Artikel mit Schlagwort ‘Arzneimittel’

Heilpflanzenkunde: Fundstücke zur Wirkung von Birkenblättern, Birkenrinde, Birkensaft, Birkenelixier

Dienstag, April 3rd, 2012

Für Birkenblätter kennt die Phytotherapie als anerkannte Anwendung die Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß (Kommission E, ESCOP). Die Kommission E schreibt den Birkenblättern noch eine unterstützend Wirkung bei rheumatischen Beschwerden zu. Für diese Indikation sind die Belege allerdings schwach und es ist ungeklärt, was Birkenblätter bei Rheuma genau bewirken sollen.

Darüber hinaus gibt es aber weitere interessante Erkenntnisse zur Wirkung der Birke.

„Antipyretische Wirkung: Durch Bäckerhefe induziertes Fieber bei Ratten wurde durch einen 25%igen wäßrigen Birkenblätterextrakt signifikant für eine kurze Zeit gesenkt. Die maximale Hemmung des Fieberanstiegs betrug 40 % nach 5 Stunden.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Birkenblatt.html

Antipyretisch = Fieber senkend

Ob ein solches Resultat mit induziertem Fieber bei Ratten irgendetwas aussagt über die Behandlung von Fieber beim Menschen ist sehr ungeklärt.

Für Birkenrinde gibt es potenzielle Anwendungsbereiche in der Dermatologie:

„Birkenrinde: ein Birkenrindentrockenextrakts erwies sich in einer klinischen Studie als äußerlich wirksam bei Aktinischer Keratose und Schuppenflechte. Derzeit sind jedoch nur Pflegepräparate und keine Arzneimittel im Handel.“

Quelle: http://www.koop-phyto.org/arzneipflanzenlexikon/birke.php

Die Birke also sehr wird vielseitig genutzt.

Neben Birkenblättertee und Birkenrinde ist Birkenteer bekannt. Er soll eine Wirkung gegen Parasiten (Krätze) entfalten und wirksam sein bei Hautkrankheiten wie Hautjucken, Akne und Ekzemen sowie Schuppenflechte und anderen Hautleiden (trockenen Flechten und Dermatosen). Birkenteer wird aber kaum mehr verwendet, weil er wie andere Teerpräparate Hautreizungen auslösen kann und wegen möglicher Mutagenität (Erbgutschädigung).

Birkensaft: In der Volksmedizin wird Birkensaft gegen Rheuma und Gicht angewendet, wobei auch hier nicht ersichtlich ist, wie eine solche Wirkung zustande kommen soll. Genauso fraglich ist die Empfehlung von Birkensaft zu Frühjahrskuren, zur Blutreinigung, gegen Cellulite und als Haarwuchsmittel

Siehe dazu auch:

Naturheilmittel: Ärgernis Blutreinigungstee

Pflanzenheilkunde: Fragwürdige Blutreinigungstee

Plausible Gründe für die Notwendigkeit solcher Frühlingskuren und Blutreinigungsmittel gibt es meines Erachtens nicht. Wenn jemand aber davon überzeugt ist, dass ihm oder ihr ein solches „Putzritual“ gut tut, dann ist Birkenblättertee oder Birkensaft zu mindestens eine unschädliche Variante und Zubereitungen auf der Basis von Abführmitteln (Senna, Aloe) alle weil vorzuziehen.

Wer also Birkensaft und / oder Birkenelixier gern hat, kann sie ruhig trinken oder in die Kopfhaut einmassieren. Unerwünschte Nebenwirkungen sind hierbei nicht zu befürchten.

Es ist im übrigen auch keineswegs meine Absicht, die Birke „schlechtzumachen“. Nur die Verkaufsargumente und Heilungsversprechungen, die mit Birkensaft und Birkenelixier verbunden werden, halte ich für ziemlich überzogen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Stillzeit: Vorsicht mit koffeinhaltigen Getränken

Montag, März 26th, 2012

Stillende Mütter sollten ihren Koffein-Konsum begrenzen. Koffein geht nämlich in die Muttermilch über. Der Körper eines Babys kann Koffein jedoch nicht genügend rasch abbauen, so dass sich diese Substanz anhäuft. Ein Baby benötigt mehr als 3 Tage, um das aufgenommene Koffein wieder abzubauen. Das kann Unruhe, Bauchschmerzen und Blähungen beim Säugling auslösen. Darum rät man Müttern in der Stillzeit, koffeinhaltige Getränke nur in Maßen und möglichst nach dem Stillen zu sich zu nehmen. Koffein ist aber nicht nur im Kaffee enthalten, sondern auch in zahlreichen Soft-Drinks, Sportgetränken, speziell Schwarztee, Schokolade und einigen rezeptfreien Arzneimitteln.

Darauf sollten stillende Mütter achten, wenn sie ihren Koffeinkonsum auf die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen 300 mg pro Tag beschränken wollen. Das entspricht rund zwei bis drei Tassen Kaffee pro Tag.

Es gibt keine Untersuchungen darüber, welche Koffein-Mengen ‚sicher’ für stillende Mütter und ihr Kind sind. Aus Erfahrung ist aber bekannt, dass viel Kaffee Schlafstörungen beim Baby verursachen kann.

Zum Koffeingehalt von Kaffee, Cola, Schwarztee

Ein Espresso (50 ml) beinhaltet zirka 50 mg Koffein, eine Tasse Filterkaffee (125 ml) zirka 80-120 mg.

Cola (200 ml) enthält etwa 20-50 mg und Milchschokolade (100 g) etwa 20 mg Koffein.

Je länger Schwarztee oder Grüntee zieht, desto mehr Koffein geht ins Teewasser über. Zucker und Milch verlangsamen die Aufnahme des Koffeins. Mit einer ‚normalen’ Tasse Schwarztee (125 ml) konsumiert eine Mutter 30-60 mg Koffein. Die tödliche Koffein-Dosis liegt beim Menschen bei 10 g Koffein.

Quelle:

http://de.nachrichten.yahoo.com/koffeinhaltige-getränke-beim-stillen-nur-maßen-genießen-090000800.html

http://monks-aerzte-im-netz.de/app

Kommentar & Ergänzung:

Eindrücklich ist die hohe Halbwertszeit von Koffein bei Neugeborenen. Überhaupt ist die Halbwertszeit stark von verschiedenen Faktoren  abhängig:

„Die biologische Halbwertszeit von Coffein im Plasma beträgt zwischen 2,5 und 4,5 Stunden (andere Quellen sprechen von 3–5 h) bei gesunden Erwachsenen. Dagegen erhöht sich die Halbwertszeit auf im Mittel 80 Stunden (36–144 h) bei Neugeborenen und auf weit über 100 Stunden bei Frühgeburten. Bei Rauchern reduziert sich die Coffein-Halbwertszeit um 30–50 %, während sie sich bei Frauen, die orale Verhütungsmittel einnehmen, verdoppelt. Bei Frauen, die sich im letzten Trimenon der Schwangerschaft befinden, steigt sie auf 15 Stunden an. Ferner ist bekannt, dass das Trinken von Grapefruitsaft vor der Coffeinzufuhr die Halbwertszeit des Coffeins verlängert, da der Bitterstoff der Grapefruit die Metabolisierung des Coffeins in der Leber hemmt.“

(Quelle: Wikipedia)

Zur Wirkung von Grapefruitsaft auf die Metabolisierung von Medikamenten siehe:

Grapefruitsaft und andere Fruchtsäfte können Medikamenten-Wirkungen beeinflussen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Fundstück: Rezept für hausgemachte Lakritze

Montag, März 26th, 2012

Zur Herstellung von Lakritze werden die frischen Wurzeln zerkleinert und mit Wasser viele Stunden ausgekocht. Der so gewonnene Süssholzsaft wird dann ganz langsam bis zur zähflüssigen Konsistenz eingedickt. Bei diesem Vorgang bildet sich das so charakteristische Lakritzaroma.

Fundstück auf Pharmawiki, der fundierten Quelle für Informationen über Arzneimittel:

„Rezept für selbstgemachte Lakritze:

Geschnittene Süssholzwurzel (aus der Apotheke)

Halbweiss- oder Weissmehl

Kochsalz oder Ammoniumchlorid (aus der Apotheke)

Gelierzucker

Kohlepulver (aus der Apotheke)

Trinkwasser

Die Süssholzwurzel mit heissem Wasser bedecken und 12 Stunden mazerieren, anschliessend durch ein grobes Sieb abseihen und den Rückstand kolieren und auspressen. Filtrat und Pressflüssigkeit vereinigen. Die Flüssigkeit einkochen. Unter Umrühren das Salz, das Kohlepulver und den Gelierzucker zugeben. Zuletzt ausreichend Mehl zugeben und zu einem starren, dickflüssigen schwarzen Kleister verarbeiten. Auf ein Blech oder in Formen giessen und bei niedriger Hitze (150°) im Ofen trocknen. Evt. mit wenig Sonnenblumenöl bestreichen.

Als Alternative kann zum Gelieren auch Arabisches Gummi verwendet werden.“

Quelle:

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Lakritze

Kommentar & Ergänzung:

Lakitze bzw. Süssholzwurzel ist eine interessante und vielseitige Heilpflanze.

In der Phytotherapie gelten folgende Anwendungsbereiche als medizinisch anerkannt:

„Bei Katarrhen der oberen Luftwege und bei Ulcus ventriculi/ duodeni (Magen-/Zwölffingerdarmgeschwür) (Kommission E); als unterstützende Therapie bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren sowie bei Magenschleimhautentzündung; als schleimlösendes Mittel bei Husten und Bronchialkatarrh (ESCOP).“

Quelle: http://www.koop-phyto.org/arzneipflanzenlexikon/suessholz.php

Und ausserdem als Kuriosum: Im Film Goldrausch konnte der Schauspieler Charlie Chaplin seine Schuhe und Schnürsenkel verspeisen, weil diese Requisiten aus Lakritze hergestellt waren.

(Quelle: Wikipedia)

Zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Lakritze und Süssholz siehe auch:

Süssholz zur Arzneipflanze des Jahres 2012 gewählt

Süssholzwurzeltee bei Magenbeschwerden

Zuviel Lakritze kann den Blutdruck steigern

In der Schwangerschaft Lakritze besser meiden

Lakritze schädlich in der Schwangerschaft

Lakritze vorbeugend gegen postoperative Rachenentzündung

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Was ist Guar?

Sonntag, März 18th, 2012

Guar wird aus der Guarbohne gewonnen, den Samen von Cyamopsis tetragonolobus, und zwar  durch Zermahlen des Endosperms und anschliessender Teilhydrolyse.

Guar (Guargalactomannan) besteht hauptsächlich aus Polysacchariden

Guar (Cyamopsis tetragonolobus, Fabaceae) ist ein pflanzliches Arzneimittel, das im Darm zusammen mit Wasser quillt und die Aufnahme von Kohlenhydraten verlangsamt. Es wird zur Behandlung von Obstipation (Verstopfung) und als Zusatzmassnahme bei der Zuckerkrankheit Diabetes mellitus angewendet, um die Blutzuckerspitzen nach der Nahrungsaufnahme zu reduzieren.

Es handelt sich bei Guar um einen Ballaststoff, der in der Lage ist, grosse Mengen Flüssigkeit zu binden, so dass eine gelartige Masse entsteht.

Das bewirkt eine Verzögerung der Magenentleerung, im Dünndarm kommt es verlangsamt zur Kohlenhydrat-Absorption. Diese beiden Eigenschaften führen vor allem beim Diabetiker zu geringeren postprandialen Blutzuckerspitzen (postprandial = nach der Mahlzeit). Die Kohlenhydrat-Absorption wird aber nicht reduziert.

Guar wirkt auch lipidsenkend: Abnahme des Plasma-Gesamtcholesterins und der Triglizeride, kein Effekt auf das HDL-Cholesterin, LDL nimmt ab.

Ausserdem wirkt Guar sättigend.

Daraus ergeben sich folgende Anwendungsbereiche:

- Verstopfung

- Begleittherapie beim Diabetes mellitus (Typ I und Typ II), um zusätzlich neben Diät und Antidiabetika die postprandialen Blutzuckerspitzen zu reduzieren. Da die gesamte Absorption der Kohlenhydrate zwar verlangsamt, nicht jedoch reduziert wird, müssen die Diät und die Behandlung weitergeführt werden

- Dyslipidämie (Lipidstoffwechselstörung)

- Übergewicht und Fettleibigkeit

Als unerwünschte Nebenwirkungen kann es zu Verdauungsbeschwerden kommen: Blähungen, Völlegefühl, Magendruck, Übelkeit und Durchfall.

Quelle: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Guarbohne

Guar ist als rezeptpflichtiges Fertigpräparat unter dem Namen Leiguar als Antidiabetikum im Handel.

Als Nahrungsergänzungsmittel mit teilhydrolisiertem Guarkernmehl: Benefiber (Novartis).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wirkstoffe in der Phytotherapie: Gerbstoffe

Donnerstag, März 15th, 2012

Gerbstoffe sind wichtige Wirkstoffe in der Phytotherapie. Sie bestimmen die Wirkung vieler Heilpflanzen.

Hier einige ausgewählte Infos über Gerbstoffe aus Wikipedia mit Kommentaren und Ergänzungen von mir.

„Ein Gerbstoff ist ein Stoff, der sich bei Kontakt mit Eiweiß (Protein) mit diesem verbindet. Die Eigenschaften der Proteine werden dadurch verändert.

Das in den Proteinen gebundene Wasser wird durch die Gerbstoffe verdrängt und es kommt zu einer Entwässerung.

Die Proteine können durch Mikroorganismen nicht mehr oder nur mehr sehr schwer abgebaut werden.

Das Quellvermögen in Wasser, Säuren und Laugen ist stark vermindert.

Die Temperaturbeständigkeit wird erhöht.

Biologisch aktive Eiweißstoffe werden durch Gerbstoffe denaturiert und sind nicht mehr biologisch aktiv.

Strukturierte Eiweißstoffe z. B. Kollagen der Haut, behalten ihre natürliche Struktur. Die Strukturen werden aber durch die Gerbstoffe mehr oder weniger stark vernetzt. Unstrukturierte Eiweißstoffe z. B. das Eiweiß eines Hühnereies, werden ausgefällt.

Diese Veränderungen können allgemein als Gerben bezeichnet werden. Eine abgezogene Tierhaut wird so in Leder umgewandelt, was z. B. die Fäulnis verhindert.

Es gibt in der Natur vorkommende Gerbstoffe und künstlich hergestellte Gerbstoffe.“

(Quelle: Wikipedia)

Das ist eine gute Beschreibung davon, wie Gerbstoffe auf Eiweisse einwirken. Um die adstringierenden (zusammenziehenden), entzündungshemmenden und antimikrobiellen Wirkungen gerbstoffreicher Heilpflanzen zu verstehen, sind diese Vorgänge wichtig.

Zum Vorkommen von Gerbstoffen in Pflanzen

„Gerbstoffe kommen häufig in Pflanzen vor…..Zum Beispiel in:

Blättern, Hölzern, Rinden, Früchten und Wurzeln von Kastanien, Eiche, Fichte, Mimosa, Quebracho, Tee, Kaffee.

Auch pflanzliche Abbauprodukte wie z. B. Torf enthalten Gerbstoffe. Weintrauben enthalten Gerbstoffe (Tannine) als Bestandteile aus Stielen, Kernen und Beerenhäuten, die zum Geschmack des Weines (insbesondere des Rotweines) beitragen. Der Tanningehalt stellt somit einen Qualitätsfaktor des Weines dar, sofern er in einem ausgewogenen Verhältnis zu den anderen Geschmackskomponenten (Säure, Restzucker) und Aromen steht.“

(Quelle: Wikipedia)

Zur Wirkung der Gerbstoffe in der Phytotherapie

„Die Gruppe der Gerbstoffe nimmt einen wichtigen Platz unter den therapeutisch wirksamen Bestandteilen von Heilpflanzen ein. Sie wirken zusammenziehend, entzündungshemmend, antibakteriell, antiviral und neutralisieren Gifte. In höherer Dosierung wirken sie jedoch oft selbst schädlich.“

(Quelle: Wikipedia)

Wichtig zu wissen ist aber, dass Gerbstoffe lokal wirken auf Haut und Schleimhäuten und im Verdauungstrakt. Sie werden aber kaum in den Körper aufgenommen und haben daher keine systemischen Fernwirkungen.

Beispiele von Heilpflanzen, die Gerbstoffe enthalten:

“Galläpfel (Gallae) aus Quercus infectoria

Hamamelisblätter (Hamamelidis folium) aus Hamamelis virginiana = Zaubernuss

Walnussblätter (Juglandis folium) aus Juglans regia

Eichenrinde (Quercus cortex) aus Quercus robur….

Ratanhiawurzel (Ratanhiae radix) aus Krameria lappacea

Blutwurzwurzel (Tormentillae rhizoma) aus Potentilla erecta

Heidelbeeren (Myrtilli fructus) aus Vaccinium myrtillus

Volksmedizinische Verwendung finden auch:

Catechu

Brombeerblätter von Rubus fruticosus

Gänsefingerkraut von Potentilla anserina

Erdbeerblätter von Fragaria vesca

Odermennigkraut Agrimonia eupatoria

Frauenmantelkraut von Alchemilla xanthochlora

Breitwegerichblätter von Plantago major

Spitzwegerichblätter von Plantago lanceolata

Rosenblüten von Rosa gallica

Wiesenknopfblätter von Sanguisorba officinalis“

(Quelle: Wikipedia)

Eine wichtige Heilpflanze mit hohem Gerbstoffgehalt fehlt hier:

Schwarztee / Grüntee.

Damit genügend Gerbstoff in den Tee übergeht, müssen Schwarztee und auch Grüntee allerdings lange ausziehen (etwa 8 Minuten).

Chemischer Aufbau der Gerbstoffe

„Auf Grund des chemischen Aufbaues, kann die pflanzlichen Gerbstoffe in folgende zwei Gruppen einteilen:

Hydrolysierbare Gerbstoffe, z. B. Gallotannine, Grundbausteine sind Gerbsäuren z. B: Gallus- oder Ellagsäure in Verbindung mit Glukosen

kondensierte Gerbstoffe, z. B. Pyrocatechine, Grundbausteine sind aromatische Polyhydroxiverbindunge wie z. B. Catechin“

(Quelle: Wikipedia)

Das ist insofern relevant, als hydrolisierbare Gerbstoffe ungeeignet sind zur Behandlung von Durchfall, weil sie nicht genug tief im Darm wirken.

Zur Wirkung der Gerbstoffe

„Medizinisch nutzbar sind Gerbstoffe durch den Prozess der Gerbung. Das Gewebe kann so oberflächlich verdichtet werden, und eine schützende Membran bildet sich aus, z. B. auf einer Schleimhaut. Die Gerbstoffe entziehen also durch ihre zusammenziehende (adstringierende) Wirkung Bakterien den Nährboden, die sich auf Haut und Schleimhaut angesiedelt haben. Schmerz und Wundsekretion werden vermindert, Entzündungen gehemmt, kapillare Blutung gestillt, Bakterien und Giftstoffe können nicht mehr tiefer eindringen.

Gerbstoffe haben antimikrobielle Eigenschaften und werden eingesetzt bei Magen- und Darmentzündungen, leichten Durchfällen, Entzündungen im Mund und Rachenraum, als blutstillendes Mittel, zur schnellen Wundheilung und bei leichten Verbrennungen und Frostschäden.“

(Quelle: Wikipedia)

Heikel finde ich die Empfehlung „zur schnellen Wundheilung“. Gerbstoffe können in der Wundbehandlung nur in ganz bestimmten Situationen eine Rolle spielen, zum Beispiel bei nässenden Wunden (Reinigungsphase) als Eichenrindenumschlag oder Eichenrindenbad. In der Granulationsphase der Wundheilung würde ich aber Gerbstoff-Anwendungen nicht empfehlen. Gerbstoffe können das Gewebe austrocknen und in der Granulationsphase muss die Wunde feucht bleiben.

Zu den wichtigsten Eigenschaften der Gerbstoffe

„Zusammenziehend, schmerzlindernd, stopfend bei Durchfall, blutstillend, sekretionshemmend, schleimhautschützend, keimhemmend, bakterizid, fungizid, entzündungshemmend, austrocknend, Gegengift bei Schwermetall- oder Alkaloidvergiftung“

(Quelle: Wikipedia)

Manche Gerbstoffe wirken auch gut lokal gegen Viren, zum Beispiel die Lamiaceen-Gerbstoffe aus der Melisse gegen Herpesviren (Fieberbläschen).

Nebenwirkungen der Gerbstoffe

„Bei Langzeitanwendung können Leberschäden entstehen. Bei zu hohen Dosen kann es zu Magenschleimhautentzündung oder Brechreiz kommen. Gerbstoffe vermindern die Resorption basischer Arzneimittel sowie mancher Mineralstoffe wie Eisen. Nicht bei Verstopfung, trockenen Ekzemen oder trockenen Schleimhäuten anwenden. Nicht länger als 5–10 Minuten köcheln. Es empfiehlt sich für die innere Anwendung, sie mit Schleimstoffen zu kombinieren.“

(Quelle: Wikipdedia)

Eine Heilpflanze, in der Gerbstoffe und Schleimstoffe schon kombiniert vorliegen, ist Malva silvestris / Malva neglecta, verwendet als Malvenblätter ( = Chäslichrut) zum Beispiel bei Mundschleimhautentzündung, zur Wundheilung und bei Furunkeln. Allerdings enthalten die Malvenblätter sowohl Gerbstoffe als auch Schleimstoffe eher in tiefer Konzentration.

Es gibt tatsächlich einzelne Berichte von Leberschäden durch Gerbstoffpflanzen bei sehr hohen Dosierungen über lange Zeit, zum Beispiel bei exzessivem Konsum von Schwarztee. Aber normalerweise werden Gerbstoffe ja nicht in relevanten Mengen resorbiert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wilde Yamswurzel bei Wechseljahrbeschwerden

Samstag, März 10th, 2012

Im Pharmawiki  wurde gerade ein neuer Artikel veröffentlicht über die Wilde Yamswurzel.  Darin wird die Wirksamkeit von Yamssalbe und Yams-Kapseln zur Linderung von Wechseljahrbeschwerden in Frage gestellt:

„Das getrocknete Rhizom der wilden Yamswurzel Dioscorea villosa wird in Form von Kapseln und als Salbe zur Behandlung von Wechseljahrbeschwerden eingesetzt. Die Wirksamkeit ist umstritten, da die Inhaltsstoffe der Pflanze im Körper nicht – wie häufig falsch angenommen und kommuniziert wird – zu weiblichen Sexualhormonen umgewandelt werden.“

(Quelle: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Wilde%20Yamswurzel)

Die Wilde Yamswurzel enthält in großen Mengen Diosgenin, das dem Gelbkörperhormon ähnlich ist und in verschiedenen Publikationen auch als “natürliches” Progesteron bezeichnet wird. Doch obwohl Diosgenin natürlichen Ursprungs ist, unterscheidet es sich stark vom Gelbkörperhormon, welches im Körper der Frau hergestellt wird.

Für die Medikamentenherstellung wird Progesteron in mehreren chemischen Syntheseschritten aus dem natürlichen Ausgangsstoff Diosgenin gewonnen.

Die Verwendung von Yamsssalbe oder Yamskapseln basiert auf der Annahme, dass der menschliche Organismus Diosgenin aufnimmt und dann je  nach Bedarf zu Progesteron oder Östrogen umbaut. Allerdings ist kein menschliches Enzym bekannt, das diesen Umbau bewirken könnte.

Die entsprechenden Yams-Produkte sind als Nahrungsergänzungsmittel oder als Kosmetika zugelassen und nicht als Arzneimittel registriert. Daher müssen die Hersteller für diese Präparate auch keine Wirksamkeit dokumentieren.

Nochmals Pharmawiki:

„Die Anwendung bei Wechseljahrbeschwerden beruht auf einem Missverständnis. Die Yamswurzel wurde zur chemisch-synthetischen Gewinnung von weiblichen Sexualhormonen und anderer Steroidhormone verwendet (z.B. Progesteron aus Diosgenin). Bei der Einnahme oder der lokalen Anwendung findet diese Umwandlung im Körper jedoch nicht statt (!).“

Zur Yamswurzel siehe auch:

Yamswurzel-gel bei PMS und Wechseljahrbeschwerden

Dass das Einreiben einer Yamscreme gut tun kann, steht ausser Frage. Eine hormonelle Wirkung sollte man sich davon aber eher nicht erhoffen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Steigern Schlafmittel Sterberisiko und Krebsrisiko?

Mittwoch, März 7th, 2012

Schlafmittel ermöglichen Millionen Menschen eine Nachtruhe – doch Schlaftabletten steigern laut einer Studie das Sterberisiko deutlich und fördern bei häufiger Einnahme sogar die Entstehung von Krebs.

Schon weniger als 18 Dosen im Jahr erhöhen das Risiko eines vorzeitigen Todes, schreiben Forscher im “British Medical Journal” (BMJ open). Obwohl die Zahl der gestorbenen Probanden insgesamt recht klein war, gab es signifikante Differenzen in den Gruppen.

In den USA nahmen den Wissenschaftlern zufolge fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen im Jahr 2010 Schlaftabletten. Das Forscherteam schloss mehr als 10 500 Menschen, die im Mittel über zweieinhalb Jahre Schlafmittel verordnet bekamen, in die Studie ein.

Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 54 Jahren. Zum Vergleich beobachteten die Forscher auch 23 500 Menschen, die im gleichen Zeitraum keine solchen Arzneimittel einnahmen. Faktoren wie Geschlecht, Alter, Lebensstil und eventuelle gesundheitliche Probleme berücksichtigte die Wissenschaftler ebenfalls.

“Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schlaftabletten und einem erhöhten Sterberisiko”, erklären die Autoren. Das Risiko zu sterben, steige mit der Höhe der Schlafmittel-Dosis.

Bei den Patienten, die bis zu 18 Dosen im Jahr konsumierten, war die Gefahr zu sterben demnach 3,5-fach höher als bei denen, die keine Schlafmittel nahmen. Bei jenen Probanden, die zwischen 18 und 132 Mal im Jahr zur Schlaftablette griffen, war das Sterberisiko vierfach, bei jenen, die jährlich mehr als 132 Dosen nahmen, sogar fünffach erhöht.

“Diese Zusammenhänge betrafen alle Altersgruppen, am stärksten waren sie aber bei denjenigen zwischen 18 und 55 Jahren”, schreiben die Wissenschaftler. Sie betonen zudem, dass die Studie nicht zwingend Ursache und Wirkung aufzeigt – aber die Resultate bestätigten ältere Studien, dass Schlaftabletten das Sterberisiko steigern.

Auch das Risiko an Krebs zu erkranken erhöht sich der Studie zufolge mit der Einnahme von Schlafmitteln: Bei denjenigen, die besonders häufig Pillen schluckten, steigerte sich die Gefahr einer Krebsdiagnose demnach um 35 Prozent.

“Obwohl die Autoren nicht beweisen konnten, dass Schlafmittel einen vorzeitigen Tod verursachen, haben ihre Analysen viele andere mögliche Gründe ausgeschlossen. Deshalb werfen diese Ergebnisse wichtige Bedenken und Fragen über die Sicherheit von Beruhigungsmitteln und Schlaftabletten auf”, schreibt die Chefredakteurin von “BMJ open”, Trish Groves, in ihrem Kommentar zu der Studie.

Quellen:

http://science.orf.at/stories/1695177/

http://bmjopen.bmj.com/content/2/1/e000850.full?sid=2d5fb123-d2db-4735-a64d-fc8f46ffed9f

Kommentar & Ergänzung:

Diese Studie lässt aufhorchen, doch wird sie in den meisten Medien verzerrt und mit voreiligen Schlussfolgerungen dargestellt.

Die Studienautoren betonen in ihrer Arbeit, dass sich aus den Resultaten  kein Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schlafmittelkonsum und Sterberisiko / Krebsrisiko ableiten lasse. Schon in einer Pressemeldung zur Studie heisst es aber:

„«Unsere Studie zeigt, dass Schlafmittel die Gesundheit gefährden und zum Tod führen können, indem sie zum Auftreten von Krebs, Herzerkrankungen und anderen Krankheiten beitragen», so Studienleiter Kripke in einer Pressemitteilung seines Instituts.“

(Quelle: Pharmazeutische Zeitung)

Mit diesem Zitat – sofern er es so gesagt hat – stellt Kripke genau den ursächlichen Zusammenhang her, den er anderen Ortes als nicht belegt darstellt.

Die meisten Medien setzten prompt Titel wie :“Schlaftabletten erhöhen Krebsrisiko“ (Spiegel online) oder „Früher Tod durch Schlafmittel“ (Süddeutsche) – und behaupten dadurch den ursächlichen Zusammenhang.

Einen solchen ursächlichen Zusammenhang kann diese Art von Studie aber gar nie zweifelsfrei belegen. Sie zeigt nur, dass Leute mit hohem Schlafmittelkonsum auch ein hohes Sterblichkeits- und Krebsrisiko haben. Es könnte aber beispielsweise einen oder mehrere bisher unbekannte Faktoren geben, die  das Sterblichkeits- und Krebsrisiko steigern und gleichzeitig mit hohem Schlafmittelkonsum verbunden sind.

In diesem Sinne differenziert dargestellt wurde die Studie im „Ärzteblatt“:

„Trotz der Vielzahl denkbarer Gründe ist die Studie nicht beweisend. Es könnte auch eine reverse Kausalität vorliegen, da Schlafstörungen ein Symptom vieler schwerer Erkrankungen sind. Auffällig an Kripkes Daten ist, dass die Anwender von Hypnotika deutlich häufiger an Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall oder koronarer Herzkrankheit, an chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen, Diabetes oder Herzinsuffizienz litten. Alle diese Erkrankungen gehen für sich genommen mit einem erhöhten Sterberisiko einher. Eine Kohortenstudie kann hier nicht zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden.“

Das „Aerzteblatt“ weist auch auf einen möglichen Interessenskonflikt hin:

Daniel Kripke arbeitete am Scripps Clinic Sleep Center in La Jolla / Kalifornien. Dort wird bei Schlafstörungen eine kognitive Therapie angeboten, „…für die die jetzige Studie sicherlich Werbung machen soll.“

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/49298

Das „Aerzteblatt“ stellt aber auch fest, dass kein Zweifel daran besteht, „ …dass Hypnotika zu häufig eingesetzt werden.“

Dem kann ich mich nur anschliessen und ergänzen, dass oft auch Heilpflanzen-Präparate ein gute Option zur Linderung von Schlafstörungen sind. Ihre Wirkungsstärke reicht zwar in schweren Fällen häufig nicht aus, doch sind sie dafür ausgesprochen risikoarm (keine Abhängigkeitsgefahr, kein erhöhtes Sturzrisiko). Beispiele für gebräuchliche Heilpflanzen in diesem Bereich sind

- Baldriantinktur / Baldriantee / Baldrianextrakt

- Hopfen / Hopfenzapfen / Hopfenextrakt    (im Bier nicht wirksam)

- Melissentee oder Melissenöl,

- Lavendelblüten oder Lavendelöl

- Passionsblumenkraut / Passionsblumenextrakt

- Kamillentee

- Orangenblütentee

- Goldmelissentee

Diese Heilpflanzen sind in ihrer Wirkung unterschiedlich gut dokumentiert. Am besten belegt sind Kombinationspräparate Baldrian / Hopfen. Passionsblumen-Extrakte und ausserdem die ätherischen Öle Melissenöl und Lavendelöl.

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Weihrauch als Heilpflanze bei Rheuma und Darmentzündungen

Montag, März 5th, 2012

Die „Welt“ publizierte einen informativen Beitrag über Weihrauch.

Dabei kam auch die medizinische Wirkung zur Sprache:

„Sogar eine kleine medizinische Renaissance könnte das Weihrauchharz erleben, nachdem es als Arzneimittel weitgehend durch wirksamere synthetische Stoffe ersetzt worden war. In den 90er-Jahren fanden Pharmakologen im Harz eine Reihe von Substanzen, unter anderem die Boswellia-Säuren, die eine entzündungshemmende Wirkung haben sollen. So könnten sie möglicherweise Rheuma, chronische Darmentzündungen, Multiple Sklerose, Schuppenflechte, Asthma und die Beschwerden von Hirntumoren lindern

Die Forschung, in Deutschland vor allem an den Unis in Tübingen und Saarland, ist aber noch nicht abgeschlossen, es gibt erst wenige Studien mit Patienten. Eine Arzneimittelzulassung gibt es nicht.“

Quelle:

http://www.welt.de/wissenschaft/article13771012/Weihrauch-ist-eine-Wissenschaft-fuer-sich.html

Kommentar & Ergänzung:

In der Schweiz ist ein Weihrauchpräparat (H 15 Gufic) im Kanton Appenzell als Heilmittel zugelassen. Bei Rheuma (Arthritis) und Darmentzündungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) kommt Weihrauch in Tablettenform innerlich zur Anwendung. Weihrauchsalben, die seit einiger Zeit ebenfalls im Handel sind, eignen sich allenfalls bei Hautentzündungen (Neurodermitis, Psoriasis), aber nicht bei Rheuma. Es ist nämlich völlig ungeklärt, ob die Wirkstoffe durch die Haut aufgenommen werden können und auf diesem Weg eine Wirkung entfalten.

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Problematische Medikamente im Abwasser

Sonntag, März 4th, 2012

In Deutschland gelangen täglich mehrere Tonnen an Arzneimitteln in die Umwelt. Mehrere Forschungsprojekte konnten entsprechende Rückstände in Böden, Gewässern und auch im Trinkwasser nachweisen. Eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zeigt besonders problematische Medikamente auf.

Insgesamt stellte das UBA 156 Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt fest. 24 davon wurden mit hoher Priorität eingestuft, das heisst, dass diese Substanzen besonders schädlich für Umweltorganismen sind. Allein die Hälfte der mit hoher Priorität gelisteten Arzneimittel sind Antibiotika, darunter auch Sulfamethoxazol. Sowohl in Oberflächengewässern, als auch im Grund- und Trinkwasser waren Konzentrationen von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter des Sulfonamids nachgewiesen worden. Zudem wurden die Makrolide Clarithromycin und Erythromycin sowie die Tetracycline Doxycyclin und Oxytetracyclin gefunden.

Messungen zeigten, dass auch verschreibungsfreie Analgetika in hohen Konzentration in die Umwelt gelangen. Neben Paracetamol wurden auch Naproxen und Diclofenac in Oberflächengewässern und im Grundwasser entdeckt. Ihre Konzentration bewegte sich im Bereich von einem Mikrogramm pro Liter. Für Diclofenac ist schon bekannt, dass es Nierenschäden bei Fischen auslösen kann. Weitere Medikamente mit einem hohen ökotoxikologischen Wirkpotenzial sind Metoprolol, Cabamazepin, Primidon und die Estrogene Norethisteron, Ethinylestradiol und Estradiol.

Vorkommen und Folgen von Medikamenten in der Umwelt werden nach Ansicht des UBA unterschätzt. Laut UBA wird die Konzentration von Humanarzneimitteln in der Umwelt aufgrund des demographischen Wandels noch weiter ansteigen. Deshalb will die EU die EG-Wasserrahmenrichtlinie um weitere umwelttoxische Substanzen erweitern.

Wie sich diese problematischen Stoffe auf die Umwelt auswirken, wird bislang nicht systematisch untersucht. Das UBA verlangt deshalb ein zulassungsbegleitendes Umweltmonitoring. Die Vorsorge beim Umgang mit Arzneimittelrückständen müsse verbessert werden, denn diese Stoffe könnten problematisch für die Umwelt sein, forderte UBA-Präsident Jochen Flasbarth. Eine bessere Überwachung soll helfen, Belastungsschwerpunkte und ökologische Folgen von Arzneimitteln zu erkennen und die medizinische Versorgung umweltverträglicher zu gestalten.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/wissenschaft/tonnenweise-arzneimittel-im-abwasser

Kommentar & Ergänzung:

Ich bin kein fundamentalistischer Gegner synthetischer Medikamente. In vielen Fällen sind sie die beste Option und manchmal retten sie Leben.

Aber die zunehmenden Arzneimittelrückstände in der Umwelt sind besorgniserregend und verlangen Wachsamkeit.

Bei der Entwicklung von Medikamenten wird oft speziell Wert auf eine lange Haltbarkeit gelegt. Dies gewährleistet, dass das Medikament nicht abgebaut wird, bevor es seine Wirkung entfalten kann. Viele Pillen sind zum Beispiel so konstruiert, dass sie die Magensäure unbeschadet überstehen und erst im Darm ihren Wirkstoff freisetzen.

Als Folge davon sind viele Arzneien sehr stabil und werden größtenteils unverändert wieder ausgeschieden. Und in der Natur sind solche Moleküle schwer abbaubar.

Mit Natursubstanzen, wie sie in Heilpflanzen-Präparaten vorkommen, kann die Natur besser umgehen. Das spricht meines Erachtens dafür, wo immer möglich auf Phytopharmaka zu setzen.

Siehe auch:

Natur als Medikamenten-Deponie

Entzündungshemmer Diclofenac mit ökologischen Nebenwirkungen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Probiotika bei Durchfall – ein kurzer Überblick

Dienstag, Februar 28th, 2012

Probiotika (pro bios, für das Leben) sind lebende und im weiteren Sinne auch abgetötete Mikroorganismen, die, wenn sie in genügender Menge aufgenommen werden, dem Wirtsorganismus einen gesundheitlichen Nutzen bringen.

Probiotika können zur Vorbeugung und Behandlung von Durchfallerkrankungen eingesetzt werden. Sie normalisieren dabei die Darmflora, indem sie sich im Darm ansiedeln oder den Aufbau einer gesunden Darmflora begünstigen. Probiotika können schon bei Säuglingen eingesetzt werden.

Als Arzneimittel gegen Durchfallerkrankungen werden verwendet:

- Enterokokken SF 68 (Bioflorin®, Bioflorina®)

Lebende Enterokokken des Stammes SF 68 werden als Probiotika zur Prävention und Therapie von Durchfallerkrankungen eingesetzt. Enterokokken normalisieren die Darmflora, indem sie sich im terminalen Dünndarm und im Dickdarm ansiedeln und dort die Darmflora normalisieren, indem sie unter anderem das Wachstum pathogener Mikroorganismen hemmen. Sie können schon bei Säuglingen eingesetzt werden.

Gleichzeitig eingenommene Antibiotika können die Enterokokken abtöten und damit die Wirkung beeinträchtigen. Antibiotika sollten daher in einem zeitlichen Abstand von 1-2 Stunden eingenommen werden.

- Saccharomyces boulardii (Perenterol®)

Saccharomyces boulardii ist ein Hefepilz, der als Arzneimittel zur Prävention und Therapie von Durchfallerkrankungen verschiedener Ursachen zugelassen ist. Saccharomyces boulardii ist mit der Backhefe eng verwandt und hat antitoxische, entzündungshemmende, antimikrobielle und immunmodulierende Eigenschaften.

Der Pilz ist lebensfähig, siedelt sich jedoch nicht dauerhaft im Darm an, sondern wird innert weniger Tage wieder ausgeschieden.

Unerwünschte Wirkungen kommen selten vor. Saccharomyces boulardii kann im Gegensatz zu anderen Probiotika mit Antibiotika kombiniert werden, da die Antibiotika den Hefepilz nicht schädigen.

Antimykotika können dagegen die Hefepilze abtöten und so die Wirksamkeit des Arzneimittels reduzieren.

Der Name des Pilzes verweist auf seinen Entdecker, den französischen Mikrobiologen Henri Boulard. Er entdeckte ihn im Jahr 1920 in Indochina während einer Choleraepidemie.

- Lactobacillus (Lactoferment®)

Die Milchsäurebakterien haften sehr gut an Zellen der menschlichen Darmschleimhaut. Sie bilden eine Art Biofilm aus und hemmen dadurch den Befall von Darmzellen mit Durchfall auslösenden Mikroorganismen.

Zudem wurde eine direkte antibakterielle Wirkung auf verschiedene Durchfallerreger nachgewiesen. Lactobacillus vermindert die Durchfall verursachenden Bakterien und bewirkt eine unspezifische Immunstimulation der Schleimhäute mit vermehrter Bildung von Antikörpern. Die säurebildende Abwehrflora wird gefördert: Experimente zeigen eine Stimulation des Wachstums der säurebildenden Darmflora. Dies stärkt die körpereigene Darmbarriere.

Quelle: Pharmawiki

Kommentar & Ergänzung:

Probiotika wie Enterokokken (Bioflorin®), Saccharomyces boulardii (Perenterol®) und Lactobacillus (Lactoferment®) sind eine gute Option zur Vorbeugung und Behandlung von Durchfallerkrankungen, etwa als Folge einer Behandlung mit Antibiotika oder gegen Reisediarrhoe.

Sie können auch eingesetzt werden bei Colitis ulcerosa in der Remissionsphase.

Ich selber nehme Perenterol auf jede Chinareise prophylaktisch mit und hatte noch nie Probleme mit infektiösen Durchfallerkrankungen. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob ich auch ohne Perenterol gesundprobiotische Joghurtgeblieben wäre. Und gegen Durchfall aufgrund von scharfen Speisen nützen Probiotika natürlich nicht.

Probiotika in Lebensmitteln

Neben der Anwendung als Arzneimittel werden Probiotika zunehmend auch in Nahrungsmitteln eingesetzt und als gesundheitsfördernd beworben („Verdauung gut, alles gut“). Am bekanntesten sind probiotische Joghurts. Die gesundheitlichen Versprechungen sind dabei oft fragwürdig. Der Ernährungswissenschaftler Martijn Katan (Amsterdam) kam beispielsweise in einer Studie zu dem Schluss, dass sich weder die Häufigkeit noch Art des Stuhles bei Menschen ändert, die den Joghurt Activia assen (Quelle: Wikipedia).

Auch die Versprechungen bezüglich verbesserter Immunabwehr gegen Erkältungen (Actimel) sind unbelegt.

„Umstritten sind vor allem Werbeaussagen, die einen wissenschaftlich belegten gesundheitsfördernden Effekt suggerieren. So wurde von Foodwatch 2009 der Goldene Windbeutel an Actimel verliehen. In einem vierwöchigen Abstimmungsverfahren wählten die deutschen Verbraucher das Produkt im Frühjahr 2009 zur ‚dreistesten Werbelüge des Jahres’. Anne Markwardt von Foodwatch sagte: ‚Actimel schützt nicht vor Erkältungen – es stärkt das Immunsystem nur ähnlich gut wie ein herkömmlicher Naturjoghurt, ist aber viermal so teuer und doppelt so zuckrig.’ Danone behauptet dagegen, dass die Vorwürfe nicht zutreffend seien: Actimel aktiviere nachweislich Abwehrkräfte, ‚das sei in mehr als 30 wissenschaftlichen Studien belegt.’ In Großbritannien wurden Werbespots für das Produkt verboten, da positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern unbewiesen seien.

Danone zog 2010 bei der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) seine Anträge zurück, mit denen die angeblich gesundheitsfördernden Eigenschaften von Actimel sowie Activia bestätigt werden sollten. Ebenso verzichtete der Konzern in Frankreich und Großbritannien, die angeblich verdauungsfördernde und immunstärkende Wirkung dieser Produkte in Werbespots anzupreisen.“

(Quelle: Wikipedia)

Von Werbeaussagen wie „Die Wirksamkeit ist in 30 wissenschaftlichen Studien belegt“, sollte man sich nicht unnötigerweise allzu stark beeindrucken lassen. Es kommt vor allem auf die Qualität der Studien an, erst in zweiter Linie auf die Quantität.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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