Nobelpreisträger Randy Schekman: Kritik am Wissenschaftsbetrieb

Diesen Artikel teilen:

Ich bin kein Wissenschaftsfeind – im Gegenteil. Wer wissenschaftliche Argumente ignoriert, kann sich nur an Werbung und Propaganda orientieren. Dann setzt sich durch, wer mehr Geld hat und damit lauter schreien kann in der Öffentlichkeit. Das ist ungesund und absurd.

Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Kritikpunkten am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb.

Ernstzunehmende Kritik sollte nicht pauschal herumschwadronieren, sondern möglichst genau Fehlentwicklungen und Schwachpunkte benennen.

Holger Dambeck hat auf Spiegel online ein lesenswertes Interview mit dem Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman geführt, der präzis auf fragwürdige Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb hinweist.

Schekman attestiert der Wissenschaft ein Qualitätsproblem und kritisiert im Interview namhafte Wissenschaftsjournals wie „Nature“, „Science“ und „Cell“, die der Wissenschaft seiner Meinung nach schaden:

„Diese Magazine suchen Studien, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Das ist logisch, denn sie wollen Hefte verkaufen. Aber es verzerrt die wissenschaftliche Arbeit. Junge Forscher glauben, sie müssten auf Gebieten arbeiten, auf denen sie eine Sensation kreieren können. Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird…….. Der Druck, in renommierten Magazinen veröffentlichen zu müssen, führt auch dazu, dass Wissenschaftler betrügen. Spektakuläre Ergebnisse erhöhen die Chancen, dass eine Studie zur Veröffentlichung angenommen wird.“

Als Beispiel geht Schekman auf die Andrew-Wakefield-Studie ein, die 1998 in „Lancet“ erschienen war und behauptete, eine Impfung könne Autismus auslösen.:

„Das war extrem schädlich.“

Der Interviewer Dambeck verweist dann auf den Peer Review, die Prüfung von Fachartikeln vor der Veröffentlichung durch Kollegen, der so etwas doch verhindern sollte.

Schekman geht darauf konkreter auf die Andrew-Wakefield-Studie ein:

„Bei der Wakefield-Studie hat die Begutachtung zwar funktioniert, aber nichts bewirkt. Ich habe von einem damaligen „Lancet“-Mitarbeiter erfahren, dass das Paper von allen Gutachtern kritisiert worden war, die am Peer Review beteiligt waren. Auch die Redakteure von „Lancet“ kritisierten Wakefields Arbeit. Aber aus der Chefetage hieß es, das ist eine sensationelle Geschichte, wir sollten sie veröffentlichen. Später stellte sich heraus: Das Ganze war Betrug, Wakefield verlor seine Zulassung. Schauen Sie sich an, welchen Schaden dieses aus Sensationslust veröffentlichte Paper angerichtet hat. Bis heute glauben Leute, Impfungen könnten Autismus auslösen.“

Fehlende Reproduzierbarkeit

Danach gefragt, ob von seiner Kritik einzelne Fachrichtungen besonders betroffen seien, antwortet Schekman:

„Ja, die biomedizinische Forschung. Wir können viele veröffentlichte Studien nicht reproduzieren, also die Ergebnisse in einem neuen Experiment wiederholen.“

Das ist eine alarmierende Aussage. Reproduzierbarkeit ist eine zentrale Forderung an die wissenschaftliche Forschung. Eine durchgeführte Studie muss von anderen Wissenschaftlern mit dem gleichen Resultat wiederholt werden können, wenn sie genau gleich durchgeführt wird. Fehlende Reproduzierbarkeit stellt Forschung fundamental in Frage.

Schekman kritisiert auch den Impact-Faktor, mit dem erfasst, wie häufig Artikel eines Magazins zitiert werden, und mit dem wissenschaftliche Bedeutung messbar gemacht werden soll:

„Der Impact Factor ist eine komplett falsche Messmethode. Aus mehreren Gründen. Zuerst: Die Zahl wird über einen Zeitraum von nur zwei Jahren ermittelt. Zwei Jahre – das ist ein in der Wissenschaft lächerlich kurzer Zeitraum. Deshalb wollen die Magazine besonders schillernde Artikel veröffentlichen. Zweitens: Die Zahl ist ein ganz normaler Mittelwert über alle Zitierungen sämtlicher Artikel eines Fachblatts. Sortiert man die Artikel nach der Anzahl der Zitate, erhält man einige wenige mit besonders vielen und sehr viele mit sehr wenigen Zitaten.“

Wenn Fachmagazine gierig sind nach besonders schillernden Artikeln, dann ist Verzerrung vorprogrammiert. Die reine Reproduktion einer bereits veröffentlichten Studie wird dadurch wegen fehlendem Neuigkeitswert unattraktiv für eine Publikation.

Abschliessend fragt Spiegel online:

„Glauben Sie, dass Wissenschaftler eines Tages aufhören, sensationell klingende Studien zu verfassen und nach Impact Faktoren und renommierten Magazinen zu schielen?“

Antwort Schekman:

„Wir müssen den Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen ändern. Das erzähle ich auch überall, wenn ich Vorträge halte oder befragt werde. Ich versuche, vor allem die Geldgeber zu überzeugen, die über die Forschungsförderung und Stipendien entscheiden. Wenn sie verstehen, dass sie nach anderen Kriterien entscheiden müssen, dann wird sich viel ändern. Da bin ich ganz optimistisch.“

Quelle:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/nobelpreistraeger-randy-schekman-kritisiert-science-und-nature-a-1154483.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein weiterer kritischer Punkt im Wissenschaftsbetrieb ist das Verschweigen negativer Studienresultate bei neuen Medikamenten (publication bias).

