Archive for the ‘Philosophisches’ Category

“Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs”

Montag, Oktober 31st, 2011

So betitelt Bild-Zeitung / DPA eine Meldung vom 28. Oktober.

Die Nachricht tönt gut. Naturheilkunde kann meiner Ansicht nach durchaus einen sinnvollen Platz haben in der Krebstherapie.

Die Meldung von Bild / DPA ist aber voll von Nebelschwaden, Manipulation und Täuschung. Es lohnt sich daher, sie genauer unter die Lupe zu nehmen, weil man daraus für viele ähnliche Meldungen etwas lernen kann.

Hier der Originaltext am Stück:

Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs

Eine Kombination aus Schulmedizin und Naturheilkunde kann aus Sicht von Naturheilkundlern in der Krebstherapie erfolgreich sein. Der amerikanische Krebsforscher Ralph Moss sagte am Freitag zum Auftakt der Medizinischen Woche in Baden-Baden, Studien aus drei Jahrzehnten hätten gezeigt, dass eine konventionelle Therapie die besten Resultate erziele, wenn sie mit einer individuell abgestimmten Behandlung aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin ergänzt werde. Er begründete dies mit der Stabilisierung und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien.“

Quelle:

http://www.bild.de/regional/stuttgart/stuttgart-regional/naturheilkunde-sieht-erfolge-im-kampf-gegen-20705946.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Schauen wir uns die Meldung nun Schritt für Schritt an (Kommentare von mir kursiv):

„Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs“

Kommentar M.K.:

Schon der Titel wirft einige Fragen auf:

- Was genau ist gemeint mit „Naturheilkunde“? Dieser Begriff wird heute oft irreführend und unpräzis verwendet.

Siehe:

Naturheilkunde – was ist das?

- “Naturheilkunde sieht Erfolge….”

So? Naturheilkunde ist vorerst einmal ein Begriff und der sieht gar nichts. Darüber hinaus kann man die “Naturheilkunde” auch als eine sehr heterogene “Szene” sehen, deren Vertreter  man aber zuerst fragen müsste, ob sie mit den Aussagen im Text einverstanden sind. “Naturheilkunde sieht….” tönt aber gewichtiger als “Ralf Moss sagt…”. Die “Naturheilkunde” wird hier vereinnahmt zur Stärkung der eigenen Position.

- Was ist gemeint mit „Erfolg“ im Kampf gegen Krebs? „Erfolg“ müsste klarer definiert werden.

Die Formulierung legt nahe, dass mit „Erfolg“ Krebsheilung gemeint ist.

Diese Interpretation wird natürlich von Krebspatienten und von einer Öffentlichkeit, die verständlicherweise Angst vor Krebs hat, sehr gerne gehört.

Viel weniger gerne wird gehört, dass von missionarischen Heilbringern geschürte Hoffnungen leider weitestgehend illusorisch ist.

Naturheilkunde – und das sage ich als Naturheilkundler – kennt meines Erachtens keine überzeugenden Heilmittel gegen Krebs. Selbst für die oft angewendete Misteltherapie  gibt es trotz unzähliger Untersuchungen keine wasserdichten Belege für eine lebensverlängernde Wirkung.

Siehe dazu:

Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Soll man die Leute mit illusorischen Hoffnungen abfüllen? Das kommt immer gut an und man wird als (vermeintlicher) Retter in der Not hoch geschätzt. Oder soll man die bescheidenen Möglichkeiten bescheiden darstellen auf das Risiko hin, damit im Heer der Heilstrompeter übersehen zu werden?

Ralf Moss gehört meinem Eindruck nach zur ersten Gruppe.

Der „Erfolg“ der Naturheilkunde in der Onkologie kann in der Verbesserung der Lebensqualität der Patienten liegen oder in der Linderung von Beschwerden, die durch Chemotherapie oder Bestrahlung verursacht werden. Für Patientinnen und Patienten ist das oft wertvoll, aber es ist nicht die erhoffte Heilung.

Diese Begrenzung und Präzisierung macht die Schlagzeile von Bild / DPA aber nicht.

Den Heilstrompetern reicht diese Begrenzung nicht. Nur Symptome zu lindern, das ist nicht genug für ihr grosses Ego. Mehr Bescheidenheit und weniger Allmachtphantasien wären meines Erachtens hier angebracht.

„Eine Kombination aus Schulmedizin und Naturheilkunde kann aus Sicht von Naturheilkundlern in der Krebstherapie erfolgreich sein.“

Kommentar M.K.:

- Der Begriff „Schulmedizin“ ist ein ideologisch aufgeladener, negativ gefärbter Kampfbegriff und damit manipulativ. Die Medizin soll kritisiert werden. Sie hat Kritik nötig genauso wie die sogenannte „Komplementärmedizin“. Die Kritik soll aber auf Argumenten aufbauen und konkrete Missstände benennen und sich nicht hinter negativ aufgeladenen Begriffen verstecken.

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

- Auch hier wieder: Was meint „in der Krebstherapie erfolgreich sein“?

„Der amerikanische Krebsforscher Ralph Moss sagte am Freitag zum Auftakt der Medizinischen Woche in Baden-Baden..“

Kommentar M.K.:

-Was verstehen Sie unter einem „Krebsforscher“? Ich würde mir einen Wissenschaftler vorstellen, einen Biologen vielleicht oder einen Arzt.

Das dürfte wohl den meisten Leserinnen und Lesern so gehen. „Krebsforscher“ Ralph Moss ist ein Buchautor, Journalist und Filmemacher. Er hat weder in der Krebsforschung gearbeitet noch ist er Arzt. Ralph Moss promovierte 1974 an der Stanford University (Ph.D. in “Classical Languages and Literature”). Er propagiert zahlreiche unwirksame Krebstherpien wie zum Beispiel Amygdalin (Laetrile).

Zu Amygdalin siehe:

Amygdalin / Vitamin B17 als angebliches Krebsmittel

Aber Bild / DPA schreibt von „Krebsforscher“…

Weitere Info zu Ralph Moss:

- Zur „Medizinischen Woche“ in Baden-Baden……..

Tönt anerkannt, neutral, umfassend, die „Medizinische Woche“…..

Es handelt sich um einen Kongress zur Propagierung von unbelegten Krebstherapien. Das ist selbstverständlich legal in einer Gesellschaft mit Meinungsfreiheit. Legal (und nötig) ist aber auch, solche Ansichten kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Warum wird im Titel der Veranstaltung der Inhalt „alternative Krebstherapien“ nicht genannt, sondern ein neutraler „medizinischer“ Inhalt (“Medizinische Woche) vorgegaukelt?

Der Kongress steht unter dem Motto:

Mit der Natur im Einklang – Krebs vorbeugen und behandeln”

Nur schon dieses Motto ist ausgesprochen fragwürdig und irreführend. Zu fragen wäre etwa, ob das überhaupt möglich ist, den Krebs im Einklang mit der Natur zu bekämpfen.

Im Einklang mit der Natur müsste man den Krebs nämlich wachsen lassen. Schliesslich gehört der Krebs unzweifelhaft auch zur Natur.

Das Motto tönt aber so schön…..

Leere, aber mit positiven Emotionen verknüpfte Ausdrücke sind ein Baustein für Manipulation.

Veranstaltet wird die „Medizinische Woche“  von der „Deutschen Gesellschaft für Onkologie e. V“ (DGO). Das tönt nach der offiziellen Fachorganisation der Onkologinnen und Onkologen in Deutschland.

In Wirklichkeit handelt es sich um einen Verein mit sehr beschränkter Mitgliederzahl, vor allem um Ärzte, die Krebstherapien propagieren, deren Wirksamkeit nicht belegt ist. Es ist legal, dass solche Ärzte sich organisieren und ihre Interessen vertreten. Aber warum muss dazu ein Vereinsname her, der eine nicht vorhandene Reputation und Bedeutung vorspiegelt? Das ist unseriös bis in die Knochen. Ralph Moss ist Ehrenmitglied der DGO. Präsident der DGO ist der Arzt Friedrich Douwes, der unter anderem das angebliche Krebswunderheilmittel Miracle Mineral Supplement (MMS) propagiert.

