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Alternative Krebstherapie mit Amygdalin (bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“): unwirksam und toxisch

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Bittere Aprikosenkerne enthalten einen verhältnismässig hohen Anteil an Amygdalin. Das cyanogene Glycosid Amygdalin spaltet während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab.

Bittere Aprikosenkerne werden insbesondere zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen, wobei dieser Einsatz in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist und Amygdalin für die Krebstherapie als toxische Substanz ohne Effekte einzustufen ist.

Vom europäischen EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Nach Angaben von Tox Info Suisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten.

Produkte mit Amygdalin oder seinen Abkömmlingen (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) haben in der Schweiz keine Zulassung und werden als bedenklich eingestuft. Dennoch werden sie seit einiger Zeit wieder verstärkt als alternatives Heilmittel für die Krebstherapie und zur Tumorprophylaxe beworben und eingesetzt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“.

Literatur:

– EFSA: Aprikosenkerne bergen Risiko einer Cyanidvergiftung, 27.04.2016

– Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

– BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5098&NMID=5144&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Dass Krebskranke nach alternativen Behandlungsmethoden suchen ist gut nachvollziehbar. Dass sie dabei anfällig sind für Täuschungen, zeigt sich allerdings nur allzu oft. Das Internet überquellt von unseriösen Angeboten zur Krebsheilung, von denen jede garantierten Erfolg verspricht. Skepsis ist angebracht. Wenn die Versprechungen nur zu einem allerkleinsten Teil wahr wären, hätten wir keine Probleme mehr mit Krebserkrankungen.

Bittere Aprikosenkerne sind seit Jahren ein Renner in der alternativen Krebsheilerszene, obwohl es keinerlei fundierte Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt. Man kann nur immer wieder dazu auffordern, nicht alles zu glauben, sondern Behauptungen kritisch zu prüfen – Fact checking heisst das ja neuerdings….

Rolf Thesen schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand fehlen klinische Belege für die Wirksamkeit von Amygdalin in der Krebstherapie. Angebliche positive Belege von In-vitro-Zellexperimenten oder Tiermodellen sind für einen Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichend, ebensowenig wie eine Vielzahl von Berichten über Einzelfälle und Fallserien mit angeblichen therapeutischen Erfolgen. Nur kontrollierte klinische Studien könnten diesen Nachweis erbringen. Die fehlen aber. Zudem gibt es eine Vielzahl von Berichten über erfolglose Behandlungen mit Amygdalin. Auch der häufig beworbene Nutzen von Amygdalin zur Krebsprophylaxe, etwa durch das Kauen von Aprikosenkernen, konnte nicht belegt werden.“

(http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542)

Eine gute Übersicht zum Stand des Wissens bietet ein Text im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM):

http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2014/3-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Siehe auch:

Krebsmittel Amygdalin / „Vitamin B17“ – oft propagiert, aber unwirksam

Unsinnige Krebstherapie mit bitteren Aprikosenkernen

 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen zur Frage: Sind Wunderheiler Scharlatane?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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„Naturheilkunde: Wenn Eltern ihre Kinder gefährden“

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Unter dieser Schlagzeile publizierte die „Süddeutsche“ kürzlich einen Bericht zur Verhandlung des Bundesgerichtshofes gegen eine Mutter und ihren Lebenspartner, die ihren Kilian mit stundenlanger Meditation, strenger Diät und Ananas-Papayasaft, aber ohne wirksame Medikamente gegen seine Krankheit kämpfen liessen, wodurch seine Lunge mehr und mehr verschleimte. Der Junge litt an Mukoviszidose und wäre dringend auf Medikamente angewiesen gewesen.

Ausserdem musste Kilian immer wieder fasten, obwohl bei Mukoviszidose kalorienreiche Ernährung nötig ist. Er wog schließlich nur noch knapp 30 Kilogramm – 20 Kilo weniger als für seine Größe normal.

Nur die Flucht zu seinem leiblichen Vater habe den damals 15-Jährigen vor dem sicheren Tod bewahrt, so der Richter – und die Medikamente, die er dann wieder bekam.

Die Mutter und ihr Lebensgefährte hätten sich der schweren Misshandlung von Schutzbefohlenen schuldig gemacht, fand das Gericht. Sie müssen wegen Misshandlung ins Gefängnis.

Der Angeklagte ist als „Guru von Lonnerstadt“ bekanntgeworden. Er bezeichnet sich selbst als „Lehrer der zeitlosen Weisheit“. Offenbar waren er und seine Partnerin davon überzeugt, die Krankheit mit ihren Naturheilverfahren heilen zu können – was sich als fataler Irrtum erwies.

Eingesehen haben sie ihren Irrtum und ihre Schuld aber noch nicht.

Und hier kommt die Schlagzeile der „Süddeutschen“ ins Spiel: Können Eltern ihre Kinder durch Naturheilkunde gefährden?

Eine Antwort darauf gibt im Beitrag Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin an der Universität im britischen Exeter:

„Viele Alternativbehandlungen sind harmlos. Aber leider sind die Behandler nicht immer harmlos.“

Nämlich dann, wenn sie ihre Kompetenzen überschreiten, Diagnosen verkennen oder lebensrettende schulmedizinische Behandlungen unterlassen.

 

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/naturheilkunde-glauben-mit-nebenwirkungen-1.2594935

http://www.infranken.de/regional/erlangenhoechstadt/Guru-aus-Lonnerstadt-erneut-vor-Gericht;art215,1109588

 

Kommentar & Ergänzung:

Edzard Ernst bringt es auf den Punkt: Es sind weniger die Behandlungen selbst, die mit Risiken verbunden sind (obwohl auch das möglich ist). Entscheidender ist die Haltung der Behandlerinnen oder Behandler. Und dazu muss ich sagen, dass mir im Verlaufe von rund 30 Jahren, in denen ich mich in den Bereichen Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Alternativmedizin bewege, wirklich viele Behandlerinnen und Behandler über den Weg gelaufen sind, bei denen ich grosse Zweifel habe, ob sie ihre Grenzen kennen. Ich vermisse in diesen Bereichen über weite Strecken eine ernsthafte Auseinandersetzung und Diskussion über Grenzen der eigenen Methoden. Ich treffe auf Allmachtsvorstellungen noch und noch und auf narzisstisch verstiegene Guru-Figuren wie diesen unsäglichen selbsternannten „Lehrer der zeitlosen Weisheit“, der in seiner Verblendung das Leben eines Kindes aufs Spiel setzt.

Konsumentinnen und Konsumenten kann man da nur entschieden zu kritischer Wachsamkeit raten. Je grösser die Versprechungen, desto unseriöser in der Regel das Angebot.

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Komplementärmedizin: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Heilpflanzenkurse: Die Checkliste – so prüfen Sie Qualität

Komplementärmedizin: Mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ratschläge im Internet zur alternativen Krebstherapie

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Sucht man im Internet Hinweise und Tipps zur alternativen Krebsbehandlung, stösst man auf eine Welle von Empfehlungen, die in den allermeisten Fällen ohne jede fundierte Basis sind.

Uta Melle, Brustkrebspatientin, hat dieses Phänomen in ihrem Blog im Magazin „Stern“ sehr zu Recht kritisiert:

„Als großer Freund der Komplementärmedizin suche ich immer nach neuen Möglichkeiten, die Schulmedizin bei der Therapie zu unterstützen. Neulich war ich deshalb wieder in einem Forum unterwegs und musste mir die Hände anbinden, um mich nicht einzumischen. Links, die suggerieren, dass man Krebs allein mit Beeren, gefrorenen Zitronen, Curcumin, Tropfen oder Cannabis heilen könnte.

