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Teufelskrallen-Gel in der Migros – Wirksamkeit mehr als fragwürdig

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Der Grossverteiler Migros expandiert stark im Bereich Gesundheit & Arzneimittel, worüber man geteilter Meinung sein kann. Die verkauften Präparate sollten aber mindestens einigermassen seriös sein.

Kürzlich stiess ich im Migros-Sortiment erneut auf einen Teufelskrallen-Gel.

Teufelskrallenwurzel wird in der Phytotherapie eingesetzt zur Schmerzlinderung bei Osteoarthritis und Rückenschmerzen. Für die Wirksamkeit sprechen mehrer Studien, deren Aussagekraft allerdings wegen geringer Qualität und kleinen Probandenzahlen eingeschränkt ist. Untersucht wurde dabei ausschliesslich Teufelskrallenextrakt zur innerlichen Anwendung.

Wenn nun die Migros einen Teufelskrallen-Gel verkauft, bleibt die Frage vollkomen offen, ob eine Wirksamkeit auch über die Haut zu erwarten ist.

Als Hauptwirkstoffe gelten Iridoidglykoside (vor allem Harpagosid). Dass sie über die Haut aufgenommen werden und eine Wirksamkeit entfalten ist meines Erachtens ausserordentlich unwahrscheinlich und wird durch keine Studien oder andere Belege gestützt.

Die Migros profitiert mit ihrem Teufelskrallen-Gel einfach vom Ruf, welchen die Pflanze von ihrer innerlichen Anwendung her hat. Marketingmässig ist das geschickt, seriös aber wohl nicht. Im übrigen verkaufen auch Apotheken und Drogerien Teufelskrallen-Gel, was noch fragwürdiger ist, weil man von diesen Fachgeschäften eine fundierte Beratung erwarten würde.

Offenbar spielt es keine Rolle, ob die Präparate auch wirksam sind. Wirksamkeit scheint jedenfalls keine relevante Frage zu sein – weder für die Migros noch für viele Apotheken und Drogerien. Hauptsache der Verkauf läuft….

Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich selber schlau machen, wenn sie nicht abgezockt werden wollen.

Die Arzneipflanze Teufelskralle ( Harpagophytum procumbens) stammt übrigens aus den Sandfeldern der Savannen im südlichen Afrika (Namibia, Südafrika, Botswana). Sie hat botanisch und bezüglich der Wirksamkeit nichts zu tun mit den Teufelskrallen der einheimischen Pflanzenwelt. Unsere Teufelskrallen, die auch als Rapunzeln bezeichnet werden, gehören zur Gattung Phyteuma aus der Pflanzenfamilie der Glockenblumengewächse (Campanulaceen).

Die afrikanische Teufelskralle Harpagophytum procumbens gehört dagegen zu den Sesamgewächsen (Pedaliaceae).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Wissenschaftler wollen von Heilern in Afrika lernen

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Forscher der Universität Halle wollen von afrikanischen Heilern lernen und untersuchen zu diesem Zweck deren medizinisch genutzte Pflanzen.

Untersucht werden sollen Pflanzen aus Äthiopien, Botswana und Tansania mit dem Ziel, Aids, Tuberkulose und Wurmerkrankungen zu bekämpfen. Das Projekt wird vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung über vier Jahre mit 800.000 Euro gefördert, beteiligt sind auch Hochschulen und Unternehmen in Afrika.

Projektleiter Peter Imming vom Institut für Pharmazie der Uni Halle erklärt dazu:

«Wir wollen ökologisch gefährdete, therapeutisch wirksame und kommerziell nutzbare Pflanzen zunächst identifizieren und schließlich kultivieren. Unser Ziel ist, wissenschaftlich zu begründen, welche Inhaltsstoffe für die Wirkung der Arzneipflanzen verantwortlich sind.»

Wenn sich die gewünschten Arzneipflanzen tatsächlich kultivieren lassen, wollen die Forscher sie für den kommerziellen Anbau in den afrikanischen Partnerländern empfehlen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=68916

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Forschungsprojekte sind auch für die Phytotherapie in Europa interessant, hat sie doch immer wieder Arzneipflanzen aus anderen Weltgegenden in ihre Behandlungskonzepte integriert, wenn entsprechende Wirkungen zu erwarten sind.

Beispiele dafür sind Teufelskralle und Umckaloabo (Kapland-Pelargonie) aus Afrika,

Ginseng, Ginkgo, Curcuma (Gelbwurz) und Indischer Weihrauch aus Asien,

Echinacea, Hamamelis (Zaubernuss) und Traubensilberkerze (Cimicifuga) aus Nordamerika,

Passionsblume, Cayennepfeffer und Ratanhia aus Südamerika.

Die traditionelle Pflanzenheilkunde – ob in Afrika, Europa oder sonstwo – bringt wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen mit, enthält aber auch immer wieder Irrtümer, die sich über Jahrhunderte hartnäckig halten können.

Nötig im Umgang mit der traditionellen Pflanzenheilkunde ist daher eine offene, interessierte, aber zugleich auch kritisch-prüfende Grundhaltung.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Bockshornkleesamen senken Blutzuckerspiegel und Cholesterinwerte

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Bockshornkleesamen reduzieren den Blutzuckerspiegel und die Cholesterinwerte. Für diese Anwendungsbereiche wird Bockshornkleesamen auch von der ESCOP empfohlen.

Siehe dazu:

Phytotherapie: Was sind ESCOP-Monografien?

 

Insbesondere die blutzuckersenkenden Effekte sind wissenschaftlich durch verschiedene experimentelle und klinische Studien belegt.

Die „Grüne Apotheke“ beschreibt eine Studie bei Diabetes Typ I (insulinpflichtiger Diabetes):

„Zehn Patienten mit insulinpflichtigem Diabetes erhielten in einer randomisierten Cross-over-Studie über einen Zeitraum von zehn Tagen zweimal täglich 50 g Bockshornkleesamenpulver mit der Nahrung. Es konnte eine deutliche Senkung der Blutzuckerspiegel erreicht werden. Die Blutspiegel von HDL-Cholesterin (dem ‚guten’ Cholesterin) und Insulin blieben unverändert.“

Und zum Diabetes Typ II (nicht insulinpflichtiger Diabetes, Altersdiabetes):

„In mehreren klinischen Studien mit jeweils zweimal 12,5 g pulverisierten Bockshornkleesamen wurden die Wirksamkeit an insgesamt mehr als 70 Patienten und 16 Kontrollpersonen gezeigt. Der Behandlungszeitraum betrug zwischen 3 und 24 Wochen. Es konnte eine deutliche Senkung der Blutzuckerspiegel und der Cholesterinwerte erreicht werden. Weitere Studien wurden mit anderen Dosierungen durchgeführt.“

Als Dosierung empfiehlt die „Grüne Apotheke“ zur Cholesterinsenkung und Blutzuckersenkung die Einnahme von 25 g pulverisierte Bockshornkleesamen pro Tag.

Quelle: „Die Grüne Apotheke“

 

Kommentar & Ergänzung:

Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) wächst verbreitet im südlichen Europa, in Afrika, Indien, China, Australien sowie im Nahen Osten. Die Pflanze hat eine lange Kulturgeschichte hinter sich. Sie wird schon seit langem in der traditionellen Pflanzenheilkunde eingesetzt und in der Küche verwendet, unter anderem als Bestandteil von Currymischungen. Die Bockshornkleesamen sind ein traditionelles Gewürz der indischen und arabischen Küche.

Die Bockshornkleesamen enthalten etwa 20 – 45 % Schleimstoffe. Sie verlangsamen möglicherweise im Darm nach den Mahlzeiten die Aufnahme von Zucker zu und wirken dadurch Blutzuckerspitzen entgegen. Und wahrscheinlich sind sie auch beteiligt an der Senkung der Cholesterinwerte – durch Hemmung der Gallensäure-Rückresorption aus dem Darm. Schleimstoffe in grösseren Mengen können aber auch die Aufnahme von Arzneistoffen aus dem Darm reduzieren und sollten daher nicht gleichzeitig mit Medikamenten genommen werden.

Experimente mit Ratten deuten darauf hin, dass für die Reduktion des Blutzuckers auch ein bestimmter Inhaltsstoff der Bockshornkleesamen verantwortlich ein könnte – das 4-Hydoxy-Isoleucin. Allerdings ist völlig unklar, ob diese experimentellen Ergebnisse auf Diabetes-Kranke übertragen werden können.

Siehe:

Bockshornklee in der Diabetesbehandlung

Die Studien, die in der „Grünen Apotheke“ beschrieben werden, sind bezüglich der Probandenzahl klein und daher von begrenzter Aussagekraft. Für ein Produkt wie Bockshornkleesamen, das sich nicht patentieren lässt, wird sich aber wohl kaum ein Sponsor finden für richtig grosse, teure Patientenstudien. Immerhin ist Bockshornkleesamenpulver aber billig und lässt sich zusammen mit anderen Schleimstoffen gut in die Ernährung einbauen.

 

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Doch kein Tramadol aus Pflanzenproduktion

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„Schmerzmittel Tramadol in afrikanischer Arzneipflanze entdeckt“ – so lauteten die Meldungen im Jahr 2013. Jetzt scheint aber alles ganz anders zu sein:

„So hatte im vergangenen Jahr ein Forscherteam…….bei einer Metabolom-Analyse der afrikanischen Heilpflanze Nauclea latifolia das vollsynthetisch hergestellte Opioid Tramadol entdeckt. Es galt als erster Fund eines klassisch-synthetischen Arzneistoffs in der Natur. Die Pflanze aus der Familie der Rubiaceae wird traditionell bei Fieber, Schmerzen und Malaria eingesetzt.

Jetzt stellte jedoch ein unabhängiges Forscherteam fest, dass die Pflanze das Schmerzmittel wohl nicht selbst produziert, sondern aus dem Boden aufgenommen hat. Afrikanische Bauern hatten ihre Rinder illegalerweise mit dem Analgetikum behandelt, was zu einer Kontamination von Wasser und Boden geführt hat, schreibt die Gruppe um Professor Dr. Michael Spiteller von der Technischen Universität Dortmund im Fachjournal »Angewandte Chemie« (doi: 10.1002/anie.201406639). Sie fanden neben der Ursprungssubstanz auch drei typische Säugetier-Metabolite.“

 

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54633

Kommentar & Ergänzung:

Die ursprüngliche Meldung ist hier zusammengefasst:

Schmerzmittel Tramadol in afrikanischer Heilpflanze entdeckt 

 

Mich erstaunt dieser offenbar verbreitete Einsatz von Schmerzmitteln in der Landwirtschaft. Das erinnert an die Vergiftung von Geiern in Indien durch grossflächige Anwendung von Diclofenac (Voltaren®):

Entzündungshemmer Diclofenac mit ökologischen Nebenwirkungen 

Diclofenac-Vergiftung: Geier-Bestand in Indien erholt sich leicht 

Betreffend Tramadol-Anwendung in Afrika sind bisher offenbar keine ökologischen Schäden bekannt geworden. Heikel ist allerdings, dass solche Arzneimittelmoleküle in der Umwelt oft sehr stabil sind und sich sehr langsam abbauen.

 

Man kann nicht jedes synthetische Medikament durch ein pflanzliches ersetzen.

Aber dort wo es möglich ist, macht es oft auch aus ökologischen Gründen Sinn – Wirkstoffe, die die Natur herstellt, kann sie in der Regel auch gut wieder zerlegen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Veranstaltungstipp: Denkfest vom 11. – 14. September 2014 im Volkshaus Zürich

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Vom 11. – 14. September findet in Zürich wiederum das “Denkfest“ statt.

Die Veranstaltung hat wie schon in den Vorjahren zum Ziel, gesellschaftlich relevante wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Während tagsüber Vorträge und Podiumsdiskussionen angeboten werden, gibt es an den Abenden ein Rahmenprogramm mit Kabarett, Musik, Speis und Trank etc.

Auszug aus dem Programm:

Freitag:

– Livestudie: Ein theatralischer Crash-Kurs zu Design und Auswertung klinischer Studien – nie war es vergnüglicher, Versuchsperson zu sein.

– Roger Stupp:
Erfolge und Misserfolge bei der Behandlung von Krebs.

– Robert S. Van Howe:
Medizinische Prüfung des Nutzens und der Risiken der männlichen Beschneidung.

– Robert S. Van Howe und Peter Jüni
Ist: Massenbeschneidung ein sinnvolle Intervention zur HIV-Bekämpfung in Afrika – zwei Sichtweisen.

– Hannu Luomajoki:
Vom Placebo-Effekt bei Operationen und ein Vergleich der Wirksamkeit von operativen Eingriffen und Physiotherapie.

– Maria Wertli:
Grenzen der Evidenz basierten Medizin – das Beispiel Evidenz basierte Therapie von Rückenschmerzen.

– Ian Bushfield:
Wieso die internationale AllTrials-Kampagne fordert, dass alle klinischen Studien registriert und Untersuchungsmethoden und Ergebnisse offengelegt werden.

Samstag:

– Gespräch mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins.

– Suzana Herculano-Houzel:
 Die Evolution des Gehirns in verschiedenen Arten.

– Natalie Uomini:
Die Evolution von (Links- und Rechts-)Händigkeit.

– Dina Dechmann
Wieso leben einige Arten in Gruppen – über die Evolution von sozialen Strukturen.

– Frank Rühli: 
Evolutionäre Medizin: Bedeutung von Mumien und Skeletten für die moderne Medizin.

Sonntag:

– Colin Goldner:
 Grundrechte für Menschenaffen? – The Great Ape Project und seine Ziele.

– Podiumsdiskussion: 
Wie speziell sind wir Menschen eigentlich? Was unterscheidet uns von anderen Primaten? Dürfen wir an unseren evolutionären Cousins Versuche durchführen? Und wenn ja, welche?

– Nina Scherrer: 
Die «Verbesserung» des Menschen: eine Übersicht über die Verheissungen des «Virtue Engineering».

– Boaz Heller: 
Exponentielle technische Entwicklungen: was kommt in Sachen Computerleistungen, Nano- und Biotech auf uns zu?

– Zürich Salon-Debatte:
 Welche Auswirkungen haben neue Technologien auf unsere Gesellschaft und uns als Individuen? Sollen wir alles zulassen oder müssen wir der technologischen Entwicklung Grenzen setzen?
Mit Andy Miah, Professor an der School of Creative and Cultural Industries der Uni Westschottland, Susanne Brauer Studienleiterin bei der Paulus-Akademie und 2010 bis 2012 Geschäftsleitungsmitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin sowie der Journalistin und Wissenschaftskabarettistin Timandra Harkness. Moderation: Rob Lyons, Kolumnist und Mitherausgeber der Online-Plattform spiked.

Alles in allem ein vielfältiges, anregendes Programm.

Die Veranstaltungen werden simultan englisch – deutsch und umgekehrt übersetzt.

Info & Karten: www.denkfest.ch  

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Schützen schleimhaltige Heilpflanzen gegen Helicobacter pylori?

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Helicobacter pylori ist ein Bakterium, das den menschlichen Magen besiedeln kann.

Infektionen mit Helicobacter pylori werden für eine Reihe von Magenerkrankungen verantwortlich gemacht, die mit einer verstärkten Sekretion von Magensäure einhergehen. Darunter fallen zum Beispiel die Typ B-Gastritis, etwa 75 Prozent der Magengeschwüre und praktisch alle Zwölffingerdarmgeschwüre. Eine chronische Infektion mit Helicobacter pylori ist ein Risikofaktor für die Entstehung des Magenkarzinoms und des MALT-Lymphoms.

(Quelle: Wikipedia)

Weil Helicobacter pylori ein derart wichtiger Auslöser von Magenerkrankungen ist, befasst sich auch die Arzneipflanzenforschung mit der Frage, wie sich dieser Keim bekämpfen lässt. Dazu kommen grundsätzlich antimikrobielle Heilpflanzen in Frage, aber auch schleimhaltige Pflanzen, deren Polysaccharide eine Schutzschicht auf der Schleimhaut bilden könnten.

Ob ein Polysaccharidfilm Schutz vor adhäsiven Keimen wie Helicobacter pylori bietet, hat Professor Dr. Andreas Hensel von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster untersucht. Seinen Resultaten zufolge schaffen dies die bei uns traditionell verwendeten Schleimstoffpflanzen nicht. Die Rhamnogalacturane aus Okrafrüchten, die im indisch-pakistanischen Raum als Gemüse verwendet und traditionell gegen Magenbeschwerden eingesetzt werden, könnten sich aber dazu eignen. Die ursprünglich aus Afrika stammende Okra-Pflanze (Abelmoschus esculentus) zählt wie der Eibisch zu den Malvengewächsen.

Hensel konnte in Laborexperimenten zeigen, dass ein wässriger Extrakt der unreifen Okrafrüchte die Adhäsion (Anheftung) von Helicobacter an die Schleimhaut verhindert. Die Okra-Schleimstoffe blockieren dabei nicht die Bindestelle für Helicobacter in der Schleimhaut, sondern am Bakterium selbst. Leinsamen und Co helfen dagegen gemäss Hensel nicht, da Helicobacter sich durch deren Schleimschicht bohrt.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41169

 

Kommentar & Ergänzung:

Gut, Laborexperimente sind nur beschränkt aussagekräftig. Ob sich ähnliche Wirkungen auch im Magen von Menschen zeigen, müsste noch geklärt werden. Okra ist aber ein interessantes Gewächs und eine der ältesten Gemüsepflanzen. Sie wird auch „Gemüse-Eibisch“ genannt.

„Beim Kochen gibt die Schote eine schleimige Substanz ab, die sich zum Eindicken von Speisen eignet. Hat man kein Interesse daran oder möchte man sogar auf die schleimige Substanz verzichten, kann man die Okras entweder fünf Minuten in Essigwasser blanchieren (vorher Spitze kappen und Stielansatz entfernen) und danach mit kaltem Wasser abschrecken oder vor der Verarbeitung 1–2 Stunden ganz in kaltem Zitronenwasser wässern.“

(Quelle: Wikipedia)

 

Schleimstoffe werden als Wirkstoffe in Heilpflanzen meinem Eindruck nach oft unterschätzt, weil sie keine spektakulären Effekte zeigen. Es gibt aber auch wertvolle unspektakuläre Wirkungen. In diesem Sinne ist es sehr zu begrüssen, dass in Münster Schleimstoffe genauer erforscht werden. So wird zunehmend auch klarer, dass die unterschiedlichen Schleimstoffe sich auch in ihren Wirkungen unterscheiden können.

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Amnesty kritisiert Shell und Nigeria wegen Untätigkeit gegen Öl-Verseuchung

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Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Nigeria und den Ölmulti Shell, weil sie bis heute so gut wie nichts gegen die schweren Umweltschäden durch die Ölförderung im Nigerdelta getan hätten. Drei Jahre nachdem ein Bericht der UNO die massive Ölverschmutzung in der Region Ogoniland angeprangert hatte, passiere immer noch kaum etwas, lässt Amnesty verlauten.

Auch vier weitere Nichtregierungsorganisationen stehen hinter der Erklärung. Alle bisher von Shell und der Regierung in Abuja getroffenen Maßnahmen hätten reine Feigenblattfunktion.

In seinem vor drei Jahren publizierten Bericht war das UN-Umweltprogramm UNEP zu dem Schluss gekommen, dass es mindestens 25 bis 30 Jahre dauern wird, um die ölverseuchte Region Ogoniland wieder zu säubern. UNEP sprach sich für die Einrichtung eines Sonderfonds aus, in den die Ölunternehmen und die nigerianische Regierung eine Milliarde Dollar (744 Millionen Euro) einzahlen sollten.

Das westafrikanische Nigeria ist der größte Ölproduzent Afrika’s, und die Firma Shell ist dort traditionell einer der größten Ölförderer. Aus Ogoniland musste sich Shell 1993 angesichts von Unruhen zurückziehen. Bis heute jedoch habe der niederländisch-britische Konzern nicht für die von ihm verursachten Schäden geradestehen müssen, kritisierte Audrey Gaughran von Amnesty International. Zahlreiche Umweltschutzorganisationen werfen den großen Ölkonzernen vor, in Nigeria viel laxer mit Schutzmaßnahmen umzugehen als zum Beispiel in den USA oder Europa. Shell bestreitet dies aber.

Amnesty International erinnerte daran, dass die Ölförderung in Nigeria über Jahrzehnte hinweg Regierungsvertreter und Ölkonzerne reich gemacht habe, der Bevölkerung jedoch nur verseuchte Böden und Flüsse hinterließ. Im April 2013 waren Shell-Mitarbeiter erstmals seit zwei Jahrzehnten nach Ogoniland zurückgekehrt und erstellten eine Liste mit allen verrottenden Pipelines, Brunnen und anderen Förderanlagen, die das Trinkwasser und die Böden in der Region verseuchen. Shell hatte damals von einer wichtigen Etappe zur Erfüllung der UNEP-Forderungen gesprochen.

 

Quelle:

http://derstandard.at/2000003946471/Amnesty-wirft-Shell-und-Nigeria-Untaetigkeit-gegen-Oel-Verseuchung-vor

 

Kommentar & Ergänzung:

Das sieht alles so sauber aus in der Shell-Werbung. Darum braucht es als Gegengewicht zwischendurch immer mal wieder einen solchen Bericht. Diese Konzerne reagieren allenfalls, wenn ihr Ruf in Gefahr ist und ihre Konsumentinnen und Konsumenten kritisch werden.

Mehr zu Nigeria auf www.amnesty.ch (unter „Länder“, „Afrika“).

Weil fundamentale Menschenrechte in vielen Regionen der Erde zunehmend in Frage gestellt werden brauchen Organisationen wie Amnesty mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung – vor allem auch im Kampf gegen Folter.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

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Malaria-Forschung: Afrikanische Heilpflanzen im Fokus

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Die überwiegende Mehrzahl der gegenwärtigen Malaria-Therapien basiert auf dem Wirkstoff Artemisinin, einem Pflanzenstoff, der in den Blüten und Blättern des Einjährigen Beifußes (Artemisia annua) vorkommt. Immer mehr Malaria-Parasiten sind jedoch resistent gegen Artemisinin.

Die Resistenz der Malaria-Parasiten gegen Artemisinin breitet sich in Südostasien immer stärker aus und einiges spricht dafür, dass sie auch Südamerika bereits erreicht hat. In Afrika könnte es in wenigen Jahren soweit sein, dass Artemisinin seine Wirksamkeit gegen Malaria-Parasiten verliert.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Universität Ouagadougou in Burkina Faso erforschen in einem gemeinsamen Projekt Heilpflanzen aus der traditionellen afrikanischen Medizin, die bei Malaria eingesetzt werden.

Sie gehen davon aus, dass die Resistenzentwickklung in spätestens fünf Jahren soweit ist, dass es neue Medikamente braucht, die auf einem anderen Wirkstoff als Artemisinin basieren.

Aline Lamien Meda aus Burkina Faso, die an der Vetmeduni Vienna im Rahmen eines APPEAR-Projekts (Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development) an der Entwicklung eines Arzneibuchs traditioneller Malariamedikamente arbeitet, untersucht gemeinsam mit Harald Nödl, Malaria-Experte der MedUni Wien, rund 50 Pflanzen und Kräuter, die in der traditionellen afrikanischen Medizin bei Malaria angewendet werden, auf ihre Wirksamkeit und ihr mögliches Potenzial als Malaria-Medikament. Bei einigen dieser Kräuter sei bekannt, dass sie die Symptome der Malaria bekämpfen, nicht aber, ob sie den Malaria-Parasiten wirkungsvoll bekämpfen können, sagt Nödl.

Untersucht wird die Wirksamkeit im Labor an gezüchteten Malaria-Parasiten. Es sei zu erwarten, erklärt Nödl, dass nur eine Handvoll der untersuchten Pflanzen für eine sinnvolle, kommerzielle Verwendung in der Malaria-Therapie geeignet ist.

 

Täglich 2000 Malaria-Opfer

Täglich sterben rund 2000 Menschen an Malaria (total etwa 655 000 jährlich), einer Krankheit, die hauptsächlich mit Armut assoziiert ist. Die meisten Opfer fordert Malaria in Afrika und hier vor allem unter den Schwächsten, den Kindern. In den meisten Fällen verläuft die Krankheit ohne Komplikationen, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Kommt es allerdings zu Komplikationen, ist die Sterblichkeit nach wie vor extrem hoch. Malaria ist auch heute noch, hauptsächlich in Afrika, Asien und Lateinamerika, eine der häufigsten Todesursachen von Kindern unter fünf Jahren.

Quelle:

http://www.meduniwien.ac.at/homepage/news-und-topstories/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=4711&cHash=96e5436e4a284f425834c7d392f9807f

Kommentar & Ergänzung:

Die Malaria-Forschung verdient und braucht angesichts der weltweiten gesundheitlichen und ökonomischen Bedeutung dieser Krankheit hohe Priorität. Von Malaria sind vor allem arme Menschen betroffen, die über wenig Kaufkraft verfügen. Für Pharmakonzerne ist das kein attraktiver Markt. Ökonomisch lohnt es sich für diese Firmen viel mehr, in die Forschung zu investieren bei Krankheiten der Reichen, obwohl dies vergleichsweise weniger dringlich ist. Als Reaktion auf die mangelnde finanzielle Unterstützung der Malaria-Forschung hat Bill Gates 2005 angekündigt, dass er zu diesem Zweck 258,3 Millionen Dollar zur Verfügung stellen werde.

Zu Artemisinin siehe auch:

Malaria: Artemisia-Pflanze möglicherweise wirksamer als isoliertes Artemisinin

 

Heilpflanzen der traditionellen afrikanischen Medizin

Dass nun in Wien Malariapflanzen der traditionellen afrikanischen Medizin untersucht werden, ist sehr sinnvoll. Tradition irrt sich zwar auch oft – siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Doch gibt es immer wieder auch überzeugende Beispiele für Heilpflanzen-Anwendungen, die auf traditioneller Erfahrung basieren.

Der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) mit seinem Inhaltsstoff Artemisinin gehört dazu.

Wenn nun traditionelle Heilpflanzen aus Afrika auf ihre Eignung zur Malariabehandlung untersucht werden, so bleibt zu hoffen, dass daraus nicht ein weiteres Beispiel für Biopiraterie entsteht. Unter Biopiraterie versteht man die kommerzielle Weiterentwicklung natürlich vorkommender biologischer Materialien, wie zum Beispiel pflanzliche Substanzen oder genetische Zelllinien, durch ein technologisch fortgeschrittenes Land oder eine Organisation ohne eine faire Entschädigung der Länder bzw. Völker, auf deren Territorium diese Materialien ursprünglich entdeckt wurden.

(Siehe Wikipedia-Artikel Biopiraterie)

Die schwierige Lage bezüglich Malariabehandlung – zum Beispiel die mangelnden finanziellen Ressourcen, die desolaten Gesundheitssysteme – schaffen ideale Bedingungen für Scharlatane aller Art, die simple Lösungen für anspruchsvolle Probleme anpreisen.

Forschung ist dazu ganz und gar unnötig. Es reicht Selbstüberschätzung, Verblendung und eine gehörige Portion Dreistigkeit. Beispiele dafür gibt es zuhauf: Manche Homöopathinnen und Homöopathen, die zur Vorbeugung und Behandlung von Malaria Globuli empfehlen und damit Leben und Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzen – zum Beispiel die unsäglichen „Homöopathen ohne Grenzen“, aber auch Jim Humbel mit seinem vermeintlichen Wundermittel MMS (Miracle Mineral Supplement), das neben Malaria gleich auch noch Krebs, Autismus, AIDS, Tuberkulose, Demenz und vieles andere mehr heilen soll – eine ziemlich grosse Aufgabe für ein Präparat, das ganz simpel aus dem Bleich- und Desinfektionsmittel Natriumchlorit besteht.

Siehe dazu auch:

Artikel zu Miracle Mineral Supplement im Verbraucherschutzportel Psiram.

Warnung vor Miracle Mineral Supplement (MMS) 

 

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Homophobie in Russland und in Agarn (Wallis)….

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Der „SonntagsBlick“ berichtete über diesen Lokal-Politiker Jörg Meichtry aus Agarn (Wallis), der auf Facebook Homosexuelle mit Kindeschändern gleichsetzt und darüber hinaus noch eine irregeleitete Grossmutter hat, die ihm dazu gratuliert.

Zitat „SonntagsBlick“:

„Vor einigen Wochen schrieb er: «Kriminelle, Grabschänder, Homosexuelle und Kinderschänder haben aus unserer Gesellschaft einen Haufen gemacht, für den man sich schämen muss.»

Weiter wettert er: Homosexualität sei immer noch eine «psychosche Krankheit» – so die Original-Schreibweise…….

Aber Meichtry setzt gleich noch einen drauf: «Abnormalitäten haben in unserer Gesellschaft nichts zu suchen und ich finde, wenn man so krank ist wie die Homosexuellen, ist meine Aussage korrekt.»….

Meichtry bestätigt den Eintrag bei Facebook und betont gegenüber SonntagsBlick: «Ich stehe zu meiner Meinung, und in der Schweiz darf man die frei äussern.»……..

Nur seine Grossmutter hat sich gemeldet. Auf Facebook schreibt sie: «Bravo Jörg, wir sind stolz auf dich.»“

Quelle:

http://www.blick.ch/news/schweiz/westschweiz/svp-mann-hetzt-gegen-schwule-id2662342.html

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine erste Angelegenheit,  zu der es einiges zu sagen gibt – nicht zuletzt, weil in Russland und in vielen Ländern Afrikas (z. B. in Uganda ) diese unsäglich dumme Homophobie wieder ihre Fratze zeigt. Zeit also, etwas genauer hinzuschauen.

Wenn Jörg Meichtry für sich Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, dann ist festzuhalten, dass wir in der Schweiz zwar Meinungsfreiheit haben, diese aber nicht grenzenlos ist. Eine Lizenz zur Diffamierung nach Belieben ist damit jedenfalls nicht erteilt.

Ein Argument mehr für obligatorische Sexualkunde an Schulen

Das Beispiel Meichtry spricht meines Erachtens für die obligatorische Sexualkunde an Schulen, an der alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen müssen, unabhängig von ihrem kulturellen und weltanschaulichen Hintergrund.

Dadurch hätte nämlich auch ein Mensch wie Jörg Meichtry eine faire Chance zu erkennen, welch verheerender Mist ihm durch eine Grossmutter oder durch sein sonstiges Umfeld eingepflanzt wird. Die Familie spielt bei der sexuellen Erziehung unbestritten eine erstrangige Rolle. Aber nur die Schule kann allen Kindern gleichberechtigt und unabhängig Wissen und Fähigkeiten vermitteln. Kinder haben ein Recht auf Chancengleichheit. Sexualkunde schützt Kinder ein Stück weit vor sexuellen Übergriffen, weil sie dadurch Worte haben, mit denen sie darüber reden können, wenn ihnen so etwas passiert. Und sie wirkt durch Information ignoranten Diffamierungen und Diskriminierungen entgegen, wie sie der Fall „Meichtry“ gezeigt hat.

Voraussetzung für eine sinnvolle obligatorische Sexualkunde sind allerdings fachlich und pädagogisch hochstehende Unterrichtsmaterialien und fachlich und pädagogisch geeignete Lehrkräfte. Eine Lehrperson, der dieses Thema peinlich ist, kommt für Sexualaufklärung nicht in Frage.

Ein interessantes Projekt ist in dieser Hinsicht der „Verein Achtung Liebe“, eine Initiative von sexualpädagogisch ausgebildeten Studentinnen und Studenten, die Aufklärungsunterricht an Schulen anbieten.

http://achtungliebe.ch/index.html

Fragwürdige Petition gegen Bildungsplan in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg unterzeichneten gegen 200 000  Personen eine Petition gegen den „Bildungsplan 2015“, unter anderem mit dem Einwand, es fehle darin „komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils…“

(LSBTTIG meint: lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell-queer)

Der fundamentale Irrtum in dieser Formulierung liegt darin, dass man einen Lebenstil wählen kann, die sexuelle Orientierung aber nicht. Man kann sich nicht entscheiden, homosexuell zu sein. Als Beispiel für negative Begleiterscheinungen des „LSBTTIQ-Lebensstil“ nennt die Petition die höhere Suizidgefährdung homosexueller Jugendlicher. Diese höhere Suizidgefährdung hat aber – das liegt absolut auf der Hand – nichts mit Homosexualität an sich zu tun, sondern mit dem Tabu und der Ausgrenzung, die mit diesem Thema in vielen Bereichen immer noch einher geht. Wenn Homosexualität einfach als gleichberechtigte Variante behandelt würde, wie es sie in der Natur halt gibt, dann gäbe es die erhöhte Suizidrate nicht mehr. Aber genau gegen diese selbstverständliche Gleichbehandlung setzt sich die Petition zur Wehr und trägt damit dazu bei, dass der Unterschied in den Suizidraten uns erhalten bleibt.

Da fehlt es – genau wie bei Jörg Meichtry aus Agarn (Wallis) – an grundlegenden medizinischen und psychologischen Kenntnissen.

Dieses Wissen zu vermitteln gehört meiner Ansicht nach zu den Aufgaben unseres Schulsystems, das an diesem Punkt – die Beispiele zeigen es – offensichtlich noch verbesserungsfähig ist. Und während viele Familien gut mit diesem Thema umgehen, sind andere schlicht überfordert.

Aber auch die Medien stehen hier in der Verantwortung. So bringt beispielsweise der SonntagsBlick die absurden Diffamierungen des Jörg Meichtry im Wortlaut und stellt sie damit quasi auch an den Pranger,  lässt sie aber so im Raum stehen. Ein Info-Kästchen mit einer kurzen Richtigstellung wäre hilfreich gewesen.

Sexualkunde für Putin & Co.

Noch viel absurder ist das komplett skurrile Gesetz gegen „Homosexuellenpropaganda“ in Russland, welches jede positive Erwähnung von Homosexualität in der Öffentlichkeit mit Strafandrohung belegt. Glauben Wladimir Putin, seine politischen Gefolgsleute und seine Unterstützer in der russisch –orthodoxen Kirche tatsächlich, dass man mittels Propaganda homosexuell werden kann? Und dass das eine reale Gefahr ist?

Entscheidender dürfte sein: Wladimir Putin braucht Sündenböcke. Und darin liegt eine grosse Gefahr. Gewalttätige Übergriffe auf Homosexuelle häufen sich in Russland. Dafür und auch für zukünftige Eskalationen tragen Putin und die russisch-orthodoxe Kirche Verantwortung.

Wie real diese Gefahr ist, zeigt ein erschütterndes „Spiegel online Video“ zum Thema „Schwulenhass in Putin-Land“ (4 min)

http://spon.de/vfJV2

Zur Entstehung von Homophobie

Damit auf gesellschaftlicher Ebene diesen gefährlichen Tendenzen etwas entgegengesetzt werden kann ist es wichtig zu verstehen, auf welchem Hintergrund eine Homophobie entsteht, wie sie sich gerade bei Wladimir Putin, in Uganda, im Facebook-Beitrag von Jörg Meichtry und an vielen anderen Orten zeigt.

„Die Zeit“ hat vor kurzem einen hervorragenden Artikel von Ulrich Klocke zu diesem Thema publiziert.

Klocke führt drei  Faktoren an, welche die Entstehung von Homophobie beeinflussen:

Rigide Geschlechternormen, eine fundamentalistische Religiosität und Unkenntnis.

Menschen seien umso homophober,  je stärker ihre Vorstellung davon ist, wie sich „richtige Männer“ und „richtige Frauen“ verhalten sollten.

Quelle: http://link.springer.com/article/10.1023%2FA%3A1015640318045#page-1

Jugendliche, die es nicht gut finden, wenn Mädchen Fußball spielen oder Jungen weinen, lehnen auch Lesben und Schwule stärker ab, schreibt Klocke.

Quelle: http://www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_1

Homosexualität widerspreche klassischen Geschlechterrollen: Plötzlich sei unklar, aber wichtig, wer hier Mann und wer Frau in der Beziehung ist. Für Männer sei dies bedrohlicher als für Frauen, was deren stärker ausgeprägte Homophobie erkläre.

Quelle: http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=search.displayRecord&UID=1997-06460-007

In unserer Gesellschaft werde Weiblichkeit als etwas gesehen, das biologisch erworben wird, während Männlichkeit immer wieder neu erkämpft und bewiesen werden müsse.

Quelle: http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&id=2012-24955-001

Wird Männlichkeit in Frage gestellt, dann neigt Mann danach stärker dazu, sie einmal mehr unter Männern zu beweisen. Homophobe Äußerungen seien eine wirksame Methode, um sich vom „nicht-männlichen Schwulen“ demonstrativ abzugrenzen.

Quelle: http://www.sociologyresearch.org/overdoing-gender-a-test-of-the-masculine-overcompensation-thesis/

Psychologisch ist bei der Homophobie folgender Aspekt am interessantesten (Zitat Klocke):

„Besonders angegriffen fühlen sich offenbar Männer, die sich zwar als heterosexuell definieren, aber dennoch von Männern sexuell erregt werden. Diese These untersuchten Henry Adams und Kollegen in einem Experiment, in dem sie heterosexuelle Männer zunächst zu ihrer Homophobie befragten und ihnen später drei erotische Videos zeigten.“

Quelle: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8772014

Das ist ein sehr spezielles, aber auch sehr aufschlussreiches Experiment.

Zitat Klocke:

„In einem dieser Videos hatten ein Mann und eine Frau Sex, in einem zweiten zwei Frauen und in einem dritten zwei Männer. Während die Probanden die Videos schauten, trugen sie eine kleine Manschette um ihren Penis, einen „penilen Plethysmographen“, der Veränderungen im Penisumfang und damit die sexuelle Erregung misst. Während die Männer auf die heterosexuellen und die lesbischen Paare gleichermaßen erregt reagierten, ergab sich ein interessanter Unterschied in ihrer Reaktion auf die schwulen Paare: Wenig homophobe Männer reagierten nicht auf das Video, stark homophobe Männer zeigten hingegen eine Zunahme ihres Penisumfangs.“

Offenbar speise sich Homophobie auch aus der Angst vor der eigenen homosexuellen Anziehung, erklärt Klocke: „Heterosexuelle Männer fühlen sich dadurch in ihrer Männlichkeit bedroht. Durch demonstrative Abwertung von offen schwulen Männern können sie die bedrohte Männlichkeit wiederherstellen.“

Eine neuere Studie bestätige diese These und zeige, dass Homophobie unter Frauen und Männern am höchsten ist, die sich zwar als heterosexuell identifizieren, deren spontan gemessene Reaktionen dieser Identität aber mitunter widersprechen.

Quelle: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22288529

Auch homophobe Äußerungen einiger Politiker oder evangelikaler Prediger können ein Versuch sein, sich gegen die eigene gleichgeschlechtliche Anziehung zu wehren, erklärt Klocke, und verweist auf einen Artikel in der New York Times, der es auf den Punkt bringt:

„WHY are political and religious figures who campaign against gay rights so often implicated in sexual encounters with same-sex partners?“

Quelle: http://www.nytimes.com/2012/04/29/opinion/sunday/homophobic-maybe-youre-gay.html?_r=0

Ein Beispiel aus einer ganzen Reihe ist der amerikanische Fernsehprediger Ted Haggard, der öffentlich gegen Homosexualität anpredigte, aber heimlich eine dreijährige Affäre mit einem Callboy hatte (siehe dazu auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ted_Haggard)

Vorbehalte gegenüber Homosexuellen haben auch viel mit Unkenntnis zu tun, schreibt Klocke. Unbekanntes erzeuge Unbehagen, Vertrautes erzeuge Sympathie. Dieser „Mere-Exposure-Effekt“ sei eine fundamentale psychologische Gesetzmäßigkeit, die auf Musik, Werbebotschaften, Personen und vieles andere gleichermaßen zutreffe.

Klocke schreibt dazu: „Viele Menschen kennen Lesben und Schwule nicht persönlich, sondern nur vom Hörensagen oder aus den Medien, wo sie nicht selten als Exoten, Witzfiguren oder sexbesessene Partymenschen dargestellt werden. Wer jedoch feststellt, dass eine Freundin lesbisch oder ein Kollege schwul ist, dessen Einstellung zu Homosexuellen verbessert sich meist.“

Quelle: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11199-009-9627-3#page-1

Dies gelte besonders für Menschen, die Homosexualität aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen ablehnen.

Quelle: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22449021

Quelle in „Die Zeit“: http://www.zeit.de/wissen/2014-02/homophobie-ursachen-folgen-akzeptanz

Kommentar & Ergänzung:

Drei Punkte:

1. Je stärker die Homophobie, desto mehr stellt sich die Frage, ob damit eigene homosexuelle Neigungen verdrängt werden. Bei Wladimir Putin fällt auf, wie stark er durch wiederholtes Machogehabe in er Öffentlichkeit seine Männlichkeit immer wieder bestätigen muss. Der Mann brauch offenbar entweder eine gute Sexualaufklärung oder eine gute Therapie.

2. Wenn Homophobie zum Teil auf Unkenntnis beruht, dann sind Bestrebungen verheerend, das Thema Homosexualität zu tabuisieren, zum Beispiel indem man es aus Familie und Schule ausschliesst oder gar aus der Öffentlichkeit generell mit diesem unsäglichen Gesetz gegen „Homosexuellenpropaganda“ in Russland.  Solche Tabuisierungsversuche bewirken andauernde Unkenntnis und Fremdheit bezüglich dem Thema Homosexualität und verstärken die allgemeine Homophobie, was nur den Homophobikern selbst entgegenkommt. Sie sind mit ihrer Macke dann nicht allein.

3. Es ist allerdings daran zu erinnern, dass Homophobie nicht nur eine harmlose Schrulle ist, sondern sehr schnell sehr gefährlich werden kann. Homosexuelle (und wer dafür gehalten wurde) landeten im Mittelalter auf Scheiterhaufen und im Nazi-Reich im KZ. Wer mit Homophobie ein politisches Sündenbocksüppchen kocht wie Wladimir Putin und die russisch-orthodoxe Kirche, oder wer einfach strohdumme Diffamierungen streut wie ein Jörg Meichtry aus Agarn (Wallis), bereitet ein Terrain vor für Übergriffe auf Homosexuelle und ist ein potentieller Anstifter. Solche Tendenzen, die sich immer noch und wieder zeigen, verlangen eine gradlinige gesellschaftliche Reaktion.

Und ich schreibe diesen Text, weil ich sehr überzeugt bin, dass diese Reaktion auch von Heterosexuellen kommen muss.

Mehr Infos zum Thema und Möglichkeiten zum Engagement hier:

http://www.queeramnesty.ch

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Alternativer Nobelpreis an Hans Rudolf Herren

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Der Agronom und Insektenforscher Hans Rudolf Herren bekommt für sein Engagement, die biologische Schädlingsbekämpfung und nachhaltige Landwirtschaft zu fördern den alternativen Nobelpreis. Dieser Preis wird jährlich verliehen und zeichnet Menschen oder Initiativen aus, welche Lösungen für die dringendsten Probleme unserer Zeit finden und umsetzen.

Hans Rudolf Herren ist der erste Schweizer, welcher nun für sein Lebenswerk mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird. Ein bedeutender Meilenstein in seiner Karriere war die biologische Bekämpfung der Maniokschmierlaus in Afrika.

Schlupfwespe bekämpft Maniok-Schmierlaus

Die Maniok-Ernten waren in Afrika in den 70er Jahren durch eine eingeschleppte und feindlose Schmierlaus bedroht. Der danach folgende grossflächige Einsatz von giftigen Chemikalien konnte die Verbreitung der Laus nicht stoppen. Die Maniokversorgung von mehreren Millionen Menschen war in grosser Gefahr. Hans Rudolf Herren fand eine Wespenart aus Paraguay, welche die Schmierlaus parasitär befällt und tötet, ohne dabei selbst zur Plage zu werden. Durch eine der gross angelegte Freisetzungskampagnen mit 1.6 Millionen Wespen konnte sich ein biologisches Gleichgewicht zwischen Wespe und Schmierlaus einstellen und damit die Maniokernte sicher gestellt werden.

Mit seiner 1998 gegründeten Stiftung Biovision fördert Herren die biologische Schädlingsbekämpfung und ökologische Landwirtschaft in Afrika und will damit gegen Armut, Hunger und Krankheiten vorgehen.

Neben Hans Rudolf Herren bekamen Paul Walker (USA), Raji Sourani (Palästina) und Denis Mukwege (Demokratische Republik Kongo) ebenfalls den alternativen Nobelpreis für ihre unterschiedlichen Engagements.

Quelle:

http://naturschutz.ch

Kommentar & Ergänzung:

Die Stiftung Biovision setzt Projekte um in Kenia, Äthiopien Tansania und Uganda.

„Biovision setzt seine Mittel in Projekten ein, die durch vermehrte Anwendung von ökologischen Methoden zur Gesundheitsförderung und Schädlingsbekämpfung zum Ziel führen. Dadurch können die Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsregionen nachhaltig verbessert und die Umwelt als natürliche Lebensgrundlage geschützt werden.“

Quelle:  http://www.biovision.ch

Die Strategie der Biovision löst nicht jedes Problem in Afrika. Dieser ökologische Ansatz ist aber sehr spannend.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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