Beiträge

BBT: Pseudo-Qualitätssicherung im Bereich Alternativmedizin

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Das Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) arbeitet an der Schaffung eines eidgenössisch anerkannten Berufsabschlusses für die nicht-ärztliche Alternativmedizin.

Die Etablierung eines eidgenössischen Abschlusses sei ein wichtiger Schritt zur Qualitätssicherung in diesem wachsenden Markt und der Bund strebe eine einheitliche Ausbildung im unübersichtlichen Feld der Alternativmedizin an, hält das BBT fest.

Das tönt gut. Qualitätssicherung in Bereich der Alternativmedizin fehlt bisher fast vollkommen und wäre daher nötig.

Eine verbesserte Qualitätssicherung wurde schliesslich auch den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern versprochen, wenn sie dem Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin zustimmen (Abstimmung Mai 2009). Besonders weit zum Fenster hinausgelehnt mit leeren Versprechungen haben sich an diesem Punkt – leider – Politikerinnen und Politiker der Sozialdemokratischen Partei (Simonetta Sommaruga, Jean-François Steiert, Edith Graf-Litscher) und der Grünen Partei (Yvonne Gilli), aber auch der Freisinnig-Demokratischen Partei (Rolf Büttiker).

Sie haben Qualitätssicherung im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin versprochen, dabei aber die zentrale Frage, nach welchen Kriterien Qualität in diesem Bereich beurteilt werden soll, vollständig ausgeklammert.

Daher noch einmal:

Nach welchen Kriterien genau soll beurteilt werden, wer/was im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin Qualität hat und was nicht?

Wer entscheidet über diese Kriterien?

Und nach welchen Kriterien werden diejenigen ausgewählt, die über diese Kriterien entscheiden?

Siehe dazu auch:

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragwürdige Versprechen zur Qualitätssicherung

Politikerinnen und Politiker, die sich nicht mit diesen Fragen befassen und darauf Antworten suchen, machen meines Erachtens eine Politik der leeren, populistischen Versprechungen. Das ist billig und ohne Aufwand zu haben. Qualitätssicherung wird zum inhaltslosen Schlagwort.

Seit der Abstimmung vom Mai 2009 ist ja nun einige Zeit vergangen und wir können schauen, wie sich die versprochene Qualitätssicherung anlässt:

– Es wurde inzwischen eine „Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz» (OdA-AM) gegründet und vom Bund bisher mit 174 800 Franken unterstützt. Diese Dachorganisation reglementiert im Auftrag des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) die Berufsausbildung von nicht ärztlichen Alternativmedizinern. Ziel dieser Arbeit ist die Schaffung von eidgenössisch anerkannten Berufsabschlüssen.

– Mitglied der OdA-AM sind folgende Verbände:

APTN Association des Practiciens en Thérapie Naturelles;

HVS Homöopathie Verband Schweiz;

NVS Naturärztevereinigung Schweiz;

SEBIM Schweizerische Gesellschaft für Energie-, Bioresonanz- und Informationsmedizin;

SBO-TCM Schweizerische Berufsorganisation für TCM;

SVANAH Schweizer Verband der approbierten Naturärztinnen und Naturheilpraktikerinnen;

SVMAV Schweizer Verband für Maharishi Ayurveda;

hfam konferenz höhere fachschulen alternativmedizin;

VSNS Verband Schweizer Naturheilkunde Schulen.

Geht es um die Arbeit dieser Verbände in der OdA-AM um Qualitätssicherung, so wäre die erste Frage, nach welchen Qualitätskriterien diese Verbände ausgewählt wurden.

In diesem Punkt ist nicht ein Hauch von transparenten Qualitätskriterien sichtbar. Es scheint eher eine Frage erfolgreichen Lobbyings zu sein, wer hier Qualitätssicherung machen soll. Das bedeutet dann allerdings das Grounding jeder Qualitätssicherung.

(damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe weder die Neigung noch den Wunsch, in der OdA-AM irgendwie mitzuwirken und die Arbeit der OdA-AM begrifft mich nicht, da Phytotherapie nicht zur Alternativmedizin / Komplementärmedizin gehört. Siehe: Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?)

– Konkret erarbeitet die OdA-AM Berufsbilder für die vier Fachrichtungen traditionelle chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEM) und ayurvedische Medizin, die zu einem eidgenössisch anerkennten Berufsabschluss führen sollen.

Auch hier stellen sich viele Fragen, wenn es bei der Arbeit der OdA-AM und des BBT’s um Qualitätssicherung gehen soll:

Nach welchen Qualitätskriterien wurden diese vier Methoden ausgewählt. Es gibt mehrere hundert verschiedene Methoden in der Alternativmedizin / Komplementärmedizin. Oder muss ich auch hier davon ausgehen, dass es eine Frage des Lobbyings ist, welche Methode berücksichtigt ist?

– Weitere Fragen bezüglich Qualitätssicherung stellen sich, wenn man die einzelnen Fachrichtungen in den Blick nimmt. Wer entscheidet, was in Fachbereich Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEM) oder ayurvedische Medizin als Qualität zu gelten hat?

Im Fachbereich Homöopathie gibt es verschiedene Richtungen, deren Grundsätze sich zum Teil widersprechen (z. B. Kompex-Homöopathie, klassische Homöopathie). Wer entscheidet?

Traditionelle Europäische Medizin ist ein sehr junges Konglomerat, zusammengestellt aus denjenigen Puzzle-Teilen der alten europäischen Heilkunde, die den Bedürfnissen heutiger Menschen entgegen kommen. Wer entscheidet nach welchen Kriterien, welche Puzzle-Teile qualitativ überzeugen?

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist als Exportprodukt zugeschnitten auf westliche Bedürfnisse und etwa 65 Jahre alt. Mit der sehr heterogenen alten chinesischen Medizin hat sie nur noch sehr wenig gemeinsam. Auch hier stellt sich die Frage, wer Qualität beurteilen soll.

Und zuletzt noch Ayurvedische Medizin. Hier ist schon ziemlich klar, dass die Sekte des Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der Transzendentalen Meditation (TM), im Auftrag und mit Unterstützung des BBT’s bestimmt, was Qualität in der Ayurvedischen Medizin ist. Die „Yogi-Flieger“ sind auch im Vorstand der OdA-AM vertreten und steuern so generell mit im Aufbau der eidgenössisch anerkannten Berufbilder in der Alternativmedizin.

Der Tages-Anzeiger berichtete kürzlich über den fragwürdigen Stand der Dinge bezüglich der „Yogi-Flieger-Connection“:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/YogiFlieger-unterwegs-im-Auftrag-des-Bundes/story/31057135

Es sieht alles danach aus, dass die Qualitätssicherung innerhalb der einzelnen Fachrichtungen auf einem Binnenkonsens erfolgen wird.

Als Binnenkonsens wird ein Konsens bezeichnet, der nur innerhalb eines begrenzten Menschenkreises besteht, hier also aus denjenigen Vertretern der jeweiligen Fachrichtungen, die sich durch Lobbying durchgesetzt haben.

Fazit:

Solange keinerlei transparente und unabhängig von den einzelnen Methoden geltende Qualitätskriterien gelten, täuscht das BBT gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern Qualitätssicherung nur vor – während es eigentlich um Lobbying geht. Ist das jetzt die Qualitätssicherung, die uns vor allem die Grüne Partei der Schweiz (GPS) und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) so vollmundig versprochen haben?

Abschliessend:

Meiner Ansicht nach gibt es im Bereich der Alternativmedizin gar keine transparenten und unabhängig von den einzelnen Methoden nachvollziehbaren Qualitätskriterien, wenn wissenschaftliche Kriterien, welche diese Bedingungen erfüllen könnten, ausgeklammert sind.

Es ist mir aber auch klar, dass im Bereich Alternativmedizin wissenschaftliche Qualitätskriterien nicht zur Anwendung kommen können, wenn von diesen Fachbereichen noch etwas übrig bleiben soll.

Ich plädiere daher nicht gegen eine Regulierung durch das BBT.

Die Regulierung und Qualitätssicherung durch das BBT sollte sich aber auf die medizinischen Grundlagenfächer begrenzen, weil dort transparente und über einen Binnenkonsens hinaus nachvollziehbare Kriterien auffindbar sind.

Tut das BBT aber so, als mache es Qualitätssicherung in den Fachbereichen der Alternativmedizin, so gaukelt es den Bürgerinnen und Bürgern etwas vor, das nicht wahr ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen

Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

moodle.heilpflanzen-info.ch/

Diesen Artikel teilen:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Diesen Artikel teilen:

Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

– Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Sie stützt sich auf medizinische Diagnostik.

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe: Was ist Naturheilkunde?

Phytotherapie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet als fundierte Verbindung zwischen Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Diesen Artikel teilen:

Der Begriff “Komplementärmedizin” wird seit einiger Zeit ziemlich inflationär und unreflektiert verwendet. Es wäre meines Erachtens jedenfalls an der Zeit, über diesen Ausdruck genauer nachzudenken.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei der “Komplementärmedizin” einfach um Methoden, welche die “Schulmedizin” ergänzen sollen. Kratzt man ein bisschen an dieser Oberfläche, wird das Bild sogleich komplexer.

Die kritischen Fragen an den Begriff “Komplementärmedizin” hat meiner Ansicht nach Prof. Malte Bühring bereits 1999 aufgeworfen. In einem Editorial der Zeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” schreibt der Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin:

“Auch als Mitglied der Schriftleitung habe ich nie verhehlt, dass ich
dem Titel dieser Zeitschrift, nämlich dem Ausdruck «Komple-
mentärmedizin», kritisch gegenüberstehe, ich selbst hätte ihn nicht
gewählt. Komplementär sagt mir auf der einen Seite zu viel – teil-
weise auch etwas Falsches – auf der anderen Seite zu wenig……
Was habe ich gegen «komplementär»? Sehr einfach könnte man es
mit «sich gegenseitig ergänzend» übersetzen, zu einem Ergänzen
bedarf es aber mindestens zweier Akteure. Den einen Part, näm-
lich den, der ein Ergänzen zulässt, müsste ja wohl die sog. Schul-
medizin spielen. Bei dieser ist Komplementärmedizin eine unge-
liebte Braut, hier sollen wir uns und unserem Publikum nichts vor-
machen. Komplementär signalisiert einen Anspruch, der nicht zu
halten ist, an dieser Stelle sagt mir der Ausdruck zu viel.
Tatsächlich hat komplementär in diesem Zusammenhang einen ne-
gativen Bedeutungswandel erfahren. Komplementär bezeichnet
den Aussenseiter, ähnlich wie «alternativ» in der alternativen Me-
dizin. Mit alternativ wird nicht ein zusätzliches, allgemein aner-
kanntes therapeutisches Angebot neben anderen Behandlungsme-
thoden bezeichnet, sondern ebenfalls die Tatsache des Aussensei-
ters. Niemand mag sein Verfahren so bezeichnen.

Vor allem leistet «komplementär» keinen Beitrag zu einer weite-
ren Differenzierung unter den vielen Methoden ausserhalb der
medizinischen «Schule» – hier sagt mir der Ausdruck zu wenig.
Er signalisiert ein Laisser-faire und eine Beliebigkeit, die nieman-
dem nutzt. Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.
Ähnliches geschieht jetzt in der offiziellen Gesundheitspolitik, hier
werden die klassischen Naturheilverfahren zusammen mit den
«komplementären» bzw. den «alternativen» Methoden unter
«Unkonventionelle Medizinische Richtungen» (UMR) abgehan-
delt. Ich wehre mich dagegen.”

(Forschende Komplementärmedizin 1999;6:125-126)

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat legt meines Erachtens den Finger genau auf die zwei zentralen problematischen Bereiche.

1. Der Begriff “Komplementärmedizin” verspricht zuviel.

Komplementärmedizin ist für die “Schulmedizin” immer noch eine weitgehend ungeliebte Braut. Die Gründe dafür müssten genauer unter die Lupe genommen werden. Meiner Ansicht nach macht es sich ein grosser Teil der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin zu einfach, wenn als Ursache für diese “Verschmähung” ausschliesslich Borniertheit seitens der “Schulmedizin” angenommen wird.

Meiner Überzeugung nach muss die Komplementärmedizin die eigenen blinden Flecken anschauen, wenn sie als Braut attraktiver oder auch nur genehmer werden will. Dazu gehören zum Beispiel Heilslehren, dogmatische Systeme und Gurutum, die in weiten Bereichen der Komplementärmedizin verbreitet sind. Diese Bereiche werden meines Erachtens nie kompatibel sein mit dem medizinischen System. Hier braucht es sehr viel mehr kritische Auseinandersetzung und Klärung innerhalb der Komplementärmedizin.

Statt dessen versucht die Komplementärmedizin die Anerkennung als “Braut” auf politischem Weg zu erzwingen. Kern dieses Versuches war die Volksabstimmung vom 17. Mai 2009 und ist jetzt die politische Umsetzung des Ergebnisses. Meiner Ansicht nach spricht sehr viel dafür, dass dieses Bestreben scheitern wird. Naturheilkunde und insbesondere die Homöopathie wurden schon einmal massiv politisch gefördert – im Nationalsozialismus. Ziel war damals die Vereinigung von Naturheilkunde und Schulmedizin zur Neuen Deutschen Heilkunde. Es wurden zahlreiche homöopathischen Krankenhäuser aufgebaut und grosse Summen aufgewendet insbesondere für die Erforschung der Homöopathie, aber auch der “Schüssler Salze” (Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau). Dieses Projekt erlitt vollkommenen Schiffbruch.
Wer an ausführlicheren Informationen über die unheilsame Verbindung von Naturheilkunde & Nationalsozialismus interessiert ist, dem bzw. der empfehle ich mein Tagesseminar:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php.

2. Der Begriff “Komplementärmedizin” sagt zuwenig aus. Sehr zu recht kritisiert Prof. Malte Bühring meines Erachtens die Beliebigkeit und die mangelnde Differenzierung, die mit dem Begriff “Komplementärmedizin” einher geht. Im “Päckli” Komplementärmedizin sind ausserordentlich unterschiedliche Theorien und Weltbilder enthalten. Nötig wäre hier eine sorgfältige Differenzierung und eine offene Auseinandersetzung darüber, welche Art von Komplementärmedizin wir denn eigentlich wollen. Ich halte es hier gerne mit einer Aussage von Bruno Kesseli, dem Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung. Er schrieb in der Ausgabe 2006;87: 3):

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen verbreitet zu sein.”

Die Komplementärmedizin-Lobby hat rund um die Abstimmung vom 17. Mai ein Päckli mit den fünf Methoden Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie geschürt, ohne dass die politischen Parteien sich mit dem Inhalt differenziert auseinandergesetzt haben.
Auf dieses Päckli trifft meines Erachtens genau die folgende Aussage von Prof. Malte Bühring zu:

“Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.”

Meiner Ansicht nach wäre es die Pflicht der Politikerinnen und Politiker, dieses 5er-Päckli aufzuschnüren und differenziert zu betrachten.

Fachlich gesehen ist es schon einmal sehr fraglich, ob Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen ist.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Ausserdem wäre m. E. eine offene Diskussion über weltanschaulichen Aspekte nötig. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung. Details siehe:
Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Wenn nun Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium eingebaut und via Grundversicherung bezahlt werden soll, braucht es meines Erachtens eine offene Diskussion darüber, ob wir eine solche Remoralisierung wollen.
Auf der politischen Ebene sind es (leider!) ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS), welche am undifferenziertesten mit dem Thema Komplementärmedizin umgehen. SPS und GPS zeigen in diesem Bereich eine gehörige Portion an Beliebigkeit und Populismus. Ich würde von diesen Parteien eine differenziertere Betrachtung erwarten entsprechend dem Zitat von Bruno Kesseli. SPS und GPS treten nämlich bisher so auf, als ob alle (Komplementärmedizin-) Pilze essbar wären. Das scheint mir sehr naiv.

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen: