Artikel mit Schlagwort ‘Homöopathie’

Was sind Schüssler-Salze?

Dienstag, Mai 18th, 2010

Schüssler-Salze erleben im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde gerade einen ziemlichen Boom. Gleichzeitig wissen aber die wenigsten Anwenderinnen und Anwender genauer über diese Präparate Bescheid.
Es folgt darum hier eine Zusamenfassung aus Wikipedia und daran anschliessend ein ergänzender Kommentar:

Schüßler-Salze sind Präparate von Mineralsalzen in homöopathischer Dosierung (Potenzierung), die zur Alternativmedizin gezählt werden Die Behandlung mit ihnen basiert auf der Annahme, Krankheiten entstünden allgemein durch Störungen des Mineralhaushalts der Körperzellen und könnten durch homöopathische Gaben von Mineralien geheilt werden. Diese Annahmen und Vorstellungen sind wissenschaftlich nicht anerkannt. Eine Wirksamkeit der Schüßler-Salze ist weder experimentell noch klinisch nachgewiesen.

Der homöopathische Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) publizierte in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung 1873 den Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“, in dem er eine Therapieform namens „Biochemische Heilweise“ vorstellte. Seine Abkürzung bestand darin, dass er statt der etwa tausend Mittel in der Homöopathie nur zwölf Salze, „Schüßler-Salze“ genannt, zur Behandlung fast aller Krankheiten für ausreichend hielt. Schüßler ging davon aus, dass Krankheiten auf der Basis gestörter biochemischer Vorgänge entstehen. Er ging davon aus, dass Krankheiten zu einem großen Teil auf der Grundlage eines „gestörten Mineralhaushaltes“ entstehen, wobei das Fehlen eines bestimmten Minerals den gesamten Stoffwechsel beeinträchtige. Schüßler betonte, sein Verfahren sei „kein homöopathisches“, weil es nicht auf dem von Samuel Hahnemann propagierten Simile-Prinzip (“Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden”) beruhe, sondern auf physiologisch-chemische Vorgänge im menschlichen Organismus zurückzuführen sei. Aus diesem Grund lehnte Schüssler auch die in der Homöopathie üblichen Arzneimittelprüfungen an gesunden Probanden als „grundfalsch“ ab.

Der Vizepräsident des Biochemischen Bund Deutschlands e. V., Hans-Heinrich Jörgensen, vertritt allerdings die Auffassung, dass sich Schüßler-Salze nicht nur zum Ausgleich von Mangelerscheinungen, sondern auch gemäß dem homöopathischen Ähnlichkeitsprinzip anwenden lassen: „Beides ist möglich und funktioniert auch, denn schließlich sind die Salze ja nach den Regeln der Homöopathie aufbereitet. Aber die Indikationsansprüche, die Zielrichtung, die Erscheinungen, die behandelt werden sollen, sind andere, ob ich mit meiner Arznei schlicht Mineralmängel beseitigen will, oder ob ich entsprechend dem homöopathischen Arzneibild Konstitutionen verändern will.“

Bei den biochemischen Präparaten nach Schüßler handelt es sich um homöopathische Arzneimittel im Sinne des deutschen Arzneimittelgesetzes (AMG), die nach einem vereinfachten Genehmigungsverfahren („Registrierung“) in den Verkehr gebracht werden. Im Gegensatz zur „Zulassung“ von Arzneimitteln (Synthetika, Phytopharmaka) brauchen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei der “Registrierung” homöopathischer Arzneimittel nicht nachgewiesen zu werden; im Gegenzug dürfen allerdings auch keine Anwendungsgebiete (Indikationen) aufgeführt werden. Die im Zusammenhang mit der Verabreichung von Schüssler-Salzen manchmal durchgeführte so genannte Antlitzdiagnostik bzw. Antlitzanalyse ist nach wissenschaftlichen Kriterien nicht haltbar.

Schüssler-Salze werden nach homöopathischer Verfahrensweise durch Schütteln, Reiben oder Zerkleinern verdünnt und haben entsprechende Verdünnungsbezeichnungen: D1 bedeutet, dass es sich um eine Verdünnung von 1:10 handelt, Dx allgemein eine Verdünnung von 1:10x. Die Salze sind in der Regel D6 = 1:1.000.000 oder D12 = 1:1.000.000.000.000 verdünnt.

Die „Biochemie nach Schüßler“ ist vor allem durch Heilpraktiker als Behandlungsform erhalten geblieben. Sie wird in Fachschulen gelehrt und viele Heilpraktiker arbeiten täglich in der Praxis mit Schüssler-Salzen. Vor der gesetzlichen Festschreibung der Berufsbezeichnung Heilpraktiker (1939) in Deutschland wurde Schüßlers Lehre wesentlich durch Laienbewegungen verbreitet. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schüssler-Methode leistete Kurt Hickethier, welcher zwei Kurhäuser zur Behandlung seiner Patienten errichtete. Der erste „biochemische Verein“ wurde im Jahre 1885 in Oldenburg gegründet. Heute (2004) existieren in Deutschland etwa 70 „biochemische Vereine“ und weitere im Ausland. Die Schüßler-Salze werden von interessierten Menschen bei verschiedensten Krankheitsbildern eingesetzt.

Wirksamkeit der Schüssler-Salze

Schüßler-Salze haben keinerlei wissenschaftlich belegte Wirkung. Die Stiftung Warentest kommt zu dem Schluss: „Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Der Professor für Alternativmedizin Edzard Ernst stellt fest: “Die Behandlungskostenübernahme durch einige deutsche Krankenkassen ändert nichts daran, dass diese ‚Therapie’ als eine nicht wirksam bewertete Behandlung einzustufen ist”.

Die „Biochemie“ nach Schüßler

Wilhelm Heinrich Schüßler distanzierte sich mit seiner Therapiemethode strikt von der Homöopathie. Es gab zu Schüssler’s Lebzeiten viele Auseinandersetzungen mit Homöopathen, die seine Behandlungsmethode schon allein wegen ihrer Einfachheit nicht akzeptierten und verächtlich von Düngemitteln sprachen. In seinem Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“ schreibt Schüßler selbst: „Die Grundlage meiner Forschung waren Histologie, die darauf bezügliche Chemie, die anorganischen Bestandteile der Gewebe und die physiologischen Wirkungen oder Funktionen dieser Bestandteile.“

Bei seinen Untersuchungen fand er nach eigenen Angaben zwölf verschiedene Verbindungen, die im menschlichen Organismus vorkämen, die sogenannten Schüßler-Salze. Nach Schüßlers Ansicht bewirkt ein pathogener Reiz die Verstärkung der Funktion einer Zelle, weil die Zelle bemüht ist, den Reiz abzustoßen. Wegen dieser Tätigkeit verliere sie einen Teil ihrer mineralischen Funktionsmittel. Schüssler glaubte, diese Zellen seien dann pathogen verändert, was das Wesen einer Krankheit sei.

Durch die Zufuhr dieser nun fehlenden Mineralstoffe könnten die Krankheiten bekämpft werden. Dazu sei die Potenzierung der Salze nötig, um Mängel innerhalb einer Zelle aufzufüllen. Nach Schüssler’s Ansicht gelangen die hoch verdünnten „feinstofflichen“ Mineralstoffe, also die einzelnen Moleküle, direkt in das Zellinnere. Die Mängel außerhalb der Zellen seien durch eine nährstoff- und basenreiche Ernährung aufzufüllen, weil ein gewisses Gleichgewicht zwischen Zellinnerem und Extrazellularraum nötig sei.
Merkmale im Gesicht ließen Schüssler die verschiedenen fehlenden Mineralstoffe feststellen und so eine entsprechende Dosierung der Salze vornehmen.

Kurt Hickethier erweiterte die von Schüßler eingeführte „Antlitzanalyse“ und nannte sie zu seiner Zeit “Sonnerschau”. So ist nach Hickethier zum Beispiel ein Mangel am Schüssler-Salz Nr. 3 (Ferrum phosphoricum) unter anderem an den inneren Augenwinkeln durch eine dunklere, blauschwarze bis schwarze Färbung zu erkennen. Durch die darauf folgende Einnahme des entsprechenden Mineralstoffs konnte Hickethier nach eigenen Angaben einen Rückgang der antlitzanalytischen Zeichen im Gesicht feststellen.
Praktische Anwendung der Schüssler-Salze
Schüßler-Salze sollen als „homöopathisch aufbereitete“, das heisst potenzierte Mittel in Tablettenform angewendet werden, die man dann im Mund langsam zergehen lässt. Die Mineralstoffe sollen dann über die Mundschleimhaut vom Organismus aufgenommen werden. Für jedes Schüssler-Salz gibt es eine sogenannte Regelpotenz. Für die Schüssler-Salze Nr. 1, 3 und 11 wird in der Regel D12 genommen. Für die übrigen Schüssler-Salze gilt D6 als Regelpotenz.

