Archive for the ‘Gesundheitliches’ Category

[Buchtipp] Wie Gesundheit entsteht, Salutogenese. Schatzsuche statt Fehlerfahndung von Eckhard Schiffer

Mittwoch, September 8th, 2010

Verlagsbeschreibung

Dabei stützt sich der Autor zum einen auf das Salutogenese-Konzept des amerikanisch-israelischen Gesundheitsforschers Aaron Antonovsky und dessen Ausführungen zum >Kohärenzgefühl< des Menschen. Zum anderen bezieht er so unterschiedliche Geschichten wie >Tausenundeine Nacht<, >Pu der Bär< und Auf der Suche nach der verlorenen Zeit< in sein Erklärungskonzept ein und ebenso die Biografien von Künstlern und Schriftstellern wie Joan Miró, Jean-Jacques Rousseau oder Albert Camus. >Alles das, was in der :schönen9 Literatur schon lange bekannt ist, soll anhand neuer Modelle zur Gesundheit bzw. Gesundheitsförderung weiter verdeutlicht werden. Seit geraumer Zeit richtet sich nämlich das Interesse nicht mehr nur auf die Entstehung von Krankheit (Pathogenese), sondern auch auf die Entstehung von Gesundheit (Salutogenese).< Oder anders formuliert: >Was haben eigentlich :Gute Nacht-Geschichten mit Gesundheit, und die Unfähigkeit zum Dialog9 mit Krankheit zu tun? Eckhard Schiffer Zum Shop

Kommentar:

Wie Gesundheit entsteht – Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung

 Dieses Buch ist eine gut verständliche und anregende Einführung in das Konzept der Salutogenese. Begründet hat das Salutogenese-Modell der israelische Medizinsoziologe Aron Antonovsky (1923 – 1994). Er kritisierte am herkömmlichen medizinischen Denken, dass es sich bloss daran orientiert, wie krankmachende (pathogene) Faktoren vermieden oder bekämpft werden können, an gesundheitsförderlichen (salutogenetischen) Kräften aber nicht interessiert ist. Wichtig sei aber, beides ernstzunehmen: das, was krankmacht („pathogenetisches Modell“) und das, was gesund macht beziehungsweise gesund erhält („salutogenetisches Modell“).

Antonovsky unterscheidet zwischen inneren und äusseren (soziokulturellen) gesundheitsförderlichen Faktoren. Für die Gesundheit eines jeden Menschen ist Kohärenzgefühl beziehungsweise Kohärenzsinn entscheidend. Was damit gemeint ist, beschreibt Eckhard Schiffer so:

„ Das Kohärenzgefühl meint eine Grundstimmung oder Grundsicherheit, innerlich zusammengehalten zu werden, nicht zu zerbrechen und gleichzeitig auch in äusseren Anbindungen Unterstützung und halt zu finden. Der Kohärenzsinn beschreibt eine mit diesem Gefühl einhergehende und an gedankliche Aktivität geknüpfte Weltsicht:

Meine Welt ist verständlich, stimmig, geordnet; auch Probleme und Belastungen, die ich erlebe, kann ich in einem grösseren Zusammenhang begreifen (Verstehbarkeit).

Das Leben stellt mir Aufgaben, die ich lösen kann. Ich verfüge auch über innere und äussere Ressourcen (Hilfsquellen), die ich zur Meisterung meines Lebens, meiner aktuellen Probleme einsetzen kann (Handhabbarkeit).

Für meine Lebensführung ist Anstrengung sinnvoll. Es gibt Ziele und Projekte, für die es sich zu engagieren lohnt (Sinndimension).“

Schiffer vermittelt das Salutogenese-Modell anhand von praktischen Beispielen, zum Beispiel mit Schilderungen aus der Biografie des Malers Juan Mirò. Und er erläutert die Bedeutung von Spiel, Kreativität, Dialog und mitmenschlichem Zusammenhalt für die Gesundheit.

Aus der Perspektive der Salutogenese ist Gesundheit weit gehend ein soziokulturelles Produkt.

In diesem Sinne scheint mir die Salutogenese auch für die Naturheilkunde wertvolle Anregungen zu bieten.

Allzu oft geht es meiner Erfahrung nach nämlich auch hier vor allem um die Verabreichung der richtigen Tröpfli, Chügeli, Pulver, Kräutertees etc.

Und allzu oft geht darüber der Kontext vergessen, in dem ein Mensch im Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Krankheit steht. Es reicht aber natürlich nicht, einen kranken Menschen nur von den passenden Heilpflanzen zu überzeugen. Das macht ein Verkäufer auch. Es hat mit Heilkunde aber noch nichts zu tun.

Das Buch von Eckhard Schiffer kann dazu beitragen, den Blick über Tröpfli, Chügeli, Pulver und Tees hinaus zu erweitern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde, Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

[Buchtipp] Mit Krankheit leben. Beck Reihe, Band 1620, Von der Kunst, mit Schmerz und Leid umzugehen — von Farideh Akashe-Böhme, Gernot Böhme

Mittwoch, September 8th, 2010

Verlagsbeschreibung

In unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird Krankheit weitgehend tabuisiert und im besten Falle therapiert. Krankheitsbewältigung kann jedoch nicht einfach an Experten delegiert werden – sie ist eine Sache der Patienten selbst. Die Autoren fordern einen mündigen Umgang mit dem eigenen Leiden, auch um gegenüber dem medizinischen System handlungsfähig und selbstbestimmt zu bleiben. Sie beschreiben, wie man das eigene Leben mit der Krankheit akzeptieren kann, und führen anhand von Aussagen Betroffener verschiedene Wege der Krankheitsbewältigung vor Augen: von der distanzierten Betrachtung der Krankheit über die Mobilisierung innerer Kräfte bis hin zur Auseinandersetzung mit ihr im Reden und Schreiben. Egal, für welche der vorgestellten Möglichkeiten sich der Leser entscheidet, das Ziel ist stets, Krankheit als Bestandteil des Lebens zu begreifen und so ein Stück Lebenskunst zu erlernen. Zum Shop

Kommentar:

Mit Krankheit leben – Von der Kunst, mit Schmerz und Leid umzugehen

Farideh Akashe-Böhme als Soziologin und Gernot Böhme als Philosoph ergänzen sich offensichtlich gut als Verfasser dieses Buches. Es hebt sich wohltuend ab von der heute weit verbreiteten, unsäglichen Fast-Food-Psychosomatik, die jeder Krankheit sofort einen ursächlich dafür verantwortlichen psychischen Knacks zuschreibt. Diese simple Etikettiererei führt in der Regel zu gar nichts oder allenfalls zu deplazierten Schuldgefühlen.

Akashe-Böhme und Böhme (AkaBö) legen dagegen vor allem Wert auf die Krankheitsbewältigung. Dabei greifen sie viele spannende Aspekte auf. Eine kleine Auswahl davon stelle ich hier vor:

Im ersten Kapitel geht es um Krankheit und Leiberfahrung. Nach AkaBö leben wir in einer Zivilisation, die durch Leibvergessenheit bestimmt ist. Gesundheit bedeutet darum wesentlich: sich nicht spüren, den Leib vergessen können. In der Krankheit lernt man sich selbst als Leib kennen. Weil der moderne Mensch wenig mit seinem Leib und dessen Regungen vertraut ist, neigt er dazu, leibliche Regungen generell als Symptome zu deuten, das heisst als Anzeichen dafür, dass mit seinem Körper etwas nicht in Ordnung ist.

Das zweite Kapitel handelt von der Therapeutik. Es geht darin unter anderem um den Umgang mit dem medizinischen System.

Das dritte Kapitel ist der Diätetik gewidmet. Gemeint sind damit im antiken Sinne Regeln zur Lebensführung. AkaBö gehen sorgfältig auf Situationen ein, in denen es um die Bewältigung von Krankheiten geht, mit denen die Betroffenen leben müssen. Ein sehr wichtiges Thema, denn im allgemeinen wird viel Gewicht auf Therapie und Heilung gelegt. Aber wo lernen wir den Umgang mit Krankheiten und Beeinträchtigungen, die nicht wegzubringen sind. Hier geht es um die hohe Kunst, mit der Krankheit ein möglichst gutes Leben zu gestalten.

Das vierte Kapitel behandelt ethische Fragen wie Selbstverantwortung, Therapieentscheidungen und die Bewältigung der Tatsache, dass die Krankheit ausgerechnet einen selbst trifft. Hier geht es zum Beispiel um die Vorstellung der Krankheit als Schicksal oder Prüfung.

Im fünfte Kapitel geht es um Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich Krankheit und Gesundheit.

Das sechste Kapitel thematisiert den Zusammenhang von Kranksein und Fremdsein. Es geht um Ausgrenzung und Stigmatisierung, um Sprachprobleme im Umgang mit Krankheit und um das kulturelle Verständnis von Krankheit.

Im siebten Kapitel geht es nicht um die eigene Krankheit sondern um das Zusammenleben mit der Krankheit der anderen. Krankheit kann auch eine grosse Herausforderung sein für die Menschen im Umfeld des Kranken.

Das letzte Kapitel trägt den Titel „Krankheit und Lebenskunst“.

„Mit Krankheit leben“ ist ein wertvolles Buch, weil es den Umgang mit Krankheit auf verschiedensten Ebenen zum Thema macht. Es ist auch wichtig für die Naturheilkunde, denn wenn wir uns darauf beschränken, die passenden Heilpflanzen zu verteilen, bleiben wir sehr eng und verpassen möglicherweise das Wesentliche.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

[Buchtipp] Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund? Räsonieren über das Heilen — von Asmus Finzen

Mittwoch, September 8th, 2010

Verlagsbeschreibung

Asmus Finzen: Jahrgang 1940, Prof. Dr. med., stellvertretender ärztlicher Leiter der Universitätsklinik Basel. Verleger der Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag. Im Psychiatrie-Verlag sind von ihm ausserdem erschienen: “Schizophrenie – die Krankheit verstehen”, “Schizophrenie – die Krankheit behandeln” und “Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen” Zum Shop

Kommentar:

Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Dieses Buch ist ein wirksames Heilmittel gegen allfällige Grössenphantasien von Therapeutinnen und Therapeuten aller Art. Wie rasch, gern und unkritisch verbuchen doch viele Behandelnde jede Besserung sogleich auf ihr eigenes Konto. Meiner Erfahrung nach geschieht dies auch häufig im Bereich der Naturheilkunde und bei der Anwendung von Heilpflanzen. Hier müsste sich etwas ändern, wenn die Naturheilkunde ernst genommen werden möchte. „Wer heilt hat recht“, hört man sehr oft als Rechtfertigung in dieser „Szene“. Kein Gedanke daran, dass auch andere Faktoren als die abgegebenen Heilmittel zur Gesundung geführt haben könnten. Ein weit gehendes Negieren der Selbstheilungskräfte und des Placebo-Effektes. Asmus Finzen gibt auf die Frage: “Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?“ aufrüttelnde Antworten. Ich führe seine Antworten zur Illustration hier an, die Kommentare dazu stammen von mir:

1. Sie werden gesund wegen der Therapie, die wir anwenden.

Das ist für Therapeuten und Therapeutinnen fraglos die angenehmste Antwort. Darum wird sie so selten hinterfragt.

2. Sie werden von alleine wieder gesund.

Das trifft auf sehr viele Beschwerden und Krankheiten zu. Und bei chronischen Verläufen gehören in der Regel Schwankungen mit Hochs und Tiefs dazu. Weil die Kranken oft an einem Tiefpunkt Hilfe suchen, ist die Chance gross, dass nur schon der natürliche Verlauf eine Besserung bewirkt.

3. Sie werden gar nicht wieder gesund

Diese leidige Tatsache zu anerkennen, ist häufig nicht gerade einfach – weder in der Naturheilkunde noch in der Medizin. Dass es Krankheiten gibt, die keiner Heilung zugänglich sind, widerspricht den Machbarkeitsvorstellungen unserer Zeit. Dabei würde die Anerkennung einer solchen Tatsache die endlose, kraftzehrende Suche nach Heilung überflüssig machen und damit Energie freisetzen für das Bestreben nach einer möglichst guten Lebensqualität mit der Krankheit. Wobei natürlich häufig nicht so einfach festzulegen ist, wann eine Krankheit wirklich unheilbar ist. Behandelnde, die diesem dritten Punkt nicht ins Auge sehen wollen, schieben oft jeden Misserfolg den Kranken in die Schuhe. Die sind dann noch nicht so weit, haben die Behandlung falsch gemacht oder wollen gar nicht wirklich gesund werden….

4. Sie werden trotz unserer Therapie wieder gesund.

Das dürfte die frustrierendste Antwort für Therapeutinnen und Therapeuten sein. Glücklicherweise überstehen die meisten Patientinnen und Patienten auch unnütze, belastende Therapien in Medizin oder Naturheilkunde.

5. Sie werden wegen unserer Behandlung gesund, aber nicht wegen jener therapeutischen Faktoren, von deren Wirksamkeit wir überzeugt sind.

Das wird öfter vorkommen, als wir denken. Die Medizingeschichte ist voll von solchen Täuschungen.

6. Sie sind gar nicht krank.

Die Behandlung von Gesunden verspricht gute Heilungschancen und wird sowohl in der Medizin als auch in der Naturheilkunde häufig praktiziert.

Provokante Antworten jedenfalls, die uns Asmus Finzen in seinem Buch präsentiert. Der Autor ist Psychiater und deshalb stammen viele seiner Beispiele aus den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie. Er bezieht aber auch körperliche Erkrankungen mit ein und seine sechs Antworten lassen sich gut auf die „normale“ Medizin und auf die Naturheilkunde übertragen.

Das Buch geht aber weit über die Frage hinaus, warum unsere Kranken wieder gesund werden.

Weitere Themen sind beispielsweise: Heilserwartungen – Der Mythos der Machbarkeit – Was ist Therapie – Das Placebo-Problem – Wie wirkt Therapie? – Grenzen der Therapie – Grundlagen therapeutischer Interventionen.

Ein anregendes Buch.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

[Buchtipp] Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen, von Michael Wink, Ben Erik van Wyk

Mittwoch, August 18th, 2010

Verlagsbeschreibung

 Der Band gibt einen Überblick über alle bedeutenden giftigen und bewusstseinsverändernden Pflanzen der Welt. Das Buch umfasst mehr als 1.200 Pflanzen. Mehr als 200 bewusstseinsverändernde und Giftpflanzen werden ausführlich in Kurzmonographien abgehandelt, mit diagnostischen Merkmalen, Herkunfts- und Verbreitungsgebieten, wirksamen Bestandteilen, Toxizitäten, Vergiftungserscheinungen und möglichen Wirkmechanismen. Das kompakte Format und der enzyklopädische Stil erleichtern den schnellen Zugriff auf alle Informationen.  Zum Shop

Kommentar

Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen

Dieses Buch stellt Giftpflanzen aus aller Welt fundiert und kompetent vor. Beschrieben werden mehr als 1200 der bedeutendsten Giftpflanzen und Rauschpflanzen aus Europa und Amerika, aber auch viele relevante Arten aus Afrika, Asien und Australien.

Dabei wird jede Art mit guten Fotos illustriert. Die informativen Texte umfassen folgende Kategorien:

Ähnliche Arten, Kennzeichen, Vorkommen, Klassifikation, Wirkstoffe, Verwendung, Toxizität, Symptome, Pharmakologie, Erste Hilfe.

Verglichen mit dem Giftpflanzen-Buch von Frohne, das in diesem Abschnitt des Buchshops ebenfalls vorgestellt wird, umfasst das Buch von „Wink / Wyk / Wink“ deutlich mehr Arten aus aller Welt. Für den „Frohne“ spricht dagegen, dass er vor allem diejenigen einheimischen Giftpflanzen, die tatsächlich zu Vergiftungen führen, im Text und vor allem auch mit detaillierten Fotos umfassender darstellt. Als Autoren sind sowohl „Wink / Wyk / Wink“ als auch „Frohne“ verlässlich.

Neben der Vorstellung von Einzelpflanzen enthält das „Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen“ ein Kapitel, in dem die wichtigsten Wirkstoffgruppen vorgestellt werden, welche für toxikologische oder psychoaktive Effekte verantwortlich sind. Spannend ist zudem das Kapitel über Giftpflanzen und Rauschpflanzen in der Geschichte – hier geht es um Mord, Magie und Medizin.

Das Buch stellt im Übrigen auch eine ganze Anzahl von Heilpflanzen vor, weil die Übergänge zwischen Heilpflanzen und Giftpflanzen fliessend sind. Die Dosis macht’s ob ein Kraut giftig oder heilend ist, das hat jedenfalls schon Paracelsus (1493 – 1541) so gesehen.

„Wink / Wyk / Wink“ sind auch die Autoren des „Handbuches der Arzneipflanzen“, welches Sie hier anschauen können:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/shop/phytotherapie-fachbuecher/

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

[Buchtipp] Giftpflanzen, Ein Handbuch für Apotheker, Ärzte, Toxikologen und Biologen — von Dietrich Frohne, Hans Jürgen Pfänder, Hans Pfänder

Mittwoch, August 18th, 2010

Verlagsbeschreibung

Nach Arzneimitteln und Haushaltschemikalien nehmen Pflanzen oder Pflanzenteile bei Kindern den dritten Platz in der Statistiken der Giftinformationszentralen ein. Jedoch erst nach sicherer Identifizierung der betreffenden Pflanzen und richtiger Abschätzung ihrer “Giftigkeit” können wirksame Gegenmaßnahmen getroffen oder aber überflüssige therapeutische Eingriffe vermieden werden.

Seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1982 sind die “Giftpflanzen” für Apotheker, Ärzte, Toxikologen und Biologen zum unverzichtbaren Handbuch auf wissenschaftlicher Basis geworden. Neben Farbabbildungen von vermeintlich oder tatsächlich für Menschen und Tiere giftigen Pflanzen, werden Pflanzenbeschreibungen, eine Fruchtbestimmungstabelle, Blattmerkmale,  Baumsilhouetten sowie mikroskopische Merkmale zur Identifizierung herangezogen.

Um einen schnelleren Zugriff auf die Literatur zu ermöglichen, wurden sie den jeweiligen Kapiteln, Familien oder Pflanzen zugeordnet.

Für die Neuauflage wurden die neusten Erkenntnisse über die Toxizität von Pflanzen, die dafür verantwortlichen Inhaltsstoffen und mögliche Wirkmechanismen ausgewertet. 37 Pflanzenfamilien wurden neu aufgenommen, bei bereits vertretenen Familien kamen zahlreiche Arten hinzu. Stärkere Berücksichtigung von veterinärmedizinisch bedeutsamen Giftpflanzen. Zum Shop

Kommentar

Giftpflanzen

In den letzten Jahren sind Wildsalate und Wildgemüse zunehmend populärer geworden. Das kann eine Chance sein, mit der Pflanzenwelt stärker in Kontakt zu kommen und den Ablauf der Jahreszeiten bewusster zu erleben. Andererseits lässt sich aber immer wieder beobachten, dass Leute Wildsalate, Wildgemüse oder Heilpflanzen sammeln, die fast keine Ahnung haben von der Pflanzenwelt. Und oft fehlt gleichzeitig jedes Bewusstsein dafür, dass Pflanzen auch schaden könnten. Das Buch von Frohne / Pfändler stellt die in Mitteleuropa bedeutsamen Giftpflanzen fundiert vor, Wildpflanzen genauso wie Zier- und Gartenpflanzen. In detailscharfen Fotos werden die wichtigen Bestimmungsmerkmale der Giftpflanzen gezeigt, damit diese sicher erkannt werden können. Die Vergiftungserscheinungen werden präzis geschildert und auch die notwendigen therapeutischen Massnahmen. Eine Stärke dieses Buches liegt darin, dass die Autoren auf die Erfahrungen von Toxikologischen Informationszentren zurückgreifen. Sie wissen daher, welche Pflanzen in der Praxis wirklich zu Vergiftungsfällen geführt haben und bei welchen diese Gefahr eher theoretischer Natur ist. Der Verlag empfiehlt das Buch als „Handbuch für Apotheker, Ärzte, Toxikologen und Biologen“, doch dürften auch interessierte Laien davon profitieren, wenn für medizinische Fachausdrücke ein entsprechendes Wörterbuch zugezogen wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen

Heikle Verordnungen für Demenzkranke

Dienstag, August 17th, 2010

„Pillen statt Pflege?“, fragt die „Welt“ in einem bemerkenswerten Artikel und fügt bei: „Viele Demenzkranke erhalten starke Beruhigungsmittel, so genannte Neuroleptika – diese können bei den Betroffenen aber zu Komplikationen, ja sogar zum Tod führen. Das belegen nun gleich mehrere Studien. Verschrieben werden diese Mittel dennoch mehr denn je.“

Einer dänischen Studie zufolge bekommen 60 Prozent der Demenzpatienten in Pflegeheimen im Minimum ein Psychopharmakon, meistens ein Neuroleptikum. Laut Arzneimittel-Report der Gmünder Ersatzkasse (GEK) schlucken etwa 30 Prozent der Demenzpatienten Neuroleptika. Bei den über 80-Jährigen sollen es sogar 35 Prozent sein.

Darum verlangt der Bremer Arzneimittelforscher Gerd Glaeske eine „drastische Senkung“ der Verordnungen: „Sie bedeuten eine erhebliche Gefährdung für Demenzpatienten. Die vorhandenen Therapiehinweise werden nicht ausreichend berücksichtigt – zum Schaden älterer Menschen.”

Die Behandlung von Demenzkranken mit Neuroleptika konfrontiere den Arzt „mit einem therapeutischen Dilemma“, heißt es im GEK-Report. Einerseits wolle man Aggressivität und Verhaltensstörungen der Demenzkranken therapieren, andererseits schränken unzureichende und zum Teil widersprüchliche Daten die therapeutischen Handlungsmöglichkeiten ein. „Es ist davon auszugehen, dass durch einen unkritischen Einsatz von Neuroleptika das Sterblichkeitsrisiko älterer Demenzpatienten signifikant steigt“, hält der Neurologe Marcel Sieberer in der Analyse fest. Eine Neuroleptika-Behandlung sollte deshalb „nur bei entsprechender Schwere der Symptome und bei unzureichender Wirksamkeit aller nicht medikamentöser Maßnahmen erfolgen“. Die „prozentual sogar ansteigenden Verordnungen“ von Neuroleptika seien „durchaus kritisch“ in Frage zu stellen.

Auf ein zusätzliches Problem machen Pharmakologen der Arbeitsgemeinschaft Arzneimitteltherapie bei psychiatrischen Erkrankungen (Agate) in der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis“ aufmerksam: Zeigt sich, dass die Verschreibung eines bestimmten Medikaments riskant ist, weicht der Mediziner meist auf ein anderes Mittel aus. Doch das muss nicht besser sein, insbesondere wenn zu der alternativ verwendeten Arznei keine aussagekräftigen Studien existieren. In solchen Fällen werde nur das eine gegen das andere Risiko getauscht.

Die Agate-Forscher werteten Daten von 2424 Demenzpatienten der Jahre 2000 bis 2006 aus und verglichen die Verordnungshäufigkeiten einzelner Wirkstoffe miteinander. Jeder zweite Patient bekam mehr als ein Neuroleptikum. Die Ärzte verschrieben in dieser Zeit nicht weniger, dafür jedoch andere Neuroleptika.

So wurden ab 2004 Olanzapin und Risperidon deutlich weniger verschrieben, dafür mehr Haloperidol und Quetiapin. Das lag daran, dass im Jahr 2003 der Verdacht entstand, die beiden erstgenannten Wirkstoffe seien mit einem erhöhten Sterbe- und Schlaganfallrisiko behaftet. Die Mediziner wichen auf andere Medikamente aus. 2005 tauchten dann erste Hinweise auf, dass die gesamte Substanzklasse – und damit nicht nur Olanzapin und Risperidon – das Hirninfarkt-Risiko erhöht. Eine Studie im „British Medical Journal“ vom vergangenen Jahr bekräftigte den Verdacht: Alle Neuroleptika steigern bei Demenzpatienten das Schlaganfallrisiko.

Quelle:

http://www.welt.de/die-welt/wissen/article4484977/Pillen-statt-Pflege.html

Kommentar & Ergänzung:

Ich bin kein fundamentalistischer Gegner synthetischer Medikamente. Und die Situation rund um die Behandlung und Pflege von Demenzkranken ist oft schwierig und sehr komplex. Trotzdem muss dieser Bericht in der „Welt“ zu denken geben.

Und er regt natürlich an zu Überlegungen, ob die Phytotherapie hier einen nützlichen Beitrag leisten könnte. Bei stark unruhigen Dementen dürften die klassischen peroralen Sedativa aus dem Bereich der Phytotherapie – Baldrian, Melisse, Passionsblume, Hopfen – zu wenig stark wirksam sein.

Melisse als Melissenöl angewendet könnte nützlich sein:

„Als Aromatherapie bei motorischer Unruhe von Demenz-Patienten führt Melissenlotion zu einer Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität“

(aus: Phytotherapie bei Hauterkrankungen, Augustin / Hoch, Urban & Fischer 2004, siehe Buchshop)

Eine Melissenlotion lässt sich einfach herstellen durch beifügen von wenigen Tropfen Melissenöl in eine Körperlotion (W/O-Emulsion).

Einzelbeobachtungen sprechen auch für eine Wirksamkeit von Lavendelöl peroral auf Würfelzucker (1-4 Tropfen) .

Siehe dazu auch den Artikel:

Phytotherapie: Lavendelöl gegen Unruhe

Ausführlichere Angaben zu Lavendelöl in der Broschüre „Ätherische Öle in der Pflege – Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Lavendelöl“

Soweit einige Hinweise aus dem Phytotherapie-Blickwinkel. Ich bin mir aber bewusst, dass man in diesem Bereich nicht einfach mit Heilpflanzen-Anwendungen alle Probleme lösen kann!

Der Artikel in der „Welt“ stellt die Verschreibungspraxis sehr kritisch in Frage und diese Kritik scheint auch berechtigt.

Solch kritische Texte  werden allerdings oft allzu leicht für ein pauschales „Schulmedizin-Bashing“ benutzt. Speziell aus dem Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde kommen in solchen Fällen sehr rasch Stimmen im Stil von: Seht her, wir sagen es ja schon immer…..

Dabei wird aber ein wichtiger Aspekt ausgeklammert: Die Kritik an diesen Verordnungen der Mediziner kommt ebenfalls von Medizinern.

Will heissen: In der Medizin gibt es eine Tradition der Auseinandersetzung und der gegenseitigen fachlichen Kritik, die Schritt für Schritt weiter führt. Das gehört zu den Würden von Medizin und Wissenschaft.

Diese Art der fachlichen Auseinandersetzung fehlt meines Erachtens im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde weitgehend. Hier kann – etwas zugespitzt formuliert – jeder behaupten was ihm oder ihr gerade einfällt. Und es scheint manchmal, dass die Gläubigkeit der „Szene“ mit der Absurdheit der Behauptungen ansteigt.

Es gibt kaum „interne“ fachliche, argementengestützte Kritik, auch bei krassen und gefährlichen Fällen wie zum Beispiel der Propagierung von Kardentinktur als Heilmittel gegen Borreliose. Siehe dazu beispielsweise hier.

Mehr differenzierende, argumentengestützte Kontroverse würde im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde meines Erachtens not tun.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

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Komplementärmedizin: Populistische Sprüche aus der Politik

Sonntag, August 15th, 2010

Wie in der Schweiz, ist auch in Deutschland der Bereich Komplementärmedizin auf der politischen Ebene überwiegend in der Hand von Populistinnen und Populisten.

Es herrscht eine ziemlich naive und undifferenzierte Vorstellung von der sanften, wunderbaren Komplementärmedizin, die nur Gutes tut und ach so menschenfreundlich ist.

Ein Beispiel dafür lieferte vor kurzem die Gesundheitsministerin von Sachsen. „Bild“ berichtete:

„Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) sieht Homöopathie auf dem Vormarsch. ‚Die Alternativmedizin hat sich innerhalb von 40 Jahren in der deutschen Gesellschaft positiv und fest verankert. Ein Trend, der nach wie vor andauert’, erklärte sie anlässlich der nach dem Begründer der Homöopathie benannten 14. ‚Meißner Hahnemanntage’ am Wochenende. Viele Menschen vertrauten etwa bei der Behandlung von Erkältungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen und Hautkrankheiten auch auf alternative Heilmethoden. Entscheidend sei, was dem Patienten hilft – und ‚nicht die Frage Schul- oder Komplementärmedizin’. Clauß nannte dies ‚zwei Wege, ein Ziel’.“

Quelle:

http://www.bild.de/BILD/regional/leipzig/dpa/2010/04/11/ministerin-sieht-homoeopathie-auf-dem-vormarsch.html

Kommentar & Ergänzung:

Entscheidend sei, was dem Patienten hilft. Das ist einer von diesen tollen, gut klingenden Politikersprüchen, die konkret kaum etwas aussagen und die man auch in die Runde werfen kann ohne vorgängige Auseinandersetzung mit dem Thema.

Entscheidend wäre nämlich die Frage:

Wie stellt man fest, was dem Patienten hilft?

Bei jeder Behandlung trägt ein Placebo-Effekt mehr oder weniger stark zur Besserung bei.

Der überwiegende Anteil der Beschwerden bessert auch ohne Behandlung.

Gerade bei den von Christine Glauss als erfolgreiche Beispiele aufgeführten Erkältungen und  Kopfschmerzen handelt es sich normalerweise um selbstlimitierende Krankheiten. Sie bessern auch ohne Therapie. Auch Kreislaufstörungen verschwinden normalerweise wieder, andernfalls landet man ziemlich schnell auf einer Intensivstation.

Und zu chronischen Verläufen gehört erfahrungsgemäss ein Auf und Ab. – beispielsweise bei den von Glauss erwähnten Hauterkrankungen. Ob eine Besserung der Therapie zu verdanken ist oder nur einer natürlichen vorübergehenden Aufhellung im Krankheitsverlauf, lässt sich in der Regel nicht so einfach feststellen.

Werden nun alle diese Faktoren einfach der angewandten Behandlungsmethode gut geschrieben, ist das nicht sauber und nicht ehrlich. Genau dies geschieht aber sehr oft im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin. Vermieden wird damit eine differenzierende Betrachtungsweise, auch von Politikerinnen und Politikern, die pauschalisierend und simplizisitisch verkünden, dass schon richtig sei, was dem Patienten hilft.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es darum geht, ob eine Methode von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll. Gilt hier auch der naive Grundsatz, dass bezahlt wird, was dem Patienten hilft? Ohne weitere Kriterien?  Ohne Differenzierung zwischen  Effekten, die ein Medikament bzw. eine Therapie für sich bewirkt, und Besserung bringenden Kontextfaktoren wie Placebo-Effekt, Selbstheilkung, schwankender Krankheitsverlauf?

Dann würde ich sagen: Mir hilft Pilates, also möchte ich Pilates von der Grundversicherung bezahlt haben. Anderen tut vielleicht eine Wallfahrt nach Lourdes gut. Wenn entscheidend ist, was dem Patienten hilft, müsste die Wallfahrt von den Krankenkassen bezahlt werden.

Entscheidend wäre eine offene, transparente Diskussion der Kriterien, nach denen entschieden wird, ob eine Therapie bzw. ein Heilmittel  von der Grundversicherung bezahlt wird. Politikerinnen und Politiker, welche nur immer wieder den simplen Satz wiederholen, dass es nur darauf ankommt, was dem Patienten hilft, vermeiden diese komplexen Diskussionen und  beschränken sich auf billigen Populismus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Apfel-Polyphenole können Darmwand “reparieren”

Sonntag, August 15th, 2010

Deutsche Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern konnten die günstige Wirkung der Polyphenole im Apfel beweisen. Durch das Schließen der Räume zwischen den Zellen der Darmwand können schädliche Substanzen daran gehindert werden, diese Zellschicht zu durchdringen und ins Blut zu gelangen. Wie die Zeitschrift “Nachrichten aus der Chemie” berichtet, fangen die Polyphenole außerdem schädliche Radikale in menschlichen Zellen ab, hemmen Entzündungen und reduzieren oxidativen Stress.

Auch im Apfelsaft sind Polyphenole enthalten – aus gesundheitlichen Gründen sollte der Konsument jedoch eher naturtrübe Säfte trinken, denn beim Klären geht ein Großteil der Stoffe verloren. Polyphenole sind aber nicht nur in Äpfeln, sondern auch in anderen Obst- und Gemüsesorten wie Heidelbeeren oder Zwiebeln enthalten.

Quelle:

http://www.springermedizin.at/schwerpunkt/ernaehrung/?full=17994

Kommentar & Ergänzung:

Dass Äpfel gesund sind, ist eine alte Volksweisheit. In den letzten Jahren wurden unzählige mehr oder weniger ausgefallene Substanzen als Radikalfänger untersucht und anschliessend als teure Nahrungsergänzungsmittel propagiert. Schön also, dass hier wieder einmal unterstrichen wird, dass auch ganz „gewöhnliche“ Lebensmittel wie Äpfel reich an antioxidativen Polyphenolen sind. Und dass auch viele andere Obst- und Gemüsesorten wie Heidelbeeren oder Zwiebeln solche Polyphenole enthalten. Das ist wieder einmal ein Hinweis darauf, dass eine einigermassen abwechslungsreiche Ernährung uns die nötigen Stoffe zuführt und wir von Ausnahmefällen abgesehen auf teure Nahrungsergänzungsmittel wohl gut verzichten können.

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Cannabis: Wechselwirkungen mit Medikamenten

Samstag, August 14th, 2010

Dass Cannabis nicht nur Droge und Genussmittel ist, sondern in manchen Bereichen auch zu den wirksamen Heilpflanzen gerechnet werden muss, ist inzwischen gut belegt. So lindert Cannabis oder sein Wirkstoff THC Muskelspastik bei Multiple Sklerose oder Nebenwirkungen von Chemotherapie bei Krebserkrankungen (Übelkeit, Appetitlosigkeit).

Auch über Nebenwirkungen und Risiken des Cannabis-Konsums wurde in den letzten Jahren ausgiebig berichtet, unter anderem auch hier im Pflanzenheilkunde-Blog. Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multiple Sklerose

US-Regierung genehmigt Marihuana als Heilmittel

Cannabis & Psychose-Risiko

Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was

Cannabis-Extrakt hilft Multiple-Sklerose-Kranken

Weniger bekannt sind die Wechselwirkungen (Interaktionen), welche Cannabis bzw. THC mit Medikamenten  zeigen kann, obwohl dies natürlich auch sehr relevante Informationen sind. Im Newsletter von pharmavista.net  erscheint vor kurzen dazu eine gute Übersicht.  Hier eine bearbeitete Zusammenfassung:

Als Hauptinhaltsstoff von Cannabis gilt delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser Wirkstoff wird in der Leber über das Cytochrom P450, vor allem über CYP2C9, verstoffwechselt. Nach 5 Tagen sind 80-90% der inhalierten THC-Dosis eliminiert. Bei chronischer Anwendung lassen sich die Metaboliten (Abbauprodukte) noch mehrere Wochen nach dem Konsum nachweisen.

Ähnlich wie Tabak enthält gerauchter Cannabis aromatische Kohlenwasserstoffe, welche als Induktoren von CYP1A2 wirken. Deshalb werden Medikamente, welche hauptsächlich über CYP1A2 verstoffwechselt werden, schneller abgebaut. Bei Cannabisrauchern wurde eine reduzierte Wirksamkeit von Theophyllin, Chlorpromazin und Clozapin festgestellt. Nach einem Rauchstopp von Cannabis kam es vereinzelt zu Symptomen einer Überdosierung.

Beim Konsum von Cannabis kommt es zu einer Tachykardie (Pulsbeschleunigung) und einer peripheren Vasodilatation (Gefässerweiterung). Die kardialen (herzbezogenen) Effekte addieren sich zu denjenigen der trizyklischen Antidepressiva, was das Auftreten von Tachykardien zusätzlich begünstigt. Bei gleichzeitigem Konsum von Cannabis und Sildenafil (Viagra) kam es zu einem Herzinfarkt. Der betroffene Mann hatte zuvor keine kardiovaskulären Beschwerden. Die sedativen (beruhigenden) Effekte von Cannabis werden durch Opioide, Barbiturate und Alkohol verstärkt.

Gemäss einem Fallbericht, kam es bei einem Patienten unter Warfarin nach Cannabis-Konsum zu Blutungen im Verdauungstrakt. Auslöser für diesen Effekt sind eine Hemmung des Metabolismus von Warfarin und eine verminderte Plasmaproteinbindung. Wird Cannabis während einer Warfarin-Therapie angewendet, sollte der INR-Wert regelmässig bestimmt werden. Bei Cannabiskonsumenten ist allenfalls eine Dosisanpassung des oralen Antikoagulans nötig.

Quellen:

_La Revue Prescrire 321/2010/p515

_ E. Williamson, S. Driver; Stockley’s Herbal Medicines Interactions; Pharmaceutical Press 2009; p107

http://www.pharmavista.net

Kommentar & Ergänzung:

Das ist die beste kurze Zusammenfassung, die mir zum Thema „Cannabis und Interaktionen“ bisher unter die Augen gekommen ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Vom Umgang mit Krankheit

Samstag, August 14th, 2010

Der „Tages-Anzeiger“ veröffentlichte am 11. August 2010 ein Interview mit der ehemaligen Regierungsrätin Rita Fuhrer, die nach einer Krebserkrankung auf dem Weg der Genesung ist. In diesem Gespräch gibt es eine Passage, die mir für den Umgang mit Krankheit sehr bedenkenswert scheint. Der Interviewer fragt:

„Gibt es auch Reaktionen, die Sie stören?“ – Darauf Rita Fuhrer: „Anfangs schon. Viele sagten mir: Du schaffst das. Sie bekommen das in den Griff, Frau Fuhrer. Ich hätte wohl früher auch so reagiert. Aber jetzt, wo ich selber krank bin, haben mir solche ‚Aufmunterungen’ das Gefühl gegeben, allein für meine Genesung verantwortlich zu sein. Ich war sehr verunsichert und hoffte auf Hilfe von meinen Bekannten und natürlich von der Medizin. Ich fand es viel wohltuender, wenn mir jemand sagte, Frau Fuhrer, ich denke an Sie.“

Diese Aussage zeigt deutlich den heiklen Punkt solcher gut gemeinter „Aufmunterungen“. Sie kommen oft eher als Distanzierung an. Ich glaube, dass sich die „Aufmunterer“ damit ein Stück weit den Schrecken einer schlimmen Krankheit wie Krebs vom Leibe halten. Die Aussage, „Sie bekommen das in den Griff, Frau Fuhrer“, impliziert ja auch, dass man das in den Griff bekommen kann, also auch der „Aufmunterer“ selber, sollte es ihn oder sie ebenfalls treffen. Das ist eine Illusion, weil Menschen fragile Wesen sind und krankheitsanfällig. Manches gesundheitliche Problem bekommen wir zwar in den Griff, andere aber leider ganz und gar nicht. Das macht Angst. Und es sind Ohnmachtserfahrungen, wenn wir plötzlich wie aus heiterem Himmel von einer schweren Krankheit befallen zu werden. Mit Aussagen wie „Sie bekommen das in den Griff, Frau Fuhrer“, wehrt man solche eigenen Ängste und Ohnmachtsgefühle ab. Damit verbunden ist meines Erachtens auch eine subtile Verabschiedung aus der mitmenschlichen Solidarität mit den Kranken, die auf der Basis einer gemeinsamen Fragilität und Gefährdung aller Menschen steht. Krebs zum Beispiel könnte Jeden und Jede treffen – das macht nicht nur Angst, es verbindet auch.

„Frau Fuhrer, ich denke an Sie“ – diese Aussage schafft dagegen Kontakt und  verbindet die beteiligten Menschen.

Es scheint mir sehr wichtig, dass wir im Umgang mit Krankheit und kranken Menschen auf solche mehr oder weniger subtilen Distanzierungen achten – und wo immer möglich statt dessen kontaktreich reagieren.

Auf mehr oder weniger subtile Distanzierungen treffe ich auch immer wieder im Bereich Komplementärmedizin. Zum Beispiel in Form der Vorstellung, dass alle Krankheiten psychisch bedingt sind, und dass wer gesund werden will, es nur wollen muss. Dem zugrunde liegt die Vorstellung, dass wir das Steuer betreffend Gesundheit und Krankheit in uns selber tragen in Form der richtigen Einstellung, dem richtigen Willen etc.

Auch diese Vorstellung verschliesst die Augen vor der menschlichen Fragilität und lindert Angst und Ohnmacht, die mit dem Ausgeliefert sein an unkontrollierbare Krankheitsprozesse verbunden sind. Diese Verdrängung kostet aber ihren Preis. Zwar werden möglicherweise Angst und Ohnmachtsgefühle vermindert, doch steht dafür oft das Thema Schuld im Raum. Wer krank bleibt, weil er es nicht schafft, richtig zu denken und gesund werden zu wollen, macht etwas falsch. An diesem Punkt kippt diese Vorstellung nicht selten ins Menschenverachtende und in eine nur schwer erträgliche Arroganz gegenüber chronisch kranken Menschen. Aber die illusionäre Vorstellung, man könne jede Krankheit mit der richtigen Einstellung besiegen, ist halt zu verlockend. Wichtig scheint mir jedoch vor allem, dass wir die damit verbundene Distanzierung von chronisch Kranken und die Entsolidarisierung sehen. Dass solche höchst einseitigen Vorstellungen dann manchmal gar noch als „ganzheitlich“ dargestellt werden, ist sehr skurril. Wenn alle Ursachen von Krankheiten ausschliesslich in der Psyche gesehen werden, dann ist dies ausgesprochen reduktionistisch: Die körperliche Basis des Menschen als Quelle von Krankheit? Ausgeblendet! Kommt nicht vor. Hier zeigt sich die altüberlieferte Körperfeindlichkeit in „neu-esoterischem“ Gewand. Aber ja, mit unserer materiell-körperlichen Seite sind wir unzähligen Gefahren ausgesetzt, während man sich vormachen kann, dass Geist und Psyche alle körperlich-materiellen Hindernisse und Einschränkungen überwinden.

Umweltfaktoren als Ursachen von Krankheiten? Feinstaub? Dieselabgase? – Offenbar kein Thema.

Gene als Ursache für gewisse Anfälligkeiten gegenüber Krankheiten? Offenbar kein Thema.

Soziale Bedingungen als Ursache für Krankheiten? Mangelnde Bildung?  Desolate Arbeitsbedingungen? Kein Thema!

Nur deine Psyche, dein Bewusstsein, dein Wille entscheidet über Gesundheit und Krankheit. Mehr Reduktionismus scheint mir kaum möglich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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