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Placebo-Effekt bei Tieren? Kommt selbstverständlich vor!

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Dieses Argument kommt häufig auf den Tisch in Diskussionen rund um Alternativmedizin und Komplementärmedizin:

„Präparat X wirkt auch bei Tieren. Das beweist, dass es nicht nur ein Placebo ist.“

So beispielsweise hier in einem Artikel der „Südwest Presse“ über Homöopathie bei Tieren:

„Einem Vorurteil sieht sich die Homöopathie immer wieder ausgesetzt: Die vermeintliche Heilung sei eingebildet, ein reiner Placebo-Effekt. Über die Wirkung bei Tieren lässt sich in diesem Fall jedoch kaum streiten: Sie können keinem Placebo-Effekt unterliegen.“

Quelle:

http://www.swp.de/ehingen/lokales/ehingen/Print-Homoeopathie-Tieraerztin-Heilung-Placebo-Konservative-Medizin-versus-Homoeopathie-bei-Tieren-Sanfte-Heilung-durch-Natur;art4295,2836442

Kommentar & Ergänzung:

Unabhängig davon, ob das „Präparat X.“ tatsächlich wirksam ist oder nicht: Als Argument ist diese Aussage sehr schwach und zeugt zudem von mangelndem Wissen bezüglich dem Placebo-Phänomen:

1. Der Placebo-Effekt ist nicht gleichzusetzen mit „Einbildung“, wie es die Formulierung der „Südwest Presse“ suggeriert. Der Placebo-Effekt ist viel vielschichtiger und komplexer.

2. Placebo-Effekte gibt es auch bei Tieren und sie sind schon seit vielen Jahren gut dokumentiert.

Alexandra Freismuth schreibt dazu in ihrer Dissertation zum Thema „Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie zur Wirkung von Vitamin E und Selen auf die Muskulatur von Sportpferden (München 2004):

„Der Placeboeffekt spielt in der Tierarztpraxis eine große Rolle, obwohl sich dessen viele Tierärzte nicht bewusst sind.

Als PESUT 1983 einen Artikel über Placebos in der Tiermedizin verfasste, stellte er fest, dass es eigentlich keine Literatur darüber gab. Er war sich jedoch sicher, dass die meisten Tierärzte über den Gebrauch des Placebos in der Humanmedizin Bescheid wussten, selbst Placebos einnahmen oder sogar Patienten damit behandelten, bewusst oder unbewusst (PESUT, 1983).

In der Tiermedizin existiert jedoch häufig die Ansicht, dass es den Placeboeffekt beim Tier überhaupt nicht geben würde, da bei Tieren im Gegensatz zum Menschen keine subjektive Beeinflussung durch den Therapeuten möglich wäre, und Tiere damit auch keine Erwartungshaltung an die Verabreichung eines Placebos knüpfen könnten. Tiere sind jedoch sehr wohl in der Lage, durch Maßnahmen des Menschen im Sinne einer Placebowirkung zu reagieren, was durch zahlreiche experimentelle und klinische Untersuchungen gezeigt werden konnte. Tiere reagieren auf jede Veränderung in ihrer gewohnten Umgebung oft sehr viel empfindlicher als der Mensch. Das Fixieren von Versuchstieren für Applikationen führt zu Stress- bedingten Veränderungen zahlreicher Transmitter-, Hormon- und Mediatorsysteme, was Arzneimittelwirkungen simulieren, potenzieren oder auch maskieren kann. In der experimentellen Pharmakologie muss deshalb jede Arzneimitteluntersuchung placebokontrolliert durchgeführt werden, das heißt die Versuchstiere müssen den Arzneiträger in der gleichen Menge und mit der gleichen Applikationsart bekommen wie die mit Arzneimittel behandelte Gruppe, um Rückschlüsse auf die Wirkung des Arzneimittels zu bekommen. Im klinischen Bereich muss zwischen einer direkten Placebowirkung auf das Tier durch die Handlungen des Tierarztes und die damit verbunden Reaktionsänderung und Erwartung des Tieres und dem Einfluss des Besitzers unterschieden werden.

Jede mit Angst, Schmerz oder Stress verbundene Maßnahme am Tier führt zu einer unspezifischen Aktivierung endogener Prozesse, was den natürlichen Verlauf einer Erkrankung beeinflussen kann. Der Einfluss des Besitzers auf den Behandlungserfolg hat objektive und subjektive Aspekte. Der Besitzer wird oft dem kranken Tier mehr Aufmerksamkeit widmen als dem gesunden Tier, was die Wirkung beeinflussen kann (LÖSCHER und RICHTER, 1999).

Nach PESUT stellt sich hier die Frage, wer nun behandelt wird das Tier oder der Besitzer. Oft erwarten die Tierbesitzer auch, dass das Tier eine Injektion, Tabletten oder eine Salbe zum Auftragen erhält. Tierärzte, die in dieser Situation nichts spritzen oder keine Medikamente zur Behandlung abgeben, laufen Gefahr einen Kunden zu verlieren.