Zur Anzahl der Tabletten pro Tag existieren verschiedene Ansätze. Ein Teil der Heilpraktiker empfiehlt eine Dosierung von etwa drei bis sechs Stück täglich von nur zwei bis drei verschiedenen Schüßler-Salzen, der andere Teil wiederum empfiehlt auch mehr verschiedene Salze und höhere Dosen bis insgesamt etwa 150 Pastillen pro Tag. Wahrscheinlich sind die Dosierungen darum so unterschiedlich, weil manche Anwender die Aussagen von Schüßler und Hickethier unterschiedlich interpretieren. Manche Heilpraktiker sehen die Heilweise auch als Reizheilweise, während Schüßler selbst sie in seiner „abgekürzten Therapie“ als Substitutionsheilweise bezeichnet.

Durch den Wandel der Zeit und einen möglichen erhöhten Bedarf an Mineralstoffen, durch Stress und falsche Ernährung sind nach der Ansicht einiger heutiger Heilpraktiker größere Gaben von Mineralstoffen nötig.
Die Vorstellung, dass die Verwendung großer Mengen Schüßler-Salze einen Mineralstoffmangel besser beheben könne als die Verabreichung nur weniger Tabletten pro Tag, steht allerdings im Widerspruch zu der Tatsache, dass bei der Potenz D6 selbst 1000 Tabletten immer noch weniger als ein Milligramm des zugrundeliegenden Minerals enthalten.
Kurt Hickethier schreibt, dass er um etwa 1910 bei seinen Patienten meist nur zwei bis drei verschiedene nennenswerte Salzmängel in einem Antlitz feststellen konnte. Manche Mangelanzeichen traten laut seinen Angaben sehr selten auf, weil sie einen überaus starken, langjährigen Mangel eines Mineralstoffes voraussetzen. Heute seien diese von ihm beschriebenen, damals seltenen Anzeichen aber häufig anzutreffen. Auch die Anzahl und Ausprägung der Mängel, welche in einem Gesicht zu erkennen seien, sei viel größer geworden. Hickethier selbst rät: „In schweren Fällen und bei großen Mängeln erscheint es gerechtfertigt, kurze Zeit hindurch alle Minuten eine Gabe der üblichen Verdünnung (laut Schüßler) zu geben.“ Schüßler war in seiner abgekürzten Therapie offen für unterschiedliche Dosierungen seiner Salze und schrieb, dass jeder Arzt nach eigenem Ermessen die Dosis wählen solle.

Einnahmearten der Schüssler-Salze

Die Schüßler-Pastillen werden einzeln, können jedoch auch bis zu etwa fünf Stück gleichzeitig im Mund gelutscht werden. Die Schüssler-Salze sollen dabei über die Mundschleimhaut aufgenommen werden. Weil die Pastillen fast nur aus Milchzucker (Laktose) bestehen, ist bei einer Laktoseintoleranz Vorsicht angezeigt. Die Pastillen können in Leitungswasser aufgelöst werden, wobei nicht umgerührt werden soll, damit der Milchzucker am Boden der Tasse nicht verworfen wird. Diese Lösung wird dann schluckweise getrunken. Hierbei wird nur eine verhältnismäsig geringe Menge von Milchzucker eingenommen. Auch gibt es inzwischen in Alkohol aufgelöste Schüßler-Salze, welche laktosefrei sind.

Sehr bekannt ist die Einnahme des Schüssler-Salzes Nr. 7, Magnesium phosphoricum, als „heiße Sieben“. Bei akuten Schmerzzuständen sollen 10 Tabletten in einer Tasse in kochend heißem Wasser aufgelöst werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Lösung nicht mit einem Metallgegenstand umgerührt wird. Die Milchzuckerlösung wird so warm wie möglich getrunken, wobei jeder Schluck lange im Mund behalten werden soll, um die Aufnahme durch die Mundschleimhäute zu verbessern. Auch die Einnahme der anderen Schüßler-Salze kann sowohl als heiße Lösung wie auch durch Auflösen in einem Glas abgekochtem Wasser geschehen. Eine Anwendung soll auch in Salbenform möglich sein (etwa Ferrum phosphoricum „biochemisch“ für Entzündungen).

Die 12 „Funktionsmittel“ der Schüssler-Salze

    Calcium fluoratum D12
    Calcium phosphoricum D6
    Ferrum phosphoricum D12
    Kalium chloratum D6
    Kalium phosphoricum D6
    Kalium sulfuricum D6
    Magnesium phosphoricum D6
    Natrium chloratum D6 (Kochsalz)
    Natrium phosphoricum D6
    Natrium sulfuricum D6
    Silicea D12 (Kieselsäure)
    (Calcium sulfuricum D6)

Diese 12 ursprünglichen Schüßler-Salze reduzierte Schüßler im Jahr 1895 auf elf; er schrieb: „Da der schwefelsaure Kalk nicht in die konstante Zusammensetzung des Organismus eingeht, so muss er von der biochemischen Bildfläche verschwinden. Statt seiner kommt Natrium phosphoricum resp. Silicea in Betracht.“
Später wurden von verschiedenen Autoren zusätzliche Mineralstoffe eingeführt, welche heute unter der Bezeichnung „Ergänzungsmittel“ zusammengefasst werden.

Die 15 „Ergänzungsmittel“ der Schüssler-Salze

    Kalium arsenicosum D6
    Kalium bromatum D6
    Kalium jodatum D6
    Lithium chloratum D6
    Manganum sulfuricum D6
    Calcium sulfuratum D6
    Cuprum arsenicosum D6
    Kalium-Aluminium sulfuricum D6
    Zincum chloratum D6
    Calcium carbonicum D6
    Natrium bicarbonicum D6
    Arsenum jodatum D6
    Aurum Chloratum Natronatum D6
    Selenium D6 (Selen)
    Kalium bichromicum D12

Ergänzende biochemische Mittel nach Joachim Broy

    Natrium fluoratum D6
    Magnesium fluoratum D6
    Calcium chloratum D6
    Ferrum chloratum D6
    Ferrum sulfuricum D3
    Magnesium chloratum D6
    Magnesium sulfuricum D6

Geschichte der „Biochemie nach Schüßler“

Schüßler, welcher bis zu Beginn der 1870er Jahre der „klassischen“ Homöopathie mehr oder weniger treu geblieben war, wurde nach der Erstveröffentlichung seiner „neuen“ Therapie in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung (1873) heftig von Homöopathen kritisiert, welche Verrat an der gemeinsamen Sache witterten. Ein Jahr später publizierte er sein grundlegendes Werk „Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie“, welches auf knapp 16 Seiten die Grundzüge seiner Lehre enthielt. Dabei grenzte er sich deutlich von der Homöopathie ab. Im Vorwort zu späteren Auflagen bekannte er sich zu den Einflüssen, welche der Physiologe Jakob M. Moleschott und der Pathologe Rudolf Virchow auf seine Theorie hatten.

Die heftigen Auseinandersetzungen mit führenden Vertretern der Homöopathie brachten Schüßler 1876 zum Austritt aus dem „Centralverein homöopathischer Ärzte“. Der polemische Schlagabtausch ging allerdings über Jahrzehnte weiter. Die naturwissenschaftliche Medizin nahm dagegen kaum Kenntnis vom neuen „biochemischen“ Verfahren. Im deutschen Kaiserreich wurde es zwar von den meisten Gesundheitsbehörden im Rahmen der gesetzlich verankerten Kurierfreiheit toleriert, jedoch nicht gefördert.

Geschichte der biochemischen Verbände

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten drei konkurrierende Verbände: der „Verband biochemischer Vereine für das Deutsche Reich“, der „Schüssler-Bund“ und der „Jade-Verband“. In den 1920er Jahren zählte die biochemische Bewegung mehr als achthundert ehrenamtliche „Krankenbehandler“. Diese wurden von Ärzten, die in ihnen Kurpfuscher sahen, nicht selten wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar Tötung angezeigt. Die meisten Gerichtsverfahren endeten jedoch mit Freispruch.
Durch die Reichsarbeitsgemeinschaft der Volksverbände wurden die biochemischen Vereine 1922 zwangs-zusammengeschlossen zum „Biochemischen Bund Deutschlands“, der 1928 bereits 184.672 Mitglieder zählte und straff organisiert war. 1929 umfasste die Bundesgeschäftsstelle 22 hauptamtliche Mitarbeiter. In einem eigenen Verlag in Potsdam erschienen die „Zeitschrift für Biochemie. Volkstümliches Fachorgan für Mineralstofflehre“ mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren sowie vielen Informationsschriften.

