Artikel mit Schlagwort ‘Homöopathie’

Was sind Schüssler-Salze?

Dienstag, Mai 18th, 2010

Schüssler-Salze erleben im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde gerade einen ziemlichen Boom. Gleichzeitig wissen aber die wenigsten Anwenderinnen und Anwender genauer über diese Präparate Bescheid.
Es folgt darum hier eine Zusamenfassung aus Wikipedia und daran anschliessend ein ergänzender Kommentar:

Schüßler-Salze sind Präparate von Mineralsalzen in homöopathischer Dosierung (Potenzierung), die zur Alternativmedizin gezählt werden Die Behandlung mit ihnen basiert auf der Annahme, Krankheiten entstünden allgemein durch Störungen des Mineralhaushalts der Körperzellen und könnten durch homöopathische Gaben von Mineralien geheilt werden. Diese Annahmen und Vorstellungen sind wissenschaftlich nicht anerkannt. Eine Wirksamkeit der Schüßler-Salze ist weder experimentell noch klinisch nachgewiesen.

Der homöopathische Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) publizierte in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung 1873 den Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“, in dem er eine Therapieform namens „Biochemische Heilweise“ vorstellte. Seine Abkürzung bestand darin, dass er statt der etwa tausend Mittel in der Homöopathie nur zwölf Salze, „Schüßler-Salze“ genannt, zur Behandlung fast aller Krankheiten für ausreichend hielt. Schüßler ging davon aus, dass Krankheiten auf der Basis gestörter biochemischer Vorgänge entstehen. Er ging davon aus, dass Krankheiten zu einem großen Teil auf der Grundlage eines „gestörten Mineralhaushaltes“ entstehen, wobei das Fehlen eines bestimmten Minerals den gesamten Stoffwechsel beeinträchtige. Schüßler betonte, sein Verfahren sei „kein homöopathisches“, weil es nicht auf dem von Samuel Hahnemann propagierten Simile-Prinzip (“Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden”) beruhe, sondern auf physiologisch-chemische Vorgänge im menschlichen Organismus zurückzuführen sei. Aus diesem Grund lehnte Schüssler auch die in der Homöopathie üblichen Arzneimittelprüfungen an gesunden Probanden als „grundfalsch“ ab.

Der Vizepräsident des Biochemischen Bund Deutschlands e. V., Hans-Heinrich Jörgensen, vertritt allerdings die Auffassung, dass sich Schüßler-Salze nicht nur zum Ausgleich von Mangelerscheinungen, sondern auch gemäß dem homöopathischen Ähnlichkeitsprinzip anwenden lassen: „Beides ist möglich und funktioniert auch, denn schließlich sind die Salze ja nach den Regeln der Homöopathie aufbereitet. Aber die Indikationsansprüche, die Zielrichtung, die Erscheinungen, die behandelt werden sollen, sind andere, ob ich mit meiner Arznei schlicht Mineralmängel beseitigen will, oder ob ich entsprechend dem homöopathischen Arzneibild Konstitutionen verändern will.“

Bei den biochemischen Präparaten nach Schüßler handelt es sich um homöopathische Arzneimittel im Sinne des deutschen Arzneimittelgesetzes (AMG), die nach einem vereinfachten Genehmigungsverfahren („Registrierung“) in den Verkehr gebracht werden. Im Gegensatz zur „Zulassung“ von Arzneimitteln (Synthetika, Phytopharmaka) brauchen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei der “Registrierung” homöopathischer Arzneimittel nicht nachgewiesen zu werden; im Gegenzug dürfen allerdings auch keine Anwendungsgebiete (Indikationen) aufgeführt werden. Die im Zusammenhang mit der Verabreichung von Schüssler-Salzen manchmal durchgeführte so genannte Antlitzdiagnostik bzw. Antlitzanalyse ist nach wissenschaftlichen Kriterien nicht haltbar.

Schüssler-Salze werden nach homöopathischer Verfahrensweise durch Schütteln, Reiben oder Zerkleinern verdünnt und haben entsprechende Verdünnungsbezeichnungen: D1 bedeutet, dass es sich um eine Verdünnung von 1:10 handelt, Dx allgemein eine Verdünnung von 1:10x. Die Salze sind in der Regel D6 = 1:1.000.000 oder D12 = 1:1.000.000.000.000 verdünnt.

Die „Biochemie nach Schüßler“ ist vor allem durch Heilpraktiker als Behandlungsform erhalten geblieben. Sie wird in Fachschulen gelehrt und viele Heilpraktiker arbeiten täglich in der Praxis mit Schüssler-Salzen. Vor der gesetzlichen Festschreibung der Berufsbezeichnung Heilpraktiker (1939) in Deutschland wurde Schüßlers Lehre wesentlich durch Laienbewegungen verbreitet. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schüssler-Methode leistete Kurt Hickethier, welcher zwei Kurhäuser zur Behandlung seiner Patienten errichtete. Der erste „biochemische Verein“ wurde im Jahre 1885 in Oldenburg gegründet. Heute (2004) existieren in Deutschland etwa 70 „biochemische Vereine“ und weitere im Ausland. Die Schüßler-Salze werden von interessierten Menschen bei verschiedensten Krankheitsbildern eingesetzt.

Wirksamkeit der Schüssler-Salze

Schüßler-Salze haben keinerlei wissenschaftlich belegte Wirkung. Die Stiftung Warentest kommt zu dem Schluss: „Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Der Professor für Alternativmedizin Edzard Ernst stellt fest: “Die Behandlungskostenübernahme durch einige deutsche Krankenkassen ändert nichts daran, dass diese ‚Therapie’ als eine nicht wirksam bewertete Behandlung einzustufen ist”.

Die „Biochemie“ nach Schüßler

Wilhelm Heinrich Schüßler distanzierte sich mit seiner Therapiemethode strikt von der Homöopathie. Es gab zu Schüssler’s Lebzeiten viele Auseinandersetzungen mit Homöopathen, die seine Behandlungsmethode schon allein wegen ihrer Einfachheit nicht akzeptierten und verächtlich von Düngemitteln sprachen. In seinem Artikel „Eine abgekürzte Homöopathische Therapie“ schreibt Schüßler selbst: „Die Grundlage meiner Forschung waren Histologie, die darauf bezügliche Chemie, die anorganischen Bestandteile der Gewebe und die physiologischen Wirkungen oder Funktionen dieser Bestandteile.“

Bei seinen Untersuchungen fand er nach eigenen Angaben zwölf verschiedene Verbindungen, die im menschlichen Organismus vorkämen, die sogenannten Schüßler-Salze. Nach Schüßlers Ansicht bewirkt ein pathogener Reiz die Verstärkung der Funktion einer Zelle, weil die Zelle bemüht ist, den Reiz abzustoßen. Wegen dieser Tätigkeit verliere sie einen Teil ihrer mineralischen Funktionsmittel. Schüssler glaubte, diese Zellen seien dann pathogen verändert, was das Wesen einer Krankheit sei.

Durch die Zufuhr dieser nun fehlenden Mineralstoffe könnten die Krankheiten bekämpft werden. Dazu sei die Potenzierung der Salze nötig, um Mängel innerhalb einer Zelle aufzufüllen. Nach Schüssler’s Ansicht gelangen die hoch verdünnten „feinstofflichen“ Mineralstoffe, also die einzelnen Moleküle, direkt in das Zellinnere. Die Mängel außerhalb der Zellen seien durch eine nährstoff- und basenreiche Ernährung aufzufüllen, weil ein gewisses Gleichgewicht zwischen Zellinnerem und Extrazellularraum nötig sei.
Merkmale im Gesicht ließen Schüssler die verschiedenen fehlenden Mineralstoffe feststellen und so eine entsprechende Dosierung der Salze vornehmen.

Kurt Hickethier erweiterte die von Schüßler eingeführte „Antlitzanalyse“ und nannte sie zu seiner Zeit “Sonnerschau”. So ist nach Hickethier zum Beispiel ein Mangel am Schüssler-Salz Nr. 3 (Ferrum phosphoricum) unter anderem an den inneren Augenwinkeln durch eine dunklere, blauschwarze bis schwarze Färbung zu erkennen. Durch die darauf folgende Einnahme des entsprechenden Mineralstoffs konnte Hickethier nach eigenen Angaben einen Rückgang der antlitzanalytischen Zeichen im Gesicht feststellen.
Praktische Anwendung der Schüssler-Salze
Schüßler-Salze sollen als „homöopathisch aufbereitete“, das heisst potenzierte Mittel in Tablettenform angewendet werden, die man dann im Mund langsam zergehen lässt. Die Mineralstoffe sollen dann über die Mundschleimhaut vom Organismus aufgenommen werden. Für jedes Schüssler-Salz gibt es eine sogenannte Regelpotenz. Für die Schüssler-Salze Nr. 1, 3 und 11 wird in der Regel D12 genommen. Für die übrigen Schüssler-Salze gilt D6 als Regelpotenz.

Zur Anzahl der Tabletten pro Tag existieren verschiedene Ansätze. Ein Teil der Heilpraktiker empfiehlt eine Dosierung von etwa drei bis sechs Stück täglich von nur zwei bis drei verschiedenen Schüßler-Salzen, der andere Teil wiederum empfiehlt auch mehr verschiedene Salze und höhere Dosen bis insgesamt etwa 150 Pastillen pro Tag. Wahrscheinlich sind die Dosierungen darum so unterschiedlich, weil manche Anwender die Aussagen von Schüßler und Hickethier unterschiedlich interpretieren. Manche Heilpraktiker sehen die Heilweise auch als Reizheilweise, während Schüßler selbst sie in seiner „abgekürzten Therapie“ als Substitutionsheilweise bezeichnet.

Durch den Wandel der Zeit und einen möglichen erhöhten Bedarf an Mineralstoffen, durch Stress und falsche Ernährung sind nach der Ansicht einiger heutiger Heilpraktiker größere Gaben von Mineralstoffen nötig.
Die Vorstellung, dass die Verwendung großer Mengen Schüßler-Salze einen Mineralstoffmangel besser beheben könne als die Verabreichung nur weniger Tabletten pro Tag, steht allerdings im Widerspruch zu der Tatsache, dass bei der Potenz D6 selbst 1000 Tabletten immer noch weniger als ein Milligramm des zugrundeliegenden Minerals enthalten.
Kurt Hickethier schreibt, dass er um etwa 1910 bei seinen Patienten meist nur zwei bis drei verschiedene nennenswerte Salzmängel in einem Antlitz feststellen konnte. Manche Mangelanzeichen traten laut seinen Angaben sehr selten auf, weil sie einen überaus starken, langjährigen Mangel eines Mineralstoffes voraussetzen. Heute seien diese von ihm beschriebenen, damals seltenen Anzeichen aber häufig anzutreffen. Auch die Anzahl und Ausprägung der Mängel, welche in einem Gesicht zu erkennen seien, sei viel größer geworden. Hickethier selbst rät: „In schweren Fällen und bei großen Mängeln erscheint es gerechtfertigt, kurze Zeit hindurch alle Minuten eine Gabe der üblichen Verdünnung (laut Schüßler) zu geben.“ Schüßler war in seiner abgekürzten Therapie offen für unterschiedliche Dosierungen seiner Salze und schrieb, dass jeder Arzt nach eigenem Ermessen die Dosis wählen solle.