In der Humanmedizin hat der Kinderarzt ein ähnliches Problem. Er behandelt einen viralen Infekt eines Kindes auf das Drängen der Eltern mit Antibiotika, obwohl keine Sekundärinfektionen vorliegen.

Diese Problematik entsteht hauptsächlich dadurch, dass Patienten für jedes Symptom eine Behandlung erwarten (WEISS, 1990).

Es ist jedoch die Frage, ob die Tiere wirklich auf das Placebo oder auf die Veränderung im Verhalten des Menschen reagieren. Hat ein Tier eine sehr enge Beziehung zu seinem Besitzer wird es ihm sicherlich gut tun, wenn der Besitzer ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Auch werden, sobald ein Tier erkrankt ist, oft schlechte Haltungsbedingungen verbessert, die vielleicht die Krankheit mit verursacht haben.

Seit den Versuchen von Pawlov an Hunden ist bekannt, dass sich Placeboeffekte beim Tier auch durch Konditionierung über bedingte Reflexe erreichen lassen. Dieselben Beobachtungen wurden bei Versuchen an Ratten gemacht, die durch eine Reihe von Scopalamin Injektionen konditioniert wurden und anschließend nach der Injektion von Kochsalz ähnliche Reaktionen zeigten (HERRNSTEIN, 1962; PESUT und KOWALCZYK, 1983).“

Quelle: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/3248/1/Freismuth_Alexandra.pdf

 

Der Placeboeffekt bei Tieren belegt ja gerade, dass Tiere auf Massnahmen reagieren und keine Maschinen sind. Wie also, ums Himmels Willen, kann man das ausblenden?

Im Übrigen kann ein Placebo-Effekt nicht nur bei den behandelten Tieren auftreten, sondern auch bei den Halterinnen und Haltern. Und die sind es ja hauptsächlich, die einen Behandlungserfolg beurteilen.

Weitere Infos zum Thema Placeboeffekt bei Tieren in der „Zeit“, im „Spiegel“ und auf „Scienceblogs“.

3. Tiere haben Selbstheilungskräfte, genauso wie auch Menschen. Wer krank ist, ein Heilmittel einnimmt und dann gesund wird, kann noch nicht daraus schliessen, dass die Besserung durch das Heilmittel bewirkt wurde. Die meisten Krankheiten und Beschwerden, das ist eine altbekannte Tatsache, bessern nämlich auch von selbst.

Und bei chronischen Erkrankungen gibt es oft einen schwankenden Verlauf, was dazu verleiten kann, natürlicherweise vorkommende Besserungen der Therapie zuzuschreiben.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss als häufige Irrtumsquelle

 

Täuschende Erfahrungen

Aus diesen Gründen täuscht uns unsere Erfahrung oft.

Das hat schon der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883 – 1969) beschrieben:

„Man weiss, wie schwer in vielen Fällen der Beweis des Heilerfolgs ist. Aus einem einzelnen Fall ist nur ein Eindruck, kein Beweis möglich. Der Fehlschluss: post hoc ergo propter hoc täuscht nur allzu leicht.

Der objektive Beweis dagegen ist zu führen aus physiologischer Erkenntnis des Kausalzusammenhangs und durch Statistik, nicht aber durch das allgemeine: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Jeder Arzt weiss, welche Rolle Suggestionen, Besserungen von Beschwerden durch ermutigende Stimmung, Schwankungen des Krankheitsverlaufs, periodische Veränderungen des Gesamtzustandes, die Cyclothymien u. a. spielen.

Wir sind in der Medizin oft Täuschungen erlegen infolge allgemein herrschender wissenschaftlicher Auffassungen und verbreiteter Meinungen. Es scheint zuweilen dem Strom solchen Meinens gegenüber das einfache, durchschlagende Gegenargument machtlos, das dann doch im Laufe der Zeit zur Geltung kommt.“

(Aufsatz „Arzt und Patient“, in: Karl Jaspers, Wahrheit und Bewährung, Serie Piper 1983).

Es braucht sehr viel Sorgfalt, um aus „Erfahrungen“ fundierte Schlüsse zu ziehen.

Siehe:

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung 

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung 

„Präparat X. wirkt auch bei meiner Katze, daher ist es wirksam und nicht nur ein Placebo“ – solche Aussagen sind nicht überzeugend:

Sie blenden aus, dass auch in der Tierheilkunde Placeboeffekte auftreten und auch Tiere Selbstheilungskräfte haben.

Erst wenn diese beiden Aspekte mitberücksichtigt werden, können fundiertere Schlüsse aus Erfahrungen gezogen werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Arthroskopie bei Arthrose des Kniegelenks – therapeutischer Nutzen nicht belegt

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Der Nutzen einer therapeutischen Arthroskopie mit Lavage und gegebenenfalls Debridement zur Behandlung einer Arthrose des Kniegelenks (Gonarthrose) ist nicht belegt. 

Zu diesem Resultat kommt der am 12. Mai 2014 publizierte Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Für keinen patientenrelevanten Endpunkt zeigte sich gegenüber nicht aktiven Vergleichsinterventionen, zum Beispiel Scheinoperationen, ein Anhaltspunkt, Hinweis oder Beleg für einen Nutzen der therapeutischen Arthroskopie. Unter den aktiven Vergleichstherapien schnitt nur die Injektion von Glukokortikoiden in das Kniegelenk beim Endpunkt „globale Bewertung der Symptomatik der Gonarthrose“ schlechter ab als die Arthroskopie.

An diesem Befund änderte auch eine neue Studie nichts, in der Trainingstherapie unter physiotherapeutischer Aufsicht als Vergleichstherapie eingesetzt wurde.

 

Die Kniegelenk-Arthrose oder Gonarthrose ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, die oft in beiden Knien zugleich auftritt. Das zunehmende Gelenkversagen ist verbunden mit Veränderungen an der Gelenkstruktur, Schmerzen und reduzierter Beweglichkeit. Die Erkrankung erschwert tägliche Aktivitäten wie das Treppensteigen und kann die Lebensqualität beeinträchtigen. In Deutschland erkranken etwa 17 Prozent aller Männer und 27 Prozent aller Frauen im Lauf ihres Lebens an Arthrose, hauptsächlich in den Hüftgelenken und Kniegelenken. Zu den Risikofaktoren für die Gonarthrose zählen Alter, Geschlecht, genetische Faktoren und Übergewicht.

Bei der therapeutischen Kniegelenk-Arthroskopie wird das Kniegelenk gespiegelt und gespült mit einer Kochsalzlösung; gegebenenfalls werden zudem krankhaft veränderte Meniskus- oder Knorpelanteile abgetragen oder geglättet (Debridement). Das soll Beschwerden wie Schmerzen reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.

Das IQWiG verglich diese Maßnahme mit mehreren anderen Interventionen, darunter Nichtbehandlung, Scheinbehandlung und aktive Behandlungen ohne Arthroskopie, beispielsweise Injektionen von Glukokortikoiden ins Kniegelenk.

Von speziellem Interesse war dabei, wie sich diese Behandlungen auf die täglichen Aktivitäten und die Lebensqualität der Betroffenen auswirken. Aber auch Veränderungen der Symptomstärke und mögliche Nebenwirkungen der Behandlungen wurden verglichen, beispielsweise Infektionen nach Operationen.

Zu dieser Fragestellung fanden die Wissenschaftler elf randomisierte und kontrollierte Studien mit zusammen über 1000 Patientinnen und Patienten; allerdings waren etliche davon mit Unsicherheiten behaftet. Beispielsweise waren die Interventionen häufig nicht verblindet: Die Behandelten wussten dann, ob an ihnen eine Arthroskopie durchgeführt wurde oder nicht, obwohl durchaus Scheinarthroskopien durchführen werden können, bei denen ein kleiner Einschnitt am Knie erfolgt, anschließend jedoch nicht weiter operiert wird.

 

Gerade solche „Placebo-Operationen“ seien für die Bewertung aussagekräftig, wenn auch nicht unumstritten.
, schreibt das IQWiG.

Nutzen der therapeutischen Arthroskopie lässt sich nicht belegen

Aus den meisten Studienergebnissen lässt sich im Vergleich zur Scheinoperation und zur Nichtbehandlung kein Nutzen der therapeutischen Arthroskopie ableiten.

Darüber hinaus war zu möglichen Schäden durch unerwünschte Therapiewirkungen keine eindeutige Aussage möglich.

Dass invasive Behandlungsmethoden wie Operationen oft mit einem besonders großen Placeboeffekt verbunden sind, ist schon längere Zeit bekannt.

Dennoch war es laut IQWiG erstaunlich, wie groß in diesen Studien die gefühlte Verbesserung nach einer Placeboarthroskopie ausfiel.

Auch im Vergleich mit aktiven Maßnahmen überzeugte die Arthroskopie nicht. Nur gegenüber der Injektion von Glukokortikoiden ins Kniegelenk war die Arthroskopie leicht im Vorteil: Die Beschwerden fielen etwas geringer aus. Ob sich auch die Lebensqualität der Betroffenen besser entwickelte als bei der Injektion, erschloss sich aus dieser Studie jedoch nicht.

Für den Vergleich von arthroskopischen Eingriffen mit einer Trainingstherapie unter physiotherapeutischer Aufsicht wurden Daten von Patientinnen und Patienten ausgewertet, deren Gonarthrose mit einem Schaden des Innenmeniskus verbunden waren. Zu keinem Studienzeitpunkt zeigte sich bei den beiden Endpunkten Schmerz und globale Bewertung der Symptomatik ein signifikanter Effekt. Somit kommt das IQWiG zum Schluss, dass der Nutzen einer Arthroskopie des Kniegelenks zur Behandlung von Gonarthrose nicht belegt ist.

 

Quelle:

http://idw-online.de/pages/de/news586471

Kommentar & Ergänzung:

Der Nutzen von medizinischen Massnahmen für Patientinnen und Patienten muss sehr viel energischer überprüft werden und die Resultate müssen Konsequenzen haben.

Geschieht das nicht, so stellt sich die Frage, wie wirksam die Qualitätssicherung in der Medizin ist.

In dieser Hinsicht sind Medizin und Komplementärmedizin genau gleich zu behandeln.

Genau genommen ist es aber bereits ausserordentlich fragwürdig, zwischen Medizin und Komplementärmedizin zu trennen. Ich teile die Ansicht, dass es nicht einerseits Medizin und andererseits Komplementärmedizin gibt. Diese Spaltung ist willkürlich und bewirtschaftet ein problematisches Lagerdenken. Es gibt nur wirksame Medizin und unwirksame Medizin. Darum ist es meiner Ansicht nach übrigens auch unsinnig, dass die Schweiz in der Verfassung seit 2009 einen speziellen Artikel zur Förderung der Komplementärmedizin hat. Das Parlament, das den Stimmberechtigten diesen Artikel zur Abstimmung vorgelegt hat, ist einer Lobbyingaktion auf den Leim gegangen. Und die Stimmberechtigten wurden falsch und einseitig darüber informiert.

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Mistel gegen Bluthochdruck?

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Mistel gegen Bluthochdruck – diese Empfehlung liest man immer wieder. So auch auf Kleinezeitung.at:

„Auch in der Naturheilkunde spielt die Mistel seit Hildegard von Bingen eine große Rolle: Sie wirkt blutdrucksenkend, harntreibend und tumorhemmend.“

Quelle:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/bauenwohnen/garten/3489478/stachelige-schoenheiten-fuer-den-advent.story

Kommentar & Ergänzung:

In diesem kleinen Abschnitt ist fast alles fragwürdig.

– Die immer wieder erwähnte Wirkung der Mistel gegen Bluthochdruck ist alles andere als überzeugend:

„Bisher konnte noch keine der aus der Mistel isolierten Verbindungen der immer wieder beschriebenen, aber nicht bewiesenen blutdrucksenkenden Wirkung von Mistelauszügen zugeordnet werden.
Für die Anwendung von Misteltee als einer unterstützenden Maßnahme bei Bluthochdruck gibt es daher keine echte Begründung, obwohl zahlreiche Untersuchungen mit dem Ziel durchgeführt wurden, eine antihypertone Wirkung nachzuweisen. Die Ergebnisse bei Tierversuchen sind recht widersprüchlich und lassen keine Übertragung auf die Humanmedizin zu. Zwar erwiesen sich die isolierten Viscotoxine bei parenteraler Gabe als hypotensiv wirksam, als Wirkprinzip kommen sie jedoch nicht in Betracht, da sie oral nicht resorbiert werden.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html

– Eine harntreibende Wirkung der Mistel?  Ist nicht im Ansatz fassbar.

– Eine tumorhemmende Wirkung? – Die gibt es bei Mistelextrakt gut dokumentiert im Labor, wenn damit isolierte Krebszellen behandelt werden. Im lebenden Organismus – also bei Krebspatienten – ist dieser Effekt nicht annähernd klar belegt. Mistelextrakt kann bei Tumorpatienten das unspezifische Immunsystem aktivieren.

„In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine Zellen.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html

Präzisiert werden muss zudem, dass Misteltee und Misteltinktur schon zum Vorneherein zur Tumorbehandlung unwirksam sind, weil allfällige Wirkstoffe beim Weg über den Verdauungstrakt nicht aufgenommen werden. Fallls die Mistel eine Wirkung auf Tumore haben sollte, dann nur via Injektion.

Zum Thema Mistel in der Krebstherapie siehe auch:

Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Interessante kulturhistorischen und botanischen Aspekte der Mistel (Viscum album) hat die „Kleine Zeitung“ übrigens auch noch beschrieben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Bittergurken wirksam gegen Diabetes?

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Bittergurken enthalten Stoffe, die bei Typ-2-Diabetes günstig wirken könnten. Dafür gibt es Hinweise aus Studien. Die Forschungen streben nun danach, eine Bittergurke mit einer maximalen antidiabetischen Wirkung zu kreieren.

Die Bittergurke (Momordica charantia L.) soll antidiabetisch wirken. Das haben gemeinsame Forschungsarbeiten des Internationalen Gemüseforschungszentrums AVRDC und der Universität Gießen gezeigt, teilt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit.

Mit einer eigenen Webseite informiert das AVRDC über diese Forschungsergebnisse.

Bisherige Studien legten nahe, dass der Konsum von Bittergurken – als ganze Frucht, Saft oder Extrakt – für die glykämische Kontrolle bei Diabetes von Bedeutung sein könnte, erklärt das AVRDS.

Dabei ergebe sich der antidiabetische Effekt der Bittergurke aus dem Zusammenwirken mehrerer Inhaltsstoffe der Bittergurken-Frucht.

Ein bei Diabetes bedeutsamer Inhaltsstoff könnte dabei p-Insulin sein. p-Insulin mit hoher Homologie zu bovinem Insulin aber immunologisch nicht kreuzreaktiv, reduziert bei Injektion ebenfalls den Blutzucker (ÖAZ 2004; 3: 111).

Es brauche weitere Studien, lässt das AVRDS verlauten, um Empfehlungen zum Verzehr von Bittergurken bei Typ-2-Diabetes auf eine sichere Basis zu stellen.

Das AVRDC und die Universität Gießen werden die Forschung zur Bittergurke (Momordica charantia L.) intensiviert fortsetzen, schreibt das GIZ in einer Mitteilung. Es seien über 100 Bittergurkensorten bekannt.

Die Wissenschaftler am AVRDC und der Universität Gießen untersuchten, welche Sorten gegen Typ-2-Diabetes besonders wirksam sind. Ziel der Forschungen ist es, mit einer veränderten Bittergurke, die mehr antidiabetische Substanzen enthält als die gegenwärtig bekannten Sorten, ein Nahrungsmittel mit antidiabetischer Wirkung auch für Entwicklungsländer zur Verfügung zu haben.

Gegenwärtig gibt es weltweit etwa 285 Millionen Menschen, die an Diabetes erkrankt sind, schreibt das AVRDS auf seiner Website; 80 Prozent dieser Diabetes-Kranken lebten in Staaten mit niedrigen oder mittlerem durchschnittlichem Einkommen.

Im Jahr 2030 wird es nach Schätzungen mehr als 370 Millionen Menschen geben, die an Typ-2-Diabetes leiden. Die meisten Diabetiker gibt es mit 31,7 Millionen (Zahl vom Jahr 2000) in Indien, schreibt das AVRDS. Im Jahr 2030 könnte diese Zahl auf 79,4 Millionen ansteigen.

Die Forschungsarbeiten werden unterstützt von der Beratungsgruppe für Entwicklungsorientierte Agrarforschung (BEAF) der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/diabetes/article/664690/helfen-bittergurken-diabetes.html?sh=4&h=354933868

http://www3.apoverlag.at/dynasite.cfm?q=bittergurke+2004+Prinz+&dsmid=103928&entqr=0&output=xml_no_dtd&sort=date%3AD%3AL%3Ad1&ud=1&client=apooaz&oe=UTF-8&ie=UTF-8&filter=0&proxystylesheet=apooaz&site=OAZ&proxyreload=1

Kommentar & Ergänzung:

In der Geschichte der Pflanzenheilkunde wurden unzählige Heilpflanzen gegen Diabetes eingesetzt, aber keine hat bisher wirklich überzeugt. Darum sind die Forschungen betreffend der Bittergurke interessant, auch wenn noch sehr viele Fragen offen sind.

Und was ist genau die Bittergurke?

„Die Bittermelone (Momordica charantia, auch Bittergurke, Balsambirne oder Bittere Spring-Gurke; In Japan und vor allem Okinawa als Goya bekannt, in Indien als Karela) ist eine tropische Pflanzenart aus der Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae). Die Gemüsefrüchte der Bittermelone sind ein seit Jahrhunderten in vielen Ländern und besonders im asiatischen Raum beliebtes Lebens- und Heilmittel. Die Anbaugebiete sind Afrika, Asien, Südamerika und die Karibik.“

(Quelle: Wikipedia)

Dass noch sehr viele Fragen offen sind, zeigt der Artikel zur Pharmakologie der Bittergurke in Wikipedia:

„Im Jahr 2004 veröffentlichte die Österreichische Apothekerzeitung einen Artikel, der zu dem Schluss kam:

‚Momordica charantia wird im amerikanischen Raum, wie zahlreiche Patente beweisen, zur Zeit im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel und Supplemente propagiert. In der Forschung werden verschiedene Wirkstoffe u.a. in der HIV-Behandlung oder wegen ihrer antikanzerogenen Wirkung näher untersucht. Der Blutzucker senkenden Wirkung von M. charantia bei Typ II-Diabetikern stehen einerseits noch die schlechte klinische Datenlage und andererseits eine meist ungenügende Standardisierung und Deklaration allfälliger am Markt erhältlicher Produkte gegenüber. In Österreich und Deutschland existieren derzeit keine Arzneispezialitäten. Als Nicht-Arzneimittel sind in Österreich z. B. »charantea«, ein Tee aus getrockneten Samen und Früchten für Diabetiker, in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel (z. B. Glukokine) oder als Diätetisches Lebensmittel für Diabetiker erhältlich. Die additive Anwendung von M. charantia ist zusätzlich zu medikamentöser Therapie, Ernährungsmaßnahmen und einem sinnvollen Bewegungsprogramm bei Typ II-Diabetikern immer unter Aufsicht des behandelnden Arztes durchzuführen.‘

