bruck und des Sprach- und Literaturwissenschaftlers Günther Stocker:

– Familiarisierung nach dem Prinzip: Nähe schafft Aufmerksamkeit.

Benutzung von Spitznamen anstelle der richtigen Namen, Bevorzugung von umgangssprachlichen Wendungen und Fokussierung auf Menschen mit ihren Schicksalen und Erlebnissen schaffen Nähe zwischen dem Thema und dem Medienkonsumenten.

– Simplifizierung nach dem Prinzip: Kontraste schaffen Aufmerksamkeit.

Die Welt wird unterteilt in einfache Gegensätze wie „gut“ und „böse“, „links“ oder „rechts“. Die Komplexität wird reduziert unter anderem durch Personifizierung, Einpassen in übersichtliche Weltbilder und moralische Bewertung der Handlungen der Personen durch das Medium.

– Personalisierung nach dem Prinzip: Menschen schaffen Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche und politische Probleme werden überschaubar gemacht durch Reduktion auf ihre Protagonisten. Zehnder führt als Beispiele an: „So hat nicht mehr Deutschland ein kompliziertes Problem mit der Türkei, sondern Merkel mit Erdoğan, und die Credit Suisse kämpft nicht mit Renditeproblemen, sondern Tidjane Thiam muss sich etwas einfallenlassen.“

– Melodramatisierung nach dem Prinzip: Drama schafft Aufmerksamkeit.

Ein Thema wird dramatisiert, indem es nicht einfach sachlich dargestellt wird, sondern als Melodram, als Schicksal von Menschen erzählt. Der Medienkonsument wird abwechselnd als Voyeur und als Theaterzuschauer angesprochen.

– Visualisierung nach dem Prinzip: Gefahr und Gefühle schaffen Aufmerksamkeit.

Komplexe Themen werden über Bilder oder einfache Grafiken vermitttelt. Durch Bilder und eine bildhafte Sprache werden beim Zuschauer / Leser „Schauer und Entsetzen“ ausgelöst. Entscheidend für die Auswahl der Bilder ist ihr Schock-Gehalt, wobei die Abbildungen oft gar nicht die behandelte Sache abbilden, sondern Themenbilder sind.

– Spektakularisierung nach dem Prinzip: Teilnahme schafft Betroffenheit und Betroffenheit schafft Aufmerksamkeit.

Geschichten werden in der Gegenwartsform so erzählt, dass der Medienkonsument den Eindruck eines Live-Berichts bekommt. Ein drastisches Beispiel sind die Live-Streams in Sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Benutzern, Ereignissen live zu verfolgen und vermitteln das Gefühl, dabei zu sein.

– Sensationalisierung nach dem Prinzip: Dringlichkeit schafft Aufmerksamkeit.

In diesen Bereich gehören grosse, fett gedruckte Titel mit ständigen Übertreibungen und der permanenten Konstruktion von Krisen.

Matthias Zehnder fügt noch ein weiteres Boulevardelement hinzu:

– Repetition oder Serialisierung.

Damit ist gemeint: Eine Geschichte wird nicht als Ganzes und in allen Aspekten erzählt, sondern aufgeteilt in einzelne Häppchen hintereinandergeschaltet. So entsteht der Eindruck einer sich ständig weiterentwickelten Story. Ein Teil einer solchen Story ist von Beginn weg geplant, ein weiterer Teil ergibt sich, wenn Betroffene widersprechen, sich wehren und eigene Standpunkte einbringen.

Weitere verschärfende Tricks und Phänomene

Im folgenden sollen einige weitere Phänomene und Tricks in der Medienlandschaft vorgestellt werden, welche die Aufmerksamkeitsfalle verschärfen und die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft verstärken.

– Clickbaiting

Die Anzahl der Klicks ist für Online-Medien entscheidend, weil dadurch Werbegelder generiert werden. Beim Clickbaiting wird eine Schlagzeile so formuliert, dass der Leser fast nicht anders kann, als zu klicken. Der Leser wird mit einer Teilinformation „angefixt“, während das Wesentliche noch offengelassen wird. Beispielsweise: „Vier Änderungen der Steuergesetze, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten können.“

Listen und Bildergalerien, durch die man sich klicken muss, dienen ebenfalls dem Clickbaiting und dem Verkauf von dazwischengeschalteter Werbung („Die zehn Schlankheitsdiäten, die Sie noch nicht kennen“).

– Boulevardmedien vertiefen über Stimmungsmache die Spaltung der Gesellschaft (Disjunktion)

Stimmmungen und Stimmungswechsel gibt es nicht nur bei Individuen, sondern auch in Gesellschaften. Dabei spielen die Medien eine zentrale Rolle. Sie erzeugen Räume der Stimmungen. Mit diesem Thema befasst sich der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch „Das Gefühl der Welt – über die Macht von Stimmungen“.

Solche Räume der Stimmungen werden aufrecht erhalten durch einen gleichmässigen Strom von relevanten Informationen und durch gemeinsame Erregungen, wodurch das Erleben von Gesellschaft intensiviert wird. Heinz Bude unterscheidet dabei zwischen den traditionellen Medien, also beispielsweise den abonnierten Tageszeitungen, und den Boulevardmedien. Wesentlicher als ihr Inhalt ist bei den Boulevardmedien die direkte, emotionale, affektive Art ihrer Ansprache.

Die Boulevardmedien und die klickorientierten Internetmedien verbreiten Stimmungen nicht über die Inhalte, die sie transportieren, sondern über die Art und Weise, wie sie diese Inhalte vermitteln. Entscheidend ist dabei die Methode der direkten, affektiven Publikumsansprache. Dabei kommt es zu einem Wir-Gefühl unter Menschen, die sich im Opposition zur etablierten Gesellschaft und zu den etablierten Medien sehen – also zur sogenannten „Classe Politique“ und zur angeblichen „Lügenpresse“.

Wenn diese Annahmen Heinz Budes zutreffen, dann ist die zu beobachtende Disjunktion in der Politik, die Spaltung der Gesellschaft und das Auseinanderbrechen von Parteien und Gruppen, eine direkte Folge der Boulevardisierung der Medien. Die Spaltung entsteht dann aus einer direkten Folge einer immer stärkeren Ausrichtung der Medien auf den Aufmerksamkeitsmarkt. Indem die Medien in die Aufmerksamkeitsfalle tappen, verstärken sie die Spaltung der Gesellschaft.

Ergänzung: Heinz Bude bezieht sich an dieser Stelle in seinem Buch auf den französichen Soziologen Gabriel Tarde (1843 – 1904). Er publizierte 1898 und 1899 zwei Abhandlungen, in denen er sich den Stimmungsträgern des Publikums, der Masse und der öffentlichen Meinung widmete.

Heinz Bude schreibt:

„Wie kommen die Individuen, fragt Tarde im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, die voneinander getrennt in der Stadt, zerstreut in einem Land oder nur schwer füreinander erreichbar auf einem Kontinent leben, zu dem Gefühl, dass sie in einer gemeinsamen sozialen Welt leben? Die Antwort lautet: Indem sie eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen. Der Unterschied zwischen Zeitungs- und Buchlektüre liegt darin, dass das Empörende, Verschreckende oder Abstossende, von dem ich gerade lese, in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird, die, ebenfalls ein jeder für sich, auf dem Weg zur Arbeit oder sonstwo dieselbe Zeitung lesen. Die lebhafte Neugier, mit der der Abonnent noch in der Nachtkleidung am Morgen die Tageszeitung aus dem Briefkasten holt, wird von der unbewussten Einbildung gegleitet, dass eine grosse Zahl anderer Menschen im gleichen Augenblick ebenfalls zum Briefkasten unterwegs ist. Darin liegt das Geheimnis der Konstitution eines Publikums.“

Nach Tardes Ansicht hängt das Gefühl der Aktualität nicht an der bedrängenden Tatsächlichkeit der Ereignisse, sondern an der erregenden Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme. Aktuell ist auf diesem Hintergrund nicht das, was gerade stattgefunden hat, sondern was im Moment ein allgemeines Interesse weckt – auch wenn es sich um ein längst vergangenes Ereignis handelt. Aktuell ist auf diesem Hintergrund alles, was besprochen wird. Das fiebrige Interesse an Aktualität begründet die Assoziation, den Zusammenschluss eines Zeitungspublikums. Es kommt zu einer Gruppenbildung aufgrund von geteilten Erregungen.

Diese Gruppenbildung, dieses Wir-Gefühl wird über die Boulevardmedien hinaus verstärkt durch die sogenannten Sozialen Medien. Hier wird die Ansprache noch personalisierter und emotionalisierter, weil sie quasi unter Freunden und in einer Filterblase stattfindet, die den Eindruck vermittelt, dass alle so denken.

Das begünstigt Radikalisierung.

Heinz Bude schreibt:

„Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk schliesslich noch von den vorbereiteten Foren des Bürgerjournalismus emanzipiert und in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richtet, die in den ‚frivolen Jahren’ des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind. Sprecher dieser Stimmung wie die Komiker Beppo Grillo in Italien oder Dieudonné in Frankreich verleihen einem Systemmisstrauen in ihren Blogs mit Hunderttausenden von Followern Ausdruck, indem sie wieder eine vertikale Spaltung in den politischen Diskurs einführen: die Spaltung zwischen dem Palazzo, der die gleichgültigen, glatten und grausamen Mächtigen beherbergt, und der Piazza, wo das Volk murmelt, rumort und sich empört.

Gabriel Tarde wusste, dass aus einem überhitzten Publikum plötzlich eine kämpferische Masse werden kann, die durch die Strassen zieht oder sich auf Plätzen versammelt und Losungen und Parolen skandiert, die irgendetwas hochleben lassen oder irgendjemandem für irgendetwas die Schuld geben. In diesem Sinne liesse sich das Publikum als virtuelle Masse begreifen. Im Publikum bereitet sich vor, was in der Masse sich Luft verschafft. Der Absturz des letzlich passiven Publikums in die aktive Masse hat für Tarde etwas in höchstem Masse Gefährliches, findet seiner Wahrnehmung nach aber zum Glück nur selten statt.

Trotzdem ist der Umschlag immer möglich. Das Publikum führt ein, wie er an anderer Stelle sagt, schweigsames Leben, das zur friedlichen Verkettung der Möglichkeiten neigt, aber aufgrund zufälliger Bedingungen wie extremer Witterung, des Todes einer Ikone, eines bestimmten Tweets oder eines über Instagram geteilten Bildes oder Videos kann sich die Szene mit einem Mal wandeln.“

Heinz Bude zitiert zu diesem Punkt Gabriel Tarde:

„Eine Masse ist ein seltsames Phänomen: Sie ist eine Versammlung heterogener Elemente, die sich gegenseitig unbekannt sind; aber sobald ein Funke der Leidenschaft entstanden ist, der von einem ihrer Elemente ausgeht, wird dieses Durcheinander elektrisiert; auf diese Weise findet ein spontaner und plötzlicher Organisationsprozess statt. Die Inkohärenz wird kohärent, der Lärm wird zur Stimme; und die Tausende eng zusammengepferchten Leute verwandeln sich in nichts anderes als eine Bestie, ein wildes Tier ohne Namen.“

Zum Abschluss dieser Ergänzung noch ein Hinweis auf den Begriff „Disjunktion“, der hier im Sinne einer Spaltung der Gesellschaft steht. Der Begriff „Disjunktion“ wird auch in der Ökologie verwendet:

Die Disjunktion ist in der Ökologie ein Teilareal (Exklave), das vom übrigen Verbreitungsgebiet einer Pflanzen- oder Tierart räumlich getrennt wurde und mit den üblichen Verbreitungsmitteln dieser Art nicht überbrückt werden kann, aber noch ein Habitat darstellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Das sagt auch einiges aus über die gesellschaftliche Disjunktion.