Zur Zeit des Nationalsozialismus stieg die „Biochemie“ zu einer anerkannten Heilweise auf. Die „Krankenbehandler“, welche bisher am Rande der Legalität praktiziert hatten, bekamen den Status von Heilpraktikern. Außerdem konnten im „Dritten Reich“ erstmals mit staatlicher Billigung und Förderung Untersuchungen durchgeführt werden, in denen die behauptete Wirksamkeit „biochemischer“ Arzneimittel überprüft wurde. Solche Menschen-Versuche fanden auch in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz statt, unter Leitung des Reichsarztes SS Ernst-Robert Grawitz. Dabei wurden unter anderem künstlich herbeigeführte Fälle von Blutvergiftung und Malaria weitgehend erfolglos „therapiert“. Für die Häftlinge nahmen diese grausamen Experimente in den meisten Fällen einen tödlichen Ausgang.

Der „Biochemische Bund“ steuerte nach 1933 mehr und mehr ins nationalsozialistische Fahrwasser. Eine interne Gleichschaltung führte zum Ausschluss unerwünschter, hauptsächlich “nichtarischer” Mitglieder. Ab 1934 findet man in der Mitgliederzeitschrift die Rubrik „Volk und Rasse“ und an der Spitze der Bundesleitung stehen linientreue Parteigenossen. 1935 wurde der „Biochemische Bund“  zwangsweise in die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ eingegliedert. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der „Bund“ aufgelöst, jedoch schon 1946 neu konstituiert. 1949 gab er wieder eine Mitgliederzeitschrift heraus („Gesundes Volk“, später „Weg zur Gesundheit“), konnte jedoch nicht wieder an die frühere Bedeutung anknüpfen. Aus einem verbandseigenen Kurhaus, welches 1936 in Hahnenklee im Harz in Betrieb genommen wurde, ging 1949 ein „Dr. Schüssler-Sanatorium“ hervor. Im Jahr 2004 existierten in Deutschland wieder etwa 70 biochemische Vereine, weitere im Ausland.

Komplex-Biochemie

Die Komplex-Biochemie ist eine seit den 1920er Jahren bestehende Sonderform der Behandlung mit Schüßler-Salzen. Sie wurde entwickelt von dem Berliner Arzt Konrad Grams. Die etwa dreissig Präparate der Komplex-Biochemie werden seither unter dem Namen „JSO Bicomplexe“ produziert und vermarktet, die Zusammensetzung ist nur unwesentlich verändert worden. Konrad Grams entwickelte damit – dem Zeitgeist folgend – aus der Schüßler-Biochemie ein deutlich laienfreundlicheres Selbstbehandlungs-System – die „Komplex-Biochemie“: „Unter Komplex-Biochemie verstehen wir die Vereinigung mehrerer Mineralsalze zu einem Mittel, welches zu den erkrankten Geweben oder dem erkrankten Körperteil in Beziehung steht. Es deckt gewissermaßen alle Krankheitserscheinungen der betreffenden Krankheit.“ Grams selbst hängt in seinen Publikationen auch weiterhin der pseudomaterialistischen Defizit-Hypothese an („Die Komplex-Biochemie ist […] eine Ernährungstherapie.“)

Die Komplex-Biochemie nach Grams umfasst 30 sehr einfache Konzepte, welche die Wahl des Mittels leicht machen (bei Durchfall das „Darmmittel“, bei „Husten“ das „Hustenmittel“ etc.). Auch wenn etliche Heilpraktiker die Behandlung mit komplex-biochemischen Mitteln anbieten, ist das System hauptsächlich zur Selbstmedikation gedacht.
Allerdings ist aufgrund arzneimittelrechtlicher Vorschriften die Angabe einer Indikation nur noch für zugelassene, nicht aber für registrierte homöopathische Arzneimittel erlaubt, so dass Angaben wie “Hustenmittel” auf der Packung der – lediglich registrierten – JSO Bicomplexe nicht mehr zugelassen sind. Die Erteilung einer Zulassung (statt der ebenfalls zulässigen Registrierung) würde aber Wirksamkeitsnachweise für die beanspruchte Indikation voraussetzen, welche die „Schüssler-Salze“ nicht vorweisen können.

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Diese Wikipedia-Informationen rufen nur an wenigen Stellen nach einer Ergänzung oder Präzisierungen. Ich versuche hier, ein paar offene Punkte bzw. Fragen aufzuführen.

– Schüssler-Salze werden von den Arzneimittelbehörden gleich behandelt wie Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin. Sie sind daher wie diese vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit. Dadurch besteht auch keine Notwendigkeit, Wirkungen fundiert zu dokumentieren.
Daher ist es nicht erstaunlich, dass experimentelle oder klinische Belege für eine Wirksamkeit fehlen.

– Ausser Frage steht, dass viele AnwenderInnen von Schüssler-Salzen von positiven Wirkungen berichten. Dabei kann es sich aber auch um Effekte handeln, welche durch die Erwartungshaltung ausgelöst wurden, oder um Verbesserungen aufgrund des natürlichen Verlaufs der Beschwerden (Selbstheilungskräfte). Vor kurzen erklärte mir eine Bekannte, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen könne, ohne Schüssler-Salze Nr. X, Y und Z ihren Alltag zu bewältigen. Ich halte solche Aussagen für ein Symptom psychischer Abhängigkeit und beobachte ähnliche Phänomene im Umfeld der Schüssler-Salze nicht selten.

– Schüssler-Salze im Sinne einer Substitutionsbehandlung als Mineralstofftherapie zu bezeichnen, halte ich für eine Konsumententäuschung. Bei Verdünnungen von D6 (1: 1 000 000) und D12 (1:1 000 000 000 000) sind von ursprünglich vorhandenen Mineral nur noch äusserst minimale Spuren vorhanden.

– Die mit der Anwendung von Schüssler-Salzen oft verknüpfte „Antlitzanalyse“ (Physiognomik) ist hoch fragwürdig und problematisch. Sie eignet sich bestens als Transportmittel für Vorurteile, Projektionen und Unterstellungen.

– Das Konzept von Schüssler, alle Krankheiten auf Mineralstoffmängel zurückzuführen, ist ausgesprochen einseitig und zudem sehr mechanistisch.

– Die Tiroler Apotheken führten am 7. Mai der „1. Schüssler Tag“ durch. Die Ankündigung dafür ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für unseriöse Propaganda.

Beispiel 1:
„ Die Salze, die von dem Arzt Wilhelm Schüßler vor über hundert Jahren erforscht wurden, sollen genau jene Mineralstoffe beinhalten, die Körperzellen brauchen. Kommt es zu einem Mangel einzelner Mineralstoffe im Körper, kann diese „Betriebsstörung“ durch die Einnahme der Schüßler Salze ausgeglichen werden.“ (Quelle: www.tt.com)
Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass Schüssler-Salze einen Mangel an Mineralstoffen ausgleichen können. Wie schon weiter oben erwähnt: Als Substitutionstherapie bei Mineralstoffmangel sind Schüsslersalze unsinnig. Allenfalls dienen sie als indirekte Substitutionstherapie bei Mangelzuständen in Apothekerkassen…..

Beispiel 2:
„’Diese alte Form der Alternativmedizin erfährt zurzeit eine Renaissance’, betonte Apothekerkammer-Präsident Martin Hochstöger am Montag bei einer Pressekonferenz. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich um ein natürliches und risikoloses Behandlungsmodell handelt, bestätigte auch Monika Winkler, Pharmazeutin der Stadtapotheke Innsbruck. Bei der Anwendung könne man nichts falsch machen.“ (Quelle: www.tt.com)
Natürlich und risikolos – das kommt immer gut an. Wirksamkeit ist dagegen für die Apotheker kein Thema. Und eine Heilmethode, bei der man nichts falsch machen kann, entspricht ebenfalls dem Zeitgeist. Dann muss man sich ja auch nicht vertiefter damit auseinandersetzen und kann einfach mal rumprobieren. So erlebe ich jedenfalls nicht wenige Anwenderinnen und Anwender von Schüssler-Salzen. Ein Wochenendkurs, und man hat Gesundheit und Krankheit im Griff – bei sich selber und bei Patientinnen und Patienten. Eine ziemliche Fast-Food-Haltung, was mir da oft entgegen kommt. Und eine masslose (Selbst-) Überschätzung.

Beispiel 3:
„Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr breit gestreut. ‚Jetzt im Frühjahr kämpfen viele Tiroler mit Pollenallergien, grippalen Infekten und Erkältungen. Da sind die homöopathisch zubereiteten Mineralstoffe eine wichtige Stütze für den menschlichen Organismus. Schüßler Salze können jedoch auch schon vorbeugend und in jedem Alter zur Gesundheitsvorsorge angewendet werden’, erklärte Susana Niedan-Feichtinger, Geschäftsführerin der Adler Pharma.“ (Quelle: www.tt.com)

Das ist ja schön für Adler Pharma als Markführerin im Bereich Schüssler-Salz in Österreich. Eigentlich heisst das: Schüssler Salze kann man immer einnehmen – ob gesund oder krank, alt oder jung – Schüssler-Salze braucht’s immer. Die perfekte Medikalisierung des Lebens, was ein unerschöpfliches Marktpotenzial mit sich bringt.
Zu einem professionellen Umgang mit Naturheilmitteln gehört wie auch bei anderen Medikamenten eine Einschränkung des Anwendungsbereiches auf Indikationen, bei denen der Nutzen überzeugend dokumentiert ist.
Leider sieht man bei Apotheken und Drogerien zunehmend, dass die fachlich-professionelle Haltung von kommerziellen Interessen völlig überdeckt wird.

