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Thymiantee bei Bronchitis

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Das Portal Apotheke-Adhoc empfiehlt als Hausmittel bei Bronchitis:

„Thymiantee: Thymian enthält viele antibakterielle ätherische Öle, weshalb er im Volksmund als „natürliches Antibiotikum“ bezeichnet wird. Für eine Tasse reichen ein bis zwei Teelöffel Thymiankraut. Dieser Tee sollte 10 bis 15 Minuten ziehen.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/blogads-welche-hausmittel-helfen-gegen-bronchitis/

Kommentar und Ergänzung:

Ja, das ätherische Thymianöl wirkt stark antibakteriell, jedenfalls bei Untersuchungen im Labor.

Im Standardwerk „Arzneidrogen“ von Georg Schneider heisst es dazu:

„Das Öl war gegen 35 getestete grampositive und 18 gramnegative Bakterien sowie 11 Pilzarten mit MHK-Werten von 0,125 bis 8 mg/ml wirksam. Thymianöl ist eines der antibiotisch wirksamsten ätherischen Öle.“

Allerdings lässt sich ein Laborergebnis nicht einfach auf die Anwendung beim Menschen übertragen. Thymiankraut enthält zwischen 1% und 2,5% Thymianöl, wovon aber wegen schlechter Wasserlöslichkeit nur ein Teil ins Teewasser übergeht. Dann muss das Thymianöl nach der Aufnahme in den Körper allfällige Umwandlungsprozesse in der Leber überstehen, wird über die Blutbahn im ganzen Organismus verteilt und soll dann in den Atemwegen eine Konzentration erreichen, die Bakterien hemmt. Das ist eigentlich eher fraglich. Bei Thymiantee von einem „natürlichen Antibiotikum“ zu sprechen ist daher ziemlich überzogen.

Eine Inhalation mit Thymianöl scheint mir da besser geeignet, erreicht man doch so die Atemwege von aussen ohne Umweg über den Verdauungstrakt und die Blutbahn.

Will man über den Verdauungstrakt in den Atemwegen ätherische Öle zur Anwendung bringen, sind magensaftresistente Kapseln wirksamer, weil dadurch grössere Mengen zugeführt werden können.

In Frage kommen Sibrovita N (mit Eukalyptusöl) oder Gelomyrtol ( entspricht Gelodurat als kassenzulässige Variante wenn ärztlich verordnet), einem Präparat aus aus rektifiziertem Eukalyptusöl, rektifiziertem Süßorangenöl, rektifiziertem Myrtenöl und rektifiziertem Zitronenöl.

Für Thymianöl gibt es keine entsprechenden Kapseln.

Eine akute Bronchitis wird im übrigen in den meisten Fällen durch Viren ausgelöst. Thymianöl zeigt im Labor auch Wirkungen gegen Viren, doch ist dieser Effekt offenbar schlechter untersucht als die antibakterielle Wirkung. Im Labor getestet wurde die Wirksamkeit gegen Herpes simplex Viren, die für Fieberbläschen verantwortlich sind.

Ergänzend soll noch erwähnt werden, dass Thymianöl zudem schleimlösend bei produktivem Husten wirkt. Auch für diesen Zweck würde ich aber die Inhalation dem Thymiantee vorziehen, oder Sibrovita / Gelodurat / Gelomyrtol als Kapsel einnehmen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Hausmittel und Medikamente gegen Halsschmerzen

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Spiegel online schreibt zum Thema „Was Husten, Schnupfen, Heiserkeit lindert“.

Gegen Halsschmerzen wird empfohlen:

„Gegen Halsweh gibt es Lutschtabletten oder Sprays, die den Rachenraum kurzzeitig oberflächlich betäuben. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam) rät in ihrer Patienteninformation „Halsschmerzen“ bei starken Beschwerden eher zu Schmerzmitteln mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Paracetamol. Sie wirken demnach besser, wenn man sie in den betroffenen Tagen regelmäßig einnimmt und nicht nur ab und zu. Salbeibonbons befeuchten zusätzlich den Hals. Ein bewährtes Hausmittel ist, mit Salzwasser zu gurgeln. Dazu 1/4 Teelöffel Kochsalz in einem Glas Wasser auflösen.“

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/erkaeltungen-das-hilft-gegen-husten-schnupfen-heiserkeit-a-1176650.html

Kommentar & Ergänzung:

„Salbeibonbons befeuchten zusätzlich den Hals.“

Ja, aber das wird wohl jedes Bonbon machen. Ich würde mit Salbeitee gurgeln, alle 2 Stunden jeweils mindestens 2 Minuten. Und pro Tasse Salbeitee würde ich ¼ Teelöffel Kochsalz beigeben. Salbeitee und Kochsalz ist eine gute Kombination.

Salbeitee enthält ätherisches Öl, das zumindestens in Laboruntersuchungen antimikrobielle Eigenschaften gezeigt hat, und Gerbstoffe mit entzündungswidriger Wirkung.

Schmerzmittel auf der Basis von Ibuprofen oder Paracetamol sind mir als Behandlungsoption bei Halsschmerzen eine ziemlich fremde Vorstellung und ich denke, das kann nur bei starken Halsschmerzen temporär Sinn machen. Vielleicht kann ich mich aber da auch einfach nicht so gut einfühlen, weil ich bisher selber kaum je Halsscherzen hatte…….

Dass örtlich betäubende Lutschtabletten oder Sprays auf der Basis von Oxybuprocain, Lidocain oder Ambroxol nicht viel bringen, scheint mir plausibel. Phytotherapeutisch lokalanästhetisch wirkt Menthol, die Hauptkomponente des Pfefferminzöls (Menthol-Lutschbonbons). Aber auch hier ist der Effekt begrenzt, wenn die Halsschmerzen stark sind.

Manchmal lindern bei Halsschmerzen auch Schleimstoffe, zum Beispiel GeloRevoice oder Lindenblütentee (lang ziehen lassen).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Inhalieren gegen Erkältungen

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Das Magazin „Focus“ gibt Tipps gegen Erkältungen und kommt dabei auch auf Inhalationen zu sprechen. Nicht ganz falsch, aber auch ziemlich ungenau.

Was schreibt „Focus“:

„Salzspülung und Inhalieren

Gegen eine verstopfte Nase kann eine Salzwasserspülung aus der Apotheke oder Drogerie helfen. Das Inhalieren mit Ölen oder Kamillentee löst den Schleim.“

Wenn von „Ölen“ gesprochen wird, dann meint man in der Regel „fette Öle“ wie Mandelöl, Sonnenblumenöl oder Olivenöl. Hier sind aber zweifellos ätherische Öle gemeint. Fette Öle sind gar nicht flüchtig und würden nicht in den Dampf übergehen. Fette Öle und ätherische Öle sind aber zwei vollkommen unterschiedliche Dinge und deshalb wäre es hier sinnvoll, von „ätherischen Ölen“ zu schreiben.

Und ja, mit Kamillentee kann man inhalieren. Eine Mischung von Kamillenblüten mit Thymiankraut fände ich bei Husten und Schnupfen allerdings noch besser.

Beim direkten Inhalieren mit ätherischen Ölen, also wenn ätherische Öle auf heisses Wasser gegeben und direkt eingeatmet werden, sollte die Dosierung eher tief bleiben. 1 – 2 Topfen genügen in der Regel.

Und was schreibt „Focus“ weiter:

„Heiß Baden

Ein heißes Bad mit Eukalyptus oder ätherischen Ölen beruhigt, der heiße Dampf befreit die Atemwege. Vorsicht: Bei Fieber sollte nicht heiß gebadet werden!“

 

Ja, ein Erkältungsbad ist eine gute Idee. Mit „Eukalyptus“ ist wohl das ätherische Eukalyptusöl gemeint, so dass die Formulierung „Eukalyptus oder ätherische Öle“ etwas schief ist.

Neben Eukalyptusöl wäre auch Thymianöl eine gute Wahl. Allerdings fehlen im „Focus“-Text genauere Angaben zur Zubereitung und Dosierung, was meines Erachtens für eine sichere und verträgliche Anwendung wichtig wäre.

Ätherische Öle mischen sich schlecht mit Wasser und sind leichter, schwimmen also auf der Wasseroberfläche (Ausnahmen sind zum Beispiel Nelkenöl und Zimtöl). In der Badewanne hat das zur Folge, dass zum Beispiel Thymianöl und Eukalyptusöl konzentriert obenauf schwimmen, was beim Kontakt mit der Haut Reizungen verursachen kann.

Daher müssen die ätherischen Öle emulgiert werden, zum Beispiel indem man sie mit etwas Kaffeerahm (Sahne) oder Vollmilch mischt, bevor sie dem Badewasser zugefügt werden.

Auf ein Vollbad würde ich 8 Tropfen Eukalyptusöl oder Thymianöl geben, bei der ersten Anwendung nur 3 – 4 Tropfen, um die Verträglichkeit zu prüfen.

„Focus“ empfiehlt zudem:

„Natürliche Öle

Eukalyptusöl oder Pfefferminzöl vor dem Schlafen gehen auf der Brust verreiben. Wirkt gegen Husten und hilft beim Durchatmen.“

Auch hier würde es korrekt heissen „Natürliche ätherische Öle“. Meine Empfehlung wäre dabei, Eukalyptusöl oder Pfefferminzöl nicht pur aufzutragen, sondern wenige Tropfen gemischt mit etwas fettem Öl, zum Beispiel Mandelöl, oder allenfalls auch mit einer fettreichen Bodylotion (W/O-Emulsion).

Grundsätzlich könnte man aber auch von Eukalyptusöl, Thymianöl oder Pfefferminzöl ein paar Tropfen auf ein Papiertaschentuch geben und sie so über Nacht im Schlafzimmer verdunsten lassen.

Quelle der Zitate:

http://www.focus.de/gesundheit/praxistipps/erkaeltung-schnell-loswerden-die-besten-tipps_id_7761950.html

Als Ergänzung:

Margret Wenigmann empfiehlt im Fachbuch „Phytotherapie“ für die äusserliche Anwendung von Pfefferminzöl:

„Einige Tr. In die betroffenen Hautpartien einreiben, in halbfesten oder öligen Zubereitungen 5 – 20 –prozentig…“

Bei Säuglingen und Kleinkindern rate ich ab von Pfefferminzöl-Anwendungen.

Margret Wenigmann schreibt dazu:

„Bei Säuglingen und Kleinkindern nicht im Bereich des Gesichtes, speziell der Nase, oder grossflächig auf Brust und Rücken anwenden (Gefahr von Glottiskrampf, Kratschmer-Reflex mit Atemdepression bis hin zur Erstickung).“

Solche Warnungen sind ähnlich formuliert in wohl allen Phytotherapie-Fachbüchern zu finden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Vitamin C gegen Erkältungen nutzlos

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Das Magazin „focus“ gibt uns wie jeden Herbst gute Ratschläge zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen.

Da kann auch der alte Klassiker nicht fehlen:

„Rechtzeitig zur Erkältungssaison sollten Sie sich ein paar Medikamente für die Hausapotheke zulegen. Wichtig sind Vitamin-C-Tabletten.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/videos/schnell-wieder-gesund-werden-die-erkaeltungszeit-beginnt-fuenf-mittel-sollten-sie-jetzt-zuhause-haben_id_7684238.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Empfehlung von Vitamin C gegen Erkältungen geistert schon seit Jahrzehnten herum, obwohl sie schon lange widerlegt ist. Studien zeigen nur an einem sehr eingeschränkten Punkt einen gewissen Nutzen. In der Regel profitieren nur die Hersteller und Verkäufer der Vitamin-C-Präparate, und das auf ihrem Kontostand.

Die Plattform Medizin transparent hat den Wissensstand zusammengestellt.

– Die angebliche Wirksamkeit der Vitamin-C-Präparate wird durch die bisherigen Studien ins Reich der Mythen verwiesen: Die tägliche, vorbeugenden Einnahme selbst hoher Dosen kann eine Erkältung nicht verhindern, doch lässt sich damit die Krankheitsdauer geringfügig verkürzen. Der erreichbare Effekt ist jedoch nicht sehr groß. Eine Erkältung würde demnach bei Erwachsenen, die Tag für Tag über lange Zeit Vitamin C eingenommen haben, sechseinhalb statt sieben Tage dauern. Bei Kindern würde sich die Erkältung um einen ganzen Tag verkürzen, statt sieben Tage wären sie somit nur sechs krank. Für diese Wirkung mussten die Studien-Teilnehmenden die Vitaminpräparate teilweise jedoch mehrere Jahre lang regelmäßig einnehmen.