Nun aber zurück zum Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“.

– „Fake News“ verbreiten sich im Netz schneller als echte News

Gefälschte Nachrichten wurden schon immer in Umlauf gebracht, sei es in Form von Leserbriefen oder von professioneller Desinformation.

Noch nie jedoch konnten Lügenbarone ihre Falschmeldungen so einfach und grenzenlos verbreiten und damit sogar direkt Gewinn machen mittels bezahlter Werbeanzeigen, die neben den „News“ eingeblendet werden.

Weshalb sind „Fake News“ so erfolgreich? Weshalb glauben Menschen auch noch den grössten Humbug?

Die Antwort ist simpel: Weil sie den gefälschen Nachrichten glauben wollen. Und sie wollen den gefälschten Nachrichten glauben, wenn sie ihrer eigenen Meinung entsprechen und in ihr Weltbild passen.

Für diese Menschen scheint es keine glaubwürdigen Medien zu geben, sondern nur glaubwürdige Meinungen. Und glaubwürdig ist nur diejenige Meinung, die sie in ihren Ansichten bestätigt.

In der Folge richten die Menschen das Bild in ihrem Kopf nicht mehr nach der Welt, sondern bauen sich die Welt nach dem Bild in ihrem Kopf. Die Menschen basteln sich immer öfter jene Realität, die präzis zu ihrer eigenen Meinung passt.

„Fake News“ sind daher dann erfolgreich, wenn sie (unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt), erwünscht sind.

Verkompliziert wird die Diskussion um „Fake News“, weil dieser Begriff inzwischen auch ins Gegenteil gewendet verwendet wird. Donald Trump bezeichnet Nachrichten als „Fake News“, wenn sie aus seiner Sicht besonders unerwünscht sind. Unter „Fake News“ fällt bei ihm, was er nicht hören will.

„Fake News“ sind gefälschte News. Nicht jede falsche Information ist deshalb „Fake News“. Eine Wetterprognose, die sich als falsch heraus stellt, ist keine „Fake News“.

Ergänzung:

Eine Website, die sich mit „Fake News“ im Internet befasst, ist http://www.mimikama.at.

 

– Filterblasen

Das Internet wäre eigentlich prädestiniert dafür, jede „Fake News“ sogleich als falsch zu entlarven, denn die richtigen Informationen sind im Netz in der Regel verfügbar. Eine Suchmaschine, in welche man die Kernbegriffe einer Story eingibt, genügt dazu in vielen Fällen.

Leider passiert im Internet aber das genaue Gegenteil. Das Netz wird mehr und mehr zur grossen „Fake-News-Schleuder“. Ein wichtiger Grund dafür sind die sogenannten Filterblasen, die ebenfalls mit der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zusammenhängen.

Wenn Sie ein Suchsystem bei Google oder Facebook nutzen, werden Ihnen Resultate gezeigt, die aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens im Internet zusammengestellt sind.

Google und Facebook sortieren die Ergebnisse speziell für Sie nach ihrer Wichtigkeit, nach ihrer „Relevanz“. Unter Wichtigkeit verstehen diese beiden privaten Supermächte allerdings nicht die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ein Ergebnis klicken. – also auf die Bedeutung, die das Ergebnis für Sie hat.

Noch genauer gesagt geht es bei der Reihenfolge der Ihnen präsentierten Ergebnisse um die höchste Wahrscheinlichkeit, Ihnen Werbung einblenden zu können, die zu Ihren Bedürfnissen passt.

Das kann auf den ersten Blick betrachtet auch angenehm erscheinen, hat aber drastische Nebenwirkungen. Google und Facebook präsentieren Ihnen mit ihren Suchresultaten nur noch jene Welt, die sie suchen. Diese von Algorithmen nach den Vorlieben der Benutzer zurechtgefilterte Welt nennt man Filterblase („Filter Bubble“). Sie entsteht überall dort, wo Computerprogramme Resultate so auswählen, dass die Klickrate zunimmt, dass also die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Benutzer auf ein Resultat klickt. Dieses Prinzip funktioniert also überall dort, wo es darauf ankommt, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die verheerenden Folgen von Filterblasen lassen sich sehr gut in den USA beobachten, die scharf in Republikaner und Demokraten getrennt sind.

Linksliberale Personen sehen nur noch linksliberale News, Konservative nur noch konservative. Die Fähigkeit, in einer gemeinsam geteilten Welt Kompromisse zu finden, wird dadurch stark reduziert.

Die Zeitung „Wall Street Journal“ hat eine Seite aufgeschaltet, auf der links ein liberaler Newsfeed läuft und rechts ein konservativer. Diese beiden Newsstränge zeigen zwei völlig verschiedene Welten.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir auch in der realen Welt in Filterblasen – entsprechend unserem Umfeld, unserem beruflichen oder bildungsmässigen Hintergrund.

Drei Gründe sprechen aber dafür, dass Google, Facebook & Co. dieses Problem drastisch verschärfen:

– Die Onlineangebote von Google, Facebook & Co. wenden einen geheimen Algorithmus an, sind also vollkommen intransparent. Sie können als Nutzer nicht wissen, weshalb sie online sehen, was Sie sehen.

– Sie haben keine Möglichkeit, auf diesen Plattformen dem Filter zu entkommen. Diese Seiten wollen uns möglicht gut gefallen und zeigen uns darum möglichst viele Dinge, die uns gefallen.

– Weil immer mehr Onlineangebote auf solchen Algorithmen basieren, wird es immer weniger möglich, dieser Filterblase zu entgehen.

Der Unterschied zur Nutzung klassischer Medien ist einschneidend: Wer durch eine Zeitung blättert oder durch die Fernsehprogramme zappt, stösst unvermeidlich auch auf Inhalte, die er oder sie nicht primär gesucht hat und die ihn oder sie nicht von vorneherein interessieren. Und manchmal werden solche Fundstücke dann doch konsumiert. Dieser Effekt heisst im Fachjargon „ Serendipity“, was sich übersetzen lässt mit „über die Ränder lesen“.

Online kommt dieser Effekt viel weniger zum Zug, weil wir sehr viel direkter und gezielter auf ein Ziel zusteuern. Wir sind online quasi im Schlüssellochmodus unterwegs. Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich genau den Ausschnitt, der unsere Aufmerksamkeit geholt hat, weil er unseren Erwartungen entspricht.

Aus der Filterblase hinaus zu treten bedeutet nicht, keine Meinung und keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet, sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, und damit auch jenen Menschen Respekt zu zollen, die anderer Meinung sind.

Ausserdem entdeckt man auf Umwegen nicht selten Wertvolles, dem man auf dem direktesten Weg nicht begegnet wäre. Der direkte Weg ist zwar oft der schnellste, aber er blendet auch sehr viel aus.

– Desensibilisierung

Alles, was unsere Aufmerksamkeit anspricht, unterliegt dem Gesetz der Desensibilisierung, oder etwas härter ausgedrückt: der Abstumpfung. Das Phänomen der Desensibilisierung lässt sich gut bei der Geschwindigkeit von Medien beobachten. Die Geschwindigkeit von Filmen hat sich über die Jahre dramatisch gesteigert. Die Reizintensität hat dadurch massiv zugenommen. Es braucht infolge dieser Entwicklung immer mehr und dichtere Reize, um dieselben Effekte wie früher zu erzeugen.

Auch erotische Reize, wie sie beispielweise in der Werbung eingesetzt werden, stumpfen ab. Es braucht immer mehr nackte Haut, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber auch die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen müssen grösser und schriller werden, die Sprache im Fernsehen lauter und deftiger.

Auch Nachrichten unterliegen der Desensibilisierung. Früher war ein ankommender Brief ein einzelnes Ereignis, das sich im Gedächtnis einbrannte und dort eine einzelne Spur hinterliess. Heute werden wir mit Nachrichten überschwemmt. Eine einzelne Nachricht hinterlässt in der Regel keine Spur mehr. Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Nachrichten von besonders glücklichen oder tragischen Ereignissen. Viele Menschen erinnern sich zum Beispiel noch an die Situation, als sie von den Anschlägen auf das Word Trade Center in New York erfuhren. Eine normale Facebook-Nachricht oder ein einzelnes SMS sind aber ausgesprochen flüchtige Ereignisse. Damit Nachrichten Spuren hinterlassen, müssen sie wiederholt vermittelt werden. Die einzelne Nachricht spielt keine Rolle, es braucht den kontinuierlichen Nachrichtenfluss, um Eindrücke zu erzeugen. Das stellt Medien vor die Herausforderung, laufend neue News anzubieten.

Solche Desensibilisierungseffekte machen es für die Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erreichen.

– Push-Meldungen

Push-Meldungen sind besonders wichtige Meldungen, die mit einem Alarmsignal versehen auf das Mobiltelefon ‚gepusht’ (also gestossen) werden, beim Surfen am Computer automatisch im Browser auftauchen oder sich durch Klopfen auf der Apple Watch melden. Für Medien sind Push-Meldungen die simpelste Form, um die Aufmerksamkeit der Benutzer zu bekommen.

Hinter jeder Push-Meldung verbirgt sich ein Beitrag mit einer ausführlichen Meldung. Mit wirksamen Push-Meldungen lassen sich Benutzer regelmässig auf das Angebot des Versenders lenken. Push-Meldungen sind oft weder eilig noch wichtig. Sie appellieren vielfach auch simpel an die Neugier des Benutzers und funktionieren dann nach dem altbewährten Boulevardprinzip. Sie treiben das Aufmerksamkeitsproblem auf die Spitze.

– Das Hirtenjungen-Problem

Mit dem Begriff „Hirtenjungen-Problem“ umschreibt Matthias Zehnder den Verlust der Glaubwürdigkeit von Medien mangels Sorgfalt im Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf geht auf den antiken griechischen Dichter Äsop zurück. Der Hirtenjunge hatte mehrfach mit „Der Wolf! Der Wolf!“ um Hilfe gerufen, obwohl kein Wolf da war. Als der Wolf dann wirklich kam, um ein Schaf zu reissen, und der Hirtenjunge wieder um Hilfe rief, kam niemand mehr zu Hilfe.

Die Medien können gar nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Publikums zu enttäuschen. Sie erscheinen regelmässig, egal ob sich etwas Wichtiges ereignet hat oder nicht. Die Medien haben Rezepte, mit denen sie auf Grossereignisse reagieren – zum Beispiel Sondersendungen. Für ereignislose Tage fehlen ihnen aber meist die Rezepte.

In solchen „Sommerloch-Zeiten“ ist die Versuchung sehr gross, Ereignisse herbeizuschreiben und unbedeutende Geschehnisse aufzublasen. Die Ereignislosigkeit wird durch die Medien nicht abgebildet. Sie warnen quasi vor Wölfen, die gar nicht existieren. Medien aber, die mehrmals ohne Anlass nach Aufmerksamkeit rufen, werden mit dem Enzug von Aufmerksamkeit bestraft.

– Die Briefträger-Verzerrung

Matthias Zehnder nennt die „Briefträger-Verzerrung“ eine „alte Journalistenweisheit“ und beschreibt sie so:

„Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn ein Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale, hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Aussergewöhnliche, das Überraschende…….“

Das hat einschneidende Konsequenzen:

„….Wenn nie gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, aber immer gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, verkehrt sich unser Weltbild ins Gegenteil dessen, was tatsächlich der Fall ist. Also glauben wir mit der Zeit, dass sehr viele Briefträger Hunde beissen und ganz wenige Hunde Briefträger beissen.“

Die „Briefträger-Verzerrrung“ ist im Bereich der Nachrichten laufend zu beobachten, zum Beispiel wenn über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Terrorattacken und andere Katastrophen berichtet wird. Flugzeuge stürzen sehr selten ab und kommem dabei zuverlässig in die News. Über planmässig landende Flugzeuge wird dagegen nicht berichtet. Darum wird das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, systematisch überschätzt – und beispielsweise das Risiko von Gesundheitsgefährdungen wie der Luftverschmutzung oder mangelnder Bewegung unterschätzt.

Wenn Medien zunehmend auf die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit fokussiert sind, steigert das die „Briefträger-Verzerrung“ und bewirkt in der Folge, dass wir uns ein falsches Bild der Welt machen. Das ist in einer direkten Demokratie fatal, weil das Bild, das wir uns als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Welt machen, unser Abstimmungsverhalten beeinflusst.

Als eine Variante der „Briefträger-Verzerrung“ beschreibt Matthias Zehnder das

Konflikt-Prinzip: „Medien suchen den Konflikt.“

Für die Medien ist eine Geschichte dann interessant, wenn sie sich als Konflikt darstellen lässt. Insbesondere die Boulevardmedien suchen das Drama, die Zuspitzung. Je stärker die Medien auf Aufmerksamkeit angewiesen sind, desto mehr stellen sie die Welt als dramatischen Kampf dar. Matthias Zehnder schreibt dazu:

„Aus den harmlosen Gesprächen über eine Rentenreform wird ein ‚Ringen um unsere Renten’, aus der simplen Diskussion über die Klimaerwärmung wird der ‚Showdown’, die Wissenschaftler stehen sich ‚unversöhnlich’ gegenüber und kämpfen mit ‚harten Bandagen’.“

Dieser Kampf sei umso dramatischer, je ausgeglichener die Kräfte sind. Auch das verzerre das Bild der Welt. Am augenfälligsten sei das bei der Diskussion über den Klimawandel:

„99 von 100 Wisssenschaftlern sind sich heute einig, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. Jeder Fernsehsender wird für eine Diskussion über den Klimawandel aber einen ‚Bestätiger’ und einen ‚Leugner’ einladen. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, dass die Diskussion fifty-fifty steht.

Wollte ein Fernsehsender die Diskussion über den Klimawandel korrekt abbilden, müsste er 99 Wissenschaftler einladen, die sich für einen menschengemachten Klimawandel aussprechen, und einen, der den Klimawandel leugnet.“

Entsprechend dem Konflikt-Prinzip erhalten kontradiktorische Diskussionen und Darstellungen in den Medien mehr Aufmerksamkeit – vermitteln manchmal aber auch ein völlig falsches Bild und neigen stark zur „Briefträger-Verzerrung“. Diskussionen in den Medien sind spannender, wenn sie nicht einfach die vorherrschende Meinung abbilden, sondern wenn Vertreter von Extrempositionen eingeladen werden. Sie sind zuverlässige Garanten dafür, dass Diskussionen nicht konstruktiv (und damit etwas langweilig) verlaufen, sondern konfliktbeladen und damit erregend.

Daraus entsteht eine doppelte „Briefträger-Verzerrung“:

Erstens werden Extrempositionen nur schon dadurch salonfähig, dass sie Sendezeit bekommen. Ihre Vertreter erhalten dadurch Gelegenheit, ansonsten eher Undenkbares auszusprechen und in den Raum zu stellen.

Zweitens hinterlassen Diskussionen mit Extrempositionen den Eindruck von tiefen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen, weil sie gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen.

Dabei stehen sich im realen Leben nur die Extrempositionen so unversönlich gegenüber, und die grosse Mehrheit in der Gesellschaft steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich problemlos auf eine konstruktive Lösung einigen.

Die starke Fokussierung auf Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende „Briefträger-Verzerrung“ führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

– Boulevardmedien und Boulevardpolitik Hand in Hand

Extrempositionen werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Entsprechend werden auch Politiker mit extremen Ansichten häufiger eingeladen (SVP-Nationalrat Rogel Köppel ist bspw. gern gesehener Gast in deutschen Talkshows). Dadurch verstärken sich Medien und (extreme) Politik gegenseitig. Beide hängen quasi an der Droge „Aufmerksamkeit“. Politiker können sich am leichtesten Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun.

Vor allem Tabubrüche werden von den Medien gerne weiterverbreitet und ausgewalzt, weil das auch für sie Aufmerksamkeit generiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gegenüber ZEIT ONLINE (27. 9. 2017):

„‎Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.“

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit geraten und werden in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Es kommt zu einer fatalen Symbiose von Politik und Medien im Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist eine Boulevardpolitik, die nicht Probleme löst, sondern sich im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit inzeniert.

Die Boulevardisierung der Medien führt zu einer Boulevardisierung der Politik. Das ist speziell in einer direkten Demokratie wie der Schweiz fatal, weil sich die Politik in der direkten Demokratie in der Öffentlichkeit abspielen muss – und darum auf Aufmerksamkeit angewiesen ist.

Laut Matthias Zehnder kommt es aber noch schlimmer: „Die Folge der Aufmerksamkeitsfalle, in der die Medien (und die Politik) stecken, ist letzlich Populismus.“

– Weshalb in der Aufmerksamkeitsfalle der Populismus lauert

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller beschreibt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ den Populismus als „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen. – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören“. Populisten wenden sich also im Namen des Volkes gegen die Eliten, wobei sie der Ansicht sind, dass einzig sie „das wahre Volk vertreten; alle anderen vermeintlichen Repräsentanten der Bürger seien auf die eine oder andere Art illegitim“. Der Schlachtruf der Populisten ist also weniger „Wir sind das Volk“ als vielmehr „Nur wir vertreten das Volk“.

In einer modernen Demokratie gibt es aber kein homogenes Volk, sondern viele verschiedene Interessen, Perspektiven und Meinungen, die miteinander um Lösungen ringen.

In einer Demokratie besitzt auch niemand die absolute Macht, auch nicht das Volk. Es gibt vielmehr ein System von „Checks and Balances“ mit Institutionen wie einem Verfassungsgericht oder Bundesrichtern, die für eine Gewaltenteilung auf allen Ebenen sorgen. Populisten lehnen deshalb solche Institutionen ab, weil sie diesen einen, angeblich moralisch richtigen Volkswillen zum Beispiel mit Gerichtsurteilen verwässern.

Und wie tragen die Massenmedien zum Aufkommen des Populismus bei? 

Massenmedien und populistische Politik sind eng miteinander verwoben. Beide sind abhängig von Aufmerksamkeit und profitieren voneinander.

Populisten befinden sich permanent im Wahlkampf und buhlen um die Masse. Dabei bedienen sie sich derselben Mittel wie eine auf Masse und Aufmerksamkeit fokussierte Publizistik. Populistische Parteien, Bewegungen und Politiker könnten nicht existieren ohne die Nutzung von Massenmedien und die Grundzüge populistischer Politik kommen den Massenmedien entgegen.

Matthias Zehnder verweist an diesem Punkt auf die Kommunikationswissenschafterin Beate Ociepka. Sie hat drei wesentliche Merkmale populistischer Politik beschrieben, die sich besonders dafür eignen, von den Medien zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung aufgenommen und genutzt zu werden:

1.) Das Charisma des populistischen Anführers ist wichtiger als politische Programme. Das kommt der Neigung der Medien zur Personalisierung entgegen. Jedes Thema wird wenn möglich an Personen aufgehängt.

2.) Populisten setzen auf eine vereinfachte Form der Kommunikation und stützen sich darum mehr auf emotionale als auf rationale Argumente (entspricht der Emotionalisierung im Boulevard) und auf einseitige anstelle von differenzierter Darstellung (kommt dem Konflikt-Prinzip der Medien entgegen).

3.) Die populistische Politik wird zum Spektakel (zum Beispiel durch Tabubrüche und Grenzüberschreitungen).

Diese Aufzählung lese sich wie ein Wunschkatalog von Boulevardmedien an die Politik, schreibt Matthias Zehnder. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik seien natürliche Partner:

„Populisten vereinfachen, spitzen zu, emotionalisieren. Sie teilen die Welt ganz simpel in Freund und Feind, in Gut und Böse. Sie bedienen sich alter Stereotypen und sind deshalb fremdenfeindlich und nationalistisch. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen ‚die da oben’ an. Schliesslich ist er der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und ‚great again’ macht. All diese Eigenschaften machen populistische Politiker zum Lieblingsobjekt von Boulevardmedien.“

Aber auch seriöse Medien können sich diesen Effekten nicht entziehen. Wenn Donald Trump lügt ist es für sie ein Skandal, über den sie gross berichten. Beispielsweise hat Trump wiederholt behauptet, Obama habe ihn im Wahlkampf abgehört. Dieser ungeheure Vorwurf wird noch durch die Provokation gesteigert, dass Trump es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, ihn durch Belege glaubhaft zu machen.

Die ständige Berichterstattung über solche Lügen machen sie grösser, hämmern sie in die Köpfe der Medienkonsumenten und lassen sie als eine reale Möglichkeit erscheinen (zumindestens bei Trumps Anhängern, und auf die kommt es ihm an).

Seriöse Medien sind darauf fokussiert, die Wahrheit zu finden. Im Populismus gibt es aber diese Wahrheit nicht mehr. Wahrheit wird zu einer Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten (wir erinnern uns: Trumps Sprecherin präsentierte „Alternative Fakten“).

Wenn seriöse Medien nachweisen, dass Trump lügt, dann sagt Trump: „Die Medien lügen, sie sind Fake News“. Wenn Wahrheit kein unabhängiger Referenzwert mehr ist, dann bestimmt der Stärkere, was als wahr zu gelten hat – und der Stärkere ist dann derjenige, der die Medien dominiert. Und das ist, weil er dem Aufmerksamkeitsbedarf der Medien so gut in die Hände spielt, der Populist.

Matthias Zehnder schreibt:

„Je stärker die Medien in der Aufmerksamkeitsfalle sitzen und um die Aufmerksamkeit ihrer Leser, Hörer und Zuschauer buhlen, desto eher werden sie zur Beute populistischer Politik. Populismus führt im Endeffekt zu einer iliberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letzlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.“

Wege aus der Aufmerksamkeitsfalle

Dass Medien in der Aufmerksamkeitsfalle stecken ist nicht nur für die Medien von Bedeutung, sondern für uns alle. Denn die Folgen dieser Entwicklungen sind für Politik und Gesellschaft unerwünscht.

Matthias Zehnder befasst sich gegen Schluss seines Buches mit Wegen aus der Aufmerksamkeitsfalle – einerseits für die Medien und anderseits für das Publikum.

Welche Auswege für die Medien?

Zehnder ist der Ansicht, dass die Hinwendung zu einer rein aufmerksamkeitsorientierten Publizistik für die meisten Medien eine Sackgasse ist. Er begründet das mit dem Phänomen der Desensibilisierung und weil es im unendlich grossen Medienschlaraffenland nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf Dauer zu erhalten. Zwar brauche jedes Medium Aufmerksamkeit, doch gehe es um den Grund, warum es zum Aufmerken komme, also um die Ursache für ein Umschalten von „awareness“ zu „attention“.

Wenn dieses Aufmerken rein Neugier-basiert sei, dann sei die Aufmerksamkeit eine flüchtige und untreue Angelegenheit. Sie wende sich dem jeweils stärksten Reiz zu – und von diesem sogleich wieder ab, wenn ein anderer, stärkerer Reiz auftauche. Weil die Empfindlichkeit der Menschen sich wiederholenden Reizen gegenüber abnehme, brauche es immer stärkere Reize. So öffne sich die Aufmerksamkeitsfalle.

Matthias Zehnder zieht daraus den Schluss, dass die Aufmerksamkeit nicht aufgrund eines Reizes dem Medium zugewendet werden darf, sondern aufgrund eines Entscheides.

Früher, in der Vergangenheit, basierte die Mediennutzung auf einem Entscheid und der daraus sich entwickelnden Gewohnheit.

Gewohnheit kann aber nicht die Lösung sein, welche die Medien heute anstreben. Es braucht viel Zeit, bis Gewohnheiten aufgebaut sind und für die grosse Mehrheit der heutigen Bürgerinnen und Bürger scheint das kein atttraktives Angebot zu sein – sie verpflegt sich lieber jeweils spontan am grossen Medienbuffet.

Wenn sowohl die Aufmerksamkeit aus Neugier aufgrund von Reizen als auch aus Gewohnheit nicht realisierbar sind, bleibt nach Ansicht von Matthias Zehnder nur eine Lösung: Nutzen.

Das Medienangebot muss einen klar ersichtlichen Nutzen schaffen.

Für eine politische Zeitung würde das heissen: Information ohne Sensation, Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung anstelle von Blut und Brüsten.

Der Nutzen eines solchen Medienangebots zeigt sich daran, ob seine Benutzer bereit sind, dafür zu zahlen, schreibt Zehnder.

Was können Medienkonsumenten tun?

Dieser Abschnitt ist im Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ leider etwas gar kurz. Zehnder weißt darauf hin, dass das Angebot der Nachfrage folgt. Er rät, die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit zu belohnen. In der Medienwelt steuert der Kunde mit seinem Verhalten das Angebot. Wer häufig auf Nackedeis klickt, wird mehr Nackedeis bekommen. Als Medienkonsument kann man sich auch vornehmen, nicht jeder Versuchung für einen Neugier-Klick nachzugeben.

Das sind allerdings sehr individuelle Lösungen, nicht ganz ohne Einfluss, aber mit doch sehr begrenzter Wirkung.

Darum sollten diese individuellen Verhaltensmassnahmen ergänzt werden durch grundsätzlichere Ansätze, auf die Zehnder abschliessend zu sprechen kommt:

„Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowd-funding oder den Kauf von Medien.“

Mir fehlt hier noch eine gesellschaftlich-politische Ebene. Vielleicht braucht es auch Rahmenbedingungen, um die Qualität der Medienlandschaft zu schützen. Zum Beispiel könnte man Facebook, Google & Co. unter das Presserecht stellen. Diese privaten Supermächte müssten dann Verantwortung übernehmen für ihre Inhalte, so wie das klassische Medien auch müssen.

Abschliessend hält Matthias Zehnder ein beherzigenswertes „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das Überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017,

Das sehr empfehlenswerte Buch ist erhältlich in meinem Buchshop.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Was ist Populismus? Und was nicht? Eine Zusammenfassung des Essays von Jan-Werner Müller.

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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[Buchtipp] „Lügen im Netz? Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“, von Ingrid Brodning

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luegen-im-netzVerlagsbeschreibung:

Der Betrug ist allgegenwärtig. Mit Falschmeldungen und manipulierten Bildern wird im Internet Stimmung gemacht – und Wähler beeinflusst. Politische Manipulation wird zur realen Gefahr. Gerade Populisten und extreme Bewegungen profitieren von diesen Schattenseiten des Internet. Das Netz, das eigentlich ein Medium der Aufklarung und menschlichen Verstandigung sein sollte.
Online-Expertin Ingrid Brodnig erklärt, weshalb „alternative Fakten“ so stark wirken, welch neue Methoden der Irreführung entstehen und wie intransparente Technikkonzerne das Problem noch weiter vergrößern. Ohne ethischem Kompass steckt ein enormes Missbrauchspotenzial im Netz. Aber das muss nicht so bleiben: Wir konnen die Mechanismen der Manipulation durchschauen und auch von den großen Technikunternehmen Unterstützung einfordern. Vom einzelnen Bürger, über die Zivilgesellschaft bis hin zu den Parteien konnen wir unsere Demokratie verteidigen.

Autorin Ingrid Brodnig:

Die renommierte Online-Expertin Ingrid Brodnig glaubt an die Macht der Aufkärung – auch im Internet. Für ihr Buch „Hass im Netz“ wurde sie u.a. mit dem „Kreisky-Preis für das politische Buch“ ausgezeichnet. Zum Shop

Kommentar von Martin Koradi:

Ingrid Brodnig hat schon mit ihrem Buch „Hass im Netz“ gezeigt, dass sie ein Thema fundiert und verständlich darstellen kann.

Das Thema „Lügen im Netz“ ist von ausserordentlich grosser Bedeutung.

Das Buch ist in vier Teile geliedert:

Im ersten Teil erklärt Ingrid Brodnig das Ausmass der Irreführung im Internet und die Hintergründe, weshalb gerade online so zahlreiche Falschmeldungen und tendenziöse, emotionalisierende Beiträge verbreitet werden.

Im zweiten Teil beschreibt die Autorin die neu entstandenen Machtverhältnisse – ein digitales Ökosystem, in dem Rechtspopulisten für ihre Anhänger eine wutgeladene Parallelrealität errichten, und in dem auch Staaten wie Russland versuchen, die Meinung der europäischen Bevölkerung zu beeinflussen. Sie geht der Frage nach, ob wir uns tatsächlich in einem „Informationskrieg“ befinden, wie das einzelne rechte Seiten, aber auch manche Wissenschaftler in den USA inzwischen behaupten.

Der dritte Teil handelt von extremen Gruppierungen, die darauf erpicht sind, ausländische Wahlen mit problematischen Methoden zu beeinflussen. Dabei kommt es auch  zur Nutzung von Meinungsrobotern („Social Bots“), um lautstark dem eigenen Wunschkandidaten zuzujubeln und unerwünschte Politiker niederzumachen. In diesem Kapitel wird auch die undurchsichtige Onlinewerbung dargestellt, die dazu führen kann, dass wir gar nicht mehr genau mitbekommen, was politische Kampagnen im Wahlkampf aufführen.

Im letzten Teil geht es um die rechtlichen, technischen und gesellschaftlichen Lösungen sowie um Tipps für die einzelnen Internetnutzer, was sie selbst bewirken können, um Irreführung zu durchschauen und selbst mit seriöser Information zu kontern. Ingrid Brodnig schliesst ihr Buch mit einem Plädoyer für das Festhalten an Fakten und für die wichtige Bedeutung von Faktenchecks.

Das Buch „Lügen im Netz“ leistet einen wichtigen Beitrag zum Aufbau und Ausbau ausgesprochen notwendiger Medienkompetenz in unserer Gesellschaft. Bürgerinnen und Bürgern ist ans Herz zu legen, sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Nur informierte Bürgerinnen und Bürger können sich eine fundierte Meinung bilden und politisch verantwortungsvoll entscheiden.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

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[Buchtipp] „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Matthias Zehnder

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Aufmerksamkeitsfalle

Verlagsbeschreibung

– Wir konsumieren immer mehr Medieninhalte – und fühlen uns gleichzeitig immer schlechter informiert.
– Manche von uns erachten die klassischen Medien als ‚Lügenpresse‘ – und glauben gleichzeitig teilweise abstrusen Seiten im Internet.
– Wir leben im Medienzeitalter – und doch haben immer mehr Medienanbieter wirtschaftliche Probleme.
Mit dem Medienangebot verhält es sich wie mit dem Essen: Noch nie hatte der Mensch eine derart vielfältige Palette an hochwertigen Lebensmitteln zur Auswahl – gleichzeitig waren noch nie so viele Menschen in den Industrieländern übergewichtig oder litten an Stoffwechselerkrankungen. Auch in der Medienwelt standen uns noch nie so viele Angebote und Informationen zur Verfügung – gleichzeitig ist die Rede davon, dass wir im postfaktischen Zeitalter leben, in dem die Fakten durch Emotionen ersetzt worden sind.
Damit sie die Aufmerksamkeit der Konsumenten erlangen, greifen die Medienanbieter zu immer drastischeren Mitteln. Mit fatalen Folgen.
Das Buch zeigt, wie Aufmerksamkeit funktioniert, welche Strategien die Medien anwenden, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erlangen, und welche dramatischen Konsequenzen das für die Inhalte hat: Im medialen Schlaraffenland droht Überfütterung bei gleichzeitiger Mangelernährung. Aber es gibt Auswege.

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Zum Autor Matthias Zehnder

Geb. am 14. Mai 1967 in Winterthur, Studium von Germanistik und Philosophie in Zürich, Promotion in Medienwissenschaften in Basel. Arbeit für Zeitungen, Radio und Fernsehen im Bereich Medien und neue Technologien. 2007 bis 2012 Chefredaktor der „Coopzeitung“, des Druckerzeugnisses mit der grössten Auflage in der Schweiz. 2012 bis 2015 Chefredaktor der Tageszeitung“bz Basel / bz Basellandschaftliche Zeitung“ . Seit 2016 selbständig als Publizist, Vortragsredner und Berater. Matthias Zehnder lebt mit seiner Frau und drei jugendlichen Kindern in Basel.www.matthiaszehnder.ch

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle – wie die Medien zu Populismus führen“ ist sehr aktuell und bietet ein kompaktes Stück Medienkompetenz, die nötiger ist denn je.

Medienkompetenz ist nicht nur wichtig für Jugendliche, sondern ebenso für Erwachsene, die den grössten Teil ihres Lebens in einer völlig anderen Medienwelt verbracht haben (wie zum Beispiel mich).

Matthias Zehner zeigt in seinem Buch auf, wie stark der Kampf um Aufmerksamkeit zur Überlebensfrage für die Medien geworden ist. Aufmerksamkeit bekommt in erster Linie das Extreme, während das Sachliche, Vernünftige, Differenzierte untergeht. Diese Entwicklung spielt Populisten aller Art in die Hände.

Auf den Seiten 112 – 115 stellt Matthias Zehnder die Aufmerksamkeitsfalle im Überblick vor. Leserinnen und Lesern des Buches würde ich raten, diese Seite am Anfang der Lektüre zu lesen. Sie geben eine guten Einführung in das Thema.

Am Schluss des Buches stellt Matthias Zehnder Auswege aus der Aufmerksamkeitsfalle vor. Vor allem den Abschnitt „Was das Publikum tun kann“, hätte ich mir ausführlicher gewünscht. Es bleibt eigentlich bei zwei Ratschlägen:

– „Belohnen Sie die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit.“

– „Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist.  Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowdfunding oder den Kauf von Medien.“

(Einschub M. K.: Ein interessante und unterstützenswertes Medienprojekt ist diesbezüglich das digitale Magazin „Republik“)

Sehr beherzigenswert ist der letzte Abschnitt des Buches mit einem „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017, Seite 120.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung dieses Buches, die ich verfasst habe:

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

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Weltweit sind offene, liberale Demokratien unter Druck geraten durch Linkspopulismus und Rechtspopulismus, iliberale Demokratien und autokratische Regime. Karl Poppers Unterscheidung zwischen einer offenen Gesellschaft und einer Geschlosssenen Gesellschaft gibt wertvolle Anregungen zur Verteidigung der offenen, liberalen Demokratie.

