Archive for the ‘Philosophisches’ Category

Esoterische Allmachtsphantasien in der Alternativmedizin

Samstag, Juli 20th, 2013

In Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin ist gerne die Rede von den Allmachtsvorstellungen der „Schulmedizin“.

Kaum je zum Thema gemacht werden die grassierenden Allmachtsphantasien in den eigenen Reihen.

Beispiele dafür gibt es zuhauf. So schreibt zum Beispiel die Heilerin R. v. B. in einem Inserat:

„Unsere Krankheiten kommen alle von ungelösten unbewussten Blockaden. Diese Blockaden kann ich innert kürzester Zeit auflösen und habe sehr gute Erfolge damit!“

Man muss sich das einmal konkret vorstellen: Die Frau verspricht die Heilung von allen Krankheiten und das „innert kürzester Zeit“.

Dass Menschen verletzliche, fragile Wesen sind, dass Krankheit genauso wie Gesundheit zum Leben gehört – diese Zumutungen sind damit abgeschafft.

Ich treffe ganz und gar nicht selten Leute mit solch grandiosen Selbstüberschätzungen in Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin.

Es sind quasi-göttliche Positionen, in die sich solche Heilerinnen und Heiler hineinphantasieren.

Und wenn die Heilung ausbleibt, ist in aller Regel die Kranke Person selber schuld, weil sie einfach noch nicht bereit war, um gesund zu werden…….

Gemäss den Angaben auf ihrer Website hat die Kaufmännische Angestellte R. v. B. vor zwei Jahren ihre wahre Berufung gefunden, nämlich Menschen zu heilen. Anschliessend hat sie ein paar esoterische Seminare besucht (z. B. Quantenheilung, Kinesiologie, russische Heilmethoden) und dann noch ein paar spezielle, direkte, persönliche Tipps bekommen aus der höheren geistigen Welt.

Dadurch konnte sie ihre Effizienz erheblich steigern. Während sie vorher in einer Sitzung von 50 – 55 Minuten Dauer nur 15 Blockaden „im Unterbewusstsein und im Mentalen“ lösen konnte, sind es nun dank Hilfe von oben 60 – 70 Blockaden!

Behandeln könne sie damit „alle Krankheiten, Schmerzen, Unfallfolgen, Süchte, psychische Probleme, Hormonstörungen“, schreibt R. v. B. auf ihrer Website.

Auf die Grenzenlosigkeit solcher Allmachtsphantasien will ich gar nicht mehr eingehen. Auf die simple Verengung aller Krankheitsursachen auf „Blockaden“ auch nicht.

Mich erschütttert eher noch mehr der Machtanspruch gegenüber der Patientin oder dem Patienten.

Auflösung von 60 – 70 Blockaden „im Unterbewusstsein und im Mentalen“!

Würde das tatsächlich so geschehen (wovon ich allerdings nicht ausgehe), dann wäre das ein Totalumbau der Persönlichkeit innert einer Stunde,

Nimmt man diese Aussage ernst, so stellt sich die Frage, ob die Patienten informiert wurden, was da mit ihnen gemacht wird.

Vor einer Operation ist der Chirurg verpflichtet, den Patienten über den Eingriff und seine möglichen Folgen aufzuklären.

Die Heilerin R. v. B. hat keinerlei psychotherapeutische oder medizinische Ausbildung, verspricht aber effiziente Behandlung „bei jeder Art Krankheit, Unfallfolgen, Süchten, psychischen Krankheiten, Aengsten, Gewichtsproblemen, Allergien, Hormonproblemen, Burnout“, und sie betont, „dass es 100% funktioniert”.

Wo bleibt da der informierte, einwilligende Patient? Blockaden – was immer genau damit gemeint sein mag – kann man nicht so ohne weiteres wegmachen. Vielleicht haben sie ja eine Funktion. In einer sorgfältigen Psychotherapie würde man Schritte gemeinsam mit dem Patienten ausloten und nicht in einem quasichirurgischen Eingriff in die Psyche Blockaden wegmachen.

Und dann noch die 100% Garantie:  Solche Garantien gibt es bei der Autoreparatur. Ist das defekte Teil ersetzt, kann man eine Garantie geben.

Der menschliche Organismus ist aber viel komplexer als eine Maschine.

Ich würde einen weiten Bogen machen, sollte mir ein Heiler oder eine Heilerin gleich welcher Richtung eine solche Garantie geben. Das ist ein starkes Indiz für Scharlatanerie.

Wenn ich mir all die Aussagen von R. v. B. anschaue, dann bekomme ich den Eindruck, dass sich da jemand eine Phantasiewelt zusammengezimmert hat, die vor allem den eigenen Bedürfnissen nach Sinngebung entspricht.

Für Patientinnen und Patienten sind solche Heilerinnen und Heiler nicht selten eine Gefahr (Abhängigkeit, Fehlbehandlung, verpassen von nötigen Behandlungen und Diagnosen).

Werden in diesen Sitzungen keine Blockaden aufgelöst (wovon ich ausgehe), dann handelt es sich um Betrug und Irreführung.

Falls aber trotzdem Blockaden in diesem rasanten Tempo und in diesem Ausmass aufgelöst werden sollten, dann wäre das ein ethisch und psychologisch hoch problematisches Vorgehen.

Da R. v. B. leider keine Ausnahme ist in der „Alternativmedizin-Szene“, wäre es meiner Ansicht nach sehr nötig, dass solche Macht- und Grössenphantasien vermehrt thematisiert und in Frage gestellt werden.

Und falls Sie zu den Konsumentinnen oder Konsumenten in diesem Bereich gehören, dann kann ich nur raten, kritisch zu bleiben gegenüber derart überzogenen und abgehobenen Versprechungen.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Esoterikfreie Pflanzenheilkunde – warum?

Am 24. November 2013 leite ich in Winterthur ein Tagesseminar zum Thema:

Komplementärmedizin und Naturheilkunde – wie erkennt man seriöse und unseriöse Angebote?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Astrologie: Warum Horoskope immer stimmen

Freitag, Mai 17th, 2013

„Die Welt“ erklärt in einem informativen Beitrag, weshalb Horoskope immer zutreffen.

Der Text beschreibt in gut verständlicher Art den sogenannten Forer-Effekt ( = Barnum-Effekt). Für ein vertieftes Verständnis der Astrologie ist die Kenntnis des Forer-Effektes absolut zentral.

Der US-amerikanische Psychologe Bertram Forer bat 1948 in einem Experiment mit 39 seiner Studenten, ihm bei der Evaluierung eines neuen Persönlichkeitstests zu helfen. Dazu gab er jedem der Studenten einen kleinen Fragenkatalog, den sie beantworten sollten.

Zum nächsten Seminar brachte Forer die Auswertungen des Tests in Form von Persönlichkeitsbeschreibungen mit.

Die Studenten lasen ihre Persönlichkeitsbeschreibungen schätzten die Genauigkeit ihres Profils auf einer Skala von 0 bis fünf ein. Dabei zeigte sich, dass Bertram Forer offenbar einen großartigen Test entwickelt hatte.

Denn die Studenten vergaben im Schnitt mehr als vier Punkte für ihr Psycho-Profil. Die Geschichte hatte nur einen Haken: Alle 39 Studenten hatten genau die gleiche Beschreibung erhalten – Forer hatte sie nämlich aus einem am Kiosk erhältlichen Horoskop zusammengebastelt.

Dieses Phänomen wurde seither in vielen Tests wiederholt und bekam den Namen Forer-Effekt. Damit ist gemeint, dass Menschen dazu neigen, vage und allgemeingültige Aussagen als zutreffende Beschreibung über die eigene Person zu akzeptieren. Manchmal wird dieses Phänomen auch Barnum-Effekt genannt, nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum, der im 19. Jahrhundert mit einem Kuriositätenkabinett durch die USA reiste und darauf achtete, für jeden Geschmack etwas dabeizuhaben. Diesem Grundsatz des “für jeden etwas” folgen auch Horoskope und zahlreiche Formen des Wahrsagens. Sie funktionieren, indem sie Wünsche, Ängste oder Bedürfnisse ansprechen, die schlichtweg jeder Mensch hat: eine erfüllende Beziehung, innere Ruhe, ein gesichertes Einkommen, Gesundheit.

Häufig sprechen solche Aussagen auch Ambivalenzen an, die zutiefst menschlich sind – die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität beispielsweise, die mit dem gleichzeitigen Wunsch nach Veränderung und Aufregung konkurriert.

Quelle:

http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article115831714/Warum-Horoskope-einfach-immer-stimmen.html

Kommentar & Ergänzung:

Astrologie & Medizin waren historisch betrachtet über lange Zeiträume eng verbunden, wobei auch Verbindungen zwischen Pflanzen und Planeten postuliert wurden. In Alternativmedizin und Komplementärmedizin findet man solche Theorien zum Beispiel in der Anthroposophischen Medizin sowie unter der Bezeichnung Astromedizin.

Meinem Eindruck nach spielt der Barnum-Effekt zudem auch in manchen Alternativmethoden eine Rolle. Liest man ein Buch über Bach-Blütentherapie oder eine Liste mit Indikationen für Schüssler Salze, so kommt darin als potenzieller Anwendungsbereich meist jede mögliche Lebenslage, jede Gemütsregung und alle möglichen Beschwerden vor.

Es hat auf jeden Fall für jeden jederzeit ein passendes Mittel. Jeder und Jede kann sich angesprochen fühlen.

Das ist vergleichbar mit dem Barnum-Effekt im Horoskop.

Ob eine solche Therapeutisierung aller Lebenslagen, wie sie in weiten Bereichen von Alternativmedizin und Komplementärmedizin zu beobachten ist, sinnvoll ist, stelle ich sehr in Frage. Ich selber bin da sehr viel zurückhaltender. Doch manchmal bin ich fast ein wenig neidisch auf diejenigen, die in jeder Lage eine ganze Palette von Mittelchen zücken können. Fragt sich nur, ob das ein gesunder Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist. Meine Antwort darauf ist nein.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Genanalyse: Alle Europäer sind verwandt

Freitag, Mai 10th, 2013

Forscher der Universität von Kalifornien konnten mit einer Erbgutanalyse zeigen, dass fast jeder Europäer mit fast jedem anderen viele Vorfahren teilen:

„Jeder hat zwei Eltern, vier Grosseltern, und so weiter. In nur 1000 Jahren kommt man so auf gut eine Milliarde Vorfahren pro Mensch – so viele Menschen lebten damals aber nicht. Folglich ist jeder, der vor 1000 Jahren lebte und Kinder zeugte, der Vorfahre von jedem heute lebenden Europäer.“

(Tages-Anzeiger, 8. Mai 2013)

Publikation im Fachmagazin “PLoS Biology”:

http://www.plosbiology.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pbio.1001555

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Meldung. Das stellt die scharfe Unterscheidung „Verwandt / Nichtverwandt“ in Frage.

Bisher habe ich naiverweise geglaubt, ich könnte recht sicher angeben, wer mit mir verwandt ist und wer nicht.

Nun kann es aber nur noch um die Frage gehen, wie stark oder schwach jemand mit mir verwandt ist.

Ins Nachsinnen über Verwandtschaft bringt es mich im übrigen auch immer wieder, wenn ich irgendwo lese, wie viele Gene wir Menschen mit Stubenfliegen, Schimpansen und auch Pflanzen gemeinsam haben.

Bei der Fruchtfliege beispielsweise haben 60 Prozent der Gene des Insekts ein Pendant im menschlichen Erbgut. Und von 289 Genen, die Mediziner für Krankheiten beim Menschen verantwortlich machen, gibt es 177 entsprechende Varianten bei der Fruchtfliege.

Fliege und Mensch haben zum Beispiel ein Gen mit dem Kürzel p53 gemein, das beim Menschen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Lungenkrebs, Darmkrebs und Brustkrebs spielen soll. Diabetes und Schilddrüsenprobleme des Menschen sollen gleichfalls von Genen mit ausgelöst werden, die auch im Fliegenerbgut vorkommen.

(Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16044582.html)

Die genetische Forschung mit Fruchtfliegen wird angetrieben von der Hoffnung, aufgrund dieser Verwandtschaftsverhältnisse wirksame Gentherapien für den Menschen zu entwickeln. Inwieweit sich diese Hoffnungen erfüllen, wird sich zeigen.

Aber nur schon das Phänomen der genetischen Verwandtschaft ist faszinierend.

Der Spiegel-Artikel zur Fruchtfliegen-Forschung ist allerdings schon etwas älter (Nr. 13 / 2000). Er endet mit einem Satz des Biologen Charles Zuker:

“Im Prinzip sind wir doch nichts anderes als eine große Fliege.”

Genetisch gesehen mag das ja vielleicht  stimmen.

Aber ist das alles? Der Mensch ist doch nicht nur Genetik?

Oder ist dieser Einwand nur die Abwehr einer narzisstischen Kränkung?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zum Gedenken an Hugh Thompson junior

Montag, April 15th, 2013

Heute ist der Geburtstag von Hugh Thompson (15. April 1943 – 6. Januar 2006).

Thompson war ein Hubschrauberpilot der US Army, der im Vietnamkrieg diente. Bekannt wurde er durch seine aktive und eindrückliche Rolle bei der Beendigung des Massakers von My Lai. Er ist es Wert, dass man sich an ihn erinnert.

Das Massaker von My Lai

Das Massaker von Mỹ Lai (Son My) war ein Kriegsverbrechen US-amerikanischer Soldaten in Südvietnam, das 1968 während des Vietnamkrieges in dem Gemeindeteil Mỹ Lai des Dorfs Sơn Mỹ, genannt My Lai 4, verübt wurde. Die US-Armee vertuschte das Massaker an 503 Zivilisten zunächst. Erst durch Recherchen des investigativen Journalisten Seymour Hersh – der 2004 auch den Folterskandal im US-Gefängnis Abu Ghuraib aufdeckte – gelangte das Geschehen an die Öffentlichkeit. Die Veröffentlichung der Reportage war allerdings zunächst für etwa ein Jahr von sämtlichen Medien abgelehnt worden. Hersh bekam 1970 den Pulitzer-Preis, die Veröffentlichung hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg in den USA.

Zur Rolle von Hugh Thompson:

Bei einem Aufklärungsflug am 16. März 1968 im Gebiet des südvietnamesischen Dorfes My Lai wurde Thompsons Aufmerksamkeit durch am Boden liegende tote Zivilisten geweckt. Später sah die Helikopter-Crew, dass Captain Ernest Medina eine am Boden liegende Zivilistin trat und dann erschoss. Tompson landete und sprach mit Second Lieutenant William Calley. Zu diesem Gespräch übersetzt Wikipedia das folgende Zitat aus dem Buch

„The Forgotten Hero of My Lai: The Hugh Thompson Story, Seiten 119–120, Angers, 1999“:

„Thompson: ‚What’s going on here, Lieutenant?’ (Was ist hier los, Lieutenant?)

Calley: ‚This is my business.’ (Das ist meine Angelegenheit.)

Thompson: „What is this? Who are these people?“ (Was ist das? Wer sind diese Leute?)

Calley: ‚Just following orders.’ (Ich befolge bloß Befehle.)

Thompson: ‚Orders? Whose orders?’ (Befehle? Wessen Befehle?)

Calley: ‚Just following…’ (Befolge bloß …)

Thompson: ‚But, these are human beings, unarmed civilians, Sir!’ (Aber das sind Menschen, unbewaffnete Zivilisten, Sir!)

Calley: ‚Look Thompson, this is my show. I’m in charge here. It ain’t your concern.’ (Pass auf Thompson, das ist meine Angelegenheit hier. Ich habe hier das Kommando. Das geht dich nichts an.)

Thompson: ‚Yeah, great job!’ (Ja, tolle Arbeit)

Calley: ‚You better get back in that chopper and mind your own business.’ (Du gehst jetzt mal lieber zurück in deinen Hubschrauber und kümmerst dich um deinen eigenen Kram)

Thompson: ‚You ain’t heard the last of this!’ (Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!).“

Thompson hob ab und sein Bordschütze Andreotta berichtete, dass der Soldat Mitchell weiter Menschen exekutierte. Thompson sah eine Gruppe Zivilisten, die in Panik flohen und sich in einem Bunker versteckten und von amerikanischen Soldaten verfolgt wurden. Thompson landete zwischen Verfolgern und Gejagten und sagte seinen Bordschützen Colburn und Andreotta, dass sie das Feuer auf die US-Soldaten eröffnen sollen, falls diese versuchen sollten, die Zivilisten zu ermorden. Thompson stieg aus und redete mit dem Zugführer Stephen Brooks. Er erklärte diesem, dass er die Zivilisten aus dem Bunker holen wolle. Brooks schlug ihm statt dessen vor, eine Handgranate in den Bunker zu werfen. Thompson, der vom militärischen Grad her tiefer als Brooks stand, versuchte mit diesem zu diskutieren. Es gelang ihm, insgesamt elf Vietnamesen an Bord zu bringen und zu evakuieren. Beim Weiterflug sah Thompson in einem Bewässerungsgraben ein noch lebendes Kind, welches von Andreotta herausgeholt wurde.

Thompson forderte zwei weitere Hubschrauber zur Hilfe an, die für die medizinische Versorgung der elf verwundeten Vietnamesen sorgen sollten. Während der Helikopter wegflog entdeckte Andreotta Bewegungen in einem Bewässerungsgraben, woraufhin Thompson erneut landete und die Crew ein Kind zwischen den Toten barg. Das Kind wurde zusammen mit den anderen Verletzten in das Krankenhaus von Quảng Ngãi transportiert.

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Unter welchen Bedingungen es zu solchen Massakern kommen kann, ist eine wichtige Frage.

Harald Welzer hat dazu ein erhellendes Buch geschrieben:

„Täter – wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ (Fischer Taschenbuch, 5. Auflage September 2011)

Das Massaker von My Lai scheint inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Aus der jüngeren Vergangenheit eher im Gedächtnis haften geblieben sind wohl die Massaker in Ruanda und in Ex-Jugoslawien.

Eindrücklich dokumentiert hat den Weg zum Massenmörder Christopher R. Browning im Buch „Ganz normale Männer“ (Rororo Taschenbuch), das die Beteiligung des Reserve-Polizeibataillons 101 an der „Endlösung“ in Polen darstellt.

Genauso wichtig wie die Frage, wie aus ganz normalen Männern Massenmörder werden, scheint mir die Frage, wie ein Mensch wie Thompson es schafft, in einer derart kritischen Situation seine Integrität zu wahren, sich dem Konformitätsdruck zu entziehen und ethischen Massstäben gemäss zu handeln.

Im Wikipedia-Text über Thompson steht, dass seine Aufmerksamkeit durch am Boden liegende tote Zivilisten geweckt wurde.

„Aufmerksamkeit“ ist in diesem Zusammenhang ein interessantes Stichwort. Der Philosoph Robert Spaemann schreibt dazu:

„Man könnte das Böse geradezu definieren als Verweigerung der Aufmerksamkeit. Wer schlecht handelt, weiss nicht, so könnte man sagen, was er tut. Die Sache ist nur die: er will es auch gar nicht wissen. Und eben darin und nicht in einer ausdrücklich schlechten Absicht liegt das Böse…..Was macht eine Handlung gut? Die Güte einer Handlung muss etwas zu tun haben mit Aufmerksamkeit, etwas mit dem ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit. Was kann den Blick trüben? Vielerlei. Die Übermacht der Reize des Augenblicks, Sinnlichkeit, Machtstreben, Ideale. Auch Ideale.“

(aus: Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, C. H. Beck Verlag 1986, Seite 87)

„Aufmerksamkeit“ erklärt wohl nicht vollständig das menschliche und mutige Handeln dieser Helikopter-Crew inmitten des Grauens. Aber Aufmerksamkeit zieht sich wie ein Faden durch die geschilderten Szenen.

Und es dürfte sich lohnen, über eine „Aufmerksamkeitsethik“ im Sinne von Robert Spaemann nachzudenken.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Blumen “reden” elektrisch – Insekten verstehen die Botschaft

Samstag, März 30th, 2013

Um ihre Bestäubung sicherzustellen, haben Petunien einen speziellen Trick entwickelt. Sie teilen Hummeln mit Hilfe elektrischer Signale mit, wie viel Nektar es zu holen gibt. Eine Studie zeigt nun: Die Insekten verstehen die Meldung.

.Der Tauschhandel, den Samenpflanzen und Insekten seit mehr als 100 Millionen Jahren betreiben, geht nach dem Grundsatz:

Nahrung gegen Bestäubung.

Damit die Bestäuber zu “ihren”, also den passenden Blüten finden, entwickelten die Pflanzen im Lauf der Zeit eine ganze Reihe von Orientierungshilfen.

Manche davon nehmen wir als Blütenfarben wahr, andere sind für unser Auge unsichtbar (UV-Zeichnungen), und manche belegen auch recht deutlich, dass die Signale nicht für uns entwickelt wurden: Der faulige Duft von Aasblumen hat die gleiche Funktion wie der Duft des Veilchens – er soll Bestäuber anlocken – zum Beispiel Fliegen – nicht Menschen.

Der Wissenschaftler Daniel Robert konnte nun mit Hilfe von Experimenten zeigen, dass Pflanzen sogar mit Hilfe elektrischer Signale kommunizieren.

Bekannt war bereits, dass Insekten während des Fluges positive Ladungen akkumulieren und dabei eine Spannung von bis zu 200 Volt aufbauen. Bei Pflanzen verhält es sich umgekehrt, sie sind (schwach) negativ geladen.

Robert hat dieses Phänomen nun erstmals systematisch überprüft. Der Biologe von der University of Bristol befestigte an Petunien kleine Elektroden und konnte feststellen, dass der Blütenbesuch einer Hummel eine kleine, jedoch immerhin mehrere Minuten anhaltende Veränderung der Ladung bewirkt.

Robert geht davon aus, dass diese Veränderung der Ladung ein Signal an das Insekt ist. Die Hummeln sind nämlich fähig, zwischen den elektrischen Felder von bereits besuchten und jungfräulichen Blüten zu unterscheiden. Sie optimieren dadurch sowohl ihren eigenen Profit (Nektarausbeute) als auch die Bestäubung bei den besuchten Petunien.

Auf welche Art die Hummeln die elektrischen Felder der Blüten wahrnehmen, ist bisher unbekannt.

Möglicherweise bewegen sich unter dem Einfluss elektrostatischer Kräfte die Haare auf dem Insektenpanzer – das wäre der selbe Effekt, welcher auch menschliche Haare in der Nähe eines TV-Bildschirms vom Kopf abstehen lässt.

Petunien (und vermutlich auch andere Pflanzenarten) informieren jedenfalls offenbar ihre Bestäuber über das vorhandene Nahrungsangebot.

“Blumen wollen vermeiden, dass ihre Bestäuber auf Blüten ohne Nektar treffen”, erklärt Robert. Denn Bienen und Hummeln seien lernfähig und würden andernfalls schnell das Interesse verlieren. Das elektrische Signal sei also so etwas ähnliches wie eine Werbebotschaft mit Zertifikat. Im Sinne von: Wo Nektar draufsteht, ist auch Nektar drin.

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1713195/

Die Studie:

“Detection and learning of floral electric fields by bumblebees”, Science online (21.2.2013; doi: 10.1126/science.1230883).

http://www.sciencemag.org/content/early/2013/02/20/science.1230883

Kommentar & Ergänzung:

Sehr interessante Untersuchung. Hummeln sind sehr faszinierende Lebewesen, aber Blumen aller Art natürlich auch.

Mit der Formulierung: “Blumen wollen vermeiden, dass ihre Bestäuber auf Blüten ohne Nektar treffen”, wäre ich aber vorsichtig. Sie unterstellt den Blumen Willen und Absicht, was wohl nicht korrekt ist. Beim Reden über die Natur passiert es uns sehr leicht, dass wir ihr menschliche Verhaltensmuster zuschreiben, wohl einfach, weil uns das so vertraut ist von unserer eigenen Welt. Blumen und Bestäuber haben eine lange gemeinsame Entwicklung mit wechselseitigen Anpassungen hinter sich. Aus dieser Co-Evolution sind solche „Kommunikationssysteme“ entstanden, ohne das sie ein angestrebtes Ziel gewesen wären. Dass sich etwas so Komplexes und Faszinierendes ohne Plan und Absicht entwickeln kann, ist einfach bewundernswert.

Wenn Sie noch viele weitere Wunder an Wegrand kennenlernen wollen, dann kommen Sie einmal mit auf eine Heilkräuterexkursion.

Daten und Orte finden Sie via Kurskalender.

Dass die Blüten mit ihren Farben und Formen ganz und gar auf ihre Bestäuber ausgerichtet sind – und nicht auf uns – das ist im übrigen ein wichtiges Argument gegen die Signaturenlehre, die aus Farben und Formen der Blüten Botschaften über die Heilwirkungen der Pflanzen für uns herauslesen will.

Historisch gesehen ist die Signaturenlehre sehr interessant, aber wer heute noch unreflektiert an solche Aussagen glaube, bezieht die Formen und Farben der Blüten viel zu stark auf sich selber und stellt sich damit meines Erachtens zu stark in den Mittelpunkt der „Veranstaltung“.

Siehe auch:

Pflanzenheilkunde: John Ray zur Signaturenlehre

Wilde Möhre, Leberblümchen und die Signaturen der Heilpflanzen

Von Schopenhauers Feldblume zu den Signaturen der Pflanzen

Naturheilkunde: Hoch fragwürdige Theorie von der Signatur der Pflanzen

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Übersinnliche Fähigkeiten im Test

Mittwoch, März 20th, 2013

Die Skeptiker-Vereinigung  überprüft jedes Jahr Kandidaten, die sich selbst übersinnliche Fähigkeiten zuschreiben. Begabte Hellseher, Astrologen, Wünschelrutengänger können eine Million Euro gewinnen.

Hellseher sind davon überzeugt, in die Zukunft sehen zu können, Astrologen wollen das Schicksal der Menschen aus den Sternen erkennen können.

Und manche suchen mit Pendeln oder Wünschelruten nach Wasseradern oder Erdstrahlen.

Andererseits gibt es aber auch Zweifel daran, dass es solche Fähigkeiten überhaupt gibt. In vielen europäischen Ländern haben sich Skeptiker in Verbänden organisiert, um sich für kritisches Denken und eine wissenschaftliche Herangehensweise an solche Phänomene einzusetzen. Skeptiker in Deutschland haben sich in der “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP)” zusammengeschlossen.

Die GWUP testet jedes Jahr Kandidaten darauf, ob ihre paranormale Fähigkeiten einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.

Seit 2005 haben viele Wünschelrutengänger, Pendler und Hellseher sich für diese Tests gemeldet und versucht, ihr Können unter Beweis zu stellen und die von der GWUP ausgesetzten 10 000 Euro abzuholen – ohne den geringsten Erfolg.

Dank eines anonymen Spenders setzt die belgische Skeptiker-Vereinigung SKEPP nun sogar ein Preisgeld von 1 Million Euro für einen bestandenen Test aus – allerdings nur bis zum 30. September 2013.

Yvonne Koch hat für dRadio Wissen einen Mann begleitet, der in einem solchen Test seine übersinnlichen Fähigkeiten nachweisen wollte und überzeugt davon war, dank einer schamanistischen Ausbildung in der Lage zu sein, ein mit Insektenspray vergiftetes Apfelstück unter unvergifteten Apfelstücken mit seinen Händen heraus spüren zu können.

In der sorgfältig aufgebauten Überprüfung versagte der Mann allerdings vollständig.

Quelle:

Die Radiosendung lässt sich hier nachhören:

http://wissen.dradio.de/uebersinnlich-voll-normal.35.de.html?dram:article_id=239720

Kommentar & Ergänzung:

Am eindrücklichsten bei diesen Tests ist für mich das Ausmass an Selbsttäuschung, dem die Kandidatinnen und Kandidaten unterliegen. Praktisch immer handelt es sich um Menschen, die zutiefst von ihren heilerischen und/oder hellseherischen Fähigkeiten überzeugt sind.  Ihre Erfahrungen scheinen ihnen diese Fähigkeiten zu bestätigen, aber es sind sehr selektiv aufgenommene und interpretierte Erfahrungen. Erfahrung täuscht uns auch oft. Darum kommt es darauf an, wie sorgfältig wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Dazu im Folgenden zwei Texte zum Umgang mit Erfahrung in der Naturheilkunde, wobei das aber für alle anderen Themenbereiche genauso gilt:

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Jedenfalls scheitern diese Überzeugungen regelmässig, wenn sie in kontrollierten Tests überprüft werden, mit denen die Kandidatinnen und Kandidaten sich vorher einverstanden erklärt haben.

Mit eingebildeten übersinnlichen Fähigkeiten geht oft ein Risiko für Machtmissbrauch einher. Wer angeblich mehr weiss als alle anderen, kann dieses „Wissen“ leicht zu Manipulationszwecken verwenden.  Vor allem wenn es um angeblich übersinnliche heilerische Fähigkeiten geht, sind verzweifelte Patientinnen und  Patienten oft eine leichte Beute. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass die überwiegende Mehrheit dieser angeblichen Heilerinnen und Heiler nicht bewusst betrügt, sondern höchst überzeugt vom Wert ihrer Arbeit ist. Die Vorstellung, mit besonderen, aussergewöhnlichen Heilkräften ausgestattet zu sein, gibt allerdings einen grossen Sinngewinn, einen nicht geringen Schub für’s Selbstwertgefühl und manchmal gar ein veritables Auserwähltheitsfeeling. Dieser Bonus macht es schwierig, die Selbsttäuschung zu durchschauen.

Meinem Eindruck nach trieft diese Szene vor Selbstüberschätzung und die Tests der GWUP bestätigen diese Ansicht durchgängig.

Es scheint mir sehr ratsam, dass Patientinnen und Patienten sich von grossartigen übersinnlich-medialen Heilungsversprechungen nicht beeindrucken lassen, sondern die Selbstüberschätzung und Selbstinszenierung erkennen, die sehr oft in solchen Auftritten steckt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wissenschaftler empfehlen lange Spaziergänge

Donnerstag, Februar 14th, 2013

Vier Stunden Gehen und zwei Stunden Stehen sollen gesünder sein als eine Stunde intensives Fitnesstraining.

Zu diesem Resultat kommt einer niederländischen Studie, die im Fachmagazin “PLoS One” publiziert wurde. Die Forscher schreiben, der Energieverbrauch bei ausdauernder, gemütlicher Bewegung und kurzer, intensiver Bewegung sei zwar vergleichbar. Die ausdauernde, ruhige Aktivität beeinflusse jedoch wichtige Blutwerte deutlich stärker – und zwar bei identischem Kalorienverbrauch.

Für die Studie absolvierten 18 normalgewichtige Testpersonen im Alter zwischen 19 und 24 Jahren jeweils vier Tage lang drei verschiedene Programme, bei denen der Zeitumfang für Sitzen, Stehen, intensiven Sport und Spaziergänge variierte. Nach jedem Programm erfassten die Wissenschaftler Werte, die als Indikatoren für Diabetes und Übergewicht gelten.

Frühere Studien hatten bereit ergeben, dass langes Sitzen an sich schon ein Gesundheitsrisiko birgt. Die Vorstellung, der Energieverbrauch müsse nur der aufgenommenen Energie entsprechen, um gesund das Gewicht zu halten, gerät dadurch ins Wanken.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=190892

http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0055542

Kommentar & Ergänzung:

Die Art der Bewegung scheint also von nicht zu vernachlässigender Bedeutung zu sein.

Und dass mit dem Spazierengehen ausgerechnet eine Bewegungsvariante gut abschneidet, die keinerlei Vorkenntnisse verlangt und nichts kostet, finde ich sehr erfreulich.

Den gesundheitlichen Nutzen von Spaziergängen haben schon mehrere Studien gezeigt.

Siehe dazu auch:

Zügig Gehen reduziert Darmkrebsrisiko

Täglicher Spaziergang bremst geistigen Abbau

Naturheilkunde: Spazierengehen bessert Gedächtnisschwäche

Aktiver Lebensstil reduziert Alzheimer-Risiko

Wandern reduziert Depressionen

Bewegung – und damit auch Spazierengehen – ist im übrigen eine Säule der klassischen Naturheilkunde.

Siehe: Naturheilkunde – was ist das?

Dass langes Sitzen ungesund ist, lässt sich wohl kaum bestreiten.

Dass zwei Stunden Stehen gesünder sein soll als eine Stunde intensives Fitnesstraining, scheint mir allerdings sehr fragwürdig. Zu einem solchen Schluss kommt man wohl nur durch Beschränkung auf ein paar Messwerte. Nimmt man dagegen den ganzen Organismus ins Blickfeld, wird zum Beispiel rasch klar, dass längerdauerndes Stehen beispielsweise für die Venen ziemlich ungesund ist.

Spazierengehen lässt sich im übrigen gut verbinden mit dem Kennenlernen von Heilpflanzen und Wildblumen – dann fördert es neben den direkten gesundheitlichen Wirkungen auch noch den die Naturwahrnehmung und den Naturkontakt.

Schauen Sie sich dazu die Daten und Orte meiner Kräuterexkursionen an.

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Heilpflanzen-Exkursionen als ästhetische Bildung

Freitag, Februar 1st, 2013

Tönt vielleicht ein bisschen hochgestochen, dieser Titel. Aber eigentlich ist etwas einfaches damit gemeint.

Auf Heilpflanzen-Exkursionen lernt man, woran man die Pflanzen erkennen kann und wofür sie gut sind. Das ist ziemlich direkt Nutzen orientiert und drückt sich aus in der auf Exkursionen relativ häufigen Frage: „Und wofür kann man diese Heilpflanze brauchen?“ – Dagegen ist auch nichts einzuwenden.

Allerdings scheint mir, dass diese Nutzenorientierung nicht der einzige Aspekt sein sollte, um den sich auf einer Heilpflanzen-Exkursion alles dreht.

Genauso wichtig finde ich, was Rolf Göppel so formuliert hat:

„Ich möchte also unter „ästhetischer Bildung“ hier etwas sehr Grundlegendes verstehen: Die Erziehung zur Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Genussfähigkeit, die Pflege der Fähigkeit zu staunen, die Sensibilisierung der Aufmerksamkeit dafür, welche Umgebung „der eigenen Seele gut tut“, die Ausbildung eines liebevoll-achtsamen Verhältnisses zu den natürlichen Erscheinungen, die einem zum Beispiel den Duft einer Blume oder den Gesang eines Vogels wertvoll sein lassen, auch wenn diese ‚zu nichts nütze’ sind und die einem die Beobachtung der Fortbewegungsart einer Raupe oder des Baus eines Spinnennetzes zum spannenden Erlebnis werden lassen, auch wenn dabei herzlich wenig ‚action’ geschieht.“

Rolf Göppel, Umwelterziehung, in: Walter Sauer (Hrsg.); Verlassene Wege zur Natur, Die Graue Edition 1992

Dieses Zitat drückt ganz präzis aus, was mir bei Exkursionen in der Natur wichtig und wertvoll ist und über den direkten Nutzen hinausgeht.

Ein nutzenorientierter Umgang mit der Natur zeigt sich in verschiedenen Varianten, nicht nur in der direkten Frage, wofür eine bestimmte Heilpflanze gut ist. Viel subtiler ist eine weit heute weit verbreitete, esoterisch eingefärbte Nutzenorientierung gegenüber der Natur.

Im Zentrum steht dabei eine Haltung, die von der Natur Ratschläge und Hinweise aller Art erwartet. Die Natur soll uns mitteilen, was für uns gut ist, was uns gesund macht oder unsere Entwicklung fördert. Überall in der Natur sollen uns Pflanzendevas oder Pflanzensignaturen geheime Zeichen geben, die es nur zu erkennen gibt. Die Natur soll uns zudem Energie und Lebenssinn liefern.

Ich halte das – mit Verlaub gesagt – für eine ziemlich ausgeprägte Konsumhaltung. Und der Mensch stellt sich nach meinem Geschmack dabei viel zu stark in den Mittelpunkt.

Siehe auch:

Signaturen der Pflanzen – Bemerkungen zu Bedeutung und Hintergründen

Rolf Göppel beschreibt eine ganz andere Art des Kontaktes zur Natur. Hier wird nicht passiv Hilfe, Rat, Gesundheit und Energie erwartet. Die Entwicklung, welche wir in und mit der Natur machen können, entsteht aus dem Kontakt, aus der Begegnung mit Pflanzen und Tieren. Sie entsteht in uns selber, insofern wir uns auf die Natur einlassen. Mir scheint, dass diese Haltung reifer, konstruktiver und in einem guten Sinn bereichernd ist. Und ich begleite auf meinen Heilpflanzen-Exkursionen und Natur-Seminaren sehr gerne Menschen, die auf solche Art Kontakt und Begegnung mit  Pflanzen, Tieren und Landschaften suchen. Das ist für ein wichtigster Aspekt, den ich mit den Exkursionen vermitteln möchte.

Alle aktuellen Exkursionsdaten finden Sie im „Kurskalender“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Zitat des Tages von Richard Sennett zum Thema “Scheitern”

Dienstag, Januar 1st, 2013

Am 1. Januar 2013 feiert der Sozialtheoretiker und Bestsellerautor Richard Sennett seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass hier ein Zitat von Richard Sennett zum Thema „Scheitern“:

„Das Scheitern ist das grosse moderne Tabu. Es gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, wie wir ihm Gestalt und einen Platz iin unserem Leben geben, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen…………………………………………

Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur grösser. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug’.

Das Scheitern ist nicht länger nur eine Aussicht der sehr Armen und Unterprivilegierten; es ist zu einem häufigen Phänomen im Leben auch der Mittelschicht geworden. Die schrumpfende Grösse der Elite macht die Lebensleistung immer schwieriger. Der Markt, auf dem der Gewinner alles bekommt, wird von einer Konkurrenz beherrscht, die eine grosse Zahl von Verlierern erzwingt. Betriebsverschlankungen und Umstrukturierungen setzen die Mittelschicht plötzlich Katastrophen aus, die im früheren Kapitalismus sehr viel stärker auf die Arbeiterklasse begrenzt waren. Kommt man aber den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität nach, verfolgt einen auf subtilere, aber ebenso mächtige Weise das Gefühl, als Familienvater oder –mutter zu scheitern…..

Der Gegensatz von Erfolg und Scheitern ist eine Art, sich der Auseinandersetzung mit dem Scheitern zu entziehen. Diese einfache Entgegensetzung bedeutet, dass wir, wenn wir nur genug materielle Nachweise unserer Leistung anhäufen, von Gefühlen des Versagens verschont bleiben………

Einer der Gründe, warum es so schwer ist, Versagensgefühle durch Dollars zu beschwichtigen, ist die Tatsache, dass das Gefühl, gescheitert zu sein, aus tieferen Motiven aufsteigen kann – zum Beispiel, weil es einem nicht gelingt, das eigene Leben vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, etwas Wertvolles in sich selbst zu entdecken, zu leben, statt einfach nur zu existieren.“

Aus: Richard Sennett, Der flexible Mensch, Siedler Taschenbuch, 2000

Mehr zu Richard Sennett auf Wikipedia

Scheitern passt als Thema natürlich speziell zum 1. Januar, weil an diesem Tag viele Menschen grosse Vorsätze fassen, von denen meistens die Mehrzahl von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist……..

Aber darum geht es mir jetzt nicht.

Scheitern scheint tatsächlich so etwas wie ein Tabu zu sein.

Schaut man sich all die Erfolgsratgeber, Erfolgsseminare und Erfolgstrainer an, die den einfachen, direkten und sicheren Weg zu Erfolg versprechen, dann stellt sich schon die Frage, wie es denn gehen soll, dass alle erfolgreich sind. Wo bleiben die anderen?

Kommt dazu, dass Erfolge gern weiter erzählt, das Scheitern aber  oft schamvoll für sich behalten wird.

Und so halten es auch die Medien: Erfolge  – zum Beispiel im Sport – verkaufen sich viel besser als Misserfolgen bzw. Scheitern. Sportliche Misserfolge beispielweise sind medial nur interessant als kurzes emotionales Drama. Der Sturz des Skifahrers, die Enttäuschung des Verlierers…aber dann wendet sich die Kamera den Siegern zu.

Wir leben dadurch in einer ziemlich verzerrten Lebenswelt, sind quasi umzingelt von Erfolgsmeldungen und Erfolgsversprechungen, während das Scheitern möglichst unsichtbar bleibt. Das Tabu zu durchbrechen und dem Scheitern einen angemessenen Platz zu geben, das ist ganz offensichtlich nicht leicht – in der Gesellschaft nicht, in der Wirtschaft nicht, in Beziehungen nicht und auch im Inneren des einzelnen Menschen nicht.

Scheitern hängt unter anderem ab von den Kriterien für Erfolg, die festgelegt werden durch die Gesellschaft oder durch das einzelne Individuum.

Richard Sennett  fokussiert in seinem Buch überwiegend auf das Scheitern im wirtschaftlichen Kontext.

Scheitern können aber auch Beziehungen (Paarbeziehungen, Eltern-Kindbeziehungen, Freundschaftsbeziehungen).

Scheitern kann man aber auch in verschiedenster Hinsicht mit und an sich selbst. Neujahrsvorsätze sind dazu ein gutes und meistens noch eher harmloses Beispiel.

Scheitern kann man auch mit dem Versuch gesund zu werden.

In diesem Bereich, das steht fest, werden wir letztendlich alle scheitern. Den Umgang mit chronischen Krankheiten und mit dem Älterwerden könnte man gar als eine Schule des Scheiterns bezeichnen. Mit einem Scheitern, das zunehmend ins Leben eingebaut ist und Hoffnungen, Wünsche und Ansprüche hartnäckig in Frage stellt.

Es spricht viel dafür, dass uns ein positiverer, gelassenerer und offenerer Umgang mit dem Scheitern gut tun würde.

Gut tun würde dies sowohl der Gesellschaft als Ganzem als auch den einzelnen Individuen.

Sennett schreibt dazu – ich wiederhole diesen Satz:

„Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur grösser. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug’.“

P.S. Wenn Sie dem Scheitern in einem guten Rahmen als Thema Raum geben wollen, dann sind die „Eidberger Gedankengänge“ eine Möglichkeit dazu. Manchmal ist es nämlich nicht einfach, über das Tabuthema des Scheiterns mit Menschen zu sprechen, mit denen man zusammen lebt oder die sogar in der einen oder anderen Form am Scheitern beteiligt sind. Ich sehe mich auf den Eidberger Gedankengängen als zwar engagierten und interessierten, aber aussenstehenden Begleiter. Als unabhängiger Dialogpartner stelle ich mich für die gemeinsame Reflexion zur Verfügung.

Zum Buch „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett:

“In seinem Werk Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), 1998, beschreibt Sennett die Auswirkungen des neuen Flexiblen Kapitalismus auf den Charakter. Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden an Bedeutung: z.B. Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos ebenso wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.

Auch auf der Makroebene konstatiert Sennett einen tiefgehenden Wandel. Er untersucht, nachdem er sich mit der Geschichte der Industriearbeit auseinandergesetzt hat, den Übergang vom ausgebildeten Industriekapitalismus, dem Fordismus, zu einem System der Flexiblen Spezialisierung. Beispielsweise wurde in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion in einer Fabrik abgelöst von spezialisierten Produktions- und Zuliefererbetrieben, die ihren Standort und ihre Arbeitsabläufe ständig flexibel den Notwendigkeiten der globalisierten Wirtschaft anpassen. Strenge Hierarchien sind teilweise durch kleine ‚selbstverantwortliche Gruppen’ mit hohem Risiko abgelöst worden. Der Druck auf den Einzelnen, der sich auch in einem gewandelten Verständnis des Zeitbegriffs zeigt, steigt immens. Hinzu kommt eine engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse – einschließlich der Arbeitenden – durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel. Zudem beschreibt Sennett einen Konflikt zwischen Werten, die Eltern ihren Kindern weitergeben möchten und solchen, die deren Berufsleben bestimmen.

All dies trage zu einer Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung in weiten Teilen der Gesellschaft bei. Diese Instabilität und Verunsicherung lassen nach Sennett eine Ellenbogengesellschaft entstehen. Die Schere zwischen Arm und Reich werde größer. Die Mittelschichten werden ausgedünnt. Dort sei eine Polarisierung zwischen einer kleineren Gruppe von Profiteuren und einer großen Anzahl von Verlierern des neuen Systems zu beobachten.“

Quelle: Wikipedia

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Wir sind noch da! P.S. zum Weltuntergang

Samstag, Dezember 22nd, 2012

Wir sind noch da – nicht sehr überraschend.

Interessant an dieser Weltuntergangshysterie scheint mir,

1. wie solche Phänomene zustande kommen und

2. wie Esoteriker und „Lichtarbeiter“, die so inbrünstig auf den Weltuntergang gehofft hatten, sich das Ausbleiben des „Aufstieg“ nun zurechtbiegen.

1. Wie kommt es zu solchen Weltuntergangsphantasien?

Mir ist bewusst, dass es sich hier um ein sehr vielschichtiges Phänomen handelt, welches nicht in Kürze umfassend dargestellt werden kann.  Ich möchte daher nur auf ein paar Aspekte eingehen, die mir bemerkenswert erscheinen:

Man nimmt aus einem Maya-Kalender ein paar Daten und bastelt daraus einen weltumfassenden Zusammenhang. Das ist ein bewährtes Standardverfahren in der Esoterik-Werkstatt. Die Forschungen von Peter Brugger an der Universität Zürich haben gezeigt, dass EsoterikerInnen besonders stark Assoziationen produzieren. Sie sehen Zusammenhänge in der Welt, die eigentlich nur in ihrem Kopf vorhanden sind.

Assoziatives Denken ist nicht grundsätzlich problematisch. Es fördert auch eine Art von Kreativität.

Problematisch wird es nur, wenn die eigenen Assoziationen absolut gesetzt werden und jedes Bewusstsein dafür fehlt, dass es sich bei den in der Welt gesehenen Zusammenhängen auch um Kopfgeburten handeln könnte. Als Folge davon bleibt jede Selbstreflexion und jedes kritische Hinterfragen der eigenen Vorstellungen aus. Sie werden fraglos für real gehalten, genau wie der Weltuntergang am 21. Dezember 2012.

Peter Brugger konnte in seinen Untersuchungen auch zeigen, dass Esoteriker und psychotisch veranlage Menschen ähnlich denken, was die verstärkte Neigung zu Assoziationen angeht. In einer Psychose kann ein Mensch seine Assoziationen nicht oder nur eingeschränkt auf ihren Realitätsgehalt hin überprüfen. Esoteriker sollten dazu eigentlich in der Lage sein, unterlassen es aber oft. Und so werden dann beispielsweise mit höchster Überzeugung Weltuntergangstermine verkündet.

Die interessante Frage ist nun, weshalb bei Esoterikerinnen und Esoterikern der selbstkritische und fremdkritische Faktencheck so oft unterbleibt.

Meinem Eindruck nach spielt dabei eine gewisse Sinnsüchtigkeit eine Rolle. Alles muss bis zum Platzen  mit Sinn und Bedeutung aufgeladen werden.

Wenn das nun jemand still für sich macht, ist wohl wenig dagegen einzuwenden. Wenn aber die fantasierten Zusammenhänge missionarisch in die Welt hinaus posaunt werden, stellt sich bei solchen Weltuntergangspropheten auch die Frage der Verantwortung. Und es stellt sich die Frage der Verantwortung auch bei den Medien, die mit solche Geschichten spielen und sie wenig reflektiert weiterverbreiten – oder auch bei der Werbung, die in vielfältiger Weise auf den bevorstehenden Weltuntergang angespielt hat.

Psychisch labile Menschen werden durch solche Prophezeiungen in Angst und Schrecken versetzt, Leute kündigen ihre Jobs und leeren ihre Bankkonten.

Nun kann man natürlich den Standpunkt vertreten, dass jeder selber Schuld ist, der solchen Stuss glaubt.

Die französische Dichterin Nathalie Sarraute hat diese Position so formuliert:
„So widersinnig es auch klingen mag, der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, der informiert, sondern derjenige, der informiert wird.“

Ich bin schon auch der Ansicht, dass es am Empfänger einer Information liegt, diese nicht einfach blind zu glauben, sondern kritisch zu prüfen.

Ich bin aber dezidiert auch der Ansicht, dass der Sender dafür Verantwortung trägt, was er oder sie in die Welt setzt.

Eine ganz ähnliche Problematik wie rund um diese Weltuntergangshysterie ist zu beobachten im esoterisch geprägten Teil von Komplementärmedizin und Alternativmedizin.

Auch hier werden am laufenden Band im Kopf Assoziationen produziert und als realer Bestandteil der Welt verkündet (und verkauft).

Esoterikerinnen und Esoteriker sehen an allen Ecken und Enden der Welt Heilenergien – in Steinen, Pflanzen, im Wasser, in Schwingungen und Energien aller Art. Wer da noch krank wird oder krank bleibt, der muss einfach selber schuld und noch nicht bereit für die Heilung sein.

Auch hier fällt eine absolute Grenzenlosigkeit auf und eine völlige Abwesenheit kritischer Selbstüberprüfung der eigenen Vorstellungen.

Und auch hier stellt sich die Frage der Verantwortung, wenn kranken Menschen falsche Hoffnungen verkauft werden und sie dadurch manchmal notwendige Behandlungen verpassen.

Mehr zu diesem Thema hier:

Breusskur gegen Krebs?

Diese Phänomene sind mit ein Grund dafür, dass ich die von mir angebotenen Heilpflanzen-Seminare und die Phytotherapie-Ausbildung als esoterikfrei deklariere (und dass ich es für wichtig finde, auch kritisches Hinterfragen zu vermitteln).

Siehe:

Esoterikfreie Pflanzenheilkunde – warum?

2. Wie gehen EsoterikerInnen bzw. „Lichtarbeiter“ mit dem Ausbleiben des Weltuntergangs um?

Der bevorstehende Weltuntergang war bei uns vor allem in der „Lichtarbeiter-Bewegung“ ein grosses Thema.

Ein führender „Lichtarbeiter“ und Buchautor hat angeblich bereits ein Interview mit dem Erzengel Michael geführt und dabei erfahren, dass die Planungen der höheren Mächte sich geändert hätten.

So geht es immer mit den Weltuntergangspropheten: Es werden auf Teufel komm raus Erklärungen und Ausreden gesucht, warum der Weltuntergang (noch) nicht stattgefunden hat. So lässt sich die eigene Kopfgeburt immer retten.

Damit sind die Lichtarbeiter allerdings nicht allein.

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) glaubte nachgewiesen zu haben, dass es nicht mehr als 7 Planeten geben könne.

Er verteidigte seine These am 27.August 1801 nachdem dummerweise am 1.Januar 1801 ein 8. Planet entdeckt worden war, die Ceres. Als man Hegel darauf aufmerksam machte, daß seine Lehre mit den Tatsachen im Widerspruch stände, soll er geantwortet haben: “Um so schlimmer für die Tatsachen”.

Eines finde ich hier aber schon erstaunlich:

Es sind bereits unzählige Weltuntergangsprophezeiungen „in die Hosen gegangen“ und immer wieder wurden und werden die Fehlschläge uminterpretiert und unter den Tisch geredet.

Da zeigt sich doch ein sehr deutliches Muster. Und ausgerechnet die EsoterikerInnen, die überall Muster sehen, auch dort wo gar keines vorhanden ist, sind offenbar nicht in der Lage, dieses überdeutliche Muster zu erkennen.

Auch stösst offenbar die Grössenphantasie, dass da jemand behauptet, ein persönliches Gespräch mit dem Erzengel Michael geführt zu haben, in der Lichtarbeiter-Szene nicht auf Skepsis. Die Ego-Aufblähung, die mit solchen Aussagen verbunden ist, müsste doch auffallen.

Und die sprunghafte, unzuverlässige Planungsarbeit der höheren Mächte führt bei den Lichtarbeitern keineswegs zu Reklamationen…

Das Bedürfnis nach dem „Gross-Reine-machen“, nach einem radikalen Neuanfang, nach dem „Aufstieg“ in eine höhere Welt….etc. ist offenbar so stark, dass es sich sogleich an den nächstmöglichen Termin klammert.

Vielleicht wäre es ja stattdessen angesagt, statt immer so wahnhaft nach „oben“ zu streben ganz schlicht in der Horizontale anzukommen und sich mit den Menschen und der Gesellschaft hier und jetzt auseinanderzusetzen.

Und zum Schluss noch dies:

Gerade in Esoterikkreisen fühlen sich viele Menschen tief verbunden mit früheren Kulturen (Kelten, Schamanen,  Indianer…). Sie merken aber offenbar nicht, wenn sie mit einem solchen Weltuntergangstheater ihre eigenen Phantasien den Mayas überstülpen oder unterjubeln. Mit den Mayas hat das ganze Theater kaum etwas zu tun.

Auch dies ist ein Phänomen, das in der “Eso-Szene” vielfältig zu beobachten ist. Alte oder “exotische” Kulturen werden als Projektionsfläche für eigene Bedürfnisse, Wünsche und Defizite missbraucht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch