Artikel mit Schlagwort ‘Arzneimittel’

Onkologie: Fatigue & Roter Ginseng

Samstag, Mai 19th, 2012

Fatigue ist eines der häufigsten und zugleich das am stärksten belastende Begleitsymptom von Krebserkrankungen und Krebstherapien. Viele Patienten leiden stärker unter der extremen Erschöpfung als unter Schmerzen. Dennoch bleibt die Fatigue oft unerkannt und untherapiert.

Fatigue zeigt sich als eine quälende Form der Erschöpfung bei Krebspatienten. Sie äussert sich durch außerordentliche Müdigkeit, mangelnde Energiereserven oder ein massiv erhöhtes Ruhebedürfnis, das in keinem Verhältnis steht zur vorausgegangenen Aktivität. Charakteristisch sind auch Leistungsschwäche und Depression. Die körperliche Erschöpfung macht die Betroffenen unfähig, ihren gewohnten täglichen Aktivitäten nachzugehen; durch die mentale Erschöpfung ist es ihnen fast unmöglich, sich zu konzentrieren und klar zu denken, und emotional fehlen Antrieb und Kreativität.

Im Gegensatz zur Erschöpfung nach einer körperlichen, geistigen oder seelischen Anstrengung beim gesunden Menschen kann selbst eine Erholungsphase oder ausreichender Schlaf diese quälenden Symptome nicht lindern.

Auch Patienten mit anderen Erkrankungen leiden an diesem Gefühl, unendlich müde zu sein. Ärzte reden dann meist von einem chronischen Erschöpfungssyndrom (engl. Chronic Fatigue Syndrome, CFS). Das ist ein eigenständiges Krankheitsbild, das von der Tumor-assoziierten Fatigue unterschieden werden muss.

Fatigue ist auch keine Depression, wobei die Abgrenzung bei chronischer tumorbedingter Erschöpfung teilweise schwierig sein kann.

Zeitweise leiden fast alle Krebspatienten unter einer Fatigue. Häufiger betroffen sind Menschen mit Leukämie, Magentumoren, Darmtumoren sowie Mammakarzinom (Brustkrebs). Während und nach einer Therapie steigt die Zahl der Betroffenen.

Hauptsächlich junge Menschen sind von Fatigue beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist noch unklar. Möglicherweise nehmen jüngere Menschen den Unterschied zwischen ihren bisherigen Energiereserven und der durch die Krankheit verminderten Kraft deutlich stärker wahr als Ältere.

Vielfältige Triggerfaktoren

Trotz vieler Untersuchungen gibt es bislang offenbar noch kein überzeugendes pathophysiologisches Modell zur Erklärung der Fatigue. Unbestritten sei aber, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt.

Zu den wichtigen Triggerfaktoren zählen hauptsächlich die Chemotherapie und die Bestrahlung. So können die Nebenwirkungen jeder Zytostatikatherapie eine allgemeine Schwäche begünstigen. Wichtige Einflussfaktoren sind Intensität und Dauer der Therapie. Bei einer Strahlentherapie beeinflussen die Strahlendosis, die Größe der bestrahlten Region und der Ort der Behandlung die Ausprägung einer Fatigue.

Für die Betroffenen ist die Information wichtig, dass es Fälle gibt, bei denen die Ursache der Fatigue ermittelt und kausal behandelt werden kann. Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass die Symptome einer Fatigue in der Regel erst drei bis vier Tage nach Ende der Chemotherapie beginnen.

Das Fatigue-Syndrom braucht wegen seiner physischen, psychischen und sozialen Dimension einen multidisziplinären Behandlungsansatz. Wegen der schlechten Datenlage und der nicht geklärten Ursachen des Fatigue-Syndroms steht die nichtmedikamentöse Behandlung der Fatigue im Vordergrund.

Hauptsächlich die körperliche Aktivität der Patienten gilt heute als einer der wichtigsten Pfeiler der Behandlung. Viele Studien belegen die Wirksamkeit eines moderaten, dosierten, an das Krankheitsstadium angepasstes Ausdauertraining.

Untrainierte Menschen sollten immer mit leichter Aktivität anfangen.

Symptomatische Behandlung der Fatigue

Zur symptomatischen Therapie einer tumorassoziierten Fatigue gibt es derzeit keine Standardbehandlung und keine zugelassenen Arzneimittel. Zum Repertoire der oft diskutierten Behandlungsansätze zählen Psychostimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin®), der Mikronährstoff ­L-Carnitin sowie Roter Ginseng. Aufgrund der Studienlage empfiehlt die Deutsche Fatigue Gesellschaft gegenwärtig lediglich den Einsatz von Methylphenidat und Rotem Ginseng.

Methylphenidat aus der Gruppe der Weckamine soll die Konzentration fördern und die Entscheidungs- und Leistungsbereitschaft steigern. Zudem soll Methylphenidat körperliche Abgeschlagenheit und Müdigkeit unterdrücken. Mehrere kleine Phase-II-Studien belegen günstige Effekte bei Patienten mit Fatigue. In einer auf dem Deutschen Krebskongress 2012 publizierten und von der Deutschen Fatigue Gesellschaft unterstützten Studie ergab sich allerdings kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Trotzdem befürwortet die Fachgesellschaft weiterhin die Anwendung von Methylphenidat, weil einzelne Patienten-Gruppen davon profitieren könnten. Hierzu soll vor allem die Untergruppe der Patienten zählen, die seit mehr als drei Jahren unter Fatigue leiden.

Schwere Nebenwirkungen seien nicht beobachtet worden. Auch das Risiko einer Abhängigkeit schätzt die Fachgesellschaft als sehr gering ein. Hauptsächlich jedoch zeige sich schon nach sehr kurzer Zeit, ob ein Patient auf die Behandlung anspricht.

Das schnelle Ansprechen auf die Methylphenidat-Therapie sei sehr vorteilhaft. Dagegen müsse man bei einer Therapie mit Rotem Ginseng drei bis fünf Monate warten, bevor sich die ersten Effekte zeigen. In Untersuchungen bewirkte Panax ginseng eine Verbesserung der tumorassoziierten Fatigue bei sehr guter Verträglichkeit. Auch für Panax quinquefolius (Amerikanischer Ginseng) weisen Studien auf günstige Effekte bei Patienten mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen und Fatigue-Symptomatik hin. So ergab zum Beispiel eine Studie mit 282 Patienten, dass 1000 mg und 2000 mg Ginsengwurzelextrakt pro Tag Müdigkeit und Erschöpfung deutlich bessern konnten. Für Krebspatientinnen und -patienten, die eine naturheilkundliche Behandlung bevorzugen, kann Roter Ginseng daher eine Alternative bieten.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41683&type=0

(Dieser ausgesprochen ergiebige Artikel enthält noch zusätzliche Informationen)

Kommentar & Ergänzung:

Der Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung enthält noch zusätzliche Informationen zu Diagnostik und Therapie der Fatique.

Roter Ginseng ist natürlich nur ein kleines Puzzleteil in einer umfassenden, multidisziplinären Behandlung der Fatigue.

Was genau ist Roter Ginseng?

Siehe dazu:

Zur Wirksamkeit von Ginseng: Weisser Ginseng oder Roter Ginseng?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Was ist Braunhirse?

Dienstag, Mai 8th, 2012

Seit einiger Zeit wird in der Alternativmedizin-Szene Braunhirse gegen alle möglichen Beschwerden angeboten.

Was ist Braunhirse?

„Braunhirse ist ein Getreide aus der Familie der Süssgräser (Poaceae). Die Samen werden ungeschält mit Spelze und Schale zu einem Vollwertmehl verarbeitet. Das Pulver enthält unter anderem Eiweiss, Kohlenhydrate, Mineralstoffe und Kieselsäure mit einem hohen Anteil an Silicium. In der Alternativmedizin und in der Werbung wird es gegen zahlreiche Erkrankungen empfohlen, unter anderem gegen Arthrose, Osteoporose, Karies, Nagel- und Haarerkrankungen. Die Wirksamkeit in diesen Anwendungsgebieten ist nicht nachgewiesen und über mögliche Risiken und unerwünschte Wirkungen einer Behandlung ist nicht ausreichend bekannt. Braunhirse ist nicht als Arzneimittel zugelassen und wird als Nahrungsmittelergänzung verkauft.“

(Quelle: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Braunhirse)

Kommentar & Ergänzung:

Die Heilungsversprechungen bezüglich Braunhirse überschlagen sich geradezu und umfassen unterschiedlichste Erkrankungen. Das müsste eigentlich immer Anlass zu Skepsis sein und ist ein Beispiel für Indikationslyrik.

Wie andere Getreide auch, enthält Braunhirse verhältnismässig viel Mineralstoffe, darunter Kieselsäure. Diese besteht zu etwa einem Drittel aus Silizium, einem Spurenelement, das eine wichtige Rolle als Nährstoff und Aufbaustoff für Knorpelmasse, Bindegewebe, Haut, Haare und Nägel spielt und zur Mineralisation der Knochen beiträgt. Wahrscheinlich resultiert hieraus das Werbeversprechen, Braunhirse würde bei brüchigen Haaren und Nägeln, schlaffer Haut, Bindegewebsschwäche, Osteoporose und Arthrose helfen. Allerdings deckt eine normale Mischkost den Bedarf an Silicium problemlos.

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Pfeffer-Inhaltsstoff Piperin hemmt Bildung von Fettzellen

Dienstag, Mai 8th, 2012

Wissenschaftler erforschen den schlank machenden Effekt von Pfeffer. Der Pfeffer-Inhaltsstoff Piperin gibt dem Pfeffer seine charakteristische Würze und unterdrückt gleichzeitig die Neubildung von Fettzellen im Organismus. Diese Wirkung konnten nun koreanische Wissenschaftler durch Laboruntersuchungen zeigen. Piperin soll die Aktivität von Erbanlagen blockieren, die der Neubildung von Fettzellen dienen.

Wissenschaftler um Ui-Hyun Park von der Sejong University in Seoul führten Untersuchungen an Kulturen von menschlichen Zellen durch, aus denen sich Fettzellen entwickeln können. Diese Vorläuferzellen regten die Forscher durch bestimmte Kulturbedingungen zur Bildung von Fettzellen an und erfassten dabei die Gene, die bei diesem Vorgang aktiv waren. Das gleiche Experiment führten die Forscher anschließend noch einmal mit Zellkulturen durch, die auf einem Medium wuchsen, das unterschiedliche Mengen von Piperin enthielt. Die Resultate beider Experimente wurden dann verglichen.

Dabei zeigte sich, dass die Fett-Vorläuferzellen unter der Einwirkung von Piperin weniger ausgewachsene Fettzellen bildeten als ohne den Wirkstoff. Die Analysen zeigten zudem, dass die mit Piperin behandelten Zellen weniger Fett aus dem Kulturmedium aufgenommen hatten. Der Vergleich der Resultate der genetischen Untersuchungen deckte zudem auf, was hinter diesen Effekten steckte: Die Behandlung mit Piperin hatte die Aktivität zahlreicher verschiedener Gene blockiert, die im Zusammenhang mit der Entwicklung zu Fettzellen stehen.

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass ihre Resultate zur Entwicklung von Arzneimitteln beitragen, die durch die Wirkung von Piperin Übergewicht bekämpfen können oder sich günstig auf Stoffwechselerkrankungen auswirken.

Quelle:

http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/315456.html

PLoS ONE, doi:10.1021/jf204514a: http://pubs.acs.org/stoken/presspac/presspac/full/10.1021/jf204514a

Kommentar & Ergänzung:

Piperin löst die eigentümliche Geschmacksqualität „brennend“ aus. Sie kommt zustande durch Reizung von Thermorezeptoren und Schmerzrezeptoren, das heisst, es gibt keine eigenen Geschmacksrezeptoren  für eine Geschmacksqualität „brennender Geschmack“, vergleichbar mit den vier Geschmacksqualitäten bitter, salzig, süss und sauer.

Wird Pfeffer als Gewürz verwendet, kommt es auf reflektorischem Weg von der Mundschleimhaut aus zu Magensaftsekretion.

Piperin wirkt insektizid. Stubenfliegen sollen gegenüber Piperin sogar empfindlicher sein als gegenüber Pyrethrum (nach: Pharmakognosie, Phytopharmazie)

Ob und wie sich das im Haushalt konkret nutzen lässt, ist mir allerdings nicht bekannt.

Die Ergebnisse der Universität Sejong bezüglich Hemmung der Bildung von Fettzellen durch Piperin sind natürlich interessant, doch stellt sich bei solchen Laborexperimenten stets die Frage, ob und wie weit sie auf die Anwendung im menschlichen Organismus übertragbar sind. Vielleicht wären für diesen Effekt ja Pfefferdosen nötig, die weit jenseits der Menge liegen, die man realistischerweise in die Ernährung integrieren kann.

Ähnliche Fragezeichen gelten auch für Capsaicin aus Chili (als Fatburner vor allem via Internet propagiert).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zur Wirksamkeit von Ginseng – Weisser Ginseng oder Roter Ginseng?

Mittwoch, April 25th, 2012

Im Phyto-Forum der Aerztezeitung wurde vor kurzem Ginseng zum Thema.

In der traditionellen chinesischen Medizin werde Ginseng (Panax ginseng, Panax quinquefolius ) seit Jahrtausenden als Heilmittel bei Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, Atemnot, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Impotenz, Blutungen und Diabetes angewandt, schreibt Dr. Rainer C. Görne. Die Ginsengwurzel gelte in Asien als Sinnbild für Gesundheit und langes Leben.

