Beiträge

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

„Die medizinische Praxis wird nicht von der Wissenschaft, sondern von Angebot und Nachfrage dirigiert, und wie wissenschaftlich eine Behandlungsweise auch sein mag, sie kann ihren Platz auf dem Markte nicht behaupten, wenn keine Nachfrage vorliegt, noch kann die gröbste Quacksalberei dem Markte ferngehalten werden, wenn eine Nachfrage vorliegt.“

George Bernhard Shaw (1856 – 1950), irischer Dramatiker, Satiriker und Träger des Literaturnobelpreises (1925).

Kommentar & Ergänzung:

Dass Angebot und Nachfrage in der medizinischen Praxis eine wichtige Rolle spielen, dürfte sich auch in der Gegenwart kaum gross geändert haben. Übertherapie ist ein verbreitetes Phänomen in vielen Bereichen von Medizin und Komplementärmedizin.

Und wer glaubt, Quacksalberei sein ein Problem vergangener Zeiten, täuscht sich gewaltig. Der Ausdruck „Quacksalber“ entstand zwar im 17. Jahrhundert. Er stammt ab vom niederländischen kwakzalver, das eigentlich etwa „prahlerischer Salbenkrämer“ bedeutet (niederl. Qwakken = schwatzen, prahlen; zalven = salben). Dieses Thema ist auch heute noch sehr aktuell. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde kritisch damit auseinandersetzen müssen. Auf eine Erfahrung von über dreissig Jahren in diesen Bereichen zurückblickend, erschüttert mich nämlich zunehmend, wie viele Naturheilmittel via Internet, Apotheken und Drogerien verkauft werden, für deren Wirksamkeit nicht der Hauch einer Begründung vorliegt. Angepriesen werden solche Mittel typischerweise hauptsächlich mit wundersamen, aber undokumentierten Heilungsgeschichten. Es fehlen plausible Argumente, sorgfältige Dokumentationen oder Studien, die eine Wirksamkeit glaubwürdig machen könnten. Warum konsumieren so viele Menschen derart fragwürdige Heilmittel?

Weder in der medizinischen Praxis noch im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde setzt sich Qualität von selber durch. Erfolgreich ist nämlich über weite Strecken vor allem, was die Bedürfnisse der Menschen bedient. Und diese Bedürfnisse haben mit Qualität oft herzlich wenig zu tun. Heilkundliche Therapien dienen häufig ganz anderen Zwecken als demjenigen, gesund zu werden. Sie wehren zum Beispiel Angst und Ohnmachtsgefühle ab oder bieten Instant-Sinnangebote für Menschen, die mit dem eigenständigen Finden von Sinn überfordert sind.

Dazu kommt, dass wir uns bezüglich der Wirksamkeit von Heilmitteln oder Therapien oft täuschen. Behandelnde und Kranke sind nur allzu gerne bereit, jede Besserung sogleich der angewandten Heilmethode gut zu schreiben. Andere wichtige Heilfaktoren wie Selbstheilungskräfte, Placebo-Effekte, normale Schwankungen im Krankheitsverlauf oder Veränderungen im Lebensumfeld werden oft sehr hartnäckig ausgeblendet.

So haben Übertherapie und Quacksalberei leichtes Spiel.

Dagegen gibt es meines Erachtens vor allem ein Rezept: Gut informierte Patientinnen und Patienten, die nicht alle wunderbaren Heilungsversprechungen blind glauben, sondern gelernt haben, Aussagen zu prüfen und kritische Fragen zu stellen.

Diese Fähigkeiten zu vermitteln ist ein zentrales Anliegen meiner Kurse und Lehrgänge.

Nur wenn die „Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens“ (Ludwig Marcuse) abnimmt, wird sich Qualität nach und nach durchsetzen.

„Naiv und leicht täuschbar zu sein, ist unverantwortlich, besonders heute, wo Lügen zu einer Katastrophe führen können, weil sie für echte Gefahren wie auch für reale Möglichkeiten blind machen.“

Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Band 1, Beltz Verlag 1989

Erich Fromm, 1900 – 1980, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialphilosoph.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde!

Diesen Artikel teilen:

„Freie Erziehung ist immer eine Erziehung zur Kontroverse, wer sein Fach nicht als widersprüchlich gelernt hat, beherrscht es nicht.“

George Bernhard Shaw (1856 – 1950), irischer Dramatiker, Satiriker und Träger des Literaturnobelpreises (1925).

Dieses Zitat des grossen Georg Bernhard Shaw drückt meines Erachtens etwas ganz Wichtiges aus und betrifft alle, die etwas lernen wollen, auch – aber nicht nur – im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde.

Bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich den Gedanken von Shaw verdeutlichen anhand von Ausführungen, die Norbert Landwehr in seinem Buch „Neue Wege der Wissensvermittlung“ (Sauerländer 1997) im Abschnitt „Kritische Gedanken zum ‚Lehrbuchwissen’“ publiziert hat. Landwehr bezieht sich dabei auf Untersuchungen von Horst Rumpf:

Rumpf zeigt, dass Lehrbuchwissen in der Regel jeweils so dargestellt wird, als ob es sich dabei um abgeschlossene, endgültige und unantastbare Erkenntnisse handeln würde. Lehrbücher stellen Wissen dar als definitives, solides, zuverlässiges Tatsachenwissen, welches von Lernenden „zur Kenntnis genommen“ und wiedergegeben werden soll. Das erspart den Lernenden Wirrnisse und Zweifel, die sie durchmachen, wenn sie selber nach der Wahrheit suchen. Eine Frage offen lassen, Widersprüche und Lücken aushalten, all das wird den Lernenden nicht zugemutet oder nicht zugetraut. Als einzige Lernaktivität wird von den Lernenden verlangt, den Lehrstoff zur Kenntnis zu nehmen und sich einzuprägen, und zwar gläubig und nicht kritisch.

Nach Landwehr/Rumpf wird dies durch folgende Darstellungsweise erreicht:

„- Der Inhalt beschränkt sich auf das Eindeutige, auf Darstellungen, die keine kritischen Gedanken zu provozieren vermögen. Der Leser ist ausserstande, vom Text aus etwas anderes zu tun als die dargelegten Tatsachen hinzunehmen. Er soll sie sich einprägen; zum kritischen Nachdenken bieten sie keine Handhabe und keinen Ansatzpunkt.

– Das dargestellte Wissen wird befreit von ‚Widerhaken’, an denen kritisches Nachdenken ansetzen könnte. Problematische Tatbestände und Deutungen werden entfernt bzw. ‚entproblematisiert’. Es wird alles verhüllt, wodurch die Fragwürdigkeit von Tatsachenbewertungen und Interpretationen ans Licht kommen könnte. Angeboten werden definitive Tatbestände, die als reproduktionswürdig erscheinen.

– Nichts in den Texten weckt Zweifel über die darin mitgeteilten Tatbestände und Beurteilungen, nichts weist darauf hin, dass u. U. recht kühne Hypothesen und Urteile darin enthalten sind. Die Texte sind offensichtlich nicht von der Position des Nachdenkenden, sondern von der des Wissenden geschrieben, der jetzt sein Wissen knapp, klar, unzweideutig dem Lernenden darbietet. Mögliche Herde des Misstrauens gegenüber dem Lernstoff werden souverän überspielt.

– Das Lehrbuch formuliert nicht die nahe liegenden Einsprüche gegen die aufgestellten Thesen, es drängt in eine und nur in eine Richtung. Nur das, was als Hinweis zugunsten der geäusserten Beurteilung, Interpretation und Meinungsäusserung dient, findet Erwähnung. Mangelnde Schlüssigkeit von Ableitungen wird kaschiert.

– Die dargestellte Sache erscheint statisch und unbeweglich. Weder der Weg zu ihr hin noch der mögliche Weg über sie hinaus kommt im Ernst zur Sprache. Weil weder auf seine Grenzen noch auf seine Vorläufigkeit verwiesen wird, hat sie einen Charakter von Endgültigkeit.

– Der Autor erscheint nicht als menschliches Subjekt, dessen Wissen ihm immer wieder als unfertig, ergänzungsbedürftig, fragwürdig vorkommt. Er erscheint viel eher als die Stimme der Wahrheit selbst. Er schreibt aus der Warte dessen, der im betreffenden Gebiet heimisch ist und von dort aus seine unbezweifelbaren Informationen hinabreicht zu den Lernenden, denen nichts anderes bleibt als die lernende und gläubige Übernahme der Lehrsätze.

Fazit: So, wie das Wissen im Lehrbuch steht, fordert es nichts als Kenntnisnahme und Einprägung. Ein Unterricht aber, der in diesem Sinne definites Wissen vermittelt, läuft Gefahr, die Lernenden mit der Blindheit des Bescheidwissers zu schlagen. Die Lehrpersonen glauben, die „soliden Wissensgrundlagen“ weiterzugeben; tatsächlich aber lähmen sie in den Lernenden die Kräfte, ohne die jedes Wissen totes Kapital und Selbsttäuschung zu werden drohen: nämlich die Denkkräfte des Zweifels, der Skepsis, des Misstrauens ebenso wie die der Kühnheit und der Unverzagtheit (Rumpf 1971).“

Soweit das Zitat aus Landwehr (1997).

Kommentar & Ergänzung:

Die Ausführungen von Landwehr bzw. Rumpf sind wichtig für jeden Lernprozess.

Und sie scheinen mir speziell wichtig für das Lernen im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde. Diese Aussage will ich näher begründen.

Es gibt in diesem Terrain „Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde“  meiner Erfahrung nach eine starke Neigung zur „Lagerbildung“:

Hier die gute, menschenfreundliche Naturheilkunde / Komplementärmedizin, dort die schädliche, lebensfeindliche „Schulmedizin“. Das wird manchmal sehr deutlich so gesagt, manchmal ist es eher unterschwellig vorhanden. Das Problem mit dieser Lagerbildung ist: Wer in einem Lagerdenken verhaftet ist, kann im eigenen Lager Widersprüche und Lücken nicht sehen und nicht zulassen. Kritik richtet sich nur auf das Gegenlager, hier auf die „Schulmedizin“. Das eigene Lager wird schön homogen gehalten, rein und widerspruchsfrei. Dieses Phänomen lässt sich im Bereich der Komplementärmedizin in hohem Masse beobachten, sowohl bei Praktizierenden als auch bei Ausbildungsinstituten. Wer im Lagerdenken verhaftet ist, wird es nicht gerne hören: Das weit verbreitete Ausblenden von Widersprüchen, Lücken und offenen Fragen gefährdet die Qualität in der Komplementärmedizin und die Gesundheit der Patientinnen und Patienten. Achten Sie doch auf dieses Phänomen, wenn Ihnen eine qualitativ hoch stehende Komplementärmedizin am Herzen liegt.

Mir selber ist es ein wichtiges Anliegen, in meinen Ausbildungen oder Kursen im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde die Lücken, Widersprüche und offenen Fragen in diesem Terrain nicht auszublenden. Und obwohl ich natürlich danach strebe, möglichst sorgfältig geprüftes Wissen zu vermitteln, betrachte ich mich nicht als Produzent von unbezweifelbaren Informationen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Esoterikfreie Pflanzenheilkunde – warum?

Diesen Artikel teilen:

Die Inhalte meines Phytotherapie-Lehrgangs, meiner Heilpflanzenkurse und Kräuterexkursionen werden esoterikfrei vermittelt.

Sie bieten statt dessen Gelegenheit für eine differenzierte und anregende Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Heilpflanzen und sie fördern auf vielfältige Weise Kontakt und Beziehung zur Pflanzenwelt und überhaupt zur Natur. Esoterische Vorstellungen über Heilpflanzen und ihre Kräfte sind in meinen Kursen aber nicht Tabu. Sie können zur Sprache kommen, werden dann vielleicht kommentiert, in einen historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt etc.

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit esoterischen Vorstellungen darf also durchaus stattfinden und ist manchmal sogar nötig. Meine eigene Position ist aber esoterikfrei und blinde Gläubigkeit ist mir ziemlich fremd…

In letzter Zeit werde ich von Leuten, die sich für Heilpflanzenkurse interessieren, zunehmend skeptisch gefragt, ob diese nicht „esoterisch“ seien.  Auf genauere Nachfrage hin stellt sich dann jeweils heraus,  dass sie schon mehrfach mit ziemlich abgehobenen bis sektiererischen Ideen über Heilpflanzen konfrontiert wurden und einfach die Nase voll haben von esoterischem Firlevanz.

Darum möchte ich hier einmal quasi offiziell den Status „esoterikfrei“ für meine Kursinhalte festhalten und auch begründen, weshalb ich eine esoterikfreie Pflanzenheilkunde wichtig finde.

Die Aufladung der Pflanzenheilkunde mit esoterischen Vorstellungen entspricht einem gegenwärtigen Zeitgeist. Diesem Trend stehe ich skeptisch gegenüber aufgrund meiner inzwischen über 25jährigen Erfahrung als Ausbildner im Umfeld von Naturheilkunde / Phytotherapie / Komplementärmedizin.

Blinde Gläubigkeit

Mir fällt im esoterisch geprägten Bereich der Pflanzenheilkunde eine weit verbreitete blinde Gläubigkeit auf. Es werden unzählige willkürliche Behauptungen und Heilungsversprechungen in den Raum gestellt und es fehlt fast vollständig an kritischer Reflexion und sorgfältiger Prüfung. Das geht meines Erachtens voll zulasten von Patientinnen und Patienten. Je absurder eine Behauptung, desto glaubwürdiger scheint sie oft zu sein.

Mir ist dagegen wichtig, dass Lernende in meinen Kursen ermuntert und befähigt werden, Aussagen über Wirkungen der Heilpflanzen kritisch zu prüfen und sich eine fundierte eigene Meinung dazu zu bilden.

Gurutum, Dogmatismus und absolute Wahrheiten

Mir fällt im esoterisch geprägten Bereich der Pflanzenheilkunde zudem eine Neigung zu Gurutum, dogmatisierten Aussagen und absoluten Wahrheiten auf.

Mir ist dagegen wichtig, dass Lernende in meinen Kursen befähigt werden, auch mit Widersprüchen, Lücken und Ungewissheiten im Wissen über die Wirkungen der Heilpflanzen umzugehen. Ich sehe meine Lehrtätigkeit zwar nicht als Erziehung, gehe mit folgendem Zitat von George Bernhard Shaw (1856 – 1950) sonst aber einig:

„Freie Erziehung ist immer eine Erziehung zur Kontroverse, wer sein Fach nicht als widersprüchlich gelernt hat, beherrscht es nicht.“

Meines Erachtens muss man sich als Ausbildner in Frage stellen lassen, transparent machen, dass man nicht auf alle Fragen eine Antwort hat und die Quellen des eigenen Wissens offenlegen. Das sind Gegenmittel zur Vermeidung von Guruphänomenen und übersteigerten Idolbildungen.

Mich erschreckt zunehmend, wie viele Leute im Bereich der Komplementärmedizin in höchstem Masse angefüllt mit absolutem Wissen in der Gegend herum laufen und blind nachbeten, was ihnen in Ausbildungen und Kursen als endgültige Wahrheit verkauft wurde.

Alles Wissen ist meiner Ansicht nach unvollständig und vorläufig – auch das Wissen im Bereich Pflanzenheilkunde. Trotzdem gibt es aber brauchbares Wissen, das zu mindestens gegenwärtig als fundiert gelten darf.

„Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, das wir wissen, sehr verschieden sein mögen, dass wir aber in unserer grenzenlosen Unwissenheit alle gleich sind.“

Karl R. Popper (1902 – 1994), Philosoph, Wissenschaftstheoretiker.

Nebulös-manipulative Begriffe

Mir fällt im esoterisch geprägten Bereich der Pflanzenheilkunde auf, dass immer wieder Begriffe verwendet werden, die zwar wohl tönend sind, aber weitgehend inhaltsleer bleiben: Das „Wesen“ der Pflanzen, Energien, Schwingungen….Solche Ausdrücke können mit Hunderten von verschiedenen Bedeutungen gefüllt werden. Wer solche Begriffe verwendet, müsste daher vorgängig genau transparent machen, welchen Sinn er oder sie damit verbindet. Unterbleibt diese Klärung, so reden die Beteiligten mit grosser Wahrscheinlichkeit aneinander vorbei, weil jede und jeder eigene Vorstellungen davon im Kopf hat. Die Verwendung solcher Begriffe bekommt dann einen manipulativen Charakter und lullt ein, indem ein besonderes, tiefes Geheimnis  vorgegaukelt wird.

Anthropozentrische Grundhaltung

Mir fällt im esoterisch geprägten Bereich der Pflanzenheilkunde auf, dass viele Heilpflanzen-Beschreibungen ausgesprochen anthropozentrisch daher kommen. Der Mensch steht im Mittelpunkt der „Veranstaltung“. Heilpflanzen haben das Bedürfnis uns zu heilen. Sie sagen uns durch ihre Form und Farbe, wozu sie für uns gut sind. Die Heilpflanzen, die zu uns in den Garten kommen, sind diejenigen, die wir gerade brauchen…..

Meiner Ansicht nach stehen wir Menschen nicht derart im Zentrum der „Veranstaltung Natur“, dass sich Heilpflanzen auf uns beziehen.

Trotzdem können wir sie mit dem nötigen Respekt zu Heilzwecken nutzen und auch eine Form der Beziehung zu ihnen pflegen (sie gern haben, schön finden, uns an ihnen freuen..).

Kontakt mit Kopfgeburten, statt mit realer Natur

Mir fällt an Kräuterexkursionen oft auf, wie kontakt- und beziehungslos sich Menschen in der Natur bewegen, die von Kopf bis Fuss mit esoterischen Ideen angefüllt sind. Sie sind eher im Kontakt mit ihren Vorstellungen – zum Beispiel von Pflanzendevas, Pflanzengeistern, Feen und Elfen – aber kaum mit der Pflanze als realem Gegenüber. Sie sind also eher mit sich selber in Kontakt, mit ihren Bedürfnissen und Projektionen, merken das aber kaum und meinen, sie seien in Kontakt mit der Natur. Meiner Ansicht nach verpassen sie damit etwas wesentliches.

Allmachtsphantasien & Machbarkeitsillusionen

Mir fallen im esoterisch geprägten Bereich von Pflanzenheilkunde und Komplementärmedizin oft massive Allmachtsphantasien und  Machbarkeitsillusionen auf.

Mit der richtigen Heilpflanze oder sonst einem richtigen Heilmittel können angeblich alle Krankheiten geheilt werden – meistens allerdings mit der Einschränkung: Sofern der Patient wirklich gesund werden will! Womit dann bei Misserfolg bequemerweise immer der Patient schuld ist……

Das sind einige der Erfahrungen und Beobachtungen, die mich zu einer deutlichen Distanzierung von esoterisch geprägten Formen der Pflanzenheilkunde  veranlassen.

Und wie schon erwähnt: Trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen liegt mir viel daran, den lebendigen Kontakt zur Natur und zu den Heilpflanzen als einem realen Gegenüber zu fördern.  Auf dass wir sie gern haben, schön finden und mit Respekt nutzen können.

„Naiv und leicht täuschbar zu sein, ist unverantwortlich, besonders heute, wo Lügen zu einer Katastrophe führen können, weil sie für echte Gefahren wie auch für reale Möglichkeiten blind machen.“

Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Band 1, Beltz Verlag 1989

Erich Fromm, 1900 – 1980, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialphilosoph.

P.S.: Eine detailliertere, differenziertere und fundiertere Auseinandersetzung mit den beschriebenen „Esophänomenen“ finden Sie in diesem Blog in der Kategorie „Naturheilkunde-Debatte“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen: