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Nahrungsmittel-Allergien: Viele Tests nutzlos, aber lukrativ

Montag, August 2nd, 2010

Weil sie vermeintlich allergisch dagegen sind, verzichten nicht wenige Menschen auf bestimmte Lebensmittel. Allzu häufig jedoch beruht diese Annahme auf völlig wertlosen Analysen: sogenannten Immunglobulin G (IgG- oder auch IgG4)-Tests zum Nachweis von Nahrungsmittel-Allergien oder Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten.

“Die dabei im Blut nachgewiesenen Antikörper gehören zur ganz normalen Reaktion des Immunsystems”, erklärt Privatdozent Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin. Sobald ein Mensch etwas isst, werden sie gebildet. Trotzdem werben Anbieter im Internet, in Zeitschriften und in Broschüren damit, für mehrere hundert Lebensmittel eine mögliche Unverträglichkeit testen zu lassen.

Erst im Mai publizierten fünf große deutschsprachige Allergiegesellschaften eine gemeinsame Leitlinie, die sich strikt gegen die sinnlosen IgG-Bestimmungen richtet (Allergo Journal 4, 2009, 267). Die Angebote seien seither jedoch nicht weniger geworden, hielt Kleine-Tebbe fest, der die Leitlinie führend mit erarbeitet hat. “Bei den Firmen wird so getan, als wäre die Nützlichkeit noch in der wissenschaftlichen Diskussion. Das ist nicht so. Aber mit den Tests lässt sich eben auf simple Weise viel Geld verdienen.” 800 Euro kann eine solche Bestimmung kosten. Meistens seien es um die 300 Euro.

Schätzungsweise ein Fünftel aller Menschen in Deutschland ist überzeugt davon, dass sie ein oder mehrere Lebensmittel nicht vertragen. “Tatsächlich sind es maximal ein bis fünf Prozent”, erklärt Privatdozentin Kirsten Jung vom Bundesvorstand des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen, ÄDA. “Das wird sehr überschätzt.” Egal ob Magenweh, chronische Hautleiden, Dauermüdigkeit oder häufiger Kopfschmerz – zahlreiche Patienten glaubten bei solchen Symptomen rasch, an einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit zu leiden. “Gerade chronisch Kranke mit ihrem hohen Leidensdruck sind ein leichtes Opfer für die IgG-Test-Angebote”, sagt die Erfurter Hautärztin.

Bedenklich sei, dass entsprechende Werbe-Broschüren auch in so mancher Arztpraxis auslägen, erklärt Kleine-Tebbe. “Vielen Ärzten ist einfach nicht bewusst, dass die Tests ungeeignet sind. Und es gibt auch schwarze Schafe.” Ein Arzt oder Heilpraktiker, der das für den IgG-Test nötige Blut abzapft und zum jeweiligen Anbieter schickt, erhält einen Teil der Gebühr.

Kritisch sehen die Allergie-Experten die Untersuchungen jedoch nicht nur wegen des Geldes, das die Betroffenen zahlen, ohne wirklich Hilfe zu bekommen. Tragisch seien hauptsächlich die mitunter abgeleiteten Verhaltensweisen der Menschen. “Völlig unberechtigte Diäten werden gemacht, die bei einigen Betroffenen zu Mangelerscheinungen oder Unterernährung führen”, betont Kleine-Tebbe. “Und das auch bei Kindern. Ein Skandal, das ist Körperverletzung.”

Wer annehme, gewisse Lebensmittel nicht zu vertragen, solle am besten einen Allergologen konsultieren, empfielt Jung. Verträgt eine Person tatsächlich bestimmte Lebensmittel nicht, wehrt sich der Körper mit Immunglobulinen der Klasse E – die sich mit einem sogenannten IgE- oder auch Prick-Test nachweisen lassen. Charakteristische Anzeichen dafür seien juckende Quaddeln, Gesichtsschwellungen, starkes Jucken im Hals, Übelkeit und Atemnot, sagt Kleine-Tebbe.

Weitere Infos:

Deutsche Gesellschaft für Allergie und Klinische Immunologie (DGAKI): www.dgaki.de

Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA): www.aeda.de

Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA): www.gpau.de

Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI): www.oegai.org

Schweizerische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (SGAI): www.sgai-ssai.ch

Quelle: www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Im Bereich der Komplementärmedizin werden Allergietests oft mit Hilfe der Kinesiologie durchgeführt. Dazu ist aber zu sagen, dass es keine fundierten Hinweise gibt, dass sich durch Kinesiologie-Tests Allergien zuverlässig erkennen lassen. Im Gegenteil: Mehrere Studien haben gezeigt, dass Kinesiologie ungeeignet ist für die Testung von Allergien:

- Eine Studie untersuchte Patienten mit bekannter starker Wespenstichallergie. Kinesiologen waren nicht in der Lage, ein Röhrchen mit Wespengift überzufällig oft von einem Röhrchen mit Kochsalzlösung zu unterscheiden.

(R Lüdtke: Test-retest-reliability and validity of the kinesiology muscle test In: complementar ther med, 2001, 9:141)

- In einer weiteren Studie wurden 315 Kinder und Jugendliche über einen Zeitraum von 2 Jahren mit kinesiologischen Mitteln auf Lebensmittelallergien hin getestet. Kinesiologen konnten dabei weder die Resultate von Kollegen überzufällig oft bestätigen, noch stimmten die Diagnosen statistisch signifikant mit den Ergebnissen aus verlässlichen herkömmlichen Allergietests (Antikörperbestimmung, Hauttest) überein.

(R Pothmann: Evaluation der klinisch angewandten Kinesiologie bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten im Kindesalter. In: Forsch Komplementärmedizin Klass Naturheilk 2001;8:336-344)

- In einem Test betreffend Intoleranz bzw. Toleranz von zahnärztlichem Material konnten Kinesiologen eigene Diagnosen unter verblindeteten Bedingungen nicht überzufällig oft bestätigen.

(HJ Staehle, MF Koch, T Pioch: Doubleblind Study on Materials Testing with Applied Kinesiology. In: J Dent Res, 84(11), 2005, S.1066-1069)

Diese Resultate müssten meines Erachtens mindestens zur Kenntnis genommen werden. Es gibt im Bereich Komplementärmedizin leider eine weit verbreitete Resistenz gegen solche In-Frage-Stellung. Diese Art von Scheuklappen schadt den Patientinnen und Patienten oder gefährdet sie gar durch Fehldiagnosen. An diesem Beispiel zeigt sich das eklatante Problem der Qualitätssicherung in vielen Bereichen der Komplementärmedizin.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Was ist Spagyrik?

Freitag, Juli 16th, 2010

Spagyrische Heilmittel erleben gerade einen Boom. Das hat allerdings mehr mit arzneimittelrechtlichen, marketingbedingten und gesellschaftlichen Faktoren zu tun als mit dokumentierter Wirksamkeit. Über die Grundlagen der historisch und philosophisch ausserordentlich interessante Spagyrik weiss allerdings nur eine kleine Minderheit der Anwenderinnen und Anwender Bescheid. Hier darum eine gekürzte Zusammenfassung aus Wikipedia und im Anschluss daran einen ergänzenden Kommentar.

Herstellung

Mit Spagyrik (aus dem Griechischen spao „(heraus)ziehen, trennen“ und ageiro „vereinigen, zusammenführen“) wird die pharmazeutische und therapeutische Umsetzung der Alchemie gemeint. Dabei werden pflanzliche, mineralische und tierische Ausgangssubstanzen mit Hilfe chemischer Verfahrenstechniken, welche als typisch für die alchemistische Verfahrensweise gelten, zu Spagyrika (Einzahl: Spagyrikum) verarbeitet. Ein zentraler Bestandteil der spagyrischen Arzneimittelherstellung ist die Destillation. Sie kommt außer in ihrer einfachen Form auch in speziellen Ausführungen wie der „Zirkulation“ (Form der Rückflussdestillation) oder der so gennannten „Kohobation“ (Mehrfachdestillation) zur Anwendung. Voran geht im Allgemeinen ein „Aufschluss“ der Materie, etwa durch Mazeration – auch unter Wärme („Digestion“), der bei biogenen Ausgangsstoffen häufig unter Einwirkung von Fäulnis oder Gärung begleitet abläuft. Ein ebenfalls wesentlicher Vorgang ist die „Calcination“, worunter die Trocknung oder Veraschung des Destillationsrückstands verstanden wird. Die Verfahrensschritte konzentrieren sich aufgrund der alchemistischen Weltanschauung auf die Abtrennung des „Wesentlichen“ von seiner stofflichen Erscheinung. Am Ende des Prozesses steht die Zusammenführung der Zwischenstufen („Konjugation“) zur „Quintessenz“, der spezielle Heilkräfte zugeschrieben werden.

Heute werden auch verschiedene Heilsysteme zusammenfassend mit dem Ausdruck Spagyrik bezeichnet. Das therapeutische Ziel ist die günstige Beeinflussung einer imaginären „Lebenskraft“ und damit die Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Organismus. Der theoretische Hintergrund unterscheidet sich bei den unterschiedlichen spagyrischen Richtungen.

Als Grundlage fungieren Vorstellungen aus der antiken Naturphilosophie (z. B. „Elementenlehre“), der Signaturenlehre sowie Vorstellungen aus der Humoralpathologie (antike Säftelehre).

Für Spagyrika konnten bisher weder Daten zur Wirksamkeit über eine Placebowirkung hinaus, noch eine einleuchtende Wirkungshypothese erbracht werden. Auch die Stiftung Warentest kommt zum Schluss, dass die therapeutische Wirksamkeit für kein Anwendungsgebiet belegt sei.

Geschichte der Spagyrik

Die Arzneimittelherstellung und Behandlung nach den weltanschaulichen und praktischen Grundsätzen der Alchemie geht auf Theophrastus von Hohenheim (1493-1541), genannt Paracelsus, zurück. Von Paracelsus ist der erstmalige Gebrauch des Ausdrucks Spagyrik überliefert, die er in einer Ermahnung an Ärzte mit der Alchemie gleich setzte:

„Darumb so lern alchimiam die sonst spagyria heisst, die lehret das falsch scheiden von dem gerechten.“

Mit der Produktion von Arzneimitteln mittels alchemischer Verfahren grenzte Paracelsus sein Heilsystem von der damals verbreiteten „galenischen“ Medizin (Humoralpathologie) ab. Die therapeutische Anwendung der Spagyik wurde vor dem Hintergrund der alchemistischen Philosophie und damit der alchemistischen Sicht des Menschen und seiner Umwelt durchgeführt. Dazu zählte die Vorstellung von den Entien, den vier Elementen, den philosophischen Prinzipien, den Astra, dem Archaeus, der Mumia, den Virtutes, dem Tartarus.

Iatrochemie (16. und frühes 17. Jahrhundert)

Angeregt durch die auf Paracelsus gründende Spagyrik entstand die Iatrochemie oder Chemiatrie. Sie fand in der Folgezeit spezielle Beachtung beim Adel und zu Hofe. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel richtete 1609 in Marburg den weltweit ersten Lehrstuhl für Chemiatrie ein und besetzte diesen mit Johannes Hartmann. Ein weiterer Iatrochemiker war Johann Rudolph Glauber (von dem das „Glaubersalz“, ein salinisches Abführmittel, seinen Namen hat, M.K.).

Die Iatrochemie verlor Ende des 17. Jahrhundert an Bedeutung und erlebte im 19. Jahrhundert in Form weiterer Heilsysteme einen Wiederaufschwung.

Spagyrische Heilsysteme im 19. Jahrhundert

- Erfahrungsheillehre von Johann Gottlieb Rademacher

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte Johann Gottlieb Rademacher (1752-1850) basierend auf den Lehren der „scheidekünstigen Ärzte“ seine Erfahrungsheillehre.

- Elektrohomöopathie des Cesare Mattei

Die von dem italienischen Politiker und Heiler Cesare Mattei (1809-1896) verwendeten Mittel, welche er in der Ausübung der von ihm begründeten Elektrohomöopathie einsetzte, sollen auf spagyrisch aufbereiteten pflanzlichen Substanzen beruhen, was jedoch nicht belegt ist. Später entstand dann in Abwandlung der Elektrohomöopathie durch den Homöopathen Theodor Krauß (1864-1924) in Zusammenarbeit mit dem Apotheker Johannes Sonntag (1863-1945) aus Regensburg die JSO-Komplex-Heilweise nach Krauß, auch JSO-Spagirik genannt.

- Heilsystem nach Dr. Zimpel

Der schlesische Eisenbahningenieur Carl-Friedrich Zimpel (1801-1879) entwickelte ab dem Jahre 1868 das nach ihm benannte Heilsystem, nachdem er in Italien Cesare Mattei kennengelernt hatte. Zimpel verwendete neben den „Spagyrischen Pflanzenmitteln“ auch die sogenannten „Elektrizitätsmittel“ und weitere, nicht ausschließlich spagyrisch hergestellte Mittel („Arcana“). Er hielt die Destillation für einen zentralen Herstellungsschritt und glaubte, durch ausdauernde Destillationsvorgänge die arzneiliche Wirkung seiner Mittel speziell zu verstärken. Die heute angebotenen und mit dem Namen Zimpels bezeichneten Spagyrika werden allerdings nicht nach der original Zimpelschen Herstellungsmethode produziert. Sie gehen wahrscheinlich auf die Vorschriften von Glauber zurück. Im Gegensatz zu den Zubereitungen, welche nach der original Zimpelschen Produktionsmethode hergestellt wurden, enthalten sie keine Wirkstoffe mehr. In den Produkten sind nur die wasserdampfflüchtigen Inhaltsstoffe sowie die löslichen Mineralsalze aus der Pflanze enthalten. Eine medizinische pharmakologische Wirkung ist deshalb nicht denkbar.

Spagyrische Arzneimittel im 20./21. Jahrhundert

Bekannte Vertreter der Spagyrik des 20. Jahrhunderts sind etwa Johann Conrad Glückselig (1864-1934), Alexander von Bernus (1880-1965), Walter Strathmeyer (1899-1969) und Frater Albertus (bürgerlicher Name Albert Riedel, 1911-1984).

(Zwischenbemerkung: Strathmeyer erntwickelte 1948 das Stärkungsmittel „Bio-Strath“, heute „Strath“, ein Produkt auf Hefebasis, M.K.)

In der Gegenwart wurden und werden Spagyrika hauptsächlich als Fertigarzneimittel von verschiedenen Firmen produziert, es sind dies Präparate zum Beispiel der folgenden Richtungen:

- Spagyrik nach Bernus (Laboratorium Soluna Heilmittel GmbH, Donauwörth) nach Alexander von Bernus

- Spagyrik nach Glückselig (Phönix Laboratorium GmbH, Bondorf; Heidak AG, Emmenbrücke) nach Conrad Johann Glückselig.

- Spagyrik nach Heinz (HSI-Spagyrik Institut, Braunschweig) nach Ulrich-Jürgen Heinz

- Spagyrik nach Krauß (ISO Arzneimittel, Ettlingen) nach Theodor Krauß und Johann Sonntag

- Spagyrik nach Pekana (Pekana Naturheilmittel, Kißlegg) nach Peter Beyersdorff

- Spagyrik nach Strathmeyer (Strath-Labor, Donaustauf) nach Walter Strathmeyer

- Spagyrik nach Zimpel (Staufen-Pharma GmbH & Co. KG, Göppingen; Lemasor GmbH, Püttlingen; Phylak Sachsen GmbH, Burgneudorf; Heidak AG, Emmenbrücke) Verfahren irreführender Weise benannt nach Carl Friedrich Zimpel; Produktion der Präparate orientiert sich wahrscheinlich an den Vorschriften von Johann Rudolph Glauber.

Die angewendeten Verfahren unterscheiden sich in den einzelnen Produktionsschritten deutlich voneinander. Sechs Verfahren (Krauß, Pekana, Strathmeyer, Zimpel, Glückselig, von Bernus) sind im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) als standardisierte Herstellungvorschriften aufgeführt. Die nach dem HAB produzierten Fertigarzneimittel werden rechtlich wie homöopathische Arzneimittel behandelt: ihr Inverkehrbringen bedarf der behördlichen Genehmigung (Zulassung, Registrierung), an die Produktionsbedingungen gelten strenge Anforderungen.

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Der Aufschwung von spagyrischen Präparaten in den letzen Jahren dürfte vor allem kommerzielle und rechtliche Gründe haben. Da Spagyrik-Präparate rechtlich wie homöopathische Arzneimittel behandelt werden, dürfen sie wie diese ohne Wirksamkeitsnachweis verkauft werden.

Darum ist es zum Beispiel sehr viel einfacher, Spagyrika in Verkehr zu bringen als Phytotherapeutika, bei denen Wirksamkeitsbelege gefordert werden.

Dementsprechend sind allerdings auch die Wirksamkeitsbelege für Spagyrik-Tinkturen äusserst dürftig.

Ein grosses Problem liegt meines Erachtens zudem darin, dass oft unbesehen Wirkungen, die bei phytotherapeutischen Präparaten dokumentiert wurden (weil Phytotherapeutika eben wie schon erwähnt Wirkungsnachweise bringen müssen), auf Spagyrika aus der gleichen Heilpflanze übertragen werden. Das ist unzulässig, weil Spagyrika, falls sie wirksam sein sollten, durch ihr anderes Herstellungsverfahren zwangsläufig auch anders wirken müssten.

Die Spagyrik müsste die Wirksamkeit ihrer Präparate selber dokumentieren und glaubhaft belegen. Bisher gibt es hier aber vor allem anekdotenhafte Einzelfallgeschichten, die kaum brauchbares aussagen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ringelblume: Günstige Wirkungen bei Hautschäden durch oxidativen Stress

Samstag, Juli 10th, 2010

In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie erschien vor kurzem eine fundierte Zusammenfassung von Untersuchungsergebnissen bezüglich antioxidativer Eigenschaften von Ringelblume bei UV-B-Einwirkungen auf die Haut.