Neuere Untersuchungen hätten verschiedene Inhaltsstoffe wie Ginsenoside, Polysaccharide, Peptide und Polyin-Alkohole nachgewiesen:

„Einige dieser Inhaltsstoffe haben in pharmakologischen Experimenten ZNS-Wirkungen, neuroprotektive und immunmodulatorische Wirkungen gezeigt.“

Insbesondere die Ginseng-Saponine, die Ginsenoside haben antioxidative, entzündungshemmende, anti-apoptotische und immunstimulierende Eigenschaften, schreibt der Autor.

In einigen kontrollierten, klinischen Studien sei die Wirkung von Zubereitungen aus Ginseng auf die körperliche und psychomotorische Leistung, kognitive Funktionen, Immunmodulation, Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Risikofaktoren, die Lebensqualität untersucht worden.

Aufgrund der schlechten Qualität der meisten dieser Studien seien die klinischen Daten zur Wirksamkeit unzureichend.

Beim roten Ginseng handle es sich um Panax ginseng, der entweder durch Wasserdampf erhitzt oder in der Sonne getrocknet wurde. Diese Variante einer Ginsengzubereitung werde in Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten verwendet.

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung enthalte das Konzentrat aus rotem Ginseng jedoch nur halb so viel Ginsenoside wie jenes aus weißem Ginseng. Roter Ginseng werde traditionell mit einer Anregung der Sexualfunktion und Steigerung des Antriebs verbunden:

„In einer doppelblinden, klinischen Studie wurde gezeigt, dass eine Zubereitung aus rotem Ginseng eine wirksame Alternative für die Behandlung der erektilen Dysfunktion sein kann (Hong et al. 2002). Zwei kleinere Studien zeigten eine Verminderung des Relaps bei Magenkrebs im Vergleich zur Kontrollgruppe (Suh et al. 2002) sowie potenziell positive Effekte einer Kombination von koreanischem roten Ginseng und einer antiretroviralen Therapie bei HIV-1-infizierten Patienten (Sung et al. 2009).“

Zusammenfassend sei somit festzuhalten, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt zuverlässige klinische Daten zur Wirksamkeit von Ginseng-Präparaten fehlen.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/default.aspx?sid=806917&ticket=ST-749-jTkac4gOZNaAF1C4FrZu5OHkAUoM4HGizPQ-20

Kommentar & Ergänzung:

Die Ginseng-Forschung liefert interessante Ergebnisse. Hänsel / Sticher kritisieren allerdings in „Pharmakognosie / Phytopharmazie“ (2010), dass den Untersuchungen „recht häufig eine Relevanz für die menschliche Anwendung fehlt oder mangelhaft ist (z.B. durch unrealistisch hohe Dosierung, i.v. oder i.p. anstelle von p.o.-Applikation, Tierexperimente ohne Bezug zum Therapeutischen Wert am Menschen).“

Zur Diskussion, ob Roter Ginseng oder Weisser Ginseng wirksamer ist, schreibt der „Leitfaden Phytotherapie“:

„Roter Ginseng, der zur Konservierung mit gespanntem Wasserdampf behandelt wird, ist nicht generell dem weissen Ginseng qualitativ überlegen und enthält nur dann einen höheren Ginsenosidgehalt, wenn vor dem Dämpfen bei 120 – 130°C Ginsenosid-reicher „weisser Ginseng“ ausgesucht worden ist. Nur bei wenigen „Roter Ginseng-Präparaten“ wird diese qualitative Vorauswahl durchgeführt. Nach der Wasserdampfbehandlung nehmen die vorher weissen Wurzeln eine hornartige Struktur und rötliche Farbe an. Die Aussage, dass nur 5 – 7 jährige Ginsengwurzeln verwendet werden, ist ein Werbegag, denn erst nach dieser Zeit ist die Wurzelmasse so gross, dass sich eine Ernte lohn. Ausserdem haben 1-2-jährige Wurzeln sowie die dünnen Seitenwürzelchen einen höheren Ginsenosidgehalt.“

Bei Ginseng-Präparaten gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Vorsichtig wäre ich bei Produkten, die nur als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen sind. Ginseng-Präparate, die eine Zulassung als Arzneimittel haben, werden genauer kontrolliert.

Seriöse Ginseng-Präparate sind auch einen standardisierten, also gleichbleibenden Ginsenosidgehalt eingestellt.

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Phytotherapie: Baldrian bei Schlafstörungen

Mittwoch, April 25th, 2012

Anlässlich einer Pressekonferenz des Komitees Forschung Naturmedizin wurde unter anderem ein Statement veröffentlicht zum Thema „Phytosedativa – Schlaftherapie ohne Risiko?“.

Der Autor Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Martin E. Keck kommt darin auch auf Baldrian zu sprechen:

„Mit Baldrian Monopräparaten gibt es zu der Indikation „Schlafstörungen“

zahlreiche klinische Studien. So ist in mehr als 16 klinischen Studien, an

denen fast 1100 Patienten mit Schlafstörungen teilgenommen haben, die

Wirksamkeit von Baldrian-Präparaten geprüft worden. In sechs der größeren

Studien wurde dabei eine statistisch signifikante Verbesserung des Schlafes

im Vergleich zu  Placebo dokumentiert. Die Verträglichkeit erwies sich als gut.

In einer Doppelblindstudie mit 202 Patienten, die an nicht-organischen Schlaf-

störungen litten, konnte eine vergleichbare Verbesserung unter einem

Baldrian-Präparat dokumentiert werden wie unter Oxazepam.“Zur Verträglichkeit der Baldrian-Präparate schreibt Keck:

„Baldrian-Präparate zeichnen sich durch eine sehr gute Verträglichkeit aus:

Für Baldrian-Monopräparate sind allenfalls seltene Magen-/Darmbeschwerden

und sehr selten allergische Hautreaktionen bekannt. Auch für Baldrianwurzel-

/Hopfenzapfen-Extrakte sind nur sehr selten (allergische) Hautreaktionen

beschrieben worden.“

Und wie stehen Baldrianpräparate im Vergleich zu synthetischen Schlafmitteln / Beruhigungsmitteln da?

Der Vergleich der Wirksamkeits- und Verträglichkeitsprofile zwischen

chemisch-synthetischen Sedativa beziehungsweise Beruhigungsmitteln und

pflanzlichen Arzneimitteln zeige, dass bestimmte Baldrian-Präparate eine gute

evidenzbasierte und von den Patienten akzeptierte Alternative darstellen, schreibt Professor Keck.

Quelle:

http://www.phytotherapie-komitee.de/News/pk_18_04_12/Prof-Keck-Statement.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Baldrian ist die am besten erforschte Heilpflanze im Bereich der Behandlung von Schlafstörungen. Relevante Studien gibt es allerdings nur für Baldrianextrakt-Präparate, nicht für Baldriantee und Baldriantinktur.

Baldrian kann Oxazepam (z. B. Seresta, Anxiolit) bei weitem nicht in allen Situationen ersetzten. Falls es aber Situationen gibt, in denen Baldrian und Oxazepam vergleichbar wirken – wie in der erwähnten Doppelblindstudie -  dann ist Baldrian eindeutig vorzuziehen, weil Oxazepam Risiken mit sich bringt, die dem Baldrian fehlen (z. B. Abhängigkeit, möglicherweise erhöhte Sturzgefahr bei Senioren)

Neben Baldrian werden in der Phytotherapie einige weitere Heilpflanzen bei Schlafproblemen angewendet:

- Lavendel (Lavendelöl, Lavendelbad)

- Melisse (Melissentee, Melissenöl, Melissenbad)

- Hopfen (Hopfentee, Hopfenextrakt)

- Passionsblumenkraut (Passionsblumenextrakt)

Interessant sind zudem die Orangenblüten, die als Orangenblütentee zum Beispiel in der Krankenpflege beliebt sind.

Vor allem Kinder schätzen als Schlaftrunk auch den Goldmelissentee.

Zur Wirkung von Orangenblütentee und Goldmelissentee gibt es keine fundierten Erkenntnisse. Das spricht aber nicht dagegen, Orangenblütentee oder Goldmelissentee als Einschlafhilfe zu verwenden, wenn jemand gute Erfahrungen damit macht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Omega-3-Fettsäuren aus Krill-Öl

Freitag, April 20th, 2012

Unter dem Begriff Krill werden zahlreiche kleine Krebstiere zusammengefasst, welche hauptsächlich in den kalten Gewässern der Antarktis leben. Das in Nahrungsergänzungsmitteln vermarktete Neptune Krill-Öl® (NKO®) wird durch ein patentiertes Extraktionsverfahren der Firma Neptune (Quebec, Kanada) aus der Krill-Art Euphausia superba gewonnen.

Der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren ist etwas tiefer als im Fischöl. Der überwiegende Teil dieser Omega-3-Fettsäuren liegt allerdings in Form von Phospholipiden vor, was die Bioverfügbarkeit zu verbessern scheint. Krill-Öl unterscheidet sich vom Fischöl auch im Gehalt an Astaxanthin, einem Carotinoid-Antioxidans mit vermutlich entzündungshemmenden Eigenschaften.

Laut Pharmavista-Newsletter wurden für folgende Anwendungsbereiche Studien mit NKO® durchgeführt:

„_Prämenstruelles Syndrom und Dysmenorrhoe: 70 Frauen im gebärfähigen Alter konsumierten entweder 2g NKO® oder Fischöl (mit 18% EPA und 12% DHA) während des ersten Monats der Studie, danach während des zweiten und dritten Monats täglich 2g für 8 Tage vor der Menstruation und 2 Tage während der Menstruation. Die Resultate weisen auf eine bessere Wirksamkeit des Krill-Öls hin.

_Chronische Entzündung: In einer klinischen Studie wurden 90 Probanden mit kardiovaskulären Erkrankungen, rheumatoider Arthritis und Arthrose sowie Anzeichen einer chronischen Entzündung (erhöhte Konzentrationen des C-reaktiven Proteins (CRP)) 300 mg NKO®/Tag oder 300 mg Placebo verabreicht. Nach 30 Tagen war die Konzentration des CRP in der Krill-Öl Gruppe um ca 30% gesunken, in der Placebo Gruppe hingegen gestiegen.

_Hypercholesterinämie: In einer 3monatigen Studie konnte eine Abnahme des Cholesterinspiegels nach Einnahme von 1 bis 3g Krill-Öl/Tag gezeigt werden.“

Zu möglichen Nebenwirkungen des Krillöls schreibt der Pharmavista-Newsletter:

„Als mögliche Nebenwirkungen können Erbrechen und Durchfall auftreten. Vorsicht ist geboten bei antikoagulierten Patienten, da Omega-3-Fettsäuren die Blutungszeit verlängern können. Krill-Öl sollte nicht von Personen mit Allergien gegen Meeresfrüchte eingenommen werden.“

Der Pharmavista-Newsletter zieht den Schluss, dass diese ersten Studien zwar vielversprechende Resultate zeigen, dass diese aber noch durch weitere Studien bestätigt werden müssen.

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=4575&NMID=4575&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Krillöl wird in der Schweiz in Form von Kapseln gehandelt (z.B. Novakrill®, Alpinamed® Krill Oil). Diese Produkte sind als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen und nicht als registrierte Arzneimittel. Deshalb dürfen auf den Packungen keine Heilwirkungen und Indiktionen aufgeführt werden.

Krillöl ist wesentlich teurer als Fischöl und daher stellt sich die Frage, ob es auch entsprechend wirksamer ist.

Ein kritischer Punkt ist die Frage nach der Unabhängigkeit der oben erwähnten Studien.

Auf enutrio.de wurde 2007 ein interessanter Beitrag zum Thema Krillöl publiziert, der diesen Punkt unter die Lupe nimmt. Bei der erwähnten Studie zum Prämenstruellen Syndrom (PMS) beispielsweise fungiert als Studienleiterin Dr. Tina Sampalis. Sie ist Vizepräsidentin für Forschung und Entwicklung der Neptune Technologies, einer Firma, die Krillöl-Produkte produziert. Das bedeutet noch nicht, dass die Ergebnisse einer solchen Studie wertlos sind, aber es rechtfertigt einen besonders kritischen Blick. Siehe auch: http://www.enutrio.de/krill-oel/

Einen zusammenfassenden Kommentar zur Studienlage gibt esowatch:

„Es gibt derzeit nur sehr wenige Studien zur Wirksamkeit von Krillöl gegen entzündliche Vorgänge. Zu diesen Studien kann zusammenfassen ausgesagt werden:

Krillöl wird besser resorbiert als Fischöl, allerdings nur bei Patienten mit Fettresorptionsstörungen. Bei der Behandlung des Prämenstruellen Syndroms (PMS) scheint Krillöl gute Wirkung zu zeigen, es kann ebenso effektiv die Blutfette bei vorbelasteten Patienten positiv beeinflussen und schneidet diesbezüglich im Vergleich zu Fischölkapseln besser ab. Krillöl ist im Vergleich zu Fischöl zwar ein wirkungsvolleres Antioxidans, als Anti Aging-Mittel schneiden aber Trockenpflaumen, Rosinen und eine Vielzahl weiterer, sehr preiswerter Lebensmittel sehr viel besser ab.

Die Wirkung von Krillöl als Entzündungshemmer mit dem möglichen Einsatzgebiet Arthritis ist wissenschaftlich nicht belegt. Allerdings haben Krillöl (und Fischöl) aufgrund ihres Omega-3 Gehalts bestimmt Einfluss auf Entzündungsvorgänge. Eine vergleichende und unabhängige Studie existiert allerdings bis jetzt nicht.

Die bisherigen Studienergebnisse zeigen, dass eine Supplementation von Krillöl hauptsächlich bei Personen mit Fettresorptionsstörungen zu empfehlen ist, auch bei Patienten mit gestörten Blutfetten oder Frauen mit PMS ist es einen Versuch wert. All diese Personen sind jedoch bereits krank. Für den krankheitspräventiven Einsatz bei gesunden Menschen, etwa gegen Krebs oder Alterserscheinungen, ist die Supplementation von Krillöl wenig sinnvoll, vor allem in Anbetracht des Preis-Leistungsverhältnisses. 100 Kapseln á 500 mg Neptune Krillöl kosten derzeit ca. 90€ zzgl. Versandkosten.“

Quelle: Esowatch

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Hoodia als fragwürdiger Appetitzügler

Freitag, April 20th, 2012

Die kaktusähnliche Hoodia-Pflanze wird im Internet als ultimatives Schlankheitsmittel vermarktet. Dabei werden fragwürdige und problematische Aspekte konsequent ausgeblendet.

Kritische Fragen sind aber nötig zur Wirksamkeit, zur Sicherheit, zur Nachhaltigkeit der Hoodia-Ernte und zum Aspekt der „Biopiraterie“.

Hoodia gordonii (Asclepiadaceae) wächst in weiten Teilen Südafrikas. Hirten in Südafrika und Namibia benutzen die Triebe von Hoodia-Arten traditionell als Appetitzügler und Durststiller.

Wie zahlreiche andere Asclepiadaceen enthalten Hoodia-Arten Herzglykoside oder biochemisch verwandte Substanzen, z.B. Pregnanderivate. Der Hauptwirkstoff in Hoodia ist ein als P57 bekanntes Pregnanglykosid, das dem Körper einen schon ausreichend hohen Blutzuckerspiegel vortäuscht.

Die schmale Basis, auf welcher sich die Hoodia-Propaganda bewegt, fass der neueste Pharmavista-Newsletter zusammen:

„Im Tierversuch zeigte P57 starke appetitzügelnde Effekte. Gemäss Literaturangaben scheint die appetitmindernde Wirkung bei kontinuierlicher Einnahme einer Standarddosis bereits nach acht Tagen nicht mehr spürbar zu sein.

In einer kleinen randomisierten Studie am Menschen konnte jedoch weder für den standardisierten Hoodiaextrakt noch für Placebo ein signifikanter Effekt auf Energiezufuhr und Körpergewicht festgestellt werden… Nebenwirkungen wie z.B. Übelkeit oder Erbrechen traten in der Verumgruppe allerdings signifikant häufiger auf. Resultate grösserer klinischer Studien sind zurzeit nicht vorhanden.

Basierend auf der traditionellen Anwendung werden trotz unzureichender wissenschaftlicher Grundlage zahlreiche Hoodia-Produkte via Internet angepriesen.“

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=1601&NMID=1601&LANGID=2

Die erwähnte Studie ist hier auffindbar:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21993434

In der Schweiz gibt es zurzeit kein als Arzneimittel registriertes Hoodia-Produkt.

Zum Thema Nachhaltigkeit der Hoodia-Nutzung und zur Frage der Biopiraterie via Hoodia siehe:

WWF: Besorgnis um Hoodia-Pflanze

Im Schlankheitsmittel-Markt tauchen laufend neue oder traditionelle Produkte auf mit grossartigen Versprechungen. In sehr vielen Fällen ist weder die Wirksamkeit noch die Sicherheit geklärt. Dieses Thema ist ein Eldorado für Abzocker.

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Ungesunde TCM-Kräuter

Montag, April 16th, 2012

Zwei Studien zeigen Risiken bei manchen Heilpflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Krebserkrankungen des Harntrakts kommen in Taiwan ungewöhnlich oft vor. Eine neue Studie kommt zu Schluss, dass höchstwahrscheinlich Pflanzenzubereitungen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bei zahlreichen Betroffenen die Tumoren ausgelöst haben dürften.

Ein internationales Forscherteam um Chung-Hsin Chen vom National Taiwan University Hospital in Taipeh hat mithilfe von Genanalysen 151 Krebserkrankungen der oberen Harnwege untersucht. Eine besondere Gensignatur ist charakteristisch für Tumoren, die unter der Einwirkung von sogenannter Aristolochiasäure entstanden sind. Diese Signatur entdeckten die Forscher bei 60 Prozent der Fälle.

In der Fachzeitschrift PNAS berichten die Wissenschaftler, dass zwischen 1997 und 2003 ein Drittel der taiwanischen Bevölkerung Aristolochia-Präparate einnahm. Sie basieren auf der sogenannten Gewöhnlichen Osterluzei (Aristolochia clematitis) und verwandten Pflanzen, die  in der TCM über lange Zeit als Heilmittel galten.

Dass zahlreiche Taiwanesen durch Aristolochia-Präparate an Harnwegstumoren erkrankten, erkläre auch, weshalb sich die Verteilung dieser Krebsformen dort von der in anderen Staaten unterscheide, meinen die Wissenschaftler. Bei 35 Prozent der Patienten in Taiwan entwickeeln sich die Tumore nicht in der Blase, sondern in Harnleiter oder Nierenbecken. Weltweit sei dies bei weniger als zehn Prozent der Patienten der Fall. Auch erkrankten Frauen in Taiwan überdurchschnittlich häufig an diesen Tumorformen – und sie bekamen auch häufiger Aristolochia-Präparate verordnet als Männer.

Aristolochiasäure schädigt auch die Nieren, was im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen kann. In Belgien erkrankten in den neunziger Jahren mehrere Frauen an Nierenversagen, die die Präparate im Rahmen von Diätkuren eingenommen hatten.

Hierzulande sind Präparate, die Aristolochia-Säure enthalten, bereits länger untersagt. Auch in China und Taiwan wurden sie m Jahr 2003 verboten.

Während also das  Problem mit den Aristolochia-Präparate mittlerweile auch in China vom Tisch ist, geben andere TCM-Präparate, die weiterhin im Handel sind und nun von australischen Wissenschaftlern untersucht wurden, Anlass zu berechtigter Sorge. Die Forscher fanden in den vom Zoll beschlagnahmten Präparaten Extrakte von total 68 verschiedenen Pflanzenfamilien, und einige davon sind alles andere als risikolos.

Einige der Mixturen enthielten beispielsweise Pflanzenbestandteile der Gattung Ephedra (Meerträubel) und Asarum (Haselwurz), die bei falscher Dosierung toxisch sind. In den Packungsbeilagen fehlte der Hinweis auf diese heiklen Inhaltsstoffe und die potenzielle Gefährlichkeit.

In ihrem Artikel im Fachplan PLoS Genetics weisen die australischen Wissenschaftler jedoch noch auf ein weiteres Problem hin: In einigen der analysierten TCM-Proben fanden sie Spuren von Tieren, die gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind, wie der Kragenbär oder die asiatische Huftierart Saiga.

Quelle:

http://derstandard.at/1334132463824/Giftig-und-krebserregend-Ungesunde-TCM-Inhaltsstoffe

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,826636,00.html

http://www.pnas.org/content/early/2012/04/03/1119920109

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Beispiel zeigt, dass Tradition nicht immer Recht hat. In diesem Sinn kann man auch für die westliche Pflanzenheilkunde viel daraus lernen.

Siehe:

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Erfahrung allein zeigt Irrtümer und Risiken nur sehr unzulänglich.

Siehe:

Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Daher reicht es nicht zu sagen, diese Heilpflanze ist seit Tausenden von Jahren im Gebrauch, ergo ist sie wirksam und harmlos.

Manche Zusammenhänge sieht man erst, wenn man systematisch danach sucht. Dem sagt man dann Wissenschaft.

Aus diesem Grund verknüpft eine seriöse Phytotherapie die Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde mit den Erkenntnissen moderner Arzneipflanzenforschung.

Diese Kombination ist unverzichtbar zum Schutz von Patientinnen und Patienten.

Leider ist der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt und deshalb laufen unter diesem Begriff inzwischen auch Vorstellungen mit, welche die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit  von Heilpflanzen-Präparaten ablehnen, und sich statt dessen lieber an ihren eigenen Überzeugungen von der ausschliesslich heilenden und sanften Natur festhalten. Das ist meines Erachtens aber eine zu einseitige und riskante Betrachtungsweise.

Eine fundierte, seriöse Phytotherapie verbindet Tradition und Wissenschaft. Sie verlässt sich nicht einfach auf die Fantasien irgendeines Kräutergurus (wie heisst eigentlich die weibliche Form von Guru? Guresse?).

Das Beispiel mit den ungesunden TCM-Kräutern zeigt auch, wie wichtig eine staatliche Kontrolle des Heilmittelmarktes ist. Vor ein paar Monaten gab es einen Wirbel im Internet über ein angebliches Verbot der Heilpflanzen durch die EU, dabei ging es nur um ein Registrierungsverfahren für pflanzliche Arzneimittel.

Dazu ein Zitat von Reinhold Rathscheck:

„Der Nachweis der Wirksamkeit ist von jedem neuen Mittel zu fordern, das den Anspruch erhebt, ein Arzneimittel zu sein. Hiervon wird man nicht die Mittel ausnehmen dürfen, deren Unschädlichkeit  zwar keineswegs bezweifelt wird, deren Wirkung aber einzig und allein auf dem Glauben beruht. Sonst müsste auch ein Placebo, ein Scheinarzneimittel, das keinen arzneilich wirksamen Stoff enthält, beim Bundesgesundheitsamt registrierbar sein, fehlen ihm doch toxische Effekte mit Sicherheit, wogegen psychische Wirkungen durchaus nachweisbar sein können.

Hier trägt der Staat eine Mitverantwortung: Ein Staat, der einerseits mit Recht Arzneimittelsicherheit fordert, hat seine Bürger andererseits vor Arzneimitteln zu schützen, die keine sind. Er hat kranke Menschen davor zu bewahren, dass Gutgläubigkeit oder Verzweiflung dank staatlicher Mithilfe ummünzbar werden in Profit, ohne dass eine wirkliche Aussicht auf Heilerfolg besteht.“

(aus: Konfliktstoff Arzneimittel, Suhrkamp 1974)

Klar ist aber auch, dass solche Registrierungsverfahren und Kontrollen verhältnismässig sein müssen und dass Entscheide der Arzneimittelbehörden aus fachlicher Sicht auch kritisiert werden dürfen und sollen (z. B. im Fall Kava-Kava)

Das Aristolochiasäure-Problem scheint zumindestens in Europa durch das Verbot entsprechender Bestandteile in Arzneimittel unter Kontrolle zu sein. Bei TCM-Kräutern, die unkontrolliert im Internet gehandelt werden, wäre ich da nicht so sicher.

Und zudem sind die generellen Qualitätsprobleme bei TCM-Kräutern nicht vom Tisch. Anbaubedingungen und Verarbeitungsbedingungen sind oft alles andere als einfach zu kontrollieren. Und ob in den entsprechenden Kräutermischungen auch drin ist, was drauf steht, bleibt oft fraglich – sofern überhaupt etwas draufsteht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Angeblich pflanzliche Potenzmittel und Schlankheitsmittel mit unerlaubten Wirkstoffen

Donnerstag, April 12th, 2012

„Rein pflanzlich“ und „frei von Nebenwirkungen“ – mit diesen Slogans werden Nahrungsergänzungsmittel zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion oftmals propagiert. Über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel (RASFF) wird europaweit vor vielen Präparaten dieser Produktgruppe gewarnt. Einige Untersuchungen von Überwachungsbehörden haben gezeigt, dass manche dieser Produkte unerlaubte, nicht deklarierte arzneiliche Wirkstoffe enthielten.

Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), rät deshalb zur Vorsicht bei Präparaten, die als Nahrungsergänzungsmittel zur Steigerung der Potenz oder zur Gewichtsreduktion angeboten werden: „Verbraucher werden in einigen Fällen über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihrer Eigenschaften, einschließlich ihrer Risiken, getäuscht.“

Nahrungsergänzungsmittel müssen als Lebensmittel nicht wie Arzneimittel staatlich zugelassen werden.

Als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnete Präparate zur Potenzsteigerung werden überwiegend im Internet oder in Erotik-Shops unter verschiedenen Bezeichnungen vertrieben. Die Produkte sollen nach Angaben der Anbieter oft ausschließlich rein pflanzliche, natürliche Inhaltsstoffe enthalten. Bei einer Reihe von Präparaten zeigten Analysen allerdings, dass sie nicht deklarierte „verschreibungspflichtige“ arzneiliche Wirkstoffe (Sildenafil = Viagra, Tadalafil = Cialis) bzw. nicht zugelassene Sildenafil-Analoga (Hydroxyhomosildenafil, Hydroxythiohomosildenafil, Sulfoaildenafil) in pharmakologisch wirksamen Konzentrationen enthielten. Bei Einnahme von Arzneimitteln dieser Wirkstoffgruppe muss damit gerechnet werden, dass auch bei gegebener Indikation und bestimmungsgemäßem Gebrauch in seltenen Fällen schwere unerwünschte Wirkungen (z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt) auftreten können.

Auch in als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Präparaten zur Gewichtsreduktion wurden in der Vergangenheit wiederholt pharmakologisch wirksame Substanzen gefunden, u. a. der in Deutschland in Arzneimitteln nicht mehr zugelassene Wirkstoff Sibutramin. Derartige Produkte werden ebenfalls hauptsächlich über das Internet vertrieben und oft als „natürliche“ oder „100% pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel propagiert. Sibutramin ist eine seit dem  Februar 2010 in Deutschland nicht mehr zugelassene pharmakologisch wirksame Substanz aus der Gruppe der Appetitzügler. Aufgrund zum Teil erheblicher Nebenwirkungen, vor allem bei übergewichtigen Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hatte die Europäische Arzneimittelagentur im Januar 2010 empfohlen, die Zulassung von Sibutramin-haltigen Arzneimitteln zu widerrufen.

Als Nahrungsergänzungsmittel hält das BfR Produkte mit den aufgeführten Wirkstoffen für nicht sicher. Vor allem über das Internet vermarktete Präparate sind durch die amtlichen Überwachungsbehörden schwer zu fassen. Es besteht das Risiko, dass Verbraucher über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihre Eigenschaften, einschließlich ihrer Gefahren, getäuscht werden.

Die Einnahme von als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Produkten zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion kann mit einem hohen gesundheitlichen Risiko verbunden sein, wenn sie pharmakologisch wirksame Substanzen enthalten. Das BfR rät daher Verbrauchern zur Vorsicht und dazu, sich beim Hersteller über die genaue Zusammensetzung der Produkte zu informieren. Bei Zweifeln oder unklaren Auskünften sollte auf die Einnahme derartiger Präparate verzichtet werden.

Quelle:

http://idw-online.de/pages/de/news471060

Kommentar & Ergänzung:

Vor allem im Internet tauchen immer wieder angeblich rein pflanzliche Präparate auf, die mit riskanten und nicht zugelassenen Wirkstoffen versetzt sind. Sehr typisch ist dies bei Potenzmitteln und bei Schlankheitsmitteln, doch  finden sich solche problematische Zusätze nicht selten auch in Heilmitteln der asiatischen Medizin. Beispielsweise in Rheumamitteln, die als Naturheilmittel propagiert werden, aber undeklariert Entzündungshemmer wie NSAR enthalten.

Der Gesundheitsmarkt wird überschwemmt mit Nahrungsergänzungsmitteln,  die unerlaubterweise  als Heilmittel propagiert werden. Deren Sicherheit ist oft nur ungenügend geklärt und die Wirksamkeit nicht ansatzweise belegt.

Im Gegensatz zum Internethandel kann man meines Erachtens in Apotheken und Drogerien (jedenfalls in der Schweiz, ich kenne nur die Drogerien in der Schweiz) davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel frei sind von undeklarierten, riskanten Substanzen wie Sibutramin.

Bezüglich Wirksamkeit ist die Situation allerdings nicht so klar. Viele Apotheken und Drogerien verkaufen  ziemlich skrupelfrei „rein natürliche“ oder „rein pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel und „Pseudoheilmittel“, die zwar mit blumigen Versprechungen angepriesen werden, deren Wirksamkeit aber völlig  in den Sternen steht.

Man kann also in keiner Art und Weise davon ausgehen, dass komplementärmedizinische oder pflanzliche Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel aus Apotheken oder Drogerien auch wirksam sind.

Den Konsumentinnen und Konsumenten kann man nur raten,  allen Heilungsversprechungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen und kritische Fragen zu stellen.

Pointiert ausgedrückt hat diese Haltung Erich Fromm:

„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“

(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)

Erich Fromm (1900 – 1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Bedeutende Werke (Auswahl):

Die Furcht vor der Freiheit, 1941.

Psychoanalyse & Ethik, 1946.

Die Kunst des Liebens, 1956.

Zen-Buddhismus und Psychoanalyse (mit Daisetz Teitaro Suzuki, Richard de Martino) 1971.

Haben oder Sein, 1976.

Märchen, Mythen, Träume, 1951.

Die Seele des Menschen, Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei

Und ausserdem: Wenn  Sie sich mehr Wissen aneignen möchten, um wirksame und unwirksame Naturheilmittel zu unterscheiden, dann können Sie das in meiner Phytotherapie-Ausbildung, im Heilpflanzen-Seminar und im Tagesseminar “Komplementärmedizin verstehen und beurteilen”

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Heilpflanzen bei Diabetes

Mittwoch, April 4th, 2012

An einem wissenschaftlichen Seminar zum Thema Phytotherapie im Hamburg resümierte Professor Dr. Matthias Melzig von der Freien Universität Berlin den Stand des Wissens zum Wirksamkeit von Heilpflanzen in der Diabetes-Therapie.

Dabei kam auch Guar zur Sprache. Die Wirksamkeit und Sicherheit eines Guar-Präparates seien durch klinische Studien belegt.

Guar wird aus den Samen der Guarbohne (auch Büschelbohne, Cyamopsis tetragonolobus) gewonnen, eine Pflanzenart aus der Familie der Fabaceen.

Als wirksame Inhaltsstoffe gelten Polysaccharide, welche die Transitzeit der Nahrung verlängern. Sie sollen das zuckerspaltende Enzym α-Amylase hemmen und dadurch die Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten vermindern.

Die Einnahme von Guar wirkt sich aber auch positiv auf das Gesamtcholesterol und den LDL-Spiegel aus. Allerdings kann Guar auch den Insulineffekt verstärken. Wie bei alle anderen pflanzlichen Antidiabetika aus der Selbstmedikation ist es wichtig, dass der Patient den Arzt über die Einnahme informiert. Darüber hinaus sollte der diabeteskranke Mensch seinen Blutzuckerspiegel regelmäßig messen.

Widersprüchliche Ergebnisse gebe es zur Gartenbohne (Phaseolus vulgaris, ebenfalls eine Fabaceae) in Bezug auf die Samenschalen. Die Bohnensamen können sich aber günstig auf den postprandialen Blutzucker auswirken. Für eine ausdrückliche Empfehlung fehlen aber gemäss Melzig noch Daten. Ähnliches gelte für frische Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus, Ericaceae). Vermutlich müssen große Mengen Beeren oder Bohnen gegessen werden, um deutlich spürbare Effekte zu erzielen.

Positiv beurteilte Melzig die Bockshornkleesamen (Trigonella foenum-graecum, Fabaceae). In China und Indien wird Bockshornklee seit Jahrtausenden bei Stoffwechselerkrankungen angewendet, auch bei Diabetes. Er reduziert den Nüchternblutzucker und den postprandialen Blutzucker. Allerdings sind dafür 25 Gramm Bockshornkleesamen pro Tag nötig, was speziell zu Beginn der Behandlung zu Durchfall und Flatulenz führen kann. Genau wie bei Guar sollte auch bei Bockshornkleesamen ein zeitlicher Abstand von mindestens 30 Minuten zur vorherigen Medikamenteneinnahme eingehalten werden, damit diese anderen Arzneimittel gut resorbiert werden können.

Von anderen Heilpflanzen riet Melzig vorerst ab wegen fehlender Wirksamkeitsnachweise oder mangelnder Sicherheitsdaten.

So enthalte beispielsweise der Samen der Geißraute (Galega officinalis, Fabaceae) große Mengen Guanidin-Derivate, also Metformin-ähnliche Substanzen. Allerdings seien die Extrakte schwer standardisierbar.

Unter der Bittergurke (Momordica charantia, Cucurbitaceae) könne es sogar zu hypoglykämischem Koma und Lebertoxizität kommen.

Siehe auch:

Bittermelone / Bittergurke (Momordica charantia) gegen Diabetes?

Ein anderes Kürbisgewächs, die Scharlachranke (Coccinia grandis) aus der indischen Heilkunde, zeigte in klinischen Studien mäßiger Evidenz eine beträchtliche blutzuckersenkende Wirkung. Melzig riet trotzdem von der Scharlachranke ab, da nicht genügend toxikologische Daten vorlägen.

Wegen des vermutlich hohen Alkaloid-Gehalts sollte man auch besser auf die Anwendung des sogenannten »Zuckerzerstörers« bzw. der »Wunderfrucht« Gymnema sylvestre (Apocynaceae) aus der Aryuveda-Medizin verzichten.

Zwar nicht bedenklich, jedoch bislang ohne überzeugenden Wirksamkeitsnachweis bei Diabetes mellitus sind gemäss Melzig folgende Phytopharmaka einzustufen:

Ginseng (Panax Ginseng, Araliaceae)

Knoblauch (Allium sativum, Alliaceae)

Aloe vera (Aloe barbadensis, Alooideae)

Süßkartoffeln (Ipomoea batatas, Convolvulaceae)

Wachs-Jambuse oder Rosenapfel (Syzygium cumini, Myrtaceae)

Mariendistel (Silybum marianum, Asteraceae)

Russischer Estragon (Artemisia dracunculus, Asteraceae)

Nopal (Opuntia streptacantha, Cactaceae)

Wer die Diskussion der vergangenen Jahre verfolgt habe wisse zudem, dass Zimt (Cinnamomum verum, Lauraceae) laut neueren Studien nicht besser als Placebo wirke. Noch fehle für die meisten Phytopharmaka die klinische Evidenz, um sie Diabetikern adjuvant empfehlen zu können, zum Beispiel den Russischen Estragon.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41169

Kommentar & Ergänzung:

Die Diabetes-Therapie ist keine Stärke der Phytotherapie. Die Aussagen von Prof. Melzig stimmen sehr mit der Phytotherapie-Fachliteratur überein. Sinn machen können gewisse Polysaccharide vor allem aus Guar und Bockshornkleesamen, weil sie Blutzuckerspitzen abfangen. Darüber hinaus haben wir nicht viel Überzeugendes aus der Pflanzenwelt zur Verfügung.

Von den Heidelbeeren wurden früher gegen Diabetes die Blätter verwendet, nicht die Beeren, wie der Ausdruck „frische Heidelbeeren“ suggeriert. Heidelbeerblätter sind aber klarerweise ungeeignet zur Diabetestherapie.

Und bei Ginseng, Knoblauch, Aloe vera oder Mariendistel wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, sie gegen Diabetes zu empfehlen, Diese Heilpflanzen haben ganz andere Anwendungsbereiche, für welche ihre Wirksamkeit dokumentiert ist.

Zimt gegen Diabetes war vor einigen Jahren die grosse Entdeckung in diesem Bereich der Pflanzenheilkunde. Laboruntersuchungen an isolierten Geweben oder Zellen lassen eine günstige Wirkung plausibel erscheinen. Leider konnten die positiven Resultate einer ersten klinischen Patientenstudie aus Pakistan bisher nicht bestätigt werden, was die Wirksamkeit in Frage stellt.

Ernüchternd?

Möglicherweise schon.

Aber es scheint mir wichtig, nicht nur von tollen Erfolgen und grossartigen Heilungschancen zu berichten, sondern auch von Misserfolgen und Grenzen der Phytotherapie.

Meines Erachtens kann man diesen Punkt als Qualitätskriterium nehmen um Fachleute, Heilmethoden, Gesundheitszeitschriften etc. zu beurteilen:

Ist immer nur von Heilerfolgen die Rede und nie von Grenzen oder Misserfolgen, dann ist dies ein Hinweis für sehr selektive Wahrnehmung oder selektive Berichterstattung. Alle Heilmethoden und Heilmittel haben Grenzen und Misserfolge. Wäre das nicht so, gäbe es keine Krankheiten mehr.

Wenn nur von Heilerfolgen oder gar von sicheren Heilerfolgen berichtet wird, dann haben wir es wahrscheinlich mit einer Form von Missionarismus zu tun. Und diesem Phänomen begegnet man leider nicht selten im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin: Alles was die eigene Überzeugung zu stützen scheint, wird sofort kundgetan, während Fakten, welche die eigene Überzeugung in Frage stellen könnten, ignoriert oder sofort und ungeprüft vom Tisch gefegt werden (zum Beispiel indem jede Kritik als Verschwörung der bösen Pharmaindustrie diffamiert wird).

Das Leben besteht aber selten nur aus Schwarz und Weiss, auch nicht, wenn es um Gesundheit, Krankheit  und Heilung geht.

Seriös wäre es meines Erachtens beispielsweise, wenn in Gesundheitszeitschriften neben Erfolgsmeldungen und Heilungsversprechungen ebenso viel auch von Grenzen und Misserfolgen berichtet würde. Aber wer will so etwas schon lesen? Die Mehrzahl der Leserinnen und Leser will offenbar ausschliesslich wissen, was nützt. Grenzen und Misserfolge –Kritik also – interessieren viel weniger.  Wer so denkt nimmt allerdings in Kauf, einseitig informiert zu sein.

Grenzen und Misserfolge von Heilmitteln und Heilmethoden aufzuzeigen, ist zudem für die meisten Gesundheitszeitschriften nicht lukrativ, weil dadurch ein „negatives Werbeumfeld“ für Inserenten geschaffen wird. Die meisten Gesundheitszeitschriften sind aber  vollständig abhängig von den Inserenten – wie sollen sie da differenziert – also auch kritisch – berichten können.

Siehe auch:

Pflanzenheilkunde & Komplementärmedizin – Vom Wert des Zweifels

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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