Artikel mit Schlagwort ‘Anthroposophische Medizin’
Donnerstag, April 5th, 2012
Der angeschlagene Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller Weleda baut seine Unternehmensführung um. An einer außerordentlichen Generalversammlung am 23. März haben die Aktionäre einen neuen Verwaltungsrat gewählt.
Den Führungswechsel sollen die beiden Weleda-Hauptaktionäre, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und die Ita Wegman Klinik, veranlasst haben.
Die Neuwahl wurde laut Firmenangaben nötig, weil „die Weleda einen handlungsfähigen Verwaltungsrat braucht“.
An der Spitze des Verwaltungsrates steht nun der Wirtschaftswissenschaftler Paul Mackay, der seit 1996 dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angehört.
Im vergangenen Jahr hatte Weleda einen Verlust von rund 10 Millionen Schweizer Franken (rund 8,3 Millionen Euro) eingefahren – mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2010, als der Verlust 3,8 Millionen Euro erreichte. Gleichzeitig sank der Umsatz 2011 auf 307 Millionen Euro und liegt damit leicht unter dem Vorjahreswert von 308 Millionen Euro. Weleda bewegt sich seit Jahren fast durchwegs in den roten Zahlen.
Auf diesem finanziellen Hintergrund kann der Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller für das Jahr 2012 aus dem Cash-flow seine Zinsverpflichtungen nicht erfüllen. Die Besitzer kämpfen um die Existenz des Unternehmens.
Zwar macht die Firma Währungseffekte durch den starken Schweizer Franken für das schlechte Resultat verantwortlich. Weleda krankt jedoch auch an schwerwiegenden Strukturproblemen.
Hauptsächlich die Pharmasparte, also die Heilmittelherstellung, ist defizitär.
Quellen:
http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/markt/feuerwehrmann-fuer-weleda
http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/markt/weleda-kaempft-um-existenz?page=0,0#text
Kommentar & Ergänzung:
Weleda hält sich mit Naturkosmetik über Wasser, während die Herstellung von Antroposophika, also von Heilmitteln für die Anthroposophische Medizin, schwer in der Krise steckt.
Um die Bedürfnisse der Anthroposophischen Medizin zu decken, muss Weleda ein riesiges Sortiment von Heilmitteln bereitstellen, von denen viele nur wenig nachgefragt, aber aufwändig herzustellen sind. Darunter sind auch Präparate, die für Nichtanthroposophen reichlich skurril wirken wie Hirschgeweih (Cornu cervi D8), zerstossene Ameisen (z. B. Formica D15) oder das geröstete Skelett des Badeschwammes (Spongia tosta D6).
Den Erwartungen aus der Anthroposophischen Medizin gerecht zu werden und zugleich kommerziell erfolgreich zu sein oder zu mindestens schwarze Zahlen zu schreiben, ist wohl ein schwieriger Spagat.
Andererseits hat Weleda gegenüber Herstellern von synthetischen Medikamenten und von Phytopharmaka den grossen Vorteil, dass Anthroposophika genauso wie Homöopathika via Grundversicherung abgerechnet werden können, ohne dass sie ihre Wirksamkeit belegen müssen (wie es das Krankenversicherungsgesetz eigentlich verlangen würde).
Homöopathika und Anthroposophika sind vom Wirksamkeitsnachweis befreit, wodurch sich viel Forschungsaufwand einsparen lässt.
Ausserdem fallen bei den sehr grossen Verdünnungen vieler Weleda-Präparate kaum Materialkosten ins Gewicht.
Diese beiden Punkte müssten eigentlich die Kostenseite entlasten.
Weleda konnte sich bisher dank der Naturkosmetik-Sparte behaupten, die einen guten Ruf hat und die defizitäre Arzneimittel-Produktion wohl quersubventioniert. Doch der Naturkosmetik-Markt ist hart umkämpft. Und ausserdem kommt man in der Kosmetik rasch einmal in die Nähe von fragwürdigen Versprechungen, beispielsweise mit dem „Cellulite Programm“, mit welchem Weleda „Entschlackung“ verspricht.
Siehe dazu auch:
Entschlackung – was ist das?
Entschlackung – unnötig und ungesund
Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
www.phytotherapie-seminare.ch
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
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Freitag, Januar 6th, 2012
Wir Menschen neigen dazu, zeitlich zusammen fallende Ereignisse in einen ursächlichen Zusammenhang zu stellen, der gar nicht vorhanden sein muss.
Man nennt dies etwas umständlich den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlsschluss“.
Zu diesem Fehlschluss neigen wir häufig auch bei der Beurteilung von Heilwirkungen:
Ich leide an Krankheit Z
Ich nehme Präparat XY
Mir geht es besser
Schlussfolgerung: XY ist wirksam gegen Krankheit Z
Alle anderen Einflüsse, die zu meiner Gesundung beigetragen haben könnten, werden mit diesem Kurzschluss ausgeklammert (besipielsweise Selbstheilungskräfte, Veränderungen in den Lebensumständen, andere therapeutische Massnahmen, Placebo-Effekte).
Und genauso gibt es den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen:
Ich nehme Arzneimittel X
Ich bekomme Beschwerden Z
Schlussfolgerung: Arzneimittel X ist Auslöser der Beschwerden Z
Alle anderen Einflüsse, die zu den Beschwerden Z geführt haben könnten, werden ausgeklammert (beispielsweise andere Medikamente, Veränderungen in den Lebensumständen, Infektionen, Nocebo-Effekte).
Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist der wichtigste Grund dafür, dass die Beurteilung von Heilwirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln so komplex ist, und dafür, dass einzelne Erfahrungen in dieser Hinsicht meistens wenig aussagen. Vor allem in der Komplementärmedizin hört man oft das Schlagwort „Wer heilt hat Recht!“. Dass die Realität nicht so simpel ist, dafür sorgt der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“. Wer heilt hat nämlich nur Recht, wenn das entsprechende Heilmittel tatsächlich für die Besserung oder Heilung verantwortlich ist. Das gilt natürlich nicht nur für die Komplementärmedizin.
Es gilt für synthetische Medikamente, Phytotherapeutika, Präparate aus Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin etc.
Siehe auch:
Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?
Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist ein starkes Argument für das Bestreben, Wirkungen von Arzneimitteln mittels systematischeren Untersuchungen zu klären, zum Beispiel in Form von Doppelblind-Studien.
Aber selbst Doppelblind-Studien können zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Resultaten kommen.
Daher fasst man dann mehrere Doppelblind-Studien zu einer Metastudie zusammen, um auf diese Art und Weise fundiertere Schlüsse ziehen zu können. Das macht zum Beispiel die renommierte Cochrane Collaboration.
Aber selbst Metastudien können sich widersprechen….
zum Beispiel weil die Studien, welche man zur Auswertung in eine Metastudie einschliesst, mittels unterschiedlicher Kriterien ausgewählt wurden.
So müssen wir wohl oder übel auf die endgültige und umfassende Gewissheit in den allermeisten Fällen verzichten, denn die Beurteilung von therapeutischen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen ist eben sehr komplex. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, nach vorläufiger und notgedrungen bruchstückhafter Erkenntnis zu streben. Suchen ist manchmal wichtiger als Finden.
Keine kritischen Fragen stellen und jede Behauptung und Heilungsversprechung unbesehen für bare Münze zu nehmen ist jedenfalls keine Alternative.
Entscheidend scheint mir dabei ein sorgfältiger Umgang mit dem Begriff „Erfahrung“.
Siehe dazu:
Naturheilkunde – vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung
Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung
Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Sonntag, Januar 1st, 2012
Zusammen mit Methoden der Komplementärmedizin wie Homöopathie, Traditioneller Chinesischer Medizin und Anthroposophischer Medizin wird seit Jahresbeginn 2012 auch die Phytotherapie provisorisch wieder aus der Grundversicherung vergütet. Was ändert sich dadurch für Patientinnen und Patienten?
Für die Phytotherapie ist die vielleicht überraschende Antwort: Nichts.
Durch diese Änderung wird keine Patientin und kein Patient auch nur einen Franken sparen. Bisher lief es so: Der Arzt oder die Ärztin macht eine normale medizinische Diagnostik und rechnet diese auch so ab. Am Schluss wird beispielsweise entschieden, statt einem synthetischen Schlafmittel ein pflanzliches zu verordnen. Ist die Wirksamkeit dieses Pflanzenpräparates belegt, zahlt es die Grundversicherung. Das war bisher so und daran wird sich im neuen Jahr nichts ändern.
Im Vorfeld der Abstimmung vom Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurden von den Befürwortern irreführende Versprechungen gemacht wurden. Das rächt sich nun bei der konkreten Umsetzung und wird zwangsläufig zu Enttäuschungen führen.
Irreführend ist auch, dass die Phytotherapie in dieser politischen Diskussion zur Komplementärmedizin gerechnet wird. Phytotherapie gehört zur Naturheilkunde und diese ist ein randständiger Bereich der Medizin. Fachlich gesehen gibt es kein plausibles Argument, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen. Wenn die Politik dies trotzdem so handhabt, dann geht es dabei um Lobbying, um Einflussnahme, nicht aber um das Wohl der Patientinnen und Patienten.
Siehe auch:
Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, Januar 1st, 2012
Edzard Ernst hat als Professor für Alternativmedizin (Universität Exeter) 18 Jahre lang erforscht, welche alternativen Heilmethoden wirken. Nun geht er in Pension und beantwortete im Interview Fragen der „Sonntagszeitung“. Hier ein Ausschnitt aus dem Gespräch:
„Gibt es alternativmedizinische Behandlungen, die wirken?
Ja natürlich, vor allem im Bereich der Pflanzenheilkunde findet sich einiges: Rosskastanie bei
Venenleiden, Weissdorn bei Herzinsuffizienz, Teufelskralle gegen Schmerzen und vieles mehr.
Welche komplementärmedizinischen Behandlungen würden Sie bei sich anwenden?
Hätte ich Depressionen, würde ich Johanniskraut-Extrakt einnehmen. Noch besser gegen
depressive Verstimmungen hilft aber körperliche Aktivität. Ich selbst nehme täglich eine Kapsel Omega-3-Fettsäuren ein, weil da die Wirksamkeit sehr gut ist, um kardiovaskulären Erkrankungen vorzubeugen.“
Quelle:
http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=199734
Kommentar & Ergänzung:
Prof. Edzard Ernst hat sich immer interessiert, aber auch kritisch mit den verschiedensten Methoden der Komplementärmedizin auseinandergesetzt. Er ist dafür aus Kreisen der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin oft angefeindet worden. Und das wie es in dieser „Szene“ leider häufig vorkommt, vor allem durch Diffamierungsversuche auf der persönlichen Ebene, kaum je durch Argumente.
Ich möchte hier daher eine Lanze brechen für den kritischen Ansatz von Edzard Ernst. Es gibt einen unüberschaubaren Dschungel an Produkten und Versprechungen im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, darunter auch eine sehr grosse Zahl von Hirngespinsten, die zwar den Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen der Menschen entgegen kommen, aber keinerlei reale Basis haben. Es braucht nur schon aus Gründen des Konsumentenschutzes qualifizierte Instanzen, die solche Heilungsversprechen auf ihren Wahrheitsgehalt hin abklopfen.
Die staatlichen Arzneimittelbehörden haben sich aufgrund von politischen Vorgaben aus diesem Bereich zurückgezogen. Ganze Branchen sind kollektiv von der sonst üblichen Pflicht zum Wirksamkeitsnachweis befreit, zum Beispiel Präparate der Richtungen Homöopathie und Anthroposophische Medizin. Eine Firma wie „Similasan“ kann praktisch beliebig Produkte als Arzneimittel auf den Markt bringen, ohne relevanten Forschung- und Entwicklungsaufwand und ohne den Nutzen für die Konsumentinnen dokumentieren zu müssen. Für die Konsumentinnen und Konsumenten fehlt hier jede Transparenz.
Um so wichtiger sind unabhängige „Instanzen“ wie Edzard Ernst. Leider werden zunehmend Lehrstühle für komplementärmedizinische Forschung an Universitäten eingerichtet, die von der komplementärmedizinischen Pharmaindustrie finanziert werden. Solche Verflechtungen machen unabhängig-kritische Forschung nicht leichter.
Natürlich freut es mich, dass Prof. Edzard Ernst mit Weissdorn, Teufelskralle, Rosskastanie und Johanniskraut nach 18 Jahren Forschung vor allem Anwendungen aus der Phytotherapie Wirksamkeit bescheinigt. Dazu braucht es aber noch ein paar Ergänzungen:
1. Solche Bestätigungen sind schön, doch darf darüber nicht vergessen werden, dass es immer wieder auch negative Forschungsresultate gibt, also Studien, in denen Heilpflanzen-Extrakte die Wirkungen, die man sich erhoffte, nicht gezeigt haben. Es ist nämlich eine verbreitete „Seuche“ vor allem im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, quasi mit der Lupe hoch motiviert nach Bestätigung zu suchen, negative Ergebnisse aber auszublenden oder schönzureden. Das ist eine komplett einseitige Buchhaltung, die nicht gerade vertrauenserweckend wirkt. Auch wenn’s dem Herzen manchmal weh tut: Beide Seiten müssen gleichwertig beachtet werden.
2. Genau genommen kann man in der Phytotherapie nicht sagen, Weissdorn wirkt bei Herzinsuffizienz, Teufelskralle gegen Schmerzen, Rosskastanie bei Venenleiden, Johanniskraut gegen Depressionen. Man müsst immer noch präzisieren, in welcher Arzneiform die betreffende Heilpflanze zu Wirkung kommen kann, zum Beispiel als Tee, Tinktur oder Extrakt.
3. Im Gespräch mit der Sonntagszeitung geht eine wichtige Differenzierung verloren. Ernst wird gefragt, ob es alternativmedizinische Behandlungen gibt, die wirken, und welche komplementärmedizinischen Behandlungen er bei sich selber anwenden würde. Auf beide Fragen antwortet er mit phytotherapeutischen Optionen.
Meines Erachtens gibt es aber kein auch nur einigermassen plausibles Argument, weshalb Phytotherapie zur Alternativmedizin oder zur Komplementärmedizin gezählt werden sollte.
Siehe dazu:
Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
Wenn man die Phytotherapie irgendwo einordnen will, dann gehört sie zur Naturheilkunde und diese ist ein randständiger Bereich der Medizin.
Siehe:
Naturheilkunde – was ist das?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe / Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde
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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
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Samstag, Dezember 3rd, 2011
Viele Medienberichte zum Thema Komplementärmedizin sind irreführend und verzerrt. Ein Beispiel dafür liefert die Boulevardzeitung „Blick“ in einem Beitrag zur Misteltherapie („Blick“-Zitate kursiv).
Zitat:
„ Was bewirkt das Präparat?
Das Mistelextrakt enthält Eiweissstoffe, die im Körper des Kranken die Produktion von Endorphinen anregen. Das sind Stoffe, die unsere Schmerzen lindern und die Stimmung aufhellen. Zudem stärkt das Heilmittel die körpereigenen Abwehrkräfte, indem es die Produktion der weissen Blutkörperchen anregt. Mit der Misteltherapie lässt sich das Immunsystem so gut stimulieren, dass es auch zur Unterstützung von Chemo- und Strahlentherapie oder Krebsoperationen verwendet wird. In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“
Der entscheidende Satz ist dieser:
„In hoher Dosierung tötet das Mittel Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem – im Gegensatz zur Chemotherapie, die Krebszellen tötet und als Nebenwirkung das Immunsystem schwächt.“
Mistel tötet also in hoher Konzentration Krebszellen und stärkt dabei das Immunsystem.
Chemotherapie tötet Krebszellen und schwächt dabei das Immunsystem.
Keine Frage: Gemäss dieser Darstellung ist die Misteltherapie der Chemotherapie vorzuziehen.
Was der Satz verschweigt:
Misteltherapie tötet in hoher Konzentration Krebszellen im Labor an isolierten Geweben oder Zellen. Beim lebenden Menschen ist eine solche Wirkung leider nicht belegt.
Chemotherapie dagegen tötet Krebszellen beim Patienten, schädigt aber leider dabei auch das Immunsystem und andere gesunde Zellen.
Im Labor an isolierten Geweben und Zellen kann man Mistel tatsächlich in sehr hoher Konzentration einwirken lassen. Solche Ergebnisse lassen sich aber nicht einfach auf die Anwendung bei Krebspatienten übertragen.
Wenn man die Angabe „im Labor“ weglässt, erweckt man einen geschönten Eindruck und führt Krebspatientinnen und –patienten in die Irre.
Im weiteren schreibt „Blick“:
„Gibt es Risiken und Nebenwirkungen?
Die Behandlung ist risikoarm. Selten gibt es allergische Reaktionen: Rötung und Schwellung bei der Einstichstelle sind positive Reaktionen, die zur idealen Dosierung des Präparates beitragen.“
Eine sehr geschönte Darstellung.
Hier die andere, vom “blick” ausgeklammerte Seite:
„In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine……..Lektine und Viscotoxine sind nach parenteraler Applikation extrem giftig. Die akute Toxizität ist möglicherweise nicht nur auf die direkte Cytotoxizität der Lektine und Viscotoxine, sondern auch auf die provozierte Ausschüttung von Mediatoren des Immunsystems zurückzuführen.“
(Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html)
Oder bei Wikipedia:
„Unerwünschte Wirkungen der Misteltherapie betreffen das Herz-Kreislauf-System (Blutdruckabfall oder -anstieg, Verlangsamung des Herzschlags), den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Dehydratation), das zentrale Nervensystem (Verwirrtheit, Halluzinationen, epileptische Anfälle) sowie das Immunsystem (Fieber, Anstieg der weißen Blutkörperchen im Blut). In der bisher einzigen randomisierten kontrollierten Studie zur Wirksamkeit des Mistelpräparates Iscador wurde ein beunruhigendes Ausmaß an Toxizität beobachtet. Vor allem fiel eine Zunahme von Gehirnmetastasen beim Iscador-Patientenkollektiv im Vergleich zur Kontrolle auf. Lokale Entzündungsreaktionen an der Injektionsstelle (wie Rötung, Schwellung, Schmerzen) sind häufig. Schwerwiegende Komplikationen sind selten, jedoch wurden einige Todesfälle berichtet. Ursache hierfür können allergische Reaktionen sein, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können. Nicht angezeigt ist die Misteltherapie während der Schwangerschaft und in der Stillzeit.“ (Quelle: wikipedia)
Solche Nebenwirkungen scheinen allerdings selten von schwerwiegender Natur zu sein.
Problematischer sind Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine Misteltherapie bei bestimmten Tumorarten das Wachstum des Tumors steigern könnte.
„Konsequente Grundlagenforschung in den letzten Jahren zeigte, dass die durch Mistellektin I (besser: Viscum album Agglutinin I = VAA I) vermehrt freigesetzten Zytokine in vitro und in vivo (Tiermodelle) die Proliferation von Zellen verschiedener Tumore, Leukämien und Lymphome stimulieren können. In der Literatur finden sich Berichte über negative Effekte von Mistelextrakten bzw. Lektin in der Zellkultur, in Tumorexplantaten, in Tierversuchen und bei klinischer Anwendung. Experimentelle Befunde verweisen auf die realistische Möglichkeit einer Gefährdung zumindestens einzelner Patienten bei bestimmten Tumorarten und/oder -stadien durch lektinbezogene) Mistelanwendung. Die Annahme, dass eine Erhöhung der Serumspiegel dieser Botenstoffe zumindestens bei einzelnen Tumorpatienten negativ mit einer kürzeren Lebenserwartung korreliert ist, hat sich für verschiedene Malignome bestätigt.“
(Quelle: Barbara Burkhard, Anthroposophische Medizin, Pharmazeutische Zeitung, Govi-Verlag 2000).
Ähnlich schreibt Dr. med Jutta Hübner, Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft:
„ Die direkte Wirkung auf den Tumor wurde leider noch nicht bewiesen. Unklar ist, ob eine Beeinflussung des Tumorwachstums stattfindet. Mistelextrakt kann das Absterben von Tumorzellen im Reagenzglas fördern. In Tierexperimenten konnte durch die Gabe von Mistel die Ausbreitung von Tumoren vermindert werden. Es liegen aber auch Untersuchungen vor, die für einige Tumorarten im Laborexperiment eine wachstumsfördernde Wirkung zeigten. Auch bei Untersuchungen an Patienten ergaben sich zum Teil ungünstige Ergebnisse…….Bei bestimmten Tumoren wie Melanom, Nierenkarzinom, Lymphom und Leukämien sollte die Mistel auf keinen Fall eingesetzt werden“
(aus: Aloe, Ginkgo, Mistel & Co., Schattauer 2009)
Im weiteren schreibt „Blick“:
„ Was ist das stärkste Argument gegen die Mistelanwendung?
Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde. So lange diese wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise fehlen, gelten Mistelpräparate nicht als Heilmittel gegen Krebs.“
Der Satz: „Die Schulmedizin kritisiert, dass die Therapie nie in Doppelblindstudien untersucht wurde“, ist eine einzige Lüge. Die Misteltherapie wurde in einer ganzen Reihe von Doppelblindstudien untersucht. Die „Schulmedizin“ kritisiert, dass die Qualität der meisten Studien schlecht ist und die Ergebnisse insgesamt nicht überzeugen. Und diese Einschätzung dominiert nicht einfach nur in der “Schulmedizin”. Man findet sie auch in der Phytotherapie-Fachliteratur und bei Jutta Hübner.
„Blick“ verbiegt das „stärkste Argument gegen die Mistelanwendung“.
Sie auch:
Misteltherapie gegen Krebs wirksam?
Weshalb stellt „Blick“ die Misteltherapie derart verzerrt dar?
Zu vermuten ist, dass sich die Zeitung einseitig auf die Angaben der Mistel-Propagandisten stützt. Ausserdem schreibt „Blick“ wohl einfach, was die Leserinnen und Leser gerne hören. Heilungsversprechungen kommen immer gut an. Sie lindern die Angst vor Krebs.
Wer Heilungsversprechungen in Frage stellt, hat da zum vorneherein einen schwereren Stand.
Quelle der „Blick“-Zitate:
http://www.blick.ch/life/ratgeber/das-muessen-sie-ueber-die-therapie-wissen-186039
Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:
Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch
Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen
Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:
moodle.heilpflanzen-info.ch/
Schmerzen? Chronische Erkrankungen?
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Freitag, Oktober 21st, 2011
An einem Vortrag wurde ich vor kürzlich gefragt, ob Rosenöl tatsächlich so teuer sei und wozu es verwendet werde. Hier ein paar Informationen und Anmerkungen zu einem interessanten ätherischen Öl, das in der Phytotherapie selten, in der Aromatherapie aber oft eingesetzt wird..
Rosenöl ist ausserordentlich teuer. Das hat mit der geringen Ausbeute bei der Herstellung zu tun.
Rosenöl ist ein ätherisches Öl, das durch Wasserdampf-Destillation aus den Blütenblättern von Rosen gewonnen wird. Die zur Rosenöl-Gewinnung benutzten Blüten werden hauptsächlich in Bulgarien (Rosental), Frankreich, Marokko und der Türkei kultiviert und von Hand gepflückt.
„Gewonnen wird Rosenöl hauptsächlich aus den folgenden Rosenarten:
Rosa centifolia
Rosa damascena
Weniger bedeutend sind die Rosenarten von Rosa alba und Rosa gallica. Die Ausbeute ist gering: lediglich 0,02 bis 0,05 %. Aus drei Tonnen Blüten wird ca. ein Liter Rosenöl destilliert.
Rosenöl ist daher eines der teuersten ätherischen Öle. Im Großhandel kostet ein Kilogramm echtes bulgarisches Rosenöl (rosa damascens) über 5000 €, ein Kilogramm türkisches Rosenöl ca. 3000 €. Auch preiswerte synthetische Nachstellungen von Rosenöl sind im Handel. Naturidentische Nachbildungen können um 60–70 € pro kg kosten und dem Dufterlebnis von echtem Rosenöl sehr nahe kommen – dieses jedoch nicht erreichen. Nicht naturidentische, synthetische Nachbildungen sind deutlich preiswerter aber vom Duft her weniger ansprechend.
Rosenöl wird für kostbare Parfüms (z. B. Chanel № 5), zur Raumbeduftung in Duftlampen, in der Aromatherapie, mitunter auch zur Parfümierung von Zucker-, Schokoladen-, Tabakwaren und Likören genutzt. In der Parfümerie ist Rose, neben Jasmin, der am häufigsten eingesetzte Blumenduft.“
(Quelle: Wikipedia)
Interessant ist auch die Geschichte des Rosenöls:
„Vor der Wasserdampf-Destillation wurde das Rosenöl durch Extraktion der Blüten mittels fetter Öle gewonnen. Der Grieche Theophrastus (370 v. Chr) beschrieb die Gewinnung von Rosenöl durch Sesamöl. Rosenöl wurde damals dem Wein zugesetzt. Von Plinius ist überliefert, dass die Römer ihre Nahrungsmittel wie auch ihre Körper mit Rosenöl bedufteten. Die Erkenntnisse über die Destillation von Rosenöl kamen aus Persien. Schon im Jahr 810 erhielt Bagdad aus der Provinz Faristan ca. 30.000 Flaschen mit Rosenwasser. Die Kenntnisse der Destillation von Rosenöl erreichten Europa um 1000 n. Chr.
Im 17. Jahrhundert dehnte sich die Rosenkultivierung von Persien nach Indien, Nordafrika und in die Türkei aus. Im Jahr 1710 begann der Rosenanbau in Bulgarien, 200 km östlich von Sofia in Kasanlak. Seit 1750 bis in die Gegenwart ist die Region zwischen Kasanlak und Karlowo die bedeutendste Anbauregion zur Gewinnung von Rosenöl (Tal der Rosen). Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Bulgarien noch ca. 2800 Kleindestillierbetriebe für Rosenöl mit Wasserdampfbehältern für ca. 1–10 Tonnen Blüten.
Das Zentrum des türkischen Rosenanbaus liegt zwischen Burdur und Isparta im südwestlichen Teil der Türkei.
In Marokko begann die Rosenölherstellung kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in El-Kelâa M’Gouna.
1938 lag die Weltjahresproduktion von natürlichem Rosenöl noch bei jährlich 3 Tonnen. 1955 bei 700 kg, Anfang der 1980er zwischen 1–2 Tonnen pro Jahr. In Bulgarien lag die Produktion im Jahr 2003 bei ca. 900 kg.“
(Quelle: Wikipedia)
Rosenöl wird gerne verwendet in der Kosmetik und in der Parfümerie.
Rosenöl ist wie Lavendelöl ein ätherisches Öl, das auch unverdünnt auf die Haut aufgetragen kann.
Rosenöl besitzt eine ausgeprägte antimikrobielle Wirkung.
In manchen Pflegeinstitutionen wird Rosenöl oft unreflektiert in Sterbephasen angewendet. Das geht auf Vorstellungen aus der Anthroposophischen Medizin zurück, wonach Rosenöl in der Sterbephase Loslösungsprozesse unterstützen soll.
Das halte ich zwar für ein reines Phantasiekonstrukt. Pflegende, die in der Sterbephase Rosenöl anwenden, würde ich trotzdem fragen, was genau sich ihrer Ansicht nach loslösen soll. Und wer ihrer Ansicht nach bestimmen soll, wann ein Loslösungsprozess mit Rosenöl eingeleitet wird. Wenn das mit dem Loslösen durch Rosenöl nämlich tatsächlich funktionieren würde, müssten da noch einige ethische Fragen geklärt werden.
Die Förderung von „Loslösungsprozessen“ stellt meines Erachtens eher eine religiöse als eine medizinische Anwendung dar, die nur mit einem darüber informierten und damit einverstandenen Patienten durchgeführt werden sollte.
Ich jedenfalls würde mich verwahren dagegen, wenn eine Pflegende meint, an meinem „Loslösungsprozess“ herum werkeln zu müssen. Ganz abgesehen davon, dass ich mir in einer Sterbephase ganz andere Duftöle wünschen würde als ausgerechnet Rosenöl – Sandelholzöl zum Beispiel.
Aber wenn ein sterbender Mensch den Rosenduft liebt oder es den Pflegenden mit Rosenduft leichter fällt, ins Sterbezimmer zu gehen, dann wird auch Rosenöl passen. Punkt. Warum muss eine gute Anwendung eines feinen ätherischen Öls mit einer angeblichen Förderung von Loslösungsprozessen aufgeblasen werden?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:
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1938 lag die Weltjahresproduktion von natürlichem Rosenöl noch bei jährlich 3 Tonnen. 1955 bei 700 kg, Anfang der 1980er zwischen 1–2 Tonnen pro Jahr. In Bulgarien lag die Produktion im Jahr 2003 bei ca. 900 kg.“
(Quelle: Wikipedia)
Rosenöl wird gerne verwendet in der Kosmetik und in der Parfümerie.
Rosenöl ist wie Lavendelöl ein ätherisches Öl, das auch unverdünnt auf die Haut aufgetragen kann.
Rosenöl besitzt eine ausgeprägte antimikrobielle Wirkung.
In manchen Pflegeinstitutionen wir Rosenöl oft unreflektiert in Sterbephasen angewendet. Das geht auf Vorstellungen aus der Anthroposophischen Medizin zurück, wonach Rosenöl in der Sterbephase Loslösungsprozesse unterstützen soll.
Das halte ich zwar für ein reines Phantasiekonstrukt. Pflegende, die in der Sterbephase Rosenöl anwenden, würde ich trotzdem fragen, was genau sich ihrer Ansicht nach loslösen soll. Und wer ihrer Ansicht nach bestimmen soll, wann ein Loslösungsprozess mit Rosenöl eingeleitet wird. Wenn das mit dem Loslösen durch Rosenöl nämlich tatsächlich funktionieren würde, müssten da noch einige ethische Fragen geklärt werden.
Die Förderung von „Loslösungsprozessen“ stellt meines Erachtens eher eine religiöse als eine medizinische Anwendung dar, die nur mit einem darüber informierten und damit einverstandenen Patienten durchgeführt werden sollte.
Ich jedenfalls würde mich verwahren dagegen, wenn eine Pflegende meint, an meinem „Loslösungsprozess“ herum werkeln zu müssen. Ganz abgesehen davon, dass ich mir in einer Sterbephase ganz andere Duftöle wünschen würde als ausgerechnet Rosenöl – Sandelholzöl zum Beispiel.
Aber wenn ein sterbender Mensch den Rosenduft liebt oder es den Pflegenden mit Rosenduft leichter fällt, ins Sterbezimmer zu gehen, dann wird auch Rosenöl passen. Punkt. Warum muss eine gute Anwendung eines feinen ätherischen Öls mit einer angeblichen Förderung von Loslösungsprozessen aufgeblasen werden?
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Donnerstag, August 4th, 2011
Wie orientiert man sich eigentlich in diesem unübersichtlichen “Dschungel”?
„Alternativmedizin“ ist ein Begriff, der sich gar nicht so einfach eindeutig definieren lässt. „Alternative“ bedeutet „Wahl zwischen zwei Möglichkeiten“. Das Wort wurzelt im Lateinischen:
mlt. alternativus = zweideutig,
lat. alternare = abwechseln,
lat. alternus = jeder zweite,
lat. alter = der eine, der andere.
Ist nun Alternativmedizin selber eine Alternative zur Medizin oder eine Medizin, die abwechselnd mit der Medizin zur Anwendung kommt?
Der Begriff Alternativmedizin wird zudem immer wieder sehr ähnlich verwendet wie der Begriff „Komplementärmedizin“, wobei – so ist zu hören, Komplementärmedizin die Medizin ergänzen will (lat. complere = ausfüllen, vollständig machen).
Darüber hinaus wird der Begriff Komplementärmedizin genauso wie der Begriff Alternativmedizin häufig mit dem Ausdruck Naturheilkunde vermischt oder gleichgesetzt. Ein ziemliches Definitionschaos also.
Ein genaueres Verständnis dieser Begriffe wäre aber wichtig, wenn wir uns in diesem unübersichtlichen Terrain orientieren wollen.
Siehe auch:
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Naturheilkunde – was ist das?
Noch komplexer wird die Lage, wenn man bedenkt, dass es mehrere hundert Methoden gibt, die irgendwie zum Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin gerechnet werden. Am Schluss dieses Beitrages finden Sie eine Aufzählung der Methoden, die vom EMR (Erfahrungsmedizinisches Register) aufgeführt werden. Hinter dem EMR steht eine Privatfirma, die im Auftrag verschiedener Krankenkassen entscheidet, welche Methoden bzw, welche Therapeutinnen und Therapeuten über Zusatzversicherungen abrechnen dürfen. Das EMR selber prüft diese Methoden allerdings nicht auf ihre Qualität.
Wer sich für solche Methoden interessiert steht daher vor der Frage, wie sich bei dieser Vielfalt die Spreu vom Weizen trennen lässt.
Das scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit. Alle Methoden ausprobieren? Geht nicht. Sich in allen Methoden ausbilden lassen, um sich dann eine Meinung zu bilden? Auch nicht machbar.
Es gibt jedoch durchaus Kriterien, mit denen man Heilmethoden und Heilungsversprechungen prüfen kann, ohne dass man diese Methoden bis ins Detail kennen muss. Zum Beispiel kann man die Grundhaltungen anschauen, auf denen ein Therapiesystem aufbaut (Weltbild, Menschenbild, Verständnis von Gesundheit und Krankheit, Umgang mit Erkenntnis und Wissen). Solche Grundhaltungen zeigen sich oft schon im Klappentext eines Buches oder in einer Kursausschreibung.
Wer sich für solche Kriterien interessiert, bekommt dazu eine fundierte Basis im Tagesseminar
Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot
Methoden der Alternativmedizin / Komplementärmedizin (Auswahl):
Aderlass, Akumattherapie, Akupressur, Akupunkt-Massage, Akupunktur, Alexander-Technik, An-Mo / Tui-Na, Anthroposophische Medizin, Aromatherapie, Asiatische Körper- und Energiearbeit, Atemtherapie, Augendiagnostik / Irisdiagnostik, Aura-Soma-Therapie, Ausleitende Verfahren (NHP), Autogenes Training, Ayurveda-Ernährungsberatung, Ayurveda-Heilmittel, Ayurveda-Massage, Bach-Blütentherapie, Baunscheidt-Therapie, Bewegungstherapie und Tanztherapie nach Hauschild-Sutter, integrative Bewegungstherapie, klinische Bewegungstherapie, Bindegewebsmassage, Biochemie nach Schüssler, Biodynamische Psychologie / Biodynamik, Biofeedback, Bioresonanztherapie, Blutegel-Therapie, Brain Gym, Colon-Hydro-Therapie, Colon-Massage, Cranio-Sacral-Therapie, Deep Draining, Diätetik (NHP), Eigenbluttherapie / Autosanguisstufentherapie, Elektroakupunktur, Elektroakupunktur nach Voll / Bioelektronische Funktionsdiagnostik, Elektrotherapie, Ernährungsberatung, Ernährungsberatung (TCM), Esalen Massage, Eugemed-Regenerationstherapie, Eutonie Gerda Alexander, Fango, Farbpunktur, Farbtherapie, Fasciatherapie, Feldenkrais-Methode, Frecodyn-Therapie, Funktionelle Biometrie, Fussreflexzonen-Massage, Hatha Yoga, Heileurythmie, Heilpädagogisches Reiten / Therapeutisches Reiten, klassische Homöopathie, Hydrotherapie (Med. Mass.), Hämatogene Oxidationstherapie, Kinesiologie, Klassische Massage, Kneipp-Therapie / Hydrotherapie, Laser-Akupunktur, Lichttherapie, Lykotronic, Magnetfeldtherapie, Maltherapie, anthroposophische Maltherapie, Manuelle Lymphdrainage, Massagepraktiken (NHP), Meridian-Therapie, Mesotherapie, Metamorphosis, Moxa / Moxibustion, Musiktherapie, anthroposophische Musiktherapie, Muskelreflexzonenmassage, Myofunktionelle Therapie, Neuraltherapie, Neurofeedback, Ohrakupunktur, Ohrkerzen-Therapie, Organisch-rhythmische Bewegungsbildung Medau, Ortho-Bionomy, Orthomolekulare Therapie, Osteopathie / Etiopathie, Ozontherapie, Phytotherapie (TCM), westliche Phytotherapie, anthroposophisches Plastisch-therapeutisches Gestalten, Polarity, Posturale Integration, Psychomotorik, Psychozonenmassage, Puppenspiel-Therapie, Qi-Gong, Rebalancing, Rebirthing, Reflexzonenmassage, Reiki, anthroposophische Rhythmische Massage, Rolfing / Strukturelle Integration, Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, Schröpfen, Shiatsu, Shin Tai, Sophrologie Bio-Dynamique, Sophrologie Caycédienne, Sumathu-Therapie, Sympathico-Therapie, Tai-Chi, Tanztherapie, Thai-Massage, anthroposophische Therapeutische Sprachgestaltung, Thermographie, Tibetische Medizin, Tomatis-Methode, Touch for Health, Trager-Methode, Ultraviolettbestrahlung des Bluts, Vitalpraktik nach Vuille, Wickel / Umschläge, Wirbelsäulen-Basis-Ausgleich / Wirbelsäulen-Basis-Therapie.
Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, Juli 31st, 2011
Wenn Sie interessiert sind an einer Ausbildung in Naturheilkunde, dann lohnt es sich genau zu klären, was Sie lernen möchten.
Naturheilkunde ist nämlich ein Begriff, der sehr ungenau und ziemlich willkürlich benutzt wird.
Versteht man den Begriff Naturheilkunde auch von seiner Geschichte her, bezeichnet er ein Spektrum verschiedener Methoden, welche die körpereigenen Fähigkeiten zur Selbstheilung (Spontanheilung) aktivieren sollen und die sich vorzugsweise in der Natur vorkommender Mittel oder Reize bedienen. Dazu zählen (nach einer Definition von Alfred Brauchle 1952) die Sonne, das Licht, die Luft, die Bewegung, die Ruhe, die Nahrung, das Wasser, die Kälte, die Erde, die Atmung, die Gedanken, die Gefühle und Willensvorgänge. In einem weiter gefassten Verständnis gehören auch “natürliche” Arzneimittel, vor allem Heilpflanzen und deren Zubereitungen zur Naturheilkunde.
Zur “klassischen” Naturheilkunde werden im Allgemeinen die folgenden Naturheilverfahren gezählt:
– Hydrotherapie und Balneotherapie (Wasseranwendungen)
– Bewegungstherapie
– Diätetik (Unterstützung der Behandlungen durch eine gesunde Ernährung und eine dem
dem Krankheitsbild angepasste Diät)
– Ordnungstherapie (ausgewogene Lebensführung im regelmäßigen Rhythmus und im Einklang mit
der Natur)
– Phytotherapie (Einsatz von Heilpflanzen)
Diese fünf Naturheilverfahren sind auch bekannt geworden als die fünf Säulen des Sebastian Kneipp.
Grundsätzlich sind diese Methoden kompatibel mit dem wissenschaftlichen Weltbild.
Oft werden auch folgende Methoden der Alternativmedizin zur Naturheilkunde gezählt, die aber auf eigenen Lehrgebäuden basieren und darum nicht so leicht mit medizinischem Denken und Handeln zu verbinden sind:
Homöopathie
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Ayurvedische Medizin
Anthroposophische Medizin
(Quelle: Wikipedia, Artikel „Naturheilkunde“, gekürzt und überarbeitet)
Siehe auch:
Naturheilkunde – was ist das?
Es gibt im Bereich der Naturheilkunde-Ausbildungen keine Qualitätsstandards und keine verbindlichen Lehrpläne.
Wenn Sie sich Fragen stellen zur Qualität einer Naturheilkunde-Ausbildung – und das ist sehr wichtig, wenn Sie einer Ausbildung in diesem Bereich machen wollen - dann hilft Ihnen vielleicht folgende Checkliste weiter:
Naturheilkunde-Ausbildung: Was sie wissen sollten
Ausserdem:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus
Falls Sie aus diese weiten und vielfältigen Feld der Naturheilkunde eine Ausbildung oder Weiterbildung im Teilbereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde ins Auge fassen, finden Sie dazu meine aktuellen Angebote oben unter dem Menüpunkt „Kurse“.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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Freitag, Juli 15th, 2011
Es ist immer wieder die Rede von Ganzheitsmedizin, ganzheitlichem Heilen und ähnlichem. Diese Begriffe werden meist hoch positiv besetzt, obwohl sie meines Erachtens eigentlich viele Fragen aufwerfen sollten.
Der Anspruch und die Versprechungen, die mit solchen Begriffen verbunden werden, sind gewaltig.
Um „ganzheitlich“ zu heilen müsste man nur schon den Patienten / die Patientin ganzheitlich wahrnehmen, allumfassend, mit allen Facetten, körperlich, geistig, psychisch…..und dazu noch das ganze soziale, gesellschaftliche, ökologische Umfeld, in welches der betreffende Mensch eingebettet ist.
Unsere Fremdwahrnehmung genauso wie unsere Eigenwahrnehmung ist aber immer eingeschränkt und perspektivisch. Und sie wird vom Wahrnehmenden aktiv mitgestaltet.
In der “Ganzheitlichkeits-Ideologie” stecken also oft ziemlich umfassende Allmachtsphantasien und problematische Menschenbilder.
Als Beispiel eine oft in diesem Zusammenhang gehörte Vorstellung:
Jede Krankheit ist heilbar, wenn dein Bewusstsein weit genug entwickelt ist. Du musst nur richtig denken und deine Einstellung verändern………
Jede und jeder hat damit scheinbar den “Steuerknüppel” betreffend Gesundheit oder Krankheit vollständig selber in der Hand. Diese Idee lindert Ohnmachtsgefühle angesichts von schweren Krankheiten, welche Menschen unerklärlicherweise treffen können. Das ist eine Form der Kontingenzbewältigung. Die Vorstellung, dass man als Mensch einem Krankheitsprozess ausgeliefert sein könnte, wird damit eliminiert. Bekommt man eine Krankheit dann trotz aller “ganzheitlichen” Bemühungen nicht in den Griff, stehen sehr rasch Vorstellungen von Schuld und Versagen vor der Tür. Wir haben es hier meines Erachtens mit einer Art von Tauschhandel zu tun: Reduktion von Ohnmachtsgefühlen mit dem Risiko von verstärkten Schuld- und Versagensgefühlen.
Diese Thematik hat meiner Ansicht nach auch Bedeutung auf einer politischen Ebene:
Dass Menschen unabhängig von Schuld und moralischem Versagen Krankheiten ausgeliefert sein können, weist auf eine fundamentale Fragilität der menschlichen Existenz hin.
Die Anerkennung dieser alle Menschen betreffenden Fragilität und Kontingenzabhängigkeit ist eine Grundlage für Solidarität bezüglich Krankheit und Behinderung.
Wer sich “ganzheitlich” zurechtphantasiert, dass ein höher entwickeltes Bewusstsein jede Krankheit in den Griff bekommen kann, klinkt sich meines Erachtens tendenziell aus dieser Solidarität aus und pflegt ein elitäres Denken bezüglich Krankheit und Gesundheit.
Diese gesellschaftspolitischen Aspekte müssten meines Erachtens verstärkt in die politische Debatte um die Komplementärmedizin einfliessen. Beispielsweise wenn die Grüne Partei oder die Sozialdemokratische Partei, welche mit hohen Ansprüchen betreffend Menschlichkeit daher kommen, eine Anthroposophische Medizin staatlich fördern wollen, welche Krankheit und Behinderung als Folge von moralischem Versagen in einem früheren Leben erklärt.
Details dazu: Anthroposophische Pflege – offene Fragen
Meines Erachtens war es ein grosser Fortschritt der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Sünde und moralischem Versagen erklärt werden.
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Sonntag, Juni 12th, 2011
Die Zeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ (GPSP) veröffentlichte eine Liste mit Anzeichen für Quacksalberei. Sie soll dabei helfen, falsche Versprechungen besser zu erkennen.
Wir werden überschwemmt mit Propaganda für Produkte, die uns gesund machen oder gesund erhalten sollen, und mit Heilungsversprechungen aller Art. Auch im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde.
Lange nicht alles, was in Werbung, im Internet, aber auch in Zeitschriften und Gesundheitssendungen propagiert wird, ist wirklich wirksam. Vieles ist von fragwürdigem Nutzen oder manches sogar riskant, überzeugende wissenschaftliche Nachweise fehlen häufig. Menschen, die mit Heilwissen prahlen, das sie gar nicht haben, werden seit jeher Quacksalber genannt. Dementsprechend fallen zahlreiche angebliche „Medikamente“ unter den Begriff „Quacksalberei“. Häufig handelt es sich dabei in Wirklichkeit gar nicht um Arzneimittel, sondern um sogenannte Nahrungsergänzungsmittel, deren Wirkungen nicht routinemäßig geprüft werden.
GPSP schreibt:
„Vitamine gegen Schwerhörigkeit? Weiter essen wie bisher und dennoch abnehmen? Manchmal klingt Werbung zu gut, um wahr zu sein. Schenken Sie Werbebotschaften keinen Glauben, seien Sie skeptisch.“
Hier neun Punkte von dieser Liste und dazwischen ein paar Zeilen mit ergänzenden Bemerkungen von mir (kursiv):
„Keine Nebenwirkungen
Die Jahrhunderte alte Erfahrung der Medizin lehrt, dass es in der Medizin keine Wirksamkeit gibt ohne das Risiko von Nebenwirkungen. Ein Mittel, das mit dem Hinweis ‚ohne Risiken’ beworben wird, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch keine Wirkung.“
Ja, der Hinweis ‚nebenwirkungsfrei’ müsste tatsächlich ein Grund sein, besonders genau nachzufragen, ob eine Wirkung vorhanden ist. Es gibt auch Heilpflanzen-Präparate mit unerwünschten Nebenwirkungen.
„Erfolgsgarantie
Versprochen wird vieles – wird es auch eingehalten? Bei Medikamenten kann es keine Erfolgsgarantie geben. Das gilt erst recht für oft dürftig belegte Alternativmethoden. Häufig werden angeblich ‘sanfte Erfolgsmittel’ mit der Behauptung angepriesen, sie würden besser wirken als ‘normale’ Arzneimittel. Das kann dazu führen, dass eine bewährte Therapie zu Gunsten von Quacksalber-Methoden abgesetzt wird.“
Erfolgsgarantien sind in der Heilkunde immer ein Grund, um besonders kritisch nachzufragen. Insbesondere wenn sich die Garantien auf schwer behandelbare Krankheiten beziehen wie beispielsweise Krebs, Polyarthritis, Neurodermitis, Multiple Sklerose.
„Vielseitig wirksam
Besondere Vorsicht ist ratsam, wenn ein Mittel gegen viele verschiedene Leiden mit völlig unterschiedlichen Ursachen helfen soll, beispielsweise gegen Bluthochdruck, AIDS und Krebs. Eine solche Allround-Pille ist leider ein Wunschtraum.“
Die Medizingeschichte ist voll mit solchen Panazeen, Heilmitteln also, die gegen (fast) alle Krankheiten helfen sollen. Ein solches Wundermittel entspricht wohl einfach den Bedürfnissen vieler Menschen zu allen Zeiten.
Wird ein Heilmittel gegen sehr viele unterschiedliche Krankheiten propagiert, so spricht man auch von „Indikationslyrik“.
Ein Beispiel für Indikationslyrik ist der Schwedenbitter (= Schwedenkräuter), welcher von der Österreicherin Maria Treben als Universalheilmittel propagiert wurde.
„Exotische Herkunft
Algen aus Hawaii oder Kristallsalz aus dem Himalaja? Ein Produkt wird nicht durch die Herkunft geadelt. Die Anbieter versuchen, ihre Präparate aufzuwerten und den Glanz ferner Naturparadiese für ihr Angebot zu nutzen. In der Regel gibt es keinen Beleg für einen besonderen Nutzen dieser exotischen Heilmittel und die hohen Preise sind durch nichts zu rechtfertigen.“
Auch dafür gibt es in der Medizingeschichte unzählige Beispiele. Als die Kartoffel nach Europa kam, galt sie zuerst als wertvolle Arznei. Auch heute noch gibt es den „Exoten-Bonus“.
Hoch geschätzt wird beispielsweise Teebaumöl aus Australien, welches angeblich schon seit Urzeiten von den Aborigines verwendet wurde. Die Aborigines nutzen jedoch die Blätter von Melaleuca alternifolia als Tee, nicht das isolierte ätherische Teebaumöl. Und dass auch viele weniger exotische ätherische Öle ähnliche Wirkungen wie Teebaumöl zeigen, geht leicht vergessen.
„Besser als die Schulmedizin
Die Anbieter mancher Mittel versprechen Heilung selbst dann, wenn alle Möglichkeiten der Schulmedizin ausgeschöpft sind. Derartige Heilversprechen werden in der Regel leider nicht von einer neutralen, verlässlichen Stelle überprüft. Quacksalber geben dennoch solch ein Versprechen, um in ausweglosen Situationen, z.B. bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen, zweifelhafte Produkte zu verkaufen. Für diese als „letzter Strohhalm“ feilgebotenen Präparate muss meist viel Geld bezahlt werden.“
Die ‚Komplementärmedizin’ verspricht oft Heilung in Situationen, in denen die ‚Schulmedizin’ an Grenzen kommt. Dabei wird oft verwischt, dass es auch tatsächliche Grenzen der Heilbarkeit geben kann. So unangenehm oder unakzeptabel uns das auch manchmal erscheinen mag. Das Risiko von Krankheiten gehört zum Leben und der Anspruch auf totale Gesundheit ist wohl einfach nicht einlösbar.
Sie dazu auch:
Tagesseminar: Chronische Krankheiten besser verstehen und damit umgehen
Tagesseminar: Komplementärmedizin – Basiswissen zur Orientierung im überquellenden Angebot
„Erfahrungsberichte als ‚Wirksamkeitsbelege’
Gerade wenn nachvollziehbare Daten aus wissenschaftlichen Studien fehlen, verweisen die Hersteller gerne auf umfangreiche Erfahrungen mit den Mitteln. Seien Sie auf der Hut bei Behauptungen, die mit begeisterten Erfolgsberichten angeblicher Patienten begründet werden. Diese sagen ebenso wenig über den tatsächlichen Nutzen und die Risiken eines Arzneimittels oder einer Nahrungsergänzung aus wie Behauptungen, die auf Weltanschauungen basieren.“
Positive „Erfahrungen“ im Stil von Akekdoten reichen tatsächlich nicht als Begründung.
Siehe:
Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung
Naturheilkunde – Erfahrung genügt nicht als Begründung
Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung
„Personenkult um den Behandler
Wenn das Funktionieren einer Behandlung an eine bestimmte Person oder eine Einrichtung gebunden wird, ist größte Vorsicht angebracht. Warum kann sie nicht auch von anderen eingesetzt werden? Oder geht es hier vor allem um Geld? Personengebundene Methoden, die den Nimbus eines bestimmten Menschen nutzen, werden in der Regel nicht durch Dritte überprüft. Eine unabhängige Kontrolle von Nutzen und Risiken fehlt.“
Guru-fixierte Heilmethoden gibt es im Bereich der Komplementärmedizin leider zuhauf.
Siehe:
Esoterikfreie Pflanzenheilkunde warum?
„Seit Jahrzehnten bewährt
Statt ‚seit Jahrzehnten bewährt’ müsste es eher heißen ‚seit Jahrzehnten beworben und verkauft’. Aber nicht alles, was häufig verkauft wird, ist auch wirksam und unbedenklich.“
Naturheilkunde und Pflanzenheilkunde haben eine lange und faszinierende Tradition, von der wir auch heute noch lernen können. Das heisst aber nicht, dass Tradition immer Recht hat. Tradition allein reicht daher nicht als Begründung.
Siehe:
Komplementärmedizin – hat Tradition recht?
„Wirksam – und doch nicht als Arzneimittel zugelassen
Wenn ein Mittel belegbar gut wirksam und verträglich ist, warum wird dann nicht die Zulassung als Arzneimittel beantragt? Das hätte doch den Vorteil, dass das Produkt von Ärzten verordnet werden könnte und von Krankenkassen bezahlt würde. Aber so mancher Anbieter scheut das Urteil neutraler Fachleute, die durchschauen könnten, dass die Wirksamkeitsbelege mangelhaft sind oder sogar fehlen.“
Auch das ist ein wichtiger Kritikpunkt. Viele Heilpflanzen-Präparate werden nur als Nahrungsergänzung auf den Markt gebracht und müssen daher keinerlei Wirksamkeit belegen. Ich würde pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel nicht grundsätzlich und pauschal schlecht machen, doch ist es für Konsumentinnen und Konsumenten meist nicht klar, ob ein Heilpflanzen-Präparat seine Wirksamkeit belegt hat oder nicht.
Noch intransparenter wird die Situation dadurch, dass es auch zugelassene Arzneimittel gibt, die vom Nachweis der Wirksamkeit befreit sind (Präparate der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin, aufgrund von „Tradition“ zugelassene Heilpflanzen-Präparate, sogenannte Hausspezialitäten von Apotheken und Drogerien).
„Betonung auf ‚Ausgleich von Mängeln in der Ernährung’
Angeblich sollen unserem Essen wichtige Stoffe fehlen. Diese Mängel sollen sich nicht durch die tägliche Nahrungsaufnahme ausgleichen lassen. Dabei war die Versorgung mit Nahrungsmitteln in unseren Breiten noch nie so vielfältig und lückenlos wie heutzutage. Bestehen diätbedingte Versorgungsmängel, muss die Ernährung entsprechend angepasst werden. Für Gesunde sind Vitamin- und Mineralstoffpräparate in der Regel überflüssig und manchmal sogar schädlich. Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts hat gezeigt, dass die Menschen in Deutschland grundsätzlich ausreichend Vitamine und Mineralien zu sich nehmen. Mangelzustände sind selten und werden meist durch Erkrankungen verursacht. Diese müssen ärztlich behandelt werden.“
Ja, uns wird ständig eingeredet, dass man sich heute nicht mehr ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und was weiss ich nicht noch allem ernähren kann. Und dann werden entsprechende Produkte als Ergänzungsmittel propagiert. Man muss den Leuten einen Mangel einreden, damit sie ausgleichende Produkte kaufen. Das ist ein ausgesprochen lukratives Geschäft und sehr ähnlich einem Ablasshandel. Zuerst müssen die Menschen von ihrer Sündhaftigkeit überzeugt werden, damit sie Erlösung kaufen. Nicht umsonst wohl spricht man sogar von Ernährungssünden.
Quelle:
http://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2006/nr.-6-dez.-2006/indizien-fuer-quacksalberei.php
Kommentar & Ergänzung:
Zum Thema Qualitätssicherung in der Komplementärmedizin:
Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?
Und zu Kriterien der Qualitätssicherung in der Phytotherapie-Ausbildung:
Phytotherapie-Ausbildung: Gedanken zur Qualitätssicherung
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