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[Buchtipp] Hass im Netz? Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können, von Ingrid Brodning

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Hass-im-NetzVerlagsbeschreibung

Das Buch zur Stunde zum Thema Hass & Hetze im Netz!
Konkrete Tipps und Strategien: Wie schützt man sich vor der digitalen Hasskultur?
Die Journalistin ist ausgewiesene Expertin für alle Aspekte der digitalen Welt.
Wir leben in zornigen Zeiten: Hasskommentare, Lügengeschichten und Hetze verdrängen im Netz sachliche Wortmeldungen. Die digitale Debatte hat sich radikalisiert, ein respektvoller Austausch scheint unmöglich. Dabei sollte das Internet doch ein Medium der Aufklärung sein: Höchste Zeit, das Netz zurückzuerobern.
Das Buch deckt die Mechanismen auf, die es den Trollen im Internet so einfach machen. Es zeigt die Tricks der Fälscher, die gezielt Unwahrheiten verbreiten, sowie die Rhetorik von Hassgruppen, um Diskussionen eskalieren zu lassen.
Damit die Aggression im Netz nicht sprachlos macht, werden konkrete Tipps und Strategien geliefert: Wie kann man auf untergriffige Rhetorik, Trolling oder Shitstorms reagieren? Wie entlarvt man Falschmeldungen oder Halbwahrheiten möglichst schnell? Was tun, wenn man im Netz mit Cybermobbing konfrontiert wird? Denn: Wir sind den Rüpeln, Hetzern und Hassgruppen nicht hilflos ausgeliefert – die Gegenwehr ist gar nicht so schwer.

Zur Autorin Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig behagt die Tonalität im Netz nicht. Als Medienredakteurin des Nachrichtenmagazin profil und Autorin plädiert sie für eine sachliche digitale Diskussionskultur. Sie wünscht sich ein Internet, in dem Argumente Vorrang haben und differenzierte Stimmen mehr Gehör finden.

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Kommentar von Martin Koradi:

Hass im Netz

Ingrid Brodnig  spricht in ihrem Buch zentrale Punkte an, zum Beispiel das Thema „Silencing“. Damit wird der Versuch bezeichnet, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen.

Ziel der Attacken: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Die Diskussionsräume im Internet sind kein egalitärer Ort. Von Silencing sind nicht alle Internet-Nutzer gleichermassen betroffen. Potenzielles Ziel von zum Teil organisierten Hasskampagnen sind alle, die sich mit Meinungen exponieren, die den Glaubenskriegern zuwider laufen, insbesondere Politikerinnen und Politiker. Frauen werden härter attackiert und persönlicher diffamiert, wobei Verunglimpfungen und Drohungen oft sexualisiert daherkommen, zum Beispiel als Vergewaltigungsdrohung.

Brodnig beschreibt ausserdem:

– Sechs Faktoren, welche die Enthemmung im Internet fördern.

– Wie Echokammern im Internet entstehen und wie sie die Radikalisierung fördern.

– Woran Trolle und Glaubenskrieger im Internet zu erkennen sind und wie man mit ihnen am besten umgeht.

– Wie man Falschmeldungen erkennt und mit ihnen umgeht.

Das Buch „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig vermittelt Medienkompetenz, die mehr denn je notwendig ist.

Einen zusammenfassenden Beitrag zu diesem Buch habe ich hier publiziert.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie (Winterthur, Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

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Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen

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Hasspropaganda und Hasskommentare im Internet vergiftet das gesellschaftliche Klima und gefährdet die offen-liberale, pluralistische, demokratische Gesellschaft. Kritik gehört zur Demokratie wie das Salz in der Suppe. Aber Hass, Einschüchterung und Drohungen sind etwas fundamental anderes als Kritik und zurückzuweisen. Reflexion und Aktion gegen Hasspropaganda ist deshalb notwendig. Dieser Beitrag liefert dazu wichtige Stichworte und fasst zu diesem Zweck insbesondere im ersten Teil das Buch von Ingrid Brodnig zusammen (Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016).

 

Sechs Faktoren, welche die Enthemmung im Internet fördern

(nach John Suler)

  1. Anonymität: Gibt Gefühl der Unverwundbarkeit.

 

  1. Unsichtbarkeit: Nonverbale Feedbacksignale fallen weg. Fehlender Augenkontakt

 

  1. Asynchronität: Kein unmittelbares Feedback auf hasserfüllte Kommentare, „Emotionale Fahrerflucht“.

 

  1. Phantasievorstellung vom Gegner gespeist von eigener Persönlichkeit.

 

  1. Trennung zwischen Online- und Offline-Charakter: Online wird nicht so ganz ernst genommen.

 

  1. Fehlende Autorität: Online-Foren sind oft kaum moderiert – Hater werden selten zur Ordnung gerufen.

 

Internet fördert Echokammern – Echokammern fördern Radikalisierung

 

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Sichtweise bestätigen.

 

Menschen aggregieren sich in Communitys mit denselben Interessen. Kaum Kontakt mit Andersdenkenden.

 

Dadurch ständige Bestätigung der eigenen Vorurteile und Verfestigung der Vorstellung, dass alle so denken, wie man selbst.

 

Aggressive Kommentare auf Facebook bekommen mehr Likes (= Bestätigung). Bekommt ein Beitrag viele Likes und Kommentare, wird er von Facebook mehr gezeigt und bekommt mehr Beachtung. Dieses Zusammenwirken menschlicher und technischer Faktoren treibt die Polarisierung im Netz voran.

 

Diese Entwicklung ist verheerend, weil Demokratie darauf aufbaut, dass wir mit anderen Meinungen konfrontiert werden.

 

Zur Typologie problematischer Internetnutzer

1. Trolle

Ihnen geht es nicht um inhaltliche Anliegen, sondern um die eigene Belustigung. Sie wollen Aufruhr erzeugen und andere Internetnutzer zur Weissglut treiben. Daraus ziehen sie ein Gefühl der Überlegenheit. Die Bandbreite des Trollens reicht von skurrilen, aber harmlosen Provokationen bis hin zu äusserst verletzendem Mobbing.

Troll-Strategien nach Claire Hardaker:

– Abschweifen in ergebnislos bleibende Richtung, was Frustration auslöst.

– Unverhältnismässige oder pedantische Kritik.

– Antipathie auslösen durch Einnahme irritierender Haltungen und Sichtweisen.

– Eine Bedrohung fingieren, die andere Nutzer alarmiert.

– Schocken durch Tabubrüche und Verletzung von Moralvorstellungen.

– Unprovozierte Aggression durch grundlose Attacken und plumpe Beleidigungen.

 

2. Glaubenskrieger

Sie sind restlos überzeugt von einer Idee, dulden keinen Widerspruch und gehen aggressiv und herabwürdigend gegen alle vor, die eine andere Sichtweise einnehmen. Mit diesen Gegnern oder Feinden wollen sie nicht diskutieren, sondern sie nur wegmobben. In Diskussionen kommen sie sehr rasch auf ihr Thema, sind dort mitteilungsbedürftig, aufdringlich und von quasi religiösem Eifer getrieben. Glaubenskrieger wähnen sich im Krieg gegen Andersdenkende. Sie heizen daher die Stimmung gezielt an, weil sie polarisieren und eine Konfrontation herbeischreiben wollen.

 

Vier Faktoren sind charakteristisch für Glaubenskrieger:

 

– Unbeirrbare Überzeugungen:

Der Glaubenskrieger beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Demensprechend ist es im ernst. Im Gegensatz zum Troll agiert er nicht aus Jux und Tollerei. Er fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit möglichst laut zu verbreiten und zeigt als „Kampfposter“ oft grosses Engagement und eindrückliche Ausdauer.

 

– Heldenmythos:

Glaubenskrieger sind überzeugt davon, dass sie besser informiert sind als andere Menschen, und dass sie eine wichtige Information verstanden haben, die ein grosser Teil der Bevölkerung noch nicht so recht einsehen will. Dabei geht es oft um eine Bedrohung, manchmal sogar um ein Komplott, das die Eliten mittragen oder zumindestens schönreden. Hier kommen häufig Verschwörungstheorien ins Spiel. Glaubenskrieger begeben sich in Fundamentalopposition zum Rest der Gesellschaft und entwerfen ein Szenario von „Wir gegen die“, bei dem eine heldenhafte Gruppe gegen die verblendete Masse ankämpft.

– Abschottung:

Glaubenskrieger sind nicht zugänglich für Fakten und Argumente, die ihrem Weltbild widersprechen. Kommen sie argumentativ gegen einen Diskussionsgegner nicht an, werfen sie ihm kurzerhand vor, zu lügen oder verblendet zu sein. Sie selbst fallen auf durch ihren unsorgfältigen Umgang mit Fakten. Sie berufen sich oft auf Quellen, die keine hohen Qualitätsansprüche haben und die oft aus derselben Szene stammen wie sie selbst. Manche Glaubenskrieger halten auch den Einsatz gezielter Lügen für ein adäquates Mittel, um ihren Standpunkt durchzusetzen und auf die vermeintliche Bedrohung hinzuweisen.

 

– Aggressive Tonalität:

Glaubenskrieger zeigen kaum Empathie gegenüber Andersdenkenden. Ihr aggressives Auftreten erfüllt zwei Aufgaben: Erstens stärkt es den Zusammenhalt durch Abgrenzung der „Eigengruppe“ von der „Fremdgruppe“. Der gemeinsame Feind vereint die Eigengruppe. Zweitens sollen Andersdenkende gezielt verunglimpft, übertönt und zum Verstummen gebracht werden. Sachliche Stimmen ziehen sich durch die ständigen Beleidigungen aus der Diskussion zurück. Andersdenkende werden bewusst so lange frustriert, bis sie gar nicht mehr das Wort ergreifen (Silencing). Die kontinuierlichen Provokationen führen manchmal dazu, dass Andersdenkende sich ebenfalls im Ton vergreifen. In den Augen der Glaubenskrieger beweist das dann, dass sie selbst die wahren Opfer sind.

 

Glaubenskrieger gibt es in vielen Varianten: Islamfeindliche, islamistische, rechtsextreme, linksextreme, antifeministische, fundamentalistisch impfkritische…..

 

Wie funktionieren Glaubenskrieger?

– Motiviertes Denken:

Die Weltsicht ist stark mitbestimmend für ihre Denkweise: „Motivated Reasoning“ (Motiviertes Denken) durch

  1. a) „Selective Exposure“ = verstärkte Suche nach Informationen, die mit den eigenen bestehenden Ansichten übereinstimmen, und
  2. b) „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler) = Aussagen eher akzeptieren, die der eigenen Weltsicht entsprechen, und
  3. c) „Disconfirmation Bias“ = Informationen eher ablehnen oder ignorieren, wenn sie der eigenen Weltsicht widersprechen.

 

– Zulaber-Technik:

In nur wenigen Sätzen unzählige Behauptungen aufstellen, was den Eindruck vermitteln soll, dass sie sich extrem gut auskennen. So rasch, wie Glaubenskrieger oft fragwürdige Behauptungen in den Raum werfen, kann ein Gegenüber sie gar nicht auf Richtigkeit überprüfen und gegebenenfalls widerlegen.

 

– Permanente Wiederholung:

Glaubenskrieger versuchen, ihre kognitiven Kurzschlüsse durch ständige Wiederholung zu verbreiten. Das Internet vervielfacht die Möglichkeiten dazu. Ständige Wiederholung von Behauptungen ist sehr wirkmächtig.

 

– Kampf um kulturelle Hegemonie:

Glaubenskrieger versuchen, digitale Diskussionsräume mit ihrer Aggression zu besetzen und damit sachliche Debatten in erhitzte Schlachtfelder zu verwandeln.

 

– Hass als Instrument zur Verhinderung von Empathie:

Durch fehlende Empathie fallen Hemmungen gegenüber den Gehassten weg, was starke Feindschaft ermöglicht und daraus folgende Spaltung in „wir“ gegen „die“.

 

– Schimpfworte und verbale Attacken:

Die konsequente Verwendung von Schimpfworten und verbalen Attacken führt zur Polarisierung und verhindert Konsensfindung, die für demokratische Gesellschaften essentiell ist.

 

– Fortlaufende Provokationen:

Durch Provokationen wird der Gegner dazu verleitet, selbst ausfällig zu werden. Gelingt das, kann sich der Glaubenskrieger als Opfer präsentieren. Statt in die Falle zu tappen und selber ausfällig zu werden: Unfaire Diskussionsstile konsequent benennen!

 

– Pochen auf „Meinungsfreiheit“ als Immunisierungsstrategie:

Glaubenskrieger missbrauchen den für demokratische Gesellschaften wichtigen Begriff der Meinungsfreiheit, klagen darüber, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und stellen sich als Opfer von Zensur dar. Sie missverstehen oder verdrehen dabei den Sinn der Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit ist jedoch kein Freibrief für Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen oder rüpelhaftes Verhalten. Sie umfasst nicht das Recht, jederzeit und überall zu Wort zu kommen und Gehör zu finden. Sie schützt auch nicht vor Kritik und In-Frage-gestellt-werden. Wie andere Grundrechte auch, ist die Meinungsfreiheit nicht grenzenlos. Sie schützt insbesondere vor Eingriffen der Behörden und staatlicher Verfolgung, wenn man Informationen oder Ideen weitergeben möchte.

 

Silencing

Mit „Silencing“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen. Ziel der Attacken: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Die Diskussionsräume im Internet sind kein egalitärer Ort. Von Silencing sind nicht alle Internet-Nutzer gleichermassen betroffen. Potenzielles Ziel von zum Teil organisierten Hasskampagnen sind alle, die sich mit Meinungen exponieren, die den Glaubenskriegern zuwider laufen, insbesondere Politikerinnen und Politiker. Frauen werden härter attackiert und persönlicher diffamiert, wobei Verunglimpfungen und Drohungen oft sexualisiert daherkommen, zum Beispiel als Vergewaltigungsdrohung.

Davon besonders betroffen sind Journalistinnen, Feministinnen und Lesben. Ein Migrationshintergrund verschärft die aggressive Tonalität der Angriffe.

 

Für demokratische Gesellschaften ist Silencing fatal, weil grosse Teile der Bevölkerung dadurch im öffentlichen Diskus unsichtbar werden.

Silencing belastet am stärksten, wenn Betroffene den Eindruck bekommen, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Solidaritätsbekundungen anderer User sind daher enorm wichtig.

 

Falschmeldungen und Lügen als Hass-Generatoren

 

Falschmeldungen und Lügen verbreiten sich im Netz wahnsinnig schnell. Sie sind oft sehr viel schockierender und emotionalisierender als Richtigstellungen und werden daher auch von mehr Menschen geliked und weitergereicht. Die höhere Rate an Likes und Shares wiederum hat zur Folge, dass der Facebook-Algorithmus Falschmeldungen gegenüber Richtigstellungen bevorzugt und sie stärker verbreitet.

Die ständigen Wiederholungen machen die Fälschungen so wirkungsvoll. Glaubenskrieger zielen mit der Verbreitung von Falschmeldungen auf die Erzeugung von Panik. Die bisher ruhige Mitte, die sich in die Debatte nicht einmischt, soll auch polarisiert werden.

 

Umgang mit Falschmeldungen:

 

– Grundsätzliche Medienkompetenz vermitteln: Meldungen zuerst prüfen, erst danach allenfalls weiterverbreiten („Zuerst denken, dann klicken“). Quellen von Meldungen prüfen (wer, was, wann, wo, wie?). Weblink: www.mimikama.at

 

Richtigstellungen sind schwierig und müssen gut formuliert sein: Sie erreichen weniger Leute und oft die falschen. Facebook praktiziert „Preaching to the Choir“: Die Botschaft wird demjenigen präsentiert, der ohnehin schon an den Inhalt glaubt. Eine flüchtlingsfeindliche Falschmeldung wird dem Flüchtlingsfeind gezeigt, die Richtigstellung eher dem Flüchtlingsfreund. Dazu kommt der „Backfire Effekt“. Der Schuss kann nach hinten losgehen: Glaubenskrieger werden durch Richtigstellung von Falschmeldungen, die ihr Weltbild bestätigen, in diesem Weltbild oft sogar bestärkt.

Korrekturen nicht als Verneinung formulieren, weil dann die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt wird. „Obama ist kein Moslem“ verfestig die Verbindung „Obama–Moslem“. Affirmation ist wirksamer: „Obama ist Christ“. Den Hintergrund der Falschmeldung erklären (wem nützt sie?). Auf häufige Widerholungen falscher Aussagen verzichten.

 

– Bei rufschädigenden Falschmeldungen: Anzeige prüfen.

 

Quelle:

Ingrid Brodig, Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016

Die bisherigen Abschnitte sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung dieses Buches. „Hass im Netz“ können Sie kaufen im Buchshop.

 

Hasspropaganda als Instrument hybrider Kriegsführung

 

Hasspropaganda im Internet wird auch eingesetzt im Rahmen hybrider Kriegsführung. Dabei handelt es sich um „eine flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den völkerrechtlich angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen.“ (Quelle: Wikipedia).

Desinformationskampagnen und Propaganda spielen im hybriden Krieg eine wichtige Rolle. Aktuelles Beispiel ist die hybride Kriegführung Russlands (Krim, Ostukraine) und die propagandistische und finanzielle Unterstützung rechtsradikaler und linksradikaler Bewegungen in Europa durch die Kremlführung.

Beispiele:

– Staatlich gelenkte russische Propagandamedien streuen Falschmeldungen über Vergewaltigung durch NATO-Soldaten in Litauen.

– Unterstützung Marine Le Pens durch Diffamierung Macrons durch „Sputnick“ (Unterstellung von verheimlichter Homosexualität).

– Der „Fall Lisa“.

– Die St. Petersburger Trollfabrik, zur Flutung von Kommentarspalten westlicher Medien mit kremlfreundlichen, EU-feindlichen, Merkel-feindlichen Statements.

– Das Donezk-Leak aus dem E-Mail-Account der Informationsministerin der prorussischen Rebellen in der Ostukraine zeigt die Propagandastrategie und den Einfluss Russlands auf den Propagandaapparat der Separatisten.

– Social-Bots-Armeen für die politische Propaganda und Desinformation.

Quelle für diesen Abschnitt:

Markus Wehner, Putins Kalter Krieg, Knauer 2016

Boris Reitschuster, Putins verdeckter Krieg, Econ 2016

 

Kernpunkte im Engagement gegen Hasspropaganda:

– Differenzieren, ohne zu verharmlosen. Das ist nicht selten eine Gratwanderung.

– Unterscheiden zwischen Hass / Hetze / Diffamierung einerseits, und Kritik andererseits. Kritik bezieht sich auf konkrete Sachverhalte, Äusserungen oder Handlungen. Sie basiert auf Argumenten. Kritik ist wichtig und muss erlaubt sein. Sie ist unerlässlich in einem demokratischen Gesellschaftsmodell. Hass / Hetze / Diffamierung dagegen pauschalisiert, zielt auf die Person oder auf Personengruppen.

– Propaganda-Strategien durchschauen lernen. Wie überprüft man Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt?

– Unterscheiden lernen: Wie weit geht die Meinungsäusserungsfreiheit – und wo endet sie?

– Hasspropaganda kann jeden und jede treffen. Es gibt zum Beispiel Islamhasser, Hass von Islamisten gegen „Ungläubige“, Hass gegen Homosexuelle, Übergewichtige, gegen besonders „schöne“ oder „hässliche“ Menschen…………Das Engagement gegen Hasspropaganda ist deshalb umfassend und lässt sich nicht von einer bestimmten Position vereinnahmen.

– Gegenseitiger Hass hängt sehr viel stärker zusammen, als es den Beteiligten klar ist. Islamhasser und Islamisten brauchen sich, fördern sich gegenseitig und spielen sich in die Hände. Darum kann man Islamisten nicht mit Islamhass bekämpfen und Islamhass nicht durch Islamismus. Es braucht unabhängiges Engagement gegen Hasspropaganda.

 

Mögliche Aktivitäten gegen Hasspropaganda

– Counterspeech: Bei der Counter Speech geht man bewusst auf Redewendungen ein, die Ressentiments und Vorurteile enthalten: nicht durch Polemik, sondern durch unaufgeregte und klare Argumentation, die den diskriminierenden Post ins Leere laufen lässt. Counterspeech kann auch der Stärkung von Minderheiten dienen, weil diesen damit öffentlich gezeigt wird: »Ihr seid nicht alleine.« Guter Counterspeech will gelernt sein. Vernetzung und Erfahrungsaustausch sind dazu nützlich. Die Forderung nach Counterspeech ist allerdings bequem für die Social Media Plattformen. Counterspeech hält die Leute auf der Plattform und Twitter, Facebook & Co. können sich um ihre Veranwortung drücken. Die User erledigen die „Putzarbeit“ auf der Plattform, die eigentlich die Plattform-Firmen erledigen müssten. Daher ist neben gutem Counterspeech auch wichtig:

 

– Druck machen auf die Social Media Plattformen, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen (Rasche Löschung von Hass, Diffamierung, Drohung; Algorithmen überarbeiten, damit sie nicht Hass, Drohung, Diffamierung begünstigen).

 

– Hasspropaganda im Internet auffinden und an die entsprechenden Stellen melden (Social Media Plattformen, http://www.hass-im-netz.info, Gericht).

 

– Gegen Hasspropaganda sensibilisieren in Schulen, Betrieben etc.

 

– Möglichkeiten suchen und aufbauen, um Opfer von Hasspropaganda zu unterstützen.

 

Links gegen Hasspropaganda:

 

– Die Facebook-Gruppe #ichbinhier wirkt aktiv Hasskommentaren entgegen und steht für eine Diskussionskultur, die auf Argumenten basiert – nicht auf Gerüchten und Beleidigungen.

 

http://www.stoppt-hasspropaganda.de

 

http://www.mimikama.at (Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch)

 

https://no-hate-speech.de

 

http://hasspropaganda.tumblr.com (Seite von Martin Koradi)

 

http://www.stopfake.org/de/start/ (widerlegt russsiche Fake News zur Ukraine).

 

http://www.solidaritystorm.at/index

 

Zitat von Heinz Kleger zum Thema Einschüchterung:

«Bei solchen Fragen der Einschüchterung und Gewalt geht es nicht um Kompromisse. Abgesehen von faulen Kompromissen sind verhandelte Kompromisse meistens gut, zumindest sind sie legitim. Bei Gewalt- und Einschüchterungsfragen geht es dagegen um weit mehr, nämlich um Legitimitätskonzessionen und die sind immer schlecht, wenn es um Demokratie geht. Jeder sollte ohne Angst zu Wort kommen können. Einschüchterung und Gewalt sind nicht nur zu verachten, sondern offen zu bekämpfen. Entscheidend ist, dass es eine sichtbare Gegenwehr gibt.

Dies gilt insbesondere für eine Hasspropaganda, die zu Gewalt führt. Eine Politik des Hasses und der Gewalt lässt sich mit Demokratie nicht vereinbaren („not in my name“). Viel zu oft nehmen wir sie passiv hin, was kein Ausdruck demokratischer Tugendethik ist, sondern der Anfang vom Ende: Die lauten Minderheiten gewinnen dann über die stillen Mehrheiten, im Kleinen wie im Grossen. Gesellschaftliche Mehrheitsverhältnisse werden umgedreht. Toleranz und Entschiedenheit schliessen sich jedoch nicht aus, im Gegenteil. Es ist wichtig, frühzeitig, klug, breit und originell (in Verbindung mit den neuen Techniken, Künsten und den Lebenswelten heutiger Jugendlicher) gegen eine Politik des Hasses vorzugehen. Über und mit der Toleranz steht die Übung der Urteilsfähigkeit. Zu den kleinen Schritten der Aufklärung als Prozess gehört die Überprüfung der Informationen, um nicht Mitläufer zu werden („erst prüfen, dann teilen“).»

Quelle: Tugendethik ohne Tugendterror, Heinz Kleger, Verlag Books on Demand, 2015, Seite 89. Heinz Kleger ist Politikwissenschaftler in Potsdam.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Für den konstruktiven Weg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Was ist Populismus? Und was nicht? (eine Zusammenfassung des Buchs „Was ist Populismus“ von Jan-Werner Müller).

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist eine fulminante Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie, die heute wieder weltweit unter Druck steht.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Was ist Populismus? Und was nicht?

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Populismus, Populist, populistisch – das sind Ausdrücke, die heute fast inflationär und ohne klare Bedeutung eingesetzt werden. Das ist unter anderem deshalb problematisch, weil sie dadurch ihre Unterscheidungskraft verlieren. Im folgenden Beitrag stelle ich insbesondere das Populismus-Konzept des Politologen Jan-Werner Müller zusammenfassend vor. Sein Konzept kann zu mehr Klarheit verhelfen darüber, womit wir es beim Populismus zu tun haben.

Martin Koradi


 

„Populismus“ wird oft oberflächlich als Schlagwort verwendet und als politischer Kampfbegriff eingesetzt.

Aber: Nicht jeder, der „Eliten“ kritisiert, gegen Globalisierung und Euro wettert, Emotionen instrumentalisiert und/oder für komplexe Sachverhalte simple Lösungen anbietet, ist ein Populist. Wird der Begriff „Populismus“ zu breit und vage eingesetzt, kommt ihm jede Unterscheidungskraft abhanden, worunter nicht zuletzt die politische Urteilskraft leidet. Deshalb braucht es eine griffige Definition und eine klare Vorstellung davon, womit wir es beim „Populismus“ zu tun haben.

Was charakterisiert Populismus?

– Populismus ist eine Politikvorstellung, bei der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen, die eigentlich gar nicht zum wirklichen Volk gehören.

– Insbesondere für Rechtspopulisten gehört eine angeblich parasitäre Unterschicht ebenfalls nicht zum wahren Volk und wird oft in einer unheiligen Allianz mit den Eliten gesehen.

– Populisten wähnen sich im Besitz eines moralischen Alleinvertretungsanspruchs: Sie behaupten: „Wir sind das Volk!“ oder genauer „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk“, wobei sie damit stets eine moralische Aussage machen, nicht eine empirische über ein reales Volk in der Aussenwelt. Wegen diesem moralischen Alleinvertretungsanspruch sind Populisten nicht nur antielitär, sondern auch antipluralistisch.

– Wer sich den Populisten entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, zählt automatisch nicht zum wahren Volk. Diese antipluralistische Haltung ist zugleich antidemokratisch, weil Demokratie ohne Pluralität nicht zu haben ist.

– Der moralische Alleinvertretungsanspruch der Populisten und ihre Vorstellung eines imperativen Mandats kommen auch zum Ausdruck, wenn sie einen fiktiven „Vertrag mit dem Volk“ schliessen – wie es beispielsweise die SVP, Jörg Haider und Silvio Berlusconi getan haben. Politik ist dann vermeintlich nur noch Vertragserfüllung und es wird dabei ausgeblendet, dass das Vertragsangebot eben nicht vom „Volk“, sondern von einer partikulären Partei ausging. Der „Vertrag mit dem Volk“ ist zudem einseitig geschlossen, weil „das Volk“ gar nicht gefragt wird und schon gar nicht die unterschiedlichen Individuen und Interessengruppen einer Bevölkerung.

– Für Populisten gibt es nur einen einzigen, klar erkennbaren Volkswillen, den der Führer oder die Führungsmannschaft eindeutig identifizieren kann. Unterschiedliche Interessenlagen im Volk werden damit negiert.

– Diese Führerfigur verspricht nichts anderes, als die Macht von der korrupten Elite und den bürokratischen Apparaten wegzunehmen und sie dem „Volk“ zurückzugeben. Die Inszenierung dieser Figur als alleiniger Garant für diese „Machtzurückholung“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Populismus. Paradox an dieser Inszenierung ist, dass die Führerfigur selbst dabei einerseits als so unwichtig erscheinen soll, dass sie als Person ganz hinter ihrem „Auftrag“ verschwindet, dass sie aber andererseits als mächtig und stark genug imaginiert werden muss, um die korrupten Eliten und Institutionen zu bekämpfen. Die populistische Führerfigur stellt sich dar als zwar notwendige, aber in sich bedeutungslose Kontaktstelle, als Durchgangspunkt nur. (1)

– Populismus ist die Forderung nach dieser unmittelbaren, unvermittelten Verbindung zwischen dem Volk und der Macht, geschaffen durch die populistische Führungsfigur. Parlamente, eine unabhängige Justiz, eine unabhängige staatliche Verwaltung und unabhängige Medien stehen dieser unmittelbaren Verbindung im Wege. Ginge dieser populistische Traum vom Unmittelbaren in Erfüllung, wäre damit das Ende der Demokratie als Herrschaft des Volkes eingeläutet. Die Aushandlungs- und Ausgleichsprozesse zwischen den zahlreichen unterschiedlichen Interessen in komplexen Gesellschaften verlangen Regeln und spezialisiertes Personal, die weder dem „Willen“ eines als einheitlich phantasierten „Volkes“ entsprechen können, noch durch eine Regierung ersetzt werden sollen, die diese Einheit autoritär verordnet. Der Populismus scheitert deshalb am Widerstand der Institutionen und an den Komplexitäten der Gesellschaft – oder er wird so autoritär, dass er seinen Legitimationskern, den Bezug auf das We, the people, vollständig verliert und zur Diktatur mutiert. (1)

– Populisten neigen dazu, Militaristen zu sein, weil die Logik ihrer Macht die Logik der Abgrenzung ist. Diese Politik hat nicht nur potenziell gewalttätige Konsequenzen, wenn militärische Formen der Grenzziehung gegenüber anderen Nationen aktiviert werden, sondern auch an den „inneren“ Grenzen einer Gesellschaft, dort, wo definiert werden soll, wer aus ihrem Kreis zum „Volk“ gehört und wer nicht. Dass Populisten innere und äussere Sündenböcke brauchen, trägt zur gewaltträchtigen Aufladung bei. Populisten stecken auf diesem Hintergrund oft deutlich mehr finanzielle Mittel in die Bereiche „Innere Sicherheit“ und „Verteidigung“. (1)

Wie erklären Populisten den Umstand, dass sie nicht an der Macht sind?

Solange Populisten in der Opposition sind, haben sie ein Problem: Sie müssen erklären, weshalb sie nicht an der Macht sind, obwohl sie doch in ihrem Verständnis das „Volk“ repräsentieren. Fehlende Mehrheiten scheinen dem Alleinvertretungsanspruch der Populisten zu widersprechen.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, nutzen Populisten hauptsächlich zwei Strategien:

  1. Die „Schweigende Mehrheit“

Populisten appellieren an ein „Volk“ da draussen, das sich mittels Wahlen oder anderen konventionellen demokratischen Verfahren nicht äussert, aber insgeheim die Ansichten der Populisten teilt.

  1. Moralische Gewinner

Verlieren Populisten eine Wahl, unterscheiden sie zwischen einem empirischen und einem moralischen Wahlergebnis. Diejenigen, die gegen die Populisten gestimmt haben, gehören moralisch gar nicht zum wirklichen „Volk“. Die Populisten sehen sich dadurch als moralische Gewinner.

  1. Defekte und korrupte Prozeduren

Mit einer Demokratie, in der die Populisten mit ihrem Alleinvertretungsanspruch nicht die überragende Mehrheit gewinnen, kann ja wohl nur etwas nicht stimmen. Die Verfahren müssen korrupt sein, die Medien von der herrschenden Elite instrumentalisiert („Lügenpresse“). Eine gute Portion Verschwörungstheorie hilft, das Unerklärliche der populistischen Niederlage zu erklären.

Populisten an der Macht

Man hört oft die Ansicht, Populisten könnten nur auf Opposition machen, aber nicht regieren. Sie würden an der Macht rasch an den Fakten scheitern und sich selber entzaubern. Damit aber machen es sich die Gegner der Populisten zu einfach.

Populisten können sehr wohl an der Macht sein und gleichzeitig Eliten kritisieren – nämlich die alten, die hinter den Kulissen immer noch die Strippen ziehen und die Populisten daran hindern, den wahren Volkswillen zu vollstrecken. Mehrheiten können sich wie verfolgte Minderheiten aufführen und damit von eigenen Misserfolgen ablenken. Und ob sie in der Opposition sind oder an der Macht: Populisten werden die politische Auseinandersetzung immer extrem polarisieren und moralisieren, sowie laufend neue Sündenböcke und Feinde entdecken. An der Macht zelebrieren die Populisten Volksnähe und die Krise als Dauermodus.

Im Einklang mit ihrem Alleinvertretungsanspruch und den damit verbundenen Antipluralismus wenden Populisten an der Macht ganz bestimmte Herrschaftstechniken an. Konkret lassen sich drei Herrschaftstechniken beschreiben, die charakteristisch sind für den Populismus, wenn er an die Macht gelangt:

  1. Die Vereinnahmung des gesamten Staates

Populisten nehmen den gesamten Staatsapparat in Besitz und platzieren ihre Partei- und Gefolgsleute in Positionen, die normalerweise neutrale Beamte innehaben sollten. Populistische Regierungen wie in Ungarn und Polen versuchen möglichst rasch, die Justiz und die Medienaufsicht unter ihre Kontrolle zu bringen, um zu verhindern, dass Richter und Journalisten weiterhin gegen die imaginierten Interessen des „Volkes“ agieren können. Wer diese Massnahmen kritisiert, wird als egoistischer Vertreter der alten, korrupten Eliten gebrandmarkt oder als Verräter an der Nation beschimpft. Populisten rechtfertigen diese Massnahmen damit, dass sie die einzigen legitimen Vertreter des Volkes sind. Warum sollte das „Volk“ seinen Staat nicht in Besitz nehmen und die Ausführung seines autentischen Willens durch das richtige Personal sicherstellen? Wer als neutraler Beamter auf Verfahrensregeln pocht oder als Richter auf der Einhaltung von Verfassungsgrundsätzen besteht, wird rasch als antidemokratisch hingestellt.

  1. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus

Damit erkaufen sich Populisten politische Unterstützung durch bevorzugte Behandlung für gefügige Bürger (lukrative Pöstchen, bevorzugte Behandlung in Behörden). Aus Sicht der herrschenden Populisten lässt sich der Klientelismus damit begründen, dass nur Anhänger zum wahren Volk gehören und Unterstützung verdienen. Enthüllungen über Klientelismus und Korruption schaden den Populisten nicht unbedingt. Aus Sicht ihrer Anhänger haben sie das alles nur für sie, das wahre Volk, getan.

  1. Unterdrückung von Zivilgesellschaft und Medien

Regt sich aus der Zivilgesellschaft heraus Widerstand gegen regierende Populisten, ist es für diese von hoher symbolischer Bedeutung, die Opposition zu diskreditieren. Sonst könnte es ja so aussehen, als repräsentierten die Populisten doch nicht das ganze Volk. Machthaber wie Putin oder Orbàn unterstellen daher kritischen Teilen der Zivilgesellschaft gern, sie seien von ausländischen Agenten ferngesteuert.

Diese drei Herrschaftstechniken sind von etwas gekennzeichnet, was „diskriminierender Legalismus“ genannt werden kann. Gegenüber politischen Gegnern wird das Recht bis in die feinsten Details angewandt und, wann immer möglich, buchstabengetreu ausgelegt; gegenüber den eigenen Anhängern dagegen gilt „normales“ Recht beziehungsweise es wird versucht, Ausnahmeregelungen und Vergünstigungen festzulegen.

Das Beispiel Ungarn zeigt zudem, dass Populisten an der Macht die Verfassung zu ihren Gunsten umschreiben können. Sie schreiben ihre politischen Anliegen direkt in der Verfassung fest und erschweren so ihre Abwahl oder nach ihrer Abwahl eine Richtungsänderung. Die Verfassung verliert dadurch eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Sicherstellung des Pluralismus.

Zum Umgang mit Populismus

Angesichts der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen des Populismus stellt sich die Frage nach dem passenden und wirksamen Umgang mit diesem Phänomen. Die Herausforderung liegt dabei darin, die Auseinandersetzung mit dem potenziell antidemokratischen Populismus in demokratischer Weise zu führen und ohne dass dadurch die Selbststilisierung der Populisten, sie würden durch die bösen Eliten diskriminiert, noch verstärkt wird.

Dazu einige Stichworte:

– Den Populismus nicht psychologisieren oder pathologisieren. Populisten sind nicht an ihren Gefühlslagen zu erkennen – zum Beipiel Abstiegsängsten oder Ressentiments – sondern an ihrem moralischen Alleinvertretungsanspruch. Wer die Anhängerschaft der Populisten von oben herab therapieren will, wird scheitern.

– Populistische Parteien sollten nicht verboten werden, sofern sie nicht eindeutig Volksverhetzung betreiben oder gar zur Gewalt aufrufen.

– Politische Parteien, Medien und die Zivilgesellschaft sollten Populisten nicht moralisch ausgrenzen. Eine „Mit denen reden wir nicht!“-Haltung bestätigt Populisten nur in ihrer Vorstellung, ein Machtkartell der etablierten Elite unterdrücke jede Kritik. Eine Antwort auf die Populisten kann nur in der Auseinandersetzung mit ihnen bestehen. Dabei sollten die etablierten Parteien untereinander um gute und gangbare politische Lösungen der politisch relevanten Probleme ringen. Entscheidend ist aber, in welcher Art diese Auseinandersetzung geführt wird.

– Provokationen sind ein Hauptinstrument der Populisten. Wer mit ihnen diskutieren will muss Provakationen ins Leere laufen lassen können. Zum Beispiel indem man nicht mit der vom Provokateur erwarteten Empörung reagiert, nicht sofort eine Gegenposition formuliert, sondern genau nachfragt und mit sachlichen Fakten kontert.

– Populisten pflegen oft nur eng begrenzte Themenfelder (Flüchtlinge, Islam, Europa…). Wer mit ihnen auf diesem Terrain diskutieren will, soll bestehende Probleme offen ansprechen, ohne den Blickwinkel, die Interpretation, den „Frame“ und die Lösungsvorstellungen der Populisten voll zu übernehmen.

– In Interviews und auf Podien Populisten konsequent auch auf Themen ansprechen, die nicht zu ihren Heimspielen gehören (z. B. Krankenversicherung, Rente, Wirtschaftslage….). Dabei zeigt sich oft überaus deutlich, wie schwach die Lösungsansätze der Populisten in diesen Bereichen sind.

– In der Auseinandersetzung mit Populisten immer wieder darauf hinweisen, wie vielfältig die Vorstellungen und Interessen in der Bevölkerung gelagert sind und wie illusionär die Idee eines einheitlichen „Volkswillens“ ist. Gegner der Populisten können mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sie auch Staatsbürger sind, und nicht in die krude Vorstellung eines einheitlichen „Volkes“ passen.

– Unterscheiden zwischen Diffamierung und Kritik. Populisten arbeiten sehr oft mit pauschalen Diffamierungen: Die Lügenpresse, die korrupten Eliten, die Politiker, die Altparteien…..Wer Populismus bekämpfen will soll selber keine pauschalen Diffamierungen verwenden und keine pauschalen Diffamierungen unwidersprochen stehen lassen. Im Unterschied zu pauschalen Diffamierungen ist Kritik erwünscht. Kritik differenziert (wer, was, wo, wann, wie?) und stellt bestimmte Sachverhalte oder Handlungen in Frage. Diffamierungen zielen dagegen oft auf die Person und bestehen aus moralischen Angriffen (z. B. „Landesverräter“).

– Andere politische Parteien sollten Populisten nicht zu imitieren suchen. Die Anhänger von Populisten wählen das Original, nicht die Kopie. Die Übernahme populistischer Forderungen durch die etablierten Parteien verhilft populistischen Parteien daher zum Durchbruch. Die etablierten Parteien profitieren dagegen längerfristig nicht von dieser Anbiederung, da die einfachen Lösungen der Populisten nicht zum Erfolg führen.

– Die Würde des Arguments verteidigen, Fakten ernstnehmen. Expertenwissen nicht diffamieren, sondern wertschätzen, ohne dabei unkritisch zu werden.

– Genau hinschauen, wo Populisten reale Probleme ansprechen. Dort nicht-populistische Lösungen anbieten, welche die oft simplen populistischen Lösungen alt aussehen lassen.

Quellen:

Jan-Werner Müller, Was ist Populismus, edition suhrkamp 2016 (Hauptquelle)

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University.

(1) Quelle für diese Abschnitte:

Philipp Sarasin, Die autoritäre Logik des #Populismus,

URL im Internet:

https://geschichtedergegenwart.ch/die-autoritaere-logik-des-populismus/

Martin Koradi, April 2017

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Ingwer: Wie eine tolle Heilpflanze unseriös als Wundermittel gegen Krebs vermarktet wird

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Angst vor Krebs, das kennen wohl die meisten Menschen mehr oder weniger ausgeprägt.

Toll also, wenn eine Website uns auf ein rein pflanzliches Krebsheilmittel hinweist, das 10 000 mal effektiver ist als Chemotherapie und das zudem noch ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Wie dankbar müssen wir dieser Website sein, die uns solch wertvolle Informationen aufdeckt, die von der bösen Pharmaindustrie natürlich unterdrückt werden.

Ingwer soll 10 000 mal effektiver gegen Krebs wirken als Chemotherapie. So verspricht es ein Webportal für Frauen, dessen Name ich lieber nicht erwähnen will, weil ich für diesen Schrott nicht noch Werbung machen möchte, und weil hunderte Websites im Netz zu finden sind, die solche oder ähnliche Versprechungen verbreiten.

Ingwer sei eine natürliche und schonende Therapie gegen bestimmte Krebsarten, vor allem gegen Brustkrebs. Wer regelmäßig Ingwer esse, könne Krebs sogar vorbeugen. Das bestätige unter anderem die Studie einer spanischen Universität.

Liest man dann, was über die erwähnte Studie geschrieben steht, wird rasch klar: Es geht dabei um Laborexperimente mit Krebszellen von Mäusen und Menschen.

Es ist einfach beelendend mit solchen Websites, die einerseits auf kritisch gegenüber der wissenschaftlichen Medizin machen, aber andererseits jedes wissenschaftliche Ergebnis aus dem Reagenzglas schamlos nutzen, um daraus ein neues Wundermittel gegen Krebs zu machen.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wenn ein pflanzlicher Wirkstoff in Reagenzglas eine Wirkung auf Krebszellen zeigt, heisst das noch lange nicht, dass man damit auch einen Tumor im menschlichen Organismus heilen kann. Die Situation im Körper eines Krebspatienten ist um ein vielfaches komplexer als die Situation im Reagenzglas. Und es ist in diesem Stadium der Forschung immer noch eine Vielzahl von Fragen ungeklärt.

Wie gelangen die Wirkstoffe in den Körper? Werden sie aus dem Darm in genügender Menge resorbiert oder müssen sie gespritzt werden? Gelingt es, im Organismus eine wirksame Konzentration aufzubauen über die nötige Zeit? Wieviel Ingwer müsste ich täglich dazu essen und ist das realistisch?  Und besteht dann, wenn es gelingt, eine wirksame Konzentration im Organismus aufzubauen, die Krebszellen tötet, nicht auch das Risiko von Schädigungen an gesunden Zellen?

Es gibt Tausende von Naturstoffen, die im Reagenzglas eindrückliche Effekte auf Krebszellen zeigen. Und die allermeisten dieser Substanzen scheitern dann, wenn es um den Nachweis von Wirkungen im lebenden Organismus von Krebspatienten geht. Das ist zugegebener massen jedesmal enttäuschend, aber es wäre ehrlich das so zu sagen.

Stattdessen blenden die Heilstrompeter im Internet diese Begrenzungen aus und machen ihre Geschäfte mit den Ängsten und Hoffnungen von gesunden Menschen und Krebskranken.

Darum kann man nur sagen: Lasst Euch nicht an der Nase herum führen und schaut genau hin.

Das ist nötig in jedem Bereich – unabhängig davon, ob die Aussagen und Versprechungen aus den Bereichen Medizin,

Komplementärmedizin, Alternativmedizin, Naturheilkunde oder woher auch sonst kommen.

Und es gilt sich immer wieder klar zu machen, dass es im Internet keine Qualitätskontrolle gibt. Jeder und jede kann dort (fast) alles publizieren. Das hat einerseits Vorteile, bringt aber auch massive Probleme mit sich.

Wer lernen will, wie sich Bullshit von Ernst zu nehmender Information unterscheiden lässt, kann das übrigens mindestens ein Stück weit in meinen Lehrgängen (Phytotherapie-Ausbildung, Heilpflanzen-Seminar).

Und Ingwer ist im Übrigen durchaus eine interessante Heilpflanze.

 

Nur damit ich jetzt nicht wieder Vorwürfe bekomme, ich sei ein „Ingwerfeind“ und von der Pharmaindustrie oder der „Krebsmafia“ gekauft – hier ein paar „positivere“ Texte zur Wirkung von Ingwer:

Öko-Test: Ingwer gegen Reisekrankheit als „gut“ bewertet

Metaanalyse: Ingwer reduziert Menstruationsschmerzen

Metaanalyse: Ingwer lindert Schmerzen bei Arthrose

Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

Ingwer lindert akuten Kopfschmerz bei Migräne

Ingwer-Extrakt reduziert möglicherweise den Blutzucker

Onkologie / Palliative Care: Ingwer gegen Erbrechen bei Chemotherapie

Ingwer als Hausmittel gegen Verdauungsbeschwerden

Forschung zum Wirkungsmechanismus von Ingwer gegenÜbelkeit bei Chemotherapie

Phytotherapie: Ingwer gegen Infektionen?

Ingwer bei Erkältungen

Ingwertee gegen Übelkeit und Erbrechen

Ingwer schädigt Prostatakrebszellen

(aber eben: in Laborexperimenten an Zellen und in Tierversuchen; das tönt einfach nicht so heiss wie: Ingwer heilt Prostatakrebs)

Ingwer und andere Tipps gegen Reisekrankheit

Phytotherapie: Ingwer gegen Übelkeit und Erbrechen

Phytotherapie: Ingwer gegen Schwangerschaftserbrechen

Ingwer lindert Muskalkater

 

Ingwer-Inhalationen gegen Schnupfen

Ingwer kann Übelkeit bei Chemotherapie reduzieren

Phytotherapie: Ingwer lindert Übelkeit bei Chemotherapie

Ingwer gegen Schwangerschaftserbrechen?

 

Huch, das reicht jetzt als Beleg, dass ich kein Ingwerfeind bin…, oder? Solche Vorwürfe kommen nämlich regelmässig, wenn man etwas kritisches über Heilpflanzen schreibt. Es gibt dann immer Leserinnen und Leser, die meinen, sie müssten die angegriffene Heilpflanze verteidigen. Das ist aber ein Missverständnis. Ich kritisiere ja nicht die Heilpflanze Ingwer, sondern die fragwürdigen bis verantwortungslosen Versprechungen, die mit ihr in die Welt gesetzt werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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