– Extremsportler scheinen eine Ausnahme zu sein. Bei dieser Gruppe könnte die vorbeugende Einnahme von Vitamin C tatsächlich vor Erkältungen schützen. Solche Effekte zeigten sich jedenfalls in einzelnen Studien an Marathonläufern oder Soldaten, die Winterübungen im Gebirge machten. Hatten Versuchspersonen zwei bis drei Wochen vor Beginn der körperlichen Extrembelastung mit der Vitamineinnahme begonnen, erkrankten sie nur halb so häufig an einer Erkältung.

– Die Kurzfristige Behandlung bei beginnender Erkältung blieb ohne Effekt. Die Empfehlung, Vitamin C in hochdosierter Form einzunehmen, sobald man die ersten Anzeichen einer Erkältung spürt, kann durch Studien jedenfalls nicht bestätigt werden. Sind Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen einmal ausgebrochen, scheint die Einnahme von Vitamin C gar keinen nachweisbaren Effekt zu haben. Die zusammengefassten Resultate bisheriger Studien geben jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass Präparate mit Vitamin C Erkältungssymptome lindern können. Auch die Dauer der Erkrankung scheinen sie bei kurzfristiger Behandlung nicht zu verkürzen.

Tagesbedarf und Tagesdosen

Den Tagesbedarf für Vitamin C setzt die Ernährungswissenschaft bei rund 100 Miligramm an, wobei die Empfehlungen leicht schwanken. In Mitteleuropa sind die Menschen über die Ernährung mit Vitamin C in der Regel ausreichend versorgt.

In den meisten Studien zu Erkältung schluckten die teilnehmende Männer, Frauen und Kinder hohe Dosen von 1000 Miligramm Vitamin C und mehr pro Tag ein, also mindestens zehnmal so viel, wie Ernährungswissenschaftler empfehlen.

Da Vitamin C wasserlöslich ist, scheidet der Körper überschüssige Mengen über den Urin aus, so dass schwerwiegende Nebenwirkungen selbst bei hohen Dosen selten sind. Bei großen Mengen könnten als Nebenwirkungen Durchfall, Bauchschmerzen oder Übelkeit auftreten. Die Einnahme hoher Dosen über viele Jahre könnte möglicherweise die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Nierensteinen erhöhen.

Quelle: https://www.medizin-transparent.at/vitamin-c-beinahe-nutzlos-gegen-erkaltungen

Die Geschichte des synthetisierten Vitamin C ist im übrigen sehr interessant und eng mit der Geschichte des Pharmakonzerns Roche verknüpft:

„Die industrielle Herstellung von Vitamin C begann 1934 durch Roche in der Schweiz. Die Nachfrage danach blieb anfangs gering……..

In der Zeit des Nationalsozialismus (1933–45) förderten die Machthaber in Deutschland die Versorgung der Bevölkerung mit den damals gerade erst entdeckten Vitaminen sehr aktiv. Sie wollten so den „Volkskörper von innen stärken“, weil sie davon überzeugt waren, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg auch als Folge von Mangelernährung verloren hatte. In Vitamin-Aktionen wurden Kinder, Mütter, Schwerstarbeiter und Soldaten mit Vitaminen versorgt, insbesondere mit Vitamin C. Nationalsozialistische Massenorganisationen wie die Deutsche Arbeitsfront und die Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung organisierten die Produktion und Verteilung von Vitamin-C-Präparaten. Hausfrauen wurden dazu aufgerufen, Hagebutten und Sanddorn zu sammeln, aus denen Brotaufstriche und andere Vitaminpräparate für die Wehrmacht hergestellt wurden. Noch 1944 bestellte die Wehrmacht 200 Tonnen Vitamin C, unter anderem bei Roche.“

Quelle: Wikipedia

Dem Vitamin C kam insbesondere im Nationalsozialismus eine zentrale Funktion bei der Leistungssteigerung und bevölkerungspolitischen Regulierung des „Volkskörpers“ zu.

Für Roche war das ein Glücksfall:

„Noch 1936 berichteten Roche-Mitarbeiter, dass die Spezialisten unter den Ärzten die Vitamin-Therapie schlicht ablehnten, 80 Prozent würden über den ‚Vitamin-Fimmel’ sogar lachen. In einem firmeninternen Schreiben hieß es damals, dass zunächst ‚überhaupt erst das Bedürfnis’ nach Vitaminen geschaffen werden müsse. Regelmäßig werde Vitamin C nur eingenommen, ‚wenn etwas Hokuspokus gemacht’ werde. Zum Glück für Roche waren in Deutschland die Nazis an der Macht – die auf genau diesen Hokuspokus abfuhren.“

Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/nationalsozialismus-vitaminschub-fuer-den-volkskoerper-a-809998.html

Vitamin C wirkt gut gegen die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut – aber das ist kein Geschäft!

Der Historiker Beat Bächli geht in seinem Buch „Vitamin C für alle!“ der Frage nach, wie Vitamin C schon in den 30er-Jahren zu einer regelrechten „Volksdroge“ wurde, wie es der Roche-Propaganda gelang, den Grenzbereich zwischen Krankheit und Gesundheit mit ihrem Vitaminprodukt zu besetzen und eine neue Medizinische Indikation zu schaffen, die C-Hypovitaminose.

Quelle: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12646

Es gibt natürlich auch sehr viele gute natürliche Vitamin-C-Quelle wie Sanddorn (450mg Vitamin C pro 100g Sanddornbeeren) und Schwarze Johannisbeere (177mg Vitamin C pro 100g Schwarze Johannisbeeren, Cassis). Überragend im Gehalt ist aber die Hagebutte mit 1250mg Vitamin C pro 100g Hagebutten.

Siehe:

Die Zehn Früchte mit dem höchsten Vitamin-C-Gehalt

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zum Thymian als Heilpflanze

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Echter Thymian (Thymus vulgaris) wird in der Phytotherapie als Heilpflanze insbesondere als Schleimlöser bei produktivem Husten eingesetzt.