Studienresultate werden gern publiziert, wenn sie einen günstigen Einfluss zeigen und ebenso gern verschwiegen, wenn sie der Vermarktung abträglich sind. Das machen im Übrigen nicht nur klassische Pharmakonzerne, sondern genauso die Hersteller von Präparaten der sogenannten Komplementärmedizin (Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff)

Zu Kritikpunkten der Pharmaforschung siehe:

Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Medizinische Forschung: Petition fordert volle Transparenz

Pharmaforschung verheimlichte Interessenkonflikte in Meta-Analysen

Pharmastudien glänzen häufiger mit günstigem Resultat

Unsinnig und unnötig sind pauschale Feindbilder gegenüber der Wissenschaft, wie leider auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin allzu oft gepflegt werden. Aber detaillierte, präzise Kritik an konkreten Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb ist sehr wichtig.

Die im Interview erwähnte Geschichte rund um die Andrew-Wakefield-Studie ist im Übrigen ein absolutes Desaster. Der von Andrew Wakefield im Jahr 1998 im renomierten Fachmagazin The Lancet publizierte Artikel unterstellte fälschlicherweise einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (gegen Mumps, Masern, Röteln) und der Entstehung von Autismus.

Obwohl der Artikel wegen gravierenden Fehlern von The Lancet im Jahr 2010 zurückgezogen wurde und inzwischen mehrfach belegt werden konnte, dass MMR-Impfungen nicht ursächlich für Autismus verantwortlich sind, wird die Behauptung, dass Impfungen Autismus auslösen, von fundamentalistischen Impfgegnern immer noch weiter verbreitet. Siehe Artikel zu Andrew Wakefield auf Psiram.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Nordrhein-Westfalen will Pflegeberufe deutlich aufwerten

Diesen Artikel teilen:

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will einem Bericht zufolge die Rolle von Pflegekräften im Gesundheitswesen stärken. Wo über Pflege entschieden werde, sitze «oftmals keiner von der Pflege mit am Tisch», sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) dem «Kölner Stadt-Anzeiger».

Pflegerichtlinien würden demnach hauptsächlich von Vertretern der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken gemacht. «Das Berufsbild muss als eine eigene Profession im Gesundheitswesen aufgewertet werden, auch damit der Beruf für mehr Abiturienten attraktiv wird», erklärte Laumann der Zeitung. Er kündigte dem Bericht zufolge eine eigene Interessenvertretung der Pflegenden in Nordrhein-Westfalen an.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=71449

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Aufwertung der Pflege ist ein wichtiges politisches Anliegen. In der Schweiz geht die Pflegeinitiative in eine ähnliche Richtung:

Pflegeinitiative

Die Pflegeinitiative ist vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) lanciert worden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Natur-Museum und Historisches Museum Luzern von Schliessung bedroht – Petition unterzeichnen

Diesen Artikel teilen:

Der Kanton Luzern droht aufgrund seiner prekären finanziellen Lage mit der Schliessung des Natur-Museums und des Historischen Museums.

Beide Museen sind wertvolle Institutionen und über den Kanton hinaus bekannt. Ihre Schliessung wäre eine Schande für den Kanton Luzern und ein bildungspolitischer und kultureller Verlust.

Eine Online-Petition fordert Regierung und Parlament des Kantons Luzern auf, für die Zukunft ihrer Museen und kulturellen Einrichtungen zu sorgen.

Sie wird getragen vom folgenden Organisationen:

Freunde Historisches Museum Luzern

Verein Freunde des Natur-Museums Luzern

Archäologischer Verein Luzern

BirdLife Luzern

Historischer Verein Zentralschweiz

IG Kultur Luzern

Naturforschende Gesellschaft Luzern

Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen

Pro Natura Luzern

Schweizer Heimatschutz

UNESCO Biosphäre Entlebuch

Verband Museen Schweiz (VMS)

Verein Museen Luzern

 

Die Petition können Sie hier unterstützen:

http://www.sos-museen.ch

Ich selber bin dem Natur-Museum Luzern sehr verbunden und kenne auch das Historische Museum Luzern.

Ergänzt werden müsste noch, dass Regierung und Parlament des Kantons Luzern sich diese prekäre finanzielle Lage selber eingebrockt haben. Im Jahr 2011 hat der Kantonsrat die schon im Jahr 2010 um 25% gesenkte Gewinnsteuer für Unternehmen nochmals halbiert. Seither fehlen Millionen in der Kasse. Diese Löcher sollen nun gestopft werden durch Kürzungen bei Schulen, Familien, Behinderten und Asylbewerber.

Diese miserable Politik können nur die Wahlberechtigten des Kantons Luzern ändern, in dem sie nur Politikerinnen und Politiker wählen, die diesen unverantwortliichen Crashkurs ablehnen. Informieren Sie sich, wenn Sie im Kanton Luzern wahlberechtigt sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Was ist Populismus? Und was nicht?

Diesen Artikel teilen:

Populismus, Populist, populistisch – das sind Ausdrücke, die heute fast inflationär und ohne klare Bedeutung eingesetzt werden. Das ist unter anderem deshalb problematisch, weil sie dadurch ihre Unterscheidungskraft verlieren. Im folgenden Beitrag stelle ich insbesondere das Populismus-Konzept des Politologen Jan-Werner Müller zusammenfassend vor. Sein Konzept kann zu mehr Klarheit verhelfen darüber, womit wir es beim Populismus zu tun haben.

Martin Koradi


 

„Populismus“ wird oft oberflächlich als Schlagwort verwendet und als politischer Kampfbegriff eingesetzt.

Aber: Nicht jeder, der „Eliten“ kritisiert, gegen Globalisierung und Euro wettert, Emotionen instrumentalisiert und/oder für komplexe Sachverhalte simple Lösungen anbietet, ist ein Populist. Wird der Begriff „Populismus“ zu breit und vage eingesetzt, kommt ihm jede Unterscheidungskraft abhanden, worunter nicht zuletzt die politische Urteilskraft leidet. Deshalb braucht es eine griffige Definition und eine klare Vorstellung davon, womit wir es beim „Populismus“ zu tun haben.

Was charakterisiert Populismus?

– Populismus ist eine Politikvorstellung, bei der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen, die eigentlich gar nicht zum wirklichen Volk gehören.

– Insbesondere für Rechtspopulisten gehört eine angeblich parasitäre Unterschicht ebenfalls nicht zum wahren Volk und wird oft in einer unheiligen Allianz mit den Eliten gesehen.

– Populisten wähnen sich im Besitz eines moralischen Alleinvertretungsanspruchs: Sie behaupten: „Wir sind das Volk!“ oder genauer „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk“, wobei sie damit stets eine moralische Aussage machen, nicht eine empirische über ein reales Volk in der Aussenwelt. Wegen diesem moralischen Alleinvertretungsanspruch sind Populisten nicht nur antielitär, sondern auch antipluralistisch.

– Wer sich den Populisten entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, zählt automatisch nicht zum wahren Volk. Diese antipluralistische Haltung ist zugleich antidemokratisch, weil Demokratie ohne Pluralität nicht zu haben ist.

– Der moralische Alleinvertretungsanspruch der Populisten und ihre Vorstellung eines imperativen Mandats kommen auch zum Ausdruck, wenn sie einen fiktiven „Vertrag mit dem Volk“ schliessen – wie es beispielsweise die SVP, Jörg Haider und Silvio Berlusconi getan haben. Politik ist dann vermeintlich nur noch Vertragserfüllung und es wird dabei ausgeblendet, dass das Vertragsangebot eben nicht vom „Volk“, sondern von einer partikulären Partei ausging. Der „Vertrag mit dem Volk“ ist zudem einseitig geschlossen, weil „das Volk“ gar nicht gefragt wird und schon gar nicht die unterschiedlichen Individuen und Interessengruppen einer Bevölkerung.

– Für Populisten gibt es nur einen einzigen, klar erkennbaren Volkswillen, den der Führer oder die Führungsmannschaft eindeutig identifizieren kann. Unterschiedliche Interessenlagen im Volk werden damit negiert.

– Diese Führerfigur verspricht nichts anderes, als die Macht von der korrupten Elite und den bürokratischen Apparaten wegzunehmen und sie dem „Volk“ zurückzugeben. Die Inszenierung dieser Figur als alleiniger Garant für diese „Machtzurückholung“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Populismus. Paradox an dieser Inszenierung ist, dass die Führerfigur selbst dabei einerseits als so unwichtig erscheinen soll, dass sie als Person ganz hinter ihrem „Auftrag“ verschwindet, dass sie aber andererseits als mächtig und stark genug imaginiert werden muss, um die korrupten Eliten und Institutionen zu bekämpfen. Die populistische Führerfigur stellt sich dar als zwar notwendige, aber in sich bedeutungslose Kontaktstelle, als Durchgangspunkt nur. (1)

– Populismus ist die Forderung nach dieser unmittelbaren, unvermittelten Verbindung zwischen dem Volk und der Macht, geschaffen durch die populistische Führungsfigur. Parlamente, eine unabhängige Justiz, eine unabhängige staatliche Verwaltung und unabhängige Medien stehen dieser unmittelbaren Verbindung im Wege. Ginge dieser populistische Traum vom Unmittelbaren in Erfüllung, wäre damit das Ende der Demokratie als Herrschaft des Volkes eingeläutet. Die Aushandlungs- und Ausgleichsprozesse zwischen den zahlreichen unterschiedlichen Interessen in komplexen Gesellschaften verlangen Regeln und spezialisiertes Personal, die weder dem „Willen“ eines als einheitlich phantasierten „Volkes“ entsprechen können, noch durch eine Regierung ersetzt werden sollen, die diese Einheit autoritär verordnet. Der Populismus scheitert deshalb am Widerstand der Institutionen und an den Komplexitäten der Gesellschaft – oder er wird so autoritär, dass er seinen Legitimationskern, den Bezug auf das We, the people, vollständig verliert und zur Diktatur mutiert. (1)

– Populisten neigen dazu, Militaristen zu sein, weil die Logik ihrer Macht die Logik der Abgrenzung ist. Diese Politik hat nicht nur potenziell gewalttätige Konsequenzen, wenn militärische Formen der Grenzziehung gegenüber anderen Nationen aktiviert werden, sondern auch an den „inneren“ Grenzen einer Gesellschaft, dort, wo definiert werden soll, wer aus ihrem Kreis zum „Volk“ gehört und wer nicht. Dass Populisten innere und äussere Sündenböcke brauchen, trägt zur gewaltträchtigen Aufladung bei. Populisten stecken auf diesem Hintergrund oft deutlich mehr finanzielle Mittel in die Bereiche „Innere Sicherheit“ und „Verteidigung“. (1)

Wie erklären Populisten den Umstand, dass sie nicht an der Macht sind?

Solange Populisten in der Opposition sind, haben sie ein Problem: Sie müssen erklären, weshalb sie nicht an der Macht sind, obwohl sie doch in ihrem Verständnis das „Volk“ repräsentieren. Fehlende Mehrheiten scheinen dem Alleinvertretungsanspruch der Populisten zu widersprechen.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, nutzen Populisten hauptsächlich zwei Strategien:

  1. Die „Schweigende Mehrheit“

Populisten appellieren an ein „Volk“ da draussen, das sich mittels Wahlen oder anderen konventionellen demokratischen Verfahren nicht äussert, aber insgeheim die Ansichten der Populisten teilt.

  1. Moralische Gewinner

Verlieren Populisten eine Wahl, unterscheiden sie zwischen einem empirischen und einem moralischen Wahlergebnis. Diejenigen, die gegen die Populisten gestimmt haben, gehören moralisch gar nicht zum wirklichen „Volk“. Die Populisten sehen sich dadurch als moralische Gewinner.

  1. Defekte und korrupte Prozeduren

Mit einer Demokratie, in der die Populisten mit ihrem Alleinvertretungsanspruch nicht die überragende Mehrheit gewinnen, kann ja wohl nur etwas nicht stimmen. Die Verfahren müssen korrupt sein, die Medien von der herrschenden Elite instrumentalisiert („Lügenpresse“). Eine gute Portion Verschwörungstheorie hilft, das Unerklärliche der populistischen Niederlage zu erklären.

Populisten an der Macht

Man hört oft die Ansicht, Populisten könnten nur auf Opposition machen, aber nicht regieren. Sie würden an der Macht rasch an den Fakten scheitern und sich selber entzaubern. Damit aber machen es sich die Gegner der Populisten zu einfach.

Populisten können sehr wohl an der Macht sein und gleichzeitig Eliten kritisieren – nämlich die alten, die hinter den Kulissen immer noch die Strippen ziehen und die Populisten daran hindern, den wahren Volkswillen zu vollstrecken. Mehrheiten können sich wie verfolgte Minderheiten aufführen und damit von eigenen Misserfolgen ablenken. Und ob sie in der Opposition sind oder an der Macht: Populisten werden die politische Auseinandersetzung immer extrem polarisieren und moralisieren, sowie laufend neue Sündenböcke und Feinde entdecken. An der Macht zelebrieren die Populisten Volksnähe und die Krise als Dauermodus.

Im Einklang mit ihrem Alleinvertretungsanspruch und den damit verbundenen Antipluralismus wenden Populisten an der Macht ganz bestimmte Herrschaftstechniken an. Konkret lassen sich drei Herrschaftstechniken beschreiben, die charakteristisch sind für den Populismus, wenn er an die Macht gelangt:

  1. Die Vereinnahmung des gesamten Staates

Populisten nehmen den gesamten Staatsapparat in Besitz und platzieren ihre Partei- und Gefolgsleute in Positionen, die normalerweise neutrale Beamte innehaben sollten. Populistische Regierungen wie in Ungarn und Polen versuchen möglichst rasch, die Justiz und die Medienaufsicht unter ihre Kontrolle zu bringen, um zu verhindern, dass Richter und Journalisten weiterhin gegen die imaginierten Interessen des „Volkes“ agieren können. Wer diese Massnahmen kritisiert, wird als egoistischer Vertreter der alten, korrupten Eliten gebrandmarkt oder als Verräter an der Nation beschimpft. Populisten rechtfertigen diese Massnahmen damit, dass sie die einzigen legitimen Vertreter des Volkes sind. Warum sollte das „Volk“ seinen Staat nicht in Besitz nehmen und die Ausführung seines autentischen Willens durch das richtige Personal sicherstellen? Wer als neutraler Beamter auf Verfahrensregeln pocht oder als Richter auf der Einhaltung von Verfassungsgrundsätzen besteht, wird rasch als antidemokratisch hingestellt.

  1. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus

Damit erkaufen sich Populisten politische Unterstützung durch bevorzugte Behandlung für gefügige Bürger (lukrative Pöstchen, bevorzugte Behandlung in Behörden). Aus Sicht der herrschenden Populisten lässt sich der Klientelismus damit begründen, dass nur Anhänger zum wahren Volk gehören und Unterstützung verdienen. Enthüllungen über Klientelismus und Korruption schaden den Populisten nicht unbedingt. Aus Sicht ihrer Anhänger haben sie das alles nur für sie, das wahre Volk, getan.

  1. Unterdrückung von Zivilgesellschaft und Medien

Regt sich aus der Zivilgesellschaft heraus Widerstand gegen regierende Populisten, ist es für diese von hoher symbolischer Bedeutung, die Opposition zu diskreditieren. Sonst könnte es ja so aussehen, als repräsentierten die Populisten doch nicht das ganze Volk. Machthaber wie Putin oder Orbàn unterstellen daher kritischen Teilen der Zivilgesellschaft gern, sie seien von ausländischen Agenten ferngesteuert.

Diese drei Herrschaftstechniken sind von etwas gekennzeichnet, was „diskriminierender Legalismus“ genannt werden kann. Gegenüber politischen Gegnern wird das Recht bis in die feinsten Details angewandt und, wann immer möglich, buchstabengetreu ausgelegt; gegenüber den eigenen Anhängern dagegen gilt „normales“ Recht beziehungsweise es wird versucht, Ausnahmeregelungen und Vergünstigungen festzulegen.

Das Beispiel Ungarn zeigt zudem, dass Populisten an der Macht die Verfassung zu ihren Gunsten umschreiben können. Sie schreiben ihre politischen Anliegen direkt in der Verfassung fest und erschweren so ihre Abwahl oder nach ihrer Abwahl eine Richtungsänderung. Die Verfassung verliert dadurch eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Sicherstellung des Pluralismus.

Zum Umgang mit Populismus

Angesichts der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen des Populismus stellt sich die Frage nach dem passenden und wirksamen Umgang mit diesem Phänomen. Die Herausforderung liegt dabei darin, die Auseinandersetzung mit dem potenziell antidemokratischen Populismus in demokratischer Weise zu führen und ohne dass dadurch die Selbststilisierung der Populisten, sie würden durch die bösen Eliten diskriminiert, noch verstärkt wird.

Dazu einige Stichworte:

– Den Populismus nicht psychologisieren oder pathologisieren. Populisten sind nicht an ihren Gefühlslagen zu erkennen – zum Beipiel Abstiegsängsten oder Ressentiments – sondern an ihrem moralischen Alleinvertretungsanspruch. Wer die Anhängerschaft der Populisten von oben herab therapieren will, wird scheitern.

– Populistische Parteien sollten nicht verboten werden, sofern sie nicht eindeutig Volksverhetzung betreiben oder gar zur Gewalt aufrufen.

– Politische Parteien, Medien und die Zivilgesellschaft sollten Populisten nicht moralisch ausgrenzen. Eine „Mit denen reden wir nicht!“-Haltung bestätigt Populisten nur in ihrer Vorstellung, ein Machtkartell der etablierten Elite unterdrücke jede Kritik. Eine Antwort auf die Populisten kann nur in der Auseinandersetzung mit ihnen bestehen. Dabei sollten die etablierten Parteien untereinander um gute und gangbare politische Lösungen der politisch relevanten Probleme ringen. Entscheidend ist aber, in welcher Art diese Auseinandersetzung geführt wird.

– Provokationen sind ein Hauptinstrument der Populisten. Wer mit ihnen diskutieren will muss Provakationen ins Leere laufen lassen können. Zum Beispiel indem man nicht mit der vom Provokateur erwarteten Empörung reagiert, nicht sofort eine Gegenposition formuliert, sondern genau nachfragt und mit sachlichen Fakten kontert.

– Populisten pflegen oft nur eng begrenzte Themenfelder (Flüchtlinge, Islam, Europa…). Wer mit ihnen auf diesem Terrain diskutieren will, soll bestehende Probleme offen ansprechen, ohne den Blickwinkel, die Interpretation, den „Frame“ und die Lösungsvorstellungen der Populisten voll zu übernehmen.

– In Interviews und auf Podien Populisten konsequent auch auf Themen ansprechen, die nicht zu ihren Heimspielen gehören (z. B. Krankenversicherung, Rente, Wirtschaftslage….). Dabei zeigt sich oft überaus deutlich, wie schwach die Lösungsansätze der Populisten in diesen Bereichen sind.

– In der Auseinandersetzung mit Populisten immer wieder darauf hinweisen, wie vielfältig die Vorstellungen und Interessen in der Bevölkerung gelagert sind und wie illusionär die Idee eines einheitlichen „Volkswillens“ ist. Gegner der Populisten können mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sie auch Staatsbürger sind, und nicht in die krude Vorstellung eines einheitlichen „Volkes“ passen.

– Unterscheiden zwischen Diffamierung und Kritik. Populisten arbeiten sehr oft mit pauschalen Diffamierungen: Die Lügenpresse, die korrupten Eliten, die Politiker, die Altparteien…..Wer Populismus bekämpfen will soll selber keine pauschalen Diffamierungen verwenden und keine pauschalen Diffamierungen unwidersprochen stehen lassen. Im Unterschied zu pauschalen Diffamierungen ist Kritik erwünscht. Kritik differenziert (wer, was, wo, wann, wie?) und stellt bestimmte Sachverhalte oder Handlungen in Frage. Diffamierungen zielen dagegen oft auf die Person und bestehen aus moralischen Angriffen (z. B. „Landesverräter“).

– Andere politische Parteien sollten Populisten nicht zu imitieren suchen. Die Anhänger von Populisten wählen das Original, nicht die Kopie. Die Übernahme populistischer Forderungen durch die etablierten Parteien verhilft populistischen Parteien daher zum Durchbruch. Die etablierten Parteien profitieren dagegen längerfristig nicht von dieser Anbiederung, da die einfachen Lösungen der Populisten nicht zum Erfolg führen.

– Die Würde des Arguments verteidigen, Fakten ernstnehmen. Expertenwissen nicht diffamieren, sondern wertschätzen, ohne dabei unkritisch zu werden.

– Genau hinschauen, wo Populisten reale Probleme ansprechen. Dort nicht-populistische Lösungen anbieten, welche die oft simplen populistischen Lösungen alt aussehen lassen.

Quellen:

Jan-Werner Müller, Was ist Populismus, edition suhrkamp 2016 (Hauptquelle)

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University.

(1) Quelle für diese Abschnitte:

Philipp Sarasin, Die autoritäre Logik des #Populismus,

URL im Internet:

https://geschichtedergegenwart.ch/die-autoritaere-logik-des-populismus/

Martin Koradi, April 2017

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie!

Diesen Artikel teilen:

Verdacht auf Wucherpreise bei Krebsmedikamenten: EU-Kommission ermittelt

Diesen Artikel teilen:

Wegen des Verdachts überhöhter Preise für fünf lebenswichtige Krebsmedikamente hat die EU-Kommission eine offizielle Untersuchung gegen den südafrikanischen Hersteller Aspen Pharma eröffnet. Man habe Hinweise auf plötzliche Preissteigerungen von zum Teil mehreren 100 Prozent, teilte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager mit. Um die Aufschläge durchzusetzen, soll Aspen in einigen EU-Ländern gedroht haben, die Medikamente vom Markt zu nehmen. In bestimmten Fällen habe die Aspen Pharma dies sogar getan.

Es geht um die Wirkstoffe Chlorambucil, Melphalan, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die zur Therapie bestimmter Krebsarten wie Blutkrebs zur Anwendung kommen.

Verschwänden diese Arzneimittel tatsächlich zeitweise vom Markt, hätten Mediziner weniger Therapieoptionen für die häufig tödlichen Krankheiten.

Die Firma Aspen hat ihren Sitz in Südafrika, verfügt jedoch über Tochterfirmen in mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland. Die EU-Kommission hat den Verdacht, dass eine marktbeherrschende Stellung missbraucht worden sein könnte und prüft den Fall auf der Grundlage des EU-Kartellrechts.

Es handelt sich hier um das erste derartige EU-Verfahren wegen möglicherweise zu hoher Preise in der Pharmaindustrie. Preisvorschriften und Erstattungsvorgaben für die Krankenversicherung unterstehen normalerweise den Regelungen der Mitgliedstaaten. Italien hatte schon im September 2016 kartellrechtliche Sanktionen in dieser Angelegenheit verhängt.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=69335

Kommentar & Ergänzung:

Es gibt Praktiken in der Pharmaindustrie, die ausgesprochen kritikwürdig sind.

Kritik ist wichtig. Sie muss aber konkret sein. Sie benennt Handlungen, Vorgänge, beteiligte Personen und Gründe, weshalb etwas nach Ansicht des Kritikers falsch läuft. Eine Untersuchung, wie sie die EU-Kommission nun aufgleist, kann genau das leisten, wenn sie gut gemacht wird.

Etwas völlig anderes als Kritik sind die Verschwörungstheorien, die zum Thema Pharmaindustrie herumgeistern. Sie sind pauschal, nennen kaum je konkrete Fakten. Die Pharmaindustrie ist in diesen Hirngespinsten einfach das Böse an sich.

Das ist bequem. Es braucht dazu kein Nachdenken, keine Recherche, keine Argumentation, keine Differenzierung. Wie alle Verschwörungstheorien bietet auch die pauschale „Pharma-Mafia-Phantasie“ scheinbare Gewissheit darüber, wo das Böse hockt und damit auch, dass man selber auf der guten Seite steht.

Kritik ist Voraussetzung für die Verbesserung von Zuständen. Verschwörungstheorien dienen dagegen nur der eigenen Stabilisierung und der Lagerbildung.

Ein Anzeichen für Lagerbildung ist zum Beispiel, wenn Kritik nur am Gegenlager geäussert wird, während den eigenen Lager gegenüber völlige Kritiklosigkeit herrscht.

Im „Biotop“ Alternativmedizin ist mehr oder weniger fundierte Kritik an „Pharmaindustrie“ und „Schulmedizin“ beispielsweise fast flächendeckend verbreitet, Kritik an fragwürdigen Praktiken im eigenen Lager aber äusserst selten.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

 

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde

 

Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Fundierte, differenzierte Kritik formulieren zu können ist eine Fähigkeit, die gelernt und geübt werden muss.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Medikamentenverkauf: Migros versus Apotheken & Drogerien

Diesen Artikel teilen:

Ab 2019 werden in der Schweiz gewisse Medikamente auch im Detailhandel erhältlich sein. Dabei geht es auch um Heilpflanzen-Präparate.

Gegenwärtig prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche Arzneimittel in Zukunft von dieser Liberalisierung betroffen sind. Damit setzt Swissmedic die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Grossverteiler wie Migros und COOP begrüssen diese Entwicklung selbstverständlich und möchten möglichst viele Präparate verkaufen dürfen.

Die Branchenvertreter der Apotheken und Drogerien sind ebenso selbstverständlich dagegen und warnen vor Gefahren.

Beide Seiten operieren mit fragwürdigen Argumenten.

Bisher sind in der Schweiz die meisten Medikamente nur in Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Migros strebt aber deutsche Verhältnisse an. In Deutschland werden viel mehr Arzneimittel im Detailhandel verkauft.

Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, macht auf die Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere, etwa wenn in Deutschland Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Bangeter. Er weist darauf hin, dass Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen könne und dass dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Diese Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar. Johanniskraut-Extrakte mit ihren möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten taugen nicht für den Verkauf im Supermarkt.

Aber was sagt dazu die Migros?

Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik, kontert: «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.»

Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei, betont Maurer.

Damit hat er höchstwahrscheinlich Recht. Mit den niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten, wie sie die Supermärkte in Deutschland verkaufen, sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kaum zu erwarten.

Was Maurer nicht sagt: Von diesen niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten sind auch keine Wirkungen zu erwarten.

Effekte in diesem tiefen Dosisbereich sind weder plausibel noch durch Studien belegt (im Gegensatz zu den hochdosierten Extrakten).

Das scheint für die Migros aber kein Kriterium zu sein. Hauptsache, sie kann mehr Medikamente verkaufen…….

Ins Regal stellen will die Migros künftig auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Das Präparat wird sich bestimmt gut verkaufen, aber auch hier fällt ein wesentlicher Punkt unter den Tisch: Studien mit positiven Ergebnissen gibt es nur für Weidenrindenextrakt-Präparate, die wesentlich konzentrierter sind und dadurch einen deutlich höheren Gehalt an schmerzstillendem Salicin haben. Wirksamkeit scheint auch hier für die Migros kein Kriterium.

Die Vertreter der Apotheken und Drogerien argumentieren aber auch nicht überzeugend.

Der Apothekerverband Pharmasuisse weist darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte, speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen.

Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt:

«Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät.»

Dort müssten sich die Patienten auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie dagegen könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Das ist zumindestens schönfärberisch. Apotheken und Drogerien verkaufen selber aktiv und passiv (auf Verlangen) sehr viele „Pseudomedikamente“, ohne dass ihnen das grossen Kummer bereitet, solange es zum Umsatz beiträgt.

Für Bachblüten, Schüssler-Salze, Homöopathika und Spagyrika gibt es keine überzeugenden Belege. Unrealistische Wirkungsversprechungen dazu präsentieren die Schaufenstern von Apotheken und Drogerien aber noch und noch, ganz abgesehen von den Beratungen in den Geschäften.

Bei den Phytopharmaka ist nur eine Minderheit fundiert durch Studien belegt und viele Heilpflanzen-Präparate fallen durch unsinnige Zusammensetzung oder ungenügende Dosierung auf. Und auch eine ganze Reihe von synthetischen Medikamenten hat ihre Zulassung vor einigen Jahrzehnten bekommen auf der Grundlage von Studien, die heutigen Qualitätskriterien bei weitem nicht genügen.

Dass Mitarbeitende in Apotheken und Drogerien die Kundschaft hier kritisch beraten ist meiner Erfachrung nach eher die Ausnahme als die Regel. Wer mit fundiertem Heilpflanzen-Wissen in Apotheken und Drogerien fachliche Fragen stellt, bekommt oft falsche oder nichtssagende Antworten. Und Testkäufe von Konsumentenorganisationen zeigen immer wieder lückenhafte und falsche Beratungen.

Hier ein Beispiel für skrupellose Kundentäuschung aus der Apotheke:

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Apotheken und Drogerien sollten also den Mund nicht zu voll nehmen, was ihre überragende Beratungskompetenz gegenüber den Grossverteilern angeht.

Die Migros ist jedoch genauso wenig überzeugend. Sie begründet ihren Druck zugunsten einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs natürlich nicht mit dem zusätzlichen Markt und dem Umsatz, den sie damit machen kann. Sie präsentiert sich als Preisbrecherin zugunsten der Konsumenten.

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Einen Grund für die hohen Preise in der Schweiz sieht er im fehlenden Preiswettbewerb. Schläpfer ist überzeugt, dass die Konkurrenz durch die Detailhändler die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen werde.

Das kann sein. Die Preise werden sinken, aber die Wirksamkeit der Präparate auch. Wandert ein grosser Teil des Umsatzes mit Heilpflanzen-Präparaten zu den Grossverteilern, werden die Hersteller weniger Geld in die Entwicklung hochwertiger Extrakte und in die klinische Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit investieren.

Um beim Beispiel Johanniskraut zu bleiben: Hersteller, die ihr niedrig dosiertes Johanniskraut-Präparat im Supermarkt verkaufen, brauchen keine Forschung, weil kein Wirksamkeitsnachweis gefordert wird. Darum wird es in diesem Bereich auch keine Forschung geben.

Hersteller, die ihr hochkonzentriertes, aber teureres Johanniskraut-Präparat als Arzneimittel in Apotheken und Drogerien verkaufen, werden weniger Umsatz machen und daher weniger in Forschung investieren können. Das schadet der Phytotherapie.

Ich selber bin bereit, einen höheren Preis für ein Heilpflanzen-Präparat zu bezahlen, wenn ich weiss, dass der Hersteller in Forschung und Entwicklung investiert hat. Trittbrettfahrer, die ein billiges, aber wirkungsloses Präparat in den Supermarkt werfen und vom Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingaufwand anderer Hersteller profitieren, gehen bei mir leer aus.

Quelle der Zitate und Stellungnahmen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/streit-um-medikamente-im-supermarkt/story/25388132

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Bern: Cannabis bald legal aus der Apotheke

Diesen Artikel teilen:

Bis zu 500 Kiffer in Bern sollen Cannabis bald ganz legal in der Apotheke erwerben können. Der Start des zunächst auf drei Jahre begrenzten Modellversuchs steht laut einem Bericht der SonntagsZeitung nun kurz bevor. Bewährt sich die kontrollierte Abgabe, könnte der Weg für eine Legalisierung von Verkauf und Konsum in der Schweiz frei werden.

Die Vorbereitungen für diese Studie laufen schon seit über einem Jahr. Verantwortlich dafür sind Wissenschaftler des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) und des klinischen Studienzentrums (CTU) der Universität Bern. Im März erteilte die Ethikkommission des Kantons grünes Licht und mit der Zustimmung des Bundesamts für Gesundheit wird bald gerechnet.

An der Studie können nur Kiffer ab 18 Jahren teilnehmen, die keine psychoaktiven Medikamente einnehmen und nicht in psychiatrischer Therapie sind. Sie müssen mit einer Haarprobe belegen, dass sie regelmäßig Cannabis konsumieren, einen Fragebogen ausfüllen und eine Schulung besuchen.

Der Modellversuch wird von Medizinern begleitet, die bei problematischem Konsum die Notbremse ziehen sollen.

Nach der Zulassung sollen die Studienteilnehmer in ausgewählten Berner Apotheken Cannabis mit einem THC-Gehalt von voraussichtlich 12 Prozent beziehen können. Pro Besuch sind 8 Gramm geststtet, maximal darf ein Konsument 24 Gramm im Monat erwerben.

Die Preise sollen laufend angepasst werden, damit der Stoff nicht zu höheren Preisen auf dem Schwarzmarkt landet. Der Konsum des Cannabis ist nur in privaten vier Wänden gestattet.

Die für den Modellversuch benötigten 600 Kilogramm Cannabis sollen in Bauernbetrieben oder Gärtnereien des Kantons Bern produziert werden.

Mit dem Experiment wollen die Forscher herausfinden, ob Konsumenten nach einer möglichen Freigabe mehr oder weniger Cannabis konsumieren, ob sie häufiger straffällig werden, weil sie den Verkehr gefährden oder wie sich ihre Einstellung zu Drogen verändert. Die Wissenschaftler gehen von keinen nennenswerten Folgen für Konsumenten und Gesellschaft aus. Stimmt diese Annahme, lässt sich nach Ansicht der Forscher die Kriminalisierung von Cannabisverkauf, Cannabisbesitz und Cannabiskonsum kaum mehr rechtfertigen.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/internationales/nachricht-detail-internationales/bern-cannabis-legal-apotheker-schweiz/

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessantes Experiment. Allerdings wäre es stossend, wenn Kiffern der legale Bezug von Cannabis ermöglicht würde, während er Patienten, die Cannabis zu medizinischen Zwecken brauchen, verwehrt bleibt.

Cannabis kann in manchen Situationen die Lebensqualität von Patienten entscheidend verbessern, zum Beispiel bei Spastik und Schmerzen, aber auch bei Übelkeit und Appetitlosigkeit als Begleiterscheinung einer Krebstherapie.

Siehe dazu auch:

Cannabis-Medikamente bereichern Schmerztherapie und Palliativmedizin / Palliative Care

Welche Bedeutung hat Cannabis für die Medizin?

Cannabis-Wirkstoffe: Neben THC zunehmend auch Cannabidiol (CBD) im Fokus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Was ist Populismus? Und was nicht? – Abendveranstaltung am 19. April 2017 in Winterthur

Diesen Artikel teilen:

Im „Forum Zeitgeschehen“ im „Anhaltspunkt“ am Eulachpark in Winterthur befassen wir uns am Mittwoch 19. April 19.30 Uhr mit dem Thema:

Was ist Populismus?  Und was nicht?

Wo wird Populismus gefährlich für die Demokratie? Was hilft dagegen?

Populismus wird oft oberflächlich als Schlagwort verwendet und als politischer Kampfbegriff eingesetzt. Erfasst man jedoch das dahinter steckende Konzept, werden gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen verständlicher, die demokratiegefährdenden Aspekte des Populismus werden erkennbar und die nötigen Gegenmittel auch. Ich werde das gut nachvollziehbare und erhellende Populismus-Konzept des Politologen Jan-Werner Müller vorstellen und wir können zusammen darüber nachdenken, wie sich dieser Populismuswelle etwas entgegensetzen lässt.

Info: http://phytotherapie-seminare.ch/produkt/forum-zeitgeschehen-populismus/

Das „Forum Zeitgeschehen“ ist eine Reaktion auf die besorgniserregende gesellschaftspolitische Entwicklung und soll Raum bieten für Reflexion und Aktion, die dadurch zunehmend nötig werden.

Vorankündigung:

Montag 8. Mai:

Thema Hasspropaganda

Mittwoch 17. Mai:

Zweiter Termin zum Thema „Trump – was nun?“. Wir stellen die Kampagne vor, die wir inzwischen in Kooperation mit Campax gestartet haben.

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

„Trump – und nun? Was über Empörung hinaus möglich ist….“ – Startveranstaltung am 31. März in Winterthur

Diesen Artikel teilen:

Donald Trump als mächtigster Mann der Welt im Weissen Haus – ein Rassist, Sexist, Lügenbold, Egomane, Antidemokrat, Folterfan, Behinderten-Nachäffer, Demagoge und Klimaerwärmung-Leugner. Das löst bei vielen Menschen gesunde Irritation, Abscheu, Wut und Angst aus. Und jetzt? Empörung alleine reicht nicht.

Im Rahmen der Reihe „Forum Zeitgeschehen“ im „Anhaltspunkt“ am Eulachpark in Winterthur führen wir am 31. März 2017 eine Startveranstaltung durch zum Thema

„Trump – und nun? Was über Empörung hinaus möglich ist…“.

Wir wollen dabei Ideen und Strategien entwickeln, um dieser besorgniserregenden Entwicklung online und offline etwas entgegen zu setzen. Weil die gegenwärtige gesellschaftliche Lage uns Weltbürgerinnen und Weltbürger etwas angeht und wachsame Aufmerksamkeit erfordert.

Online denken wir zum Beispiel an Aktionen via Twitter, Facebook, Tumblr. Aber auch die Produktion von YouTube-Videos wäre interessant., wenn sich dafür eine Gruppe Interessierter findet.

Die Online-Aktionen sollen so gestaltet werden, dass man sich schon mit sehr rudimentären Englischkenntnissen beteiligen kann, doch ist es natürlich sehr nützlich, wenn auch viele Leute mit guten Englischkenntnissen mitmachen.

Offline denken wir zum Beispiel an Flashmobs oder andere Strassenaktionen, aber auch an Recherchen, Networking und Einflussnahme auf US-Firmen in der Schweiz. Das geht auch ohne Englischkenntnisse.

Unterschiedliche Ressourcen sollen eingebracht werden können und Ideen sind gefragt.

Wir werden unterstützt durch eine Dozentin der Yale-Universität, die zurzeit amerikanische Politik an der Uni Zürich unterrichtet, und durch die Kampagnen-Organisation Campax.

Weitere Infos zur Veranstaltung:

http://anhaltspunkt-neuhegi.ch/neuhegi/forum-zeitgeschehen/556

Martin Koradi

Diesen Artikel teilen: