Artikel mit Schlagwort ‘Immunsystem’

Probiotika bei Durchfall – ein kurzer Überblick

Dienstag, Februar 28th, 2012

Probiotika (pro bios, für das Leben) sind lebende und im weiteren Sinne auch abgetötete Mikroorganismen, die, wenn sie in genügender Menge aufgenommen werden, dem Wirtsorganismus einen gesundheitlichen Nutzen bringen.

Probiotika können zur Vorbeugung und Behandlung von Durchfallerkrankungen eingesetzt werden. Sie normalisieren dabei die Darmflora, indem sie sich im Darm ansiedeln oder den Aufbau einer gesunden Darmflora begünstigen. Probiotika können schon bei Säuglingen eingesetzt werden.

Als Arzneimittel gegen Durchfallerkrankungen werden verwendet:

- Enterokokken SF 68 (Bioflorin®, Bioflorina®)

Lebende Enterokokken des Stammes SF 68 werden als Probiotika zur Prävention und Therapie von Durchfallerkrankungen eingesetzt. Enterokokken normalisieren die Darmflora, indem sie sich im terminalen Dünndarm und im Dickdarm ansiedeln und dort die Darmflora normalisieren, indem sie unter anderem das Wachstum pathogener Mikroorganismen hemmen. Sie können schon bei Säuglingen eingesetzt werden.

Gleichzeitig eingenommene Antibiotika können die Enterokokken abtöten und damit die Wirkung beeinträchtigen. Antibiotika sollten daher in einem zeitlichen Abstand von 1-2 Stunden eingenommen werden.

- Saccharomyces boulardii (Perenterol®)

Saccharomyces boulardii ist ein Hefepilz, der als Arzneimittel zur Prävention und Therapie von Durchfallerkrankungen verschiedener Ursachen zugelassen ist. Saccharomyces boulardii ist mit der Backhefe eng verwandt und hat antitoxische, entzündungshemmende, antimikrobielle und immunmodulierende Eigenschaften.

Der Pilz ist lebensfähig, siedelt sich jedoch nicht dauerhaft im Darm an, sondern wird innert weniger Tage wieder ausgeschieden.

Unerwünschte Wirkungen kommen selten vor. Saccharomyces boulardii kann im Gegensatz zu anderen Probiotika mit Antibiotika kombiniert werden, da die Antibiotika den Hefepilz nicht schädigen.

Antimykotika können dagegen die Hefepilze abtöten und so die Wirksamkeit des Arzneimittels reduzieren.

Der Name des Pilzes verweist auf seinen Entdecker, den französischen Mikrobiologen Henri Boulard. Er entdeckte ihn im Jahr 1920 in Indochina während einer Choleraepidemie.

- Lactobacillus (Lactoferment®)

Die Milchsäurebakterien haften sehr gut an Zellen der menschlichen Darmschleimhaut. Sie bilden eine Art Biofilm aus und hemmen dadurch den Befall von Darmzellen mit Durchfall auslösenden Mikroorganismen.

Zudem wurde eine direkte antibakterielle Wirkung auf verschiedene Durchfallerreger nachgewiesen. Lactobacillus vermindert die Durchfall verursachenden Bakterien und bewirkt eine unspezifische Immunstimulation der Schleimhäute mit vermehrter Bildung von Antikörpern. Die säurebildende Abwehrflora wird gefördert: Experimente zeigen eine Stimulation des Wachstums der säurebildenden Darmflora. Dies stärkt die körpereigene Darmbarriere.

Quelle: Pharmawiki

Kommentar & Ergänzung:

Probiotika wie Enterokokken (Bioflorin®), Saccharomyces boulardii (Perenterol®) und Lactobacillus (Lactoferment®) sind eine gute Option zur Vorbeugung und Behandlung von Durchfallerkrankungen, etwa als Folge einer Behandlung mit Antibiotika oder gegen Reisediarrhoe.

Sie können auch eingesetzt werden bei Colitis ulcerosa in der Remissionsphase.

Ich selber nehme Perenterol auf jede Chinareise prophylaktisch mit und hatte noch nie Probleme mit infektiösen Durchfallerkrankungen. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob ich auch ohne Perenterol gesundprobiotische Joghurtgeblieben wäre. Und gegen Durchfall aufgrund von scharfen Speisen nützen Probiotika natürlich nicht.

Probiotika in Lebensmitteln

Neben der Anwendung als Arzneimittel werden Probiotika zunehmend auch in Nahrungsmitteln eingesetzt und als gesundheitsfördernd beworben („Verdauung gut, alles gut“). Am bekanntesten sind probiotische Joghurts. Die gesundheitlichen Versprechungen sind dabei oft fragwürdig. Der Ernährungswissenschaftler Martijn Katan (Amsterdam) kam beispielsweise in einer Studie zu dem Schluss, dass sich weder die Häufigkeit noch Art des Stuhles bei Menschen ändert, die den Joghurt Activia assen (Quelle: Wikipedia).

Auch die Versprechungen bezüglich verbesserter Immunabwehr gegen Erkältungen (Actimel) sind unbelegt.

„Umstritten sind vor allem Werbeaussagen, die einen wissenschaftlich belegten gesundheitsfördernden Effekt suggerieren. So wurde von Foodwatch 2009 der Goldene Windbeutel an Actimel verliehen. In einem vierwöchigen Abstimmungsverfahren wählten die deutschen Verbraucher das Produkt im Frühjahr 2009 zur ‚dreistesten Werbelüge des Jahres’. Anne Markwardt von Foodwatch sagte: ‚Actimel schützt nicht vor Erkältungen – es stärkt das Immunsystem nur ähnlich gut wie ein herkömmlicher Naturjoghurt, ist aber viermal so teuer und doppelt so zuckrig.’ Danone behauptet dagegen, dass die Vorwürfe nicht zutreffend seien: Actimel aktiviere nachweislich Abwehrkräfte, ‚das sei in mehr als 30 wissenschaftlichen Studien belegt.’ In Großbritannien wurden Werbespots für das Produkt verboten, da positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern unbewiesen seien.

Danone zog 2010 bei der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) seine Anträge zurück, mit denen die angeblich gesundheitsfördernden Eigenschaften von Actimel sowie Activia bestätigt werden sollten. Ebenso verzichtete der Konzern in Frankreich und Großbritannien, die angeblich verdauungsfördernde und immunstärkende Wirkung dieser Produkte in Werbespots anzupreisen.“

(Quelle: Wikipedia)

Von Werbeaussagen wie „Die Wirksamkeit ist in 30 wissenschaftlichen Studien belegt“, sollte man sich nicht unnötigerweise allzu stark beeindrucken lassen. Es kommt vor allem auf die Qualität der Studien an, erst in zweiter Linie auf die Quantität.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

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Weihrauch bei chronischen Darmerkrankungen

Freitag, Dezember 30th, 2011

Der „Schwarzwälder Bote“ veröffentlichte einen Artikel zum Thema Weihrauch bei Darmerkrankungen. Und zwar für eine Publikumszeitung einen erfreulich fundierten Artikel zudem. Hier ein paar Informationen daraus mit dazwischen geschaltetem Kommentar (kursiv):

„Ihr Revival verdankt die Dreikönigs-Gabe dem Tübinger Pharmakologen Hermann Ammon, der das Harz der indischen Boswellia serrata zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit modernen Methoden analysierte und Triterpensäuren als wirksame Substanzen identifizierte. Seiner Forschung zufolge hemmen sie das Enzym 5-Lipoxygenase, das bei der Bildung von Leukotrienen eine entscheidende Rolle spielt, Stoffen, die an der Entstehung von Entzündungen beteiligt sind. Seit neuestem untersucht an der Universität Jena Oliver Werz, Professor für Pharmazeutische Chemie, mittels des sogenannten Target-fishing, welche Enzyme sich an einen solchen “Köder” aus Boswelliasäuren binden. Das ist moderne Grundlagenforschung im Labor, doch Werz arbeitet inzwischen auch mit einer Firma zusammen, die Weihrauchextrakte zum Cremen gegen Haut- und Gelenkbeschwerden anbietet.“

Kommentar M.K.: Die Hemmung von Leukotrienen (Entzündungsmediatoren) durch Boswelliasäuren stand lange im Zentrum der Weihrauch-Forschung. Die Wirkung lässt sich im Labor offenbar gut zeigen, doch ist ungewiss, ob Boswelliasäuren im menschlichen Organismus genügend hohe Konzentrationen erreichen, um diese Wirkung auszulösen.

Die Anwendung von Weihrauchextrakten in Form von Cremen bei Hauterkrankungen und Gelenkbeschwerden ist ein neueres Phänomen. Bei Hauterkrankungen (Schuppenflechte) könnte ich mir allenfalls eine Wirkung vorstellen, bei Gelenkerkrankungen zweifle ich stark daran, ob die Wirkstoffe in genügender Menge durch die Haut eindringen und bis ins Gelenk gelangen.

„In Weihrauchpräparate zum Einnehmen setzten in den vergangenen Jahren immer mehr Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen ihre Hoffnung. ‚Weihrauch gehört zu den Medikamenten, die viele unserer Patienten mit einer Colitis ulcerosa oder einem Morbus Crohn schon ausprobiert haben’, sagt die Magen-Darm-Spezialistin Britta Siegmund, die an der Berliner Charité eine Spezialsprechstunde für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen leitet.“ Allerdings sei die Datenlage zu diesem Phytotherapeutikum noch mager.

Zuletzt führte im Frühsommer dieses Jahres eine deutsche Multicenter-Studie, an der auch Patienten aus der Charité teilgenommen haben, zu eher ernüchternden Resultaten. Publiziert wurde sie im renommierten Fachblatt ‚Inflammatory Bowel Disease’. Die Studie, in der der Boswellia-serrata-Extrakt PS0201 Bo bei Patienten mit einem Morbus Crohn gegen ein Scheinmedikament getestet wurde, war zwar auf ein Jahr angelegt, wurde jedoch vorzeitig beendet, weil sich weder in der Krankheitsaktivität noch im subjektiven Befinden der Studienteilnehmer Unterschiede zwischen beiden Gruppen zeigten.

