Artikel mit Schlagwort ‘Immunsystem’

Schlankheitsmittel CLA könnte Diabetes begünstigen

Samstag, Mai 7th, 2011

Fachleute warnen vor Einnahme von konjugierten Linolsäuren wegen unklarem Diabetes-Risiko.

Konjugierte Linolsäuren, vielgepriesene Schlankheitsmittel, regen in der Bauchspeicheldrüse die Ausschüttung von Insulin an, haben Wissenschaftler der Universität Bonn in Kooperation mit Tübinger Kollegen herausgefunden. Was geschieht, wenn jemand konjugierte Linolsäuren über viele Jahre einnimmt, ist nicht voraussehbar, denn solide Langzeitstudien am Menschen fehlen bisher. Eine mögliche Folge: Diabetes. Die Studie erschien in dem Fachmagazin Journal of Biological Chemistry (doi: 10.1074/jbc.C110.200477).

„Viele Leute schlucken große Mengen dieser Substanzen, weil sie glauben, dass sie ihnen gut tun”, erklärt Evi Kostenis. „Aber wie wir jetzt gesehen haben, beeinflussen konjugierte Linolsäuren auch die Bauchspeicheldrüse. Es ist gut möglich, dass die Zellen dadurch auf Dauer Schaden nehmen.”

Konjugierte Linolsäuren, CLA abgekürzt, sind bestimmte Arten von Fettsäuren, die natürlicherweise in der Milch und dem Fleisch von Wiederkäuern vorhanden sind. Hochdosierte Kapseln dieser CLA-Verbindungen stehen als Nahrungsergänzungsmittel in den Regalen von Drogerien und Supermärkten und können auch im Internet bestellen. „Sie werden quasi als Allheilmittel angepriesen”, sagt Prof. Kostenis. „Sie sollen Fett verbrennen, Muskelmasse aufbauen, schön machen, gegen Entzündungen helfen, sogar Krebs vorbeugen.” Die Werbung verspricht viel, doch endgültig bewiesen ist bislang keine dieser Wirkungen.

Einige klinische Studien haben dagegen schon gezeigt, dass Menschen unter hohen CLA-Dosen entweder mehr oder weniger Insulin ausschütten und unter Umständen eine Insulinresistenz entwickeln. „Jetzt kennen wir auch den Mechanismus, mit dem die Substanzen auf die Bauchspeicheldrüsenzellen einwirken”, erklärt die Forscherin. Konjugierte Linolsäuren greifen an einem ganz bestimmten Rezeptor an – ist der Blutzuckerspiegel hoch, schütten die Zellen daraufhin innerhalb von Sekunden verstärkt Insulin aus. Das haben die Wissenschaftler an Mäuse- und an Menschenzellen festgestellt, und zwar mit CLA-Mengen, die auch im Blut vorliegen können, wenn der betreffende Mensch konjugierte Linolsäuren in Kapselform zu sich nimmt. Milch und Fleisch dagegen sind in dieser Hinsicht unbedenklich, weil sie keine so hohen Mengen an CLA enthalten.

„Wir wissen nicht, ob Menschen, die regelmäßig mehrere Gramm der Substanzen schlucken, dadurch irgendwann Diabetes entwickeln”, stellt Kostenis fest. Denkbar ist jedoch auch das Gegenteil: Mglicherweise tut den Bauchspeicheldrüsenzellen die wiederholte Stimulation gut. Vielleicht eignen sich CLA damit auch als Arzneimittel gegen Diabetes Typ II. Das alles müssen zukünftige Studien erst klären.

„Bisher wollen wir nur sagen: Leute, passt auf!” betont Evi Kostenis. „Diese Substanzen wirken wie ein Arzneimittel und sind damit nicht ungefährlich.” Die Forscherin fordert endlich seriöse Langzeitstudien am Menschen. Bislang gab es mit CLA keine einzige Langzeitstudie. Das Wissenschaftlerteam hat nun eine Langzeitstudie mit Mäusen initiiert. Sie soll wertvolle Hinweise liefern, welche Langzeitwirkungen von CLA beim Menschen zu erwarten sind.

Natürlich bedeutet nicht harmlos

Konjugierte Linolsäuren werden als natürliche Substanzen propagiert. Aber natürlich heißt nicht automatisch harmlos, warnt die Wissenschaftlerin: „Die Natur macht auch viele schöne Gifte – denken Sie nur an Knollenblätterpilze!” Ihre Schlussfolgerung: „Man sollte nicht alles unbesehen glauben, was die Werbung verspricht.”

Quellen:

http://derstandard.at/1297822036805/Konjugierte-Linolsaeuren-Schlankheitsmittel-koennte-Diabetes-zur-Folge-haben

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21339298

Kommentar & Ergänzung:

Es fällt jedenfalls auf, wie unklar und widersprüchlich die Daten zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Konjugierten Linolsäuren (CLA) sind. Das spiegelt sich meinem Eindruck nach sogar im Text auf Wikipedia zur den Wirkungen der CLA:

„Studien an Menschen weisen darauf hin, dass CLA den Körperfettanteil reduziert, während gleichzeitig der Muskelanteil erhöht wird. Außerdem verbessert es die Cholesterinwerte. Die Wirksamkeit künstlich hergestellter Derivate der Linolsäure ist noch Gegenstand der Forschung und lässt sich noch nicht beurteilen.

Nach Einschätzung der Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. besteht keine ausreichender Beweis für die Wirksamkeit einer Supplementation mit CLA und das Auftreten von Nebenwirkungen kann nicht ausgeschlossen werden. Das Bundesamt für Gesundheit (CH) empfiehlt, dass generell die Aufnahme von TFA, egal welcher Herkunft, möglichst gering sein sollte. Es wird keine Empfehlung zum Konsum von CLA gegeben. In einem Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit wurden die Ergebnisse bisherigen Untersuchungen bezüglich CLA als nicht einheitlich bewertet und auf Anhaltspunkte für unerwünschte Nebenwirkungen hingewiesen.

Zu den potentiellen positiven Effekten von CLA wird eine reduzierte Anfälligkeit für ernährungsbedingte Allergien gezählt. Auf der Gegenseite besteht die Annahme, dass CLA möglicherweise Insulinresistenz hervorruft, was ein erhöhtes Risiko zur Erkrankung an Diabetes bedeuten würde. Dennoch erfreuen sich CLA-Präparate insgesamt einer zunehmenden Beliebtheit in der Bevölkerung. Bereits vor Jahren hatten diese natürlichen Substanzen, hinter denen sich genau genommen acht verschiedene Verbindungen identischer chemischer Zusammensetzung mit jeweils abweichender geometrischer Struktur – und deshalb auch unterschiedlichen biochemischen Effekten – verbergen, die Aufmerksamkeit internationaler Forschergruppen geweckt. In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass einige CLA antikarzinoge Wirkungen entfalten, der Arteriosklerose entgegenwirken, die Blutfettwerte verbessern, das Immunsystem stärken und den Insulinhaushalt günstig beeinflussen. In Deutschland nehmen Frauen täglich etwa 350 Milligramm CLA mit der Nahrung zu sich, Männer 430 Milligramm. Die erwähnten vorteilhaften Wirkungen kommen in der Regel aber erst bei Dosen im Grammbereich zum Tragen.

Vermehrter Fettabbau durch CLA

Vor allem für Personen, die eine Gewichtsreduktion anstreben, kann sich eine Nahrungsergänzung mit CLA auszahlen. Umfangreiche Studien hatten belegt, dass eine langfristige Nahrungsergänzung mit CLA die Körperfettmasse reduziert. Bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass dafür drei Wirkmechanismen verantwortlich sind: CLA verringern die nach der Nahrungsaufnahme gespeicherte Fettmenge, beschleunigen den Fettstoffwechsel und fördern die Fettspaltung in den Fettzellen. Zudem erhöhen sie die Apoptose (programmierter Zelltod) der Adipozyten (Fettzellen) und reduzieren so deren Anzahl. Mit CLA lässt sich darüber hinaus der Leptin-Spiegel senken. Leptin ist ein Eiweißhormon, das im Fettgewebe gebildet wird und eine Schlüsselrolle bei der Zunahme des Körpergewichtes spielt.

Eine im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlichte Studie dokumentierte die langfristige Sicherheit und Wirksamkeit der Nahrungsergänzung mit CLA. Andere Studien belegten, dass CLA weder einen Einfluss auf die Blutgerinnung hat, noch die Funktion der Blutplättchen beeinträchtigt. Ferner wurden keine negativen Auswirkungen auf den Fettstoffwechsel gesehen.“

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Wichtig scheint mir im Wikipedia-Text, dass offenbar die experimentell gefundenen positiven Wirkungen der CLA erst bei unrealistisch hohen Dosen auftreten. Das ist ein Phänomen, welches bei Nahrungsergänzungsmittel nicht selten anzutreffen ist.

Erstaunlich, dass ein bezüglich Risiken so ungeklärtes Produkt auf breiter Basis als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet werden kann.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Omega-3-Fettsäuren: Schutz vor Diabetes und Herzkrankheiten?

Sonntag, April 3rd, 2011

Ein hoher Konsum an Omega-3-Fettsäuren schützt wahrscheinlich vor Adipositas-assoziierten Erkrankungen wie Diabetes und Herzkrankheiten. Das leiten US-Wissenschaftler aus einer Studie mit Inuit ab.

70 Prozent von total 330 Inuit waren übergewichtig oder adipös (European Journal of Clinical Nutrition online, 23. März). Probanden mit hohen Blutspiegeln an Omega-3-Fettsäuren wiesen dabei ähnliche Triglyzerid- und CRP-Konzentrationen auf wie normalgewichtige.

Quelle:

http://www.nature.com/ejcn/journal/vaop/ncurrent/abs/ejcn201139a.html

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/article/647160/omega-3-fettsaeuren-stimmt-chemie.html?sh=15&h=708027148

Kommentar & Ergänzung:

Omega-3-Fettsäuren sind in der Ernährungsmedizin ein Top-Thema, das aber auch sehr vielschichtig ist. Hier deshalb die wichtigsten Informationen dazu aus Wikipedia:

Was sind Omega-3-Fettsäuren?

„Die Omega-3-Fettsäuren sind eine Untergruppe innerhalb der Omega-n-Fettsäuren, die beide zu den ungesättigten Fettsäuren zählen. Sie sind essentielle Stoffe, sind also lebensnotwendig und können vom Körper nicht selbst hergestellt werden. Die Bezeichnung stammt aus der alten Nomenklatur der Fettsäuren. Bevor man sie als solche identifizierte, wurden sie gemeinschaftlich als „Vitamin F“ bezeichnet.“

(Quelle: Wikipedia)

Quellen für Omega-3-Fettsäuren:

„ Omega-3-Fettsäuregehalte verschiedener Pflanzenöle:

- α-Linolensäure kommt in allen photosynthetisch aktiven Geweben – also in Pflanzenblättern – vor.

- Traubenkernöl – bis ca. 71 %

- Chia, Chiaöl (Salvia hispanica) – bis ca. 64 %

- Perillaöl (Perilla frutescens) – ca. 60 %

- Leinsamen, Leinöl (Linum usitatissimum) – ca. 52 %

- Leindotter, Leindotteröl (Camelina sativa) – ca. 38 %

- Sacha Inchi Öl (Plukenetia volubilis) – ca. 48 %

- Hanföl – ca. 17 % (Gamma-Linolensäure (Omega 6) ca. 4 %)

- Walnussöl – ca. 13 %

- Rapsöl – ca. 9 %

- Sojaöl – ca. 8 %

Omega-3-Fettsäuregehalte verschiedener Fische:

- Atlantischer Lachs, gezüchtet, gegart, geräuchert – 1,8 %

- Sardellen – Europa, eingelegt in Öl oder Salz – 1,7 %

- Sardine – Pazifik, eingelegt in Tomatensoße oder Salz, mit Gräten – 1,4 %

- Atlantischer Hering, in Essig eingelegt – 1,2 %

- Makrele – Atlantik, gekocht, geräuchert – 1 %

- Weißer Thunfisch – eingelegt in Wasser oder Salz – 0,7 %

Langlebige Raubfische enthalten Methylquecksilber, welches aus toxikologischen Gründen bereits ab einem monatlichen Fischverzehr von 114 g (Schwertfisch) oder 454 g (Thunfisch) bedenklich wird. Fast unbedenklich sind Sardine, Anchovis oder Makrele (toxikologisch unbedenkliche monatliche Aufnahme 2724 g), noch besser Lachs (3623 g/Monat). Andere Gifte wie Cadmium, HCB, PCBs sind von geringerer Bedeutung. Fischöle/-kapseln enthalten keine relevanten Mengen an Giften.

Fische haben jedoch ihren hohen Gehalt an EPA und DHA nur aufgrund ihrer Algennahrung. Bestimmte Mikroalgen sind besonders geeignete Produzenten für die Fettsäuren. Inzwischen sind auch Mikroalgenöle erhältlich, die in Bioreaktoren hergestellt wurden. Der Biosyntheseweg der Fettsäuren und die beteiligten Algengene wurden bereits charakterisiert und es ist zu erwarten, dass gentechnisch veränderte Pflanzen, die die Synthese beherrschen, patentiert werden.“

(Quelle: Wikipedia)

Kommentar & Ergänzung:

Interessant ist der hohe Anteil von Omega-3-Fettsäuren in Leinsamen / Leinöl. Aus Leinsamen werden Omega-3-Fettsäuren allerdings nur in den Körper aufgenommen, wenn die Leinsamen geschrotet sind.

Für die beim Hanföl erwähnte Omega-6-Fettsäure Gamma-Linolensäure sind bekanntere Quellen Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl.

Sie werden in der Phytotherapie vor allem eingesetzt bei Atopischer Dermatitis (Neurodermatitis).

Omega-3-Fettsäuren: Bedeutung als Nahrungsmittel

„Der erwachsene menschliche Körper wandelt Omega-3-Fettsäuren pflanzlicher Herkunft (α-Linolensäure) nur in geringem Maß in Eicosapentaensäure („EPA“, ca. 5 %) und Docosahexaensäure („DHA“, < 0,5 %) um. Nur der Stoffwechsel von Neugeborenen ist zu einer verstärkten Umwandlung fähig, da sie die Stoffe für ihre Hirnentwicklung benötigen. EPA und DHA sind jedoch in Fischölen direkt enthalten. Im Rindfleisch finden sich deutlich weniger Omega-3-Fettsäuren, sowohl in Form von α-Linolensäure, als auch als EPA und DHA. Jedoch ist das Verhältnis Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren bei Tieren aus extensiver Weidehaltung deutlich günstiger als bei konventioneller Tierhaltung.

Für die Umwandlung der pflanzlichen α-Linolensäure benötigt der Körper die Enzyme Delta-6-Desaturase und Delta-5-Desaturase. Diese werden aber gleichzeitig für die Umwandlung der Omega-6-Fettsäure Linolsäure in andere Omega-6-Fettsäuren benötigt. In unserer heutigen Nahrung ist das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren mit >7:1 sehr ungünstig; die DGE empfiehlt 5:1. Empfehlenswert ist somit eine Reduzierung des Omega-6-Fettsäuren-Anteils in der Nahrung, wodurch mehr Enzyme für die Umwandlung der α-Linolensäure zur Verfügung stehen. Vitamin- und Mineralienmangel, Stress und Alter können die Umwandlung verlangsamen. Hingegen können Vitamin B und C, Magnesium und Zink diese Enzyme aktivieren.

Beim Menschen hebt α-Linolensäure bestimmte Blutfette (Triglyceride), während Eicosapentaensäure oder Docosahexaensäure diese Fette senken. α-Linolensäure wirkt nicht blutdrucksenkend, wohl aber Docosahexaensäure. Dies suggeriert, dass sich mit pflanzlicher α-Linolensäure manche Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren aus Fisch oder Fischöl nicht erzielen lassen. Dies bedeutet auch, dass eine gesundheitsfördernde Wirkung der pflanzlichen α-Linolensäure separat nachgewiesen werden müsste. Über andere Omega-3-Fettsäuren, wie C18:4ω-3 oder C22:5ω-3 ist weniger bekannt, sie scheinen von geringerer Bedeutung.“

(Quelle: Wikipedia)

Tagesbedarf & Omega-3-Index

„Nach einem Artikel von 2007 empfehlen manche US-Amerikanische Gesundheits- und Regierungsorganisationen die regelmäßige Einnahme der Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Für den täglichen Bedarf wurden typischerweise zwischen 100 mg und 600 mg genannt. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA veröffentliche im März 2010 ebenfalls ernährungsbezogene Empfehlungen: Empfohlen wird die tägliche Aufnahme von 250 mg EPA und/oder DHA. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE gibt dieselbe Empfehlung. Daneben wird von der DGE für Schwangere und Stillende die Aufnahme von 200 mg DHA pro Tag zur Unterstützung einer gesunden Gehirnentwicklung des Fötus bzw. Neugeborenen empfohlen.

Eine neue Sicht stellt dem täglichen Bedarf wünschenswerte Spiegel von Omega-3-Fettsäuren im Menschen entgegen, die als Omega-3-Index erfasst werden (Anteil Eicosapentaen- plus Docosahexaensäure in roten Blutkörperchen).“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren im Herz-Kreislauf-Bereich

„In beobachtenden Studien, wie sie von Epidemiologen durchgeführt werden, scheint Verzehr von Fisch schwach mit der Abwesenheit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen korreliert zu sein. Wird der Gehalt des verzehrten Fisches an Eicosapentaen- und Docosahexaensäure mit betrachtet, wird diese Korrelation stärker. Am deutlichsten wird das Bild, wenn der Omega-3-Index betrachtet wird. Ein Omega-3-Index von < 4 % bedeutet ein etwa 10-fach höheres Risiko, den plötzlichen Herztod zu erleiden, als ein Omega-3-Index von > 8 %. In der Allgemeinbevölkerung ist der plötzliche Herztod je nach Omega-3-Index sehr unterschiedlich häufig: In Deutschland, wo man häufig einen Omega-3-Index um 4 % misst, beträgt die Inzidenz des plötzlichen Herztodes 148/100.000, während sie in Japan, wo der Omega-3-Index wohl um 11 % liegt, 7,8/100.000 Personenjahre beträgt. Für nichttödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt eine ähnliche, aber schwächere Korrelation.“

(Quelle: Wikipedia)

Wirkmechanismen der Omega-3-Fettsäuren

„Eicosapentaen- und Docosahexaensäure sind Bestandteile der Zellmembranen und wirken modulierend auf die Funktion verschiedenster Zellen. Deswegen gibt es nicht einen einzigen Wirkmechanismus dieser beiden Omega-3-Fettsäuren, sondern verschiedenste. α-Linolensäure wird nur in einem geringen Maße in die Zellmembranen eingebaut und hat kaum Wirkungen. In Untersuchungen am Menschen wurden folgende Wirkmechanismen für Eicosapentaen- und Docosahexaensäure nachgewiesen:

- sie wirken anti-arrhythmisch (beugen Herzrhythmusstörungen vor), sowohl auf der Ebene des Vorhofes wie der Herzkammer

- sie stabilisieren instabile Gefäßbezirke, die sonst Herzinfarkte verursachen („instabile Plaques“)

- sie verlangsamen das Voranschreiten von Veränderungen der Herzkranzgefäße

- sie senken Blutfette (Triglyceride)

Zahlreiche weitere positive Wirkungen auf Gefäßfunktion, Blutdruck, Entzündungsmediatoren.“

(Quelle: Wikipedia)

Klinische Studien mit Omega-3-Fettsäuren

„Bislang liegen die Ergebnisse von vier großen klinischen Interventionsstudien an insgesamt über 30.000 Personen vor: DART (Diet And Reinfarction Trial, GISSI-P (Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvivenza nell’Infarto miocardico-Prevenzione), DART-2  und JELIS (Japan EPA Lipid Intervention Study). DART und GISSI-P zeigten eine Reduktion der Gesamtmortalität zwischen 20 % und 29 %, des plötzlichen Herztodes von etwa 45 % und kardialer Ereignisse nach Gabe von knapp einem Gramm Eicosapentaen- und Docosahexaensäure pro Tag. DART-2 wurde so schlecht durchgeführt, dass verlässliche Schlussfolgerungen nicht zu ziehen waren. An JELIS nahmen 18.645 hyperlipidämische Japaner mit weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren für fünf Jahre teil. Traditionell wird in Japan viel Fisch, d.h. viel Eicosapentaen- und Docosahexaensäure verzehrt, was hohe Spiegel nach sich zieht. Diese Spiegel wurden durch die Gabe von 1,8 g pro Tag Eicosapentaensäure noch weiter erhöht. Die Inzidenz des plötzlichen Herztodes lag in JELIS bei 40/100.000, also noch deutlich unter der Inzidenz der deutschen Allgemeinbevölkerung (s.o.). Auch andere kardiale Ereignisse waren in JELIS insgesamt selten, und wurden durch Einnahme von Eicosapentaensäure noch weiter reduziert.

Aktuelle systematische Übersichtsarbeiten mit Metaanalysen zeichnen jedoch insgesamt ein uneinheitliches Bild und können keinen übereinstimmenden Nutzen zeigen.

Im Rahmen der Health-Claims-Verordnung hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA eine Bewertung der behaupteten Gesundheitseffekte von EPA- und DHA-Fettsäuren durchgeführt. Im Oktober 2010 wurde eine wissenschaftliche Einschätzung veröffentlicht, in der die Wissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen der Aufnahme von EPA und DHA und der Aufrechterhaltung einer normalen Herzfunktion besteht. Die empfohlene Formulierung ist: “EPA und DHA tragen zur normalen Funktion des Herzens bei.” Um diese Wirkung zu erreichen, sei die tägliche Einnahme von 250 mg nötig.

Ebenso wurden aber auch zahlreiche behauptete Wirkungen zurückgewiesen:

- keine positive Wirkung auf die Cholesterinspiegel im menschlichen Blut

- keine positive Wirkung auf das Immunsystem bzw. gegen bestimmte Eikosanoide und andere entzündungsförderliche Zellgifte im Blut sowie generell keine immunmodulierende Wirkung

- keine positive Regulierung des Blutzuckers

- Kein Schutz der Haut vor UV-Schäden
Bestätigt wurde die Bedeutung von DHA für das menschliche Gehirn. Wissenschaftlich belegt sei, dass DHA einen Beitrag zu Aufrechterhaltung der normalen Gehirnfunktion leiste.

Vereinzelt wird spekuliert, dass die den Omega-3-Fettsäuren zugeschriebenen gesundheitsfördernden Eigenschaften möglicherweise auf die ebenfalls im Fisch enthaltenen Furanfettsäuren zurückzuführen sein könnten.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren in Schwangerschaft & Stillzeit

„Die Placenta versorgt den heranwachsenden Fötus mit 50–60 mg Docosahexaensäure pro Tag. Bei 25 unselektierten Schwangeren in Deutschland wurden Omega-3-Index-Werte zwischen 2,6 und 14,9 % gemessen. Regulationsmechanismen in der Plazenta versuchen den Fetus auf einen Omega-3-Index von 10 bis 11 % einzustellen. Bei Müttern mit niedrigen Spiegeln führt dies zum Leeren vorhandener Speicher. Eine gute Versorgung der Mutter mit Eicosapenten- und Docosahexaensäure zeigte in Interventionsstudien ein besseres Ergebnis in den folgenden Kriterien:

Frühgeburtsbestrebungen sind seltener, wenn frühzeitig mit einer Supplementation begonnen wird. Ein Beginn nach der 33. Woche ist ineffektiv, wie sich in Interventionsstudien zeigte.

Wochenbettdepression tritt selten in Populationen auf, die durch einen hohen Fischverzehr oder einen hohen Gehalt der Muttermilch an DHA charakterisiert sind. Interventionsstudien sind im Gange.

Die Gehirnentwicklung verläuft bei Kindern mit hohen Spiegeln von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure günstiger, wie sich in Interventionsstudien mit Tests, die komplexere Hirnleistungen erfassten, zeigen ließ.

Der Intelligenzquotient von 4-jährigen Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft täglich 2 g Eicosapentaen- und Docosahexaensäure supplementierten war in einer Interventionsstudie 4 Punkte höher, als bei den Kontrollen. Dies wurde darauf zurückgeführt, dass die Spiegel von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure im Nabelschnurblut der intelligenteren Kinder doppelt so hoch waren.

Muttermilch lässt sich über die Ernährung der Mutter Dosis-abhängig mit Eicosapentaen- und Docosahexaensäure anreichern. Die Ergebnisse der Interventionsstudien sind nicht ganz konsistent, zeigen aber generell bessere komplexe Hirnleistungen bei Kindern, deren Mütter in der Stillzeit Eicosapentaen- und Docosahexaensäure supplementierten. Einzelne Hersteller ergänzen Milchnahrung mit DHA.

Ende August 2007 hielt mit Förderung der EU eine Gruppe kompetenter Wissenschaftler eine Konsensuskonferenz ab: „New EU Recommendation Suggests Pregnant Women Need Higher Levels of Omega-3“. Es wurde empfohlen, in der Schwangerschaft mindestens 200 mg/Tag DHA einzunehmen, wobei darauf hingewiesen wurde, dass bis 2.7 g / Tag Eicosapentaen- und Docosahexaensäure in Interventionsstudien ohne wesentliche Nebenwirkungen gegeben worden waren. Auch hier zeigte sich Einigkeit bei der Einschätzung des Wertes der Omega-3-Fettsäuren in der Schwangerschaft, hinsichtlich der Dosis aber Uneinigkeit.

Umsetzung im Alltag: Die Konsensuskonferenz empfiehlt den Verzehr zweier Portionen fetten Fischs (beispielsweise Lachs oder Makrele) pro Woche für schwangere und stillende Frauen, was auch mit den Empfehlungen der Europäische Agentur für Lebensmittelstandards übereinstimmt. Frauen, die wenig oder keinen Fisch verzehren, sollten die Verwendung von Omega-3-Supplementen erwägen.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren in Neurologie & Psychiatrie

„Omega-3-Fettsäuren sind unter anderem für Struktur und Funktion von Hirn und Auge essentiell. Verschiedene Wirkmechanismen, die hierfür relevant sind, hat man beschrieben: Veränderungen in der dopaminergen Funktion, Regulation von Hormonsystemen, Veränderungen intrazellulärer Botschaftersysteme, vermehrte dendritische Verzweigung und Synapsenbildung und eine Anzahl anderer.[45] Dies gilt insbesondere für Docosahexaensäure, weniger für Eicosapentaensäure und nicht für alpha-Linolensäure.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren & Schlaganfall

„In einer systematischen Übersichtsarbeit zeigte sich, dass der ischämische Schlaganfall bei Personen, die Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen, etwa 30 % seltener auftritt. Omega-3-Fettsäurespiegel scheinen nicht mit dem Auftreten hämorrhagischer Schlaganfälle assoziiert.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren – Kognitive Einschränkung und Alzheimer-Erkrankung

„In beobachtenden Untersuchungen an Patienten mit kognitiven Einschränkungen und Alzheimer-Krankheit zeigte sich, dass der Verzehr von mehr Fisch, vor allem aber höhere Spiegel von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure, mit einem niedrigeren Risiko für den Verlust an Kognition und Demenzentwicklung vergesellschaftet sind. Eine erste kleine Interventionsstudie hatte viel versprechende Ergebnisse, weitere werden gegenwärtig durchgeführt.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren & Depression

„(Unipolare) Depressionen und bipolare Störungen treten häufiger bei Personen mit geringer Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren und/oder niedrigen Spiegeln von Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure auf.[45] Ein niedriger Omega-3-Index ist ein Risikofaktor für zukünftige Selbstmordversuche. Zu verschiedenen durchgeführten Interventionsstudien (Dosierungen zwischen 1 und 9,6 g/Tag) liegen mehrere Metaanalysen vor, deren Ergebnisse nicht übereinstimmen. Es scheint einiges darauf hinzuweisen, dass es für den Nachweis eines antidepressiven Effektes darauf ankommt, welche der Omega-3-Fettsäuren den Teilnehmern der Studien verabreicht wurde. Es konnte nachgewiesen werden, dass EPA einen antidepressiven Effekt bei einer Applikation von mehr als 1 g/Tag aufweist, während DHA allein nur einen geringfügigen bis keinen antidepressiven Effekt zeigt. Mehrere Kombinationsstudien, die beide Omega-3-Fettsäuren in einem Verhältnis von > 1 von EPA:DHA verabreichten, konnten ebenfalls positive antidepressive Effekte aufzeigen. Betrug hingegen das Verhältnis von EPA zu DHA weniger als 1, konnten keine antidepressiven Effekte gemessen werden. Es scheint somit noch Forschungsbedarf zu geben, um genaue Anweisungen für die Ernährung herausgeben zu können (sprich Monotherapie einzelner Omega-3-Fettsäuren gegenüber einer Kombinationstherapie und auch die Höhe der eingesetzten täglichen Dosis). Allerdings besteht ein nachhaltiges Interesse daran, auf diesem Gebiet weiterzuforschen, da die bisherigen Ergebnisse vielversprechend sind, insofern als bei einer Reihe von Versuchspersonen Depressionen gemildert oder ganz aufgehoben wurden. Es wurde vorgeschlagen, sich in zukünftigen Studien an Omega-3-Fettsäurespiegeln zu orientieren. Weitere Interventionsstudien werden gegenwärtig durchgeführt.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren & Schizophrenie

„Omega-3-Fettsäurespiegel sind in schizophrenen Patienten niedriger als in gesunden Kontrollen. In 3 von 4 Interventionsstudien wurden positive Effekte gesehen, sowie in Studien zur Wirkung von Eicosapentaensäure. Weitere Interventionsstudien werden gegenwärtig durchgeführt.“

Omega-3-Fettsäuren & Borderline-Persönlichkeit

„Erste Daten von Interventionsstudien bei Borderline-Persönlichkeiten zeigten, dass Eicosapentaen- und Docosaehexaensäure Feindseligkeit und Aggression sowie depressive Symptome vermindern können.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren & Aufmerksamkeitsdefizitstörung / Hyperaktivitätsstörung

„In Jugendlichen und Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen hat man niedrigere Omega-3-Fettsäure-Spiegel gefunden als in gesunden. Omega-3-Fettsäuren erhöhen das im Gehirn verfügbare Dopamin, wirken also wie die gängigen Stimulantien, die zur Behandlung von ADHS genutzt werden. Die Wirkung ist allerdings langfristig. In doppelt verblindeten klinischen Studien, in denen Kindern mit Aufmerksamkeitsschwäche ca. 0,6 Gramm Omega-3-Fettsäuren (EPA und/oder DHA) zugeführt wurden, ergaben sich Behandlungseffekte, die langfristig (nach ca. 3 bis 6 Monaten) mit denen herkömmlicher Medikation vergleichbar waren, jedoch nicht bei allen Betroffenen wirken.“

(Quelle: Wikipedia)

Omega-3-Fettsäuren & eventuelle Erkrankungen

„Prostatacarcinom: In beobachtenden Untersuchungen gewann man Hinweise auf einen protektiven Effekt des Verzehrs von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure, während α-Linolensäure möglicherweise das Gegenteil bewirkt. Höhere Spiegel von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure, nicht aber von α-Linolensäure, waren mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für das Prostatacarcinom assoziiert. Mehrere Interventionsstudien zum Thema werden gegenwärtig durchgeführt.

Bei entzündlichen Erkrankungsbildern mit Autoimmunkomponente, wie rheumatoider Arthritis, entzündlichen Darmerkrankungen, Asthma oder primärer sklerosierender Cholangitis sprechen Wirkmechanismen, wie die Verminderung entzündungsfördernder Mediatoren, für einen therapeutischen Effekt. Erste Interventionstudien hatten positive Ergebnisse, aber eine abschließende Bewertung steht noch aus, da noch weitere Interventionsstudien durchgeführt werden müssen.

Bei bösartigen Erkrankungen wie kolorektales Karzinom oder Brustkrebs war das Erkrankungsrisiko umso kleiner, je höher die Spiegel von Eicosapentaen- und Docosahexaensäure in den Erythrozyten waren. Frühere Untersuchungen, die den Verzehr von Fisch untersuchten, zeigten weniger klare Ergebnisse. Auch hier kann noch keine abschließende Beurteilung abgegeben werden.

Die AREDS Studie ergab, dass ein erhöhter Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung der altersbedingten Makuladegeneration entgegenwirken könnte. Diese Befunde sollen in der AREDS II Studie weiter untersucht werden.“

(Quelle: Wikipedia)

Fettsäure-Wechselwirkungen

„Die Verwertung von Omega-3-Fettsäuren im menschlichen Organismus wird u. a. auch durch die Konzentration von Omega-6-Fettsäuren beeinflusst, da diese in einigen biochemischen Vorgängen konkurrieren. Es wird daher diskutiert, welchen Einfluss das Verhältnis von Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung auf die menschliche Gesundheit hat. Dieses Verhältnis liegt heute je nach Quelle bei 15:1 bis 30:1 in Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Dies wird oft als ungünstig bewertet und ein niedrigeres Verhältnis empfohlen. Im Fleisch von Nutztieren ist das Verhältnis verschoben, da heutige auf Getreide basierende Kraftnahrung einen deutlich höheren Anteil an Omega-6-Fettsäuren aufweist als die natürliche, auf Grünpflanzen basierende Nahrung.

Den mit Abstand höchsten relativen Anteil an Omega-3-Fettsäuren enthält Leinöl mit einem Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 von etwa 1:3. Es enthält als einziges Speiseöl mehr Omega-3-Fettsäure (in Form von Linolensäure) als Omega-6-Fettsäure. Weitere Speiseöle mit hohem relativen Omega-3-Gehalt sind Rapsöl (2:1), Hanföl (3:1), Walnuss-, Weizenkeim- und Sojaöl (6:1) sowie Olivenöl (8:1). Maiskeimöl weist hingegen ein Verhältnis von ca. 50:1 auf, Sonnenblumenöl 120:1 und Distelöl 150:1.

Ein hohes Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis wird in einigen Arbeiten mit entzündlichen Vorgängen in Verbindung gebracht.

In einer US-amerikanischen Studie wurde zwar der positive Einfluss von Nahrung mit höherem Omega-3-Fettsäuregehalt bei Herzerkrankungen bestätigt, aber keine nennenswerte Beeinträchtigung durch die Omega-6-Aufnahme festgestellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Zur widersprüchlichen Studienlage bei Echinacea

Dienstag, März 29th, 2011

Echinacea (Sonnenhut)  ist wohl die bekannteste Heilpflanze zur Immunstimulation. In letzter Zeit haben widersprüchliche Studienergebnisse für Verwirrung gesorgt. Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin, hat sich in der „Welt“ damit auseinandergesetzt:

„Echinacea ist kein Neuzeitmittel. Schon die Indianer Nordamerikas kauten früher bei fieberhaften Erkrankungen und bei schlechter Wundheilung die Echinacea-Wurzeln. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Studien zu dieser Pflanze aus der Familie der Korbblütler, mal mit positiven und mal mit negativen Ergebnissen. Der Vergleich ist schwierig, weil das Studiendesign mitunter stark variiert. Ein weiteres Problem liegt in der genauen Definition einer Erkältung und der objektiven Beurteilung subjektiv empfundener Symptome. Darüber hinaus gibt es drei medizinisch interessante Echinacea-Arten: E. purpurea, E. pallida und E. angustifolia. Die Unterschiede sind groß, zudem werden manchmal die Wurzeln, manchmal der oberirdische Spross verarbeitet – dazu verschiedene Dosierungen der Präparate.“

Dazu kommt noch, dass es bei den Echinacea-Präparaten grosse Unterschiede bei der Herstellung gibt: Frischpflanzenpresssaft, Tinktur, Frischpflanzentinktur, Trockenextrakt – das ergibt auch unterschiedliche Präparate. So lassen sich Erfolge oder auch Misserfolge, die ein Echinacea-Präparate in einer Studie zeigt,  nicht einfach auf andere Präparate übertragen.

„Entsprechend unterschiedlich fallen die Studienergebnisse aus. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben drei Forschergruppen sich zahlreiche Studien vorgeknöpft und übergreifend neu bewertet. Der an der Peninsula Medical in Exeter arbeitende Experte für komplementäre Medizin, Professor Edzard Ernst, zieht eine positive Bilanz: ‚Es ergibt sich ein positives Urteil. Echinacea verkürzt die Dauer und verhindert den Ausbruch von Erkältungen, wenn auch nur marginal im Vergleich zu Placebos.’“

Ernst zieht diesen Schluss aus dem Resultat von Metastudien. Dazu werden alle verfügbaren Studien, welche bestimmten Qualitätskriterien entsprechen, zusammengefasst.

Ernst macht aber auch eine wichtige Einschränkung:

„Er rät aber nur zum Einsatz im Krankheitsfall: ‚Eine Stimulation des Immunsystems ist nur nützlich, wenn es in irgendeiner Weise geschwächt ist. Es kann auch problematisch sein und unerwünschte Effekte nach sich ziehen, wenn ein optimal arbeitendes Immunsystem weiter angeregt wird.’“

Quelle:

http://www.welt.de/gesundheit/article2212663/Die_Heilkraft_der_Kraeuter_und_was_dahinter_steckt.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendelöl wirksam gegen Hautpilze

Montag, Februar 21st, 2011

Portugiesische Wissenschaftler haben ein unerwartet durchschlagendes Naturheilmittel für den Kampf gegen notorisch schwer zu behandelnde Pilzerkrankungen gefunden: Lavendelöl. Schon in tiefen Konzentrationen tötet Lavendelöl verschiedene Hefepilze und Fadenpilze ab, die beim Menschen Hautpilz- und Nagelpilzerkrankungen auslösen können. Die Bedeutung der Entdeckung erklärt Lígia Salgueiro von der Universität in Coimbra, eine der Leiterinnen der Studie: “In den vergangenen paar Jahren treten vermehrt Pilzerkrankungen auf, besonders bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem. Unglücklicherweise steigen auch die Resistenzen gegen Medikamente, die diese Pilze bekämpfen. Die Forschungen unserer Gruppe und anderer zeigen nun, dass ätherische Öle eine günstige und effiziente Alternative mit minimalen Nebeneffekten sein können.”

Pilze können sowohl die Haut als auch die Schleimhäute des Menschen befallen. Die bekannteste Pilzerkrankung ist der Fußpilz, der durch Fadenpilze verursacht wird.

Dabei ernähren sich die Pilze vom Keratin der oberen Hautschicht oder der Nägel. Die Schleimhäute werden wiederum gerne von Hefepilzen der Gattung Candida angegriffen. Gelangen solche Pilze in die Blutbahn, können sie innere Organe befallen. In diesem Stadium lassen sie sich nur noch sehr schwer bekämpfen und stellen eine tödliche Gefahr dar. Vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, zum Beispiel aufgrund einer chronischen Erkrankung oder nach einer Transplantation, sind gefährdet, an einer solchen Pilzinfektion zu erkranken.

Ätherische Öle werden schon seit Generationen als Heilmittel verwendet, so auch das Lavendelöl. Dem Lavendelöl werden beruhigende, krampflindernde, antimikrobielle und antioxidative Wirkungen nachgesagt. Die portugiesischen Forscher wollten nun die Wirkung des Lavendelöls auf Pilze testen. Zu diesem Zweck destillierten sie die ätherischen Öle aus luftgetrocknetem grünen Lavendel (Lavandula viridis), der in Portugal wächst. Sie konnten dabei 51 Bestandteile identifizieren, hauptsächlich 1,8-Cineol, alpha-Pinen, Linalool und Kampfer. Dann untersuchten die Wissenschaftler, ab welcher Konzentration Lavendelöl auf verschiedene Pilze hemmend oder sogar tödlich wirkt. Sie testeten dabei sowohl das destillierte ätherische Öl als auch einige seiner einzelnen Inhaltsstoffe. Als Pilze verwendeten sie Hefepilze der Gattung Candida und Schimmel- sowie Fadenpilze.

Am wirksamsten erwies sich das Lavendelöl gegen Schimmelpilze der Art Cryptococcus neoformans und gegen diverse Hefepilze der Gattung Candida. Weniger effektiv war es gegen den sogenannten Gießkannenschimmel (Aspergillus). Von den einzelnen Inhaltsstoffen zeigte sich das alpha-Pinen als besonders wirksam. Die Forscher betonen aber, dass bei ätherischen Ölen natürlichen Ursprungs oft eine Kombination an Stoffen wirksam ist. Weil sowohl die hemmende als auch die tödliche Wirkung zumeist bei derselben Konzentration auftrat, vermuten die Forscher, dass durch das ätherische Öl die Zellwände und die Hüllen der kleinen Organellen im Inneren der Zellen zerstört werden. Lavendelöl habe sich als potentes Mittel gegen zahlreiche Pilze erwiesen, schreiben die Wissenschaftler. Weitere Studien sollen nun folgen, um den Weg für den klinischen Einsatz des Lavendelöls zu ebnen.

Quellen:

dapd/wissenschaft.de – Anke Biester

Lígia Salgueiro (Universität in Coimbra) et al: Journal of Medical Microbiology, doi: 10.1099/jmm.0.027748-0

http://jmm.sgmjournals.org/cgi/content/abstract/jmm.0.027748-0v1

Kommentar & Ergänzung:

Lavendelöl wird seit langem als Beruhigungsmittel und Einschlafhilfe verwendet, doch ist auch seine Wirkung gegen Pilze bekannt. Lavendelöl ist ein wichtiges ätherisches Öl in Aromatherapie und Phytotherapie.

Mich freuen diese Resultate aus Portugal, weil ich Lavendelöl schon seit langem zur Behandlung von Pilzerkrankungen empfehle und dabei in der Regel gegenüber dem Teebaumöl vorziehe. Und dies vor allem aufgrund der besseren Verträglichkeit von Lavendelöl. Allerdings empfehle ich Lavendelöl aus Lavandula angustifolia, während in Portugal Lavandula viridis untersucht wurde.

Auf die verschiedenen Lavendelarten geht die Deutsche Apothekerzeitung in einem Bericht über die portugiesischen Untersuchungen ein:

„Neben dem Echten Lavendel (Lavandula angustifolia syn. L. officinalis syn. L. vera), der als Arzneipflanze gründlich erforscht worden ist und außerdem in der Kosmetikindustrie eine sehr große Rolle spielt, ist nur noch der Spik-Lavendel (L. latifolia) von globaler Bedeutung; alle anderen Lavendel-Arten sind aus therapeutischer Sicht uninteressant oder von eher geringem Interesse und spielen allenfalls regional begrenzt eine Rolle in der Volksmedizin.

Eine Arbeitsgruppe an der Universität von Coimbra in Portugal nimmt sich seit jüngerer Zeit die dort wachsenden Lavendel-Arten vor und testet sowohl deren ätherisches Öl als auch einzelne darin enthaltene Komponenten auf ihre wachstumshemmenden oder tödlichen Wirkungen gegenüber pathogenen Haut- und Schleimhautpilzen.“

Zur Publikation aus Coimbra schreibt die Apothekerzeitung:

„Die von dieser Arbeitsgruppe jüngst publizierte Untersuchung über den Grünen Lavendel (Lavandula viridis) findet auch in der Laienpresse Beachtung und wird dort teilweise als sensationelle Entdeckung eingestuft. Dies erscheint schon deshalb nicht berechtigt, weil dieselbe Arbeitsgruppe im August 2009 ähnliche Beobachtungen an der Lavendel-Art Lavandula pedunculata gemacht hatte, ohne dass dies inzwischen zur Entwicklung eines Arzneimittels, beispielsweise gegen Fußpilz, geführt hätte.“

Und welche Inhaltsstoffe sind typisch für Lavandula peduculata und Lavandula viridis?

„Das ätherische Öl der beiden in Coimbra erforschten Lavendel-Arten, die auch als Unterarten des Schopf-Lavendels (Lavandula stoechas) gelten, sind reich an 1,8-Cineol, Fenchon, alpha-Pinen, Linalool und Campher; es handelt sich um flüchtige Stoffe, die im Pflanzenreich, insbesondere bei Gewürzpflanzen, weitverbreitet sind, wenn auch ihre jeweilige Kombination in einer bestimmten Pflanze einmalig und insofern typisch sein kann.“

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2011/02/16/portugiesisches-lavendeloel-gegen-fusspilz.html

Fundierte Informationen über Lavendelöl finden Sie in folgender Broschüre:

Ätherische Öle in der Pflege – Anwendung und Wirkung von Lavendelöl

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Wasserdost-Präparat gegen Erkältungen getestet

Montag, Februar 7th, 2011

Gegen Erkältungen gebe es auch eine Pflanze aus dem Arzneischatz der nordamerikanischen Indianer: den Wasserdost (Eupatorium perfoliatum). Das schreibt die „Ärztezeitung“ online. Die Pflanze habe ihre entzündungshemmende Wirkung etwa in einer Anwendungsbeobachtung gezeigt: Je 100 Säuglinge, Kleinkinder und Kinder bis zwölf Jahre bekamen die Arznei durchschnittlich sieben Tage lang.

Fieber, Husten, Schnupfen, Halsschmerzen sowie Kopfschmerzen und Gliederschmerzen besserten sich in dieser Studie deutlich. Alle Besserungsraten lagen über 50 Prozent und beim Fieber waren es sogar über 90 Prozent.

Die Effekte von Eupatorium-Extrakten auf Effektorzellen des unspezifischen Immunsystems wurden zudem mit mehreren In-vitro-Untersuchungen belegt. Zum Beispiel bewirkte aufgereinigtes Xylan (1 mg/ml) aus einem alkalischen Krautextrakt im Carbon-Clearance-Test eine gesteigerte Phagozytoseaktivität von Makrophagen der Maus.

Und auch im Granulozytentest zeigten sich Phagozytosesteigerungen von 20 bis 30 Prozent. Zudem bewirkte eine Urtinktur aus Eupatorium perfoliatum einen entzündungswidrigen Effekt in einem In-vitro-Modell an primären humanen Monozyten: Die Synthese der entzündungsfördernden Mediatoren Interleukin-1 und Prostaglandin E2 wurde in den Tests vermindert. Auf die Freisetzung der Matrixmetalloproteinase 1 (MMP-1) gab es nur kleine Effekte.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/erkaeltungskrankheiten/default.aspx?sid=634489&sh=2&h=-631802463&ticket=ST-2275-hul0QpUWhEqUrKWeSL3j5cXAYApP6GT2xJ4-20

Kommentar & Ergänzung:

Ich bin ja offen für Wirkungen von Heilpflanzen und sehr interessiert an Forschungsresultaten im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde.

Das heisst aber natürlich nicht, dass man ungeprüft alles blind glauben sollte, was da gerade herumgeistert. Schauen wir uns daher den Bericht aus der Ärztezeitung genauer an.

Eine Anwendungsbeobachtung hat also ergeben: Wenn Säuglinge, Kleinkinder und Kinder mit Erkältung ein Wasserdost-Präparat einnehmen, dann bessern die Beschwerden nach einer durchschnittlichen Anwendungszeit von 7 Tagen bei über 50% der Patientinnen und Patienten. Bei Fieber sogar bei über 90 %!

Was soll man zu solchen Resultaten sagen?

Das ist doch der normale Verlauf einer Erkältung. Vor allem bei Kleinkindern würde ich erwarten, dass nach 7 Tagen bei der grossen Mehrheit das Fieber wieder weg ist, und dass bei über 50% die Symptome bessern. Über die Wirksamkeit der Heilpflanze Wasserdost sagt diese Anwendungsbeobachtung rein gar nichts aus. Sie ist lediglich brauchbar zu Werbezwecken bei gutgläubigen Konsumentinnen und Konsumenten. Die Werbestrategie jedenfalls ist ziemlich clever. Der Artikel steht unter der Schlagzeile „Indianische Heilkunst gegen Erkältungen“. Wer sich davon noch nicht beeindrucken lässt, den überzeugt vielleicht eine wissenschaftliche Studie. Wissenschaft und Indianermedizin Hand in Hand – gemeinsam für Wasserdost. Eine wahrlich schöne Vorstellung. Dass die Anwendungsbeobachtung eine reine Farce ist, fällt ja den meisten Leuten nicht auf. Bemerkenswert ist zudem, dass das untersuchte Heilpflanzen-Präparat aus mehreren Bestandteilen besteht und 1000 mal mehr Echinacea angustifolium (Sonnenhut) enthält als Wasserdost. Weshalb wohl wird hier trotzdem der Wasserdost in den Vordergrund gerückt?

Vielleicht ist „Echinacea“ ganz einfach werbemässig schon von allzu vielen Konkurrenzprodukten besetzt – quasi ausgelutscht.? Zudem wurden zu Echinacea in letzter Zeit auch Forschungsresultate bekannt, welche die Wirksamkeit in Frage stellten.

Da scheint es doch nahe liegend, werbemässig eine andere Pflanze in den Vordergrund zu stellen, auch wenn diese im Produkt verglichen mit Echinacea nur in symbolischen Konzentrationen vorkommt.

Im Artikel wird noch über verschiedene In-vitro-Untersuchungen mit Wasserdost berichtet. In-vitro heisst im Reagenzglas. Das sind Laboruntersuchungen, bei denen völlig offen bleibt, ob die gefundenen Effekte sich auch positiv bei erkälteten Menschen auswirken.

Gerade bei immunstimulierenden Heilpflanzen lassen sich im Labor oft vielfältige Wirkungen auf Abwehrzellen feststellen. Ob solche Resultate zur Vorbeugung oder Heilung von Erkältungskrankheiten beitragen können, ist eine ganz andere Frage.

Weder eine „Anwendungsbeobachtung“ noch In-vitro-Studien sagen also etwas aus über die Wirksamkeit von Wasserdost gegen Erkältungen.

Dazu wäre eine Patientenstudie nötig, bei der eine „Wasserdost-Gruppe“ mit einer „Placebo-Gruppe“ verglichen wird. Nur so kann festgestellt werden, ob die Besserung mit Wasserdost schneller oder stärker einsetzt als die natürliche Besserungstendenz aufgrund der Selbstheilungskräfte. Solche qualitativ besseren Studien fehlen aber beim Wasserdost.

Damit behaupte ich nicht, dass Wasserdost unwirksam ist. Aber auf der Basis dieser In-vitro-Resultate und dieser Anwendungsbeobachtung lässt sich dazu einfach nichts aussagen.

An diesem Beispiel lässt sich auch einiges lernen für den Umgang mit dem Thema „Komplementärmedizin“:

Es kommt hauptsächlich auf die Qualität der Studien an, nicht auf die Quantität.

Wenn beispielsweise Hansueli Albonico in einer Pressemitteilung der Union komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen schreibt, dass 2000 klinische Studien für die Komplementärmedizin eine mit der Schulmedizin vergleichbare Wirksamkeit belegen, so tönt diese Zahl erst einmal eindrücklich. Die Aussage ist aber sehr tendenziös, weil sie erstens die Studien mit negativem Ausgang offensichtlich ausklammert und zweitens die entscheidende Frage nach der Qualität der Studien nicht stellt, sondern rein quantitativ bleibt. Bezieht man auch die Studien mit negativem Resultat und die qualitativen Kriterien mit ein, ist die Frage nach der Wirksamkeit der Komplementärmedizin nicht mehr so simpel, eindeutig und pauschal mit ja zu beantworten. An diesem Punkt könnte dann Differenzierung anfangen….

Ein ähnliches Beispiel bot Donat Baur, Marketing-Leiter der Homöopathie-Firma Similasan, in der sfdrs-Sendung „Club“ vom 12. 10. 2010 mit der Aussage, dass 22 Studien die Wirksamkeit der Homöopathie belegen. Auch hier werden alle Studien mit negativem Ausgang einfach weggelassen. Genauso wie auf der Website der Firma Similasan zwar positive Studien auftauchen, die zahlreichen gewichtigen Studien mit negativem Ausgang aber fehlen. Und die Qualität der ins Feld geführten Studien ist auch hier kein Thema. Das ist meines Erachtens irreführend und tendenziös.

Ich bewege mich seit über dreissig Jahren als Kursleiter und Ausbildner in und zwischen den Bereichen Naturheilkunde, Medizin und Komplementärmedizin – und es sind solche immer wiederkehrende einseitige Darstellungen, die mich skeptischer machten und mich zum kritischeren Hinschauen bewogen.

Konsumentinnen und Konsumenten kann ich nur empfehlen, im Bereich der sogenannten „Komplementärmedizin“ genauso kritisch hinzuschauen wie im Bereich der Medizin.

Zur Problematik der Begriffs Komplementärmedizin:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Und wie das Beispiel der Anwendungsbeobachtung mit Wasserdost zeigt, gilt das auch für den Bereich der Pflanzenheilkunde.

Wer nicht weiss, wie man Heilungsversprechungen prüft und sich eine fundierte Meinung dazu bildet, wird von der Werbung nach Strich und Faden manipuliert und von missionarischen Propagandisten in die Irre geführt.

Genauer nachfragen und sich eine eigene, fundierte Meinung bilden können Sie lernen in meinem Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Phytotherapie: Eleutherococcus senticosus – Taigawurzel

Mittwoch, Februar 2nd, 2011

Die Österreichische Apothekerzeitung (22 / 2010) publizierte einen Artikel zum Thema „ Stärkung des Immunsystems mit Phytopharmaka – Pflanzliche Immunmodulatoren und Adaptogene“. Ein interessanter Abschnitt darin handelt von der Taigawurzel, Eleutherococcus senticosus. Hier einige Zitate (kursiv) mit kurzen Kommentaren von mir.

In welchen Bereichen wird Taigawurzel eingesetzt?

„Eleutherococcus senticosus (Rupr. & Maxim) Maxim. (Sibirischer Ginseng, syn. Acanthopanax senticosus (Rupr. & Maxim) Harms, Araliaceae), die Taigawurzel, wird zur Erhaltung und Aktivierung der körpereigenen Widerstandskraft, besonders bei außergewöhnlichen körperlichen, seelischen und geistigen Belastungen, einge-setzt. Sie steigert die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei Erschöpfungszuständen und ist vor allem als »Adaptogen« bekannt.“

Taigawurzel gehört wie Ginsengwurzel (Panax ginseng) zu den Heilpflanzen mit adaptogener Wirkung. Bei beiden Heilpflanzen gibt es ausserdem Hinweise auf immunstimulierende Effekte:

„In einer Studie an gesunden Probanden kam es nach 4-wöchiger Therapie mit einem ethanolisch-wässrigen Flüssigextrakt zu einer hochsignifikanten Zunahme immunkompetenter Zellen, vor allem von T-Lymphozyten, aber auch Killerzellen. Eine signifikante Stimulierung der Phagozytose wurde von Szolomicki und Mitarb. an 35 Probanden nach täglicher Einnahme von 75 Tropfen eines Flüssigextraktes über 30 Tage beobachtet. Auch das Auftreten von Herpes simplex type II Infektionen konnte nach Einnahme eines Trockenextraktes von Eleutherococcus senticosus (400 mg) erheblich verringert werden.“

Zu den Inhaltsstoffen von Taigawurzel:

„Die Taigawurzel enthält als Hauptinhaltsstoffe (Eleutheroside) Saponine, Lignane und deren Glykoside, monomere Phenylpropane, Cumarine und Sterole. Außerdem sind immunstimulatorisch wirkende Polysaccharide enthalten. Eleutherosid B (4-O-β-D-glucosid Syringin) ist bioverfügbar und erreicht bereits nach 15 Minuten das Konzentrationsmaximum im Blut. Es wird innerhalb von 48 h vor allem zu 90% über die Nieren wieder ausgeschieden.“

Die Inhaltsstoffe der Taigawurzel sind sehr unterschiedlich. Auch die Wechselwirkungen (Interaktionen) mit anderen Medikamenten waren Gegenstand von Untersuchungen:

„An gesunden Probanden konnte bei gleichzeitiger Gabe der Taigawurzel (970 mg) und CYP2D6- (Dextromethorphan) und CYP3A4- (Alprazolam) Substraten keine Interaktion festgestellt werden. Die an einem Einzelpatienten reproduzierbar beobachtete Interaktion mit Digoxin konnte durch eine Studie an 10 Patienten mit Bluthochdruck und regelmäßiger Einnahme von Digoxin nicht bestätigt werden. 300 mg eines Eleutherococcus-Trockenextraktes hatten während einer 8-wöchigen Einnahme keinen Einfluss auf den Digoxin-Blutspiegel. Digoxin ähnliche Substanzen in der Taigawurzel gaben vermutlich ein falsch positives Ergebnis in der Digoxin-Serum-Analyse.“

Und zur Dosisempfehlung:

„Von der EMA wurden Eleutherococcus-Zubereitungen als »Traditional Herbal Medicinal Products« eingestuft. Sie sollten nicht länger als 2 Monate mit einer Tagesdosis von 2 bis 3 g Droge eingenommen werden.“

Unter der Bezeichnung „Droge“ versteht man in der Phytotherapie getrocknete Heilpflanzen. Taigawurzel wird allerdings kaum  als Tee angewendet, oft jedoch als Fluidextrakt.

Die Einschränkung der Anwendungsdauer auf 2 Monate gründet auf fehlenden Langzeitstudien und theoretischen Sicherheitsüberlegungen. Schilcher / Kammerer / Wegener legen im „Leitfaden Phytotherapie“ auf drei Monate und fügen an, dass eine erneute Anwendung nach weiteren etwa zwei Monaten mögliche ist.

Quelle:

http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-22.pdf

Ergänzend Infos zu Botanik und Vorkommen von Eleutherococcus senticosus (nach Wikipedia):

„Die Borstige Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus, Syn.: Hedera senticosa Rupr. & Maxim. (basionym), Acanthopanax senticosus (Rupr. & Maxim.) Harms), auch kurz Taigawurzel, Teufelsbusch, Stachelpanax, Sibirischer Ginseng, Eleutherokokk genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Araliengewächse (Araliaceae).

Die Borstige Taigawurzel ist beheimatet in Sibirien, im Amurgebiet, auf der Insel Sachalin, in Japan (auf der Insel Hokkaidō), Nordkorea, im nordöstlichen China (in den Provinzen: Hebei, Shanxi, sowie in der Mandschurei, das sind die Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning).“

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Phytotherapie: Umckaloabo (Pelargonium sidoides) bei Erkältungen

Freitag, Januar 21st, 2011

Die Österreichische Apothekerzeitung (22 / 2010) veröffentlichte Ende 2010 einen Artikel zum Thema „Stärkung des Immunsystems mit Phytopharmaka - Pflanzliche Immunmodulatoren und Adaptogene“.

Ein interessanter Abschnitt darin handelt von Pelargonium sidoides (Umckaloabo, Kapland-Pelargonie):

„Pelargonium sidoides DC. (Geraniaceae) ist eine südafrikanische Arzneipflanze, deren Wurzeln für die Herstellung des Spezialextraktes EPs®7630 (Umckaloabo® in Deutschland und Kaloba® in Österreich) verwendet wird. Der Extrakt enthält als charakteristische Inhaltsstoffe Polyphenole, Proteide, Purine, Mineralstoffe, Zucker und in geringer Konzentration 7-Hydroxycumarinderivate. Wie für Phytopharmaka typisch, ist ein Teil der Inhaltsstoffe bis heute unbekannt. Umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass der Extrakt zytoprotektiv wirkt und potente antivirale Eigenschaften hat, was gemäß der fast ausschließlich viralen Ätiologie der Atemwegsinfektionen von hoher therapeutischer Relevanz ist. Es wird die Interferonsynthese gesteigert und die Funktion der Phagozyten verbessert. Außerdem wurden antibakterielle und sekretomotorische Eigenschaften beschrieben. Der Extrakt besitzt daher komplementäre antiinfektive Eigenschaften. Er hemmt nicht nur die Adhäsion und die Internalisierung von Bakterien und verhindert damit deren Invasion in die Submucosa, sondern sorgt auch für eine Verminderung der Erregerlast. Das alles trägt dazu bei, den Körper vor bakterieller Kolonisation, vor Infektion, Superinfektion und Rezidiv zu schützen. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit von EPs®7630 wurde an über 3.800 Patienten in kontrollierten Doppelblindstudien und über 5.400 Patienten in offenen Studien und Anwendungsbeobachtungen geprüft. Die Theorie, Umckaloabo® bzw. Kaloba® könnte eine verstärkte Wirkung gerinnungshemmender Medikamente vom Cumarin-Typ wie Phenprocoumon (z.B. Marcumar®) und Warfarin bei gleichzeitiger Einnahme auslösen, konnte bisher nicht bestätigt werden. Bei Co-Medikation mit 0,05 mg/kg KG Warfarin war keine Verstärkung der antikoagulativen Wirkung zu verzeichnen.“

Quelle:

http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-22.pdf

Österreichische Apothekerzeitung 22 / 2010

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat ist wohl ohne Kenntnis medizinischer Fachbegriffe nicht so leicht verständlich.

Beschrieben wird die Wirkung von Umckaloabo (Kapland-Pelargonie). Im Vordergrund stehen dabei antivirale, schleimlösende und immunstimulierende Wirkungen, die sich bei Erkältungskrankheiten gut ergänzen.

Weil Umckaloabo Cumarin-Derivate enthält, wird oft vor einer Verstärkung der Wirkung blutgerinnungshemmender Medikamente gewarnt. Dabei wird aber übersehen, dass es sehr unterschiedlich gebaute Cumarin-Derivate gibt, die sich auch in ihrer Wirkung unterscheiden. Die Cumarine im Umckaloabo sind sehr speziell und anders gebaut als die dimeren Cumarinen mit blutgerinnungshemmendem Effekt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass die Autoren zum Schluss kommen, die Verstärkung der Wirkung gerinnungshemmender Medikamente sei bisher nicht belegt.

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Was können pflanzliche Immunmodulatoren?

Freitag, Januar 14th, 2011

Die Österreichische Apothekerzeitung (22 / 2010) veröffentlichte eine Beschreibung der Möglichkeiten zur „Stärkung des Immunsystems mit Phytopharmaka“. Zu Beginn des Artikels wird dargelegt, was Heilpflanzen zur Immunmodulation bzw. Immunstimulation im Organismus bewirken:

„Pflanzliche Immunmodulatoren können insbesondere temporär geschwächte Abwehrsysteme wieder hochregulieren. In erster Linie erfolgt eine Stimulation der unspezifischen körpereigenen Abwehr. Sie beeinflussen daher vor allem die zelluläre Immunität, nämlich Makrophagen, natürliche Killerzellen und Granulozyten, aber auch die humorale Immunität, das Komplementsystem, Cytokine und Interferone. Da Makrophagen die wichtigsten Abwehrzellen darstellen, sind sie das primäre Ziel der Immunmodulation. Ihre Phagozytoserate kann auf das 200-Fache gesteigert werden.

Es wird angenommen, dass circa 90 Prozent aller Infektionen durch die angeborene, unspezifische Immunabwehr erkannt und erfolgreich bekämpft werden können. Die unspezifische Abwehr ist nicht antigen-orientiert und besitzt daher keine Gedächtnisreaktion. Sie ist bei einer Infektion sofort aktiv und bekämpft die eingedrungenen Krankheitserreger, während zur Produktion der spezifischen Antikörper etwa 5 Tage notwendig sind. Somit kommt dem unspezifischen Immunsystem gerade im Anfangsstadium einer Infektion eine besondere Bedeutung zu. Immunmodulatoren bzw. auch so genannte Adaptogene sollten daher möglichst frühzeitig bei den ersten Anzeichen einer Infektion eingenommen werden.

………Es gibt eine Vielzahl von Arzneipflanzen, die als Immunmodulatoren bzw. als Adaptogene verwendet und häufig in der Selbstmedikation eingesetzt werden. Zu den bedeutendsten zählen Echinacea-, Eleutherococcus-, Rhodiola-, Pelargonium- und Uncaria-haltige Präparate. Zu Thuja occidentalis L. (Lebensbaumtriebspitzen) und Baptisia tinctoria (L.) R. BR. (Wurzel des Wilden Indigo), die im Folgenden nicht näher besprochen werden, gibt es keine Positiv-Monographien, beide sind aber in klinisch geprüften Kombinationspräparaten enthalten. Für die Kombination von Echinacea, Baptisia und Thuja konnte in Doppelblindstudien eine Wirksamkeit nachgewiesen werden.“

Quelle:

Österreichische Apothekerzeitung 22 / 2010 http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-22.pdf

Autoren: Univ. Prof. Dr. Rudolf Bauer und Dr. Karin Ardjomand-Wölkart

Institut für Pharmazeutische Wissenschaften, Bereich Pharmakognosie, Karl-Franzens-Universität Graz

Kommentar & Ergänzung:

Der Abschnitt geht auf drei Charakteristika pflanzlicher Immunstimulation ein:

1. Die Wirkung immunstimulierender Heilpflanzen setzt am unspezifischen Immunsystem an.

2. Es handelt sich um eine „Schnellabwehrmassnahme“, die nur im Anfangsstadium der Infektion nützlich zu sein scheint.

3. Da die Bildung spezifischer Antikörper nicht beeinflusst wird, besteht auch kein längerfristiger Einfluss im Sinne einer Steigerung  der immunologischen Gedächtnisreaktion.

Zum Einfluss von immunstimulierenden Heilpflanzen auf Zellen oder Substanzen des Immunsystems gibt es viele spannende Resultate aus der Laborforschung. Der Text fasst dies mit folgenden Sätzen zusammen:

„ Sie beeinflussen daher vor allem die zelluläre Immunität, nämlich Makrophagen, natürliche Killerzellen und Granulozyten, aber auch die humorale Immunität, das Komplementsystem, Cytokine und Interferone. Da Makrophagen die wichtigsten Abwehrzellen darstellen, sind sie das primäre Ziel der Immunmodulation.“

Offen ist bei Resultaten solcher Laborexperimenten allerdings, ob sie auch im Krankheitsfall bedeutsam und nützlich sind.

Der Text in der Österreichischen Apothekerzeitung vermischt meines Erachtens etwas zu stark die Begriffe „Immunmodulatoren“ und „Adaptogene“. Das sind meines Erachtens zwei ganz unterschiedliche Stiefel, obwohl es natürlich auch Heilpflanzen gibt, die beide Wirkungen entfalten (Ginsengwurzel, Taigawurzel). Adaptogene sind Heilpflanzen, welche dem Organismus helfen sollen, sich an Stresssituationen anzupassen und einen positiven Effekt bei Stress-induzierten Krankheiten ausüben.

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Fördert Cannabis-Konsum Infektionen und Krebs?

Montag, Januar 10th, 2011

Der Konsum von Cannabis beim Rauchen von Marihuana schwäche das Immunsystem deutlich und mache damit das Auftreten von bestimmten Infektionen und Krebsarten wahrscheinlicher. Das fanden Forscher der University of South Carolina heraus und veröffentlichten die Studie im European Journal of Immunology (doi: 10.1002/eji.201040667).

Verantwortlich dafür ist ein spezieller Typ von Abwehrzellen, die sogenannten myeloischen Suppressorzellen. Deren Aktivität wird bei Cannabis-Konsumenten gefördert, was das Immunsystem schwächt.

Im Gegensatz zu den meisten myeloischen Zellen des Körpers unterdrücken diese Suppressorzellen als unreife Zellen das Abwehrsystem unseres Organismus. Wissenschaftler wissen bereits, dass eine verstärkte Aktivität dieser Zellen bei an Krebs erkrankten Menschen zu beobachten ist.

Erst-Autor Prakash Nargakatti und seine Kollegen haben nun mit ihren Experimenten zeigen können, dass Cannabinoide über ihre Wirkung an cannabinoiden Rezeptoren die Anzahl und Aktivität der myeloischen Suppressorzellen triggern.

Cannabinoide, wie das bekannte Marihuana mit dem Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol, sind eine der weltweit am weitesten verbreiteten und konsumierten Drogen. Das Wissen um die möglichen Gesundheitsrisiken des Rauschmittels sei durch ihre Erkenntnisse nun entscheidend erweitert worden, erklären die Autoren. Allerdings hätten die Cannabinoide auch positive Effekte. Die immunsuppressive Wirkung der Cannabinoide könne in bestimmten Fällen auch erwünscht und in zahlreichen klinischen Fällen nützlich sein.

Quellen:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/43699/Cannabis-Konsum_foerdert_Infektionen_und_Krebs.htm

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/eji.201040667/abstract;jsessionid=D216FB494E7DD3884D195AAF707D9114.d01t02?systemMessage=There+will+be+a+release+of+Wiley+Online+Library+scheduled+for+Saturday+27th+November+2010.+Access+to+the+website+will+be+disrupted+as+follows%3A+New+York+0630+EDT+to+0830+EDT%3B+London+1130+GMT+to+1330+GMT%3B+Singapore+1930+SGT+to+2130+SGT

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis ist ein wichtiges Heilmittel, zum Beispiel bei Multipler Sklerose oder gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit bei Chemotherapien. Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multiper Sklerose

Cannabis-Extrakt hilft Multiple-Sklerose-Kranken

Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was

Es ist aber auch wichtig, allfällige Risiken von Cannabis im Auge zu behalten.

Zum Beispiel:

Cannabis: Psychose-Risiko nicht unterschätzen

Die Studie von Prakash Nargakatti belegt natürlich nicht, dass Cannabis-Konsum Infektionen und Krebserkrankungen tatsächlich fördert. Sie gibt nur Hinweise, auf welchem Weg solches geschehen könnte.

Die Möglichkeit einer Immunsuppression durch Cannabis wirft jedenfalls ernsthafte Fragen auf, die geklärt werden sollten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Wechselwirkungen zwischen HIV-Medikamenten und Heilpflanzen

Donnerstag, Dezember 2nd, 2010

Die Wirkung von Medikamenten zur Therapie der Immunschwächekrankheit AIDS kann durch die gleichzeitige Einnahme anderer Arzneimittel beeinflusst werden. Thüringens Apothekerinnen und Apotheker empfehlen HIV-Patienten und deren Angehörigen deshalb, sich vor dem Kauf von Arzneimitteln zur Selbstmedikation beraten zu lassen.

“Bei einer HIV-Therapie werden meist mehrere Arzneimittel miteinander kombiniert, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben”, erläutert Apothekerin Julie Garke, Pressesprecherin der Nordhäuser Region. Und sie fährt fort: “Diese Behandlungsstrategie wird bereits seit einigen Jahren eingesetzt, um die Vermehrung des Virus zu verhindern. Allerdings: Durch den Einsatz verschiedener Medikamente können Wechselwirkungen im Vergleich zu anderen Therapien besonders häufig auftreten”.

Zum Beispiel kann Johanniskraut, das zur Beruhigung und Stimmungsaufhellung angewendet wird, die Wirksamkeit einiger HIV-Medikamente reduzieren. Inhaltsstoffe dieser Heilpflanze greifen an einem Leberenzym an, das den Abbau der Arzneistoffe beschleunigt. Die Konzentration der Medikamente im Blut genügt dann nicht mehr, um effektiv zu wirken. Eine ähnliche Wirkung können hoch dosierte Knoblauchpräparate haben.

So paradox es tönt: Hauptsächlich auf pflanzliche Präparate zur Stärkung des Immunsystems sollten HIV-Patienten besser verzichten. Sie können den Krankheitsverlauf beeinträchtigen und schlimmstenfalls sogar die Vermehrung des Virus fördern und damit das Gegenteil des gewünschten Effekts auslösen. Durch die Anregung der Abwehrkräfte werde die Zahl der so genannten Helferzellen erhöht, sagt Garke. Weil die HI-Viren diese Zellen des Immunsystems für die Vermehrung nutzen, könne es nach der Einnahme entsprechender Präparate zu einem Anstieg der Erreger im Blut kommen. HIV-Patienten sollten deshalb vor allem Arzneimittel mit der Heilpflanze Echinacea (Sonnenhut) meiden. Aber auch Ginseng, Taigawurzel und Pelargoniumwurzel (Umckaloabo) regen das Immunsystem an und sind tabu.

Diese Beispiele zeigen, dass die Einnahme von Phytopharmaka (Heilpflanzen-Präparate) nicht immer harmlos ist. Denn auch sie haben eine pharmakologische Wirkung und greifen in den Körper ein. Vor der Einnahme freiverkäuflicher Medikamente sollten sich Patienten deshalb unbedingt erkundigen, ob das jeweilige Präparat die Krankheit oder die Wirkung der verordneten Arzneimittel beeinflussen kann. Apotheken seien die ideale Anlaufstelle, wenn es um Fragen zur Wirkung von Arzneimitteln gehe, schreiben Thüringens Apothekerinnen und Apotheker.

Quelle:

http://www.kyffhaeuser-nachrichten.de/news/news_lang.php?ArtNr=81698

Kommentar & Ergänzung:
Johanniskraut-Extrakte dürfen auf keinen Fall zusammen mit HIV-Medikamenten eingenommen werden. Diesen Punkt kann man nur unterstreichen. HIV-Medikamente müssen sehr genau dosiert werden und brauchen einen bestimmten Spiegel im Blut, damit sie optimal wirksame sind. Weil Johanniskraut den Abbau dieser Medikamente beschleunigt, kann die Wirkung beeinträchtigt werden.
Weniger bekannt ist eine mögliche Wechselwirkung von HIV-Medikamenten mit Knoblauch. Der „Leitfaden Phytotherapie“ (2010) dazu:
„Eine Interaktion mit dem Proteasehemmer Saquinavir wurde bei einem Knoblauchpräparat (GarliPure) festgestellt und kontrovers diskutiert.“
Detailliertere Informationen dazu gibt die Deutsche AIDS-Hilfe e. V. auf der Website www.hivreport.de:

„Von der Einnahme von Knoblauchpräparaten muss bei einer HAART dringend gewarnt werden! Hoch dosierte Knoblauchpräparate beeinflussen medikamentenabbauende Leberenzymsysteme; der Blutspiegel von Saquinavir (Invirase® oder Fortovase®) z. B. wird um ca. 50 % gesenkt – diese Wirkung kann noch Tage nach Absetzen des Knoblauchpräparates anhalten!

In der Studie von Piscitelli (s. Literatur) traten die Wechselwirkungen bei einer Dosierung ein, die der Einnahme von 2 Knoblauchzehen (mit jeweils 4 Gramm) pro Tag entspricht (also 8 Gramm Tagesdosis). Dies ist eine relativ große Menge an Knoblauch, die im täglichen Essen kaum, aber als Extrakt in Kapseln durchaus erreicht wird.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat daher im November 2006 die Hersteller von Knoblauch-haltigen Arzneimitteln aufgefordert, ab einer Dosierung von 0,8 Gramm (entspricht dem Fünftel einer Knoblauchzehe) pro Tag einen Warnhinweis in den Beipackzettel einzufügen. Dies entspricht einem Zehntel der in der Studie von Piscitelli verwendeten Dosierung.

Heutzutage wird Saquinavir (anders als in der Studie) praktisch nicht mehr ungeboostet (als Fortovase® ) eingesetzt, sondern (als Invirase® ) nur noch in Kombination mit Ritonavir (Norvir® in niedriger Dosierung). Ob man die Ergebnisse der Studie auf geboostetes Saquinavir übertragen kann, ist nicht klar. Eigentlich ist die Situation bei einer Boosterung mit Ritonavir anders, denn Norvir® blockiert die medikamentenabbauenden Enzymsysteme.

Zu erwarten ist, dass auch die Konzentration anderer Protease-Inhibitoren (und möglicherweise auch von NNRTI) gesenkt werden könnte, doch gibt es dazu bisher leider keine Studien.

Wenn man HIV-Medikamente einnimmt und auf Knoblauchpräparate nicht verzichten möchte, wird wie bei Johanniskraut dringend empfohlen, sich darüber mit seinem HIV-Arzt / seiner HIV-Ärztin abzusprechen. Eventuell kann eine Bestimmung der Blutspiegel der HIV-Medikamente weiter helfen.

Ritonavir (in Norvir® oder in Kaletra® ) kann zu einer ausgeprägten Knoblauch-Unverträglichkeit führen, d.h. in diesem Falle auch gegen frischen Knoblauch.

Wie ist das nun mit dem Knoblauch auf der Pizza?

Hierzu -also zu frischem Knoblauch- gibt es leider keine Studie. Es gibt allerdings drei Argumente, warum man auch mit einer Proteasehemmer-Therapie (mit Saquinavir) keinen großen Bogen um ein Pizza machen muss:

1. Der vom BfArM benannte Sicherheitsabstand (ab 0,8 Gramm/Tag = ein Fünftel einer Knoblauchzehe) ist sehr hoch. Die Tagesdosis in der Studie war 10-fach höher. Zwei Zehen pro Person finden sich kaum in einem Essen.

2. Bei der Studie wurde die tägliche Einnahme von Knoblauchpräparaten untersucht. Man nimmt aber normalerweise nicht täglich große Mengen Knoblauch mit dem Essen zu sich.

3. Die Ergebnisse eines ungeboosteten Proteasehemmers lassen sich nicht einfach auf einen geboosteten Proteasehemmer übertragen.

Wenn man also nicht gerade eine Knoblauchunverträglichkeit hat (s.o.), kann man das Essen im italienischen Restaurant also nach wie vor genießen. Mit wirklich großen Mengen Knoblauch (oder bei Knoblauchpräparaten) sollte man aber vorsichtig sein bzw. mit seinem Arzt/seiner Ärztin sprechen.

Literatur:

Piscitelli SC, Burstein AH, Welden N, et al.: The effect of garlic supplements on the pharmacokinetics of saquinavir. Clin Infect Dis. 2002 Aug 1;35(3):343 

Markowitz JS, Devane CL, Chavin KD, et al.: Effects of garlic (Allium sativum L.) supplementation on cytochrome P450 2D6 and 3A4 activity in healthy volunteers. Clin Pharmacol Ther 2003;74(2):170-7.

An in vitro evaluation of human cytochrome P450 3A4 and P-glycoprotein inhibition by garlic. Foster BC, Foster MS, Vanderhoek S, et al. J Pharm Pharmaceut Sci, 2001, 4:176-184.

Brief des BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) vom Oktober/November 2006 an die Arzneimittelhersteller mit der Aufforderung, einen Warnhinweis zu Knoblauch in den Beipackzettel einzufügen.“

Quelle:
http://www.hivreport.de/index_4837_de.html

Die Phytotherapie-Fachliteratur ist sich einig, dass immunstimulierende Heilpflanzen bei HIV-Patienten kontraindiziert sind, und dass von ihnen kein Nutzen gegen eine HIV-bedingte Immunschwäche erwartet werden kann. Weniger bekannt ist die Befürchtung, dass immunstimulierende Heilpflanzen über eine Erhöhung der Zahl der Helferzellen die Virusvermehrung fördern könnten. Meines Wissens ist ein manifester negativer Einfluss dieser Heilpflanzen auf den Verlauf einer HIV-Infektion nicht belegt. Im Sinne einer „safety first“-Haltung scheint mir aber die Warnung der Thüringer Apothekerinnen und Apotheker sehr berechtigt und die Argumentation überzeugend.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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www.phytotherapie-seminare.ch

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