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[Buchtipp] „ Mein Russland “, von Carola Schneider

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Mein-RusslandVerlagsbeschreibung

Begegnungen in einem widersprüchlichen Land

Russland: Land der Mythen, Projektionsfläche, Sehnsuchtsort und immer wieder auch Feindbild. Weltpolitisch stellten in den letzten Jahren die Annexion der Krim sowie Putins Eingreifen in der Syrienkrise auf Seiten Assads das internationale Machtgefüge auf die Probe, innenpolitisch herrschen Repression und eine anhaltende Wirtschaftskrise. Doch was bedeutet das für die Bevölkerung Russlands, die in Putins „gelenkter Demokratie“ lebt? Formiert sich politischer Widerstand, oder nimmt man den Status quo als gegeben hin? Wie unterschiedlich erleben Bewohner des städtischen und ländlichen Raums, im europäischen und im asiatischen Teil Russlands die Situation?
Carola Schneider, seit 2011 Auslandskorrespondentin des ORF in Moskau, zeigt in berührenden Porträts Innenansichten eines faszinierenden und zugleich widersprüchlichen Landes, das dem Westen immer noch fremd ist. Sie spricht mit Menschenrechtsaktivisten, Künstlern und kritischen Journalisten ebenso wie mit innovativen Käsebauern, Putin-treuen Jugendlichen und Befürwortern der Krim-Annexion. Schneiders Reportagen ergeben ein vielstimmiges, fein nuanciertes Bild Russlands, das von Widerstand und Resignation, Aufbruchstimmung und Regierungstreue erzählt. Zum Shop

Zur Autorin Carola Schneider

In Bludenz / Vorarlberg geboren, schloss Carola Schneider 1996 ihr Dolmetsch- und Übersetzerstudium für die Sprachen Französisch und Russisch ab. Bis 2001 arbeitete sie in der Politikredaktion des ORF-Landesstudios Vorarlberg. Nach Stationen als Korrespondentin in Paris und Zürich wurde sie 2011 zur Leiterin des ORF -Korrespondentenbüros in Moskau bestellt. Neben der Tätigkeit für den ORF schreibt Carola Schneider als freie Autorin für mehrere Tageszeitungen, unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung.

Kommentar von Martin Koradi

Über weite Strecken fehlt in Mitteleuropa ein differenziertes Wissen über die Menschen und die Gesellschaft in Russland. Carola Schneider bietet mit ihren Portraits interessante Einblicke.

Sie stellt unter anderen folgende Menschen vor (aus dem Inhaltsverzeichnis):

– Ljudmila Alexejewa, Grand Dame der russischen Menschenrechtsbewegung, Moskau.

Zitat: „Eines Tages wird Russland ein demokratischer Rechtsstaat und zur europäischen Völkerfamilie gehören.“

– Wassilij Slonow, Künstler, Krasnojarsk, Sibirien.               

Zitat: „Eine solche Konzentration an Ungerechtigkeit, Unglück und Lüge, wie es sie in Russland gibt, ist ohne Ironie und Selbstironie nicht zu ertragen.“

– Margarita Siangirowa, Journalistin, Omsk, Sibirien.

Zitat: „Russland ist anders. Hier hat es immer die Peitsche gegeben und das wird weiterhin so sein.“

– Alla und Alexander Rojenko, Bauern in Sibirien.

Zitat: „Es ist schon gut so, wie es ist.“

– Julia und Iwan Marjucha, junges Unternehmerpaar, Moskau.

Zitat: „In unserer Gesellschaft wird schon Kindern abgewöhnt, eine eigene Meinung zu haben.“

– Renat Dawletgildejew, Journalist, Moskau.

Zitat: „Ich möchte eines Tages in einem freien, vielfältigen und strahlenden Russland leben.“

– Makar Wichljanzew, Pro-Putin-Propagandabewegung, Moskau.

Zitat: „Alle haben auf Russland herabgesehen. Dann ist Putin gekommen und hat gesagt: Hier sind wir. Mit uns muss man wieder rechnen.“

– Jewgenij Repenkow, prorussischer Fussball-Manager, Krim.

Zitat: „Die Welt muss den Willen der Krim-Bevölkerung anerkennen. Punkt.“

– Sarina Ametowa, Krimtatarin, Menschenrechtlerin, Krim.

Zitat: „Man darf nicht einfach etwas wegnehmen, das einem nicht gehört. Die Krim gehört weder Russland noch der Ukraine, sondern uns, den Krimtataren.“

– Pavel Schelkow, Putin-Kritiker und Kämpfer gegen Willkür und Gesetzlosigkeit durch Beamte und Politiker, Moskau.

Zitat: „Für die Mächtigen sind wir, das Volk, wie ein Schwarm lästiger Insekten, die man vertreiben muss.“

– Jurij Fidelgolz, Pensionist und ehemaliger Gulag-Häftling.

Zitat: „Nationale Fragen sind bei uns wichtiger als alles andere. Etwas Gutes, Menschliches oder echte Hilfe für die Bevölkerung gibt es nicht.“

Das Buch „Mein Russland“ enthält mehr als diese 11 Stimmen. Mich selber haben die Aussagen der Krimtataren besonders interessiert. Die Krimtataren sind die indigene Bevölkerung auf der Krim. Allein schon ihre Existenz widerlegt die Kreml-Propaganda, wonach die Krim schon immer zu Russland gehört habe.

Carola Schneider schreibt souverän und differenziert. Das lässt sich auch gut beobachten in einem öffentlichen Gespräch, das Sie auf YouTube anschauen können.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

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[Buchtipp] “ Stille Machtergreifung “ , von Hans-Henning Scharsach,

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Stille-Macht-ErgreifungVerlagsbeschreibung

Hofer, Strache und die Burschenschaften

Norbert Hofers Präsidentschaftswahlkampf war ein Lehrstück einer von Burschenschaften konzipierten populistischen Kampagne. Mit eisernem Lächeln täuschte er erfolgreich über die von ihm vertretenen rechtsextremen Standpunkte hinweg. Doch das ist nur die Speerspitze einer Entwicklung, die fast unbemerkt von der österreichischen Öffentlichkeit vor sich geht: Ein kleiner, verschworener Kreis hat die FPÖ in Besitz genommen, zentrale Funktionen in Bundespartei, Parlament und Landesverbänden sind fest in den Händen von Burschenschaftern.
Hans-Henning Scharsach untersucht die engen Verflechtungen Norbert Hofers, Heinz-Christian Straches und ihrer Weggefährten mit den Burschenschaften. Seine akribische Recherche taucht tief in deren antisemitische und nationalsozialistisch geprägte Geschichte ein. Er analysiert ihr politisches Instrumentarium, das sich mit Hasskampagnen und systematischer Verbreitung von Unwahrheiten über alle Regeln der Fairness hinwegsetzt. Anhand belegbarer Zahlen, Daten und Fakten zeigt Scharsach auf, was Österreich droht, wenn deutschnationale, schlagende Burschenschafter an die Macht kämen. Zum Shop

Zum Autor Hans-Henning Scharsach

Hans-Henning Scharsach, langjähriger Leiter der Auslandsressorts von „Kurier“ und „News“, ist Publizist und Autor politischer Sachbücher. Der Experte für Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus moderierte 15 Jahre die Zeitzeugengespräche zum Jahrestag des Novemberpogroms im Wiener Volkstheater. Zu seinen Büchern zählen die Bestseller „Haiders Kampf“, „Haiders Clan“, „Europas Populisten“ und „Die Ärzte der Nazis“.

Kommentar von Martin Koradi

Hans-Henning Scharsach zeigt auf,  „was Österreich droht, wenn deutschnationale, schlagende Burschenschafter an die Macht kämen“, steht in der Verlagsbeschreibung…..

Nun sitzen also diese Burschenschafter wie Heinz-Christian Straches, Norbert Hofers & Co. inzwischen in der Regierung und  an den Schalthebeln der Macht.

Wer das Buch von Hans-Henning Scharsach gelesen hat, wird nicht in Versuchung kommen, diese Machtergreifung zu verharmlosen.

Hans-Henning Scharsach zeigt detailliert und gut belegt, mit welch fragwürdigen Figuren und menschenverachtender Ideologie wir es hier zu tun haben.

Es ist eindrücklich zu lesen, mit welcher Kaltschnäuzigkeit und Konsequenz hier Unwahrheiten und Hass als politische Instrumente eingesetzt werden.

Die gesammelten Lügen des Heinz-Christian Straches – in der Zwischenzeit zum Vizekanzler und Bundesminister für Beamte und Sport der Republik Österreich ernannt –  kann man auf der Website FPÖ-Watch nachlesen (samt Widerlegung).

Eindrücklich zeigt das Buch von Hans-Henning Scharsach auch, wie konsequent die FPÖ alle Medien, die ihre Lügen in Frage stellen, mit „Lügenpresse“-Vorwürfen zu diffamieren suchen. In dieser Hinsicht fährt die FPÖ die gleiche Strategie wie der Oberlügner Donald Trump in den USA.

Es muss sehr zu denken geben und sagt viel über eine Gesellschaft aus, wenn solch zwielichtige Figuren trotz ihrer offensichlichen Lügen gewählt werden.

Wer noch nicht davon überzeugt ist, dass Österreich eine starke zivilgesellschaftliche Reaktion auf diesen rechtsextremen Burschenschafter-Sumpf braucht, sollte diese Buch lesen – und wer davon schon überzeugt es auch.

Vernetzen Sie sich mit zivilgesellschaftlich aktiven Gruppen, zum Beispiel https://www.aufstehn.at oder bei Mitgliedern des Solidaritätspakts der Zivilgesellschaft.

Hans-Henning Scharsach liefert auch eine detaillierte Aufstellung dazu, welche FPÖ-Politiker in welchen Burschenschaften aktiv sind. Selten ein so gut recherchiertes Buch gelesen. Stichworte aus dem Inhaltsverzeichnes unten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Die stille Machtübernahme: FPÖ im Besitz der Burschenschaften

Geheimhaltung: Wir sollen nicht wissen, wen wir wählen

Traditionen des Nationalsozialismus

Hofers Marko-Germania: Verräterische Festschrift

Deutsches Vaterland: Der Kampf gegen die österreichische Nation

Gegen Gleichheit und Pluralismus

Antisemitismus in den Burschenschaften

Das antisemitische Nazi-Symbol der Kornblume

Feindbild-Austausch: Muslime statt Juden

Antisemitismus-Verleugnung: Hofer und Strache als Judenfreunde

Burschenschaften und Nationalsozialismus

Bücherverbrennung 1933: Burschenschaften und der Anschluss

„Ehrendes Andenken“ für die Massenmörder der Nazis

Hofer und die NS-Traditionen

Gegen NS-Verbot und „Menschenhatz der Linken“

Täter-Opfer-Umkehr: Schlag nach bei Goebbels

Am Beispiel Norbert Hofer: Stille Machtergreifung

Hofers rechtsextreme Weggefährten, Freunde und Mitarbeiter

Väterliche Förderer und junge Geförderte

Hitlers Legitimationstheoretiker als „Vorbild“

Geschönte Biografie für die politische Mitte

Ein Künstler zur ideologischen Standortbestimmung

Ideologische Standortbestimmungen

Rechtsextreme Inhalte im FPÖ-Handbuch

Plebiszit als Waffe gegen Verfassung und Demokratie

Ausschaltung ganzer Wählergruppen durch Ende der Briefwahl?

Ein Handbuch als Kriegserklärung an die Verfassung

Von Wespenlarven, Brutpflegetrieb und militärischen Tugenden

Von der Verachtung für „Eliten“ und den Sorgen des kleinen Mannes

Faktencheck: Das Märchen von der „sozialen Heimatpartei“

„Mut zur Wahrheit“: Einblick in die blaue Sozialpolitik

Kampf gegen Kammern und Interessenverbände

Personen als Programm: Barbara Kolm, Olaf Henkel und Dieter Hundt

Männliche Weltordnung: Frauen als Opfer der „Burschenpartei“

Der Mann auf der Jagd, die Frau im Heim

Ausgeladen: Frauen, die weder schön noch still sind

Identitäre: Eine PR-Aktion rechtsextremer Burschen

Identitäre, Burschenschafter und FPÖ

Rechtsextreme Inhalte in jugendlicher Verpackung

Wahlkampf: Lügen, Hass und Nächstenliebe

Der Wahlkampf der Burschenschafter im Netz

Wie Fake News und Lügen verbreitet werden

Die grausamen Fratzen des Hasses

Überforderte Gerichte, hilfloser Rechtsstaat

Die mediale Parallelwelt der Burschenschafter

Das Zusammenspiel mit der Krone

Strache: Fake News und falsche Fakten

Der Kampf gegen die „Lügenpresse“

Kampf gegen demokratische Grundrechte

Die Printmedien der Burschenschaften

Der Rechtsstaat als Feindbild

Das Spiel mit Gewalt und Bürgerkrieg

Gewalt als Wesensmerkmal der Burschenschaften

Die Anti-Ausländer-Wahlkämpfe der FPÖ

Waffenfreunde: Schon Kinder sollen schießen lernen 162

Die burschenschaftliche Verwurzelung in NS-Traditionen

Strache und die braune Gewaltszene

Am Beispiel Olympia: Bewahrer brauner Traditionen

Sommerlager nach dem Vorbild der Reichsführerschulen

Neonazistische Redner bei Olympia-Veranstaltungen

Arminia Czernowitz: Werbung mit NSDAP-Plakat

Libertas: Ein Preis für junge Neonazis

Cimbria: Gemeinsam mit Nazis gegen die Wehrmachtsausstellung

Silesia im Rotlichtbezirk: Straches Sekretärin holt Gottfried Küssel

Teutonia: Nazi-Schulung „im Einklang mit der Bundlinie“

Wenn Burschenschafter und Neonazis gemeinsame Sache machen

Ein rechtsextremes Milieu und sein freundlicher Darsteller

Wo steht Norbert Hofer politisch?

Ist Norbert Hofer rechtsextrem?

Ist Norbert Hofer Neonazi?

Die Taktik des Populismus: Auf beiden Seiten dabei

Was droht unter einer FPÖ-Regierung?

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Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien

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Der deutsch-britische Soziologe, Politiker und Publizist Ralf Dahrendorf (1929 – 2009) hat am 11. Dezember 2006 für die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus einen Vortrag gehalten zum Thema „Anfechtungen liberaler Demokratien“. Darin hat er fast prophetisch drei Gefährdungen liberaler Demokratien beschrieben, die seither noch sehr viel deutlicher im Raum stehen. Was sind diese drei Gefährdungen, vor denen Dahrendorf warnte?

1. Schleichender Autoritarismus

Als Beispiele für autoritäre Regime nennt Dahrendorf Singapur und Malaysia.

„Oligarchie plus Apathie“, das ist laut Dahrendorf die Formel des Autoritarismus.

Autoritarismus ist zu unterscheiden vom Totalitarismus. Totalitäre Regime kontrollieren und mobilisieren die Menschen ständig zum Zweck der Stärkung eines Gewaltregimes. Autoritäre Regime verlassen sich dagegen auf die Apathie und das Schweigen der Untertanen, die ihren eigenen, ‚privaten’ Interessen nachgehen, während eine kleine Gruppe – eine Nomenklatura, eine Bürokratie – die Zügel in der Hand hält und das öffentliche Interesse in eines zur eigenen Machterhaltung verwandelt hat.

Die überwiegende Zahl der Bürger mischt sich nicht in die öffentlichen Angelegenheiten ein. Tun einige es trotzdem, werden sie vom Regime zum Schweigen gebracht.

Davon könne in den westlichen Demokratien zumindestens in dieser Schärfe keine Rede sein, stellte Dahrendorf in seinem Vortrag im Dezember 2006 fest. Es gebe jedoch Tendenzen, die in eine ähnliche Richtung weisen:

„Das zunehmende Desinteresse vieler Bürger lässt sich nicht nur an der Wahlbeteiligung ablesen. Vielfach ist die Debatte über öffentliche Dinge erlahmt. Politik erreicht den Bürger und Wähler nicht mehr. Die meisten haben anderes im Sinn. Die Parteien verlieren Mitglieder, die Zeitungen verlieren Leser. Die Leute schütteln den Kopf über die Politik, aber betrachten das nicht als Aufforderung zum Tun, sondern als Grund zur Abkehr….

Zugleich geschehen Dinge, die die Macht der politischen Führer, also insbesondere der Exekutive, stärken.“

Als Beispiel für letzteres verweist Dahrendorf auf die Gesetzgebung, die dem Schutz vor Terrorismus dienen soll, und erwähnt dabei den US-amerikanischen Patriot Act.

Arroganz der Macht der wenigen und Apathie der vielen sei eine verbreitete Versuchung der Unfreiheit.

 

2. Staatsversagen (Failed States)

Dahrendorf meint damit nicht nur die Unfähigkeit eines Staates, bestimmte Probleme, wie beispielsweise die Kinderarmut, zu lösen, sondern die völlige Abwesenheit des Staates in wichtigen Bereichen. Die Rede ist also von gescheiterten Staaten (failed States).

Dahrendorf:

„Noch haben wir nicht recht zur Kenntnis genommen, was es bedeutet, wenn das staatliche Gewaltmonopol ganz oder teilweise ausser Kraft gerät.“

Dahrendorf verweist – im Jahr 2006 – als Beispiele für failed States auf Afghanistan, den Irak und den Kongo:

„Präsident Hamid Karzai mag von einer Mehrheit der afghanischen Wähler gewählt worden sein, aber tatsächlich ist er bestenfalls Bürgermeister von Kabul. Schon in Kandahar gilt sein Wort wenig. Afghanistan hat keine staatlichen Institutionen, mit denen man etwa über ein Programm einer Landwirtschaft ohne Opium-Anbau reden und dann Veränderungen durchsetzen könnte.

Der Irak war einer der wenigen Staaten mit einem (von Saddam Hussein scheusslich missbrauchten) staatlichen Gewaltmonopol in der Region; heute ist er weitgehend ein failed state, was seinen Schatten wirft auf die Absicht, den ‚irakischen Behörden’ zunehmend weitere Vollmachten zu überlassen.“

Das hat für Dahrendorf unter anderem auch Konsequenzen für die UNO:

„Sieht man sich die Vereinigten Nationen genau an, so haben viele ihrer Mitglieder tatsächlich nicht nur kein Mandat, sondern auch kein Land; sie vertreten keinen handlungsfähigen Staat. Es führt daher in die Irre, sie so zu behandeln wie Frankreich oder Deutschland oder die USA.“

Auch in Europa sieht Dahrendorf in seinem Vortrag im Jahr 2006 Anzeichen für failed states:

„Bei der Auflösung Jugoslawiens hat es sehr rasche Staatsbildungen gegeben, aber es ist dabei auch ein grosses Gebiet entstanden, in dem Hohe Beauftragte internationaler Instanzen oder regionale Kriegsherren das Sagen haben. Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro und andere Gebiete im europäischen Feld und Umfeld sind kaum als Staaten zu bezeichnen.“

Dahrendorf weist darüber hinaus darauf hin, dass es auch innerhalb europäischer Staaten Gebiete oder genauer Gegenden gibt, in denen das Gewaltmonopol des Staates gleichsam ausser Kraft gesetzt ist:

„Es gibt no-go areas, in die die meisten nicht gehen, die auch von staatlichen Instanzen, also von Polizei und Justiz, in der Regel gemieden werden…..Der demokratische Staat reicht nie bis in den letzten Winkel der Gesellschaft und soll es auch nicht tun….Die multikulturelle Gesellschaft aber, die unter dieser Überschrift ganzen Stadtvierteln und Gruppen eine Art Eigenleben einräumt, solange sie sich nicht einmischen in die Hauptgesellschaft, hat ein Stück Freiheit preisgegeben. Sie erlaubt sozusagen Staatsversagen nach innen. Sie hebt das staatliche Gewaltmonopol für einen Teil der Bevölkerung auf.“

Failed states, sich auflösende Staaten oder solche, denen das Gewaltmonopol entglitten ist, seien keine guten Verhandlungspartner und dazu auch in fast keinem Fall Demokratien.

 

3. Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung

Historisch gesehen war der Nationalstaat der Ort, an dem demokratische Institutionen Fuss fassen konnten. Im Verlaufe der Globalisierung sind wichtige Entscheidungen aus der Sphäre des Nationalsstaates abgewandert.

Wirtschaftspolitik sei vielfach nur noch teilweise, Währungspolitik zum Teil gar nicht mehr von nationalen Regierungen und Parlamenten zu betreiben, sagt Dahrendorf, und fährt fort:

„Manche meinen, dass das noch für andere, wichtige Bereiche der Politik gilt. Damit stellt sich die Schlüsselfrage: Haben wir demokratische Verfahren und Institutionen für Entscheidungen, die jenseits der Grenzen des Nationalstaates getroffen werden? Oder bedeutet die ‚Überwindung nationalstaatlichen Denkens’ immer zugleich einen Verlust an Demokratie?“

Auf diese Fragen gebe es keine einfachen Antworten, sagt Ralf Dahrendorf, und er bezieht diese Aussage auch auf Europa und die Europäische Union.

Die Europäische Union sei kein Nationalstaat im Grossformat. Sie habe bei ihren supranationalen Kompetenzen gewisse staatlichen Qualitäten, die zwar keinen failling state schaffen, aber einen noch nicht gelungenen Staat, was in der Wirkung nach Dahrendorf fast auf das gleiche hinausläuft. Das Gewaltmonopol der europäischen Institutionen hält er schon deshalb für fragwürdig, weil es durch nationalstaatliche Institutionen ausgeübt werden muss:

„Wenn Staaten Souveränität an ‚Brüssel’ abgeben, dann verlieren sie nicht nur ein Stück ihrer Macht, sondern auch ihrer Staatlichkeit, denn ‚Brüssel’ kann das nicht leisten, was Staaten leisten. In der Tat muss es sich an die Staaten als Träger des Gewaltmonopols halten, wenn es um die Erhebung von Steuern oder die Verfolgung von Vergehen oder die Kontrolle der Zuwanderung geht.“

Am Massstab funktionierender Staatswesen gemessen, sei die Europäische Union gegenüber den Nationalstaaten ein Rückschritt. Diese Tatsache werde noch verschärft durch die eher zweifelhalten demokratischen Qualitäten der Union:

„In ihrer ursprünglichen Konstruktion war die Europäische Union zweifellos nicht demokratisch. Sie bestand aus einer ernannten Kommission mit einem Vorschlagsmonopol. Beide tagen nicht-öffentlich. Inzwischen hat die ursprünglich eher beratende Versammlung sich zum Parlament gemausert. Doch sind die Kompetenzen des Europäischen Parlaments nach wie vor begrenzt, je gemessen an nationalen Parlamenten beschämend gering für eine direkt gewählte Kammer.“

Dahrendorf fragt, ob es überhaupt demokratische Verfahren für Entscheidungen geben kann, die jenseits des Raumes der Nationalstaaten getroffen werden.

Sicher sei, dass die schlichte Übertragung nationaler Institutionen wie Wahlen und Parlamenten das mit Demokratie Beabsichtigte nicht bewirke:

„Ist schon das Europäische Parlament durchaus fragwürdig, so wäre ein gewähltes Weltparlament vollends abwegig. Selbst wenn es 1000 Mitglieder hätte, würde das bedeuten, dass auf etwa 3 Millionen Wähler ein Abgeordneter käme. Deutschland hätte also höchstens 20 Vertreter, und die Frage, ob es einen relevanten demos gäbe, würde sich erübrigen.“

Mit Blick auf die globalisierte Welt und auf die Frage, wie dort demokratisch akzeptable Entscheidungen zustande kommen können, sieht Dahrendorf nur zweitbeste Antworten, nur Ersatzlösungen. Dazu gibt er aber immerhin Hinweise:

„Die Verfassung der Freiheit besteht nicht nur aus demokratischen Verfahren und Institutionen, sondern immer auch durch die Herrschaft des Rechts. Liberty under law, die rechtlich geschützte Freiheit, ist ein Grundsatz, der sich auch auf grössere Räume als den Nationalsstaat anwenden lässt. Auch das ist nicht problemlos. Immerhin bietet der Strassburger Gerichtshof des Europarates ein Beispiel. Ansätze wie der Haager Internationale Gerichtshof verdienen zudem Beachtung.“

Das sei nicht Demokratie im Sinne der Beteiligung der Bürger, sagt Dahrendorf. Für diese Beteiligungen seien jenseits des Nationalstaates einstweilen nur institutionell schwache Formen erkennbar.

Dahrendorf erwähnt dazu zwei Beispiele.

Erstens:

„Nicht-Regierungsorganisationen (ngo’s) spielen eine wichtige grenzüberschreitende Rolle, insbesondere wenn sie – wie etwa Transparency International – andere anregen, sich an der Kontrolle von Entscheidungen zu beteiligen.“

Zweitens:

„Auch die Technik der Informationsgesellschaft hilft. Regierungen mögen den Zugang zu bestimmten Teilen des Internet zu kontrollieren suchen, im diffuseren internationalen Raum aber gibt es dafür keine Instanzen.“

Gegen Schluss seines Vortrags konstatiert Dahrendorf noch einmal, dass wichtige Entscheidungen aus dem Raum ausgewandert sind, für den wir demokratische Institutionen haben, und er wirft die Frage auf, ob die Demokratie in der Krise sei.

In seiner Antwort auf diese Frage spricht er sich deutlich gegen falsche Dramatisierungen und demokratischen Defaitismus aus. Der demokratische Nationalstaat sei keineswegs am Ende seiner Kunst angelangt. Gerade in Deutschland werde der Nationalstaat zuweilen allzu leichthin im Namen Europas oder der Globalisierung abgeschrieben. Die parlamentarische Demokratie im nationalen Rahmen verdiene auch heute noch jene Unterstützung, die Theodor Heuss ihr immer gegeben habe:

„Der demokratische Nationalstaat, der mir als Modell vorschwebt, ist stark in den relativ engen Grenzen, die staatlicher Tätigkeit in freien Ländern gezogen werden. Es geht um einen Staat, der stark ist in seinen klassischen Funktionen, im Übrigen aber der Markwirtschaft und der Bürgergesellschaft breiten Raum lässt. Auch die allzu grosse Ausweitung staatlicher Aufgaben kann auf die schiefe Ebene der failed oder failling states führen: wenn der Staat zu viel tun will, verliert er seinen Zugriff auf Kernaufgaben.“

Soweit die Zusammenfassung der drei Gefährdungen liberaler Demokratien, die Dahrendorf in seinem Vortrag vom Dezember 2006 angesprochen hat.

In ein paar Nebensätzen erwähnt Dahrendorf eine weitere Gefährdung, die ich hier nachtragen möchte:

Es sei vor allem der heterogene Nationalstaat, der durch die Demokratie zu einer Verfassung der Freiheit wird. Demokratie brauche die Homogenität der Bevölkerungen nicht, die nicht zufällig oft eine Forderung antidemokratischer Kräfte sei:

„Sie kennt vielmehr Einstellungen und Institutionen, die Länder mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen, kulturellen Gruppen zusammenhalten.“

Ralf Dahrendorf spielt damit auf Gefahren an, die er im Trend zum Regionalismus sieht. Etwas ausführlicher hat er dieses Phänomen thematisiert in seinem Buch „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung“ (2003):

„Der neue Regionalismus, der oft mit grosser Intensität und nicht selten mit Gewalt verfochten wird, ist im Unterschied zum Lokalismus in aller Regel demokratiefeindlich. Er ist zumeist nicht aus dem Wunsch nach demokratischer Selbstbestimmung sondern aus dem nach ethnischer (sprachlicher, konfessioneller) Homogenität geboren. Sein erstes Prinzip ist die Abgrenzung, nach aussen gegenüber ‚fremden’ Nachbarn, nach innen gegenüber nicht minder ‚fremden’ Minderheiten. Die Triebkraft der Entwicklung ist nicht eine echte Volksbewegung, sondern die Mobilisierung durch Demagogen und das Interesse von Funktionären. Gelingt der Versuch, dann ist daher der Nutzen für die Aktivisten grösser als der für das Volk. Von Demokratie ist nicht mehr viel die Rede; denn nun, da man endlich schottisch ist oder katalanisch, wird alles andere, werden also checks and balances, Veränderungen an der Spitze, ja die Teilnahme des Volkes zweitrangig.

Glokalisierung1 als Regionalisierung hat nicht nur Folgen für die Demokratie, sondern auch für das friedliche Zusammenleben. Das Resultat kann eine neue Form der ‚Balkanisierung’ sein, bei der lauter angeblich homogene Regionen sich nach aussen absichern und nach innen alle, die nicht in das ethnisch saubere Bild passen, unterdrücken. Da sind Grenzstreitigkeiten nahezu unvermeidlich, und angesichts des nicht demokratischen, sondern demagogischen Charakters der Gebilde ist Gewalt in der Durchsetzung der Ziele durchaus wahrscheinlich.

Wenn hier das Lob der Nationalstaaten gesungen wird – und sie sind die Heimstatt der Demokratie und das Gehäuse, in dem die liberale Ordnung gedeiht -, dann ist ein definierendes Element entscheidend. Es ist die Rede von zumindest prinzipiell vielfältigen, ja heterogenen Staaten, also nicht solchen, in denen eine einzige ethnische ‚Nation’ das Sagen hat. Insofern sind die Vereinigten Staaaten von Amerika und Indien grosse, modellhafte Beispiele. Nicht überall ist Heterogenität so dramatisch wie in diesen Ländern. Mancherorts ist die Demokratie durch Zuwanderung auf eine späte Probe gestellt worden. Die Rede ist jedoch von Gemeinwesen, die Homogenität nicht zum Prinzip erheben, sondern Bürgerrechte Menschen vielfältigen Ursprungs und vielfältiger Orientierung anbieten. Die liberale Ordnung in solchen Nationalstaaten ist eine der grossen Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.“

Zur Erläuterung:

1) „Glokalisierung ist ein Neologismus und ein Kofferwort gebildet aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung, wobei diese beiden Begriffe als Spektrum der Größenordnungen, also nicht als Gegensätze, sondern als verbundene Ebenen, zu verstehen sind….. ‚Glokalisierung’ bezeichnet die Verbindung und das Nebeneinander des vieldimensionalen Prozesses der Globalisierung und seiner lokalen bzw. regionalen Auswirkungen und Zusammenhänge.“ (Quelle: Wikipedia)

Wenn man sich die gegenwärtige Krise zwischen Katalonien und Spanien (2017) vor Augen hält, dann sie die Ausführungen von Dahrendorf aus dem Jahr 2003 sehr bedenkenswert und vorausschauend.

 

Nachbetrachtung

Dieser Zusammenfassung eines Vortrags aus dem Jahr 2006 möchte ich ein paar Gedanken aus der Gegenwart – dem Jahr 2017 – hinzufügen und damit auf seitherige Entwicklungen kommentierend eingehen.

Schleichender Autoritarismus: Diese Gefahr hat inzwischen viel konkretere Formen angenommen, wenn man zum Beispiel an Ungarn, Polen, die Türkei und Russland denkt.

Wenn Dahrendorf die Apathie breiter Bevölkerungskreise als Grundvoraussetzung für den schleichenden Autoritarismus beschreibt, dann muss das heute zu Denken geben. Aktivität und Engagement ist in den letzten Jahren zwar ein Stück weit zurückgekehrt in den politischen Prozess. Es sind aber vor allem die extremen Pole, die Rechtpopulisten und Rechtsextremen, die Linksextremen, die Islamhasser und zum Teil auch die Islamisten, die mit oft sehr grossem Einsatz sich für ihre Ziele einsetzen – während die moderate Mitte der Gesellschaft ihren Geschäften nach geht und sich um das private Gärtchen kümmert. Die liberalen Demokratien sind tatsächlich in Gefahr, wenn die moderate Mitte unsere freiheitlichen Gesellschaftsordnungen weiterhin für selbstverständlich nimmt und weiter schläft.

Staatsversagen (Failed States): Hier zeigt sich auf dem Balkan, wie schwierig und langwierig es ist, nach dem Zusammenbruch des multiethnischen (aber unfreiwilligen) Jugoslawien ethnisch eher homogene Kleinstaaten auf die Beine zu bringen und dabei nach innen und aussen den Frieden zu bewahren. Und die Interventionen im Irak, in Afghanistan und inzwischen auch in Libyen zeigen überaus deutlich, dass solche Eingriffe von aussen – wenn sie überhaupt zu rechtfertigen sind – ein grosses Mass von Verantwortungsübernahme für die Zeit danach mit sich bringen. Failed States sind andernfalls oft das Ergebnis.

Das wird möglicherweise auch Russland in Syrien demnächst erfahren.

Interessant ist aber auch der Blick auf Failed States gegen innen. Dahrendorf spricht offensichtlich no-go areas im Zusammenhang mit eingewanderten Parallelgesellschaften an. Es gibt aber auch Gegenden, in denen ausländische Menschen sich nicht sicher bewegen können und der Staat nicht präsent genug ist. In der Schweiz sind wir meines Erachtens bezüglich no-go areas vergleichsweise noch in einer guten Position. Vielleicht gibt es Fussballstadien, die zeitweise rechtsfreie Räume sind, aber das ist ein beschränktes Phänomen.

Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung: Auch hier spricht Dahrendorf meines Erachtens problematische Vorgänge an, die sich inzwischen verschärft haben. Durch die Globalisierung wandern Entscheidungsspielräume aus dem Bereich der nationalen Demokratie in supranationale Bereiche ab. Und ja, die Antworten von Dahrendorf sind – wie er selber ssagt, nur Ersatzlösungen. Noch nicht sehr überzeugend. Dahrendorf, der 1973 ein Buch mit dem Titel „Plädoyer für die Europäische Union“ geschrieben hat, greift auch präzis die demokratischen Schwachstellen der Europäischen Union auf, die auch heute noch nicht überwunden sind.

Mitdenken ist auf vielen Ebenen gefragt und wir müssen den demokratischen Strukturen Sorge tragen.

Quellen:

Ralf Dahrendorf, Anfechtungen liberaler Demokratien, Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Kleine Reihe 19, 2007.

Ralf Dahrendorf, Auf der Suche nach einer neuen Ordnung, C. H. Beck Verlag 2003.

 

Autor dieser Zusammenfasung:

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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[Buchtipp] „Putins Kalter Krieg“, von Markus Wehner

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Putins-kalter-KriegVerlagsbeschreibung

Wie Russland den Westen vor sich hertreibt

Viele im Westen wollen es nicht wahrhaben – Russland hat einen neuen Kalten Krieg vom Zaun gebrochen. Den führt es auf allen Ebenen: propagandistisch, durch Angriffe auf westliche Webseiten und Computernetze, etwa die des deutschen Bundestages, und ganz real als kaum getarnten Schießkrieg an der östlichen Außengrenze der NATO in der Ukraine. Markus Wehner nimmt den Russland-Verstehern die rosarote Brille ab: Denn die Lage ist ernst, und der Westen muss handeln. Zum Shop

 

 

Zum Inhalt:

  • Putins Ziele, Russlands Ideologie.
  • Krieg dem Westen: Russland und die farbigen Revolutionen.
  • Spiel ohne Regeln: Putin, die Krim und der Krieg in der Ukraine.
  • Die neue Militärmacht.
  • Russlands Informationskrieg.
  • Putins Spione.
  • Rechts und links: des Kremls extremistische Freunde.
  • Die Russland-Versteher.
  • Moskaus Spiel in Syrien.
  • Hilfloser Westen?
  • Was tun?

Zum Autor Markus Wehner

Markus Wehner, geboren am 24. August 1963 und aufgewachsen im Osthessischen, in der Bischofsstadt Fulda. Nach dem Abitur Studium der Osteuropäischen Geschichte, Politologie, Germanistik und Slawistik in Freiburg. Von dort zog es ihn in den Osten, zunächst nach Berlin, dann nach Moskau, wo er eine Weile als Übersetzer bei einer außenpolitischen Zeitschrift arbeitete. Seit der Öffnung der historischen Archive in Russland und in Ostdeutschland begann er dort eine rege Sucharbeit – unter anderem 1992/93 während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes in Moskau. Seinen Niederschlag fand die Beschäftigung mit dem sowjetischen Stalinismus in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und in einer Doktorarbeit über die sowjetische Bauernpolitik in den zwanziger Jahren. Seit 1992 war er zudem freier Mitarbeiter der F.A.Z., vor allem für die Geisteswissenschaften und die Politischen Bücher. Im Oktober 1996 Eintritt in die Nachrichtenredaktion, wo er für deutsche Innenpolitik zuständig war, sich aber auch russischen Themen widmete. Von Oktober 1999 an war er fünf Jahre lang Korrespondent in Moskau. Seit Herbst 2004 ist er Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi

Markus Wehner ist ein ausgewiesener Russlandkenner. Er beschreibt in seinem Buch präzis, was viele im Westen nicht wahr haben wollen. Der Kreml führt einen intensiven Propagandakrieg mit dem Ziel, die liberalen Demokratien zu destabilisieren. Putin kooperiert dazu skrupellos mit Rechtspopulisten und Linkspopulisten in verschiedensten Ländern und unterstützt sie finanziell und propagandistisch.

Die liberalen Demokratien Europas müssen dringend eine Strategie entwickeln, um dieser gefährlichen Herausforderung zu begegnen. Dazu braucht es wache Medien und eine wache Zivilgesellschaft, aber auch staatlich Abwehrmassnahmen, zum Beispiel wenn es um die Verteidigung gegen Hackerangriffe geht.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Die Ukraine-Krise ist eine Krise Europas“, von Jerzy Macków

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Ukraine-KriseVerlagsbeschreibung

Warum mutierte die Europäische Union, gegen deren Osterweiterung Russland jahrelang nichts einzuwenden hatte, in den Augen des russischen Präsidenten Putin scheinbar plötzlich zum Gegner, der etwas wegnehmen könnte, was Russland gehört? Die Antwort auf die Frage kann nur gefunden werden, wenn man die Ukraine-Krise als den zwar im Jahre 2014 akut gewordenen, aber historisch gewachsenen Dauerkonflikt europäischer Kultur- und Politikwelten versteht. Die Parteien dieses Konflikts sind der europäische Westen und die in Russland so genannte russkij mir, die „russische Welt“. Zum Shop

Zum Autor Jerzy Macków

Jerzy Macków, geboren 1961, Politologe, Professor an der Universität Regensburg, gelegentlich Blogger und Publizist. Studierte in Posen und Hamburg, lehrte auch an der Viadrina in Frankfurt / Oder. Habilitation über „Die Konstruktion politischer Stabilität. Polen und Russland in den Umbrüchen der achtziger und neunziger Jahre“.

Kommentar von Martin Koradi

Die Bedeutung der Ukraine-Krise und des nicht erklärten russisch-ukrainischen Krieges für die Stabilität Europas wird in breiten Kreisen unterschätzt. Das liegt wohl nicht zuletzt an mangelndem Wissen über die politischen Entwicklungen in Osteuropa und Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion.

Jerzy Macków erklärt in diesem kleinen Bändchen ausgezeichnet, weshalb die Ukraine im Jahr 2014 zum Schlachtfeld des Konflikts zwischen zwei Kulturwelten geworden ist, die von jeher Europa prägen. Beste historische Bildung mit aktuellem Bezug zur Gegenwart. Fundiertes Wissen als Gegenmittel gegen den Propagandanebel, der rund um den Ukraine-Krieg entfacht wurde und wird.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Politisches Framing“, von Elisabeth Wehling.

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Politisches-FramingVerlagsbeschreibung

Politisches Denken ist bewusst, rational und objektiv – diese althergebrachte Vorstellung geistert bis heute über die Flure von Parteizentralen und Medienredaktionen und durch die Köpfe vieler Bürger. Doch die Kognitionsforschung hat die ‚klassische Vernunft‘ längst zu Grabe getragen. Nicht Fakten bedingen unsere Meinungen, sondern Frames. Sie ziehen im Gehirn die Strippen und entscheiden, ob Informationen als wichtig erkannt oder kognitiv unter den Teppich gekehrt werden. Frames sind immer ideologisch selektiv, und sie werden über Sprache aktiviert und gefestigt – unsere öffentlichen Debatten wirken wie ein synaptischer Superkleber, der Ideen miteinander vernetzen kann, und zwar dauerhaft. In der Kognitionsforschung ist man sich daher schon lange einig: Sprache ist Politik. Höchste Zeit also, unsere Naivität gegenüber der Macht politischer Diskurse abzulegen.

Dieses Buch legt dazu den Grundstein. In einfacher Sprache deckt es zunächst auf, wie Sprache sich auf unser Denken, unsere Wahrnehmung der Welt und unser Handeln auswirkt. Es zeigt, wo die Wirkkraft mentaler Mechanismen wie Frames und Metaphern herrührt, und macht deutlich, wieso es für gesunde demokratische Diskurse unabdingbar ist, die Bewertungen von Gesellschaft und Politik durch vorherrschende Frames mit eigenen Wertvorstellungen abzugleichen – und für eine authentische Vermittlung der eigenen Weltsicht zu sorgen. Diesen Grundlagen folgt eine Analyse der augenfälligsten Frames unserer deutschsprachigen Debatten über Steuern, Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam, Terrorismus, Zuwanderung, Flüchtlingspolitik und Umwelt. Zum Shop

Zur Autorin Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling, geboren 1981 in Hamburg, studierte Soziologie, Journalistik und Linguistik in Hamburg, Rom und Berkeley. Sie promovierte in Linguistik an der University of California, Berkeley, ihr Forschungsbereich ist die politische Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung. Seit 2013 leitet sie am International Computer Science Institute in Berkeley Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung sowie der kognitionslinguistischen Diskursanalyse. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und ist Koautorin von Auf leisen Sohlen ins Gehirn (Carl-Auer, 2008) und The Little Blue Book (Simon & Schuster, 2012), zusammen mit George Lakoff. Wehling lebt in Berkeley, Kalifornien und ist in den USA und Europa als Beraterin für Politik und Wirtschaft tätig.

Kommentar von Martin Koradi

Elisabeth Wehling ist eine führende Expertin im Bereich des „Framings“ und schafft es ausgezeichnet, dieses faszinierende Thema verständlich und packend darzustellen. Chapeau! Es ist ausgesprochen spannend zu lesen, wie Sprache unser Denken bestimmt und dadurch die Politik beeinflusst. Elisabeth Wehling erklärt dazu die Grundlagen aus Neurowissenschaft und Kognitionsforschung und bringt dazu eine ganze Palette von anschaulichen Beispielen.

Erhard Eppler schreibt im Vorwort:

„Es ist ja nicht so,. dass wir erst denken und dann versuchen, dieses Denken in Worte zu fassen. Wir denken schon in unserer Sprache, und diese Sprache, in der wir denken, kennt bestimmte Frames. Im Oxford-Duden sind für ‚frame’ die deutschen Bezeichnungen ‚Rahmen’, ‚Gestalt’ und ‚Gerüst’ angegeben. So ist beispielsweise der Begriff der ‚Steuer’ eingebunden in einen Rahmen, der, meist durch Metaphern, seine Bedeutung, seinen Klang, in der Gesellschaft bestimmt. Zu diesem Rahmen gehört unter anderem der Begriff ‚Steuerlast’. Wir haben also eine Last zu tragen – welche, bestimmen die Gesetze. Es gibt Steueroasen, wo man der Steuer entkommt, aber rundherum ist eben die Wüste, in der man Steuer bezahlt. Dass wir die Steuer berappen, damit wir auf guten Strassen Auto fahren können und damit unser Bundesland Lehrer für unsere Kinder bezahlen kann, ist bei diesem Frame ausgeblendet. Daher ist Steuererleichterung immer gut: weniger Last……….

Wichtig ist dieses Buch aufgrund seiner Methode: Wer nicht aus dem Frame einer Behauptung ausbricht, kann widersprechen, so lange und so laut er will, er wird nur den Frame bestätigen. Nicht nur politisch Tätige können lernen, sich einiges zu ersparen.“

Das Buch „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling bietet eine exzellente Lektion dazu, wie unser Denken und unsere Sprache funktionieren und zusammenwirken. Dieses Wissen kann jeder und jede brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „In Putins Kopf“, von Michel Eltchaninoff

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Putins-KopfVerlagsbeschreibung

Die Philosophie eines „lupenreinen Demokraten“

Zum Neujahrsempfang 2014 schenkte Wladimir Putin seinen 5000 wichtigsten Beamten drei philosophische Werke. Endlich wird in Umrissen erkennbar, was Putins Unberechenbarkeit noch verdeckt: Auf der Grundlage eines rückwärtsgewandten Weltbilds soll ein eurasisches Großreich unter russischer Hegemonie entstehen.
Wenn man die obskuren Philosophen liest, auf die sich Putin und seine höchsten Beamten stützen, wird deutlich, dass Wladimir Putin ein gefährlich rückwärtsgewandtes Weltbild pflegt: Im 21. Jahrhundert möchte er eine hegemoniale Politik des 19. Jahrhunderts etablieren. Nachdem er die Modernisierung und den sozialen Ausgleich verspielt hat, träumt er mit nationalkonservativen bis reaktionären russischen Philosophen von einem eurasischen Weltreich. Es soll sich von Wladiwostok bis nach Warschau erstrecken, darf aber auch gern bis nach Paris reichen. Unter dem sanften Regime von Wladimir dem Großen, dem „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder). Zum Shop

Zum Autor Michel Eltchaninoff

Michel Eltchaninoff, geboren 1969 in Paris, hat nach seiner Dissertation in Philosophie ein wissenschaftliches Werk zu Dostojewski verfasst. Er ist stellvertretender Chefredakteur des »Philosophie Magazine« (Frankreich).

Kommentar von Martin Koradi

Michel Eltchaninoff stellt in diesem Buch die philosophischen Ideen dar, die den ehemaligen KGB-Agenten Wladimir Putin beeinflussen. Nach umfangreichen Recherchen und vielen Gespächen hat sich für Eltchaninoff immer deutlicher Putin’s Doktrin herausgeschält. Der Autor schreibt dazu in der Einleitung:

„Diese Doktrin setzt sich aus mehreren Ebenen zusammen. Ausgehend von einem sowjetischen Erbe, zu dem sie aus Überzeugung stehen, und einem nur vorgetäuschten Liberalismus ist die erste Ebene eine konservative Vision. Die zweite ist eine Theorie des Russischen Weges. Die dritte schliesslich ist ein von den eurasischen Denkern inspirierter imperialer Traum. Und obendrein steht all das im Zeichen einer sich wissenschaftlich gebenden Philosophie.
Diese hybride und sich wandelnde Doktrin verheisst uns eine unruhige Zukunft. Wagen wir einen Blick.“

Michel Eltchaninoff zeigt die verschiedenen Bestandteile von Putin’s Doktrin gekonnt und packend und legt dar, wie der russische Präsident sowjetisches Denken mit großrussisch-nationalistischen Ideologien vereint.

„Die philosophischen Quellen des Putinismus, so verschiedenartig sie auch sein mögen, beruhen alle auf zwei Grundtendenzen: der Idee des Imperiums und der Apologie des Krieges“, fasst Eltchinanoff zusammen. Wer sich im Nebel der Kreml-Propaganda zurecht finden will, bekommt hier das passende Hintergrundwissen. Die Ideologie des eurasischen Imperiums stellt im übrigen Claus Leggewie vor in seinem Buch „Die Anti-Europäer“. Er portraitiert dort den „Eurasier“ und Putin-Berater Alexander Dugin.

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Der neue Untertan – Populismus, Postmoderne, Putin“, von Boris Schumatsky

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Der-neue-UntertanVerlagsbeschreibung

25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion steckt Europas Demokratie in der Krise. Alte politische Lager lösen sich auf. Die Linke tauscht Revolution gegen Nationalismus, und die Rechte borgt sich von der Linken als nützlichen Feind die Banken. Mit Bestürzung hört Boris Schumatsky den Beifall, den die russische Autokratie von überall bekommt. Ob links, rechts oder Mitte: Herrschaft macht Spaß, Freiheit strengt an. In den 1990er Jahren ritt man auf der Welle der Postmoderne in den ewigen Frieden. Nun ist daraus ein populistisches Monster entstanden. Scharf analysiert Boris Schumatsky die politischen Bewegungen der Gegenwart und blickt in eine mögliche Zukunft. Zum Shop

Zum Autor Boris Schumatsky

Boris Schumatskys, geboren 1965 in Moskau, studierte Kunstgeschichte in Moskau und Leningrad und Politologie in Berlin. Seit Beginn der 1990er Jahre lebt er in Deutschland als freier Autor und Publizist für deutschsprachige Zeitungen, später auch für Hörfunk und Fernsehen.

Kommentar von Martin Koradi

Boris Schumatsky legt eindrücklich dar, wie die Kreml-Propaganda in den letzten Jahren bis in die Mitte der Gesellschaft einwirkt und insbesondere im Rechtspopulismus und im Linkspopulismus angedockt hat. Mit Nachdruck kritisert er dabei auch das Versagen der Linken.

Was ihn als russischen Emigranten frustriert, ist nicht Putin allein:

„Was den Emigranten wirklich verzweifeln lässt, sind die Putinversteher im Westen. Menschen, die so viel Akzeptanz für eine banale Despotie haben oder sich sogar nach ihr sehnen….Heute sind die Diktaturversteher die gefährlichsten Gegner der ideelen Freiheit, die Emigranten wie ich im Westen suchen.“

Das Buch von Boris Schumatsky dreht sich nicht in erster Linie um Wladimir Putin und Russland, sondern um den Zustand unserer liberalen Gesellschaften in Mitteleuropa. Schumatzky geht auch der Frage nach, woher diese Anfälligkeit für autoritäre Propaganda kommt, die sich heute so deutlich zeigt. Es geht ihm dabei zum Beispiel um den pluralen Wahrheitsbegriff der Postmoderne:

„Die Wahrheit nicht so genau nehmen – diese Einstellung breitet sich durch alle politischen Lager und Kulturschichten aus. Wie in dem Apell deutscher Putinversteher, ‚niemand’ wolle Krieg, als der Krieg bereits seit zehn Monaten gefochten wurde. Die Leugnung eines klaren Tatbestands ist Teil der Politik der Unmündigkeit. Dahinter steht eine Einstellung, die sowohl den neuen Untertanen, als auch ihren Hirten eigen ist: Es ist nicht entscheidend, was Fakt ist. Wahr ist, was ich gerade brauche.“

Die Zersetzung des Wahrheitsbegriffs durch die Postmoderne verschafft der Propaganda freie Bahn.

Boris Schumatzky vermittelt mit seinem Buch den speziellen Blick eines russischen Emigranten auf die Gesellschaften Westeuropas sowie einen kenntnisreichen Blick auf die ehemalige Sowjetunion und das heutige Russland.

Zur Website von Boris Schumatzky:

http://www.schumatsky.de

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Über Tyrannei“, von Timothy Snyder

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TyranneiVerlagsbeschreibung

Wir sind nicht klüger als die Menschen, die erlebt haben, wie überall in Europa die Demokratie unterging und Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus kamen. Aber einen Vorteil haben wir. Wir können aus ihren Erfahrungen lernen.
„Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.“ So lautet die erste von 20 Lektionen für den Widerstand, mit denen Timothy Snyder die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika vorbereitet auf das, was gestern noch unvorstellbar zu sein schien: einen Präsidenten, der das Gesicht der Demokratie verstümmelt und eine rechtsradikale Tyrannei errichtet.
Doch nicht nur in den USA sind Populismus und autoritäres Führertum auf dem Vormarsch. Auch in Europa rückt die Gefahr von rechts immer näher – als ob es das 20. Jahrhundert und seine blutigen Lehren niemals gegeben hätte. Snyders historische Lektionen, die international Aufsehen erregt haben, sind ein Leitfaden für alle, die jetzt handeln wollen – und nicht erst, wenn es zu spät ist. Lektion 8: „Setze ein Zeichen.“ Dieses Buch tut es. Tun Sie es auch. Zum Shop

Inhaltsverzeichnis der Schrift „Über Tyrannei“

Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
Verteidige Institutionen.
Hüte dich vor dem Einparteienstaat.
Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt.
Denk an deine Berufsehre.
Nimm dich in Acht vor Paramilitärs.
Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst.
Setze ein Zeichen.
Sei freundlich zu unserer Sprache.
Glaube an die Wahrheit.
Frage nach und überprüfe.
Nimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen.
Praktiziere physische Politik.
Führe ein Privatleben.
Engagiere dich für einen guten Zweck.
Lerne von Gleichgesinnten in anderen Ländern.
Achte auf gefährliche Wörter.
Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt.
Sei patriotisch.
Sei so mutig wie möglich.

Zum Autor Timothy Snyder

Timothy Snyder, geboren 1969, ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Für sein Buch Bloodlands (2012) erhielt er 2013 den Hannah-Arendt-Preis.

Kommentar von Martin Koradi

Die Forschungsschwerpunkte Timothy Snyders sind Osteuropäische Geschichte und Holocaustforschung.  Sein Buch „Über Tyrannei“ ist eine Reaktion auf die Wahl Donald Trumps. Seine Lektionen aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den grossen Katastrophen Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus sind aber auch für alle wachen Bürgerinnen und Bürgern in Europa sehr aktuell.

Timothy Snyder schreibt im Prolog:

„Die europäischen Demokratien brachen in den 1920er und 1930er Jahren zusammen und mündeten in rechten Autoritarismus und Faschismus. Die 1922 gegründete kommunistische Sowjetunion dehnte ihr Modell in den 1940er Jahren auf Europa aus. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt uns, dass Gesellschaften zerfallen, Demokratien untergehen, moralische Werte zusammenbrechen und ganz gewöhnliche Menschen plötzlich mit einer Schusswaffe in der Hand an Todesgruben stehen können. Es wäre für uns Heutige ganz gut, wenn wir verstehen würden, warum das so war.“

Weil das schneller gehen kann als viele Menschen glauben, braucht es wache, aktive Bürgerinnen und Bürger, die den Rechtsstaat und die liberale Demokratie verteidigen.

Das Buch von Timothy Snyder gibt dazu historisch fundierte Anleitungen.

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen

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[Buchtipp] „Die Anti-Europäer “, von Claus Leggewie

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Anti-EuropaerVerlagsbeschreibung

Breivik, Dugin, al-Suri & Co

Die Griechenland-Krise und die mangelnde Handlungsbereitschaft im Umgang mit den Flüchtlingen haben nachdrücklich gezeigt, dass es um die Europäische Union derzeit nicht allzu gut bestellt ist. Parallel zu diesen internen Problemen mehren sich Stimmen unterschiedlichster Provenienz, die Europa attackieren und europäische Werte infrage stellen: Identitäre wie der Massenmörder Anders Breivik, Dschihadisten wie der Syrer Abu Musab al-Suri, „Eurasier“ wie der Putin-Berater Alexander Dugin, illiberale Demokraten à la Viktor Orbán, aber auch einige Linkspopulisten am Rande von Syriza und Podemos.
Claus Leggewie porträtiert Wortführer und politische Unternehmer, die unabhängig voneinander, aber oft in ungewollter Komplizenschaft die „Festung Europa“ schleifen wollen. Er erklärt, woher sie kommen, welche Pläne sie verfolgen und welche Mächtigen sie unterstützen. Und er fordert dazu auf, sich endlich politisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Zum Shop

Zum Autor Claus Leggewie

Claus Leggewie (Dr. disc. pol.) ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

Kommentar von Martin Koradi

Der Titel dieses Buches – „Die Anti-Europäer“ – ist nicht sehr aussagekräftig. Anti-Europäer gibt es ja in vielfältigen Varianten. Der Untertitel – „Breivik, Dugin, al-Suri & Co“ – trifft aber genau. Claus Leggewie beschreibt die drei gefährlichsten Ideologien, welche heute die offene Gesellschaft und die liberalen Demokratien Westeuropas angreifen:

– Die identitäre Ideologie des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der sich als Verteidiger eines Abendlandes darstellt, das er nicht versteht, und der zeigt, dass todbringende Feinde nicht zuletzt aus aus dem Innern Europas kommen.

– Die Ideologie der eurasischen Autokratie eines Alexander Dugin, der sich zum Chefideologen einer russisch-imperialen Wiedergeburt aufschwingt und Legitimationen bastelt für die kriegerische Expansionspolitik eines Wladimir Putins.

– Die dschihadistische Ideologie des Abu Musab al-Suris, der die „Grauzonen“ zerstören will, in denen Muslime und der Westen bisher friedlich koexistierten und der weltweit Muslime und Nicht-Muslime auslöschen will, die aus seiner radikalen Ideologie „Ungläubige“ sind.

Claus Leggewie stellt die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten dieser drei Ideologien dar. Zitat:

„Man könnte die selbsternannten Erben der Konservativen Revolution belächeln, würden sie es bei verbalem Radikalismus belassen und ohne Resonanz bleiben. Wären sie jedoch auch nur teilweise erfolgreich, stünde am Ende ein radikal anderes, autoritäres, fundamentalistisches Europa – statt Religionsfreiheit Gottesstaat, statt Demokratie Autokratie, statt Gleichbereichtigung Patriarchat, statt Individualität Unterwerfung.“

Nach Jahrzehnten der Stabilität und des Friedens in Westeuropa sind wir vielleicht einfach nicht mehr wach genug, um die aktuellen Gefährdungen der liberalen Demokratie zu erkennen. Das Buch von Claus Leggewie schärft hier die nötige Aufmerksamkeit.

Und wer etwas tun möchte und nicht genau weiss, wie und wo, hier als Empfehlung: fearlessdemocracy.org.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkurse.

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