Kult des Positiven Denkens

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Als Schüler haben mich die Bücher des New Yorker Pastors Norman Vincent Peale zur „Kraft des Positiven Denkens“ sehr angesprochen. Erst viel später habe ich realisiert, wie verlogen dieses zwangshafte „Positive Thinking“ ist und wie ungesund.

Im Portal „Geschichte der Gegenwart“ gibt die Historikerin Brigitta Bernet einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Bewegung. Wie stark Peale auch eine politische Mission verfolgte und mit seinen Schriften rechtskonservative Normen verbreitete, war mir bisher nicht klar.

Bernet schreibt, dass Peales politische Mission ihn zum Freund von Richard Nixon und Ronald Reagan machte, aber auch von Bill Clinton und Donald Trump. Trump, habe als Kind mit seiner Familie regelmässig an den Gottesdiensten von Peale teilgenommen und sich 1978 (mit seiner ersten Frau Ivana) von diesem trauen lassen. Er habe seine Prägung durch Peale stets hervorgehoben und sich auch jüngst wieder als „firm believer in the power of being positive“ bezeichnet.

Bernet verweisst auf Carl Cederström, der im Guardian schrieb, dass Trumps Begriff von Wahrheit und alternativen Fakten direkt auf Peales Glaube an die Macht des positiven Denkens zurückzuführen sei. Dieses Denken laufe darauf hinaus, sich eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren, über die man die vollständige Verfügungsgewalt hat. Bei Trump sei das absichtliche Ausblenden der äusseren Umstände zur politischen Kerntugend geworden. Daran knüpfe eine Moral an, die von den Einzelnen verlangt, die Verantwortung für ihr Handeln auch dort zu übernehmen, wo die Rahmenbedingungen längst zu ihren Ungunsten festgelegt sind.

Bernet geht aber auch auf den Boom des „Positiven Denkens“ in Managment- und Motivationskursen ein:

„Der gegenwärtige Kult des positiven Denkens mag Vorgesetzten und Arbeitgebern entgegenkommen, denen vorgetäuschter Frohsinn lieber ist als Klagen und Kritik. Für die Betroffenen aber ist er alles andere als leicht. Anstatt die Menschen ernst zu nehmen und ihnen zu einer realistischen Sicht zu verhelfen, übt die Glückspsychologie das Schönreden des Status quo ein. Ihre Techniken zielen darauf, Gefühle wie Angst und Auflehnung zu verleugnen und hinter einer kosmetischen Schicht von Munterkeit zu verbergen.“

Bernet verweisst auch auf den dänischen Psychologen Svend Brinkmann, der in seinem Anti-Ratgeber Stand Firm. Resisting the Self-Improvement Craze von 2017 betonte, dass der aktuelle Kult des Optimismus für viele Menschen zu einer Belastung geworden ist. Wer Unsicherheit, Angst oder Enttäuschung zeige, stehe im positiven Unternehmen schnell einmal als Losertyp da, von dem sich auch KollegInnen fernhalten, um nicht in den Strudel der „Abwärtsspirale“ zu geraten.

Die Folgen der neuen Happiness-Kultur seien nicht nur Egozentrik und Verblödung, sondern auch ein Verlust an Empathie, Toleranz und Solidarität:

„Die Gefahren des Self-Made-Man wie auch der Self-Made-Nation liegen darin, dass durch die positive Selbstmanipulation der Sinn für die Realität verloren geht. Denn offensichtlich ist die neue Glückspsychologie kein Mittel, das auf die Erhöhung des allgemeinen Wohlstands oder des individuellen Glücks zielt. Viel eher ist sie ein Schmiermittel für den Umbau der Subjekte nach Massgabe der globalen Marktwirtschaft und eine Ideologie, die soziale Ungleichheiten zu legitimieren und zu verschleiern hilft.“

Quelle:

http://geschichtedergegenwart.ch/smile-or-die-der-kreuzzug-des-gluecks-gegen-die-vernunft/

Kommentar & Ergänzung:

Der „Kult des Positiven Denkens“ kann auch im Bereich von Gesundheit und Krankheit zu ausgesprochen fragwürdigen Auswüchsen führen.

Dann heisst es zum Beispiel: Wer gesund werden will, wird gesund – und wer krank bleibt, will nicht wirklich gesundwerden.

Die Vorstellung, Gesundheit könne zu 100% beeinflusst werden, wenn man nur genug stark wolle, ist eine Allmachtsphantasie. Damit werden oft Ohnmachtsgefühle vermieden, die mit Krankheiten verbunden sein können. Konstruktiver wäre es, mit Ohnmachtsgefühlen umgehen zu lernen. Dazu gehört auch zwischenmenschliche Solidarität.

Besonders abstosssend wird es, wenn chronisch kranken Menschen unterstellt wird, dass sie einfach nicht gesund werden wollen. Das ist nur noch pure Arroganz.

Wer derart radikal ausblendet, dass wir Menschen unsere Gesundheit niemals vollständig in der eigenen Hand haben können, kann sich auch sehr einfach von jeglicher zwischenmenschlichen Solidarität absetzen. Wer krank ist, ist dann selber schuld.

Wir sind nicht ohne Einfluss auf unsere Gesundheit und stehen in dieser Hinsicht auch in einer Verantwortung. Dieser Einfluss und diese Verantwortung sind aber limitiert. Sie sind nicht immer vorhanden und nicht an jedem Punkt. Krankheit kann jeden Menschen treffen, zufällig, schicksalshaft, oder wie auch immer man das benennen will.

Nur wenn wir akzeptieren, dass Krankheit jeden und jede treffen kann, entsteht ein solider Boden für zwischenmenschliche Solidarität. Denn wenn ich mir einrede, dass ein Kranker gar nicht gesund werden will und folglich an seinem Zustand selber schuld ist, dann kann ich mir auch einreden, dass wir uns als Gesellschaft nicht an entstehenden Pflegekosten zu beteiligen brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Lernen über Heilpflanzen: Auf die Grundhaltung kommt es an – ein Zitat von Erich Fromm

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Möchten Sie Wissen über Heilpflanzen erwerben – zum Beispiel in der Phytotherapie-Ausbildung oder im Heilpflanzen-Seminar? – Dann lohnt sich eine kurze Reflektion über die verschiedenen Grundhaltungen, in denen Lernen möglich ist.

Dazu hat der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm interessante Gedanken formuliert, die ich Ihnen hier vorstellen möchte. Im Anschluss an das Zitat finden Sie einen Kommentar dazu von mir.

Erich Fromm unterscheidet zwei Grundtypen des Lernens:

Lernen in der Existenzweise des Habens und Lernen in der Existenzweise des Seins.

Hier das Zitat:

„Studenten, die an der Existenzweise des Habens orientiert sind, hören eine Vorlesung, indem sie auf die Worte hören, ihren logischen Zusammenhang und ihren Sinn erfassen und so vollständig wie möglich alles in ihr Notizbuch aufschreiben, so dass sie sich später ihre Notizen einprägen und eine Prüfung ablegen können. Aber der Inhalt wird nicht Bestandteil ihrer eigenen Gedankenwelt, er bereichert und erweitert diese nicht. Sie pressen das, was sie hören, in starre Gedankenansammlungen oder ganze Theorien, die sie speichern. Inhalt der Vorlesung und Student bleiben einander fremd, ausser dass jeder dieser Studenten zum Eigentümer bestimmter, von einem anderen getroffener Feststellungen geworden ist (die dieser entweder selbst geschaffen hat oder aus anderen Quellen schöpfte).

Studenten in der Existenzweise des Habens haben nur ein Ziel: das „Gelernte“ festzuhalten, entweder indem sie es ihrem Gedächtnis einprägen oder indem sie ihre Aufzeichnungen sorgsam hüten. Sie brauchen nichts Neues zu schaffen oder hervorzubringen. Der „Habentypus“ fühlt sich in der Tat durch neue Ideen oder Gedanken über sein Thema eher beunruhigt, denn das Neue stellt die Summe der Informationen in Frage, die er bereits hat. Für einen Menschen, für den das Haben die Hauptform seiner Bezogenheit zur Welt ist, sind Gedanken, die nicht leicht aufgeschrieben und festgehalten werden können, furchterregend, wie alles, was wächst, sich verändert und sich somit der Kontrolle entzieht.

Für Studenten, die in der Weise des Seins zur Welt bezogen sind, hat der Lernvorgang eine völlig andere Qualität. Zunächst einmal gehen sie selbst zu der ersten Vorlesung nicht als tabula rasa. Sie haben über die Thematik, mit der sich der Vortrag beschäftigt, schon früher nachgedacht; es beschäftigen sie bestimmte Fragen und Probleme. Sie haben sich mit dem Gegenstand schon auseinandergesetzt und sind an ihm interessiert.

Statt nur passiv Worte und Gedanken zu empfangen, hören sie zu und hören nicht bloss, sie empfangen und antworten auf aktive und produktive Weise. Was sie hören, regt ihre eigenen Denkprozesse an, neue Fragen, neue Ideen, neue Perspektiven tauchen dabei auf. Der Vorgang des Zuhörens ist ein lebendiger Prozess; der Student nimmt die Worte des Lehrers auf und wird in der Antwort lebendig. Er hat nicht bloss Wissen erworben, das er nach Hause tragen und auswendig lernen kann. Jeder Student ist betroffen und verändert worden: Jeder ist nach dem Vortrag ein anderer als vorher. Diese Art des Lernens ist nur möglich, wenn der Vortrag auch anregendes Material bietet. Auf leeres Gerede kann man nicht in der Weise des Seins reagieren und tut besser daran, nicht zuzuhören, sondern sich auf seine eigenen Gedanken zu konzentrieren.“

Erich Fromm, 1900 – 1980, deutscher Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Zitat aus: Haben oder Sein, Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, dtv Verlag 1980

 

Kommentar & Ergänzung:

Viele Menschen suchen heute ergänzend oder alternativ zur Medizin nach anderen Wegen des Heilens. Eine Suche, die sehr verschiedenartigen Motiven entspringen kann. Beteiligt daran scheint jedenfalls oft ein Wunsch nach menschenfreundlichen und naturnahen Behandlungsmethoden. Auffallend ist aber auch, dass sich dieser Wunsch nach alternativen Wegen nicht selten sehr isoliert auf den Bereich der Heilkunde beschränkt, während alle anderen Lebensbereiche sich schön brav im konventionellen Rahmen bewegen. Eigentlich wäre es doch nahe liegend, dass diese Suchbewegung auch noch in anderen Aspekten des Lebens wirksam wird. Für den Lebensbereich „Lernen“ finden sich in diesem Text von Erich Fromm wertvolle Anregungen auch für Menschen, die lernend im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde unterwegs sind.

Mir ist es jedenfalls ein Anliegen, dass in meinen Lehrgängen nicht nur im konsumierenden Haben-Modus gelernt wird. Eine lebendige und auch kritische Auseinandersetzung mit dem Heilpflanzen-Wissen ist mir wichtig und passt auch viel besser zu diesen Themen. Erich Fromm hat mit dem sein-orientierten Lernen die Grundhaltung dazu beschrieben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Angebot und Nachfrage in Medizin, Komplementärmedizin, Alternativmedizin…..

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Dazu hier ein interessantes Zitat von George Bernhard Shaw (1856 – 1950), irischer Dramatiker, Satiriker und Träger des Literaturnobelpreises (1925):

„Die medizinische Praxis wird nicht von der Wissenschaft, sondern von Angebot und Nachfrage dirigiert, und wie wissenschaftlich eine Behandlungsweise auch sein mag, sie kann ihren Platz auf dem Markte nicht behaupten, wenn keine Nachfrage vorliegt, noch kann die gröbste Quacksalberei dem Markte ferngehalten werden, wenn eine Nachfrage vorliegt.“

Kommentar & Ergänzung:

Angebot und Nachfrage spielen in der medizinischen Praxis auch in der Gegenwart eine grosse Rolle. Uns wird sehr viel angeboten, das wir gar nicht brauchen. Uns wird eingeredet, was uns angeblich alles fehlt.

Übertherapie ist ein verbreitetes Phänomen in vielen Bereichen von Medizin und Komplementärmedizin.

Und Quacksalberei boomt, weil in manchen Bereichen die Nachfrage fast unbegrenzt ist. Das zeigt sich zum Beispiel beim Thema Krebs. Hier suchen viele Patientinnen und Patienten begreiflicherweise nach rettenden Heilmitteln und greifen dazu nach fast jedem Strohhalm. Deshalb gibt es so viele betrügerische Heilungsversprechen und Quacksalbereien.

Der Ausdruck „Quacksalber“ entstand im 17. Jahrhundert. Er stammt ab vom niederländischen kwakzalver, das eigentlich etwa „prahlerischer Salbenkrämer“ bedeutet (niederl. Qwakken = schwatzen, prahlen; zalven = salben). Angepriesen werden solche Mittel typischerweise hauptsächlich mit wundersamen, aber undokumentierten Heilungsgeschichten. Es fehlen in der Regel plausible Argumente, sorgfältige Dokumentationen oder Studien, die eine Wirksamkeit glaubwürdig machen könnten. Warum konsumieren so viele Menschen derart fragwürdige Heilmittel?

Weder in der medizinischen Praxis noch im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde setzt sich Qualität von selber durch. Erfolgreich ist über weite Strecken vor allem, was die Bedürfnisse der Menschen bedient. Und diese Bedürfnisse haben mit Qualität oft herzlich wenig zu tun.

Heilkundliche Therapien dienen nicht selten auch anderen Zwecken als demjenigen, gesund zu werden. Sie wehren zum Beispiel Angst und Ohnmachtsgefühle ab oder bieten Instant-Sinnangebote für Menschen, die mit dem eigenständigen Finden von Sinn nicht zu Rande kommen.

Dazu kommt, dass wir uns bezüglich der Wirksamkeit von Heilmitteln oder Therapien oft täuschen. Behandelnde und Kranke sind nur allzu gerne bereit, jede Besserung sogleich der angewandten Heilmethode gut zu schreiben. Andere wichtige Heilfaktoren wie Selbstheilungskräfte, Placebo-Effekte, normale Schwankungen im Krankheitsverlauf oder Veränderungen im Lebensumfeld werden oft hartnäckig ausgeblendet.

So haben Übertherapie und Quacksalberei oft leichtes Spiel.

Dagegen gibt es meiner Erfahrung nach vor allem ein Rezept: Gut informierte Patientinnen und Patienten, die nicht alle wunderbaren Heilungsversprechungen blind glauben, sondern gelernt haben, Aussagen zu prüfen und kritische Fragen zu stellen.

Diese Fähigkeiten zu vermitteln ist ein wesentliches Anliegen meiner Kurse und Lehrgänge.

Nur wenn die „Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens“ (Ludwig Marcuse) abnimmt, wird sich Qualität nach und nach durchsetzen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Psyche und Krebsentstehung hängen nicht zusammen

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In den 1980er Jahren wurde noch ein Zusammenhang zwischen Krebs und Psyche postuliert. Heute sagt aber der Großteil der Wissenschaft: Nein, diesen Zusammenhang gibt es nicht.

Patricia Göttersdorfer, Vorstandsmitglied der österreichischen Plattform für Psychoonkologie, begleitet seit 15 Jahren als Psychologin Männer und Frauen mit der Diagnose Krebs. Fast immer tauche im Erstgespräch mit Krebskranken die Frage auf: Warum ich? Was habe ich falsch gemacht? Ihre Aufgabe sei dann klar zu stellen, dass Krebs zwar durch Lebensstil-Faktoren beeinflusst werden kann, also zum Beispiel ob jemand raucht oder nicht. Krebs habe aber keine rein psychischen Ursachen.

Göttersdorfer stellt klar: „Die Psyche ist nicht daran schuld, wenn Sie Krebs bekommen. Manche Krebserkrankungen sind allerdings schwer zu erklären, sind schwer greifbar zu machen. Menschen neigen in solchen Fällen dazu, sich Konstrukte zu basteln, um doch ein Erklärungsmodell für ihre Erkrankung zu finden. So unter dem Motto: Es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Seele und Krebs! Und da muss man dann klar sagen: Nein, es ist nicht so!“

Die Suche nach einer Erklärung für die Krankheit öffne leider Tür und Tor für abstruse Behandlungsmethoden, bedauert Göttersdorfer.

Alles, was wir uns nicht erklären können, mache uns extrem hilflos. Das sei auch der Grund, warum Wunderheiler und Esoterikpraktiken so boomen oder weshalb Menschen immer wieder in Heilsversprechungen flüchten. Menschen nehmen manchmal sogar sehr weite Reisen auf sich – wie etwa nach Lourdes – um genau dieses Bedürfnis nach dem Sinn hinter der Krankheit zu befriedigen, sagt die Psychoonkkologin.

Einen Sinn für die Krebserkrankung gebe es jedoch wissenschaftlich betrachtet nicht, deshalb sei die Begleitung von Krebspatienten durch geschulte Mediziner so wichtig, allen voran durch Onkologen und durch Psychologen und Psychotherapeuten.

Psychoonkologie bietet Unterstützung

In Spitälern soll es geschultes Personal geben, das den Krebspatientinnen und -patienten hilft, die Krebserkrankung anzuerkennen als das, was sie ist. Dieses Anliegen vertritt die Psychoonkologie.

Patricia Göttersdorfer beschreibt das so:

„Wenn Menschen mit ihren Gedanken alleine gelassen werden und die Zeit des Grübelns beginnt, dann kommt der oder die Betroffene oftmals auf ganz unmögliche Zusammenhänge, also etwa dass der Brustkrebs durch eine schlechte Ehe verursacht sei, oder der Tumor durch eine schlechte Vaterbeziehung entstanden sei. Mit Hilfe von guten Gesprächen, das zeigt die Erfahrung, wird die Krebserkrankung für die Patienten erträglicher und klarer, und in Folge können sie besser damit umgehen.“

Aus den Köpfen der Menschen verschwinden müsse zudem endlich die Annahme einer „Krebspersönlichkeit“, sagt Göttersdorfer. Die Idee der „Krebspersönlichkeit“ wurde noch in den 1980iger Jahren postuliert. Sie nimmt an, dass bestimmte Menschen besonders anfällig für Krebs sind, doch gilt sie in der Wissenschaft inzwischen als widerlegt.

Patricia Göttersdorfer sagt dazu:

„Es gab und gibt ganz viele Studien, die zeigen, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und einer Krebserkrankung gibt. Es gibt maximal einen Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie ich lebe, und ob ich Krebs bekomme oder nicht. Aber auch das stimmt nicht immer: So gibt es Menschen, die ihr Leben lang rauchen und keinen Krebs bekommen, andere wiederum haben nie geraucht und bekommen ein Karzinom. Krebs ist nicht fair.“

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1751043/

Kommentar & Ergänzung:

Wissenschaftlich ist die Vorstellung einer „Krebspersönlichkeit“ schon seit längerem vom Tisch.

In Esoterik und Alternativmedizin tauchen ähnliche Theorien aber immer wieder auf und führen nicht selten zu Schuldzuweisungen an Patientinnen und Patienten. Solche willkürlichen Ursachenunterstellungen können möglicherweise zwar ein Sinnangebot vermitteln, das aber hoch spekulativ ist und oft sehr destruktiv wirkt.

Eine konstruktive Begleitung bei Krebserkrankungen fokussiert sich dagegen darauf, die Lebensqualität der Kranken in der Gegenwart zu verbessern und einen möglichst guten Umgang mit der Krankheit zu finden – so wie es eine fundierte Psychoonkologie anstrebt.

„Krebs ist nicht fair“, sagt die Psychoonkologin, und spricht damit einen Aspekt an, der auch philosophisch ausserordentlich bedeutsam ist.

Es gibt diese Idee und diese Sehnsucht danach, dass Gesundheit und Krankheit, Glück und Unglück gerecht und fair verteilt sind.

Die Guten werden belohnt, die Schlechten bestraft – und wer sich richtig verhält, ist auf der sicheren Seite.

Nun ist es ja schon so, dass wir in mancherlei Bereichen Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen können. Aber nicht vollständig. Auch mit dem gesündesten, besten Verhalten bleibt ein Risiko für Krankheit und Tod. Sochen möglichen Widerfahrnissen gegenüber sind wir immer auch mehr oder weniger ohnmächtig – ohne Macht also.

Das ist manchmal schwer auszuhalten und die Vorstellung, dass alles fair und gerecht zu und her geht, gibt uns scheinbar Einfluss zurück. Ich muss mich nur richtig verhalten, dann bin und bleibe ich geschützt vor Krankheiten und anderem Unbill.

Ohnmachtsgefühle werden dadurch gelindert, aber es kommen Schuld- und Versagensgefühle auf, wenn ich trotzdem krank werde oder bleibe.

Wir haben es also nicht selten mit einem Tauschhandel zu tun: Ohnmachtsgefühle werden getauscht gegen Schuld- und Versagensgefühle.

Schlimm wird es aber vor allem, wenn aussen stehende Personen kranken Menschen die Vorstellung überstülpen, dass Krankheit immer durch irgendwelche „Fehler“ ausgelöst und damit quasi „verdient“ sei. Das sind anmassende Unterstellungen – und sie kommen insbesondere in esoterischen Kreisen nicht selten vor. Das nennt sich dann oft absurderweise noch „ganzheitlich“……..

Mag sein, dass dieser Kommentar etwas hart tönt, aber ich bin wirklich entsetzt darüber, was ich an solchen Unterstellungen gegenüber von Patientinnen und Patienten immer wieder zu hören bekomme.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Was unterscheidet Wissenschaft von Esoterik?

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Servan Grüninger hat auf campus.nzz.ch gerade einen interessanten Text veröffentlicht zu Unterscheidungsmerkmalen zwischen Wissenschaft und Esoterik.

Wissenschaftliche Aussagen müssen möglichst so formuliert werden, dass sie grundsätzlich widerlegbar sind, also an der Erfahrung scheitern können.

 

Wissenschaft soll danach streben, Theorien zu widerlegen und damit Fehler zu entdecken, was zu besseren Theorien führt.

Grüninger beschreibt dieses sogenannte Falsifikationsprinzip, das auf den Philosophen Karl Popper (1902 – 1994) zurückgeht, anhand der Beispiele Lichtnahrung, Homöopathie und Akupunktur.

Wie auch immer man zu diesen Methoden steht – das Falsifikationsprinzip ist ein interessantes Unterscheidungskriterium. Esoterische Theorien werden nämlich tatsächlich oft so formuliert, dass sie grundsätzlich unwiderlegbar sind. Theorien zu widerlegen und durch Aufdeckung von Fehlern zu verbessern ist kein Anliegen der Esoterik.

Theoriegebäude enthalten oft zugleich widerlegbare und unwiderlegbare Elemente.

Das lässt sich gut am Theoriegebäude der Homöopathie zeigen.

Die „geistartige Kraft“, durch welche nach Samuel Hahnemann die Wirkung der Homöopathie zustande kommen soll, lässt sich weder belegen, noch widerlegen. Damit das möglich würde, müsste der Ausdruck „geistartige Kraft“ mit konkreteren Eigenschaften beschrieben werden.

Die homöopathischen Arzneimittelprüfung dagegen sind so formulieret, dass sie sich gut widerlegen lassen.

Siehe dazu:

Arzneimittelprüfung Belladonna C30 / Belladonna D60

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Ausserdem:

Ein weiterer Beitrag zum gleichen Thema:

Was Wissenschaft von Esoterik unterscheidet

Zum Lichtnahrungsprozess:

Tod durch Lichtnahrungsprozess

Qualitätsmerkmale für Wissen zu kennen ist wichtiger denn je, weil immer mehr Menschen ihre Informationen überwiegend im Internet suchen und finden, wo es keinerlei Qualitätskontrolle gibt. Relevante von unrelevanter Information unterscheiden zu lernen wird daher immer entscheidender werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] Verbesserte Körper – gutes Leben? Bioethik, Enhancement und die Disability Studies, von Miriam Eilers, Katrin Grüber, Christoph Rehmann-Sutter

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verbesserte_koerper_gutes_lebenVerlagsbeschreibung:

Enhancement (= „Verbesserung“) – Behinderung – gutes Leben.

Der Band verknüpft diese drei Themen und entwickelt einen breiten Zugang zur Debatte um die biotechnologischen Möglichkeiten zur Verbesserung des menschlichen Körpers. Die Beiträge gehen von der Arbeitshypothese aus, dass die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen wichtig sind, um ethische Fragen, die sich bei Enhancement-Projekten stellen, konkreter – und so besser – zu verstehen.

Eine zweite Hypothese ist, dass die Sprache der Rechte, Pflichten und Verbote nicht ausreicht, um zu erfassen, worum es im Kern der Fragen zum Enhancement in ethischer Hinsicht geht. Stattdessen muss geklärt werden, inwieweit mit einer möglichen Verbesserung auch eine Steigerung des menschlichen Wohls verbunden ist und welche Veränderungen im Kontext eines guten Lebens wünschenswert sind.  Zum Shop

Inhaltsverzeichnis:

Inhalt:

Miriam Eilers / Katrin Grüber / Christoph Rehmann-Sutter: Einleitung.

Alfred Nordmann: Die unheimliche Wirklichkeit des Möglichen: Kritik der zukunftsverliebten Technikbewertung.

Christina Schües: Menschliche Natur, glückliche Leben und zukünftige Ethik. Anthropologische und ethische Hinterfragungen.

Christoph Rehmann-Sutter: Können und wünschen können.

Katrin Grüber: Bedingungen für ein gutes Leben mit Behinderung.

Stuart Blume: Ethikdebatte und gesellschaftlicher Prozess: Lehren aus der Geschichte des Cochlea-Implantats.

Sigrid Bosteels / Stuart Blume: Über Konstruktion und Dekonstruktion von Gehörlosigkeit bei Kindern.

Jackie Leach Scully: Auf moralisch unsicherem Terrain: Über Embodiment, Enhancement, und Normativität.

Miriam Eilers: «Fünfundzwanzigstündiger Arbeitstag – denn ne Prothese wird nie müde.» Normative und selektive Implikationen der Prothetik nach dem Ersten Weltkrieg.

Birgit Stammberger: Posthumane Verkörperungen in einer Post-Gender Welt? Kulturelle Dimensionen der kosmetischen Chirurgie.

Trijsje Franssen: Prometheus steigt herab: Beeinträchtigung oder Enhancement?

Lisa Forsberg: Mood-Enhancement und die Authentizität der Erfahrung: Ethische Überlegungen.

Annika den Dikken: Die ethische Relevanz von Körperbildern für die Enhancement-Debatte.

Morten Hillgaard Bülow: Das gute alte Hirn. Wie die Sorgen um eine alternde Gesellschaft und die Ideen zum kognitiven Enhancement in den Neurowissenschaften interagieren.

Nicolai Münch: Körperverachtung oder Phänomenologie der Leiblichkeit? Eine Kritik am Transhumanismus.

Natasha Burns: Nootropika, Smart Drugs und das Problem der Governance.

Kommentar von Martin Koradi zu diesem Buch:

– Gentechnik und Stammzellentherapie

– Nanotechnologie, Prothetik, Implantate (z. B. Hirnschrittmacher)

– Künstliche Intelligenz (z. B. Gehirn-Computer-Schnittstellen)

– Pharma-Enhacement (Leitungssteigernde und moralfördernde Substanzen)

– Upload aller Daten vom Gehirn auf einen Computer zwecks “Unsterblichkeit”.

Mit solchen Verfahren und Technologien propagiert der sogenannte Transhumanismus die Optimierung und schlussendlich Überwindung des Menschen.

Dabei stellen sich aber eine ganze Reihe von kritischen Fragen, die bisher nur unzureichend thematisiert wurden. Das Buch „Verbesserte Körper – gutes Leben?“ stellt solche Fragen und beleuchtet zum Beispiel die gesellschaftlichen Folgen der transhumanistischen Optimierungsstrategien.

Weitere Informationen zu diesen Themen im Blog Transhumanismus & Kritik.

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Placebo-Effekt bei Tieren? Kommt selbstverständlich vor!

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Dieses Argument kommt häufig auf den Tisch in Diskussionen rund um Alternativmedizin und Komplementärmedizin:

„Präparat X wirkt auch bei Tieren. Das beweist, dass es nicht nur ein Placebo ist.“

So beispielsweise hier in einem Artikel der „Südwest Presse“ über Homöopathie bei Tieren:

„Einem Vorurteil sieht sich die Homöopathie immer wieder ausgesetzt: Die vermeintliche Heilung sei eingebildet, ein reiner Placebo-Effekt. Über die Wirkung bei Tieren lässt sich in diesem Fall jedoch kaum streiten: Sie können keinem Placebo-Effekt unterliegen.“

Quelle:

http://www.swp.de/ehingen/lokales/ehingen/Print-Homoeopathie-Tieraerztin-Heilung-Placebo-Konservative-Medizin-versus-Homoeopathie-bei-Tieren-Sanfte-Heilung-durch-Natur;art4295,2836442

Kommentar & Ergänzung:

Unabhängig davon, ob das „Präparat X.“ tatsächlich wirksam ist oder nicht: Als Argument ist diese Aussage sehr schwach und zeugt zudem von mangelndem Wissen bezüglich dem Placebo-Phänomen:

1. Der Placebo-Effekt ist nicht gleichzusetzen mit „Einbildung“, wie es die Formulierung der „Südwest Presse“ suggeriert. Der Placebo-Effekt ist viel vielschichtiger und komplexer.

2. Placebo-Effekte gibt es auch bei Tieren und sie sind schon seit vielen Jahren gut dokumentiert.

Alexandra Freismuth schreibt dazu in ihrer Dissertation zum Thema „Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie zur Wirkung von Vitamin E und Selen auf die Muskulatur von Sportpferden (München 2004):

„Der Placeboeffekt spielt in der Tierarztpraxis eine große Rolle, obwohl sich dessen viele Tierärzte nicht bewusst sind.

Als PESUT 1983 einen Artikel über Placebos in der Tiermedizin verfasste, stellte er fest, dass es eigentlich keine Literatur darüber gab. Er war sich jedoch sicher, dass die meisten Tierärzte über den Gebrauch des Placebos in der Humanmedizin Bescheid wussten, selbst Placebos einnahmen oder sogar Patienten damit behandelten, bewusst oder unbewusst (PESUT, 1983).

In der Tiermedizin existiert jedoch häufig die Ansicht, dass es den Placeboeffekt beim Tier überhaupt nicht geben würde, da bei Tieren im Gegensatz zum Menschen keine subjektive Beeinflussung durch den Therapeuten möglich wäre, und Tiere damit auch keine Erwartungshaltung an die Verabreichung eines Placebos knüpfen könnten. Tiere sind jedoch sehr wohl in der Lage, durch Maßnahmen des Menschen im Sinne einer Placebowirkung zu reagieren, was durch zahlreiche experimentelle und klinische Untersuchungen gezeigt werden konnte. Tiere reagieren auf jede Veränderung in ihrer gewohnten Umgebung oft sehr viel empfindlicher als der Mensch. Das Fixieren von Versuchstieren für Applikationen führt zu Stress- bedingten Veränderungen zahlreicher Transmitter-, Hormon- und Mediatorsysteme, was Arzneimittelwirkungen simulieren, potenzieren oder auch maskieren kann. In der experimentellen Pharmakologie muss deshalb jede Arzneimitteluntersuchung placebokontrolliert durchgeführt werden, das heißt die Versuchstiere müssen den Arzneiträger in der gleichen Menge und mit der gleichen Applikationsart bekommen wie die mit Arzneimittel behandelte Gruppe, um Rückschlüsse auf die Wirkung des Arzneimittels zu bekommen. Im klinischen Bereich muss zwischen einer direkten Placebowirkung auf das Tier durch die Handlungen des Tierarztes und die damit verbunden Reaktionsänderung und Erwartung des Tieres und dem Einfluss des Besitzers unterschieden werden.

Jede mit Angst, Schmerz oder Stress verbundene Maßnahme am Tier führt zu einer unspezifischen Aktivierung endogener Prozesse, was den natürlichen Verlauf einer Erkrankung beeinflussen kann. Der Einfluss des Besitzers auf den Behandlungserfolg hat objektive und subjektive Aspekte. Der Besitzer wird oft dem kranken Tier mehr Aufmerksamkeit widmen als dem gesunden Tier, was die Wirkung beeinflussen kann (LÖSCHER und RICHTER, 1999).

Nach PESUT stellt sich hier die Frage, wer nun behandelt wird das Tier oder der Besitzer. Oft erwarten die Tierbesitzer auch, dass das Tier eine Injektion, Tabletten oder eine Salbe zum Auftragen erhält. Tierärzte, die in dieser Situation nichts spritzen oder keine Medikamente zur Behandlung abgeben, laufen Gefahr einen Kunden zu verlieren.

In der Humanmedizin hat der Kinderarzt ein ähnliches Problem. Er behandelt einen viralen Infekt eines Kindes auf das Drängen der Eltern mit Antibiotika, obwohl keine Sekundärinfektionen vorliegen.

Diese Problematik entsteht hauptsächlich dadurch, dass Patienten für jedes Symptom eine Behandlung erwarten (WEISS, 1990).

Es ist jedoch die Frage, ob die Tiere wirklich auf das Placebo oder auf die Veränderung im Verhalten des Menschen reagieren. Hat ein Tier eine sehr enge Beziehung zu seinem Besitzer wird es ihm sicherlich gut tun, wenn der Besitzer ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Auch werden, sobald ein Tier erkrankt ist, oft schlechte Haltungsbedingungen verbessert, die vielleicht die Krankheit mit verursacht haben.

Seit den Versuchen von Pawlov an Hunden ist bekannt, dass sich Placeboeffekte beim Tier auch durch Konditionierung über bedingte Reflexe erreichen lassen. Dieselben Beobachtungen wurden bei Versuchen an Ratten gemacht, die durch eine Reihe von Scopalamin Injektionen konditioniert wurden und anschließend nach der Injektion von Kochsalz ähnliche Reaktionen zeigten (HERRNSTEIN, 1962; PESUT und KOWALCZYK, 1983).“

Quelle: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/3248/1/Freismuth_Alexandra.pdf

 

Der Placeboeffekt bei Tieren belegt ja gerade, dass Tiere auf Massnahmen reagieren und keine Maschinen sind. Wie also, ums Himmels Willen, kann man das ausblenden?

Im Übrigen kann ein Placebo-Effekt nicht nur bei den behandelten Tieren auftreten, sondern auch bei den Halterinnen und Haltern. Und die sind es ja hauptsächlich, die einen Behandlungserfolg beurteilen.

Weitere Infos zum Thema Placeboeffekt bei Tieren in der „Zeit“, im „Spiegel“ und auf „Scienceblogs“.

3. Tiere haben Selbstheilungskräfte, genauso wie auch Menschen. Wer krank ist, ein Heilmittel einnimmt und dann gesund wird, kann noch nicht daraus schliessen, dass die Besserung durch das Heilmittel bewirkt wurde. Die meisten Krankheiten und Beschwerden, das ist eine altbekannte Tatsache, bessern nämlich auch von selbst.

Und bei chronischen Erkrankungen gibt es oft einen schwankenden Verlauf, was dazu verleiten kann, natürlicherweise vorkommende Besserungen der Therapie zuzuschreiben.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss als häufige Irrtumsquelle

 

Täuschende Erfahrungen

Aus diesen Gründen täuscht uns unsere Erfahrung oft.

Das hat schon der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883 – 1969) beschrieben:

„Man weiss, wie schwer in vielen Fällen der Beweis des Heilerfolgs ist. Aus einem einzelnen Fall ist nur ein Eindruck, kein Beweis möglich. Der Fehlschluss: post hoc ergo propter hoc täuscht nur allzu leicht.

Der objektive Beweis dagegen ist zu führen aus physiologischer Erkenntnis des Kausalzusammenhangs und durch Statistik, nicht aber durch das allgemeine: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Jeder Arzt weiss, welche Rolle Suggestionen, Besserungen von Beschwerden durch ermutigende Stimmung, Schwankungen des Krankheitsverlaufs, periodische Veränderungen des Gesamtzustandes, die Cyclothymien u. a. spielen.

Wir sind in der Medizin oft Täuschungen erlegen infolge allgemein herrschender wissenschaftlicher Auffassungen und verbreiteter Meinungen. Es scheint zuweilen dem Strom solchen Meinens gegenüber das einfache, durchschlagende Gegenargument machtlos, das dann doch im Laufe der Zeit zur Geltung kommt.“

(Aufsatz „Arzt und Patient“, in: Karl Jaspers, Wahrheit und Bewährung, Serie Piper 1983).

Es braucht sehr viel Sorgfalt, um aus „Erfahrungen“ fundierte Schlüsse zu ziehen.

Siehe:

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung 

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung 

„Präparat X. wirkt auch bei meiner Katze, daher ist es wirksam und nicht nur ein Placebo“ – solche Aussagen sind nicht überzeugend:

Sie blenden aus, dass auch in der Tierheilkunde Placeboeffekte auftreten und auch Tiere Selbstheilungskräfte haben.

Erst wenn diese beiden Aspekte mitberücksichtigt werden, können fundiertere Schlüsse aus Erfahrungen gezogen werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zitat des Tages von Johann Wolfgang Goethe

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„Ein Phänomen, Ein Versuch kann nichts beweisen, es ist das Glied einer grossen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzelne vorzeigen wollte, verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien alle so: schwerlich würde sich jemand auf den Handel einlassen.“

(Goethe, Maximen und Reflexionen, Insel Taschenbuch 1976, S. 43, Abschnitt 156)

Kommentar & Ergänzung:

Goethe spricht hier eine sehr wichtige Erkenntnis an – auch für die Heilkunde.

Um die Wirksamkeit einer bestimmten Heilmethode oder eines Heilmittels zu demonstrieren, werden immer wieder Anekdoten erzählt, basierend auf einzelnen Erfahrungen.

Erfahrungen – auch viele Erfahrungen – können allerdings täuschen.

Millionen von Männern in Asien schwören aufgrund ihrer Erfahrungen auf Nashornpulver als Potenzmittel, obwohl Fingernägel aus der gleichen Substanz bestehen. Und in Europa schwörten vom 18. bis 20. Jahrhundert unzählige Menschen auf Schluckbildchen (siehe dazu Artikel auf Wikipedia) und waren – offenbar aufgrund ihrer Erfahrungen – von deren Wirksamkeit überzeugt.

Erfahrungen als solche sagen wenig aus, man muss sie interpretieren – und dieser Vorgang ist irrtumsanfällig. Darum ist es entscheidend, wie sorgfältig und fundiert man sich mit Erfahrungen auseinandersetzt.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Pflanzenheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Das Zitat von Goethe betrifft aber selbstverständlich genau so die Medizin wie die Bereiche Naturheilkunde und Komplementärmedizin. Zum Beispiel im Umgang mit Studien. Da wird gegenwärtig diskutiert über das sogenannte „Single-Study-Syndrom“.

Darunter versteht man zum einen das Phänomen, dass eine Studie, die konträr zu bisherigen Studien zeigen soll, dass es doch anders ist, in den Medien übertrieben gehypt wird, bevor die Bedeutung und der Wert dieser Studie überhaupt geklärt sind.

Zum anderen ist damit aber auch das Phänomen gemeint, dass über jede einzelne kleine Studie berichtet wird, als wäre sie wichtig oder gar entscheidend, obwohl sie nur ein Mosaiksteinchen in einem grossen Bild ist. Mehr zu dieser Diskussion steht bei Marcus Anhäuser auf sienceblogs.de.

In den Medien findet man immer wieder Formulierungen wie: „Eine neue Studie hat bewiesen, dass….“.

Solche Formulierungen mahnen eher zu Vorsicht. Eine einzelne Studie beweist oft noch wenig oder gar nichts. Man muss die Ergebnisse im Kontext von anderen Studien zum selben Thema interpretieren.

Rosinenpickerei ist in diesem Zusammenhang ein verbreitetes Phänomen – in der klassischen Pharmaindustrie, aber auch bei Präparaten aus Komplementärmedizin und Phytotherapie: Man pickt aus dem ganzen Kuchen der vorliegenden Studien genau diejenigen heraus, die ein positives Ergebnis zeigen – und „übersieht“ alle anderen diskret.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Umfrage zeigt: Für Homöopathie-AnwenderInnen ist Erfahrung wichtiger als Studien

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Eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag eines Herstellers von Homöopathika – der Deutschen Homöopathie Union (DHU) – ergab:

„Für Homöopathie-Anwenderinnen zählen die eigenen Erfahrungen mehr als wissenschaftliche Studien: 72 Prozent der Frauen sind der Meinung, dass positive Erfahrungen ein ausreichender Beleg für die Wirksamkeit eines Arzneimittels sind…..

Demnach findet nur eine Minderheit von 24 Prozent der Frauen, die bereits Erfahrung mit Homöopathie gesammelt haben, dass wissenschaftliche Untersuchungen die Wirksamkeit eines Arzneimittels beweisen müssten. Auch in der Gesamtbevölkerung toppt laut der DHU-Umfrage die Erfahrung wissenschaftliche Studien: 52 Prozent der 1000 befragten Erwachsenen genügt sie als Wirksamkeitsbeleg, 39 Prozent wollen wissenschaftliche Untersuchungen sehen.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/markt/nachricht-detail-markt/umfrage-homoeopathie-erfahrung-wichtiger-als-studien/

Kommentar & Ergänzung:

Die Täuschungsanfälligkeit der eigenen Erfahrung wird im Allgemeinen stark unterschätzt. Das führt zu gravierenden Fehleinschätzungen bei der Beurteilung der Wirksamkeit therapeutischer Massnahmen. Daher ist es entscheidend, die wichtigsten Irrtumsquellen zu kennen. Aber selbst das schützt nicht vor Fehleinschätzungen und Trugschlüssen. Wer die fundamentale Pannenanfälligkeit im Umgang mit eigenen Erfahrungen kennt, wird jedoch nicht mehr so fraglos die eigene Erfahrung als letztgültige Beurteilungsinstanz setzen.

Erfahrungen führen jedenfalls nicht direkt zu verlässlichen Erkenntnissen. Sie müssen sorgfältig dokumentiert, zusammengefasst, mit anderen Menschen ausgetauscht und verglichen werden. Und sie müssen kritischen Auseinandersetzungen standhalten. Wer solche Klärungsprozesse unterlässt und sich nur auf “Erfahrung” beruft, macht es sich zu einfach.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss als häufige Irrtumsquelle

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung 

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung 

Naturheilkunde: Warum werden unsere kranken eigentlich wieder gesund? 

Warum wir gesund werden (Artikel in der Zeitschrift „Natürlich“)

Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

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Tipp: Ausstellung zum Thema „Entscheiden“ im Stapferhaus Lenzburg bis 25. April 2014

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Das „Stapferhaus“ in Lenzburg hat schon eine ganze Reihe von interessanten Ausstellungen durchgeführt. Noch bis zum 25. April 2014 dauert die Ausstellung zum Thema „ENTSCHEIDEN“.

Die Ausstellung blickt hinter die Kulissen der Entscheidungsfindung und fragt nach dem Zusammenspiel von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung, Zufall und Schicksal.

Das Stapferhaus ist eine Art Labor für Lebenskunst, macht das Schwierige zugänglich und führt Zusammenhänge vor Augen, ohne vorgefertigte Antworten zu liefern.

Liebe, Karriere, Konsum, Politik, Gesundheit – die aktuelle Ausstellung im Stapferhaus bietet Denkanstösse und Informationen zu den Entscheidungen, die in den verschiedenen Lebensbereichen immer wieder anstehen.

Empfehlenswert.

http://www.stapferhaus.ch

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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