„Mehr Wissen über die Salze von Dr. Schüssler“ verspricht die Ankündigung des „1. Schüssler Tages“ im Titel. Nach dem „Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe“ (Meiner Verlag 1998) ist „Wissen“ die auf „subjektiv und objektiv zureichenden Gründen  beruhende Überzeugung vom tatsächlichen Bestehen von Gegenständen, Vorgängen oder Sachverhalten“. Gründe für die gemachten Versprechungen sind in dieser Ankündigung aber nicht ersichtlich. Statt von „Wissen“ wäre es deshalb m. E.  angebrachter, von Behauptungen zu sprechen.

Mag sein, dass meine Kritik gerade ziemlich hart daherkommt. Ich will eigentlich gar keine „Standpauke“ halten.
Ich finde es aber unakzeptabel, wenn Apotheker ihr fachliches Renommee ins Feld führen, um mit derart fadenscheinigen und irreführenden Aussagen auf Kundenfang zu gehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Pharma-Studien: Firmengeld verzerrt Resultat

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Finanziert ein Pharmakonzern medizinische Studien zu einem seiner Wirkstoffe, fällt das Resultat für ihn vielfach günstiger aus als bei Studien mit anderer Geldquelle. Diese nicht völlig überraschende Erkenntnis wurde nun durch deutsche Forscher wissenschaftlich bestätigt. Ein Grund dafür sei, dass die Firmen die Studienprotokolle gezielt zu ihren Gunsten beeinflussten, schreiben die Wissenschaftler im «Deutschen Ärzteblatt» (Bd. 107, S. 279).

An der Analyse waren Experten der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in Berlin, Professor Wolf-Dieter Ludwig vom Helios-Klinikum in Berlin und Professor Klaus Lieb von der Universitätsmedizin in Mainz beteiligt. Sie werteten insgesamt 57 Publikationen zu dem Thema aus, die zwischen November 2002 und Dezember 2009 publiziert worden waren. Es handele sich vor allem um Untersuchungen, deren «ausdrückliches Ziel» es war, von Pharmafirmen finanzierte Studien mit unabhängig finanzierten zu vergleichen.

Quelle:
www.pharmazeutische-Zeitung.de


Kommentar & Ergänzung:
Welche Schlüsse folgen aus diesem Erkenntnissen?
Klar scheint mir, dass Hersteller-finanzierte Studien besonders kritisch unter die Lupe genommen werden müssen. Das gilt natürlich auch für Studien aus den Bereichen Komplementärmedizin oder Phytotherapie.
Keine Lösung wäre eine generelle Ablehnung von Studien als Mittel der Erkenntnisgewinnung.
Ohne qualitativ gute Studien lässt sich nämlich die Wirksamkeit von Heilmitteln nicht annähernd sicher beurteilen. Kommt es nach der Einnahme eines Heilmittels zu einer Besserung, so bleibt im Einzelfall unklar, worauf diese zurückzuführen ist: Placebo-Effekt? Spontane Besserung durch den normalen Verlauf der Krankheit? Wirkung des Heilmittels?
Die starke Abhängigkeit der Universitäten von Forschungsgeldern der Hersteller ist daher sehr problematisch (aber wohl politisch so gewollt).
Für die Phytotherapie ist dies ein wichtiges Thema. Während nämlich Heilmittel der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Arzneimittelbehörden aus politischen Gründen (gutes Lobbying) von jeglichem Wirksamkeitsnachweis befreit sind, müssen Phytopharmaka ihre Wirksamkeit in gleicher Weise mit Studien belegen wie synthetische Medikamente.
Die Phytotherapie ist daher auf qualitativ gute Studien angewiesen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/


Ständerat: Komplementärmedizin soll ins Medizinstudium

Sonntag, März 21st, 2010

Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktiker und Apotheker sollen angemessene Kenntnisse der Komplementärmedizin verfügen. Der Ständerat überwies eine entsprechende Motion. Der Bundesrat beabsichtigt, die Frage im revidierten Medizinalberufegesetz zu regeln.

Die Universitäten sollen Kurse anbieten, welche Grundkenntnisse in der Komplementärmedizin vermitteln, erläuterte Kommissionssprecher Felix Gutzwiller (FDP / ZH). Und er ergänzt, dass dabei schon einiges geschehen sei. Nur die Hochschule in Genf verfüge noch nicht über ein entsprechendes Angebot.

Die Angebote müssten indessen flächendeckend sein, sagte Ständerat Felix Gutzwiller zur Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Diese Motion sei Folge einer gleichlautenden parlamentarischen Initiative und soll zur Beschleunigung des Anliegens beitragen.

Ständerat Rolf Büttiker (FDP / SO) erinnerte an das deutliche Ja zur Initiative für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin am 17. Mai 2009. Die Motion verlange nur die Vermittlung von Basiswissen über Methoden, welche die Mehrheit der Bevölkerung wünsche. Denkbar sei eine obligatorische Basisausbildung von 30 bis 60 Stunden in einem Studium, präzisierte Rolf Büttiker.

Eugen David (CVP / SG) bemängelte, dass unter den Begriff Komplementärmedizin die verschiedensten Methoden fallen. An Universitäten sollten jedoch nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden.

Gesundheitsminister Didier Burkhalter erklärte sich zur Annahme der Motion bereit. Der Einwand Davids mache jedoch klar, dass das Thema komplex sei und seriöse Gesetzgebung brauche. Die Frage der Kenntnisse in Komplementärmedizin fliesse in die Revision des Medizinalberufegesetzes ein. Bis Ende 2010 sollte die Vernehmlassung zu dieser Revision beginnen, sagte Bundesrat Didier Burkhalter. Die Motion wurde vom Ständerat gut geheissen und geht nun an den Nationalrat.

Quelle:
http://www.bielertagblatt.ch/News/Schweiz/169235

Kommentar & Ergänzung:

Ein “Blumenstrauss” an Ständerat Eugen David (CVP, SG). Es scheint also tatsächlich Politiker zu geben, denen klar geworden ist, dass man nicht einfach pauschal und undifferenziert die verschiedenen Methoden der “Komplementärmedizin” in einen Topf schmeissen kann. Das ist erfreulich, herrscht doch bisher überwiegend die totale Pauschalisierung vor, wonach Komplementärmedizin einfach generell etwas Wunderbares ist. Wobei sehr bedauerlicherweise ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Grüne Partei (GPS) sich meiner Erfahrung nach im Bereich Komplementärmedizin durch einen besonders hohen Naivitäts-Pegel auszeichnen.

Zur Komplexität des Begriffs Komplementärmedizin siehe:
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/komplementaermedizin-ein-fragwuerdiger-begriff.html

Der Teufel steckt auch hier im Detail.

Ständerat Eugen David fordert, dass an Universitäten nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden sollten.
Das schliesst aber tendenziell Methoden der Komplementärmedizin schon aus. Die fünf zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie sind jedenfalls bei weitem nicht durchgängig als wissenschaftlich fundiert zu bezeichnen. Dies in deutlichem Gegensatz zu den fragwürdigen und auf Binnenkonsens beruhenden Schlussfolgerungen der sogenannten PEK-Studie, welche die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser fünf Methoden belegt haben will.

Zur Kritik an der PEK-Studie siehe:
Komplementärmedizin: Fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/06/24/komplementaermedizin-fragwuerdige-pek-studie-zur-wirksamkeit.html

Die Stimmberechtigten wurden meines Erachtens diesbezüglich im Vorfeld der Abstimmung vom 17. Mai durch sehr einseitige, realitätsferne bzw. zum Teil auch schlicht unwahre Aussagen bezüglich der wissenschaftlichen Fundiertheit der Komplementärmedizin getäuscht.

Siehe beispielsweise Statements von Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO):

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragen an Ständerat Büttiker
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/14/komplementaermedizin-abstimmung-fragen-an-staenderat-buettiker.html

Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/15/falschaussage-von-simonetta-sommaruga-zur-komplementaermedizin-abstimmung.html

Der Kernpunkt scheint mir hier zu sein, dass eine Methode, die wissenschaftlich fundiert ist, gar nicht mehr zur Komplementärmedizin gezählt wird, sondern zur “Schulmedizin” gehört.
Zur Problematik des Begriffs “Schulmedizin” siehe:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/03/schulmedizin-ein-fragwuerdiger-ausdruck.html

Fordert man wie offenbar Eugen David, dass von den fünf zur Diskussion stehenden Methoden der Komplementärmedizin (Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie) nur diejenigen an der Universität gelehrt werden, welche wissenschaftlich fundiert sind, dann steht die Phytotherapie zweifellos in der Pool-Position. Denn dass die Phytotherapie von den fünf mit Abstand am besten wissenschaftlich fundiert ist, wird wohl kaum von irgend jemandem ernstlich bestritten.

Aber auch hier wird die Situation komplex, sobald man genauer hinschaut:

Meiner Ansicht nach gibt es kein auch nur einigermassen überzeugendes Argument, weshalb Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen wäre. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode verkauft wird, hat mehr mit politischer Strategie und politischem Lobbying zu tun, kaum aber mit realen fachlichen Gründen.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Es sprechen viel mehr Argumente dafür, Phytotherapie als Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde zu sehen – eine Position, welche beispielsweise die “Interessengemeinschaft Phytotherapie & Pflege” (IGPP) einnimmt (www.ig-pp.ch).
Die IGPP setzt sich für die Integration von fundierten Heilpflanzen-Anwendungen in Spitex-Organisationen, Pflegeheime und Kliniken ein. Sie arbeitet damit schon vor und erst recht nach der Abstimmung vom 17. Mai unspektakulär an der oft geforderten und selten realisierten Verbindung von Medizin und Naturheilkunde. Voraussetzung für ein Gelingen dieser Zusammenarbeit ist neben phytotherapeutischer Professionalität vor allem auch eine kooperative Grundhaltung zum medizinischen System.

Eine Dokumentation zum Thema “Phytotherapie in der Pflege” finden Sie hier:
moodle.heilpflanzen-info.ch/mod/resource/view.php

P.S.:
Bei der Frage, ob und welche Art von Komplementärmedizin an der Universität gelehrt werden soll, müsste meines Erachtens die wissenschaftliche Fundiertheit nicht das einzige Kriterium sein. Zu fordern wäre darüber hinaus eine offene Diskussion über weltanschauliche und ethische Aspekte. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung.
Details siehe:

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

ZDF-Doku: Was ist Phytotherapie?

Donnerstag, März 18th, 2010

Phytotherapie wird von vielen Leuten immer noch verwechselt und in einen Topf geschmissen mit Homöopathie, Bachblüten, Spagyrik oder ähnlichen Methoden.

Dabei unterscheiden sich die theoretischen Grundlagen, die Weltbilder und der Forschungsstand dieser Verfahren fundamental. Längst nicht alle Naturheilmittel aus Heilpflanzen zählen zur Phytotherapie.
Nur wer differenzieren kann ist auch in der Lage, eine fundierte Wahl zu treffen.

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) brachte am 20. September 2009 unter “Doku Gesundheitsthemen” einen Bericht über die moderne Phytotherapie.
Als Expertin Auskunft gibt Prof. Karin Kraft vom Lehrstuhl für Naturheilkunde in Rostock, eine ausgewiesene Kennerin der Phytotherapie.

Die Sendung ist in sechs Teilen auf youtube veröffentlicht worden.
Hier die Links und eine kurze Beschreibung des Inhalts.

Moderne Phytotherapie Teil 1:
www.youtube.com/watch

Beinwell (Wallwurz) bei Verstauchungen, Knochenbrüchen, Gelenkerkrankungen,
Prellungen, Zerrungen.
Johanniskraut als wirksames Antidepressivum.
Heilpflanzen-Anbau (Johanniskraut, Brennessel).
Herstellung von Heilpflanzen-Präparaten.

Moderne Phytotherapie Teil 2:
www.youtube.com/watch

Anbau von Sonnenhut (Echinacea).
Weissdorn bei Herzbeschwerden und Herzschwäche.
Weissdorn-Versuchsplantage.

Moderne Phytotherapie Teil 3:
www.youtube.com/watch

Weissdorn-Versuchsplantage.
Weissdorn bei leichten Formen der Herzinsuffizienz und leichten Formen von Herzrhythmusstörungen.
Interview mit Dr. Axel Bolland, Arzt für Balneologie und Naturheilkunde.
Wert des Sammelns von Heilpflanzen.
Wiesengeissbart (Mädesüss), Holunder.

Moderne Phytotherapie Teil 4:
www.youtube.com/watch

Holunder gegen Erkältungskrankheiten und Fieber.
Kamille zur Wundheilung, gegen Magen-Darm-Beschwerden.
Brombeerblätter gegen leichte Durchfälle, Entzündungen im Mund.
Zitate aus den Schriften Hildegard von Bingen‘s.
Johanniskraut-Analyse.

Moderne Phytotherapie Teil 5:
www.youtube.com/watch

Johanniskraut-Analyse.
Johanniskraut bei schwerer bis mittelschwerer Depression gut belegt nach Aussage von Prof. Karin Kraft.
Kamillenblüten (Anbau).
Ginkgo-Anbau, Heilpflanzen-Forschung.
Löwenzahn.

Moderne Phytotherapie 6
www.youtube.com/watch

Heilpflanzen-Forschung, Lavendelöl, Heilpflanzen-Sammeln,
Kamillen-Dampfinhalation,
Baldrian, Melisse, Hopfen für Beruhigungsbad.
Zwiebel bei Insektenstichen.
Pflanzenmedizin fördert Verlangsamung, Zuwendung, Achtsamkeit.

Kommentar & Ergänzung:

Für Phytotherapie-Fachleute bietet die Sendung wohl kaum neue Erkenntnisse.

Für Laien gibt sie aber einen guten Einblick in die verschiedensten Bereiche der Phytotherapie. Der Heilpflanzen-Anbau, die Heilpflanzen-Forschung, die Produktion von Arzneimitteln aus Heilpflanzen und verschiedene Anwendungsbereiche werden vorgestellt.

Darüber hinaus zeigt der Film aber auch, dass die Auseinandersetzung mit der Pflanzenheilkunde die Beziehung zur Natur stärken und die Eigenkompetenz der Menschen fördern kann. Diese wichtigen Vorzüge sollten meiner Ansicht nach erhalten und gepflegt werden. Falls Sie Heilpflanzen auf Exkursionen kennenlernen oder ihr Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen vertiefen wollen, dann schauen Sie doch einmal in meinen Kurskalender:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Samstag, Januar 30th, 2010

Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde. Sie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet zur Verbindung von Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Samstag, Januar 30th, 2010

Der Begriff “Komplementärmedizin” wird seit einiger Zeit ziemlich inflationär und unreflektiert verwendet. Es wäre meines Erachtens jedenfalls an der Zeit, über diesen Ausdruck genauer nachzudenken.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei der “Komplementärmedizin” einfach um Methoden, welche die “Schulmedizin” ergänzen sollen. Kratzt man ein bisschen an dieser Oberfläche, wird das Bild sogleich komplexer.

Die kritischen Fragen an den Begriff “Komplementärmedizin” hat meiner Ansicht nach Prof. Malte Bühring bereits 1999 aufgeworfen. In einem Editorial der Zeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” schreibt der Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin:

“Auch als Mitglied der Schriftleitung habe ich nie verhehlt, dass ich
dem Titel dieser Zeitschrift, nämlich dem Ausdruck «Komple-
mentärmedizin», kritisch gegenüberstehe, ich selbst hätte ihn nicht
gewählt. Komplementär sagt mir auf der einen Seite zu viel – teil-
weise auch etwas Falsches – auf der anderen Seite zu wenig……
Was habe ich gegen «komplementär»? Sehr einfach könnte man es
mit «sich gegenseitig ergänzend» übersetzen, zu einem Ergänzen
bedarf es aber mindestens zweier Akteure. Den einen Part, näm-
lich den, der ein Ergänzen zulässt, müsste ja wohl die sog. Schul-
medizin spielen. Bei dieser ist Komplementärmedizin eine unge-
liebte Braut, hier sollen wir uns und unserem Publikum nichts vor-
machen. Komplementär signalisiert einen Anspruch, der nicht zu
halten ist, an dieser Stelle sagt mir der Ausdruck zu viel.
Tatsächlich hat komplementär in diesem Zusammenhang einen ne-
gativen Bedeutungswandel erfahren. Komplementär bezeichnet
den Aussenseiter, ähnlich wie «alternativ» in der alternativen Me-
dizin. Mit alternativ wird nicht ein zusätzliches, allgemein aner-
kanntes therapeutisches Angebot neben anderen Behandlungsme-
thoden bezeichnet, sondern ebenfalls die Tatsache des Aussensei-
ters. Niemand mag sein Verfahren so bezeichnen.

Vor allem leistet «komplementär» keinen Beitrag zu einer weite-
ren Differenzierung unter den vielen Methoden ausserhalb der
medizinischen «Schule» – hier sagt mir der Ausdruck zu wenig.
Er signalisiert ein Laisser-faire und eine Beliebigkeit, die nieman-
dem nutzt. Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.
Ähnliches geschieht jetzt in der offiziellen Gesundheitspolitik, hier
werden die klassischen Naturheilverfahren zusammen mit den
«komplementären» bzw. den «alternativen» Methoden unter
«Unkonventionelle Medizinische Richtungen» (UMR) abgehan-
delt. Ich wehre mich dagegen.”

