Beiträge

Interessantes zum Gelben Enzian, zum Enzianschnaps und zum Germer

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (5/2017) präsentiert Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger einen informativen Beitrag über den Gelben Enzian (Gentiana lutea, Bild: Gelber Enzian).

 

Die Wirkung des Gelben Enzians ist verbunden mit dem hohen Gehalt an Bitterstoffen. Er wird angewendet bei Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit und Völlegefühl.

Ausserdem wird aus den Enzianwurzeln der Enzianschnaps hergestellt. Die Pflanze wird bis zu 150 cm hoch, erreicht ein Alter von bis zu 60 Jahren und die Enzianwurzel kann in Kultur frühestens nach 4 bis 5 Jahren geerntet werden.

Enzianwurzel hat einen Bitterwert von mindestens 10 000. Der Bitterwert macht eine Aussage dazu, wie stark eine Substanz verdünnt werden muss, damit der bittere Geschmack noch wahrnehmbar ist.

Reinhard Länger hat diesen Bitterwert des Gelben Enzians in anschauliche Beispiele umgerechnet:

„Im Fall von Enzianwurzel bedeutet dies, dass 1g Enzianwurzel 10 Liter Wasser bitter machen kann. Die Bitterstoffe sind gemäß ihrer chemischen Struktur Secoiridoide. Mengenmäßig dominiert Gentiopikrosid (Bitterwert 12 000), die Substanz mit dem höchsten Bitterwert ist Amarogentin (Bitterwert 58 000.000, d. h. 1 g Amarogentin macht 58 000 000ml (= 58m3) Wasser bitter, dies entspricht einem großen Eisenbahn-Kesselwaggon)!“

Eine bitterere Substanz als Amarogentin ist kaum vorstellbar.

Zum Enzianschnaps erklärt Länger den Unterschied zwischen destilliertem und angesetzem Produkt:

„Für die Bereitung von destilliertem Enzianschnaps werden die frischen Wurzeln fermentiert und je nach Rezeptur mit Wasser eingemaischt oder Obstmaische zugesetzt. Die Bitterstoffe sind nicht flüchtig und gelangen daher nicht in das klare Destillat. Anders bei angesetzten Schnäpsen: die Inhaltstoffe werden extrahiert, der Schnaps ist daher braun und stark bitter.“

Der Text geht ausserdem auf Unterschiede zwischen dem Gelben Enzian und dem giftigen Germer (Veratrum album) ein:

„Blattrosetten des Enzian ähneln entfernt jenen des stark giftigen Germer. Beim heimlichen, unerlaubten Graben in der Dämmerung können daher Verwechslungen passieren. Die Alkaloide des Germer sind ebenfalls nicht flüchtig und würden daher auch nicht in ein Destillat übergehen. Bei Ansatzschnäpsen werden sie aber extrahiert. Im Fall einer Vergiftung tritt meist rasch Erbrechen ein, weshalb tödlich verlaufende Vergiftungen in letzter Zeit nicht aufgetreten sind. Bei Tageslicht sollte die Differenzierung von Enzian und Germer kein Problem darstellen: die Blätter des Enzian sind kreuz-gegenständig angeordnet, jene des Germer wechselständig.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0517.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessant ist hier die Angabe, dass sowohl beim Enzianschnaps die Bitterwirkung als auch beim Germer die Giftwirkung von der Herstellungsweise abhängig ist.

Gelber Enzian und Germer unterscheiden sich auch in der Blattfärbung. Die Blätter des Gelben Enzians haben einen grünlich-bläulichen Ton, Germer dagegen einen grünlich-gelblichen Ton. Um diesen Unterschied sicher zu erkennen, muss man die Pflanzen möglichst nebeneinander in der Natur sehen

Sehr viele Gelben Enziane und Germer können Sie kennenlernen auf meinen Kräuterwanderungen im Berner Oberland – in Lenk im Simmental und in Mürren im Lauterbrunnental.

 

Der Germer ist unter der Bezeichnung Veratrum album ein wichtiges Mittel in der Homöopathie. Weil bei der Herstellung der Globuli die Pflanze so stark verdünnt wird, bis praktisch keine Wirkstoffe mehr verhanden sind, sind die Präparate ungiftig (zum Beispiel D6 = 1: 1 000 000 oder D12 = 1: 1 000 000 000 000).

Hauptanwendungsgebiete sind zum Beispiel Erschöpfung, schwacher Kreislauf, Kollaps, Kreislaufbeschwerden, Erbrechen und Durchfall. Veratrum album wird in der Homöopathie oft auch als Hauptmittel bei Cholera erwähnt. Das sind allerdings sehr grosse Versprechungen für ein Produkt, für dessen Wirksamkeit es – wie bei Homöopathika generell – keinerlei Belege für eine spezifische Wirksamkeit gibt.

Der Germer hat im Übrigen sehr schön geformte Blätter. Foto hier.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

[Buchtipp] Homöopathie neu gedacht von Natalie Grams

Diesen Artikel teilen:

homoeopathie-neu-gedacht

Verlagsbeschreibung

Die Homöopathie ist über 200 Jahre alt und erfährt auch heute noch einen ungebrochenen Zustrom. Viele Patienten und Therapeuten schwören auf die alternative Heilmethode, die mittlerweile auch von vielen Krankenkassen erstattet wird. Kritikern erscheint dies völlig unverständlich ist für sie doch längst klar, dass die Homöopathie hoffnungslos unwissenschaftlich ist und allenfalls einen Placebo-Effekt zu bieten hat. Schon seit ihrer Geburtsstunde sieht sich die Homöopathie äusserst kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Die Positionen von Befürwortern und Gegnern scheinen dabei ebenso unverrückbar wie unvereinbar. Natalie Grams zugleich naturwissenschaftliche Ärztin und offene Homöopathin geht in diesem authentischen Buch über das bisher Gesagte hinaus. Sie beantwortet spannende Fragen: Was bleibt in einer Medizin des 21. Jahrhunderts übrig von dem Gedankengebäude der Homöopathie? Wie wirkt sie wirklich? Welche Teile von Hahnemanns Theorien können wir auch heute noch guten Gewissens anwenden und zum Nutzen von Patienten und Gesundheitssystem einsetzen? Wo aber hat die Homöopathie Grenzen und muss in der Tat kritisch betrachtet und bewertet werden? Die Autorin hat sich über Jahre mit den Kritikpunkten an der Homoöpathie auseinandergesetzt, nimmt aber gleichzeitig auch die Wünsche und Sorgen ihrer Patienten ernst, die sich in der konventionellen Medizin oft nur unzureichend versorgt fühlen. Ihr Buch versucht einen (überfalligen) Brückenschlag zwischen den zwei traditionell verfeindeten Lagern.

Zum Shop

Zur Autorin Natalie Grams

Die Ärztin Dr. med. Natalie Grams, Jahrgang 1978, führte eine erfolgreiche homöopathische Privatpraxis in Heidelberg. Im Laufe ihrer Tätigkeit kamen ihr als Naturwissenschaftlerin jedoch Zweifel darüber, wie die Homöopathie auch heute noch guten Gewissens angewendet werden kann. Ihr Medizinstudium hat Grams in München begonnen und in Heidelberg beendet, wo sie seither mit ihrem Mann und drei Kindern lebt.

Inhaltsverzeichnis des Buches „Homöopathie neu gedacht“:

Vorwort.

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?

2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?- Gibt es die Homöopathie?- Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie.- In welcher Zeit entstand die Homöopathie?- Die homöopathische Methode – was ist anders?- Die homöopathischen Repertorien und die Materia medica.- Die homöopathische Anamnese.- Die homöopathischen Medikamente (Potenzierung).- Die homöopathische Diagnose, das Prinzip Ähnlichkeit und die homöopathische Arzneimittel-Prüfung.- Die Empfindungsmethode in der Homöopathie.