Eine schöne “Gesellschaft zur Ausbeutung der Hoffnung schwerkranker Patienten” (GAHSP) haben wir da.

Weitere Infos zur DGO:

Weitere Infos zu Friedrich Douwes

Eine seriöse Organisation im Bereich Krebs / Onkologie ist die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG): http://www.krebsgesellschaft.de/

und in der Schweiz die Krebsliga.

„Studien aus drei Jahrzehnten hätten gezeigt, dass eine konventionelle Therapie die besten Resultate erziele, wenn sie mit einer individuell abgestimmten Behandlung aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin ergänzt werde.“

Kommentar M.K.:

- Was heisst genau: Studien aus drei Jahrzehnten…..?

Welche Studien, mit welchen Verfahren oder Stoffen?

Es gibt Studien mit sehr unterschiedlicher Qualität. Das Wort „Studien“ sagt über die Relevanz von Ergebnissen nichts aus.

Bei Laborstudien zum Beispiel ist sehr fraglich, ob die Effekte aus Zellkulturen auch beim Menschen auftreten würden.

Und alle „Studien aus drei Jahrzehnten“ scheinen sich einig zu sein? Das ist äusserst unwahrscheinlich. Es ist geradezu charakteristisch für die Wissenschaft, dass es zu einem Thema Studien mit positiven und negativen Ergebnissen gibt, und dass man erst aus einer Vielzahl von zum Teil widersprüchlichen Studien relevante Schlüsse ziehen kann.

Warum werden negative Studien, die es beim Thema Krebsbehandlung durch Naturstoffe in grosser Zahl gibt, nicht erwähnt. Das sieht nach Manipulation durch einseitige Selektion aus.

- Und wie schon beim Begriff „Erfolg“: Was genau meint, die besten „Resultate“? Krebsheilung? Verlängerte Lebenszeit? Verbesserung der Lebensqualität?

- Was genau ist gemeint mit „aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin“?

„Komplementärmedizin“ ist ein positiv gefärbter Lobbying-Begriff, der an sich noch nichts aussagt. „Komplementär“ bedeutet ergänzend. Darin steckt eine Vorstellung vom Ganzen. Natürlich ist das „Ganze“ zu haben immer attraktiver als nur einen Teil, vor allem auch für leidende Patienten.

Aber was ist den genau das Ganze, zu dem Komplementärmedizin die Medizin ergänzt? Körper, Seele und Geist? Und wie sieht das dann konkret in der Behandlung aus? Kann überhaupt jemand ganzheitlich behandeln? Um jemand ganzheitlich zu behandeln müsste man ihn oder sie ganzheitlich wahrnehmen. Wir nehmen aber wohl nur einen beschränkten Teil unseres Gegenübers und auch nur einen kleinen Teil von uns selbst wahr. Wie also soll Ganzheitlichkeit erreichbar sein?

Mehr dazu hier:

Fragwürdige Ganzheitliche Medizin

Komplementörmedizin – ein fragwürdiger Begriff

„Er begründete dies mit der Stabilisierung und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien.“

Kommentar M.K.:

Gegen das Ziel „der Stabilisierung  und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien“ ist nichts einzuwenden.

Die Aussage ist einfach so vage, dass wohl niemand dagegen Einwände haben kann. Die Kehrseite davon ist aber, dass damit auch nichts Greifbares ausgesagt wird. So „leer“ spricht der Satz einfach Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse an, zum Beispiel das Bedürfnis nach Schutz vor aggressiven Therapien, das Gefühl der Angst etc.

Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse ansprechen, ohne greifbare Aussagen zu machen (an denen jemand anecken könnte) – ist ein Vorgehen mit manipulativem Potenzial.

Fazit: Der in „Bild“ bzw. DPA veröffentlichte Text ist hoch tendenziös und täuscht Leserinnen und Leser.

Dabei ist aber festzuhalten, dass dies kein Einzelfall ist. Die Berichterstattung über Themen aus Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin ist in hohem Mass unkritisch und irreführend. Im vorliegenden Text hat „Bild“ wohl einfach eine DPA-Meldung abgedruckt, die wiederum vermutlich auf einer Pressemitteilung der Kongressveranstalter basieren dürfte. Fragen wurden da offensichtlich keine gestellt.

Leserinnen und Lesern kann man eigentlich nur raten, entweder solchen Schrott gar nicht zu lesen, oder sich ein Vergnügen draus zu machen, die Inhalte kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ungeprüft blind glauben, was da alles geschrieben wird, ist jedenfalls eine ungesunde und unwürdige Option.

P.S.: Vor allem Menschen mit chronischen und / oder lebensbedrohenden Krankheiten werden oft überschwemmt mit gut gemeinten Ratschlägen aus dem Bereich Komplementärmedizin.

Das wird für Patientinnen und Patienten nicht selten anstrengend.

Wie kann man sich orientieren in diesem unübersichtlichen Angebot?

Wie bildet man sich eine fundierte, eigene Meinung?

Infos und Anregungen dazu gibt es im Tagesseminar

Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Operationstermine nach dem Mondkalender?

Montag, Oktober 24th, 2011

Manche Organempfänger möchten ihren Operationstermin nach der Mond-Phase planen.

Offenbar kommen solche Wünsche hinsichtlich der Operationsplanung nicht so selten vor. Aus diesem Grund untersuchte das Team um Dr. Axel Kleespies vom Universitätsklinikum Großhadern, München, den Einfluss der Mondphase auf ihre Transplantationserfolge. Als Basis dienten die Daten von 278 Nierentransplantationen (Lebendspende) aus den Jahren 1994–2009.

Wie die Autoren in der „Zeitschrift für Gastroenterologie“ berichten, fanden 8 % der Eingriffe bei Vollmond und 6 % bei Neumond statt. 46 % der Transplantationen wurden bei zunehmendem, 40 % bei abnehmendem Mond durchgeführt.

Auf Operations-Komplikationsrate, Morbidität, Mortalität, Abstoßungsreaktionen und Transplantatüberleben hatte der Mond keinen Einfluss, stellten die Autoren fest.

Das Patientenüberleben nach einem und zehn Jahren (99 % und 92 %) sowie das Organüberleben (97,5 % und 86 %) erwies sich in allen Mondphasen als vergleichbar.
Im Umgang mit verunsicherten Organspendern und Organempfängern können diese Daten von großem Nutzen sein, schreiben die Autoren. Glaubt ein Patient allerdings unerschütterlich an Mondeinflüsse, empfehlen die Chirurgen pragmatisch. seine Terminwünsche – soweit machbar – zu berücksichtigen.

Quellen:

A. Kleespies et al., Z Gastroenterol 2011; 49: 1111

http://www.medical-tribune.de/home/news/artikeldetail/niere-verpflanzen-nach-dem-mondkalender.html

Kommentar & Ergänzung:

Im Buchhandel finden sich eine ganze Reihe von „Mondkalendern“,  mit denen man für alle möglichen Aktivitäten angeblich den richtigen Zeitpunkt bestimmen kann. „Vom richtigen Zeitpunkt“ heisst denn auch schon mal eines dieser Werke.

Damit kann man viele Entscheidungen an eine aussenstehende, scheinbar unfehlbare Instanz delegieren, was sehr erleichternd sein kann.

Da sich die einzelnen Mondkalender mit ihren Angaben aber auch widersprechen, sollte man nur ein Buch konsultieren, sonst ist man wieder gleich weit wie ohne kosmische Anweisungen.

Mehr Details hier:

http://dermond.at/mondphasen.html

Im übrigen gibt es ja auch Menschen, die Heilpflanzen nach dem Mond ernten und einsetzen. Solche Regeln geben zweifellos Orientierung in einer zunehmend unübersichtlicheren Welt.

Mit den Heilpflanzen oder gar mit dem Mond haben sie wohl kaum zu tun.

Ich finde, wir sollten auf andere Art lernen, mit der Unübersichtlichkeit der Welt umzugehen. Sich an vorgesetzte, scheinbar vom Kosmos präsentierte Regeln zu halten, ist allenfalls eine Krücke. Selber laufen ist vorzuziehen.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Radiotipp: Gespräch mit Frans de Waal über Empathie bei Mensch & Tier

Freitag, September 23rd, 2011

Das „Philosophische Radio“ auf WDR 5 sendete vor kurzem ein interessantes Radiogespräch mit dem Zoologen Frans de Waal über die Entwicklung von Empathie bei Menschen und Tieren.

Das Gespräch kann hier nachgehört werden:

Zu Frans de Waal:

„Fransiscus Bernardus Maria (Frans) de Waal (* 29. Oktober 1948 in ’s-Hertogenbosch, Niederlande) ist ein Zoologe und Verhaltensforscher, der sich seit Anfang der 1970er Jahre speziell mit Schimpansen und Bonobos befasst, aber auch mit Makaken, Kapuzineraffen, Elefanten und Buntbarschen.“

(Quelle: Wikipedia)

Zum Forschungsbereich von Frans de Waal:

„Die Schwerpunkte von de Waals Arbeiten liegen in der Erforschung der tierischen und menschlichen Entwicklung von Kultur, Moral und der Entstehung von Empathie und Altruismus als einer der Grundlagen der Sozialisation innerhalb von Gruppen und im speziellen der sich daraus später entstehenden besonderen Aspekte der Menschwerdung. De Waal geht dabei davon aus, dass die Entstehung von Moral und Kultur keine rein menschlichen Leistungen sind und sich daher auch vermehrt im Tierreich herausgebildet haben müssen. De Waal sieht dabei die Moral als einen evolutionären Prozess an, der geschaffen wurde, um soziale Normen untereinander zu entwickeln, um dadurch die Befähigung zu erhalten, Konfliktlösungsstrategien und Mechanismen zur gegenseitigen Hilfe in sozialisiert lebenden Gruppen herauszubilden.“

(Quelle: Wikipedia)

Zum „Prinzip Empathie“ von Frans de Waal:

„Gier ist out, Empathie ist in. In der Natur tobt ein Kampf ums Überleben, in der Evolution herrscht das Recht des Stärkeren. Zumindest, wenn man Darwins Theorie verkürzt betrachtet. Frans de Waal, der große Humanist unter den Verhaltensforschern, widerlegt diese These. Seine Beobachtungen an Hunden, Katzen und Schimpansen zeigen: Offenbar erkennen auch Tiere in ihrem Gegenüber eine verwandte Kreatur und zeigen Empathie und Solidarität. Auf den Menschen übertragen, heißt das: Kooperation gehört zu unserer Grundausstattung. Engagiert und anschaulich erklärt de Waal, warum Stärke allein nichts zählt und was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können.“

Quelle: Beschreibung des Hanser-Verlags zum Buch „Das Prinzip Empathie“ von Frans de Waal.

Das Thema „Empathie“, so wie Frans de Waal es im Gespräch vertritt, ist für die Philosophie wichtig im Bereich der Ethik.

Heute dominiert in vielen Kreisen eine Haltung, die Konkurrenz als alleiniges Organisationsprinzip menschlicher Beziehungen betrachtet und dies evolutionsbiologisch zu begründen versucht.

Diese Haltung dürfte nicht wenig zur Finanzkrise 2008 beigetragen haben. Frans de Waal belegt, dass neben Konkurrenz auch Kooperation bereits in der evolutionären Entwicklung angelegt ist.

P.S. Wenn Sie sich für philosophische Fragen im Bereich von Gesundheit & Krankheit interessieren, dann schauen Sie mal ins Kursprogramm im Bereich „Forum Naturheilkunde & Philosophie“.

Ich bin überzeugt davon, dass wir mehr philosophische Reflexion rund um Gesundheit und Krankheit brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Zitat: Peter Bieri über Bildung und Neugierde

Dienstag, September 20th, 2011

„Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt. Sie kann in ganz verschiedene Richtungen gehen: hinauf zu den Gestirnen und hinunter zu den Atomen und Quanten; hinaus zu der Vielfalt der natürlichen Arten und hinein in die phantastische Komplexität eines menschlichen Organismus; zurück in die Geschichte von Weltall, Erde und menschlicher Gesellschaft, und nach vorn zu der Frage, wie es mit unserem Planeten, unseren Lebensformen und Selbstbildern weitergehen könnte.

Stets geht es um zweierlei: zuwissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist. Die Menge von dem, was es zu wissen und zu verstehen gibt, ist gigantisch, und sie wächst mit jedem Tag. Sich zu bilden, kann nicht heissen, ausser Atem hinter allem herzulaufen. Die Lösung ist, sich eine grobe Landkarte des Wissbaren und Verstehbaren zurechtzulegen und zu lernen, wie man über die einzelnen Provinzen mehr lernen könnte. Bildung ist also ein doppeltes Lernen: Man lernt die Welt kennen, und man lernt das Lernen kennen.“

Quelle:

http://www.hwr-berlin.de/fileadmin/downloads_internet/publikationen/Birie_Gebildet_sein.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Peter Bieri formuliert im obenstehenden Zitat Grundsätze zu Bildung und Neugier, die auch gut zur Phytotherapie-Ausbildung oder zum Heilpflanzen-Seminar passen. Der unersättliche Wunsch zu erfahren, was es in der Welt der Heilpflanzen alles gibt, ist eine gute Voraussetzung für ergiebige Lernprozesse.

Zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist – das ist ein gutes Ziel.

Es gibt eine Tendenz, Ausbildungen oder Weiterbildungen eher als Unterhaltungsveranstaltungen zu sehen, als Events quasi. Dadurch werden sie aber zu Seichtgebieten und verlieren an Tiefe und Engagement. Das Zitat von Peter Bieri stammt aus einer Rede, die sich gegen diese Verflachung wendet.

Zu Peter Bieri:

Peter Bieri (* 23. Juni 1944 in Bern, Pseudonym: Pascal Mercier) ist ein Schweizer Philosoph und Schriftsteller. Am bekanntesten ist Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“ mit der Kernthese:

„Auch wenn die Naturgesetze bestimmen, was wir tun und denken, können wir uns unter Berücksichtigung der jedem Menschen gegebenen Bedingtheiten als frei verstehen. Frei sind wir in diesem Sinne genau dann, wenn wir unseren eigenen Überzeugungen gemäß handeln können. Ein solcher Freiheitsbegriff, der ein bewusstes Reflektieren und eine bewusste Entscheidung voraussetzt, aber auch für möglich hält, steht nicht im Gegensatz zum Determinismus. Die Idee einer ‚absoluten Freiheit’, die gegen den Determinismus gerichtet ist, ist begrifflich inkohärent.“

(Quelle: Wikipedia)

Es braucht auch im Bereich von Gesundheit und Krankheit vermehrt philosophische Reflexion. Angebote dazu finden sie im Bereich

Naturheilkunde und Philosophie

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Inserat:

Martin Koradi

Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
Ausbildungen in Phytotherapie / Weiterbildung Pflanzenheilkunde

Winterthur, Kanton Zürich, Schweiz

www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

http://moodle.heilpflanzen-info.ch/

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Karma-Yoga: Abschaffung jeder Ethik?

Donnerstag, August 18th, 2011

Ich höre immer wieder aus mehr oder weniger Esoterik-nahen Kreisen der Komplementärmedizin die Ansicht, dass wir „nicht werten“ sollen.

Dieses „Gebot“ halte ich für sehr problematisch, was ist mit einem Beispiel erläutern möchte.

Auf einer Karma-Yoga-Website finde ich folgenden Beitrag einer Lehrerin für Karma-Yoga unter der Überschrift:

„Tun und nicht werten“

Danach folgt:

《 Gestern Morgen habe ich von einer Freundin eine E-Mail bekommen, in der unter anderem der folgende Satz stand:

“Gleich frühstücke ich und dann muss/will/darf ich (such dir eines aus!) mit meinen Schwiegereltern, die bei uns zu Besuch sind, einen Ausflug machen.“

In meiner Antwort-Mail habe ich dazu geschrieben:
“Sag doch einfach: ‘… und dann mache ich mit meinen Schwiegereltern einen Ausflug. Ohne zu werten.”

