Beiträge

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Von Martin Koradi

Die politische Denkerin Hannah Arendt (1906 – 1975) kritisiert das Verschwinden der politischen Sphäre, das die Menschen als vereinzelte Individuen zurücklässt und das Aufkommen totalitärer Herrschaft ermöglicht.

Den öffentlichen Raum, in dem sich Menschen handelnd aufeinander beziehen, bezeichnet Arendt als kostbarstes Gut, das Menschen überhaupt besitzen.

Das Verschwinden des öffentlichen Raumes habe die Bürger ohnmächtig werden lassen und zu ihrer – im wörtlichen Sinne – Verantwortungslosigkeit und Vereinsamung beigetragen.

Als „politisch“ versteht Hannah Arendt das Netz von willentlichen und kontingenten (= zufälligen) Bezügen von Menschen aufeinander, die beim Handeln entstehen und auf etwas gemeinsames Drittes orientiert sind.

Politisch sind alle Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen – ob bewusst oder zufällig – um ihrer verschiedenen und gemeinsamen Interessen an einem Gemeinwesen willen, das ihr eigenes Leben überdauert.

Nicht politisch sind alle Beziehungen, die sie um ihrer legitimen privaten Interessen willen eingehen.

Die am Gemeinwesen orientierten Beziehungen nennt Hannah Arendt die politische Macht der Gesellschaft.

Antonia Grunenberg schreibt in ihrer Einführung ins Denken von Hannah Arendt:

„Politisches Handeln ist nur möglich in einem öffentlichen Raum. Dieser begründet die gemeinsame Mit-Welt, in der Menschen handelnd einander begegnen. Die Bürger haben sich darum zu sorgen, wie jene öffentliche Sphäre gestiftet und geschützt werden kann, in der öffentliches Denken und Handeln stattfindet…….Das Gemeinwesen ist für sie…..ein unabschliessbarer Prozess des Handelns in einem immer wieder neu zu bestimmender Raum. Die sorge der Bürger entsteht aus einem gemeinsamen Interesse an der Welt, der sie angehören und die ihnen immer wieder neues Leben schenkt.

Arendt hält die Erneuerung des öffentlichen Raums – der gemeinsamen Welt – für die einzige Möglichkeit, den (selbst)zerstörerischen Potenzen innerhalb der Moderne zu wehren. Sich dem Bösen in der Welt entgegenzustellen – das ist die Konsequenz aus dem Faktum der totalen Herrschaft-, ist nur möglich, wenn Menschen ihre Mit-Welt bewohnbar machen und diese Bewohnbarkeit ständig erneuern. Dies kann allerdings nur in dem Masse gelingen, wie sich Bürger darauf verständigen, dass der Zweck ihres Handelns die Stiftung der Freiheit ist.“

Das Denken Hanna Arendts ist geprägt von der Totalitarismus-Erfahrung im und mit dem Nationalsozialismus. Arendt setzt sich unter anderem mit den Ursachen auseinander, die diesem Desaster den Weg bereitet haben.

Da die liberalen, demokratischen Gesellschaften seit einigen Jahren wieder besorgnisserregend durch autoritäre Tendenzen unter Druck stehen, sind die Einsichten Hannah Arendts brandaktuell. Die folgenden Zeilen stellen solche Einsichten vor und ich würde mich freuen, wenn Sie sich als Leserin oder Leser damit aufmerksam befassen.

Der Mensch hat den Rückbezug auf einen einzigen, umfassenden und solchermassen objektiv verbürgten Sinnzusammenhang verloren. Angesichts dieser Situation der Bodenlosigkeit weist Hannah Arendt auf Zwischenböden hin, die uns davon abhalten, nach ideologischen Ersatzböden Ausschau zu halten. Zwischenböden lassen sich gewinnen, wenn wir unsere eigene sinnhafte Welt konstruieren. Zentral als sinnstiftende Tätigkeit ist für Arendt das Handeln. Sie unterscheidet dazu zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln.

 

Zum Unterschied von Arbeiten, Herstellen und Handeln

☛ Arbeiten ist eine Tätigkeit, die der biologische Rhythmus des menschlichen Körpers selbst verlangt: Das Leben muss erneuert, erhalten und genährt werden. Arbeit dient dazu, die ständige Sorge um den Körper und um die Umgebung, in der sich der Körper befindet, aufrechtzuerhalten. Zur Kategorie der Arbeit gehört die Beschaffung der täglichen Nahrung, das Sauberhalten und Pflegen des Körpers und des vom Menschen bewohnten Raumes, die Sorge um die uns alltäglich umgebenden Dinge und um die Welt der Gegenstände, welche die Menschen brauchen und die dem Verschleiss ausgesetzt sind. Arbeitstätigkeiten sind in einen immer währenden natürlichen Prozess eingebunden. Dieser einfache Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur erschafft keine beständige Dingwelt, sondern mündet in eine Kreislauf von Produktion und Verzehr.

 

☛ Herstellen umfasst diejenige Tätigkeit, in welcher der Mensch eine zweite Natur von Dingen schafft: Gebäude, Strukturen, Denkmale, Bücher etc. Durch das Herstellen entsteht eine Welt mehr oder weniger dauerhafter, künstlicher, der Natur widerstrebender Dinge, in welcher sich das menschliche Leben einrichtet. Das Herstellen setzt der natürlichen Vergänglichkeit des Menschen Bestand und Dauer entgegen. Die Güter des Herstellens besitzen eine bescheidene Eigenständigkeit, die sie befähigt, die wechselnden Launen ihres Besitzers für einen recht beträchtlichen Zeitraum zu überdauern. Damit entsteht eine künstliche Welt von Dingen, die der Welt bis zu einem gewissen Grad widerstehen und die von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Grundbedingung des Herstellens ist die Weltlichkeit des Menschen und sein Angewiesensein auf Gegenstände. Herstellen schafft aber noch keine Sinnzusammenhänge.

 

☛ Handeln dagegen ist ein Heilmittel gegen die Sinnlosigkeit der Moderne. Es sind v.a. drei Merkmale, die Arendt für das Handeln beschreibt:

  1. Natalität

Das heisst die Fähigkeit zur Spontanität, etwas aus sich heraus und kreativ tun zu können. Basis dieser Fähigkeit ist die Natalität (Gebürtlichkeit) des Menschen. Da wir alle durch Geburt als Neuankömmlinge und als Neu-AnfängerInnen auf eine Welt kommen, die unserer Existenz vorausgeht, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen. Arendt schreibt in „Vita   activa“:   „Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ Zu handeln heisst für Arendt demnach „selbst einen neuen Anfang machen.“

Mit dem Begriff „Natalität“ schuf Arendt eine Metapher für den Anfang. Natalität bedeutet eine Art „zweite Geburt“. Gemeint ist jener Aspekt des Handelns, durch den wir uns selbst in die Welt einschalten. Diese „zweite Geburt“ geschieht nicht durch die blosse Tatsache des Geborenwerdens, sondern durch Einführung von Worten und Taten. Arendt nennt diese Einführung „das Prinzip des Anfangs“. Der einzelne Mensch könne es so wenig umgehen wie die „Tatsache des Geborenwerdens“. Ein Kind wird zum Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, indem es lernt, Sprache und Handlung einzuführen, wodurch jeweils „etwas Neues anfängt“. Diese „Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Nur im Sprechen und Handeln tritt Schritt um Schritt die Originalität einer Person zutage. In diesen Tätigkeiten unterscheiden sich die Menschen via Aktivität voneinander. Dies ist etwas völlig anderes als eine blosse Verschiedenartigkeit aufgrund unterschiedlicher genetischer Ausstattung. Zu den Eigentümlichkeiten, mit denen ein Mensch bei seiner Geburt ausgestattet ist, trägt der solchermassen ausgestattete nichts bei. Dagegen bildet sich, was das Handeln und Sprechen betrifft, die Einzigartigkeit einer Person im Vollzug dieser Tätigkeiten selbst aus:

„Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt […] Im Unterschied zu dem, was einer ist, im Unterschied zu den Eigenschaften, Gaben, Talenten, Defekten, die wir besitzen und daher soweit zum mindesten in der Hand und unter Kontrolle haben, dass es uns freisteht, sie zu zeigen oder zu verbergen, ist das eigentlich personale Wer jemand jeweilig ist, unserer Kontrolle darum entzogen, weil es sich unwillkürlich in allem mitoffenbart, das wir sagen oder tun.“ (aus: Vita activa)

  1. Pluralität

Arendt betrachtet das Handeln im Gegensatz zum Arbeiten und Herstellen als einzige Tätigkeit, die generell auf die Anwesenheit der anderen angewiesen ist. Handeln spielt sich ohne Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen ab. Es basiert daher auf der Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Diese Pluralität bedeutet, „dass alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.“

Pluralität bringt also sowohl Gleichartigkeit als auch Verschiedenheit mit sich. Wären Menschen nicht gleich, so könnten sie einander nicht verstehen; wären sie nicht verschiedenartig, so bräuchten sie weder das Sprechen noch das Handeln, um sich voneinander zu unterscheiden. Sprechend und Handelnd unterscheiden sich Menschen voreinander; sie werden zu Urhebern von „Worten und Taten“. Die Menschen „erscheinen“ sich oder offenbaren sich einander durch Worte und Taten.

Sprechen und Handeln geschieht zwischen Menschen, und „fast alles Handeln und Reden betrifft diesen Zwischenraum.“ Dieses Zwischen schliesst zwar die Welt der Dinge ein, hat aber auch eine ungreifbare Dimension: Handeln und Sprechen sind Vorgänge, die von sich aus keine greifbaren Resultate und Endprodukte hinterlassen. Doch dieses Zwischen ist in seiner Ungreifbarkeit nicht weniger wirklich als die Welt der Dinge in unserer sichtbaren Umgebung. Arendt nennt diese Wirklichkeit der Zwischenwelt „das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“. Es sind die Verknüpfungen, Netzwerke und Zusammenhänge menschlicher Beziehungen, die wie unsichtbare, hauchdünne, gesponnene Fäden den „Horizont“ menschlicher Angelegenheiten ausmachen. Dabei spielt der Ausdruck „Horizont“ auf die allgegenwärtigen, aber niemals ganz durchsichtigen Voraussetzungen, Zusammenhänge und Vernetzungen an, die wir immer auch für selbstverständlich halten müssen als In-der-Welt-Seiende. Der Horizont ist immer vorhanden und weicht bis ins Unendliche zurück. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit an einem beliebigen Moment nur auf irgendeinen Aspekt dieses Horizontes, irgendeinen Ausschnitt daraus, und dieser Teil wird uns dann gegenwärtig und erschliesst sich uns. Jeder Mensch findet bei seiner Geburt einen solchen Horizont und ein „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ schon vor als den stets schon gegebenen Hintergrund, vor dem sich sein Leben entfaltet.

„Da Menschen nicht von Ungefähr in die Welt geworfen, sondern von Menschen in eine schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern [….] Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar.[…..] Kein Mensch kann sein Leben ‚gestalten’ oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete.“ (aus: Vita activa, S. 174)

Zur menschlichen Realität gehören also die Handlungseinschüsse der vielen Einzelnen in ein vorbestehendes Gewebe und „weil dieses Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war [….] kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten, in Reinheit verwirklichen.“ (Vita activa, S. 174)

Weil das Handeln immer in ein Netz einander widersprechender Ziele und Absichten hineinhandelt, kann eine Tat niemals wirklich der Erwartung des Täters voll entsprechen, so wie etwa das hergestellte Ding den Erwartungen des herstellenden Handwerkers entsprechen kann. Diese Unabsehbarkeit ergibt sich aus der Pluralität und sie ist der Preis für die Freude, nicht allein zu sein.

Auch wenn wir alle Handelnde sind, ist niemand von uns Autor oder Verfasser seiner oder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Vorstrukturierung durch das Bezugsgefüge menschlicher Angelegenheiten führt bei Arendt allerdings nicht in den Determinismus, in die totale Vorbestimmtheit. Denn wie jeder Sprechende die Fähigkeit besitzt, eine unbegrenzte Anzahl grammatisch korrekter Sätze zu bilden, besitzt der Mensch als Handelnder die Fähigkeit, jederzeit das Unvorhersehbare und Unwahrscheinliche in Gang zu bringen, das genauso zum Repertoire menschlichen Handelns und menschlichen Verhaltens gehört.

  1. Narrativität (von lat. narratio = Erzählung)

Die Narrativität besteht darin, dass das Handeln mit der gleichen Selbstverständlichkeit Geschichten hervorbringt, mit der das Herstellen Dinge und Gegenstände erzeugt. Geschichten und Erzählungen entstehen aus dem Handeln, weil dieses Eingebunden ist in ein Netz von Interpretationen. Unsere Handlungen stehen durchwegs den Deutungen und Fehldeutungen anderer offen. Handlungen werden von ihren AkteurInnen, von den Zuschauenden und auch von denjenigen, welche die Handlungsfolgen erleiden, durch verschiedene narrative Berichte bestimmt. In unserer eigenen Lebensgeschichte spielen wir zwar fraglos die Hauptrolle, sind aber keineswegs durchgängig deren AutorIn:

„Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen ‚Produkte’ des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser ‚Produkte’ dem geschuldet ist, dass handelnd und sprechend die Menschen sich als Personen enthüllen […..] mangelt der Geschichte selbst gleichsam ihr Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen.“

(Vita activa, S. 175)

Vollständig erzählen lässt sich die Lebensgeschichte erst von ihrem Ende, vom Tod her.

Im Handeln und Sprechen zeigt sich nach Arendt, Wer-einer-ist. Dabei unterscheidet sich ihr narratives Handlungsmodell von essentialistischen Handlungsmodellen (von lat. essentia = Wesen). Ein essentialistisches Handlungsmodell setzt ein vorgängiges „Wesen“ voraus, das sich im Handeln manifestiert. Es geht im essentialistischen Modell also um eine Enthüllung dessen, wer einer ist, um ein Manifestwerden des Inneren (wie es bspw. von der Physiognomie postuliert wird). Das Handeln wird zum Entdeckungsprozess, in dem das vorgängige „Wesen“ –   nämlich “Wer man ist“ – sich offenbart. Dass sich allerdings ein vorgängiges „Wesen“ fassen lässt, wird in der gegenwärtigen Philosophie stark in Frage gestellt. Dagegen ist Handeln im narrativen Modell charakterisiert durch das „Erzählen einer Geschichte“ und „das Weben eines Gewebes aus Geschichten“. Das „Wer-man-ist“ entsteht hier im Prozess des Tuns und beim Erzählen der Geschichte. Handeln ist ein Prozess des Erfindens und damit konstruktivistisch.

 

Handeln will geübt sein

Beim Sehen ist es so, dass aus dem Besitz des Sehens der Gebrauch des Sehens folgt. Beim Handeln ist es genau umgekehrt: Der Gebrauch geht dem Besitz voraus, d.h. aus der Handlung, dem Tätigkeitsvollzug, entwickelt sich die Tüchtigkeit. Im Gang des Praktizierens selbst wird in erster Linie eine gelingende Praxis erlernt. Nur über das Einüben im Tun wird der Besitz der Tüchtigkeit im entsprechenden Tun erworben. Schon Aristoteles (384-322 v.u.Z.) hat darauf hingewiesen, dass die Qualitäten, die unser Tätigsein charakterisieren, sich erst im Verlaufe des Tätigsein selbst bilden.

Arendt wendet sich entschieden gegen die Trennung von Wissen und Tun und dem damit verbundenen Handlungsverständnis, wonach menschliches Handeln verkürzt wird zur blossen Ausführung von Wissen. Handeln ist nicht das Vollstrecken theoretischen Wissens. Im Handeln bildet sich das Wissen um das Tun erst im Tätigkeitsverlauf selbst.

So hält Arendt auch Denken und Erfahrung für eine untrennbare Einheit. Das Denken braucht die konkrete Erfahrung des Handelns, aber das Handeln ist ohne die kritische Funktion des Denkens von seiner Sinnhaftigkeit abgeschnitten.

 

Handeln als „Heilmittel“ gegen moderne Sinnlosigkeit 

Arendt sieht die Moderne nicht durch Selbstentfremdung, sondern durch Weltentfremdung gekennzeichnet. Sie charakterisiert moderne Menschen als im Grunde weltlose und verlassene Menschen. Sie beobachtet eine Verflüchtigung des Zwischen und beschreibt dies als Ausbreitung der Wüste. Wirklichkeit zerrinnt uns, wenn wir sie nicht mit anderen Menschen erfahren und sie danach nicht zusammen besprechen, uns über die Bedeutung, die sie für unser Leben hat, verständigen. Weltlosigkeit entsteht, wenn wir uns nicht an dem gemeinsamen Unternehmen beteiligen, eine heimatgebende Welt zu etablieren. Die Weltlosigkeit kann in der Moderne zu den verheerendsten Verwüstungen führen und nach Arendt besteht die gegenwärtige Gefahr drin, dass wir anfangen, uns in der Wüste einzurichten. Arendt warnt uns vor der Versuchung, unser Dasein als Wüstenexistenz anzunehmen. Daraus ergeben sich auch Fragen an den Psycho-Boom in den fortgeschrittenen Industrieländern. Arendt schreibt: “sofern die Psychologie Menschen zu ‚helfen’ versucht, hilft sie ihnen, sich der Wüstenexistenz ‚anzupassen’.“ Diese Art von Psychologie sieht nicht so sehr die Wüste und ihre Ausbreitung als Problem, sondern thematisiert die psychischen Widerstände, die es dem Einzelnen verwehren, sich umstandslos in die Verwüstung einzufügen (für den „Eso-Boom“, welcher den „Psycho-Boom“ gegenwärtig deutlich überflügelt, gilt das genauso).

Arendt warnt auch eindringlich davor, sich den Verhältnissen der Wüste anzupassen. Menschen als weltbegabte Wesen können ihre Qualitäten nicht leben, wenn sie nicht gemeinsam dafür Sorge tragen, untereinander intakte Weltbezüge einzugehen. Dabei geht es um die Pflege des Zwischenraumes im Handeln. Das Handeln kann sich allerdings erst durch den Verzicht auf den Rückzug ins Private entfalten, und dadurch einem Verlust des Gemeinsinnes entgegenwirken, der die Sinne des Menschen in ein objektiv Gemeinsames (Wirkliches) einfügt (Sinn macht). Den Verlust des Gemeinsinns sieht Arendt begleitet von Anfälligkeit für Leichtgläubigkeit und Ideologie, kurz von Realitätsverlust. Weltentfremdung, Weltverlust und Realitätsverlust entstehen aus einem neuzeitlichen Misstrauen in die Wirklichkeit der Sinneswahrnehmung und die dieses begleitende Wendung nach innen in den Subjektivismus.

Arendt fordert daher die Anerkennung von Tatsachenwahrheiten, weil sie uns Weltkontinuität, Verlässlichkeit und Orientierung in der Welt ermöglichen. Es sind für Arendt die Handlungen und Tatsachen, über die wir Geschichten erzählen, und es sind die erzählten Geschichten, in denen sich unsere Welt in ihrer Zusammenhang stiftenden Verlässlichkeit präsentiert.

Neben dem Verzicht auf den Rückzug ins Private – Handeln spielt sich für Arendt in der Öffentlichkeit ab – braucht das Handeln gleiche Menschen, d.h. Menschen, die sich von Herrschen oder Beherrschtwerden befreit haben.

 

Handelnd können wir in der Welt Stand nehmen

Unsere fortgeschrittene Art und Weise der Naturbeherrschung gewöhnt moderne Menschen daran, allenfalls gegenüber der Welt Stand zu nehmen. Ein Standnehmen in der Welt ist uns weitgehend fremd geworden und passt zudem schlecht zur wissenschaftlichen Methode. Descartes (1596-1650) suchte keinen Stand in der Welt, die ihm dadurch zur Heimat hätte werden können, sondern eine Stand gegenüber der Welt, von dem aus er sich ihrer bemächtigen konnte. Allerdings bleibt uns die Welt sehr fremd, wenn wir nicht handelnd und sprechend in ihr tätig sind und wenn wir nicht in einer politischen Ordnung leben, in der die handelnde Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zum Alltag gehört.

 

Handeln statt Sich-Verhalten

Arendt befürchtet, dass „das Handeln immer weniger Aussicht hat, die steigende Flut des Sich-Verhaltens einzudämmen.“

Im   „Sich-Verhalten“ zeigt sich der verbreitete Konformismus, in dem die Menschen zu Kopien werden und ihre Originalität verlieren, die im Handeln und Sprechen gründet. Auch wenn unsere Tätigkeit zur zeitsparenden Erledigung verkommt und wir unser Tun unter dem Diktat der Zeitersparnis möglichst schnell hinter uns bringen wollen, verkommt es zum bedeutungslosen „Sich-Verhalten“.

 

Die Welt als Bezugsraum des Menschen

Bereits in ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus setzt sich Arendt mit der spezifisch christlichen Weltabgewandtheit auseinander. Sie fragt sich, ob es nicht möglich ist, ein innerweltliches Bezugssystem zu knüpfen, in dem sich die Menschen auch jenseits der christlichen Nächstenliebe in eine verlässliche, gemeinsame Welt einbinden: „In der Nächstenliebe lieben die Menschen einander, weil sie auf diese Weise Christus ihren Erlöser lieben; Nächstenliebe ist eine überirdische, transzendente Liebe, zwar in der Welt, aber nicht zu ihr.“

Der andere Mensch wird nicht als diejenige Person angenommen, als welche er handelnd und sprechend in seiner Einmaligkeit zutage tritt, sondern im Anderen wird das geliebt, was am Ewigen teilhat, nämlich die Gleichursprünglichkeit aus der identischen Abstammung von Gott.

Was diesen Glauben an das Einssein aus der gemeinsamen Abstammung von Adam anbelangt, so schreibt Arendt von der „Unweltlichkeit des Christentums“. Denn wenn das Gemeinsame vorrangig in der gleichen Schöpfungsabstammung aus einem Ursprung gesehen wird, ist das Verbindende eben gerade nicht die gemeinsame Welt, in welcher wir leben. Es ist nicht ein aus Tätigkeiten zwischen Menschen entstandenes Bezugsgeflecht, welches uns miteinander verbindet – weder mit den heute Lebenden noch mit jenen, die vor uns gelebt haben und die nach uns leben werden.

Für Arendt ist dagegen entscheidend, dass die Bezüge zwischen Menschen nicht von einem massgebenden Bezugspunkt ausserhalb der Welt hergeleitet werden. Arendt denkt darüber nach, wie wir uns untereinander weltliche Bedeutsamkeit gewähren können. Unser Bezugspunkt muss die Welt sein, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eine gelungene weltliche Existenz in ihrer Eigenbedeutsamkeit aus den Augen zu verlieren.

Im Verlaufe ihres politischen Schreibens setzt Arendt der Liebe in der Welt, die von der ausserweltlichen Beziehung zu Gott getragen wird, immer ausdrücklicher die Liebe zur Welt entgegen, die sie als „amor mundi“ bezeichnet.

Eine Zwei-Welten-Theorie mit einem jenseitigen Prinzip, das der diesseitigen Welt vorausgeht und sie begründet, verfehlt in Arendt’s Denken alle weltbezogenen Bedingungen menschlichen Handelns und Sprechens. Beispielsweise depotenziert (= entmächtigt) die (partielle) Wiederverzauberung das Handeln, in dem das Wesentliche sich nun in einer (pseudo)magischen Hinterwelt abspielt. Die dadurch geförderte Entpolitisierung, der Rückzug ins „innere Gärtchen“, begünstigt totalitäre Entwicklungen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hannah Arendt zahlreiche Anregungen bietet für ein gelingendes Leben in einer entzauberten Welt.

Beispielsweise:

☛ Erst das Handeln schafft Bezug zur Welt und gibt der Welt Bedeutung. Gefragt ist weltbezogenes Tätigsein.

☛ In der Welt stehen, statt ihr gegenüber.

☛ Bezugspunkte in der Welt pflegen, auch in der gemeinsamen, politischen Sphäre. Kein kompleter Rückzug ins eigene Gärtchen.

☛ Aufmerksam bleiben für gesellschaftliche Entwicklungen, Einfluss nehmen, einen Faden schlagen ins Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten.

☛ Die offene, liberale Gesellschaft verteidigen.

Literatur zu den Abschnitten über Hannah Arendt:

  • Hannah Arendt; Vita activa, oder vom tätigen Leben, Kohlhammer Stuttgart 1960
  • Karl-Heinz Breier; Hannah Arendt zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1992
  • Seyla Benhabib; Hannah Arendt, Die melancholische Denkerin der Moderne, Rotbuch Verlag Hamburg 1998
  • Antonia Grunenberg; Arendt, Herder Spektrum Meisterdenker, 2003

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist     deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

– Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien
Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

.- Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

Diesen Artikel teilen:

Weissdornbeeren für Sirup und Kompott

Diesen Artikel teilen:

Wenn der Herbst ins Land zieht, leuchten die Früchte des Weissdorns rot in den Hecken. Dass die Beeren essbar sind, ist nur wenigen bekannt. Roh hat das Fruchtfleisch allerdings eine mehlige Konsistenz. Erst nach der Verarbeitung zu Kompott, Gelee, Saft, Sirup oder Chutney entfalten die Früchte ein angenehm süß-säuerliches Aroma. Sie lassen sich auch gut mit anderem Obst wie Äpfeln, Quitten und Holunderbeeren kombinieren. Ein Mus aus Weißdornbeeren kann als Brotbelag verwendet werden und gibt Müsli, Joghurt und Quark einen speziellen Geschmack. Dafür werden die Weissdornfrüchte in etwas Wasser für acht bis zehn Minuten weichgekocht, danach abgegossen und durch ein Sieb gestrichen. Wer es gerne süsser hat, kann einen Teelöffel Agavensirup oder Honig beigeben.

Auch in der traditionellen Pflanzenheilkunde ist der Weissdorn bekannt. Schon Pfarrer Sebastian Kneipp empfahl den Weißdorn als Heilpflanze für Herz und Kreislauf. Bei Bluthochdruck und Schwindel soll ein Weissdorntee aus den getrockneten Blüten und Blättern helfen. Die Früchte enthalten unter anderem viel Vitamin C und Provitamin A sowie den Ballaststoff Pektin.

Weissdornfrüchte reifen zwischen August und Oktober. Beim Pflücken sollte man Vorsicht walten lassen und Handschuhe tragen, da Weißdorn sehr dicht wächst und mit zahlreichen Dornen bestückt ist. Ausserdem können die roten Beeren unschöne Flecken auf Textilien hinterlassen. Vor der Zubereitung werden die Weissdornfrüchte vom Stiel abgezogen und vor der weiteren Verarbeitung gründlich gewaschen. Ein paar Früchte sollten jedoch am Strauch bleiben, da sie über 30 verschiedenen Vogelarten als Nahrung dienen. Auch für zahlreiche Insektenarten und kleine Säugetiere ist der Weißdornstrauch eine gute Lebensgrundlage.

Quelle:

https://www.bzfe.de/inhalt/weissdorn-30849.html

 

Kommentar & Ernährung:

Erfreulich, dass das „Bundeszentrum für Ernährung“ (BzfE) die Weissdornfrüchte als Nahrungsmittel vorstellt.

Die Phytotherapie verwendet meistens Weissdornblüten und Weissdornblätter als Weissdorntee, Weissdorntinktur oder Weissdornextrakt.

Weissdornfrüchte (genauer: Scheinfrüchte) werden selten eingesetzt, kaum als Tee, manchmal aber als Tinktur.

Die Weissdornfrüchte enthalten wie Blüten und Blätter die typischen Wirkstoffe des Weissdorns – Flavonoide und oligomere Poranthocyanidine – allerdings tendenziell in geringerer Konzentration. Gemäss den Standardwerken „Biogene Arzneimittel“ und „Teedrogen und Phytophamaka“ nimmt der Wirkstoffgehalt der Weissdornfrüchte mit zunehmender Reife ab.

Das dürfte die Wirksamkeit der Früchte einschränken, zumal Weissdorn über längere Zeit in recht hohen Dosierungen engenommen werden muss.

Diese nötige hohe Zufuhr an Wirkstoffen kann bei Weissdorntee und Weissdornextrakt aus Blüten und Blättern erreicht werden, kaum jedoch mit Weissdorntinktur.

Siehe dazu:

Pflanzentinkturen oder Kräutertees?

Bei Sirup oder Kompott aus Weissdornfrüchten müsste man wohl unrealistisch hohe Dosen täglich über lange Zeiträume einnehmen, um eine relevante Wirkstoffzufuhr zu erzielen. Als Heilmittel für Herz & Kreislauf sind Weissdornkompott und Weissdornsirup sehr fraglich, vor allem auch, weil dazu reife Früchte verwendet werden.

Zurecht weißt der Beitrag der BzfE auf die hohe Bedeutung des Weissdornstrauch als Nahrung für Vögel hin. Weissdorn ist bezüglich des Nutzens für die Tierwelt einer der besten einheimischen Sträucher.

Heikel ist allerdings, dass Weissdorn zu den Wirtspflanzen des Feuerbrands gehört, einer gefählichen Pflanzenkrankheit, die durch das Bakterium Erwinia amylovora verursacht wird und vor allem Kernobst befällt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Phytotherapie: Interessantes Gerichtsurteil zum Baldrianpräparat Baldriparan

Diesen Artikel teilen:

Hersteller Pfizer darf sein Präparat Baldriparan im Fernsehen nicht mehr mit dem Satz „1 Dragee am Abend“ bewerben. Das Landgericht Berlin hat den Spot des Pharmakonzerns als irreführend beurteilt.

Geklagt gegen den Spot hatte die Wettbewerbszentrale. Der Hinweis „1 Dragee am Abend“ ist aus Sicht der Wettbewerbszentrale ein Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz und das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb.

Verbraucher würden aufgrund dieser Werbeaussage nämlich erwarten, dass schon mit der Einnahme nur eines Dragees ein ruhiger Schlaf erreicht werden könne. Tatsächlich sei Baldriparan laut Gebrauchsinformation aufgrund der allmählich einsetzenden Wirkung nicht zur akuten Behandlung von nervös bedingten Schlafstörungen geeignet. Der Hersteller Pfizer selbst empfiehlt eine kontinuierliche Behandlung mit Baldriparan über zwei bis vier Wochen.

Der TV-Spot zeigt eine friedlich schlafende Frau verbunden mit der Aussage: „Gut ein- und durchschlafen. Baldriparan stark für die Nacht hilft dabei mit einem Dragee am Abend.“

Eingeblendet wird zudem die Baldriparan-Packung mit einer roten Banderole „1 Dragee am Abend“, der Satz wird in einem großen roten Punkt noch einmal wiederholt. Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass „der hochkonzentrierte Baldrian“ beim Einschlafen helfe und die natürlichen Schlafphasen bis zum Morgen unterstütze.

Bezüglich des Werbespots gab das Landgericht der Wettbewerbszentrale Recht und wies darauf hin, dass die Aussage „1 Dragee am Abend“ in dem Werbefilm als gute und effiziente Wirkweise und als Versprechen eines schnellen Ein- und Durchschlafens verstanden werde.

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/pfizers-frau-schlaeft-zu-schnell-ein-tv-spot-verboten-baldriparan-spot/

Kommentar & Ergänzung:

Die Wettbewerbszentrale und offenbar auch dieses Gericht scheinen gute Kenntnisse der Phytotherapie zu haben. Studien zeigen, dass die Wirkung von Baldrianextrakt sich erst klinisch signifikant nach 2 – 4 Wochen zeigt. Darum ist es sehr fragwürdig, wenn die Werbung eine Sofortwirkung verspricht. Allerdings kann bei der Einnahme vor dem Schlafengehen wohl oft mit einem schnell eintretenden Placeboeffekt gerechnet werden. Und wenn das der Fall ist, dann kann das auch als Erfolg betrachtet werden. Ein Placeboeffekt ist auch etwas wert. Das volle Potenzial von Baldrian nutzt man aber offensichtlich nur bei einer Anwendung über längere Zeit. Die fehlende Sofortwirkung trägt im Übrigen wesentlich dazu bei, dass die Einnahme von Baldrian kein Abhängigkeitsrisiko mit sich bringt.

Interessant an diesem Fall ist zudem, dass Badriparan zum Pharmakonzern Pfizer gehört. Pfizer ist der grösste Pharmakonzern der Welt.

Man hört ja immer wieder einmal die leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Vorstellung, dass die grossen Pharmakonzerne die Pflanzenheilkunde kaputt machen wollen, um sich unliebsame Konkurrenz vom Leibe zu halten. Das ist wohl ziemlich abwegig. Pharmakonzerne sind nicht so ideologisch fixiert auf „Chemie“. Sie verkaufen im Wesentlichen, was sich als Arzneimittel verkaufen lässt. Und wenn es Nachfrage gibt nach bestimmten Heilpflanzen-Präparaten, dann werden sie solche Extrakte entwickeln oder aufstrebende Firmen aufkaufen. So gehört zum Beispiel die Beinwellsalbe Kytta zu Merck Pharma und der Phytopharmaka-Hersteller Steigerwald wurde von Bayer übernommen. Steigerwald ist bekannt für das Verdauungspräparat Iberogast, den Hustensirup Phytohustil mit Eibischextrakt und das Johanniskrautpräparat Laif (in der Schweiz Solevita). Das ist im Übrigen nicht nur schlecht. Diese Pharmakonzerne haben in der Regel viel Know-how in der Forschung und können auch relevante finanzielle Mittel dafür locker machen. Es gibt aber natürlich auch eine ganze Reihe von unabhängigen Phytopharmaka-Herstellern, in der Schweiz zum Beispiel Zeller in Romanshorn oder Bioforce in Roggwil.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Medikamentenverkauf: Migros versus Apotheken & Drogerien

Diesen Artikel teilen:

Ab 2019 werden in der Schweiz gewisse Medikamente auch im Detailhandel erhältlich sein. Dabei geht es auch um Heilpflanzen-Präparate.

Gegenwärtig prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche Arzneimittel in Zukunft von dieser Liberalisierung betroffen sind. Damit setzt Swissmedic die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Grossverteiler wie Migros und COOP begrüssen diese Entwicklung selbstverständlich und möchten möglichst viele Präparate verkaufen dürfen.

Die Branchenvertreter der Apotheken und Drogerien sind ebenso selbstverständlich dagegen und warnen vor Gefahren.

Beide Seiten operieren mit fragwürdigen Argumenten.

Bisher sind in der Schweiz die meisten Medikamente nur in Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Migros strebt aber deutsche Verhältnisse an. In Deutschland werden viel mehr Arzneimittel im Detailhandel verkauft.

Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, macht auf die Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere, etwa wenn in Deutschland Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Bangeter. Er weist darauf hin, dass Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen könne und dass dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Diese Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar. Johanniskraut-Extrakte mit ihren möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten taugen nicht für den Verkauf im Supermarkt.

Aber was sagt dazu die Migros?

Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik, kontert: «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.»

Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei, betont Maurer.

Damit hat er höchstwahrscheinlich Recht. Mit den niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten, wie sie die Supermärkte in Deutschland verkaufen, sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kaum zu erwarten.

Was Maurer nicht sagt: Von diesen niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten sind auch keine Wirkungen zu erwarten.

Effekte in diesem tiefen Dosisbereich sind weder plausibel noch durch Studien belegt (im Gegensatz zu den hochdosierten Extrakten).

Das scheint für die Migros aber kein Kriterium zu sein. Hauptsache, sie kann mehr Medikamente verkaufen…….

Ins Regal stellen will die Migros künftig auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Das Präparat wird sich bestimmt gut verkaufen, aber auch hier fällt ein wesentlicher Punkt unter den Tisch: Studien mit positiven Ergebnissen gibt es nur für Weidenrindenextrakt-Präparate, die wesentlich konzentrierter sind und dadurch einen deutlich höheren Gehalt an schmerzstillendem Salicin haben. Wirksamkeit scheint auch hier für die Migros kein Kriterium.

Die Vertreter der Apotheken und Drogerien argumentieren aber auch nicht überzeugend.

Der Apothekerverband Pharmasuisse weist darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte, speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen.

Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt:

«Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät.»

Dort müssten sich die Patienten auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie dagegen könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Das ist zumindestens schönfärberisch. Apotheken und Drogerien verkaufen selber aktiv und passiv (auf Verlangen) sehr viele „Pseudomedikamente“, ohne dass ihnen das grossen Kummer bereitet, solange es zum Umsatz beiträgt.

Für Bachblüten, Schüssler-Salze, Homöopathika und Spagyrika gibt es keine überzeugenden Belege. Unrealistische Wirkungsversprechungen dazu präsentieren die Schaufenstern von Apotheken und Drogerien aber noch und noch, ganz abgesehen von den Beratungen in den Geschäften.

Bei den Phytopharmaka ist nur eine Minderheit fundiert durch Studien belegt und viele Heilpflanzen-Präparate fallen durch unsinnige Zusammensetzung oder ungenügende Dosierung auf. Und auch eine ganze Reihe von synthetischen Medikamenten hat ihre Zulassung vor einigen Jahrzehnten bekommen auf der Grundlage von Studien, die heutigen Qualitätskriterien bei weitem nicht genügen.

Dass Mitarbeitende in Apotheken und Drogerien die Kundschaft hier kritisch beraten ist meiner Erfachrung nach eher die Ausnahme als die Regel. Wer mit fundiertem Heilpflanzen-Wissen in Apotheken und Drogerien fachliche Fragen stellt, bekommt oft falsche oder nichtssagende Antworten. Und Testkäufe von Konsumentenorganisationen zeigen immer wieder lückenhafte und falsche Beratungen.

Hier ein Beispiel für skrupellose Kundentäuschung aus der Apotheke:

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Apotheken und Drogerien sollten also den Mund nicht zu voll nehmen, was ihre überragende Beratungskompetenz gegenüber den Grossverteilern angeht.

Die Migros ist jedoch genauso wenig überzeugend. Sie begründet ihren Druck zugunsten einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs natürlich nicht mit dem zusätzlichen Markt und dem Umsatz, den sie damit machen kann. Sie präsentiert sich als Preisbrecherin zugunsten der Konsumenten.

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Einen Grund für die hohen Preise in der Schweiz sieht er im fehlenden Preiswettbewerb. Schläpfer ist überzeugt, dass die Konkurrenz durch die Detailhändler die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen werde.

Das kann sein. Die Preise werden sinken, aber die Wirksamkeit der Präparate auch. Wandert ein grosser Teil des Umsatzes mit Heilpflanzen-Präparaten zu den Grossverteilern, werden die Hersteller weniger Geld in die Entwicklung hochwertiger Extrakte und in die klinische Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit investieren.

Um beim Beispiel Johanniskraut zu bleiben: Hersteller, die ihr niedrig dosiertes Johanniskraut-Präparat im Supermarkt verkaufen, brauchen keine Forschung, weil kein Wirksamkeitsnachweis gefordert wird. Darum wird es in diesem Bereich auch keine Forschung geben.

Hersteller, die ihr hochkonzentriertes, aber teureres Johanniskraut-Präparat als Arzneimittel in Apotheken und Drogerien verkaufen, werden weniger Umsatz machen und daher weniger in Forschung investieren können. Das schadet der Phytotherapie.

Ich selber bin bereit, einen höheren Preis für ein Heilpflanzen-Präparat zu bezahlen, wenn ich weiss, dass der Hersteller in Forschung und Entwicklung investiert hat. Trittbrettfahrer, die ein billiges, aber wirkungsloses Präparat in den Supermarkt werfen und vom Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingaufwand anderer Hersteller profitieren, gehen bei mir leer aus.

Quelle der Zitate und Stellungnahmen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/streit-um-medikamente-im-supermarkt/story/25388132

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Bullshit zu Aromapflege und Aromatherapie

Diesen Artikel teilen:

Bullshit redet, wer wohlklingende Worte äussert, die nichts aussagen. Ein Beispiel für solchen Bullshit sind meines Erachtens folgende Sätze über Aromapflege und Aromatherapie:

„Aromapflege und Aromatherapie folgen den Prinzipien der Naturheilkunde. Sie wollen die Lebenskraft und Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken. Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht. Sie bewirken eine seelische Umstimmung, regulieren aus der Balance Geratenes und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden. Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“

Quelle:

http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/komplementaermedizin/?full=50130

Kommentar und Ergänzung:

Hier werden wohlklingende Begriffe aneinandergereiht, die kaum irgendwelche konkreten Inhalte haben.

⇒ Die „Prinzipien der Naturheilkunde“ sind nicht so klar definiert, wie das hier aussieht. Der Autor müsste konkrete Beispiele bringen um zu illustrieren, was genau er damit meint. Aber wenn man konkret wird, stösst man schnell an Grenzen oder verwickelt sich in Widersprüche. Bleibt man schön im wohlklingenden Allgemeinen, lässt sich diese Schwierigkeit vermeiden.

„Lebenskraft“ ist ein schillernder Begriff, der spontan oft klar und einleuchtend klingt, aber sofort schwierig wird, wenn man genau erklären soll, was damit gemeint ist.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge……

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben…..

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.“

⇒  Die „Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken“ tönt auch immer gut. Die Selbstheilung des Menschen ist faszinierend. Daran wirken aber tausende von Vorgängen im Organismus mit, die sich je nach Krankheit beträchtlich unterscheiden können. Die Selbstheilungskräfte als feststehende Grösse wird es daher kaum geben. Auch hier wären detaillierte Angaben vorzuziehen. Welche Prozesse beeinflusst das ätherische Öl genau und wie? Aber auch hier gilt: Sobald man genaue Aussagen macht, können diese auch in Frage gestellt, kritisiert und widerlegt werden. „Die Selbstheilungskräfte“ dagegen bieten keine Angriffsfläche für konkrete Einwände.

 „Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht.“ – „Tief“ tönt immer gut. Aber was heisst „tief“ genau in diesem Zusammenhang? Eingreifend? Tief eingreifend in die Psyche? Könnte das, wenn es stimmt, nicht gefährlich werden? Oder ist nur immer und ausschliesslich eine positive Wirkung zu erwarten im Sinne einer Förderung des Gleichgewichts. Ist das nicht etwas gar viel Wunschdenken?

 „Sie bewirken eine seelische Umstimmung…“  Wenn das stimmt, kann das nicht auch schiefgehen? Oder muss ich mir das einfach immer positiv vorstellen? In Sinne von: Das ätherische Öl weiss schon, was es machen muss? Ist das nicht allzu schön um plausibel zu sein?

„…regulieren aus der Balance Geratenes…“ Da haben wir sie wieder, die umfassende Regulation. Damit kann man nie schiefliegen.

 „…und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden.“    Das ist eine sehr weitreichende Versprechung. Wie machen die ätherischen Öle das und was sollen wir verstehen unter dem „eigentlichen Nährboden“ einer Krankheit: Auch hier: Wer nicht konkret wird, versteckt sich vor möglichen konkreten Einwänden.

„Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“ Das tönt immer gut, sagt aber auch nichts Konkretes aus.

Diese Kritik richtet sich nicht generell gegen Aromatherapie und Aromapflege. Ätherische Öle sind im vielen Bereichen interessante und wirksame Heilmittel. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Texten über Aromatherapie und Aromapflege auf derartigen Worthülsen treffe.

Das ist meines Erachtens immer ein Anlass für genaues, kritisches Nachfragen, auch wenn es um andere Bereiche als Aromapflege und Aromatherapie geht – zum Beispiel um Texte in der Pflanzenheilkunde.

Vorgänge und Begriffe möglichst genau zu beschreiben ist eine Grundvoraussetzung guter Kommunikation und fachlicher Auseinandersetzung. Mit schwammigen Begriffen wie sie das oben aufgeführte Zitat enthält, redet man weitgehend aneinander vorbei. Das gilt auch für Vorträge, Kurse und Ausbildungen. Haken Sie nach, wenn Sie in Lehrveranstaltungen mit wohlklingenden, aber schwammigen Begriffen „gefüttert“ werden.

Wer leere Worthülsen einfach schluckt, weil sie so gut tönend daherkommen, lässt sich einlullen oder lullt sich selber ein. Wer dagegen genau nachfragt, klärt die Begriffe so weit es geht und bekommt dadurch einen stabileren Stand in der Welt.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat übrigens ein lesenswertes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Bullshit“ (Suhrkamp Verlag).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Gänsefingerkraut gegen Darmerkrankungen, Bauchschmerzen, Blähungen, Menstruationsbeschwerden?

Diesen Artikel teilen:

Die „Bild“-Zeitung weiss Rat: „Diese 5 Wildkräuter sind schön und machen gesund“ – so der Titel eines Beitrags.

Gut – dann schauen wir uns einmal an, was da genau empfohlen wird:

„Gänsefingerkraut: Hilft bei Darmerkrankungen, Bauchschmerzen, Blähungen und Menstruationsbeschwerden.

Blätter, Kraut und Wurzeln zu Tee verarbeiten und trinken.“

Quelle:

http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/heilpflanzen/diese-wildkraeuter-sind-schoen-und-heilen-43457182.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Im Internet kann bekanntlich jede und jeder über Heilpflanzen (oder andere Heilmittel) schreiben, was er oder sie will. Das mag auch Vorteile haben und entspricht der Meinungsfreiheit, die uns wichtig ist. Es führt aber auch zu einem Dschungel von Aussagen und Behauptungen, der für Laien schwer durchschaubar ist. Denn eine Qualitätskontrolle gibt es da nicht einmal ansatzweise. Und die Redaktion der Bild-Zeitung scheint es auch nicht für nötig zu erachten, die veröffentlichten Ratschläge auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen.

Nur schon der kleine Text zum Gänsefingerkraut (Potentilla anserina) wirft eine ganze Reihe von Fragen auf:

– Was genau soll ich mir darunter vorstellen, wenn Gänsefingerkraut gegen Darmerkrankungen helfen soll? Es gibt sehr viele sehr unterschiedliche Darmerkrankungen mit verschiedensten Ursachen und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Gänsefingerkraut in allen Fällen helfen kann. Also müsste diese Angabe eingeschränkt werden. Aufgrund des Gehalts an Gerbstoffen ist eine stopfende Wirkung bei leichten Durchfällen plausibel und auch eine entzündungswidrige Wirkung bei Mundschleimhautentzündungen. Das wär’s dann aber wohl im Verdauungstrakt.

– Vergleichbar beim Stichwort „Bauchschmerzen“: Es gibt verschiedenste Ursachen für Bauchschmerzen. Gänsefingerkraut könnte allenfalls bei leichteren Menstruationskrämpfen lindernd wirken (siehe unten) oder bei leichteren Krämpfen im Kontext von Durchfall (es gibt in solchen Fällen aber besser wirkende Heilpflanzen). Abgesehen davon hängen leichtere Bauchschmerzen oft mit Ernährungsfehlern zusammen (zuviel gegessen? Unverträgliche Nahrungsmittel?). Das lässt sich nicht mit Gänsefingerkraut beheben. Und wenn keine solchen Zusammenhänge erkennbar sind, brauchen Bauchschmerzen eine ärztliche Diagnose, damit gezielter behandelt werden kann.

– Gänsefingerkraut gegen Blähungen? Auch für Blähungen gibt es unterschiedliche Ursachen, die oft mit der Ernährung zusammenhängen – zum Beispiel mit Störungen bei der Verdauung von Kohlenhydraten. Es ist nicht ersichtlich, wie Gänsefingerkraut in solchen Fällen helfen könnte und es gibt auch keine Hinweise für eine Wirkung gegen Blähungen in der Phytotherapie-Fachliteratur.

– Gänsefingerkraut gegen Menstruationsbeschwerden: In der traditionellen Pflanzenheilkunde wurde Gänsefingerkraut gegen ganz unterschiedliche Beschwerden verwendet, darunter auch zur Linderung von Menstruationskrämpfen. Dazu liegen auch positive ärztliche Erfahrungsberichte vor, die aber keine verlässliche Beurteilung erlauben. Siehe dazu:

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Studien zur krampflösenden Wirkung von Gänsefingerkraut führten zu kontroversen Ergebnissen.

Soviel zu den Indikationen von Gänsefingerkraut, wie „Bild“ sie empfiehlt. Zum Schluss geht „Bild“ noch auf die Zubereitung von Gänsefingerkraut ein:

„Blätter, Kraut und Wurzeln zu Tee verarbeiten und trinken.“

Selbst in diesem kurzen Satz gibt es Ungenauigkeiten und Fehler. So ist zum Beispiel die Anwendung der Wurzel des Gänsefingerkrauts total ungebräuchlich. Wenn von „Kraut“ die Rede ist, dann meint man damit die oberirdischen Pflanzenteile, soweit sie nicht verholzt sind – also Blätter, Stängel und Blüten. Und genau dieses Kraut (Herba) kommt zur Anwendung beim Gänsefingerkraut.

Mit diesen Einwänden kritisiere ich nicht das Gänsefingerkraut, sondern nur die fragwürdige Darstellung in der „Bild“-Zeitung. Das Gänsefingerkraut ist ein sehr hübsches, sympathisches Pflänzchen….

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Falsche Werbeversprechen für Nahrungsergänzungsmittel erkennen

Diesen Artikel teilen:

Werbeversprechen für Nahrungsergänzungsmittel sollten stets kritisch hinterfragt werden, sagt Thomas Benkert, Vizepräsident der Bundesapothekerkammer. Wenn etwas zu gut klinge, um wahr zu sein, dann sei es oft auch nicht wahr. Unseriöse Werbeversprechungen könne man mit gesundem Menschenverstand meist selbst entlarven. Er rät jedoch, sich gegebenenfalls in der Apotheke zu erkundigen und sagt: «Apotheker informieren kompetent und unabhängig darüber, woran Schwindelprodukte erkannt werden können und welche Präparate wirklich helfen.»

Für Quacksalberei gebe es verschiedene typische Anzeichen, erklärt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) in einer Pressemitteilung. Ein Indiz für Quacksalberei sei zum Beispiel eine „Erfolg- oder-Geld-zurück“-Garantie. Auch wenn ein Präparat gegen zahlreiche unterschiedliche Krankheiten wirken soll, sollten Konsumenten skeptisch sein.

Verbraucher müssten für Schwindelprodukte oft auch zu viel bezahlen und die Krankenkasse erstatte die Präparate nicht.

Vorsicht ist nach Ansicht der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auch angebracht, wenn etwas besser als die Schulmedizin sein soll. Das könnte Patienten fälschlicherweise dazu verleiten, ihre bewährte Behandlung ohne Rücksprache mit dem Arzt und dem Apotheker abzuändern oder gar abzusetzen.

Untersagt sei laut Heilmittelwerbegesetz zudem die Werbung mit Krankengeschichten oder wissenschaftlichen Studien außerhalb der Fachkreise. Gerade beim Fehlen wissenschaftlicher Studien verweisen Geschäftemacher laut ABDA gerne auf Erfahrungsberichte einzelner Patienten, die jedoch häufig schlicht erfunden seien.

Auch euphorische Patientenberichte in Internetforen oder Blogs könnten gefälscht sein, betont der ABDA.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59745

Kommentar & Ergänzung:

Sehr einverstanden damit, dass man Versprechungen bezüglich der Wirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln kritisch hinterfragen muss.

Aber: Auch viele Apotheken verkaufen sehr engagiert wirkungslose Nahrungsergänzungsmittel, sowie zugelassene, jedoch wirkungslose Arzneimittel – sowohl „chemische“ als auch komplementärmedizinische.

Darum ist zu empfehlen:

Sich selber informieren und auch in der Apotheke kritisch nachfragen.

Apotheker informieren nämlich vielleicht tatsächlich kompetent und unabhängig über Schwindelprodukte – wie Herr Benkert sagt – aber nur, wenn es sich um Produkte handelt, die sie nicht selbst im Sortiment haben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Kombination von Cannabis und Alkohol verstärkt Unfallgefahr

Diesen Artikel teilen:

Der THC-Wert im Blut erhöht sich deutlich, wenn Cannabis und Alkohol zusammen konsumiert werden. Das belegen die Resultate einer Studie aus den USA. Tetrahydrocannabinol (THC) ist die Substanz der Cannabis-Pflanze, die überwiegend für die psychoaktive Wirkung verantwortlich ist. In ihrer Studie hatten die Wissenschaftler um Studienleiterin Marilyn A. Huestis vom National Institute on Drug Abuse in Baltimore 19 Erwachsene entweder ein Placebo oder ein Getränk mit geringem Alkoholgehalt einnehmen lassen. Zehn Minuten später inhalierten die Probanden 500 Milligramm eines Placebos beziehungsweise verdampftes Cannabis mit einer tieferen THC-Dosis (2,9 Prozent) oder höheren THC-Dosis (6,7 Prozent). Hatten die Probanden keinen Alkohol konsumiert, lagen die mittleren Maximalwerte für THC im Blut bei der tieferen Cannabis-Dosierung bei 32,7 µg/l, für die höhere bei 42,2 µg/l. Mit Alkohol lagen die Werte bei 35,3 beziehungsweise 67,5 µg/l. Das schreiben die Wissenschaftler online im Fachjournal «Clinical Chemistry».

Die Wissenschaftler glauben, dass ihre Resultate die Tatsache erklären können, warum in den USA Cannabis und Alkohol eine der am häufigsten entdeckten Drogen-Kombinationen bei Unfällen ist. Den Forschern zufolge stimmen Fachleute schon länger darin überein, dass die Kombination von beidem die Unfallgefahr stärker steigert, als jede der Substanzen für sich allein. Dafür spreche auch eine US-amerikanische Studie, in der Forscher rund 1.900 tödliche Verkehrsunfälle untersucht hatten.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=58115

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis bzw. sein Hauptwirkstoff THC wird zunehmend als Medikament verwendet und ist bei Indikationen wie Spastik tatsächlich oft eine interessante Option.

Insofern ist die Rehabilitation der Heilpflanze Cannabis überfällig. Allerdings müssen dabei – wie es bei wirksamen Heilmitteln die Regel ist – auch allfällige Risiken und Nebenwirkungen berücksichtigt werden.

Die eingeschränkte Fahrtüchtigkeit ist ein solches Risiko.

Über Wirkungen und Risiken von Cannabis finden Sie über das Suchfeld oben rechts in diesem Blog eine ganze Reihe von Artikeln („Cannabis“ eingeben).

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

BfArM warnt erneut vor Miracle Mineral Supplement (MMS)

Diesen Artikel teilen:

Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) hat seine Warnung erneuert und verschärft: MMS, das angeblich gegen Aids, Krebs, Herpes, Malaria, Demenz und vieles andere mehr helfen soll, wurde als bedenkliches, nicht zugelassenes Arzneimittel eingestuft. Damit ist der Verkauf von MMS in Deutschland ab sofort illegal.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die «Miracle Mineral Supplement»-Produkte MMS und MMS2 der Firma Luxusline Ltd. als zulassungspflichtige Arzneimittel eingestuft. Zudem bewertet es diese Produkte als bedenklich, weil der begründete Verdacht bestehe, dass sie bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädliche Wirkungen haben, die über ein vertretbares Maß hinausgehen.

Das BfArM warnte schon im vergangenen Jahr vor Natriumchlorit-Produkten, die in der Regel über das Internet als Miracle Mineral Supplement zur Heilung von Krebs, Malaria, chronischen Infektionen und weiteren schwerwiegenden Krankheiten beworben werden. Mit der aktuellen Einstufung bestätigt das BfArM seine kritische Haltung zum Vertrieb und der Anwendung dieser Produkte.

Als bedenklich nach § 5 Arzneimittelgesetz sind die beiden Produkte laut BfArM deshalb einzustufen, weil mit der Einnahme schädliche Wirkungen verbunden sind, die über ein vertretbares Maß hinausgehen.

MMS enthält die Chemikalie Natriumchlorit in einer Lösung von 28 Prozent, MMS2 Calciumhypochlorit 70 Prozent in Kapseln. Die beiden Produkte werden kombiniert mit einer «Aktivator»-Zitronensäurelösung 10 Prozent zur Trinkwasseraufbereitung in den Handel gebracht. Durch die Reaktion von MMS mit der sogenannten Aktivatorlösung, also von Natriumchlorit und Zitronensäure, entwickelt sich Chlordioxid, ein giftiges Gas mit stechendem, chlorähnlichem Geruch. Chlordioxid wird als Bleichmittel von Papier und zur Desinfektion von Trinkwasser verwendet und kann schwere Verätzungen der Haut sowie schwere Augenschäden auslösen.

Den Giftnotrufzentralen liegen laut Angaben des BfArM Fälle von Erbrechen, Atemstörungen und Hautverätzungen bei der Einnahme von MMS vor.

Behörden in Amerika, Kanada, Frankreich und Deutschland warnen immer wieder vor MMS, weil nach Einnahme dieser Präparate unerwünschte Wirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall, Nierenversagen, Verätzungen der Speiseröhre sowie Atemstörungen durch Schäden an roten Blutkörperchen beobachtet wurden.

Quellen:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=56643

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/mms-bfarm-stuft-es-nach-zulassung-als-bedenklich-ein-a-1017455.html#ref=plista

 

Kommentar & Ergänzung:

Auch diese Warnung wird die MMS-Gemeinde nicht von ihrem Wundermittel abbringen.

Das Märchen vom simplen Heilmittel, das fast alle Krankheiten besiegt, ist einfach viel zu schön. Dazu kommt dann noch die Opferlegende vom grossartigen menschenfreundlichen Wundermittel, das von der bösen Pharma-Lobby unterdrückt wird.

Natürlich treten die erwähnten Vergiftungserscheinungen nur bei einer kleinen Minderheit der Anwenderinnen und Anwender auf.

Ich selber bin allerdings auch schon von Leuten kontaktiert worden, die von erheblichen Reizwirkungen nach MMS-Anwendung berichtet haben.

Mir ist es gerade als ehemaligem Drogisten ein Rätsel, wie man sich freiwillig Chlorgas aussetzen und das auch noch für gesund halten kann.

Am eindrücklichsten ist aber, wie Leute daran glauben können, dass ein derart einfach gestricktes Produkt eine ganze Palette von sehr unterschiedlichen schweren Krankheiten heilen kann.

Auf diesen Post werden wieder – wie beim Thema MMS üblich – eine Reihe von gehässigen Kommentaren von MMS-Anhängerinnen und –anhängern eintrudeln, die oft gipfeln in der sehr investigativen Frage „Wie viel zahlt dir die Pharmaindustrie für diesen Hetzartikel?“ – Darum hier gleich prophylaktisch der Hinweis: Nein, ich bin nicht von der Pharma-Lobby bezahlt – und Kommentare dieser Art werden umstandslos gelöscht.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss (Succisa pratensis) ist die Blume des Jahres 2015

Diesen Artikel teilen:

Die Loki Schmidt Stiftung hat den Gewöhnlichen Teufelsabbiss (Succisa pratensis) zur Blume des Jahres 2015 gewählt (Pflanzenfoto auf Wikipedia).

Mit der „Blume des Jahres“ macht die Loki Schmidt Stiftung jeweils auch auf einen bedrohten Lebensraum hin.

Beim Teufelsabbiss sind das magere und offene Feuchtwiesen, Moore und Heiden.

Das Rhizom ( = Wurzelstock) des Gewöhnlichen Teufelsabbisses wird bis zu 50 cm tief und stirbt im Herbst von unten ab. Der Teufel soll die Wurzel jeweils von unten abbeissen, aus Zorn über ihre Heilkraft, sagt ein alter Volksglaube.

Quelle:

http://www.loki-schmidt-stiftung.de/downloads/blumen_des_jahres_pdfs/Blume_des_Jahres_2015.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Teufelsabbiss enthält Saponine, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Stärke und Saccharose. Die Pflanze wurde in der traditionellen Volksheilkunde eingesetzt zur „Blutreinigung“, als Diuretikum, gegen Husten, Heiserkeit, Lungenerkrankungen, als Anthelmintikum (wurmwidriges Mittel), äusserlich bei Hauterkrankungen, Ekzemen, Geschwüren und Quetschungen.

Wie viele andere Pflanzen auch, wurde Teufelsabbiss früher gegen Pest empfohlen. Aber schon Tolstoi hat geschrieben: Wenn gegen eine Krankheit viele verschiedene Heilmittel empfohlen werden ist das ein Zeichen, dass sie unheilbar ist. Mit anderen Worten: Gegen Pest hat man früher in grosser Not einfach fast alles probiert, was greifbar war.

Keine dieser Indikationen ist aber bisher geklärt worden, so dass der Teufelsabbiss heute in der Phytotherapie nicht mehr zur Anwendung kommt.

Zum Anschauen in der Natur ist die Pflanze allerdings ausgesprochen hübsch, aber nicht häufig anzutreffen. Wenn Sie mehr Wildpflanzen und Heilkräuter in der Natur kennenlernen möchten, dann schauen Sie sich mal mein Programm 2015 für die Kräuterwanderungen an.

Botanisch gehört der Teufelsabbiss zur Pflanzenfamilie der Kardengewächse (Dipsacoideae), zu der auch die Witwenblumen, die Skabiosen und die Karden zählen.

Teufelsabbiss blüht erst spät im Jahr (Juli bis September) und wird von Bienen, Schmetterlingen und Fliegen bestäubt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen: