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Bullshit zu Aromapflege und Aromatherapie

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Bullshit redet, wer wohlklingende Worte äussert, die nichts aussagen. Ein Beispiel für solchen Bullshit sind meines Erachtens folgende Sätze über Aromapflege und Aromatherapie:

„Aromapflege und Aromatherapie folgen den Prinzipien der Naturheilkunde. Sie wollen die Lebenskraft und Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken. Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht. Sie bewirken eine seelische Umstimmung, regulieren aus der Balance Geratenes und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden. Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“

Quelle:

http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/komplementaermedizin/?full=50130

Kommentar und Ergänzung:

Hier werden wohlklingende Begriffe aneinandergereiht, die kaum irgendwelche konkreten Inhalte haben.

⇒ Die „Prinzipien der Naturheilkunde“ sind nicht so klar definiert, wie das hier aussieht. Der Autor müsste konkrete Beispiele bringen um zu illustrieren, was genau er damit meint. Aber wenn man konkret wird, stösst man schnell an Grenzen oder verwickelt sich in Widersprüche. Bleibt man schön im wohlklingenden Allgemeinen, lässt sich diese Schwierigkeit vermeiden.

„Lebenskraft“ ist ein schillernder Begriff, der spontan oft klar und einleuchtend klingt, aber sofort schwierig wird, wenn man genau erklären soll, was damit gemeint ist.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge……

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben…..

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.“

⇒  Die „Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken“ tönt auch immer gut. Die Selbstheilung des Menschen ist faszinierend. Daran wirken aber tausende von Vorgängen im Organismus mit, die sich je nach Krankheit beträchtlich unterscheiden können. Die Selbstheilungskräfte als feststehende Grösse wird es daher kaum geben. Auch hier wären detaillierte Angaben vorzuziehen. Welche Prozesse beeinflusst das ätherische Öl genau und wie? Aber auch hier gilt: Sobald man genaue Aussagen macht, können diese auch in Frage gestellt, kritisiert und widerlegt werden. „Die Selbstheilungskräfte“ dagegen bieten keine Angriffsfläche für konkrete Einwände.

 „Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht.“ – „Tief“ tönt immer gut. Aber was heisst „tief“ genau in diesem Zusammenhang? Eingreifend? Tief eingreifend in die Psyche? Könnte das, wenn es stimmt, nicht gefährlich werden? Oder ist nur immer und ausschliesslich eine positive Wirkung zu erwarten im Sinne einer Förderung des Gleichgewichts. Ist das nicht etwas gar viel Wunschdenken?

 „Sie bewirken eine seelische Umstimmung…“  Wenn das stimmt, kann das nicht auch schiefgehen? Oder muss ich mir das einfach immer positiv vorstellen? In Sinne von: Das ätherische Öl weiss schon, was es machen muss? Ist das nicht allzu schön um plausibel zu sein?

„…regulieren aus der Balance Geratenes…“ Da haben wir sie wieder, die umfassende Regulation. Damit kann man nie schiefliegen.

 „…und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden.“    Das ist eine sehr weitreichende Versprechung. Wie machen die ätherischen Öle das und was sollen wir verstehen unter dem „eigentlichen Nährboden“ einer Krankheit: Auch hier: Wer nicht konkret wird, versteckt sich vor möglichen konkreten Einwänden.

„Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“ Das tönt immer gut, sagt aber auch nichts Konkretes aus.

Diese Kritik richtet sich nicht generell gegen Aromatherapie und Aromapflege. Ätherische Öle sind im vielen Bereichen interessante und wirksame Heilmittel. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Texten über Aromatherapie und Aromapflege auf derartigen Worthülsen treffe.

Das ist meines Erachtens immer ein Anlass für genaues, kritisches Nachfragen, auch wenn es um andere Bereiche als Aromapflege und Aromatherapie geht – zum Beispiel um Texte in der Pflanzenheilkunde.

Vorgänge und Begriffe möglichst genau zu beschreiben ist eine Grundvoraussetzung guter Kommunikation und fachlicher Auseinandersetzung. Mit schwammigen Begriffen wie sie das oben aufgeführte Zitat enthält, redet man weitgehend aneinander vorbei. Das gilt auch für Vorträge, Kurse und Ausbildungen. Haken Sie nach, wenn Sie in Lehrveranstaltungen mit wohlklingenden, aber schwammigen Begriffen „gefüttert“ werden.

Wer leere Worthülsen einfach schluckt, weil sie so gut tönend daherkommen, lässt sich einlullen oder lullt sich selber ein. Wer dagegen genau nachfragt, klärt die Begriffe so weit es geht und bekommt dadurch einen stabileren Stand in der Welt.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat übrigens ein lesenswertes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Bullshit“ (Suhrkamp Verlag).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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Esowatch ist neu Psiram

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Das Internetportal Esowatch hat einen neuen Namen und eine neue Internetadresse: http://psiram.com/

Esowatch / Psiram befasst sich kritisch mit fragwürdigen Methoden und Produkten aus Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Esoterik.

Esowatch / Psiram wurde und wird stark angefeindet aus Kreisen, die von dem Portal kritisiert werden.

Ein Kritikpunkt an Esowatch / Psiram ist, dass die Betreiber und Autoren der Plattform anonym bleiben. Die Plattform bemüht sich aber sehr, ihre Kritik mit Quellenangaben zu belegen und mit Argumenten zu begründen.

Die Anonymität wird von den Betreibern mit den Anfeindungen begründet, die kritische Stellungnahmen zu Themen aus Alternativmedizin und Esoterik oft auslösen.

Das kann ich gut nachvollziehen, weil ich selber gelegentlich kritische Fragen zu Methoden, Versprechungen und Produkten aus Alternativmedizin und Esoterik veröffentliche. Auch sachlich begründete Einwände werden von „Gläubigen“ dieser Szene oft mit persönlichen Diffamierungen und Hassmails beantwortet. Offenbar gibt es da eine grosse Zahl von Leuten, denen eine Auseinandersetzung um das bessere Argument fremd ist und die daher nur auf dieser Diffamierungsebene reagieren können.

Man soll und kann auch Stellungnahmen von Esowatch / Psiram kritisch in Frage stellen – aber mit Argumenten bitte.

Ich kann nicht genug betonen, dass ich eine kritische Stimme in diesen Bereichen für sehr wichtig erachte und deshalb das Projekt Esowatch / Psiram begrüsse.

Das Internet wird überflutet mit grossartigen Heilungs- und Heilsversprechungen.

Wer sich in diesem Bereich eine eigene Meinung bilden will ist darauf angewiesen, dass dazu auch kritische Argumente im Netz verfügbar sind. Nur so ist eine fundierte Meinungsbildung möglich. Wer die Veröffentlichung von Einwänden und kritischen Argumenten ablehnt, will keine fundierte Meinungsbildung durch Konsumentinnen und Konsumenten, sondern blinde Gläubigkeit und Anhängerschaft.

Es gibt im Bereich Komplementärmedizin /Alternativmedizin / Esoterik eine eindrückliche Menge an Missbrauch und Betrug – wobei die jeweiligen Akteure meist davon überzeugt sind, dass sie sich nur zum Wohle der Menschheit betätigen. Meinem Eindruck nach geht es daher eher selten um bewussten Betrug oder reine Geschäftemacherei. Es geht eher um Selbsttäuschung entlang eigener Bedürfnisse, um Grössenfantasien, um einen weitgehenden Verlust des Bezuges zur Wahrheit und um die exzessive Verwendung von leeren, wohltönenden Worthülsen. Aussagen gründen dann weder in der Überzeugung, dass sie wahr sind, noch in dem Glauben, dass sie falsch sind, wie es für eine Lüge erforderlich wäre. Der Philosoph Harry G. Frankfurt hat dieses Phänomen in seinem Bändchen mit dem Titel „Bullshit“ beschrieben:

„Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits.“ (Suhrkamp 2006)

Harry G. Frankfurt beschreibt „Bullshit“ auch als „heisse Luft“:

„Wenn wir Gerede als ‚heisse Luft’ charakterisieren, meinen wir damit, was da aus dem Mund des Sprechers kommt, sei nichts weiter als das. Es ist nur Dampf. Seine Rede ist leer, ohne Substanz und ohne Inhalt. Sein Gebrauch der Sprache trägt dementsprechend auch nichts zu dem Zweck, dem sie angeblich dient. In bezug auf den Informationsgehalt macht es keinen Unterschied, ob er etwas sagt oder einfach nur ausatmet. Es gibt übrigens gewisse Ähnlichkeiten zwischen heisser Luft und Exkrementen, die heisse Luft zu einem ausgesprochen brauchbaren äquivalent für Bullshit machen. Während heisse Luft ein von jeglichem Informationsgehalt entleertes Reden darstellt, sind Exkremente Stoffe, denen jeglicher Nährstoffgehalt entzogen worden ist.“

(Kursivsetzung im Original)

Im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Esoterik zeigt sich „heisse Luft“, wenn schwallweise wohlklingende, aufgeladene Worte wie „Energie“, „Schwingungen“ oder das „Wesen der Pflanzen“ verwendet werden, ohne dass ihr Inhalt bzw. ihre Bedeutung auch nur einigermassen geklärt ist.

Genaues Nachfragen lässt solche Worthülsen schnell platzen.

Es fehlt in diesen Bereichen jede Qualitätssicherung, die diesen Namen auch nur ansatzweise verdienen würde.

Bei Waschmitteln, Kosmetika, Reiseveranstaltern etc. gibt es einen kritischen Konsumentenschutz, der reelle von irreführenden Versprechungen zu unterscheiden trachtet und allfällige Kritik an Fragwürdigkeiten auch in die Öffentlichkeit trägt.

Im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Esoterik hat dagegen kritisches Nachhaken in der Öffentlichkeit absoluten Seltenheitswert. Verbreitet ist eine eigenartige Leichtgläubigkeit, die alles fraglos gut findet, was als  ganzheitlich, sanft und natürlich daher kommt und propagiert wird. Das ist populistischer Boulevard.

Ich halte diese „Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens“ (Ludwig Marcuse) unter anderem auch demokratiepolitisch für problematisch. Wenn die Fähigkeit, windige Versprechungen in Frage zu stellen verloren geht, dann ist das für eine demokratische Kultur verheerend.

Die Fähigkeit, glaubwürdige Aussagen von „heisser Luft“ zu unterscheiden, ist deshalb fundamental.

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde – nachfragen statt blind glauben

Naturheilkunde: Selber denken statt blind glauben

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Ausssagen

Und wie lernt man, die Spreu vom Weizen zu trennen?

Zum Beispiel im Tagesseminar: Komplementärmedizin verstehen und beurteilen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Feldsalat / Nüsslisalat gegen Stress?

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Die Berlinerzeitung empfiehlt Feldsalat (in der Schweiz: Nüsslisalat) gegen Stress.

Quelle:

http://www.bz-berlin.de/ratgeber/ernaehrung/salate-oder-kraeuter-die-vitalstoffbomben-article1417232.html

Das ist zweifellos richtig. Wenn man Nüsslisalat langsam und bewusst verzehrt und gut kaut, kann das durchaus zur Entspannung beitragen……

Die „Berliner Zeitung“ begründet die Empfehlung von Feldsalat gegen Stress aber mit dem Gehalt an Magnesium. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf……

Magnesium wird für und gegen alles Mögliche empfohlen – auch aus „Stresskiller“, als „Antistress-Mineral“ und als „Powerstoff gegen Stress“.

Eine gute Magnesium-Versorgung soll Stressreaktionen vermindern. Als nötiger Tagesbedarf an Magnesium gelten etwa 300 – 350 mg. Physischer Stress (z. B. Leistungssport) kann den Bedarf erhöhen. Der Magnesiumgehalt von Feldsalat liegt bei 13mg/100g.

Natürlich trägt jedes Blättchen Feldsalat zur Magnesiumversorgung bei. Aber um einen Magnesiummangel auszugleichen oder gar direkt Stresssymptome zu reduzieren, wären wohl Tagesdosen von mehreren Kilogramm Feldsalat nötig.

Zudem fragt sich, weshalb ausgerechnet Feldsalat / Nüsslisalat dank Magnesium gegen Stress wirken soll. Magnesium ist enthalten in allen grünen Gemüsen als Bestandteil des Blattgrüns (Chlorophyll). Brennnessel (80mg/100g), Brokkoli (24mg/100g), Kresse (40mg/100g) und Spinat (58mg/100g) beispielsweise haben einen deutlich höheren Magnesiumgehalt, Kopfsalat (9mg/100g) und Endivien (10mg/1oog) liegen etwas tiefer.

Feldsalat ist durchaus gesund. Er enthält offenbar in relevanten Mengen Provitamin A, Vitamin B und Vitamin C.

Aber warum hängt ihm die „Berliner Zeitung“ noch eine Wirkung gegen Stress an?

Vielleicht haben wir es hier ja mit einem generellen Medienproblem zu tun:

Es „zieht“ heutzutage nur noch das Aussergewöhnliche. Alles Gewöhnliche muss aufgepeppt werden. Eine Schlagzeile wie „Feldsalat ist gesund“ wirkt nicht und ist lahm. „Feldsalat gegen Stress“ fällt dagegen auf. Es müssen laufend Erwartungen geweckt und bedient werden. Je ausgefallener desto besser.

Aussagen brauchen nicht mehr wahr zu sein, sondern funktional, indem sie den Erwartungen der Leserschaft zudienen. Die aber empfindet Gewöhnliches offenbar mehrheitlich als langweilig und braucht diese Aufladung der Begriffe mit Ausgefallenem.

Inhalt hat die Behauptung der Berliner Zeitung „Feldsalat gegen Stress“ keinen. Reiner Bullshit wird uns da serviert.

Feldsalat / Nüsslisalat (Valerianella locusta) gehört übrigens zu den Baldriangewächsen.

Wegen der kurzen Entwicklungszeit und hoher Frostbeständigkeit  wird er als wertvoller Wintersalat geschätzt. Einige Varietäten erinnern im Geschmack an Haselnuss, woraus wohl der Name Nüsslisalat entstanden sein dürfte.

Es lebe der Nüsslisalat – ganz ohne Stress.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Darmreinigung ist überflüssig bis gefährlich

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Ohne einen medizinischen Grund ist eine künstlich ausgelöste Darmentleerung nicht sinnvoll. Unter Umständen ist sie sogar gefährlich. Zu diesem Fazit kommt das Wissenschaftlerteam um Dr. Ranit Mishori von der Georgetown University in Washington.

Darmreinigungen werden beispielsweise propagiert  für Gewichtsverlust, Entgiftung oder Steigerung des Wohlbefindens. Wie die Autoren in der Augustausgabe des «Journal of Family Practice» (2011, Vol.60, No.8) berichten, gibt es nach Durchsicht von 20 in den vergangenen zehn Jahren veröffentlichten Studien keinen Beleg für einen gesundheitlichen Nutzen.

Stattdessen warnen die Forscher vor den möglichen Nebenwirkungen von Einläufen und Abführmitteln. Als Folge seien beispielsweise Krämpfe, Blutungen, Übelkeit und Erbrechen sowie Störungen des Elektrolythaushalts möglich. Auch Nierenversagen und tödliche Ausgänge halten die Wissenschaftler der Georgetown University in Washington für nicht ausgeschlossen. Der Weg zum Wohlergehen führt nicht über die Darmreinigung. «Es gibt wesentlich bessere Möglichkeiten, um das Wohlbefinden zu stärken», betont Mishori. Sie empfiehlt zum Beispiel bilanzierte Diäten, Bewegung und sechs bis acht Stunden Schlaf pro Tag auf.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=38840&Nachricht_Title=Nachrichten_Darmreinigung%3A+%DCberfl%FCssig+bis+gef%E4hrlich&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Man kann es meiner Ansicht nach nur immer wieder betonen: Der ganze Kult rund um Darmreinigung, Entschlackung, Blutreinigung ist unsinnig. Das ist aber nicht erst seit der Publikation aus Washington klar. Denn niemand kann bisher wirklich plausibel erklären, welche „Schlacken“ da entfernt werden sollen –  und von welchen gefährlichen Stoffen genau eine Darmreinigung oder eine Blutreinigungskur uns befreien könnte.

Dass die Wissenschaftler der Georgetown University selbst Nierenversagen und Todesfälle nicht ausschliessen, scheint mir allerdings etwas gar stark aufgetragen. Das wäre ein „GAU“, für den ich in der Fachliteratur bisher nirgends Hinweise gefunden habe. Und es bräuchte dazu wohl eine absolute Rosskur und / oder eine ziemlich desolate Gesundheitssituation.

Aber trotzdem: Ich würde einen grossen Bogen machen um alle Entgiftungskuren, Blutreinigungskuren, Entschlackungskuren und Darmreinigungs-Rituale – und um alle Propagandisten solchen „Bullshits“.

Es macht unnötige Kosten, bringt keinen Nutzen und belastet möglicherweise den Organismus. Eine Täuschung der Konsumentinnen und Konsumenten.

Siehe auch:

Naturheilmittel: Ärgernis Blutreinigungstee

Entschlackung – was ist das?

Fasten & Entschlacken

Pflanzenheilkunde: fragwürdige Blutreinigungstees

Entschlackung: unnötig und ungesund

Schlackenstoffe ein Phantom macht Karriere

Entgiften und entschlacken – höchst fragwürdige Versprechen

Entschlackung: Illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen

Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

moodle.heilpflanzen-info.ch/

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Universität Bern: Sehr fragwürdige Aussagen zur Anthroposophischen Medizin

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Unter dem Titel „Hauptsache irrational“ druckt „Das Magazin“ (Nr. 41 / 2010, PDF hier) ein Gespräch mit Peter Brugger, dem Leiter der Abteilung für Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich und Erforscher des Aberglaubens. Der informative und fundierte Text befasst sich unter anderem mit Esoterik, Wissenschaftsfeindlichkeit und Homöopathie.

Auf die Frage von Finn Canonica und Birgit Schmid, ob der Wettstreit zwischen Wissenschaft und unwissenschaftlichem Denken nicht vielleicht einfach zu einer offenen und liberalen Gesellschaft gehöre, antwortet Peter Brugger:

„Das ist eine gefährliche Tendenz. Schauen Sie nur, wie an deutschen Universitäten mit Alternativmethoden gearbeitet wird und die Paramedizin Einzug hält. Sobald das Volk sagt, Schulmedizin und Alternativmedizin sind gleichwertig, entstehen ganze Universitäten, die sich alternativem Unsinn widmen. Nach geduldigem Schürfen gelangt dann irgendein erstaunlicher Befund an die Öffentlichkeit, und schon glauben die Leute, dieser sei nun rational, da er an einer Universität erhoben wurde. Das nimmt eine Eigendynamik an und ist bedenklich.“

Dazu vier Anmerkungen:

1. Meiner Ansicht nach gehört die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und unwissenschaftlichem Denken fraglos zu einer offenen und liberalen Gesellschaft. Schulen aller Stufen und die Wissenschaft selber sind an diesem Punkt stark gefordert und haben zum Teil grossen Nachholbedarf. Sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen meines Erachtens noch lernen, diesen Diskurs mit der Öffentlichkeit überzeugend zu führen.

2. Es gibt meines Erachtens an Universitäten auch sinnvolle Forschung zu Themen aus der Komplementärmedizin, aber auch Anpassungen an einen esoterischen Zeitgeist, die zu den fragwürdigen pseudowissenschaftlichen Aktivitäten führen, welche Peter Brugger in seiner Antwort beschreibt.

3. Das „Volk“ habe gesagt, Schulmedizin und Alternativmedizin seien gleichwertig oder zu mindestens gleichwertig zu behandeln. Diese Schlussfolgerung wird von vielen Protagonisten der Komplementärmedizin aus dem Resultat der Abstimmung vom 17. Mai 2009 gezogen. Mit diesem „Volkswillen“ werden dann die verschiedensten Forderungen nach Privilegierung begründet, beispielsweise dass Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auch weiterhin ohne Wirksamkeitsnachweis von der Grundversicherung bezahlt werden. Auch wenn ein pauschaler „Volkswille“ postuliert wird, sind solche „Privilegierungsforderungen“ genau zu prüfen. Der populistische Druck mit einem vagen „Volkswillen“ ist hoch problematisch. Peter Brugger spricht hier einen Punkt an, der kritischer Aufmerksamkeit bedarf.

4. Peter Brugger kritisiert den Einzug von Paramedizin und  Alternativmethoden an deutschen Universitäten. Ergänzend könnte man dazu sagen: „Warum denn in die Ferne schweifen, sieh das Schlechte liegt so nah.“ (Goethe umgedreht).

Zum Beispiel an der ehrwürdigen Universität Bern:

Aufgrund eines bereits einige Jahre zurückliegenden kantonalen Volksentscheides gibt es an der Universität Bern eine „Kollegiale Instanz Komplementärmedizin“ (KIKOM).

Anthroposophische Medizin ist ein Schwerpunkt der KIKOM.

Die Darstellung der Anthroposophischen Medizin auf der Website der Universität Bern ist allerdings total irreführend.  Keine Spur von auch nur einigermassen neutraler Information. Statt dessen pure Propaganda und eine Täuschung der Öffentlichkeit mit absurden Formulierungen. Zitat:

„Die moderne Anthroposophie wurde von Dr. Rudolf Steiner (1861-1925) begründet als eine Geisteswissenschaft, die sich mit dem Immateriellen in Mensch und Natur auf eine vergleichbare Art wissenschaftlich beschäftigt, wie die Naturwissenschaft mit dem Materiellen.“

http://www.kikom.unibe.ch/content/fachbereiche/bla/index_ger.html, 20. 10. 2010


Dieser Satz enthält meiner Ansicht nach eine geballte Ladung an Bullshit und wirft mindestens zwei Fragen auf:

1. Was ist modern an der Anthroposophie?

Meiner Ansicht nach ist es eine der wichtigen Errungenschaften der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Sünde und moralischen Verfehlungen verknüpft werden. Wer nur schon eine Ahnung hat von Medizingeschichte weiss, wie viel Unglück mit solchen moralisierenden Unterstellungen verbunden war – und immer noch ist.

Anthroposophische Medizin aber besteht in ihrem Kern aus der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung Folge moralischer Verfehlungen in einem früheren Leben sind.

Lügenhaftigkeit zum Beispiel führt in einem späteren Leben zu geistiger Behinderung.

Siehe:

Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophie

Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium – offene Fragen

Anthroposophische Medizin dreht an diesem Punkt das Rad zurück und betreibt eine Remoralisierung der Heilkunde.  Sie unterstellt kranken und behinderten Menschen moralisches Versagen in einem früheren Leben und arbeitet dann engagiert an einer Verbesserung dieses angeblich desolaten Karmas. Über diesen Kern der Lehre reden Anthroposophen allerdings mit Uneingeweihten – die noch nicht so weit sind – nur ungern.

Doch der lupenreine Anthroposoph Adolf Baumann nennt die Karmaidee in seinem “ABC der Anthroposophie” gar das Herzstück der anthroposophischen Weltanschauung (Bern 1986). Und Michaela Glöckner, die langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum schreibt im von ihr herausgegebenen Buch “Anthroposophische Medizin” (Verlag Freies Geistesleben, 1993, S. 27/28):

“Rudolf Steiners bedeutendste Leistung war es, zu der blossen Annahme von wiederholten Erdenleben, wie sie von vielen Menschen geteilt wird (z. B. Goethe, Lessing, Friedrich der Grosse, Stefan Zweig, Wilhelm Busch), mit Hilfe seiner Geistesforschung zu einer umfassenden Darstellung der Gesetzmässigkeit zu kommen, nach denen sich die wiederholten Erdenleben vollziehen.
Erst die Kenntnis dieser Gesetzmässigkeiten macht ein vollbewusstes Mitarbeiten am Krankheitsschicksal möglich.”

Anthroposophische Medizin  – eine Geisterheilkunde

Im Krankheitsverständnis der Anthroposophischen Medizin spielen Ahriman und Luzifer eine zentrale Rolle,  die beiden Widersachermächte der Anthroposophie. Eine Lungenentzündung bekommt, wer sich  in einem früheren Leben  sinnliche Ausschweifungen zuschulden kommen liess, und daher nun mit  Luzifer im Krieg steht. Im Falle von Lungentuberkulose dagegen geht es um eine Auseinandersetzung mit Ahriman.

Siehe:

Anthroposophische Pflege – offenen Fragen

Anthroposophische Medizin steht im Kampf gegen die Widersachermächte Ahriman und Luzifer.  Da stellt sich doch die Frage, warum nicht auch der katholische Exorzismus in die KIKOM der Universität Bern  integriert wird. Hier zeigt sich ein eklatantes Versagen der Katholischen Kirche in Sachen Lobbying.

Es fragt sich aber auch sonst, was denn die Universität Bern modern findet an der Anthroposophie.

Die Wurzelrassenlehre, wonach zum Beispiel Indianer genauso wie die Affen eine  dekadente Abzweigung sind in der Entwicklung der Menschheit hin zum Europäer bzw. zum Arier?

(GA 100, Vortrag vom 22. 11. 1907)

Oder die Vorstellung, dass Indianer nicht etwa ausgerottet wurden, sondern aussterben mussten aufgrund ihres schlechten Karmas?

(GA 121, Vortrag vom 10. 6. 1910)

Dass eine remoralisierende Geistermedizin an der Universität Bern  Platz gefunden hat, scheint mir mehr als fragwürdig. Die Universität Bern kann dafür aber wohl nicht letztendlich verantwortlich gemacht werden. So kommt es nämlich heraus, wenn Politik und clevere Lobby-Gruppen bestimmen, was an Universitäten gelehrt werden soll – wobei allerdings das „Volk“ kaum etwas weiss vom Geisterleben in der Anthroposophischen Medizin und von der diskriminierenden Unterstellung moralischen Versagens gegenüber von Kranken und Behinderten.

2. Sind anthroposophische „Geisteswissenschaft“ und Naturwissenschaft wirklich so vergleichbar – wie das die Universität Bern behauptet?

Da steht doch auf der Website der Universität Bern tatsächlich die Behauptung, dass sich die Anthroposophie „mit dem Immateriellen in Mensch und Natur auf eine vergleichbare Art wissenschaftlich beschäftigt, wie die Naturwissenschaft mit dem Materiellen.“

Diese Behauptung ist so absurd, dass sich ernsthaft die Frage stellt, was den die Universität Bern unter Wissenschaft versteht. Es ist mir schon fast peinlich, als Nichtakademiker die Universität Bern ausgerechnet an diesem Punkt kritisieren zu müssen. Eine solche Desinformation sollte meines Erachtens aber nicht einfach so unkommentiert stehen gelassen werden.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Rudolf Steiner hat seine angeblichen „Erkenntnisse aus höheren Welten“ aus der Akasha-Chronik. Wikipedia schreibt im Beitrag zur Akasha-Chronik:

„ Akasha-Chronik bezeichnet in Teilen der Esoterik, vor allem in der ‚modernen’ (anglo-indischen) Theosophie und in der Anthroposophie, die Vorstellung eines übersinnlichen „Buchs des Lebens“, das in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis enthält“

Und ausserdem:

„Nach der Auffassung des Religionswissenschaftlers Hartmut Zinser sind vermeintliche Erkenntnisse über die und aus der Akasha-Chronik Glaubensaussagen im religiösen Sinn, deren Glaubenscharakter aber geleugnet werde, indem diese als objektive Tatsachen ausgegeben werden. Damit unterlägen Esoteriker wie Rudolf Steiner ‚einem der erkenntnistheoretischen Grundfehler des modernen Okkultismus: nicht, jedenfalls nicht hinreichend zwischen Wahrnehmung (hier: den Seelenerlebnissen) und Deutung (als übersinnliche Welt) zu unterscheiden.’“

Wo also ist hier die Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse, die Dewey als erstes Erfordernis wissenschaftlicher Verfahren beschreibt?

Wer hat denn an der Universität Bern Zugang zu dieser Akasha-Chronik, um die angeblichen dort gefundenen „Forschungsergebnisse“ Rudolf Steiner’s zu überprüfen? – Intersubjektive Überprüfbarkeit der Erkenntnisse ist schliesslich ein weiterer Kernpunkt wissenschaftlicher Vorgehensweise.

Wie stellt sich die Universität Bern eine Überprüfung des schlechten Karmas von Behinderten vor? Wie die Beteiligung der Widersachermächte Ahriman und Luzifer bei Lungenkrankheiten und Tumoren?

Die Universität Bern „verarscht“ – Verzeihung für den „unanständigen“, aber direkten Ausdruck –  meines Erachtens mit dieser absurden Formulierung auf ihrer Website die Öffentlichkeit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Rotwein und Schokolade – gegen Krebs wirksamer als Chemotherapie?

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Die Meldung wurde von den Nachrichtenagenturen AFP und SDA verbreitet und in zahlreichen Medien völlig unkritisch abgedruckt:

Rotwein, Schokolade, Knoblauch, Petersilie, Rote Trauben, Heidelbeeren und Soja wirken gegen Krebs gleich gut oder gar noch besser als Chemotherapie.

Die Meldung wirft zahlreiche Fragen auf und ist meines Erachtens eine totale Verarschung der Leserinnen und Leser. Doch schauen wir uns den Text (kursiv gesetzt) Schritt für Schritt an (Quelle: Tages-Anzeiger online):

Der “Tages-Anzeiger” bringt die Meldung unter dem Titel
“Die tägliche Chemotherapie”.

Das lässt aufhorchen: Rotwein, Schokolade; Heidelbeeren Co ersetzen also eine Chemotherapie?
Die Fortsetzung ist in zahlreichen Online-Medien praktisch identisch publiziert worden:

“Rotwein und Schokolade können neuen Forschungen zufolge Krebszellen regelrecht bekämpfen. Rote Trauben, dunkle Schokolade und Heidelbeeren, Knoblauch und Soja können Krebszellen «aushungern».”

Was bedeutet “neue Forschungen”? Wer hat was genau, wo und wann erforscht? In welcher Fachzeitschrift wurde diese Forschung veröffentlicht (falls überhaupt)?
Komisch auch, dass wir Schweizer als Weltmeister im Schokoladekonsum überhaupt noch an Krebs erkranken. Und die Franzosen mit dem Wein erst, und die Japaner mit ihrem Sojakonsum. Eigenartig, dass es überhaupt noch Krebs gibt auf dieser Welt. Oder wieviel Schokolade muss ich essen, um eine Chemotherapie zu ersetzen?

“‘Wir bewerten Lebensmittel nach ihrer Fähigkeit, Krebs zu bekämpfen‘, sagte der Forscher William Li auf einer Konferenz in Long Beach im US-Bundesstaat Kalifornien. ,Unser Essen ist unsere dreimal tägliche Chemotherapie.‘”

“Forscher” kann sich jeder nennen. Bei tatsächlichen oder angeblichen Experten ist immer zu prüfen, ob sie auch wirklich kompetent sind für die Frage, zu der sie gerade Stellung nehmen.

Um welche Art von Konferenz handelt es sich da? Eine Pressekonferenz oder eine Konferenz von Wissenschaftlern – das macht schon einen Unterschied punkto Glaubwürdigkeit. Unter welchem Thema stand die Konferenz? Wer hat sie organisiert und gesponsert? Sollte Forscher William Li tatsächlich gesagt haben, dass unser Essen unsere dreimal tägliche Chemotherapie ist, spricht das nicht gerade für seine Seriosität.
Glaubt der Mann wirklich, dass man Chemotherapie gegen Krebs einfach durch Essen ersetzen kann? Wir essen doch alle und viele von uns zudem die aufgeführten Nahrungsmittel gar nicht zu knapp. Warum also gibt es überhaupt noch Krebs?
Auf Tages-Anzeiger online hat ein Leser den Bericht treffend kommentiert:

“ Wer glaubt wird selig. Meine Frau und ich essen und trinken seit Jahrzehnten unbewusst dieser ,Studie‘ genau auch diese Lebensmittel täglich. Wir beide sind seit 2 resp.5 Jahren an Krebs erkrankt. Solche ungesicherte Daten geben nur falsche Hoffnungen .Wer hat die Studie bezahlt ? Wahrscheinlich die Hersteller dieser Ware- wie so oft.”

“Die Angiogenesis Foundation aus Massachusetts habe Lebensmittel ermittelt, die chemische Substanzen enthalten, mit denen die Blutversorgung von Tumoren geradezu abgeschnitten werde. Als Beispiel nannte Li auch eine Studie der Harvard Medical School, wonach Männer, die mehrmals pro Woche gegarte Tomaten essen, 30 bis 50 Prozent weniger unter Prostatakrebs litten.”

Was ist die “Angiogenesis Foundation”?

Als Angiogenese bezeichnet man das Wachstum von kleinen Blutgefäßen (Kapillaren). Tumore sind abhängig von einem mitwachsenden Kapillarnetz, das den Tumor mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Entsprechend versuchen anti-angiogenetische Therapieansätze (Antiangiogenese), die Gefäßversorgung und damit die Durchblutung eines Tumors zu vermindern oder zu blockieren.

Laut ihrer Website http://www.angio.org/ beschäftigt sich die “Angiogenesis Foundation” mit diesem Thema. Begriffe wie Rotwein, Schokolade, Petersilie, Soja, Heidelbeeren oder Knoblauch finde ich dort allerdings nicht, dafür jedoch zahlreiche Medikamente.

Der Hinweis von William Li auf die Wirkung gegarter Tomaten gegen Prostatakrebs stellt die Situation einseitig dar.
Es gibt zwar eine Untersuchung von Giovannuci, E. et al. (2002), die einen positiven Effekt nahelegten (A Prospective Study of Tomato Products, Lycopene and Prostate Cancer Risk. In: J. Natl. Cancer. Inst. Bd. 94, S. 391-398).

Wikipedia schreibt dazu:

“Es gab Hinweise, dass der Konsum von Lycopin zu einem reduzierten Risiko führt, an Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs (vor allem Prostatakrebs), Diabetes mellitus, Osteoporose und Unfruchtbarkeit zu leiden.”

Wikipedia fährt aber fort:
“Eine neuere, große Studie mit ca. 28.000 Probanden lässt jedoch vermuten, dass kein Zusammenhang zwischen Lycopin und Krebsrisiko besteht. Vielmehr zeigte sich, dass das verwandte Antioxidant ?-Carotin das Risiko für Prostatakrebs erhöht.”
(American Association for Cancer Research. No Magic Tomato? Study Breaks Link between Lycopene and Prostate Cancer Prevention , Science Daily, May 17, 2007.
http://www.sciencedaily.com/releases/2007/05/070517063011.htm)
Davon sagt William Li offenbar nichts.

“‘Überall geschieht eine medizinische Revolution‘, sagte Li. ,Wenn wir recht haben, dann wird das Auswirkungen auf Konsumentenfortbildung, Lebensmittelherstellung, die Volksgesundheit und sogar auf die Versicherungen haben.‘”

Da scheinen Heilsvorstellungen herumzugeistern. Mein Eindruck – auch von der Website der “Angiogenesis Foundation”: Da wird sehr viel aufgehängt am Thema “Angiogenese”. Wenn für so viele Probleme eine einzige Lösung propagiert wird – wie hier das Thema “Angiogenese” – ist Skepsis immer angebracht.

“Besser als Medikamente”

Dieser Titel des “Tages-Anzeigers” ist ziemlich gewagt.

“In Test verglichen Forscher der Foundation die Wirkung zugelassener Medikamente mit der von Petersilie, Weintrauben, Beeren und anderen Lebensmitteln. Dabei stellten sie fest, dass die Lebensmittel genauso gut oder besser gegen Krebszellen wirkten.”

Da fragt sich erstens, mit welchen Medikamenten denn verglichen wurde. Chemotherapeutika?
Da wurde offenbar etwas im Labor untersucht, aber man kann ja nicht einfach Petersilie und Krebszellen vermanschen und dann schauen, ob Krebszellen zugrunde gehen und das schlussendlich auf Krebspatienten übertragen. Völlig wirr.

Auch ist “und andere Lebensmittel” keine sehr präzise Angabe. Wenn so viele Lebensmittel besser gegen Krebszellen wirken wie Krebsmedikamente, warum brauchen wir dann eigentlich noch Chemotherapien und Onkologie-Abteilungen an Spitälern. Alles überflüssig?

“‘Für viele Menschen kann die ernährungsmässige Behandlung von Krebs die einzige Lösung sein, denn nicht jeder kann sich Krebsmedikamente leisten.‘”

Na super, essen müssen wir ja sowieso. Billiger kann eine Behandlung wirklich nicht sein. Endlich die Lösung für die explodierenden Gesundheitskosten. Krebstherapien nur noch für Privatpatienten! Die Allgemeinversicherten und auch Patienten in Afrika oder so sollen sich doch mit Rotwein und Schokolade heilen. Letzteres gibt für die Schweiz unerwartete Exportmöglichkeiten in alle Welt. Schokolade auf Rezept und auf Kosten der Krankenkasse! Ich fasse es kaum.

“Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen, fügte Li hinzu. Denn auch Fett sei auf den Blutstrom angewiesen, den die Bestandteile dieser Lebensmittel beeinflussen.”

Das fehlt gerade noch. Besser kann es gar nicht mehr kommen! Auch gegen Übergewicht wirksam! Körperfett lässt sich mit Schokolade oder Rotwein wegschmelzen! Ganz einfach durch Hemmung der Angiogenese! Super!

Dringende Anfrage: Wieviel Schokolade muss ich essen oder wieviel Rotwein trinken, um meine Fettpölsterchen wegzuschmelzen? Und wie finde ich eine Schokolade, die intelligent genug ist, damit sie weiss, welche Partien meines Körpers sie aushungern soll? Wenn da nur nichts schief läuft und die falschen Regionen weggeschmolzen werden! Vielleicht sicherheitshalber mal bei Lindt Sprüngli nachfragen…..

Und der Satz: “Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen”, ist ein Unding.
Oder liegt der Grund für diesen von A bis Z verunglückten Text einfach in einer miserablen Übersetzung?

Ich verwende nur selten solch harte Ausdrücke, aber dass Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Blick, Thurgauer Zeitung, 20 Minuten, Schweizerbauer und Berner Zeitung solchen Bullshit veröffentlichen, ist ausgesprochen peinlich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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