Artikel mit Schlagwort ‘Depressionen’

Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Dienstag, August 24th, 2010

Weil die Menschen in Europa immer älter werden, bekommen Medikamente in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle. Wie wichtig, belegt die Statistik: In Deutschland nimmt jeder Kassenpatient über 60 Jahre im Durchschnitt drei Arzneimittel pro Tag ein! Das Problematische dabei: Zahlreiche dieser Medikamente sind ausgerechnet bei älteren Menschen mit Nebenwirkungen und sogar gefährlichen Risiken verbunden. Eine Arbeitsgruppe um die Wuppertaler Pharmakologin Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann hat jetzt zum ersten Mal eine für Deutschland gültige Liste von Arzneistoffen erstellt, die bei älteren Menschen wenn möglich vermieden werden sollten.

Die soeben publizierte PRISCUS-Liste (Dtsch.Arztebl. Int. 2010; 107(31-32): 543-51, www.priscus.net) liest sich wie ein Katalog der am häufigsten verordneten synthetischen Medikamente. 83 Arzneimittel haben die an der Beurteilung mitwirkenden 38 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen als für ältere Menschen „potentiell inadäquate Medikamente“(PIM) eingestuft. Dazu zählen die in Deutschland besonders oft verordneten Schlaf- und Beruhigungsmittel Benzodiazepine, Z-Substanzen, Chloralhydrat und Diphenhydramin. Sie gefährden die Alltagssicherheit und das Reaktionsvermögen und sind eine häufige Ursache von schweren Stürzen. Benzodiazepine beispielsweise steigern das Risiko von Knochenbrüchen bei älteren Patienten um 50 bis 110 Prozent! Gefürchtet sind jedoch auch ihre unerwünschten Wirkungen auf die Psyche: Sie reichen von paradoxen Reaktionen wie Unruhe und Reizbarkeit bis hin zu Depressionen und Psychosen.

Als eine der wenigen therapeutischen Alternativen, welche ohne unangemessene Risiken auch bei älteren Patienten angewendet werden können, nennt die PRISCUS-Liste pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian. Die beruhigende und Schlaf anstoßende Wirkung von Baldrian-Extrakten ist in randomisierten und kontrollierten wissenschaftlichen Studien gut dokumentiert. In keiner dieser Untersuchungen zeigte sich ein Hinweis auf eine Verschlechterung der Konzentration, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Wahrnehmung oder der Wachheit. Eine Erhöhung der Sturzgefahr muss nach Einnahme von Baldrian-Extrakten ebenfalls nicht befürchtet werden. Weil Baldrian-Extrakt den Schlafrhythmus nicht störet und nicht abhängig machen, können diese Heilpflanzen-Präparate im Gegensatz zu Benzodiazepinen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Quelle:

www.phytotherapie-komitee.de    KFN 14/2010 – 19.08.2010

Kommentar & Ergänzung:

Die erhöhte Sturzgefahr bei älteren Menschen durch Schlafmittel oder Beruhigungsmittel sind ein ernsthaftes Problem. Heilpflanzen-Präparate auf der Basis von Baldrian-Extrakt, eventuell in Kombination mit Hopfen-Extrakt, Melissen-Extrakt oder Passionsblumen-Extrakt,  sind in vielen Fällen eine sichere und empfehlenswerte Alternative.

Zu beachten ist dabei aber:

Um das Potenzial von Baldrian optimal zu nutzen, scheint die Einnahme über längere Zeit sinnvoll zu sein, darauf deuten jedenfalls klinische Studien hin.

Die Qualität der Baldrian-Zubereitungen ist sehr unterschiedlich. Gut mit Patienten-Studien belegt sind die beruhigenden und schlafanstossenden Wirkungen nur für eine kleine Zahl von Baldrian-Präparaten auf der Grundlage von Trockenextrakten.

Baldriantinktur muss ausreichend stark dosiert werden. Die Dosierung ist abhängig von der Herstellungsweise der jeweiligen Tinktur: Frischpflanzentinkturen zum Beispiel enthalten in der Regel geringere Wirkstoffmengen als Tinkturen nach Arzneibuch aus getrockneten Baldrianwurzeln und müssen daher höher dosiert werden. Für die heute oft propagierten Tiefstdosierungen von zum Beispiel 3 mal täglich 3 – 5 Tropfen Baldriantinktur gibt es keinerlei Hinweise auf eine Wirkung, die über Placebo hinaus geht. Diese Tiefstdosierungs-Empfehlungen gehen zurück auf einen Hersteller von Pflanzentinkturen, der seine Produkte für 10mal wirksamer hält als vergleichbare Produkte der Konkurrenz. Sieht nach Selbstüberschätzung aus.

Es gibt jedenfalls meines Erachtens keine auch nur ansatzweise überzeugenden Argumente für die Richtigkeit dieser Behauptung und damit für die Tiefstdosierungen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten daher wachsam und kritisch bleiben, damit sie nicht Naturheilmittel mit stolzem Preis aber fragwürdiger Qualität kaufen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Europäische Pflanzenmonografie: Johanniskraut gegen Depressionen

Freitag, August 13th, 2010

Die Medical Tribune Österreich berichtete kürzlich über die Entstehung der Europäischen Pflanzenmonografie für Johanniskraut. Der Text ist wohl nicht ganz einfach zu verstehen, wenn man mit dem Thema nicht vertraut ist, aber er enthält interessante Informationen. Nachfolgend deshalb eine modifizierte Zusammenfassung dieses Artikels mit anschliessendem Kommentar:

Nach jahrelangen Kontroversen liegt nun eine Europäische Pflanzenmonographie für Johanniskraut (Hypericum perforatum) vor. Sie gründet auf dem Bewertungsbericht von Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger vom AGESPharmMed- Institut Zulassung & LifeCycle-Management.

Die Mehrheit der EU-Mitgliedsländer gab Ende letzten Jahres die Zustimmung für eine Europäische Pflanzenmonographie zu Johanniskraut sowohl für die medizinische als auch für die traditionelle Verwendung. Bisher waren Johanniskrautpräparate innerhalb der EU sehr unterschiedlich im Markt erhältlich, nämlich entweder als Nahrungsergänzungsmittel oder als Arzneimittel. Es gab Länder, die überhaupt die Evidenz der Wirksamkeit für die Behandlung von Depressionen anzweifelten – obwohl ausreichend methodisch gute Studien vorliegen. Ein aktueller Cochrane Review lieferte zudem wichtige Unterstützung bei der Interpretation der klinischen Datenlage zu Hyperici herba. In dieser Metaanalyse wurden nur jene Studien berücksichtigt, in welche ausschließlich Depressive mit einer Major Depression eingeschlossen waren.

Das Resultat: Die Therapie mit Johanniskraut-Trockenextrakten war in Summe Plazebo überlegen und gleich wirksam wie eine Behandlung mit synthetischen Antidepressiva.

Weshalb dauerte es trotz überzeugender Datenlage so lange bis zu einer EU-weiten Harmonisierung? „Das hat mehrere Gründe“, erläutert Experte und Rapporteur Doz. Länger. „Zunächst ist der Prozess der Harmonisierung sehr jung. Das Herbal Committee, welches für die Harmonisierung zuständig ist, arbeitet erst seit 2004. Die Monographien, die dort ausgearbeitet werden, sollen für die Zulassungswerber eine gemeinsame Basis bilden. Im Sinne von: Wenn mein Produkt der Monographie entspricht, dann bekomme ich sicher eine Zulassung. Es geht um ,Barrierefreiheit‘ für den Markt der pflanzlichen Arzneimittel.“

Ein weiterer Grund für die lange Dauer bis zu einer Harmonisierung seien die unterschiedlichen Traditionen der EU-Länder. „In Skandinavien werden überhaupt keine pflanzlichen Arzneimittel verwendet“, erklärt Doz. Länger. „In Mitteleuropa wiederum haben wir eine ganz starke Tradition.“ Und er nennt darüber hinaus noch politische Gründe, weshalb nationale Behörden so unterschiedliche Zugangsweisen haben. „Zum Beispiel Vertriebswege. Jedes Land hat seinen eigenen Vertriebsweg für pflanzliche Produkte. In manchen Ländern kommen sie gar nicht in die Apotheke. Gibt es nun eine Zulassung, ist das Produkt apothekenpflichtig.“

Was ist nun das Besondere an seinem Bewertungsbericht, welcher die Grundlage für die Harmonisierung war? „Zum einen war es sicher das bisher umfassendste Projekt des Herbal Commitee. Zum anderen habe ich es als Rapporteur mit großer Vehemenz vertreten“, sagt Doz. Länger. Das bedeutete auch, sich mit Argumenten der Vertreter der synthetischen Antidepressiva auseinandersetzen zu müssen.

Natürlich existieren nicht nur Studien, welche die Wirksamkeit von Johanniskraut belegen, sondern auch solche mit einem negativen Ergebnis. Doz. Länger erklärt dazu: „Fairerweise muss man dazu sagen, dass in der methodisch am besten durchgeführten Studie mit negativem Ausgang vor allem Patienten mit ausgeprägter schwerer Depression eingeschlossen waren. Patienten, die seit mehr als zehn Jahren darunter leiden und wo zum Teil andere Therapieansätze ohne Erfolg geblieben waren. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass etablierte Antidepressiva in dieser Studie genauso schlecht abgeschnitten hätten“.

Ein wichtiger Punkt in der EU-Harmonisierung war die Frage nach den pharmakokinetischen Interaktionen (Wechselwirkungen) von Johanniskraut – denn das Interaktionspotenzial der Heilpflanze ist bewiesen. Hyperforin ist – dosisabhängig – der für die Wechselwirkungen verantwortliche Inhaltsstoff von Johanniskraut.

Die Induktion der Enzyme CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 und von p-Glykoprotein geschieht innerhalb weniger Tage nach den Beginn der Behandlung. Nach Absetzen der Johanniskraut-Medikation normalisieren sich in rund 5 Tagen die Werte wieder. Das bedeutet bei einer, wie im Fall von Depressionen, lang andauernden Behandlung mit hyperforinhaltigen Johanniskraut-Zubereitungen ist mit Wechselwirkungen zu rechnen.

„Es senkt den Plasmaspiegel von anderen Medikamenten“, erläutert der Experte Reinhard Länger. Allerdings betont Länger, dass auch synthetische Antidepressiva Interaktionspotenzial besitzen. „Was für das Johanniskraut spricht, ist seine bessere Verträglichkeit und deutlich geringere Häufigkeit und Schwere von Nebenwirkungen.“ Doch zurück zu den Wechselwirkungen. Es gibt Medikamente, die einen gleichbleibenden Plasmaspiegel brauchen und wo eine Co-Medikation mit Johanniskrautpräparaten kontraindiziert ist. Bei allen anderen Wirkstoffen, die über die genannten Enzyme metabolisieren, ist besondere Vorsicht geboten.

Weil Depressionen sehr oft von anderen Störungen begleitet werden und daher ein einziges Medikament selten ausreichend ist, muss man sich dieser Wechselwirkungen bewusst zu sein. „Eine mögliche Lösung könnte in einer Dosisanpassung liegen“, erklärt Doz. Länger. Interaktionsstudien kamen nämlich zum Schluss, dass für einen Zeitraum von zwei Wochen keine Enzyminduktion festgestellt werden konnte – sofern die täglich aufgenommene Hypericinmenge unter 5 mg lag. Und das wiederum ist zum Beispiel beim Johanniskraut-Tee der Fall, der fast hyperforinfrei ist. Was nicht heisst, dass er keine Wirkung hat. Trinkt man den Johanniskrauttee länger als zwei Wochen, gilt die selbe Vorsicht vor Wechselwirkungen wie bei den Hypericum-Trockenextrakten.

Quelle:

http://www.medical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=104128&dspaid=870658

Kommentar & Ergänzung:

Nun also ein paar stichwortartige Anmerkungen zu diesen interessanten Informationen aus der „Medical Tribune“:

- Die Erarbeitung einer Europäischen Pflanzenmonografie ist eine Massnahme der Qualitätssicherung in der Phytotherapie. Dazu wird alles verfügbare gesicherte Wissen über eine Heilpflanze zusammengetragen und bewertet – im vorliegenden Beispiel also zum Thema Johanniskraut. Heilpflanzen-Monografien werden auch erarbeitet von der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy, www.escop.com) und von der WHO. Diese Heilpflanzen-Monografien sind das Ergebnis intensiver Konsensverfahren zwischen den zuständigen Phytotherapie-Fachleuten. Sie sind nicht als endgültig-abschliessendes Urteil über eine Heilpflanze zu verstehen, sondern als Stand des gegenwärtigen Wissens in der Phytotherapie. Sie stellen dadurch wichtige Orientierungspunkte dar. Zu beachten ist allerdings, dass Phytotherapie kein geschützter Begriff ist. Es gibt daher im Bereich Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde auch viele BehandlerInnen, welche sich eher durch ihre eigenen Vorstellungen von den Wirkungen der Heilpflanzen leiten lassen und die Qualitätssicherungsmassnahmen von ESCOP und WHO kaum zur Kenntnis nehmen. Das ist sehr schade, weil die Therapievorschläge nach meiner Erfahrung dadurch oft sehr willkürlich werden, was sich für Patientinnen und Patienten negativ auswirken kann.

Vor allem die ESCOP-Monografien fliessen auch in die anerkannte Phytotherapie-Fachliteratur ein.

Beispielsweise:

Leitfaden Phytotherapie (eher für Personen aus medizinischen Berufen)

Grüne Apotheke (auch für Leute ohne medizinische Kenntnisse)

Anhand solcher Phytotherapie-Fachliteratur lässt sich überprüfen, ob Aussagen von Heilpflanzen-Büchern, Phytotherapie-Kursleitern etc. dem aktuellen Stand des Wissens entsprechen..

- Erklärung zum Begriff „Cochrane Review“: Studien können zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Daher sagt eine einzelne Studie oft gar nicht so viel aus. Deshalb werden alle erreichbaren qualitativ guten Studien zusammengefasst, um daraus Schlüsse zu ziehen. Die Cochrane Collaboration erstellt solche Metastudien. Sie ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten. Ziel der Cochrane Collaboration ist es, systematische Übersichtsarbeiten (systematic reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen, aktuell zu halten und zu verbreiten.

- In folgendem Satz hat sich offenbar im Text der „Medical Tribune“ ein Fehler eingeschlichen:

„Interaktionsstudien kamen nämlich zum Schluss, dass für einen Zeitraum von zwei Wochen keine Enzyminduktion festgestellt werden konnte – sofern die täglich aufgenommene Hypericinmenge unter 5 mg lag.“ Es müsste sich hier meinem Eindruck nach um Hyperforin handeln, weil nach gegenwärtigem Stand Hyperforin die Enzyminduktion auslöst. Im nächsten Fall wird zudem auf den Johanniskrauttee verwiesen, der praktisch hyperforinfrei sei.

- Die Erkenntnis, dass Wechselwirkungen bei hyperforinarmen Zubereitungen erst nach zwei Wochen auftreten, sollte meines Erachtens nicht zu Kurztherapien mit Johanniskraut verleiten, denn bis zum Eintreten der Wirkung dauert es, wenn man die Studien mit Johanniskraut-Extrkten erst nimmt, auch etwa 10 – 14 Tage.

- Hyperforin ist zwar nicht der einzige relevante Inhaltsstoff von Johanniskaut, scheint aber doch wichtig zu sein. Wenn Johanniskrauttee praktisch hyperforinfrei ist, dann fragt sich, ob dadurch die Wirkung schlechter, gleich gut oder gar besser ist als bei hyperforinreichen Extrakt-Präparaten. Leider gibt es kontrollierten Patientenstudien zum Thema Johanniskraut gegen Depressionen nur mit Johanniskraut-Extrakten, nicht aber mit Johanniskrauttee.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde bei Frauenleiden…..

Dienstag, August 10th, 2010

Mit diesem Thema befasst sich die Boulevardzeitung „Krone“. Ein Beispiel für „Halbfalschheiten“ bzw. „Halbrichtigkeiten“, wie sie bei Medienberichten über Heilpflanzen nicht selten anzutreffen sind.

Die „Krone“ titelt: „Frauenleiden und die Pflanzen, die dagegen helfen“.

Und sie fährt fort:

„ Als Frau empfindet man die Einnahme von Medikamenten bei vielen Leiden oft als Belastung und macht sich Gedanken über die viele Chemie, die man einnimmt. Über pflanzliche Alternativen wissen wir leider oft nur ungenau oder nicht Bescheid und würden uns wünschen, einen Arzt zu haben, der darüber aufklärt und möglicherweise neben Medikamenten auch eine sanfte Therapie anbietet.“

Soweit einverstanden. Dann folgt ein Ausrutscher:

„ Sei es das Johanniskraut bei Depressionen oder Bärentraubenblätter bei einer Blasenentzündung – für jede Erkrankung kennen Forscher das passende Heilmittelchen.“

Die Angaben zum Johanniskraut und zur Bärentraube stimmen, aber dass die Forscher für jede Erkrankung das passende Heilmittelchen kennen, ist eine oft gehörte Übertreibung, die auch mit unzähligen Wiederholungen  nicht wahrer wird. Das wäre allzu schön, um wahr zu sein. Und es wäre seriöser, auf solche Aufplusterungen zu verzichten.

Dann präsentiert die „Krone“ „ein paar typische Frauenleiden und Pflanzen, die dagegen helfen“.

Ich kommentiere die Empfehlungen nachstehend:

- Blasenentzündung
Bärentraubenblätter als Tee oder Fertigarzneimittel
Johanniskraut als Tee, Tinktur oder Fertigarzneimittel“

Kommentar: Bärentraubenblätter sind bei akuter Blasenentzündung wirksam, für Johanniskraut allerdings fehlt jeder Beleg für eine Wirksamkeit bei Blasenentzündung. In der Phytotherapie-Fachliteratur taucht der Anwendungsbereich „Blasenentzündung“ beim Johanniskraut nicht auf. Das schliesst eine Wirksamkeit nicht aus, doch müssten solche aus dem Rahmen fallenden Empfehlungen detailliert begründet werden.

- Brustschmerzen
Mönchspfeffer als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform
Wolfstrappkraut als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform.“

Kommentar: „Brustschmerzen“ ist als Indikation viel zu ungenau. Darunter könnte man zum Beispiel auch Angina pectoris verstehen. Im Zusammenhang mit dem Mönchspfeffer geht es um Brustspannen bei Prämenstruellem Syndrom (PMS). In diesem Bereich ist Mönchspfeffer als wirksame Heilpflanze anerkannt.

Dem Wolfstrappkraut hat die Kommission E als Indikation Mastodynie zugestanden, also schmerzhafte und geschwollene Brüste. Überzeugende Studien dazu fehlen allerdings. Da Wolfstrappkraut die Aktivität der Schilddrüse  beeinflusst, ist seine Anwendung zudem nicht ganz unproblematisch.

- Depression
Johanniskraut als Fertigarznei“

Kommentar: Korrekt. Leichte und mittelschwere Depressionen wäre genauer.

- Harnwegsinfekt
Sägepalme als Fertigarznei in Tropfen oder Kapseln“

Kommentar: Unsinnig. Die Wirksamkeit gewissen Extrakte aus der Sägepalme ist gut dokumentiert bei gutartiger Prostatavergrösserung der älteren Männer. Allenfalls könnte die Sägepalme auch Beschwerden bei Reizblase der Frau lindern, doch ist dies nicht gesichert. Für eine Wirksamkeit bei Harnwegsinfekten gibt es in der Phytotherapie-Fachliteratur meines Wissens keine Hinweise. Die Begriffe „Harnwegsinfekt“ und „Blasenentzündung“ überschneiden sich zudem, was eher verwirrlich ist.

- Klimakterische Beschwerden
Traubensilberkerze als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform“

Kommentar: Okay, allerdings nicht im Frühklimakterium, sondern spezifisch bei Wallungen.

- Prämenstruelles Syndrom
Mönchspfeffer als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform
Johanniskraut als Fertigarznei“

Kommentar: Ja, Mönchspfeffer bei Prämentruellem Syndrom, vor allem wenn verbunden mit Brustspannen (Mastodynie). Überschneidung mit Punkt „Brustschmerzen“. Johanniskraut nur bei Prämenstruellem Syndrom Typ D, also mit depressiver Symptomatik.

- Schlafstörungen
Passionsblume als Tee, Fertigarznei oder alkoholische Lösung“

Kommentar: Okay, mindestens so wirksam wären allerdings Kombinationen von Baldrian mit Hopfen.

- „Schmerzhafte Regelblutung
Gänsefingerkraut als Tee“

Kommentar: Gänsefingerkraut bei Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) ist schlecht dokumentiert, kann Frau aber gut probieren.

- Zyklusstörungen
Mönchspfeffer als Fertigarznei“

Kommentar: Zyklusstörungen als Indikation ist zu ungenau. Präziser wäre: Zyklusstörungen infolge Gelbkörperinsuffizienz.

Abschliessend: Ein unsorgfältiger, wirrer, fehlerhafter Artikel, der wieder einmal zeigt, wie wenig die Qualitätssicherung in diesem Bereich der Medien greift. Den Konsumentinnen und Konsumenten kann man nur raten, nicht einfach zu glauben, was auf Papier gedruckt oder im Internet veröffentlicht wird, sondern sich selber schlau zu machen.

Phytotherapie hat im Bereich Gynäkologie einiges zu bieten. Präzise Infos dazu zum Beispiel im Heilpflanzen-Seminar oder im Phytotherapie-Lehrgang.

Quellenangabe zum Krone-Artikel:

http://www.krone.at/Gesund-Fit/Frauenleiden_und_die_Pflanzen._die_dagegen_helfen-Kraeutermedizin-Story-212575, medical press (tönt doch seriös, oder?)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Grosse Qualitätsunterschiede bei Heilpflanzen-Präparaten

Sonntag, August 1st, 2010

Die Zeitschrift „Viamedici“ spricht ein wichtiges Thema an: Die Qualitätsunterschiede bei Heilpflanzen-Präparaten:

„ Johanniskraut gegen Depressionen, Mistel bei Krebs, Weißdorn bei Herzinsuffizienz … – so oder ähnlich lauten die Headlines in naturheilkundlichen Ärztezeitschriften. “Gesundheitssendungen” im Fernsehen schüren das Interesse der Patienten und erwecken oft ungerechtfertigte Hoffnungen. Gerade im Bereich der Phytotherapie die Spreu vom Weizen trennen zu können, ist keine leichte Aufgabe für Ärztin oder Arzt. Es gibt durchaus Phytotherapeutika, deren klinische Wirksamkeit und Unbedenklichkeit weitgehend nach schulmedizinischen Kriterien nachgewiesen sind. Ein Problem bei der Bewertung von Pflanzenpräparaten ist jedoch die Standardisierung. Denn die Pflanzenextrakte sind Vielstoffgemische, die von Präparat zu Präparat variieren – je nach Zusammensetzung, Konzentration und Extraktionsverfahren. Johanniskrautpräparat ist also nicht gleich Johanniskrautpräparat. Auf einen standardisierten Extrakt, eine klare Deklaration der Inhaltsstoffe und eine exakte Dosierung kommt es an.“

Quelle:

http://www.thieme.de/viamedici/medizin/alternativ/phytotherapie1.html#anker2

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Hinweis ist für die Phytotherapie sehr wesentlich. Genau genommen kann man also nicht sagen:

Johanniskraut wirkt gegen Depressionen

Weissdorn lindert Herzschwäche

Echinacea steigert die Aktivität des Immunsystems

Mariendistel schützt die Leber

Etc…….

Man müsste sagen: Weissdorn in dieser bestimmten Form (Tinktur, Extrakt, Tee), dieser bestimmten Konzentration und Dosierung, verbessert die Arbeit des Herzmuskels.

Das heisst: Es geht in der Phytotherapie nicht nur darum zu lernen, welche Heilpflanze gegen welches Leiden wirksam ist. Wir müssen (oder dürfen) uns auch sehr genau damit auseinandersetzen, in welcher Form die entsprechende Heilpflanze optimal zur Anwendung kommen soll. Die Wichtigkeit dieser Frage ist aber vielen Leuten nicht klar. Daher werden auch zahlreiche Heilpflanzen-Präparate entwickelt, verkauft und konsumiert, die in ihrer Wirksamkeit sehr fraglich sind.

Falls Sie lernen wollen, wie sich die Spreu vom Weizen unterscheiden lässt, empfehle ich meine Lehrgänge „Heilpflanzen-Seminar“ oder „Integrative Phytotherapie“.

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Johanniskraut & Sonnenlicht

Montag, Juli 26th, 2010

Das photosensibilisierende Potenzial von Johanniskraut (Hypericum perforatum) werde dramatisch überschätzt, schreibt die Firma Steigerwald in einer Pressemitteilung.

Nur bei wiederholter Einnahme sehr hoher Hypericum-Extrakt-Konzentrationen, wie sie beispielsweise in der antiviralen Therapie von HIV-Patienten zum Einsatz kommen, könnte mit einer gesteigerten Lichtempfindlichkeit der Haut, also einer Photosensibilisierung, zu rechnen sein. Dieser spezifische Indikationsbereich benötigt allerdings ein Mehrfaches der für Johanniskraut zugelassenen Tagesdosis, nämlich mindestens 2000 mg. Die für die Therapie von Depressionen behandlungsrelevanten Dosierungen seien hingegen in aller Regel viel zu tief, um eine phototoxische ­Reaktion hervorrufen zu können.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=34095&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Text basiert zwar auf einer Pressemitteilung von Steigerwald, einem Hersteller von Heilpflanzen-Präparaten auf der Basis von Johanniskraut-Extrakt. Es gibt aber schon seit einiger Zeit Hinweise aus anderen Quellen, wonach die Photosensibilisierung durch Johanniskraut-Extrakte nicht so stark ist, wie dies oft dargestellt wird.

Klar ist aber, dass sinnvollerweise während einer Johanniskraut-Behandlung intensive Sonnenbestrahlung vermieden werden sollten – das ist sowieso empfehlenswert auch ohne Johanniskraut-Einnahme.

Der Hinweis im Text auf eine antivirale Therapie bei HIV-Patienten mit Hypericum-Extrakt ist meines Erachtens fragwürdig, weil er falsche Hoffnungen machen kann.

Setzt man HIV-verseuchten Blutkonserven den Johanniskraut-Wirkstoff Hypericin zu und setzt man diese anschliessend einer kurzen Lichtbestrahlung aus, so werden die HIV-viren inaktiviert. Was im Labor prompt funktioniert, lässt sich aber nicht so einfach auf HIV-Patienten übertragen. Bereits 1999 wurde eine erste klinische Studie publiziert, in welcher sich unter Hypericin-Therapie die Viruslast bei HIV-Patienten nicht reduzierte, hingegen kam es bei den meisten teilnehmenden Personen zu schweren phototoxischen Reaktionen.

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Schlafmittel begünstigen Stürze älterer Menschen

Mittwoch, Juli 14th, 2010

Die Einnahme von Schlaftabletten oder Beruhigungsmitteln, aber auch von Medikamenten gegen Depressionen erhöhen bei älteren Personen die Gefahr von schweren Stürzen, die im Alter mit einer hohen Morbidität und Mortalität einhergehen. Fachleute raten in den Archives of Internal Medicine (2009; 169: 1952-1960) zu einer zurückhaltenden Verordnung.

Mehr als 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahre stürzen mindestens einmal jährlich. Dabei erleiden sie nicht selten Verletzungen und Knochenbrüche, die eine Hospitalisierung nötig machen. Nicht weniger als 85 Prozent aller verletzungsbedingten Klinikbehandlungen und 40 Prozent aller Einweisungen in Pflegeheime werden durch Stürze von Senioren verursacht, berichten John Woolcott und Mitarbeiter von der Universität Vancouver.

Die Gründe für die Stürze sind vielfältig. Nicht selten werden sie jedoch durch Medikamente begünstigt. Dies war vor zehn Jahren schon Gegenstand einer Meta-Analyse (RM Leipzig et al. J Am Geriatr Soc 1999; 47: 30-9 und 40 bis 50). In der Zwischenzeit wurden 22 weitere Studien dazu veröffentlicht.

Sie stellen in die Aussagen auf eine solide Basis von beinahe 80.000 Patienten im Alter von mehr als 60 Jahren. Für Sedativa und Hypnotika (Odds Ratio OR 1,47), Antidepressiva (OR 1,68) und Benzodiazepine (OR 1,57) wurde ein signifikant erhöhtes Risiko für Stürze gefunden.

Beta-Blocker und Diuretika, welche in früheren Studien mit einer erhöhten Sturzgefahr in Verbindung gebracht wurden, sind nicht mehr betroffen. Woolcott fordert zu einem indikationsgerechten Einsatz der psychotropen Medikamente auf, weil dadurch zahlreiche Stürze vermieden werden könnten.

Quelle:

www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Beitrag im Aerzteblatt ist meines Erachtens ein starkes Argument für Schlafmittel aus Heilpflanzen wie Baldrian, Passionsblume, Hopfen oder Melisse, bei denen eine Erhöhung der Sturzgefahr nicht zu befürchten ist. Solche Heilpflanzen-Extrakte helfen nicht in jedem Fall, aber doch oft genug, um sie als ernsthafte Option zu berücksichtigen.

Auch Lavendelöl sollte als Schlafhilfe und Beruhigungsmittel vermehrt berücksichtigt werden.

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Verdauungsbeschwerden durch Fruktoseunverträglichkeit

Dienstag, Mai 4th, 2010

Wenn Menschen nach dem Konsum von Fruchtsaft oder Obst Bauchschmerzen und Durchfall und übel riechende Blähungen bekommen, so leiden sie möglicherweise unter einer Fruktose-Unverträglichkeit. „Auch andere Getränke, gesüßte Milchprodukte, viele Fertiggerichte und in Marinaden eingelegte Lebensmittel enthalten sehr häufig Fruchtzucker und können bei Personen mit einer Fruktose-Unverträglichkeit Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Müdigkeit und sogar Depressionen verursachen.

Tauchen diese Symptome im Zusammenhang mit dem Verzehr von Fruchtsäure enthaltenden Lebensmittel auf, sollte ärztlich abgeklärt werden, ob eine Fruktose-Unverträglichkeit vorliegt”, empfiehlt Prof. Richard Raedsch vom Berufsverband Deutscher Internisten (BDI). Mit Hilfe eines Wasserstoffatemtests und einer Messung des Fruktose-Spiegels im Blut kann die Fruchtzucker-Unverträglichkeit gut festgestellt werden.

Einer Fruktose-Unverträglichkeit (Fructose-Intoleranz) liegt eine Störung der Fruktoseaufnahme im Dünndarm zugrunde, eine so genannte Fruktose-Malabsorption. Dadurch steigert sich die Fruktose-Konzentration im gesamten Darm. Der Fruchtzucker im Darm zieht Wasser aus umgebenden Regionen an, so dass es zu Durchfall kommt. Im Darm wird die Fruktose von Mikroorganismen verarbeitet, wobei sich Gase entwickeln, die zu Blähungen führen. „Der Zuckeraustauschstoff Sorbit, der häufig in Süßigkeiten wie zum Beispiel Kaugummi zu finden ist, sowie Laktose aus Milchprodukten hemmen die Aufnahme von Fruktose, so dass es zu einer Verstärkung der Symptome kommt”, erklärt Prof. Raedsch.

Mit der Zeit können sich die Bakterien, welche den Fruchtzucker vergären, stark vermehren und auch den Dünndarm besiedeln. „Die Symptome werden dann oftmals immer schlimmer, obwohl sich der Betroffene mit reichlich Obst und Gemüse eigentlich gesund ernährt”, erläutert Prof. Raedsch. Eine mangelhafte Verdauung von Fruchtzucker geht auch mit einer reduzierten Aufnahme von Tryptophan einher. Diese Substanz braucht der Organismus, um den Neurotransmitter Serotonin zu produzieren. Die Folgen eines Serotonin-Mangels können depressive Verstimmungen und ständiger Hunger auf Süßes sein.

Die Beschwerden gehen meist zurück, wenn man stark Fruktose-haltige Lebensmittel meidet. „In welchem Umfang dies geschehen sollte, ist von der Ausprägung der Fruktose-Malabsorption abhängig, und sollte daher in enger Absprache mit dem Arzt geklärt werden”, rät der BDI-Experte. Meist hilft es, weniger Säfte zu trinken und vorzugsweise fruktosearmes Obst wie zum Beispiel Aprikosen, Bananen und Orangen zu verzehren. Gemüsesorten, die wenig Fruktose enthalten, sind Zum Beispiel Mangold, Spinat, Feldsalat, Endivie. „Häufig sind beträchtliche Mengen an Fruktose in Diät-Produkten zu finden, die mit dem Argument propagiert werden, ‚ohne Haushaltszucker’ oder ‚nur mit Fruchtzucker’ hergestellt zu sein. Auch auf diese Lebensmittel sollte man bei einer fruktosearmen Ernährung nur in geringen Mengen zurückgreifen”, empfiehlt Prof. Raedsch.

Rund 30% der Bevölkerung in Mitteleuropa haben eine beeinträchtigte Fruktoseaufnahme. Etwa die Hälfte dieser Menschen zeigen auch Symptome.

Quelle:
http://www.internisten-im-netz.de

Kommentar & Ergänzung:

Die Fruktose-Unverträglichkeit ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, länger anhaltende Verdauungsbeschwerden diagnostisch genau abzuklären.
Das ist auch ein wichtiger Punkt auch für den Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin.
Meiner Erfahrung nach wird nicht selten zu lange ohne sorgfältige diagnostische Abklärung herumtherapiert. Das ist manchmal einfach unsinnig und in gewissen Fällen gefährlich.
Die heiklen Punkte im Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin liegen mehr im Bereich mangelhafter oder gar fehlender Diagnostik als im Bereich der Therapie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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ZDF-Doku: Was ist Phytotherapie?

Donnerstag, März 18th, 2010

Phytotherapie wird von vielen Leuten immer noch verwechselt und in einen Topf geschmissen mit Homöopathie, Bachblüten, Spagyrik oder ähnlichen Methoden.

Dabei unterscheiden sich die theoretischen Grundlagen, die Weltbilder und der Forschungsstand dieser Verfahren fundamental. Längst nicht alle Naturheilmittel aus Heilpflanzen zählen zur Phytotherapie.
Nur wer differenzieren kann ist auch in der Lage, eine fundierte Wahl zu treffen.

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) brachte am 20. September 2009 unter “Doku Gesundheitsthemen” einen Bericht über die moderne Phytotherapie.
Als Expertin Auskunft gibt Prof. Karin Kraft vom Lehrstuhl für Naturheilkunde in Rostock, eine ausgewiesene Kennerin der Phytotherapie.

Die Sendung ist in sechs Teilen auf youtube veröffentlicht worden.
Hier die Links und eine kurze Beschreibung des Inhalts.

Moderne Phytotherapie Teil 1:
www.youtube.com/watch

Beinwell (Wallwurz) bei Verstauchungen, Knochenbrüchen, Gelenkerkrankungen,
Prellungen, Zerrungen.
Johanniskraut als wirksames Antidepressivum.
Heilpflanzen-Anbau (Johanniskraut, Brennessel).
Herstellung von Heilpflanzen-Präparaten.

Moderne Phytotherapie Teil 2:
www.youtube.com/watch

Anbau von Sonnenhut (Echinacea).
Weissdorn bei Herzbeschwerden und Herzschwäche.
Weissdorn-Versuchsplantage.

Moderne Phytotherapie Teil 3:
www.youtube.com/watch

Weissdorn-Versuchsplantage.
Weissdorn bei leichten Formen der Herzinsuffizienz und leichten Formen von Herzrhythmusstörungen.
Interview mit Dr. Axel Bolland, Arzt für Balneologie und Naturheilkunde.
Wert des Sammelns von Heilpflanzen.
Wiesengeissbart (Mädesüss), Holunder.

Moderne Phytotherapie Teil 4:
www.youtube.com/watch

Holunder gegen Erkältungskrankheiten und Fieber.
Kamille zur Wundheilung, gegen Magen-Darm-Beschwerden.
Brombeerblätter gegen leichte Durchfälle, Entzündungen im Mund.
Zitate aus den Schriften Hildegard von Bingen‘s.
Johanniskraut-Analyse.

Moderne Phytotherapie Teil 5:
www.youtube.com/watch

Johanniskraut-Analyse.
Johanniskraut bei schwerer bis mittelschwerer Depression gut belegt nach Aussage von Prof. Karin Kraft.
Kamillenblüten (Anbau).
Ginkgo-Anbau, Heilpflanzen-Forschung.
Löwenzahn.

Moderne Phytotherapie 6
www.youtube.com/watch

Heilpflanzen-Forschung, Lavendelöl, Heilpflanzen-Sammeln,
Kamillen-Dampfinhalation,
Baldrian, Melisse, Hopfen für Beruhigungsbad.
Zwiebel bei Insektenstichen.
Pflanzenmedizin fördert Verlangsamung, Zuwendung, Achtsamkeit.

Kommentar & Ergänzung:

Für Phytotherapie-Fachleute bietet die Sendung wohl kaum neue Erkenntnisse.

Für Laien gibt sie aber einen guten Einblick in die verschiedensten Bereiche der Phytotherapie. Der Heilpflanzen-Anbau, die Heilpflanzen-Forschung, die Produktion von Arzneimitteln aus Heilpflanzen und verschiedene Anwendungsbereiche werden vorgestellt.

Darüber hinaus zeigt der Film aber auch, dass die Auseinandersetzung mit der Pflanzenheilkunde die Beziehung zur Natur stärken und die Eigenkompetenz der Menschen fördern kann. Diese wichtigen Vorzüge sollten meiner Ansicht nach erhalten und gepflegt werden. Falls Sie Heilpflanzen auf Exkursionen kennenlernen oder ihr Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen vertiefen wollen, dann schauen Sie doch einmal in meinen Kurskalender:
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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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Bewegung beugt Depressionen vor

Donnerstag, Januar 7th, 2010

Eine wahrscheinlich häufige Ursache von Depressionen sei der Bewegungsmangel, so die Wiener Psychiaterin Liane Saxer-Novotny im pressetext-Interview: “Bedingt durch das Internet und das Fernsehen und die dadurch hervorgerufene Sprachlosigkeit und damit Kritiklosigkeit in den Familien, kommt es zu Inaktivität und Isolation.” Das treffe hauptsächlich bei Jugendlichen zu.

“Von einer Depression spricht man, wenn ein Leidensdruck besteht, der länger als 14 Tage anhält. Die Menschen leiden unter einer Lust-, Freud- und Interessenlosigkeit, meist gepaart mit Antriebsmangel bis hin zur schweren Bewegungsarmut”, erläutert die Fachärztin. Zudem komme es oft auch zu Angstzuständen und einem Vermeidungsverhalten mit innerpsychischer Zurückgezogenheit.

Die Expertin kritisiert, dass es in der Bevölkerung immer noch zahlreiche falsche Vorurteile gegen den Besuch eines Psychiaters gibt. “Dabei wäre das rasche Aufsuchen des Experten von großem Vorteil, denn je früher mit einer Therapie begonnen wird, desto eher ist eine Heilung zu erwarten”, betont Saxer-Novotny. “Viele Betroffene scheuen sich vor dem Arztbesuch, weil sie Depressionen mit Verrücktsein assoziieren.” Die Psychiaterin hält dies für eine völlige Missdeutung, denn bei der Depression handle es sich um eine psychiatrische Erkrankung, die mit einer Stoffwechselstörung von Neurotransmittern im Sinne eines Mangels derselben gleichzusetzen ist.

“Der Psychiater klärt zunächst in einem ausführlichen Gespräch die Situation ab und erstellt einen psychiatrischen Status.” Mit der Diagnose wird dann die Behandlung entweder medikamentös und oder auch psychotherapeutisch eingeleitet. “Der Psychiater spielt bei der Behandlung die Rolle des Arztes und führt Regie”, erläutert Saxer-Novotny.

Vielfach gebe es auch den Irrglauben, dass eine Depression einer Ursache zugeordnet werden kann, was aber nicht immer zutreffend sei, erklärt Saxer-Novotny. Statements wie “Du bist doch nicht verrückt” zählen leider immer noch zum Alltag. “Dabei ist es ist wichtig, dass man sich nicht vor der Meinung der Familie, der Freunde und Arbeitskollegen fürchtet und mit Familie und Freunden über alltägliche Probleme spricht”, erklärt die Psychiaterin.

Kontraproduktiv sei auch die Flucht in verschiedene Süchte wie Essen, Alkohol, Nikotin oder Drogen, gefährlich aber auch die Flucht in die Arbeit. Die Psychiaterin rät dazu, unwichtige Stressfaktoren aus dem Leben zu streichen und mehr darauf zu achten, die eigenen Bedürfnisse besser kennenzulernen. “Ein völliger Irrglaube ist auch, dass man über das Internet geheilt werden kann”, hält Saxer fest. Eine Depression sei eine Erkrankung, die fachkundige Behandlung erforderlich mache, erklärt die Expertin, und es sei absolut wichtig, nicht zu lange zu warten, um diese in Anspruch zu nehmen.

Die oft gehörte Meinung, man lasse sich nicht mit Medikamenten vollstopfen, könne man heute vernachlässigen, erklärt Saxer. “Moderne Therapeutika haben wenig Chemie, wirken schnell, haben kaum Nebenwirkungen und erzeugen keine Sucht. Es obliegt dem Können des Experten, den Patienten so einzustellen, dass er optimal versorgt wird.”

Die Psychiaterin empfiehlt neben der regelmäßigen körperlichen Betätigung auch einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus einzuhalten, äußere Einflüsse wie TV-Konsum und soziale Aktivitäten zu fokussieren und je nach Erfordernis zu reduzieren oder zu forcieren sowie auf eine gepflegte Sprachkultur zu achten. “Wichtig ist auch die Frage, wie man mit Aggressionen umgeht und welches Selbstwertgefühl man empfindet.”

Die heutige Gesellschaft mit ihrer Schnelllebigkeit und dem hohen Maß der Perfektionierung stelle für viele eine große psychische Belastung dar, sagt die Medizinerin. “Daher ist es wichtig, nicht nur auf die physischen, sondern auch auf die psychische Gesundheit zu achten und die Dienste von Fachexperten in Anspruch zu nehmen, wenn dies notwendig ist”, hält Saxer-Novotny abschließend fest.

Quelle:
http://www.journalmed.de/

Kommentar & Ergänzung:

1. Bewegung, die hier als Vorbeugung gegen Depressionen empfohlen wird, ist eine der klassischen fünf Säulen der Naturheilkunde nach Sebastian Kneipp. Die gesundheitliche Bedeutung regelmässiger Bewegung wird inzwischen durch viele Studien bestätigt.

Ein schönes Zitat zur antidepressiven Wirkung von Bewegung gibt es von Søren Kierkegaard (1813 – 1855):

“Ich laufe mir jeden Tag mein tägliches Wohlbefinden an und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und kenne keinen, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde. Ist man so am Gehen, so geht es schon.”

2. Aus Sicht der Phytotherapie könnte man noch ergänzen, dass bei leichten und mittelschweren Depressionen Heilpflanzen-Präparate aus Johanniskraut-Extrakt eine Option sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Lavendel belebt in der dunklen Jahreszeit

Donnerstag, Dezember 17th, 2009

Unter dieser Schlagzeile berichtete das Portal www.nachrichten.at kürzlich über Heilkräuter, die in der dunklen Jahreszeit helfen können, die Stimmung aufzuhellen.
In der dunklen Jahreszeit kämpfen viele Menschen mit einer trüben Gemütslage. Heilkräuter können dann helfen, die Stimmung aufzuhellen. Heilpraktikerin Anke Herrmann vom Naturheilkundeverein NHV Theophrastus mit Sitz in München gab im Gespräch mit dem dpa-Themendienst Tipps für verschiedene Anwendungen.

Der Text ist meiner Ansicht nach ein Beispiel für fragwürdige und ziemlich willkürliche Ratschläge im Internet und er verdeutlicht die fehlende Qualitätssicherung im Bereich Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin. Ich schildere den Text hier und stelle meine Einwände dazu. Es geht mir dabei aber nicht nur um diesen konkreten Text. Es fehlt meiner Ansicht nach fundamental an kritischer Auseinandersetzung mit solchen Themen. Abgesehen von ein paar juristischen Einschränkungen (z. B. Ehrverletzung, Rassismus, Genozid-Leugnung) darf im Internet ja jeder Mensch schreiben, was ihm oder ihr in den Sinn kommt.

Das ist auf dem Boden der Meinungsäusserungsfreiheit auch richtig so. Nur stellt sich dann die Frage: Wenn tausende von Aussagen nebeneinander stehen, wie soll sich der Konsument oder die Konsumentin, die oft kein entsprechendes Fachwissen haben, eine eigene Meinung bilden? Dazu braucht es meiner Überzeugung nach kritische Auseinandersetzung. Wer Heilwirkungen behauptet, soll plausible Begründungen liefern. Leere Behauptungen reichen nicht, weil man sie nur blind glauben oder blind ablehnen kann. Nur im Austausch von Argumenten und Gegenargumenten können meiner Ansicht nach mündige Menschen zu eigenen Schlüssen kommen.

Kursiv gesetzt folgen nun die Zitate aus dem Text und anschliessend meine Fragen und Einwände:

“ÄTHERISCHE ÖLE: Viele Heilpflanzen enthalten ätherische Öle, die sich positiv auf die Seele auswirken. An erster Stelle steht für Herrmann der Lavendel – sein Öl regt den Kreislauf an. ,Er impliziert das Gefühl von Urlaub, Provence und Wärme und lässt sich daher ganz gezielt in der dunklen Jahreszeit einsetzen‘, sagt die in Großschirma (Sachsen) tätige Heilpraktikerin.”

Dass Lavendelöl manchen Menschen wohltut, würde ich durchaus anerkennen. Wir reagieren in vielen Bereichen unterschiedlich auf ätherische Öle. Die Frage ist aber, ob es darüber hinaus Wirkungen gibt, die verallgemeinerbar sind und einer grossen Zahl von Lesenden empfohlen werden können. Für Lavendelöl ist als verallgemeinerbare Wirkung vor allem ein beruhigender, entspannender Effekt dokumentiert. Für kreislaufanregende und stimmungsaufhellende Wirkungen scheint mir das nicht annähernd der Fall zu sein. Was ist hier zudem mit kreislaufanregend gemeint? Herzstärkend? Blutdrucksteigernd? Durchblutungsfördernd?

“Rosmarin klärt den Geist und vermittelt ebenfalls Wärme. Generell stimmungsaufhellend wirkt Geranium. Melisse empfiehlt Herrmann als ausgleichende Pflanze: ,Sie wirkt anregend für diejenigen, die zu wenig Power haben, und beruhigend auf hibbelige Menschen.‘ Vor allem für Tee bietet sich Melisse an.”

Rosmarinöl klärt den Geist – das tönt schön, aber was ist genau damit gemeint. Wovon wird der Geist geklärt und wie? Dokumentiert ist bei Rosmarinöl eine anregende, belebende Wirkung. Das kann wohl bei “trüber Stimmung” durchaus nützlich sein.
Dass Geranium “generell stimmungsaufhellend wirkt”, scheint mit eine gewagte Behauptung. Gemeint ist wohl das ätherische Öl aus Pelargonium graveolens (Rosengeranie, Duftpelargonie, Duftgeranie). Im führenden Aromatherapie-Fachbuch von Wabner & Baier (2009) ist zwar eine antidepressive Wirkung der Geranie erwähnt, allerdings bei hormonell bedingter Depression, also nicht bei trüber Gemütslage in der dunklen Jahreszeit. Und selbst die stimmungsaufhellende Wirkung bei hormonell bedingter Depression ist nicht dokumentiert.

Melisse als ausgleichende Pflanze in Teeform, je nach Bedarf anregend oder beruhigend, das tönt sehr ideal. Die Melisse macht also immer genau das, was man gerade nötig hat. Dokumentiert ist zwar nur die beruhigende Wirkung, doch würde ich nicht ausschliessen, dass es auch Menschen gibt, bei denen Melisse anregende Effekte zeigt. Nur verallgemeinern würde ich dies nicht.

“BITTERSTOFFE: Etliche Heilpflanzen enthalten Bitterstoffe, die stimmungsaufhellend und klärend wirken. ,Sie regen die Leber an‘, erläutert die Heilpraktikerin. Denn bei vielen Verstimmungen sei die Leber betroffen, die als Organ der Lebenskraft gilt. Besonders viele Bitterstoffen stecken in Wermut und Tausendgüldenkraut.”

Dass Bitterstoffe stimmungsaufhellend und klärend wirken sollen, ist eine Behauptung, die völlig in der Luft schwebt und genauer begründet werden müsste. Bitterstoffe sind nur definiert durch ihren bitteren Geschmack. Chemisch gesehen kann es sich um sehr unterschiedliche Substanzen handeln, denen nur gemeinsam ist, dass sie unsere Bitterrezeptoren erregen. Der behauptete stimmungsaufhellende und klärende Effekt müsste daher nur schon durch die Wahrnehmung der Geschmacksqualität “bitter” zustande kommen. Ob das möglich ist und so stattfindet, ist total ungeklärt.

Ziemlich fragwürdig scheint mir auch die Behauptung, dass bei vielen Verstimmungen die Leber “betroffen” ist. Wie genau betroffen? Was läuft genau schief in der Leber bei Verstimmungen? Diese vagen, nebulösen, schwammigen Ausdrücke sind problematisch. So kann man eigentlich immer behaupten was man will.

Und die Leber gilt “als Organ der Lebenskraft”. Tönt schön, sagt aber kaum etwas. Auf Nachfrage hat mir jedenfalls noch niemand auch nur eingermassen plausibel erklären können, was er / sie unter Lebenskraft konkret versteht.
Emil du Bois-Reymond hat bereits 1848 die “Lebenskraft” als eine “Dienstmagd für alles” verspottet. Man kann mit ihr jedenfalls fast alles und auch das Gegenteil von fast allem begründen.

Bitterstoffe “regen die Leber an”. Auch dies eine ausgesprochen vage und pauschale Ausdrucksweise. Die Leber hat doch sehr zahlreiche, unterschiedliche Aufgaben. Was also wird genau angeregt? Die Entgiftungsfunktionen der Leber zum Beispiel? Dann würden auch viele lebenswichtige Medikamente rascher abgebaut. Könnte bei gewissen Patienten tödlich enden. Ernsthafte Warnungen vor der Einnahme von Bitterstoffen gleichzeitig mit wichtigen Medikamenten wären unumgänglich.
Oder ist das alles gar nicht so ernst gemeint und nur so daher geplaudert? Die Phytotherapie-Fachliteratur ist sich mehr oder weniger einig, dass Bitterstoffe die Produktion von Galle fördern können (vielleicht wird auch nur die Entleerung der Gallenblase angeregt). Geht es wirklich um eine Steigerung der Galleproduktion in der Leber, dann könnte eine Anregung der Leber die Fettverdauung verbessern. Das mag zwar in manchen Fällen nützlich sein, hat aber noch nichts zu tun mit einer angeblichen Stimmungsaufhellung und Klärung durch Bitterstoffe.

FARBE: Die sonnige Farbe Gelb gilt als Stimmungsaufheller schlechthin. So hilft es laut Herrmann im Winter manchmal schon, eine Postkarte mit gelb-orangen Ringelblumen aufzustellen und sich an deren Anblick zu erfreuen. Auch als Tinktur oder Öl zum Einreiben lässt sich die Heilpflanze des Jahres 2009 nutzen.
Stimmungsaufhellend wirken Ringelblumen außerdem als Tee. ‘Allerdings sollte man sie nicht allein verwenden, sondern als Zugabe zum Melissentee’, rät die Heilpraktikerin.

Kann durchaus sein, dass gelb-orange bei manchen Menschen die Stimmung positiv beeinflusst. Mir gefällt die Ringelblume ja auch. Aber das Rezept mit der Postkarte scheint mir doch etwas gar einfach.

Und ja, Ringelblume lässt sich auch als Tinktur oder Öl verwenden, nur geht es dann in der Phytotherapie meistens um Wundheilung oder Entzündungshemmung. Für eine stimmungsaufhellende Wirkung der Ringelblume finde ich in der gesamten deutschsprachigen Phytotherapie-Fachliteratur keinen einzigen Hinweis. Zwar könnte es durchaus Wirkungen von Heilpflanzen geben, die der Fachliteratur und der Diskussion in der “Fachszene” entgangen sind. Aber wenn man eine so ausgefallene Behauptung aufstellt, wie der angebliche stimmungsaufhellende Effekt der Ringelblume, dann müssten Argumente und Begründungen auf den Tisch (z. B.: Wie ist diese Überzeugung zustande gekommen? Auf Grund welcher Erfahrungen, Theorien, Beobachtungen, Experimenten, Studien?). Nur auf der Basis dieser Hintergrundinformationen kann man sich eine eigene Meinung bilden.

Bei der Melisse sind beruhigende, entspannende Effekte gut dokumentiert. Für eine stimmungsaufhellende Wirkung gibt es nur spärliche Hinweise. Aus der Geschichte der Pflanzenheilkunde beispielsweise wird der Äbtissin Hildegard von Bingen die Aussage zugeschrieben: “Man lacht gern, wenn man sie isst, da sie das Herz freudig stimmt, weshalb die Melisse auch Herztrost heisst. Darüber hinaus deuten Tierversuche mit Rosmarinsäure, die unter anderem in Melisse enthalten ist, auf eine antidepressive Wirkung hin. Ob sich solche Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, bleibt offen.

“Viel Sonne gespeichert sei außerdem in Holunderbeeren oder Hagebutten – beide sind reich an Vitamin C.”

Ja, alle grünen Pflanzen speichern Sonnenenergie in Form von Traubenzucker. Nichts gegen Holunderbeeren und Hagebutten, aber weshalb diese zwei Früchte besonders viel Sonne speichern sollen, ist mir ein Rätsel, und ebenso unklar bleibt, was das nun mit Vitamin C zu tun hat.

“WÄRME: ‘Ingwer macht einfach warm, ebenso wie Chili oder Nelke’, sagt Herrmann. Wie viele andere weihnachtliche Gewürze auch vermittele der wärmende Ingwer ein Gefühl von Gemütlichkeit. Er lässt sich als Gewürz am Essen nutzen oder für Tee. Dazu wird ein Viertelliter kochendes Wasser über zwei Scheiben frisch geschälte Ingwerwurzel gegossen. Nach dem Ziehen kann mit Honig oder Kandis gesüßt werden.”

Dass Ingwer vor allem im Winter von vielen Menschen als angenehm empfunden wird, kann ich nachvollziehen. Geht mir selber auch so.

Schliesslich stellt sich noch die Frage, weshalb in diesem Text keine Rede ist vom Johanniskraut (Hypericum perforatum). Johanniskraut-Extrakte sind mit einer ganzen Reihe von Patientenstudien als Mittel gegen leichte und mittelschwere Depressionen sehr gut dokumentiert. Johanniskraut ist von allen Heilpflanzen die einzige, für die eine solch fundierte Dokumentation zur Wirksamkeit gegen Depressionen vorliegt. Johanniskraut bewährt sich auch bei Winterdepressionen.
Johanniskraut ist die Heilpflanze gegen Depressionen.

Warum also werden zahlreiche nebulöse, vage, fragwürdige Empfehlungen gemacht, während die einzige gut dokumentierte Heilpflanze gegen Depressionen gar nicht erwähnt wird?

Wenn die Naturheilkunde bzw. Pflanzenheilkunde sich weiter entwickeln will, müsste meines Erachtens genau an diesem Punkt angesetzt werden: Es braucht präzise, gut dokumentierte Angaben. Und es braucht deutlich mehr kritisches In-Frage-stellen von nebulösen, willkürlichen Behauptungen.

Quelle:
http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/wellness/Gesundheit-Wellness;art54,299330

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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