Archive for the ‘Philosophisches’ Category

Maisgriffel (Maisbarthaare, Maisgrannen) – ein Schlankheitsmittel?

Mittwoch, Februar 1st, 2012

Maisgriffel werden im Internet für die verschiedensten Anwendungsbereiche propagiert: Nierenbeschwerden, Blasenbeschwerden, Cellulite, Fettleibigkeit, Nierensteine, Ödeme, Bluthochdruck, Rheuma, Gicht, Arthritis, Schmerzen……

Immer wieder taucht auch die Empfehlung von Maisgriffel als Schlankheitsmittel auf.

Die Empfehlungen im Internet überborden und sind zum Teil ziemlich abenteuerlich. Dem entgegen steht eine ausgesprochen magere Datenlage. Als glaubwürdig dokumentiert gilt in der Phytotherapie-Fachliteratur nur gerade eine leichte harntreibende Wirkung, wahrscheinlich aufgrund des hohen Kaliumgehalts. That’s it. Davon wird jedenfalls niemand schlank.

Aber mit grossartigen Versprechungen lassen sich gute Geschäfte machen.

Immer wenn es um Heilungsanpreisungen geht, scheint mir ein Rat von Erich Fromm bedenkenswert:

„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verdrehte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindest überreden sie sich selbst dazu.“

Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Beltz 1989

Hinweise darauf, dass Maisgriffel schädlich wäre, gibt es allerdings keine.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Der Weltuntergang 2012 nach dem Mayakalender – Kommentar zu einem irren Phänomen

Freitag, Januar 6th, 2012

Ätzend, dieser Hype um den angeblichen Weltuntergang am 21. Dezember 2012 aufgrund angeblicher Vorhersagen eines Mayakalenders.

Ich habe mich gefragt, ob ich auch noch etwas dazu schreiben soll, oder ob es besser wäre, diesen esoterischen Blödsinn gar nicht zu beachten.

Interessant ist nicht die Frage, ob diese bescheuerte Prophezeiung wahr ist oder nicht – die Welt wird am 21. Dezember 2012 nicht untergehen.

Interessant ist vielmehr das Phänomen, wie solche Prophezeiungen konstruiert werden.

Unser Gehirn ist, wenn es auf „Welt“ trifft, ständig auf der Suche nach Ordnung und Zusammenhängen. Das ist auch bei vielen Tierarten schon so.

Besonders in unübersichtlichen Situationen neigt unser Gehirn dazu, auch dort Ordnung und Zusammenhänge zu sehen, wo gar keine sind.  Offenbar ziehen wir notfalls selbst konstruierte Ordnungen dem Chaos vor. Menschen,  die stark zu selbst konstruierten Zusammenhängen neigen, finden sich besonders häufig in den Bereichen der Esoterik und der Verschwörungstheorien. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass diese Bereiche auf solchen Konstrukten basieren.

Stärker werden solche Konstrukte beispielsweise, wenn viele Menschen die selbst geschaffenen Ordnungen und Zusammenhänge einer passenden Führerperson übernehmen. Auf dieser Basis entstehen Sekten, Gurusysteme, fundamentalistische Ideologien, Verschwörungstheorien. Sie alle interpretieren die Welt entlang von forciert konstruierten Zusammenhängen und setzen ihre Interpretation absolut.

Rupert Lay hat dieses Phänomen prägnant beschrieben:

„In Situationen objektiver oder subjektiver Orientierungslosigkeit basteln wir Menschen oft die phantastischsten Theorien zusammen. Sie sind um so phantastischer, als sich der Grund oder die Erklärung eines Sachverhaltes oder einer Beziehung zwischen zwei oder mehreren Sachverhalten nicht gleich aus dem Repertoire des eigenen oder sozialvermittelten Lernens anbietet. Unser Vertrauen in die Richtigkeit dieser selbsterstellten Theorie ist nahezu unerschütterlich, und das um so mehr, je grösser der Aufwand bei ihrer Erstellung war und je sonderbarer sie ist. Informationen, die dieser Theorie widersprechen, führen in der Regel nicht zu Korrekturen, sondern zur weiteren Ausarbeitung und Verfeinerung der absurden Erklärung.“

(aus: Philosophie für Manager, Econ Verlag 1991)

Verschwörungstheorien, Weltuntergangs-Prophezeiungen und esoterische Konstrukte sind offenbar Phänomene, die ziemlich stark im menschlichen Hirn verwurzelt sind. Katzen produzieren wohl kaum solche Geschichten (wer weiss…?).

Erstaunlich ist es aber schon, dass  fast ohne reale Fakten, nur basierend auf konstruierten Zusammenhängen, ein solcher weltweiter Hype wie diese Weltuntergangs-Prophezeiung nach dem Mayakalender entstehen kann. „Maya“ genügt offenbar vielen Menschen als Qualitätslabel, das den Wahrheitsgehalt einer Behauptung bestätigt.

Für das Qualitätslabel „Maya“ spricht der Traditions-Bonus (Tradition hat bekanntlich immer Recht) und der Exoten-Bonus (Je exotischer, desto überzeugender – was man nicht kennt, eignet sich besser als weisse Leinwand für die Projektion eigener Wünsche und Bedürfnisse)…..

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Und schwup, schon übernehmen offenbar ganze Heerscharen ein irres Konstrukt, das nichts enthält als erhitzte Luft. Dabei ist diese Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung ja noch vergleichsweise harmlos. Gut, einige Leute verdienen sich daran wohl eine goldene Nase, wie das im Esoterikmarkt mit seinen überrissenen Margen halt so üblich ist. Und einige Leute steigern ihren Eso-Kultstatus, indem sie sich durch Einsicht in diese tiefen Zusammenhänge und in uralte Weisheiten von der breiten, unerleuchteten Masse abheben. Heikler wird es, wenn Menschen im Hinblick auf den bevorstehenden Weltuntergang ihr Haus verkaufen, den Job kündigen, ihre Beziehung aufgeben oder sich und ihre Kinder umbringen, um den Horror eines Weltuntergangs nicht miterleben zu müssen. Das sind alles ganz reale Begleiterscheinungen bisheriger Weltuntergangsszenarien. Wer solche Prophezeiungen weiterverbreitet, trägt dafür Mitverantwortung.

Wer sich detailliert für die Fakten rund um diese angeblichen Wahrsagungen des Mayakalenders zum Weltuntergang interessiert, findet alles dazu hier:

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/weltuntergang-2012-fragen-und-antworten.php

Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), den ich sehr schätze, hat zur Wahrsagerei geschrieben:

„Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben, aber nicht vom Wahrheit sagen.“

Wobei er aber wohl nicht eine absolute, zweifelsfreie Wahrheit gemeint hat, schreibt er doch auch:

„Wir irren allesamt, nur irret jeder anders.“

Faktenferne Konstrukte in der Politik

Richtig beunruhigend finde ich aber, dass vergleichbare Phänomene auch auf der politischen Ebene zu beobachten sind.  Bei Silvio Berlusconi beispielsweise – einem „exzellenten“ Verschwörungstheoretiker – liess sich sehr gut beobachten, dass seine Fantasien über hintergründige feindliche Einflüsse immer verstiegener wurden, je mehr er in Bedrängnis kam.

