[Buchtipp] „Putins verdeckter Krieg “, von Boris Reitschuster

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Putin-verdeckter-kriegVerlagsbeschreibung:

 Wie Moskau den Westen destabilisiert

Wladimir Putin will Russland wieder zu einem Weltreich machen und arbeitet an einer neuen „Internationalen“ der Anti-Demokraten. Boris Reitschuster beschreibt in seinem neuen Buch, wie zerstörerisch Putins Absichten sind und wie groß sein Einfluss im Westen ist. Moskau hat europaweit engste Kontakte in rechts- und linksextreme Szenen geknüpft. Es gibt heute kaum noch ein Land, in dem Putin seinen Einfluss nicht geltend macht. Dabei bedient er sich manipulativer Methoden. Mit Parteispenden, Propaganda und Geheimdiensteinsätzen werden Entscheidungsträger unter Druck gesetzt und erpresst.
In seinem Buch zeichnet Boris Reitschuster ein beunruhigendes, neues Bild: Europa wird von Putin unterwandert. Eine alarmierende Bestandsaufnahme, die zeigt, wie gefährlich Putin mit seinen KGB-Methoden für unsere Demokratie ist.
„Besser als Boris Reitschuster hat noch keiner das russische Machtsystem beschrieben.“ Hamburger Abendblatt Zum Shop

Zum Autor Boris Reitschuster

Boris Reitschuster verfiel schon als Jugendlicher Russland. Er arbeitete vor Ort als Dolmetscher, Übersetzer und Redakteur bei verschiedenen deutschen Zeitungen, dpa und AFP. Ab 1999 leitete er das Moskauer Focus-Büro und setzte seine Arbeit ab 2011 von Deutschland aus fort.  2008 wurde er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet.

Kommentar von Martin Koradi

Boris Reitschuster ist ein ausgewiesener Kenner Russlands und ein mutiger Mann. Wer über den hybriden Krieg Russlands und über die Kremlpropaganda schreibt, wird im Internet von Kreml-Trollen sofort diffamiert. In alter KGB-Manier.

Boris Reitschuster zeigt sehr deutlich, welche Gefahr den demokratischen Gesellschaften durch die verdeckte Einflussnahme russischer Propagandamedien droht, die fortlaufend durch Falschmeldungen und einseitige Zuspitzungen Konflikte anheizen, die Polarisierung verschärfen und Extremisten im linken und (vor allem) rechten Lager unterstützen. (Beispiel hier).

Wir haben unsere stabilen, demokratischen Gesellschaftsordnungen allzu lange für selbstverständlich genommen. Es ist Zeit, aus dieser bequemen Illusion zu erwachen und die liberalen Demokratien zu verteidigen. Das Buch von Boris Reitschuster leistet dazu einen Beitrag.

Die Website von Boris Reischuster können Sie hier besuchen:

https://www.reitschuster.de

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Zivilisierte Verachtung“, von Carlo Strenger

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Zivilisierte_VerachtungVerlagsbeschreibung

Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

Moderne Gesellschaften stehen seit je vor der Herausforderung, das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen, Ethnien usw. zu ermöglichen. Leitbilder wie das der multikulturellen Gesellschaft gerieten dabei jüngst in die Kritik. Zu Recht, so Carlo Strenger, habe der Westen mit der Idee der Political Correctness doch ein „Eigentor“ geschossen, da er nun selbst zum Ziel von Intoleranz werde.
Anhand konkreter Beispiele erläutert Strenger sein Gegenmodell der „Zivilisierten Verachtung“, einer Haltung, aus der heraus Menschen Positionen, die sie für irrational oder unmoralisch halten, verachten, ohne jenen, die sie vertreten, ihre Menschlichkeit abzusprechen. Zum Shop

Zum Autor Carlo Strenger

Carlo Strenger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv. Er schreibt regelmäßig für den britischen „Guardian“ und Israels führende liberale Zeitung „Haaretz“.

Kommentar von Martin Koradi

Der Titel dieses Buches wirkt wohl auf viele Menschen eher irritierend. „Verachtung“ ist ein hartes Wort und „zivilisiert“ passt irgendwie ganz und gar nicht dazu.

Worum es Carlo Sprenger geht, wird deutlicher durch dieses Zitat aus dem Vorwort des Buches:

„Meine Motivation war, der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken. Dieser oft gedankenlose Respekt hat meiner Meinung nach vielen liberal eingestellten Menschen den Mut genommen, offensiv für die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten. Die Gefahr, die ich sah und heute erst recht sehe, besteht darin, dass rechtsnationale Parteien und Gruppierungen die vakante Rolle der Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber die zu verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben.“

Das Buch von Carlo Sprenger ist eine Aufforderung, sich ernsthaft mit Islamismus und Populismus auseinanderzusetzen und dabei die Werte der Aufklärung zu verteidigen. Damit ist es sehr aktuell.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

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[Buchtipp] „Worum es im Kern geht “, von Katja Gentinetta

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Worum-im-KernVerlagsbeschreibung

Ein politikphilosophischer Blick auf die Krisen der Gegenwart

Nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs und schon gar nicht seit dem Fall der Berliner Mauer war die Demokratie derart infrage gestellt wie heute. Autoritäre Herrscher und ihre Machtapparate haben eine Strahlkraft entwickelt, die weit über den verführerischen Charme des Experiments hinausreicht. Sie faszinieren Bürgerinnen und Bürger ebenso wie politische Eliten. Es könnte der Eindruck entstehen, die Epoche liberaler Staaten, die Frieden, Wachstum und Wohlstand gebracht haben, neige sich ihrem Ende zu. Die Demokratie westlichen Zuschnitts mit Rechtsstaat, liberaler Wirtschaftsordnung und sozialstaatlichen Institutionen steht vor ihrer ersten wirklichen Bewährungsprobe. Ein Rückgriff auf die Grundkonzepte der politischen Philosophie ist notwendiger denn je. Zum Shop

Zur Autorin Katja Gentinetta

Katja Gentinetta (* 1968), Dr. phil., Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Zürich und Paris. Nach leitenden Positionen in Kultur und Verwaltung Stv. Direktorin des Think Tanks Avenir Suisse. Seit 2011 selbstständige Politikphilosophin, Mitinhaberin von GENTINETTA* SCHOLTEN für gesellschaftspolitische Beratung, Lehrbeauftragte an den Universitäten St. Gallen, Zürich und Luzern sowie Verwaltungs- und Stiftungsrätin. Sie ist Kolumnistin bei der AZ Nordwestschweiz und moderiert zusammen mit Chefredaktor Eric Gujer die Sendung NZZ Standpunkte.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch enthält 37 Beiträge der Politphilosophin Katja Gentinetta, die zwischen 2011 und 2017 grösstenteils in der Aargauer Zeitung, in der NZZ, in Die ZEIT und in der Handelszeitung erschienen sind.

Die Texte nehmen meist aktuelles Geschehen auf und verknüpfen es geschickt mit philosophischen Erkenntnissen und Ideen. Sie bleiben dadurch nah am politischen Alltag und heben nicht in abstrakte philosophische Gefilde ab. Wer über Demokratie, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik reflektieren möchte, bekommt hier gute Impulse.

Die Autorin umschreibt in der Einleitung den Inhalt so:

„Der erste Teil enthält jene Beiträge, in denen es um die Politik in der Schweiz geht, der zweite solche, in der das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union sowie deren politische Verfassung im Zentrum stehen. Ausgehend von der Finanzkrise erörtern die Artikel des folgenden Kapitels wirtschaftspolitische Fragen, gefolgt von Auseinandersetzungen mit der gesellschaftlichen Sicht auf die Wirtschaft. Den Schluss machen jüngere Beiträge, die sich mit den Ereignissen und Debatten der letzten Jahre – Migration, Terrorismus, Krieg, Digitalisierung – auseinandersetzen. Sie stellen Francis Fukuyamas Prognose des Endes der Geschichte mit dem Erreichen der liberalen Demokratie zumindestens vorläufig infrage.“

Wir hatten in Europa einige Jahrzehnte das Privileg stabiler Verhältnisse. Die politischen Prozesse verliefen in einigermassen geordneten Bahnen, auch wenn ein grosser Teil der Menschen sich nicht besonders damit befassten, sondern hauptsächlich ihren privaten  und geschäftlichen Interessen nachgingen. Das ändert sich jetzt möglicherweise, weil besorgniserregende gesellschaftspolitische Entwicklungen vermehrte Aufmerksamkeit benötigen. Doch wie kommt man wieder in Kontakt mit diesem politischen Terrain nach längerer Abwesenheit?

Die 37 Beiträge in diesem Buch aus der Reihe NZZ Libro könnten hier einen passenden Einstieg bieten, weil sie in gut verdaubaren Portionen ein breites Themenfeld erkunden.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Islamistische Drehscheibe Schweiz“, von Saïda Keller-Messahli

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Islamistische-DrehscheibeVerlagsbeschreibung

Ein Blick hinter die Kulissen der Moscheen

Die Angst vor Terroranschlägen greift um sich und beginnt das Leben vieler Menschen zu dominieren. Dennoch versäumt es die Politik, den Organisationen und Financiers, die den Nährboden zur Radikalisierung junger Muslime bereiten, das Handwerk zu legen. Saïda Keller-Messahli befasst sich seit Jahren mit den Islamverbänden und deren Moscheen in der Schweiz und in Europa und hat beunruhigende Entwicklungen aufgedeckt. Salafistische Wanderprediger und radikale Imame versuchen in Moscheen, mittels Lies!-Ständen und sogenannter Seelsorge in Gefängnissen, Flüchtlingsunterkünften und an Schulen Einfluss zu nehmen. Sie verbreiten eine erzkonservative Auslegung des Islams, die jede Erneuerung verhindert. Drahtzieher sind die reichen Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien und die dort gegründete Islamische Weltliga. Die Politik ist angesichts dieser globalen Netzwerke ratlos, die Behörden naiv – doch nur eine konsequente Politik der Nulltoleranz kann dem Treiben der Islamisten Einhalt gebieten. Zum Shop

 

Zur Autorin Saïda Keller-Messahli

Saïda Terror (lic. phil.), wurde 1957 in eine muslimische Grossfamilie in Tunesien geboren. Sie ist Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam.

Kommentar von Martin Koradi

Islamismus ist ein heisses Thema. Einerseits ist Hass gegen Muslime und Hass gegen den Islam als Religion ohne wenn und aber abzulehnen. Andererseits muss aber Islamkritik erlaubt sein, weil Religionskritik auch zur Religionsfreiheit gehört. Sich in diesem Terrain differenziert zu bewegen ist nicht selten eine grosse Herausforderung.

Noch schwieriger ist die Frage, wie weit Toleranz gegenüber dem radikalen Islamismus gehen soll, werden hier doch immer wieder grundlegende Werte unserer Verfassung negiert.  Hier ist eine „Politik der Nulltoleranz“, wie sie Saïda Keller-Messahli fordert, an manchen Punkten wohl angebracht, zum Beispiel wenn Prediger in Moscheen zu Hass und Gewalt gegen „Ungläubige“ aufrufen.

Der scharfe Blick, den Saïda Keller-Messahli auf die Islamisten-Szene in der Schweiz wirft, ist daher nötig.

Ausserdem:

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Widerstand der Vernunft“, von Susan Neiman

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Widerstand-VernunftVerlagsprogramm

Ein Manifest in postfaktischen Zeiten

Susan Neiman zeigt in ihrem intellektuellen Aufruf, dass es neue politische Ideen braucht, um Populismus und konservativen Nationalismus aufzuhalten.
Wenn heute den Fakten, der Vernunft und dem politischen Mitdenken nicht der Raum gegeben wird, den es braucht, werden die Lügen der „postfaktischen“ Populisten Konsequenzen haben.
Susan Neiman ruft dazu auf, für Wahrheit und Moral öffentlich einzutreten, Alternativen zu denken und zu leben und den bedenklichen politischen Entwicklungen in den USA und Europa so die Stirn zu bieten. Zum Shop

Zur Autorin Susan Neiman

Susan Neiman ist Philosophin und die Direktorin des Einstein-Forums in Berlin-Potsdam. 1955 in Atlanta, USA, geboren, wuchs sie in einer jüdischen Familie auf, verließ mit 14 die Schule, lebte in Kommunen, engagierte sich in der Anti-Vietnam-Bewegung und studierte Philosophie in Harvard. Sie war Professorin an der Yale University (1989-1996) und der Universität von Tel Aviv (1996-2000) mit den Schwerpunkten: Moralphilosophie und politische Philosophie.

Kommentar von Martin Koradi

Susan Neuman legt mit diesem kleinen, gut lesbaren Buch ein engagiertes Manifest vor, in dem mich eine ganze Reihe von Passagen angesprochen haben. Zum Beispiel befasst sich die Autorin mit dem Unterschied zwischen berechtigtem Misstrauen und allgemeinem, destruktiv werdendem Misstrauen.

Zitat:

„Berechtigtes Misstrauen zu missbrauchen, um allgemeines Misstrauen so weit zu verbreiten, dass keinen seriösen Untersuchungen mehr geglaubt wird – dies ist eine Taktik, die jede Form der Gemeinschaft unterhöhlt. Denn jede Gemeinschaft setzt eine gemeinsame Wirklichkeit voraus, deren Existenz von Trumps Sprechern aber geleugnet wird. Inzwischen meinen mehrere Kritiker, die Strategie sei bewusst gewählt worden: Die permanente Verbreitung von offensichtlichen Lügen diene dazu, Gegner zu verwirren. Psychologen nennen diese Strategie Gaslighting. Sie zielt darauf ab, ihr Objekt in den Wahnsinn zu treiben.“

Susan Neiman argumentiert für den Wert und die Bedeutung von Wahrheit und Fakten, die heute beide davon bedroht sind, von Propaganda hinweggefegt zu werden.

Ausserdem:

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen

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[Buchtipp] „Bullshit“, von Harry G. Frankfurt

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BullshitVerlagsbeschreibung:

Mit „Bullshit“ legte der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt den Klassiker der „Empört Euch!“-Bücher vor. Im Sturmlauf eroberte er die Herzen aller, die vom Nonsense-Gerede in U-Bahn und Büro und auf allen Kanälen schon lange genug hatten. Binnen Wochen verkaufte sich sein zorniges Manifest in den Vereinigten Staaten eine halbe Million Mal, ein globaler Feldzug gegen „Bullshitting“ war die Folge.
Doch Bullshit siegte. Bis heute haben wir dümmliche „Bild“-Kolumnen und hohles Gequassel in den Talkshows und am Handy. Ohnmächtig müssten wir all das über uns ergehen lassen, hätten wir nicht Frankfurts elegant-präzise Abrechnung mit derlei Phänomenen zur Hand, Urschrift aller Wut-Bücher und unverzichtbares Grundlagenwerk der angewandten Dummheitsforschung. Bullshit? Lesen! Zum Shop

Zum Autor Harry G. Frankfurt:

Harry G. Frankfurt, geboren 1929, lehrte Philosophie u.a. in Cornell, Oxford und Yale. Seit 1990 ist er Professor für Philosophie an der Universität von Princeton. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Kommentar von Martin Koradi:

Bullshit ist nicht nur ein lästiges Zeitphänomen, wie der obenstehende Verlagstext nahelegt. Bullshit ist gefährlich. Harry G. Frankfurt gehört zu den Philosophen, die verständlich schreiben können. Er beschreibt das Phänomen „Bullshit“ sehr eingängig.

Es gibt nicht nur Lüge und Wahrheit, es gibt, quasi als Drittes, den Bullshit.

Das Wesen des Bullshits sieht Frankfurt in der fehlenden Verbindung zur Wahrheit, in der „Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind.“

Bullshit ist leeres Gerede und „heisse Luft“:

Zitat:

„Wenn wir Gerede als ‚heisse Luft’ charakterisieren, meinen wir damit, was aus dem Mund des Sprechers kommt, sei nichts weiter als das. Es ist nur Dampf. Seine Rede ist leer, ohne Substanz und ohne Inhalt. Sein Gebrauch der Sprache trägt dementsprechend auch nichts bei zu dem Zweck, dem sie angeblich dient. In bezug auf auf den Informationsgehalt macht es keinen Unterschied, ob er etwas sagt oder einfach nur ausaatmet. Es gibt übrigens gewisse Ähnlichkeiten zwischen heisser Luft und Exkrementen, die heisse Luft zu einem ausgesprochen brauchbaren Äquivalent für Bullshit machen. Während heisse Luft ein von jeglichem Informationsgehalt entleertes Reden darstellt, sind Exkremente Stoffe, denen jeglicher Nährstoffgehalt entzogen worden ist.“

Seit dem Erscheinen dieses kleinen Buches hat sich die Bullshit-Situation ganz offensichtlich verschärft. Ein Ober-Bullshiter sitzt heute mit Donald Trump sogar im Weissen Haus. Wahrheit ist für ihn definitiv kein Kriterium. Wahr ist für Trump, was ihn grösser macht. „Fake News“ sind für ihn alle Informationen, die ihn in Frage stellen.

Offen ist nur, ob Trump trotz oder gar wegen seines Bullshit-Ausstosses gewählt wurde.

Höchste Zeit also, dass wir unseren Blick für Bullshit schärfen – im Alltag und in der Politik. Das kleine Buch von Harry G. Frankfurt kann dazu beitragen.

Ausserdem:

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“, von Jürgen Wiebicke

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DemokratieretterVerlagsbeschreibung:

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump wissen wir: Unsere liberale Demokratie ist in Gefahr. Ernsthaft. Wir haben keinerlei Garantie, dass autoritäre Kräfte nicht auch bei uns die Oberhand gewinnen. Was also tun im so entscheidenden Wahljahr 2017 – und darüber hinaus? Wie können wir die Substanz unserer Demokratie verteidigen gegen die immer lauter und dreister werdenden Verächter – auch jenseits der Wahlkabine? Wie andere ermutigen, mitzumachen? Der Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke gibt uns zehn griffige Regeln an die Hand, mit deren Hilfe jeder von uns jederzeit anfangen kann. Vor der eigenen Haustür. Im Alltag. Denn – und daran müssen wir uns wieder erinnern: Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform, sie ist eine Lebensform, die wir immer wieder aufs Neue beleben und verteidigen müssen. Wir bei KiWi finden: Es ist Zeit für einen neuen Leitfaden! Einen Leitfaden für Demokratie-Retter! Zum Shop

 

Zum Autor Jürgen Wiebicke:

Jürgen Wiebicke, geboren 1962, studierte in Köln Philosophie und Germanistik. Im Anschluss daran volontierte er beim Sender Freies Berlin und war dort Redaktionsleiter. Seit 1997 arbeitet er als freier Journalist, vor allem für den Hörfunk. Bei WDR 5 moderiert er jeden Freitagabend „Das philosophische Radio“, die einzige interaktive Philosophie-Sendung im deutschsprachigen Hörfunk. 2012 gewann er den Medienethik-Preis META der Hochschule für Medien Stuttgart. Er schreibt regelmäßig für das seit Ende 2011 erscheinende Philosophie Magazin und gehört zu den Programm-Machern des internationalen Philosophie-Festivals „phil.Cologne“.

Kommentar von Martin Koradi:

Demokratie ist nicht mehr selbstverständlich, wie es in Europa über Jahrzehnte den Anschein machte. Wir müssen uns daher mehr über dieses Thema Gedanken machen, als wir uns das vielleicht gewohnt sind. Jürgen Wiebicke gibt dazu eine gute Anleitung. Er schreibt gut verständlich, anregend und differenziert.

Welche Regeln empfiehlt Jürgen Wiebicke?

Hier die Liste:

Liebe deine Stadt

Mach Dir die Welt zum Dorf

Bleibe gelassen im Umgang mit Demokratie-Verächtern

Fürchte dich nicht vor rechten Schein-Riesen

Verliere nicht den Kontakt zu Menschen, die nicht deiner Meinung sind

Packe Probleme nicht in Watte

Verabschiede dich von der Attitüde, eigentlich gegen diese Gesellschaft zu sein

Warte nicht auf den grossen Wurf

Wehre dich, wenn von „den“ Politikern die Rede ist

Verbinde Gelassenheit mit Leidenschaft

Wiebicke erläutert die einzelnen Punkte in den Kapiteln natürlich genauer.

Interesssant für mich ist beispielsweise ein Abschnitt, in dem Jürgen Wiebicke „schwaches Denken“ als Gegenmittel gegen Fanatismus empfiehlt. Hier als Zitat ein paar Bruchstücke daraus:

„Wie kann ich denn ein politischer Mensch werden, wenn ich doch so wenig starke Überzeugungen habe?…….Die Welt des Politischen ist vielen so fremd, weil sie denen zu gehören scheint, die unerschütterliche Gesinnungen haben und diese machtvoll durchsetzen wollen, den meistern der Vereinfachung und Zuspitzung. Denen, die auch die guten Ideen ihrer politischen Gegner ungeprüft verwerfen……

Die Antwort auf Populismus darf nicht ihrerseits populistisch sein, folglich wird es die gewünschte einfache Erzählung für uns Demokratie-Retter vermutlich nicht geben. Aber warum nicht aus der Not eine Tugend machen und gerade unsere gebrochenen Gesinnungen als Chance begreifen? Wir sollten uns im „schwachen Denken“ üben. Das ist ein Begriff des italienischen Philosophen Gianni Vattimo, der anfangs vielleicht merkwürdig klingt. Vattimo wollte mit ihm  die Konsequenz daraus ziehen, dass die Zeit der grossen Erzählungen vorbei ist………

Das starke Denken gehört der Vergangenheit an. Wer will heute noch freiwillig Kommunist sein und vom neuen Menschen träumen? Die starken Denker von heute, die Identitären und die Islamisten, sind ja gerade das Problem! Wer sein eigenes Denken als schwach begreift, weiss um die Vorläufigkeit der eigenen Position, ist bereit, den eigenen Standpunkt zu räumen, wenn sich eine andere Meinung als die tragfähigere herausgestellt hat. Zum schwachen Denken gehört bei Vattimo immer auch die Ironie, die werden wir als Haltung nicht mehr los. Und sie ist allemal sympathischer als der Fanatismus. Sie gibt uns die Kraft, uns nicht so wichtig zu nehmen. Die anderen natürlich auch nicht. Schwaches Denken sollte die gemeinsame Basis für intelligentes Problemlösen in der Demokratie von morgen sein, in der Partizipation ganz sicher eine grössere Rolle spielen wird….

Wer sich im schwachen Denken übt, weiss auch um die eigene Verführbarkeit. Dass wir geneigt sind, immerzu Bestätigungen für die eigene Überzeugung zu suchen. Ständig verlangen wir nach Futter für die eigenen Voruteile. Weniges ist so schwer wie das Ändern der eigenen Meinung…..

Schwaches Denken heisst auch, dass ich um meine Manipulierbarkeit weiss und daher immer bestrebt bin, die eigene Blase zu verlassen. Dass ich meine Skepsis nicht verliere, wenn mich Nachrichten von gleichgesinnten erreichen, dass ich meine Neugierde auf das nicht verliere, was meinem Denken widerspricht. Die Demokratie hätte sich miemals entwickeln können ohne eine funktionierende Öffentlichkeit, in der debattiert und zivilisieert gestritten wird. Diese Öffentlichkeit ist zuzeit in ihrer Existenz bedroht. Durch Verrohung im Netz, durch diffamierende Lügenpresse-Vorwürfe, durch massenhaften Rückzug in die eigene Blase.“

Das kleine Buch lohnt sich.

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, von Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer

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Was-tun-demokratie-verstehenVerlagsbeschreibung:

Ein Gefühl geht um in Europa: die Demokratie ist in Gefahr!
Nationalisten sind auf dem Vormarsch, und viele Bürger erleben zum ersten Mal, dass die liberale Demokratie keineswegs so selbstverständlich ist, wie man immer geglaubt hat, sondern ein fortwährender Prozess. Etwas, das man schützen, bewahren und mit Energie versorgen muss. Aber wie?
Fünf renommierte Journalistinnen geben in diesem kompakten Buch eine Antwort aus fünf unterschiedlichen Perspektiven. Ein Crash-Kurs in Staatsbürgerkunde, der mit Analysen, Informationen, Argumenten und Erfolgsgeschichten die Leser motiviert, sich für die Demokratie stark zu machen.
Gabriele von Arnim schreibt einen Liebesbrief an die Demokratie. Christiane Grefe erzählt davon, wie durch die Globalisierung Staat und Politik zugunsten der Wirtschaft so geschwächt wurden, dass viele Bürger das Vertrauen verloren haben. Aber das ist kein Naturgesetz: Wenn Bürger Druck machen, müssen Regierungen das Gemeinwohl wieder stärken. Elke Schmitter erinnert an demokratische Utopien, die schon vorhanden sind, man hat sie nur aus dem Auge verloren. Evelyn Roll zeigt, wie überlebenswichtig es für die Demokratie ist, eine Lüge wieder eine Lüge zu nennen, und wie man Realität und Erfindung auseinanderhalten kann. Und Susanne Mayer erzählt von positiven und gelungenen Beispielen demokratischen Engagements. Zum Shop

Zu den Autorinnen Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll, Elke Schmitter:

Gabriele von Arnim, 1946 geboren, studierte Politik und Soziologie. Als freiberufliche Journalistin arbeitete sie für Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen. Sie lebte zehn Jahre in New York, unter anderem als Korrespondentin für „art“. Seit mehreren Jahren moderiert sie „Wortwechsel“ (SWR).

Christiane Grefe, Jahrgang 1957, Journalistenschule in München, Politik-Studium, Redakteurin bei Zeit, Süddeutsche Zeitung, Magazin, Wochenpost und GEO-Wissen. Seit 1999 Redakteurin und Reporterin im Berliner Büro der Zeit. Bücher: Ende der Spielzeit.

Susanne Mayer, geboren 1952, studierte Literaturwissenschaft. Kulturreporterin, Literaturkritikerin und Autorin seit 1986 bei DIE ZEIT.

Evelyn Roll, geboren 1952, Politologin und Theodor-Wolff-Preisträgerin, arbeitet als Reporterin und Autorin der „Süddeutschen Zeitung“ in Berlin.

Elke Schmitter, geboren 1961, studierte Philosophie in München und arbeitet als Journalistin für die taz, DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung, seit 2001 für DER SPIEGEL.

Kommentar von Martin Koradi:

Dieses kleine Buch ist gut zu lesen und sehr anregend, um über Demokratie nachzudenken. Und das ist nötig, weil liberale Demokratien stark gefährdet sind und die Unterstützung von Demokratinnen und Demokraten brauchen.

Mir gefällt der Aufsatz von Christiane Grefe, in dem sie den Ursachen für die Anziehungskraft des Populismus nachgeht. Zitat:

„Wenn man verstehen will, woher die weltweite Anziehungskraft der Populisten, der drohende Zerfall Europas und die Hoffnung auf starke Männer und Staaten rühren, dann fordert das auch einen Blick zurück auf die Erfahrungen im globalen Finanzkasino und eine verfehlte Form der Globalisierung…..Rund um den Globus hat die einseitige Fixierung auf den Markt die sozialen Sicherheiten und Solidarstrukturen untergraben, Gemeinschaften, Kulturen und natürliche Ressourcen zerstört, den ökologischen Umbau des westlichen Wirtschaftsmodells aufgehalten. Und dabei wurden zugleich Politik und Staat so heruntergeredet und geschwächt, dass viele Bürger heute beiden misstrauen.“

Gabriele von Arnim präsentiert in ihrem Text zwei Zitate, die mich angesprochen haben. Eines davon stammt von Sylke Tempel, der Chefredaktorin der Zeitschrift „Internationale Politik“, die am 5. Oktober 2017 während des Sturmtiefs Xavier durch einen umstürzenden Baum ums Leben gekommen ist:

„Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität. Der Reflexionsprozess ist wichtig. Die Demokratie ist kein Billy-Regal, das man einmal zusammenschraubt, an die Wand stellt und das war’s. In einer Demokratie gibt es einen inneren Zusammenhalt von Unverhandelbarem. Einen Wertekanon. Das sind keine absoluten Wahrheiten, nur relative. Wir müssen die Paradoxien hinkriegen.Es gibt keine perfekten Lösungen, immer nur eine Annäherung ans Ziel. Mehr schaffen wir nicht.“

Das zweite Zitat stammt von Lorraine Daston, der Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte:

„Leider hat man das Recht zu wählen abgekoppelt von der Pflicht, sich zu informieren. Und ohne den informierten Bürger funktioniert keine Demokratie.“

Auch die zwei Beiträge von Evelyn Roll sind sehr ansprechend. Sie gibt „Tipps für den Umgang mit Demokratieverächtern“ und zeigt auf, wie im Informations- und Cyberkrieg mit Lügen und Faktenzersetzung die Grundlagen der Demokratie angegriffen werden.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

 

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Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung

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Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Von Martin Koradi

Die politische Denkerin Hannah Arendt (1906 – 1975) kritisiert das Verschwinden der politischen Sphäre, das die Menschen als vereinzelte Individuen zurücklässt und das Aufkommen totalitärer Herrschaft ermöglicht.

Den öffentlichen Raum, in dem sich Menschen handelnd aufeinander beziehen, bezeichnet Arendt als kostbarstes Gut, das Menschen überhaupt besitzen.

Das Verschwinden des öffentlichen Raumes habe die Bürger ohnmächtig werden lassen und zu ihrer – im wörtlichen Sinne – Verantwortungslosigkeit und Vereinsamung beigetragen.

Als „politisch“ versteht Hannah Arendt das Netz von willentlichen und kontingenten (= zufälligen) Bezügen von Menschen aufeinander, die beim Handeln entstehen und auf etwas gemeinsames Drittes orientiert sind.

Politisch sind alle Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen – ob bewusst oder zufällig – um ihrer verschiedenen und gemeinsamen Interessen an einem Gemeinwesen willen, das ihr eigenes Leben überdauert.

Nicht politisch sind alle Beziehungen, die sie um ihrer legitimen privaten Interessen willen eingehen.

Die am Gemeinwesen orientierten Beziehungen nennt Hannah Arendt die politische Macht der Gesellschaft.

Antonia Grunenberg schreibt in ihrer Einführung ins Denken von Hannah Arendt:

„Politisches Handeln ist nur möglich in einem öffentlichen Raum. Dieser begründet die gemeinsame Mit-Welt, in der Menschen handelnd einander begegnen. Die Bürger haben sich darum zu sorgen, wie jene öffentliche Sphäre gestiftet und geschützt werden kann, in der öffentliches Denken und Handeln stattfindet…….Das Gemeinwesen ist für sie…..ein unabschliessbarer Prozess des Handelns in einem immer wieder neu zu bestimmender Raum. Die sorge der Bürger entsteht aus einem gemeinsamen Interesse an der Welt, der sie angehören und die ihnen immer wieder neues Leben schenkt.

Arendt hält die Erneuerung des öffentlichen Raums – der gemeinsamen Welt – für die einzige Möglichkeit, den (selbst)zerstörerischen Potenzen innerhalb der Moderne zu wehren. Sich dem Bösen in der Welt entgegenzustellen – das ist die Konsequenz aus dem Faktum der totalen Herrschaft-, ist nur möglich, wenn Menschen ihre Mit-Welt bewohnbar machen und diese Bewohnbarkeit ständig erneuern. Dies kann allerdings nur in dem Masse gelingen, wie sich Bürger darauf verständigen, dass der Zweck ihres Handelns die Stiftung der Freiheit ist.“

Das Denken Hanna Arendts ist geprägt von der Totalitarismus-Erfahrung im und mit dem Nationalsozialismus. Arendt setzt sich unter anderem mit den Ursachen auseinander, die diesem Desaster den Weg bereitet haben.

Da die liberalen, demokratischen Gesellschaften seit einigen Jahren wieder besorgnisserregend durch autoritäre Tendenzen unter Druck stehen, sind die Einsichten Hannah Arendts brandaktuell. Die folgenden Zeilen stellen solche Einsichten vor und ich würde mich freuen, wenn Sie sich als Leserin oder Leser damit aufmerksam befassen.

Der Mensch hat den Rückbezug auf einen einzigen, umfassenden und solchermassen objektiv verbürgten Sinnzusammenhang verloren. Angesichts dieser Situation der Bodenlosigkeit weist Hannah Arendt auf Zwischenböden hin, die uns davon abhalten, nach ideologischen Ersatzböden Ausschau zu halten. Zwischenböden lassen sich gewinnen, wenn wir unsere eigene sinnhafte Welt konstruieren. Zentral als sinnstiftende Tätigkeit ist für Arendt das Handeln. Sie unterscheidet dazu zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln.

 

Zum Unterschied von Arbeiten, Herstellen und Handeln

☛ Arbeiten ist eine Tätigkeit, die der biologische Rhythmus des menschlichen Körpers selbst verlangt: Das Leben muss erneuert, erhalten und genährt werden. Arbeit dient dazu, die ständige Sorge um den Körper und um die Umgebung, in der sich der Körper befindet, aufrechtzuerhalten. Zur Kategorie der Arbeit gehört die Beschaffung der täglichen Nahrung, das Sauberhalten und Pflegen des Körpers und des vom Menschen bewohnten Raumes, die Sorge um die uns alltäglich umgebenden Dinge und um die Welt der Gegenstände, welche die Menschen brauchen und die dem Verschleiss ausgesetzt sind. Arbeitstätigkeiten sind in einen immer währenden natürlichen Prozess eingebunden. Dieser einfache Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur erschafft keine beständige Dingwelt, sondern mündet in eine Kreislauf von Produktion und Verzehr.

 

☛ Herstellen umfasst diejenige Tätigkeit, in welcher der Mensch eine zweite Natur von Dingen schafft: Gebäude, Strukturen, Denkmale, Bücher etc. Durch das Herstellen entsteht eine Welt mehr oder weniger dauerhafter, künstlicher, der Natur widerstrebender Dinge, in welcher sich das menschliche Leben einrichtet. Das Herstellen setzt der natürlichen Vergänglichkeit des Menschen Bestand und Dauer entgegen. Die Güter des Herstellens besitzen eine bescheidene Eigenständigkeit, die sie befähigt, die wechselnden Launen ihres Besitzers für einen recht beträchtlichen Zeitraum zu überdauern. Damit entsteht eine künstliche Welt von Dingen, die der Welt bis zu einem gewissen Grad widerstehen und die von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Grundbedingung des Herstellens ist die Weltlichkeit des Menschen und sein Angewiesensein auf Gegenstände. Herstellen schafft aber noch keine Sinnzusammenhänge.

 

☛ Handeln dagegen ist ein Heilmittel gegen die Sinnlosigkeit der Moderne. Es sind v.a. drei Merkmale, die Arendt für das Handeln beschreibt:

  1. Natalität

Das heisst die Fähigkeit zur Spontanität, etwas aus sich heraus und kreativ tun zu können. Basis dieser Fähigkeit ist die Natalität (Gebürtlichkeit) des Menschen. Da wir alle durch Geburt als Neuankömmlinge und als Neu-AnfängerInnen auf eine Welt kommen, die unserer Existenz vorausgeht, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen. Arendt schreibt in „Vita   activa“:   „Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ Zu handeln heisst für Arendt demnach „selbst einen neuen Anfang machen.“

Mit dem Begriff „Natalität“ schuf Arendt eine Metapher für den Anfang. Natalität bedeutet eine Art „zweite Geburt“. Gemeint ist jener Aspekt des Handelns, durch den wir uns selbst in die Welt einschalten. Diese „zweite Geburt“ geschieht nicht durch die blosse Tatsache des Geborenwerdens, sondern durch Einführung von Worten und Taten. Arendt nennt diese Einführung „das Prinzip des Anfangs“. Der einzelne Mensch könne es so wenig umgehen wie die „Tatsache des Geborenwerdens“. Ein Kind wird zum Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, indem es lernt, Sprache und Handlung einzuführen, wodurch jeweils „etwas Neues anfängt“. Diese „Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Nur im Sprechen und Handeln tritt Schritt um Schritt die Originalität einer Person zutage. In diesen Tätigkeiten unterscheiden sich die Menschen via Aktivität voneinander. Dies ist etwas völlig anderes als eine blosse Verschiedenartigkeit aufgrund unterschiedlicher genetischer Ausstattung. Zu den Eigentümlichkeiten, mit denen ein Mensch bei seiner Geburt ausgestattet ist, trägt der solchermassen ausgestattete nichts bei. Dagegen bildet sich, was das Handeln und Sprechen betrifft, die Einzigartigkeit einer Person im Vollzug dieser Tätigkeiten selbst aus:

„Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt […] Im Unterschied zu dem, was einer ist, im Unterschied zu den Eigenschaften, Gaben, Talenten, Defekten, die wir besitzen und daher soweit zum mindesten in der Hand und unter Kontrolle haben, dass es uns freisteht, sie zu zeigen oder zu verbergen, ist das eigentlich personale Wer jemand jeweilig ist, unserer Kontrolle darum entzogen, weil es sich unwillkürlich in allem mitoffenbart, das wir sagen oder tun.“ (aus: Vita activa)

  1. Pluralität

Arendt betrachtet das Handeln im Gegensatz zum Arbeiten und Herstellen als einzige Tätigkeit, die generell auf die Anwesenheit der anderen angewiesen ist. Handeln spielt sich ohne Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen ab. Es basiert daher auf der Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Diese Pluralität bedeutet, „dass alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.“

Pluralität bringt also sowohl Gleichartigkeit als auch Verschiedenheit mit sich. Wären Menschen nicht gleich, so könnten sie einander nicht verstehen; wären sie nicht verschiedenartig, so bräuchten sie weder das Sprechen noch das Handeln, um sich voneinander zu unterscheiden. Sprechend und Handelnd unterscheiden sich Menschen voreinander; sie werden zu Urhebern von „Worten und Taten“. Die Menschen „erscheinen“ sich oder offenbaren sich einander durch Worte und Taten.

Sprechen und Handeln geschieht zwischen Menschen, und „fast alles Handeln und Reden betrifft diesen Zwischenraum.“ Dieses Zwischen schliesst zwar die Welt der Dinge ein, hat aber auch eine ungreifbare Dimension: Handeln und Sprechen sind Vorgänge, die von sich aus keine greifbaren Resultate und Endprodukte hinterlassen. Doch dieses Zwischen ist in seiner Ungreifbarkeit nicht weniger wirklich als die Welt der Dinge in unserer sichtbaren Umgebung. Arendt nennt diese Wirklichkeit der Zwischenwelt „das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“. Es sind die Verknüpfungen, Netzwerke und Zusammenhänge menschlicher Beziehungen, die wie unsichtbare, hauchdünne, gesponnene Fäden den „Horizont“ menschlicher Angelegenheiten ausmachen. Dabei spielt der Ausdruck „Horizont“ auf die allgegenwärtigen, aber niemals ganz durchsichtigen Voraussetzungen, Zusammenhänge und Vernetzungen an, die wir immer auch für selbstverständlich halten müssen als In-der-Welt-Seiende. Der Horizont ist immer vorhanden und weicht bis ins Unendliche zurück. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit an einem beliebigen Moment nur auf irgendeinen Aspekt dieses Horizontes, irgendeinen Ausschnitt daraus, und dieser Teil wird uns dann gegenwärtig und erschliesst sich uns. Jeder Mensch findet bei seiner Geburt einen solchen Horizont und ein „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ schon vor als den stets schon gegebenen Hintergrund, vor dem sich sein Leben entfaltet.

„Da Menschen nicht von Ungefähr in die Welt geworfen, sondern von Menschen in eine schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern [….] Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar.[…..] Kein Mensch kann sein Leben ‚gestalten’ oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete.“ (aus: Vita activa, S. 174)

Zur menschlichen Realität gehören also die Handlungseinschüsse der vielen Einzelnen in ein vorbestehendes Gewebe und „weil dieses Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war [….] kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten, in Reinheit verwirklichen.“ (Vita activa, S. 174)

Weil das Handeln immer in ein Netz einander widersprechender Ziele und Absichten hineinhandelt, kann eine Tat niemals wirklich der Erwartung des Täters voll entsprechen, so wie etwa das hergestellte Ding den Erwartungen des herstellenden Handwerkers entsprechen kann. Diese Unabsehbarkeit ergibt sich aus der Pluralität und sie ist der Preis für die Freude, nicht allein zu sein.

Auch wenn wir alle Handelnde sind, ist niemand von uns Autor oder Verfasser seiner oder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Vorstrukturierung durch das Bezugsgefüge menschlicher Angelegenheiten führt bei Arendt allerdings nicht in den Determinismus, in die totale Vorbestimmtheit. Denn wie jeder Sprechende die Fähigkeit besitzt, eine unbegrenzte Anzahl grammatisch korrekter Sätze zu bilden, besitzt der Mensch als Handelnder die Fähigkeit, jederzeit das Unvorhersehbare und Unwahrscheinliche in Gang zu bringen, das genauso zum Repertoire menschlichen Handelns und menschlichen Verhaltens gehört.

  1. Narrativität (von lat. narratio = Erzählung)

Die Narrativität besteht darin, dass das Handeln mit der gleichen Selbstverständlichkeit Geschichten hervorbringt, mit der das Herstellen Dinge und Gegenstände erzeugt. Geschichten und Erzählungen entstehen aus dem Handeln, weil dieses Eingebunden ist in ein Netz von Interpretationen. Unsere Handlungen stehen durchwegs den Deutungen und Fehldeutungen anderer offen. Handlungen werden von ihren AkteurInnen, von den Zuschauenden und auch von denjenigen, welche die Handlungsfolgen erleiden, durch verschiedene narrative Berichte bestimmt. In unserer eigenen Lebensgeschichte spielen wir zwar fraglos die Hauptrolle, sind aber keineswegs durchgängig deren AutorIn:

„Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen ‚Produkte’ des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser ‚Produkte’ dem geschuldet ist, dass handelnd und sprechend die Menschen sich als Personen enthüllen […..] mangelt der Geschichte selbst gleichsam ihr Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen.“

(Vita activa, S. 175)

Vollständig erzählen lässt sich die Lebensgeschichte erst von ihrem Ende, vom Tod her.

Im Handeln und Sprechen zeigt sich nach Arendt, Wer-einer-ist. Dabei unterscheidet sich ihr narratives Handlungsmodell von essentialistischen Handlungsmodellen (von lat. essentia = Wesen). Ein essentialistisches Handlungsmodell setzt ein vorgängiges „Wesen“ voraus, das sich im Handeln manifestiert. Es geht im essentialistischen Modell also um eine Enthüllung dessen, wer einer ist, um ein Manifestwerden des Inneren (wie es bspw. von der Physiognomie postuliert wird). Das Handeln wird zum Entdeckungsprozess, in dem das vorgängige „Wesen“ –   nämlich “Wer man ist“ – sich offenbart. Dass sich allerdings ein vorgängiges „Wesen“ fassen lässt, wird in der gegenwärtigen Philosophie stark in Frage gestellt. Dagegen ist Handeln im narrativen Modell charakterisiert durch das „Erzählen einer Geschichte“ und „das Weben eines Gewebes aus Geschichten“. Das „Wer-man-ist“ entsteht hier im Prozess des Tuns und beim Erzählen der Geschichte. Handeln ist ein Prozess des Erfindens und damit konstruktivistisch.

 

Handeln will geübt sein

Beim Sehen ist es so, dass aus dem Besitz des Sehens der Gebrauch des Sehens folgt. Beim Handeln ist es genau umgekehrt: Der Gebrauch geht dem Besitz voraus, d.h. aus der Handlung, dem Tätigkeitsvollzug, entwickelt sich die Tüchtigkeit. Im Gang des Praktizierens selbst wird in erster Linie eine gelingende Praxis erlernt. Nur über das Einüben im Tun wird der Besitz der Tüchtigkeit im entsprechenden Tun erworben. Schon Aristoteles (384-322 v.u.Z.) hat darauf hingewiesen, dass die Qualitäten, die unser Tätigsein charakterisieren, sich erst im Verlaufe des Tätigsein selbst bilden.

Arendt wendet sich entschieden gegen die Trennung von Wissen und Tun und dem damit verbundenen Handlungsverständnis, wonach menschliches Handeln verkürzt wird zur blossen Ausführung von Wissen. Handeln ist nicht das Vollstrecken theoretischen Wissens. Im Handeln bildet sich das Wissen um das Tun erst im Tätigkeitsverlauf selbst.

So hält Arendt auch Denken und Erfahrung für eine untrennbare Einheit. Das Denken braucht die konkrete Erfahrung des Handelns, aber das Handeln ist ohne die kritische Funktion des Denkens von seiner Sinnhaftigkeit abgeschnitten.

 

Handeln als „Heilmittel“ gegen moderne Sinnlosigkeit 

Arendt sieht die Moderne nicht durch Selbstentfremdung, sondern durch Weltentfremdung gekennzeichnet. Sie charakterisiert moderne Menschen als im Grunde weltlose und verlassene Menschen. Sie beobachtet eine Verflüchtigung des Zwischen und beschreibt dies als Ausbreitung der Wüste. Wirklichkeit zerrinnt uns, wenn wir sie nicht mit anderen Menschen erfahren und sie danach nicht zusammen besprechen, uns über die Bedeutung, die sie für unser Leben hat, verständigen. Weltlosigkeit entsteht, wenn wir uns nicht an dem gemeinsamen Unternehmen beteiligen, eine heimatgebende Welt zu etablieren. Die Weltlosigkeit kann in der Moderne zu den verheerendsten Verwüstungen führen und nach Arendt besteht die gegenwärtige Gefahr drin, dass wir anfangen, uns in der Wüste einzurichten. Arendt warnt uns vor der Versuchung, unser Dasein als Wüstenexistenz anzunehmen. Daraus ergeben sich auch Fragen an den Psycho-Boom in den fortgeschrittenen Industrieländern. Arendt schreibt: “sofern die Psychologie Menschen zu ‚helfen’ versucht, hilft sie ihnen, sich der Wüstenexistenz ‚anzupassen’.“ Diese Art von Psychologie sieht nicht so sehr die Wüste und ihre Ausbreitung als Problem, sondern thematisiert die psychischen Widerstände, die es dem Einzelnen verwehren, sich umstandslos in die Verwüstung einzufügen (für den „Eso-Boom“, welcher den „Psycho-Boom“ gegenwärtig deutlich überflügelt, gilt das genauso).

Arendt warnt auch eindringlich davor, sich den Verhältnissen der Wüste anzupassen. Menschen als weltbegabte Wesen können ihre Qualitäten nicht leben, wenn sie nicht gemeinsam dafür Sorge tragen, untereinander intakte Weltbezüge einzugehen. Dabei geht es um die Pflege des Zwischenraumes im Handeln. Das Handeln kann sich allerdings erst durch den Verzicht auf den Rückzug ins Private entfalten, und dadurch einem Verlust des Gemeinsinnes entgegenwirken, der die Sinne des Menschen in ein objektiv Gemeinsames (Wirkliches) einfügt (Sinn macht). Den Verlust des Gemeinsinns sieht Arendt begleitet von Anfälligkeit für Leichtgläubigkeit und Ideologie, kurz von Realitätsverlust. Weltentfremdung, Weltverlust und Realitätsverlust entstehen aus einem neuzeitlichen Misstrauen in die Wirklichkeit der Sinneswahrnehmung und die dieses begleitende Wendung nach innen in den Subjektivismus.

Arendt fordert daher die Anerkennung von Tatsachenwahrheiten, weil sie uns Weltkontinuität, Verlässlichkeit und Orientierung in der Welt ermöglichen. Es sind für Arendt die Handlungen und Tatsachen, über die wir Geschichten erzählen, und es sind die erzählten Geschichten, in denen sich unsere Welt in ihrer Zusammenhang stiftenden Verlässlichkeit präsentiert.

Neben dem Verzicht auf den Rückzug ins Private – Handeln spielt sich für Arendt in der Öffentlichkeit ab – braucht das Handeln gleiche Menschen, d.h. Menschen, die sich von Herrschen oder Beherrschtwerden befreit haben.

 

Handelnd können wir in der Welt Stand nehmen

Unsere fortgeschrittene Art und Weise der Naturbeherrschung gewöhnt moderne Menschen daran, allenfalls gegenüber der Welt Stand zu nehmen. Ein Standnehmen in der Welt ist uns weitgehend fremd geworden und passt zudem schlecht zur wissenschaftlichen Methode. Descartes (1596-1650) suchte keinen Stand in der Welt, die ihm dadurch zur Heimat hätte werden können, sondern eine Stand gegenüber der Welt, von dem aus er sich ihrer bemächtigen konnte. Allerdings bleibt uns die Welt sehr fremd, wenn wir nicht handelnd und sprechend in ihr tätig sind und wenn wir nicht in einer politischen Ordnung leben, in der die handelnde Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zum Alltag gehört.

 

Handeln statt Sich-Verhalten

Arendt befürchtet, dass „das Handeln immer weniger Aussicht hat, die steigende Flut des Sich-Verhaltens einzudämmen.“

Im   „Sich-Verhalten“ zeigt sich der verbreitete Konformismus, in dem die Menschen zu Kopien werden und ihre Originalität verlieren, die im Handeln und Sprechen gründet. Auch wenn unsere Tätigkeit zur zeitsparenden Erledigung verkommt und wir unser Tun unter dem Diktat der Zeitersparnis möglichst schnell hinter uns bringen wollen, verkommt es zum bedeutungslosen „Sich-Verhalten“.

 

Die Welt als Bezugsraum des Menschen

Bereits in ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus setzt sich Arendt mit der spezifisch christlichen Weltabgewandtheit auseinander. Sie fragt sich, ob es nicht möglich ist, ein innerweltliches Bezugssystem zu knüpfen, in dem sich die Menschen auch jenseits der christlichen Nächstenliebe in eine verlässliche, gemeinsame Welt einbinden: „In der Nächstenliebe lieben die Menschen einander, weil sie auf diese Weise Christus ihren Erlöser lieben; Nächstenliebe ist eine überirdische, transzendente Liebe, zwar in der Welt, aber nicht zu ihr.“

Der andere Mensch wird nicht als diejenige Person angenommen, als welche er handelnd und sprechend in seiner Einmaligkeit zutage tritt, sondern im Anderen wird das geliebt, was am Ewigen teilhat, nämlich die Gleichursprünglichkeit aus der identischen Abstammung von Gott.

Was diesen Glauben an das Einssein aus der gemeinsamen Abstammung von Adam anbelangt, so schreibt Arendt von der „Unweltlichkeit des Christentums“. Denn wenn das Gemeinsame vorrangig in der gleichen Schöpfungsabstammung aus einem Ursprung gesehen wird, ist das Verbindende eben gerade nicht die gemeinsame Welt, in welcher wir leben. Es ist nicht ein aus Tätigkeiten zwischen Menschen entstandenes Bezugsgeflecht, welches uns miteinander verbindet – weder mit den heute Lebenden noch mit jenen, die vor uns gelebt haben und die nach uns leben werden.

Für Arendt ist dagegen entscheidend, dass die Bezüge zwischen Menschen nicht von einem massgebenden Bezugspunkt ausserhalb der Welt hergeleitet werden. Arendt denkt darüber nach, wie wir uns untereinander weltliche Bedeutsamkeit gewähren können. Unser Bezugspunkt muss die Welt sein, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eine gelungene weltliche Existenz in ihrer Eigenbedeutsamkeit aus den Augen zu verlieren.

Im Verlaufe ihres politischen Schreibens setzt Arendt der Liebe in der Welt, die von der ausserweltlichen Beziehung zu Gott getragen wird, immer ausdrücklicher die Liebe zur Welt entgegen, die sie als „amor mundi“ bezeichnet.

Eine Zwei-Welten-Theorie mit einem jenseitigen Prinzip, das der diesseitigen Welt vorausgeht und sie begründet, verfehlt in Arendt’s Denken alle weltbezogenen Bedingungen menschlichen Handelns und Sprechens. Beispielsweise depotenziert (= entmächtigt) die (partielle) Wiederverzauberung das Handeln, in dem das Wesentliche sich nun in einer (pseudo)magischen Hinterwelt abspielt. Die dadurch geförderte Entpolitisierung, der Rückzug ins „innere Gärtchen“, begünstigt totalitäre Entwicklungen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hannah Arendt zahlreiche Anregungen bietet für ein gelingendes Leben in einer entzauberten Welt.

Beispielsweise:

☛ Erst das Handeln schafft Bezug zur Welt und gibt der Welt Bedeutung. Gefragt ist weltbezogenes Tätigsein.

☛ In der Welt stehen, statt ihr gegenüber.

☛ Bezugspunkte in der Welt pflegen, auch in der gemeinsamen, politischen Sphäre. Kein kompleter Rückzug ins eigene Gärtchen.

☛ Aufmerksam bleiben für gesellschaftliche Entwicklungen, Einfluss nehmen, einen Faden schlagen ins Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten.

☛ Die offene, liberale Gesellschaft verteidigen.

Literatur zu den Abschnitten über Hannah Arendt:

  • Hannah Arendt; Vita activa, oder vom tätigen Leben, Kohlhammer Stuttgart 1960
  • Karl-Heinz Breier; Hannah Arendt zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1992
  • Seyla Benhabib; Hannah Arendt, Die melancholische Denkerin der Moderne, Rotbuch Verlag Hamburg 1998
  • Antonia Grunenberg; Arendt, Herder Spektrum Meisterdenker, 2003

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist     deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

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Ein Text von Martin Koradi

Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist im Informationszeitalter zum unverzichtbaren Schlüsselgut der Medienanbieter geworden. Medien aller Art müssen sich diese Aufmerksamkeit um jeden Preis erkämpfen.

Und wie holt man sich Aufmerksamkeit? Durch Auffallen. Und wie fällt man auf?

Durch Emotionalisierung, Skandalisierung, Aufregung, Polarisierung, Kontrastierung. Provokationen, Tabubrüche.

Nun ist das Aussergewöhnliche und Aufregende aber nicht unbedingt auch das Relevante. Eine Medienlandschaft, in der Aufmerksamkeit die überlebenswichtige Währung ist, könnte daher dramatische Folgen für den Einzelnen und für die demokratische Gesellschaft haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Meinungsbildung.

Matthias Zehnder beschreibt in seinem Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ die fatalen Folgen einer Publizistik, die sich ganz dem Aufmerksamkeitsmarkt verschrieben hat.

In diesem Text stelle ich die zentralen Aussagen aus diesem infomativen Buch zusammenfassend vor. Ergänzende Kommentare von mir sind kursiv gesetzt.

Wie es zum Schlaraffenlandproblem kam

Zehnder beschreibt sehr eindrücklich und illustrativ ein „Schlaraffenlandproblem“. Dazu kommt es so:

Die Menschen sind eigentlich Jäger und Sammler. Wir sind dafür gebaut, stundenlang durch die Savanne zu streifen und nach Beeren und Antilopen Ausschau zu halten.

In einer kargen Landschaft selten auftauchende Nahrung von weitem zu entdecken und dann auch gut zu verwerten war in den Anfängen der Menschheit überlebenswichtig.

Heute ist die Situation für die meisten Menschen vollkommen anders. Wir bewegen uns minimal und stehen vor übervollen Supermarktregalen. Demensprechend essen in den Industrieländern die meisten Menschen zu viel, zu süss, zu fettig, zu salzig. Und anstelle der Herausforderung, das spärliche Angebot zu finden und daraus viel Nahrung zu machen geht es nun darum, aus dem riesigen Angebot weniges, gesundes und leckeres auszuwählen.

Es kommt nicht mehr darauf an, in einem Meer von Blättergrün eine rote Beere zu entdecken, sondern aus unzähligen Joghurtsorten eine auszuwählen.

Im der Medienwelt und im Informationsbereich lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Information so wertvoll und schwer verfügbar wie eine Antilope für den Jäger in der Steppe. Dementsprechend sind die Menschen fundamental darauf angelegt, aus wenig Information viel Wissen und Meinung zu generieren. Unsere Gehirne sind geradezu optimiert dafür, aus wenig Information viel Zusammenhang zu machen. Ein Blick ins Gesicht eines Gegenübers genügt, um über dessen Gefühlslage einigermassen Bescheid zu wissen.

Zehnder schreibt dazu:

„Die Welt war für uns Menschen einst eine leere, weisse Leinwand, auf der jeder Farbtupfer eine grosse Bedeutung hatte. Heute leben wir in einem Action-Painting von Jackson Pollock, das ein verwirrendes Geflecht von Farben und Formen zeigt.“

Von der Steppe her sind unsere Gehirne auch darauf optimiert, primär Bewegung wahrzunehmen (es könnte ein Gepard sein oder eine Antilope). Dieses priorisierte Wahrnehmen von Bewegung hat zur Folge, dass wir uns heute unwillkürlich nach jedem Bildschirm umdrehen. Auch der belanglosesten Bewegung auf einem Monitor geben unsere Gehirne eine grössere Wichtigkeit als der bedeutsamsten Buchstabenfolge auf Papier.

Die Situation hat sich also für uns auch im Informationsbereich völlig verändert. Wir sind umzingelt von einem Informationssupermarkt und haben überall jederzeit Zugriff auf Bücher, Musik, Filme, Bilder, Nachrichten und ein unermessliches Meer von Websites. Dieses Riesenangebot ist nicht nur unendlich, sondern zum grössten auch noch gratis. Zumindestens die „Fett- und Zuckerbomben“ seien kostenlos, schreibt Zehnder: „Wer sich sinnvoll ernähren will, muss zahlen. Die Folgen lassen sich an einer Hand ausrechnen: Informative Fehlernährung, Mangelbildung durch Überinformation, geistige Adipositas bei gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes. Es ist das mediale Schlaraffenlandproblem.“

Im medialen Supermarkt greifen wir gerne zu den kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen.

Zehnder stellt fest, dass ähnlich wie bei der Ernährung für das geistige Überleben ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich sind:

„Es kommt nicht mehr darauf an, etwas beschaffen zu können und es zu besitzen, es kommt darauf an, das Richtige auszuwählen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Schlaraffenlandproblem fordert die Menschen ganz neu heraus, und nicht nur jene, die konsumieren, sondern auch die, die Inhalte schaffen. Sie drohen, wie die tausendste Joghurtsorte im Supermarktregal, zur beliebigen Variante des Überflusses zu verkommen. So wie es für das körperliche Überleben entscheidend ist, in der Fülle des Angebots die richtigen Nahrungsmittel in der richtigen Dosis auszuwählen, ist es für das geistige Überleben wichtig, die richtigen Informationen auszulesen.“

Zehnder konstatiert eine verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Regalen umzugehen und beschreibt dies mit dem Ausdruck „Schlaraffenlandproblem“. Besonders schlimm an dieser Diagnose sei, dass wir nicht auf die Hilfe des Marktes hoffen können. Die Wirtschaft sei nicht daran interessiert, dass wir uns selbst beschränken, genügsam nur das konsumieren, was uns guttut, und sonst den Supermarkt der Medien links liegen lassen: „Wir müssen uns selbst aus dem Schlamassel ziehen.“

Diese fundamentalen Veränderungen werfen daher wichtig Fragen auf:

  1. Welche Auswirkungen hat die grenzenlose Verfügbarkeit von Medien auf uns? Welche Folgen hat es, wenn wir immer und überall alles und jedes hören, sehen und lesen können?
  1. Was tut uns gut im Umgang mit den Medien, und was schadet? Ist mehr besser, oder wäre vielleicht weniger mehr?
  1. Welche Konsequenzen hat die veränderte Mediensituation auf die Erziehung? Wie können wir unsere Kinder gut auf die veränderten Weltbedingungen vorbereiten? Ist das überhaupt möglich? Was ist gut für unsere Kinder?

 

Zeitungsmodelle und Aufmerksamkeit

Im medialen Schlaraffenland ist die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit sehr gross. In den letzten 100 Jahren hat sich die Zeit, die wir mit Medien verbringen, wohl mindestens verzehnfacht. Um 1900 lag der Medienkonsum nur etwa bei zehn Stunden pro Woche. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn damals waren Medien nur knapp verfügbar. Rund 100 Jahre später waren es etwa 100 Stunden pro Woche, also ganze 14 Stunden pro Tag. Stark zugenommen hat in den letzen Jahren die Zeit, die wir im Internet sind, während die Zeit, die wir mit dem Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verbringen, kontinuierlich zurück geht. Die langen Verweilzeiten im Internet hängen stark damit zusammen, dass das Handy immer dabei ist. Viele Alltagsaktivitäten sind heute medial begleitet. Die Zeit, die wir im Internet verbringen, geht dadurch nicht unbedingt auf Kosten von anderen Freizeitaktivitäten, aber auf Kosten der Konzentration darauf. Die konstante Präsenz von Handy und Internet hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer häufiger nur geteilt ist.

In dieser geteilten Aufmerksamkeit müssen Medien sich nun behaupten und an diesem Punkt kommt die Wandlung der Zeitungsmodelle ins Spiel.

Die abonnierte Zeitung setzt auf eine kontinuierliche Beziehung zum Lesenden, die über die reine Vermittlung von Nachrichten hinausgeht. Sie ist eingebettet in die Gewohnheiten des Alltags. Das verlässliche Verhältnis zwischen Zeitung und Abonnent ist verbunden mit gegenseitigen Erwartungen. Der Abonnent weiss, was er an seiner Zeitung hat und deshalb muss ihm die Zeitung das nicht jeden Morgen oder mit jedem Artikel beweisen. Es wird pauschal einmal im Jahr abgerechnet und nicht jede Leistung einzeln.

Die Boulevardzeitung funktioniert völlig anders als eine Abo-Zeitung (Boulevardzeitung in Deutschland ab 1904, in der Schweiz ab 1959 mit „Blick“).

Ihr geht es nicht um die Pflege einer Vertrauensbeziehung und nicht um Verlässlichkeit, sondern darum, innert Sekundenbruchteilen am Kiosk oder auf der Strasse potenzielle Käufer zum Kauf zu animieren. Das braucht Titel als „Knaller“ und mit grossen Buchstaben. Ausgewogene, differenzierende Titel funktionieren nicht. Das Erfolgsrezept heisst emotionalisieren, skandalisieren und personalisieren. Es geht nicht einfach um eine Nachricht, und schon gar nicht um Argumente, sondern um starke Emotionen, Menschen, Schicksale, Skandale – nur damit bewegt man Menschen zum Kauf.

Die Gratiszeitung konkurriert in der Schweiz seit Ende der 1990er Jahre die klassische Boulevardzeitung. Kostenlose Zeitungen gibt es in der Schweiz allerdings schon seit vielen Jahren. Insbesondere die Zeitungen der beiden Grossverteiler „Coopzeitung“ und „Migros Magazin“ erscheinen in Millionenauflagen.

Sie sind hauptsächlich ein Werbemittel und werden den Genossenschaftern gratis und ungefragt ins Haus geliefert. Dort werden sie gelesen oder auch nicht. Den Zwang, sich mit jeder Ausgabe Leser zu erkämpfen, kennen sie nicht.

Das ist bei den Gratis-Pendlerzeitungen anders, die sich ab Ende der 1990er-Jahre durchsetzten. Sie müssen die vorübereilenden Passanten jeden Tag mit einer Schlagzeile dazu bringen, in die Zeitungsbox zu breifen und ein Exemplar herauszunehmen. Dabei muss die Motivation nicht so stark sein wie bei einer Boulevardzeitung, weil die Pendlerzeitung nichts kostet. Zudem greifen manche Leser wohl aus purer Gewohnheit in die Zeitungsbox.

Die gedruckte Pendlerzeitung dient dann oft einfach dem Zeitvertreib während der Fahrt, bekommt in dieser Funktion aber zunehmend harte Konkurrenz durch die Smartphones. Pendlerzeitungen könnte man als anorektische Zeitungen beschreiben. Sie befinden sich also im Zustand der Magersucht oder auf Dauerdiät. Für intensivere Recherchen fehlen in den Redaktionen die Ressourcen und für differenziertere Argumentationen der Platz im Blatt. Sie füttern die Lesenden mit einem kontinuierlichen Strom von Nachrichten, helfen aber kaum bei der Einordnung der verspiesenen Informationen in einen grösseren Zusammenhang. Kurzfutter halt, oder Schmalkost.

In der Schweiz gehören die beiden grössten Gratis-Tageszeitungen den beiden grössten traditionellen Verlagen Tamedia („20 Minuten“) und Ringier („Blick am Abend“). In Deutschland haben sich die Verlage der Kaufzeitungen bisher erfolgreich gegen Gratiszeitungen gewehrt.

Das Internet hat in den letzten Jahren diesen grossen Medienmarktplatz drastisch erweitert und völlig umgekrempelt. Im Internet ist jede regionale Begrenzung aufgehoben. Etwa eine Milliarde Websites buhlen um die Aufmerksamkeit der Benutzer und im Unterschied zum Zeitungskiosk kann niemand die Übersicht haben über das Angebot im Internet. Im Internet braucht es daher sehr starke Schlagzeilen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Internet, schreibt Zehnder, ist Boulevard total.

