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Interessantes zum Nocebo-Effekt

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Kennen Sie den Nocebo-Effekt?

Damit sind unerwünschte Nebenwirkungen gemeint, die aufgrund einer negativen Erwartungshaltung (z. B. Befürchtungen) entstehen.

Der Nocebo-Effekt ist quasi der böse Bruder des Placebo-Effekts (= erwünschte Wirkungen durch eine Erwartungshaltung).

Alles, was beim Patienten den Eindruck erweckt, medizinisch behandelt zu werden, kann Placebo- und Noceboeffekte auslösen: ein Gespräch, Handauflegen, mit Nadeln stechen, eine Spritze, eine Tablette, ein Wickel, ein Kräutertee…einfach alles, was im Auge des Patienten nach Therapie aussieht.

Während die Placebo-Wirkung zunehmend erforscht und in den Medien thematisiert wird, ist dies beim Nocebo-Effekt weniger der Fall.

Das ist schade, denn genauso wie der Placebo-Effekt ist auch der Nocebo-Effekt faszinierend und zugleich sehr bedeutsam in verschiedener Hinsicht.

Eindrücklich beobachten lässt sich der Nocebo-Effekt In randomisiert-kontrollierten Studien.

In solchen Studien bekommt eine Patientengruppe das zu testende Medikament verabreicht und eine andere Patientengruppe zur Kontrolle ein Scheinmedikament. Welcher Gruppe sie zugeteilt werden, wissen die Probanden dabei nicht. Noceboeffekte sind nun jene Nebenwirkungen, die sich in der Patientengruppe mit dem Scheinmedikament zeigen. Obwohl diese Patienten also gar keinen Wirkstoff bekommen, können die Nebenwirkungen heftig und häufig sein; so heftig, dass Teilnehmer aus diesem Grund die Studie beenden müssen: Zwischen sechs und zwölf Prozent der Probanden in der Placebogruppe leiden an so starken Nebenwirkungen, dass sie die Studie vorzeitig abbrechen. Der Noceboeffekt kann also massive gesundheitliche Einschränkungen bewirken. Gemäss einer Meta-Analyse leiden rund die Hälfte aller Studienteilnehmer in der Placebogruppe Nebenwirkungen, der Wert schwankt jedoch stark in den einzelnen Studien

Interessant ist daran vor allem, dass die Nebenwirkungen der Scheinbehandlung zu den Nebenwirkungen des jeweils getesteten Medikaments passen, also sehr spezifisch sind.

Der Grund dafür liegt darin, dass alle Teilnehmer einer Studie vor Studienbeginn die gleiche Aufklärung bekommen, egal ob sie anschliessen per Zufallentscheid der Vergleichsgruppe (Placebogruppe) mit dem Scheinmedikament oder der Gruppe mit dem richtigen Medikament zugeteilt werden. Zur notwendigen Aufklärung zählen auch die Informationen über mögliche Nebenwirkungen. Die Probanden wissen also, welche Nebenwirkungen sie zu erwarten haben – und genau diese treten dann bei einigen der Placebogruppen-Teilnehmer auch auf. Die Erwartungshaltung bewirkt diese Nebenwirkungen.

Quelle und weitere Infos zum Nocebo-Effekt:

http://www.medizin-transparent.at/nocebo-wenn-nichts-schadet

Kommentar & Ergänzung:

Nocebo-Effekte sind allgegenwärtig und sehr bedeutsam.

Beispiele:

1. Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten

Ellenlange Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln von Medikamenten dürften wohl dazu beitragen, dass aufgeführte Nebenwirkungen tatsächlich vermehrt auftreten. Patientinnen und Patienten müssen selbstverständlich über mögliche Nebenwirkungen informiert sein. Wenn aber viele auch sehr selten auftretende Nebenwirkungen aufgeführt werden, nährt dies Befürchtungen, die zu negativen Erwartungshaltungen und damit zu Nocebo-Effekten führen können.

2. Nocebo-Effekte beim Thema „Amalgam“

Nocebo-Effekte spielen auch eine wichtige gesundheitliche Rolle ausserhalb von medizinischen Therapieverfahren, beispielsweise beim Stichwort „Amalgam“.

Siehe dazu auch:

Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

Ich will nicht grundsätzlich ausschliessen, dass Amalgam möglicherweise in Einzelfällen gesundheitliche Auswirkungen haben könnte, obwohl eindeutige Belege dafür fehlen. Klar scheint mir allerdings, dass in diesem Bereich Nocebo-Effekte sehr grosse Bedeutung haben. Auffallend ist jedenfalls, dass alle nur irgendwie möglichen psychischen und körperlichen Beschwerden auf Amalgam zurückgeführt werden. Das deutet auf einen „Super-Nocebo-Effekt“ hin. Davon profitieren in grossem Stil naturheilkundliche „Ausleitverfahren“ und die „ganzheitliche Zahnmedizin“.

Wenn die Beschwerden, die dem Amalgam angelastet werden, nichts mit dieser Substanz zu tun haben, dann folgt daraus allerdings nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt.

3. Nocebo-Effekte beim Thema „Elektrosmog“

Beim Thema „Elektrosmog“ (umgangssprachlich für nichtionisierende Strahlung) scheint mir die Situation in vielem ähnlich wie beim Thema „Amalgam“.

Ich würde Warnungen bezüglich „Elektrosmog“ nicht einfach generell auf die leichte Schulter nehmen und halte es für sinnvoll, wenn die Entwicklung in diesem Bereich kontinuierlich mittels wissenschaftlicher Studien auf allfällige gesundheitliche Risiken überprüft wird. Substanzen wie PCB, DDT, Lindan, Asbest etc. wurden schliesslich auch jahrzehntelang als unproblematisch betrachtet.

Ein Beispiel für solche Forschungen war das nationale Forschungsprogramm NFP 57 des Nationalfonds, das den Einfluss nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Umwelt und Gesundheit unter die Lupe nahm.

Siehe dazu:

Entwarnung, aber kein grünes Licht

Dass Nocebo-Effekte beim Thema Elektrosmog eine wichtige Rolle spielen, ist allerdings überaus deutlich erkennbar.

Testet man nämlich „elektrosensible“ Menschen, können sie nicht mit überzufälliger  Trefferquote sagen, ob eine Antenne, deren Strahlung sie ausgesetzt sind, eingeschaltet ist oder nicht.

„An der englischen Universität Essex wurde in einer über drei Jahre dauernden Studie das Verhalten von 44 Versuchspersonen untersucht, die glauben, elektrosmogsensibel zu sein, sowie gleichzeitig 114 Personen, die noch nie negative Auswirkungen durch Mobilfunk an sich bemerkt hatten. In einem Labor wurden diese Personen in verschiedenen Experimenten elektromagnetischen Strahlen mit Frequenzen im GSM- und UMTS-Bereich ausgesetzt. In der Doppelblindstudie wurde den Versuchsteilnehmern gesagt, dass eine Antenne mit der entsprechenden Strahlung für 50 Minuten in Betrieb sei. Die Probanden, die sich für strahlungssensibel hielten, klagten anschließend über Übelkeit, Kopfschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Ebenso konnten die Ärzte bei den Betroffenen Änderungen der Herzfrequenz und der Hautfeuchtigkeit messen. Diese subjektiv empfundenen Beschwerden und messbaren Symptome waren allerdings ganz unabhängig davon, ob die Antenne tatsächlich in Betrieb war oder nicht. Zwölf Personen mussten wegen massiver gesundheitlicher Beschwerden den Test beenden.“

Quelle: http://www.psiram.com/ge/index.php/Elektrosmog

Zum Thema Elektrosmog siehe auch die Übersicht auf Wikipedia.

Ein vorsichtiger Umgang mit Elektrosmog macht meines Erachtens schon Sinn. Das Wissen um die grosse Rolle von Nocebo-Effekten erlaubt aber auch eine gewisse Entdramatisierung.

Denn auch hier profitiert eine ganze Branche davon, Pseudo-Schutzmassnahmen gegen Elektrosmog zu verkaufen.

Massnahmen notabene, die unwirksam sind und unnötig, weil die damit angeblich bekämpften Beschwerden durch Nocebo-Effekte ausgelöst werden, welche die Branche mit ihren Warnungen selbst „gezüchtet“ hat.

Auch hier gilt aber: Wenn Beschwerden, die auf Elektrosmog zurückgeführt werden, auf Nocebo-Effekten basieren, dann folgt daraus nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind. Die Beschwerden sind echt. Nocebo-Effekte sind nicht = Einbildung.  Ausserdem werden oft echte Beschwerden, die durch anderweitige Störungen verursacht werden, irrtümlich dem Elektrosmog (oder dem Amalgam) zugeschrieben. Auch in diesen Fällen sind die Beschwerden echt, nur die Erklärung dazu ist falsch.

4. Nocebo-Effekte bei homöopathischen Arzneimittelprüfungen

Nocebo-Effekte beeinflussen in starkem Mass viele homöopathische Arzneimittelprüfungen und damit die Arzneimittelbilder, auf deren Grundlage Homöopathika eingesetzt werden.

Um ihren Anwendungsbereich festzulegen, werden Homöopathika an Gesunden getestet. Dazu müssen die Probanden genau protokollieren, welche Beschwerden und Veränderungen des Befindens während der Einnahme des Mittels auftreten.

Samuel Hahnemann (1755 – 1843) betonte, dass sämtliche Befindlichkeiten der Probanden während der Wirkungszeit des Mittels als durch dieses ursächlich hervorgerufen gelten müssten, selbst wenn der Prüfer Ähnliches in anderen Zusammenhängen beobachtet habe. In seinem Hauptwerk, dem „Organon der Heilkunst“, schreibt der Begründer der Homöopathie:

„Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchsperson während der Wirkungsdauer einer Arznei […] rühren bloß von dieser her und müssen als deren eigentümlich zugehörig, als ihre Symptome angesehen werden und aufgezeichnet werden; gesetzt auch die Person hätte ähnlich Zufälle vor längerer Zeit bei sich von selbst wahrgenommen.“ (6. Auflage, §138).

Hahnemann negiert vollständig die Möglichkeit, dass

A. Veränderungen und Beschwerden während der Testphase am Gesunden auch unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten können und

B. dass negative Erwartungen zu Nocebo-Effekten führen können.

Das führt dazu, dass Nocebo-Effekte und zufällig gleichzeitig auftretende, unabhängige Veränderungen in die Arzneimittelbilder einfliessen und diese zu willkürlichen Konstrukten machen.

Allfällige spezifische Wirkungen des Homöopathikums könnte man nur von den beiden Möglichkeiten in Punkt A und B unterscheiden durch eine Kontrollgruppe, die unbehandelte Globuli (Scheinpräparate) bekommt – also mit einem Doppelblind-Test. Das wurde in neuerer Zeit auch gemacht. Siehe dazu beispielsweise hier:

Arzneimittelprüfung Belladonna C30 / Belladonna D60

Dabei zeigte sich in der Arzneimittelprüfung am Gesunden allerdings kein Unterschied zwischen dem Homöopathika und dem Scheinpräparat. Daher steht in Frage, ob Belladonna C30 / Belladonna D60 überhaupt ein Homöopathika ist.

Zumindestens bei Belladonna C30 / Belladonna D60 dürfte das Arzneimittelbild bei Prüfungen ohne Kontrollgruppe jedenfalls aus Nocebo-Effekten und spontanen Veränderungen bestehen, die unabhängig vom zu prüfenden Präparat auftreten. Das gibt eine massive Verfälschung der Basis, auf welcher die Anwendung von Belladonna C30 / Belladonna D60 steht, so dass in Frage steht, ob solche Präparate nach en Regeln der Homöopathie überhaupt als Homöopathika gelten können.

Ein vergleichbares Ergebnis lieferte die doppelblinde Überprüfung des Arzneimittelbildes von Okoubaka aubrevillei. In der Homöopathie erfreuen sich Potenzen von Okoubaka aubrevillei großer Beliebtheit bei der Behandlung von Magen-Darm-Problemen. Die Forscher fanden bei der Arznimittelprüfung am Gesunden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen dem Homöopathika aus Okoubaka und dem Scheinglobuli bezüglich der Anzahl der als charakteristisch eingestuften Symptome. Auch bei Okoubaka scheint also das Arzneimittelbild aus Nocebo-Effekten und zufällig mit einfliessenden Veränderungen zu bestehen.

Siehe dazu:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/moderne-arzneimittelpruefung-mit-okoubaka.html

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23561008

Fazit:

Die Beispiele aus den Punkten 1 – 4 zeigen, welch grossen Einfluss Nocebo-Effekte in unserem Alltag haben können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

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Die Entfernung von Amalgamfüllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit ist in der Regel unnötig. Solche Symptome könnten auch durch ein spezielles Gesundheitstraining und eine gesunde Lebensweise verschwinden. Die Metalllegierung jedenfalls verursache nur selten Beschwerden.

Zu diesem Resultat kommt ein fächerübergreifendes, insgesamt zwölf Jahre dauerndes Forschungsprojekt.

„Die Empfehlung aus dieser Studie ist: Eine Entfernung des Amalgams ist nicht die einzige Option gegen die Beschwerden“, hält Dieter Melchart vom Münchner Klinikum rechts der Isar fest. An dem Langzeitprojekt hatten mehrere universitäre Einrichtungen mitgewirkt. Die Leitung lag beim Zentrum für naturheilkundliche Forschung am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass eindeutige Aussagen über die Schädlichkeit von Amalgam nicht gemacht werden können. „Mit Sicherheit besteht kein Zusammenhang mit viel Amalgam im Mund und hohen Beschwerden“, erklärt Melchart.

Quecksilber-Werte liegen weit unterhalb der Belastungsgrenze

„Allgemein schadet Amalgam nicht“, sagt auch Prof. Reinhard Hickel von der Zahnpoliklinik der Münchner Ludwig Maximilians-Universität. Die Patienten hatten in Fragebögen über 300 Symptome wie Konzentrationsstörungen mit ihren Amalgam-Füllungen in Verbindung gebracht.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die anorganischen Quecksilberwerte im Blut von Patienten mit Amalgamfüllungen viermal höher waren als bei Menschen ohne solche Füllungen. Allerdings bewegten sich diese Werte weit unterhalb der kritischen Belastungsgrenze, berichtete der Toxikologe Prof. Stefan Halbach vom Helmholtz-Forschungszentrum in Neuherberg bei München. „Hier befinden wir uns im Dosis-Keller.“

Amalgam als Füllstoff

Amalgame sind Legierungen, die aus Quecksilber und anderen Metallen zusammengesetzt sind. Als Material für Zahnfüllungen werden sie eingesetzt, weil sie gut formbar sind und anschliessend rasch hart werden. Das Quecksilber wird während des Härtens fest in die Legierung eingebunden. Dennoch können geringe Mengen des giftigen Metalls aus den Zahnfüllungen freigesetzt werden.

Halbach erläuterte, dass das anorganische Quecksilber im Amalgam weit weniger giftig sei als das organische Quecksilber, welches die Menschen durch den Verzehr von Fischen zu sich nehmen. Bei der Entfernung des Amalgams verminderten sich die anorganischen Quecksilberwerte bei den Patienten, die organischen Quecksilberbestandteile im Blut blieben davon unberührt.
Nach Angaben der Forscher existiert kein Verfahren, um Amalgamschäden eindeutig festzustellen. In einer Kontrollstudie hatten die Wissenschaftler die Messung elektrischer Hautwiderstände, die medikamentöse Ausleitung des im Amalgam enthaltenen Quecksilbers und einen immunologischen Sensibilisierungstest an gesunden und amalgambelasteten Personen untersucht. Resultat: Mit keiner der Methoden könne zwischen gesunden und subjektiv amalgamgeschädigten Menschen unterschieden werden.
Heiss umstrittene Zahnfüllungen

Das Ausmaß der Amalgam-Belastung und die damit verbundenen Folgen sind umstritten. Amalgam-Gegner führen Kopfschmerzen, Nervosität und andere Beschwerden auf ihre Zahnfüllungen zurück. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bergen ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen keine Gesundheitsgefährdung. Trotz vieler Millionen solcher Füllungen seien weltweit nur etwa 100 Fälle sicher als Amalgam-Allergie beschrieben worden. Einschränkungen der Anwendung bei Schwangeren oder Kleinkindern seien lediglich aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes gemacht worden.

Die Auswertung von über 4.700 Fragebögen aus deutschen Zahnpraxen zu Beschwerden und Zahnstatus ergab keine Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Amalgamfüllungen hinsichtlich der subjektiv genannten Beschwerden: „Es gab keine signifikante Korrelation zwischen dem Auftreten und der Intensität bestimmter Symptome und der Anzahl von Amalgamfüllungen“, schreiben die Autoren in ihrer Studie.
Vor der breiten Diskussion über mögliche Gesundheitsschäden wurden in Deutschland pro Jahr rund 60 Millionen Amalgamfüllungen gelegt. Diese Zahl vermindert sich seit Jahren.

http://www.aerztlichepraxis.de/artikel_homepage_aktuell_amalgam_120731564541.htm

Kommentar:

Amalgam ist in der “Naturheilkunde-Szene” ein grosses Thema. Es gibt unzählige “Ausleitverfahren”, mit denen angeblich Quecksilber-Rückstände aus dem Organismus eliminiert werden können.
Ich würde die Möglichkeit nicht ausschliessen, dass es Menschen gibt, die gesundheitliche Probleme wegen Amalgam-Füllungen haben. Geklärt ist offenbar, dass ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung allergisch auf Amalgam reagiert (nach SSO, Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft). Andere Gesundheitsschäden konnten bis heute in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden. Belegt ist dagegen, dass die Belastung des menschlichen Organismus durch gelöstes Quecksilber aus Amalgamen kleiner ist als die Quecksilberaufnahme durch unsere Nahrungsmittel.

Die Verwendung von Quecksilber scheint mir allenfalls aus ökologischen Gründen fragwürdig .
Darüber hinaus gibt es aber meines Erachtens einige Hinweise für eine groteske Dämonisierung von Amalgam. Es wird für eine sehr lange Reihe von Beschwerden verantwortlich gemacht.
Nun leiden aber auch sehr viele Menschen an diversen, unklaren, unfassbaren Beschwerden.
Meines Erachtens werden oft solche vagen Symptome dem Amalgam untergeschoben. Es ist nämlich schwer auszuhalten, wenn für solche Beschwerden keine Ursache zu finden ist. Eine klare Ursache, ein Sündenbock, erleichtert die Situation ungemein und ermöglicht eine Behandlungsstrategie. Zum Beispiel das Ersetzen aller Amalgam-Füllungen oder aufwendige Quecksilber-Ausleitungen. Dadurch verbessern sich vage Beschwerden oft.
Das könnte gut mit dem Placebo-Effekt zu tun haben. Der ist umso stärker, je ausgefallener, teurer, exotischer, schmerzhafter die Behandlung ist.

Im Klartext: Es gibt wohl eine (eher kleine) Gruppe von Menschen mit gesundheitlichen Problemen infolge von Amalgam-Füllungen. Und es gibt wohl eine viel grössere Gruppe von Menschen, denen eingeredet wurde, dass sie ein Problem mit Amalgam haben. Das kommt vielen angeblich Betroffenen entgegen, weil sie dadurch endlich eine klare Diagnose für ihre unklaren Beschwerden bekommen. Und es kommt auch vielen Therapeuten und Therapeutinnen entgegen, die sich voller Überzeugung an die Eliminierung des Quecksilbers machen und dabei in einer Heiler-Rolle aufgehen können.

Die Untersuchung unter Leitung des Zentrums für naturheilkundliche Forschung scheint mir jedenfalls diese Einschätzung zu stützen.

Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich – Ausleitungsmittel?

Zur Ausleitung von Quecksilber werden auch verschiedene Heilpflanzen angepriesen, zum Beispiel Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich. Trotz intensiver Suche habe ich bis zum jetzigen Zeitpunkt kein einziges Argument gefunden, welches die Wirksamkeit dieser Massnahmen glaubwürdig macht.
Heilpflanzen haben viele Kräfte, auch Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich. Aber nicht alles, was ihnen an Wirkungen zugeschrieben wird, ist auch plausibel.

Dazu kommt dann noch, dass die Amalgam-Angst in der Naturheilkunde-Szene stark geschürt wird. Dadurch werden zahlreiche Leute überzeugt sein von Amalgam-Problemen, die sie möglicherweise gar nicht real haben.
Lassen Sie sich nicht unnötigerweise Angst einjagen. Wenn Ihnen jemand zur Behandlung von vagen Beschwerden wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen eine Quecksilber-Ausleitung empfiehlt, verlangen Sie Belege dafür, dass Wirklich das Quecksilber die Ursache ihrer Beschwerden ist. Solche Zusammenhänge werden nämlich häufig konstruiert von Therapeutinnen oder Therapeuten, für welche Quecksilber fast für alle gesundheitlichen Beschwerden verantwortlich ist.

Ich behaupte nicht, dass Amalgam harmlos ist. Es gibt aber meines Erachtens gute Gründe dafür, dass Amalgam als Sündenbock hochgespielt wird. Und kaum fundierte Gründe für die Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen, die als Gegenmittel propagiert werden.
Trotzdem boomt die Amalgam-Sanierungs-Branche, weil sie offenbar verbreitete Bedürfnisse bedient.

Solche Überlegungen hört man in weiten Bereichen der Naturheilkunde gar nicht gerne. Und auch die Untersuchung am Zentrum für naturheilkundliche Forschung wird in diesen Kreisen wohl unreflektiert zerrissen oder gar nicht zur Kenntnis genommen.

Dabei wäre meiner Meinung nach ein kritischerer Umgang mit den eigenen Überzeugungen für die weitere Entwicklung der Naturheilkunde von grosser Bedeutung. Panikmache und Wundergeschichten allein sind jedenfalls nicht dazu angetan, das Vertrauen in die Naturheilkunde zu stärken.

Falls mir jemand Facts zur Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen durch Korianderkraut, Bärlauch, Knoblauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich liefern kann, bin ich daran interessiert und werde alle Infos sorgfältig prüfen. Aber Facts bitte, nicht nur wunderbare Heilungsgeschichten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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