(Forschende Komplementärmedizin 1999;6:125-126)

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat legt meines Erachtens den Finger genau auf die zwei zentralen problematischen Bereiche.

1. Der Begriff “Komplementärmedizin” verspricht zuviel.

Komplementärmedizin ist für die “Schulmedizin” immer noch eine weitgehend ungeliebte Braut. Die Gründe dafür müssten genauer unter die Lupe genommen werden. Meiner Ansicht nach macht es sich ein grosser Teil der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin zu einfach, wenn als Ursache für diese “Verschmähung” ausschliesslich Borniertheit seitens der “Schulmedizin” angenommen wird.

Meiner Überzeugung nach muss die Komplementärmedizin die eigenen blinden Flecken anschauen, wenn sie als Braut attraktiver oder auch nur genehmer werden will. Dazu gehören zum Beispiel Heilslehren, dogmatische Systeme und Gurutum, die in weiten Bereichen der Komplementärmedizin verbreitet sind. Diese Bereiche werden meines Erachtens nie kompatibel sein mit dem medizinischen System. Hier braucht es sehr viel mehr kritische Auseinandersetzung und Klärung innerhalb der Komplementärmedizin.

Statt dessen versucht die Komplementärmedizin die Anerkennung als “Braut” auf politischem Weg zu erzwingen. Kern dieses Versuches war die Volksabstimmung vom 17. Mai 2009 und ist jetzt die politische Umsetzung des Ergebnisses. Meiner Ansicht nach spricht sehr viel dafür, dass dieses Bestreben scheitern wird. Naturheilkunde und insbesondere die Homöopathie wurden schon einmal massiv politisch gefördert – im Nationalsozialismus. Ziel war damals die Vereinigung von Naturheilkunde und Schulmedizin zur Neuen Deutschen Heilkunde. Es wurden zahlreiche homöopathischen Krankenhäuser aufgebaut und grosse Summen aufgewendet insbesondere für die Erforschung der Homöopathie, aber auch der “Schüssler Salze” (Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau). Dieses Projekt erlitt vollkommenen Schiffbruch.
Wer an ausführlicheren Informationen über die unheilsame Verbindung von Naturheilkunde & Nationalsozialismus interessiert ist, dem bzw. der empfehle ich mein Tagesseminar:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php.

2. Der Begriff “Komplementärmedizin” sagt zuwenig aus. Sehr zu recht kritisiert Prof. Malte Bühring meines Erachtens die Beliebigkeit und die mangelnde Differenzierung, die mit dem Begriff “Komplementärmedizin” einher geht. Im “Päckli” Komplementärmedizin sind ausserordentlich unterschiedliche Theorien und Weltbilder enthalten. Nötig wäre hier eine sorgfältige Differenzierung und eine offene Auseinandersetzung darüber, welche Art von Komplementärmedizin wir denn eigentlich wollen. Ich halte es hier gerne mit einer Aussage von Bruno Kesseli, dem Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung. Er schrieb in der Ausgabe 2006;87: 3):

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen verbreitet zu sein.”

Die Komplementärmedizin-Lobby hat rund um die Abstimmung vom 17. Mai ein Päckli mit den fünf Methoden Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie geschürt, ohne dass die politischen Parteien sich mit dem Inhalt differenziert auseinandergesetzt haben.
Auf dieses Päckli trifft meines Erachtens genau die folgende Aussage von Prof. Malte Bühring zu:

“Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.”

Meiner Ansicht nach wäre es die Pflicht der Politikerinnen und Politiker, dieses 5er-Päckli aufzuschnüren und differenziert zu betrachten.

Fachlich gesehen ist es schon einmal sehr fraglich, ob Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen ist.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Ausserdem wäre m. E. eine offene Diskussion über weltanschaulichen Aspekte nötig. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung. Details siehe:
Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Wenn nun Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium eingebaut und via Grundversicherung bezahlt werden soll, braucht es meines Erachtens eine offene Diskussion darüber, ob wir eine solche Remoralisierung wollen.
Auf der politischen Ebene sind es (leider!) ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS), welche am undifferenziertesten mit dem Thema Komplementärmedizin umgehen. SPS und GPS zeigen in diesem Bereich eine gehörige Portion an Beliebigkeit und Populismus. Ich würde von diesen Parteien eine differenziertere Betrachtung erwarten entsprechend dem Zitat von Bruno Kesseli. SPS und GPS treten nämlich bisher so auf, als ob alle (Komplementärmedizin-) Pilze essbar wären. Das scheint mir sehr naiv.

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Grossbritannien: Kampagne gegen Homöopathie

Samstag, Januar 30th, 2010

Die “Campaign 10:23” in Großbritannien will am kommenden Samstag, dem 30. Januar ab 10.23 Uhr im ganzen Land gegen die Homöopathie demonstrieren. Die Demonstranten haben vor, sich in den Filialen der Apothekenkette Alliance Boots zu treffen, welche seit letztem Jahr Homöopathika verkauft.

Der Name der Kampagne verweist auf die Avogadrosche Zahl oder Loschmidtsche Konstante, welche besagt, dass in einem Mol ca. 6 x 10²³ Moleküle oder Atome vorhanden sind. Das heisst, dass in einem homöopathischen Mittel der Potenz D 23 kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist, oder wie die Briten sagen: “Homeopathy: There‘s nothing in it”. Solche Mittel können also keine Wirkung entfalten, es sei denn, die Wirkung beruht auf einem nicht stofflichen Prinzip.

Alliance Boots hatte letztes Jahr die Homöopathika in ihr Sortiment aufgenommen, weil viele Kunden an ihre Wirksamkeit glauben. Die Firma selbst vertritt allerdings nicht diese Position. Dass Alliance Boots also wider besseres Wissen aus Gewinnstreben unwirksame Arzneimittel verkauft, empört viele Briten. Um die Unwirksamkeit von Homöopathika zu zeigen, wollen die Demonstranten am 30. Januar in den Boots-Filialen öffentlich den Inhalt einer ganzen Packung Globuli auf einmal schlucken, “a mass homeopathic overdose”. Nach dem Prinzip “keine Wirkung ohne Nebenwirkung” müsste die Überdosis eine Vergiftung bewirken. Treten jedoch keine Vergiftungserscheinungen auf, beweist dies nach Meinung der Demonstranten die Unwirksamkeit der Globuli.

Den Akteuren der Kampagne geht es nicht bloss ums Prinzip, sondern um praktische Gesundheitspolitik. Alljährlich zahlt der staatliche Gesundheitsdienst NHS etwa 4 Millionen Pfund für Homöopathika. Dieses Geld könnte nach Ansicht der Akteure besser für andere Zwecke eingesetzt werden; zum Beispiel könnten damit die Löhne von nahezu 200 Krankenschwestern bezahlt werden.
Auch außerhalb Großbritanniens, vor allem in Australien finden Aktionen der “Campaign 10:23” statt.

www.1023.org.uk

Quelle:
http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/

Kommentar & Ergänzung:

Die Argumente dieses Protestes scheinen mir ziemlich langweilig. Es bestreitet doch gar niemand, dass bei Homöopathika ab einer Verdünnung von D 23 kein Molekül Wirkstoff mehr vorhanden ist.
Meines Erachtens würden sich viel interessantere Fragen stellen.
Als Erklärung, weshalb ein Mittel wirken könne, das keinen Wirkstoff mehr enthält, hört man aus der Homöopathie heutzutage oft den Hinweis auf ein “Wassergedächtnis”. Wasser soll also eine Art von Gedächtnis haben, welches die Information des ursprünglich vorhandenen Mittels aufbewahrt, auch wenn das Mittel selbst längst “herausverdünnt” wurde.

Hier beginnen die interessanten Fragen:

Nimmt man den gegenwärtigen Wissensstand der Physik zum Massstab, dann besitzt Wasser zwar eine Art von “Ordnungsgefüge”, doch ist dieses sehr viel kurzlebiger als ein Augenblick. Sollte Wasser tatsächlich ein über längere Zeiträume stabiles Ordnungsgefüge besitzen, das als eine Form von Gedächtnis dienen könnte, dann wären wichtige Teile der Physik falsch. Weil das als Flüssigkeit produzierte Homöopathika in der Regel auf ein Milchzucker-Globuli aufgesprüht wird, müsste dann auch der Milchzucker ein Gedächtnis haben. Davon ist aber in der Homöopathie meines Wissens nicht die Rede und es ist auch kaum vorstellbar. Wo also bleibt das “Wassergedächtnis”, wenn die Flüssigkeit auf das Globuli aufgesprüht wird und anschliessend verdunstet?

Und warum ist das “Wassergedächtnis” so selektiv, dass es nur die erwünschte Heilkraft der entsprechenden Substanz erinnert? Wasser “erlebt” doch sehr viel und kommt mit unzähligen Substanzen in Kontakt? Bei höheren Verdünnungsstufen enthält das Lösungsmittel als Verunreinigungen zudem unzählige Substanzen in Konzentrationen, die um ein vielfaches höher sind als die Konzentration der Ausgangssubstanz. Wie “weiss” das “Wassergedächnis”, welche Information es speichern und weitergeben muss? Kann es tatsächlich selektiv nur das Erwünschte erinnern?

Interessant wäre auch die Frage, weshalb ein Teil der Patientinnen und Patienten durch Homöopathie eine Besserung ihrer Beschwerden erlebt, obwohl es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die Globuli als solche keine Wirkung entfalten. An diesem Punkt könnte man wohl sehr viel lernen über Wert und Wirksamkeit der therapeutischen Beziehung und auch über die Heilkraft von Ritualen. Leider klammern meinem Eindruck nach viele Homöopathinnen und Homöopathen diese Aspekte ihrer therapeutischen Arbeit aus und versteifen sich auf die Vorstellung, dass es unbedingt und nur das Globuli sein muss, das in der Homöopathie wirkt.
Da kommt mir manchmal eine groteske Pillengläubigkeit entgegen.
Werden die erwähnten Beziehungsaspekte im therapeutischen Prozess ausgeblendet oder in ihrer Bedeutung verkleinert, dann verpasst man meines Erachtens oft die Chance, mit dieser wichtigen Ebene bewusst umzugehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Beda Stadler und die Komplementärmedizin – ein Lehrstück für Schwarz-Weiss-Malerei

Mittwoch, Januar 6th, 2010

Wo immer es um Kritik an der Komplementärmedizin geht, ist Prof. Beda Stadler zur Stelle. Kein Wunder, entwickelte er sich mit den Jahren zum Buhmann der “Szene”. Dazu trägt er allerdings selber nicht unwesentlich bei – unter anderem mit seiner unverhohlenen Lust an der Provokation. Für die Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin ist Beda Stadler aus zwei Gründen ein Geschenk des Himmels:

Erstens weil er kaum genauere Kenntnisse aus dem Bereich Komplementärmedizin zu haben scheint. Er kann daher wohl nur pauschal und grob mit dem Zweihänder fechten. Weil Stadler nur selten präzise Argumente bringt, fallen die argumentativen Schwächen der Komplementärmedizin kaum auf.

Zweitens vertritt Beda Stadler den Standpunkt der Wissenschaft bodenlos schlecht. Wissenschaft ist in ihrem Kern eigentlich eine eher bescheidene Veranstaltung, die sich der Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse und der vielen noch offenen Fragen bewusst ist. Diese differenzierte Haltung wird aber beim Polterer Beda Stadler leider kaum sichtbar. Insofern ist Beda Stadler ein Traumgegner für Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin. Beda Stadler macht es ihnen ausgesprochen leicht, ihn in ein feindliches Lager zu stellen oder in die Abteilung für Skurrilitäten.

Beda Stadler bedient alle Klischees perfekt, aus denen sich das Feindbild “Wissenschaft” zusammensetzt.
So braucht man sich nicht wirklich mit ihm auseinanderzusetzen. Das ist schade, denn oft sind seine Anmerkungen durchaus bedenkenswert.
Verpackt in ständige Provokationen und einen oft verletzenden Diskussionsstil kommen allerdings auch bedenkenswerte Argumente kaum an. Selbst bei dafür offenen Personen.

Aber auch das Anti-Stadler-Lager agiert meines Erachtens oft plump und verwendet fragwürdige Argumente. Zum Beispiel wenn Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, über Beda Stadler sagt:

“Ausserdem missachtet er die Volksmeinung, die will nämlich die Homöopathie» (Weltwoche 23 / 2005).

Erstens ist die “Volksmeinung” betreffend Homöopathie meines Wissens nicht geklärt.
Auch nicht nach der Abstimmung vom 17. Mai 2009, die sehr pauschal die Förderung der Komplementärmedizin in die Verfassung schrieb.

Und zweitens wäre zu fragen: Wenn die “Volksmeinung” einmal festgelegt ist (und wer legt die hier fest?), wird dann jede Widerrede eine Missachtung dieser “Volksmeinung”?
Mir schaudert vor dieser Vorstellung. Ich halte sie für totalitär.

Selbst wenn 99,999 % der Bevölkerung für die Homöopathie votieren würden, dürfte Beda Stadler immer noch dagegen sein.

Niemand muss die “Volksmeinung” beachten, indem er oder sie keine gegensätzliche Meinung mehr vertritt.

Die SVP wird ja manchmal kritisiert, weil sie das “Volk” quasi für sich pachte und betupft reagiere, wenn nach gewonnener Volksabstimmung immer noch gegenteilige Meinungen vertreten werden. Das “Volk” soll quasi das letzte und endgültige Wort sprechen. Ein solch überhöhter und verabsolutierter Volksbegriff führt leicht dazu, dass Widerspruch und Gegenpositionen vereinnahmt werden. Ein monolytisches “Volk” in diesem Sinne gibt es aber nicht.
Wenn Jacqueline Bachmann Beda Stadler Missachtung der Volksmeinung vorwirft, dann halte ich das genauso für eine sehr problematische Argumentation.

Zudem ist die “Volksmeinung” nicht von vorneherein einfach ein Gütesiegel. Es müssten dabei immer auch die zugrunde liegenden Bedürfnisse, Interessenlagen, Marketing- und Lobbyingstrategien angeschaut und diskutiert werden. Das gilt selbstverständlich auch für die Komplementärmedizin.

In der selben Weltwoche warfen Peter Heusser (Anthroposophische Medizin) und André Thurneysen (Homöopathie) Beda Stadler vor: «Er verweigert sich wissenschaftlichen Studien, die seine Meinung nicht bestätigen».

Ob dieser Vorwurf zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Mir scheint nur, dass ein solches Vorgehen bei Vertreterinnen und Vertreter von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auch nicht gerade selten zu beobachten ist: Jeder noch so kleine Hinweis auf eine Wirksamkeit der eigenen Methoden wird triumphierend präsentiert, während Studien mit negativem Ergebnis diffamiert oder ignoriert werden. Diese Art der verzerrten Darstellung schädigt meiner Ansicht nach die Glaubwürdigkeit der Komplementärmedizin.

Nötig wäre meines Erachtens eine differenziertere Argumentation in beiden Lagern – bei den Kritikern und bei den Anhängern der Komplementärmedizin. Das wäre ein erster Schritt weg vom Schwarz-Weiss-Denken.
Schwarz-weiss-gemalt wird nämlich oft von beiden Seiten.

Ich halte es gerne mit einem Zitat von Bruno Kesseli, Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87:3):

“Komplementärmedizin…als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt
aus meiner Sicht etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären.”

Es geht darum, über Unterschiede innerhalb des weitläufigen Feldes der Komplementärmedizin zu diskutieren und nicht alles in den selben Topf zu schmeissen..

Es geht um Differenzierung anstelle einer pauschalen Haltung von Gut-oder-Böse.
Es geht um kritische Auseinandersetzung anstelle von simpler Diffamierung.

Das erwarte ich auch von Politikerinnen und Politikern – bisher jedoch mehrheitlich vergeblich.

Dumm ist allerdings, dass die Medien holzschnittartige, grobe Auseinandersetzungen vorziehen und differenziert-reflektierende Haltungen darum oft etwas untergehen.
Deshalb braucht es möglichst viele Menschen, die sich ausserhalb der Lager von “Schulmedizin” bzw. “Komplementärmedizin” positionieren und von beiden Lagern eine differenzierte Argumentation einfordern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Sonntag, Januar 3rd, 2010

Den Begriff “Schulmedizin” verwenden wir heute ziemlich häufig, aber meistens ohne dass wir über seine Bedeutung genauer nachgedacht haben. Die historischen Wurzeln dieses Begriffs legen aber eine zurückhaltendere Verwendung nahe.

Das Wort “Schulmedizin” leitet sich ursprünglich von der historischen neutralen Bezeichnung für medizinische Ausbildungsstätten ab (z. B. Schule von Salerno, lat. Scola Salernitana).

Schon im frühen 16. Jahrhundert wurde der Ausdruck auch mit negativer Konnotation verwendet. So beklagte Paracelsus (1493 – 1541): “Eine große Schande ist es doch, dass die hohen Schulen solche Ärzte machen, die es nur dem Scheine nach sind; geben einem Kerl den roten Mantel, das rote Barrett und der Welt einen viereckigen Narren, der bloß fähig ist, die Kirchhöfe aufzufüllen.”

Im Jahr 1876 prägte der homöopathische Arzt Franz Fischer aus Weingarten den Ausdruck “Schulmedizin” in einem Brief an die Redaktion der Laienzeitschrift “Homöopathische Monatsblätter” gezielt abwertend. Fischers Äußerung basiert wohl auch auf einer Mitteilung Samuel Hahnemanns, die dieser 1832 veröffentlicht hatte und die gegen humoralpathologische Therapieansätze gerichtet war. In ihr ist die Rede von den “Medizinern der Schule”.

Die “schulmedizinischen” Behandlungsansätze zur Zeit Paracelsus oder Hahnemanns hatten allerdings nichts mit der heutigen Hochschulmedizin gemein. Sie bezogen sich auf die sogenannte allopathische Medizin, die bis ins 19. Jahrhundert auf der Basis der Galenschen Vier-Säftelehre beruhte. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff “Schulmedizin” in Deutschland verwendet, um die vorwiegend jüdische Ärzteschaft zu diffamieren und statt dessen die gesunde “Volksmedizin” oder eine “Neue Deutsche Heilkunde” als Gegenstück zur “verjudeten Schulmedizin” zu propagieren.
(Quelle: Wikipedia)

Schon aus historischen Gründen scheint mir darum Zurückhaltung angebracht mit dem Ausdruck Schulmedizin.

Seine Verwendung als Kampfbegriff durch Homöopathie und Nationalsozialismus wirkt meines Erachtens bis in die Gegenwart nach. “Schulmedizin” hat auch heute noch einen abwertenden Touch und der Begriff wird meiner Erfahrung nach von Personen aus der “Komplementärmedizin” oft genau so gebraucht.

Ich finde, dass die Medizin Kritik braucht, genauso wie die Naturheilkunde und die sogenannte Komplementärmedizin Kritik brauchen. Kritik sollte aber mit Argumenten vorgebracht werden und bestimmte Punkte in Frage stellen. Unterschwellige, unausgesprochene Kritik anzubringen durch Verwendung eines negativ konnotierten Ausdrucks wie “Schulmedizin”, halte ich für ein sehr fragwürdiges Unterfangen.

Mein Vorschlag: Reden wir doch anstelle von “Schulmedizin” ganz einfach von “Medizin”, von “universitärer Medizin” oder von “konventioneller Medizin” (von “Konvention” = Übereinkunft).

Im Übrigen scheint mir auch das Denken im Gegensatz von “Schulmedizin” und “Komplementärmedizin” nicht unproblematisch. Es fördert meiner Ansicht nach die Vorstellung von zwei gegensätzlichen Lagern, während es gerade um die Überwindung von Lagerdenken gehen sollte.

Die von Paracelsus und Hahnemann als “Schulmedizin” bekämpfte Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre) wird übrigens heute unter der Bezeichnung TEM (Traditionelle Europäische Medizin) wieder lanciert. Damit wird eine frühere Variante der “Schulmedizin” wieder reaktiviert, denn die Humoralpathologie war über viele Jahrhunderte die unhinterfragbare, dogmatisierte Schulmedizin.

Die Humoralpathologie ist ein soziomorphes Modell. Das bedeutet, dass ihre Grundprinzipien von gesellschaftlichen Strukturen abgeleitet wurden. Die Wurzeln der Humoralpathologie liegen daher in den Strukturen der antiken griechischen Stadtstaaten, in der Polis.

Die Entstehung des Theoriegebäudes der Humoralpathologie im antiken Griechenland beschreibt Paul U. Unschuld sehr spannend im Buch “Was ist Medizin? – Westliche und östliche Wege der Heilkunst” (mehr dazu im Buchshop). Unschuld beschreibt darin auch die Entstehung und Entwicklung der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), welche ebenfalls soziomorph aus den Strukturen des chinesischen Kaiserreichs abgeleitet ist.

Wer sich für die medizinhistorische Basis von Pflanzenheilkunde bzw. Naturheilkunde interessiert, bekommt einen gut verständlichen, kompakten und fundierten Einblick in meinem Kurs über “Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit”. Inhalt dieses Kurses sind:
Magische Medizin – Entwicklung und Niedergang der Humoralpathologie – Mittelalterliche Klostermedizin (Hildegard von Bingen) – Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus) – Phytotherapie. Infos dazu im Kurskalender auf www.phytotherapie-seminare.ch/index.php

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/

WHO: Warnung vor Homöopathie in Entwicklungsländern

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

Britischen Wissenschaftler ist es nach eigenem Bekunden gelungen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von den Gefahren der Homöopathie zu überzeugen, die in Entwicklungsländern von dieser aus ihrer Sicht unsinnigen Heilmethode ausgehen.?? Nicht nur in den Industrieländern sind, wie die neueste Umfrage des Allensbach Instituts zeigt, große Teile der Bevölkerung von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt. Auch in Entwicklungsländern erfreut sich die Heilmethode zunehmender Beliebtheit, was nach Ansicht der britischen Stiftung “Sense about Science” schlimme Folgen haben kann.??

Während hierzulande die Homöopathie vielfach als komplementäre Heilmethode aufgefasst wird, die zwar nicht nutzt, jedoch auch keinen Schaden anrichtet, glauben nach Auskunft der Stiftung in den Entwicklungsländern zahlreiche Menschen, dass die Homöopathie eine wirksame Alternative bei der Therapie von Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose, Malaria oder der Diarrhöe ist. Ob diese Aussage stimmt, kann ohne entsprechende Studiendaten nicht beurteilt werden.?? Es ist ”Sense about Science” aber in einem offenen Brief gelungen, die WHO für die möglichen Gefahren zu sensibilisieren.

Mehrere führende WHO-Mitarbeiter warnten vor den Gefahren der Homöopathie. Mario Raviglione, der Leiter der ”Stop TB”-Abteilung, hielt fest, dass die Leitlinien der WHO keinesfalls die Verwendung der Homöopathie empfehlen würden. Mukund Uplekar vom der WHO-Abteilung “TB Strategy and Health Systems” erklärte, dass es in der Behandlung der Tuberkulose keinen Platz für homöopathische Medikamente gebe. ?

Teguest Guerma, der Interim-Leiter der HIV/AIDS-Abteilung bedankte sich bei der britischen Stiftung für die Unterstützung der evidenzbasierten Behandlungsansätze in der Therapie von HIV-Erkrankungen. Sergio Spinaci, der stellvertretende Leiter des “Global Malaria Programme” der WHO, stufte den offenen Brief sogar als bedeutende Enthüllung ein und dankte den Hinweisgebern (Whistleblower). ??Joe Martines teilte der Stiftung im Auftrag von Elizabeth Mason, der Direktorin des “Department of Child and Adolescent Health and Development” der WHO mit, dass es selbstverständlich auch in der Behandlung der in den Entwicklungsländern oft tödlichen Diarrhoe keinen Platz für homöopathische Therapieansätze gebe.

Quelle: www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Meiner Ansicht nach greift es zu kurz, wenn Kritiker die Homöopathie grundsätzlich als unwirksam bezeichnen. Dem widersprechen nämlich vielfältige Erfahrungen von Patientinnen und Patienten, welche innerhalb einer homöopathischen Behandlung Besserung ihrer Beschwerden erfahren.

Unklar ist allerdings, womit diese erfahrene Besserung zusammenhängt. Aus den bisher vorliegenden Erkenntnissen lässt sich meines Erachtens jedenfalls nicht plausibel schlussfolgern, dass eine allfällige Wirkung mit den verordneten Globuli, also mit dem homöopathischen Mittel, verbunden ist. Genauso gut könnte es sich dabei um ein Kontextphänomen handeln.

Jede beobachtete Besserung unter einer Therapie muss sich meines Erachtens an den sechs Antworten messen lassen, welche Asmus Finzen auf die Frage “Warum werden unsere Patienten wieder gesund?” gegeben hat.
Siehe dazu:
Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund
Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Das gilt natürlich für alle Heilverfahren, für die universitäre Medizin genauso wie für Bachblüten, Homöopathie, Phytotherapie, TCM etc.
Wir neigen wohl generell dazu, Besserungen während einer Therapie vorschnell als Erfolg dieser Therapie zu interpretieren. Mehr Zurückhaltung und Bescheidenheit mit solchen Erfolgszuschreibungen wäre hier wünschenswert.

Was nun die Warnung der WHO betreffend Homöopathie in Entwicklungsländern angeht:
Meinem Eindruck nach überschätzt ein Teil der “Homöopathie-Szene” die eigene Methode masslos und sieht sie als Allheilmittel. Das ist eine von verschiedensten Stellen, an denen Fundamentalismus in der Komplementärmedizin zu beobachten ist. Wenn homöopathische Mittel beispielsweise zur Therapie von HIV, Malaria oder Tuberkulose propagiert werden, fehlen für eine Wirksamkeit tatsächlich bisher auch nur einigermassen überzeugende Belege.

Homöopathie bei solch bedrohlichen Erkrankungen in Entwicklungsländern als ernsthafte Therapieoption zu propagieren – wie es leider tatsächlich geschieht – scheint mir daher mehr als fragwürdig. Die Warnung der WHO halte ich darum an diesem Punkt für sehr berechtigt.
Es sind solche unkritischen Überschätzungen der eigenen Möglichkeiten, welche den Ruf von Verfahren aus den Bereichen Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde immer wieder ramponieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren “Info-Treff Pflanzenheilkunde” für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde: moodle.heilpflanzen-info.ch/