Konstruierte Zusammenhänge, die kollektive Bedeutung erlangten, waren aber auch zentral beteiligt am Hexenwahn (rund um den „Schadenzauber“) und im Sündenbocksystem der Nationalsozialisten (die Juden als Ursache für alles Übel). Wenn ich sehe, wie leicht und massenhaft Menschen auf diese Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung abfahren – ein leeres Konstrukt ohne Faktenbasis – dann scheint mir das vor allem aus gesellschaftspolitischer Sicht bedenklich..

Für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaftsform ist es unabdingbar, dass Bürgerinnen und Bürger den Willen und die Fähigkeit haben, angebotene Konstrukte auf ihren Faktengehalt hin abzuklopfen.

Die Überschwemmung mit esoterischen Konstrukten – wie beispielsweise dieser Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung – unterminiert meines Erachtens diese Fähigkeit und ist darum gesellschaftspolitisch schädlich.

Faktenferne oder faktenwidrige Konstrukte in der Komplementärmedizin

Faktenferne oder faktenwidrige Konstrukte spielen auch in der Komplementärmedizin eine grosse Rolle und werden vom Markt bestens aufgenommen. Faktenfreiheit ist dafür vielleicht sogar vorteilhaft. Ein gewisser Realitätsgehalt könnte auch dazu betragen, dass Konstrukte an der Erfahrung scheitern.

Dazu zwei Beispiele:

Borreliose-Behandlung mit Kardentinktur

Borreliose ist eine schwierig zu diagnostizierende und –  jedenfalls in späteren Stadien – schwer behandelbare Krankheit. Bei den späten Stadien der Borreliose kommt die Medizin an Grenzen (sie kommt immer wieder an Grenzen, weil selbstverständlich nicht alles machbar ist).

Jedenfalls kann Medizin in solchen Fällen meist keine Heilung versprechen, sondern allenfalls die Beschwerden lindern.

Wo die ganze Wissenschaft und Medizin weltweit an Grenzen stösst, weiss ein Buchautor die Lösung: Kardentinktur heilt Borreliose. Antibiotika sind unnötig und unwirksam. Unzählige Borreliosepatienten setzen ihre Hoffnung (vergeblich) auf Kardentinktur.

Endlich frei von “Schulmedizin”. Kultstatus für Wolf-Dieter Storl als Entdecker dieser natürlichen Behandlung. Schöne Umsätze für den AT-Buchverlag, der keine Skrupel hat, solche fahrlässigen Heilungsversprechungen zu vermarkten.

Wolf-Dieter Storl beschreibt, dass er vor vielen Jahren eine Wanderröte hatte (d. h.: er hatte offenbar Kontakt mit Borreliose-Erregern), sich mit Kardetinktur behandelte und immer noch gesund ist. Was Wolf-Dieter Storl verschweigt: Bei der grossen Mehrheit der Menschen, die Kontakt mit Borrelien haben, entwickelt sich auch ohne Behandlung keine Borreliose. Die Chance ist ausgesprochen gross, dass Storl zu dieser glücklichen Gruppe gehört. Nur eine kleine Minderheit erkrankt an Borreliose, sofern nicht im Frühstadium mit Antibiotika behandelt wird. Für diese kleine Minderheit ist die Antibiotika-Behandlung aber wichtig und die Behandlung mit Kardentinktur anstelle von Antibiotika fatal. Verpasst man nämlich die Antibiotika-Behandlung im Frühstadium, und die Krankheit entwickelt sich weiter, lassen sich die Borreliose-Erreger nur noch  schwer oder gar nicht mehr durch Antibiotika bekämpfen.

Die ganze Geschichte mit der Borreliosetherapie durch Kardentinktur basiert offensichtlich auf einer Fehlinterpretation der Storl’schen „Eigenheilung“  (ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss, siehe unten) und auf wunschbasiertem Denken.

Es handelt sich um ein faktenfernes Konstrukt mit hohem Risiko, wenn sich Menschen mit Wanderröte einzig darauf verlassen.

Mehr Details dazu hier:

Karde & Borreliosetherapie nach Storl

Miracle Mineral Supplement (MMS)

Ein Oxidations- und Reinigungsmittel, das in manchen Gegenden auch zur Trinkwasserchlorierung verwendet wir, soll gegen Malaria, Tuberkulose, Diabetes, Krebs, AIDS und vieles andere mehr helfen. Interessant ist hier, dass MMS auch gerne verwendet wird von Menschen, die aus Überzeugung Antioxidantien („Radikalfänger“) schlucken gegen freie Radikale. MMS entwickelt aber freie Radikale (Chlordioxid).

Auch hier haben wir es meines Erachtens mit einem faktenfreien Konstrukt zu tun.

Siehe auch:

Warnung: Miracle Mineral Supplement (MMS)

Faktenferne Konstrukte wie die Borreliose-Kardentinktur-Story und das Miracle Mineral Supplement werden jeweils gestützt durch zahlreiche Heilungsanekdoten. Dabei wird aber der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss nicht beachtet.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-procter-hoc-Fehlschluss

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Warum wir gesund werden

Jede Besserung wird also vorschnell und ungeprüft dem angewandten Mittel zugeschrieben. Placeboeffekt, Selbstheilung, temporäre Besserung im Verlauf chronischer Krankheit und andere mögliche Einflüsse werden ausgeblendet.

Es gibt einen ziemlich egozentrischen „Erfahrungsfundamentalismus“, der die eigene Erfahrung als Massstab unbezweifelbarer Wahrheit betrachtet. Dass die Interpretation der eigenen Erfahrung sehr komplex und mit vielfältigen Selbsttäuschungsmöglichkeiten behaftet ist, geht dabei völlig unter.

Wer um diese Selbsttäuschungsmöglichkeiten weiss wird bescheidener, setzt seine eigenen Erfahrung nicht mehr absolut und wird auch im Bereich Komplementärmedizin genau hinzuschauen und Heilungsversprechungen kritisch hinterfragen.

Und zu guter letzt:

Sollten dereinst Argumente auftauchen, die für eine Wirksamkeit von Kardentinktur bei Borreliose oder von Miracle Mineral Supplement sprechen (äusserst unwahrscheinlich, aber aus grundsätzlichen Überlegungen nicht mit letzter Gewissheit auszuschliessen), werde ich sie genau prüfen und nötigenfalls meine Ansichten modifizieren. Aber mit grossspurigen Geschichten allein kann man mich nicht überzeugen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

Freitag, Januar 6th, 2012

Wir Menschen neigen dazu, zeitlich zusammen fallende Ereignisse in einen ursächlichen Zusammenhang zu stellen, der gar nicht vorhanden sein muss.

Man nennt dies etwas umständlich den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlsschluss“.

Zu diesem Fehlschluss neigen wir häufig auch bei der Beurteilung von Heilwirkungen:

Ich leide an Krankheit Z

Ich nehme Präparat XY

Mir geht es besser

Schlussfolgerung: XY  ist wirksam gegen Krankheit Z

Alle anderen Einflüsse, die zu meiner Gesundung beigetragen haben könnten, werden mit diesem Kurzschluss ausgeklammert (besipielsweise Selbstheilungskräfte, Veränderungen in den Lebensumständen, andere therapeutische Massnahmen, Placebo-Effekte).

Und genauso gibt es den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen:

Ich nehme Arzneimittel X

Ich bekomme Beschwerden Z

Schlussfolgerung: Arzneimittel X ist Auslöser der Beschwerden Z

Alle anderen Einflüsse, die zu den Beschwerden Z geführt haben könnten, werden ausgeklammert (beispielsweise andere Medikamente, Veränderungen in den Lebensumständen, Infektionen, Nocebo-Effekte).

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist der wichtigste Grund dafür, dass die Beurteilung von Heilwirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln so komplex ist, und dafür, dass einzelne Erfahrungen in dieser Hinsicht meistens wenig aussagen. Vor allem in der Komplementärmedizin hört man oft das Schlagwort „Wer heilt hat Recht!“. Dass die Realität nicht so simpel ist, dafür sorgt der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“. Wer heilt hat nämlich nur Recht, wenn das entsprechende Heilmittel tatsächlich für die Besserung oder Heilung verantwortlich ist. Das gilt natürlich nicht nur für die Komplementärmedizin.

Es gilt für synthetische Medikamente, Phytotherapeutika, Präparate aus Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin etc.

Siehe auch:

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist ein starkes Argument für das Bestreben, Wirkungen von Arzneimitteln mittels systematischeren Untersuchungen zu klären, zum Beispiel in Form von Doppelblind-Studien.

Aber selbst Doppelblind-Studien können zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Resultaten kommen.

Daher fasst man dann mehrere Doppelblind-Studien zu einer Metastudie zusammen, um auf diese Art und Weise fundiertere Schlüsse ziehen zu können. Das macht zum Beispiel die renommierte Cochrane Collaboration.

Aber selbst Metastudien können sich widersprechen….

zum Beispiel weil die Studien, welche man zur Auswertung in eine Metastudie einschliesst, mittels unterschiedlicher Kriterien ausgewählt wurden.

So müssen wir wohl oder übel auf die endgültige und umfassende Gewissheit in den allermeisten Fällen verzichten, denn die Beurteilung von therapeutischen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen ist eben sehr komplex. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, nach vorläufiger und notgedrungen bruchstückhafter Erkenntnis zu streben. Suchen ist manchmal wichtiger als Finden.

Keine kritischen Fragen stellen und jede Behauptung und Heilungsversprechung unbesehen für bare Münze zu nehmen ist jedenfalls keine Alternative.

Entscheidend scheint mir dabei ein sorgfältiger Umgang mit dem Begriff „Erfahrung“.

Siehe dazu:

Naturheilkunde – vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Dienstag, Dezember 20th, 2011

Mich erstaunt immer wieder, wie weit verbreitet in den Bereichen  Pflanzenheilkunde, Komplementärmedizin und Naturheilkunde eine fraglose Gläubigkeit ist, die keinerlei Zweifel kennt. Auch völlig absurde Behauptungen und Heilungsversprechungen werden dankbar aufgesogen, ohne dass auch nur schon ansatzweise kritisch nachgehakt wird. Mehr Zweifel würde dieser Szene zweifellos gut tun.

„Zweifel“ scheint aber in diesem Terrain einen üblen Ruf zu besitzen.  Oft wird er fast schon in die Nähe von „Verrat“ gerückt.

Höchste Zeit also für ein Lob des Zweifels – an dieser Stelle mit den Worten von Alexander Varga von Kibéd (1902 – 1986):

„Den Wert des Zweifelns dürfen wir nicht unterschätzen. Ohne Zweifeln bleibt das Leben oberflächlich, weil problemlos. Nur durch das Zweifeln, ja durch die Verzweifelung erreichen wir die tieferen Schichten des Seins. Auch Kant lobt den Wert des Zweifelns als den des Anregers des menschlichen Denkens und Forschens. Der Zweifel lässt uns nicht bei den ersten, vorläufigen Ergebnissen der Forschung uns beruhigen, er zwingt uns zu einer immer eindringlicheren Vertiefung in die gegebene Problematik. Wer in die Tiefe will, muss den Weg des Zweifelns gehen……All dies müssen wir uns vergegenwärtigen, um die positive Bedeutung des Zweifels…….richtig einzuschätzen, wenn wir uns auch darüber im klaren sein müssen, dass der Zweifel allein keinen schöpferischen Wert bedeutet und kein neues Leben schaffen kann. Er ist als Auflockerer, als Zerstörer und als Aufräumer wichtig, wo es sich darum handelt, das Veraltete abzuschütteln, nicht mehr Lebendiges zu begraben und den Schutt fortzuräumen, um für neue Schöpfungen Platz zu schaffen.“

(aus: Einführung in die Erkenntnistheorie, Ernst Reinhard Verlag München, 1979, S. 63 / 64)

Kommentar & Ergänzung:

Patientinnen und Patienten werden in Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin oft zugemüllt mit grossen Heilungsversprechungen. Nur der Zweifel kann hier unsinnigen und zum Teil riskanten Schutt wegräumen. Ohne Zweifel herrscht die allumfassende Beliebigkeit. Das gilt natürlich nicht nur für Komplementärmedizin und Alternativmedizin. Es gilt zum Beispiel auch für grossartige Versprechungen in der Politik.

Wichtig dabei: Man muss lernen, die Grundhaltung des Zweifelns umzusetzen in möglichst präzise Fragen mit „Schutt-Aufräumer-Funktion“.

Welche Fragen man sinnvollerweise stellt, um Behauptungen und Versprechungen zu prüfen, können Sie lernen in meiner Phytotherapie-Ausbildung oder im Heilpflanzen-Seminar.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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“Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs”

Montag, Oktober 31st, 2011

So betitelt Bild-Zeitung / DPA eine Meldung vom 28. Oktober.

Die Nachricht tönt gut. Naturheilkunde kann meiner Ansicht nach durchaus einen sinnvollen Platz haben in der Krebstherapie.

Die Meldung von Bild / DPA ist aber voll von Nebelschwaden, Manipulation und Täuschung. Es lohnt sich daher, sie genauer unter die Lupe zu nehmen, weil man daraus für viele ähnliche Meldungen etwas lernen kann.

Hier der Originaltext am Stück:

Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs

Eine Kombination aus Schulmedizin und Naturheilkunde kann aus Sicht von Naturheilkundlern in der Krebstherapie erfolgreich sein. Der amerikanische Krebsforscher Ralph Moss sagte am Freitag zum Auftakt der Medizinischen Woche in Baden-Baden, Studien aus drei Jahrzehnten hätten gezeigt, dass eine konventionelle Therapie die besten Resultate erziele, wenn sie mit einer individuell abgestimmten Behandlung aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin ergänzt werde. Er begründete dies mit der Stabilisierung und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien.“

Quelle:

http://www.bild.de/regional/stuttgart/stuttgart-regional/naturheilkunde-sieht-erfolge-im-kampf-gegen-20705946.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Schauen wir uns die Meldung nun Schritt für Schritt an (Kommentare von mir kursiv):

„Naturheilkunde sieht Erfolge im Kampf gegen Krebs“

Kommentar M.K.:

Schon der Titel wirft einige Fragen auf:

- Was genau ist gemeint mit „Naturheilkunde“? Dieser Begriff wird heute oft irreführend und unpräzis verwendet.

Siehe:

Naturheilkunde – was ist das?

- “Naturheilkunde sieht Erfolge….”

So? Naturheilkunde ist vorerst einmal ein Begriff und der sieht gar nichts. Darüber hinaus kann man die “Naturheilkunde” auch als eine sehr heterogene “Szene” sehen, deren Vertreter  man aber zuerst fragen müsste, ob sie mit den Aussagen im Text einverstanden sind. “Naturheilkunde sieht….” tönt aber gewichtiger als “Ralf Moss sagt…”. Die “Naturheilkunde” wird hier vereinnahmt zur Stärkung der eigenen Position.

- Was ist gemeint mit „Erfolg“ im Kampf gegen Krebs? „Erfolg“ müsste klarer definiert werden.

Die Formulierung legt nahe, dass mit „Erfolg“ Krebsheilung gemeint ist.

Diese Interpretation wird natürlich von Krebspatienten und von einer Öffentlichkeit, die verständlicherweise Angst vor Krebs hat, sehr gerne gehört.

Viel weniger gerne wird gehört, dass von missionarischen Heilbringern geschürte Hoffnungen leider weitestgehend illusorisch ist.

Naturheilkunde – und das sage ich als Naturheilkundler – kennt meines Erachtens keine überzeugenden Heilmittel gegen Krebs. Selbst für die oft angewendete Misteltherapie  gibt es trotz unzähliger Untersuchungen keine wasserdichten Belege für eine lebensverlängernde Wirkung.

Siehe dazu:

Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Soll man die Leute mit illusorischen Hoffnungen abfüllen? Das kommt immer gut an und man wird als (vermeintlicher) Retter in der Not hoch geschätzt. Oder soll man die bescheidenen Möglichkeiten bescheiden darstellen auf das Risiko hin, damit im Heer der Heilstrompeter übersehen zu werden?

Ralf Moss gehört meinem Eindruck nach zur ersten Gruppe.

Der „Erfolg“ der Naturheilkunde in der Onkologie kann in der Verbesserung der Lebensqualität der Patienten liegen oder in der Linderung von Beschwerden, die durch Chemotherapie oder Bestrahlung verursacht werden. Für Patientinnen und Patienten ist das oft wertvoll, aber es ist nicht die erhoffte Heilung.

Diese Begrenzung und Präzisierung macht die Schlagzeile von Bild / DPA aber nicht.

Den Heilstrompetern reicht diese Begrenzung nicht. Nur Symptome zu lindern, das ist nicht genug für ihr grosses Ego. Mehr Bescheidenheit und weniger Allmachtphantasien wären meines Erachtens hier angebracht.

„Eine Kombination aus Schulmedizin und Naturheilkunde kann aus Sicht von Naturheilkundlern in der Krebstherapie erfolgreich sein.“

Kommentar M.K.:

- Der Begriff „Schulmedizin“ ist ein ideologisch aufgeladener, negativ gefärbter Kampfbegriff und damit manipulativ. Die Medizin soll kritisiert werden. Sie hat Kritik nötig genauso wie die sogenannte „Komplementärmedizin“. Die Kritik soll aber auf Argumenten aufbauen und konkrete Missstände benennen und sich nicht hinter negativ aufgeladenen Begriffen verstecken.

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

- Auch hier wieder: Was meint „in der Krebstherapie erfolgreich sein“?

„Der amerikanische Krebsforscher Ralph Moss sagte am Freitag zum Auftakt der Medizinischen Woche in Baden-Baden..“

Kommentar M.K.:

-Was verstehen Sie unter einem „Krebsforscher“? Ich würde mir einen Wissenschaftler vorstellen, einen Biologen vielleicht oder einen Arzt.

Das dürfte wohl den meisten Leserinnen und Lesern so gehen. „Krebsforscher“ Ralph Moss ist ein Buchautor, Journalist und Filmemacher. Er hat weder in der Krebsforschung gearbeitet noch ist er Arzt. Ralph Moss promovierte 1974 an der Stanford University (Ph.D. in “Classical Languages and Literature”). Er propagiert zahlreiche unwirksame Krebstherpien wie zum Beispiel Amygdalin (Laetrile).

Zu Amygdalin siehe:

Amygdalin / Vitamin B17 als angebliches Krebsmittel

Aber Bild / DPA schreibt von „Krebsforscher“…

Weitere Info zu Ralph Moss:

- Zur „Medizinischen Woche“ in Baden-Baden……..

Tönt anerkannt, neutral, umfassend, die „Medizinische Woche“…..

Es handelt sich um einen Kongress zur Propagierung von unbelegten Krebstherapien. Das ist selbstverständlich legal in einer Gesellschaft mit Meinungsfreiheit. Legal (und nötig) ist aber auch, solche Ansichten kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Warum wird im Titel der Veranstaltung der Inhalt „alternative Krebstherapien“ nicht genannt, sondern ein neutraler „medizinischer“ Inhalt (“Medizinische Woche) vorgegaukelt?

Der Kongress steht unter dem Motto:

Mit der Natur im Einklang – Krebs vorbeugen und behandeln”

Nur schon dieses Motto ist ausgesprochen fragwürdig und irreführend. Zu fragen wäre etwa, ob das überhaupt möglich ist, den Krebs im Einklang mit der Natur zu bekämpfen.

Im Einklang mit der Natur müsste man den Krebs nämlich wachsen lassen. Schliesslich gehört der Krebs unzweifelhaft auch zur Natur.

Das Motto tönt aber so schön…..

Leere, aber mit positiven Emotionen verknüpfte Ausdrücke sind ein Baustein für Manipulation.

Veranstaltet wird die „Medizinische Woche“  von der „Deutschen Gesellschaft für Onkologie e. V“ (DGO). Das tönt nach der offiziellen Fachorganisation der Onkologinnen und Onkologen in Deutschland.

In Wirklichkeit handelt es sich um einen Verein mit sehr beschränkter Mitgliederzahl, vor allem um Ärzte, die Krebstherapien propagieren, deren Wirksamkeit nicht belegt ist. Es ist legal, dass solche Ärzte sich organisieren und ihre Interessen vertreten. Aber warum muss dazu ein Vereinsname her, der eine nicht vorhandene Reputation und Bedeutung vorspiegelt? Das ist unseriös bis in die Knochen. Ralph Moss ist Ehrenmitglied der DGO. Präsident der DGO ist der Arzt Friedrich Douwes, der unter anderem das angebliche Krebswunderheilmittel Miracle Mineral Supplement (MMS) propagiert.

Eine schöne “Gesellschaft zur Ausbeutung der Hoffnung schwerkranker Patienten” (GAHSP) haben wir da.

Weitere Infos zur DGO:

Weitere Infos zu Friedrich Douwes

Eine seriöse Organisation im Bereich Krebs / Onkologie ist die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG): http://www.krebsgesellschaft.de/

und in der Schweiz die Krebsliga.

„Studien aus drei Jahrzehnten hätten gezeigt, dass eine konventionelle Therapie die besten Resultate erziele, wenn sie mit einer individuell abgestimmten Behandlung aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin ergänzt werde.“

Kommentar M.K.:

- Was heisst genau: Studien aus drei Jahrzehnten…..?

Welche Studien, mit welchen Verfahren oder Stoffen?

Es gibt Studien mit sehr unterschiedlicher Qualität. Das Wort „Studien“ sagt über die Relevanz von Ergebnissen nichts aus.

Bei Laborstudien zum Beispiel ist sehr fraglich, ob die Effekte aus Zellkulturen auch beim Menschen auftreten würden.

Und alle „Studien aus drei Jahrzehnten“ scheinen sich einig zu sein? Das ist äusserst unwahrscheinlich. Es ist geradezu charakteristisch für die Wissenschaft, dass es zu einem Thema Studien mit positiven und negativen Ergebnissen gibt, und dass man erst aus einer Vielzahl von zum Teil widersprüchlichen Studien relevante Schlüsse ziehen kann.

Warum werden negative Studien, die es beim Thema Krebsbehandlung durch Naturstoffe in grosser Zahl gibt, nicht erwähnt. Das sieht nach Manipulation durch einseitige Selektion aus.

- Und wie schon beim Begriff „Erfolg“: Was genau meint, die besten „Resultate“? Krebsheilung? Verlängerte Lebenszeit? Verbesserung der Lebensqualität?

- Was genau ist gemeint mit „aus dem breiten Spektrum der Komplementärmedizin“?

„Komplementärmedizin“ ist ein positiv gefärbter Lobbying-Begriff, der an sich noch nichts aussagt. „Komplementär“ bedeutet ergänzend. Darin steckt eine Vorstellung vom Ganzen. Natürlich ist das „Ganze“ zu haben immer attraktiver als nur einen Teil, vor allem auch für leidende Patienten.

Aber was ist den genau das Ganze, zu dem Komplementärmedizin die Medizin ergänzt? Körper, Seele und Geist? Und wie sieht das dann konkret in der Behandlung aus? Kann überhaupt jemand ganzheitlich behandeln? Um jemand ganzheitlich zu behandeln müsste man ihn oder sie ganzheitlich wahrnehmen. Wir nehmen aber wohl nur einen beschränkten Teil unseres Gegenübers und auch nur einen kleinen Teil von uns selbst wahr. Wie also soll Ganzheitlichkeit erreichbar sein?

Mehr dazu hier:

Fragwürdige Ganzheitliche Medizin

Komplementörmedizin – ein fragwürdiger Begriff

„Er begründete dies mit der Stabilisierung und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien.“

Kommentar M.K.:

Gegen das Ziel „der Stabilisierung  und Stärkung der körpereigenen Kräfte gegen die Belastung durch aggressive Therapien“ ist nichts einzuwenden.

Die Aussage ist einfach so vage, dass wohl niemand dagegen Einwände haben kann. Die Kehrseite davon ist aber, dass damit auch nichts Greifbares ausgesagt wird. So „leer“ spricht der Satz einfach Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse an, zum Beispiel das Bedürfnis nach Schutz vor aggressiven Therapien, das Gefühl der Angst etc.

Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse ansprechen, ohne greifbare Aussagen zu machen (an denen jemand anecken könnte) – ist ein Vorgehen mit manipulativem Potenzial.

Fazit: Der in „Bild“ bzw. DPA veröffentlichte Text ist hoch tendenziös und täuscht Leserinnen und Leser.

Dabei ist aber festzuhalten, dass dies kein Einzelfall ist. Die Berichterstattung über Themen aus Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin ist in hohem Mass unkritisch und irreführend. Im vorliegenden Text hat „Bild“ wohl einfach eine DPA-Meldung abgedruckt, die wiederum vermutlich auf einer Pressemitteilung der Kongressveranstalter basieren dürfte. Fragen wurden da offensichtlich keine gestellt.

Leserinnen und Lesern kann man eigentlich nur raten, entweder solchen Schrott gar nicht zu lesen, oder sich ein Vergnügen draus zu machen, die Inhalte kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ungeprüft blind glauben, was da alles geschrieben wird, ist jedenfalls eine ungesunde und unwürdige Option.

P.S.: Vor allem Menschen mit chronischen und / oder lebensbedrohenden Krankheiten werden oft überschwemmt mit gut gemeinten Ratschlägen aus dem Bereich Komplementärmedizin.

Das wird für Patientinnen und Patienten nicht selten anstrengend.

Wie kann man sich orientieren in diesem unübersichtlichen Angebot?

Wie bildet man sich eine fundierte, eigene Meinung?

Infos und Anregungen dazu gibt es im Tagesseminar

Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

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Operationstermine nach dem Mondkalender?

Montag, Oktober 24th, 2011

Manche Organempfänger möchten ihren Operationstermin nach der Mond-Phase planen.

Offenbar kommen solche Wünsche hinsichtlich der Operationsplanung nicht so selten vor. Aus diesem Grund untersuchte das Team um Dr. Axel Kleespies vom Universitätsklinikum Großhadern, München, den Einfluss der Mondphase auf ihre Transplantationserfolge. Als Basis dienten die Daten von 278 Nierentransplantationen (Lebendspende) aus den Jahren 1994–2009.

Wie die Autoren in der „Zeitschrift für Gastroenterologie“ berichten, fanden 8 % der Eingriffe bei Vollmond und 6 % bei Neumond statt. 46 % der Transplantationen wurden bei zunehmendem, 40 % bei abnehmendem Mond durchgeführt.

Auf Operations-Komplikationsrate, Morbidität, Mortalität, Abstoßungsreaktionen und Transplantatüberleben hatte der Mond keinen Einfluss, stellten die Autoren fest.

Das Patientenüberleben nach einem und zehn Jahren (99 % und 92 %) sowie das Organüberleben (97,5 % und 86 %) erwies sich in allen Mondphasen als vergleichbar.
Im Umgang mit verunsicherten Organspendern und Organempfängern können diese Daten von großem Nutzen sein, schreiben die Autoren. Glaubt ein Patient allerdings unerschütterlich an Mondeinflüsse, empfehlen die Chirurgen pragmatisch. seine Terminwünsche – soweit machbar – zu berücksichtigen.

Quellen:

A. Kleespies et al., Z Gastroenterol 2011; 49: 1111

http://www.medical-tribune.de/home/news/artikeldetail/niere-verpflanzen-nach-dem-mondkalender.html

Kommentar & Ergänzung:

Im Buchhandel finden sich eine ganze Reihe von „Mondkalendern“,  mit denen man für alle möglichen Aktivitäten angeblich den richtigen Zeitpunkt bestimmen kann. „Vom richtigen Zeitpunkt“ heisst denn auch schon mal eines dieser Werke.

Damit kann man viele Entscheidungen an eine aussenstehende, scheinbar unfehlbare Instanz delegieren, was sehr erleichternd sein kann.

Da sich die einzelnen Mondkalender mit ihren Angaben aber auch widersprechen, sollte man nur ein Buch konsultieren, sonst ist man wieder gleich weit wie ohne kosmische Anweisungen.

Mehr Details hier:

http://dermond.at/mondphasen.html

Im übrigen gibt es ja auch Menschen, die Heilpflanzen nach dem Mond ernten und einsetzen. Solche Regeln geben zweifellos Orientierung in einer zunehmend unübersichtlicheren Welt.

Mit den Heilpflanzen oder gar mit dem Mond haben sie wohl kaum zu tun.

Ich finde, wir sollten auf andere Art lernen, mit der Unübersichtlichkeit der Welt umzugehen. Sich an vorgesetzte, scheinbar vom Kosmos präsentierte Regeln zu halten, ist allenfalls eine Krücke. Selber laufen ist vorzuziehen.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Radiotipp: Gespräch mit Frans de Waal über Empathie bei Mensch & Tier

Freitag, September 23rd, 2011

Das „Philosophische Radio“ auf WDR 5 sendete vor kurzem ein interessantes Radiogespräch mit dem Zoologen Frans de Waal über die Entwicklung von Empathie bei Menschen und Tieren.

Das Gespräch kann hier nachgehört werden:

Zu Frans de Waal:

„Fransiscus Bernardus Maria (Frans) de Waal (* 29. Oktober 1948 in ’s-Hertogenbosch, Niederlande) ist ein Zoologe und Verhaltensforscher, der sich seit Anfang der 1970er Jahre speziell mit Schimpansen und Bonobos befasst, aber auch mit Makaken, Kapuzineraffen, Elefanten und Buntbarschen.“

(Quelle: Wikipedia)

Zum Forschungsbereich von Frans de Waal:

„Die Schwerpunkte von de Waals Arbeiten liegen in der Erforschung der tierischen und menschlichen Entwicklung von Kultur, Moral und der Entstehung von Empathie und Altruismus als einer der Grundlagen der Sozialisation innerhalb von Gruppen und im speziellen der sich daraus später entstehenden besonderen Aspekte der Menschwerdung. De Waal geht dabei davon aus, dass die Entstehung von Moral und Kultur keine rein menschlichen Leistungen sind und sich daher auch vermehrt im Tierreich herausgebildet haben müssen. De Waal sieht dabei die Moral als einen evolutionären Prozess an, der geschaffen wurde, um soziale Normen untereinander zu entwickeln, um dadurch die Befähigung zu erhalten, Konfliktlösungsstrategien und Mechanismen zur gegenseitigen Hilfe in sozialisiert lebenden Gruppen herauszubilden.“

(Quelle: Wikipedia)

Zum „Prinzip Empathie“ von Frans de Waal:

„Gier ist out, Empathie ist in. In der Natur tobt ein Kampf ums Überleben, in der Evolution herrscht das Recht des Stärkeren. Zumindest, wenn man Darwins Theorie verkürzt betrachtet. Frans de Waal, der große Humanist unter den Verhaltensforschern, widerlegt diese These. Seine Beobachtungen an Hunden, Katzen und Schimpansen zeigen: Offenbar erkennen auch Tiere in ihrem Gegenüber eine verwandte Kreatur und zeigen Empathie und Solidarität. Auf den Menschen übertragen, heißt das: Kooperation gehört zu unserer Grundausstattung. Engagiert und anschaulich erklärt de Waal, warum Stärke allein nichts zählt und was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können.“

Quelle: Beschreibung des Hanser-Verlags zum Buch „Das Prinzip Empathie“ von Frans de Waal.

Das Thema „Empathie“, so wie Frans de Waal es im Gespräch vertritt, ist für die Philosophie wichtig im Bereich der Ethik.

Heute dominiert in vielen Kreisen eine Haltung, die Konkurrenz als alleiniges Organisationsprinzip menschlicher Beziehungen betrachtet und dies evolutionsbiologisch zu begründen versucht.

Diese Haltung dürfte nicht wenig zur Finanzkrise 2008 beigetragen haben. Frans de Waal belegt, dass neben Konkurrenz auch Kooperation bereits in der evolutionären Entwicklung angelegt ist.

P.S. Wenn Sie sich für philosophische Fragen im Bereich von Gesundheit & Krankheit interessieren, dann schauen Sie mal ins Kursprogramm im Bereich „Forum Naturheilkunde & Philosophie“.

Ich bin überzeugt davon, dass wir mehr philosophische Reflexion rund um Gesundheit und Krankheit brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zitat: Peter Bieri über Bildung und Neugierde

Dienstag, September 20th, 2011

„Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt. Sie kann in ganz verschiedene Richtungen gehen: hinauf zu den Gestirnen und hinunter zu den Atomen und Quanten; hinaus zu der Vielfalt der natürlichen Arten und hinein in die phantastische Komplexität eines menschlichen Organismus; zurück in die Geschichte von Weltall, Erde und menschlicher Gesellschaft, und nach vorn zu der Frage, wie es mit unserem Planeten, unseren Lebensformen und Selbstbildern weitergehen könnte.

Stets geht es um zweierlei: zuwissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist. Die Menge von dem, was es zu wissen und zu verstehen gibt, ist gigantisch, und sie wächst mit jedem Tag. Sich zu bilden, kann nicht heissen, ausser Atem hinter allem herzulaufen. Die Lösung ist, sich eine grobe Landkarte des Wissbaren und Verstehbaren zurechtzulegen und zu lernen, wie man über die einzelnen Provinzen mehr lernen könnte. Bildung ist also ein doppeltes Lernen: Man lernt die Welt kennen, und man lernt das Lernen kennen.“

Quelle:

http://www.hwr-berlin.de/fileadmin/downloads_internet/publikationen/Birie_Gebildet_sein.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Peter Bieri formuliert im obenstehenden Zitat Grundsätze zu Bildung und Neugier, die auch gut zur Phytotherapie-Ausbildung oder zum Heilpflanzen-Seminar passen. Der unersättliche Wunsch zu erfahren, was es in der Welt der Heilpflanzen alles gibt, ist eine gute Voraussetzung für ergiebige Lernprozesse.

Zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist – das ist ein gutes Ziel.

Es gibt eine Tendenz, Ausbildungen oder Weiterbildungen eher als Unterhaltungsveranstaltungen zu sehen, als Events quasi. Dadurch werden sie aber zu Seichtgebieten und verlieren an Tiefe und Engagement. Das Zitat von Peter Bieri stammt aus einer Rede, die sich gegen diese Verflachung wendet.

Zu Peter Bieri:

Peter Bieri (* 23. Juni 1944 in Bern, Pseudonym: Pascal Mercier) ist ein Schweizer Philosoph und Schriftsteller. Am bekanntesten ist Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“ mit der Kernthese:

„Auch wenn die Naturgesetze bestimmen, was wir tun und denken, können wir uns unter Berücksichtigung der jedem Menschen gegebenen Bedingtheiten als frei verstehen. Frei sind wir in diesem Sinne genau dann, wenn wir unseren eigenen Überzeugungen gemäß handeln können. Ein solcher Freiheitsbegriff, der ein bewusstes Reflektieren und eine bewusste Entscheidung voraussetzt, aber auch für möglich hält, steht nicht im Gegensatz zum Determinismus. Die Idee einer ‚absoluten Freiheit’, die gegen den Determinismus gerichtet ist, ist begrifflich inkohärent.“

(Quelle: Wikipedia)

Es braucht auch im Bereich von Gesundheit und Krankheit vermehrt philosophische Reflexion. Angebote dazu finden sie im Bereich

Naturheilkunde und Philosophie

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Inserat:

Martin Koradi

Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
Ausbildungen in Phytotherapie / Weiterbildung Pflanzenheilkunde

Winterthur, Kanton Zürich, Schweiz

www.phytotherapie-seminare.ch

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Karma-Yoga: Abschaffung jeder Ethik?

Donnerstag, August 18th, 2011

Ich höre immer wieder aus mehr oder weniger Esoterik-nahen Kreisen der Komplementärmedizin die Ansicht, dass wir „nicht werten“ sollen.

Dieses „Gebot“ halte ich für sehr problematisch, was ist mit einem Beispiel erläutern möchte.

Auf einer Karma-Yoga-Website finde ich folgenden Beitrag einer Lehrerin für Karma-Yoga unter der Überschrift:

„Tun und nicht werten“

Danach folgt:

《 Gestern Morgen habe ich von einer Freundin eine E-Mail bekommen, in der unter anderem der folgende Satz stand:

“Gleich frühstücke ich und dann muss/will/darf ich (such dir eines aus!) mit meinen Schwiegereltern, die bei uns zu Besuch sind, einen Ausflug machen.“

In meiner Antwort-Mail habe ich dazu geschrieben:
“Sag doch einfach: ‘… und dann mache ich mit meinen Schwiegereltern einen Ausflug. Ohne zu werten.”

Einfach tun, was gerade zu tun ist. Eines der Grundprinzipien des Karma Yoga.
Ohne Widerwillen, ohne Aufschub, ohne Murren, ohne Unlust.
Mit Gleichmut eben.

Wenn wir aufhören, unsere Aufgaben und Pflichten – die ja einen grossen Teil unseres Alltags beanspruchen! – in angenehm und unangenehm, erwünscht und unerwünscht aufzuteilen, und alles mit der gleichen liebevollen Hinwendung tun, wird unser Leben um einiges leichter! 》

Quelle:

http://www.karma-yoga.eu/?p=311

Kommentar & Ergänzung:

Einfach tun, was gerade zu tun ist. Ohne Aufschub, ohne Murren. Nicht werten.

Massenmörder und Folterknechte rechtfertigten und rechtfertigen weltweit ihre Taten damit, dass sie einfach ihre Aufgabe erfüllen,  ihre Pflicht tun, ohne Aufschub, ohne Murren.

Beispielhaft dafür ist die berüchtigte Rede von Reichsführer-SS Heinrich Himmler an 4. Oktober 1943 an einer SS-Gruppenführer-Tagung in Posen (Polen).

Hier ein paar Auszüge:

„Genau so wenig, wie wir am 30. Juni gezögert haben, die befohlene Pflicht zu tun und Kameraden, die sich verfehlt hatten, an die Wand zu stellen und zu erschiessen.“

Ohne zu zögern, ohne Aufschub, ohne Murren seine Pflicht tun……

„Von Euch werden die meisten wissen, was es heisst, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei — abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen — anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“

…und dabei anständig geblieben sein…

„Insgesamt aber können wir sagen: Wir haben diese schwerste Aufgabe in Liebe zu unserem Volk getan. Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“

..und auch schwerste Aufgaben mit Liebe erfüllen.

Das sind zentrale Punkte in der Ideologie des Heinrich Himmlers. Er redet sehr oft von Aufgaben und Pflichten, die zu erfüllen sind.

Quelle der Zitate aus der Posen-Rede:

http://www.holocaust-history.org/himmler-poznan/speech-text.shtml

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn der Massenmörder Heinrich Himmler mit dem Karma-Yoga zu tun habe, und ob dieser Vergleich nicht etwas gar abstrus sei.

Nun, Heinrich Himmler war ein Anhänger der indisch-buddhistischen Karma-Lehre. Sie war für ihn ein tiefes Glaubensdogma, auf das er immer wieder zu sprechen kam, und das er mehrmals für die Sinndeutung der eigenen Existenz in Anspruch nahm.

Die Bhagavadgita, die zentrale Schrift des Karma-Yoga, soll Himmler so geschätzt haben, dass er sie ständig bei sich trug.

Heinrich Himmler verglich Hitler mit dem in diesem Lehrgedicht auftretenden Gott Krishna.

Die Bhagavadgita liest sich fast wie ein Katechismus für die SS. Viele NS-Ideologen nahmen daher auf diese indische Kriegerschrift immer wieder Bezug.

Die Philosophie der Bhagavadgita wurde nach dem Kriege von rechtsextremer Seite als Legitimation von Auschwitz herangezogen.

(weitere Infos dazu: http://www.trimondi.de/H-B-K/inhalt.hi.htm)

Albert Schweitzer kommt in seinem 1935 geschriebenen Werk „Die Weltanschauung der Indischen Denker“ zu einer sehr kritischen Einschätzung der ethischen Wertvorstellungen wie sie in der Bhagavadgita zu finden sind.

„Er schreibt: Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der hasslosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meist gelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.“

(Quelle: Wikipedia)

Aber kommen wir zurück in die Gegenwart:

1. Das alte oder neue Esoterik-Gebot „Nicht Werten!“ stellt Werten als negativ dar und wertet damit selber. Ein eklatanter Selbstwiderspruch.

2. „Nicht werten“ kann ein angemessene Grundhaltung sein zum Beispiel in einem therapeutischen Setting oder während einer Meditationsübung. Wer aber „Nicht werten“ im Alltag propagiert, schafft jede Ethik ab.

Kein Mensch wir ohne Wertung einen Finger rühren, wenn in der S-Bahn jemand angegriffen oder angepöbelt wird. Nicht einmal einen Anruf bei der Polizei wird es geben, wenn nicht zuvor dieser Angriff als inakzeptabel gewertet wird.

3. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Konsumenten verhalten. Der Kauf von Bio-Produkten beispielsweise basiert auf einer Wertung.

4. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger verhalten. Jede Abstimmung, jede Wahl setzt eine Wertung voraus. Wer eine Grundhaltung des Nicht-Werten propagiert, stellt das Funktionieren demokratische Staatsformen in Frage.

Fazit: Meiner Ansicht nach ist die „Nicht-Werten-Propaganda“ ein kompletter Holzweg.

Wir sollten nicht weniger, sondern eher mehr werten.

Aber wir sollten zugleich auch so gut wie möglich lernen, sorgfältiger zu werten, genauer, differenzierter – weniger vorschnell und pauschal.

Dazu braucht es unter anderem ein Wissen darum, dass wir für unsere Wertungen keine absolute Gültigkeit beanspruchen können und dass sie perspektivisch sind. Das heisst auch, dass wir einerseits für unsere Wertungen mit Argumenten einstehen sollten, aber genauso bereit sein müssen, sie falls nötig zu revidieren.

P. S.:

- Sorgfältige Wertungen sind auch im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin nötig.

Kriterien dazu bietet das Tagesseminar:

Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot

- Auf den ersten Blick irritiert das starke Interesse eines Heinrich Himmlers an den Lehren der Bhagavadgita. Das überrascht aber nur, weil weitgehend unbekannt ist, dass führende Exponenten des „Dritten Reiches“ stark von esoterischen Vorstellungen geprägt waren und zudem eng verbunden waren mit Naturheilkunde, Homöopathie, Anthroposophie, Schüssler Salzen  und Heilpflanzenkunde, die in jener Zeit politisch gefördert wurden.

Ich halte es für wichtig darüber nachzudenken, weshalb diese unsägliche Verbindung zwischen Naturheilkunde und Nationalsozialismus zustande kam und vor allem, weshalb ihre Weltbilder an vielen Punkten so kompatibel waren.

Die Fakten dazu im Tagesseminar

Naturheilkunde und Nationalsozialismus – eine fast unbekannte, unheilsame Verbindung – und was wir heute daraus lernen können

- Generell scheint es mir wichtig, dass wir vor allem bei traditionellen Heilmethoden verstehen, auf welchen Weltbildern sie gewachsen sind. Info dazu im Seminar:

Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit - Beiträge zur Ideengeschichte der Pflanzenheilkunde

Vorgestellt werden die Welt- und Menschenbilder der magisch-mythischen Medizin, der antiken Viersäftelehre (Humoralpathologie), der mittelalterlichen Klostermedizin (Hildegard von Bingen), der Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus), der Bachblüten-Therapie und der Phytotherapie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Bekommen Haie wirklich keinen Krebs?

Mittwoch, August 17th, 2011

Die Bild-Zeitung veröffentlich in der Rubrik „Medizin-Geheimnisse aus der Tierwelt“ einen Beitrag unter dem Titel „Warum Haie keinen Krebs bekommen“

„Bild“ schlägt vor: „Machen Sie es doch mal wie die Tiere! Fitness-Papst und Autor Dr. Ulrich Strunz stellt in seinem neuen Buch tierische Verhaltensweisen vor, die auch wir nutzen können, um gesünder, fitter und fröhlicher durchs Leben zu gehen.“

Und wie sieht das konkret aus?

„Haie können, im Gegensatz zu anderen Fischen, nicht an Krebs erkranken. Die Erklärung: Psychoneuroimmunologie. Das ist die Erkenntnis, dass wir mit unserer Psyche das Immunsystem beeinflussen können. Eigentlich ist es schon länger bekannt: Wenn wir gut gelaunt sind, haben wir ein gutes Immunsystem, wenn wir schlecht gelaunt sind, ein schlechtes. Der Hai lebt im Meer, hat keine natürlichen Feinde, keine Angst, ist quasi unverwundbar. Dadurch hat er ein positives Lebensgefühl.“

Und was können wir nach Ansicht des Fitnesspapstes von den Haien lernen?

„Das können wir daraus lernen: Nicht ständig Angst haben! Nicht ständig über das Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod grübeln. Weniger Angst und Sorgen mindern das Krebs-Risiko. 70 Prozent aller Krankheiten werden durch Stress mitverursacht, also durch negative Gedanken und Ängste. Zu diesem Schluss kam das größte medizinische Forschungsinstitut der Welt, das National Institut of Health (USA). Versuchen Sie, positive Botschaften an Ihr Unterbewusstsein zu senden. So haben Sie ein gutes Lebensgefühl und bleiben gesund.“

Quelle:

http://www.bild.de/ratgeber/gesund-fit/krebs/von-tieren-lernen-adler-hai-panther-krebs-19301062.bild.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Beitrag in der Bild-Zeitung ist eine einzige Irreführung.

1. Haie können sehr wohl an Krebs erkranken.

„Tatsache ist, dass auch Haie Krebs bekommen. Belegt wird dies von John C. Harshberger, Direktor der «Registry of tumors in lower animals» der Smithonian Institution in Washington D.C. In diesem Register sind mehrere Dutzend Reporte über Krebs bei Haien dokumentiert.“

Quelle: http://www.sharkinfo.ch/SI1_96d/knorpel.html

Das Gerücht, wonach Haie immun seien gegen Krebs, wird vor allem verbreitet durch die Hersteller von Haifischknorpel-Pulver, welches als Krebsheilmittel propagiert wird.

Siehe dazu:

Lungenkrebs: Haifischknorpel-Extrakt ohne Wirkung

2. Haie haben sehr wohl natürliche Feinde.

„Außer dem Menschen, der die meisten Haie tötet, haben Haie auch andere Feinde. Insbesondere kleinere Haiarten werden regelmäßig vor allem von größeren Fischen, Rochen und größeren Haien gejagt. In Küstennähe werden kleine Haie zudem von Seevögeln oder Robben gefangen.

Größere Haie werden dagegen ausschließlich von Schwertwalen und Pottwalen sowie großen Haiarten erbeutet.“

(Quelle: Wikipedia)

3. Wenn der Hai „quasi unverwundbar“ ist, wie „Bild“ schreibt, weshalb stehen dann viele Hai-Arten infolge menschlicher Einflüsse kurz vor der Ausrottung?

„Hai-Gefährdung durch Menschen

Jährlich werden nach Angaben der FAO etwa 700.000 bis 800.000 t Knorpelfische gefangen, davon ein großer Teil als Beifang der großindustriellen Fangflotten. Diese Menge entspricht 70 bis 100 Mio. Einzeltieren, etwa 60 % davon sind Haie und 40 % Rochen.[12] Nach Compagno et al. 2005 sind diese Zahlen allerdings deutlich zu niedrig eingestuft, da eine Vielzahl von Staaten zu niedrige Fangzahlen angibt, er geht mindestens von der doppelten Menge aus.

Die wirtschaftliche Nutzung des Haies hat letztendlich dazu geführt, dass über 70 Arten bereits vom Aussterben bedroht sind. Die meisten dieser Arten werden bereits als nicht mehr überlebensfähig bezeichnet.“

(Quelle: Wikipedia)

4. Haie haben also, weil sie so völlig ungefährdet im Meer herumschwimmen, ein „positives Lebensgefühl“.

Wieviele Haie wurden denn zu dieser für sie bestimmt existenziellen Frage interviewt?

Ich hoffe doch, dass die Ergebnisse repräsentativ sind bezüglich Geschlecht und Alter der Tiere und auch für die verschiedenen Hai-Arten.

5. Die Empfehlung, wir sollten es einfach wie die Haie machen, ist reichlich naiv.

Haie grübeln wohl mit grösster Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht ständig nach über „ Alter, Krankheiten, mögliche Arbeitslosigkeit oder über den Tod“.

Das dürfte aber damit zu tun haben, dass ihnen diese Risiken nicht oder jedenfalls weniger bewusst sind.

Es gibt offenbar einfach menschenspezifische Ängste, die damit zusammenhängen, dass wir solche Risiken erkennen und auf uns zukommen sehen.

Haie machen sich wohl auch nicht grosse Sorgen darüber, wie sie sich als Hai richtig verhalten sollen. Haiisches Verhalten dürfte ihnen genetisch bzw. instinkgesteuert implementiert sein. Wir Menschen haben durch unsere geringere Instinktsteuerung offenbar grössere Spielräume im Verhalten und damit mehr Freiheiten, damit aber auch mehr Entscheidungsschwierigkeiten, Versagensängste etc.

6. Dass Stress krank machen kann, würde ich nicht grundsätzlich bestreiten. Aber dass man umgekehrt nur ein gutes Lebensgefühl kreieren muss, und dann gesund bleibt,  ist eine ziemlich simple Vorstellung von Gesundheit und Krankheit. Wer krank ist, hat es also einfach nicht geschafft, ein gutes Lebensgefühl zu produzieren. So einfach…..

Und wie genau schickt man „positive Botschaften“ ans Unterbewusstsein, damit sie dort auch sicher ankommen? Per Mail?

Zudem ist die Überzeugung, dass Stress ein Risikofaktor ist für körperliche Krankheit zwar sehr verbreitet, doch sind die biologischen und psychologischen Tatsachen viel komplexer. Stress ist jedenfalls nicht nur „böse“ und schädlich, wie uns das dieser „Bild“-Artikel einreden will.

Fazit:

Wenn „Bild“ uns gegen Stress und für ein gutes Immunsystem rät, wir sollen es  doch einfach machen wie die Tiere, dann heisst das:

Hört auf, euch mit Themen wie Alter, Krankheit, Tod oder Arbeitslosigkeit auseinanderzusetzen. Die Tiere machen sich diese Gedanken ja auch nicht. Hört überhaupt auf nachzudenken und verlasst euch wieder ganz auf eure Instinkte (wie wenn man Instinkte einfach wieder einschalten könnte….).

Dieser Ratschlag ist einfach bodenlos dumm.

P.S.

Lust auf oder Bedarf nach Reflexion – zum Beispiel über Alter, Krankheit, Tod?

Dann schauen Sie mal in den Bereich „Naturheilkunde & Philosophie“ oder in den Bereich „Eidberger Gedankengänge“.

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