Einfach tun, was gerade zu tun ist. Eines der Grundprinzipien des Karma Yoga.
Ohne Widerwillen, ohne Aufschub, ohne Murren, ohne Unlust.
Mit Gleichmut eben.

Wenn wir aufhören, unsere Aufgaben und Pflichten – die ja einen grossen Teil unseres Alltags beanspruchen! – in angenehm und unangenehm, erwünscht und unerwünscht aufzuteilen, und alles mit der gleichen liebevollen Hinwendung tun, wird unser Leben um einiges leichter! 》

Quelle:

http://www.karma-yoga.eu/?p=311

Kommentar & Ergänzung:

Einfach tun, was gerade zu tun ist. Ohne Aufschub, ohne Murren. Nicht werten.

Massenmörder und Folterknechte rechtfertigten und rechtfertigen weltweit ihre Taten damit, dass sie einfach ihre Aufgabe erfüllen,  ihre Pflicht tun, ohne Aufschub, ohne Murren.

Beispielhaft dafür ist die berüchtigte Rede von Reichsführer-SS Heinrich Himmler an 4. Oktober 1943 an einer SS-Gruppenführer-Tagung in Posen (Polen).

Hier ein paar Auszüge:

„Genau so wenig, wie wir am 30. Juni gezögert haben, die befohlene Pflicht zu tun und Kameraden, die sich verfehlt hatten, an die Wand zu stellen und zu erschiessen.“

Ohne zu zögern, ohne Aufschub, ohne Murren seine Pflicht tun……

„Von Euch werden die meisten wissen, was es heisst, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei — abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen — anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“

…und dabei anständig geblieben sein…

„Insgesamt aber können wir sagen: Wir haben diese schwerste Aufgabe in Liebe zu unserem Volk getan. Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“

..und auch schwerste Aufgaben mit Liebe erfüllen.

Das sind zentrale Punkte in der Ideologie des Heinrich Himmlers. Er redet sehr oft von Aufgaben und Pflichten, die zu erfüllen sind.

Quelle der Zitate aus der Posen-Rede:

http://www.holocaust-history.org/himmler-poznan/speech-text.shtml

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn der Massenmörder Heinrich Himmler mit dem Karma-Yoga zu tun habe, und ob dieser Vergleich nicht etwas gar abstrus sei.

Nun, Heinrich Himmler war ein Anhänger der indisch-buddhistischen Karma-Lehre. Sie war für ihn ein tiefes Glaubensdogma, auf das er immer wieder zu sprechen kam, und das er mehrmals für die Sinndeutung der eigenen Existenz in Anspruch nahm.

Die Bhagavadgita, die zentrale Schrift des Karma-Yoga, soll Himmler so geschätzt haben, dass er sie ständig bei sich trug.

Heinrich Himmler verglich Hitler mit dem in diesem Lehrgedicht auftretenden Gott Krishna.

Die Bhagavadgita liest sich fast wie ein Katechismus für die SS. Viele NS-Ideologen nahmen daher auf diese indische Kriegerschrift immer wieder Bezug.

Die Philosophie der Bhagavadgita wurde nach dem Kriege von rechtsextremer Seite als Legitimation von Auschwitz herangezogen.

(weitere Infos dazu: http://www.trimondi.de/H-B-K/inhalt.hi.htm)

Albert Schweitzer kommt in seinem 1935 geschriebenen Werk „Die Weltanschauung der Indischen Denker“ zu einer sehr kritischen Einschätzung der ethischen Wertvorstellungen wie sie in der Bhagavadgita zu finden sind.

„Er schreibt: Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der hasslosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meist gelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.“

(Quelle: Wikipedia)

Aber kommen wir zurück in die Gegenwart:

1. Das alte oder neue Esoterik-Gebot „Nicht Werten!“ stellt Werten als negativ dar und wertet damit selber. Ein eklatanter Selbstwiderspruch.

2. „Nicht werten“ kann ein angemessene Grundhaltung sein zum Beispiel in einem therapeutischen Setting oder während einer Meditationsübung. Wer aber „Nicht werten“ im Alltag propagiert, schafft jede Ethik ab.

Kein Mensch wir ohne Wertung einen Finger rühren, wenn in der S-Bahn jemand angegriffen oder angepöbelt wird. Nicht einmal einen Anruf bei der Polizei wird es geben, wenn nicht zuvor dieser Angriff als inakzeptabel gewertet wird.

3. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Konsumenten verhalten. Der Kauf von Bio-Produkten beispielsweise basiert auf einer Wertung.

4. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger verhalten. Jede Abstimmung, jede Wahl setzt eine Wertung voraus. Wer eine Grundhaltung des Nicht-Werten propagiert, stellt das Funktionieren demokratische Staatsformen in Frage.

Fazit: Meiner Ansicht nach ist die „Nicht-Werten-Propaganda“ ein kompletter Holzweg.

Wir sollten nicht weniger, sondern eher mehr werten.

Aber wir sollten zugleich auch so gut wie möglich lernen, sorgfältiger zu werten, genauer, differenzierter – weniger vorschnell und pauschal.

Dazu braucht es unter anderem ein Wissen darum, dass wir für unsere Wertungen keine absolute Gültigkeit beanspruchen können und dass sie perspektivisch sind. Das heisst auch, dass wir einerseits für unsere Wertungen mit Argumenten einstehen sollten, aber genauso bereit sein müssen, sie falls nötig zu revidieren.

P. S.:

- Sorgfältige Wertungen sind auch im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin nötig.

Kriterien dazu bietet das Tagesseminar:

Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot

- Auf den ersten Blick irritiert das starke Interesse eines Heinrich Himmlers an den Lehren der Bhagavadgita. Das überrascht aber nur, weil weitgehend unbekannt ist, dass führende Exponenten des „Dritten Reiches“ stark von esoterischen Vorstellungen geprägt waren und zudem eng verbunden waren mit Naturheilkunde, Homöopathie, Anthroposophie, Schüssler Salzen  und Heilpflanzenkunde, die in jener Zeit politisch gefördert wurden.

Ich halte es für wichtig darüber nachzudenken, weshalb diese unsägliche Verbindung zwischen Naturheilkunde und Nationalsozialismus zustande kam und vor allem, weshalb ihre Weltbilder an vielen Punkten so kompatibel waren.

Die Fakten dazu im Tagesseminar

Naturheilkunde und Nationalsozialismus – eine fast unbekannte, unheilsame Verbindung – und was wir heute daraus lernen können

- Generell scheint es mir wichtig, dass wir vor allem bei traditionellen Heilmethoden verstehen, auf welchen Weltbildern sie gewachsen sind. Info dazu im Seminar:

Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit - Beiträge zur Ideengeschichte der Pflanzenheilkunde

Vorgestellt werden die Welt- und Menschenbilder der magisch-mythischen Medizin, der antiken Viersäftelehre (Humoralpathologie), der mittelalterlichen Klostermedizin (Hildegard von Bingen), der Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus), der Bachblüten-Therapie und der Phytotherapie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen

Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

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Bekommen Haie wirklich keinen Krebs?

Mittwoch, August 17th, 2011

Die Bild-Zeitung veröffentlich in der Rubrik „Medizin-Geheimnisse aus der Tierwelt“ einen Beitrag unter dem Titel „Warum Haie keinen Krebs bekommen“

„Bild“ schlägt vor: „Machen Sie es doch mal wie die Tiere! Fitness-Papst und Autor Dr. Ulrich Strunz stellt in seinem neuen Buch tierische Verhaltensweisen vor, die auch wir nutzen können, um gesünder, fitter und fröhlicher durchs Leben zu gehen.“

Und wie sieht das konkret aus?

„Haie können, im Gegensatz zu anderen Fischen, nicht an Krebs erkranken. Die Erklärung: Psychoneuroimmunologie. Das ist die Erkenntnis, dass wir mit unserer Psyche das Immunsystem beeinflussen können. Eigentlich ist es schon länger bekannt: Wenn wir gut gelaunt sind, haben wir ein gutes Immunsystem, wenn wir schlecht gelaunt sind, ein schlechtes. Der Hai lebt im Meer, hat keine natürlichen Feinde, keine Angst, ist quasi unverwundbar. Dadurch hat er ein positives Lebensgefühl.“

Und was können wir nach Ansicht des Fitnesspapstes von den Haien lernen?

„Das können wir daraus lernen: Nicht ständig Angst haben! Nicht ständig über das Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod grübeln. Weniger Angst und Sorgen mindern das Krebs-Risiko. 70 Prozent aller Krankheiten werden durch Stress mitverursacht, also durch negative Gedanken und Ängste. Zu diesem Schluss kam das größte medizinische Forschungsinstitut der Welt, das National Institut of Health (USA). Versuchen Sie, positive Botschaften an Ihr Unterbewusstsein zu senden. So haben Sie ein gutes Lebensgefühl und bleiben gesund.“

Quelle:

http://www.bild.de/ratgeber/gesund-fit/krebs/von-tieren-lernen-adler-hai-panther-krebs-19301062.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Beitrag in der Bild-Zeitung ist eine einzige Irreführung.

1. Haie können sehr wohl an Krebs erkranken.

„Tatsache ist, dass auch Haie Krebs bekommen. Belegt wird dies von John C. Harshberger, Direktor der «Registry of tumors in lower animals» der Smithonian Institution in Washington D.C. In diesem Register sind mehrere Dutzend Reporte über Krebs bei Haien dokumentiert.“

Quelle: http://www.sharkinfo.ch/SI1_96d/knorpel.html

Das Gerücht, wonach Haie immun seien gegen Krebs, wird vor allem verbreitet durch die Hersteller von Haifischknorpel-Pulver, welches als Krebsheilmittel propagiert wird.

Siehe dazu:

Lungenkrebs: Haifischknorpel-Extrakt ohne Wirkung

2. Haie haben sehr wohl natürliche Feinde.

„Außer dem Menschen, der die meisten Haie tötet, haben Haie auch andere Feinde. Insbesondere kleinere Haiarten werden regelmäßig vor allem von größeren Fischen, Rochen und größeren Haien gejagt. In Küstennähe werden kleine Haie zudem von Seevögeln oder Robben gefangen.

Größere Haie werden dagegen ausschließlich von Schwertwalen und Pottwalen sowie großen Haiarten erbeutet.“

(Quelle: Wikipedia)

3. Wenn der Hai „quasi unverwundbar“ ist, wie „Bild“ schreibt, weshalb stehen dann viele Hai-Arten infolge menschlicher Einflüsse kurz vor der Ausrottung?

„Hai-Gefährdung durch Menschen

Jährlich werden nach Angaben der FAO etwa 700.000 bis 800.000 t Knorpelfische gefangen, davon ein großer Teil als Beifang der großindustriellen Fangflotten. Diese Menge entspricht 70 bis 100 Mio. Einzeltieren, etwa 60 % davon sind Haie und 40 % Rochen.[12] Nach Compagno et al. 2005 sind diese Zahlen allerdings deutlich zu niedrig eingestuft, da eine Vielzahl von Staaten zu niedrige Fangzahlen angibt, er geht mindestens von der doppelten Menge aus.

Die wirtschaftliche Nutzung des Haies hat letztendlich dazu geführt, dass über 70 Arten bereits vom Aussterben bedroht sind. Die meisten dieser Arten werden bereits als nicht mehr überlebensfähig bezeichnet.“

(Quelle: Wikipedia)

4. Haie haben also, weil sie so völlig ungefährdet im Meer herumschwimmen, ein „positives Lebensgefühl“.

Wieviele Haie wurden denn zu dieser für sie bestimmt existenziellen Frage interviewt?

Ich hoffe doch, dass die Ergebnisse repräsentativ sind bezüglich Geschlecht und Alter der Tiere und auch für die verschiedenen Hai-Arten.

5. Die Empfehlung, wir sollten es einfach wie die Haie machen, ist reichlich naiv.

Haie grübeln wohl mit grösster Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht ständig nach über „ Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod“.

Das dürfte aber damit zu tun haben, dass ihnen diese Risiken nicht oder jedenfalls weniger bewusst sind.

Es gibt offenbar einfach menschenspezifische Ängste, die damit zusammenhängen, dass wir solche Risiken erkennen und auf uns zukommen sehen.

Haie machen sich wohl auch nicht grosse Sorgen darüber, wie sie sich als Hai richtig verhalten sollen. Haiisches Verhalten dürfte ihnen genetisch bzw. instinkgesteuert implementiert sein. Wir Menschen haben durch unsere geringere Instinktsteuerung offenbar grössere Spielräume im Verhalten und damit mehr Freiheiten, damit aber auch mehr Entscheidungsschwierigkeiten, Versagensängste etc.

6. Dass Stress krank machen kann, würde ich nicht grundsätzlich bestreiten. Aber dass man umgekehrt nur ein gutes Lebensgefühl kreieren muss, und dann gesund bleibt,  ist eine ziemlich simple Vorstellung von Gesundheit und Krankheit. Wer krank ist, hat es also einfach nicht geschafft, ein gutes Lebensgefühl zu produzieren. So einfach…..

Und wie genau schickt man „positive Botschaften“ ans Unterbewusstsein, damit sie dort auch sicher ankommen? Per Mail?

Zudem ist die Überzeugung, dass Stress ein Risikofaktor ist für körperliche Krankheit zwar sehr verbreitet, doch sind die biologischen und psychologischen Tatsachen viel komplexer. Stress ist jedenfalls nicht nur „böse“ und schädlich, wie uns das dieser „Bild“-Artikel einreden will.

Fazit:

Wenn „Bild“ uns gegen Stress und für ein gutes Immunsystem rät, wir sollen es  doch einfach machen wie die Tiere, dann heisst das:

Hört auf, euch mit Themen wie Alter, Krankheit, Tod oder Arbeitslosigkeit auseinanderzusetzen. Die Tiere machen sich diese Gedanken ja auch nicht. Hört überhaupt auf nachzudenken und verlasst euch wieder ganz auf eure Instinkte (wie wenn man Instinkte einfach wieder einschalten könnte….).

Dieser Ratschlag ist einfach bodenlos dumm.

P.S.

Lust auf oder Bedarf nach Reflexion – zum Beispiel über Alter, Krankheit, Tod?

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Zitat von Charlotte Roche (“Feuchtgebiete”, “Schossgebete”) zum Thema Langeweile

Donnerstag, August 11th, 2011

„Ich wollte immer die Mutigste sein, die Lauteste, die Krasseste. Es muss krass sein, sonst entsteht Langeweile.“

(Tages-Anzeiger 8. August 2011)

Gut, dann denken wir doch kurz (sonst entsteht Langeweile!) einmal nach über den Zusammenhang zwischen Langeweile und Krasssein.

Das Wort „krass“ kommt von lat crassus, das „dick, stark, grob“ bedeutet.

Das Phänomen der Langeweile hängt eng zusammen mit dem Problem der „Stimulation“.

Genauso wie der menschliche (und tierische) Organismus ein bestimmtes Minimum an Ruhe braucht, benötigt er auch ein gewisses Mass an Stimulation.

Erich Fromm beschreibt zwei verschiedene Arten stimulierender Reize:

- einfache Reize lösen eine einfach, direkte Reaktion aus, fast reflexartig, wie in Situationen der Lebensgefahr. Der Betreffende „reagiert“, aber er „agiert“ nicht, das heisst, dass er keine Reaktion aktiv integriert, die über die minimale Aktivität hinausgeht, die normalerweise notwendig ist, um wegzulaufen, anzugreifen oder sexuell erregt zu werden. Der Mechanismus ist immer der selbe: einfache Stimulation ➞ direkte und passive Reaktion.

- aktivierende Reize fordern uns sozusagen auf zu reagieren, indem wir uns aktiv und teilnehmend auf diese Reize beziehen, an unserem „Objekt“ aktiv interessiert werden und immer neue Aspekte an ihm sehen und entdecken (damit hört es auf, ein blosses Objekt zu sein).

Ein derartiger aktivierender Reiz könnte zum Beispiel ein Roman, ein Gedicht, eine Idee, eine Landschaft, ein Musikstück oder eine geliebte Person sein. Keiner dieser Reize verursacht eine einfache Reaktion. Es geschieht vielmehr, dass wir immer wacher und aufmerksamer werden.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Reizen und Reaktionen hat wichtige Konsequenzen.

Reize der ersten, „einfachen“ Art werden, sobald sie über eine bestimmte Schwelle hinaus wiederholt werden, nicht mehr registriert und verlieren ihre stimulierende Wirkung. Es ist dies zurückzuführen auf ein neuro-physiologisches Sparsamkeitsprinzip, das die Wahrnehmung von Reizen eliminiert, wenn sie durch ihre häufige Wiederholung anzeigen, dass sie möglicherweise unwichtig sind. Eine fortdauernde Stimulation setzt voraus, dass der Reiz entweder an Intensität zunimmt (krasser wird!) oder sich seinem Inhalt nach ändert: ein gewisses Mass an Neuheit ist nötig.

Aktivierende Reize dagegen haben eine andere Wirkung.  Sie bleiben nicht einfach „dieselben“. Dadurch, dass sie eine produktive Reaktion hervorrufen, sind sie immer neu, ändern sich laufend. Derjenige, der stimuliert wird, macht den Reiz lebendig und verändert ihn dadurch, dass er immer wieder neue Aspekte an ihm entdeckt.  Zwischen dem Reiz und dem „Stimulierten“ besteht eine Wechselwirkung und nicht eine mechanische Einweg-Beziehung von Stimulation zu Reaktion  S ➞ R.

Erich Fromm schreibt: „Jeder wird diesen Unterschied durch eigene Erfahrung leicht bestätigt finden. Man kann ein griechisches Drama, ein Gedicht von Goethe, einen Roman von Kafka, eine Predigt von Meister Eckhart, eine Abhandlung von Paracelsus, Fragmente der vorsokratischen Philosophen, die Schriften von Spinoza oder Karl Marx immer wieder lesen, ohne sich jemals dabei zu langweilen. Natürlich sind diese Beispiele rein persönlich, und jeder kann sie durch andere ersetzen, die ihm näher liegen Derartige Stimuli sind stets lebendig, sie wecken den Leser auf und erhöhen sein Wahrnehmungsvermögen. Ein billiger Roman dagegen wird beim zweiten Lesen langweilig und bringt uns zum Einschlafen.

Die aktivierenden und die einfachen Reize spielen beim Lernproblem eine wesentliche Rolle. Wenn Lernen bedeutet, dass man von der Oberfläche einen Phänomens zu dessen Wurzeln – das heisst zu seinen Ursachen – vordringt, von den trügerischen Ideologien zu den nackten Tatsachen, und so zur Wahrheit vorstösst, so ist dies ein anregender, aktiver Prozess und eine Bedingung für menschliches Wachstum. (ich meine damit nicht nur das Lernen aus Büchern, sondern auch die Entdeckungen, die ein Kind oder ein analphabetisches Mitglied eines primitiven Stammes in der Natur oder in seinem persönlichen Bereich macht.) Wenn man andererseits unter Lernen nur die Aneignung von durch Konditionierung vermittelter Informationen versteht, so hat man es mit einem einfachen Stimulus zu tun, bei dem die betreffende Person durch die Stimulierung ihres Bedürfnisses nach Lob, Sicherheit, Erfolg und so weiter getrieben wird.

Unser heutiges Leben in der Industriegesellschaft arbeitet fast ausschliesslich mit derartigen „einfachen Reizen“. Stimuliert werden dabei Triebe wie sexuelles Begehren, Gier, Sadismus, Destruktivität und Narzissmus. Vermittelt werden diese Reize durch Filme, Fernsehen, Radio, Zeitungen, Magazine und den Gebrauchsgütermarkt. Im grossen und ganzen beruht die gesamte Reklame auf der Stimulierung von Wünschen, die durch die Gesellschaft erzeugt werde. Der Mechanismus ist immer der gleiche: einfache Stimulation ➞  direkte und passive Reaktion. Hierin liegt der Grund, weshalb die Reize sich ständig ändern müssen, um nicht ihre Wirkung zu verlieren. Ein Auto, das uns heute aufregend erscheint, wird uns in einem oder zwei Jahren langweilig vorkommen – deshalb muss man sich auf der Suche nach neuer Erregung ein anderes kaufen. Ein Ort, den man gut kennt, wird automatisch langweilig, so dass man sich Erregung nur dadurch verschaffen kann, dass man verschiedene Orte aufsucht, und zwar so viele wie möglich auf einer Reise.“

„Es besteht noch ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den einfachen und den  aktivierenden Reizen. Wer von einem einfachen Reiz getrieben ist, erlebt eine Mischung von Erlösung, Kitzel und Befriedigung; sobald er befriedigt ist, ‚hat er genug’. Dagegen besitzt der aktivierende Reiz keinen Sättigungspunkt – das heisst, er gibt dem betreffenden nie das Gefühl, ‚genug zu haben’, ausser natürlich, wenn körperliche Ermüdung eintritt.“

Es ist also nicht so, dass Langeweile nur mit Krassheit vertrieben werden kann.

Erich Fromm sieht die Fähigkeit zu innerer Aktivität als zentral gegen die Langeweile.

Es geht wohl darum, sich mit aktivierenden Reizen zu versorgen, und ein Übermass an einfachen Reizen zu vermeiden.

Aktivierende Reize bieten Ansatzpunkte für aktive Auseinandersetzung, sie sind nicht einfach glatt und  abgeschlossen.

Erich Fromm betont aber auch, dass es nicht nur auf den Reiz allein ankommt:

„Das stimulierendste Gedicht oder der reizvollste Mensch werden auf jemand keinerlei Wirkung ausüben, der durch seine eigene  Angst, durch seine Hemmungen, seine Faulheit und Passivität zu einer aktiven Reaktion nicht fähig ist. Der aktivierende Reiz erfordert einen „empfänglichen“ Reizempfänger, wenn er eine Wirkung haben soll – empfänglich nicht in dem Sinn, dass er gebildet ist, sondern dass er menschlich reaktionsfähig ist.  Andererseits braucht ein innerlich voll lebendiger Mensch zu seiner Aktivierung nicht unbedingt einen speziellen Aussenreiz; er schafft sich in Wirklichkeit seine Reize selbst. Man kann diesen Unterschied deutlich bei Kindern beobachten. Bis zu einem gewissen Alter (etwa 5 Jahren) sind sie so aktiv und produktiv, dass sie sich ihre eigenen Reize ‚machen’. Sie schaffen sich eine ganze Welt aus Papierschnitzeln, Holz, Steinen, Stühlen und praktisch allem, was ihnen in die Hände kommt.“

Wenn die Autorin Charlotte Roche meint: „Es muss krass sein, sonst entsteht Langeweile.“, dann hat sie möglicherweise etwas nicht ganz verstanden. „Krass sein“ ist nicht das einzige Gegenmittel gegen Langeweile. „Krass sein“ stellt nur die Zufuhr einfacher Reize sicher.

Quelle der Zitate:

Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, rororo 1980, S. 269 ff.

Zur Vertiefung: Vortrag von Dr. Rainer Funk, Langeweile und Suchtverhalten bei Erich Fromm

Wer war Erich Fromm?

Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frankfurt am Main; † 18. März 1980 in Muralto, Tessin) war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

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Leberschäden durch Umckaloabo?

Dienstag, August 2nd, 2011

Kann der bei akuter Bronchitis eingesetzte Wurzelextrakt aus Pelargonium sidoides, enthalten im Heilpflanzen-Präparat Umckaloabo®, die Leber schädigen? Der Hersteller hält das für unwahrscheinlich. Das pharmakritische „arznei-telegramm“ spricht dagegen von 20 Verdachtsberichten und versucht in seiner Juli-Ausgabe mit der Schilderung eines Fallberichts die Problematik zu verdeutlichen, geht dabei allerdings nicht auf die Begleitmedikation mit teilweise lebertoxischem Potenzial ein.

Im Gespräch mit der Deutschen Apotheker Zeitung nahm Dr. Traugott Ullrich, Geschäftsführer der Spitzner Arzneimittel, Ettlingen, Stellung zu den Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Darstellung im arznei-telegramm und den Positionen des Herstellers ergeben. Während das  „arznei-telegramm“ die 20 dem BfArM vorliegenden Verdachtsmeldungen auf Leberschädigung durch Umckaloabo als ein Risikosignal  interpretiert, kommt der Hersteller nach Sichtung aller vorliegenden Daten zu diesen Fällen zu dem Schluss, dass es keinen einzigen „wahrscheinlichen“ oder „gesicherten“ Fall erhöhter Leberwerte als Folge einer Behandlung mit Umckaloabo® gibt.

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2011/07/21/leberschaeden-durch-umckaloabo.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Interpretation solcher Meldungen ist sehr anspruchsvoll. Die ziemlich naive, aber nicht seltene Ansicht, dass Heilpflanzen niemals schaden können, teile ich ganz und gar nicht. Ein Arzneimittel, das wirksam ist, kann potentiell auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, das gilt auch für Heilpflanzen-Präparate.

Meldungen zu möglichen Nebenwirkungen sind daher ernst zu nehmen.

Allerdings ist die Situation meistens nicht so klar, wie es vielleicht scheinen mag.

Wenn eine Million Menschen Umckaloabo-Präparate einnehmen, und 20 davon während der Einnahmezeit Leberstörungen erleiden, ist damit Umckaloabo als Ursache noch keineswegs gesichert. Von einer Million Menschen wird ein gewisser Prozentsatz auch aus anderen Gründen Leberstörungen entwickeln.

Wir Menschen neigen dazu, zeitlich zusammen fallende Ereignisse in einen ursächlichen Zusammenhang zu stellen, der gar nicht vorhanden sein muss.

Man nennt dies etwas umständlich den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlsschluss“.

Zu diesem Fehlschluss neigen wir oft auch bei der Beurteilung von Heilwirkungen:

Ich leide an Krankheit Z

Ich nehme Präparat XY

Mir geht es besser

Schlussfolgerung: XY  ist wirksam gegen Krankheit Z

Alle anderen Einflüsse, die zu meiner Gesundung beigetragen haben könnten, werden mit diesem Kurzschluss ausgeklammert (zum Beispiel Selbstheilungskräfte, Veränderungen in den Lebensumständen, andere therapeutische Massnahmen, Placebo-Effekte).

Und genauso gibt es den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen:

Ich nehme Arzneimittel X

Ich bekomme Beschwerden Z

Schlussfolgerung: Arzneimittel X ist Auslöser der Beschwerden Z

Alle anderen Einflüsse, die zu den Beschwerden Z geführt haben könnten, werden ausgeklammert (zum Beispiel andere Medikamente, Veränderungen in den Lebensumständen, Infektionen, Nocebo-Effekte).

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist der wichtigste Grund dafür, dass die Beurteilung von Heilwirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln so komplex ist, und dafür, dass einzelne Erfahrungen in dieser Hinsicht meistens wenig aussagen.

Das gilt für synthetische Medikamente, Phytotherapeutika, Präparate aus der Komplementärmedizin etc.

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist ein wichtiger Grund für den Versuch, Wirkungen von Arzneimitteln mittels systematischeren Untersuchungen zu klären, zum Beispiel in Form von Doppelblind-Studien.

Aber selbst Doppelblind-Studien können zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Resultaten kommen.

Daher fasst man dann mehrere Doppelblind-Studien zu einer Metastudie zusammen, um auf diese Art und Weise fundiertere Schlüsse ziehen zu können. Das macht zum Beispiel die renommierte Cochrane Collaboration.

Aber selbst Metastudien können sich widersprechen….

zum Beispiel weil die Studien, welche man zur Auswertung in eine Metastudie einschliesst, mittels unterschiedlicher Kriterien ausgewählt wurden.

So müssen wir wohl oder übel auf die endgültige und umfassende Gewissheit in den allermeisten Fällen verzichten, denn die Beurteilung von therapeutischen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen ist eben sehr komplex.

Was uns aber meines Erachtens nicht davon abhalten sollte, nach möglichst viel vorläufiger und notgedrungen bruchstückhafter Erkenntnis zu streben.

Weitere Informationen um Thema Umckaloabo & mögliche Leberschädigungen finden Sie hier:

Umckaloabo wegen möglicher Leberschäden unter Kritik

(im zweiten Teil dieses Beitrages finden Sie Informationen zu Leberschädigungen durch Medikamente generell)

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2011/08/04/umckaloabo-wegen-moglicher-leberschaden-unter-kritik.html

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

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Signaturenlehre – was ist das?

Sonntag, Juli 24th, 2011

Die Signaturenlehre ist ein bedeutendes Konzept in der Geschichte der Pflanzenheilkunde. Ihre grösste Bedeutung hatte sie in der Renaissance. Der wichtigste Vertreter der Signaturenlehre aus dieser Zeit war Paracelsus (1493 – 1541). Wer die traditionelle Pflanzenheilkunde verstehen möchte, sollte sich fundiert mit der Signaturenlehre auseinandersetzten.

Allerdings werden heute unter dem Schlagwort Signaturenlehre auch die verschiedensten Heilungsversprechungen propagiert, die im Wesentlichen auf den Assoziationen und Fantasien von einzelnen „Erleuchteten“ basieren.

Damit werden Patientinnen und Patienten ausgenommen und getäuscht.

Mit der historischen Signaturenlehre haben solche „Egotrips“ aber nichts zu tun.

Im folgenden nun eine kurze Einführung in die historische Signaturenlehre mit Ausschnitten aus Wikipedia und daran anschliessend einen ergänzenden Kommentar von mir.

„Die Signaturenlehre ist die Lehre von den Zeichen in der Natur, die als Merkmale auf Ähnlichkeiten, Verwandtschaften und innere Zusammenhänge hinweisen. Analogien bestehen demnach zwischen Form, Farbe, Charakter, Geruch, Geschmack, Standort, Entstehungszeit, Farben, humoralpathologischen und astrologischen Zuordnungen und vielen weiteren Aspekten. Am prominentesten ist jedoch die Beziehung zwischen visuellen Ähnlichkeiten; gemäß dieser Logik sprach man beispielsweise der Bohne eine Heilwirkung bei Nierenleiden bei. Die Form der Walnuss prädestinierte sie für Behandlungen des Gehirns. Die Signaturenlehre beruht damit auf einem kosmischen Denken in Entsprechungen (universale Symphatie bzw. Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre) und ist als typische Denkform nicht-naturwissenschaftlicher Welterklärungsmodelle weltweit zu finden. Als Prinzip herrscht sie in der Mehrzahl sogenannter „traditioneller Heillehren“, die solche Kosmologien als Rahmen voraussetzen.

Die Signaturenlehre fand bereits im Altertum weite Anwendung und war im späten Mittelalter in einer prototypischen Form als Denkungsart bereits stark verbreitet, geht aber in ihrer konkreten schriftlichen Formulierung in Europa auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten Giambattista della Porta (1538-1615) zurück, der in seinem Buch Phytognomonica anhand von Signaturen ein System von Zusammenhängen zwischen Pflanzen, Tieren und Gestirnen aufzeigt. Sie bleibt eine der grundlegenden Theorien der modernen Homöopathie, die versucht, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Deren Gründer Samuel Hahnemann verwarf lediglich volkstümlich verkürzende Vorstellungen.“

(Quelle: Wikipedia)

Grundannahmen der Signaturenlehre

„Die Signaturenlehre beruht auf der Grundannahme, dass sämtliche Erscheinungen und Wesen miteinander in Beziehung stehen. Sie bilden quer zu der Einteilung in Gattungen und Arten Verwandtschaftssysteme mit gleichartigen Eigenschaften. Etwas modifiziert, aber mit gleichen Folgerungen, bestand die Signaturenlehre unter den Vorzeichen des Christentums: Die Welt war von Gott vollkommen und auf den Menschen hin geschaffen. Die Signaturen waren somit auch Werk dieses Schöpfers. Dem Menschen kam es zu, diese Zeichen zu erkennen und richtig zu deuten.

Als Signaturen gelten unter anderem: Geruch, Geschmack, Farbe, Gestalt, Struktur, Beschaffenheit, Standort, Wachstumsphase und Lebensdauer. Diese werden verschiedenen Kategorien wie Elementen, Planeten oder Eigenschaften zugeordnet. Demnach hat eine bitter schmeckende Pflanze eine Beziehung zum Element Feuer, das mit der Sonne in Verwandtschaft steht und – unter anderem – Umwandlung und Anregung von Stoffwechselprozessen bewirkt.

Die Signaturenlehre ist nicht nur der europäischen Medizin bekannt. In der chinesischen und auch der ayurvedischen Medizin existieren ausgearbeitete Systeme der Zuordnungen nach Signaturen. So werden etwa in der chinesischen Medizin Geschmack, Geruch, Farbe, Tages-und Jahreszeiten, Elemente, Organe, Sinnesorgane und Körperteile unter anderem zu einem diagnostischen Konzept verbunden. Dieses ermöglicht bei eindeutigen Krankheiten die Auswahl passender Heilmittel, die in einem ebenfalls komplexen Zuordnungsschema erfasst sind.“

(Quelle: Wikipedia)

Zur Auseinandersetzung um die Signaturenlehre

„Verteidiger verweisen auf eine Reihe von Fällen, bei denen moderne wissenschaftliche Untersuchungen die Anwendungsbereiche der Signaturenlehre bestätigten. Die Walnuss – wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem menschlichen Hirn ein traditionelles Heilmittel bei Krankheiten des Kopfes – enthält tatsächlich für das Gehirn wertvolle Fettsäuren. Die Herbstzeitlose – wegen der Ähnlichkeit der Zwiebel mit einer gichtkranken Zehe gemäß der Signaturenlehre ein Mittel gegen Gicht – liefert tatsächlich wirksame Heilstoffe gegen diese Krankheit. Kritiker weisen jedoch auf die Zufälligkeit dieser Funde hin und führen an, dass sich für jeden Erfolg auch mehrere Beispiele nicht wirksamer Zuordnungen nachweisen lassen. So konnte beim Frauenmantel keine der dieser Pflanze zugesprochenen Wirkungen bei Frauenkrankheiten nachgewiesen werden. Auch das Lungenkraut, das wegen seiner getupften Blätter bei Lungenkrankheiten Verwendung fand, hat sich nach wissenschaftlichen Untersuchungen bis jetzt als weitgehend wirkungslos erwiesen. Zu den Heilmitteln der Signaturenlehre gehören allerdings auch Mittel, die heute sehr seltsam anmuten. So empfahl Nicolas Lémery 1697 in einem damals aufsehenerregenden Arzneibuch, den getrockneten und pulverisierten Schädel eines gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen als Heilmittel gegen Hirnkrankheiten.“

(Quelle: Wikipedia)

Kommentar & Ergänzung:

Um die historische Signaturenlehre zu verstehen, muss man in erster Linie das Weltbild verstehen, in welches sie eingebettet ist.

Oder anders gesagt: Wer sich in der Pflanzenheilkunde auf historische Begriffe wie die „Signaturenlehre“ beruft, muss den kulturgeschichtlichen Kontext mitberücksichtigen.

Wer sich für dieses faszinierende Thema interessiert, bekommt dazu fundierte und gut verständliche Informationen im Seminar

Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit – Beiträge zur Ideengeschichte der Pflanzenheilkunde

Vorgestellt werden an diesem Seminar Konzepte der Magisch-mythische Medizin, der Viersäftelehre (Humoralpathologie) der Antike, der Klostermedizin im Mittelalter (Hildegard von Bingen), der Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus), der Bach-Blütentherapie und der Phytotherapie.

Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den gegenwärtig herumschwirrenden willkürlich konstruierten „Signaturen der Pflanzen“ finden Sie hier:

Pflanzenheilkunde: John Ray zur Signaturenlehre

Wilde Möhre, Leberblümchen und die Signaturen der Heilpflanzen

Von Schopenhauers Feldblume zu den Signaturen der Pflanzen

Signaturen der Pflanzen – fragwürdiger Neuaufguss der Signaturenlehre

Naturheilkunde: Hoch fragwürdige Theorie von der Signatur der Pflanzen

Die Pflanzenheilkunde muss historisch fundiert sein, wenn sie auf traditionelle Konzepte baut.

Das heisst aber auch, dass eine sorgfältige Auseinandersetzung mit traditionellen Konzepten nötig ist.

Tradition hat nämlich nicht immer einfach Recht. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

P.S.: Zum Hinweis im Wikipedia-Text  auf eine Wirkung der Herbstzeitlose bei Gicht ist noch eine Warnung angebracht: Herbstzeitlose gehört zu den stärksten Giftpflanzen. Sie enthält das Alkaloid Colchicin, welches präzis dosiert im Gichtanfall hilft, aber nur  noch selten eingesetzt wird. Rezeptpflichtig. Keine Selbstbehandlung !!!

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Radiotipp: Bessere Ärzte – bessere Patienten – bessere Entscheidungen

Samstag, Juli 9th, 2011

„Kontext“ auf DRS2 brachte kürzlich ein interessantes Gespräch mit dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Vorgestellt wurde die Sendung so:

„Unser Gesundheitssystem wird immer teurer. Ausdruck davon sind die von Jahr zu Jahr steigenden Krankenkassenprämien. Schuld an den explodierenden Gesundheits-Kosten sei eine Art Gesundheits-Analphabetismus, sagt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer.

Der Psychologe hat soeben das Buch «Better doctors, better patients, better decisions» herausgegeben, in dem über vierzig renommierte Experten aus der ganzen Welt Gedanken über die Zukunft des Gesundheitssystems machen.

Schuld an den explodierenden Gesundheits-Kosten sei eine Art Gesundheits-Analphabetismus, so der Grundtenor des Buchs. Steuererhöhungen oder Rationierung der Gesundheitsversorgung seien nicht die einzigen Alternativen zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Es gäbe eine dritte Alternative: Die Aufklärung in Fragen der Gesundheit fördern.“

Hören können Sie die Sendung hier:

http://pod.drs.ch/mp3/kontext/kontext_201106291002_10184250.mp3

Kommentar & Ergänzung:

Drei Aussagen aus diesem Radiogespräch sind mir „hängengeblieben“:

- Dass es in der Medizin keine Gewissheiten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten gibt. Mit diesen fehlenden Gewissheiten umzugehen, das ist eine grosse Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte, Patientinnen und Patienten. Und es ist unter anderem ein Grund dafür, dass manche Menschen in jene Bereiche der Komplementärmedizin ausweichen, die mit ihren Versprechungen scheinbare Gewissheiten anbieten.

- Dass unser Gesundheitssystem Patientinnen und Patienten braucht, die Fragen stellen.

Das gilt für Medizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde gleichermassen. Daher ist es mir sehr wichtig, in meinen Heilpflanzenkursen und Phytotherapie-Ausbildungen den Teilnehmenden nicht nur Fakten zu vermitteln. Zentral scheint mir nämlich auch die Fähigkeit, präzise Fragen zu stellen und damit Aussagen und Versprechungen zu prüfen. Dies zu vermitteln, ist mir ein wichtiges Anliegen.

- „Gesundheits-Analphabetismus“ – ein hartes Wort, über das nachzudenken sich aber lohnt. Wir brauchen meines Erachtens ein vertieftes Nachdenken über unsere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit und die damit verbundenen Ansprüche und Bedürfnisse.

Ein Angebot in diese Richtung bieten meine Seminare zum Thema „Naturheilkunde & Philosophie“:

Gesamtüberblick Naturheilkunde & Philosophie

Einzelne Tageskurse:

Phänomen Schmerz besser verstehen und damit umgehen

Chronische Krankheiten besser verstehen und damit umgehen

Komplementärmedizin – Basiswissen zur besseren Orientierung im überquellenden Angebot

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