Reinhard Länger hat in der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (Nr. 4/2017) einen Beitrag zum Thymian publiziert. Darin geht der Autor auch auf den variablen Gehalt an ätherischem Thymianöl ein:

„Die Vertreter der Gattung Thymus sind bekannt für ihren chemischen Polymorphismus. Individuen, die morphologisch nicht zu unterscheiden sind, weisen einen deutlich unterschiedlichen Geruch auf, was auf Unterschiede in der Zusammensetzung des ätherischen Öls hinweist.“

Das Europäische Arzneibuch enthält Vorgaben für Thymiankraut und Thymianöl, sofern sie als Arzneimittel verkauft werden:

Thymiankraut muss gemäß der Anforderungen im Europäischen Arzneibuch mindestens 1.2 Prozent ätherisches Öl beinhalten, das zumindest zu 40 Prozent aus den Komponenten Thymol und Carvacrol besteht.

Bei Thymianöl muss der Gehalt an Thymol im Bereich von 37 bis 55 Prozent liegen.

Riecht ein Thymiankraut eher zitronenartig, erfüllt es die Anforderungen des Arzneibuchs nicht und ist daher nicht als Arzneipflanze geeignet.

Reinhard Länger weißt allerdings darauf hin, dass neben dem Thymianöl und seiner Hauptkomponente Thymol wohl noch andere Inhaltsstoffe an der Wirkung des Thymians mitbeteiligt sind:

„Die publizierten wissenschaftlichen Daten zu Wirkungen und Wirksamkeit von Thymianöl und Thymol lassen aber vermuten, dass der hohe Stellenwert dieser Substanz in der Qualitätskontrolle historisch wegen der strukturellen Ähnlichkeit mit Phenol bedingt sein könnte. Für die Wirksamkeit von Thymian bei produktivem Husten sind wohl auch die Flavonoide in Betracht zu ziehen, da auch Thymol-freie Zubereitungen interessante pharmakologische Effekte zeigten.“

Zum Forschungsstand schreibt Länger:

„Da die Ergebnisse publizierter kontrollierter klinischer Studien mit Thymian als alleinigem Wirkstoff noch unzureichend sind, sind Arzneispezialitäten mit Thymian als traditionelle pflanzliche Arzneimittel am Markt. Für Kombinationen mit Primelwurzel oder Efeu ist die Evidenz der klinischen Wirksamkeit deutlich besser.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0417.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Das Phänomen mit dem stark variierenden Gehalt an ätherischen Ölen zeigt sich nicht nur beim Echten Thymian (Thymus vulgaris, Garten-Thymian), sondern auch beim Bergthymian (Quendel, Feldthymian, Sand-Thymian, Thymus serphyllum).

Auf Kräuterwanderungen in den Bergen treffen wir Bergtymian, der intensiv nach Thymian duftet, aber auch Exemplare, die praktisch geruchlos sind. Offenbar gibt es da genetische Unterschiede, die den Gehalt an ätherischem Öl stark beeinflussen.

Als Arzneipflanze eignen sich nur diejenigen Exemplare von Thymian oder Bergthymian, die den typischen Thymianduft aufweisen. Geruchlose Exemplare sollten nicht genutzt werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gekürt

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Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg hat den Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gewählt.

Außerhalb von Fachkreisen ist der Andorn hierzulande fast unbekannt. Dabei zählte der stattliche Lippenblütler (Lamiaceae) von der Antike bis weit in die Neuzeit zu den bedeutendsten Arzneipflanzen Europas. Die Verwendung der Pflanze bei Katarrhen der Atemwege sowie bei Verdauungsbeschwerden ist schon seit über 2000 Jahren dokumentiert. Heute wird Andornkraut zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen eingesetzt. Andorn lindert Entzündungen in den Atemwegen, wirkt schleimlösend bei festsitzendem Schleim und krampflösend in den Bronchien.

Mit seinen kugeligen, vielblütigen Scheinquirlen steht der Andorn zwischen Ackerminze und Melisse. Seine Blätter sind aber kleiner, rundlich bis herzförmig, und besitzen auf der Oberseite ein tief eingesenktes Nervennetz, während sie unten stark filzig behaart sind. Die unverzweigten Stängel wachsen bis zu 80 cm hoch. Andorn stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum.

Unter den Arzneipflanzen aus der Familie der Lippenblütler fällt der Andorn auf durch seinen prägnanten Gehalt an Bitterstoffen und Gerbstoffen, während der Gehalt an ätherischem Öl nur gering ist. Durchaus zutreffend urteilt darum der berühmte Abt und Dichter Walahfrid im 9. Jahrhundert: „Er duftet süß, schmeckt aber scharf.“

Neben dem wirksamkeitsmitbestimmenden Bitterstoff Marrubiin enthält Andornkraut unter anderem Flavonoide, stickstoffhaltige Verbindungen und ätherisches Öl. Traditionell eingesetzt wird die Heilpflanze bei Bronchialkatarrhen sowie bei Verdauungsbeschwerden und Appetitlosigkeit. Verschiedene Studien zeigen eine Wirkung zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen.

Darüber hinaus entdeckten Wissenschaftler erst in jüngerer Zeit Mechanismen, die eine weitergehende therapeutische Bedeutung von Bitterstoffen nahe legen.

Die Bedeutung von Bitterstoffen für den menschlichen Körper zeigt sich schon darin, dass uns die Natur mit jeweils nur einem einzigen Rezeptortyp für süß, salzig, sauer und umami (japanisch für „würzig“, „schmackhaft“) ausgestattet hat, aber mit 25 verschiedenen Bitterrezeptoren. Sie versetzen uns zumindest theoretisch in die Lage, Tausende von Bittersubstanzen zu erkennen.

Solche Rezeptoren für Bitterstoffe gibt es nicht nur z. B. auf der Zunge sowie im Mund- und Rachenraum, sondern auch auf glatten Muskelzellen des Bronchialsystems. Dort bewirkt ihre Aktivierung eine Erweiterung von verengten Bronchien, die zu einer verbesserten Sauerstoffaufnahme und erleichterten Schleimentfernung führt[1]. Eine Studie von Forschern aus den USA weist außerdem darauf hin, dass die gezielte Stimulation dieser Rezeptoren mit Bitterstoffen eine Stärkung des Immunsystems bewirken kann[2]. Eine verstärkte Stimulation der Bitterrezeptoren könnte einen größeren Schutz vor Infektionen zur Folge haben, während eine niedrigere Funktion die Anfälligkeit für Infekte steigert, vermuten die Wissenschaftler.

Andornkraut wirkt zudem choleretisch, das heisst es hat eine den Gallenfluss-fördernde Wirkung, was die günstigen Effekte bei Verdauungsbeschwerden unterstützt.

 

Andorn – eine Arzneipflanze mit großer historischer Bedeutung

Für die Wahl des Andorns zur Arzneipflanze des Jahres 2018 war die historische Bedeutung der Pflanze mit entscheidend. Von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein zählte der Andorn zu den beliebtesten Heilpflanzen in Europa. Laut Plinius dem Älteren (gest. 79 nach Chr.) war Andorn als „eines der vorzüglichsten Kräuter“ bekannt. Er wurde hauptsächlich bei Lungenerkrankungen und hartnäckigem Husten angewendet, aber auch bei Brüchen, Verstauchungen, Krämpfen und Erkrankungen der Sehnen. Der zeitgleich tätige griechische Arzt Dioskurides nennt Schwindsucht, Asthma und Husten als die ersten Anwendungsgebiete.

Der schon erwähnte Abt Walahfrid Strabo preist den Andorn nicht nur bei „starken Beklemmungen der Brust“ sondern auch als rasch wirkendes Mittel gegen Giftanschläge, etwa durch böse Stiefmütter: „Sollten die Stiefmütter in feindseliger Absicht Gifte zubereiten und in das Getränk mischen oder Eisenhut zum Verderben in trügerische Speisen mengen, so vertreibt ein Trank des heilkräftigen Andorn, unverzüglich eingenommen, die lebensbedrohenden Gefahren.“

Die Äbtissin Hildegard von Bingen rät bei starkem Husten zu einer Abkochung von Andorn, Fenchel und Dill mit Wein.

In allen einschlägigen Werken bis ins 18. Jahrhundert hinein werden zudem für Andorn auch Ohrenschmerzen und Probleme bei der Geburt sowie Menstruationsbeschwerden unter den Indikationen erwähnt.

Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Anwendung des Andorns auf die schleimlösende Wirkung in den Atemwegen und auf Verdauungsprobleme. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde in Frankreich sogar für etwa drei Jahrzehnte eine Wirkung bei Malaria diskutiert.

Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ schreibt, der Andorn sei kulturgeschichtlich eine hochinteressante Pflanze, die auch unter medizinischen Aspekten wohl zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei. Neue Forschungen seien jedoch dringend erforderlich, um das Potential der Pflanze ausloten zu können.

Zur Herkunft des Pflanzennamens Andorn schreibt der Studienkreis:

„Was jedoch wohl nie wirklich geklärt werden wird, ist die Bedeutung des deutschen Namens; es ist völlig unklar, was Andorn, ohne Dornen (an-dorn) bei diesem Lippenblütler uns sagen soll.“

Literatur:

  1. Deepak, A. et al.: Bitter taste receptors on airway smooth muscle bronchodilate by localized calcium signaling and reverse obstruction. Nature Medicine EPub, abstract 24 Oct 2010 (2010)
  2. Lee, RJ. et al.: Bitter Taste Bodyguards. Scientific American 314: 38 – 43 (2016)

Quelle:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

Kommentar & Ergänzung:

Der Andorn ist ein Beispiel für eine Arzneipflanze, die etwas in Vergessenheit geraten ist. Natürlich kann man nicht alle Anwendungsempfehlungen, die irgendwann im Laufe der Geschichte auftauchen, unbesehen für heute übernehmen. Tradition hat sich auch oft geirrt und daher hat sie nicht immer Recht.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Man muss sich mit der Tradition der Pflanzenheilkunde sorgfältig und kritisch auseinandersetzen. So bekommt man eine Basis, auf der sich entscheiden lässt, welche historischen Anwendungsempfehlungen überholt sind und welche auch heute noch sinnvoll eingesetzt werden können. Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ tut dies in vorbildlicher Art.

Im Standardwerk Teedrogen und Phytopharmaka bin ich auf einen interessanten Hinweis zum Andorn gestossen:

„In einer ethno-pharmakologischen Arbeit wurde über einen erfolgreichen Einsatz bei asthmatischen Erkrankungen in Sardinien berichtet. Acetosid könnte bei entsprechenden Anwendungsgebieten eine wichtige Rolle zukommen.“

Aber auch hier sind weitere Untersuchungen und Studien nötig, bis je nach Ergebnis allenfalls eine Behandlungsempfehlung ausgesprochen werden kann.

 

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Zur Kombination Baldrian & Sanalepsi: Was ist Sanalepsi?

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In Pflegeheimen und Kliniken wird manchmal als Einschlafhilfe eine Mischung aus Sanalepsi-Tropfen und Baldriantinktur eingesetzt.

Daher kommt in meinen Kursen immer wieder einmal die Frage auf, um was es sich bei „Sanalepsi“ genau handle.

Sanalepsi N Tropfen enthalten Doxylamin, ein Antihistaminikum der 1. Generation mit antiallergischern, beruhigenden und schlaffördernden Eigenschaften.

Als Monopräparat oder kombiniert mit Baldriantinktur wird Salalepsi N in erster Linie zur Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt und dazu eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen eingenommen.

Die Halbwertszeit von Doxylamin beträgt etwa 10 Stunden. Das heisst, dass die Konzentration von Doxylamin im Organismus resp. im Blut nach 10 Stunden auf den halben Wert (50%) absinkt. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Sanalepsi bei der Einnahme als Einschlafhilfe unerwünschterweise in den folgenden Tag hinein wirkt. Bei der Baldriantinktur besteht dieses Risiko nicht.

Doxylamin wird in Kombination mit Dextromethorphan (Hustenreizstiller), Ephedrin (Schleimhautabschweller) und Paracetamol (Schmerzmittel) in Kombinationspräparaten wie dem Erkältungspräparat Vicks MediNait® Saft verwendet. Solche Kombipräparate werden allerdings von vielen Fachleuten generell skeptisch beurteilt, weil damit oft Substanzen eingenommen werden, die im jeweiligen Erkältungsfall gar nicht nötig sind.

Als Einzelmittel ist Doxylamin in der Schweiz bei Einschlafstörungen zur Kurzzeitbehandlung zugelassen. Das passt aber eigentlich nicht zu einer Kombination mit Baldriantinktur, weil Baldrian erst nach einer Anwendung über mehrere Wochen wirksam wird.

Da Sanalepsi-Tropfen in Apotheken ohne Rezept erhältlich sind, werden sie oft als verhältnismässig harmlos eingeschätzt. Das ist aber wohl ein Trugschluss. In Deutschland hat das TV-Magazin „rbb Praxis“ sich mit diesem Thema befasst und dabei kamen verschiedene Fachleute zu Wort.