Einnahmearten der Schüssler-Salze

Die Schüßler-Pastillen werden einzeln, können jedoch auch bis zu etwa fünf Stück gleichzeitig im Mund gelutscht werden. Die Schüssler-Salze sollen dabei über die Mundschleimhaut aufgenommen werden. Weil die Pastillen fast nur aus Milchzucker (Laktose) bestehen, ist bei einer Laktoseintoleranz Vorsicht angezeigt. Die Pastillen können in Leitungswasser aufgelöst werden, wobei nicht umgerührt werden soll, damit der Milchzucker am Boden der Tasse nicht verworfen wird. Diese Lösung wird dann schluckweise getrunken. Hierbei wird nur eine verhältnismäsig geringe Menge von Milchzucker eingenommen. Auch gibt es inzwischen in Alkohol aufgelöste Schüßler-Salze, welche laktosefrei sind.

Sehr bekannt ist die Einnahme des Schüssler-Salzes Nr. 7, Magnesium phosphoricum, als „heiße Sieben“. Bei akuten Schmerzzuständen sollen 10 Tabletten in einer Tasse in kochend heißem Wasser aufgelöst werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Lösung nicht mit einem Metallgegenstand umgerührt wird. Die Milchzuckerlösung wird so warm wie möglich getrunken, wobei jeder Schluck lange im Mund behalten werden soll, um die Aufnahme durch die Mundschleimhäute zu verbessern. Auch die Einnahme der anderen Schüßler-Salze kann sowohl als heiße Lösung wie auch durch Auflösen in einem Glas abgekochtem Wasser geschehen. Eine Anwendung soll auch in Salbenform möglich sein (etwa Ferrum phosphoricum „biochemisch“ für Entzündungen).

Die 12 „Funktionsmittel“ der Schüssler-Salze

    Calcium fluoratum D12
    Calcium phosphoricum D6
    Ferrum phosphoricum D12
    Kalium chloratum D6
    Kalium phosphoricum D6
    Kalium sulfuricum D6
    Magnesium phosphoricum D6
    Natrium chloratum D6 (Kochsalz)
    Natrium phosphoricum D6
    Natrium sulfuricum D6
    Silicea D12 (Kieselsäure)
    (Calcium sulfuricum D6)

Diese 12 ursprünglichen Schüßler-Salze reduzierte Schüßler im Jahr 1895 auf elf; er schrieb: „Da der schwefelsaure Kalk nicht in die konstante Zusammensetzung des Organismus eingeht, so muss er von der biochemischen Bildfläche verschwinden. Statt seiner kommt Natrium phosphoricum resp. Silicea in Betracht.“
Später wurden von verschiedenen Autoren zusätzliche Mineralstoffe eingeführt, welche heute unter der Bezeichnung „Ergänzungsmittel“ zusammengefasst werden.

Die 15 „Ergänzungsmittel“ der Schüssler-Salze

    Kalium arsenicosum D6
    Kalium bromatum D6
    Kalium jodatum D6
    Lithium chloratum D6
    Manganum sulfuricum D6
    Calcium sulfuratum D6
    Cuprum arsenicosum D6
    Kalium-Aluminium sulfuricum D6
    Zincum chloratum D6
    Calcium carbonicum D6
    Natrium bicarbonicum D6
    Arsenum jodatum D6
    Aurum Chloratum Natronatum D6
    Selenium D6 (Selen)
    Kalium bichromicum D12

Ergänzende biochemische Mittel nach Joachim Broy

    Natrium fluoratum D6
    Magnesium fluoratum D6
    Calcium chloratum D6
    Ferrum chloratum D6
    Ferrum sulfuricum D3
    Magnesium chloratum D6
    Magnesium sulfuricum D6

Geschichte der „Biochemie nach Schüßler“

Schüßler, welcher bis zu Beginn der 1870er Jahre der „klassischen“ Homöopathie mehr oder weniger treu geblieben war, wurde nach der Erstveröffentlichung seiner „neuen“ Therapie in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung (1873) heftig von Homöopathen kritisiert, welche Verrat an der gemeinsamen Sache witterten. Ein Jahr später publizierte er sein grundlegendes Werk „Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie“, welches auf knapp 16 Seiten die Grundzüge seiner Lehre enthielt. Dabei grenzte er sich deutlich von der Homöopathie ab. Im Vorwort zu späteren Auflagen bekannte er sich zu den Einflüssen, welche der Physiologe Jakob M. Moleschott und der Pathologe Rudolf Virchow auf seine Theorie hatten.

Die heftigen Auseinandersetzungen mit führenden Vertretern der Homöopathie brachten Schüßler 1876 zum Austritt aus dem „Centralverein homöopathischer Ärzte“. Der polemische Schlagabtausch ging allerdings über Jahrzehnte weiter. Die naturwissenschaftliche Medizin nahm dagegen kaum Kenntnis vom neuen „biochemischen“ Verfahren. Im deutschen Kaiserreich wurde es zwar von den meisten Gesundheitsbehörden im Rahmen der gesetzlich verankerten Kurierfreiheit toleriert, jedoch nicht gefördert.

Geschichte der biochemischen Verbände

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten drei konkurrierende Verbände: der „Verband biochemischer Vereine für das Deutsche Reich“, der „Schüssler-Bund“ und der „Jade-Verband“. In den 1920er Jahren zählte die biochemische Bewegung mehr als achthundert ehrenamtliche „Krankenbehandler“. Diese wurden von Ärzten, die in ihnen Kurpfuscher sahen, nicht selten wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar Tötung angezeigt. Die meisten Gerichtsverfahren endeten jedoch mit Freispruch.
Durch die Reichsarbeitsgemeinschaft der Volksverbände wurden die biochemischen Vereine 1922 zwangs-zusammengeschlossen zum „Biochemischen Bund Deutschlands“, der 1928 bereits 184.672 Mitglieder zählte und straff organisiert war. 1929 umfasste die Bundesgeschäftsstelle 22 hauptamtliche Mitarbeiter. In einem eigenen Verlag in Potsdam erschienen die „Zeitschrift für Biochemie. Volkstümliches Fachorgan für Mineralstofflehre“ mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren sowie vielen Informationsschriften.

Zur Zeit des Nationalsozialismus stieg die „Biochemie“ zu einer anerkannten Heilweise auf. Die „Krankenbehandler“, welche bisher am Rande der Legalität praktiziert hatten, bekamen den Status von Heilpraktikern. Außerdem konnten im „Dritten Reich“ erstmals mit staatlicher Billigung und Förderung Untersuchungen durchgeführt werden, in denen die behauptete Wirksamkeit „biochemischer“ Arzneimittel überprüft wurde. Solche Menschen-Versuche fanden auch in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz statt, unter Leitung des Reichsarztes SS Ernst-Robert Grawitz. Dabei wurden unter anderem künstlich herbeigeführte Fälle von Blutvergiftung und Malaria weitgehend erfolglos „therapiert“. Für die Häftlinge nahmen diese grausamen Experimente in den meisten Fällen einen tödlichen Ausgang.

Der „Biochemische Bund“ steuerte nach 1933 mehr und mehr ins nationalsozialistische Fahrwasser. Eine interne Gleichschaltung führte zum Ausschluss unerwünschter, hauptsächlich “nichtarischer” Mitglieder. Ab 1934 findet man in der Mitgliederzeitschrift die Rubrik „Volk und Rasse“ und an der Spitze der Bundesleitung stehen linientreue Parteigenossen. 1935 wurde der „Biochemische Bund“  zwangsweise in die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ eingegliedert. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der „Bund“ aufgelöst, jedoch schon 1946 neu konstituiert. 1949 gab er wieder eine Mitgliederzeitschrift heraus („Gesundes Volk“, später „Weg zur Gesundheit“), konnte jedoch nicht wieder an die frühere Bedeutung anknüpfen. Aus einem verbandseigenen Kurhaus, welches 1936 in Hahnenklee im Harz in Betrieb genommen wurde, ging 1949 ein „Dr. Schüssler-Sanatorium“ hervor. Im Jahr 2004 existierten in Deutschland wieder etwa 70 biochemische Vereine, weitere im Ausland.

Komplex-Biochemie

Die Komplex-Biochemie ist eine seit den 1920er Jahren bestehende Sonderform der Behandlung mit Schüßler-Salzen. Sie wurde entwickelt von dem Berliner Arzt Konrad Grams. Die etwa dreissig Präparate der Komplex-Biochemie werden seither unter dem Namen „JSO Bicomplexe“ produziert und vermarktet, die Zusammensetzung ist nur unwesentlich verändert worden. Konrad Grams entwickelte damit – dem Zeitgeist folgend – aus der Schüßler-Biochemie ein deutlich laienfreundlicheres Selbstbehandlungs-System – die „Komplex-Biochemie“: „Unter Komplex-Biochemie verstehen wir die Vereinigung mehrerer Mineralsalze zu einem Mittel, welches zu den erkrankten Geweben oder dem erkrankten Körperteil in Beziehung steht. Es deckt gewissermaßen alle Krankheitserscheinungen der betreffenden Krankheit.“ Grams selbst hängt in seinen Publikationen auch weiterhin der pseudomaterialistischen Defizit-Hypothese an („Die Komplex-Biochemie ist […] eine Ernährungstherapie.“)

Die Komplex-Biochemie nach Grams umfasst 30 sehr einfache Konzepte, welche die Wahl des Mittels leicht machen (bei Durchfall das „Darmmittel“, bei „Husten“ das „Hustenmittel“ etc.). Auch wenn etliche Heilpraktiker die Behandlung mit komplex-biochemischen Mitteln anbieten, ist das System hauptsächlich zur Selbstmedikation gedacht.
Allerdings ist aufgrund arzneimittelrechtlicher Vorschriften die Angabe einer Indikation nur noch für zugelassene, nicht aber für registrierte homöopathische Arzneimittel erlaubt, so dass Angaben wie “Hustenmittel” auf der Packung der – lediglich registrierten – JSO Bicomplexe nicht mehr zugelassen sind. Die Erteilung einer Zulassung (statt der ebenfalls zulässigen Registrierung) würde aber Wirksamkeitsnachweise für die beanspruchte Indikation voraussetzen, welche die „Schüssler-Salze“ nicht vorweisen können.

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Diese Wikipedia-Informationen rufen nur an wenigen Stellen nach einer Ergänzung oder Präzisierungen. Ich versuche hier, ein paar offene Punkte bzw. Fragen aufzuführen.

– Schüssler-Salze werden von den Arzneimittelbehörden gleich behandelt wie Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin. Sie sind daher wie diese vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit. Dadurch besteht auch keine Notwendigkeit, Wirkungen fundiert zu dokumentieren.
Daher ist es nicht erstaunlich, dass experimentelle oder klinische Belege für eine Wirksamkeit fehlen.

– Ausser Frage steht, dass viele AnwenderInnen von Schüssler-Salzen von positiven Wirkungen berichten. Dabei kann es sich aber auch um Effekte handeln, welche durch die Erwartungshaltung ausgelöst wurden, oder um Verbesserungen aufgrund des natürlichen Verlaufs der Beschwerden (Selbstheilungskräfte). Vor kurzen erklärte mir eine Bekannte, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen könne, ohne Schüssler-Salze Nr. X, Y und Z ihren Alltag zu bewältigen. Ich halte solche Aussagen für ein Symptom psychischer Abhängigkeit und beobachte ähnliche Phänomene im Umfeld der Schüssler-Salze nicht selten.

– Schüssler-Salze im Sinne einer Substitutionsbehandlung als Mineralstofftherapie zu bezeichnen, halte ich für eine Konsumententäuschung. Bei Verdünnungen von D6 (1: 1 000 000) und D12 (1:1 000 000 000 000) sind von ursprünglich vorhandenen Mineral nur noch äusserst minimale Spuren vorhanden.

– Die mit der Anwendung von Schüssler-Salzen oft verknüpfte „Antlitzanalyse“ (Physiognomik) ist hoch fragwürdig und problematisch. Sie eignet sich bestens als Transportmittel für Vorurteile, Projektionen und Unterstellungen.

– Das Konzept von Schüssler, alle Krankheiten auf Mineralstoffmängel zurückzuführen, ist ausgesprochen einseitig und zudem sehr mechanistisch.

– Die Tiroler Apotheken führten am 7. Mai der „1. Schüssler Tag“ durch. Die Ankündigung dafür ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für unseriöse Propaganda.

Beispiel 1:
„ Die Salze, die von dem Arzt Wilhelm Schüßler vor über hundert Jahren erforscht wurden, sollen genau jene Mineralstoffe beinhalten, die Körperzellen brauchen. Kommt es zu einem Mangel einzelner Mineralstoffe im Körper, kann diese „Betriebsstörung“ durch die Einnahme der Schüßler Salze ausgeglichen werden.“ (Quelle: www.tt.com)
Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass Schüssler-Salze einen Mangel an Mineralstoffen ausgleichen können. Wie schon weiter oben erwähnt: Als Substitutionstherapie bei Mineralstoffmangel sind Schüsslersalze unsinnig. Allenfalls dienen sie als indirekte Substitutionstherapie bei Mangelzuständen in Apothekerkassen…..

Beispiel 2:
„’Diese alte Form der Alternativmedizin erfährt zurzeit eine Renaissance’, betonte Apothekerkammer-Präsident Martin Hochstöger am Montag bei einer Pressekonferenz. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich um ein natürliches und risikoloses Behandlungsmodell handelt, bestätigte auch Monika Winkler, Pharmazeutin der Stadtapotheke Innsbruck. Bei der Anwendung könne man nichts falsch machen.“ (Quelle: www.tt.com)
Natürlich und risikolos – das kommt immer gut an. Wirksamkeit ist dagegen für die Apotheker kein Thema. Und eine Heilmethode, bei der man nichts falsch machen kann, entspricht ebenfalls dem Zeitgeist. Dann muss man sich ja auch nicht vertiefter damit auseinandersetzen und kann einfach mal rumprobieren. So erlebe ich jedenfalls nicht wenige Anwenderinnen und Anwender von Schüssler-Salzen. Ein Wochenendkurs, und man hat Gesundheit und Krankheit im Griff – bei sich selber und bei Patientinnen und Patienten. Eine ziemliche Fast-Food-Haltung, was mir da oft entgegen kommt. Und eine masslose (Selbst-) Überschätzung.

Beispiel 3:
„Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr breit gestreut. ‚Jetzt im Frühjahr kämpfen viele Tiroler mit Pollenallergien, grippalen Infekten und Erkältungen. Da sind die homöopathisch zubereiteten Mineralstoffe eine wichtige Stütze für den menschlichen Organismus. Schüßler Salze können jedoch auch schon vorbeugend und in jedem Alter zur Gesundheitsvorsorge angewendet werden’, erklärte Susana Niedan-Feichtinger, Geschäftsführerin der Adler Pharma.“ (Quelle: www.tt.com)

Das ist ja schön für Adler Pharma als Markführerin im Bereich Schüssler-Salz in Österreich. Eigentlich heisst das: Schüssler Salze kann man immer einnehmen – ob gesund oder krank, alt oder jung – Schüssler-Salze braucht’s immer. Die perfekte Medikalisierung des Lebens, was ein unerschöpfliches Marktpotenzial mit sich bringt.
Zu einem professionellen Umgang mit Naturheilmitteln gehört wie auch bei anderen Medikamenten eine Einschränkung des Anwendungsbereiches auf Indikationen, bei denen der Nutzen überzeugend dokumentiert ist.
Leider sieht man bei Apotheken und Drogerien zunehmend, dass die fachlich-professionelle Haltung von kommerziellen Interessen völlig überdeckt wird.

„Mehr Wissen über die Salze von Dr. Schüssler“ verspricht die Ankündigung des „1. Schüssler Tages“ im Titel. Nach dem „Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe“ (Meiner Verlag 1998) ist „Wissen“ die auf „subjektiv und objektiv zureichenden Gründen  beruhende Überzeugung vom tatsächlichen Bestehen von Gegenständen, Vorgängen oder Sachverhalten“. Gründe für die gemachten Versprechungen sind in dieser Ankündigung aber nicht ersichtlich. Statt von „Wissen“ wäre es deshalb m. E.  angebrachter, von Behauptungen zu sprechen.

Mag sein, dass meine Kritik gerade ziemlich hart daherkommt. Ich will eigentlich gar keine „Standpauke“ halten.
Ich finde es aber unakzeptabel, wenn Apotheker ihr fachliches Renommee ins Feld führen, um mit derart fadenscheinigen und irreführenden Aussagen auf Kundenfang zu gehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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Pharma-Studien: Firmengeld verzerrt Resultat

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Finanziert ein Pharmakonzern medizinische Studien zu einem seiner Wirkstoffe, fällt das Resultat für ihn vielfach günstiger aus als bei Studien mit anderer Geldquelle. Diese nicht völlig überraschende Erkenntnis wurde nun durch deutsche Forscher wissenschaftlich bestätigt. Ein Grund dafür sei, dass die Firmen die Studienprotokolle gezielt zu ihren Gunsten beeinflussten, schreiben die Wissenschaftler im «Deutschen Ärzteblatt» (Bd. 107, S. 279).

An der Analyse waren Experten der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in Berlin, Professor Wolf-Dieter Ludwig vom Helios-Klinikum in Berlin und Professor Klaus Lieb von der Universitätsmedizin in Mainz beteiligt. Sie werteten insgesamt 57 Publikationen zu dem Thema aus, die zwischen November 2002 und Dezember 2009 publiziert worden waren. Es handele sich vor allem um Untersuchungen, deren «ausdrückliches Ziel» es war, von Pharmafirmen finanzierte Studien mit unabhängig finanzierten zu vergleichen.

Quelle:
www.pharmazeutische-Zeitung.de


Kommentar & Ergänzung:
Welche Schlüsse folgen aus diesem Erkenntnissen?
Klar scheint mir, dass Hersteller-finanzierte Studien besonders kritisch unter die Lupe genommen werden müssen. Das gilt natürlich auch für Studien aus den Bereichen Komplementärmedizin oder Phytotherapie.
Keine Lösung wäre eine generelle Ablehnung von Studien als Mittel der Erkenntnisgewinnung.
Ohne qualitativ gute Studien lässt sich nämlich die Wirksamkeit von Heilmitteln nicht annähernd sicher beurteilen. Kommt es nach der Einnahme eines Heilmittels zu einer Besserung, so bleibt im Einzelfall unklar, worauf diese zurückzuführen ist: Placebo-Effekt? Spontane Besserung durch den normalen Verlauf der Krankheit? Wirkung des Heilmittels?
Die starke Abhängigkeit der Universitäten von Forschungsgeldern der Hersteller ist daher sehr problematisch (aber wohl politisch so gewollt).
Für die Phytotherapie ist dies ein wichtiges Thema. Während nämlich Heilmittel der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Arzneimittelbehörden aus politischen Gründen (gutes Lobbying) von jeglichem Wirksamkeitsnachweis befreit sind, müssen Phytopharmaka ihre Wirksamkeit in gleicher Weise mit Studien belegen wie synthetische Medikamente.
Die Phytotherapie ist daher auf qualitativ gute Studien angewiesen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Ständerat: Komplementärmedizin soll ins Medizinstudium

Sonntag, März 21st, 2010

Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktiker und Apotheker sollen angemessene Kenntnisse der Komplementärmedizin verfügen. Der Ständerat überwies eine entsprechende Motion. Der Bundesrat beabsichtigt, die Frage im revidierten Medizinalberufegesetz zu regeln.

Die Universitäten sollen Kurse anbieten, welche Grundkenntnisse in der Komplementärmedizin vermitteln, erläuterte Kommissionssprecher Felix Gutzwiller (FDP / ZH). Und er ergänzt, dass dabei schon einiges geschehen sei. Nur die Hochschule in Genf verfüge noch nicht über ein entsprechendes Angebot.

Die Angebote müssten indessen flächendeckend sein, sagte Ständerat Felix Gutzwiller zur Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Diese Motion sei Folge einer gleichlautenden parlamentarischen Initiative und soll zur Beschleunigung des Anliegens beitragen.

Ständerat Rolf Büttiker (FDP / SO) erinnerte an das deutliche Ja zur Initiative für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin am 17. Mai 2009. Die Motion verlange nur die Vermittlung von Basiswissen über Methoden, welche die Mehrheit der Bevölkerung wünsche. Denkbar sei eine obligatorische Basisausbildung von 30 bis 60 Stunden in einem Studium, präzisierte Rolf Büttiker.

Eugen David (CVP / SG) bemängelte, dass unter den Begriff Komplementärmedizin die verschiedensten Methoden fallen. An Universitäten sollten jedoch nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden.

Gesundheitsminister Didier Burkhalter erklärte sich zur Annahme der Motion bereit. Der Einwand Davids mache jedoch klar, dass das Thema komplex sei und seriöse Gesetzgebung brauche. Die Frage der Kenntnisse in Komplementärmedizin fliesse in die Revision des Medizinalberufegesetzes ein. Bis Ende 2010 sollte die Vernehmlassung zu dieser Revision beginnen, sagte Bundesrat Didier Burkhalter. Die Motion wurde vom Ständerat gut geheissen und geht nun an den Nationalrat.

Quelle:
http://www.bielertagblatt.ch/News/Schweiz/169235

Kommentar & Ergänzung:

Ein “Blumenstrauss” an Ständerat Eugen David (CVP, SG). Es scheint also tatsächlich Politiker zu geben, denen klar geworden ist, dass man nicht einfach pauschal und undifferenziert die verschiedenen Methoden der “Komplementärmedizin” in einen Topf schmeissen kann. Das ist erfreulich, herrscht doch bisher überwiegend die totale Pauschalisierung vor, wonach Komplementärmedizin einfach generell etwas Wunderbares ist. Wobei sehr bedauerlicherweise ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Grüne Partei (GPS) sich meiner Erfahrung nach im Bereich Komplementärmedizin durch einen besonders hohen Naivitäts-Pegel auszeichnen.

Zur Komplexität des Begriffs Komplementärmedizin siehe:
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/komplementaermedizin-ein-fragwuerdiger-begriff.html

Der Teufel steckt auch hier im Detail.

Ständerat Eugen David fordert, dass an Universitäten nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden sollten.
Das schliesst aber tendenziell Methoden der Komplementärmedizin schon aus. Die fünf zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie sind jedenfalls bei weitem nicht durchgängig als wissenschaftlich fundiert zu bezeichnen. Dies in deutlichem Gegensatz zu den fragwürdigen und auf Binnenkonsens beruhenden Schlussfolgerungen der sogenannten PEK-Studie, welche die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser fünf Methoden belegt haben will.

Zur Kritik an der PEK-Studie siehe:
Komplementärmedizin: Fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/06/24/komplementaermedizin-fragwuerdige-pek-studie-zur-wirksamkeit.html

Die Stimmberechtigten wurden meines Erachtens diesbezüglich im Vorfeld der Abstimmung vom 17. Mai durch sehr einseitige, realitätsferne bzw. zum Teil auch schlicht unwahre Aussagen bezüglich der wissenschaftlichen Fundiertheit der Komplementärmedizin getäuscht.

Siehe beispielsweise Statements von Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO):

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragen an Ständerat Büttiker
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/14/komplementaermedizin-abstimmung-fragen-an-staenderat-buettiker.html

Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/15/falschaussage-von-simonetta-sommaruga-zur-komplementaermedizin-abstimmung.html

Der Kernpunkt scheint mir hier zu sein, dass eine Methode, die wissenschaftlich fundiert ist, gar nicht mehr zur Komplementärmedizin gezählt wird, sondern zur “Schulmedizin” gehört.
Zur Problematik des Begriffs “Schulmedizin” siehe:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/03/schulmedizin-ein-fragwuerdiger-ausdruck.html

Fordert man wie offenbar Eugen David, dass von den fünf zur Diskussion stehenden Methoden der Komplementärmedizin (Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie) nur diejenigen an der Universität gelehrt werden, welche wissenschaftlich fundiert sind, dann steht die Phytotherapie zweifellos in der Pool-Position. Denn dass die Phytotherapie von den fünf mit Abstand am besten wissenschaftlich fundiert ist, wird wohl kaum von irgend jemandem ernstlich bestritten.

Aber auch hier wird die Situation komplex, sobald man genauer hinschaut:

Meiner Ansicht nach gibt es kein auch nur einigermassen überzeugendes Argument, weshalb Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen wäre. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode verkauft wird, hat mehr mit politischer Strategie und politischem Lobbying zu tun, kaum aber mit realen fachlichen Gründen.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Es sprechen viel mehr Argumente dafür, Phytotherapie als Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde zu sehen – eine Position, welche beispielsweise die “Interessengemeinschaft Phytotherapie & Pflege” (IGPP) einnimmt (www.ig-pp.ch).
Die IGPP setzt sich für die Integration von fundierten Heilpflanzen-Anwendungen in Spitex-Organisationen, Pflegeheime und Kliniken ein. Sie arbeitet damit schon vor und erst recht nach der Abstimmung vom 17. Mai unspektakulär an der oft geforderten und selten realisierten Verbindung von Medizin und Naturheilkunde. Voraussetzung für ein Gelingen dieser Zusammenarbeit ist neben phytotherapeutischer Professionalität vor allem auch eine kooperative Grundhaltung zum medizinischen System.

Eine Dokumentation zum Thema “Phytotherapie in der Pflege” finden Sie hier:
moodle.heilpflanzen-info.ch/mod/resource/view.php

P.S.:
Bei der Frage, ob und welche Art von Komplementärmedizin an der Universität gelehrt werden soll, müsste meines Erachtens die wissenschaftliche Fundiertheit nicht das einzige Kriterium sein. Zu fordern wäre darüber hinaus eine offene Diskussion über weltanschauliche und ethische Aspekte. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung.
Details siehe:

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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ZDF-Doku: Was ist Phytotherapie?

Donnerstag, März 18th, 2010

Phytotherapie wird von vielen Leuten immer noch verwechselt und in einen Topf geschmissen mit Homöopathie, Bachblüten, Spagyrik oder ähnlichen Methoden.

Dabei unterscheiden sich die theoretischen Grundlagen, die Weltbilder und der Forschungsstand dieser Verfahren fundamental. Längst nicht alle Naturheilmittel aus Heilpflanzen zählen zur Phytotherapie.
Nur wer differenzieren kann ist auch in der Lage, eine fundierte Wahl zu treffen.

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) brachte am 20. September 2009 unter “Doku Gesundheitsthemen” einen Bericht über die moderne Phytotherapie.
Als Expertin Auskunft gibt Prof. Karin Kraft vom Lehrstuhl für Naturheilkunde in Rostock, eine ausgewiesene Kennerin der Phytotherapie.

Die Sendung ist in sechs Teilen auf youtube veröffentlicht worden.
Hier die Links und eine kurze Beschreibung des Inhalts.

Moderne Phytotherapie Teil 1:
www.youtube.com/watch

Beinwell (Wallwurz) bei Verstauchungen, Knochenbrüchen, Gelenkerkrankungen,
Prellungen, Zerrungen.
Johanniskraut als wirksames Antidepressivum.
Heilpflanzen-Anbau (Johanniskraut, Brennessel).
Herstellung von Heilpflanzen-Präparaten.

Moderne Phytotherapie Teil 2:
www.youtube.com/watch

Anbau von Sonnenhut (Echinacea).
Weissdorn bei Herzbeschwerden und Herzschwäche.
Weissdorn-Versuchsplantage.

Moderne Phytotherapie Teil 3:
www.youtube.com/watch

Weissdorn-Versuchsplantage.
Weissdorn bei leichten Formen der Herzinsuffizienz und leichten Formen von Herzrhythmusstörungen.
Interview mit Dr. Axel Bolland, Arzt für Balneologie und Naturheilkunde.
Wert des Sammelns von Heilpflanzen.
Wiesengeissbart (Mädesüss), Holunder.

Moderne Phytotherapie Teil 4:
www.youtube.com/watch

Holunder gegen Erkältungskrankheiten und Fieber.
Kamille zur Wundheilung, gegen Magen-Darm-Beschwerden.
Brombeerblätter gegen leichte Durchfälle, Entzündungen im Mund.
Zitate aus den Schriften Hildegard von Bingen‘s.
Johanniskraut-Analyse.

Moderne Phytotherapie Teil 5:
www.youtube.com/watch

Johanniskraut-Analyse.
Johanniskraut bei schwerer bis mittelschwerer Depression gut belegt nach Aussage von Prof. Karin Kraft.
Kamillenblüten (Anbau).
Ginkgo-Anbau, Heilpflanzen-Forschung.
Löwenzahn.

Moderne Phytotherapie 6
www.youtube.com/watch

Heilpflanzen-Forschung, Lavendelöl, Heilpflanzen-Sammeln,
Kamillen-Dampfinhalation,
Baldrian, Melisse, Hopfen für Beruhigungsbad.
Zwiebel bei Insektenstichen.
Pflanzenmedizin fördert Verlangsamung, Zuwendung, Achtsamkeit.

Kommentar & Ergänzung:

Für Phytotherapie-Fachleute bietet die Sendung wohl kaum neue Erkenntnisse.

Für Laien gibt sie aber einen guten Einblick in die verschiedensten Bereiche der Phytotherapie. Der Heilpflanzen-Anbau, die Heilpflanzen-Forschung, die Produktion von Arzneimitteln aus Heilpflanzen und verschiedene Anwendungsbereiche werden vorgestellt.

Darüber hinaus zeigt der Film aber auch, dass die Auseinandersetzung mit der Pflanzenheilkunde die Beziehung zur Natur stärken und die Eigenkompetenz der Menschen fördern kann. Diese wichtigen Vorzüge sollten meiner Ansicht nach erhalten und gepflegt werden. Falls Sie Heilpflanzen auf Exkursionen kennenlernen oder ihr Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen vertiefen wollen, dann schauen Sie doch einmal in meinen Kurskalender:
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Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Samstag, Januar 30th, 2010

Der Begriff “Komplementärmedizin” wird seit einiger Zeit ziemlich inflationär und unreflektiert verwendet. Es wäre meines Erachtens jedenfalls an der Zeit, über diesen Ausdruck genauer nachzudenken.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei der “Komplementärmedizin” einfach um Methoden, welche die “Schulmedizin” ergänzen sollen. Kratzt man ein bisschen an dieser Oberfläche, wird das Bild sogleich komplexer.

Die kritischen Fragen an den Begriff “Komplementärmedizin” hat meiner Ansicht nach Prof. Malte Bühring bereits 1999 aufgeworfen. In einem Editorial der Zeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” schreibt der Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin:

“Auch als Mitglied der Schriftleitung habe ich nie verhehlt, dass ich
dem Titel dieser Zeitschrift, nämlich dem Ausdruck «Komple-
mentärmedizin», kritisch gegenüberstehe, ich selbst hätte ihn nicht
gewählt. Komplementär sagt mir auf der einen Seite zu viel – teil-
weise auch etwas Falsches – auf der anderen Seite zu wenig……
Was habe ich gegen «komplementär»? Sehr einfach könnte man es
mit «sich gegenseitig ergänzend» übersetzen, zu einem Ergänzen
bedarf es aber mindestens zweier Akteure. Den einen Part, näm-
lich den, der ein Ergänzen zulässt, müsste ja wohl die sog. Schul-
medizin spielen. Bei dieser ist Komplementärmedizin eine unge-
liebte Braut, hier sollen wir uns und unserem Publikum nichts vor-
machen. Komplementär signalisiert einen Anspruch, der nicht zu
halten ist, an dieser Stelle sagt mir der Ausdruck zu viel.
Tatsächlich hat komplementär in diesem Zusammenhang einen ne-
gativen Bedeutungswandel erfahren. Komplementär bezeichnet
den Aussenseiter, ähnlich wie «alternativ» in der alternativen Me-
dizin. Mit alternativ wird nicht ein zusätzliches, allgemein aner-
kanntes therapeutisches Angebot neben anderen Behandlungsme-
thoden bezeichnet, sondern ebenfalls die Tatsache des Aussensei-
ters. Niemand mag sein Verfahren so bezeichnen.

Vor allem leistet «komplementär» keinen Beitrag zu einer weite-
ren Differenzierung unter den vielen Methoden ausserhalb der
medizinischen «Schule» – hier sagt mir der Ausdruck zu wenig.
Er signalisiert ein Laisser-faire und eine Beliebigkeit, die nieman-
dem nutzt. Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.
Ähnliches geschieht jetzt in der offiziellen Gesundheitspolitik, hier
werden die klassischen Naturheilverfahren zusammen mit den
«komplementären» bzw. den «alternativen» Methoden unter
«Unkonventionelle Medizinische Richtungen» (UMR) abgehan-
delt. Ich wehre mich dagegen.”

(Forschende Komplementärmedizin 1999;6:125-126)

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat legt meines Erachtens den Finger genau auf die zwei zentralen problematischen Bereiche.

1. Der Begriff “Komplementärmedizin” verspricht zuviel.

Komplementärmedizin ist für die “Schulmedizin” immer noch eine weitgehend ungeliebte Braut. Die Gründe dafür müssten genauer unter die Lupe genommen werden. Meiner Ansicht nach macht es sich ein grosser Teil der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin zu einfach, wenn als Ursache für diese “Verschmähung” ausschliesslich Borniertheit seitens der “Schulmedizin” angenommen wird.

Meiner Überzeugung nach muss die Komplementärmedizin die eigenen blinden Flecken anschauen, wenn sie als Braut attraktiver oder auch nur genehmer werden will. Dazu gehören zum Beispiel Heilslehren, dogmatische Systeme und Gurutum, die in weiten Bereichen der Komplementärmedizin verbreitet sind. Diese Bereiche werden meines Erachtens nie kompatibel sein mit dem medizinischen System. Hier braucht es sehr viel mehr kritische Auseinandersetzung und Klärung innerhalb der Komplementärmedizin.

Statt dessen versucht die Komplementärmedizin die Anerkennung als “Braut” auf politischem Weg zu erzwingen. Kern dieses Versuches war die Volksabstimmung vom 17. Mai 2009 und ist jetzt die politische Umsetzung des Ergebnisses. Meiner Ansicht nach spricht sehr viel dafür, dass dieses Bestreben scheitern wird. Naturheilkunde und insbesondere die Homöopathie wurden schon einmal massiv politisch gefördert – im Nationalsozialismus. Ziel war damals die Vereinigung von Naturheilkunde und Schulmedizin zur Neuen Deutschen Heilkunde. Es wurden zahlreiche homöopathischen Krankenhäuser aufgebaut und grosse Summen aufgewendet insbesondere für die Erforschung der Homöopathie, aber auch der “Schüssler Salze” (Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau). Dieses Projekt erlitt vollkommenen Schiffbruch.
Wer an ausführlicheren Informationen über die unheilsame Verbindung von Naturheilkunde & Nationalsozialismus interessiert ist, dem bzw. der empfehle ich mein Tagesseminar:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php.

2. Der Begriff “Komplementärmedizin” sagt zuwenig aus. Sehr zu recht kritisiert Prof. Malte Bühring meines Erachtens die Beliebigkeit und die mangelnde Differenzierung, die mit dem Begriff “Komplementärmedizin” einher geht. Im “Päckli” Komplementärmedizin sind ausserordentlich unterschiedliche Theorien und Weltbilder enthalten. Nötig wäre hier eine sorgfältige Differenzierung und eine offene Auseinandersetzung darüber, welche Art von Komplementärmedizin wir denn eigentlich wollen. Ich halte es hier gerne mit einer Aussage von Bruno Kesseli, dem Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung. Er schrieb in der Ausgabe 2006;87: 3):

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen verbreitet zu sein.”

Die Komplementärmedizin-Lobby hat rund um die Abstimmung vom 17. Mai ein Päckli mit den fünf Methoden Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie geschürt, ohne dass die politischen Parteien sich mit dem Inhalt differenziert auseinandergesetzt haben.
Auf dieses Päckli trifft meines Erachtens genau die folgende Aussage von Prof. Malte Bühring zu:

“Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.”

Meiner Ansicht nach wäre es die Pflicht der Politikerinnen und Politiker, dieses 5er-Päckli aufzuschnüren und differenziert zu betrachten.

Fachlich gesehen ist es schon einmal sehr fraglich, ob Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen ist.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Ausserdem wäre m. E. eine offene Diskussion über weltanschaulichen Aspekte nötig. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung. Details siehe:
Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Wenn nun Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium eingebaut und via Grundversicherung bezahlt werden soll, braucht es meines Erachtens eine offene Diskussion darüber, ob wir eine solche Remoralisierung wollen.
Auf der politischen Ebene sind es (leider!) ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS), welche am undifferenziertesten mit dem Thema Komplementärmedizin umgehen. SPS und GPS zeigen in diesem Bereich eine gehörige Portion an Beliebigkeit und Populismus. Ich würde von diesen Parteien eine differenziertere Betrachtung erwarten entsprechend dem Zitat von Bruno Kesseli. SPS und GPS treten nämlich bisher so auf, als ob alle (Komplementärmedizin-) Pilze essbar wären. Das scheint mir sehr naiv.

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

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Beda Stadler und die Komplementärmedizin – ein Lehrstück für Schwarz-Weiss-Malerei

Mittwoch, Januar 6th, 2010

Wo immer es um Kritik an der Komplementärmedizin geht, ist Prof. Beda Stadler zur Stelle. Kein Wunder, entwickelte er sich mit den Jahren zum Buhmann der “Szene”. Dazu trägt er allerdings selber nicht unwesentlich bei – unter anderem mit seiner unverhohlenen Lust an der Provokation. Für die Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin ist Beda Stadler aus zwei Gründen ein Geschenk des Himmels:

Erstens weil er kaum genauere Kenntnisse aus dem Bereich Komplementärmedizin zu haben scheint. Er kann daher wohl nur pauschal und grob mit dem Zweihänder fechten. Weil Stadler nur selten präzise Argumente bringt, fallen die argumentativen Schwächen der Komplementärmedizin kaum auf.

Zweitens vertritt Beda Stadler den Standpunkt der Wissenschaft bodenlos schlecht. Wissenschaft ist in ihrem Kern eigentlich eine eher bescheidene Veranstaltung, die sich der Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse und der vielen noch offenen Fragen bewusst ist. Diese differenzierte Haltung wird aber beim Polterer Beda Stadler leider kaum sichtbar. Insofern ist Beda Stadler ein Traumgegner für Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin. Beda Stadler macht es ihnen ausgesprochen leicht, ihn in ein feindliches Lager zu stellen oder in die Abteilung für Skurrilitäten.

Beda Stadler bedient alle Klischees perfekt, aus denen sich das Feindbild “Wissenschaft” zusammensetzt.
So braucht man sich nicht wirklich mit ihm auseinanderzusetzen. Das ist schade, denn oft sind seine Anmerkungen durchaus bedenkenswert.
Verpackt in ständige Provokationen und einen oft verletzenden Diskussionsstil kommen allerdings auch bedenkenswerte Argumente kaum an. Selbst bei dafür offenen Personen.

Aber auch das Anti-Stadler-Lager agiert meines Erachtens oft plump und verwendet fragwürdige Argumente. Zum Beispiel wenn Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, über Beda Stadler sagt:

“Ausserdem missachtet er die Volksmeinung, die will nämlich die Homöopathie» (Weltwoche 23 / 2005).

Erstens ist die “Volksmeinung” betreffend Homöopathie meines Wissens nicht geklärt.
Auch nicht nach der Abstimmung vom 17. Mai 2009, die sehr pauschal die Förderung der Komplementärmedizin in die Verfassung schrieb.

Und zweitens wäre zu fragen: Wenn die “Volksmeinung” einmal festgelegt ist (und wer legt die hier fest?), wird dann jede Widerrede eine Missachtung dieser “Volksmeinung”?
Mir schaudert vor dieser Vorstellung. Ich halte sie für totalitär.

Selbst wenn 99,999 % der Bevölkerung für die Homöopathie votieren würden, dürfte Beda Stadler immer noch dagegen sein.

Niemand muss die “Volksmeinung” beachten, indem er oder sie keine gegensätzliche Meinung mehr vertritt.

Die SVP wird ja manchmal kritisiert, weil sie das “Volk” quasi für sich pachte und betupft reagiere, wenn nach gewonnener Volksabstimmung immer noch gegenteilige Meinungen vertreten werden. Das “Volk” soll quasi das letzte und endgültige Wort sprechen. Ein solch überhöhter und verabsolutierter Volksbegriff führt leicht dazu, dass Widerspruch und Gegenpositionen vereinnahmt werden. Ein monolytisches “Volk” in diesem Sinne gibt es aber nicht.
Wenn Jacqueline Bachmann Beda Stadler Missachtung der Volksmeinung vorwirft, dann halte ich das genauso für eine sehr problematische Argumentation.

Zudem ist die “Volksmeinung” nicht von vorneherein einfach ein Gütesiegel. Es müssten dabei immer auch die zugrunde liegenden Bedürfnisse, Interessenlagen, Marketing- und Lobbyingstrategien angeschaut und diskutiert werden. Das gilt selbstverständlich auch für die Komplementärmedizin.

In der selben Weltwoche warfen Peter Heusser (Anthroposophische Medizin) und André Thurneysen (Homöopathie) Beda Stadler vor: «Er verweigert sich wissenschaftlichen Studien, die seine Meinung nicht bestätigen».

Ob dieser Vorwurf zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Mir scheint nur, dass ein solches Vorgehen bei Vertreterinnen und Vertreter von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auch nicht gerade selten zu beobachten ist: Jeder noch so kleine Hinweis auf eine Wirksamkeit der eigenen Methoden wird triumphierend präsentiert, während Studien mit negativem Ergebnis diffamiert oder ignoriert werden. Diese Art der verzerrten Darstellung schädigt meiner Ansicht nach die Glaubwürdigkeit der Komplementärmedizin.

Nötig wäre meines Erachtens eine differenziertere Argumentation in beiden Lagern – bei den Kritikern und bei den Anhängern der Komplementärmedizin. Das wäre ein erster Schritt weg vom Schwarz-Weiss-Denken.
Schwarz-weiss-gemalt wird nämlich oft von beiden Seiten.

Ich halte es gerne mit einem Zitat von Bruno Kesseli, Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87:3):

“Komplementärmedizin…als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt
aus meiner Sicht etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären.”

Es geht darum, über Unterschiede innerhalb des weitläufigen Feldes der Komplementärmedizin zu diskutieren und nicht alles in den selben Topf zu schmeissen..

Es geht um Differenzierung anstelle einer pauschalen Haltung von Gut-oder-Böse.
Es geht um kritische Auseinandersetzung anstelle von simpler Diffamierung.

Das erwarte ich auch von Politikerinnen und Politikern – bisher jedoch mehrheitlich vergeblich.

Dumm ist allerdings, dass die Medien holzschnittartige, grobe Auseinandersetzungen vorziehen und differenziert-reflektierende Haltungen darum oft etwas untergehen.
Deshalb braucht es möglichst viele Menschen, die sich ausserhalb der Lager von “Schulmedizin” bzw. “Komplementärmedizin” positionieren und von beiden Lagern eine differenzierte Argumentation einfordern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Laborstudie mit negativem Ergebnis für Homöopathie

Samstag, November 28th, 2009

Homöopathisch aufbereitetes Atropinsulfat zeigt keine nachweisbaren Wirkungen auf die Kontraktionsfähigkeit des Rattendarms. Dies ist das Resultat einer Studie, welche mit Förder-
mitteln der Karl und Veronica Carstens-Stiftung am Institut für Veterinär-Physiologie der FU Berlin durchgeführt wurde.

Professor Holger Martens und Dr. Christiane Siegling-Vlitakis konnten damit die aufsehenerregenden Resultate einer Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2004 nicht bestätigen. Seinerzeit wurde beobachtet, dass
selbst homöopathische Hochpotenzen noch Effekte am isolierten Rattendarm auslösen.

In ihren Experimenten verwendeten die Berliner Wissenschaftler ein in der Tierphysiologie bekanntes Standardmodell, in dem verschiedene Segmente des Ileums (Dünndarm) von Ratten in eine Messvorrichtung gespannt und mit Acetylcholin angeregt werden. Dadurch kommt es zu einer Kontraktion des
Darmes.

Die Hypothese der Wissenschaftler: die Stärke der ausgelösten Kontraktion verändert sich, wenn in die umgebende Nährlösung homöopathisch aufbereitetes Atropinsulfat gegeben wird. Atropinsulfat wird aus der Pflanze Atropa belladonna (Tollkirsche) gewonnen; Belladonna ist ein in der Homöopathie weit verbreitetes Arzneimittel. Eine signifikante Veränderung der Reaktion des Rattendarms konnten die Forscher im Vergleich zu den Kontrollen nicht feststellen.

Publiziert wurden die Resultate nun in der Oktober-Ausgabe (Jg. 15 (10), 2009) der Zeitschrift
Journal of Alternative and Complementary Medicine.

Quelle: www.carstens-stiftung.de
Zur Originalpublikation:
http://www.liebertonline.com/doi/abs/10.1089/acm.2008.0614

Kommentar & Ergänzung:

Die “Karl und Veronica Carstens-Stiftung” steht der Naturheilkunde und der Homöopathie nahe und fördert die Forschung sowie den wissenschaftlichen und ärztlichen Nachwuchs in diesen Bereichen. Das langfristige Ziel der Carstens-Stiftung ist die Integration der Komplementärmedizin in Forschung und Lehre der Hochschulmedizin. Es ist sehr wertvoll, dass die Carstens-Stiftung die Forschungsarbeit von Martens & Siegling unterstützt hat, weil damit eine problematische Geschichte geklärt werden konnte: Die angebliche Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Belladonna-Verdünnungen durch eine Leipziger Forschergruppe im Jahr 2003.

Um die Bedeutung der jetzt abgeschlossenen Studie aus Berlin zu verstehen, muss man allerdings die Vorgeschichte kennen:

Im Jahre 2003 erregte eine Forschergruppe der Universität Leipzig (die Apothekerin Franziska Schmidt sowie die Pharmakologen Prof. Dr. Karen Nieber und Prof. Dr. Wolfgang Süß) mit dem vermeintlichen Nachweis der Wirksamkeit homöopathischer Belladonna-Verdünnungen Aufsehen. Ihnen war es angeblich gelungen, die muskelentspannende Wirkung homöopathischer Belladonna-Dosen (D32, D60 und D100) an Muskelpräparaten aus Magen und Dünndarm von Ratten in Laborexperimenten nachzuweisen.

Noch vor der Veröffentlichung ihrer Resultate in der Zeitschrift ”Biologische Medizin” bekamen sie 2003 für Ihre Arbeit den mit 10.000 Euro dotierten, von der Internationalen Gesellschaft für Homotoxikologie e.V. und der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin e.V. verliehenen Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis; mit diesem Preis werden herausragende Forschungsresultate im Bereich der Homöopathie ausgezeichnet. Die Ergebnisse der Leipziger Experimente wurden daraufhin von Homöopathen weltweit als wichtiger Beweis für die Richtigkeit der Homöopathie gefeiert.

Nach Publikation der Studie wurde allerdings Kritik laut. Der Konstanzer Chemiker Dr. Klaus Keck, der Mathematiker Professor Gerhard Bruhn (Darmstadt) und der Geophysiker Professor Erhard Wielandt (Stuttgart) erstellten eine ausführliche Analyse der Leipziger Experimente und publizierten diese auf einer eigenen Webseite.

Die Autoren warfen den Leipziger Wissenschaftlern vor, dass ihre Resultate nicht auf objektiven Messungen, sondern auf ”vorurteils- und methodisch bedingten Messfehlern” beruhten. Dabei war hauptsächlich von Interesse, ob mit den von den Leipziger Wissenschaftlern angewandten Methoden ein Wirkungsnachweis mit naturwissenschaftlich fundierter Begründung möglich ist. Eine kompakte Version dieser Analyse wurde im Heft 3/2005 der Zeitschrift Skeptiker publiziert.

Am 3.11. 2005 berichtete die Deutsche Apothekerzeitung, dass die Leipziger Pharmakologen die Studie zurückgezogen und den Reckeweg-Preis zurückgegeben haben. Offenbar sind bei den Experimenten in Leipzig gravierende Fehler gemacht worden. Diese Feststellung wird nun auch durch die Studie von Martens & Siegling bekräftigt.

Damit hat sich wieder eine vermeintliche Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Hochpotenzen zerschlagen.

Wer daraus nun folgert, dass Homöopathie als Behandlung in jedem Fall wirkungslos ist, macht es sich allerdings meines Erachtens zu einfach.
Es gibt immer wieder Menschen, die bei gewissen Krankheiten durch eine homöopathische Behandlung Linderung verspüren.
Sehr offen ist aber immer noch die Frage, ob solche Linderungen mit dem homöopathischen Heilmittel zusammenhängen. Studien mit Patienten jedenfalls sprechen in ihrer grossen Mehrzahl gegen einen Effekt der homöopathischen Arznei, welcher über einen Placebo-Effekt hinausgeht – auch wenn die Studie den Regeln der Homöopathie genügt.

Fasst man die verschiedenen Bereiche der Homöopathie-Forschung zusammen, spricht meiner Ansicht nach viel dafür, dass es eher der therapeutische Kontext ist, welcher für solche Heilerfolge der Homöopathie verantwortlich ist.
Zudem sind die theoretischen Erklärungen zur Wirkungsweise der Homöopathie meiner Ansicht nach alles andere als plausibel.

Damit lassen sich aber natürlich positive Erfahrungen mit der Homöopathie nicht von Tisch wischen. Es stellt sich nur die Frage, ob diese positiven Erfahrungen konkret mit den eingenommenen Globuli zusammenhängen, oder ob der therapeutische Kontext und / oder die Selbstheilungskräfte des Organismus dafür verantwortlich sind.

Am problematischsten scheint mir allerdings, dass ein nicht geringer Teil der Homöopathinnen und Homöopathen den Zuständigkeitsbereich der Homöopathie sehr umfassend und praktisch grenzenlos sieht. Die Homöopathie hat aber ganz deutlich ihre Grenzen und wo dies übersehen wird, avanciert sie zu einer Art Heilslehre – mit unübersehbarem Risikopotential für Patientinnen und Patienten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sozialdemokratische Partei (SPS) & Komplementärmedizin-Forschung: Widersprüche und selektive Wissenschaftsgläubigkeit

Mittwoch, November 11th, 2009

Von allen politischen Parteien zeigt meines Erachtens die SPS im Umgang mit dem Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin – leider – die undifferenzierteste Position und das ausgeprägteste Schwarz-Weiss-Denken.

Das zeigt sich auch in den Forderungen der Sozialdemokratischen Partei nach verstärkter wissenschaftlicher Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Fragwürdig ist allerdings nicht diese Forderung an sich, sondern die Art und Weise, in der sie gestellt wird.

Da verlangt zum Beispiel SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga im SP Pressedienst vom 31. März. 2009:

“Und es muss zwingend mehr wissenschaftliche Forschung an den Universitäten und Fachhochschulen betrieben werden können, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann.”

Die selbe Simonetta Sommaruga sagt einige Tage später, in der Tagesschau vom 9. April 2009, 19.30 Uhr:

“Wenn Bundesrat Couchepin aber die Zulassungsverfahren korrekt anwendet und umsetzt und unvoreingenommen prüft, dann gehe ich heute davon aus, dass die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung zugelassen werden, weil sie nämlich wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind, das haben alle wissenschaftlichen Studien gezeigt.”

Das ist ja wahnsinnig schnell gegangen mit dem wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit….

Wenn alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der fünf zu Diskussion stehenden Komplementärmedizin-Methoden zeigen, wozu braucht es dann noch “zwingend” mehr wissenschaftliche Forschung, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann?

Nun, dieser Widerspruch lässt sich leicht auflösen:
Die Aussage von SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga, dass alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der fünf Komplementärmedizin-Methoden zeigen, ist schlicht und einfach nicht wahr.

Siehe dazu auch:
Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung

Vor allem dass “alle” wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit (und Zweckmässigkeit) zeigen, scheint mir eine krasse Verzerrung.

Aber schauen wir uns doch einmal die andere Aussage von Simonetta Sommaruga genauer an:

“Und es muss zwingend mehr wissenschaftliche Forschung an den Universitäten und Fachhochschulen betrieben werden können, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann.”

Wissenschaftliche Forschung sollte ergebnisoffen sein. Der Wissenschaft quasi einen Auftrag zu erteilen, der das Ergebnis schon vorspurt, ist ein sehr fragwürdiges Unterfangen. Wenn die Politik von der Wissenschaft Ergebnisse verlangt, um die eigenen Positionen zu untermauern, kommt das nicht gut heraus. Und diese Tendenz steckt meiner Ansicht nach in der Aussage von Simonetta Sommaruga.

Zudem scheint mir, dass Simonetta Sommaruga die bisherige Forschung gar nicht zur Kenntnis nimmt. Wie sonst könnte sie behaupten, dass alle Studien die Wirksamkeit der Komplementärmedizin zeigen.

Für einen ausgesprochen selektive Umgang mit der Forschungssituation spricht auch, dass SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga als Beleg für die Wirksamkeit der Komplementärmedizin die Studie von Heiner Frei heranzieht, welche der Homöopathie eine Wirksamkeit in der Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADHS) zuschrieb (SF Sendung Arena vom 24. 4. 2009).

Im ähnlichen Sinn sagte SP-Nationalrätin Bea Heim (SO) bereits am 19. Sept. 2007 im Nationalrat:
“Der Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie ist erbracht:
Nehmen Sie die Studie der Universität Bern über den Ein-
satz von Homöopathie bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefi-
zitsyndrom, eine Studie nach den Prinzipien der «evidence-
based medicine».”

Selektive Studiengläubigkeit

Solche Aussagen zeigen meinem Eindruck nach eine sehr fragwürdige Studiengläubigkeit. Offenbar blind geglaubt wird genau jener Studie, welche die eigene Überzeugung stützt. Wir scheinen es hier also mit einer selektiven Studiengläubigkeit bzw. einer selektiven Wissenschaftsgläubigkeit zu tun zu haben.

Eine Studie zeigt aber nicht einfach die Wahrheit. Sie kann nicht einfach die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen. Studien sagen nicht direkt, wie es ist. Sie müssen interpretiert und bewertet werden. Es gibt immer auch falsch-positive und falsch-negative Studien, zum Beispiel wegen statistischer Ausreisser, vor allem bei Studien mit wenig Teilnehmenden (wie bei der Studie Frei).

Studien sind fehleranfällig, sonst gäbe es keine widersprüchlichen Ergebnisse.
In der Studie von H. Frei zeigte sich bei Kindern mit ADHS offenbar nach ziemlich langer Behandlungdauer ein (schwacher) Vorteil der homöopathischen Behandlung gegenüber Placebo. Die Studie entspricht wissenschaftlichen Kriterien (randomisiert-doppelblind) und der homöopathischen Forderung nach Individualisierung. Sie ist daher ernst zu nehmen.

Ein sorgfältiger Umgang mit Studien, der diese nicht einfach für die eigene Position instrumentalisiert, würde sich aber auch mit der Kritik auseinandersetzen, die gegen sie vorgebracht wird. Zum Beispiel bei der “Frei-Studie” die Einwände von Prof. Dr. med. Götz-Erik Trott – FA f. Kinder- u. Jugendpsychiatrie u.f. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie:

“Open-label-Phase unbegrenzter Dauer; im Schnitt 5,1 Monate (1-18 Monate!), Nur Responder wurden in die Studie aufgenommen (50% Besserung im CGI unter Homöopatika), Komorbiditäten wurden nicht erfasst, keine Untersuchung durch einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Eltern wussten, dass es sich um eine homöopathische Behandlung handelt, Carry-Over-Effekte wurden nicht berücksichtigt, auch unter Placebo fanden sich signifikante Effekte (p=0,04).”

(Quelle: http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Kinder_Jugendpsychiatrie/Praesentationen/Trott_Psypharm_0908.pdf)

Kritisiert wurde auch, dass nur die Eltern, die von der Homöopathie überzeugt sind, befragt wurden, nicht aber im Verlauf die betroffenen Kinder und Lehrer (Coulter MK, Dean ME, The Cochran library 2007, Issue 4, Wiley&Sons).

Wenn man nur schon zur Kenntnis nehmen würde, dass es fachlich ernsthafte Kritik gibt an dieser Studie, würde man kaum derart plump gerade und einzig mit dieser Studie winken, welche die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen soll.

Ein sorgfältiger Umgang mit dieser Studie würde auch bedeuten, die Übersichtsstudie zur Kenntnis zu nehmen, welche nach Auswertung von vier Studien zu ADHS-Behandlung mit Homöopathie (incl. Studie von H. Frei) den Schluss zog, dass daraus keine signifikanter Effekt auf die Kernsymptomatik der ADHS sowie auf begleitende Störungen wie Angststörungen etc. festzustellen sei.
Siehe: http://www.sfg-adhs.ch/downloads/adhsaktuell15.pdf

Man muss meines Erachtens diese Kritik nicht teilen, aber sie mindestens zur Kenntnis zu nehmen wäre angemessen.

Zur Kenntnis nehmen müsste man meiner Ansicht nach auch, dass es eine grosse Anzahl von Studien gibt, die wie die Studie Frei wissenschaftlichen und homöopathischen Kriterien entsprechen und keinen über Placebo hinausgehenden Effekt der Homöopathie zeigen konnten. Es scheint mir einfach eine Frage der Redlichkeit, kritische Einwände und gegensätzliche Resultate auch ernst zu nehmen und nicht nur selektiv jene Ergebnisse, welche die eigene Überzeugung stützen.
Gerade bei der Forschung zur Homöopathie und zur Anthroposophischen Medizin ist die Lage gar nicht so klar und eindeutig, wie die SPS das darstellt. Im Gegenteil – es gibt Fragezeichen noch und noch.
Warum blendet die SPS diese Seite komplet aus?

Die total einseitige Rezeption und Darstellung der Forschung durch die SPS macht mir einen ziemlich fundamentalistischen Eindruck. Und dass nun “zwingend” die Wirksamkeit der Komplementärmedizin nachgewiesen werden soll, verstärkt diesen Eindruck noch.

Was soll dann nach Ansicht der SPS geschehen mit negativen Ergebnissen? Weiterhin ausblenden und noch mehr Forschung verlangen? – Nur schon die Vorstellung, man könne pauschal die Wirksamkeit der Komplementärmedizin beweisen, scheint mir sehr realitätsfremd. In der Phytotherapie jedenfalls, in der ich mich auskenne, gibt es regelmässig positive und negative Forschungsergebnisse für einzelne Heilpflanzen. Ich kann mir schlecht vorstellen, auf welche Art pauschal die Wirksamkeit der Phytotherapie belegt werden soll. Aber die SPS verspricht so etwas – sie behauptet sogar, dass dies bereits geschehen sei.

Und die Anthroposophische Medizin zum Beispiel basiert auf der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in früheren Leben bedingt sind. Daraus folgen auf der therapeutischen Ebene Bemühungen um eine Verbesserung dieser Karma-Probleme. Es würde mich sehr interessieren, wie die SPS sich das genau vorstellt, wenn “zwingend” mehr Forschung stattfinden soll zum Nachweis der Wirksamkeit dieser “Karmaoptimierung”.

Mehr dazu:
Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Aber wahrscheinlich wird dieser religiöse Kern der Anthroposophischen Medizin schon zum Vorneherein ausgeklammert, wenn es um Forschung geht, und man versucht Belege zu finden in Randgebieten, die solcher Forschung zugänglicher sind. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn die Forschungslage differenziert und transparent dargestellt würde. Wenn man aber wie die SPS vollmundig und pauschal verkündet, dass alle Studien die Wirksamkeit generell zeigen, und damit implizit auch eine Aussage über die Karmatheorie macht, scheint mir das eine massive Verzerrung.

Obwohl ich mich der Naturheilkunde zugehörig fühle, verzichte ich gerne auf diese Art politischer Unterstützung, die auf Falschaussagen, hoch selektiver Darstellung von Sachverhalten und fundamentalistischen Tendenzen basiert. Diese Art der Unterstützung wirkt sich meines Erachtens negativ aus auf die Entwicklung von Komplementärmedizin und Naturheilkunde.

Ein weiterer Widerspruch soll hier noch angefügt werden:
Die Sozialdemokratische Partei fordert einerseits “zwingend” mehr Forschung, damit die Wirksamkeit der Komplementärmedizin bewiesen werden kann.
Andererseits setzt sich die SPS dafür ein, dass bestimmte Gruppen von komplementärmedizinischen Heilmitteln bevorzugt werden, indem sie von jeglichem Nachweis ihrer Wirksamkeit befreit sein sollen (bzw. bleiben sollen).

Siehe dazu auch:
Sozialdemokratische Partei & Komplementärmedizin: Heimatschutz auch für unseriöse Naturheilmittel?

Der Widerspruch liegt hier darin, dass Hersteller komplementärmedizinischer Produkte, die keine Wirksamkeit dokumentieren müssen, auch kein grosses Interesse an Forschung haben werden. Wozu forschen, wenn doch die Zulassung auch ohne diesen Aufwand erhältlich ist. Dann steckt eine Unternehmungsleitung das Geld sinnvoller in die Werbung.

Prof. Rudolf Bauer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz, einer der profiliertesten Arzneipflanzenforscher, schreibt unter dem Titel “Arzneipflanzenforschung – quo vadis?” zu dieser Problematik:

“Für jedes zugelassene Arzneimittel muss der Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erbracht werden. Dies gilt auch für pflanzliche Arzneimittel, auch wenn teilweise wegen der langen Erfahrung diese hohen Hürden als nicht nötig erachtet wurden. Rückblickend betrachtet, haben diese gesetzlichen Anforderungen die Arzneipflanzenforschung sicherlich stimuliert…
Die Entwicklung, dass auf europäischer Ebene vor allem die Zulassung ,traditioneller‘ Arzneimittel mit ,weichen‘ Indikationen vorangetrieben wird, und die zunehmende Tendenz, dass pflanzliche Präparate als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gebracht werden, lassen die Befürchtung aufkommen, dass durch den Wegfall des gesetzlichen Drucks in Zukunft weniger in die Forschung investiert wird.”

Quelle: http://www.infektionsnetz.ch/frame.php?frame=http%3A//www.infektionsnetz.ch/stage/networkcenter.php%3Fnw%3D13%26cat%3D0%26table%3Darticle%26view%3Darticle%26id%3D10307
Auf universimed / Phytoforum, 27. 6. 2005

Es ist genau diese für die Forschung sehr fragwürdige Entwicklung, welche die Sozialdemokratische Partei voran treiben will.

Ihre Forderung, es müsse mehr geforscht werden im Bereich Komplementärmedizin, sabotiert die SPS also gleich selber, indem sie die Hersteller vom Forschungsaufwand befreit.

Oder stellt sich die SPS vor, dass der ganze Forschungsaufwand zu Lasten des Staates geht? Wenn die Forschung dadurch firmenunabhängiger wird, wäre das ja gar nicht so schlecht, braucht aber sehr viel Geld.

Allerdings könnte dieser “Schuss” auch hinten hinaus gehen. In den USA pumpte der Staat seit 1999 über das National Center of Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) rund 2,5 Milliarden Dollar in die Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Laut dem Portal www.news.de räumte NCCAM-Leiterin Josephine Briggs ein, dass der Erkenntnisgewinn ihrer Behörde im ersten Jahrzehnt äußerst dürftig war. Trotz grosser finanzieller Ressourcen sind die bestätigenden Durchbrüche für die Komplementärmedizin ausgeblieben.
Im Gegenteil:
Manche Ergebnisse dieser grossen, unabhängigen Studien stellen Überzeugungen der Komplementärmedizin sehr in Frage. Aber der SPS geht es ja darum, dass “zwingend” mehr geforscht werden soll, um die Wirksamkeit zu beweisen. Da werden doch wohl keine negativen Ergebnisse auftauchen…….

Falls die SPS fordert, dass der Staat viel Geld in die Hand nehmen soll für die “zwingend” zu erbringende Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit der Komplementärmedizin, hätte ich allerdings schon noch die Frage, ob es nicht dringendere Forschungsbereiche gäbe, die näher bei den sozialdemokratischen Kernthemen liegen. Beispielsweise die Erforschung von schweren, aber seltenen Krankheiten, die kaum erforscht werden, weil sich hier kein attraktiver Markt auftut.

Ich bin nicht gegen Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Voraussetzung dafür wäre aber schon, dass man positive und negative Ergebnisse zur Kenntnis nimmt und nicht so einseitig-fundamentalistisch daherredet, wie die Sozialdemokratische Partei (SPS) dies meiner Ansicht nach im Bereich Komplementärmedizin tut.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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Internisten diskutieren Ernährung und Phytotherapie bei Rheuma

Mittwoch, September 23rd, 2009

Ernährung und Phytotherapie sind beim Deutschen Internistentag in Berlin am 24. September 2009 wichtige Themen. Auf dem Programm stehen naturheilkundliche Interventionen bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises.

Bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sollte die Ernährungstherapie vom Beginn der Krankheit an ein selbstverständlicher Teil der Behandlung sein, empfehlen Rheumatologen. Fragt sich nur: Was ist genau eine Rheumakost? Zentral bei der langfristigen Umstellung der Essgewohnheiten ist die Verminderung tierischer Fette. Fettreiche Nahrungsmittel tierischer Herkunft wie Schmalz, Leber, Eigelb oder fettreiche Fleisch- und Wurstsorten meiden! Und nicht mehr als zwei Portionen Fleisch oder Wurst pro Woche sollten konsumieren. Kennen sollten Rheuma-Patienten die Grundsätze einer vorwiegend laktovegetabilen Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren und Antioxidanzien ist.

Empfehlenswert sind Makrele, Lachs und Hering – zweimal wöchentlich. Diese Fische sind enthalten reichlich Omega-3-Fettsäuren. Das gilt ebenfalls für Rapsöl, Sojaöl, Walnussöl und Leinöl. Zum Nutzen von Fischöl, Vitamin D, Vitamin C oder Zink bei Rheumapatienten gibt es neue Daten. Das Stellungnahme zu Omega-3-Fettsäuren in Form von Fischölkapseln wird positiver. Eine Zufuhr von Vitamin D wird künftig empfohlen, ebenso in Einzelfällen die Einnahme von Zink, besonders bei Patienten mit Psoriasis-Arthritis. Die regelmäßige Einnahme von Vitamin C und E oder Selen wird nur im Einzelfall empfohlen.
Die in Gemüse und Obst vorhandenen antioxidativen Substanzen sprechen für den Verzehr von fünf Portionen am Tag.

NSAR-ähnliche Effekte werden salicin- und polyphenolreichen Phytotherapeutika zugeschrieben. Dazu gehören Heilpflanzen-Präparate aus Weidenrinde, Stiefmütterchenkraut, Pappel oder Primeln. Eher kortisonähnliche Eigenschaften sollen Zaunrübe, Süßholz und Weihrauch zeigen. Teufelskrallenwurzel oder Arnikablüten sind hauptsächlich schmerzlindernd.

Quelle: www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Schön, dass die Internisten sich mit Ernährung und Phytotherapie bei Rheuma befassen.
Die Hinweise zur Ernährung scheinen mir fundiert, diejenigen zur Phytotherapie dagegen etwas wirr.

NSAR (= nichtsteroidale Antirheumatika) werden ihrer entzündungshemmenden (antiphlogistischen) Wirkung wegen symptombezogen unter anderem zur Rheumatherapie eingesetzt. Bekannte Beispiele sind Diclofenac und Mefenacid. Der Artikel auf www.aerztezeitung.de nennt für eine NSAR-ähnliche Wirkung Weidenrinde, Stiefmütterchenkraut, Pappel oder Primel. Von diesen Heilpflanzen ist die entzündungswidrige Wirkung der Weidenrinde mit Abstand am besten belegt. Bei massiven rheumatischen Entzündungen reicht Weidenrinde allerdings nicht. Bei leichteren rheumatischen Beschwerden hat sie aber den Vorteil guter Verträglichkeit. Zur Anwendung kommen Weidenrinden-Extrakte.

Zaunrübe (Bryonia dioica) wird in der Homöopathie verwendet, nicht aber in der Phytotherapie. Die Pflanze ist nämlich stark giftig. Sie enthält Cucurbitacine, die Erbrechen auslösen, stark abführen und zudem zellschädigend wirken. Bryonia wird daher innerlich nur in stark verdünnten homöopathischen Dosen gegen Rheuma eingesetzt, wobei die Wirksamkeit aber nicht belegt ist. Von einer kortisonähnlichen Wirkung der Zaunrübe zu sprechen, ist daher sehr spekulativ.

Süssholz zeigt in verschiedenen Untersuchungen leicht kortisonähnliche Effekte, doch ist in therapeutisch wirksamen Dosen auch mit kortisonähnlichen Nebenwirkungen zu rechnen. Das macht eine Anwendung in der Rheumatherapie ziemlich fragwürdig. Weihrauch besitzt eine entzündungshemmende Wirkung bei innerlicher Anwendung, die sich in der Arthritisbehandlung nutzen lässt. Es scheint sich allerdings den Studien gemäss eher um eine Leukotrienhemmung zu handeln, so dass ich hier nicht von einer kortisonähnlichen Wirkung sprechen würde.

Die schmerzlindernde Wirkung von Teufelskralle ist in den letzten Jahren zunehmend besser belegt worden, doch braucht es für diesen Effekt eine längerdauernde Einnahme von Teufelskrallen-Extrakten.

Die schmerzstillende Wirkung von Arnikablüten wird in der Phytotherapie äusserlich als Arnikasalbe, Arnikagel oder Arnikatinktur (verdünnt mit Wasser zu Umschlägen) genutzt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Oscillococcinum gegen Schweinegrippe – blinde Propaganda im “Saldo

Sonntag, September 20th, 2009

Das Konsumentenmagazin “Saldo” profiliert sich als unkritisches Propagandablatt für die Anwendung des homöopathischen Mittels Oscillococcinum gegen Schweinegrippe. Die hoch verzerrte Darstellung der Sachlage ist meines Erachtens unverzeihlich, aber ein gutes Beispiel für unseriösen Umgang mit Themen aus dem Bereich Komplementärmedizin.

“Globuli gegen Schweinegrippe”, titelt “Saldo” (13/2009) und fährt fort: “Neue Studien zeigen: Ein homöopathisches Mittel aus Entenleber hilft gegen die Grippe fast so gut wie chemische Virenmedikamente – aber ohne deren Nebenwirkungen.
Homöopathie kann gegen die Schweinegrippe helfen. Das renommierte internationale Cochrane-Institut hat mehrere Studien über das homöopathische Mittel Oscillococcinum ausgewertet. Ergebnis: Mit den Globuli verschwinden die Symptome früher – sie stehen dem chemischen Virenmittel Tamiflu kaum nach.”

Dann folgt eine Empfehlung durch einen deutschen Homöopathen: “Ich würde bei der Schweinegrippe Oscillococcinum einnehmen. Und zwar sofort, wenn Anzeichen auftreten wie Fieber, Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen.”

Kritikpunkte:

1. Zum Zeitpunkt der erwähnten Studien war der Schweinegrippevirus noch nicht im Umlauf. Untersucht wurden also die damals üblichen Grippeerkrankungen. Ergebnisse dieser Untersuchungen einfach auf die Schweinegrippe zu übertragen, ist ausgesprochen spekulativ. Falls das Mittel gegen die damaligen Grippeviren genützt haben sollte, kann kein Mensch sagen, ob es auch beim Schweinegrippevirus wirksam ist.

2. “Saldo” schreibt von neuen Studien, welche die Wirksamkeit von Oscillococcinum zeigen. Die Cochrane-Analyse stammt aus dem Jahre 2000 bzw. vom Mai 2006. Die darin untersuchten Patientenstudien sind um Jahre älter. Aber “neu” verkauft sich halt den Leserinnen und Lesern gegenüber besser.

3. “Saldo” stellt die Analyse des renommierten Cochrane-Instituts ins Zentrum. Schaut man nur schon flüchtig in diese Analyse, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus:

– Von sieben für die Überprüfung beigezogenen Studien enthielten nur zwei ausreichende Informationen für eine wissenschaftliche Auswertung. Wenn “Saldo” schreibt, Cochrane habe mehrere Studien ausgewertet, tönt das doch etwas gar aufgeblasen.

– “Saldo” schreibt korrekt, dass Cochrane aus den Studien eine Verkürzung der Influenza-Erkrankung durch Oscillococcinum um “fast sieben Stunden” herausliest. Genau sind es 0,28 Tage. Das ist auf die Gesamtdauer der Grippe nicht gerade berauschend viel und könnte bei der sehr mageren Datenbasis wohl auch ein zufällig zustandegekommenes Resultat sein. Die Cochraneforscher jedenfalls bemängeln die schwache Datenlage und fordern mehr Forschung.

– “Saldo” nimmt zwar den Ruf des renommierten Cochrane-Instituts für Oscillococcinum in Anspruch, verschweigt aber gleichzeitig, dass Cochrane die Anwendung von Oscillococcinum für Prophylaxe und Therapie der Influenza ausdrücklich wegen mangelnder Aussagekraft der Studien nicht empfiehlt. Zur Prävention der Grippe durch Oscillococcinum schreibt Cochrane: “Current?evidence does not support a preventative effect of? Oscillococcinum-like homeopathic medicines in influenza and ?influenza-like syndromes.”
Zur Therapie der Grippe mit Oscillococcinum stellt Cochrane fest, dass die Daten zu schwach sind, um eine allgemeine Empfehlung zur First-Line-Behandlung mit diesem Mittel zu rechtfertigen: “Though promising, the data were not strong enough to make a general recommendation to use Oscillococcinum for first-line treatment of influenza and influenza-like syndromes.”
Die Schlussfolgerungen der Autoren sind jedenfalls sehr zurückhaltend:
“Trials do not show that homoeopathic Oscillococcinum can prevent influenza. However, taking homoeopathic Oscillococcinum once you have influenza might shorten the illness, but more research is needed.”
(http://www.cochrane.org/reviews/en/ab001957.html)

Oscillococcinum könnte also die Krankheit verkürzen, aber mehr Forschung ist nötig, was soviel heisst wie: Viele Fragen sind noch ungeklärt. Vorsichtiger lässt sich dies wohl kaum ausdrücken.

Damit Leserinnen und Leser sich eine eigene Meinung von dieser Behandlung bilden können, müssten meines Erachtens diese doch sehr einschränkenden Aussagen auch auf dem Tisch liegen. Dass “Saldo” als Konsumentenmagazin diese Information verschweigt, halte ich für sehr fragwürdig. So entsteht ein unkritischer Propaganda-Jubelartikel, mit dem die Leserinnen und Leser eingelullt und “verarscht” werden.
Dieser Umgang mit Studien ist im Bereich der Komplementärmedizin leider nicht gerade selten. Man zupft aus der Fülle von Studienmaterial immer genau jenen Zipfel hervor, der die eigene Position stützt, während gegenteilige Resultate und Aussagen unter den Tisch gewischt werden.

Es ist unter anderem genau dieser hoch selektive Umgang mit der Realität, welcher auf Seiten von Medizin und Wissenschaft immer wieder zu Vorbehalten gegenüber der Komplementärmedizin führen. Leider zu recht, würde ich dazu sagen.

An diesem Punkt müsste sich die Komplementärmedizin ändern, wenn sie ernster genommen werden möchte. Dazu bräuchte es im komplementärmedizinischen “Lager” möglichst viele Leute, die solche Verzerrungen kritisieren und auf einer ausgewogeneren Auseinandersetzung mit den eigenen Methoden bestehen. Das heisst: Nicht nur mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Bestätigungen suchen, sondern auch einen kritischen Blick auf mögliche Schwächen, Irrtümer und Fehler werfen, sie zugeben, diskutieren….

Stattdessen hat die Komplementärmedizin in der Schweiz leider einen anderen Weg gewählt: Sie will mit politischen Mitteln erzwingen, dass sie ernst genommen wird.
Das wird scheitern, wenn sie nicht zugleich auch ihre eigene Haltung in Frage stellt und ändert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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www.phytotherapie-seminare.ch

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