3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?- Wozu brauchen wir die Wissenschaft überhaupt?- Zur persönlichen Situation: Im Konflikt mit der Naturwissenschaft.- Geistartige Energie und fehlender Wirkstoff – das Problem der potenzierten Medikamente in der Homöopathie.- Der problematische Begriff Lebenskraft.- Die homöopathische Arzneimittelprüfung.- Ist die Homöopathie Medizin?

4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?…

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch „Homöopathie neu gedacht“ von Natalie Grams ist sehr lesenswert für alle, die sich für Homöopathie im speziellen oder für Komplementärmedizin im weiteren Sinn interessieren. Doch auch wer wissenschaftlich-medizinisch denkt, wird aus dem Buch interessante Anregungen mitnehmen können. Denn die Frage, der Natalie Grams auf den Grund geht, ist sehr relevant: Wenn homöopathische Globuli keine spezifische arzneiliche Wirkung haben – und dafür sprechen die vorliegenden Erkenntnisse aus Studien mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit – wie kommt es dann, dass viele Menschen bei verschiedensten Beschwerden durch Homöopathie Linderung erfahren? – Die Antworten auf diese Frage sind auch lehrreich für andere therapeutische Methoden und für die Medizin. Kritiker und Anhänger der Homöopathie können aus „Homöopathie neu gedacht“ interessante Erkenntnisse gewinnen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Diesen Artikel teilen:

Hörenswerter Radiobeitrag: Gesellschaft von Kranken? Umstrittene Grenzwerte in der Medizin

Diesen Artikel teilen:

Radio Bayern 2 hat einen sehr interessanten Beitrag von Daniela Remus ausgestrahlt zum Thema „Grenzwerte in der Medizin“, der 2015 nach der Erstausstrahlung mit dem Journalistenpreis EbM ausgezeichnet wurde.

Es gibt in der Medizin unverkennbar einen Trend zur Pathologisierung und Medikalisierung aller Lebenslagen.

Ob Cholesterinspiegel, Blutdruck, Gewicht oder Diabetes, in der Medizin haben sich in den letzten Jahrzehnten die Grenzwerte dafür, was als gesund gilt, laufend verschoben. Tiefere Grenzwerte führen dazu, dass sehr viele Menschen, die sich bis anhin als gesund betrachtet haben, nun als krank und behandlungsbedürftig gelten. Auch Vorsorgeuntersuchungen – so nützlich sie in manchen Fällen auch sein mögen – können manchmal zu unnötigen und riskanten Überbehandlungen führen.

Je mehr Menschen man untersucht und je intensiver man sie untersucht, desto mehr findet man. Alle Menschen haben an irgendeinem Punkt eine Abweichung von der Norm und gelten dann als krank. Wer noch keine Diagnose hat, wurde noch nicht gründlich genug untersucht.

Auch Lebensphänomene wie Trauer oder Schüchternheit werden zunehmend durch entsprechend zu recht geschusterte Krankheitsdefinitionen pathologisiert. Nicht jeder ungewöhnliche Seelenzustand ist aber behandlungsbedürftig.

Hier können Sie den spannenden und informativen Beitrag hören:

 

 

Den Trend zur Pathologisierung und Medikalisierung aller Lebenslagen kann man im übrigen auch in Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde häufig beobachten. In diesen Bereichen läuft das aber nicht über veränderte Grenzwerte und Normen, sondern eher über vage, ausufernde und oft willkürliche Diagnosen wie „Leberschwäche“, „Pilz im Darm“, „Verschlackung“, „Übersäuerung“.

Für jede kleinste Unpässlichkeit auf körperlicher, psychischer und geistiger Ebene wird eine ganze Batterie von Globuli, Pflanzentröpfli oder Schüssler Tabletten angeboten.

Und weil die Mittel ja als unschädlich gelten, kann man sie wild kombinieren und 7mal 24 Stunden in der Woche schlucken.

Manchmal braucht ein kranker Mensch Behandlung. Weniger wäre aber manchmal gesünder – in Medizin und Komplementärmedizin. Denn wir verlieren mit den permanenten Überbehandlungen mit der Zeit das Vertrauen in die Kompetenz des eigenen Organismus, mit einfacheren Störungen selber fertig zu werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Was ist Gerstengras?

Diesen Artikel teilen:

Der Name „Gerstengras“ tönt geheimnisvoller als das, was es ist. Gemeint ist damit ganz einfach die junge Gerstenpflanze.

Für die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln werden meist die Blätter der jungen Pflanze gefriergetrocknet und gemahlen.

Gerstengras ist reich an Nährstoffen und wird daher in der Tiermast eingesetzt.

Und darüber hinaus wird Gerstengras im Internet über allen Klee gelobt und als „Superfood“ vermarktet. Wenn ein Produkt derart als Wundermittel gegen alles und jedes angepriesen wird, ist immer eine gehörige Portion Skepsis angebracht.

Ich habe mich auf den entsprechenden Internetseiten ein wenig umgeschaut. Da wird Gerstengras nicht gerade bescheiden als eines der kostbarsten Lebensmittel unseres Planeten bezeichnet. Irgendwie muss man den Preis ja rechtfertigen.

Und wie es bei fragwürdigen Produkten oft der Fall ist:

Gerstengras hilft gegen Brustkrebs, Prostatakrebs, Hautkrebs, Colitis ulcerosa, Diabetes, zu hohem Cholesterinspiegel, Candida-Infektionen, Depressionen – und es beugt Herzinfarkt und Schlaganfall vor. Wer ein solches Mittel nicht kauft und einnimmt, ist selber schuld.

Für alle diese Behauptungen gibt es nicht den Hauch eines fundierten Belegs. Zwar wird auf einigen Internetseiten zum Thema Gerstengras eine ganze Reihe von Studien aufgeführt. Es wird also mit Studien argumentiert.

Schaut man sich allerdings die Studien genauer an, wird rasch deutlich, wie absurd die darauf begründeten Versprechungen sind.

Bei den Studien, die sich Prostatakrebs, Hautkrebs und Brustkrebs beziehen, handelt es sich um Laborstudien im Reagenzglas mit Krebszellen. Eine Frau mit Brustkrebs ist aber komplexer als ein Reagenzglas. Es gibt unzählige Naturstoffe, die im Reagenzglas an isolierten Krebszellen tolle Wirkungen zeigen. Solche Laborexperimente sagen nichts aus über eine Wirksamkeit im Organismus einer krebskranken Person. Es ist nicht klar, ob allfällige Wirkstoffe aus dem Verdauungstrakt überhaupt in den Organismus gelangen, ob sie – wenn das der Fall ist – dort eine ausreichende Konzentration erreichen und ob sie in dieser Konzentration wirklich nur die Krebszellen schädigen und nicht auch noch gesunde Zellen.

Ob den Betreibern dieser Websites die sehr begrenzte Aussagekraft solcher Studien einfach nicht verstehen oder ob sie es zwar wissen, aber in ihren Texten unter den Tisch fallen lassen, lässt sich kaum beurteilen.

Ein Schwimmtest mit Mäusen wird flugs zum Wirksamkeitsbeleg gegen Depressionen. Und die Wirkung gegen den zu hohen Cholesterinspiegel? – Da wird eine kleine Studie aufgeführt, bei der die Probanden aber zusätzlich zum Gerstengras auch Olivenöl einnehmen mussten. Offenbar verschwenden die Gerstengras-Propagandisten keinen Gedanken daran, dass die gemessene Reduktion des Cholesterinspiegels auch vom Olivenöl bewirkt sein könnte.

Die einzige, zwar ebenfalls kleine, aber qualitativ offenbar akzeptable Studie zum Einfluss von Gerstengras auf den Cholesterinspiegel aus Korea finde ich dagegen auf keiner Gerstengras-Website. Kein Wunder: Die Resultate waren enttäuschend. Selbst nach drei Monaten Einnahme von Gerstengras-Extrakt zeigten sich keine Unterschiede zu jenen Personen, die Kapseln mit einem wirkungslosen Scheinpräparat bekommen hatten. Wegen der geringen Teilnehmerzahl und der kurzen Studiendauer sind die Resultate auch dieser Studie nur bedingt aussagekräftig. Genauer beschrieben wird die Studie im Portal medizin-transparent.at.

Die Wissenschaftler dort haben weltweit nach Studien zur Wirksamkeit von Gerstengras gesucht und nur diese eine bewertbare klinische Studie gefunden.

Spricht das gegen Gerstengras? Nein. Es spricht nur gegen die überzogenen Versprechungen.

Wer gerne Gerstengras hat und sich die Präparate leisten kann und will, soll sie doch nehmen.

Gerstengras enthält Vitamin B , Vitamin C , Kalzium, Kalium und Eisen in größeren Konzentrationen. Das ist ja schon mal was. Diese Stoffe kann man sich allerdings in der Regel auch gut mit einer normalen Ernährung in ausreichender Menge zuführen.

Solche mit Gesundheitshoffnungen aufgeladenen Präparate werden jedoch sowieso eher aus psychologischen Gründen gekauft.

Sie lindern zum Beispiel das schlechte Gewissen, das uns die Hersteller und Verkäufer zuvor einreden, weil wir nicht in allen Facetten so gesund leben, wie wir das angeblich sollten.

Oder sie reduzieren diffuse Besorgtheit und Ängstlichkeit um unsere Gesundheit, die manchmal eine reale Basis haben, oft aber auch von den Medien geschürt werden.

Wer sich nicht 24 Stunden mal 7 Tage die Woche um seine Gesundheit sorgt, ist schliesslich ein schlechter Konsument.

Seiner Gesundheit sorge tragen, das ist ja nicht falsch. Nur kann man das quasi auf eine eher gesunde Art tun oder auf eine eher kranke Art.

Eher krank scheint mir die Sorge um die Gesundheit, wenn sie zum hauptsächlichen Lebensinhalt wird, ohne dass dafür konkrete Gründe zu erkennen sind.

Und wenn das Gesundbleiben vor allem erreicht werden soll durch den wahllosen Konsum von Gesundheitsprodukten wie Nahrungsergänzungsmittel, Schüssler Salzen, Pflanzentinkturen, Globuli etc. – dann stimmt da für etwas nicht mehr so ganz. Man unterminiert nämlich das Vertrauen in die eigenen Selbstheilungskräfte und Regulierungsfähigkeiten, wenn man permanent irgendein Mittelchen einwirft, das Gesundheit und Wohlbefinden stabilisieren und garantieren soll.

Niemand kann seine Gesundheit vollkommen im Griff haben, auch nicht mit einem vollkommen gesunden Lebensstil. Aber soweit wir etwas zu unserer Gesundheit beitragen können, sind es in der Regel ziemlich unspektakuläre Sachen: Genug Bewegung, ausreichende Erholung, nur soviel Kalorien zuführen, wie man wieder verbraucht, intaktes soziales Umfeld…..Das lässt sich jedenfalls nicht mit Nahrungsergänzungsmitteln ersetzten.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

Homöopathie zur Malariaprophylaxe

Diesen Artikel teilen:

Die Frage kommt immer wieder: Kann man mit Homöopathie einer Malariaerkrankung vorbeugen?

Informiert man sich dazu im Internet, dann stösst man auf eine Vielzahl von Aussagen von Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern, Homöopathinnen und Homöopathen, aber auch vereinzelt von Ärztinnen und Ärzten, die eine solche Prophylaxe empfehlen.

Es gibt keinen einzigen glaubwürdigen Hinweis darauf, dass Homöopathika wirksam sind zur Vorbeugung von Malaria. Null.

Wenn Ihr Behandler / Ihre Behandlerin Homöpathie zur Malariaprophylaxe empfiehlt, dann nimmt er oder sie eine sehr ernsthafte Gefährdung Ihrer Gesundheit in Kauf und stellt die eigene Gesundheitsideologie über Ihr Wohlergehen und möglicherweise sogar über Ihr Leben. Jedenfalls wenn damit die Versprechung einhergeht, dass sich mit Homöopathika die etablierte Malariaprophylaxe ersetzen lasse.

Empfehlung: So schnell wie möglich den Behandler / die Behandlerin wechseln. Sie haben es nämlich mit grösster Wahrscheinlichkeit mit jemandem zu tun, der die Grenzen seiner Methoden nicht kennt oder nicht sehen will. Und das ist per se gefährlich.

Die Vorbeugung von Malaria mittels Homöopathika widerspricht aber auch fundamentalen Grundsätzen der klassischen Homöopathie:

Aus Sicht der klassischen Homöopathie kann es keine Prophylaxe im Hinblick auf eine spezifische Krankheit geben, da ein homöopathisches Präparat immer erst aufgrund der beim Kranken vorliegenden Symptomatik ausgewählt wird.

Es steht ausser Frage und ist vielfach belegt, dass Homöopathie in manchen Situationen positive Wirkungen haben kann. Gleichzeitig ist aber auch sehr gut dokumentiert, dass diese Wirkung nicht von den Globuli ausgeht.

Siehe dazu:

Wirkt Homöopathie – und wenn ja: wie?

FDA-Kritik an Qualitätsmängeln beim Homöopathika-Hersteller Nelson 

Daraus folgt meines Erachtens, dass man sich auch sehr sorgfältig mit den Grenzen der Homöopathie auseinandersetzen sollte. Das vermisse ich stark bei vielen Homöopathinnen und Homöopathen, die alles und jedes behandeln zu können glauben.

(und ich nehme für mich zugleich in Anspruch, dass ich mich sehr ernsthaft mit den Grenzen der Phytotherapie auseinandersetze!).

Es ist diese Grenzenlosigkeit im Anspruch, die ich für ausgesprochen fragwürdig finde. Ein Globuli für jede Lebenssituation. Nicht nur für ernsthafte Krankheiten wie Krebs, Malaria etc. – auch für jede Lebenssituation werden Globuli empfohlen und verkauft: Prüfungen, Beerdigungen, Beziehungsstress….immer ein passendes Globuli. Und diese 7×24 Stunden Therapeutisierung des Lebens gilt dann als „ganzheitlich“!? Weil sie das ganze Leben und den ganzen Alltag umfasst? – Kann es das sein?

Ich gebe zu: Manchmal beneide ich diese „7×24-Stunden-Therapeuten“ fast ein bisschen.

Ich kann nämlich in vielen Situationen nichts sinnvolles Pflanzliches anbieten.

Manchmal braucht es synthetische Medikamente („Chemie“), manchmal braucht es schlicht gar nichts, manchmal nichtmedikamentöse Massnahmen (Spaziergänge, Sport, Entspannung, Gespräche….). Und manchmal gibt es auch sinnvolle Anwendungsbereiche für Heilpflanzen.

Vielleicht 90% von dem, was da an Naturheilmitteln und Komplementärmedizin-Präparaten angeboten wird, sind jedoch einfach unnötig. Luxusbedarf. Ausdruck einer Überflussgesellschaft. Als Drogist, der ich einmal war, würde ich heute wohl innert 3 Monaten pleite gehen, weil ich hinter einem grossen Teil dieser Produkte nicht mehr stehen könnte.