Der Schlafmediziner Dr. Holger Rein hält es für einen Trugschluss, wenn Patienten diese Medikamente unbedenklich finden, weil sie freiverkäuflich sind: „Das sind keine Lutschbonbons und keine Hustenbonbons. Es sind tatsächlich hochwirksame Substanzen.“

Der Pharmakologe Professor Dr. Markus Schwaninger von der Universität Lübeck sagt: „Es wirkt auf das Gehirn und kann dort verschiedene Funktionen beeinträchtigen. Nicht nur Schlaf auslösen, sondern auch das Gedächtnis und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.“

Dass die Nachwirkungen der Substanzen auch noch am Folgetag auftreten können, bestätigt in der Sendung auch ein Anwender. Am nächsten Morgen denke und spreche man etwas langsamer und auch die Bewegungsabläufe seien verändert.

Die Internistin Dr. Jördis Hendricks aus Hamburg erklärt, dass durch die Einnahme dieser Präparate der Schlafrhythmus und die Schlafarchitektur gestört werde; der Schlaf sei nicht erholsam:„Man zahlt unter Umständen einen hohen Preis ohne einen langfristigen Nutzen.“ Und sie ergänzt: „Sie dürften auf gar keinen Fall frei verkauft werden. Das Mindeste wäre, dass man sie unter der die Rezeptpflicht stellt.“ Auch eine Marktrücknahme der Präparate ist für Hendricks denkbar.

Mögliche Nebenwirkungen von Doxylamin / Sanalepsi fasst das „Pharmawiki“ so zusammen:

„Zu den häufigsten möglichen unerwünschten Wirkungen gehören Müdigkeit, Verminderung der Reaktionsbereitschaft, paradoxe Reaktionen wie Erregung und Halluzinationen bei Kindern und älteren Personen, Kopfschmerzen und anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen, Verstopfung und Harnretention. Selten können Herz-Kreislauf-Reaktionen wie ein tiefer oder hoher Blutdruck oder Herzrhythmusstörungen auftreten.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/panorama/nachricht-detail-panorama/aerztin-rezeptpflicht-fuer-otc-schlafmittel-tv-tipp-rbb-praxis/

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Doxylamin

Kommentar & Ergänzung:

Ohne zu dramatisieren lässt sich der Schluss ziehen, dass Sanalepsi-Tropfen nicht harmlos sind. Will man sie trotzdem einsetzen, dann sollte das  sehr gut überlegt und zeitlich begrenzt geschehen.

Die Kombination mit Baldriantinktur halte ich eher für fragwürdig.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Schleimlöser bei Husten: Schlüsselblumenblüten oder Schlüsselblumenwurzel?

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Die Echte Schlüsselblume (Primula veris) ist eine wichtige Heilpflanze bei produktivem Husten. Sie wird bei dieseer Indikation als Schleimlöser (Expectorans) eingesetzt wird.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Wirkstoffgehalt in der Schlüsselblumenwurzel deutlich höher ist als in den Schlüsselblumenblüten.

Präzis beschrieben hat dies vor kurzem ein Beitrag auf Apotheke-Adhoc:

„In der Phytotherapie finden sowohl die Blüten als auch die Wurzel Anwendung. Die Schlüsselblumenblüten enthalten jedoch weitaus weniger wirksame Inhaltsstoffe als die Wurzel. Bislang konnte nur ein geringer Anteil an Triterpensaponinen nachgewiesen werden. Ätherisches Öl ist zu etwa 0,1 Prozent enthalten, Flavonoide zu etwa 3 Prozent. Die Blüten werden volkstümlich bei Reizbarkeit, Ruhelosigkeit und Angstzuständen eingesetzt. Auch wenn die Wirksamkeit nicht belegt ist, kommen die Blüten außerdem bei Neuralgien, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit zum Einsatz.

Die Wurzel enthält weitaus mehr Triterpensaponine, insgesamt können es bis zu 12 Prozent der Pflanzeninhaltsstoffe sein. Der Großteil bezieht sich auf das Aglykon Protoprimulagenin A und die dazugehörigen Glykoside – die Primulasaponine. Primverin und Primulaverin sind als Phenolgylkoside die Hauptkomponenten.“

Apotheke-adhoc geht auch auf den Wirkungsmechanismus der Schlüsselblume ein, also auf die Frage, wie die schleimlösende Wirkung der Saponine zustande kommt:

„Die Wirkung ist auf die Triterpensaponine zurückzuführen. Sie reizen die Magenschleimhaut und regen die Bronchialschleimhaut durch die Reizweiterleitung über Nervenfasern dazu an, mehr Schleim zu produzieren. Somit verdünnt sich das Sekret und kann leichter abgehustet werden. Als Nebenwirkungen können vereinzelt Magenreizungen oder Übelkeit auftreten. Die Wurzel kann als Expektoranz zum Beispiel mit Thymian, Spitzwegerich, Fenchel oder Süßholz kombiniert werden.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/nachricht-detail/arzneipflanzen-primula-veris-fruehblueher-gegen-husten/

Kommentar & Ergänzung:

Das ist ein fachlich kompetenter Text. Bei der Schlüsselblume steht heute tatsächlich die schleimlösende Wirkung im Zentrum.

Die erwähnten volkstümlichen Anwendungen der Schlüsselblumenblüten bei Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Angstzuständen, Neuralgien, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit sind nicht plausibel. Schlüsselblumenblüten eignen sich aber gut zur Teeverschönerung. Sie sind auch enthalten im Präparat „Sinupret“, das bei Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis) eingesetzt wird.

Bei Husten ist aber wegen des höheren Saponin-Gehalts mit grosser Wahrscheinlichkeit die Schlüsselblumenwurzel wirksamer. Allerdings ist sie einzeln nicht nicht fundiert auf ihre Wirksamkeit untersucht worden. Es gibt aber gute Studien zur Wirksamkeit einer Kombination von Thymianextrakt und Schlüsselblumenwurzelextrakt. Dieses Kombipräparat wird sogar in den Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) empfohlen.

Siehe dazu hier:

Erkältungsmittel: Hustenstiller und Schleimlöser bewertet

Schlüsselblume als Hustenmittel

 

Heilpflanzen-Extrakte aus Schlüsselblume und Thymian helfen beim abhusten

Den beschriebenen Wirkungsmechanismus der Triterpensaponine nennt man auch gastropulmonalen Reflex. Er ist nicht spezifisch für die Schlüsselblume, sondern tritt auch bei anderen Heilpflanzen auf, die Triterpensaponine enthalten.

Die Echte Schlüsselblume (Primula veris) steht im Übrigen unter Naturschutz. Zu Heilzwecken kauft man sie besser in der Apotheke oder Drogerie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Teebaumöl bei Akne

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Das ätherische Öl aus den Blättern und Zweigen des in Australien heimischen Teebaums (Melaleuca alternifolia) gilt als Geheimtipp gegen Pickel / Akne.

Das Portal „Medizin transparent“ hat recherchiert, ob die Studienlage die Wirksamkeit von Teebaumöl gegen Akne bestätigt.

Ein chinesisch-australisches Wissenschaftsteam konnte in einer umfangreichen Recherche nur eine einzige Studie zu diesem Thema finden.

Diese allerdings kleine Studie liefert zwar vorsichtige Hinweise, dass Teebaumöl gegen Pickel helfen könnte. Für wissenschaftliche Gewissheit wären jedoch weitere, gutgemachte Studien mit positivem Resultat nötig.

In dieser Untersuchung hatten die Versuchspersonen per Losentscheid entweder ein Gel mit Teebaumöl in einer 5-prozentigen Konzentration oder aber ein vergleichbares Gel ohne Wirkstoff ( = Scheinpräparat, Placebo) zugeteilt bekommen, das sie sich zweimal täglich auf die betroffenen Stellen im Gesicht auftragen sollten.

Welche der insgesamt 60 Versuchspersonen das Teebaumöl-Präparat und welche das Placebo bekamen, wurde vor den Probanden und dem Studienpersonal geheim gehalten. Durch diese „doppelte Verblindung“, wie das Geheimhalten der Zuteilung vor sowohl Teilnehmern als auch Studienpersonal genannt wird, wird sichergestellt, dass Erwartungen der an der Studie beteiligten Personen das Resultat nicht beeinflussen können. Allerdings ist nicht sicher, dass bei dieser Studie die Verblindung auch bis zum Ende der Studie aufrecht blieb, da die Wirkstoff-freien Salben eine andere Beschriftung hatten als jene mit Teebaumöl.

Nach sechs Wochen zeigten sich bei den Versuchpersonen, welche das Gel mit Teebaumöl verwendeten, durchschnittlich sieben bis acht Hautunreinheiten wie Pickel, Mitesser oder Pusteln weniger als bei jenen, die das wirkstofflose Gel aufgetragen hatten. Mit nur 60 Probanden sind diese Resultate dieser Studie allerdings nur eingeschränkt aussagekräftig. Finanziert wurde die Untersuchung durch ein Unternehmen, das Kosmetika mit Teebaumöl produziert.

Aus den Resultaten ihrer Untersuchung schlussfolgern die Studienautoren, dass ihr Teebaumöl-Präparat kaum mehr Nebenwirkungen hat als das Gel ohne Wirkstoff. „Medizin transparent“ weißt jedoch darauf hin, dass Teebaumöl nicht immer harmlos ist, und bei empfindlichen Personen zu Hautreizungen und allergischen Hautausschlägen führen kann. Das Scientific Commitee on Consumer Safety (SCCS), das auf EU-Ebene berät, warne daher vor Produkten, die über fünf Prozent Teebaumöl enthalten, und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung rate bei Kosmetika überhaupt zu einer Begrenzung auf eine Konzentration von einem Prozent.

Quelle:

https://www.medizin-transparent.at/teebaumoel-gegen-pickel

Kommentar & Ergänzung:

Teebaumöl hat eine gute antibakterielle Wirkung und da Bakterien bei Akne eine Rolle spielen, erscheint eine Wirksamkeit plausibel.

Teebaumöl wird durch Wasserdampfdestillation aus den Blättern und Zweigen des in Australien heimischen Australischen Teebaums (Melaleuca alternifolia) gewonnen.

Es besteht aus einem Gemisch von etwa 100 Substanzen, insbesondere (+)-Terpinen-4-ol (rund 40 %), α-Terpinen (rund 20 %), Terpinolen, Terpineol (jeweils 3 bis 4 %), Pinen, Myrcen, Phellandren, p-Cymen, Limonen, 1,8-Cineol.

Während die chinesisch-australische Forschergruppe nur eine einzige Studie fand, die ihren Qualitätsansprüchen genügte, geht Dr. Rainer C. Görne in der ÄrzteZeitung von fünf randomisierten Studien aus, welche die Wirksamkeit von Teebaumöl bei der Behandlung von Akne belegen sollen. Allerdings fehlen dort Quellenangaben zu diesen Studien.

Siehe: Teebaumöl gegen Akne

 

Die Verträglichkeit des Teebaumöls hängt wesentlich von den Aufbewahrungsbedingungen ab, die möglischst geschützt vor Sauerstoff sein sollten:

Teebaumöl: Korrekte Aufbewahrung reduziert Nebenwirkungen

Grundsätzlich stellt sich jedoch die Frage, ob es unbedingt Teebaumöl sein muss.

Viele ätherische Öle wirken antibakteriell. Und viele ätherische Öle sind besser hautverträglich als Teebaumöl und geruchlich angenehmer.

Besser verträgliche und geruchlich angenehmere ätherische Öle mit antibakterieller Wirkung sind zum Beispiel Korianderöl und Lavendelöl.

Siehe dazu:

Korianderöl bekämpft gefährliche Bakterien

Zur Wirkung von Korianderöl

Phytotherapie: Zur Wirkung von Koriander / Korianderöl

 

 

 

Wer typverwandte ätherische Öle als geruchliche Alternativen zu Teebaumöl sucht probiert es manchmal mit Manukaöl, Kanukaöl, Niaouliöl, Cajeputöl oder Eukalyptusöl.

Manukaöl ( aus der Südseemyrte, Leptospermum scoparium) wirkt ähnlich antibakteriell wie Teebaumöl, ist aber ebenfalls haut- und augenreizend.

Kanukaöl stammt von Leptospermum ericoides (= Kunzea ericoides) und fällt bezüglich antibakterieller Wirkung ab.

Niaouliöl wird mittels Wasserdampfdestillation gewonnen aus Melaleuca viridiflora (Myrtaceae) und gleicht in seiner Zusammensetzung dem Cajeputöl: Hauptbestandteil ist 1,8-Cineol (bis ca. 60 %), weiters Pinen und Limonen. Im Labor zeigte es antimikrobielle Wirkung.

Siehe: Was ist Niaouliöl?

Cajeputöl wird durch Wasserdampfdestillation aus den Blättern und kleineren Zweigen des Cajeputbaumes (Melaleuca leucadendra) gewonnen. Es hat einen an Eukalyptus erinnernden Duft, wirkt stark antimikrobiell, enthält in hohem Maße Terpene und ist ein Hauptbestandteil des Olbasöls.

Siehe:

Olbastropfen – ein Gemisch von ätherischen Ölen getestet auf antimikrobielle Wirkung

Eukalyptusöl stammt von Eucalyptus globulus und besteht hauptsächlich aus 1,8-Cineol (über 70 %), ausserdem 1-Pinen (Spuren bis maximal 9 %), 2-Pinen (0-1,5 %), Limonen (0-12 %), und Phellandren (0-1,5 %). Es zeigt breite antimikrobielle Aktivität, ist dabei aber in seiner Wirksamkeit dem Teebaumöl unterlegen.

Verglichen mit dem relativ giftigen Phenol ist das Teebaumöl 11 bis 13 Mal wirksamer und damit viel stärker bakterizid als Eukalyptusöl, das nur etwa 3,5mal stärker als Phenol wirkt. In der Phytotherapie wird Eukalyptusöl in Kapselform auch innerlich angwendet als schleimlösendes Mittel gegen Husten (Sibrovita N).

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zwiebel gegen Bakterien wirksam?

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Das Magazin Focus beschreibt die Zwiebel als „Alleskönner“.

Zitat:

„Zwiebel besitzen zudem die Fähigkeit, Bakterien zu absorbieren. Das lässt sich zu Hause zur Luftreinigung nutzen. Mit ein paar Zwiebelscheiben, die Sie in ihren vier Wänden verteilen, können Sie die Ausbreitung von Bakterien eindämmen. Wer will, kann seine Zwiebeln über Nacht aber auch in seine Socken stecken. Das soll schon nach einigen Stunden Fieber zum Sinken bringen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/videos/die-zwiebel-der-alleskoenner-zwiebeln-gegen-fieber-5-situation-in-denen-das-gemuese-abhilfe-schaffen-kann_id_6821554.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass die Zwiebel (Allium cepa) antibakteriell wirkt, lässt sich gut im Labor nachweisen. Thiosulfinate aus der Zwiebel zeigen im Lochplattentest Wirkung gegenüber Bacillus subtilis, Salmonella typhi, Pseudomonas aeruginosa und Escherichia coli.

Ob Zwiebel allerdings die Raumluft von Bakterien reinigen kann, ist eine ganz andere Frage. Dazu braucht es eine bestimmte Konzentration an Thiosulfinaten in der Luft und es wäre durchaus möglich, dass bei der nötigen Konzentration niemand sich mehr freiwillig in diesem Raum aufhalten würde – also nicht nur keine Bakterien, sondern auch keine Menschen.

Ziemlich abenteuerlich ist die Vorstellung, dass die Zwiebel Bakterien aus der Luft absorbiert. Mit welcher Kraft soll sie denn Bakterien anziehen?

Nun gilt allerdings das Aufstellen einer halbierten oder stärker zerkleinerten Zwiebel über Nacht als bewährtes Hausmittel bei Schnupfen. Immer wieder gibt es Berichte, wonach diese Massnahme die Atemwege befreit und mehr Luft verschafft.

Wie lässt sich das erklären?

Bestimmt nicht mit dem Absorbieren von Bakterien.  Schnupfen wird durch Viren ausgelöst und ob die Zwiebel da auch antiviral wirkt, ist nicht geklärt.

Plausibler scheint mir, dass dieser Effekt mit der schleimhautreizenden Wirkung der Zwiebel zusammenhängt. Dafür verantwortlich ist Propanthial-S-oxid, der Tränenreizstoff in den Zwiebeln.

Denkbar ist, dass diese Substanz über eine Schleimhautreizung in den Atemwegen die Produktion von dünnflüssigem Schleim anregt, wodurch dicklüssiger Schleim verdünnt wird. Eine Reizung der Schleimhäute kann auch die lokale Durchblutung steigern und dadurch die Abwehrkraft des Immunsystems verbessern.

Das sind allerdings nur Überlegungen. Belege für solche Wirkungsmechanismen gibt es nicht.

Dass eine über Nacht in die Socken gesteckte Zwiebel das Fieber senkt, ist im Übrigen genauso fragwürdig wie die angebliche Absorption von Bakterien.

Über Nacht sinkt das Fieber in der Regel sowieso. Darum spricht einiges dafür, dass hier ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss vorliegt:

Zwei zeitgleich und unabhängig voneinander ablaufende Vorgänge – in die Socken gesteckte Zwiebeln und sinkendes Fieber – werden irrtümlich in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt: Wegen der in die Socken gesteckten Zwiebeln sinkt das Fieber.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird die Zwiebel aber noch in einer ganzen Reihe von Hausmitteln gegen Erkältungen eingesetzt, beispielsweise Zwiebeltee und Zwiebelsirup als schleimlösende Anwendung bei Husten. Hier könnte eine Reizwirkung der Zwiebel-Inhaltsstoffe auf die Magenschleimhaut via Vagus-Nerv zu einer verstärkten Sekretion von dünnflüssigem Schleim in den Bronchien führen, wodurch „verhockter“ Schleim gelöst wird. Auch für diesen möglichen Wirkungsmechanismus gibt es allerdings keine fundierten Belege.

Grundsätzlich enthält die Zwiebel sehr ähnliche Wirkstoffe wie der Knoblauch, insbesondere Alliine, die beim Zerkleinern der frischen Zwiebeln durch enzymatische Umwandlung mittels Alliinase in Allicin übergehen. Bei der Einnahme von Zwiebeln über längere Zeit können daher ähnliche Wirkungen erwartet werden, wie sie vom Knoblauch bekannt sind. Die Zwiebel ist aber schlechter untersucht als der Knoblauch und ihre Wirkungen dürften bei innerlicher Anwendung eher etwas schwächer sein.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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