Liest man sich das durch, ist außer vagen Andeutungen und leeren Behauptungen überhaupt nichts dahinter. Schlimmer noch: wenn man hinterfragt, wird man von ganz vielen Seiten aggressiv angegangen. Alles Menschen, die zwar keinen Krebs haben, mir aber Ratschläge erteilen….“

Ich kann das nur dreimal unterstreichen. Mich befremdet immer wieder, wie blind und zum Teil fanatisch offenbar viele Menschen an simpelste Lösungen für sehr komplexe Probleme glauben. Im Internet irrlichtern Tausende von Mitteln und Methoden herum, mit denen angeblich jeder Krebs sicher geheilt werden kann. Todsicher…

Und ja, es gibt fast immer aggressive Reaktionen, wenn man solche simplen Heilslösungen in Frage stellt.

Dieses Phänomen hat auch gesellschaftspolitische Konsequenzen. Wo kommen wir hin, wenn Bürgerinnen und Bürger auch als Wählerinnen und Wähler derart simplen Heilsversprechungen nachlaufen? – Wo bleibt die Kunst, Behauptungen mit kritischen Fragen auf ihre Substanz hin zu prüfen?

Ute Melle schreibt weiter zu ihren Erfahrungen im Internet:

„Hier schießen einem die Halbwahrheiten nur so entgegen. Die Labilität wird ausgenutzt: erst wird vor der Chemo gewarnt (teilweise mit verschwörungstheoretischen Ansätzen), dann werden ‚Alternativen’ aufgezeigt – im Endeffekt sehr teure ‚Behandlungen’ die keinen Effekt auf den Krebs haben und am Ende wird einem noch gesagt, man müsse nur eine Schuld begleichen, man müsse in sich horchen, dann geht der Krebs.“

Da zeigt sich die Verblendung, Arroganz und Anmassung, von denen die „alternativen“ Ratschläge an Krebspatienten oft geprägt sind.

Ratschläge sind eben manchmal nur eine besonders fiese Art von Schlägen.

 

Quelle der Zitate:

http://blogs.stern.de/obenohne/gefaehrliche-internetrecherchen/#more-233

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Medikamente – weder alt noch neu garantieren Wirksamkeit

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„Testing Treatements“ fordert „Faire Tests für medizinische Therapien“ und schreibt:

„Naturgemäß neigen wir zu der Auffassung, dass «neu» – wie in der Waschmittelwerbung – immer mit «besser» gleichgesetzt wird. Doch wenn man neue Therapien fair bewertet, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schlechter abschneiden als bereits bestehende Behandlungen, ebenso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich als besser erweisen. Ebenso natürlich ist unsere Neigung, etwas für sicher und wirksam zu halten, nur weil wir es schon lange kennen. Doch in der Medizin gibt es unzählige Beispiele dafür, dass Therapien aus Gewohnheit oder fester Überzeugung angewendet werden und nicht, weil ihre Wirksamkeit durch verlässliche Hinweise aus klinischen Studien (Evidenz) belegt ist: Therapien, die oftmals gar nicht helfen und manchmal sogar erheblichen Schaden anrichten.“

Quelle:

http://de.testingtreatments.org/tt-main-text/1-neu-aber-auch-besser/warum-wir-faire-tests-von-medizinischen-therapien-brauchen/

 

Kommentar & Ergänzung:

 

Das gilt für die Medizin genauso wie für das noch unübersichtlichere Gebiet, welches als Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin bezeichnet wird.

„Klassische“ Pharmafirmen verändern manchmal alte Arzneimittel, deren Patent abgelaufen ist, um eine Kleinigkeit, um sie dann neu patentiert als Innovation weiterhin auf hohem Preisniveau verkaufen zu können. Nicht immer ist das so geschaffene neue Produkt im Vergleich zum alten wirklich so deutlich besser, wie die Marketingabteilung es verkündet.

Aber auch in Komplementärmedizin / Alternativmedizin gibt es den „Novitäts-Bonus“ – er kommt beispielsweise als „Exotenbonus“ daher. Was von weit her kommt, von Indio-Stämmen aus den Anden oder von Regenwald-Bewohnern aus dem Amazonas – das muss besonders wirksam sein, jedenfalls solange es für uns neu ist.

Sehr oft berufen sich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin auf langjährige Traditionen. Aber auch Tradition hat nicht immer Recht. Tradition irrt auch immer wieder.

Siehe:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht? 

Daraus kann man meines Erachtens nur die Schluss ziehen, weder „Altem“ noch „Neuem“ blind zu vertrauten.

Die sehr informative Website „Testing Treatements“ zeigt auf, wie die Wirksamkeit von Therapien und Medikamenten überprüft werden kann – und wodurch sich qualitativ gute Studien von schlecht gemachen Studien unterscheiden.

Genauso wichtig scheint mir aber, dass Konsumentinnen und Konsumenten sich darin üben, Heilungsversprechungen mit kritischen Fragen auf ihre Substanz hin abzuklopfen.

Und das gibt selbstverständlich für Medizin, Komplementärmedizin, Alternativmedizin, Naturheilkunde oder was auch immer…

Siehe auch:

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde – Nachfragen statt blind glauben 

Komplementärmedizin- woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen? 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Arthroskopie bei Arthrose des Kniegelenks – therapeutischer Nutzen nicht belegt

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Der Nutzen einer therapeutischen Arthroskopie mit Lavage und gegebenenfalls Debridement zur Behandlung einer Arthrose des Kniegelenks (Gonarthrose) ist nicht belegt. 

Zu diesem Resultat kommt der am 12. Mai 2014 publizierte Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Für keinen patientenrelevanten Endpunkt zeigte sich gegenüber nicht aktiven Vergleichsinterventionen, zum Beispiel Scheinoperationen, ein Anhaltspunkt, Hinweis oder Beleg für einen Nutzen der therapeutischen Arthroskopie. Unter den aktiven Vergleichstherapien schnitt nur die Injektion von Glukokortikoiden in das Kniegelenk beim Endpunkt „globale Bewertung der Symptomatik der Gonarthrose“ schlechter ab als die Arthroskopie.

An diesem Befund änderte auch eine neue Studie nichts, in der Trainingstherapie unter physiotherapeutischer Aufsicht als Vergleichstherapie eingesetzt wurde.

 

Die Kniegelenk-Arthrose oder Gonarthrose ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, die oft in beiden Knien zugleich auftritt. Das zunehmende Gelenkversagen ist verbunden mit Veränderungen an der Gelenkstruktur, Schmerzen und reduzierter Beweglichkeit. Die Erkrankung erschwert tägliche Aktivitäten wie das Treppensteigen und kann die Lebensqualität beeinträchtigen. In Deutschland erkranken etwa 17 Prozent aller Männer und 27 Prozent aller Frauen im Lauf ihres Lebens an Arthrose, hauptsächlich in den Hüftgelenken und Kniegelenken. Zu den Risikofaktoren für die Gonarthrose zählen Alter, Geschlecht, genetische Faktoren und Übergewicht.

Bei der therapeutischen Kniegelenk-Arthroskopie wird das Kniegelenk gespiegelt und gespült mit einer Kochsalzlösung; gegebenenfalls werden zudem krankhaft veränderte Meniskus- oder Knorpelanteile abgetragen oder geglättet (Debridement). Das soll Beschwerden wie Schmerzen reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.

Das IQWiG verglich diese Maßnahme mit mehreren anderen Interventionen, darunter Nichtbehandlung, Scheinbehandlung und aktive Behandlungen ohne Arthroskopie, beispielsweise Injektionen von Glukokortikoiden ins Kniegelenk.

Von speziellem Interesse war dabei, wie sich diese Behandlungen auf die täglichen Aktivitäten und die Lebensqualität der Betroffenen auswirken. Aber auch Veränderungen der Symptomstärke und mögliche Nebenwirkungen der Behandlungen wurden verglichen, beispielsweise Infektionen nach Operationen.

Zu dieser Fragestellung fanden die Wissenschaftler elf randomisierte und kontrollierte Studien mit zusammen über 1000 Patientinnen und Patienten; allerdings waren etliche davon mit Unsicherheiten behaftet. Beispielsweise waren die Interventionen häufig nicht verblindet: Die Behandelten wussten dann, ob an ihnen eine Arthroskopie durchgeführt wurde oder nicht, obwohl durchaus Scheinarthroskopien durchführen werden können, bei denen ein kleiner Einschnitt am Knie erfolgt, anschließend jedoch nicht weiter operiert wird.

 

Gerade solche „Placebo-Operationen“ seien für die Bewertung aussagekräftig, wenn auch nicht unumstritten.
, schreibt das IQWiG.

Nutzen der therapeutischen Arthroskopie lässt sich nicht belegen

Aus den meisten Studienergebnissen lässt sich im Vergleich zur Scheinoperation und zur Nichtbehandlung kein Nutzen der therapeutischen Arthroskopie ableiten.

Darüber hinaus war zu möglichen Schäden durch unerwünschte Therapiewirkungen keine eindeutige Aussage möglich.

Dass invasive Behandlungsmethoden wie Operationen oft mit einem besonders großen Placeboeffekt verbunden sind, ist schon längere Zeit bekannt.

Dennoch war es laut IQWiG erstaunlich, wie groß in diesen Studien die gefühlte Verbesserung nach einer Placeboarthroskopie ausfiel.

Auch im Vergleich mit aktiven Maßnahmen überzeugte die Arthroskopie nicht. Nur gegenüber der Injektion von Glukokortikoiden ins Kniegelenk war die Arthroskopie leicht im Vorteil: Die Beschwerden fielen etwas geringer aus. Ob sich auch die Lebensqualität der Betroffenen besser entwickelte als bei der Injektion, erschloss sich aus dieser Studie jedoch nicht.

Für den Vergleich von arthroskopischen Eingriffen mit einer Trainingstherapie unter physiotherapeutischer Aufsicht wurden Daten von Patientinnen und Patienten ausgewertet, deren Gonarthrose mit einem Schaden des Innenmeniskus verbunden waren. Zu keinem Studienzeitpunkt zeigte sich bei den beiden Endpunkten Schmerz und globale Bewertung der Symptomatik ein signifikanter Effekt. Somit kommt das IQWiG zum Schluss, dass der Nutzen einer Arthroskopie des Kniegelenks zur Behandlung von Gonarthrose nicht belegt ist.

 

Quelle:

http://idw-online.de/pages/de/news586471

Kommentar & Ergänzung:

Der Nutzen von medizinischen Massnahmen für Patientinnen und Patienten muss sehr viel energischer überprüft werden und die Resultate müssen Konsequenzen haben.

Geschieht das nicht, so stellt sich die Frage, wie wirksam die Qualitätssicherung in der Medizin ist.

In dieser Hinsicht sind Medizin und Komplementärmedizin genau gleich zu behandeln.

Genau genommen ist es aber bereits ausserordentlich fragwürdig, zwischen Medizin und Komplementärmedizin zu trennen. Ich teile die Ansicht, dass es nicht einerseits Medizin und andererseits Komplementärmedizin gibt. Diese Spaltung ist willkürlich und bewirtschaftet ein problematisches Lagerdenken. Es gibt nur wirksame Medizin und unwirksame Medizin. Darum ist es meiner Ansicht nach übrigens auch unsinnig, dass die Schweiz in der Verfassung seit 2009 einen speziellen Artikel zur Förderung der Komplementärmedizin hat. Das Parlament, das den Stimmberechtigten diesen Artikel zur Abstimmung vorgelegt hat, ist einer Lobbyingaktion auf den Leim gegangen. Und die Stimmberechtigten wurden falsch und einseitig darüber informiert.

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Brustkrebs: Warnung vor geschönten Studien

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Mediziner in der Forschung wollen zu guten Resultaten kommen.

Weil sie Therapien fördern wollen, weil sie Geld von Pharmafirmen erhalten oder weil ihre Artikel dann eher publiziert werden.

Ein Mediziner-Team warnt nun, dass in zahlreichen Studien negative Nebeneffekte von Behandlungen verschwiegen werden.

Im Fachorgan „Annals of Oncology“ berichten sie, bei 164 untersuchten Brustkrebs-Studien seien bei zwei Dritteln die Nebeneffekte vernachlässigt worden oder gar nicht aufgetaucht. Das halten sie für riskant, weil praktizierende Mediziner keine Zeit hätten, sich ausgiebig mit den Studien zu befassen. Sie läsen nur die Zusammenfassungen (Abstracts) und richteten sich in der Praxis danach.

Die Autoren verlangen, Fachjournale müssten Wissenschaftler stärker dazu auffordern, ernste Nebeneffekte schon im Abstract aufzuführen, also im zusammenfassenden Teil der Studie.

Auch Pädiater und Kardiologen hatten zuletzt davor gewarnt, Studienresultate zu schönen.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=178602

http://annonc.oxfordjournals.org/content/early/2013/01/04/annonc.mds636.abstract

Kommentar & Ergänzung:

Studien mit Patientinnen und Patienten sind für die Forschung und damit für Fortschritt bei den Behandlungsmöglichkeiten enorm wichtig.

Es geht daher nicht um eine pauschale Ablehnung von Forschung, beispielsweise in der Onkologie. Gerade wer die Bedeutung von Studien anerkennt, muss aber Missstände umso härter kritisieren. Wenn ernsthafte Nebeneffekte bei zwei Dritteln der Studien irgendwo im hinteren Teil versteckt werden, dann ist dies ein solcher Missstand.

Wissenschaft ist dann wertvoll, wenn sie unabhängig ist. Gekaufte Wissenschaft ist keine Wissenschaft mehr.

Für eine unabhängige Wissenschaft braucht es Änderungen der politischen und finanziellen Rahmenbedingungen. So stellt sich die Frage, was dieser Gesellschaft eine unabhängige Wissenschaft wert ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Radiotipp: Ganz schön krank? – Die Pathologisierung der Gesellschaft (Bayern 2 RadioWissen)

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„Bei einem gebrochenen Fuß ist die Sache klar: Der Bruch muss behandelt werden. Was aber, wenn jemand vergesslich ist und Angst hat, an Alzheimer zu erkranken? Oder wenn ein lebhaftes Kind die Diagnose ADHS bekommt? Dann sind die Diagnosen manchmal nicht so eindeutig.“

So beschreibt der Radiosender den Inhalt des Beitrages.

Die Sendung können Sie hier nachhören.

Die zunehmende Medikalisierung und Pathologisierung aller Lebenslagen ist tatsächlich eine problematische Entwicklung, die ernsthaft diskutiert werden müsste.

Die Wechseljahre, das Älterwerden, Schwangerschaft und Geburt, die Leistungsfähigkeit in Beruf, Studium, Sexualität, Sport….alles braucht immer intensivere Behandlungen, selbst dann, wenn keine Beschwerden vorliegen.

Zu beachten ist dabei meiner Ansicht nach, dass für diese ungesunde Entwicklung nicht nur die Medizin verantwortlich ist. Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin sind hier voll mit dabei im fragwürdigen Trend.

Kummer? Nervosität beim Schulanfang? Trennungsschmerz? Einsamkeit? Für jede Lebenslage werden uns Unmengen an Globuli, Tropfen und Tabletten auf natürlicher Basis angeboten. Und weil die grosse Mehrheit der Leute davon ausgeht, dass solche Naturheilmittel sanft und nebenwirkungsfrei sind, kann wirklich hemmungslos und willkürlich durcheinander gemixt eingeworfen und geschluckt werden.

Problematisch daran finde ich vor allem die Haltung, die damit gefördert wird. Schon Kindern wird so vermittelt, dass es für jedes Unwohlsein, jedes kleine „Högerli“ im Leben ein Mittel braucht. Die Kompetenz des Organismus, mit kleineren Störungen selber fertig zu werden, wird damit unterlaufen. So entstehen psychische Abhängigkeiten und vielleicht gar eine Disposition zu Medikamentenmissbrauch.

Man müsste meines Erachtens einen simplen Grundsatz wieder mehr betonen:

Es braucht nicht immer etwas! Abwarten und Teetrinken ist oft (aber nicht immer) ein gute Idee. Manchmal hilft auch nur abwarten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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