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Interessantes zum Gelben Enzian, zum Enzianschnaps und zum Germer

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In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (5/2017) präsentiert Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger einen informativen Beitrag über den Gelben Enzian (Gentiana lutea, Bild: Gelber Enzian).

 

Die Wirkung des Gelben Enzians ist verbunden mit dem hohen Gehalt an Bitterstoffen. Er wird angewendet bei Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit und Völlegefühl.

Ausserdem wird aus den Enzianwurzeln der Enzianschnaps hergestellt. Die Pflanze wird bis zu 150 cm hoch, erreicht ein Alter von bis zu 60 Jahren und die Enzianwurzel kann in Kultur frühestens nach 4 bis 5 Jahren geerntet werden.

Enzianwurzel hat einen Bitterwert von mindestens 10 000. Der Bitterwert macht eine Aussage dazu, wie stark eine Substanz verdünnt werden muss, damit der bittere Geschmack noch wahrnehmbar ist.

Reinhard Länger hat diesen Bitterwert des Gelben Enzians in anschauliche Beispiele umgerechnet:

„Im Fall von Enzianwurzel bedeutet dies, dass 1g Enzianwurzel 10 Liter Wasser bitter machen kann. Die Bitterstoffe sind gemäß ihrer chemischen Struktur Secoiridoide. Mengenmäßig dominiert Gentiopikrosid (Bitterwert 12 000), die Substanz mit dem höchsten Bitterwert ist Amarogentin (Bitterwert 58 000.000, d. h. 1 g Amarogentin macht 58 000 000ml (= 58m3) Wasser bitter, dies entspricht einem großen Eisenbahn-Kesselwaggon)!“

Eine bitterere Substanz als Amarogentin ist kaum vorstellbar.

Zum Enzianschnaps erklärt Länger den Unterschied zwischen destilliertem und angesetzem Produkt:

„Für die Bereitung von destilliertem Enzianschnaps werden die frischen Wurzeln fermentiert und je nach Rezeptur mit Wasser eingemaischt oder Obstmaische zugesetzt. Die Bitterstoffe sind nicht flüchtig und gelangen daher nicht in das klare Destillat. Anders bei angesetzten Schnäpsen: die Inhaltstoffe werden extrahiert, der Schnaps ist daher braun und stark bitter.“

Der Text geht ausserdem auf Unterschiede zwischen dem Gelben Enzian und dem giftigen Germer (Veratrum album) ein:

„Blattrosetten des Enzian ähneln entfernt jenen des stark giftigen Germer. Beim heimlichen, unerlaubten Graben in der Dämmerung können daher Verwechslungen passieren. Die Alkaloide des Germer sind ebenfalls nicht flüchtig und würden daher auch nicht in ein Destillat übergehen. Bei Ansatzschnäpsen werden sie aber extrahiert. Im Fall einer Vergiftung tritt meist rasch Erbrechen ein, weshalb tödlich verlaufende Vergiftungen in letzter Zeit nicht aufgetreten sind. Bei Tageslicht sollte die Differenzierung von Enzian und Germer kein Problem darstellen: die Blätter des Enzian sind kreuz-gegenständig angeordnet, jene des Germer wechselständig.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0517.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessant ist hier die Angabe, dass sowohl beim Enzianschnaps die Bitterwirkung als auch beim Germer die Giftwirkung von der Herstellungsweise abhängig ist.

Gelber Enzian und Germer unterscheiden sich auch in der Blattfärbung. Die Blätter des Gelben Enzians haben einen grünlich-bläulichen Ton, Germer dagegen einen grünlich-gelblichen Ton. Um diesen Unterschied sicher zu erkennen, muss man die Pflanzen möglichst nebeneinander in der Natur sehen

Sehr viele Gelben Enziane und Germer können Sie kennenlernen auf meinen Kräuterwanderungen im Berner Oberland – in Lenk im Simmental und in Mürren im Lauterbrunnental.

 

Der Germer ist unter der Bezeichnung Veratrum album ein wichtiges Mittel in der Homöopathie. Weil bei der Herstellung der Globuli die Pflanze so stark verdünnt wird, bis praktisch keine Wirkstoffe mehr verhanden sind, sind die Präparate ungiftig (zum Beispiel D6 = 1: 1 000 000 oder D12 = 1: 1 000 000 000 000).

Hauptanwendungsgebiete sind zum Beispiel Erschöpfung, schwacher Kreislauf, Kollaps, Kreislaufbeschwerden, Erbrechen und Durchfall. Veratrum album wird in der Homöopathie oft auch als Hauptmittel bei Cholera erwähnt. Das sind allerdings sehr grosse Versprechungen für ein Produkt, für dessen Wirksamkeit es – wie bei Homöopathika generell – keinerlei Belege für eine spezifische Wirksamkeit gibt.

Der Germer hat im Übrigen sehr schön geformte Blätter. Foto hier.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Melisse als Beruhigungsmittel

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Das Magazin „Focus“ befasst sich mit den Wirkungen der Melisse:

„Das Hauptanwendungsgebiet der Melisse ist die Beruhigung des Nervensystems. Ein Tee aus frischen Melissen-Blättern kann sich bei Stress und Nervosität als wahres Wundermittel erweisen, denn die in ihm enthaltenen ätherischen Öle wirken entspannend und angstlösend.“

Diese Empfehlungen sind nachvollziehbar, auch wenn der Begriff „wahres Wundermittel“ grundsätzlich fragwürdig ist.

Wer Melisse im Haus habe, brauche sich vor schweren Prüfungen keine Sorgen zu machen, schreibt „Focus“ weiter.

Das kann man probieren, doch gibt es bei Prüfungsangst bzw. Prüfungsstress Heilpflanzen, die ich vorziehen würde. Zum Beispiel als leicht angstlösende Präparate hochdosierten Passionsblumenextrakt oder Lavendelöl-Kapseln (Lasea). Und eher für längerfristige Anwendung zur besseren Stressbewältigung Adaptogene wie Ginseng (Ginsana) oder Rosenwurz (Vitango).

Ausserdem empfiehlt „Focus“:

„Vor dem Zubettgehen getrunken, kann auch ein Gläschen vom berühmten Kräuterschnaps Melissengeist beim Einschlafen helfen.“

Hier würde ich den Melissentee kombiniert mit einer Lavendelöl-Anwendung eindeutig vorziehen. Melissengeist hat mir zuviel Alkohol und zuwenig Melisse. Zudem enthält der Melissengeist neben Alkohol und Melissenblättern eine ganze Reihe von Heilpflanzen, die ihn eher als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden prädestinieren: Alantwurzelstock, Angelikawurzel, Ingwerwurzelstock, Gewürznelken, Galgantwurzelstock, Schwarze Pfefferfrüchte, Enzianwurzel, Muskatsamen, Pomeranzenschalen, Zimtrinde, Zimtblüten, Kardamomensamen.