Die lokale bzw. äußerliche Anwendung der Ringelblume (Calendula officinalis L., Asteraceae) bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut bzw. bei schlecht heilenden Wunden und Verbrennungen sei schon lange bekannt und ihre Wirksamkeit in verschiedenen klinischen Studien belegt., schreibt die Pharmazeutin Astrid Obmann vom Departement für Pharmakognosie der Universität Wien.

Zitat:

„In verschiedenen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass entzündliche und

degenerative Prozesse in der Haut, verursacht durch UV-B Strahlung, hauptsächlich durch freie Sauerstoffradikale sowie eine Fehlfunktion des antioxidativen Systems vermittelt werden. Ringelblumenblüten enthalten eine Reihe von antioxidativ wirksamen Substanzen (v. a. Flavonoide), sodass in neueren in vitro und in vivo Untersuchungen der Einfluss eines wässrig-ethanolischen Auszugs auf diese beiden Parameter getestet wurde. Die in vitro Tests zeigten erwartungsgemäß eine starke Radikalfängerwirkung.“

Bei den in vivo Experimenten an Mäusen wurde der Redox-Status von Glutathion erfasst, welcher als sensitiver Marker bei UV-B induziertem, epidermalem oxidativem Stress gilt. Glutathion (GSH) gehört zu den bedeutendsten körpereigenen Antioxidantien und wird bei der Bindung freier Sauerstoffradikale selbst oxidiert. Untersucht wurde auch die Aktivität des Enzyms Gelatinase, einer Matrix-Metalloproteinase, welche einen Einfluss auf den Heilungsprozess geschädigter Haut haben soll. Bei oraler Applikation von Ringelblumenblüten-Extrakt konnte der GSH-Spiegel in der Haut UV-B bestrahlter Mäuse auf nahezu dem selben Niveau gehalten werden wie in der unbehandelten Kontrollgruppe. Außerdem wurde eine gesteigerte Gelatinase-Aktivität festgestellt. Somit lassen die Testresultate auf einen günstigen Effekt von Ringelblumenblüten-Extrakt bei durch UV-Strahlung geschädigter Haut (z. B. Sonnenbrand) schließen. Die Autoren empfehlen weiterführende Untersuchungen zur Klärung der genauen Wirkungsmechanismen.

Protective effect of Calendula officinalis extract against UVB-induced oxidative stress in skin: Evaluation of reduced glutathione levels and metalloproteinase secretion

Yris Maria Fonseca, Carolina Dias Catini et al.; Journal of Ethnopharmacology 127 (2010) 596-601

Quelle:

PHYTO Therapie Austria 2 / 2010

Kommentar & Ergänzung:

Interessant an diesem nicht gerade allgemein verständlichen Text scheint mir vor allem, dass antioxidative Effekte von Ringelblumenblüten-Extrakt bei oraler Zufuhr untersucht wurden – also via Magen-Darm-Trakt. Ringelblume wird ansonsten ja hauptsächlich untersucht in ihrer Wirkung auf die Haut als Ringelblumensalbe oder Ringelblumengel.

Bei Untersuchungen an Mäusen stellt sich allerdings immer auch die Frage, ob bzw. wie weit sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen.

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ADHS-Infoportal geht online

Dienstag, März 2nd, 2010

Wissenschaftler der Uniklinik Köln entwickeln www.adhs.info für das Bundesministerium für Gesundheit. Hier die Infos dazu und anschliessend Ergänzungen zum Thema Phytotherapie & ADHS.

Heute wurde das neue ADHS Infoportal online geschaltet. Das Portal bietet Informationen, welche auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sind: betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Bezugspersonen und Pädagogen. Die neue Informationsseite wurde durch das “zentrale adhs-netz” unter Federführung von Professor Döpfner aus der Kölner Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgebaut.

Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und / oder Impulsivität sind bei Kindern oft zu erleben. Nur wenn alle drei Auffälligkeiten über längere Zeit stark ausgeprägt zusammen auftreten, kann das als psychische Störung unter dem Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, diagnostiziert werden. Rund um ADHS gibt es seit einigen Jahren eine intensive gesellschaftliche Debatte. Nach wie vor fehlen aber Hilfen für Betroffene und ihre Bezugspersonen. Diese Lücke will die neue Informations-Seite http://www.adhs.info schließen.

Als erster von fünf Bereichen ist nun der Bereich für Eltern und Bezugspersonen von betroffenen Kindern und Jugendlichen abrufbar. Schritt für Schritt wird im Laufe des Jahres 2010 die Freischaltung der anderen Bereiche für Pädagogen, betroffene Kinder, betroffene Jugendliche und betroffene Erwachsene erfolgen. Die Aufklärung über alle Aspekte von ADHS ist ein wichtiges Anliegen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und Bestandteil der Strategie der Bundesregierung zur Förderung der Kindergesundheit.

Die Informationen auf der ADHS-Seite orientieren sich streng an empirischer Evidenz. Das bedeutet, sie basieren auf wissenschaftlichen Studien und Leitlinien von Fachgesellschaften und Expertengruppen. Durch eine zielgruppenspezifische Informationsaufbereitung soll damit eine einfach nutzbare, verlässliche und unabhängige Informationsbasis zum Störungsbild der ADHS für Betroffene und ihre Bezugspersonen geboten werden.

Hintergrund-Info zu ADHS:

Fast jedes Kind durchlebt im Laufe seiner Entwicklung Phasen erhöhter Ablenkbarkeit, hoher Aktivität und auch Zeiten heftiger Impulsivität. Erst ab einem bestimmten Grad der Auffälligkeit ist von einer Störung die Rede. In dieser Hinsicht unterscheidet sich ADHS nicht von anderen psychischen Störungen (bspw. Depression) oder körperlichen Erkrankungen (bspw. Bluthochdruck), welche ebenfalls mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Menschen mit einer starken Ausprägung der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, erfahren dadurch bedeutende Einschränkungen in ihrem Alltag.

Die Anzahl der von ADHS betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland variiert in Studien zwischen zwei und etwa sechs Prozent. Insgesamt kann man aber repräsentativen Studien zufolge davon ausgehen, dass etwa 500 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland von ADHS betroffen sind. Knaben sind dabei gegenüber Mädchen insgesamt zwei bis viermal häufiger betroffen.

In der Öffentlichkeit wird das Thema ADHS auch heute noch sehr kontrovers diskutiert, was bei Betroffenen, ihren Eltern, Partnern oder anderen Angehörigen und Betreuern oft Verunsicherungen auslöst. Das “zentrale adhs-netz” als bundesweites Netzwerk zur Verbesserung der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS hat es sich zum Ziel gesetzt, Unterstützung für ein umfassendes Gesundheitsmanagement für Menschen mit ADHS anzubieten.

Die interdisziplinäre Leitungsgruppe des “zentralen adhs-netzes” setzt sich zusammen aus:

– Prof. Dr. Manfred Döpfner, Leiter des Netzes; Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut, Uniklinik Köln
– Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
– Dr. Johanna Krause, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalyse, Fachärztin für Neurologie, Ottobrunn und
– Dr. Klaus Skrodzki, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologe, Forchheim.

Quelle:
http://idw-online.de

Kommentar & Ergänzung:

In der Öffentlichkeit am umstrittensten beim Thema ADHS ist die Therapie mit Ritalin. Dieser Punkt polarisiert sehr stark. In diesem wie auch in vielen anderen Bereichen scheint es mir wichtig, fundamentalistische Positionen zu vermeiden. Es kann nicht sinnvoll sein, Ritalin “grossflächig” einzusetzen. Genauso fragwürdig ist aber auch die Verteufelung von Ritalin mit der Forderung “Ritalin nie!”.

Anstelle von einseitigem Schwarz-Weiss-Denken geht es meines Erachtens darum, für jede Situation die bestmögliche Option zu finden. Das kann in manchen Fällen auch Ritalin sein, doch muss der Sinn und Zweck einer solchen Behandlung sehr sorgfältig geklärt werden.
Aus den Bereichen Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin gibt es zur ADHS-Behandlung zwar viele Ideen, aber leider kaum Belege für eine überzeugende Wirkung.
Hier ein paar Stichworte zum Thema Phytotherapie / Pflanzenheilkunde & ADHS:

- Hopfen und ADHS

Die Zeitschrift für Phytotherapie (4/2009) berichtet von einer Einzelfallbeobachtung:
“Psychostimulantien und Clonidin sowie – als zweite Wahl – Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und SSRI sind effektiv in der Behandlung der ADHS. Aber auch Phytotherapeutika wie Kamille, Hopfen, Baldrian oder gar Ginkgo scheinen in der Behandlung dieser Störung wirksam zu sein. Aus diesem Grund wurde der Effekt von Hopfen bei ADHS untersucht.”

Zur Methode:

“Wir verabreichten dem 14-jährigen Patienten nach einer Auswaschphase für 4 Wochen pulverisierte Hopfenzapfen als Kapseln in der Dosierung von 2 × 150 mg (Fertigpräparat; BioNaturis, Schweiz) und nach einer 4-wöchigen Pause für weitere 4 Wochen Placebo. Der Patient und die Beurteiler waren nicht über die Verum/Placebo-Phase informiert. Der Patient…litt seit 11 Jahren an ADHS. Methylphenidat, das er über 14 Monate eingenommen hatte, brachte eine deutliche Besserung. Diese Medikation wurde 4 Wochen vor der Beobachtungsphase abgesetzt.”

Die Evaluation der Symptome wurde mittels klinischem Interview und einer Rating Scala durchgeführt.

Zu den Resultaten:

“Bezüglich Unaufmerksamkeit konnten wir eine Verbesserung von 24 auf 13 Punkte, bezüglich Hyperaktivität eine von 21 auf 16, und zusammen eine von 45 auf 29 beobachten. In der darauffolgenden 4-wöchigenmedikationsfreien Zeit stiegen der Hyperaktivitätswert wieder auf 22, der Aufmerksamkeitsstörungswert auf 20 und der Summenscore auf 42 an. Das anschließend für ebenfalls 4 Wochen verabreichte Placebo brachte Werte von 21/20/41.”

Der Autor kommt zum Schluss:

“Obwohl die Generalisierung einer Einzelfallbeobachtung nicht möglich ist, so legt das Ergebnis unserer Beobachtung doch eine zumindest supportive Wirkung von Hopfen nahe….. Die Symptomreduktion ist deutlich geringer als die 50-60%ige mittels Psychostimulantien erreichbare, ähnelt aber der von Nicht-Psychostimulantien, wie z.B. Desipramin, einem trizyklischen Antidepressivum.”
Tatsächlich lassen sich aus einer Einzelbeobachtung keine fundierten Schlüsse ziehen. Es scheint mir auch nahe liegend, dass während der ersten vier Wochen (Verum-Phase) der Placebo-Effekt stärker vorhanden war als in der später folgenden Placebo-Phase. Allein schon die Tatsache der Intervention erzeigt eine Erwartungshaltung, doch dürfte sich dieser Effekt beim zweiten Mal (Placebo-Phase) abschwächen.

- Johanniskraut & ADHS

Die Zeitschrift für Phytotherapie (6/2008) berichtete von einer randomisierten Doppelblindstudie mit Johanniskraut-Extrakt bei ADHS, allerdings mit negativem Ergebnis:

“Weder bei der ADHD-RS-IV-Skala noch bei der CGI ergaben sich signifikante Gruppenunterschiede zwischen Verum und Placebo innerhalb der 8-wöchigen Behandlungsperiode.”
I
m Kommentar weißt Prof. Dr. Volker Schulz allerdings auf problematische Aspekte der Studie hin:

“Die Autoren weisen bei der Diskussion ihrer Ergebnisse selbst darauf hin, das die Wahl des Prüfpräparates möglicherweise limitierend für die Studie gewesen sein könnte. Offenbar erfolgte erst nachträglich eine chemische Analyse. Diese ergab, dass der verwendete Johanniskraut-Extrakt zum Zeitpunkt der Beendigung der Studie nicht die vom Hersteller deklarierten 0,3%, sondern nur noch 0,13% Hypericin enthielt. Der gleichzeitig gemessene Gehalt an Hyperforin betrug nur 0,14% und damit weniger als ein Zehntel dessen, was bei der Mehrzahl derjenigen Extrakte enthalten war, die in kontrollierten Studien zur antidepressiven Wirksamkeit verwendet worden waren.”

Und er fügt eine grundsätzliche Anmerkung bei:

“Ungeachtet dieses Mangels bei der Extrakt-Wahl stellt sich die Frage, ob – gemessen an den klinische Erfahrungen bei der antidepressiven Therapie – das ADHS besonders geeignet für eine Therapiestudie mit Johanniskraut-Extrakt als Monotherapie war. Der mutmaßliche Wirkmechanismus im Sinne einer Steigerung der Dopaminkonzentration im Bereich zentraler Synapsen beruht auch bei Antidepressiva nur auf vorklinischen Untersuchungen, mehrheitlich solchen in vitro. Nach klinischen Erfahrungen werden jedoch die Johanniskraut-Extrakte eher den »aktivierenden« und nicht den (beim ADHS sicherlich günstigeren) sedierenden Antidepressiva zugeordnet. Vor diesem Hintergrund wäre das Ergebnis der Studie selbst bei besserer Wahl des Extrakts weniger überraschend gewesen. Für zukünftige Studien mit Phytopharmaka beim ADHS sollten vielleicht besser Zubereitungen mit beruhigenden Drogen wie Lavendel oder Baldrian, ggf. in Kombination mit Johanniskraut, verwendet werden.”

- Ginkgo biloba und ADHS

Wikipedia dazu:

“Bei ADHS scheint Ginkgo biloba jedoch dann eine Wirkung zu besitzen, wenn es mit Ginseng kombiniert wird.
Kinder im Alter von 3-17 Jahren, die an Aufmerksamkeits-Defizit-und-Hyperaktivititäts-Syndrom (ADHS) litten, wurden in der Pilotstudie von Lyon et al. nach vierwöchiger Behandlungsdauer durchaus erfolgreich behandelt. Sie hatten amerikanischen Ginseng (Panax quinquefolium) in einer Dosierung von 200 mg pro Kapsel + 50 mg Gingko biloba zweimal täglich auf nüchternen Magen eingenommen. Fünf der 36 Kinder zeigten leichte Nebenwirkungen, wobei zwei Fälle direkt auf die Ginsengmedikation zurückgeführt werden konnten.
Ein analoges Produkt war bereits ein Jahr früher von Wesnes et al. in einem randomisierten Doppelblindversuch an 256 gesunden Freiwilligen ausprobiert worden. Anhand eines Beurteilungsschemas (Index of Memory Quality) stellte sich eine Verbesserung der Gedächtnisleistung nach 12wöchiger Einnahme heraus.”

Ausserdem gibt es eine Studie von H. Frei (Phytotherapie 1/2002), in welcher Ginkgo an 50 ADHS-Kindern geprüft wurde. 28 der 50 Kinder (56%) sprachen gut auf Ginkgo biloba an. Dabei war die Resonderrate allerdings ungünstiger als bei Ritalin und die Wirkung insgesamt schwächer, insbesondere bezüglich Unruhe und Konzentration. Es fehlt hier der Vergleich mit einer Placebo-Gruppe.

Vor kurzem wurde ich an einem Vortrag gefragt, warum ich die Wirkung von Phytotherapie bzw. Naturheilkunde bei ADHS so kritisch einschätze.
Ganz einfach: Ich sehe meine Aufgabe nicht in der “Heilkräuter-Propaganda”. Ich bin kein “Kräuterpfarrer” mit missionarischen Ambitionen, der in allen Fällen immer Heilpflanzen “verkaufen” will. Wer sich nämlich so stark mit einem Bereich überidentifiziert, verliert tatsächlich jede kritische Distanz.

Meine Aufgabe sehe ich eher in der fundierten, differenzierten Beratung. Dazu gehört selbstverständlich auch die Berücksichtigung von Grenzen und Schwächen der Heilpflanzenkunde sowie die Darstellung anderer Optionen. Die Stärken der Heilpflanzenkunde kommen dabei nicht zu kurz und auch nicht die Freude an den Heilpflanzen in der Natur.

Wer einen unkritisch-naiven Heilkräuter-Propagandisten sucht, ist bei mir aber wahrscheinlich an der falschen Adresse.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Heilpflanzen-Extrakt für funktionelle Magen-Darm-Beschwerden überzeugt im Labor

Mittwoch, Februar 3rd, 2010

Ein bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden bewährtes pflanzliches Vielstoffgemisch zeigt auch in Laborexperimenten mehrere günstige Effekte. Das spricht für das breite klinische Wirkspektrum.
Das untersuchte Heilpflanzen-Präparat enthält traditionell bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzte Extrakte aus bitterer Schleifenblume, Angelikawurzel (Engelwurz), Kamillenblüten, Kümmelfrüchten und Mariendistelfrüchten, Melissenblättern, Schöllkraut, Süßholzwurzel und Pfefferminzblättern. In klinischen Studien zur Behandlung von Patienten mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden, besonders bei Reizmagen und Reizdarm, hat das Phytotherapeutikum bereits überzeugt.
Auch konnten inzwischen mehrere schmerzlindernde, motilitätsfördernde, reflux- und entzündungshemmende Wirkmechanismen in Laborexperimenten belegt werden. So wurde beispielsweise in Versuchsanordnungen mit vitalen Muskelpräparaten aus mehreren Regionen des Meerschweinchenmagens gezeigt: Auf Muskelstreifen aus dem Fundus wirkt das Heilpflanzen-Präparat entspannend. In vivo (im Organismus) erleichtert dies die Volumenadaptation des Magens bei der Nahrungsaufnahme und vermindert so das Völlegefühl. Muskelstreifen aus dem Antrum kontrahieren dagegen unter der Einwirkung des Phytotherapeutikums. Klinisch heisst dies, dass die Pumpfunktion des Magens verstärkt und so einer gestörten Magenentleerung entgegengewirkt wird. Ein durch das Heilpflanzen-Präparat gesteigerter Tonus von Muskelstreifen aus dem Bereich des Ösophagussphinkters macht wiederum die Antirefluxeigenschaften des Vielstoffgemisches plausibel.
Im Rattenmagen konnten nach Applikation des standardisierten Vielstoffgemischs eine signifikante Zunahme von Prostaglandin E2 in der Magenwand, ein Anstieg der Mucinsekretion und eine Verminderung der Säuresekretion nachgewiesen werden. Dies untermauert das mukosaprotektive Potenzial des Heilpflanzen-Präparates. Für die klinische Wirksamkeit gegen die bei Reizmagen und Reizdarm oft bedeutsame gastrointestinale Hypersensitivität (Überempfindlichkeit im Magen-Darm-Bereich) sprechen Tierversuche, die eine verminderte Aktivität afferenter Nerven auf experimentelle Darmdehnungsreize belegen.
An vitalen humanen Dünndarmpräparaten wurde unter Einfluss des Heilpflanzen-Präparates über eine Aktivierung mehrerer Chloridkanäle die Sekretion erhöht und gleichzeitig eine Entspannung der Darmmuskulatur erreicht. Mit diesem dualen Effekt ahmt das Phytopharmakon bekannte Eigenschaften mehrerer natürlich im Darm vorkommender Neurotransmitter nach.

Quelle:
http://www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Laborexperimente an isolierten Organen oder tierexperimentelle Ergebnisse lassen sich nicht so einfach auf kranke Menschen übertragen. Sie geben allenfalls Ideen dazu, wie eine Wirkung zustande kommen könnte. Entscheidend für die Beurteilung der Wirksamkeit sind daher die direkten Studien mit Patientinnen und Patienten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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GEM-Studie: Ginkgo biloba ohne kognitiven Effekt – und nun?

Dienstag, Februar 2nd, 2010

Die Einnahme von Ginkgo-biloba-Extrakten kann den kognitiven Abbau im Alter nicht anhalten. Zu diesem Resultat kommt eine randomisierte placebokontrollierte Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (2009; 302: 2663-2670).

Ich stelle hier diese Studie anhand einer Meldung aus dem Deutschen Ärzteblatt vor. Anschliessend finden Sie unter “Kommentar & Ergänzung” kritische Einwände zu dieser Studie, einen Versuch der Bewertung auf dem Hintergrund von bisherigen positiven Ginkgo-Studien und ein paar Schlussfolgerungen für den Einsatz von Ginkgo-biloba-Extrakten in der Phytotherapie.

Die GEM-Studie

Die Ginkgo Evaluation of Memory oder GEM-Studie ist die bisher größte Studie zu den Wirkungen von Extrakten, welche aus den Blättern des Ginkgobaumes hergestellt werden. Sie erfreuen sich in Europa und hauptsächlich in Deutschland großer Beliebtheit. Das US-National Center for Complementary and Alternative Medicine wählte das marktführende Präparat eines deutschen Produzenten (Schwabe) für die GEM-Studie aus, in welcher 3.069 Senioren im Alter von 72 bis 96 Jahren auf die zweimal tägliche Einnahme des Ginkgo-biloba-Extraktes oder eines Placebo von identischem Aussehen randomisiert ( = nach dem Zufallsprinzip verteilt) wurden. Durchgeführt wurde die Ginkgo-Studie in den Jahren 2000 und 2008 an sechs akademischen US-Zentren. Die Resultate zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimerdemenz, wurden im letzten Jahr veröffentlicht (JAMA 2008; 300: 2253-2262).?

Das Ginkgo-Extrakt war nach einer mittleren Beobachtungszeit von 6,1 Jahren nicht in der Lage, verglichen mit Placebo die Zahl der Neuerkrankungen zu reduzieren – weder in der Gesamtgruppe noch in einer Untergruppe von Teilnehmern, die schon unter einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) litten, einer möglichen Vorstufe der Alzheimerdemenz.

Jetzt liegen die Resultate zum Rückgang der kognitiven Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimerdemenz vor. Dies war ein vor Beginn der Studie festgelegter sekundärer Endpunkt der GEM-Studie. ??Wie Beth Snitz von der Universität Pittsburgh und Mitarbeiter mitteilen, konnten hier ebenfalls keine positiven Effekte des Extraktes gefunden werden – weder in den globalen Tests, noch in spezifischen Untersuchungen zur Gedächtnisleistung, zu den visuellem räumlichen Fähigkeiten, zu Sprache, Aufmerksamkeit und zur psychomotorischen Geschwindigkeit oder in den ”exekutiven Funktionen” (Verstandsleistung). ??Auch die Auswertung nach Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, Ausbildungsniveau, APOE*E4-Status oder kognitiver Leistung am Anfang der Studie zeigten keine Hinweise auf eine Untergruppe, in der Ginkgo-biloba-Extrakte einen (weiteren) Rückgang der kognitiven Leistungen verhindern könnte. ??Die Resultate stimmen mit der bisherigen Einschätzung der Cochrane Collaboration überein, die Ginkgo-biloba-Extrakten keine gesicherte Antidemenzwirkung bescheinigen konnte (Cochrane Database Syst Rev. 2009 Jan 21;(1):CD003120).

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Das ist nicht wie von vielen Medien gemeldet, eine neue Ginkgo-biloba-Studie. Das “Ärzteblatt” beschreibt korrekt:
“Die Resultate zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimerdemenz, wurden bereits im letzten Jahr veröffentlicht….Der untersuchte Ginkgo-Extrakt war nach einer mittleren Beobachtungszeit von 6,1 Jahren nicht in der Lage, verglichen mit Placebo die Zahl der Neuerkrankungen an Alzheimer-Demenz zu reduzieren.”

Nun geht es um die Resultate zu einen vor Beginn der Studie festgelegten sekundären Endpunkt derselben Studie: Zum Rückgang der kognitiven Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimerdemenz.
Auch hier konnte der Ginkgo-biloba-Extrakt die kognitive Leistungsfähigkeit nicht beeinflussen.
Das Ginkgo-Präparat verbesserte weder das geistige Allgemeinbefinden der Probanden noch wirkte es sich positiv auf einzelne kognitive Funktionen des Gehirns aus.

Totaler Absturz für Ginkgo?
Oder was bleibt?
Halten wir ein paar Facetten fest:

- Kritische Einwände
Der Hersteller des untersuchten Ginkgo-Extraktes (Wilmar Schwabe, Karlsruhe) hat die Studie mit folgenden Argumenten kritisiert:

Der Nutzen des von Schwabe produzierten, apothekenpflichtigen Ginkgo-Präparates auf die Gehirnleistung sei durch eine Reihe aktueller Studien wissenschaftlich belegt. Die Aussagekraft der aktuellen Studie sei nur gering. Die Untersuchung habe methodische Schwächen: Ein kognitiver Abbau sei selbst in der Placebogruppe kaum zu erkennen.

Schwabe schreibt weiter: “Die Studienteilnehmer zeigten trotz des hohen durchschnittlichen Alters von rund 80 Jahren im Laufe der Studie außergewöhnlich geringe kognitive Verschlechterungen, die fast siebenmal langsamer erfolgten, als in der Planungsgrundlage der Autoren. Diese räumen hierzu selbst ein ,Die von uns beobachteten Veränderungen im 3MSE waren gering und klinisch nicht signifikant.‘”
Ein Nutzen des Schwabe-Präparates könne jedoch nur dann gezeigt werden, wenn auch erste kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen oder Vergesslichkeit auftreten würden.

“Die Studie hätte noch mindestens 10 Jahre länger dauern müssen, bevor ein relevanter geistiger Abbau sichtbar geworden wäre”, sagte Günter Ment, der Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Karlsruher Firma.
Weitere Kritikpunkte sind nach Schwabe: “ Zudem wurde die kognitive Leistungsfähigkeit über ca. 4 von durchschnittlich 6 Behandlungsjahren nur mit groben Demenz-Screeningverfahren erhoben, die ausführlichen Testungen erfolgten erst, als bereits über 500 Teilnehmer die Studie verlassen hatten. Am Ende der Studie fehlten sogar Daten von über einem Drittel der Probanden.
Von den in der Studie Verbliebenen nahmen nur noch gut die Hälfte (60%) ihr Medikament auch wirklich ein. Ein Ginkgopräparat kann das Nachlassen der geistigen Leistung aber nur verhindern, wenn es auch regelmäßig eingenommen wird, wie Forscher der Universität von Oregon unlängst nachwiesen (Dodge et al. 2008).”

- Ginkgo-Extrakt zeigt Nutzen im Frühstadium der Demenz
Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kam in einer Analyse vom Jahr 2008 zu dem Schluss, dass ein Nutzen von Gingko-Präparaten gegeben sei:

“ Für das Therapieziel ‘Aktivitäten des täglichen Lebens’ gibt es einen Beleg für einen Nutzen
von Ginkgo biloba, Extrakt EGb 761, bei Verwendung einer hohen Dosis von 240 mg täglich.
Für die Therapieziele ‘kognitive Fähigkeiten’ und ‘allgemeine psychopathologische
Symptome’ sowie für das angehörigenrelevante Therapieziel ‘Lebensqualität der
(betreuenden) Angehörigen’ (gemessen anhand des emotionalen Stresses der Angehörigen)
gibt es bei einer Dosis von 240 mg täglich einen Hinweis auf einen Nutzen.”

Quelle: http://www.iqwig.de/download/A05-19B_Abschlussbericht_Ginkgohaltige_Praeparate_bei_Alzheimer_Demenz.pdf

- Ginkgo-Diskussion an Phytotherapie-Kongress
Im September dieses Jahres fand der Berliner Phytotherapie-Kongress statt, bei dem Mediziner auch über die Behandlungsmöglichkeiten mit Ginkgo-Präparaten diskutiert hatten – eine der Diskussionen wurde von “Medical Tribune Online” als Video veröffentlicht. Sie finden den Link zu diesem Video im Bereich “Infodienst Forschende Phytotherapie” im Abschnitt “Ginkgo biloba”, siehe:

moodle.heilpflanzen-info.ch/course/view.php

- Positive Ginkgo-Studien
Die “Ärztezeitung” berichtet ebenfalls detailliert über das negative Resultat der GEM-Studie. Allerdings stellt sie dem eine positive Meta-Analyse entgegen, die ebenfalls erst kürzlich erschienen ist:

“ Hinweise auf einen …..Nutzen gibt immerhin eine vor kurzem publizierte Analyse von 29 Placebo-kontrollierten Studien mit Extrakten aus Ginkgo biloba, an denen insgesamt über 2400 Personen teilgenommen hatten. Das Spektrum der ausgewerteten Untersuchungen reichte von Studien mit ausschließlich Alzheimer-Patienten über Studien mit Patienten, die nur leichte Gedächtnisstörungen hatten, bishin zu Studien, an denen ausschließlich kognitiv gesunde ältere Menschen teilnahmen. In mehr als zwei Drittel der Studien wurde der Extrakt EGb 761® verwendet (in Deutschland vom Unternehmen Dr. Wilmar Schwabe….angeboten). Das Besondere an der Analyse: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Ginkgo-Extrakte die Kognition allgemein verbessern, oder ob die Effekte spezifisch bestimmte kognitive Funktionen betreffen. Daher wurden nur Studien berücksichtigt, die mithilfe neuropsychologischer Tests solche kognitive Funktionen separat erfassten. Dazu gehörten etwa Tests auf verbales und visuelles Kurz- und Langzeitgedächtnis. Bei der Aufmerksamkeit wurden Vigilanz, Informationsverarbeitung und Fokussierung auf Informationen berücksichtigt, zudem wurden Studien mit Intelligenztests und Exekutivfunktionen wie Planung oder Flexibilität bewertet. Insgesamt erfolgten mit solchen Tests in den 29 Studien insgesamt 209 Ginkgo-Placebo-Vergleiche.
Die Ergebnisse der Analyse hat jetzt Privatdozent Reiner Kaschel von der Universität Osnabrück in der Zeitschrift ‘Human Psychopharmacology’ (24, 2009, 345) veröffentlicht. So zeigten 23 Prozent der Tests zum verbalen Kurzzeitgedächtnis einen signifikanten Vorteil für Ginkgo, knapp 27 Prozent waren es beim verbalen Langzeitgedächtnis, zwischen 33 und 46 Prozent bei Aufmerksamkeitstests. Auch bei Exekutivfunktionen wie Flexibilität (Hin- und Herschalten zwischen unterschiedlichen Aufgaben) und fluider Intelligenz (Bewältigung neuer Herausforderungen) war der Anteil von Tests mit signifikanten Effekten zugunsten von Ginkgo mit 23 und 38 Prozent relativ hoch. Bei den genannten Tests war damit die Rate signifikanter Ergebnisse um den Faktor fünf bis acht höher als bei einer reinen Zufallsverteilung. Ginkgo-Extrakte scheinen zumindest nach diesen Daten eine Vielzahl von kognitiven Funktionen günstig zu beeinflussen.” (www.aerztezeitung.de)

- Differenzierte Stellungnahme des Präsidenten der Österreichischen Alzheimergesellschaft
Auf http://kurier.at nimmt Univ.-Prof. Reinhold Schmidt, Neurologe an der MedUni Graz und Präsident der Österreichischen Alzheimergesellschaft, zur aktuellen Situation um Ginkgo Stellung:

“Bei älteren Menschen mit einer normalen Gedächtnisleistung oder leichten Beeinträchtigungen bringt ein vorbeugender Einsatz von Ginkgo nichts. Dies gilt aber auch für jene Arzneien, die bei bereits bestehendem Alzheimer eingesetzt werden.”

Anders sei die Situation bei Patienten, die schon an Alzheimer-Demenz leiden: In diesem Fall könne man sehr wohl Ginkgo-Präparate als Mittel der zweiten oder dritten Wahl einnehmen, wenn herkömmliche Medikamente (Acetylcholinesterase-Hemmer, Memantin) nicht wirken oder nicht vertragen werden. Doch auch für diesen Einsatzbereich sei die wissenschaftliche Datenlage widersprüchlich, erklärt der Mediziner.??

- Vergleichsstudie Ginkgo-biloba-Extrakt versus Donepezil
Prof. Volker Schulz stellt in der Zeitschrift für Phytotherapie (Nr. 6 / 2009) eine Pilotstudie mit Ginkgo-blioba-Extrakt vor und fasst das Resultat folgendermassen zusammen:

“Ginkgo-Spezialextrakt bei Alzheimer-Demenz gleich wirksam aber verträglicher als Donepezil”

Den Hintergrund zu dieser Studie erläutert Prof. Schulz folgendermassen:

“ Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat im Zeitraum von 2005 bis 2008 eine Bewertung zum Nutzen der therapeutischen Anwendung von Antidementiva, darunter Ginkgo-biloba-Extrakte (GBE) und Cholinesterasehemmer (ChEH), bei Patienten mit Demenz erarbeitet. Für die Beurteilung wurden vor allem praxisrelevante Therapieziele herangezogen, darunter Aktivitäten des täglichen Lebens, kognitive Leistungsfähigkeit, gesundheitsbezogene Lebensqualität, spezielle mit der Krankheit verbundene Symptome und therapieassoziierte unerwünschte Ereignisse. Das Urteil fiel für GBE insgesamt ähnlich positiv aus wie für ChEH. Der Nutzen in Relation zu anderen Antidementiva ist aber laut IQWiG derzeit nicht abschließend einschätzbar. Daher wurden u.a. direkte Vergleichsstudien zwischen GBE und ChEH empfohlen. Aus der Gruppe der ChEH wurde bisher der Wirkstoff Donepezil am gründlichsten geprüft. Das IQWiG erkennt bei Donepezil für alle in den Studien eingesetzten Dosierungen einen Nutzen bezüglich des Therapieziels der kognitiven Leistungsfähigkeit für Patienten mit einer Alzheimer-Demenz leichten bis mittleren Grades an. Es lag daher nahe, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von GBE gegenüber diesem synthetischen Antidementivum als Vergleichsstandard zu prüfen. Mangels dafür notwendiger Vorergebnisse wurde der Planung konfirmatorischer Untersuchungen eine explorative Studie vorangeschaltet.”

Verglichen mit dem Standard-Antidementivum Donepezil ergaben sich in den eingesetzten Testverfahren und Beurteilungsskalen nach Prof. Schulz keine signifikanten Unterschiede zum Ginkgo-Extrakt.
Schulz kommentiert:

“Die Studie zielt konsequent auf das, was in der Praxis ebenso wie beim IQWiG besonders gefragt ist, nämlich den direkten Vergleich der Wirksamkeit und Verträglichkeit etablierter und zugleich konkurrierender Therapien. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe und des explorativen Ansatzes nicht beweisend, jedoch vielversprechend für GBE. Eine konfirmatorische Studie zum statistischen Beweis der äquivalenten Wirksamkeit oder der Nichtunterlegenheit von GBE sollte baldmöglichst folgen.”

Schlussfolgerungen

Und was lässt sich nun aus all diesen Facetten für die Anwendung von Ginkgo-biloba-Extrakten schliessen?

1. Diese zweite Meldung zur GEM-Studie aus dem US-amerikanischen Ärzteblatt wurde von vielen Medien mit Schlagzeilen wie: Ginkgo – die wirkungslose Wunderwaffe” (Zeitschrift “Focus”) publiziert. Das scheint mir undifferenziert und auch ziemlich unwissenschaftlich, weil es der komplexen Forschungslage rund um Ginkgo biloba nicht annähernd gerecht wird. Es müsste in diesem Fall vielmehr darum gehen, genauer zu fassen, in welchen Situationen eine Anwendung von Ginkgo Sinn macht und in welchen nicht.

2. Die Wirkung von Medikamenten gegen Demenz ist sehr begrenzt. Das gilt für synthetische wie für pflanzliche Medikamente. Wenn aber Ginkgo-biloba-Extrakte im Frühstadium von Demenz bei besserer Verträglichkeit tatsächlich den Synthetika ebenbürtig sein sollten, spricht sehr viel für Ginkgo biloba.

3. Zur Langzeit-Prophylaxe gegen Alzheimer-Demenz scheint mir die Einnahme von Ginkgo-biloba-Präparaten sowieso nicht sinnvoll – und das schon vor der Veröffentlichung dieser Studienresultate. Wenn Schwabe fordert, dass die Studie mindestens 10 Jahre länger hätte dauern müssen, dann läuft dies auf eine Dauermedikation in der zweiten Lebenshälfte hinaus. Älter werden allein ist aber kein behandlungsbedürftiger Vorgang. Die zweite Lebenshälfte wird meines Erachtens schon viel zu stark medikalisiert. Zur Vorbeugung gegen Demenz – soweit dies möglich ist – scheint es zweifellos sinnvoller, geistig und körperlich so gut wie möglich in Bewegung zu bleiben.

4. Ob Ginkgo-Präparate bei Gesunden im Sinne von “Hirndoping” sinnvoll sind, scheint mir eine sehr offene Frage. Einerseits deutet die oben erwähnte Publikation von Reiner Kaschel darauf hin, dass Ginkgo-Extrakte über gewisse Phasen verstärkter geistiger Beanspruchung günstige Effekte auf die kognitiven Funktionen haben könnten. Andererseits ist aber das ganze Gerede von “Hirndoping” ziemlich fragwürdig und die bisher erreichbaren Wirkungen werden wohl sehr überschätzt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Phytotherapie: Meerrettich als Heilpflanze bei Husten und Blasenentzündung

Samstag, Januar 30th, 2010

Der scharfe Geschmack des Meerrettichs (syn. Armoracia rusticana) ist den meisten aus der Küche bekannt. Die Pfahlwurzel wird sowohl zum Verfeinern von verschiedenen Speisen als auch zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Der Name Meerrettich bedeutet “über das Meer zu uns gekommener Rettich”, wobei damit die fremdländische Herkunft und nicht das Meer an sich gemeint ist.

Der Meerrettich wächst in fast ganz Europa und zieht dabei feuchte Standorte vor. Die frische, unverletzte Wurzel enthält unter anderem als Inhaltsstoffe die Glucosinolate (Senfölglykoside) Gluconasturtin und Sinigrin. Bei Verletzung kommen die geruchlosen Senfölglykoside in Kontakt mit abbauenden Enzymen (Myrosinasen), wodurch scharf schmeckende Senföle (ca. 90% Allylsenföl) entstehen.
Die Glukosinolate besitzen antimikrobielle, krampflösende, zytotoxische und hautreizende Eigenschaften. Ebenso vielfältig sind die Indikationen:
Äusserlich wird Meerrettich bei Katarrhen der Atemwege, Myalgien und leichten Muskelschmerzen eingesetzt. Bei der innerlichen Anwendung steht die Behandlung von Atemwegserkrankungen im Vordergrund. Bei Harnwegserkrankungen (Blasenentzündung) wird Meerrettich unterstützend angewendet.

In der Volksmedizin wird die Heilpflanze auch bei Gicht, Rheuma und Erkrankungen von Leber und Galle angewendet.
Meerrettich ist Bestandteil von verschiedenen Naturheilmitteln, zum Beispiel Kernosan Meerrettich Elixier, Angocin N (Deutschland)).
Meerrettich-Honig, ein altes Hausmittel, soll bei zähem Bronchialschleim wirksam sein: 1 Teelöffel frisch geraspelte Meerrettichwurzel mit 3 Teelöffeln Honig vermischen und 3- bis 5-mal täglich je 1 Teelöffel voll einnehmen.

Literatur:
_Zeitschrift für Phytotherapie, 6/2008/p299
_Jaenicke et al.; Handbuch Phytotherapie; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2003; p356
_Van Wyk et al.; Handbuch der Arzneipflanzen; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart2004; p52

Quelle:
http://www.pharmavista.net

Kommentar & Ergänzung:

Meerrettich wird in Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde und Phytotherapie zur Behandlung von akuter Bronchitis und akuter Blasenentzündung geschätzt.
Meerrettich wirkt vor allem schleimlösend und antibakteriell bei produktivem Husten.
Für diese Indikationen wird die Meerrettichwurzel eingenommen, was aber Wissen über Dosierungen und Zubereitungsarten erfordert.
Das gilt auch für die äusserliche Anwendung als Meerrettichauflage beispielsweise bei Stirnhöhlenentzündung, Kieferhöhlenentzündung oder Kopfschmerzen. Da Meerrettich stark hautreizend wirkt, braucht die Anwendung Sorgfalt und Know-how.

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Verstopfung: Sennesblätter als Abführmittel nur kurzfristig

Freitag, Januar 15th, 2010

Die Häufigkeit des Stuhlgangs liegt bei den meisten Menschen zwischen dreimal pro Tag bis zu zweimal wöchentlich. Eine Obstipation (Verstopfung) liegt dann vor, wenn jemand weniger als zweimal wöchentlich Stuhlgang hat und dabei stark pressen muss. In zahlreichen Fällen wird eine Verstopfung durch die Lebensweise der Betroffenen ausgelöst, wie beispielweise durch zu geringe Flüssigkeitszufuhr, ballaststoffarme Ernährung, zu wenig Bewegung und wiederholter Unterdrückung des Stuhlgangreizes. “Daher reichen oftmals einfache Maßnahmen, wie eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Vollkornprodukten und reichlich frischem Obst und Gemüse sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr von 1,5 bis 2 Litern, um die Darmträgheit in den Griff zu bekommen”, rät Prof. Richard Raedsch vom Berufsverband Deutscher Internisten (BDI).

Abführmittel sollten keinesfalls über einen längeren Zeitraum genommen werden, ohne dass ein Arzt die Ursachen einer Verstopfung abgeklärt hat, empfiehlt der Experte. Regelmäßige Bewegung kann die Darmtätigkeit unterstützen. Zudem sollte dem Stuhldrang immer nachgegeben werden, man sollte ihn nicht aus Zeitgründen unterdrücken, rät Prof. Raedsch. Einige Minuten Bauchmassage entlang des Dickdarms vor dem Aufstehen oder ein Glas Wasser oder Fruchtsaft in nüchternem Zustand können den Stuhldrang verstärken. Falls diese Maßnahmen keine Verbesserung bewirken, kann die Verdauung durch Quellmittel wie Leinsamen, Flohsamen und Kleie angeregt werden. Solche Ballaststoffe wirken nur, wenn genügend Flüssigkeit zum Quellen vorhanden ist. Daher muss man bei der Einnahme immer reichlich trinken, möglichst 2-3 Tassen oder Gläser à 200 ml”, empfiehlt der BDI-Experte.

Osmotisch wirksame Abführmittel wie Milchzucker oder Macrogol steigern den Wassergehalt im Stuhl, indem sie dem Organismus die Flüssigkeit entziehen. Dies sind sanfte Wirkstoffe, welche gut helfen und auch längerfristig eingenommen werden können, erläutert Prof. Raedsch.
Stimulierende Abführmittel steigern die Darmbewegung so, dass der Speisebrei rascher transportiert wird und steigern den Einstrom von Flüssigkeit und Mineralien in den Darm. Zu diesen Arzneimitteln zählen die synthetische Wirkstoffe Bisacodyl und Natriumpicosulfat. Pflanzliche Präparate aus Sennesblättern sollten nur kurzzeitig eingenommen werden, empfiehlt Prof. Raedsch. Der Organismus verliert sonst grosse Mengen Wasser und Mineralstoffe, der Darm gewöhnt sich an die Stimulation und wird noch träger.

Quelle:
http://de.news.yahoo.com/
www.internisten-im-netz.de

Kommentar & Ergänzung:

Der Hinweis, Heilpflanzen-Präparate mit Sennesblättern nur kurzfristig einzusetzen, stimmt mit den Empfehlungen der Phytotherapie überein. Allerdings würde ich auch synthetische Abführmittel wie Bisacodyl (Dulcolax) und Natriumpicosulfat nur für kurzfristigen Gebrauch einsetzen.
Leinsamen, Flohsamen und Kleie eignen sich dagegen für die Langzeitanwendung. Von diesen drei Möglichkeiten würde ich Flohsamen vorziehen.

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Melisse (Melissa officinalis) bei Autismus?

Dienstag, Januar 12th, 2010

Vielversprechende Resultate einer Beobachtung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus werden durch qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Interaktion, der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert und durch ein
merklich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen.
Eine Publikation in der Zeitschrift ProMed komplementär 4/2009 beschreibt eine kleine Beobachtungsstudie zur Anwendung von Melissenextrakt bei Autismus. Hier eine Zusammenfassung:

Melisse, so wird berichtet, besitze eine beruhigende und ordnende Wirkung. Aus dem Grund vermuten die Autoren der Studie, dass Melissenextrakt vielleicht wirksam sein könnte bei der Behandlung von Autismus.
.
An der Beobachtungsstudie nahmen drei ambulante männliche Patienten teil (16.1-17.3 Jahre; mean=16.7 Jahre; SD=0.4-Jahre). Ihre Intelligenzquotienten bewegten sich zwischen 56 und 88 (72+/?16), gemessen mit der Wechsler Intelligence Scale. Die Diagnose wurde unabhängig voneinander von zwei Psychologen gestellt und bestätigt. Alle Patienten waren frei von zusätzlichen medizinischen oder neurologische Erkrankungen und zudem wenigstens für einen Monat medikamentenfrei. Einer war vorgängig mit Methylphenidat, der andere mit Neuroleptika behandelt worden, beide mit ungünstigem Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis. Die Sprache eines Patienten bestand aus einsilbigen Wörtern, die der anderen aus einzelnen Wörtern (10-Wort-Vokabular). Eltern und Mentoren (= die Personen, die den Patienten im Alltag betreuten) bewerteten die Symptome mit der Verhaltens- (ABC) und Symptomkontrolliste. Melissenblätter-Trockenextrakt, (5.0-6.2:1, Auszugsmittel Wasser) in der Dosierung von 2 x 225 mg (2 x 1 Tbl.) wurde einen Monat lang verabreicht. Die pädagogischen Interventionen blieben vor, während und nach dieser Beobachtungsstudie gleich.
Die Bewertungen (Durchschnittswert beider Bewerter) wurden vor und am Ende von der Behandlungsperiode erstellt, wobei zwei Patienten zuerst Melisse, nach einer vierwöchigen Pause Placebo und ein Patient zuerst Placebo, nach einer vier- wöchigen Pause Melisse bekam.
Melisse verbesserte signifikant die ABC-Faktoren Reizbarkeit, Überaktivität, inadaequater Blickkontakt und unpassende Sprache. Die Symptomkontrollistenresultate zeigten eine signifikante Zunahme an Schläfrigkeit, verminderte Aktivität. Kein Patient klagte über Kopfschmerzen oder Magenschmerzen. Obwohl diese kleine Beobachtungsstudie nur einen bescheidenen therapeutischen Effekt von Melisse im akuten Management von Autismus-Patienten zeigte, so wurde doch eine leichte Verbesserung dieser schwer behandelbaren Symptome evident. Weiterführende diesbezügliche Untersuchungen wären nach Meinung der Autoren des Artikels wünschenswert.
Für die Praxis ziehen sie folgendes Fazit:

“Mangelnder Blickkontakt und vor allem die fehlende soziale Interaktion reduzieren die Effizienz pädagogischer Interventionen bei Patienten mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Aus dem Grund sind auch zusätzliche psychopharmakologische Therapien unerlässlich, um die Symptome zu verbessern.
Wir beobachteten bei drei männlichen autistischen Patienten, diagnostiziert nach den ICD-10 Kriterien, den Effekt von Melisse. Die Patienten wurden eingeschlossen, wenn ihr Augenkontakt und ihre Sprache inadäquat für ihren Entwicklungsstand waren.
Reizbarkeit und Stereotypien verbesserten sich leicht während Behandlung mit Melisse.
Zusammenfassend: Melisse war in der kurzfristigen Behandlung bei einigen autistischen Patienten gering, aber doch wirksam.”

Quelle:
http://www.springermedizin.at
H. Niederhofer, ProMed komplementär 4/2009

Kommentar & Ergänzung:

Das ist natürlich tatsächlich eine sehr kleine Studien mit beschränkter Aussagekraft. Die Autoren stellen das selber fest und sind vorsichtig mit ihren Aussagen.
Aus Sicht der Phytotherapie scheint mir interessant, dass hier ein Melissen-Extrakt peroral angewendet wurde. Ich hätte bei dieser Indikation eher die inhalative Anwendung von Melissenöl erwartet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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WHO: Warnung vor Homöopathie in Entwicklungsländern

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

Britischen Wissenschaftler ist es nach eigenem Bekunden gelungen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von den Gefahren der Homöopathie zu überzeugen, die in Entwicklungsländern von dieser aus ihrer Sicht unsinnigen Heilmethode ausgehen.?? Nicht nur in den Industrieländern sind, wie die neueste Umfrage des Allensbach Instituts zeigt, große Teile der Bevölkerung von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt. Auch in Entwicklungsländern erfreut sich die Heilmethode zunehmender Beliebtheit, was nach Ansicht der britischen Stiftung “Sense about Science” schlimme Folgen haben kann.??

Während hierzulande die Homöopathie vielfach als komplementäre Heilmethode aufgefasst wird, die zwar nicht nutzt, jedoch auch keinen Schaden anrichtet, glauben nach Auskunft der Stiftung in den Entwicklungsländern zahlreiche Menschen, dass die Homöopathie eine wirksame Alternative bei der Therapie von Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose, Malaria oder der Diarrhöe ist. Ob diese Aussage stimmt, kann ohne entsprechende Studiendaten nicht beurteilt werden.?? Es ist ”Sense about Science” aber in einem offenen Brief gelungen, die WHO für die möglichen Gefahren zu sensibilisieren.

Mehrere führende WHO-Mitarbeiter warnten vor den Gefahren der Homöopathie. Mario Raviglione, der Leiter der ”Stop TB”-Abteilung, hielt fest, dass die Leitlinien der WHO keinesfalls die Verwendung der Homöopathie empfehlen würden. Mukund Uplekar vom der WHO-Abteilung “TB Strategy and Health Systems” erklärte, dass es in der Behandlung der Tuberkulose keinen Platz für homöopathische Medikamente gebe. ?

Teguest Guerma, der Interim-Leiter der HIV/AIDS-Abteilung bedankte sich bei der britischen Stiftung für die Unterstützung der evidenzbasierten Behandlungsansätze in der Therapie von HIV-Erkrankungen. Sergio Spinaci, der stellvertretende Leiter des “Global Malaria Programme” der WHO, stufte den offenen Brief sogar als bedeutende Enthüllung ein und dankte den Hinweisgebern (Whistleblower). ??Joe Martines teilte der Stiftung im Auftrag von Elizabeth Mason, der Direktorin des “Department of Child and Adolescent Health and Development” der WHO mit, dass es selbstverständlich auch in der Behandlung der in den Entwicklungsländern oft tödlichen Diarrhoe keinen Platz für homöopathische Therapieansätze gebe.

Quelle: www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Meiner Ansicht nach greift es zu kurz, wenn Kritiker die Homöopathie grundsätzlich als unwirksam bezeichnen. Dem widersprechen nämlich vielfältige Erfahrungen von Patientinnen und Patienten, welche innerhalb einer homöopathischen Behandlung Besserung ihrer Beschwerden erfahren.

Unklar ist allerdings, womit diese erfahrene Besserung zusammenhängt. Aus den bisher vorliegenden Erkenntnissen lässt sich meines Erachtens jedenfalls nicht plausibel schlussfolgern, dass eine allfällige Wirkung mit den verordneten Globuli, also mit dem homöopathischen Mittel, verbunden ist. Genauso gut könnte es sich dabei um ein Kontextphänomen handeln.

Jede beobachtete Besserung unter einer Therapie muss sich meines Erachtens an den sechs Antworten messen lassen, welche Asmus Finzen auf die Frage “Warum werden unsere Patienten wieder gesund?” gegeben hat.
Siehe dazu:
Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund
Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Das gilt natürlich für alle Heilverfahren, für die universitäre Medizin genauso wie für Bachblüten, Homöopathie, Phytotherapie, TCM etc.
Wir neigen wohl generell dazu, Besserungen während einer Therapie vorschnell als Erfolg dieser Therapie zu interpretieren. Mehr Zurückhaltung und Bescheidenheit mit solchen Erfolgszuschreibungen wäre hier wünschenswert.

Was nun die Warnung der WHO betreffend Homöopathie in Entwicklungsländern angeht:
Meinem Eindruck nach überschätzt ein Teil der “Homöopathie-Szene” die eigene Methode masslos und sieht sie als Allheilmittel. Das ist eine von verschiedensten Stellen, an denen Fundamentalismus in der Komplementärmedizin zu beobachten ist. Wenn homöopathische Mittel beispielsweise zur Therapie von HIV, Malaria oder Tuberkulose propagiert werden, fehlen für eine Wirksamkeit tatsächlich bisher auch nur einigermassen überzeugende Belege.

Homöopathie bei solch bedrohlichen Erkrankungen in Entwicklungsländern als ernsthafte Therapieoption zu propagieren – wie es leider tatsächlich geschieht – scheint mir daher mehr als fragwürdig. Die Warnung der WHO halte ich darum an diesem Punkt für sehr berechtigt.
Es sind solche unkritischen Überschätzungen der eigenen Möglichkeiten, welche den Ruf von Verfahren aus den Bereichen Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde immer wieder ramponieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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