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist es meines Erachtens wichtig, dass sie lernen, wie man Wirksames und Sinnvolles von „Schrott“ unterscheidet, und wie man Versprechungen auf ihre Glaubwürdigkeit prüft. Das können Sie lernen in meinen Lehrgängen. Kritische Fragen stellen lernen – auch gegenüber dem eigenen Fachgebiet – das müsste eigentlich ein Kernthema sein in jeder Ausbildung, fehlt aber leider oft.

Auf das Thema „Homöopathie zur Malariaprophylaxe“ bin ich im Übrigen heute gestossen durch ein Interview im „Magazin“ (Nr. 41 / 2014) mit der Tropenmedizinerin Dr. Claudia Sigg, die von Mathias Plüss gefragt wurde, was sie von homöopathischer Malariaprophylaxe halte:

„Ich rate davon ab. Besser keine Prophylaxe als eine homöopathische. Wir hatten schon Todesfälle im Kanton Zürich bei Leuten, die homöopathische Tropfen nahmen und nach der Heimkehr Malaria entwickelten, aber niemandem etwas sagten, weil sie sich in Sicherheit wähnten.“

Das ist im Übrigen nicht der interessanteste Teil des Interviews.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Informationen zur generalisierten Angststörung

Diesen Artikel teilen:

Menschen mit einer generalisierten Angststörung machen sich praktisch über alles Sorgen – über große wie kleine und sogar über völlig belanglose Dinge. Und manchmal fürchten sie sogar die Angst selbst.

Wann sind Ängste behandlungsbedürftig?

Manche Ängste sind berechtigt – weil Gefahr droht. Und manche Ängste gehören bis zu einem gewissen Grad zum Leben – zum Beispiel als Begleiterscheinung neuer Erfahrungen – etwa einem ersten öffentlichen Auftritt oder ähnlichem.

Angst ist also nicht immer pathologisch und damit nicht immer behandlungsbedürftig.

Es braucht nicht immer starke Medikamente gegen Angst.

Es braucht aber auch nicht bei jeder kleinen Aufregung oder Befindlichkeitsstörung Globuli, „Notfalltropfen“, Schüssler-Salze oder gar Storchenschnabeltinktur (die ohne reale Grundlage und rein „phantasiebasiert“ gegen „Schock“ propagiert wird).

Storchenschnabeltinktur gegen Schock?

Solchen Pseudointerventionen fördern psychische Abhängigkeit. Sie vermitteln die Botschaft, dass es in jeder Lebenslage irgendein Mittelchen von aussen braucht, das man einwerfen kann. Die Migros beispielsweise verkauft jetzt Bachblütenpräparate mit Bezeichungen wie „Extreme Situationen“, „Prüfungssituation“ oder „Hoffnung“. Schön, dass man „Hoffnung“ jetzt in der Migros kaufen kann.

Das sind meines Erachtens ziemlich dekadente Auswüchse.

 

Behandlungsbedürftige Angststörungen

Es gibt allerdings auch ernsthafte Angststörungen, und auf die möchte ich nun zurück kommen.

Wenn Ängste zunehmend den Alltag einschränken und die Lebensqualität relevant beeinträchtigen, dann empfiehlt sich frühzeitig eine adäquate Therapie, weil chronifizierte Ängste schwieriger zu behandeln sind. Mit Nachdruck abraten würde ich von irgendwelchen boomenden esoterischen Pseudotherapien. Mir sträuben sich oft alle Haare, wenn ich sehe, wie Leute ohne fundierte psychotherapeutische Ausbildung dilettantisch in der Psyche von Menschen herumstochern.

Wobei es allerdings nicht immer einfach ist, eine fachlich qualifizierte Person zu finden. Eine gute Anlaufstelle ist oft – falls vorhanden – der Hausarzt oder die Hausärztin, weil sie geeignete Kontakte vermitteln können.

Gute Informationen zur generalisierten Angststörungen gibt es auf der Website www.gesundheitsinformationen.de

Dort werden als Behandlungsansätze empfohlen:

„- Psychologische und psychotherapeutische Behandlungen: Hierzu gehören Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie. Mit ihrer Hilfe kann man lernen, seine Gedanken und Ängste zu steuern und zu verändern.

– Entspannungstechniken wie das autogene Training und die progressive Muskelentspannung können helfen, sich zu entspannen und mit Stress besser umzugehen. Sie werden oft auch im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen eingesetzt.

– Medikamente: Bei einer Angststörung kommen vor allem bestimmte Antidepressiva und angstlösende Mittel infrage. Manche Menschen wenden auch pflanzliche Beruhigungsmittel wie Baldrian an.

– Maßnahmen zur Selbsthilfe: In Selbsthilfegruppen besteht die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen. Manchen Menschen hilft es auch, sich gut über die Erkrankung zu informieren – ob mit Büchern, Broschüren oder im Internet.“

Interessant ist aus Sicht der Phytotherapie der Hinweis auf Baldrian als Beruhigungsmittel. Dazu braucht es allerdings eine ausreichende Dosierung für den Baldrianextrakt und eine genügend lange Anwendungsdauer (mindestens 2 – 4 Wochen).

Ergänzt werden muss an diesem Punkt noch, dass in der Phytotherapie bei Ängstlichkeit neben Baldrianwurzel-Extrakt vor allem Lavendelöl (Lasea Kapseln).

Siehe:

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln (Lasea) bei Angststörungen

Auch der Kava-Kava-Extrakt wirkt als angstlösendes Mittel (Anxiolyticum) bei generalisierten Angststörungen. Er ist aber zur Zeit nicht im Handel.

Zum aktuellen Stand um Kava-Kava siehe:

Kava-Kava: Verwaltungsgericht Köln beurteilt Widerruf der Zulassung als rechtswidrig

Ausserdem als Informationsquelle und für Beratung:

Angst- und Panikhilfe Schweiz

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Diesen Artikel teilen:

Die sogenannte „Arzneimittelprüfung“ ist die Basis der Homöopathie.

Sie gründet auf der Überzeugung, dass Krankheiten durch ein Mittel geheilt werden sollen, das bei Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen, wie sie bei dem Kranken beobachtet werden (Simile-Prinzip).

Um die mit einem bestimmten Mittel verbundenen Symptome festzustellen werden „homöopathische Arzneimittelprüfungen“ durchgeführt. Dabei nehmen gesunde Personen ein Mittel ein und notieren alle Veränderungen und Reaktionen, die sie an sich feststellen. Die aufgezeichneten Symptome mehrerer solcher Prüfungen werden zu einem sogenannten homöopathischen Arzneimittelbild für das geprüfte Mittel zusammengefasst. Kommt nun ein kranker Mensch in die Praxis, muss ihm laut Homöopathie dasjenige Mittel gegeben werden, dessen Arzneimittelbild den Symptomen des Kranken weit möglichst entspricht.

Die homöopathischen Arzneimittelprüfungen werden allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt und bis heute gibt es zur Durchführung keine Vorschriften, sondern nur Empfehlungen.

Völlig unklar ist beim herkömmlichen Vorgehen zudem, wie bei auftretenden Veränderungen und Symptomen in der Prüfphase unterschieden werden soll zwischen solchen, die auf das Mittel zurückgehen und damit relevant sind, und solchen, die zufällig, durch andere Einflüsse oder durch Nocebo-Effekte auftreten.

Der Homöopathie-Gründer Samuel Hahnemann hatte dazu eine klare Meinung:

„Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchsperson während der Wirkungsdauer einer Arznei rühren bloß von dieser her und müssen als deren eigentümlich zugehörig, als ihre Symptome angesehen werden und aufgezeichnet werden..“ (Organon der Heilkunst, § 143)

Mit anderen Worten: Hahnemann umgeht die Schwierigkeit der Unterscheidung, indem er die Existenz unterschiedlicher Möglichkeiten negiert.

Um die homöopathische Arzneimittelprüfung auf eine seriösere Basis zu stellen, werden heute vereinzelt auch Prüfungen mit hohen Standards durchgeführt:

– Placebokontrolliert: Es gibt eine Vergleichsgruppe, die unbehandelte Globuli einnimmt.

– Randomisiert: Es wird per Zufall entschieden, wer das homöopathisch hergestellte Globuli bekommt und wer das unbehandelte Placebo-Präparat.

– Doppelblind: Weder Prüfling noch Prüfer wissen während der Prüfung, wer homöopathische Globuli bekommt und wer unbehandelte Globuli.

 

Moderne Arzneimittelprüfung mit Okoubaka 

Eine solche moderne Arzneimittelprüfung mit hohen Standards wurde mit dem homöopathischen Mittel Okoubaka durchgeführt, für das bisher keine fundierten Prüfungsresultate vorlagen.

Okoubaka, Okoubaka aubrevillei (Santalaceae), ist ein westafrikanischer Urwaldbaum, der hauptsächlich an der Elfenbeinküste und in Ghana heimisch ist.

In der Homöopathie erfreuen sich Präparate aus Okoubaka aubrevillei grosser Beliebtheit, vor allem bei Magenbeschwerden und Darmerkrankungen.

Die nun publizierte moderne Arzneimittelprüfung mit Okoubaka aubrevillei wurde von Autoren publiziert, die der Carstens-Stiftung nahestehen, welche die Förderung der Homöopathie zum Ziel hat:

–        Dr. Michael Teut: Oberarzt und Leiter der naturheilkundlichen Ambulanz an der Charité Berlin;

–        Prof. Dr. Claudia Witt: (inzwischen ehemalige) Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité Berlin, die dort eine von der Carstens-                               Stiftung finanzierte Stiftungsprofessur inne hatte und auf dem Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Universität Zürich sitzt,

–        Rainer Lüdtke, mittlerweile ehemaliger Statistiker der Carstens-Stiftung;

–        Jörn Dahler: Arzt, Homöopath und Autor homöopathischer Fachbücher;

–        Dr. Henning Albrecht, Biologe und Geschäftsführer der Carstens-Stiftung;

–        Ute Hirschberg, Doktorandin an der Charité.

In die doppelblinde und randomisierte Arzneimittelprüfung wurden 31 Testpersonen eingeschlossen, wovon letztlich von 29 Probanden Daten zur Auswertung vorlagen. 19 Probanden bekamen das Verum (O. aubrevillei C12), 12 Testpersonen prüften unwissentlich Placebopräparate, also unbehandelte Globuli. Das zu prüfende Präparat wurde an 5 Tagen eingenommen, und die Nachbeobachtungszeit betrug 16 Tage. Die Testpersonen notierten die auftretenden Symptome, die anschließend statistisch ausgewertet wurden.

Jeweils eine Testperson aus der Verum- und Placebogruppe schieden aus der Auswertung aus. Beim Vergleich der Symptome der verbliebenen 18 Testpersonen aus der Verumgruppe mit den Symptomen der verbliebenen 11 Testpersonen aus der Placebogruppe wurde kein statistisch signifikanter Unterschied in der Anzahl der als charakteristisch eingestuften Symptome festgestellt. Die Übereinstimmung der beiden Gutachter bei der Bewertung der typischen Symptome war hoch. In der Gesamtheit der auftretenden Symptome, also nicht nur bezogen auf die als charakteristisch eingestuften Symptome, war die Überlappung zwischen Placebo- und Verumgruppe ebenfalls sehr groß, wenn sich auch durchaus Symptome zeigten, die nur in einer von beiden Gruppen auftraten.

 

Die Autoren verweisen zur Erklärung der beobachteten Symptome auf den Nocebo-Effekt:

„The nocebo effect might be a plausible explanation for most of the phenomena observed in this trial)

Quelle / Originalpublikation:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23561008

 

Die Carstens-Stiftung schreibt in ihrer Einschätzung:

„Das Ergebnis ist ernüchternd für Homöopathieanwender und wird sicher Fragen nach sich ziehen.“

Quelle:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/moderne-arzneimittelpruefung-mit-okoubaka.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Resultat ist tatsächlich ernüchternd für Homöopathie-Anwender. Nimmt man die Studie ernst, so fehlt dem häufig eingesetzten Präparat Okoubaka nämlich ein homöopathisches Arzneimittelbild – und damit die homöopathische Basis. Okoubaka kann dadurch nicht als Homöopathika eingesetzt werden.

Davon, dass dieses Ergebnis „sicher Fragen nach sich ziehen wird“, ist meinem Eindruck nach allerdings nichts zu spüren.

Okoubaka wird ganz offensichtlich weiter propagiert, verkauft und verschrieben, beispielsweise vom Homöopathika-Hersteller Similasan.

Die Firma propagiert Okoubaka für folgende Krankheiten:

Wirkt bevorzugt auf 
Verdauungsorgane (Magen, Därme, Leber, Gallenblase, Pankreasdrüse), Immunsystem.

Hauptindikationen 
Müdigkeit, Schwäche. Kinderkrankheiten. Bluthochdruck (Hypertonie)*. Vergiftungen durch Lebensmittel*, chemische Arzneimittel, Tabak, chemische Zusätze in Nahrungsmitteln. Folgen von Chemotherapien. Toxoplasmose* (während und danach). Tropenkrankheiten* (Nachbehandlung und vorbeugend). Leber- und Gallebeschwerden. Pankreasschwäche. Heuschnupfen, Allergien. Akne. Herpes (Lippen). Hautausschläge.

* = Selbstbehandlung nur in Absprache mit der Ärztin, mit dem Arzt und als erste Hilfe.“

Quelle:

http://www.similasan.ch/de/einzel-mittel?id=22

(Stand 20. Juli 2014)

 

Nimmt man die beschriebene Arzneimittelprüfung ernst, so fehlt den Angaben der Firma Similasan eine fundierte Basis.

Warum also wird das Mittel noch verkauft?

Homöopathika wie Okoubaka sind durch die Arzneimittelbehörden von der Pflicht befreit, für beanspruchte Wirkungen und Anwendungsbereiche (Indikationen) Wirksamkeitsnachweise zu liefern. Sie können in dieser Hinsicht also fast alles behaupten. Okoubaka aber hat offensichtlich nicht einmal eine homöopathische Basis.

Abschliessend zu der beschriebenen Arzneimittelprüfung ist lobend festzuhalten, dass die Studie in einer Fachzeitschrift und auf der Website der Carstens-Stiftung publiziert wurde. Das ist leider nicht selbstverständlich. In der „normalen“ Pharmaindustrie wie auch in der „komplementären“ Pharmaindustrie verschwinden Studien nicht selten in einer Schublade, wenn die Resultate den Geldgebern nicht passen (Siehe publication bias auf Wikipedia).

Das negative Resultat für die Homöopathie wird von den Autoren auch nicht schöngeredet, obwohl es sie wohl kaum gefreut haben dürfte.

Das ist anerkennenswert und ebenfalls nicht selbstverständlich.

Okoubaka ist allerdings kein Einzelfall. Auch bei Belladonna C30 / Belladonna D60 fanden placebokontrollierte Arzneimittelprüfungen keinen Unterschied zwischen dem homöopathischen Präparat und Placebo.

Siehe dazu:

Arzneimittelprüfung Belladonna C30 / Belladonna D60

Nimmt man diese Arzneimittelprüfungen ernst, so ist klar, dass auch Belladonna C30 / Belladonna D60 keine homöopathische Basis hat.

Und obwohl diese Prüfungen schon einige Jahre her sind, hat das offenbar keinen Einfluss gehabt auf die Verschreibungspraxis. Belladonna C30 / Belladonna D60 wird weiterhin als homöopathisches Präparat verschrieben und verkauft.

Erstmals im grösseren Stil mit einer Placebokontrolle durchgeführt wurden die homöopathischen Arzneimittelprüfungen offenbar im „Dritten Reich“. Sie sind deshalb auch Thema im sogenannten „Donner Bericht“. Der Internist und Homöopath Fritz Donner (1886 – 1979) war in den Jahren 1936 bis 1939 an Überprüfungen homöopathischer Arzneimittel beteiligt, die vom damaligen Reichsgesundheitsamt zwecks Förderung der Homöopathie angeordnet worden waren.

Interessant zur Geschichte der homöopathischen Arzneimittelprüfung ist auch der Brief Fritz Donners an den Kollegen Erich Unseld.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Malaria-Forschung: Afrikanische Heilpflanzen im Fokus

Diesen Artikel teilen:

Die überwiegende Mehrzahl der gegenwärtigen Malaria-Therapien basiert auf dem Wirkstoff Artemisinin, einem Pflanzenstoff, der in den Blüten und Blättern des Einjährigen Beifußes (Artemisia annua) vorkommt. Immer mehr Malaria-Parasiten sind jedoch resistent gegen Artemisinin.

Die Resistenz der Malaria-Parasiten gegen Artemisinin breitet sich in Südostasien immer stärker aus und einiges spricht dafür, dass sie auch Südamerika bereits erreicht hat. In Afrika könnte es in wenigen Jahren soweit sein, dass Artemisinin seine Wirksamkeit gegen Malaria-Parasiten verliert.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Universität Ouagadougou in Burkina Faso erforschen in einem gemeinsamen Projekt Heilpflanzen aus der traditionellen afrikanischen Medizin, die bei Malaria eingesetzt werden.

Sie gehen davon aus, dass die Resistenzentwickklung in spätestens fünf Jahren soweit ist, dass es neue Medikamente braucht, die auf einem anderen Wirkstoff als Artemisinin basieren.

Aline Lamien Meda aus Burkina Faso, die an der Vetmeduni Vienna im Rahmen eines APPEAR-Projekts (Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development) an der Entwicklung eines Arzneibuchs traditioneller Malariamedikamente arbeitet, untersucht gemeinsam mit Harald Nödl, Malaria-Experte der MedUni Wien, rund 50 Pflanzen und Kräuter, die in der traditionellen afrikanischen Medizin bei Malaria angewendet werden, auf ihre Wirksamkeit und ihr mögliches Potenzial als Malaria-Medikament. Bei einigen dieser Kräuter sei bekannt, dass sie die Symptome der Malaria bekämpfen, nicht aber, ob sie den Malaria-Parasiten wirkungsvoll bekämpfen können, sagt Nödl.

Untersucht wird die Wirksamkeit im Labor an gezüchteten Malaria-Parasiten. Es sei zu erwarten, erklärt Nödl, dass nur eine Handvoll der untersuchten Pflanzen für eine sinnvolle, kommerzielle Verwendung in der Malaria-Therapie geeignet ist.

 

Täglich 2000 Malaria-Opfer

Täglich sterben rund 2000 Menschen an Malaria (total etwa 655 000 jährlich), einer Krankheit, die hauptsächlich mit Armut assoziiert ist. Die meisten Opfer fordert Malaria in Afrika und hier vor allem unter den Schwächsten, den Kindern. In den meisten Fällen verläuft die Krankheit ohne Komplikationen, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Kommt es allerdings zu Komplikationen, ist die Sterblichkeit nach wie vor extrem hoch. Malaria ist auch heute noch, hauptsächlich in Afrika, Asien und Lateinamerika, eine der häufigsten Todesursachen von Kindern unter fünf Jahren.

Quelle:

http://www.meduniwien.ac.at/homepage/news-und-topstories/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=4711&cHash=96e5436e4a284f425834c7d392f9807f

Kommentar & Ergänzung:

Die Malaria-Forschung verdient und braucht angesichts der weltweiten gesundheitlichen und ökonomischen Bedeutung dieser Krankheit hohe Priorität. Von Malaria sind vor allem arme Menschen betroffen, die über wenig Kaufkraft verfügen. Für Pharmakonzerne ist das kein attraktiver Markt. Ökonomisch lohnt es sich für diese Firmen viel mehr, in die Forschung zu investieren bei Krankheiten der Reichen, obwohl dies vergleichsweise weniger dringlich ist. Als Reaktion auf die mangelnde finanzielle Unterstützung der Malaria-Forschung hat Bill Gates 2005 angekündigt, dass er zu diesem Zweck 258,3 Millionen Dollar zur Verfügung stellen werde.

Zu Artemisinin siehe auch:

Malaria: Artemisia-Pflanze möglicherweise wirksamer als isoliertes Artemisinin

 

Heilpflanzen der traditionellen afrikanischen Medizin

Dass nun in Wien Malariapflanzen der traditionellen afrikanischen Medizin untersucht werden, ist sehr sinnvoll. Tradition irrt sich zwar auch oft – siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Doch gibt es immer wieder auch überzeugende Beispiele für Heilpflanzen-Anwendungen, die auf traditioneller Erfahrung basieren.

Der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) mit seinem Inhaltsstoff Artemisinin gehört dazu.

Wenn nun traditionelle Heilpflanzen aus Afrika auf ihre Eignung zur Malariabehandlung untersucht werden, so bleibt zu hoffen, dass daraus nicht ein weiteres Beispiel für Biopiraterie entsteht. Unter Biopiraterie versteht man die kommerzielle Weiterentwicklung natürlich vorkommender biologischer Materialien, wie zum Beispiel pflanzliche Substanzen oder genetische Zelllinien, durch ein technologisch fortgeschrittenes Land oder eine Organisation ohne eine faire Entschädigung der Länder bzw. Völker, auf deren Territorium diese Materialien ursprünglich entdeckt wurden.

(Siehe Wikipedia-Artikel Biopiraterie)

Die schwierige Lage bezüglich Malariabehandlung – zum Beispiel die mangelnden finanziellen Ressourcen, die desolaten Gesundheitssysteme – schaffen ideale Bedingungen für Scharlatane aller Art, die simple Lösungen für anspruchsvolle Probleme anpreisen.

Forschung ist dazu ganz und gar unnötig. Es reicht Selbstüberschätzung, Verblendung und eine gehörige Portion Dreistigkeit. Beispiele dafür gibt es zuhauf: Manche Homöopathinnen und Homöopathen, die zur Vorbeugung und Behandlung von Malaria Globuli empfehlen und damit Leben und Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzen – zum Beispiel die unsäglichen „Homöopathen ohne Grenzen“, aber auch Jim Humbel mit seinem vermeintlichen Wundermittel MMS (Miracle Mineral Supplement), das neben Malaria gleich auch noch Krebs, Autismus, AIDS, Tuberkulose, Demenz und vieles andere mehr heilen soll – eine ziemlich grosse Aufgabe für ein Präparat, das ganz simpel aus dem Bleich- und Desinfektionsmittel Natriumchlorit besteht.

Siehe dazu auch:

Artikel zu Miracle Mineral Supplement im Verbraucherschutzportel Psiram.

Warnung vor Miracle Mineral Supplement (MMS) 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Interessantes zum Nocebo-Effekt

Diesen Artikel teilen:

Kennen Sie den Nocebo-Effekt?

Damit sind unerwünschte Nebenwirkungen gemeint, die aufgrund einer negativen Erwartungshaltung (z. B. Befürchtungen) entstehen.

Der Nocebo-Effekt ist quasi der böse Bruder des Placebo-Effekts (= erwünschte Wirkungen durch eine Erwartungshaltung).

Alles, was beim Patienten den Eindruck erweckt, medizinisch behandelt zu werden, kann Placebo- und Noceboeffekte auslösen: ein Gespräch, Handauflegen, mit Nadeln stechen, eine Spritze, eine Tablette, ein Wickel, ein Kräutertee…einfach alles, was im Auge des Patienten nach Therapie aussieht.

Während die Placebo-Wirkung zunehmend erforscht und in den Medien thematisiert wird, ist dies beim Nocebo-Effekt weniger der Fall.

Das ist schade, denn genauso wie der Placebo-Effekt ist auch der Nocebo-Effekt faszinierend und zugleich sehr bedeutsam in verschiedener Hinsicht.

Eindrücklich beobachten lässt sich der Nocebo-Effekt In randomisiert-kontrollierten Studien.

In solchen Studien bekommt eine Patientengruppe das zu testende Medikament verabreicht und eine andere Patientengruppe zur Kontrolle ein Scheinmedikament. Welcher Gruppe sie zugeteilt werden, wissen die Probanden dabei nicht. Noceboeffekte sind nun jene Nebenwirkungen, die sich in der Patientengruppe mit dem Scheinmedikament zeigen. Obwohl diese Patienten also gar keinen Wirkstoff bekommen, können die Nebenwirkungen heftig und häufig sein; so heftig, dass Teilnehmer aus diesem Grund die Studie beenden müssen: Zwischen sechs und zwölf Prozent der Probanden in der Placebogruppe leiden an so starken Nebenwirkungen, dass sie die Studie vorzeitig abbrechen. Der Noceboeffekt kann also massive gesundheitliche Einschränkungen bewirken. Gemäss einer Meta-Analyse leiden rund die Hälfte aller Studienteilnehmer in der Placebogruppe Nebenwirkungen, der Wert schwankt jedoch stark in den einzelnen Studien

Interessant ist daran vor allem, dass die Nebenwirkungen der Scheinbehandlung zu den Nebenwirkungen des jeweils getesteten Medikaments passen, also sehr spezifisch sind.

Der Grund dafür liegt darin, dass alle Teilnehmer einer Studie vor Studienbeginn die gleiche Aufklärung bekommen, egal ob sie anschliessen per Zufallentscheid der Vergleichsgruppe (Placebogruppe) mit dem Scheinmedikament oder der Gruppe mit dem richtigen Medikament zugeteilt werden. Zur notwendigen Aufklärung zählen auch die Informationen über mögliche Nebenwirkungen. Die Probanden wissen also, welche Nebenwirkungen sie zu erwarten haben – und genau diese treten dann bei einigen der Placebogruppen-Teilnehmer auch auf. Die Erwartungshaltung bewirkt diese Nebenwirkungen.

Quelle und weitere Infos zum Nocebo-Effekt:

http://www.medizin-transparent.at/nocebo-wenn-nichts-schadet

Kommentar & Ergänzung:

Nocebo-Effekte sind allgegenwärtig und sehr bedeutsam.

Beispiele:

1. Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten

Ellenlange Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten dürften wohl dazu beitragen, dass aufgeführte Nebenwirkungen tatsächlich vermehrt auftreten. Patientinnen und Patienten müssen selbstverständlich über mögliche Nebenwirkungen informiert sein. Wenn aber viele auch sehr selten auftretende Nebenwirkungen aufgeführt werden, nährt dies Befürchtungen, die zu negativen Erwartungshaltungen und damit zu Nocebo-Effekten führen können.

2. Nocebo-Effekte beim Thema „Amalgam“

Nocebo-Effekte spielen auch eine wichtige gesundheitliche Rolle ausserhalb von medizinischen Therapieverfahren, beispielsweise beim Stichwort „Amalgam“.

Siehe dazu auch:

Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

Ich will nicht grundsätzlich ausschliessen, dass Amalgam möglicherweise in Einzelfällen gesundheitliche Auswirkungen haben könnte, obwohl eindeutige Belege dafür fehlen. Klar scheint mir allerdings, dass in diesem Bereich Nocebo-Effekte sehr grosse Bedeutung haben. Auffallend ist jedenfalls, dass alle nur irgendwie möglichen psychischen und körperlichen Beschwerden auf Amalgam zurückgeführt werden. Das deutet auf einen „Super-Nocebo-Effekt“ hin. Davon profitieren in grossem Stil naturheilkundliche „Ausleitverfahren“ und die „ganzheitliche Zahnmedizin“.

Wenn die Beschwerden, die dem Amalgam angelastet werden, nichts mit dieser Substanz zu tun haben, dann folgt daraus allerdings nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt.

3. Nocebo-Effekte beim Thema „Elektrosmog“

Beim Thema „Elektrosmog“ (umgangssprachlich für nichtionisierende Strahlung) scheint mir die Situation in vielem ähnlich wie beim Thema „Amalgam“.

Ich würde Warnungen bezüglich „Elektrosmog“ nicht einfach generell auf die leichte Schulter nehmen und halte es für sinnvoll, wenn die Entwicklung in diesem Bereich kontinuierlich mittels wissenschaftlicher Studien auf allfällige gesundheitliche Risiken überprüft wird. Substanzen wie PCB, DDT, Lindan, Asbest etc. wurden schliesslich auch jahrzehntelang als unproblematisch betrachtet.

Ein Beispiel für solche Forschungen war das nationale Forschungsprogramm NFP 57 des Nationalfonds, das den Einfluss nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Umwelt und Gesundheit unter die Lupe nahm.

Siehe dazu:

Entwarnung, aber kein grünes Licht

Dass Nocebo-Effekte beim Thema Elektrosmog eine wichtige Rolle spielen, ist allerdings überaus deutlich erkennbar.

Testet man nämlich „elektrosensible“ Menschen, können sie nicht mit überzufälliger  Trefferquote sagen, ob eine Antenne, deren Strahlung sie ausgesetzt sind, eingeschaltet ist oder nicht.

„An der englischen Universität Essex wurde in einer über drei Jahre dauernden Studie das Verhalten von 44 Versuchspersonen untersucht, die glauben, elektrosmogsensibel zu sein, sowie gleichzeitig 114 Personen, die noch nie negative Auswirkungen durch Mobilfunk an sich bemerkt hatten. In einem Labor wurden diese Personen in verschiedenen Experimenten elektromagnetischen Strahlen mit Frequenzen im GSM- und UMTS-Bereich ausgesetzt. In der Doppelblindstudie wurde den Versuchsteilnehmern gesagt, dass eine Antenne mit der entsprechenden Strahlung für 50 Minuten in Betrieb sei. Die Probanden, die sich für strahlungssensibel hielten, klagten anschließend über Übelkeit, Kopfschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Ebenso konnten die Ärzte bei den Betroffenen Änderungen der Herzfrequenz und der Hautfeuchtigkeit messen. Diese subjektiv empfundenen Beschwerden und messbaren Symptome waren allerdings ganz unabhängig davon, ob die Antenne tatsächlich in Betrieb war oder nicht. Zwölf Personen mussten wegen massiver gesundheitlicher Beschwerden den Test beenden.“

Quelle: http://www.psiram.com/ge/index.php/Elektrosmog

Zum Thema Elektrosmog siehe auch die Übersicht auf Wikipedia.

Ein vorsichtiger Umgang mit Elektrosmog macht meines Erachtens schon Sinn. Das Wissen um die grosse Rolle von Nocebo-Effekten erlaubt aber auch eine gewisse Entdramatisierung.

Denn auch hier profitiert eine ganze Branche davon, Pseudo-Schutzmassnahmen gegen Elektrosmog zu verkaufen.

Massnahmen notabene, die unwirksam sind und unnötig, weil die damit angeblich bekämpften Beschwerden durch Nocebo-Effekte ausgelöst werden, welche die Branche mit ihren Warnungen selbst „gezüchtet“ hat.

Auch hier gilt aber: Wenn Beschwerden, die auf Elektrosmog zurückgeführt werden, auf Nocebo-Effekten basieren, dann folgt daraus nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt. Nocebo-Effekte sind nicht = Einbildung.  Ausserdem werden oft echte Beschwerden, die durch anderweitige Störungen verursacht werden, irrtümlich dem Elektrosmog (oder dem Amalgam) zugeschrieben. Auch in diesen Fällen sind die Beschwerden echt, nur die Erklärung dazu ist falsch.

4. Nocebo-Effekte bei homöopathischen Arzneimittelprüfungen

Nocebo-Effekte beeinflussen in starkem Mass viele homöopathische Arzneimittelprüfungen und damit die Arzneimittelbilder, auf deren Grundlage Homöopathika eingesetzt werden.

Um ihren Anwendungsbereich festzulegen, werden Homöopathika an Gesunden getestet. Dazu müssen die Probanden genau protokollieren, welche Beschwerden und Veränderungen des Befindens während der Einnahme des Mittels auftreten.

Samuel Hahnemann (1755 – 1843) betonte, dass sämtliche Befindlichkeiten der Probanden während der Wirkungszeit des Mittels als durch dieses ursächlich hervorgerufen gelten müssten, selbst wenn der Prüfer Ähnliches in anderen Zusammenhängen beobachtet habe. In seinem Hauptwerk, dem „Organon der Heilkunst“, schreibt der Begründer der Homöopathie:

„Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchsperson während der Wirkungsdauer einer Arznei […] rühren bloß von dieser her und müssen als deren eigentümlich zugehörig, als ihre Symptome angesehen werden und aufgezeichnet werden; gesetzt auch die Person hätte ähnlich Zufälle vor längerer Zeit bei sich von selbst wahrgenommen.“ (6. Auflage, §138).

Hahnemann negiert vollständig die Möglichkeit, dass

A. Veränderungen und Beschwerden während der Testphase am Gesunden auch unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten können und

B. dass negative Erwartungen zu Nocebo-Effekten führen können.

Das führt dazu, dass Nocebo-Effekte und zufällig gleichzeitig auftretende, unabhängige Veränderungen in die Arzneimittelbilder einfliessen und diese zu willkürlichen Konstrukten machen.

Allfällige spezifische Wirkungen des Homöopathikums könnte man nur von den beiden Möglichkeiten in Punkt A und B unterscheiden durch eine Kontrollgruppe, die unbehandelte Globuli (Scheinpräparate) bekommt – also mit einem Doppelblind-Test. Das wurde in neuerer Zeit auch gemacht. Siehe dazu beispielsweise hier:

Arzneimittelprüfung Belladonna C30 / Belladonna D60

Dabei zeigte sich in der Arzneimittelprüfung am Gesunden allerdings kein Unterschied zwischen dem Homöopathika und dem Scheinpräparat. Daher steht in Frage, ob Belladonna C30 / Belladonna D60 überhaupt ein Homöopathika ist.

Zumindestens bei Belladonna C30 / Belladonna D60 dürfte das Arzneimittelbild bei Prüfungen ohne Kontrollgruppe jedenfalls aus Nocebo-Effekten und spontanen Veränderungen bestehen, die unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten. Das gibt eine massive Verfälschung der Basis, auf welcher die Anwendung von Belladonna C30 / Belladonna D60 steht, so dass in Frage steht, ob solche Präparate nach en Regeln der Homöopathie überhaupt als Homöopathika gelten können.

Ein vergleichbares Ergebnis lieferte die doppelblinde Überprüfung des Arzneimittelbildes von Okoubaka aubrevillei. In der Homöopathie erfreuen sich Potenzen von Okoubaka aubrevillei großer Beliebtheit bei der Behandlung von Magen-Darm-Problemen. Die Forscher fanden bei der Arznimittelprüfung am Gesunden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen dem Homöopathika aus Okoubaka und dem Scheinglobuli bezüglich der Anzahl der als charakteristisch eingestuften Symptome. Auch bei Okoubaka scheint also das Arzneimittelbild aus Nocebo-Effekten und zufällig mit einfliessenden Veränderungen zu bestehen.

Siehe dazu:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/moderne-arzneimittelpruefung-mit-okoubaka.html

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23561008

Fazit:

Die Beispiele aus den Punkten 1 – 4 zeigen, welch grossen Einfluss Nocebo-Effekte in unserem Alltag haben können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Homöopathie: Zur Globuli-Schluck-Aktion der „Skeptiker“ in Zürich

Diesen Artikel teilen:

Mitglieder des Vereins „Skeptiker Schweiz“ haben in Zürich eine Globuli-Schluck-Aktion durchgeführt. Zum Slogan „Homöopathie – nichts drin, nichts dran“ schluckten sie homöopathische Globuli in massiven Überdosen. Damit sollte die Unwirksamkeit der Homöopathie demonstriert werden.

Bericht und Video dazu auf 20Minuten:

Skeptiker-Verein „vergiftet“ sich mit Kügeli

Solche Globuli-Schluck-Aktionen sind meines Erachtens unwirksam, kontraproduktiv und eher peinlich.

Wer mit Homöopathie gute Erfahrungen gemacht hat, wird sich davon nicht beeindrucken lassen. Im Gegenteil:  Er oder sie wird sich mit der angegriffenen Methode solidarisieren.

Und für neutrale Personen dürfte die Argumentation der Apothekerin, die sich im 20min-Video auf sympathische Art für die Homöopathie ausgesprochen hat, um einiges überzeugender sein.

Einzig für die Skeptiker ist eine solche „Akschen“ offenbar ein nettes, bei Laune haltendes Event.

Dass solche Globuli-Schluck-Aktionen seit ein paar Jahren immer wieder irgendwo kopiert werden, scheint mir eher ein Ausdruck von Ratlosigkeit und Strategielosigkeit auf Seiten der Skeptikerbewegung. Da die Erfolglosigkeit derartiger Events meines Erachtens offensichtlich ist, wäre mehr Reflexion über Stil und Strategie nötig.

Um Argumente wirksam einzubringen, braucht es den kontinuierlichen, organisierten, strategisch ausgerichteten Dialog mit Bevölkerung, Medien, Politik und Behörden. Das machen Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin engagiert und erfolgreich.

Die Skeptikerbewegung dagegen ist auf dieser Ebene nicht existent. Sie beschränkt sich hauptsächlich auf provokatives Lächerlichmachen. Beispiele dafür sind die sporadischen Auftritte von Beda Stadler in den Medien und diese Globuli-Schluckaktion vom 23. Oktober.  Ansonsten haben die Skeptiker bisher nichts zu bieten.

Das ist sehr bedauerlich, denn eine kritische Auseinandersetzung mit Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin wäre nötig – allerdings nicht via provokatives Lächerlichmachen, sondern auf der Basis von Argumenten.

Siehe:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin: Mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde – nachfragen statt blind glauben

P. S.: Ein Beitrag zu dieser Auseinandersetzung ist das Tagesseminar vom 24. November 2013:  Naturheilkunde & Komplementärmedizin – Wie erkennt man seriöse und unseriöse Angebote? Infos dazu hier.

http://www.phytotherapie-seminare.ch/index.php?file=1930&lang=de&ses=b1c5567cb9ce

Zugute halten muss man den „Skeptikern“ von „Skeptiker Schweiz“, dass sie sonst überhaupt nicht so engstirnig und anmassend sind, wie es durch diese Globuli-Schluck-Aktion den Anschein machen mag.

Und im „Skeptiker-Blog“ findet sich eine interessante Auseinandersetzung mit den Argumenten, die in den Kommentaren zum 20Minuten-Artikel aufgetaucht sind:

http://www.skeptiker.ch/typologie-negativkommentare-zur-1023-ueberdosis/

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen: