Alternative Krebstherapie mit Amygdalin (bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“): unwirksam und toxisch

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen verhältnismässig hohen Anteil an Amygdalin. Das cyanogene Glycosid Amygdalin spaltet während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab.

Bittere Aprikosenkerne werden insbesondere zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen, wobei dieser Einsatz in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist und Amygdalin für die Krebstherapie als toxische Substanz ohne Effekte einzustufen ist.

Vom europäischen EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Nach Angaben von Tox Info Suisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten.

Produkte mit Amygdalin oder seinen Abkömmlingen (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) haben in der Schweiz keine Zulassung und werden als bedenklich eingestuft. Dennoch werden sie seit einiger Zeit wieder verstärkt als alternatives Heilmittel für die Krebstherapie und zur Tumorprophylaxe beworben und eingesetzt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“.

Literatur:

– EFSA: Aprikosenkerne bergen Risiko einer Cyanidvergiftung, 27.04.2016

– Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

– BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5098&NMID=5144&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Dass Krebskranke nach alternativen Behandlungsmethoden suchen ist gut nachvollziehbar. Dass sie dabei anfällig sind für Täuschungen, zeigt sich allerdings nur allzu oft. Das Internet überquellt von unseriösen Angeboten zur Krebsheilung, von denen jede garantierten Erfolg verspricht. Skepsis ist angebracht. Wenn die Versprechungen nur zu einem allerkleinsten Teil wahr wären, hätten wir keine Probleme mehr mit Krebserkrankungen.

Bittere Aprikosenkerne sind seit Jahren ein Renner in der alternativen Krebsheilerszene, obwohl es keinerlei fundierte Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt. Man kann nur immer wieder dazu auffordern, nicht alles zu glauben, sondern Behauptungen kritisch zu prüfen – Fact checking heisst das ja neuerdings….

Rolf Thesen schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand fehlen klinische Belege für die Wirksamkeit von Amygdalin in der Krebstherapie. Angebliche positive Belege von In-vitro-Zellexperimenten oder Tiermodellen sind für einen Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichend, ebensowenig wie eine Vielzahl von Berichten über Einzelfälle und Fallserien mit angeblichen therapeutischen Erfolgen. Nur kontrollierte klinische Studien könnten diesen Nachweis erbringen. Die fehlen aber. Zudem gibt es eine Vielzahl von Berichten über erfolglose Behandlungen mit Amygdalin. Auch der häufig beworbene Nutzen von Amygdalin zur Krebsprophylaxe, etwa durch das Kauen von Aprikosenkernen, konnte nicht belegt werden.“

(http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542)

Eine gute Übersicht zum Stand des Wissens bietet ein Text im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM):

http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2014/3-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Siehe auch:

Krebsmittel Amygdalin / „Vitamin B17″ – oft propagiert, aber unwirksam

Unsinnige Krebstherapie mit bitteren Aprikosenkernen

 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen zur Frage: Sind Wunderheiler Scharlatane?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Coffein und Thein – unterschiedlich oder dasselbe?

Diesen Artikel teilen:

Letzte Woche wurde ich an einem Seminar wieder einmal gefragt, was der Unterschied sei zwischen dem Thein im Schwarztee & Grüntee, und dem Coffein im Kaffee.

Coffein und Thein sind nur zwei verschiedene Bezeichnungen für die gleiche Substanz. Heute spricht man meistens auch bei Grüntee und Schwarztee von Coffein.

Die Substanz Coffein verhält sich allerdings anders im Tee und im Kaffee.

Im Kaffee ist Coffein an einen Chlorogensäure-Kalium-Komplex gebunden, wird nach dem Kontakt mit der Magensäure unmittelbar freigesetzt und wirkt daher rasch.

Im Schwarztee und Grüntee hingegen ist das Coffein an Polyphenole gebunden und wird erst im Darm freigesetzt, wodurch die Wirkung später eintritt und länger anhält.

Lässt man Schwarztee oder Grüntee nur kurz ziehen – zum Beispiel 2 Minuten – lösen sich nur geringe Mengen an Polyphenolen. Damit bleibt mehr Coffein ungebunden und bewirkt den anregenden Effekt.

Lässt man Schwarztee oder Grüntee länger ziehen – etwa 10 Minuten – lösen sich mehr Polyphenole. Coffein wird dadurch stärker gebunden und die anregende Wirkung wird abgeschwächt. Der Tee wird dadurch geschmacklich bitterer und seine Wirksamkeit gegen Durchfall und äusserlich gegen Hautentzündungen steigt.

Beim Kaffee hängt der Coffeingehalt entscheidend von der Zubereitungsart ab.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Schadet Zimt der Gesundheit?

Diesen Artikel teilen:

Das fragt Spiegel online reichlich spät am 24. Dezember. Jetzt sind sie doch zum grossen Teil schon gegessen, die Zimtsterne……

Aber tatsächlich: Warnungen, zu große Mengen an Zimt seien gefährlich, hört man immer wieder. Schauen wir uns mal genauer an, was es mit diesen Warnungen auf sich hat.

Als Lebensmittelkontrolleure 2006 zimthaltiges Gebäck untersuchten, schlugen sie Alarm, weil die Hersteller von Zimtsternen sich nicht einmal ansatzweise an die damaligen Cumarin-Höchstwerte hielten.

Kurz darauf warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Verbraucher vor einer zu hohen Belastung mit Cumarin, wenn sie viel Zimt zu sich nehmen. Die Verunsicherung aufgrund dieser Warnung hält zum Teil bis heute an, obwohl unklar ist, ob das Cumarin aus Weihnachtsgebäck der Allgemeinbevölkerung real schadet.

Nach dem Bericht auf Spiegel online wurde der Zusammenhang nämlich entdeckt „bei Patienten, die täglich cumarinhaltige Medikamente einnahmen, um ihre Blutgerinnung zu hemmen. Ärzte beobachteten bei sechs bis acht von hundert Patienten Anzeichen für Leberschäden. In seltenen Fällen versagte die Leber ganz.“

Diese Aussage ist meines Erachtens fragwürdig, weil hier zwei Stoffklassen durcheinander gebracht werden. Bei den blutgerinnungshemmenden Medikamenten (z. B. Phenprocoumon, Präp: Marcoumar / Marcumar) handelt es sich um dimere Cumarine, während im Zimt einfache Cumarine vorliegen (ohne blutgerinnungshemmende Wirkung).

Cumarin wurde erstmals 1922 aus Tonkabohnen isoliert und jahrzehntelang als Aromatikum mit Vanillin-ähnlichem Geschmack in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. In den 1950er-Jahren wurde dieser Verwendungszweck zuerst in den USA und dann in vielen anderen Ländern wegen des Verdachts auf krebsfördernde und leberschädigende Wirkungen verboten, weil die Verabreichung von Cumarin in grossen Dosen an Ratten und Hunde solche Effekte zeigte. Heute weiss man allerdings, dass die Verstoffwechselung von Cumarin beim Menschen anders verläuft und Cumarin in der Regel sehr rasch wieder ausgeschieden wird.

Spiegel online macht noch einen zweiten fragwürdigen Versuch, das Phänomen genauer zu fassen:

„Wie genau Cumarin das Organ schädigt, ist allerdings unklar. Eine kleine Studie mit 114 Patienten aus dem Jahr 2003 legt nahe, dass wohl vor allem Menschen mit Vorerkrankungen der Leber empfindlich reagieren. Setzten die Patienten die Medikamente wieder ab, bildeten sich die Schäden in der Regel zurück.“

In dieser Studie wurde ein Arzneimitttel zur Linderung von Venenbeschwerden hinsichtlich seiner Sicherheit untersucht, das Cumarin und Troxerutin enthielt. Die Testpersonen bekommen über 16 Wochen 30 mg Cumarin und 180 mg Troxerutin pro Tag. Im Gegensatz zur Darstellung auf Spiegel online traten weder Leberschäden noch andere ernsthafte Arzneimittelnebenwirkungen auf.

Siehe: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12776809

Spiegel online fährt fort:

„Dagegen gibt es keinerlei Berichte, dass vorweihnachtliche Zimtsternorgien Leberschäden auslösen. Das allein ist natürlich kein Freifahrtschein für hemmungslosen Zimtgenuss. Erhält jemand ein cumarinhaltiges Medikament, überwacht der Arzt die Blutwerte und erkennt bedenkliche Reaktionen schnell. Bei Weihnachtsmarkt-Fans passiert dies nicht.“

Hier kommt sie noch einmal, diese Vermischung mit den blutgerinnungshemmenden dimeren Cumarinen vom Typ Phenprocoumon.

Dennoch kann Spiegel online „gute Nachrichten für Zimtliebhaber“ verkünden:

„2014 fand das Chemische Landes- und Staatliche Veterinäruntersuchungsamt unter 24 Gebäckproben keine Überschreitungen mehr.“

Das liege zum einen daran, dass 2011 der Cumarin-Grenzwert in Gebäck angehoben wurde:

„In den Achtzigern hatten Experten ihn an der Nachweisgrenze, also möglichst gering, festgelegt. Damals deuteten Tierversuche darauf hin, dass Cumarin schon in winzigen Mengen krebserregend sein könnte. Das hat sich für Menschen glücklicherweise nicht bestätigt.“ (aus den Fünfzigern stammen die Tierversuche mit hohen Dosen…..M.K.).

Ein anderer Grund für die positive Entwicklung sei, dass die Lebensmittelhersteller nach der Diskussion von 2006 offenbar den Cumarin-Gehalt in ihren Produkten gesenkt haben.

Und was heisst das nun für die Gegenwart:

Das BfR hat Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet. Bei Erwachsenen hält die Behörde nun 24 kleine Zimtsterne (120 Gramm) pro Tag bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. Im Jahr 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Und diese Menge Zimtsterne könnte man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag verspeisen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) liess zudem verlauten, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Damit dürfen auch Spitzenzeiten im Advent abgedeckt sein.

Bei kleinen Kindern hält das BfR maximal sechs kleine Zimtsterne (30 Gramm) oder 100 Gramm Lebkuchen pro Tag für garantiert unbedenklich. Auch in diesem Fall lag der Grenzwert 2006 noch tiefer, nämlich bei vier kleinen Zimtsternen (20 Gramm) oder 30 Gramm Lebkuchen.

Aber so ganz entwarnen wollen die Behörden dann doch nicht, insbesondere bei Langzeiteinnahme. Spiegel online formuliert das so:

„Wer jeden Morgen Zimt übers Müsli streut oder regelmäßig Milchreis unter einer dicken Zucker-Zimt-Haube isst, erreicht allerdings schnell die empfohlene Höchstmenge: Nicht mehr als ein kleiner, abgestrichener Teelöffel Zimt am Tag (2 Gramm) sollte ein 60 Kilogramm wiegender Erwachsener täglich konsumieren. Bei Kleinkindern sollte nach einem halben Gramm Schluss sein.“

Ganz am Schluss des Artikels und nach vielem hin und her kommt dann doch noch der erlösende Hinweis, dass es auf die Zimtsorte ankommt:

„Für den eigenen Haushalt gibt einen einfachen Trick. Während bei fertig gebackenen Lebensmitteln meist nicht deklariert wird, welche Zimtsorte verwendet wurde, kann man zu Hause auswählen: Cassia-Zimt enthält durchschnittlich 3000 Milligramm Cumarin pro Kilogramm, das entspricht 0,3 Prozent. Auf ihn beziehen sich auch die Richtwerte des BfR.

In Ceylon-Zimt kommt Cumarin dagegen nur in Spuren vor: Ungefähr acht Milligramm pro Kilogramm sind enthalten, das entspricht 0,0008 Prozent.“

Wer selbst gern mit Zimt koche oder backe, sei mit dem cumarinarmen Ceylon-Zimt auf der sicheren Seite.

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/zimt-ist-zu-viel-cumarin-gefaehrlich-mythos-oder-medizin-a-1126831.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Frage: Auch Pflanzen können schädliche Stoffe enthalten und es ist richtig, dass Behörden darauf ein wachsames Auge werfen.

Manchmal sieht es allerdings schon eigenartig aus, wenn jedes noch so theoretische Risiko ausgeschlossen werden soll, jahrelang darüber diskutiert wird und am Schluss dann Grenzwerte festgelegt werden, die in der Praxis sowieso kein vernünftiger Mensch überschreitet.

Hingegen ist der Hinweis durchaus nützlich, dass man falls möglich den cumarinarmen Ceylon-Zimt dem billigeren, aber cumarinreicheren Cassia-Zimt vorziehen soll.

In der Phytotherapie wird Zimt als verdauungsförderndes Gewürz empfohlen (Ceylon-Zimt) und kontrovers als unterstützendes Mittel bei Diabetes diskutiert. Bisher konnte ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis in Studien zum Anwendungsbereich Diabetes nicht erbracht werden.

Siehe auch:

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes

Zimt bei Diabetes: Zum aktuellen Stand des Wissens

Für Zimtsterne Ceylon-Zimt statt Cassia-Zimt verwenden

Zimt & Cumarin: Ceylon-Zimt unproblematischer als Cassia-Zimt

Cumaringehalt von Zimt schwankt stark

Pflanzenheilkunde: Zimt gegen Diabetes kontrovers beurteilt

Phytotherapie: Zimt regt den Magen an

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Lebensgefährliche Vergiftung durch Verwechslung von Fingerhutblättern mit Beinwellblättern

Diesen Artikel teilen:

Dumm gelaufen: Ihre Schlaflosigkeit wollte eine 63-jährige Frau aus Grossbritannien mit einem Tee aus Beinwellblättern lindern. Jemand aus dem Freundeskreis hatte ihr dazu geraten.

Die Frau ging zum Markt und kaufte dort vermeintlich Blätter von Beinwell (Symphytum officinale). Zu Hause übergoss sie die Pflanzenteile mit heißem Wasser und hoffte auf eine beruhigende, schlaffördernde Wirkung des Tees. 18 Stunden später wurde sie mit Übelkeit, Herzrasen und Benommenheit in die Notaufnahme des King’s College Hospital in London eingeliefert. Die behandelnden Ärzte Mathew Kurian Vithayathil und Matthew Edwards berichten im Fachblatt „BMJ Case Reports“ von ihrem Fall.

In der medizinischen Vorgeschichte der Patientin liess nichts auf Herzprobleme schliessen. Im Elektrokardiogramms (EKG) fanden die Ärzte aber klare Auffälligkeiten. Die Blutwerte waren dagegen normal: Der Elektrolythaushalt war in Ordnung, die Entzündungsmarker waren nicht erhöht.

Die Mediziner wollten sich in einer nationalen toxikologischen Datenbank über Beinwell informieren, doch gibt es dort keinen Eintrag für die Pflanze. In einem anderen Online-Nachschlagewerk fanden sie aber einen Eintrag, der die Beinwellpflanze mit einer Lebervenen-Verschlusskrankheit in Verbindung bringt. Die Symptome der Patientin passen jedoch überhaupt nicht zu diesem Leiden.

Berichte, in denen Beinwell im Zusammenhang mit Herzkrankheiten oder Herzrhythmusstörungen genannt wird, fanden die Ärzte keine.

Dennoch hielten sie den Tee weiterhin für die wahrscheinlichste Ursache für die Symptome der Patientin und setzten deshalb ihre Recherche mit einer Bildersuche im Internet fort. Dabei fiel ihnen auf, dass die Blätter der Beinwellpflanze ähnlich aussehen wie die Blätter der Fingerhutpflanze (Digitalis purpurea, engl. foxglove).

Erneut untersuchen die Mediziner das Blut der Frau und konnten erhöhte Digoxin-Werte nachweisen – eine Substanz, die im Fingerhut vorkommt. Das Herzglykosid Digoxin bewirkt im menschlichen Organismus, dass sich das Herz kraftvoller zusammenzieht und langsamer schlägt.

Wegen dieser Wirkungen wurde die Substanz schon früh als Medikament bei Herzschwäche eingesetzt eingesetzt. Digoxin hat allerdings eine kleine therapeutische Breite, wodurch die Grenze zur Vergiftung rasch überschritten werden kann. Das führt dann zu Symptomen, die auch die britische Patientin hatte.

Nachdem der Auslöser der Vergiftung bekannt war, konnte die Frau mit einem Gegenmittel behandelt werden, mit dem das Digoxin unschädlich gemacht wurde. Das Herz kehrte wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurück und die Frau konnte nach fünf Tagen die Klinik ohne bleibende Schäden verlassen.

Die Mediziner baten die Patientin noch, dem Händler auf dem Wochenmarkt mitzuteilen, welche Verwechslung ihm unterlaufen ist. Außerdem regen sie an, dass Beinwell nun doch in die nationale toxikologische Datenbank aufgenommen wird – wegen der möglichen Verwechslung mit Fingerhut.

Quelle:

http://derstandard.at/2000049373482/Selbstgemachter-Kraeutertee-Riskante-Mischung

http://www.t-online.de/lifestyle/gesundheit/id_79729294/raetselhafter-medizinfall-frau-stirbt-fast-an-beruhigendem-kraeutertee.html

http://casereports.bmj.com/content/2016/bcr-2016-216995

 

Kommentar & Ergänzung:

1. Ja, Pflanzen (auch Heilpflanzen) sind nicht immer harmlos. Man sollte sie gut kennen, bevor man sie direkt aus der Natur, aus dem Garten oder vom Markt anwendet. Andernfalls bezieht man sie besser aus Apotheken oder Drogerien.

2. Beinwell gegen Schlaflosigkeit, das ist eine Empfehlung, die weder durch seriöse Phytotherapie-Fachliteratur gedeckt noch sonst wie plausibel ist. Gute Ratschläge aus dem Freundeskreis nicht unbesehen übernehmen, sondern mit seriöser Fachliteratur überprüfen.

3. Digoxin aus dem Roten Fingerhut war über längere Zeit ein zentrales Medikament bei Herzschwäche. Das zeigt die Bedeutung, die Naturstoffe für die Medizin hatten und in vielen Bereichen auch heute noch haben. Aufgrund der kleinen therapeutischen Breite (geringer Abstand zwischen wirksamer und toxischer Dosis) wird Digoxin aus Fingerhut isoliert eingesetzt. Mit einem Fingerhut-Tee könnte Digoxin nicht präzis genug dosiert werden. Digoxin-Präparate sind rezeptpflichtig und haben inzwischen stark an Bedeutung verloren. Also bitte keine Selbstversuche mit Fingerhut!

4. Der geschilderte Fall ist eindrücklich. Im allgemeinen kann man aber auch feststellen, dass Vergiftungen mit Pflanzen heute eher selten vorkommen, vor allem im Vergleich zu Vergiftungen mit Medikamenten und Chemikalien.

5. Beinwell enthält Pyrrolizidinalkaloide, die unter anderem Lebererkrankungen auslösen können. Das erklärt die Erwähnung einer Lebervenen-Verschlusskrankheit im Artikel. Beinwell wird deshalb nur zur Anwendung äusserlich auf intakter Haut empfohlen, zum Beispiel als Salbe oder Gel bei Verstauchungen, Prellungen, Quetschungen, Sehnenscheidenentzündungen etc. Meist werden dazu Auszüge aus den Beinwellwurzeln verwendet (zum Beispiel in Kytta-Salbe), seltener aus den Blättern.

6. Im Bericht der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ über diesen Fall wird irrtümlich anstelle von Digoxin als Inhaltsstoff von Fingerhut Dioxin erwähnt. Das schreibt sich zwar ähnlich, ist aber genauso eine Verwechslung wie der Konsum von Fingerhut- anstelle von Beinwellblättern. Schon blöd, wenn man einen Artikel über Verwechslung schreibt, und dann selber eine macht. Dioxin steht im allgemeinen Sprachgebrauch für eine Gruppe von gefährlichen Umweltgiften, die sich über die Nahrungskette anreichern.

7. Dass die Mediziner offenbar nur die Patientin baten, den Händler auf dem Markt über seinen Irrtum aufzuklären, scheint mir ungenügend. In einem solchen Fall würde ich erwarten, dass diese Meldung über einen offiziellen Kanal läuft, bei dem überprüft werden kann, ob der Händler identifiziert und die Warnung angekommen ist. Bei uns hat die Gewerbepolizei die Aufsicht über den Markt und die kennen ihre Marktfahrer. Das wäre meiner Meinung nach die sichere Variante. Zwar wird es selten vorkommen, dass jemand Beinwellblätter zur Teezubereitung kauft, aber manche Leute verwenden sie als Wildgemüse. Und das würde dann auch reichen für eine veritable Vergiftung, wenn statt Beinwellblätter irrtümlich Fingerhut verkauft wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Schizophrenie: Häufigere Rückfälle bei Cannabis-Konsumenten

Diesen Artikel teilen:

Schizophrenie-Kranke, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erleiden deutlich häufiger einen Rückfall als Patienten, die abstinent wurden. Zu diesem Schluss kommt eine prospektive Beobachtungsstudie, die im Fachjournal Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) publiziert wurde.

Riskant könnte insbesondere die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, die einem besonders hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) aufweist.

Kognitive Störungen und psychotische Symptome können zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion zwar, doch vermuten viele Psychiater, dass der häufige Konsum von Cannabis die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt.

Bei Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden, war ein hoher Cannabis-Konsum auffällig.

Damit ist allerdings noch nicht zweifelsfrei belegt, dass der Cannabiskonsum ursächlich für das Auftreten der Schizophrenie-Episode ist.

Gemäss der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum der Patienten nämlich auch ein (letztlich fehlgeschlagener) Versuch sein, die Symptome der Schizophrenie-Erkrankung durch Cannabis zu vermindern. Trifft diese Hypothese zu, sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein reduziertes Risiko auf einen Rückfall haben.

In einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten, war jedoch das Gegenteil war der Fall.

Ein Rückfall trat bei denjenigen Patienten früher ein, die ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten.

Besonders riskant scheint diesbezüglich der Konsum von „Skunk“ zu sein, einer Cannabis-Variante, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird.

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten ein 3,28-fach erhöhtes Risiko für einen Rückfall.

Bei ihnen war es in einem Zeitraum von zirka zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rückfällen gekommen und sie brauchten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Behandlung.

Diese Risiken bestanden auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten, allerdings in etwas abgeschwächtem Mass.

Die Resultate dieser Studie schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erbrachten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzusetzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto hält es in einem Kommentar zu den Ergebnissen jedoch für wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammenhang spricht ihrer Ansicht nach, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein tieferes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat eine geringere THC-Konzentration. Der Gehalt an Cannabidiol (CBD), dem antipsychotische Eigenschaften nachgesagt werden, ist dagegen höher.

In der Studie erkrankten allerdings auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen gebrauchten. Wissenschaftliche Belege für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienresultaten sicher nicht abgeleitet werden. Rachel Rabin argumentiert jedoch, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn von einem fortgesetzten Cannabis-Konsum ausgegangen werden muss.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70166/Schizophrenie-Cannabis-Konsumenten-erleiden-haeufiger-Rezidive

https://secure.jbs.elsevierhealth.com/action/getSharedSiteSession?redirect=http%3A%2F%2Fwww.thelancet.com%2Fpdfs%2Fjournals%2Flanpsy%2FPIIS2215-0366%2816%2930188-2.pdf&rc=0&code=lancet-site

 

Kommentar & Ergänzung:

Mit dieser Studie verdichten sich die Hinweise dafür, dass Cannabis-Konsum das Auftreten schizophrener Episoden fördern kann, jedenfalls bei entsprechendem Risiko. Kiffen kann zudem die Hirnentwicklung bei Jugendlichen ungünstig beeinflussen.

Das ändert aber nicht daran, dass Cannabis für manche Situationen eine wirksame Arzneipflanze sein kann. Zum Beispiel zur Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose oder gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit als Begleiterscheinung von Krebstherapien.

Eine ganze Reihe von Beiträgen zum Thema „Cannabis als Arzneimittel“ finden Sie über die Suchfunktion oben in diesem Blog, wenn Sie „Cannabis“ eingeben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

h

Diesen Artikel teilen:

Fragwürdiger Hype um Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten

Diesen Artikel teilen:

Häufige Ursachen für Darmerkrankungen sind Stress und falsche Ernährung. Von Nahrungsmittel-Allergien sind aber Fachleuten zufolge nur ein bis drei Prozent der Erwachsenen betroffen.

Mitte Oktober fand in Wien der europäische Kongress der Gastroenterologen statt. Dabei betonten Experten, dass viel zu viele Menschen glauben, an Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu leiden.

Die Angst vor Nahrungsmittelunverträglichkeiten sei nicht angebracht.

Alexander Moschen von der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin:

„Wissenschaftlich erwiesen ist: Der Darm hat einen wesentlichen Einfluss auf unsere Gesundheit. Doch der Hype ist nicht gerechtfertigt. Nicht jeder Mensch, der hin und wieder Verdauungsprobleme hat, hat automatisch eine Unverträglichkeit – geschweige denn eine Allergie.“

Überschätzt werde auch die Häufigkeit von Glutenintoleranzen, Laktoseintoleranzen oder Histaminintoleranzen. Es stelle sich die Frage, ob es sich dabei nicht um Trendthemen handle, die von der Lebensmittelindustrie als Profitquelle benutzt würden. Gemäss den Zahlen des Experten sind nur ein bis drei Prozent der erwachsenen Österreicher tatsächlich von einer Nahrungsmittelallergie betroffen.

Die Darmgesundheit werde insbesondere durch natürliche Lebensmittel, bewusste Zubereitung und ausreichend Bewegung gefördert.

Die derzeit von verschiedensten Firmen angebotenen Allergie-Tests auf Immunglobuline im Blut (IgG4) hält der Experte nicht für hilfreich.

Darmexperte Moschen erklärt zudem:

„Meist treten Beschwerden bei Unverträglichkeiten verzögert, also einige Stunden bis zu einem Tag nach der Aufnahme der nicht verträglichen Nahrung auf. Bei Allergien fast immer sehr viel rascher nach Kontakt“,

Eigentlich sei es ganz einfach, sagt Alexander Moschen:

„Für einen gesunden Lebenswandel sollte man Wert auf regionale und natürliche Lebensmittel legen, sich Zeit für die Nahrungsaufnahme nehmen und sich ausreichend bewegen – so kommt der Darm ganz alleine gut zurecht. Unsere Verdauung hat die letzten Jahrtausende ohne viel Aufmerksamkeit funktioniert und wird auch in Zukunft gemeinsam mit unserem Mikrobiom ihre Arbeit machen.“

Unser Lebensstil schlägt sich auf den Darm. Fertigprodukte mit Zusatzstoffen können die Darmschleimhaut schädigen und sie durchlässiger machen für Allergene. Aber auch das typische „Nebenbei-Essen“ wirke sich negativ auf die Darmgesundheit aus. Stress und Convenience-Produkte schädigen das Verdauungssystem, erklären die Darmexperten.

Sie betonen aber auch, dass man Alarmsignale des Darmes nicht ignorieren sollte. Bei länger andauernden Verdauungsproblemen und Durchfall – drei Monate werden hier als ungefährer Richtwert genannt – sowie bei Alarmzeichen wie Blut im Stuhl oder rapidem Gewichtsverlust sollten Betroffene den Arzt konsultieren.

Quelle:

http://derstandard.at/2000046074991/Gastroenterologen-Hype-um-Nahrungsmittel-Unvertraeglichkeiten

 

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Hype um Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten und Nahrungsmittel-Allergien ist mir schon mehrfach aufgefallen. Es stellt sich die Frage, woher dieser Hype kommt.

Der Hinweis, dass die Lebensmittelindustrie diese Trendthemen möglicherweise als Profitquelle benutzt, erklärt nur einen Teil des Phänomens. Zu untersuchen wäre noch die Frage, weshalb so viele Leute auf diese Trendthemen aufspringen. Warum sind Menschen bezüglich ihrer Ernährung und ihres Darmes so verunsichert, dass sie sich von Meldungen aller Art derart ins Bockshorn jagen lassen?

Meinem Eindruck nach werden oft bereits kleinste Abweichungen von einer idealisierten Norm pathologisiert. Schon das geringste Zucken im Darm löst vielfältige Befürchtungen aus. Woher kommt diese übersteigerte Aufmerksamkeit? Woher diese weitgehend fehlende Toleranz gegen minimale Störungen der Befindlichkeit? Fehlt das Vertrauen in die Kompetenz des eigenen Körpers? Und wenn ja, warum ist das so?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Hörenswerter Radiobeitrag: Gesellschaft von Kranken? Umstrittene Grenzwerte in der Medizin

Diesen Artikel teilen:

Radio Bayern 2 hat einen sehr interessanten Beitrag von Daniela Remus ausgestrahlt zum Thema „Grenzwerte in der Medizin“, der 2015 nach der Erstausstrahlung mit dem Journalistenpreis EbM ausgezeichnet wurde.

Es gibt in der Medizin unverkennbar einen Trend zur Pathologisierung und Medikalisierung aller Lebenslagen.

Ob Cholesterinspiegel, Blutdruck, Gewicht oder Diabetes, in der Medizin haben sich in den letzten Jahrzehnten die Grenzwerte dafür, was als gesund gilt, laufend verschoben. Tiefere Grenzwerte führen dazu, dass sehr viele Menschen, die sich bis anhin als gesund betrachtet haben, nun als krank und behandlungsbedürftig gelten. Auch Vorsorgeuntersuchungen – so nützlich sie in manchen Fällen auch sein mögen – können manchmal zu unnötigen und riskanten Überbehandlungen führen.

Je mehr Menschen man untersucht und je intensiver man sie untersucht, desto mehr findet man. Alle Menschen haben an irgendeinem Punkt eine Abweichung von der Norm und gelten dann als krank. Wer noch keine Diagnose hat, wurde noch nicht gründlich genug untersucht.

Auch Lebensphänomene wie Trauer oder Schüchternheit werden zunehmend durch entsprechend zu recht geschusterte Krankheitsdefinitionen pathologisiert. Nicht jeder ungewöhnliche Seelenzustand ist aber behandlungsbedürftig.

Hier können Sie den spannenden und informativen Beitrag hören:

 

 

Den Trend zur Pathologisierung und Medikalisierung aller Lebenslagen kann man im übrigen auch in Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde häufig beobachten. In diesen Bereichen läuft das aber nicht über veränderte Grenzwerte und Normen, sondern eher über vage, ausufernde und oft willkürliche Diagnosen wie „Leberschwäche“, „Pilz im Darm“, „Verschlackung“, „Übersäuerung“.

Für jede kleinste Unpässlichkeit auf körperlicher, psychischer und geistiger Ebene wird eine ganze Batterie von Globuli, Pflanzentröpfli oder Schüssler Tabletten angeboten.

Und weil die Mittel ja als unschädlich gelten, kann man sie wild kombinieren und 7mal 24 Stunden in der Woche schlucken.

Manchmal braucht ein kranker Mensch Behandlung. Weniger wäre aber manchmal gesünder – in Medizin und Komplementärmedizin. Denn wir verlieren mit den permanenten Überbehandlungen mit der Zeit das Vertrauen in die Kompetenz des eigenen Organismus, mit einfacheren Störungen selber fertig zu werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Neurologen warnen vor Falschdiagnosen und Übertherapie der Neuroborreliose

Diesen Artikel teilen:

 

Vor einer unzureichenden Diagnostik und einer falschen Behandlung der durch Zecken übertragenen Erkrankung Neuroborreliose warnt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. „Viele Patienten, die wegen einer vermeintlichen chronischen Borreliose zum Teil über Monate hinweg Antibiotika bekommen, sind gar nicht daran erkrankt“, erklärte der Neuroinfektiologe Sebastian Rauer vom Universitätsklinikum Freiburg auf der Jahrestagung der Fachgesellschaft in Mannheim.

Gemäss Rauer ist die vermeintliche chronische Borreliose jedoch eine umstrittene Krankheit. Zahlreiche Patienten und auch eine Reihe von Ärzten machten eine nicht erkannte oder unzureichend behandelte Infektion mit Borrelien für die unterschiedlichsten Beschwer­den verantwortlich. Von Zecken übertragene Krankheitserreger sollen noch Jahre nach dem Zeckenstich bei den Patienten zu Erschöpfung führen, hinter Konzentrationsstörungen und Gedächtnisproblemen stecken, auf die Stimmung drücken, Kopfschmerzen, wandernde Gelenkschmerzen oder Muskelschmerzen und zahlreiche weitere schwer fassbare Beschwerden auslösen.

Die vermeintliche chronische Borreliose werde jedoch häufig mit Labortests abgesichert, die nicht genügend geprüft seien, sagte Rauer.

Der Spezialist für Neuroinfektiologie unterstrich in Mannheim, dass die Infektion mit einer zwei‐ bis dreiwöchigen Antibiotikatherapie gemäss Studienlage in den meisten Fällen folgenlos ausheilt. Auch Ralf Gold, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sieht keine Anhaltspunkte, dass eine längere Therapie oder eine Kombination von Antibiotika einen Vorteil bringt.

Die Neurologen raten ausdrücklich von einer Langzeittherapie mit Antibiotika  ab. Die Übertherapie setze die Patienten einem unnötigen Risiko aus.: „Wenn die Antibiotika nach zwei bis drei Wochen nicht anschlagen, bringen auch weitere Wochen oder gar Monate nichts“, sagt  Rauer. Das sei eher ein Hinweis, dass keine Neuroborreliose, sondern etwas anderes hinter den Beschwerden stecke, erklärt der Neuroinfektiologe.

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70644/Neurologen-warnen-vor-Falschdiagnosen-und-Uebertherapie-der-Neuroborreliose

Kommentar & Ergänzung:

Die Diagnostik der Borreliose und die Interpretation der verschiedenen Laboruntersuchungen scheint oft alles andere als einfach zu sein. Die Borreliose mit ihrem vielfältigen Beschwerdebild bietet sich auch gerade zu an, unterschiedliche und oft diffuse Beschwerden mit dem Etikett „Borreliose“ zu erklären. Die Unerklärlichkeit von Beschwerden ist oft schwer auszuhalten. Da erleichtert manchmal eine Diagnose, auch wenn sie falsch oder schwerwiegend ist.

Ergänzend noch Anmerkungen zur Borreliose aus phyt0therapeutischer Sicht:

Heilpflanzen-Anwendungen können bei Borreliose in manchen Fällen unterstützend wirken und symptomatisch Beschwerden lindern, zum Beispiel durch Schmerzreduktion, Entzündungshemmung oder Verbesserung der Befindlichkeit. Eine ursächliche Behandlungsmöglichkeit durch Eliminierung der Borrelien mittels Heilpflanzen-Anwendungen ist nicht bekannt. Für die von Wolf-Dieter Storl als Borreliose-Heilmittel propagierte Kardentinktur gibt es auch nach vielen Jahren, in denen sie von zahlreichen Menschen ausprobiert wurde, immer noch keine einzige bestätigte Heilung und auch keine glaubwürdige Erklärung, wie eine Wirksamkeit zustande kommen könnte. Kontrollierte Studien mit Patienten haben die Karde-Propagandisten keine vorgelegt. In Laboruntersuchungen zeigte Karde eher eine wachstumsfördernde Wirkung auf Borrelien.

Heilungsberichte mit Kardentinktur, wie sie immer wieder mal im Internet auftauchen, basieren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf Placebo-Effekten, auf dem natürlicherweise schwankenden Verlauf der Erkrankung, wodurch jede Besserung der Symptome als Heilung interpretiert werden kann, auf Fehldiagnosen (es liegt gar keine Borreliose vor) oder auf der Tatsache, dass eine Borrelieninfektion bei einer grösseren Zahl von Menschen auch ohne Behandlung zum stehen kommt. Die Antibiotika-Behandlung im Frühstadium (zum Beispiel bei einer „Wanderröte“) macht man für diejenigen Personen, bei denen die Infektion nicht von selber zum stehen kommt, wobei man eben im voraus leider nicht weiss, wer zu welcher Gruppe gehört.

Ein paar kritische Fachtexte, die ich vor einigen Jahren zum Thema Karde & Borreliose geschrieben habe, finden Sie hier.

Ich habe auf diese Texte zwar eine ganze Reihe von bösen Mails bekommen – am beliebtesten war die Frage, wieviel mir die Pharmaindustrie für diese Beiträge bezahlt hat. So einfach kann man es sich machen…. Fundierte Argumente, die die Kritik in Frage stellen oder die Wirksamkeit der Kardentinktur belegen, sind jedoch bisher keine gekommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Gemüsesaft aus Spinat und Rucola bessert chronische Zahnfleischentzündungen

Diesen Artikel teilen:

Blattgemüse mit hohem Nitratgehalt gilt bislang als problematisch. Doch der kritisch betrachtete Inhaltsstoff hat auch gesundheitsfördernde Eigenschaften. Das zeigt eine vor kurzem publizierte Studie der Universität Hohenheim und des Universitätsklinikums Würzburg. Nitrat aus einem handelsüblichen Gemüsesaft kann den Verlauf chronischer Zahnfleischentzündungen schon nach nur zwei Wochen merklich verbessern.

Nitrat häuft sich in den Blättern an und spielt eine bedeutende Rolle für Wachstum und Gesundheit der Pflanzen. Deshalb gehören zahlreiche Blattgemüse wie Rucola, Spinat, Mangold und verschiedene Blattsalate zu den wichtigsten Nitratquellen in der Ernährung des Menschen.

Nitrat an sich ist nicht gesundheitsschädlich, doch der Verzehr von nitratreichen Lebensmitteln gilt bisher als problematisch, weil Verdauungsprozesse Nitrat unter gewissen Umständen zu Nitrit, Stickoxiden und sogenannten Nitrosaminen umsetzen. Vor allem die Nitrosamine gelten als stark krebserregend und werden mit der Entstehung von Speiseröhren- und Magenkrebs in Verbindung gebracht.

Studien der letzten Jahre haben beim Verzehr von nitratreichen Blattgemüsen jedoch zunehmend gesundheitsfördernde Effekte gezeigt.

Wird Nitrat nämlich zusammen mit Vitamin C aufgenommen, unterbleibt die Nitrosaminbildung. Das ist in der Regel auch der Fall.

Pflanzliche Lebensmittel enthalten meist genügende Mengen an natürlichem Vitamin C. Daher muss die Nitrataufnahme aus Blattgemüsen ganz anders bewertet werden als bei gepökelten Fleischwaren, denen die Zusatzstoffe Nitrat bzw. Nitrit hinzugefügt werden.

Ein Team um den Lebensmittelwissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Carle von der Universität Hohenheim zeigte jetzt gemeinsam mit dem Parodontologen Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf vom Universitätsklinikum Würzburg, dass dieses Nitrat aus Gemüsepflanzen sogar gesundheitsfördernde Eigenschaften entfalten kann. Die Studie wurde vor kurzem im Journal of Clinical Periodontology publiziert.

Die Wissenschaftler teilten total 44 Teilnehmer mit chronischer Zahnfleischentzündung zunächst in zwei Gruppen. Die erste Gruppe von 21 Personen nahm dabei über einen Zeitraum von zwei Wochen dreimal täglich ein von Prof. Dr. Carle und seinem Team entwickeltes Placebo-Salatsaftgetränk ein.

Durch ein spezielles Adsorberverfahrens war das natürlicherweise enthaltene Nitrat zuvor aus dem Placebo-Getränk entfernt worden.

Die zweite Gruppe von 23 Testpersonen bekam in gleichen zeitlichen Abständen das identische Testgetränk mit der ursprünglich enthaltenen Nitratmenge.

Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf und die Zahnärztin Dr. Yvonne Jockel-Schneider vom Universitätsklinikum Würzburg untersuchten die Versuchspersonen jeweils am Anfang der Studie sowie erstmals nach 14 Tagen und waren erstaunt über die Unterschiede. Schon nach zwei Wochen waren deutliche und statistisch signifikante Verbesserungen bei den Zahnfleischentzündungen der Patienten aus der „Nitrat-Gruppe“ zu beobachten. In der Placebogruppe, also in der Gruppe, in der das Nitrat im Testgetränk entfernt wurde, konnten dagegen keine Verbesserung festgestellt werden.

 

Nitratreicher Gemüsesaft regt natürlichen Nitrat-Nitrit-NO-Stoffwechsel a

Den Wirkmechanismus erklären die Wissenschaftler so:

Mit der Nahrung aufgenommenes Nitrat wird schnell im Magen und dem oberen Dünndarm aufgenommen und danach über das Blut zu den Speicheldrüsen transportiert. Ein gutes Viertel des resorbierten Nitrats wird dort in den Speichel abgegeben. Dadurch ist die Nitratkonzentration im Mundraum nicht nur beim Trinken des Salatsaftgetränks, sondern auch während eines längeren Zeitraums deutlich messbar erhöht. Gewisse Bakterien, die im gesamten Rachenraum und vor allem in den Zahnzwischenräumen vorkommen, wandeln das Nitrat in Nitrit um. Letzteres wirkt einerseits selbst antimikrobiell und könnte durch die Hemmung schädlicher Bakterien direkt zur Linderung der Zahnfleischentzündung beitragen.

Darüber hinaus wird Nitrit aber auch zu Stickstoffmonooxid (NO) umgewandelt. NO gilt als blutdrucksenkend, durchblutungsfördernd und kann im Organismus entzündungshemmende Vorgänge auslösen. Die Studienresultate könnten die Gesundheitsdebatte über Nitrat aus pflanzlichen Lebensmitteln neu entfachen. Prof. Dr. Carle weist darauf hin, dass weder die Weltgesundheitsorganisation noch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit vom Verzehr von Blattgemüsen abraten, vor allem wenn man sich nicht ausschließlich auf den besonders nitratreichen Rucola beschränkt, sondern verschiedene Blattsalate und Blattgemüse ausgewogen zusammenstellt und zubereitet.

Quelle:

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=48807

Universität Hohenheim

Literaturhinweis:

Jockel-Schneider Y, Goßner SK, Petersen N et al. Stimulation of the nitrate-nitrite-NO-metabolism by repeated lettuce juice consumption decreases gingival inflammation in periodontal recall patients: a randomized, double-blinded, placebo-controlled clinical trial; The Journal of Clinical Periodontology, doi: 10.1111/jcpe.12542.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26969836

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass Nitrat in Salat und Gemüse auch positive Wirkungen auf die Gesundheit haben kann, ist eine eher überraschende Perspektive. Nitrat wird sonst vor allem als Problemfaktor thematisiert, weil die Umwandlung im Verdauungstrakt zu Nitrit, Stickoxiden und sogenannten Nitrosaminen krebsfördernd wirken könnte.

Forschung zu positiven Effekten von Nitrat gibt es schon zur Roten Beete (CH: Randen), beispielsweise gegen Bluthochdruck und Karies.

Siehe dazu:

Randensaft (Rote Beete) senkt Blutdruck

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/08/08/randensaft-rote-beete-senkt-blutdruck.html

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2015/11/19/rote-bete-saft-gegen-karies.html

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2011/07/15/rote-beete-saft-randensaft-legales-doping-bei-radrennen.html

Randensaft (Rote-Beete-Saft) steigert sportliche Ausdauer

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/08/08/randensaft-rote-beete-steigert-sportliche-ausdauer.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

Honig lässt Wunden rascher heilen

Diesen Artikel teilen:

Durch seinen hohen Zuckergehalt und andere Inhaltsstoffe wirkt Honig antibakteriell. In seiner Wirksamkeit übertrifft Honig sogar manche Antibiotika, kann sie aber nicht gänzlich ersetzen.

Elisabeth Presterl, Leiterin der Krankenhaushygiene an der Medizinischen Universität Wien, sagt in einem Gespräch mit science.ORF.at.:

„In der Wundpflege gibt es den sogenannten ‚medizinischen Honig‘. Man konnte bei chronischen Wunden und oberflächlichen Verbrennungen zeigen, dass er nicht nur einen anti-bakteriellen Effekt hat, sondern auch zur Verbesserung der Wundheilung und Verkleinerung der Wunde führt.“

An der Medizin-Uni Wien wird der medizinische Honig darum bei genau solchen schlecht heilenden Wunden eingesetzt, die etwa durch Gefäßstörungen ausgelöst werden.

Die Zusatzbezeichnung „medizinisch“ bekommt dieser in der Klinik verwendete Honig, weil er bezüglich Feuchtigkeit und Zuckergehalt ein genau genormtes Produkt ist und frei von Verunreinigungen sein muss. Medizinischer Honig wird also noch genauer kontrolliert als normaler Honig.

Für die positive Wirkung von Honig auf Wunden gibt es mehrere Gründe, erklärt Elisabeth Presterl, und verweist als Erstes auf den hohen Zuckergehalt:

„Zucker ist ein Konservierungsmittel und kann Bakterien abtöten. Darüber hinaus gibt es aber noch andere Inhaltsstoffe wie Polyphenole, Aminosäuren und Substanzen, die etwa Immunzellen stimulieren – das alles könnte in Kombination die Wirksamkeit von Honig ausmachen.“

Antibiotika könne man in der Wundpflege sicherlich nicht generell durch Honig ersetzen, erklärt die Ärztin. Gerade bei schweren Wundinfektionen hält sie es nicht für sinnvoll, wenn diese nur lokal behandelt werden. In solchen Fällen brauche es eine ergänzende Einnahme von Antibiotika.

Bei den leichteren Fällen sei es jedoch sinnvoll, eine Wunde zuerst einmal oberflächlich mit dem salbenähnlichen medizinischen Honig zu behandeln: „Wir verabreichen noch immer viel zu oft und zu rasch Antibiotika.“

Honig sei eine Möglichkeit, um den Antibiotikaverbrauch auf das unbedingt nötige Maß zu reduzieren, ist Presterl überzeugt.

Für den medizinischen Honig sieht sie auch eine Rolle im Kampf gegen gefährliche Krankenhaus: „Es gab Versuche im Reagenzglas, laut denen Honig auf multiresistente Keime wirken kann.“

Im Labor konnte Honig demnach Bakterien abtöten, bei denen Antibiotika versagt hatten.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist medizinischer Honig in der Hygienerichtlinie der Medizin-Uni Wien zum Thema MRSA aufgeführt – also jenen multiresistenten, potenziell tödlichen Bakterien, die zuletzt in deutschen Krankenhäusern für Probleme sorgen.

Dafür, dass eingenommener Honig auch gut für die Gesundheit ist, dafür gebe es keine harte Evidenz, sagt Presterl.

Studien haben zwar gezeigt, dass Honig nach Mandeloperationen bzw. bei Halsweh die Schmerzen vermindert, ein Placebo hatte jedoch die gleiche Wirkung – ebenso wie ein richtiges Schmerzmittel. Und auch bei Angina fehlen nach Presterl Belege, dass geschluckter Honig antibakteriell wirkt.

Quelle:

http://sciencev2.orf.at/stories/1759705//index.html

Studien:

„Evaluation of the antibacterial activity of selected Pakistani honeys against multi-drug resistant Salmonella typhi“, BMC Complementary and Alternative Medicine 2015;

http://www.biomedcentral.com/1472-6882/15/32

 

„Honey: an immunomodulator in wound healing“, Wound Repair and Regeneration 2014

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/wrr.12117/abstract

 

„Honey for acute cough in children“, Cochrane Database of Systematic Reviews 2014;

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22419319

 

Kommentar & Ergänzung:

Gerade weil Antibiotika in vielen Fällen lebenswichtige Medikamente sind, muss jede Möglichkeit genutzt werden, sie durch andere wirksame Behandlungsstrategien zu ersetzen, damit das rasant zunehmende Problem der Antibiotikaresistenzen sich nicht weiter verschärft. Honig zur Wundbehandlung ist eine prüfenswerte Alternative. Allerdings braucht es dafür noch deutlich mehr Forschung und weil Honig nicht patentierbar ist, gibt es nur wenige Firmen, die dafür viel Geld investieren. Als medizinischer Honig kommt meist ein Manuka-Honig aus Neuseeland zur Anwendung, der unter der Bezeichnung „Medihoney“ als eingetragene Warenmarke registriert und als Medizinprodukt zugelassen ist. Darum gibt es hier offensichtlich Geld für Forschung. Manuka-Honig enthält als wichtigen Inhaltsstoff neben den Zuckern des Honigs in wechselnden Mengen das antibakteriell wirksame Zuckerabbauprodukt Methylglyoxal (MGO). Der Methylglyoxal-Gehalt von Manuka-Honig soll bis zu 100fach höher sein als in konventionellen Honigsorten. Allerdings soll das Methylglyoxal auch für die Schmerzentwicklung verantwortlich sein, einem Hauptproblem in der Wundbehandlung mit Manuka-Honig. Das ist ein Grund dafür, dass die Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung e.V. in ihrer S3-Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden von der Verwendung von Manuka-Honig abrät.

Honig ist ein sehr heterogen zusammengesetztes Produkt und es braucht wohl noch intensive Forschung, bis ein optimal zusammengesetztes Produkt gefunden ist.

Honig wurde als Wundheilmittel sowie für verschiedene andere Anwendungsbereiche allerdings schon verschiedentlich untersucht.

Siehe dazu auch:

Honig verhindert Mundschleimhautentzündung / Mukositis

Palliative Care & Onkologiepflege: Honig bei Mucositis / Mundschleimhautentzündung

Honig zeigt Wirkung gegen multiresistente Bakterien

Naturheilmittel: Wundbehandlung mit Manuka-Honig

Honig als Wundheilmittel

Honig gegen Mundschleimhautentzündung bei Chemotherapie

Wundheilmittel: Honig gegen resistente Bakterien

Honig – altes Wundheilmittel im Aufwind

Honig verkürzt Wundheilung bei Brandwunden

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen: