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Zeitschrift „Stern“ testet Alternativmedizin bei Krebs

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Das Magazin „Stern“ stellte die Beratung durch Vertreterinnen und Vertreter der Alternativmedizin beim Thema „Brustkrebs“ auf den Prüfstand.

Zitat:

„Was raten Alternativmediziner Krebs-Patienten, deren Krankheit durch eine einfache Operation heilbar wäre? Der stern hat 20 Heilpraktiker und Ärzte besucht – mit erschütterndem Ergebnis.“

Der Stern schickte eine Schauspielerin und einen Journalisten, als Paar „getarnt“, in die Praxen von alternativmedizinisch tätigen, auf Krebs spezialisierten Heilpraktikinnen und Heilpraktikern, Medizinerinnen und Medizinern.

Die Schauspielerin brachte den Befund einer Brustkrebspatientin mit, den sie als eigenen Befund ausgab. Aus dem Befund ging hervor, dass der Brustkrebs aggressiv war, aber noch klein, und daher mit hoher Heilungschance operabel.

Zitat:

„Unser Befund bedeutet: Nach einer OP wäre unsere Patientin mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch nach zehn Jahren krebsfrei.“

Die zentrale Frage, mit der das „Paar“ in den Praxen auftauchte, war:

Operieren oder nicht?

Zitat:

„Das erschütternde Resultat: Zwölf der zwanzig Testkandidaten, Ärzte und Heilpraktiker gemischt, hielten eine Operation für verzichtbar.“

Sechs von diesen zwölf hielten ihre Methoden gar für besser oder gar für unvereinbar mit der Schulmedizin.

Bei der Beurteilung des Befundes schnitten nach Einschätzung des „Stern-Teams“ die Ärzte schlechter abgeschnitten als die Heilpraktiker.

Zitat:

„Erschreckend: Die Ärzte fällten häufiger Fehlurteile als die Heilpraktiker. Fünf der zehn beurteilten den Krebs harmloser, als er war. Manche lasen wahrscheinlich schlicht nicht zu Ende und fanden nicht alle Schlüsselbegriffe, andere verstanden Grundwörter der Krebsmedizin wie ‚G3’ nicht, sondern werteten es als ‚günstiges Zeichen’ – G3 steht für Zelleigenschaften und bedeutet, dass der Krebs aggressiv ist und schnell wächst. Besser schlugen sich die Heilpraktiker: Nur einer der sechs, die eine Bewertung wagten, lag so grob daneben. Die anderen fünf übersetzten zwar teilweise Fachbegriffe falsch, zogen aber die richtige Schlussfolgerung: Dieser Tumor ist gefährlich.

Fatal ist das deshalb, weil die meisten Patienten zunächst neben Heilpraktikern auch Fachärzte konsultieren werden, sodass das Fehlurteil eines Heilpraktikers weniger gravierende Konsequenzen hätte. Die sechs Ärzte aber, die im Test versagten, boten ein Rundumsorglos-Paket: Ich kann Ihren Krebs mit den Augen der Schulmedizin sehen und plane danach meine alternativen Heilmethoden.“

Als positives Beispiel beschreibt der Stern-Autor die Stellungnahme einer Schweizer Geistheilerin, welche die Gefährlichkeit des Tumors aus dem Befund erkannt, mit Nachdruck zur Operation rät und der „Patientin“ mit einer Handauflegen-Sitzung zur Entspannung verhilft. Einziger Schwachpunkt: Die Heilerin hat den Tumor genau dort mit ihren Händen gespürt, wo der Befund ihn lokalisiert hat, obwohl der Befund von einer anderen Frau stammt. Fazit: Auch Heilerinnen sind nicht gegen Suggestion gefeit.

Quelle der Zitate:

Stern (Print), 3. 7. 2014

http://www.stern.de/gesundheit/das-geschaeft-mit-der-alternativmedizin-im-dschungel-der-wunderheiler-2118037.htm

Kommentar & Ergänzung:

Man kann natürlich einwenden, dass hier nur 20 Alternativmediziner getestet wurden. 10 Heilpraktiker, 10 Mediziner. Aber immerhin waren das Personen, die sich für die Behandlung von Krebs speziell anbieten. Und ich kann mir gut vorstellen, dass der entstandene Eindruck ziemlich repräsentativ ist und nicht einfach die absolut negative Auswahl darstellt.

So erschreckend das Ergebnis dieser Recherchen ist: Wirklich überrascht bin ich nicht.

Seit mehr als 30 Jahren bewege ich mich in diesem schillernden Terrain von Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde. In diesem Zeitraum bin ich zunehmend skeptischer und kritischer geworden.

Ein Hauptgrund dafür:

Die Grössen- und Allmachtsphantasien, welche die Alternativmedizin der „Schulmedizin“ oft vorwirft, sind in der Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin selber verbreitet zu finden, wenn man nur schon etwas genauer hinschaut.

Grenzen werden selten ernsthaft diskutiert. Eine fundierte Qualitätssicherung ist so gut wie inexistent. Der Stern-Artikel bestätigt diese Einschätzung voll und ganz.

Es wäre wünschenswert, wenn jeder Mensch mit Krebsdiagnose diesen Artikel kennen würde. Krebspatientinnen und -patienten sind in einer schwierigen Lage. Sie werden leicht zur Beute von verantwortungslosen Scharlatanen, die sich masslos selbst überschätzen. Das kann nicht nur Geld, Zeit und Kraft kosten, sondern auch das Leben.

Kritisches Nachfragen ist deshalb zentral, nicht nur für Krebspatientinnen und –patienten. Doch wo lernt man das?

Hier dazu ein paar unterstützende Anregungen:

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei

 

Und im Übrigen: In meinen Lehrgängen wird neben viel Heilpflanzenwissen auch vermittelt, wie man Versprechungen, Aussagen etc. prüft und sich eine eigene, fundierte Meinung bildet.

Phytotherapie setzt nicht blinde Gläubigkeit voraus. Sie verträgt sich durchaus mit einer kritisch-prüfenden Haltung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

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Ausbildung zum Geistheiler mit Diplom

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Vor kurzem bin ich auf eine Ausbildung zum Geistheiler mit Diplom gestossen.

Den Markennamen lasse ich weg, weil ich für diesen Schwachsinn nicht noch Werbung machen möchte. Jedenfalls handelt es sich um ein geschütztes, eingetragenes Markenzeichen ®, nennen wir die Methode Mystery®.

Diese Ausbildung „diplomierter Geistheiler Mystery®“ scheint mir sehr fragwürdig.

Erstens:

Diplomierter Geistheiler Mystery® können Sie werden in nur 18 Tagen. Ein Grundkurs von fünf Tagen, zwei Aufbaublöcke von acht und fünf Tagen. Fix geht das. In dieser Zeit haben Sie nicht nur Ihre eigenen Blockierungen und Charakterschwächen gelöscht – so steht es in der Ausschreibung. Sie sind nun auch in der Lage, diese tiefgreifenden Heilungsprozesse bei Ihren Kundinnen und Kunden durchzuführen.

Ich gehe nicht davon aus, dass diese grandiosen Versprechungen wahr sind. Aber nehmen wir mal quasi übungshalber an, das wäre tatsächlich der Fall. Dann würden Sie innert sehr kurzer Zeit einen radikalen Umbau Ihrer Persönlichkeit durchmachen – dank Löschung von Blockierungen und Charakterschwächen. Da stellen sich einige Fragen:

– Wer entscheidet aufgrund welcher Kriterien, welche „Blockierungen“ und „Charakterschwächen“ zu löschen sind?

– Was als „Blockierung“ oder „Charakterschwäche“ bezeichnet wird, hat oftmals nicht nur negative Auswirkungen, sondern nicht selten zugleich in gewissen Bereichen eine positive Funktion. Kann eine solche Löschung nicht zu unerwünschten Nebenwirkungen führen?

–  Was bedeutet es für Ihre langjährigen Beziehungen, Ihre Freundschaften und Ihr Arbeitsumfeld, wenn Sie sich in so kurzer Zeit derart fundamental verändern? Kommen Ihre Mitmenschen da noch mit oder kommt es zum Bruch?

Zweitens:

Wer von Geistheilung redet, müsste zuerst einmal auf den Tisch legen, was er oder sie unter „Geist“ versteht, weil wir es hier mit einem sehr vieldeutigen Begriff zu tun haben.

Gemäss dem „Lexikon der philosophischen Begriffe“ (Alexander Ulfig, Fourier Verlag 1999) kann der Begriff „Geist“ bedeuten:

„  1.) Gegensatz zu Materie und Körper (ähnlich wie Seele);

2.) Vernunft, Verstand als Erkenntnisvermögen;

3.) Göttliches Prinzip („Heiliger Geist“);

4.) Geistige Lebenseinstellung (geistiger Mensch, geistige Entfaltung; Gegensatz: Banause);

5.) Inbegriff der in einer Epoche bzw. Zeit oder einer Gruppe bzw. Gemeinschaft herrschenden Ideen, Gesinnungen, Wertmassstäbe usw. („Zeitgeist“);

6.) Geistige Begabung, Intelligenz („geistreich“);

7.) Numinoses Wesen in primitiven Religionen und im Volksglauben.“

Die Punkte 2, 4, 5, 6 und 7 scheinen mir für „Geistheilung“ nicht zu passen.

Bleiben also die Punkte 1 und 3.

Punkt 1: Geist als Gegensatz zu Materie und Körper (ähnlich wie Seele).

Da sind wir also im Leib-Seele-Geist-Problem gelandet, eine philosophisch hoch komplexe Diskussion seit mehreren tausend Jahren.

Da stellt sich grundsätzlich die Frage, ob man das monistisch, dualistisch oder gar trialistisch sieht. Also ob das alles ein Bereich, zwei oder gar drei getrennte Bereiche sind. Geist – Seele – Körper.

Schon der Begriff „Geistheilung“ isoliert Geist als Methode des Heilens. Das legt ein dualistische oder trialistisches  Verständnis nahe. Geist / Seele steht Körper / Materie gegenüber.

Dann stellt sich sehr zentral die Frage, wie genau „Geist“ auf „Körper“ wirkt, wenn es um Heilung geht. Oder wird der Körper ganz ausgeklammert und hat gar keine Bedeutung?

Fragen Sie doch Ihren Geistheiler, Ihre Geistheilerin vor der nächsten Behandlung. Es geht schliesslich um den Informed Consent, die informierte Einwilligung vor einem Eingriff.

Vielleicht geht es bei der Ausbildung zum diplomierten Geistheiler Mystery® (oder bei der praktizierten Geistheilerei Mystery®) eher um

Punkt 3: Geist als göttliches Prinzip („Heiliger Geist“);

Dann handelt es sich bei dieser 18-Tage-Geistheiler-mit-Diplom-Ausbildung® vielleicht um so etwas wie eine stark abgekürzte Priesterausbildung – ein Turbo-Priesterseminar quasi? In unserer Fast-Food- und Instant-Epoche allerdings sehr zeitgemäss.

Auch in diesem Fall müsste nun genauer geklärt werden, welche Vorstellung von „Geist“ und welche Vorstellung von „Heilen“ dem „Geistheilen“ zugrunde liegen. Nur schon die Vorstellungen von „Geist“ unterscheiden sich doch erheblich in Christentum, Islam und Buddhismus. Und in jeder dieser Religionen gibt es darüber hinaus noch einige Dutzend Varianten von „Geist-Vorstellungen“.

Wenn Ihr Geistheiler oder Ihre Geistheilerin zu diesem religiösen Konzept neigt, dann fragen Sie ihn oder sie doch nach den zugrundeliegenden Überzeugungen.

Drittens:

Wenn Sie ein Medikament einnehmen, lesen Sie ja hoffentlich auch den Beipackzettel zu Risiken und Nebenwirkung. Wie bei jedem angepriesenen Heilmittel, müsste eigentlich auch bei der Geistheilung ein Beipackzettel vorliegen:

„Zu Risiken und Nebenwirkungen:

Geistheilung kann zu psychischer Abhängigkeit führen. Es besteht die Gefahr, dass notwendige psychotherapeutische oder medizinische Abklärungen und Behandlungen verpasst werden. Wiederholte Inanspruchnahme von Geistheilung kann zudem den Kontostand negativ beeinflussen.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Geistheilung im Test

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Edzard Ernst hat als Professor für Alternativmedizin (Universität Exeter) 18 Jahre lang erforscht, welche alternativen Heilmethoden wirken. Nun geht er in Pension und beantwortete im Interview Fragen der „Sonntagszeitung“. Die Interviewerin fragte, welches Ergebnis seiner Studien ihn am meisten überrascht habe:

„Bei einer Studie zur Effizienz von Geistheilern war ich sehr beeindruckt, wie stark ein Placeboeffekt, also eine Scheinbehandlung, sein kann. Geistheiler sind Menschen, die vorgeben, durch Handauflegen kosmische oder göttliche Energie in Heilkräfte umzuwandeln. In Grossbritannien war das weit verbreitet, als ich 1993 an der Universität von Exeter meinen Lehrstuhl antrat.“

Danach beantwortete Edzard Ernst die Frage, wie man Geistheiler testet.

„Wir beobachteten rund 130 Patienten, die von Geistheilern oder anderen Personen behandelt wurden. Wir teilten die Kranken in vier Gruppen ein. Die eine war in direktem Kontakt mit den Geistheilern. Bei der zweiten sassen die Heiler hinter einer undurchsichtigen Wand. Eine dritte Gruppe wurde von geschulten Schauspielern behandelt, und bei der vierten Gruppe sass niemand hinter der Wand, was die Studienteilnehmer aber nicht wussten.“

Und auf die Frage, wie es den Patienten in dieser Studie erging, sagt Edzard Ernst:

„Das war unglaublich. Da gab es Kranke, die aus dem Rollstuhl aufstanden und sagten, sie hätten sich schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Diese positiven Effekte waren aber kein Beweis für eine Geistheilung, denn diese eklatanten Fälle traten in allen Gruppen auf – selbst dort, wo die Patienten allein im Raum waren.“

Quelle:

http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=199734

Kommentar & Ergänzung:

Die geschilderten Untersuchungen zeigen eines deutlich. Wenn es um Geistheilung geht, dann ist der Geistheiler oder die Geistheilerin im Grunde genommen überflüssig. Entscheidend ist nur, dass der kranke Mensch daran glaubt oder die Vorstellung hat, dass da ein Geistheiler oder eine Geistheilerin vorhanden sei. Dann tut es ein leerer Stuhl hinter der Wand auch.

Die Geistheilung findet also im eigenen Kopf statt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe /

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik

Heilpflanzen-Seminar für Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Komplementärmedizin auf dem Weg in die Grundversicherung? Mission impossible?

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Die „Weltwoche“ veröffentlichte am 4. 11. 2010 online einen Artikel unter dem Titel „’Mission impossible’ bei der Komplementärmedizin“. Autor Alex Reichmuth schreibt:

„ Die Bundesverwaltung muss entscheiden, wie weit alternative Heilmethoden in der Grundversicherung berücksichtigt werden. Sie steht vor einem unerfüllbaren Auftrag.“

Das sehe ich genau so. Weiter schreibt die „Weltwoche“:

„Die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind nicht zu beneiden. Im letzten Jahr hat das Stimmvolk mit 67 Prozent Ja entschieden, dass fünf alternative Heilmethoden im Gesundheitswesen stärker berücksichtigt werden sollen. Bis Ende Jahr muss das BAG nun entscheiden, ob und wie weit die Leistungen der Homöopathie, der Neuraltherapie, der Phytotherapie, der anthroposophischen Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin Aufnahme in die Krankengrundversicherung finden. Das Problem dabei ist, dass die Wirkung von Leistungen, die die Krankenkasse übernimmt, nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein muss. So verlangt es das Gesetz.“

Wie wahr. Das BAG ist tatsächlich nicht zu beneiden, denn es steht massiv unter Druck und befindet sich in einem kaum lösbaren Dilemma.

Druck kommt von diesem Volksentscheid im Mai 2009, bei dem 67 % der Stimmenden für einen Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin votierten. Der Verfassungsartikel ist zwar vage formuliert. Er verlangt eine Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch Bund und Kantone und sagt nichts über konkrete Methoden aus. Doch die Befürworter der Vorlage im Parlament versprachen, dass bei einem JA die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung aufgenommen würden. Und sie blendeten dabei einfach aus, dass das Krankenversicherungsgesetz auch weiterhin „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit (WZW)“ als Bedingung für eine Aufnahme in die Grundversicherung fordert.

Genauer gesagt: Sie gingen wohl fraglos davon aus, dass die fünf Methoden diese Kriterien erfüllen, was ziemlich naiv ist. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wurden meiner Ansicht nach hier in die Irre geführt.

Dazu kommt noch, dass die Stimmenden nur marginalst über die Thematik im Bilde waren. Die meisten Leute, die ich gefragt habe, gingen davon aus, dass es bei der Abstimmung darum gehe, dass Medikamente beispielsweise der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Krankenkassen bezahlt würden. Dabei werden diese Präparate schon seit 1996 von der Grundversicherung bezahlt – und zwar befreit vom Wirkungsnachweis und ohne ersichtliche gesetzliche Grundlage. Ganz abgesehen davon, dass viele Leute kaum den Unterschied zwischen einem Kamillentee und einem Homöopathikum kennen…….

Unter Druck kommt das BAG auch aus dem Parlament. Hier kommt die andauernde Forderung nach pauschaler Aufnahme dieser fünf Komplementärmedizin-Methoden, wieder unter Ausblendung der Tatsache, dass die vom Gesetz geforderte Wirksamkeit keineswegs so pauschal feststeht. Würde das Parlament seine Verantwortung wahrnehmen, dann würde es statt in populistische Rhetorik zu verfallen das Krankenversicherungsgesetz ändern und das Kriterium „Wirksamkeit“ streichen – und nicht den Schwarzen Peter einfach ans BAG weiterreichen. Die Parlamentsmehrheit reitet meines Erachtens auf einer Populismuswelle: Das “Volk“ will Komplementärmedizin. also geben wir ihm, was es wünscht. Dabei geht jede differenzierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema unter.

Die „Weltwoche“ schreibt in ihrem Artikel:

„ Die Unterscheidung in Schulmedizin und Komplementärmedizin ist im Grunde eine einfache: Alles, was auf Wissenschaftlichkeit beruht, zählt zur Schulmedizin. Wo es hingegen nur um behauptete Wirkungen geht, die wissenschaftlich nicht belegt sind, handelt es sich um Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit der Homöopathie beispielsweise kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Aufgrund des Konzepts der Homöopathie ist auch nicht zu erwarten, dass je eine Wirksamkeit belegt werden kann, die über den Placeboeffekt hinausgeht. Damit komplementär-medizinische Leistungen in den Grundversicherungskatalog kommen, müsste somit die Wirksamkeit von Methoden nachgewiesen werden, die wissenschaftlich eben nicht nachweisbar sind.“

Auch wenn das viele Leute, die der Komplementärmedizin nahestehen, nicht gerne hören: Alex Reichmuth bringt hier das Problem absolut auf den Punkt. Ich würde einzig die Verwendung des Begriffs „Schulmedizin“ in Frage stellen. Dieser diffamierende Kampfbegriff aus Homöopathie und Nationalsozialismus sollte meines Erachtens nicht mehr verwendet werden oder allenfalls noch zwischen Anführungs- und Schlusszeichen. Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Was kann das BAG tun?

„ Das Bundesamt für Gesundheit hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten: Es hält sich an das Gesetz und lehnt die Aufnahme alternativer Heilmethoden in die Grundversicherung vollumfänglich ab. Damit handelt es aber gegen den Volkswillen. Oder es respektiert den Volkswillen und nimmt die fünf Methoden auf. Das ist aber gegen das Gesetz und damit illegal.“

Das sehe ich etwas anders. Es gibt durchaus einen grösseren Bereich in der Phytotherapie, der wissenschaftlich anerkannt ist und das Kriterium der Wirksamkeit erfüllt. Nicht ganz ohne Grund gehen (unbestätigte) Gerüchte um, wonach die Phytotherapie für eine Aufnahme in die Grundversicherung vorgesehen sei. Der Clou dabei ist allerdings:

1. Fachlich gibt es meines Erachtens kaum Gründe, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode auftaucht, scheint mir Folge von cleverem Lobbying im Hinblick auf die Abstimmung vom Mai 2009. Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

2. Sehr fraglich ist, was die Aufnahme der Phytotherapie in die Grundversicherung bringen würde. Kaum ein Arzt oder eine Ärztin wird Phytotherapie als Methode abrechnen. Üblich wird weiterhin sein: Es wird eine normale ärztliche Anamnese und Diagnostik gemacht, und am Schluss steht ein Entscheid, statt eines synthetischen Medikamentes ein Phytotherapeutikum zu verschreiben. Phytopharmaka, deren Wirkung durch Studien belegt ist, werden auch heute schon durch die Grundversicherung bezahlt (im Gegensatz zu den vom Wirksamkeitsnachweis befreiten Präparaten aus Homöopathie  und Anthroposophischer Medizin, die wie schon erwähnt ohne Wirksamkeitsnachweis bezahlt werden). Also wird da kaum etwas ändern.

Allenfalls profitiert die Phytotherapie beim Image, wenn sie in die Grundversicherung aufgenommen wird. Und es gibt möglicherweise den einen oder anderen Professorenposten für Vertreter der akademischen Phytotherapie.

Die Homöopathie zum Beispiel würde von einer Aufnahme in die Grundversicherung profitieren, weil ihre langen Gespräche unter dem Titel „Homöopathie“ dann abgerechnet werden könnten. Da wäre mein Vorschlag aber, dass allen Ärztinnen und Ärzten eine solche Gesprächszeitspanne zugestanden und bezahlt wird. Dann hätten nämlich alle gleich lange Spiesse und als Patient kann ich dann wählen, ob ich diese Gesprächszeit zum Beispiel  für Homöopathie, Information oder psycho-soziale Beratung einsetzen will. Dass mehr Zeit für Gespräch, Beratung und Information sich günstig auf die Behandlung und den Therapieerfolg auswirkt, scheint mir jedenfalls gut belegt.

„ Konsequenterweise müsste die Bundesverwaltung den unerfüllbaren Auftrag, über die Aufnahme der fünf alternativen Heilmethoden zu entscheiden, dem Bundesrat zurückgeben. Wäre auch der Bundesrat konsequent, müsste dieser das Parlament anschliessend beauftragen, den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit aus dem Gesetz zu streichen, um dem Volkswillen nachkommen zu können. In Zukunft wäre Wissenschaftlichkeit bei der Krankengrundversicherung somit kein Kriterium mehr.“

Dann hätten wir statt WZW neu BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

„ Auch Anbieter von allerlei Voodoomedizin hätten die Chance, bald von der Kasse bezahlt zu werden: vom Handaufleger über den Geistheiler bis zu Uriella mit ihrem Badewasser. Würden diese Konsequenzen offen und transparent kommuniziert, gäbe es wohl einen grossen – und heilsamen – Aufschrei: Die Öffentlichkeit würde erkennen, welch unsinniger Volksentscheid 2009 getroffen wurde.“

So krasse Beispiele wie Uriella’s Badewasser würde ich hier zwar nicht wählen. Aber tendenziell sehe ich diesen Punkt sehr ähnlich. Wir hätten dann BZW im Sinne von: Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit.

Die Frage ist wirklich und sehr ernsthaft: Welche Kriterien haben wir für die Aufnahme in die Grundversicherung, wenn wissenschaftlich geklärte Wirksamkeit wegfällt.

Nebelbegriff Alltagswirksamkeit

Das BAG in seinem heillosen Dilemma möchte nun  „Alltagswirksamkeit“ als Kriterium einführen.

(http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878)

„Alltagswirksamkeit“ ist nun genau ein solches Beliebigkeits-Kriterium. Für mich ist im Alltag Pilates wirksam. Warum soll – wenn Alltagswirksamkeit Kriterium ist – meine Pilates-Lektion nicht auch aus der Grundversicherung bezahlt werden?

Eine sehr prägnante Stellungnahme zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerische Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV):

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

(Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html )

Bisher ist es mir nicht gelungen, vom BAG eine Stellungnahme zu bekommen dazu,  wie denn diese Alltagswirksamkeit festgestellt werden soll. Ich bleibe aber dran.

Ich bin ja sehr gespannt, wie dieses Dilemma gelöst oder umgangen wird. Die Probleme, die bei der Umsetzung dieses Verfassungsartikels noch auf uns zu kommen werden, haben vor allem damit zu tun, dass schon im Vorfeld dieser Abstimmung sehr einseitig informiert wurde und Wunschdenken die Stellungnahmen beherrschte.

Verschärft werden die Probleme dadurch, dass im Parlament beim Thema Komplementärmedizin Anhängerinnen und Anhänger von Homöopathie und Anthroposopischer Medizin federführend sind. Eine kritische Reflexion auch über die Schwachpunkte dieser Methoden ist hier nicht erkennbar. Der überwiegende Teil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier hat  aber keinen Schimmer von den Methoden, um welche es da geht – und surft einfach auf der Populismuswelle.

Quelle:

http://www.weltwoche.ch/onlineexklusiv/details/article/mission-impossible-bei-der-komplementaermedizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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