Quasi nebenbei ergab die Studie jedoch, dass das pflanzliche Mittel sicher ist, dass also keine schädlichen Nebenwirkungen zu befürchten sind. Bisher gebe es keine wissenschaftliche Grundlage dafür, Weihrauch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen gezielt einzusetzen, erklärt Siegmund und fügt hinzu: „Es spricht aber nichts dagegen, dass Patienten, die gute Erfahrungen damit gemacht haben, es einnehmen.“

Der Internist Henning Gerhardt, langjähriger Leiter der Colitis-Crohn-Ambulanz am Klinikum Mannheim, hörte von Boswellia serrata zuerst Mitte der neunziger Jahre durch eine seiner Patientinnen mit Morbus Crohn. Sie hatte sich Tabletten mit dem Trockenextrakt H 15 beschafft, die eine indische Firma produziert, und berichtete bei einer Arzt-Patienten-Runde, sie sei lange nicht so frei von Bauchschmerzen und Bauchkrämpfen gewesen wie seit dem Zeitpunkt, seit dem sie dreimal täglich das Weihrauchpräparat einnehme.

In Zusammenarbeit mit Gastroenterologen der Uniklinik in Wien testete die Arbeitsgruppe von Gerhardt den Extrakt H 15 erstmals in einer Doppelblindstudie, in der 102 Crohn-Patienten entweder Weihrauchextrakt oder den Entzündungshemmer Mesalazin erhielten. Der achtwöchige Vergleich ergab, dass das pflanzliche Mittel dem Standardpräparat nicht unterlegen war. Das könne nach dem Stand der Wissenschaft als Wirksamkeitsnachweis gelten. Die Ergebnisse stimmen Gerhardt zudem optimistisch, was andere Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis betrifft. Durch die Studie ermutigt, deren Resultate im Jahr 2001 in der Zeitschrift für Gastroenterologie publiziert wurden, setzt der Internist den Weihrauchextrakt, der in Deutschland als Importpräparat verschrieben werden kann, seitdem bei zahlreichen seiner Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ein – zusätzlich zur Standardbehandlung, zu der auch Cortison-Präparate zählen. Seiner Erfahrung nach kann die Cortison-Dosis dadurch in vielen Fällen vermindert werden.

„Die Forschung zu ‚natürlichen’ Heilmitteln für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen konzentriert sich derzeit auf andere Naturprodukte. So liefern inzwischen mehrere solide Studien Hinweise auf die Wirksamkeit eines Gebräus aus dem Schweinepeitschenwurm (Trichuris suis). Dem Wurm wird zugetraut, das Immunsystem zu einer Gegenreaktion zu bewegen. Sie könnte das selbstzerstörerische Krankheitsgeschehen bremsen, das Autoimmunkrankheiten wie Crohn und Colitis ulzerosa bestimmt. Eine Arbeitsgruppe im Münchner Uniklinikum Großhadern untersucht zudem gerade den Einsatz von Cannabisextrakt in Tablettenform beim Morbus Crohn.“

Quelle:

http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.medizin-weihrauch:-mehr-schall-als-rauch.4a9a2d87-d670-4af0-bf1e-56229353840e.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein solcher Artikel ist in mancher Hinsicht nicht befriedigend, gerade weil er differenziert ist und widersprüchliche Fakten nicht ausblendet. Propagandabeiträge, die alles als super und eindeutig darstellen, sind demgegenüber im Vorteil.

Wir brauchen meines Erachtens in Bereichen wie Komplementärmedizin und Naturheilkunde, aber auch generell in unserer Gesellschaft, mehr Ambivalenztoleranz.

Damit ist gemeint, dass wir lernen müssen, mit Widersprüchlichkeiten und Uneindeutigkeiten umzugehen.

Es ist in allen Bereichen längst nicht so viel geklärt und eindeutig, wie uns das Propagandisten und Missionare aller Art weis machen möchten.

Der „Leitfaden Phytotherapie“ fasst die Datenlage zu Weihrauch & Colitis ulcerosa so zusammen:

„Bisher sind nur einige wenige Studien mit geringer Patientenfallzahl veröffentlicht worden, in denen Wirkungen mit hohen Dosen von Weihrauchextrakt erreicht wurden.  Eine Metaanalyse mit 7 qualitativ geeigneten von insgesamt 47 verfügbaren Studien (zumeist aus dem indischen Sprachraum) folgerte, dass die Datenlage ermutigend, aber noch nicht ausreichend ist (Ernst E. BM). 2008; 337: a2813.“

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Misteltherapie: Verzerrte Darstellung in der Boulevardzeitung “Blick”

Samstag, Dezember 3rd, 2011

Viele Medienberichte zum Thema Komplementärmedizin sind irreführend und verzerrt. Ein Beispiel dafür liefert die Boulevardzeitung „Blick“ in einem Beitrag zur Misteltherapie („Blick“-Zitate kursiv).

Zitat:

„ Was bewirkt das Präparat?

Das Mistelextrakt enthält Eiweissstoffe, die im Körper des Kranken die Produktion von Endorphinen anregen. Das sind Stoffe, die unsere Schmerzen lindern und die Stimmung aufhellen. Zudem stärkt das Heilmittel die körpereigenen Abwehrkräfte, indem es die Produktion der weissen Blutkörperchen anregt. Mit der Misteltherapie lässt sich das Immunsystem so gut stimulieren, dass es auch zur Unterstützung von Chemo- und Strahlentherapie oder Krebsoperationen verwendet wird. In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“

Der entscheidende Satz ist dieser:

„In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“

Mistel tötet also in hoher Konzentration Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem.

Chemotherapie tötet Krebszellen und schwächt dabei das Immunsystem.

Keine Frage: Gemäss dieser Darstellung ist die Misteltherapie der Chemotherapie vorzuziehen.

Was der Satz verschweigt:

Misteltherapie tötet in hoher Konzentration Krebszellen im Labor an isolierten Geweben oder Zellen. Beim lebenden Menschen ist eine solche Wirkung leider nicht belegt.

Chemotherapie dagegen tötet Krebszellen beim Patienten, schädigt aber leider dabei auch das Immunsystem und andere gesunde Zellen.

Im Labor an isolierten Geweben und Zellen kann man Mistel tatsächlich in sehr hoher Konzentration einwirken lassen. Solche Ergebnisse lassen sich aber nicht einfach auf die Anwendung bei Krebspatienten übertragen.

Wenn man die Angabe „im Labor“ weglässt, erweckt man einen geschönten Eindruck und führt Krebspatientinnen und –patienten in die Irre.

Im weiteren schreibt „Blick“:

„Gibt es Risiken und Nebenwirkungen?

Die Behandlung ist risikoarm. Selten gibt es allergische Reaktionen: Rötung und Schwellung bei der Einstichstelle sind positive Reaktionen, die zur idealen Dosierung des Präparates beitragen.“

Eine sehr geschönte Darstellung.

Hier die andere, vom “blick” ausgeklammerte Seite:

„In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine……..Lektine und Viscotoxine sind nach parenteraler Applikation extrem giftig. Die akute Toxizität ist möglicherweise nicht nur auf die direkte Cytotoxizität der Lektine und Viscotoxine, sondern auch auf die provozierte Ausschüttung von Mediatoren des Immunsystems zurückzuführen.“

(Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html)

Oder bei Wikipedia:

„Unerwünschte Wirkungen der Misteltherapie betreffen das Herz-Kreislauf-System (Blutdruckabfall oder -anstieg, Verlangsamung des Herzschlags), den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Dehydratation), das zentrale Nervensystem (Verwirrtheit, Halluzinationen, epileptische Anfälle) sowie das Immunsystem (Fieber, Anstieg der weißen Blutkörperchen im Blut). In der bisher einzigen randomisierten kontrollierten Studie zur Wirksamkeit des Mistelpräparates Iscador wurde ein beunruhigendes Ausmaß an Toxizität beobachtet. Vor allem fiel eine Zunahme von Gehirnmetastasen beim Iscador-Patientenkollektiv im Vergleich zur Kontrolle auf. Lokale Entzündungsreaktionen an der Injektionsstelle (wie Rötung, Schwellung, Schmerzen) sind häufig. Schwerwiegende Komplikationen sind selten, jedoch wurden einige Todesfälle berichtet. Ursache hierfür können allergische Reaktionen sein, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können. Nicht angezeigt ist die Misteltherapie während der Schwangerschaft und in der Stillzeit.“  (Quelle: wikipedia)

Solche Nebenwirkungen scheinen allerdings selten von schwerwiegender Natur zu sein.

Problematischer sind Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine Misteltherapie bei bestimmten Tumorarten das Wachstum des Tumors steigern könnte.

„Konsequente Grundlagenforschung in den letzten Jahren zeigte, dass die durch Mistellektin I (besser: Viscum album Agglutinin I = VAA I) vermehrt freigesetzten Zytokine in vitro und in vivo (Tiermodelle) die Proliferation von Zellen verschiedener Tumore, Leukämien und Lymphome stimulieren können. In der Literatur finden sich Berichte über negative Effekte von Mistelextrakten bzw. Lektin in der Zellkultur, in Tumorexplantaten, in Tierversuchen und bei klinischer Anwendung. Experimentelle Befunde verweisen auf die realistische Möglichkeit einer Gefährdung zumindestens einzelner Patienten bei bestimmten Tumorarten und/oder -stadien durch lektinbezogene) Mistelanwendung. Die Annahme, dass eine Erhöhung der Serumspiegel dieser Botenstoffe zumindestens bei einzelnen Tumorpatienten negativ mit einer kürzeren Lebenserwartung korreliert ist, hat sich für verschiedene Malignome bestätigt.“

(Quelle: Barbara Burkhard, Anthroposophische Medizin, Pharmazeutische Zeitung, Govi-Verlag 2000).

Ähnlich schreibt Dr. med Jutta Hübner, Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft:

„ Die direkte Wirkung auf den Tumor wurde leider noch nicht bewiesen. Unklar ist, ob eine Beeinflussung des Tumorwachstums stattfindet. Mistelextrakt kann das Absterben von Tumorzellen im Reagenzglas fördern. In Tierexperimenten konnte durch die Gabe von Mistel die Ausbreitung von Tumoren vermindert werden. Es liegen aber auch Untersuchungen vor, die für einige Tumorarten im Laborexperiment eine wachstumsfördernde Wirkung zeigten. Auch bei Untersuchungen an Patienten ergaben sich zum Teil ungünstige Ergebnisse…….Bei bestimmten Tumoren wie Melanom, Nierenkarzinom, Lymphom und Leukämien sollte die Mistel auf keinen Fall eingesetzt werden“

(aus: Aloe, Ginkgo, Mistel & Co., Schattauer 2009)

Im weiteren schreibt „Blick“:

„ Was ist das stärkste Argument gegen die Mistelanwendung?

Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde. So lange diese wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise fehlen, gelten Mistelpräparate nicht als Heilmittel gegen Krebs.“

Der Satz: „Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde“, ist eine einzige Lüge. Die Misteltherapie wurde in einer ganzen Reihe von Doppelblindstudien untersucht. Die „Schulmedizin“ kritisiert, dass die Qualität der meisten Studien schlecht ist und die Ergebnisse insgesamt nicht überzeugen. Und diese Einschätzung dominiert nicht einfach nur  in der “Schulmedizin”. Man findet sie auch in der Phytotherapie-Fachliteratur und bei Jutta Hübner.

„Blick“ verbiegt das „stärkste Argument gegen die Mistelanwendung“.

Sie auch:

Misteltherapie gegen Krebs wirksam?

Weshalb stellt „Blick“ die Misteltherapie derart verzerrt dar?

Zu vermuten ist, dass sich die Zeitung einseitig auf die Angaben der Mistel-Propagandisten stützt. Ausserdem schreibt „Blick“ wohl einfach, was die Leserinnen und Leser gerne hören. Heilungsversprechungen kommen immer gut an. Sie lindern die Angst vor Krebs.

Wer Heilungsversprechungen in Frage stellt, hat da zum vorneherein einen schwereren Stand.

Quelle der „Blick“-Zitate:

http://www.blick.ch/life/ratgeber/das-muessen-sie-ueber-die-therapie-wissen-186039

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Glukosinolate aus Brokkoli und Rosenkohl schützen vor Darmerkrankungen

Donnerstag, November 24th, 2011

Eine Gruppe von pflanzlichen Wirkstoffen, so genannte Glukosinolate (Senfölglykoside), sind wichtig für die Funktion und Erhaltung von Immunzellen im Darm.

Das schreibt eine Gruppe um Andreas Diefenbach und Elina Kiss vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene (IMMH) des Universitätsklinikums Freiburg in Science (doi 10.1126/­science.­1214914). Die Glukosinolate kommen in hohen Konzentrationen in sogenannten Kreuzblütengewächsen wie Brokkoli oder Rosenkohl vor. Auch Weißkohl, Rotkohl, Blumenkohl, und Kohlrabi zählen dazu.

Das Wissenschaftlerteam fütterte Mäuse mit einer synthetischen Nahrung, die keine Pflanzenbestandteile und damit auch keine Glukosinolate enthielt. Dadurch wurde die Immunabwehr im Darm der Tiere geschwächt. Gaben die Forscher ein Glukosinolat zum Futter dazu, stärkte das die Abwehrfunktion wieder.

„Obwohl Studien für den Menschen noch nicht vorliegen, ist es wahrscheinlich, dass ähnliche Mechanismen wie bei den Mäusen wirksam sind“, stellen die Wissenschaftler fest. Andere Studien hätten schon einen Zusammenhang zwischen gemüse- und obstarmer Ernährung und einem erhöhten Erkrankungsrisiko für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gezeigt.

Die neue Studie zeige jedoch einen definierten molekularen Pfad, über den Komponenten bestimmter Gemüsesorten das Immunsystem des Darms verstärken könnten. „Es ist jetzt vorstellbar, dass solche Pflanzenbestandteile oder verwandte Moleküle in der Zukunft zur Prävention oder Therapie von Darminfektionen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt werden könnten“, erklärte Diefenbach.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/48134/Brokkoli_und_Rosenkohl_schuetzen_vor_Darmerkrankungen.htm

http://www.sciencemag.org/content/early/2011/10/26/science.1214914

Kommentar & Ergänzung:

Glukosinolate (Senfölglykoside) sind eine wichtige Wirkstoffgruppe in der Phytotherapie. Sie wirken vor allem antibakteriell und hyperämisierend (durchblutungsfördernd). Dass sie möglicherweise eine bedeutende Funktion haben für die Immunabwehr im Darm ist ein interessantes Ergebnis dieser Forschung am Universitätsklinikum Freiburg. Allerdings bleibt offen, ob und in welcher Art sich solche Fütterungsversuche an Mäusen auf den Menschen übertragen lassen. Diese Laborsituation ist ja schon sehr künstlich. Mäuse fressen in der Natur keine synthetische Nahrung.

Zum Thema Glukosinuoate siehe auch:

Meerrettich als Breitbandantibiotikum aus der Natur

Kräuter und ihre Wirkung: Kapuzinerkresse

Phytotherapie: Senföle aus Meerrettich und Kapuzinerkresse bekämpfen Influenza-Viren

Senfölglykoside hemmen multiresistente Erreger

Phytotherapie: Meerrettich als Heilpflanze bei Husten und Blasenentzündung

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Meerrettich: Breitbandantibiotikum aus der Natur

Mittwoch, November 23rd, 2011

Das Magazin „focus“ brachte eine Serie zum Thema „ Mit Hausmitteln Erkältungen lindern“.

Ein Abschnitt daraus war dem Meerrettich gewidmet, wobei der Ausdruck „Breitbandantibiotika“ im Titel etwas gar stark aufgetragen ist. Meerrettich ist aber tatsächlich eine sehr interessante Heilpflanze gegen Infektionen.

Zitat:

„Die unscheinbare Wurzel zeigt erstaunliche Heilkraft. Dank der antibiotischen Inhaltsstoffe Allicin und Sinigrin, wirkt Meerrettich ähnlich wie Penicillin. Er hilft bei allen Erkältungssymptomen, Schnupfen, Husten, Bronchitis, Mandelentzündung, Nasennebenhöhlen- und Stirnhöhlenentzündungen, Kopfschmerzen und Fieber. Zudem stärkt er das Immunsystem und nimmt es sogar mit Grippeerregern auf.“

Kommentar M.K.:

Allicin ist ein Hauptinhaltsstoff im Knoblauch und wird hier irrtümlich dem Meerrettich zugeordnet. Meerrettich enthält vor allem Glukosinolate (Senfölglykoside) wie das erwähnte Sinigrin.

Diese Glukosinolate scheinen tatsächlich nach der Aufnahme in den Körper in den Harnwegen (bei Blasenentzündung) und in den Bronchien (bei Bronchitis) antibakteriell zu wirken. Weil die Glukosinolate schon im Dünndarm resorbiert werden, bleibt im Gegensatz zur Behandlung mit Antibiotika die für die Verdauung und das Immunsystem so wichtige körpereigene Dickdarmflora unbeeinflusst.

Gegen Kopfschmerzen, Nasennebenhöhlenentzündung und Stirnhöhlenentzündung wird Meerrettich äusserlich angewendet als Meerrettichauflage.

„Anwendung: Die frische Wurzel ganz fein reiben und sofort verwenden, denn die ätherischen Öle verfliegen innerhalb einer Viertelstunde. Den geriebenen Meerrettich kann man einfach auf Brot essen, in anderen Gerichten weiterverarbeiten oder als Wickel benutzen. Für den Wickel die geriebene Masse etwa einen Zentimeter dick auf ein Tuch streichen und an den Seiten umschlagen. Gegen Kopfschmerzen das Päckchen auf den Nacken legen. Bei Bronchitis in Lungenhöhe auf dem Rücken platzieren.“

Kommentar M.K.:

Als Tagesdosis wird 20 g Meerrettichwurzel empfohlen. Weil die Glukosinolate rasch ausgeschieden werden ist es empfehlenswert, diese 20g in mehrere Portionen über den Tag zu verteilen.

„Risiken und Nebenwirkungen: Meerrettich enthält Senföle, die Hautreizungen verursachen können. Die Wickel deshalb nicht länger als ein paar Minuten einwirken lassen. Zum Schutz die Haut vorher mit Melkfett oder Vaseline einreiben.“

Kommentar M.K.:

Meerrettich nicht in Augennähe applizieren.

Innerlich kann Meerrettich Magenbeschwerden oder Darmbeschwerden auslösen.

Daher mit der nötigen Sorgfalt anwenden.

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/erkaeltung/tid-12543/sanfte-therapie-breitbandantibiotika-aus-der-natur_aid_348263.html

Siehe auch:

Phytotherapie: Senföe aus Meerrettich und Kapuzinerkresse bekämpfen Influenza-Viren

Senfölglykoside hemmen multiresistente Erreger

Phytotherapie: Meerrettich als Heilpflanze bei Husten und Blasenentzündung

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Marathonvorbereitung: Alkoholfreies Bier vermindert Infekte

Dienstag, November 8th, 2011

Ihr Risiko von Entzündungsreaktionen und Infekten der oberen Atemwege können Marathonläufer mit alkoholfreiem Bier deutlich vermindern. Zu diesem Resultat kam eine Untersuchung der Technischen Universität München bei 277 männlichen Marathonläufern. Wie die “Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin” meldet, reduzierte sich die Infektionsrate deutlich, wenn drei Wochen vor und zwei Wochen nach einem Marathonlauf täglich ein bis anderthalb Liter alkoholfreies Bier getrunken wurden. Das soll an den zahlreichen Polyphenolen liegen, die im alkoholfreien Bier enthalten sind. Polyphenole sind aromatische Verbindungen und gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen. Anstrengende körperliche Aktivitäten wie der über 40 Kilometer lange Marathonlauf schwächen das Immunsystem und führen darum oft zu Infekten hauptsächlich der oberen Atemwege.

Quelle:

http://de.nachrichten.yahoo.com/alkoholfreies-bier-zur-marathonvorbereitung-095019896.html

Kommentar & Ergänzung:

Grundsätzlich ist dieses Resultat schon spannend. Es stellt sich allerdings die Frage, bei welchen Biersorten solche Wirkungen zu erwarten sind.

Die Studie wurde mit Erdinger alkoholfreiem Weißbier durchgeführt. Die Brauerei hat die Studie auch teilweise finanziert.

Im „Münchner Merkur“ erklärten die beteiligten Wissenschaftler, dass das polyphenolhaltige alkoholfreie Weißbier die Entzündungsparameter im Blut senke.

Die Infektanfälligkeit der Läufer vermindere sich soweit, dass ihr Risiko eine Erkältung zu bekommen sich auf ein Drittel reduziere.

Quelle:

http://www.merkur-online.de/lokales/stadt-muenchen/sportmediziner-alkoholfreies-weissbier-gesund-1279155.html

Polyphenole, müsste man dazu jedoch noch sagen, sind in vielen Lebensmitteln und auch in vielen Heilpflanzen verbreitet – zum Beispiel in Äpfeln, Zwiebeln, Grüntee, Rotwein, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren.

Zu fragen wäre also, ob speziell wirksame Polyphenole im alkoholfreien Bier für diesen Effekt verantwortlich sind, oder ob andere Polyphenole und damit auch andere Quellen ähnliche Resultate ergeben würden. Für Holunderbeeren bzw. Holunderbeersaft gibt es beispielsweise ebenfalls Hinweise aus Studien, die eine günstige Wirkung gegen Erkältungen zeigen. In den schwarzen Holunderbeeren sind es Polyphenole aus der Gruppe der Anthocyane (blaue Farbstoffe), von welchen die günstige Wirkung ausgehen soll.

Siehe:

Schwarzer Holunder / Holundersaft gegen Grippe & Erkältung

Holunderbeeren gesund & fein

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Bekommen Haie wirklich keinen Krebs?

Mittwoch, August 17th, 2011

Die Bild-Zeitung veröffentlich in der Rubrik „Medizin-Geheimnisse aus der Tierwelt“ einen Beitrag unter dem Titel „Warum Haie keinen Krebs bekommen“

„Bild“ schlägt vor: „Machen Sie es doch mal wie die Tiere! Fitness-Papst und Autor Dr. Ulrich Strunz stellt in seinem neuen Buch tierische Verhaltensweisen vor, die auch wir nutzen können, um gesünder, fitter und fröhlicher durchs Leben zu gehen.“

Und wie sieht das konkret aus?

„Haie können, im Gegensatz zu anderen Fischen, nicht an Krebs erkranken. Die Erklärung: Psychoneuroimmunologie. Das ist die Erkenntnis, dass wir mit unserer Psyche das Immunsystem beeinflussen können. Eigentlich ist es schon länger bekannt: Wenn wir gut gelaunt sind, haben wir ein gutes Immunsystem, wenn wir schlecht gelaunt sind, ein schlechtes. Der Hai lebt im Meer, hat keine natürlichen Feinde, keine Angst, ist quasi unverwundbar. Dadurch hat er ein positives Lebensgefühl.“

Und was können wir nach Ansicht des Fitnesspapstes von den Haien lernen?

„Das können wir daraus lernen: Nicht ständig Angst haben! Nicht ständig über das Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod grübeln. Weniger Angst und Sorgen mindern das Krebs-Risiko. 70 Prozent aller Krankheiten werden durch Stress mitverursacht, also durch negative Gedanken und Ängste. Zu diesem Schluss kam das größte medizinische Forschungsinstitut der Welt, das National Institut of Health (USA). Versuchen Sie, positive Botschaften an Ihr Unterbewusstsein zu senden. So haben Sie ein gutes Lebensgefühl und bleiben gesund.“

Quelle:

http://www.bild.de/ratgeber/gesund-fit/krebs/von-tieren-lernen-adler-hai-panther-krebs-19301062.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Beitrag in der Bild-Zeitung ist eine einzige Irreführung.

1. Haie können sehr wohl an Krebs erkranken.

„Tatsache ist, dass auch Haie Krebs bekommen. Belegt wird dies von John C. Harshberger, Direktor der «Registry of tumors in lower animals» der Smithonian Institution in Washington D.C. In diesem Register sind mehrere Dutzend Reporte über Krebs bei Haien dokumentiert.“

Quelle: http://www.sharkinfo.ch/SI1_96d/knorpel.html

Das Gerücht, wonach Haie immun seien gegen Krebs, wird vor allem verbreitet durch die Hersteller von Haifischknorpel-Pulver, welches als Krebsheilmittel propagiert wird.

Siehe dazu:

Lungenkrebs: Haifischknorpel-Extrakt ohne Wirkung

2. Haie haben sehr wohl natürliche Feinde.

„Außer dem Menschen, der die meisten Haie tötet, haben Haie auch andere Feinde. Insbesondere kleinere Haiarten werden regelmäßig vor allem von größeren Fischen, Rochen und größeren Haien gejagt. In Küstennähe werden kleine Haie zudem von Seevögeln oder Robben gefangen.

Größere Haie werden dagegen ausschließlich von Schwertwalen und Pottwalen sowie großen Haiarten erbeutet.“

(Quelle: Wikipedia)

3. Wenn der Hai „quasi unverwundbar“ ist, wie „Bild“ schreibt, weshalb stehen dann viele Hai-Arten infolge menschlicher Einflüsse kurz vor der Ausrottung?

„Hai-Gefährdung durch Menschen

Jährlich werden nach Angaben der FAO etwa 700.000 bis 800.000 t Knorpelfische gefangen, davon ein großer Teil als Beifang der großindustriellen Fangflotten. Diese Menge entspricht 70 bis 100 Mio. Einzeltieren, etwa 60 % davon sind Haie und 40 % Rochen.[12] Nach Compagno et al. 2005 sind diese Zahlen allerdings deutlich zu niedrig eingestuft, da eine Vielzahl von Staaten zu niedrige Fangzahlen angibt, er geht mindestens von der doppelten Menge aus.

Die wirtschaftliche Nutzung des Haies hat letztendlich dazu geführt, dass über 70 Arten bereits vom Aussterben bedroht sind. Die meisten dieser Arten werden bereits als nicht mehr überlebensfähig bezeichnet.“

(Quelle: Wikipedia)

4. Haie haben also, weil sie so völlig ungefährdet im Meer herumschwimmen, ein „positives Lebensgefühl“.

Wieviele Haie wurden denn zu dieser für sie bestimmt existenziellen Frage interviewt?

Ich hoffe doch, dass die Ergebnisse repräsentativ sind bezüglich Geschlecht und Alter der Tiere und auch für die verschiedenen Hai-Arten.

5. Die Empfehlung, wir sollten es einfach wie die Haie machen, ist reichlich naiv.

Haie grübeln wohl mit grösster Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht ständig nach über „ Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod“.

Das dürfte aber damit zu tun haben, dass ihnen diese Risiken nicht oder jedenfalls weniger bewusst sind.

Es gibt offenbar einfach menschenspezifische Ängste, die damit zusammenhängen, dass wir solche Risiken erkennen und auf uns zukommen sehen.

Haie machen sich wohl auch nicht grosse Sorgen darüber, wie sie sich als Hai richtig verhalten sollen. Haiisches Verhalten dürfte ihnen genetisch bzw. instinkgesteuert implementiert sein. Wir Menschen haben durch unsere geringere Instinktsteuerung offenbar grössere Spielräume im Verhalten und damit mehr Freiheiten, damit aber auch mehr Entscheidungsschwierigkeiten, Versagensängste etc.

6. Dass Stress krank machen kann, würde ich nicht grundsätzlich bestreiten. Aber dass man umgekehrt nur ein gutes Lebensgefühl kreieren muss, und dann gesund bleibt,  ist eine ziemlich simple Vorstellung von Gesundheit und Krankheit. Wer krank ist, hat es also einfach nicht geschafft, ein gutes Lebensgefühl zu produzieren. So einfach…..

Und wie genau schickt man „positive Botschaften“ ans Unterbewusstsein, damit sie dort auch sicher ankommen? Per Mail?

Zudem ist die Überzeugung, dass Stress ein Risikofaktor ist für körperliche Krankheit zwar sehr verbreitet, doch sind die biologischen und psychologischen Tatsachen viel komplexer. Stress ist jedenfalls nicht nur „böse“ und schädlich, wie uns das dieser „Bild“-Artikel einreden will.

Fazit:

Wenn „Bild“ uns gegen Stress und für ein gutes Immunsystem rät, wir sollen es  doch einfach machen wie die Tiere, dann heisst das:

Hört auf, euch mit Themen wie Alter, Krankheit, Tod oder Arbeitslosigkeit auseinanderzusetzen. Die Tiere machen sich diese Gedanken ja auch nicht. Hört überhaupt auf nachzudenken und verlasst euch wieder ganz auf eure Instinkte (wie wenn man Instinkte einfach wieder einschalten könnte….).

Dieser Ratschlag ist einfach bodenlos dumm.

P.S.

Lust auf oder Bedarf nach Reflexion – zum Beispiel über Alter, Krankheit, Tod?

Dann schauen Sie mal in den Bereich „Naturheilkunde & Philosophie“ oder in den Bereich „Eidberger Gedankengänge“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Madentherapie zur Wundbehandlung

Montag, August 15th, 2011

Die Wundreinigung mithilfe von Fliegenlarven (Maden) wird immer häufiger in Kliniken eingesetzt.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten wissenschaftlichen Erfahrungsberichte zur Wundtherapie mit Fliegenlarven veröffentlicht. Während man es früher den Schmeißfliegen überließ, ihre Eier in die unverbundene Wunde zu legen, aus denen sich dann die Maden entwickelten, spezialisierten sich später Firmen auf die Züchtung und den Vertrieb von Fliegenmaden. Der Siegeszug der Antibiotika seit den 1940er Jahren beendete jedoch ziemlich rasch die Anwendung der Madentherapie.

Erst Jahrzehnte später zeigte sich, dass Fliegenlarven den Antibiotika in mancher Hinsicht überlegen sein können. Dazu erklärt Sebastian Debus, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: „Die Wunden sind häufig schlecht durchblutet, deshalb gelangen die Antibiotika über den Blutkreislauf erst gar nicht dahin, wo man sie benötigt. Eine lokale Aufbringung von Antibiotika auf die Wunde ist in diesen Fällen meist ungünstig, weil sich besonders rasch Resistenzen bilden.“ Debus therapiert rund jeden fünften Patienten mit Fliegenmaden. Nur etwa ein Viertel der Patienten lehnt dieses Behandlungsverfahren ab.

Und für Joachim Dissemond an der Hautklinik des Universitätsklinikums Essen ist die Wundreinigung mithilfe von Fliegenmaden das Mittel der Wahl, wenn eine Wunde nicht chirurgisch gereinigt werden kann, weil der Patient eine Narkose nicht verträgt

Quelle:

Das Comeback der Maden. FAZ vom 10.8.2011.

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2011/08/10/madentherapie-gehoert-eindeutig-zum-repertoire-der-schulmedizin.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Madentherapie ist eine interessante Option in der Wundbehandlung, aber nicht ein Wundheilmittel für alle Fälle, wie auch der Beitrag in der DAZ und in der FAZ zeigt.

Detailliertere Infos zur Fliegenmadentherapie liefert Wikipedia (Literatuarangaben siehe dort unter „Madentherapie“).

Hier ein paar Zitate aus Wikipedia mit Zwischentiteln:

Worum geht’s bei der Madentherapie?

„Bei der Madentherapie (auch Biochirurgie genannt) werden in Speziallaboren gezüchtete, keimfreie Maden eingesetzt, um chronische Wunden von nekrotischem (abgestorbenem) Gewebe und Bakterienbefall zu befreien. Vornehmlich kommen Maden der Goldfliege (Lucilia sericata) zur Anwendung. Lange wurde angenommen, dass die Maden nur oder überwiegend abgestorbenes Gewebe als Nahrung aufnehmen – dadurch wurde der medizinische Einsatz als Therapie möglich. Unterstellt wurde, dass das intakte Gewebe verschont bleibt. Dieser Arbeitshypothese widersprechen jüngere Publikationen im renommierten British Medical Journal. Eine exakte Dosierung (Anzahl und Größe der Maden), die stete Kontrolle durch medizinisches Personal und die Einhaltung der richtigen Anwendungsdauer kann dafür sorgen, dass intaktes Gewebe geschont wird. Sobald Schmerzen auftreten, wird lebendes Gewebe von den Maden angegriffen.

Die Maden der Goldfliege besitzen eine extrakorporale Verdauung (extraintestinale Verdauung), sie geben also Verdauungssäfte ab um die Nahrung zu verflüssigen, die anschließend aufgenommen wird. Sie werden entweder als „Freiläufer“ eingesetzt, das heißt, sie befinden sich frei beweglich in der Wunde, oder in einem Beutel aus Gaze, der auf die Wunde aufgelegt wird. Die Abgabe der Verdauungssäfte in die Wunde und die Aufnahme des angedauten, verflüssigten Gewebes erfolgt dann durch die Gaze hindurch. Die Verwendung von Maden in Beuteln führt allerdings zu einer deutlichen Verringerung der Wirksamkeit.

Die Madentherapie wurde erstmals im amerikanischen Bürgerkrieg gezielt eingesetzt. In den 1930er Jahren erreichte sie eine gewisse Verbreitung, verschwand aber mit dem Aufkommen der Antibiotika wieder. Erst seit den 1990er Jahren ist eine Wiederbelebung des Verfahrens zu vermerken. Eine großangelegte Studie im Jahr 2009 verglich die Madentherapie mit einer herkömmlichen, modernen Methode der Wundheilung, der Auflage eines Hydrogels zur Behandlung von offenen Wunden. Es zeigte sich, dass die Madentherapie zwar zu einem schnelleren Abbau der nekrotischen Gewebe führte, dass es aber bei beiden Methoden etwa gleich schnell zur Heilung durch Wundverschluss kommt, bei etwa gleich hohen Kosten.“

(Quelle: Wikipedia)

Zu Wirkung  und Anwendung der Madentherapie

- Madentherapie baut nekrotische Wundbeläge ab

„Viele chronische Wunden sind von einem Belag aus abgestorbenen Zellen und Wundsekret bedeckt. Diese Beläge behindern die Wundheilung, da sie zum einen ein mechanisches Hindernis bei der Wundbehandlung darstellen und zum anderen vom Blutkreislauf und somit vom körpereigenen Immunsystem abgeschnitten sind. Die Wundbeläge stellen ideale Nährböden für Bakterien dar, die ihrerseits die Wundheilung behindern. Durch den Bakterienbefall kann eine Gangrän genannte Form der Gewebenekrose hervorgerufen werden, und in Extremfällen kann es zu einem Multiorganversagen kommen, wenn aus der Grenzzone zwischen nekrotischem und intaktem Gewebe toxische oder immunsuppressive (Immunreaktionen unterdrückende) Stoffe in den Blutkreislauf gelangen.

Da die Goldfliegenmaden sich zuerst von nekrotischem Material ernähren, stellen die Wundbeläge eine ideale Nahrungsquelle für sie dar. Die Goldfliegenlarven werden auf die zu behandelnde Wunde aufgebracht und scheiden dort Verdauungssäfte aus. Die darin enthaltenen Enzyme dauen nur das Gewebe an und verflüssigen es. Dabei wird lebendes Gewebe nur dann nicht angegriffen oder geschädigt, wenn es für die Maden unerreichbar abgedeckt wird. Das sich bildende Gemisch wird von den Goldfliegenmaden aufgesaugt und verdaut. Dabei nehmen die Goldfliegenmaden in wenigen Tagen um das Hundertfache zu. Dann stellen sie die Nahrungsaufnahme ein und müssen gegen neue, frisch geschlüpfte Goldfliegenmaden mit entsprechendem Appetit ersetzt werden. Nach mehreren Anwendungen bleibt eine vom nekrotischen Wundbelag befreite Wunde zurück, die dann weiterbehandelt werden kann. Eine beschleunigte Wundheilung ist durch die Wundreinigung nicht zu erwarten.“

(Quelle: Wikipedia)

- Selektive bakterizide Wirkung der Fliegenmaden

„Die Goldfliegenmaden beseitigen Bakterien, indem sie eine eigene Gruppe von antibakteriellen Stoffen (Defensine) und Seraticin produzieren und den pH-Wert in der Wunde durch Ausscheidung von Ammoniak und Ammoniakderivaten auf ein für Bakterien wenig verträgliches Niveau anheben. Danach werden die abgetöteten Bakterien zusammen mit dem angedauten, abgestorbenen Gewebe aufgesaugt und verdaut. Dabei ist unerheblich, ob die Bakterien gegen einzelne Antibiotika resistent sind oder gar Multiresistenzen besitzen. Aus diesem Grund wird die Madentherapie auch bei Wunden angewandt, die mit MRSA-Stämmen oder anderen multiresistenten Bakterien infiziert sind.

In einer Laborstudie stellte sich heraus, dass Lucilia sericata-Larven empfindlich auf Pseudomonas aeruginosa-Bakterien reagieren und absterben können, also nicht alle Bakterien beseitigen können, die in Wunden vorkommen können.“

(Quelle: Wikipedia)

Nebenwirkungen der Madentherapie

„Etwa 20 bis 35 Prozent der Patienten mit Wunden empfinden zusätzliche Schmerzen und benötigen Schmerzmittel (Analgetika). Gelegentlich verursachen die Maden aber auch nur kribbelnde und juckende Gefühle. Schmerzen gelten als Zeichen für den Abbau von lebendem Gewebe, was durch die Anwendung von zu vielen Maden (Überdosierung) vorkommt. Nach dem vollständigen Verzehr des nekrotischen Gewebes wird auch gesundes Gewebe angegriffen. Auch bei Durchblutungsstörungen im benachbarten nicht-nekrotischen Gewebe kann es durch das Verdauungssekret der Maden zu Schädigungen kommen.“

(Quelle: Wikipedia)

Anwendungsbeispiele der Madentherapie

„Neben der Knochenmarksentzündung (Osteomyelitis) und der diabetischen Gangrän, bei der Gewebe abstirbt, wird die Madentherapie auch bei Unterschenkelgeschwüren (Ulcus cruris) und bei entzündlichen Druckstellen (Dekubitus) angewendet.“

(Quelle: Wikipedia)

Vergleich mit anderen Methoden der Wundbehandlung

„Eine randomisierte Studie aus dem Jahr 2009 an 267 Patienten mit einem Ulcus cruris (offenes Bein) verglich die Madentherapie mit Lucilla sericata und eine konventionelle Therapie, bei der ein Hydrogel aufgelegt wurde. Zwar wurde abgestorbenes Gewebe bei der Madentherapie schneller abgebaut (Débridement; zwei bis drei statt zehn Wochen), die Dauer der Wundheilung war jedoch nicht signifikant unterschiedlich, der Medianwert lag jeweils um 240 Tage. Dies galt unabhängig davon, ob die Maden frei oder in einem Gazenetz auf die Wunde aufgebracht wurden. Patienten der Madentherapie hatten gegen Ende der ersten Anwendung der Maden signifikant mehr Wundschmerzen. Die verursachten Kosten waren vergleichbar. Die Autoren der Studie empfehlen daher, bei der Entscheidung für eine Therapie den Patientenwunsch und deren Schmerzerfahrung mit den Maden zu berücksichtigen.“

(Quelle: Wikipedia)

Eingesetzte Fliegenarten

„Lucilia sericata wurde seit der Studie von Baer 1931 am weitaus häufigsten eingesetzt. Die Verwendung von anderen Calliphoridae-Arten wurde jeweils in nur vier (Phormia regina), zwei (Lucilia caesar) oder einer Studie beschrieben (Calliphora vicina, Chiysomya rufifacies. Lucilia caesar, Lucilia cuprina, Lucilia ilhatris, Protophormia terraenovae). Ebenfalls in einer Studie wurde die Sarcophagidae-Art Wohlfahrtia nuba verwendet.

Stand 2009 ist in den USA eine bestimmte Zuchtlinie (Stamm LB-01) der Art Lucilia sericata zum Verkauf zugelassenen.

(Quelle: Wikipedia)

Zur Geschichte der Madentherapie

- Die Madentherapie bis zum 19. Jahrhundert:

„Von mehreren Völkern sind Berichte überliefert, dass sie Maden zur Wundreinigung einsetzten. Dazu gehören die Ngemba, ein Stamm der Aborigines in New South Wales, Völker im nördlichen Burma bis in die chinesische Provinz Yunan und die Maya, die mit Tierblut getränkte Tücher erst in die Sonne und, nachdem Fliegen ihre Eier darauf gelegt hatten, auf die Wunden gelegt haben sollen.

Seit dem 17. Jahrhundert sind in Europa sporadische Berichte über einen Nutzen von Fliegenlarven bei der Wundheilung überliefert, beispielsweise von Hieronymus Fabricius (1537-1619) und 1829 von Dominique Jean Larrey. Larrey, Feldarzt in der französischen Armee, konnte seine Patienten jedoch nicht davon überzeugen, die Maden in den Wunden zu belassen. Im amerikanischen Bürgerkrieg setzte John Forney Zacharias, Arzt der konföderierten Armee, Fliegenmaden gezielt zur Behandlung von Wundbrand ein. Zacharias beschreibt neben einer schnellen und effektiven Wundheilung durch die Maden auch eine hohe Überlebensrate der Verwundeten:

“I am sure I saved many lives by their use, escaped septicemia and had rapid recoveries.”

„Ich bin mir sicher, ich rettete viele Leben durch ihre [der Maden] Anwendung, vermied Blutvergiftungen und erzielte schnelle Genesungen.“

John Forney Zacharias

Auch andere Feldärzte in diesem Krieg bemerkten die vorteilhaften Auswirkungen der Infestationen der Wunde. Zu einer weiter verbreiteten gezielten Anwendung kam es jedoch nicht. Die Madentherapie wird daher auch heute noch von Militärärzten empfohlen, wenn keine Alternativen verfügbar sind. Beim Auftreten von Schmerzen wird allerdings auch dem verwundeten Soldaten empfohlen, die Behandlung abzubrechen, um kein gesundes Gewebe zu verlieren.

Eines der auftretenden Probleme war die richtige Zuordnung der Larven zu verschiedenen Fliegenarten, insbesondere bei unerwartetem Madenbefall. Es gibt solche, die sich in lebendes Gewebe aktiv einbohren und dieses dabei schädigen, wie beispielsweise die Neuwelt-Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax). Man spricht dann von Myiasis, der Fliegenmadenkrankheit. Lucilla sericata, die Goldfliegenlarve hingegen, kann sich nicht auf glatter menschlicher Haut festhalten, benötigt ein Fell als Hilfe und befällt daher nur Kleintiere wie Kaninchen oder Schafe, die durch eine geächtete Amputation des Schafsschwanzes (Mulesing) hiervor geschützt werden sollen. Der Blowfly Strike, der tödliche Angriff von Lucilia-Fliegenmaden auf Schafe, ist in den Ländern mit Schafzucht gefürchtet. Außerdem wurde Ende des 19. Jahrhunderts die Keimtheorie entwickelt und erkannt, dass Fliegen Krankheitserreger übertragen können.“

(Quelle: Wikipedia)

- Madentherapie im frühen 20. Jahrhundert

„Auch im 20. Jahrhundert fiel die positive Wirkung von Fliegenmaden zunächst im Krieg, bei schlechter medizinischer Versorgungslage auf. Die Sterberate bei offenen, infizierten Wunden lag über 70%. Der US-amerikanische Chirurg Wiliam S. Baer war im Ersten Weltkrieg Feldarzt in Frankreich. Er berichtete später, dass er zwei Soldaten behandelt habe, die sieben Tage verwundet auf einem Schlachtfeld gelegen hatten, und in deren Wunden sich tausende Fliegenmaden befanden. Nachdem Baer diese entfernt hatte, stellte er fest, dass die Wunden sauber waren und erstaunlich schnell und ohne Komplikationen heilten. 1929 war Baer Professor für orthopädische Chirurgie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Maryland. Hier suchte er nach Therapien für Patienten mit Osteomyelitis (Knochenmarksentzündung), darunter viele Kinder. Bei 21 Patienten mit bis dahin therapieresistenter, chronischer Osteomyelitis setzte Baer in die eröffneten Läsionen über mehrere Wochen alle vier Tage Maden einer heimischen Schmeißfliege ein. Nach zwei Monaten konnten alle 21 Patienten als geheilt entlassen werden.

Ein Problem bei der weiteren Anwendung war die Verseuchung der Maden mit Clostridium tetani, dem Erreger des Wundstarrkrampfs (Tetanus) und Clostridium perfringens, dem häufigsten Erreger des Gasbrands. Um sterile Zuchten zu erhalten, sterilisierte er Eier und gab diese dann zu sterilisiertem Futter, bis sie die gewünschte Größe erreichten. „Surgical maggots“ (chirurgische Maden) der Arten Lucilla sericata und Phormia regina wurden schließlich von Pharmaunternehmen angeboten. Zwischen 1930 und 1940 wurden über hundert medizinisch-wissenschaftliche Publikationen zum Thema Madentherapie veröffentlicht. In über 300 amerikanischen Krankenhäusern wurde die Madentherapie in der Praxis angewendet.

Durch die Einführung von Sulfonamiden und Penicillin standen plötzlich andere Mittel zur Wundbekämpfung zur Verfügung und der Fortschritt in der Madentherapie kam zum Erliegen. Zwischen 1940 und 1990 erschienen lediglich vereinzelte Artikel, in denen beschrieben wurde, wie die Madentherapie als letzte exotische Behandlung bei hoffnungslosen Fällen eingesetzt wurde. 1988 wurde die Madentherapie von Milton Wainwright für tot erklärt:

“Fortunately maggot therapy is now relegated to a historical backwater, of interest more for its bizarre nature than its effect on the course of medical science … a therapy the demise of which no one is likely to mourn.”

„Glücklicherweise ist die Madentherapie heute verbannt in eine historische Provinz, von Interesse eher wegen ihrer bizarren Natur als wegen ihres Einflusses auf die medizinische Wissenschaft. … Eine Therapie, deren Ableben niemand nachtrauert.“

Milton Wainwright

- Das Wiederaufleben der Madentherapie ab den 1990er Jahren

„Ende der 1980er Jahre untersuchten Ronald Sherman und Edward Pechter, Ärzte am Medical Center der University of California, Los Angeles, bei einem Patienten eine zufällig mit Maden infestierte Wunde und beobachteten deren Sauberkeit. Sherman baute darauf hin im Veterans Administration Hospital in Long Beach (Kalifornien) eine Fliegenzucht auf, um sterile Maden zu produzierten, die zur Wundbehandlung eingesetzt wurden. Erste Studien in den 1990er Jahren zeigten einen schnelleren Abbau von nekrotischem Gewebe als andere Methoden.

1995 wurde in Wales eine erste europäische Produktionsstätte für Goldfliegen-Larven aufgebaut. Zoobiotic lieferte innerhalb von 3 Jahren über 5000 Einheiten an Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte. In Deutschland hat sich die Firma Biomonde als Hersteller und Vertreiber von Fliegenmaden etabliert. Biomonde wurde am 4. Mai 2010 von ZooBiotic übernommen. 2002 wendeten über 1000 Kliniken, Krankenhäuser und Arztpraxen die Madentherapie an. Seit 2008 können Apotheken auch die keimfreien Eier der Goldfliege erhalten und daraus Fliegenmaden züchten. Die Anwendung der Maden in der Wundbehandlung liegt allein in der Verantwortung des behandelnden Arztes,  da die in Europa als Arzneimittel geltenden Maden in Deutschland nicht zugelassen sind und nur bis zu einer späteren Zulassung angeboten werden dürfen, siehe Arzneimittelgesetz § 141 Satz 4.

Die Wirksamkeit der Madentherapie gegen Wundinfektionen – beispielsweise bei der postoperativen Wundbehandlung – ist 2004 von der Food and Drug Administration (FDA), der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde, anerkannt worden.“

(Quelle: Wikipedia)

Die Madentherapie lässt sich natürlich nicht zur Phytotherapie zählen – im weiteren Sinn zur Naturheilkunde aber schon.

Es ist sehr zu begrüssen, wenn genauer erforscht wird, für welche Art von Wunden eine Madentherapie geeignet ist und für welche nicht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen bei Blasenentzündung

Donnerstag, August 11th, 2011

Schmerzen beim Wasserlassen und ständiger Harndrang sind typische Symptome einer Blasenentzündung (Zystitis).

Ein Betrag in der Fachzeitschrift „Die PTA in der Apotheke“ (08 / 2011) empfiehlt Heilpflanzen-Anwendungen:

„Für die Selbstmedikation eignen sich pflanzliche Aquaretika als fertige Teezubereitungen oder in Form von Kapseln, Dragees und Tropfen. Sie enthalten wassertreibende, teilweise zusätzlich auch krampflösende, entzündungshemmende und desinfizierende Heilkräuter wie beispielsweise Brennnessel-, Birken- und Orthosiphonblätter, Goldruten- und Ackerschachtelhalmkraut.

Bewährt haben sich vor allem Arzneimittel mit Bärentraubenblättern, die antibakteriell und desinfizierend wirken. Raten Sie betroffenen Frauen viel zu trinken, um die Keime schneller wieder loszuwerden – mindestens zwei Liter sollten es täglich sein, sofern keine Herz- oder Nierenerkrankungen dagegen sprechen. Ruhe und lokale Wärmeanwendungen wie Wärmflasche oder Kirschkernkissen helfen zusätzlich, die Schmerzen zu lindern.“

Kommentar & Ergänzung:

Bärentraubenblättertee wirkt antibakteriell in den Harnwegen. Zu beachten ist:

Nur bei aktuter Zystitis anwenden, nicht  länger als eine Woche am Stück einnehmen und nicht mehr als fünf Wochen pro Jahr. Dosierung muss ausreichend hoch sein: 4 Tassen Bärentraubenblättertee pro Tag. Kaltauszug ist magenverträglicher. Nicht für Kinder unter 12 Jahren.

Achtung:

„Von der Selbstmedikation ausgeschlossen sind Diabetikerinnen, Schwangere, Patientinnen mit geschwächtem Immunsystem, mit Niereninsuffizienz sowie grundsätzlich auch Kinder und Männer mit Blasenproblemen……. Bessert sich die Infektion nicht nach wenigen Tagen, sollten Sie zum Arztbesuch raten. Der Mediziner wird gegebenenfalls ein Antibiotikum verordnen. Weisen Sie Ihre Kundinnen bei der Abgabe darauf hin, dass das Präparat nicht vorzeitig abgesetzt werden darf. Denn dies könnte zu resistenten Erregern führen.“

Kommentar & Ergänzung:

Auch wenn gleichzeitig Fieber eintritt oder Schmerzen in der Nierengegend, ist eine ärztliche Abklärung nötig.

Abschliessend ein Tipp zur Vorbeugung von Blasenentzündungen:

„Um Blaseninfekten vorzubeugen, sollten Frauen im Alltag grundsätzlich auf eine ausreichende Trinkmenge achten und ihre Blase immer vollständig entleeren. Gut geeignet, um Bakterien auszuschwemmen, noch bevor es zur Entzündung kommt, sind Produkte mit Cranberries. Die darin enthaltenen Proanthocyanidine verhindern das Andocken der pathogenen Keime an den Wänden des Harnwegtraktes.“

Kommentar & Ergänzung:

Es braucht aber auch hier konsequente Anwendung über längere Zeit und zudem ein Cranberry-Präparat mit ausreichend hohem Gehalt an Proanthocyanidinen.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Quelle der Zitate:

http://www.pta-aktuell.de/praxis/news/7383-Was-tun-wenn-s-brennt/

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Umckaloabo wegen möglicher Leberschäden unter Kritik

Donnerstag, August 4th, 2011

Nach einem Bericht des arznei-telegramms Anfang Juli weist nun auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft auf mögliche Leberschädigungen durch das Heilpflanzen-Präparat Umckaloabo® hin. Der Hersteller verteidigt sich: Nach gegenwärtiger Datenlage sei nicht eindeutig von einem Kausalzusammenhang auszugehen.

Insgesamt wurden im deutschen Spontanmeldesystem nach Angaben der Arzneimittelkommission (AkdÄ) 145 Verdachtsberichte unerwünschter Arzneimittelwirkungen von Umckaloabo® erfasst. Am häufigsten gemeldet wurden demnach Hautausschlag, Juckreiz und Überempfindlichkeit.

Zu den unerwünschten Effekten an der Leber existieren 19 Berichte. Neben Meldungen über Erhöhungen der Transaminasen, die in der Produktinformation als gelegentlich auftretende Nebenwirkungen (bei ein bis zehn Behandelten von 1000) beschrieben sind, werden insgesamt 10 Fälle von Hepatitiden berichtet, von denen einer schon im Jahr 2006 publiziert worden war.

Das arznei-telegramm nahm den Fall einer 30-jährigen Frau mit stark erhöhten Billirubin- und Leberenzymwerten (GTP, GOT) nach Einnahme von Umckaloabo® (und anderen Medikamenten wie Ibuprofen 800, Methyldopa, Pantoprazol, Enalapril) zum Anlass, von der Einnahme generell abzuraten (a-t 2011; 42: 63).

Aktuell bezieht sich die AkdÄ in seiner Stellungnahme auf den Fall eines 40-jährigen Mannes ohne Vorerkrankungen und Dauermedikation. Er war zwei Wochen nach Einnahme des Phytotherapeutikums in stationäre Behandlung aufgenommen worden. Es wurden bei ihm deutlich angestiegene Leberenzymwerte (ALT, AST, GGT AP) und Bilirubinwerte festgestellt ohne Hinweis auf eine virale Hepatitis (DÄ 2011; 108(30): A1651).

Aus Sicht der AkdÄ sprechen die gemeldeten Fälle dafür, dass Umckaloabo® außer für Transaminasenerhöhungen sehr selten auch Ursache für eine Hepatitis (Leberentzündung) sein kann.

Der Fachausschuss empfahl deshalb, dass Patienten auf potenziell bedrohliche unerwünschte Wirkungen wie Überempfindlichkeitsreaktionen und Leberreaktionen hingewiesen und nach dem Vorliegen von Kontraindikationen für die Einnahme befragt werden sollen.

Zu den Kontraindikationen gehören erhöhte Blutungsneigung, Einnahme gerinnungshemmender Medikamente sowie schwere Lebererkrankungen und Nierenerkrankungen.

Auch die deutsche Apothekerschaft reagierte und wies darauf hin, dass Leberschäden anfänglich keine eindeutigen Symptome zeigen.

“Deshalb sollten Patienten verstärkt auf Hautausschlag, Juckreiz oder unspezifische Schmerzen im oberen Bauch achten und mit dem Arzt oder Apotheker darüber sprechen,” empfiehlt Professor Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK). “Der Zusammenhang mit einem Arzneimittel muss nicht gesichert sein, der Verdacht reicht aus.“

Umckaloabo-Hersteller Spitzner wehrt sich

Der Hersteller des Präparats Umckaloabo®, die Firma Spitzner, wehr sich und hält fest, dass er seine Pflicht als pharmazeutischer  Poduzent sehr ernst nehme und jeden eingehenden Fall unabhängig von seiner Quelle sehr sorgfältig behandle.

Leider sei jedoch die Dokumentation der Fälle allzu oft lückenhaft. “Häufig fehlen wichtige Daten, die zur Beurteilung eines Falles dringend erforderlich sind, insbesondere zur Diagnostik, zur Begleitmedikation und zu Begleiterkrankungen”.

Weiter hält Spitzner fest: “Trotz aller unserer Bemühungen bleiben viele Fakten, die zur regelrechten Bewertung solcher Fälle erforderlich sind, unberichtet, sodass die Beurteilung des Kausalzusammenhangs offen bleiben muss.”

Speziell bei Fällen, die das Organsystem Leber betreffen, müssten zur Beurteilung eines Kausalzusammenhangs besonders viele Faktoren bekannt sein, damit eingeschätzt werden könne, ob der Fall auf eine Entzündung hinweise und auf welche Art von Entzündung.

Ad-hoc-Beurteilungen führten deshalb gerade bei pflanzlichen Präparaten als natürlichen Vielstoffgemischen zu Vorverurteilungen auf unzureichender Grundlage.

Auch im jüngst von der AkdÄ zitierten Fall des 40-jährigen Mannes hätten wichtige Daten gefehlt, etwa zum Verlauf der Laborparameter, zum Ultraschall und zum Ausschluss anderer Erkrankungen wie Hepatitis E, Herpes-Zoster-Infektion, Schilddrüsenerkrankungen.

Weil es bislang in der Fachwelt kein einhelliges Bewertungssystem gebe, sei es plausibel, dass Beurteilungen unterschiedlich ausfallen.

Aus der Perspektive von Spitzner sei nach der bisherigen Datenlage – sowohl der geschilderten Fälle als auch von 10.000 Studienteilnehmern – jedoch keine abschließende Kausalitätsbewertung möglich.

Darüber hinaus müsse berücksichtigt werden – wie Studien aus den USA und Deutschland zeigten -, dass zwischen sieben und elf Prozent der Bevölkerung erhöhte Leberwerte als Ausdruck einer Leberzellschädigung hätten, ohne davon zu wissen (“Zufallsbefunde”).

Das bedeute für die Häufigkeitsangaben von Leberwerterhöhungen, dass diese im Sinne eines Grundrauschens in der Bevölkerung “häufig” bis “sehr häufig” vorkommen, hält Spitzner fest.

Mit der für Umckaloabo® anhand der Daten des Spontanmeldesystems errechneten Wahrscheinlichkeit für Leberzellschäden liege man deutlich unterhalb dieses Grundrauschens, erklärt der Umckaloabo-Hersteller.

Da man jedoch diese Möglichkeit andererseits auch nicht völlig ausschließen könne, werde gegenwärtig die Fach- und Gebrauchsinformation eigenverantwortlich angepasst.

Spitzner beharrt jedoch weiter darauf, “dass Umckaloabo® ein gut verträgliches und sicheres Arzneimittel ist, was auch durch die umfangreichen präklinischen Untersuchungen zur Toxikologie und Sicherheitspharmakologie gestützt wird.”

Quellen:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/erkaeltungskrankheiten/article/664709/umckaloabo-wegen-moeglicher-leberschaeden-beschuss.html?sh=3&h=354933868

http://www.arznei-telegramm.de/html/sonder/1107063_02.html

http://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/Bekanntgaben/Archiv/2011/201107291.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Ich habe schon in einem anderen Beitrag zur gegenwärtigen Umckaloabo-Debatte darzulegen versucht, dass die Beurteilung solcher Fälle ausgesprochen schwierig ist.

Siehe:

Leberschäden durch Umckaloabo?

(im Kommentar an Schluss des Beitrages)

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Umckaloabo und den berichteten Leberschäden ist immer noch alles andere als belegt.

Siehe „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ im Text „Leberschäden durch Umckaloabo?

Aber da Heilpflanzen-Präparate ebenso wie alle anderen wirksamen Arzneimittel unerwünschte Nebenwirkungen haben können, lässt sich ein Zusammenhang auch nicht absolut ausschliessen.

Nicht dramatisieren, aber wachsam bleiben, ist meiner Ansicht nach eine gute Devise.

Die gegenwärtigen Warnungen sollte man auch nicht – wie es in der Komplementärmedizin leider oft gemacht wird – als Verschwörung der bösen Pharmaindustrie gegen die Naturheilkunde aufbauschen.

Zu ihrem Verständnis muss man aber folgendes wissen:

Die warnenden Instanzen gehen davon aus, dass die Wirksamkeit und damit der Nutzen von Umckaloabo-Präparaten nicht gesichert ist. Und bei einem als unwirksam eingeschätzen Arzneimittel reicht schon der Verdacht auf eine erhebliche Nebenwirkung für eine Warnung und schliesslich für eine negative Beurteilung.

Zu erwähnen wäre auch, dass es sehr viele Medikamente gibt, die Leberschäden verursachen können, und die deswegen kaum in der Öffentlichkeit in der Kritik stehen.

Dieses Ungleichgewicht an kritischer Aufmerksamkeit lässt sich allenfalls noch dadurch rechtfertigen, dass eine Leberschädigung bei Heilpflanzen-Präparaten von vielen Leuten wohl eher weniger erwartet wird, und auch dadurch, dass es sich um ein frei verkäufliches Präparat handelt. Diese Faktoren lassen eine öffentliche Warnung möglicherweise nötiger erscheinen.

Informationen über Leberschäden durch Medikamente

Leichte Schädigungen der Leber durch Medikamente kommen häufiger vor als man denkt. Schwere Schäden sind zwar selten, jedoch potenziell lebensbedrohlich.

Zum Thema Leberschäden durch Medikamente hier ein paar informative Zitate aus der Fachliteratur:

„Jede zehnte unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) betrifft die Leber. Überraschend ist das nicht, wenn man bedenkt, dass jeder peroral eingenommene Arzneistoff zuerst die Leber passiert, bevor er in den systemischen Kreislauf gelangt. Andererseits sind schwere Leberschäden sehr selten, sonst wäre der breite Einsatz von Medikamenten nicht möglich. Dennoch stellen Arzneimittel-induzierte Leberschäden einen der häufigsten Gründe für ein akutes Leberversagen dar, das bei mehr als 75 Prozent der Patienten trotz Behandlung tödlich endet und somit die häufigste Medikamenten-induzierte Todesursache darstellt.“

Wie kommen Leberschäden durch Medikamente zustande?

„Der Organismus hat zwei Systeme entwickelt, um sich vor Fremdem zu schützen: das Zytochrom-P450-System (CYP450) und das Immunsystem. In der Regel erfüllen beide Systeme ihre Aufgabe gut, manchmal sind sie aber auch für toxische Effekte von Arzneimitteln verantwortlich.

Beim Arzneistoffmetabolismus durch das CYP450-System können reaktive Zwischenprodukte entstehen (reaktive Metabolite, ROS, freie Radikale), die Ionenpumpen, Transporter, ungesättigte Lipide, Proteine und DNA attackieren. Solche Zwischenprodukte entstehen recht häufig, werden aber durch körpereigene Schutzmechanismen in der Regel entgiftet, bevor die Zellen zu Schaden kommen. Erst wenn die körpereigenen Schutzmechanismen überfordert werden, kommt es zu toxischen Auswirkungen…….

Die toxischen Effekte von Arzneimitteln können auch über das Immunsystem vermittelt werden. Reaktive Metaboliten, die an Proteine binden, können das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen aktivieren und so zur Abwehrreaktion und zum Zelluntergang führen.“

„Unabhängig davon, ob der Leberschaden metabolisch oder immunologisch verursacht ist, kommt es zur Freisetzung von Leberenzymen in den Blutkreislauf. Am Anfang jeder Abklärung steht deshalb die Untersuchung der »Leberwerte«. Anhand derer lässt sich der Leberschaden bestätigen, im Verlauf beobachten und laborchemisch in drei Grundformen einteilen: hepatozellulärer Schaden (Zytolyse der Hepatozyten), Cholestase (Zerstörung der Strukturen des Gallentransports mit erhöhtem Bilirubin und Gelbsucht) sowie die gemischte Form.“

Beispiele für potenziell lebertoxische Arzneistoffe:

Hepatozellulärer Leberschaden:

Acarbose, Acetylsalicylsäure, Allopurinol, Bupropion, Diclofenac, Fluoxetin, Isoniazid, Ketoconazol, Lisinopril, Losartan, Nefazodon, Nevirapin, Paracetamol, Paroxetin, Pyrazinamid, Rifampicin, Risperidon, Ritonavir, Sertralin, Statine, Tetracycline, Trazodon, Trovafloxacin, Valproinsäure .

Cholestatischer Leberschaden:

Amoxicillin/Clavulansäure, anabole Steroide, Azathioprin, Chlorpromazin, Clopidogrel, Cytarabin, Erythromycin, Fosinopril, Irbesartan, Phenothiazine, Estrogen, Sulindac, Terbinafin, trizyklische Antidepressiva.

Gemischte Form:

Amitriptylin, Azathioprin, Captopril, Carbamazepin, Clindamycin, Cyproheptadin, Enalapril, Flutamid, Ibuprofen, Nitrofurantoin, Phenobarbital, Phenytoin, Sulfonamide, Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Verapamil.

Hinweise auf Leberschäden sind meist unspezifisch

„Die Symptome sind zumindest in ihren frühen Stadien unspezifisch: Oberbauch- und Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, eventuell auch Fieber und Ausschläge sowie Gelbsucht (Ikterus) bei fortgeschrittener Cholestase. Daher können sie leicht übersehen oder anderen Ursachen zugeschrieben werden. Umso wichtiger ist es, bei diesen Beschwerden immer auch an die Möglichkeit eines Medikamenten-induzierten Leberschadens zu denken.

Tatsächlich führt die Mehrzahl der Arzneistoffe nur sehr unregelmäßig und längst nicht bei allen Patienten zu Leberschäden.

Typischerweise entstehen Leberschäden auch bei therapeutischer Dosierung und sind nicht vorhersehbar. Sie betreffen nur Personen mit spezifischer Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Substanzen. Als Mechanismus werden Hypersensitivität (Beginn nach Wochen) oder abnorme Verstoffwechselung durch genetische oder umweltbedingte Einflüsse (Beginn nach Tagen) angenommen, wobei die genaue Ursache nur in Einzelfällen geklärt ist. Diese unvorhersehbare Form der Leberschädigung mit weitgehend unbekanntem Mechanismus wird auch »idiosynkratisch« genannt. Die histologischen Leberveränderungen sind variabel, oft aber typisch für eine bestimmte Substanz. Der Verlauf ist häufig fatal, falls der Arzneistoff weiter eingenommen wird, nachdem die Reaktion begonnen hat.“

„Im Gegensatz zu den idiosynkratischen Reaktionen treten die vorhersehbaren Leberschäden durch direkte chemische Reaktion in den Leberzellen auf. Sie sind dosisabhängig, reproduzierbar und meistens aus Toxizitätsstudien bei Tieren oder aus klinischen Studien bekannt. Sehr gut untersucht ist die dosisabhängige Hepatotoxizität von Paracetamol.“

„Manche Medikamente führen fast obligatorisch zu einem meist vorübergehenden Anstieg der Leberenzyme, ohne dass die Organschädigung zu einem klinisch relevanten Ausmaß fortschreitet. Typische Beispiele sind Statine, Clozapin und Isotretinoin. Obwohl auch diese Medikamente in Ausnahmefällen schwere Leberschäden hervorrufen können, bleibt es in aller Regel bei einem Anstieg der Leberenzyme um das Zwei- bis Dreifache der oberen Norm. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt.“

„Bei Arzneistoffen, die nur sehr selten zu Leberschäden führen, dürfte das regelmäßige Monitoring der Leberenzyme…..nicht kosteneffektiv sein. Viel wichtiger ist es, auf die ersten Symptome einer Schädigung (Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Verdauungsbeschwerden und eventuell Hautveränderungen und Juckreiz) mit einer Bestimmung der Enzymwerte zu reagieren. Das setzt allerdings voraus, dass dem Patienten diese Vorboten einer Leberschädigung vom Arzt und in der Apotheke erklärt werden.“

„Auch pflanzliche Arzneistoffe werden über die Leber metabolisiert und können so zu metabolisch oder immunologisch bedingten toxischen Schäden führen.“

Die Diagnose medikamentenbedingter Leberschäden ist schwierig

„Zurzeit gelten etwa 1000 Arzneistoffe als lebertoxisch, vermutlich entspricht diese Zahl nur der Spitze des Eisbergs. Theoretisch kann so gut wie jedes Medikament einen Leberschaden verursachen.

Toxische Leberschäden können jede Erkrankung dieses Organs imitieren. Die Symptome eines medikamentös-toxischen Leberschadens unterscheiden sich daher nicht von denen bei Lebererkrankungen anderer Genese. Erschwerend kommt hinzu, dass die Symptome sehr allgemein und unspezifisch sind: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Oberbauchbeschwerden, Verdauungsstörungen und allenfalls Juckreiz und Ikterus, die auf eine Cholestase hinweisen. Beginnende Schäden werden daher oft übersehen.

Da sich aber die Prognose mit zunehmender Exposition verschlechtert, muss bei jeder Leberfunktionsstörung an die Möglichkeit einer hepatotoxischen Nebenwirkung gedacht werden. Hierfür ist eine sorgfältige und möglichst vollständige Anamnese notwendig, die alle Medikamente, pflanzlichen Heilmittel, Tees, Vitamine, Partydrogen und andere potenzielle Toxine einschließt. Die Angaben der Patienten sind diesbezüglich in der Regel unvollständig. Vor allem Medikamente aus der Naturheilkunde oder dem Internet werden oft nicht genannt. Parallel dazu müssen andere Ursachen für die Lebererkrankung ausgeschlossen werden; dies könnten unter anderem eine virale Hepatitis, Autoimmunhepatitis, Alkoholabusus und andere Noxen, Herzinsuffizienz, extrahepatische cholestatische Leberleiden (Gallenstein) sein.

Bei der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit für eine Medikamentenreaktion spielt auch die Latenzzeit zwischen Einnahme des Medikaments und Auftreten des Leberschadens eine Rolle. Sie kann Tage bis Wochen oder Monate betragen. Obwohl die zuletzt eingenommenen Medikamente vorrangig als Ursache in Verdacht geraten, können auch seit längerer Zeit eingenommene Medikamente dafür verantwortlich sein. Ebenso dürfen Arzneimittel, die vor einiger Zeit abgesetzt wurden, nicht außer Acht gelassen werden.“

„Letztendlich bleibt die Diagnose aber eine Ausschlussdiagnose, die selten bestätigt werden kann, da ein (absichtlicher) Rechallenge gefährlich und unverantwortlich wäre. Wenn sich die Leberenzyme nach Absetzen der verdächtigen Medikamente erholen (relativ rasch nach hepatozellulärer Reaktion, langsamer nach Cholestase), ist dies auch eine gewisse Bestätigung (Dechallenge).“

Rechallenge würde also heissen: Das Arzneimittel – hier also Umckaloabo – wird nach dem Absetzen und der Erholung der Leber erneut verabreicht. Verschlechtert sich der Zustand der Leber erneut, ist ein Zusammenhang mit dem Arzneimittel bestätigt. Es liegt auf der Hand, dass diese Art der „Beweisführung“ nicht zu verantworten ist.

Quelle der Zitate und der Beispiele potenziell lebertoxischer Arzneistoffe:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=30764

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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