Artikel mit Schlagwort ‘Baldrian’

Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Dienstag, August 24th, 2010

Weil die Menschen in Europa immer älter werden, bekommen Medikamente in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle. Wie wichtig, belegt die Statistik: In Deutschland nimmt jeder Kassenpatient über 60 Jahre im Durchschnitt drei Arzneimittel pro Tag ein! Das Problematische dabei: Zahlreiche dieser Medikamente sind ausgerechnet bei älteren Menschen mit Nebenwirkungen und sogar gefährlichen Risiken verbunden. Eine Arbeitsgruppe um die Wuppertaler Pharmakologin Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann hat jetzt zum ersten Mal eine für Deutschland gültige Liste von Arzneistoffen erstellt, die bei älteren Menschen wenn möglich vermieden werden sollten.

Die soeben publizierte PRISCUS-Liste (Dtsch.Arztebl. Int. 2010; 107(31-32): 543-51, www.priscus.net) liest sich wie ein Katalog der am häufigsten verordneten synthetischen Medikamente. 83 Arzneimittel haben die an der Beurteilung mitwirkenden 38 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen als für ältere Menschen „potentiell inadäquate Medikamente“(PIM) eingestuft. Dazu zählen die in Deutschland besonders oft verordneten Schlaf- und Beruhigungsmittel Benzodiazepine, Z-Substanzen, Chloralhydrat und Diphenhydramin. Sie gefährden die Alltagssicherheit und das Reaktionsvermögen und sind eine häufige Ursache von schweren Stürzen. Benzodiazepine beispielsweise steigern das Risiko von Knochenbrüchen bei älteren Patienten um 50 bis 110 Prozent! Gefürchtet sind jedoch auch ihre unerwünschten Wirkungen auf die Psyche: Sie reichen von paradoxen Reaktionen wie Unruhe und Reizbarkeit bis hin zu Depressionen und Psychosen.

Als eine der wenigen therapeutischen Alternativen, welche ohne unangemessene Risiken auch bei älteren Patienten angewendet werden können, nennt die PRISCUS-Liste pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian. Die beruhigende und Schlaf anstoßende Wirkung von Baldrian-Extrakten ist in randomisierten und kontrollierten wissenschaftlichen Studien gut dokumentiert. In keiner dieser Untersuchungen zeigte sich ein Hinweis auf eine Verschlechterung der Konzentration, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Wahrnehmung oder der Wachheit. Eine Erhöhung der Sturzgefahr muss nach Einnahme von Baldrian-Extrakten ebenfalls nicht befürchtet werden. Weil Baldrian-Extrakt den Schlafrhythmus nicht störet und nicht abhängig machen, können diese Heilpflanzen-Präparate im Gegensatz zu Benzodiazepinen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Quelle:

www.phytotherapie-komitee.de    KFN 14/2010 – 19.08.2010

Kommentar & Ergänzung:

Die erhöhte Sturzgefahr bei älteren Menschen durch Schlafmittel oder Beruhigungsmittel sind ein ernsthaftes Problem. Heilpflanzen-Präparate auf der Basis von Baldrian-Extrakt, eventuell in Kombination mit Hopfen-Extrakt, Melissen-Extrakt oder Passionsblumen-Extrakt,  sind in vielen Fällen eine sichere und empfehlenswerte Alternative.

Zu beachten ist dabei aber:

Um das Potenzial von Baldrian optimal zu nutzen, scheint die Einnahme über längere Zeit sinnvoll zu sein, darauf deuten jedenfalls klinische Studien hin.

Die Qualität der Baldrian-Zubereitungen ist sehr unterschiedlich. Gut mit Patienten-Studien belegt sind die beruhigenden und schlafanstossenden Wirkungen nur für eine kleine Zahl von Baldrian-Präparaten auf der Grundlage von Trockenextrakten.

Baldriantinktur muss ausreichend stark dosiert werden. Die Dosierung ist abhängig von der Herstellungsweise der jeweiligen Tinktur: Frischpflanzentinkturen zum Beispiel enthalten in der Regel geringere Wirkstoffmengen als Tinkturen nach Arzneibuch aus getrockneten Baldrianwurzeln und müssen daher höher dosiert werden. Für die heute oft propagierten Tiefstdosierungen von zum Beispiel 3 mal täglich 3 – 5 Tropfen Baldriantinktur gibt es keinerlei Hinweise auf eine Wirkung, die über Placebo hinaus geht. Diese Tiefstdosierungs-Empfehlungen gehen zurück auf einen Hersteller von Pflanzentinkturen, der seine Produkte für 10mal wirksamer hält als vergleichbare Produkte der Konkurrenz. Sieht nach Selbstüberschätzung aus.

Es gibt jedenfalls meines Erachtens keine auch nur ansatzweise überzeugenden Argumente für die Richtigkeit dieser Behauptung und damit für die Tiefstdosierungen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten daher wachsam und kritisch bleiben, damit sie nicht Naturheilmittel mit stolzem Preis aber fragwürdiger Qualität kaufen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

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Pflanzenheilkunde bei Frauenleiden…..

Dienstag, August 10th, 2010

Mit diesem Thema befasst sich die Boulevardzeitung „Krone“. Ein Beispiel für „Halbfalschheiten“ bzw. „Halbrichtigkeiten“, wie sie bei Medienberichten über Heilpflanzen nicht selten anzutreffen sind.

Die „Krone“ titelt: „Frauenleiden und die Pflanzen, die dagegen helfen“.

Und sie fährt fort:

„ Als Frau empfindet man die Einnahme von Medikamenten bei vielen Leiden oft als Belastung und macht sich Gedanken über die viele Chemie, die man einnimmt. Über pflanzliche Alternativen wissen wir leider oft nur ungenau oder nicht Bescheid und würden uns wünschen, einen Arzt zu haben, der darüber aufklärt und möglicherweise neben Medikamenten auch eine sanfte Therapie anbietet.“

Soweit einverstanden. Dann folgt ein Ausrutscher:

„ Sei es das Johanniskraut bei Depressionen oder Bärentraubenblätter bei einer Blasenentzündung – für jede Erkrankung kennen Forscher das passende Heilmittelchen.“

Die Angaben zum Johanniskraut und zur Bärentraube stimmen, aber dass die Forscher für jede Erkrankung das passende Heilmittelchen kennen, ist eine oft gehörte Übertreibung, die auch mit unzähligen Wiederholungen  nicht wahrer wird. Das wäre allzu schön, um wahr zu sein. Und es wäre seriöser, auf solche Aufplusterungen zu verzichten.

Dann präsentiert die „Krone“ „ein paar typische Frauenleiden und Pflanzen, die dagegen helfen“.

Ich kommentiere die Empfehlungen nachstehend:

- Blasenentzündung
Bärentraubenblätter als Tee oder Fertigarzneimittel
Johanniskraut als Tee, Tinktur oder Fertigarzneimittel“

Kommentar: Bärentraubenblätter sind bei akuter Blasenentzündung wirksam, für Johanniskraut allerdings fehlt jeder Beleg für eine Wirksamkeit bei Blasenentzündung. In der Phytotherapie-Fachliteratur taucht der Anwendungsbereich „Blasenentzündung“ beim Johanniskraut nicht auf. Das schliesst eine Wirksamkeit nicht aus, doch müssten solche aus dem Rahmen fallenden Empfehlungen detailliert begründet werden.

- Brustschmerzen
Mönchspfeffer als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform
Wolfstrappkraut als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform.“

Kommentar: „Brustschmerzen“ ist als Indikation viel zu ungenau. Darunter könnte man zum Beispiel auch Angina pectoris verstehen. Im Zusammenhang mit dem Mönchspfeffer geht es um Brustspannen bei Prämenstruellem Syndrom (PMS). In diesem Bereich ist Mönchspfeffer als wirksame Heilpflanze anerkannt.

Dem Wolfstrappkraut hat die Kommission E als Indikation Mastodynie zugestanden, also schmerzhafte und geschwollene Brüste. Überzeugende Studien dazu fehlen allerdings. Da Wolfstrappkraut die Aktivität der Schilddrüse  beeinflusst, ist seine Anwendung zudem nicht ganz unproblematisch.

- Depression
Johanniskraut als Fertigarznei“

Kommentar: Korrekt. Leichte und mittelschwere Depressionen wäre genauer.

- Harnwegsinfekt
Sägepalme als Fertigarznei in Tropfen oder Kapseln“

Kommentar: Unsinnig. Die Wirksamkeit gewissen Extrakte aus der Sägepalme ist gut dokumentiert bei gutartiger Prostatavergrösserung der älteren Männer. Allenfalls könnte die Sägepalme auch Beschwerden bei Reizblase der Frau lindern, doch ist dies nicht gesichert. Für eine Wirksamkeit bei Harnwegsinfekten gibt es in der Phytotherapie-Fachliteratur meines Wissens keine Hinweise. Die Begriffe „Harnwegsinfekt“ und „Blasenentzündung“ überschneiden sich zudem, was eher verwirrlich ist.

- Klimakterische Beschwerden
Traubensilberkerze als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform“

Kommentar: Okay, allerdings nicht im Frühklimakterium, sondern spezifisch bei Wallungen.

- Prämenstruelles Syndrom
Mönchspfeffer als Fertigarznei in Tropfen oder Tablettenform
Johanniskraut als Fertigarznei“

Kommentar: Ja, Mönchspfeffer bei Prämentruellem Syndrom, vor allem wenn verbunden mit Brustspannen (Mastodynie). Überschneidung mit Punkt „Brustschmerzen“. Johanniskraut nur bei Prämenstruellem Syndrom Typ D, also mit depressiver Symptomatik.

- Schlafstörungen
Passionsblume als Tee, Fertigarznei oder alkoholische Lösung“

Kommentar: Okay, mindestens so wirksam wären allerdings Kombinationen von Baldrian mit Hopfen.

- „Schmerzhafte Regelblutung
Gänsefingerkraut als Tee“

Kommentar: Gänsefingerkraut bei Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) ist schlecht dokumentiert, kann Frau aber gut probieren.

- Zyklusstörungen
Mönchspfeffer als Fertigarznei“

Kommentar: Zyklusstörungen als Indikation ist zu ungenau. Präziser wäre: Zyklusstörungen infolge Gelbkörperinsuffizienz.

Abschliessend: Ein unsorgfältiger, wirrer, fehlerhafter Artikel, der wieder einmal zeigt, wie wenig die Qualitätssicherung in diesem Bereich der Medien greift. Den Konsumentinnen und Konsumenten kann man nur raten, nicht einfach zu glauben, was auf Papier gedruckt oder im Internet veröffentlicht wird, sondern sich selber schlau zu machen.

Phytotherapie hat im Bereich Gynäkologie einiges zu bieten. Präzise Infos dazu zum Beispiel im Heilpflanzen-Seminar oder im Phytotherapie-Lehrgang.

Quellenangabe zum Krone-Artikel:

http://www.krone.at/Gesund-Fit/Frauenleiden_und_die_Pflanzen._die_dagegen_helfen-Kraeutermedizin-Story-212575, medical press (tönt doch seriös, oder?)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] Blütenpflanzen und ihre Gäste, Band 2, von Helmut Hintermeier

Donnerstag, August 5th, 2010

Verlagsbeschreibung

Neben Gartenblumen von hohem Zierwert werden häufige und verbreitete Wildpflanzen und Obstgewächse vorgestellt. Die Pflanzenporträts enthalten auch Informationen über die Bedeutung der jeweiligen Pflanze in der Volksmedizin, in Brauchtum, Aberglaube und Mythologie. Zum Shop

Kommentar:

Blütenpflanzen und ihre Gäste, Teil 2

Teil 2 stellt weitere 51 Pflanzen mit ihren Beziehungen zur Tierwelt vor. Von den Heilpflanzen werden beschrieben Weissdorn, Wegerich, Schafgarbe, Wegwarte, Johanniskraut, Weidenröschen, Baldrian, Fingerhut, Brennessel, Faulbaum, Efeu und Eiche.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde, Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen

Schlafmittel begünstigen Stürze älterer Menschen

Mittwoch, Juli 14th, 2010

Die Einnahme von Schlaftabletten oder Beruhigungsmitteln, aber auch von Medikamenten gegen Depressionen erhöhen bei älteren Personen die Gefahr von schweren Stürzen, die im Alter mit einer hohen Morbidität und Mortalität einhergehen. Fachleute raten in den Archives of Internal Medicine (2009; 169: 1952-1960) zu einer zurückhaltenden Verordnung.

Mehr als 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahre stürzen mindestens einmal jährlich. Dabei erleiden sie nicht selten Verletzungen und Knochenbrüche, die eine Hospitalisierung nötig machen. Nicht weniger als 85 Prozent aller verletzungsbedingten Klinikbehandlungen und 40 Prozent aller Einweisungen in Pflegeheime werden durch Stürze von Senioren verursacht, berichten John Woolcott und Mitarbeiter von der Universität Vancouver.

Die Gründe für die Stürze sind vielfältig. Nicht selten werden sie jedoch durch Medikamente begünstigt. Dies war vor zehn Jahren schon Gegenstand einer Meta-Analyse (RM Leipzig et al. J Am Geriatr Soc 1999; 47: 30-9 und 40 bis 50). In der Zwischenzeit wurden 22 weitere Studien dazu veröffentlicht.

Sie stellen in die Aussagen auf eine solide Basis von beinahe 80.000 Patienten im Alter von mehr als 60 Jahren. Für Sedativa und Hypnotika (Odds Ratio OR 1,47), Antidepressiva (OR 1,68) und Benzodiazepine (OR 1,57) wurde ein signifikant erhöhtes Risiko für Stürze gefunden.

Beta-Blocker und Diuretika, welche in früheren Studien mit einer erhöhten Sturzgefahr in Verbindung gebracht wurden, sind nicht mehr betroffen. Woolcott fordert zu einem indikationsgerechten Einsatz der psychotropen Medikamente auf, weil dadurch zahlreiche Stürze vermieden werden könnten.

Quelle:

www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Beitrag im Aerzteblatt ist meines Erachtens ein starkes Argument für Schlafmittel aus Heilpflanzen wie Baldrian, Passionsblume, Hopfen oder Melisse, bei denen eine Erhöhung der Sturzgefahr nicht zu befürchten ist. Solche Heilpflanzen-Extrakte helfen nicht in jedem Fall, aber doch oft genug, um sie als ernsthafte Option zu berücksichtigen.

Auch Lavendelöl sollte als Schlafhilfe und Beruhigungsmittel vermehrt berücksichtigt werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Baldrian-Wirkstoff als Angstlöser

Mittwoch, Juni 2nd, 2010

Ein Wirkstoff aus Baldrian wird als Basis für neue angstlösende Medikamente erforscht: Wissenschaftler der Universität Wien synthetisieren neuartige potenzielle Wirkstoffe in Ableitung von Substanzen, die in der Baldrian-Pflanze enthalten sind. Das gemeinsame Ziel der Chemiker und Pharmakologen ist es, angstlösende Arzneistoffe zu entwickeln, welche besser verträglich sind und weniger unerwünschte Wirkungen besitzen. In der aktuellen Ausgabe des British Journal of Pharmacology (BJP) werden Resultate dazu veröffentlicht.

In Österreich leiden über 800.000 Menschen an Angsterkrankungen, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Unter den Begriff Angststörungen fallen verschiedene Symptome wie Schlafstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Erregung. Herkömmliche Medikamente wie Antidepressiva oder Tranquillizer haben zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen und können innerhalb von Wochen zur Abhängigkeit führen.

Hilfe aus der Naturmedizin

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird Baldrian seit dem 18. Jahrhundert bei Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress, Reizbarkeit und Angstzuständen eingesetzt. Vor zwei Jahren zeigte das Team um Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, erstmals, dass der Naturstoff Valerensäure aus dem Baldrian einen bestimmten Typ von sogenannten GABAA-Rezeptoren auf Nervenzellen anregt. Dadurch wird die Erregbarkeit von Nervenzellen vermindert. Weiterführende Untersuchungen kamen dann zum Schluss, dass Valerensäure eine angstlösende und schlaffördernde Wirkung hat.

Die in der Praxis oft verordneten Benzodiazepine (ein bekannter Vertreter ist “Valium”) führen rasch zur Abhängigkeit und können  unerwünschte Wirkungen entfalten, wie beispielsweise Tagesmüdigkeit (“hang over”), Gangunsicherheit und Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit. Das Team um Hering geht davon aus, dass die aus Baldrian gewonnene Valerensäure nur gewisse Subtypen von GABAA-Rezeptoren beeinflusst. Daraus zieht Post-Doc Sophia Khom vom Department für Pharmakologie und Toxikologie folgenden Schluss: “Der große Vorteil dessen wäre, dass dadurch nur ganz bestimmte Hirnareale stimuliert werden, so weniger Nebenwirkungen entstehen und das Abhängigkeitspotenzial vermindert werden könnte.”

Synthetisierte Derivate wirksamer

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Johann Mulzer, Professor am Institut für Organische Chemie der Universität Wien, und Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, synthetisierte Jürgen Ramharter (Organische Chemie) nicht nur den Baldrian-Inhaltsstoff Valerensäure, sondern stellte auch Derivate davon her, also von der Valerensäure abgeleitete Wirkstoffe. Die Pharmakologin Sophia Khom erläutert dazu: “Mehrere der synthetisierten Derivate sind im Vergleich zur Valerensäure deutlich stärker wirksam. Bei einer der neu synthetisieren Verbindungen war die Wirkung auf den Rezeptor mehr als doppelt so stark.”

Der Pharmakologe und Department-Leiter Steffen Hering stellt dazu fest: “Wir sind auf einem guten Weg, auf Basis der Valerensäure neue, angstlösende Wirkstoffe zu finden, die für die Entwicklung von Arzneistoffen geeignet sind. Einige der bisher untersuchten Substanzen haben bereits eine deutlich stärkere Wirkung als der Naturstoff aus dem Baldrian selbst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir unter den Derivaten auch Wirkstoffe finden, die bei Epilepsie eingesetzt werden können.”

Quelle:

http://derstandard.at

Originalpublikation:

British Journal of Pharmacology: Valerenic acid derivatives as novel subunit-selective GABA(A) receptor ligands – in vitro and in vivo characterization. S. Khom, B. Strommer, J. Ramharter, T. Schwarz, C. Schwarzer, T. Erker, G.F. Ecker, J. Mulzer, S. Hering.

Kommentar & Ergänzung:

Eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen aus der Baldrianwurzel sind in den letzten Jahren auf ihre angstlösenden und / oder schlaffördernden Wirkungen untersucht worden. Ich bin nicht gegen diese Forschungen an einzelnen Baldrian-Wirkstoffen. Festzuhalten bleibt aber: Phytotherapie setzt ganze „Teams“ von Wirkstoffen ein, zum Beispiel in Form von Tees, Tinkturen oder Extrakten. Bisher jedenfalls kann man die Baldrianwirkung nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff zurückführen.

Ich kann auch nachvollziehen, dass Forschende einen Inhaltsstoff wie die Valerensäure synthetisiert und nach Abkömmlingen mit stärkerer Wirkung sucht.  Es ist aber voraussehbar, dass diese „Optimierung“ auch einen Preis haben wird. Die verstärkte Wirkung geht mit prägnanteren Eingriffen in den Organismus einher – beispielsweise mit einer grösseren Veränderungen der Schlafarchitektur. Daher wird bei solchen optimierten Molekülen auch mit verstärkten unerwünschten Nebenwirkungen und erhöhten Risiken zu rechnen sein.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Schlafstörungen ohne Hangover mit Heilpflanzen-Präparaten behandeln

Donnerstag, Mai 27th, 2010

Gute Schlafmittel machen wach, denn Schlafstörungen belasten Betroffene in zweierlei Hinsicht: Nicht einschlafen können oder stundenlanges Wachliegen quält in der Nacht, und am folgenden Tag fühlt man sich unausgeschlafen, müde und unkonzentriert. Das ideale Schlafmittel sollte sowohl Einschlafen als auch Durchschlafen unterstützen, und am folgenden Tag sollte man sich frisch, ausgeruht und leistungsfähig fühlen.

Benzodiazepine, die zu den am häufigsten verwendeten Schlafmitteln zählen, erfüllen nur den ersten Teil dieser Anforderungen. „Hangover“, also unangenehme Nachwirkungen am Tag, sind ihr typisches Problem.

Obwohl Benzodiazepine die Schlafzeit verlängern, berichten Anwender zwei- bis viermal mehr über Tagesmüdigkeit und Benommenheit. Dies ist nicht nur subjektiv belastend, sondern birgt auch Gefahren. Umfangreiche Fall-Kontroll- und Kohortenstudien fanden bei Unfallfahrern 60 Prozent häufiger die Anwendung von Benzodiazepinen, als bei unfallfreien Fahrern. Auch bei Fahrsicherheitsuntersuchungen im realen Straßenverkehr wurden signifikante Beeinträchtigungen festgestellt, so dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis sedierender Schlafmittel in Frage gestellt wurde, vor allem bei älteren Menschen.

Bieten Heilpflanzen-Präparate hier Vorteile?

Seit Jahrtausenden wird in unterschiedlichen Kulturen das Wissen über Schlafmittel aus der Pflanzenheilkunde weitergegeben. Präparate aus fünf Heilpflanzen wurden inzwischen vom Herbal Medicinal Products Committee (HMPC), der europäischen Zulassungsbehörde, als traditionelle pflanzliche Schlafmittel offiziell anerkannt:

Die ausgleichenden und schlaffördernden Wirkungen von Zubereitungen aus Melissenblättern (Melissa officinalis L.) wurden bereits im 1. Jahrhundert von Plinius schriftlich erwähnt. In der traditionellen chinesischen Medizin sind seit alters her die schlaffördernden Wirkungen von Hopfenzapfen (Humulus lupulus L.) bekannt, ab dem 9. Jahrhundert wurde Hopfen in Europa vermehrt angebaut und dieses Wissen fand Eingang in die europäische Kultur. Die Azteken sowie die Indianer Nordamerikas verwendeten traditionell die Passionsblume (Passiflora incarnata L.), welche im  16. Jahrhundert durch die spanischen Eroberer für die westliche Kultur entdeckt wurden; seit dem 18. Jahrhundert wird die Passionsblume als Schlafmittel in der nordamerikanischen Literatur aufgeführt.

Baldrian (Valeriana officinalis L.) oder eine ähnliche Heilpflanze wurden bereits in der Antike medizinisch eingesetzt, die entspannenden und schlaffördernden Eigenschaften wurden aber erst um die Jahrhundertwende erkannt und in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 1916 von Holste beschrieben.

Haferkraut oder Grünhafer (Avena sativa L.) wurde ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schlafmittel bekannt.

Diese traditionellen Pflanzen wurden als Einzelsubstanz, oft jedoch auch in Kombination angewendet.

Für solche Kombinationen konnten jüngste wissenschaftliche Studien eine biochemische Begründungen liefern. Zahlreiche Substanzen mit beruhigender und schlafanstoßender Wirkung, z. B. Alkohol, Benzodiazepine oder Barbiturate, beeinflussen den Stoffwechsel und die Wirkweise des Nervenbotenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (GABA), welcher das beruhigende Prinzip im Gehirn darstellt. Valerensäure und Valerenol aus Baldrian sowie Extrakte aus der Passionsblume modulieren den GABAA Rezeptor, wodurch GABA über diesen Rezeptor eine stärkere Wirkung entwickelt.  Alkoholischer Baldrianextrakt unterstützt die Synthese von GABA, indem er die Aktivität der Glutaminsäuredecarboxylase erhöht.

Wässriger und alkoholischer Extrakt aus Melisse vermindert den Abbau von GABA über die GABA-Transaminase.

Diese Befunde liefern die biochemische Begründung für eine Kombination speziell aus Baldrian und Melisse, für die in placebokontrollierten Studien sowohl bei schlafgestörten Patienten als auch bei Gesunden eine Besserung der Schlafqualität und des Tagesbefindens belegt werden konnte.

Leistungsfähigkeit und Verkehrssicherheit bei Baldrian & Co

Weil Baldrian, Melisse und Passionsblume auf dieselben Stoffwechselwege im Gehirn einwirken, über die auch Benzodiazepine wirksam sind, war es nötig, einen möglichen Einfluss solcher Pflanzenpräparate auf die psychomotorische Leistungsfähigkeit zu untersuchen.

Es liegen die Resultate aus acht placebokontrollierten Studien vor, in denen Extrakte aus Baldrian alleine oder in Kombination mit Hopfen und/oder Melisse placebokontrolliert untersucht und mit Benzodiazepinen und dem Betablocker Propranolol verglichen wurden. Dabei wurden Baldrianextrakte bis zu einer Dosierung von 1800 mg als Einzeldosis, sowie bis zu 640 mg Tagesdosis als Dauertherapie untersucht, Hopfenextrakt bis zu 300 mg als Einzeldosis und Melissenextrakt bis zu 510 mg pro Tag als Dauertherapie.

In keiner der Studien fand sich durch die Heilpflanzen-Präparate eine Einschränkung von Wahrnehmung, Einscheidungsfähigkeit, Konzentration, kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit oder Vigilanz am Tag.

Sedierung, Tagesmüdigkeit oder Benommenheit wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studien nicht stärker empfunden als unter Placebo. Auch bei einer gleichzeitigen Alkoholzufuhr (0,5 Promille Blutalkoholkonzentration) führte die über zwei bis drei Wochen durchgeführte Einnahme von Baldrian kombiniert mit Melisse oder als Dreierkombination (zusätzlich mit Hopfen) nicht zu einer über die Wirkung des Alkohols hinaus gehenden Einschränkung. Im Gegensatz dazu konnte in diesen Studien der sedierende Hangover durch Benzodiazepine regelmäßig bestätigt werden.

Acht placebokontrollierte Doppelblindstudien zeigten mit unterschiedlichen Methoden, Extrakten, Dosierungen und Behandlungszeiten den stabilen, konsistent wiederholbaren Befund, dass hochwirksame pflanzliche Schlafmittel aus Baldrianextrakt alleine oder in Kombination mit Extrakten aus Melisse und / oder Hopfen keine kognitiven oder psychomotorischen Einschränkungen am Tag nach sich ziehen.

Schlafstörungen lassen sich mit pflanzlichen Schlafmitteln ohne Hangover therapieren. Diese Aussage gilt selbstverständlich nur für die pflanzlichen Arzneimittel (Phytopharmaka) mit in placebokontrollierten Studien nachgewiesener Wirksamkeit.

Quelle:

http://www.phytotherapie-komitee.de/News/pk_21_04_10/Burkart-Statement.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Das ist tatsächlich einer der wichtigen Vorteile von Heilpflanzen-Präparaten zur Schlafförderung, dass bei Hangover befürchtet werden muss. Und für Extrakte aus Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Melisse ist die schlafanstossende Wirkung am besten dokumentiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die beschriebenen Wirkungen  auf das GABA-System keine Soforteffekte sind, sondern eine gewisse Anlaufszeit brauchen – wie das von Baldrian bekannt ist.

Eine weitere wichtige Schlafpflanze ist der Lavendel, wobei hier in der Regel das ätherische Lavendelöl zur Anwendung kommt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen-Präparate für erholsamen Schlaf

Dienstag, Mai 4th, 2010

Für Schlafmittel aus Baldrian, Hopfen, Melisse, Passionsblume oder Haferkraut  sprechen mehrfache Vorteile.

Schlafmittel mit hoch konzentrierten Heilpflanzen-Extrakten aus Baldrian, Hopfen, Melisse, Passionsblume oder Haferkraut erleichtern nicht nur das Ein- und Durchschlafen, sie fördern auch eine physiologische Schlafarchitektur, bewirken keinen Hangover und machen die Patienten wach und fit für den nächsten Tag.

Dagegen seien zahlreiche Menschen, die mit Benzodiazepinen als gebräuchlichste synthetische Schlafmittel meist schnell in den Schlaf finden, damit dennoch nicht zufrieden. Darauf hat Dr. Martin Burkart vom Phytopharmaka-Hersteller Dr. Willmar Schwabe bei einer Veranstaltung des Komitees Forschung Naturmedizin e.V. (KFN) in München hingewiesen. Denn zusätzlich zu ihrem Abhängigkeitspotenzial, welches die Einnahme von Benzodiazepinen limitiert, veränderten diese Mittel nachweislich die Schlafqualität und ihre sedierende Wirkung überdauert häufig die Nachtruhe. Dies führe dazu, dass man sich mit solchen Schlafmitteln trotz schnellen Ein- und guten Durchschlafens am nächsten Morgen oft unausgeruht und leistungsschwach fühle.

Pflanzliche Schlafmittel mit hoch konzentrierten Heilpflanzen-Extrakten aus Baldrian, Hopfen, Melisse, Passionsblume oder Haferkraut sowie verschiedenen Kombinationen daraus hätten sich in klinischen Studien als wirksame Ein- und Durchschlafhilfen ohne negative Begleiterscheinungen der Behandlung erwiesen.
Viele pflanzliche Schlafmittel beruhigten und entspannten, ermüdeten jedoch nicht aktiv. Dies sei in Experimenten mit Gesunden bestätigt worden, wonach tagsüber eingenommene pflanzliche Schlafmittel in üblichen Dosierungen im Gegensatz zu vergleichsweise niedrig dosierten Benzodiazepinen weder ein Müdigkeitsgefühl hervorriefen noch zu signifikanten Einschränkungen in Kognitions-, Vigilanz- und Psychomotoriktests führten, erklärte Burkart.

Während die veränderten nächtlichen Wellenmuster im EEG bei Schlafgestörten durch die Einnahme klinisch geprüfter pflanzlicher Schlafmittel in eine physiologische Richtung korrigiert werden, verstärkten Benzodiazepine auffällige Abweichungen eher, so Professor Wilfried Dimpfel aus Gießen. Er begründete diese Aussage mit eigenen Daten, die er dazu erhoben hat.

Quelle:
http://www.aerztezeitung.de/

Kommentar & Ergänzung:

Die Vorteile pflanzlicher Schlafmittel werden in diesem Beitrag gut dargestellt. Insbesondere bei  älteren Menschen können synthetische Schlafmittel die Sturzgefahr erhöhen, was bei Heilpflanzen-Präparaten nicht der Fall ist.

Ergänzt werden müsste noch, dass die erwähnten Heilpflanzen – Baldrian,  Hopfen, Passionsblume, Melisse, Haferkraut -  in ihrer Wirkung sehr unterschiedlich gut dokumentiert sind.

Während beispielsweise die Wirkung von Baldrian gut untersucht und belegt ist,  fehlen für die Wirksamkeit  von Haferkraut  fundierte Hinweise.

Nicht erwähnt wird im Beitrag  der Lavendel (Lavandula angustifolia). Lavendelblüten enthalten das ätherische  Lavendelöl, welches beruhigende Wirkung hat.

Im übrigen ist es wichtig festzuhalten, dass es grosse Qualitätsunterschiede gibt bei den schlaffördernden Naturheilmitteln. In Apotheken, Drogerien oder im Internet werden auch Naturheilmittel verkauft, deren Wirksamkeit höchst fraglich ist.


Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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ZDF-Doku: Was ist Phytotherapie?

Donnerstag, März 18th, 2010

Phytotherapie wird von vielen Leuten immer noch verwechselt und in einen Topf geschmissen mit Homöopathie, Bachblüten, Spagyrik oder ähnlichen Methoden.

Dabei unterscheiden sich die theoretischen Grundlagen, die Weltbilder und der Forschungsstand dieser Verfahren fundamental. Längst nicht alle Naturheilmittel aus Heilpflanzen zählen zur Phytotherapie.
Nur wer differenzieren kann ist auch in der Lage, eine fundierte Wahl zu treffen.

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) brachte am 20. September 2009 unter “Doku Gesundheitsthemen” einen Bericht über die moderne Phytotherapie.
Als Expertin Auskunft gibt Prof. Karin Kraft vom Lehrstuhl für Naturheilkunde in Rostock, eine ausgewiesene Kennerin der Phytotherapie.

Die Sendung ist in sechs Teilen auf youtube veröffentlicht worden.
Hier die Links und eine kurze Beschreibung des Inhalts.

Moderne Phytotherapie Teil 1:
www.youtube.com/watch

Beinwell (Wallwurz) bei Verstauchungen, Knochenbrüchen, Gelenkerkrankungen,
Prellungen, Zerrungen.
Johanniskraut als wirksames Antidepressivum.
Heilpflanzen-Anbau (Johanniskraut, Brennessel).
Herstellung von Heilpflanzen-Präparaten.

Moderne Phytotherapie Teil 2:
www.youtube.com/watch

Anbau von Sonnenhut (Echinacea).
Weissdorn bei Herzbeschwerden und Herzschwäche.
Weissdorn-Versuchsplantage.

Moderne Phytotherapie Teil 3:
www.youtube.com/watch

Weissdorn-Versuchsplantage.
Weissdorn bei leichten Formen der Herzinsuffizienz und leichten Formen von Herzrhythmusstörungen.
Interview mit Dr. Axel Bolland, Arzt für Balneologie und Naturheilkunde.
Wert des Sammelns von Heilpflanzen.
Wiesengeissbart (Mädesüss), Holunder.

Moderne Phytotherapie Teil 4:
www.youtube.com/watch

Holunder gegen Erkältungskrankheiten und Fieber.
Kamille zur Wundheilung, gegen Magen-Darm-Beschwerden.
Brombeerblätter gegen leichte Durchfälle, Entzündungen im Mund.
Zitate aus den Schriften Hildegard von Bingen‘s.
Johanniskraut-Analyse.

Moderne Phytotherapie Teil 5:
www.youtube.com/watch

Johanniskraut-Analyse.
Johanniskraut bei schwerer bis mittelschwerer Depression gut belegt nach Aussage von Prof. Karin Kraft.
Kamillenblüten (Anbau).
Ginkgo-Anbau, Heilpflanzen-Forschung.
Löwenzahn.

Moderne Phytotherapie 6
www.youtube.com/watch

Heilpflanzen-Forschung, Lavendelöl, Heilpflanzen-Sammeln,
Kamillen-Dampfinhalation,
Baldrian, Melisse, Hopfen für Beruhigungsbad.
Zwiebel bei Insektenstichen.
Pflanzenmedizin fördert Verlangsamung, Zuwendung, Achtsamkeit.

Kommentar & Ergänzung:

Für Phytotherapie-Fachleute bietet die Sendung wohl kaum neue Erkenntnisse.

Für Laien gibt sie aber einen guten Einblick in die verschiedensten Bereiche der Phytotherapie. Der Heilpflanzen-Anbau, die Heilpflanzen-Forschung, die Produktion von Arzneimitteln aus Heilpflanzen und verschiedene Anwendungsbereiche werden vorgestellt.

Darüber hinaus zeigt der Film aber auch, dass die Auseinandersetzung mit der Pflanzenheilkunde die Beziehung zur Natur stärken und die Eigenkompetenz der Menschen fördern kann. Diese wichtigen Vorzüge sollten meiner Ansicht nach erhalten und gepflegt werden. Falls Sie Heilpflanzen auf Exkursionen kennenlernen oder ihr Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen vertiefen wollen, dann schauen Sie doch einmal in meinen Kurskalender:
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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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ADHS-Infoportal geht online

Dienstag, März 2nd, 2010

Wissenschaftler der Uniklinik Köln entwickeln www.adhs.info für das Bundesministerium für Gesundheit. Hier die Infos dazu und anschliessend Ergänzungen zum Thema Phytotherapie & ADHS.

Heute wurde das neue ADHS Infoportal online geschaltet. Das Portal bietet Informationen, welche auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sind: betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Bezugspersonen und Pädagogen. Die neue Informationsseite wurde durch das “zentrale adhs-netz” unter Federführung von Professor Döpfner aus der Kölner Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgebaut.

Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und / oder Impulsivität sind bei Kindern oft zu erleben. Nur wenn alle drei Auffälligkeiten über längere Zeit stark ausgeprägt zusammen auftreten, kann das als psychische Störung unter dem Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, diagnostiziert werden. Rund um ADHS gibt es seit einigen Jahren eine intensive gesellschaftliche Debatte. Nach wie vor fehlen aber Hilfen für Betroffene und ihre Bezugspersonen. Diese Lücke will die neue Informations-Seite http://www.adhs.info schließen.

Als erster von fünf Bereichen ist nun der Bereich für Eltern und Bezugspersonen von betroffenen Kindern und Jugendlichen abrufbar. Schritt für Schritt wird im Laufe des Jahres 2010 die Freischaltung der anderen Bereiche für Pädagogen, betroffene Kinder, betroffene Jugendliche und betroffene Erwachsene erfolgen. Die Aufklärung über alle Aspekte von ADHS ist ein wichtiges Anliegen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und Bestandteil der Strategie der Bundesregierung zur Förderung der Kindergesundheit.

Die Informationen auf der ADHS-Seite orientieren sich streng an empirischer Evidenz. Das bedeutet, sie basieren auf wissenschaftlichen Studien und Leitlinien von Fachgesellschaften und Expertengruppen. Durch eine zielgruppenspezifische Informationsaufbereitung soll damit eine einfach nutzbare, verlässliche und unabhängige Informationsbasis zum Störungsbild der ADHS für Betroffene und ihre Bezugspersonen geboten werden.

Hintergrund-Info zu ADHS:

Fast jedes Kind durchlebt im Laufe seiner Entwicklung Phasen erhöhter Ablenkbarkeit, hoher Aktivität und auch Zeiten heftiger Impulsivität. Erst ab einem bestimmten Grad der Auffälligkeit ist von einer Störung die Rede. In dieser Hinsicht unterscheidet sich ADHS nicht von anderen psychischen Störungen (bspw. Depression) oder körperlichen Erkrankungen (bspw. Bluthochdruck), welche ebenfalls mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Menschen mit einer starken Ausprägung der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, erfahren dadurch bedeutende Einschränkungen in ihrem Alltag.

Die Anzahl der von ADHS betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland variiert in Studien zwischen zwei und etwa sechs Prozent. Insgesamt kann man aber repräsentativen Studien zufolge davon ausgehen, dass etwa 500 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland von ADHS betroffen sind. Knaben sind dabei gegenüber Mädchen insgesamt zwei bis viermal häufiger betroffen.

In der Öffentlichkeit wird das Thema ADHS auch heute noch sehr kontrovers diskutiert, was bei Betroffenen, ihren Eltern, Partnern oder anderen Angehörigen und Betreuern oft Verunsicherungen auslöst. Das “zentrale adhs-netz” als bundesweites Netzwerk zur Verbesserung der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS hat es sich zum Ziel gesetzt, Unterstützung für ein umfassendes Gesundheitsmanagement für Menschen mit ADHS anzubieten.

Die interdisziplinäre Leitungsgruppe des “zentralen adhs-netzes” setzt sich zusammen aus:

– Prof. Dr. Manfred Döpfner, Leiter des Netzes; Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut, Uniklinik Köln
– Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
– Dr. Johanna Krause, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalyse, Fachärztin für Neurologie, Ottobrunn und
– Dr. Klaus Skrodzki, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologe, Forchheim.

Quelle:
http://idw-online.de

Kommentar & Ergänzung:

In der Öffentlichkeit am umstrittensten beim Thema ADHS ist die Therapie mit Ritalin. Dieser Punkt polarisiert sehr stark. In diesem wie auch in vielen anderen Bereichen scheint es mir wichtig, fundamentalistische Positionen zu vermeiden. Es kann nicht sinnvoll sein, Ritalin “grossflächig” einzusetzen. Genauso fragwürdig ist aber auch die Verteufelung von Ritalin mit der Forderung “Ritalin nie!”.

Anstelle von einseitigem Schwarz-Weiss-Denken geht es meines Erachtens darum, für jede Situation die bestmögliche Option zu finden. Das kann in manchen Fällen auch Ritalin sein, doch muss der Sinn und Zweck einer solchen Behandlung sehr sorgfältig geklärt werden.
Aus den Bereichen Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin gibt es zur ADHS-Behandlung zwar viele Ideen, aber leider kaum Belege für eine überzeugende Wirkung.
Hier ein paar Stichworte zum Thema Phytotherapie / Pflanzenheilkunde & ADHS:

- Hopfen und ADHS

Die Zeitschrift für Phytotherapie (4/2009) berichtet von einer Einzelfallbeobachtung:
“Psychostimulantien und Clonidin sowie – als zweite Wahl – Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und SSRI sind effektiv in der Behandlung der ADHS. Aber auch Phytotherapeutika wie Kamille, Hopfen, Baldrian oder gar Ginkgo scheinen in der Behandlung dieser Störung wirksam zu sein. Aus diesem Grund wurde der Effekt von Hopfen bei ADHS untersucht.”

Zur Methode:

“Wir verabreichten dem 14-jährigen Patienten nach einer Auswaschphase für 4 Wochen pulverisierte Hopfenzapfen als Kapseln in der Dosierung von 2 × 150 mg (Fertigpräparat; BioNaturis, Schweiz) und nach einer 4-wöchigen Pause für weitere 4 Wochen Placebo. Der Patient und die Beurteiler waren nicht über die Verum/Placebo-Phase informiert. Der Patient…litt seit 11 Jahren an ADHS. Methylphenidat, das er über 14 Monate eingenommen hatte, brachte eine deutliche Besserung. Diese Medikation wurde 4 Wochen vor der Beobachtungsphase abgesetzt.”

Die Evaluation der Symptome wurde mittels klinischem Interview und einer Rating Scala durchgeführt.

Zu den Resultaten:

“Bezüglich Unaufmerksamkeit konnten wir eine Verbesserung von 24 auf 13 Punkte, bezüglich Hyperaktivität eine von 21 auf 16, und zusammen eine von 45 auf 29 beobachten. In der darauffolgenden 4-wöchigenmedikationsfreien Zeit stiegen der Hyperaktivitätswert wieder auf 22, der Aufmerksamkeitsstörungswert auf 20 und der Summenscore auf 42 an. Das anschließend für ebenfalls 4 Wochen verabreichte Placebo brachte Werte von 21/20/41.”

Der Autor kommt zum Schluss:

“Obwohl die Generalisierung einer Einzelfallbeobachtung nicht möglich ist, so legt das Ergebnis unserer Beobachtung doch eine zumindest supportive Wirkung von Hopfen nahe….. Die Symptomreduktion ist deutlich geringer als die 50-60%ige mittels Psychostimulantien erreichbare, ähnelt aber der von Nicht-Psychostimulantien, wie z.B. Desipramin, einem trizyklischen Antidepressivum.”
Tatsächlich lassen sich aus einer Einzelbeobachtung keine fundierten Schlüsse ziehen. Es scheint mir auch nahe liegend, dass während der ersten vier Wochen (Verum-Phase) der Placebo-Effekt stärker vorhanden war als in der später folgenden Placebo-Phase. Allein schon die Tatsache der Intervention erzeigt eine Erwartungshaltung, doch dürfte sich dieser Effekt beim zweiten Mal (Placebo-Phase) abschwächen.

- Johanniskraut & ADHS

Die Zeitschrift für Phytotherapie (6/2008) berichtete von einer randomisierten Doppelblindstudie mit Johanniskraut-Extrakt bei ADHS, allerdings mit negativem Ergebnis:

“Weder bei der ADHD-RS-IV-Skala noch bei der CGI ergaben sich signifikante Gruppenunterschiede zwischen Verum und Placebo innerhalb der 8-wöchigen Behandlungsperiode.”
I
m Kommentar weißt Prof. Dr. Volker Schulz allerdings auf problematische Aspekte der Studie hin:

“Die Autoren weisen bei der Diskussion ihrer Ergebnisse selbst darauf hin, das die Wahl des Prüfpräparates möglicherweise limitierend für die Studie gewesen sein könnte. Offenbar erfolgte erst nachträglich eine chemische Analyse. Diese ergab, dass der verwendete Johanniskraut-Extrakt zum Zeitpunkt der Beendigung der Studie nicht die vom Hersteller deklarierten 0,3%, sondern nur noch 0,13% Hypericin enthielt. Der gleichzeitig gemessene Gehalt an Hyperforin betrug nur 0,14% und damit weniger als ein Zehntel dessen, was bei der Mehrzahl derjenigen Extrakte enthalten war, die in kontrollierten Studien zur antidepressiven Wirksamkeit verwendet worden waren.”

Und er fügt eine grundsätzliche Anmerkung bei:

“Ungeachtet dieses Mangels bei der Extrakt-Wahl stellt sich die Frage, ob – gemessen an den klinische Erfahrungen bei der antidepressiven Therapie – das ADHS besonders geeignet für eine Therapiestudie mit Johanniskraut-Extrakt als Monotherapie war. Der mutmaßliche Wirkmechanismus im Sinne einer Steigerung der Dopaminkonzentration im Bereich zentraler Synapsen beruht auch bei Antidepressiva nur auf vorklinischen Untersuchungen, mehrheitlich solchen in vitro. Nach klinischen Erfahrungen werden jedoch die Johanniskraut-Extrakte eher den »aktivierenden« und nicht den (beim ADHS sicherlich günstigeren) sedierenden Antidepressiva zugeordnet. Vor diesem Hintergrund wäre das Ergebnis der Studie selbst bei besserer Wahl des Extrakts weniger überraschend gewesen. Für zukünftige Studien mit Phytopharmaka beim ADHS sollten vielleicht besser Zubereitungen mit beruhigenden Drogen wie Lavendel oder Baldrian, ggf. in Kombination mit Johanniskraut, verwendet werden.”

- Ginkgo biloba und ADHS

Wikipedia dazu:

“Bei ADHS scheint Ginkgo biloba jedoch dann eine Wirkung zu besitzen, wenn es mit Ginseng kombiniert wird.
Kinder im Alter von 3-17 Jahren, die an Aufmerksamkeits-Defizit-und-Hyperaktivititäts-Syndrom (ADHS) litten, wurden in der Pilotstudie von Lyon et al. nach vierwöchiger Behandlungsdauer durchaus erfolgreich behandelt. Sie hatten amerikanischen Ginseng (Panax quinquefolium) in einer Dosierung von 200 mg pro Kapsel + 50 mg Gingko biloba zweimal täglich auf nüchternen Magen eingenommen. Fünf der 36 Kinder zeigten leichte Nebenwirkungen, wobei zwei Fälle direkt auf die Ginsengmedikation zurückgeführt werden konnten.
Ein analoges Produkt war bereits ein Jahr früher von Wesnes et al. in einem randomisierten Doppelblindversuch an 256 gesunden Freiwilligen ausprobiert worden. Anhand eines Beurteilungsschemas (Index of Memory Quality) stellte sich eine Verbesserung der Gedächtnisleistung nach 12wöchiger Einnahme heraus.”

Ausserdem gibt es eine Studie von H. Frei (Phytotherapie 1/2002), in welcher Ginkgo an 50 ADHS-Kindern geprüft wurde. 28 der 50 Kinder (56%) sprachen gut auf Ginkgo biloba an. Dabei war die Resonderrate allerdings ungünstiger als bei Ritalin und die Wirkung insgesamt schwächer, insbesondere bezüglich Unruhe und Konzentration. Es fehlt hier der Vergleich mit einer Placebo-Gruppe.

Vor kurzem wurde ich an einem Vortrag gefragt, warum ich die Wirkung von Phytotherapie bzw. Naturheilkunde bei ADHS so kritisch einschätze.
Ganz einfach: Ich sehe meine Aufgabe nicht in der “Heilkräuter-Propaganda”. Ich bin kein “Kräuterpfarrer” mit missionarischen Ambitionen, der in allen Fällen immer Heilpflanzen “verkaufen” will. Wer sich nämlich so stark mit einem Bereich überidentifiziert, verliert tatsächlich jede kritische Distanz.

Meine Aufgabe sehe ich eher in der fundierten, differenzierten Beratung. Dazu gehört selbstverständlich auch die Berücksichtigung von Grenzen und Schwächen der Heilpflanzenkunde sowie die Darstellung anderer Optionen. Die Stärken der Heilpflanzenkunde kommen dabei nicht zu kurz und auch nicht die Freude an den Heilpflanzen in der Natur.

Wer einen unkritisch-naiven Heilkräuter-Propagandisten sucht, ist bei mir aber wahrscheinlich an der falschen Adresse.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Phytotherapie: Baldrian verbessert Schlafqualität

Mittwoch, Oktober 21st, 2009

Zahlreiche schlafgestörte Menschen versuchen mit frei verkäuflichen Mitteln in den Schlaf zu finden. Extrakte aus der Baldrianwurzel sind beliebt und werden in der Selbstbehandlung oft angewendet. In einer aktuellen Metaanalyse zeigten sechs Baldrian-Studien eine signifikante Verbesserung der Schlafqualität. Patienten mit Baldriantherapie wiesen eine um 80 Prozent erhöhte Chance auf, über einen verbesserten Schlaf zu berichten als Patienten mit Plazebobehandlung.
Univ.-Prof. Dr. Heinz F. Hammer von der Medizinischen Universität Graz verweist in der Medical Tribune Nr. 43 / 2009 auf diese Metaanalyse und zieht das Fazit:

“Baldrian verbessert die Schlafqualität. Baldriandosierungen, Präparate und Dauer der Behandlung variierten allerdings in den Studien stark.”

Er weist auf die weite Verbreitung von Schlafstörungen und die damit verbundenen Kosten hin und regt an, dass grössere Studien von besserer Qualität die Wirksamkeit von Baldrian genauer untersuchen.

Quelle: Medical Tribune Nr. 43 / 2009, www.medical-tribune.at

Quelle der erwähnten Metaanalyse:
S. Bent et al., The American Journal of Medicine 2006; 119: 1005 – 12

Kommentar & Ergänzung:
Prof. Hammer weist hier auf ein häufig auftretendes Problem in der Phytotherapie-Forschung hin: Weil grosse Unterschiede bestehen zwischen den untersuchten Baldrian-Präparaten sind die Forschungsergebnisse nicht so einfach zu vergleichen, zu deuten und zu bewerten. Aber trotz diesen Einschränkungen ist Baldrian die am besten dokumentierte Heilpflanze bei Schlafstörungen.

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