Die Melisse überrasche aber mit weiteren ungeahnten Heilkräften, schreibt „Focus“ weiter:

„Neben ihren ätherischen Ölen enthält sie Bitterstoffe, Gerbstoffe, Flavonoide und Mineralsalze. Insbesondere die Gerbstoffe haben erstaunliche Fähigkeiten. Sie attackieren Herpes-Viren und schützen die Haut vor einer erneuten Infektion. Melissenextrakt gilt heute als anerkanntes Mittel gegen die lästigen Lippenbläschen.“

Korrekt. Der Melissenextrakt wird zu diesem Zweck in eine Creme eingearbeitet (Lomaherpan). Das Präparat muss wie alle lokal anzuwendenden antiviralen Herpesmittel bei den ersten Symptomen eingesetzt werden. Es kann die Dauer der Herpeserkrankung leicht verkürzen – vergleichbar mit anderen Fieberbläschensalben.

Ähnlich lokal antiviral gegen Herpesviren wirken Melissenöl und Pfefferminzöl. In der Schweiz gibt es zudem Parsenn Herpescreme aus Salbeiextrakt und Rhabarberwurzelextrakt, in kassenzulässiger Form als Phytovir.

Quelle:

http://www.focus.de/kultur/videos/melisse-melisse-zur-beruhigung-des-nervensystems_id_5294391.html

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gekürt

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Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg hat den Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gewählt.

Außerhalb von Fachkreisen ist der Andorn hierzulande fast unbekannt. Dabei zählte der stattliche Lippenblütler (Lamiaceae) von der Antike bis weit in die Neuzeit zu den bedeutendsten Arzneipflanzen Europas. Die Verwendung der Pflanze bei Katarrhen der Atemwege sowie bei Verdauungsbeschwerden ist schon seit über 2000 Jahren dokumentiert. Heute wird Andornkraut zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen eingesetzt. Andorn lindert Entzündungen in den Atemwegen, wirkt schleimlösend bei festsitzendem Schleim und krampflösend in den Bronchien.

Mit seinen kugeligen, vielblütigen Scheinquirlen steht der Andorn zwischen Ackerminze und Melisse. Seine Blätter sind aber kleiner, rundlich bis herzförmig, und besitzen auf der Oberseite ein tief eingesenktes Nervennetz, während sie unten stark filzig behaart sind. Die unverzweigten Stängel wachsen bis zu 80 cm hoch. Andorn stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum.

Unter den Arzneipflanzen aus der Familie der Lippenblütler fällt der Andorn auf durch seinen prägnanten Gehalt an Bitterstoffen und Gerbstoffen, während der Gehalt an ätherischem Öl nur gering ist. Durchaus zutreffend urteilt darum der berühmte Abt und Dichter Walahfrid im 9. Jahrhundert: „Er duftet süß, schmeckt aber scharf.“

Neben dem wirksamkeitsmitbestimmenden Bitterstoff Marrubiin enthält Andornkraut unter anderem Flavonoide, stickstoffhaltige Verbindungen und ätherisches Öl. Traditionell eingesetzt wird die Heilpflanze bei Bronchialkatarrhen sowie bei Verdauungsbeschwerden und Appetitlosigkeit. Verschiedene Studien zeigen eine Wirkung zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen.

Darüber hinaus entdeckten Wissenschaftler erst in jüngerer Zeit Mechanismen, die eine weitergehende therapeutische Bedeutung von Bitterstoffen nahe legen.

Die Bedeutung von Bitterstoffen für den menschlichen Körper zeigt sich schon darin, dass uns die Natur mit jeweils nur einem einzigen Rezeptortyp für süß, salzig, sauer und umami (japanisch für „würzig“, „schmackhaft“) ausgestattet hat, aber mit 25 verschiedenen Bitterrezeptoren. Sie versetzen uns zumindest theoretisch in die Lage, Tausende von Bittersubstanzen zu erkennen.

Solche Rezeptoren für Bitterstoffe gibt es nicht nur z. B. auf der Zunge sowie im Mund- und Rachenraum, sondern auch auf glatten Muskelzellen des Bronchialsystems. Dort bewirkt ihre Aktivierung eine Erweiterung von verengten Bronchien, die zu einer verbesserten Sauerstoffaufnahme und erleichterten Schleimentfernung führt[1]. Eine Studie von Forschern aus den USA weist außerdem darauf hin, dass die gezielte Stimulation dieser Rezeptoren mit Bitterstoffen eine Stärkung des Immunsystems bewirken kann[2]. Eine verstärkte Stimulation der Bitterrezeptoren könnte einen größeren Schutz vor Infektionen zur Folge haben, während eine niedrigere Funktion die Anfälligkeit für Infekte steigert, vermuten die Wissenschaftler.

Andornkraut wirkt zudem choleretisch, das heisst es hat eine den Gallenfluss-fördernde Wirkung, was die günstigen Effekte bei Verdauungsbeschwerden unterstützt.

 

Andorn – eine Arzneipflanze mit großer historischer Bedeutung

Für die Wahl des Andorns zur Arzneipflanze des Jahres 2018 war die historische Bedeutung der Pflanze mit entscheidend. Von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein zählte der Andorn zu den beliebtesten Heilpflanzen in Europa. Laut Plinius dem Älteren (gest. 79 nach Chr.) war Andorn als „eines der vorzüglichsten Kräuter“ bekannt. Er wurde hauptsächlich bei Lungenerkrankungen und hartnäckigem Husten angewendet, aber auch bei Brüchen, Verstauchungen, Krämpfen und Erkrankungen der Sehnen. Der zeitgleich tätige griechische Arzt Dioskurides nennt Schwindsucht, Asthma und Husten als die ersten Anwendungsgebiete.

Der schon erwähnte Abt Walahfrid Strabo preist den Andorn nicht nur bei „starken Beklemmungen der Brust“ sondern auch als rasch wirkendes Mittel gegen Giftanschläge, etwa durch böse Stiefmütter: „Sollten die Stiefmütter in feindseliger Absicht Gifte zubereiten und in das Getränk mischen oder Eisenhut zum Verderben in trügerische Speisen mengen, so vertreibt ein Trank des heilkräftigen Andorn, unverzüglich eingenommen, die lebensbedrohenden Gefahren.“

Die Äbtissin Hildegard von Bingen rät bei starkem Husten zu einer Abkochung von Andorn, Fenchel und Dill mit Wein.

In allen einschlägigen Werken bis ins 18. Jahrhundert hinein werden zudem für Andorn auch Ohrenschmerzen und Probleme bei der Geburt sowie Menstruationsbeschwerden unter den Indikationen erwähnt.

Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Anwendung des Andorns auf die schleimlösende Wirkung in den Atemwegen und auf Verdauungsprobleme. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde in Frankreich sogar für etwa drei Jahrzehnte eine Wirkung bei Malaria diskutiert.

Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ schreibt, der Andorn sei kulturgeschichtlich eine hochinteressante Pflanze, die auch unter medizinischen Aspekten wohl zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei. Neue Forschungen seien jedoch dringend erforderlich, um das Potential der Pflanze ausloten zu können.

Zur Herkunft des Pflanzennamens Andorn schreibt der Studienkreis:

„Was jedoch wohl nie wirklich geklärt werden wird, ist die Bedeutung des deutschen Namens; es ist völlig unklar, was Andorn, ohne Dornen (an-dorn) bei diesem Lippenblütler uns sagen soll.“

Literatur:

  1. Deepak, A. et al.: Bitter taste receptors on airway smooth muscle bronchodilate by localized calcium signaling and reverse obstruction. Nature Medicine EPub, abstract 24 Oct 2010 (2010)
  2. Lee, RJ. et al.: Bitter Taste Bodyguards. Scientific American 314: 38 – 43 (2016)

Quelle:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

Kommentar & Ergänzung:

Der Andorn ist ein Beispiel für eine Arzneipflanze, die etwas in Vergessenheit geraten ist. Natürlich kann man nicht alle Anwendungsempfehlungen, die irgendwann im Laufe der Geschichte auftauchen, unbesehen für heute übernehmen. Tradition hat sich auch oft geirrt und daher hat sie nicht immer Recht.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Man muss sich mit der Tradition der Pflanzenheilkunde sorgfältig und kritisch auseinandersetzen. So bekommt man eine Basis, auf der sich entscheiden lässt, welche historischen Anwendungsempfehlungen überholt sind und welche auch heute noch sinnvoll eingesetzt werden können. Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ tut dies in vorbildlicher Art.

Im Standardwerk Teedrogen und Phytopharmaka bin ich auf einen interessanten Hinweis zum Andorn gestossen:

„In einer ethno-pharmakologischen Arbeit wurde über einen erfolgreichen Einsatz bei asthmatischen Erkrankungen in Sardinien berichtet. Acetosid könnte bei entsprechenden Anwendungsgebieten eine wichtige Rolle zukommen.“

Aber auch hier sind weitere Untersuchungen und Studien nötig, bis je nach Ergebnis allenfalls eine Behandlungsempfehlung ausgesprochen werden kann.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ingwertee als „Energiebooster“?

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Ingwer scheint gerade sehr im Trend zu liegen. Laufend treffe ich auf Empfehlungen, wozu Ingwer alles gut sein soll. Tatsächlich ist Ingwer ein interessantes Gewürz und eine wirksame Heilpflanze. Aber wie so oft bei derartigen Hypes kommen die Empfehlungen manchmal etwas schwammig und übertrieben daher.

Auf Focus online hat gerade ein Gesundheitsexperte Ingwer empfohlen. Schauen wir uns das etwas genauer an:

„Mit Ingwertee können Sie ganz ohne Koffein fit in den Tag starten……

Die Wurzel verfeinert nicht nicht nur Ihr Essen, sondern kurbelt Ihren Stoffwechsel an, lindert Halsschmerzen und hilft bei Magen und Darmbeschwerden. Probieren Sie doch mal Ingwertee. Schneiden Sie dazu den Ingwer in dünne Scheiben und geben diese anschließend in heißes Wasser…….

Egal, ob Sie den Ingwertee am Morgen als Kaffeeersatz oder als Energie Booster unterm Tag trinken: Sie tun Ihrem Körper etwas Gutes. Die scharfe Wurzel beruhigt Ihren Bauch und hilft bei Durchfall und Magenbeschwerden.

Wenn das noch nicht genug wäre, wirkt Ingwer zudem noch antiseptisch. Kratzt es Ihnen im Hals, empfiehlt es sich deshalb auf einem kleinen Stück Ingwer zu kauen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/videos/ingwertee-darum-sollten-sie-ihn-vor-dem-fruehstueck-trinken_id_6867281.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Energiebooster – das tönt wirklich stark. Energiebooster ist ein trendigerer Ausdruck für Energydrink. Das sind Getränke, die wach machen und dem Organismus Energie zuführen oder Energiereserven mobilisieren sollen. Das machen sie in der Regel mit viel Koffein und viel Kohlenhydraten (insbesondere Zucker). Ingwertee – sofern ungesüsst getrunken – führt kaum Kohlenhydrate zu und enthält weder Koffein noch koffeinähnlich wirkende Inhaltsstoffe.

Pharmakologisch ist von Ingwertee keine „Energiebooster“-Wirkung zu erwarten, wobei aber auch fraglich ist, ob all die vermarkteten Energie-Booster-Präparate ihre Versprechungen erfüllen können. In Vergleich zu diesen oft wenig glaubwürdig zusammengesetzten Energydrinks ist Ingwertee wohl immerhin die gesündere Variante.

Vorstellen kann ich mir beim Trinken von Ingwertee am Morgen einen sinnlich-psychologischen Wachmacher-Effekt. Ingwer enthält Scharfstoffe. Auf der sensorischen Ebene könnte dadurch ähnlich wie bei Kräutertees mit hohem Bitterstoffgehalt die Aufmerksamkeit geweckt werden im Sinne von „Was kommt denn da?“ – während der Organismus auf irgendeine fade Flüssigkeit kaum reagieren wird.

Sehr eigenartig ist die Vorstellung, dass Ingwertee den Stoffwechsel ankurbeln soll. Aber auch das tönt natürlich toll…

Der Stoffwechsel, das ist die Gesamtheit der chemischen Prozesse in einem Lebewesen.

Den Stoffwechsel kann man einteilen in katabole Reaktionen, welche durch den Abbau von chemisch komplexen Nahrungsstoffen zu einfacheren Stoffen Energie liefern (Katabolismus), und anabole Reaktionen, welche unter Energieverbrauch körpereigene Stoffe aus einfachen Bausteinen aufbauen (Anabolismus).

Wenn Ingwertee nun einfach generell den Stoffwechsel ankurbelt, werden alle chemischen Prozesse in Organismus beschleunigt. Wollen wir wetten, dass das nicht gut ausgeht?

Hier müsste nachgefragt werden, welche Prozesse genau durch Ingwer angekurbelt werden, doch ist eher unwahrscheinlich, dass auf diese Frage eine fundierte Antwort kommt. Solche wohlklingenden Ausdrücke wie „Energie Booster“ oder „kurbelt Ihren Stoffwechsel an“ leben davon, dass sie vage und dadurch kaum zu fassen sind.

Dass viele Menschen Ingwer bei Halsschmerzen oder anderen Erkältungskrankheiten als wohltuend empfinden, ist schon seit langem bekannt. Wie diese Wirkung zustande kommt, ist nicht wirklich geklärt. Im Labor wirken Ingwer-Wirkstoffe antibakteriell und antiviral, aber ob diese Wirkungen auch beim Trinken von Ingwertee im Mund-Rachenraum zustande kommen, kann daraus nicht mit Sicherheit geschlossen werden. Durch die Erregung der Wärmerezeptoren in der Mundschleimhaut wird ein Hitzegefühl ausgelöst und vermutlich reflektorisch die Speichelsekretion angeregt. Diese Wirkungen entstehen durch die Scharfstoffe und könnten zum wohltuenden Effekt eines Ingwertees bei Erkältungen beitragen.

Dass Ingwer gegen Durchfall helfen soll ist eine ungewöhnliche Empfehlung, die in der Phytotherapie-Fachliteratur nirgends vorkommt, und die Empfehlung bei Magenbeschwerden und Darmbeschwerden ist vage. Das kann fast alles umfassen, was im Verdauungstrakt schiefläuft. Hier wären präzisere Angaben wünschenswert.

Ingwer fördert den Speichelfluss, die Magensaftsekretion und den Gallenfluss. Daraus kann eine verdauungsfördernde Wirkung gegen Völlegefühl abgeleiteet werden, was gut zur Verwendung als Gewürz passt. In der Phytotherapie am besten untersucht und am häufigsten empfohlen ist allerdings die Anwendung von Ingwerwurzel-Pulver zur Vorbeugung von Reisekrankheit. Ob Ingwertee hier auch eine Wirkung zeigt, ist ungeklärt. In den Experimenten zeigten vor allem lipophile Inhaltsstoffe diese Wirkung, während ein wässriger Ingwer-Extrakt versagte.

Zu diskutieren wäre die Angabe, dass Ingwer den Bauch beruhigt. Immerhin steigert Ingwer den Tonus und die Peristaltik im Darm. Da könnte man eher daraus schliessen, dass Ingwer den Bauch „wach“ macht.

Wie vielfältig Ingwer als Heilpflanze ist, zeigt folgende Ausstellung:

Öko-Test: Ingwer gegen Reisekrankheit als gut bewertet

Ingweröl gegen Erbrechen?

Ingwer – wie eine tolle Heilpflanze unseriös als Wundermittel gegen Krebs vermarktet wird

 

Metaanalyse: Ingwer reduziert Menstruationsschmerzen

Metaanalyse: Ingwer lindert Schmerzen bei Arthrose

Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

 

 

Ingwer lindert akuten Kopfschmerz bei Migräne

Onkologie / Palliative Care: Ingwer gegen Erbrechen bei Chemotherapie

Ingwer als Hausmittel gegen Verdauungsbeschwerden

Forschung zum Wirkungsmechanismus von Ingwer gegen Übelkeit bei Chemotherapie

 

Schwangerschaftsübelkeit: Ingwer, Frischluft und Vitamin B6

Ingwer bei Erkältungen

Ingwertee gegen Übelkeit

 

Ingwer und andere Tipps gegen Reisekrankheit

Phytotherapie: Ingwer gegen Übelkeit und Erbrechen

Phytotherapie: Ingwer gegen Schwangerschaftserbrechen

Ingwer-Inhalationen gegen Schnupfen?

Ingwer kann Übelkeit bei Chemotherapie reduzieren

 

Phytotherapie: Ingwer lindert Übelkeit bei Chemotherapie

Ingwer gegen Schwangerschaftserbrechen

 

 

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Meisterwurztinktur bei Schwächezuständen?

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Meisterwurztinktur helfe allen Menschen bei Schwächezuständen, schreibt ein Verkäufer von Meisterwurztinktur (den ich hier nicht nenne, weil ich ihn nicht noch kostenlos bekannter machen will).

Nichts gegen Meisterwurz (Peucedanum ostruthium). Er hat in der traditionellen Pflanzenheilkunde einen grossen Ruf und riecht eindrücklich aromatisch durch den Gehalt an ätherischen Ölen.

An der erwähnten Aussage lässt sich jedoch vor allem zeigen, woran sich unseriöse Heilungsversprechungen erkennen lassen.

Meisterwurztinktur hilft also angeblich allen Menschen mit Schwächezuständen.

Zwei Punkte sind an dieser Aussage kritisch:

  1. Das Wort „alle“.

Diese Verallgemeinerung kommt einer Garantie gleich. Garantien sind in der Heilkunde immer ein Grund zu Skepsis. Der menschliche Organismus ist zu komplex für Garantien. Bei einem Staubsauger ist eine Garantie angemessen, beim Menschen nicht.

  1. „allen Menschen mit Schwächezuständen.“

Das bedeutet dann auch: Bei allen Arten von Schwächezuständen.

Schwächezustände können aber ganz unterschiedliche Ursachen haben. Es ist kaum vorstellbar, dass Meisterwurztinktur in allen Fällen helfen kann, unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache.

Aber nun einmal abgesehen von der unseriösen absoluten Formulierung des Herstellers: Kann Meisterwurztinktur bei Schwächezuständen helfen?

Dazu gibt es keine verlässlichen Daten. In der Phytotherapie taucht Meisterwurz kaum auf und schon gar nicht mit der Indikation „Schwächezustände“.

In der Antike war Meisterwurz als Heilpflanze unbekannt. Im 16. Und 17. Jahrhundert dagegen galt die Wurzel dagegen als Universalmittel und wurde in den Kräuterbüchern oft genannt.

Matthiolus (1500 – 1577) schreibt zum Beispiel:

„Sie zertheilen und verzehren die groben, zähen, kalten flüsse im Leibe. Dienen wider den Husten. Sie zertrennen auch den schleimigen Lungenkoder und fürdern ihn zum aussreuspern.“

Quelle: „Arzneipflanzen in der Traditionellen Medizin“, Kooperation Phytopharmaka (Hrsg.), 2000.

Husten ist in den alten Kräuterbüchern ein häufig genanntes Anwendungsgebiet für Meisterwurz. Die Pflanze ist aber auch ein gern eingesetzter Bestandteil von Kräuterschnäpsen.

Aufgrund ihres Gehalts an ätherischem Öl und Bitterstoffen ist eine verdauungsfördernde Wirkung plausibel.

Und die Schwächezustände? Denkbar wäre eine anregende Wirkung des ätherischen Öls im Sinne einer Aromatherapie, aber das ist reine Spekulation und experimentell zeigt die Pflanze offenbar eher leicht beruhigende Effekte (nach „Handbuch Phytotherapie“ von Jänicke / Grünwald / Brendler (2003).

 

Es spricht viel dafür, dass die Indikation „Schwächezustände“ für die Meisterwurztinktur eher auf der verkaufsfördernden Fantasie des Verkäufers beruht als auf fundierten Erkenntnissen. Denn wer fühlt sich schon nicht gelegentlich schlapp und könnte dann eine solche Pflanzentinktur brauchen?

Und abschliessend: Wenn schon Meisterwurz, dann würde ich den Tee der Tinktur vorziehen. Er ist günstiger zu kaufen und führt mehr Wirkstoffe zu.

Siehe dazu:

Pflanzentinkturen oder Kräutertees?

Und ausserdem:

Meisterwurz (Imperatoria) als Antidot?

 

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Hopfen bei Schlafstörungen

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Die österreichische Zeitung „Kurier“ berichtet über Kräuter gegen Schlafstörungen.

Zum Stichwort „Hopfen“ heisst es da:

„Stammt von den Hanfgewächsen ab und kommt, wie der Baldrian, auf feuchtem Boden im Halbschatten vor. Einen Aufguss von Hopfenblüten und Tinkturen zur Förderung eines gesunden Schlafes kann man selber herstellen. Hopfen regt auch die Verdauung an.“

Quelle:

https://kurier.at/wellness/die-fuenf-besten-schlafkraeuter/252.547.803

Kommentar & Ergänzung:

Die Formulierung „Stammt von den Hanfgewächsen ab“ ist etwas sonderbar. Hopfen gehört zur Pflanzenfamilie der Hanfgewächse (Cannabaceae), die beinahe weltweit verbreitet ist. Sie umfasst etwa 170 Pflanzenarten in etwa elf Gattungen, darunter die Gattungen Hanf (Cannabis) und Hopfen (Humulus).

Hopfen (Humulus lupulus) wächst als Kletterpflanze gerne in Auenwäldern. Wer Hopfen in der Natur kennenlernen möchte, kann das zum Beispiel auf meinen Kräuterwanderungen in die Rheinschlucht (Graubünden), in die „Petite Camargue“ bei Basel und in die Thurauen am Zusammenfluss von Rhein und Thur zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen.

Hopfen ist zweihäusig – das heisst, es gibt weibliche und männliche Hopfenpflanzen. Nur die weiblichen Hopfenpflanzen entwickeln Blütenstände (Hopfenzapfen), die zur Bierproduktion und als Heilpflanze verwendet werden.

Hopfentee als Aufguss von Hopfenblüten lässt sich tatsächlich gut selber herstellen. Er enthält allerdings starke Bitterstoffe und wird darum nicht gerade von vielen Menschen gerne getrunken.

Hopfentinktur ist dem Hopfentee bezüglich Wirkstoffgehalt unterlegen.

Eine weitere Anwendungsform ist das Hopfenkissen als Einschlafhilfe. Am häufigsten zum Einsatz kommt aber Hopfenextrakt in Kombination mit Baldrianextrakt (in der Schweiz als Redormin®), oder in Kombination mit Passionsblume oder Melisse.

Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat eine Kombination von Hopfen und Baldrianwurzel in Form von Trockenextrakten zur Besserung von Schlafstörungen als „medizinisch allgemein anerkannt“ (well established use“) akzeptiert.

ESCOP und Kommission E bestätigen als Anwendungsgebiete von Hopfen Unruhe, Angstzustände und Schlafstörungen.

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Gewichtsreduktion mit Bockshornklee – Studienlage ungenügend, aber was heisst das nun?

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Die Arzneimittelinformationsplattform „Gute Pillen, Schlechte Pillen“ (GPSP) hat die Studienlage zum Thema „Abnehmen mit Bockshornklee“ unter die Lupe genommen und die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ berichtete darüber:

„Die aktuelle Forschungslage wurde geprüft. Bislang haben sich nur zwei wissenschaftliche Studien mit diesem Thema beschäftigt. Und auch die boten aufgrund ihrer geringen Zahl an Probanden keine vernünftige Bewertungsgrundlage.“

„Der Standard“ weißt zudem auf den Widerspruch hin, dass Bockshornklee auch gegen Appetitlosigkeit empfohlen wird:

„Auch Appetitlosigkeit ließe sich damit heilen. Wie paradox klingt es dann, dass Firmen damit werben, man könne mit ihren Produkten, die Bockshornklee enthalten, abnehmen.“

Quelle:

http://derstandard.at/2000053654073/Schmaeh-Abnehmen-mit-Bockshornklee

Kommentar & Ergänzung:

Bockshornkleesamen werden für alles Mögliche empfohlen – von Haarausfall bis Impotenz – und wie im „Standard“ erwähnt gegen Appetitlosigkeit und als Schlankheitsmittel. Solche „Indikationslyrik“ ist immer mehr oder weniger fragwürdig und ein Grund, genauer hinzuschauen.

Komplementärmedizin: Indikationslupe unter die Lupe nehmen!

Ich möchte hier allerdings zeigen, dass die Sachlage nicht so einfach und eindeutig ist, wie GPSP und der „Standard“ sie darstellen.

Die Einschätzung von GPSP trifft zu: Es gibt keine guten Studien, die eine Wirkung von Bockshornkleesamen zur Gewichtsreduktion beweisen.

Vor allem der „Standard“ lässt sich aber zu Aussagen hinreissen, die genauso fragwürdig sind:

„Schmäh: Abnehmen mit Bockshornklee.

Die unabhängige Plattform ‚Gute Pillen – schlechte Pillen’ entlarvt Bockshornklee als untauglich zur Gewichtsreduktion, es fehlt jeder Beweis. Es ist der alte Traum von Übergewichtigen: Wer sich zu dick fühlt, nimmt ein einen Wirkstoff aus der Natur und verliert Gewicht, weil auch der Hunger weg ist. Diese Illusionen werden mitunter auch ausgenutzt. So gibt es Produkte mit Bockshornkleesamen, die genau das versprechen.“

„Schmäh“, „entlarvt“ und „Illusionen werden ausgenutzt“ – das sind ziemlich unwissenschaftliche moralische Urteile. Gibt es dafür eine Basis? Meines Erachtens nein.

Die Tatsache, dass es keine guten, grossen Studien gibt, die eine Wirksamkeit von Bockshornklee zur Gewichtsabnahme belegen, bedeutet genau das und nur das: Es gibt für diese Wirkung keine Belege.

Das schliesst nicht aus, dass es trotzdem eine Wirkung geben könnte.

„Der Standard“ fordert:

„Weil Bockshornklee seit Jahrzehnten als heilsames Multitalent vermarktet wird, müssten endlich hochwertige Studien den Erfolg nachweisen – und somit für Verbraucherinnen und Verbraucher auch den Sinn der Geldausgabe rechtfertigen.“

Genau hier liegt aber ein Hund begraben und es wäre fair, wenn der „Standard“ das auch aufzeigen würde: Die Forderung nach hochwertigen Studien ist ziemlich naiv und kann wohl nur von jemandem stammen, der keine Ahnung hat von Forschung mit Heilpflanzen.

Hochwertige Studien sind sehr teuer. Bockshornkleesamen sind billig und nicht patentierbar. Kein Verkäufer von Bockhornkleesamen wird es sich leisten können, eine Million Franken in die Forschung zu stecken, damit ein paar grosse, hochwertige Studien durchgeführt werden können, die eine Grundlage bieten für eine gute Metastudie. Jeder Konkurrent, der ebenfalls Bockshornklee verkauft, könnte von dieser Forschung profitieren und seine Produkte ohne Forschungsaufwand viel billiger vermarkten. Die Chance, dass es zu Bockshornkleesamen jemals hochwertige Studien gibt, die den Ansprüchen der Evidence Based Medicine genügen, ist nahezu Null.

Gleichzeitig kritisiert GPSP aber natürlich zu Recht, wenn Bockshornkleesamen-Verkäufer grossartige Versprechungen betreffend Gewichtsreduktion machen, die durch keinerlei Belege plausibel gemacht werden können.

Die unabhängige Plattform „Medizin Transparent“ hat die Studienlage zur Wirksamkeit von Bockshornklee als Mittel zur Gewichtsreduktion ebenfalls untersucht und schreibt:

„Wir fanden nur eine einzige Untersuchung, in der die Teilnehmenden nach sechs Wochen kein Gewicht verloren hatten. Der Untersuchungszeitraum der Studie ist jedoch sehr kurz, die Teilnehmeranzahl gering und die Qualität mittelmäßig. Es bleibt daher unklar, ob Bockshornklee-Samen längerfristig helfen können, Gewicht zu verlieren.“

Quelle: http://www.medizin-transparent.at/bockshornklee-samen-abnehmen

Bockshornkleesamen als Mittel gegen Appetitlosigkeit?

Interessant ist der Hinweis von GPSP und „Standard“, dass Bockshornkleesamen eigenartigerweise auch gegen Appetitlosigkeit empfohlen werden.

Tatsächlich taucht die Indikation „Appetitlosigkeit“ auch in den Monografien der Qualitätssicherungsgremien „Kommission E“ und „ESCOP“ auf . Als wissenschaftlicher Beleg liegt dafür allerdings nur ein Tierversuch vor: Ein fett- und eiweissfreier Bockshornkleesamenextrakt führte bei Ratten zu einer signifikanten Steigerung der Fresslust und der Nahrungsaufnahme. Es gibt aber auch Erfahrungen aus der Tiermedizin mit der Anwendung von Bockshornkleepulver als Mittel zur Steigerung der Fresslust. Und in Nordafrika nehmen Frauen Bockshornkleesamen zu sich, wenn sie sich als zu mager empfinden und Gewicht zulegen möchten.

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17333802

Die Empfehlung von Bockshornkleesamen gegen Appetitlosigkeit ist zwar auch nicht zweifelsfrei belegt. Insgesamt sprechen aber mehr Argumente für die Anwendung bei Appetitlosigkeit als für die Anwendung zur Gewichtsreduktion.

GPSP und der „Standard“ finden es „paradox“, dass Bockshornkleesamen sowohl gegen Appetitlosigkeit als auch zur Gewichtsreduktion empfohlen wird – und das ist es wahrscheinlich auch.

Aber auch hier muss man etwas tiefer in die Heilpflanzenkunde einsteigen:

Eine solche gegensätzliche Wirkung ist bei Heilpflanzen-Anwendungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Heilpflanzen enthalten verschiedene Wirkstoffe. Je nach Art der Zubereitung und Dosierung können daraus auch unterschiedliche Wirkungen folgen. Beim Bockshornklee könnten beispielsweise Schleimstoffe ein Sättigungsgefühl auslösen und dadurch zur Gewichtsreduktion beitragen, während Bitterstoffe in moderater Dosis den Appetit anregen. Aber das ist jetzt wirklich reine Spekulation und nur als illustrierendes Beispiel gedacht, um zu zeigen, dass die Fragen manchmal komplizierter sind, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Wie unterscheiden sich Spagyrik-Essenzen und Pflanzentinkturen?

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In der österreichische Zeitung „Die Presse“ macht Jutta Beutel einen – meines Erachtens missglückten – Versuch, den Unterschied zwischen einer Spagyrik-Essenz und einer Pflanzentinktur zu erklären:

„Der Unterschied zwischen einer Tinktur und einer spagyrischen Essenz: Bei einer Tinktur wird das Pflanzengut mit Alkohol angesetzt, bei einer spagyrischen Essenz wird dieser Alkoholansatz destilliert und die zurückgebliebene Pflanzenmasse anschließend verascht. Destillat und Asche werden zusammengefügt und reifen für einige Wochen. Nachteil der Tinktur: Es könnten mitunter auch unerwünschte Substanzen der Pflanze in die Essenz geraten. Beutel: ‚Das kann bei der spagyrischen Herstellung nicht passieren.’ Dafür ist Letztere ungleich arbeits- und zeitaufwendiger, unter vier Wochen geht gar nichts.“

Quelle:

http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/4876643/Lebenselixiere-hausgemacht?_vl_backlink=/home/leben/gesundheit/index.do

Kommentar & Ergänzung:

Hier wird eine sehr einseitige Buchhaltung betrieben. Ja, bei der Veraschung werden allfällige unerwünschte Substanzen zerstört, jedenfalls sofern sie organisch sind. Nicht erwähnt wird allerdings, dass während der Veraschung bei rund 400°C alle organischen Stoffe zerstört werden – die unerwünschten wie beispielsweise giftige Alkaloide, aber auch erwünschte Wirkstoffe wie Glykoside, Gerbstoffe, Bitterstoffe….

Von den organischen Stoffen bleiben in der Spagyrik-Essenz nur die flüchtigen Substanzen, die ins Destillat übergehen. Gegenüber der Pflanzentinktur fehlt deshalb der Spagyrik-Essenz eine ganze Palette von möglichen Wirkstoffen.

Wenn also „Die Presse“ schreibt:

„Nachteil der Tinktur: Es könnten mitunter auch unerwünschte Substanzen der Pflanze in die Essenz geraten.“…..

Dann müsste man korrekterweise ergänzen:

Nachteil der Spagyrik-Essenz: Sie enthält keine nichtflüchtigen Wirkstoffe mehr.

Aus diesem Grund kann man die Wirkungen und Anwendungsgebiete einer Pflanzentinktur nicht auf eine Spagyrik-Essenz übertragen, obwohl das fälschlicherweise sehr oft gemacht wird.

Siehe auch:

Was ist Spagyrik?

Spagyrik – nachfragen bei nebulösen Aussagen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Giftig oder ungiftig? Beim Kräutersammeln kann man Entscheidendes falsch machen!

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Kräutersammeln ist im Trend. Wildkräuter und Heilpflanzen frisch aus der Natur gepflückt – das kommt gut an.

Grundsätzlich ist mir dieser Trend sympathisch. Wer Kräuter sammelt, achtet wieder mehr auf die Natur in der Umgebung und auf die Jahreszeiten.

Gesundheitsförderlich wäre allerdings der Grundsatz, die Pflanzen zuerst gut kennenzulernen…..und dann erst zu essen.

Diese „Lebensregel“ wird meinem Eindruck nach oft nicht beachtet.

Manchmal fehlt sogar ein klares Bewusstsein dafür, dass es auch Giftpflanzen gibt. Die Natur ist in manchen Köpfen einfach nur gut und sanft und heilsam zu uns.

Solche Idealisierungen finden sich leider oft auch in den Medien.

Ein Beispiel dafür liefert „Via“ (Nr. 5 / 2015), die Zeitschrift der SBB, in einem Text mit Aussagen der Heilkräuterfrau L. L. aus dem Maderanertal, die ein gerütteltes Mass an Fehlinformationen, Simplifizierungen und Übertreibungen enthalten.

Zitat:

„Falsch
machen könne man beim
 Kräutersammeln übrigens 
kaum etwas. Es gibt zwar einige giftige Pflanzen, wie beispielsweise die Wolfsmilch 
oder der Fingerhut, doch die 
erkenne man an einer ganz einfachen Regel: Blumen mit gleichständigen Blättern sind meistens ungiftig, die mit versetzten Blättern am Stängel sind giftig.“

Diese Aussage tönt simpel und klar und kommt damit zweifellos gut an bei einem Publikum ohne Fachkenntnisse. Einfache Regeln sind attraktiv, weil sie von der Anstrengung entbinden, sich wirklich kundig zu machen.

Die Aussage im Zitat ist falsch und fahrlässig:

– „Blumen mit gleichständigen Blättern sind meistens ungiftig,…“

Zwar ist es richtig, dass die meisten Blumen mit gegenständigen Blättern ungiftig sind. Aber „meistens“ ist im Zusammenhang mit Giftpflanzen ein ziemlich problematischer Begriff. Auf „meistens“ würde ich mich bezüglich Giftpflanzen nicht verlassen. Beispiele für Giftpflanzen mit gegenständigen Blättern sind Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria), Gnadenkraut (Gratiola officinalis), Poleiminze (Mentha pulegium).

Die Heilkräuterfrau L. L. verwendet zudem nicht den botanisch eindeutigen Begriff „gegenständig“, sondern den vageren, unüblichen Begriff „gleichständig“. Als „gleichständig“ könnten botanische Laien auch die Giftpflanze Tollkirsche (Atropa belladonna) interpretieren, weil dort jeweils ein grosses und ein kleines Blatt beieinander stehen. Auch die Giftpflanzen Einbeere (Paris quadrifolia), Maiglöckchen (Convallaria majalis) und Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) könnten Laien durchaus als „gleichständig“ auffassen.

– „….die mit versetzten Blättern am Stängel sind giftig.“

Diese Aussage ist vollkommen unsinnig. Ja, es gibt Pflanzen mit wechselständigen Blättern (so der botanisch korrekte Begriff), die giftig sind. Aber die meisten Pflanzen mit wechselständigen Plättern sind ungiftig – auch viele wechselständige Heilpflanzen wie zum Beispiel Schafgarbe, Kümmel und Bibernell.

Diese Aussagen im Magazin „Via“ sind ein Beispiel dafür, wie man nicht vereinfachen sollte.

Der Text enthält aber auch sonst eine Reihe fragwürdiger Aussagen.

Beispielsweise:

– „Der Rote Enzian hilft dank seines Bitterstoffs gegen Bauchschmerzen und Krämpfe,…“

Das ist viel zu pauschal. Eine rein symptomorientierte Empfehlung ist hier nicht sinnvoll. Es kommt auf die Ursachen der Bauchschmerzen und Krämpfe an, ob Bitterstoffe wirksam sind – in den meisten Fällen dürfte das nicht der Fall sein.

Bitterstoffe regen die Produktion von Verdauungssäften an und können auch die Darmperistaltik beschleunigen. Sie wirken damit günstig bei Völlegefühl und Verdauungsschwäche, gegen Krämpfe wirken sie normalerweise nicht.

Im übrigen steht der „Rote Enzian“, präziser der Purpur-Enzian (Gentiana purpurea) in vielen Kantonen unter Naturschutz.

Und bei den Enzianen wird die Wurzel verwendet – damit zerstört man die Pflanze. Wenn schon selber gesammelt werden soll: Warum nicht eine Bitterstoffpflanze verwenden, die verbreitet vorkommt und gut nachwächst? Zum Beispiel Schafgarbe?

– „Augentrost….ist einfach ein wunderbares Heilmittel für allerlei Augenleiden,…“

Allerlei Augenleiden – das ist viel zu grenzenlos. Es verleitet dazu, dem Augentrost auch Wirksamkeit zuzutrauen bei Kurzsichtigkeit, Grauen Star, Grünem Star, Makuladegeneration usw.

Es ist aber schwer vorstellbar, dass Augentrost einfach immer gut fürs Auge ist – egal welche Ursache der Augenerkrankung zugrunde liegt.

Traditionell wendet man Augentrost bei leichten Bindehautentzündungen an. Gerbstoffe könnten dabei eine günstige Wirkung gegen Entzündungen erklären. Genauer untersucht worden ist das aber bisher nicht. Ich selber bevorzuge bei Bindehautentzündung Umschläge mit Schwarztee.

Empfehlung:

In den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin begegnet man nicht selten derart vagen Gummiaussagen wie „gegen allerlei Augenleiden“. Das sollte man immer als Warnzeichen nehmen und nachfragen, was damit genau gemeint ist.

Fazit:

Jede und jeder soll seine Meinung äussern und im Internet publizieren dürfen. Soweit klar. Aber es gibt auch eine Verantwortung von Autorinnen und Autoren für ihre Aussagen, insbesondere wenn es um die Behandlung und Heilung von Krankheiten geht. Und diese Verantwortung wird meiner Ansicht nach im Internet, aber auch in Büchern und im Unterricht, allzu oft nicht genügend wahrgenommen.

Wer sich im Internet informieren will, muss daher in der Lage sein, alle Aussagen sehr kritisch zu prüfen.

Siehe auch:

Naturheilkunde – sorgfältig prüfen lernen!

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei 

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Heilpflanzenkurse: Die Checkliste – so prüfen Sie die Qualität 

Quelle:

Die Ausgabe 5 / 2015 von „Via“ findet man als PDF auf der SBB-Website:

http://www.sbb.ch/sbb-konzern/medien/publikationen/via/archiv.html

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Meisterwurz (Imperatoria) als Antidot?

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Im Internet findet man zu jeder Heilpflanze eine riesige und unübersichtliche Zahl von Angaben bezüglich ihrer Wirkungen und Anwendungsbereiche. Dabei ist es oft nicht einfach, die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu prüfen.

Ich bin aber sehr überzeugt davon, dass es für Konsumentinnen und Konsumenten wichtig wäre, zu lernen, wie man solche Empfehlungen und Versprechungen prüft.

Konsumentinnen und Konsumenten werden sonst schlicht und einfach abgezockt.

Ein Beispiel soll das genauer illustrieren:

Vor einiger Zeit bin ich auf der Website einer Drogerie auf folgende Aussage über den Meisterwurz (Imperatoria) gestossen:

„Meisterwurz ist ein äusserst potentes Antidot gegen verschiedenste Giftwirkungen.“

Und:

„Imperatoria hilft bei akuten Vergiftungserscheinungen (ausgelöst durch verdorbene Nahrungsmittel, Giftpflanzen, Umweltgifte)“

(Anmerkung: Antidot = Gegenmittel gegen Gifte)

Diese Behauptung stammt ursprünglich von einem Hersteller von Pflanzentinkturen und fällt sehr aus dem Rahmen, denn in der Phytotherapie-Fachliteratur ist von einer Wirksamkeit der Meisterwurz als „äusserst potentes Antidot“ nichts bekannt. Im Internet kann aber jeder alles behaupten.

Darum habe ich bei diesem Drogisten nachgefragt, gegen welche Gifte genau Meisterwurz ein „äusserst potentes Antidot“ sei, bekam aber nur sehr ausweichende Antworten.

Das ist eigenartig. Wenn ich weiss, dass Meisterwurz ein „äusserst potentes Antidot gegen verschiedenen Giftwirkungen“ ist, dann müsste ich auch wissen, gegen welche Gifte es wirkt. Sonst kann ich eine solche Aussage gar nicht machen. Ein paar detaillierte Fallberichte müsste es dazu doch mindestens geben.

Für den „Behaupter“ ist es aber natürlich vorteilhaft, im allgemeinen zu bleiben und keine konkrete Aussage zu machen, gegen welche Gifte Imperatoria helfen soll. Tollkirsche? Nikotin? Abflussreiniger? Blausäure? DDT? Quecksilber?….

Sobald konkret ein Giftstoff genannt würde, könnte man kritisch Nachfragen. Wie kommt die Wirkung zustande? Wie stark ist sie? Wie schnell tritt sie ein? Wie stark muss Imperatoria dosiert werden? In welcher Form muss es eingesetzt werden (Meisterwurztee, Meisterwurztinktur, Meisterwurzextrakt)?

Dann würde schnell klar, dass es äusserst unwahrscheinlich ist, dass eine Pflanzenart gegen viele ganz verschieden wirkende Gifte wirksam sein kann.

Es gibt Pflanzeninhaltsstoffe, die als Antidot wirken können. Gerbstoffe, die zum Beispiel im Schwarztee vorhanden sind, binden Alkaloide wie beispielsweise das Atropin aus der Tollkirsche. Das funktioniert allerdings nur beschränkt und vor allem nur solange, wie die Alkaloide noch im Verdauungstrakt liegen. Wurden sie aus dem Verdauungstrakt in den Körper aufgenommen, können sie mit den Gerbstoffen, die im Verdauungstrakt bleiben, nicht mehr „zusammen kommen“.

Die Behauptung, dass Meisterwurz ein „äusserst starkes Antidot“ gegen viele Gifte ist, kommt umfassend und zugleich ausgesprochen vage daher.

Damit kann man alle weit verbreiteten Ängste vor vergifteter Nahrung und vor anderen Umweltgiften ansprechen und damit ausbeuten.

Vage und zugleich umfassende Versprechungen machen – das ist eine erfolgreiche Verkaufsstrategie.

Fazit: Konsumentinnen und Konsumenten werden in vielen Apotheken und Drogerien ausgenommen, solange sie nicht gelernt haben, Behauptungen und Versprechungen in Frage zu stellen.

Ausbildungen und Weiterbildungen im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde sollten daher nicht nur Wissen weitergeben, sondern auch vermitteln, wie sich Informationen prüfen und sortieren lassen.

Es geht darum die Fähigkeit zu vermitteln, Informationen mit präzisen Fragen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen.

Siehe auch:

Naturheilkunde – so erkennen Sie fragwürdige Aussagen

P.S. Meisterwurz (Peucedanum ostruthium, Doldenblütler) enthält im Wurzelstock (Imperatoriae rhizoma) 1,4 % ätherisches Öl und Bitterstoffe. Sie riecht sehr aromatisch. Aus der traditionellen Verwendung und aus den Inhaltstoffen lässt sich plausibel eine verdauungsfördernde Wirkung und eine schleimlösende Wirkung bei produktivem Husten ableiten.

In den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts war die Meisterwurz allerdings ein Universalheilmittel.

Solche Universalheilmittel (Panazeen = Allheilmittel) gab und gibt es in der Geschichte der Heilkunde in vielerlei Varianten. Das spricht für ein menschliches Bedürfnis nach Schutz und Heilung und hat daher weniger mit den Pflanzen und mehr mit den Menschen zu tun.

Hier ein paar Ausschnitte aus alten Kräuterbüchern zum Meisterwurz:

„..ist gut für alle kalten pesten des kalten Magen….Dienet wol zu der kalten Lungen, Keichen und feuchten Husten…bewegt den Schweiss.“

(Hieronymus Bock, 1489 -1554)

„Sie zertheilen und verzehren die groben, zähen, kalten flüsse im Leibe. Dienen wider den Husten. Sie zertrennen auch den schleimigen Lungenkoder und fürdern ihn zum aussreuspern.“

(Matthiolus, 1500 – 1577)

„…ist gut dem geschwollenen Magen…räumet die Brust, ist gut für langwirigen Husten.“

(Adam Lonicerus, 1528 – 1586)

„Er dient auch wider die Erkaltung der Brust und Lungen, vertreibt das Keichen und den kalten Husten…

Meisterwurtz stärcket und erwärmet den kalten schleimigen Magen….stärcket die Däuung….“

(Jakob Theodor Tabernaemontanus, gestorben 1590)

 

Historische Zitate aus: Arzneipflanzen in der Traditionellen Medizin; J. Benedum, D. Loew, H. Schilcher; Kooperation Phytopharmaka (Hrsg.), 2000.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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