Es gibt nach wie vor nur wenige klinische Studien, die positive Wirkungen der Bittermelone belegen. Folgende Wirkungen sind seit 2004 wissenschaftlich in Laborstudien und Tierversuchen gezeigt worden:

– sie wirkt anthelmintisch gegen Wurmbefall mit Caenorhabditis elegans und bei viralen Erkrankungen mit Sindbis und Herpes simplex Typ I;

– der Saft hat einen schützenden Effekt auf die Magenschleimhaut von Ratten;

– sie ist möglicherweise bei Ratten gegen Fettsucht wirksam durch Eingriff in den Fettstoffwechsel;

– durch antiandrogene Wirkung werden bei Ratten Spermien geschädigt;

– Linolensäuren aus den Samen erzeugten Zelltod in bestimmten Krebszellen;

– die Pflanze enthält antifungal wirksame Stoffe, auf die die Pilze Candida albicans, Trichophyton rubrum und Cryptococcus neoformans empfindlich sind.“

Schöne Ergebnisse aus Laborergebnissen und Tierversuchen lassen sich bekanntlich nicht einfach auf die Situation bei Patientinnen und Patienten übertragen. Gleichzeitig müsste aber doch geklärt sein, ob eine antiandrogene Wirkung bei Ratten für Menschen bei Langzeitkonsum unbedenklich ist.

Zu Nebenwirkungen der Bittergurke schreibt Wikipedia:

„Im Falle einer Überdosierung kann es zu Magen- und Bauchschmerzen oder zu Durchfall kommen. Auch leichte Blutvergiftungen können kurzfristig auftreten. Der Tee sollte so zubereitet werden, dass er schmeckt und nicht zu bitter ist. Vor allem bei Diabetes und Durchblutungsstörungen wird eine Menge von einem Liter täglich pro Kapsel oder Portion empfohlen. Schwangeren wird vom Gebrauch abgeraten, da einzelne Inhaltsstoffe fruchtschädigende Wirkung zeigten.“

…was ebenfalls Fragen bezüglich der Unbedenklichkeit bei Langzeitanwendung aufwirft.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen-Präparate bei Rheuma

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Im „Phyto-Forum“ der Ärztezeitung wurde kürzlich folgende Frage gestellt:

„Gibt es pflanzliche Präparate, die bei entzündlichem Rheuma zusätzlich zur Basistherapie eingesetzt werden können, um Schmerz und Entzündung positiv zu beeinflussen?“

Die Antwort darauf von Dr. Rainer C. Görne:

„Bei der sogenannten primär chronischen Polyarthritis (PCP) ist zumeist eine lebenslange Behandlung mit unterschiedlichen chemisch-synthetischen Arzneimitteln erforderlich. Pflanzliche Präparate können hier nur supportiv und nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt eingesetzt werden, um unerwünschte Interaktionen oder Nebenwirkungen zu vermeiden.

Für die anderen „rheumatischen“ Beschwerden sind Präparate (zum Teil auch als Einreibungen oder Badezusätze), die aus folgenden Pflanzen oder Pflanzenteilen hergestellt werden, geeignet: Arnikablüten, Beinwellkraut/-wurzel, Brennnesselkraut, Cayennepfeffer, Eukalyptusöl, Fichtennadelöl, Kiefernnadelöl, Weihrauch, Mistelkraut, Rosmarinöl, Teufelskrallenwurzel und Weidenrinde.“

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/656850/phyto-forum-blaubeeren-bluthochdruck.html

Kommentar & Ergänzung:

Die aufgeführten Heilpflanzen sind im Bereich der rheumatischen Erkrankungen einsetzbar. Die Aufzählung ist allerdings chaotisch, unübersichtlich und wenig informativ.

Nur schon der Begriff „Rheuma“ ist viel zu pauschal. Man müsst genauer angeben, ob es bei einer Heilpflanzen-Anwendung um eine Arthrose, eine Polyarthritis, oder eine andere der vielen Krankheiten gehen soll, die unter dem Etikett „Rheuma“ zusammengefasst werden.

Unterschiedliche Krankheiten (und Krankheitsstadien) benötigen unterschiedliche Heilpflanzen.

Ein ziemliches Durcheinander bietet die Auszählung bezüglich innerlicher oder äusserlicher Anwendung.

Die ätherischen Öle Eukalyptusöl, Kiefernnadelöl, Fichtennadelöl werden gegen „Rheuma“ nur äusserlich angewendet (nicht pur!). Ebenso Cayennepfeffer (Wirkstoff Capsaicin), Arnika und Beinwell. Ohne genauere Angaben zu Anwendungsformen und Dosierungen sind diese Hinweise aber nicht wirklich nützlich.

Mistelkraut wird im Bereich „Rheuma“ nur als Präparat und via Injektion angewendet (in der Schweiz meines Wissens nicht sehr üblich).

Weihrauch, Teufelskralle und Weidenrinde sind nur bei innerlicher Anwendung sinnvoll.

In Apotheken und Drogerien werden aus Teufelskralle und Weihrauch auch Salben verkauft, deren Wirksamkeit allerdings nicht einmal ansatzweise geklärt ist. Diese Salben und Gele aus Teufelskralle oder Weihrauch profitieren aber vom Ruf, den diese Heilpflanzen bei innerlicher Anwendung haben. Konsumentinnen und Konsumenten werden hier meines Erachtens getäuscht.

Weidenrinde wirkt relativ rasch schmerzlindernd (innert Stunden). Bei Teufelskrallenwurzeln geht es 2 – 3 Wochen, bis eine Wirkung erwartet werden kann.

Solche Differenzierungen sind wichtig für eine erfolgreiche Anwendung von Heilpflanzen.

Fazit: Eine solche Aufzählung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.

Falls Sie an präzisem Wissen über Heilpflanzen interessiert sind und nicht nur an einer schönen „Aufzählung“, dann empfehle ich Ihnen den Lehrgang „Heilpflanzen-Seminar“ oder die „Phytotherapie-Ausbildung“

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Zur Petition gegen ein angebliches Heilpflanzenverbot in der EU 2011: Mehr Fakten – weniger Demagogie!

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In gegenwärtig wieder kursierenden Rundmails wird vor einem angeblich 2011 drohenden Heilpflanzenverbot in der EU gewarnt.

Das ist völlig demagogisch, weil damit ein Rundumverbot von Heilpflanzen suggeriert wird. Das hat zur Folge, dass Empfängerinnen und Empfänger solch dramatisierten Botschaften Angst haben, dass sie keinen Beinwell mehr im Garten anpflanzen dürfen und dass Pfefferminztee, Kümmel & Co aus dem Supermarkt eliminiert werden.

Angstmacherei und hoch verzerrte Darstellungen der Lage sind charakteristisch für Demagogie.

Es geht aber nicht um ein Heilpflanzenverbot, sondern um ein (erleichtertes) Zulassungsverfahren für traditionelle Heilmittel (also Fertigpräparate aus Heilpflanzen, die mit einem Anspruch auf Heilwirkung vermarktet werden.

Über positive und negative Konsequenzen dieses Zulassungsverfahren kann und soll man auf der Basis von Argumenten diskutieren und auf politischem Weg darauf Einfluss nehmen.

Über ein pauschales „Heilpflanzenverbot“ lässt sich nicht wirklich diskutieren, weil es ein Hirngespinst ist.

Hoch dramatisch tönt es auch auf der Website, auf der die Petition propagiert wird:

„Stellen Sie sich vor Ihr Kind oder Partner werden schwer krank und es gibt ein natürliches Heilmittel ohne Nebenwirkungen und die europäische Union verbietet Ihnen die Einnahme und zwingt Sie dagegen ein chemisches Arzneimittel mit potentiell schweren Nebenwirkungen einzunehmen.“

Quelle: http://www.savenaturalhealth.de/

Das ist eine hoch manipulative Panikmache und eine krasse Schwarz-Weiss-Malerei. Es stehen sich gegenüber das natürliche Heilmittel, das ohne Nebenwirkungen eine schwere Krankheit heilt, aber von der EU verboten wird, und ein aufgezwungenes chemisches Arzneimittel mit potenziell schweren Nebenwirkungen. Ein hoch dualistisches, manichäisches Weltbild wird uns da verkauft. Und die gleichen Kreise reden doch oft so aufdringlich von Ganzheitlichkeit. Gehören da Grau- und Zwischentöne nicht dazu?

Ein paar Fakten zur Zulassungsregelung bringt der „Standard“ aus Österreich.

Erwerb als Lebensmittel weiterhin möglich

Brüssel. Traditionelle Heilmittel, die bis Ende April nicht als pflanzliche Arzneimittel registriert worden sind, dürfen ab kommenden Sonntag nicht mehr als Medikament verkauft werden. Allerdings ist es möglich, sie weiterhin als Lebensmittel zu erwerben, erklärte ein Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli. Mit morgigem Samstag läuft eine siebenjährige Übergangsperiode zur Anmeldung solcher pflanzlichen Arzneimittel aus.

Wie die Situation derzeit aussieht, und wieviele der bisher als pflanzliche Arzneimittel verkauften Produkte nun nur mehr als Lebensmittel gekennzeichnet werden dürfen, konnte man in der Kommission nicht sagen. Es werde nicht gleich abrupt eine Bewertung ab 1. Mai geben, sondern die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) wird noch darüber zu befinden haben. Wie konkret der Zeitablauf dafür sei, war vorerst nicht bekannt.

Leichteres Registrierungsverfahren

Nach den EU-Vorschriften sind als traditionelle pflanzliche Arzneimittel jene Produkte eingestuft, die seit mindestens 30 Jahren verwendet werden, einschließlich mindestens 15 Jahre in der EU, ohne ärztliche Überwachung verwendet werden sollen und nicht durch Injektion verabreicht werden. Dazu zählen beispielsweise Calendula officinalis, Echinacea purpurea oder Hamamelis virginiana.

Die Kommission verweist darauf, dass für pflanzliche Arzneimittel im Gegensatz zu den sonstigen Medikamenten ein „leichteres, einfacheres und kostengünstigeres Registrierungsverfahren“ vorgesehen sei. Aufgrund der langen Tradition des Arzneimittels bestehe eine geringere Notwendigkeit für Tests und Versuche. Damit soll auch das Inverkehrbringen traditioneller pflanzlicher Arzneimittel in der EU erleichtert werden.

Einstufung als Lebensmittel

Außerdem betont die Kommission, dass es in der Zuständigkeit der einzelnen EU-Staaten liegt, im Einzelfall zu entscheiden, ob ein pflanzliches Erzeugnis die Definition eines Arzneimittels erfüllt. Auf die Frage, ob damit beispielsweise ein pflanzliches Produkt, das als Arzneimittel in Österreich zugelassen ist, beispielsweise in Frankreich nicht zugelassen sein kann, sagte der Sprecher, dies sei möglich.

Jedenfalls dürfen weiterhin pflanzliche Erzeugnisse als Lebensmittel eingestuft und auf den Markt gebracht werden, auch wenn sie nicht die Definition von Arzneimitteln erfüllen, wohl aber die geltenden Lebensmittelvorschriften. Pflanzliche Arzneimittel, die in Form von Nahrungsergänzungsmitteln angepriesen werden, müssen den entsprechenden EU-Regeln genügen. Ein eindeutiges ‚Nein’ gibt es von der Kommission auf die Frage, ob nach dem 30. April 2011 alle alternativen Therapien verboten werden. ‚Die Richtlinie über pflanzliche Arzneimittel gilt weder für alternative Therapien, noch verbietet sie irgendwelche Stoffe, Heiler, Bücher oder Pflanzen als solche’.“

Quelle:

http://derstandard.at/1303950503144/Traditionelle-Heilmittel-Aus-fuer-nicht-registrierte-pflanzliche-Arzneimittel-als-Medikament

Es geht also nicht um Nahrungsmittel, nicht um Nahrungsergänzungsmittel, nicht um Heilpflanzen als solch, nicht um Heilpflanzenmischungen, die in Apotheken individuell hergestellt werden. Es geht ausschliesslich um Fertigpräparate, die als Heilmittel vermarktet werden, also mit dem Anspruch, bestimmte Krankheiten zu heilen . Dass es hier Zulassungsregeln braucht, scheint mir auf der Hand zu liegen. Ich halte es nicht für erstrebenswert, dass jeder und jede irgend etwas als Heilmittel gegen alles Mögliche vermarkten darf. Ich finde sogar, diese EU-Regelung geht weit in der Privilegierung traditioneller Heilmittel. Nach dreissig Jahren Vermarktung kann man also für sein Produkt schon den Status „Traditionelles Heilmittel“ beanspruchen. So, so.

Und während synthetische Medikamente und (jedenfalls in der Schweiz) neuere Phytotherapeutika ihre Heilansprüche belegen müssen, sind traditionelle Heilpflanzen-Präparate (wie auch generell Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin, vom Nachweis der Wirksamkeit befreit. Das sind zweifellos Privilegien und ich finde es schon beeindruckend, wie diese Branche es immer wieder schafft, sich als benachteiligt und unterdrückt darzustellen. Stossend ist dabei für mich nicht die Privilegierung an sich. Dass ein Nachweis der Wirksamkeit für kleine Hersteller mit kleinen Stückzahlen auch eine Geldfrage sein kann, ist für mich nachvollziehbar. Stossend ist aber, dass diese Privilegierung gegenüber den Konsumentinnen und Konsumenten vollkommen verwischt wird.  Zumindestens Transparenz wäre zu fordern. Konsumentinnen und Konsumenten müssten – wenn sie ein Naturheilmittel in der Apotheke oder Drogerie kaufen – erkennen können, ob das betreffende Produkte Belege für seine Wirksamkeit vorgelegt hat, oder den privilegierten Status der Nachweisbefreiung geniesst.

Weitere Informationen hier:

Eigene Beiträge:

– Unsinnige Petition gegen angebliches Heilpflanzenverbot in der EU

– Naturheilkunde: Irreführende Petition gegen angebliches Heilpflanzenverbot

Weitere Fakten zum angeblichen Heilpflanzenverbot in der EU

Angebliches Heilpflanzenverbot der EU: Immer noch viel Aufregung ohne konkreten Anlass

http://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/thmpd.shtml

Stellungnahme des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e. V.

Stellungnahme Landesapothekerkammer Baden-Württemberg

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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