Hier scheint mir ein anderer Aspekt mindestens so wichtig:

Ob eine Website im Internet auffällt, hängt nicht nur von starken Schlagzeilen ab, sondern mindestens so stark davon, ob sie die Algorhythmen von Google und Facebook bedient. Die weitgehend intransparenten Algorithmen von Google und Facebook bestimmen, welche Websites und News aus dem unendlichen Meer des Internets einem Benutzer präsentiert werden. Firmen geben sehr viel Geld aus, um bei Google auf die erste Seite zu kommen – als Anzeige oder via Suchmaschinenoptimierung (SEO) in den organischen Suchresultaten.

Die Algorhythmen von Google und Facebook, die über die Positionierung und damit über die Sichtbarkeit im Internet entscheiden, sagen kaum etwas aus über Relevanz und Qualität der Informationen, die damit gefunden werden. Sie sind gleichmacherisch, indem völlig irrelevante oder lügnerische Information neben oder über sorgfältig aufbereiteter, differenzierter Information steht. Das Internet ist ein unendlich langes Buffet, aber welche Gerichte mir da aus welchen Gründen und mit welchen Interessen angeboten werden, ist weitgehend intransparent.

Wer blind einer Suchmachine vertraut delegiert die Auswahl an einen Konzern, der nach intransparenten Kriterien vorgeht und dessen Hauptinteresse einzig darin liegt, kommerziell verwertbare Nutzerdaten abzuziehen.

Das Phänomen Aufmerksamkeit besser verstehen

Aufmerksamkeit ist zum Schüsselfaktor in der Medienwelt geworden. Schon immer war Aufmerksamkeit die Grundvoraussetzung dafür, dass Medien Informationen transportieren können. Ohne Aufmerksamkeit würden die Inhalte der Medien nicht wahrgenommen. Matthias Zehnder formuliert das mit einem prägnanten Bild: „Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.“

Bis vor ein paar Jahren haben die meisten Medien allerdings anders funktioniert als heute. Sie konnten davon ausgehen, dass sie die grundsätzliche Aufmerksamkeit ihrer Leser oder Zuschauer schon haben und diese nicht erst erobern müssen. Sie bauten auf eine Art von Vertrauensbeziehung, die zwischen dem Abonnenten und seiner Tageszeitung oder zwischen dem Zuschauer und seinem Fernsehsender bestand. Zehnder vergleicht diese konstante Grundbeziehung mit dem Verhältnis zwischen einem Gast mit Vollpension und dem Wirt in einem Hotel. Vielleicht wird auch mal gemurrt, aber grundsätzlich vertrauten die Vollpensiongäste darauf, dass der Wirt ihnen passende Mahlzeiten zum richtigen Zeitpunkt servierte. Der Wirt wiederum konnte davon ausgehen, dass seine Gäste bei ihm essen würden. Das erlaubte ihm, frisches Gemüse einzukaufen und eine abgestimmte Menge von Mahlzeiten zuzubereiten.

Solche Vertrauensverhältnisse gebe es heute kaum mehr, schreibt Zehnder. Der Gast sei zum Buffet-Hopper geworden. Er wende sich dem Stand zu, der gerade die farbigsten Angebote mache oder dessen Inhaber gerade am lautesten rufe.

Vergleichbares geschieht im Bereich der Medien. Kein Medium kann heute mehr davon ausgehen, dass es Aufmerksamkeit bekommt. Es muss sich die Aufmerksamkeit der Benutzer zuerst erkämpfen, und zwar für jeden Beitrag einzeln. Doch das Bufett in der Medienwelt ist unendlich gross geworden und dank Internet geogratisch ohne Grenzen. Im virtuellen Naschmarkt der Medien ist nicht mehr die Beziehung zwischen Vollpensiongast und Wirt entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit in jedem Moment. Gewinnen wird jenes Angebot, dem es gelingt, die grösste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Awareness und attention

Das deutsche Wort Aufmerksamkeit zieht zwei verschiedene Geisteszustände zusammen, die im Englischen als „awareness“ und „attention“ auseinandergehalten werden.

„Awareness“ ist eine Art Stand-by-Modus des Bewusstseins, eine Breitbandaufmerksamkeit, vergleichbar mit dem Grundlicht auf der Bühne, das dafür sorgt, dass niemand über ein Requisit stolpert. „Awareness“ ist ein Zustand der wachen Bewusstheit mit der Bereitschaft zur Zuwendung. Die Wahrnehmung ist im Betriebsmodus „Auto-Pilot“.

„Attention“ dagegen ist fokussiert, zielgerichtet und darum auch selektiv. Dieses gezielte Achtgeben ist vergleichbar mit dem Verfolgungsscheinwerfer, der eine einzelne Figur auf der Bühne hell ausleuchtet. „Attention“ ist ein Zustand des gezielten Achtgebens, verbunden mit Informationsselektion und Informationsverarbeitung. Der Betriebsmodus ist eher vergleichbar mit der manuellen Steuerung durch den Piloten. Der Pilot entspricht dabei dem bewussten Ich, das gezielt seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet und sich Zielen oder Aufgaben widmet. In diesem Zustand konsumieren wir Medien (sofern sie nicht nur als Hintergrundgeräusch mitlaufen), lesen eine Zeitung, verfolgen eine Sendung im Fernsehen…..

„Awareness“ und „attention“ sind zeitlich in einer bestimmten Abfolge angeordnet, weil „awareness“ die Voraussetzung dafür ist, dass es zu „attention“ kommen kann. Am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“ steht das Aufmerksamwerden, das „Aufmerken“. Das „Aufmerken“ entspricht also dem Aufwachen aus dem Stand-by-Modus am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“. Es ist vergleichbar mit dem Einschalten des Verfolgungsscheinwerfers.

Dem „Aufmerken“ geht immer etwas voraus. Etwas fällt uns auf, stört, unterbricht, bietet einen Anblick, erhebt einen Anspruch.

Was sind das genau für Reize, die zum „Aufmerken“ führen. Wodurch wechselt der Modus vom Autopiloten zur manuellen Steuerung durch den Piloten?

Die stärksten Steuerungsmechanismen sind hier die drei zentralen Elemente, die schon in der Steinzeit das langfristige Überleben der Menschen abgesichert haben:

1. Überleben in Gefahrensituationen,

2. Fortpflanzung,

3. Nachwuchspflege.

 

  1. Überleben in Gefahrensituationen

Wer als Mensch überleben will, muss Gefahren aller Art frühzeitig erkennen, um für Kampf oder Flucht bereit zu sein. Deshalb drehen wir uns unwillkürlich nach einer Bewegung am Rande unseres Gesichtsfeldes um. Es könnte ein Raubtier sein. Bewegungen haben in unseren Wahrnehmungsprozessen eine extrem hohe Priorität. Aus diesem Grund zieht Werbung, die sich bewegt, unsere Blicke magisch an und es fällt uns schwer, einen Fussballmatch auf dem Bildschirm im Restaurant zu ignorieren, auch wenn uns das Fussballspiel gar nicht interessiert.

  1. Fortpflanzung

Dass erotische Reize einen hohen Aufmerksamkeitseffekt haben, ist fest in unserer Evolution verankert. Schliesslich zeigen sie immer eine Gelegenheit zur Weitergabe der eigenen Gene an. Kein Wunder daher, dass Werbung mit erotischen Bildern funktioniert.

  1. Nachwuchspflege

Um seine Gene weiterzugeben ist es nicht nur wichtig, sich fortzupflanzen. Der entstandene Nachwuchs muss auch mindestens solange überleben, bis er wieder selbst fortpflanzungsfähig ist.

 

Weil Überleben, Fortpflanzung und Nachwuchspflege evolutionär bedingt fest in unseren Genen verankert sind, lassen sich Reize, die aus diesen Bereichen stammen, kaum mit dem Verstand kontrollieren. Diesen Effekt nutzt die Boulevardpresse. Deren Slogan umschreibt Zehnder so: „Blut, Brüste, Büsi (schweizerdeutsch für ‚Kätzchen’) sind die ‚drei grossen B’ des Boulevardjournalismus.“

 

– Mit Blut sind Berichte über Unfälle und Verbrechen gemeint.

Brüste kommen in Boulevardmedien mit dem klassischen „Seite-3-Girl“ zum Zug. Seriösere Medien bringen Bilder von flirtenden Promis, Modeaufnahmen mit jungen Frauen oder – top seriös – erotisch angehauchte Bilder im Rahmen von Beiträgen zur medizinischen Aufklärung.

– Mit Büsi sind insbesondere Berichte gemeint über Jungtiere – zum Beispiel Videos mit jungen Kätzchen als Quotenrenner.

Neben diesen evolutionär quasi fest verdrahteten Ur-Aufmerksamkeiten gibt es weitere Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung, derer sich insbesondere die Boulevardmedien bedienen. Matthias Zehnder führt dazu die wichtigen Stichworte an aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Peter A. Bruck und des Sprach- und Literaturwissenschaftlers Günther Stocker:

– Familiarisierung nach dem Prinzip: Nähe schafft Aufmerksamkeit.

Benutzung von Spitznamen anstelle der richtigen Namen, Bevorzugung von umgangssprachlichen Wendungen und Fokussierung auf Menschen mit ihren Schicksalen und Erlebnissen schaffen Nähe zwischen dem Thema und dem Medienkonsumenten.

– Simplifizierung nach dem Prinzip: Kontraste schaffen Aufmerksamkeit.

Die Welt wird unterteilt in einfache Gegensätze wie „gut“ und „böse“, „links“ oder „rechts“. Die Komplexität wird reduziert unter anderem durch Personifizierung, Einpassen in übersichtliche Weltbilder und moralische Bewertung der Handlungen der Personen durch das Medium.

– Personalisierung nach dem Prinzip: Menschen schaffen Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche und politische Probleme werden überschaubar gemacht durch Reduktion auf ihre Protagonisten. Zehnder führt als Beispiele an: „So hat nicht mehr Deutschland ein kompliziertes Problem mit der Türkei, sondern Merkel mit Erdoğan, und die Credit Suisse kämpft nicht mit Renditeproblemen, sondern Tidjane Thiam muss sich etwas einfallenlassen.“

– Melodramatisierung nach dem Prinzip: Drama schafft Aufmerksamkeit.

Ein Thema wird dramatisiert, indem es nicht einfach sachlich dargestellt wird, sondern als Melodram, als Schicksal von Menschen erzählt. Der Medienkonsument wird abwechselnd als Voyeur und als Theaterzuschauer angesprochen.

– Visualisierung nach dem Prinzip: Gefahr und Gefühle schaffen Aufmerksamkeit.

Komplexe Themen werden über Bilder oder einfache Grafiken vermitttelt. Durch Bilder und eine bildhafte Sprache werden beim Zuschauer / Leser „Schauer und Entsetzen“ ausgelöst. Entscheidend für die Auswahl der Bilder ist ihr Schock-Gehalt, wobei die Abbildungen oft gar nicht die behandelte Sache abbilden, sondern Themenbilder sind.

– Spektakularisierung nach dem Prinzip: Teilnahme schafft Betroffenheit und Betroffenheit schafft Aufmerksamkeit.

Geschichten werden in der Gegenwartsform so erzählt, dass der Medienkonsument den Eindruck eines Live-Berichts bekommt. Ein drastisches Beispiel sind die Live-Streams in Sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Benutzern, Ereignissen live zu verfolgen und vermitteln das Gefühl, dabei zu sein.

– Sensationalisierung nach dem Prinzip: Dringlichkeit schafft Aufmerksamkeit.

In diesen Bereich gehören grosse, fett gedruckte Titel mit ständigen Übertreibungen und der permanenten Konstruktion von Krisen.

Matthias Zehnder fügt noch ein weiteres Boulevardelement hinzu:

– Repetition oder Serialisierung.

Damit ist gemeint: Eine Geschichte wird nicht als Ganzes und in allen Aspekten erzählt, sondern aufgeteilt in einzelne Häppchen hintereinandergeschaltet. So entsteht der Eindruck einer sich ständig weiterentwickelten Story. Ein Teil einer solchen Story ist von Beginn weg geplant, ein weiterer Teil ergibt sich, wenn Betroffene widersprechen, sich wehren und eigene Standpunkte einbringen.

Weitere verschärfende Tricks und Phänomene

Im folgenden sollen einige weitere Phänomene und Tricks in der Medienlandschaft vorgestellt werden, welche die Aufmerksamkeitsfalle verschärfen und die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft verstärken.

– Clickbaiting

Die Anzahl der Klicks ist für Online-Medien entscheidend, weil dadurch Werbegelder generiert werden. Beim Clickbaiting wird eine Schlagzeile so formuliert, dass der Leser fast nicht anders kann, als zu klicken. Der Leser wird mit einer Teilinformation „angefixt“, während das Wesentliche noch offengelassen wird. Beispielsweise: „Vier Änderungen der Steuergesetze, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten können.“

Listen und Bildergalerien, durch die man sich klicken muss, dienen ebenfalls dem Clickbaiting und dem Verkauf von dazwischengeschalteter Werbung („Die zehn Schlankheitsdiäten, die Sie noch nicht kennen“).

– Boulevardmedien vertiefen über Stimmungsmache die Spaltung der Gesellschaft (Disjunktion)

Stimmmungen und Stimmungswechsel gibt es nicht nur bei Individuen, sondern auch in Gesellschaften. Dabei spielen die Medien eine zentrale Rolle. Sie erzeugen Räume der Stimmungen. Mit diesem Thema befasst sich der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch „Das Gefühl der Welt – über die Macht von Stimmungen“.

Solche Räume der Stimmungen werden aufrecht erhalten durch einen gleichmässigen Strom von relevanten Informationen und durch gemeinsame Erregungen, wodurch das Erleben von Gesellschaft intensiviert wird. Heinz Bude unterscheidet dabei zwischen den traditionellen Medien, also beispielsweise den abonnierten Tageszeitungen, und den Boulevardmedien. Wesentlicher als ihr Inhalt ist bei den Boulevardmedien die direkte, emotionale, affektive Art ihrer Ansprache.

Die Boulevardmedien und die klickorientierten Internetmedien verbreiten Stimmungen nicht über die Inhalte, die sie transportieren, sondern über die Art und Weise, wie sie diese Inhalte vermitteln. Entscheidend ist dabei die Methode der direkten, affektiven Publikumsansprache. Dabei kommt es zu einem Wir-Gefühl unter Menschen, die sich im Opposition zur etablierten Gesellschaft und zu den etablierten Medien sehen – also zur sogenannten „Classe Politique“ und zur angeblichen „Lügenpresse“.

Wenn diese Annahmen Heinz Budes zutreffen, dann ist die zu beobachtende Disjunktion in der Politik, die Spaltung der Gesellschaft und das Auseinanderbrechen von Parteien und Gruppen, eine direkte Folge der Boulevardisierung der Medien. Die Spaltung entsteht dann aus einer direkten Folge einer immer stärkeren Ausrichtung der Medien auf den Aufmerksamkeitsmarkt. Indem die Medien in die Aufmerksamkeitsfalle tappen, verstärken sie die Spaltung der Gesellschaft.

Ergänzung: Heinz Bude bezieht sich an dieser Stelle in seinem Buch auf den französichen Soziologen Gabriel Tarde (1843 – 1904). Er publizierte 1898 und 1899 zwei Abhandlungen, in denen er sich den Stimmungsträgern des Publikums, der Masse und der öffentlichen Meinung widmete.

Heinz Bude schreibt:

„Wie kommen die Individuen, fragt Tarde im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, die voneinander getrennt in der Stadt, zerstreut in einem Land oder nur schwer füreinander erreichbar auf einem Kontinent leben, zu dem Gefühl, dass sie in einer gemeinsamen sozialen Welt leben? Die Antwort lautet: Indem sie eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen. Der Unterschied zwischen Zeitungs- und Buchlektüre liegt darin, dass das Empörende, Verschreckende oder Abstossende, von dem ich gerade lese, in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird, die, ebenfalls ein jeder für sich, auf dem Weg zur Arbeit oder sonstwo dieselbe Zeitung lesen. Die lebhafte Neugier, mit der der Abonnent noch in der Nachtkleidung am Morgen die Tageszeitung aus dem Briefkasten holt, wird von der unbewussten Einbildung gegleitet, dass eine grosse Zahl anderer Menschen im gleichen Augenblick ebenfalls zum Briefkasten unterwegs ist. Darin liegt das Geheimnis der Konstitution eines Publikums.“

Nach Tardes Ansicht hängt das Gefühl der Aktualität nicht an der bedrängenden Tatsächlichkeit der Ereignisse, sondern an der erregenden Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme. Aktuell ist auf diesem Hintergrund nicht das, was gerade stattgefunden hat, sondern was im Moment ein allgemeines Interesse weckt – auch wenn es sich um ein längst vergangenes Ereignis handelt. Aktuell ist auf diesem Hintergrund alles, was besprochen wird. Das fiebrige Interesse an Aktualität begründet die Assoziation, den Zusammenschluss eines Zeitungspublikums. Es kommt zu einer Gruppenbildung aufgrund von geteilten Erregungen.

Diese Gruppenbildung, dieses Wir-Gefühl wird über die Boulevardmedien hinaus verstärkt durch die sogenannten Sozialen Medien. Hier wird die Ansprache noch personalisierter und emotionalisierter, weil sie quasi unter Freunden und in einer Filterblase stattfindet, die den Eindruck vermittelt, dass alle so denken.

Das begünstigt Radikalisierung.

Heinz Bude schreibt:

„Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk schliesslich noch von den vorbereiteten Foren des Bürgerjournalismus emanzipiert und in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richtet, die in den ‚frivolen Jahren’ des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind. Sprecher dieser Stimmung wie die Komiker Beppo Grillo in Italien oder Dieudonné in Frankreich verleihen einem Systemmisstrauen in ihren Blogs mit Hunderttausenden von Followern Ausdruck, indem sie wieder eine vertikale Spaltung in den politischen Diskurs einführen: die Spaltung zwischen dem Palazzo, der die gleichgültigen, glatten und grausamen Mächtigen beherbergt, und der Piazza, wo das Volk murmelt, rumort und sich empört.

Gabriel Tarde wusste, dass aus einem überhitzten Publikum plötzlich eine kämpferische Masse werden kann, die durch die Strassen zieht oder sich auf Plätzen versammelt und Losungen und Parolen skandiert, die irgendetwas hochleben lassen oder irgendjemandem für irgendetwas die Schuld geben. In diesem Sinne liesse sich das Publikum als virtuelle Masse begreifen. Im Publikum bereitet sich vor, was in der Masse sich Luft verschafft. Der Absturz des letzlich passiven Publikums in die aktive Masse hat für Tarde etwas in höchstem Masse Gefährliches, findet seiner Wahrnehmung nach aber zum Glück nur selten statt.

Trotzdem ist der Umschlag immer möglich. Das Publikum führt ein, wie er an anderer Stelle sagt, schweigsames Leben, das zur friedlichen Verkettung der Möglichkeiten neigt, aber aufgrund zufälliger Bedingungen wie extremer Witterung, des Todes einer Ikone, eines bestimmten Tweets oder eines über Instagram geteilten Bildes oder Videos kann sich die Szene mit einem Mal wandeln.“

Heinz Bude zitiert zu diesem Punkt Gabriel Tarde:

„Eine Masse ist ein seltsames Phänomen: Sie ist eine Versammlung heterogener Elemente, die sich gegenseitig unbekannt sind; aber sobald ein Funke der Leidenschaft entstanden ist, der von einem ihrer Elemente ausgeht, wird dieses Durcheinander elektrisiert; auf diese Weise findet ein spontaner und plötzlicher Organisationsprozess statt. Die Inkohärenz wird kohärent, der Lärm wird zur Stimme; und die Tausende eng zusammengepferchten Leute verwandeln sich in nichts anderes als eine Bestie, ein wildes Tier ohne Namen.“

Zum Abschluss dieser Ergänzung noch ein Hinweis auf den Begriff „Disjunktion“, der hier im Sinne einer Spaltung der Gesellschaft steht. Der Begriff „Disjunktion“ wird auch in der Ökologie verwendet:

Die Disjunktion ist in der Ökologie ein Teilareal (Exklave), das vom übrigen Verbreitungsgebiet einer Pflanzen- oder Tierart räumlich getrennt wurde und mit den üblichen Verbreitungsmitteln dieser Art nicht überbrückt werden kann, aber noch ein Habitat darstellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Das sagt auch einiges aus über die gesellschaftliche Disjunktion.

Nun aber zurück zum Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“.

– „Fake News“ verbreiten sich im Netz schneller als echte News

Gefälschte Nachrichten wurden schon immer in Umlauf gebracht, sei es in Form von Leserbriefen oder von professioneller Desinformation.

Noch nie jedoch konnten Lügenbarone ihre Falschmeldungen so einfach und grenzenlos verbreiten und damit sogar direkt Gewinn machen mittels bezahlter Werbeanzeigen, die neben den „News“ eingeblendet werden.

Weshalb sind „Fake News“ so erfolgreich? Weshalb glauben Menschen auch noch den grössten Humbug?

Die Antwort ist simpel: Weil sie den gefälschen Nachrichten glauben wollen. Und sie wollen den gefälschten Nachrichten glauben, wenn sie ihrer eigenen Meinung entsprechen und in ihr Weltbild passen.

Für diese Menschen scheint es keine glaubwürdigen Medien zu geben, sondern nur glaubwürdige Meinungen. Und glaubwürdig ist nur diejenige Meinung, die sie in ihren Ansichten bestätigt.

In der Folge richten die Menschen das Bild in ihrem Kopf nicht mehr nach der Welt, sondern bauen sich die Welt nach dem Bild in ihrem Kopf. Die Menschen basteln sich immer öfter jene Realität, die präzis zu ihrer eigenen Meinung passt.

„Fake News“ sind daher dann erfolgreich, wenn sie (unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt), erwünscht sind.

Verkompliziert wird die Diskussion um „Fake News“, weil dieser Begriff inzwischen auch ins Gegenteil gewendet verwendet wird. Donald Trump bezeichnet Nachrichten als „Fake News“, wenn sie aus seiner Sicht besonders unerwünscht sind. Unter „Fake News“ fällt bei ihm, was er nicht hören will.

„Fake News“ sind gefälschte News. Nicht jede falsche Information ist deshalb „Fake News“. Eine Wetterprognose, die sich als falsch heraus stellt, ist keine „Fake News“.

Ergänzung:

Eine Website, die sich mit „Fake News“ im Internet befasst, ist http://www.mimikama.at.

 

– Filterblasen

Das Internet wäre eigentlich prädestiniert dafür, jede „Fake News“ sogleich als falsch zu entlarven, denn die richtigen Informationen sind im Netz in der Regel verfügbar. Eine Suchmaschine, in welche man die Kernbegriffe einer Story eingibt, genügt dazu in vielen Fällen.

Leider passiert im Internet aber das genaue Gegenteil. Das Netz wird mehr und mehr zur grossen „Fake-News-Schleuder“. Ein wichtiger Grund dafür sind die sogenannten Filterblasen, die ebenfalls mit der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zusammenhängen.

Wenn Sie ein Suchsystem bei Google oder Facebook nutzen, werden Ihnen Resultate gezeigt, die aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens im Internet zusammengestellt sind.

Google und Facebook sortieren die Ergebnisse speziell für Sie nach ihrer Wichtigkeit, nach ihrer „Relevanz“. Unter Wichtigkeit verstehen diese beiden privaten Supermächte allerdings nicht die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ein Ergebnis klicken. – also auf die Bedeutung, die das Ergebnis für Sie hat.

Noch genauer gesagt geht es bei der Reihenfolge der Ihnen präsentierten Ergebnisse um die höchste Wahrscheinlichkeit, Ihnen Werbung einblenden zu können, die zu Ihren Bedürfnissen passt.

Das kann auf den ersten Blick betrachtet auch angenehm erscheinen, hat aber drastische Nebenwirkungen. Google und Facebook präsentieren Ihnen mit ihren Suchresultaten nur noch jene Welt, die sie suchen. Diese von Algorithmen nach den Vorlieben der Benutzer zurechtgefilterte Welt nennt man Filterblase („Filter Bubble“). Sie entsteht überall dort, wo Computerprogramme Resultate so auswählen, dass die Klickrate zunimmt, dass also die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Benutzer auf ein Resultat klickt. Dieses Prinzip funktioniert also überall dort, wo es darauf ankommt, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die verheerenden Folgen von Filterblasen lassen sich sehr gut in den USA beobachten, die scharf in Republikaner und Demokraten getrennt sind.

Linksliberale Personen sehen nur noch linksliberale News, Konservative nur noch konservative. Die Fähigkeit, in einer gemeinsam geteilten Welt Kompromisse zu finden, wird dadurch stark reduziert.

Die Zeitung „Wall Street Journal“ hat eine Seite aufgeschaltet, auf der links ein liberaler Newsfeed läuft und rechts ein konservativer. Diese beiden Newsstränge zeigen zwei völlig verschiedene Welten.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir auch in der realen Welt in Filterblasen – entsprechend unserem Umfeld, unserem beruflichen oder bildungsmässigen Hintergrund.

Drei Gründe sprechen aber dafür, dass Google, Facebook & Co. dieses Problem drastisch verschärfen:

– Die Onlineangebote von Google, Facebook & Co. wenden einen geheimen Algorithmus an, sind also vollkommen intransparent. Sie können als Nutzer nicht wissen, weshalb sie online sehen, was Sie sehen.

– Sie haben keine Möglichkeit, auf diesen Plattformen dem Filter zu entkommen. Diese Seiten wollen uns möglicht gut gefallen und zeigen uns darum möglichst viele Dinge, die uns gefallen.

– Weil immer mehr Onlineangebote auf solchen Algorithmen basieren, wird es immer weniger möglich, dieser Filterblase zu entgehen.

Der Unterschied zur Nutzung klassischer Medien ist einschneidend: Wer durch eine Zeitung blättert oder durch die Fernsehprogramme zappt, stösst unvermeidlich auch auf Inhalte, die er oder sie nicht primär gesucht hat und die ihn oder sie nicht von vorneherein interessieren. Und manchmal werden solche Fundstücke dann doch konsumiert. Dieser Effekt heisst im Fachjargon „ Serendipity“, was sich übersetzen lässt mit „über die Ränder lesen“.

Online kommt dieser Effekt viel weniger zum Zug, weil wir sehr viel direkter und gezielter auf ein Ziel zusteuern. Wir sind online quasi im Schlüssellochmodus unterwegs. Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich genau den Ausschnitt, der unsere Aufmerksamkeit geholt hat, weil er unseren Erwartungen entspricht.

Aus der Filterblase hinaus zu treten bedeutet nicht, keine Meinung und keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet, sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, und damit auch jenen Menschen Respekt zu zollen, die anderer Meinung sind.

Ausserdem entdeckt man auf Umwegen nicht selten Wertvolles, dem man auf dem direktesten Weg nicht begegnet wäre. Der direkte Weg ist zwar oft der schnellste, aber er blendet auch sehr viel aus.

– Desensibilisierung

Alles, was unsere Aufmerksamkeit anspricht, unterliegt dem Gesetz der Desensibilisierung, oder etwas härter ausgedrückt: der Abstumpfung. Das Phänomen der Desensibilisierung lässt sich gut bei der Geschwindigkeit von Medien beobachten. Die Geschwindigkeit von Filmen hat sich über die Jahre dramatisch gesteigert. Die Reizintensität hat dadurch massiv zugenommen. Es braucht infolge dieser Entwicklung immer mehr und dichtere Reize, um dieselben Effekte wie früher zu erzeugen.

Auch erotische Reize, wie sie beispielweise in der Werbung eingesetzt werden, stumpfen ab. Es braucht immer mehr nackte Haut, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber auch die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen müssen grösser und schriller werden, die Sprache im Fernsehen lauter und deftiger.

Auch Nachrichten unterliegen der Desensibilisierung. Früher war ein ankommender Brief ein einzelnes Ereignis, das sich im Gedächtnis einbrannte und dort eine einzelne Spur hinterliess. Heute werden wir mit Nachrichten überschwemmt. Eine einzelne Nachricht hinterlässt in der Regel keine Spur mehr. Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Nachrichten von besonders glücklichen oder tragischen Ereignissen. Viele Menschen erinnern sich zum Beispiel noch an die Situation, als sie von den Anschlägen auf das Word Trade Center in New York erfuhren. Eine normale Facebook-Nachricht oder ein einzelnes SMS sind aber ausgesprochen flüchtige Ereignisse. Damit Nachrichten Spuren hinterlassen, müssen sie wiederholt vermittelt werden. Die einzelne Nachricht spielt keine Rolle, es braucht den kontinuierlichen Nachrichtenfluss, um Eindrücke zu erzeugen. Das stellt Medien vor die Herausforderung, laufend neue News anzubieten.

Solche Desensibilisierungseffekte machen es für die Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erreichen.

– Push-Meldungen

Push-Meldungen sind besonders wichtige Meldungen, die mit einem Alarmsignal versehen auf das Mobiltelefon ‚gepusht’ (also gestossen) werden, beim Surfen am Computer automatisch im Browser auftauchen oder sich durch Klopfen auf der Apple Watch melden. Für Medien sind Push-Meldungen die simpelste Form, um die Aufmerksamkeit der Benutzer zu bekommen.

Hinter jeder Push-Meldung verbirgt sich ein Beitrag mit einer ausführlichen Meldung. Mit wirksamen Push-Meldungen lassen sich Benutzer regelmässig auf das Angebot des Versenders lenken. Push-Meldungen sind oft weder eilig noch wichtig. Sie appellieren vielfach auch simpel an die Neugier des Benutzers und funktionieren dann nach dem altbewährten Boulevardprinzip. Sie treiben das Aufmerksamkeitsproblem auf die Spitze.

– Das Hirtenjungen-Problem

Mit dem Begriff „Hirtenjungen-Problem“ umschreibt Matthias Zehnder den Verlust der Glaubwürdigkeit von Medien mangels Sorgfalt im Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf geht auf den antiken griechischen Dichter Äsop zurück. Der Hirtenjunge hatte mehrfach mit „Der Wolf! Der Wolf!“ um Hilfe gerufen, obwohl kein Wolf da war. Als der Wolf dann wirklich kam, um ein Schaf zu reissen, und der Hirtenjunge wieder um Hilfe rief, kam niemand mehr zu Hilfe.

Die Medien können gar nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Publikums zu enttäuschen. Sie erscheinen regelmässig, egal ob sich etwas Wichtiges ereignet hat oder nicht. Die Medien haben Rezepte, mit denen sie auf Grossereignisse reagieren – zum Beispiel Sondersendungen. Für ereignislose Tage fehlen ihnen aber meist die Rezepte.

In solchen „Sommerloch-Zeiten“ ist die Versuchung sehr gross, Ereignisse herbeizuschreiben und unbedeutende Geschehnisse aufzublasen. Die Ereignislosigkeit wird durch die Medien nicht abgebildet. Sie warnen quasi vor Wölfen, die gar nicht existieren. Medien aber, die mehrmals ohne Anlass nach Aufmerksamkeit rufen, werden mit dem Enzug von Aufmerksamkeit bestraft.

– Die Briefträger-Verzerrung

Matthias Zehnder nennt die „Briefträger-Verzerrung“ eine „alte Journalistenweisheit“ und beschreibt sie so:

„Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn ein Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale, hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Aussergewöhnliche, das Überraschende…….“

Das hat einschneidende Konsequenzen:

„….Wenn nie gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, aber immer gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, verkehrt sich unser Weltbild ins Gegenteil dessen, was tatsächlich der Fall ist. Also glauben wir mit der Zeit, dass sehr viele Briefträger Hunde beissen und ganz wenige Hunde Briefträger beissen.“

Die „Briefträger-Verzerrrung“ ist im Bereich der Nachrichten laufend zu beobachten, zum Beispiel wenn über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Terrorattacken und andere Katastrophen berichtet wird. Flugzeuge stürzen sehr selten ab und kommem dabei zuverlässig in die News. Über planmässig landende Flugzeuge wird dagegen nicht berichtet. Darum wird das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, systematisch überschätzt – und beispielsweise das Risiko von Gesundheitsgefährdungen wie der Luftverschmutzung oder mangelnder Bewegung unterschätzt.

Wenn Medien zunehmend auf die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit fokussiert sind, steigert das die „Briefträger-Verzerrung“ und bewirkt in der Folge, dass wir uns ein falsches Bild der Welt machen. Das ist in einer direkten Demokratie fatal, weil das Bild, das wir uns als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Welt machen, unser Abstimmungsverhalten beeinflusst.

Als eine Variante der „Briefträger-Verzerrung“ beschreibt Matthias Zehnder das

Konflikt-Prinzip: „Medien suchen den Konflikt.“

Für die Medien ist eine Geschichte dann interessant, wenn sie sich als Konflikt darstellen lässt. Insbesondere die Boulevardmedien suchen das Drama, die Zuspitzung. Je stärker die Medien auf Aufmerksamkeit angewiesen sind, desto mehr stellen sie die Welt als dramatischen Kampf dar. Matthias Zehnder schreibt dazu:

„Aus den harmlosen Gesprächen über eine Rentenreform wird ein ‚Ringen um unsere Renten’, aus der simplen Diskussion über die Klimaerwärmung wird der ‚Showdown’, die Wissenschaftler stehen sich ‚unversöhnlich’ gegenüber und kämpfen mit ‚harten Bandagen’.“

Dieser Kampf sei umso dramatischer, je ausgeglichener die Kräfte sind. Auch das verzerre das Bild der Welt. Am augenfälligsten sei das bei der Diskussion über den Klimawandel:

„99 von 100 Wisssenschaftlern sind sich heute einig, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. Jeder Fernsehsender wird für eine Diskussion über den Klimawandel aber einen ‚Bestätiger’ und einen ‚Leugner’ einladen. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, dass die Diskussion fifty-fifty steht.

Wollte ein Fernsehsender die Diskussion über den Klimawandel korrekt abbilden, müsste er 99 Wissenschaftler einladen, die sich für einen menschengemachten Klimawandel aussprechen, und einen, der den Klimawandel leugnet.“

Entsprechend dem Konflikt-Prinzip erhalten kontradiktorische Diskussionen und Darstellungen in den Medien mehr Aufmerksamkeit – vermitteln manchmal aber auch ein völlig falsches Bild und neigen stark zur „Briefträger-Verzerrung“. Diskussionen in den Medien sind spannender, wenn sie nicht einfach die vorherrschende Meinung abbilden, sondern wenn Vertreter von Extrempositionen eingeladen werden. Sie sind zuverlässige Garanten dafür, dass Diskussionen nicht konstruktiv (und damit etwas langweilig) verlaufen, sondern konfliktbeladen und damit erregend.

Daraus entsteht eine doppelte „Briefträger-Verzerrung“:

Erstens werden Extrempositionen nur schon dadurch salonfähig, dass sie Sendezeit bekommen. Ihre Vertreter erhalten dadurch Gelegenheit, ansonsten eher Undenkbares auszusprechen und in den Raum zu stellen.

Zweitens hinterlassen Diskussionen mit Extrempositionen den Eindruck von tiefen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen, weil sie gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen.

Dabei stehen sich im realen Leben nur die Extrempositionen so unversönlich gegenüber, und die grosse Mehrheit in der Gesellschaft steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich problemlos auf eine konstruktive Lösung einigen.

Die starke Fokussierung auf Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende „Briefträger-Verzerrung“ führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

– Boulevardmedien und Boulevardpolitik Hand in Hand

Extrempositionen werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Entsprechend werden auch Politiker mit extremen Ansichten häufiger eingeladen (SVP-Nationalrat Rogel Köppel ist bspw. gern gesehener Gast in deutschen Talkshows). Dadurch verstärken sich Medien und (extreme) Politik gegenseitig. Beide hängen quasi an der Droge „Aufmerksamkeit“. Politiker können sich am leichtesten Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun.

Vor allem Tabubrüche werden von den Medien gerne weiterverbreitet und ausgewalzt, weil das auch für sie Aufmerksamkeit generiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gegenüber ZEIT ONLINE (27. 9. 2017):

„‎Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.“

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit geraten und werden in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Es kommt zu einer fatalen Symbiose von Politik und Medien im Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist eine Boulevardpolitik, die nicht Probleme löst, sondern sich im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit inzeniert.

Die Boulevardisierung der Medien führt zu einer Boulevardisierung der Politik. Das ist speziell in einer direkten Demokratie wie der Schweiz fatal, weil sich die Politik in der direkten Demokratie in der Öffentlichkeit abspielen muss – und darum auf Aufmerksamkeit angewiesen ist.

Laut Matthias Zehnder kommt es aber noch schlimmer: „Die Folge der Aufmerksamkeitsfalle, in der die Medien (und die Politik) stecken, ist letzlich Populismus.“

– Weshalb in der Aufmerksamkeitsfalle der Populismus lauert

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller beschreibt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ den Populismus als „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen. – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören“. Populisten wenden sich also im Namen des Volkes gegen die Eliten, wobei sie der Ansicht sind, dass einzig sie „das wahre Volk vertreten; alle anderen vermeintlichen Repräsentanten der Bürger seien auf die eine oder andere Art illegitim“. Der Schlachtruf der Populisten ist also weniger „Wir sind das Volk“ als vielmehr „Nur wir vertreten das Volk“.

In einer modernen Demokratie gibt es aber kein homogenes Volk, sondern viele verschiedene Interessen, Perspektiven und Meinungen, die miteinander um Lösungen ringen.

In einer Demokratie besitzt auch niemand die absolute Macht, auch nicht das Volk. Es gibt vielmehr ein System von „Checks and Balances“ mit Institutionen wie einem Verfassungsgericht oder Bundesrichtern, die für eine Gewaltenteilung auf allen Ebenen sorgen. Populisten lehnen deshalb solche Institutionen ab, weil sie diesen einen, angeblich moralisch richtigen Volkswillen zum Beispiel mit Gerichtsurteilen verwässern.

Und wie tragen die Massenmedien zum Aufkommen des Populismus bei? 

Massenmedien und populistische Politik sind eng miteinander verwoben. Beide sind abhängig von Aufmerksamkeit und profitieren voneinander.

Populisten befinden sich permanent im Wahlkampf und buhlen um die Masse. Dabei bedienen sie sich derselben Mittel wie eine auf Masse und Aufmerksamkeit fokussierte Publizistik. Populistische Parteien, Bewegungen und Politiker könnten nicht existieren ohne die Nutzung von Massenmedien und die Grundzüge populistischer Politik kommen den Massenmedien entgegen.

Matthias Zehnder verweist an diesem Punkt auf die Kommunikationswissenschafterin Beate Ociepka. Sie hat drei wesentliche Merkmale populistischer Politik beschrieben, die sich besonders dafür eignen, von den Medien zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung aufgenommen und genutzt zu werden:

1.) Das Charisma des populistischen Anführers ist wichtiger als politische Programme. Das kommt der Neigung der Medien zur Personalisierung entgegen. Jedes Thema wird wenn möglich an Personen aufgehängt.

2.) Populisten setzen auf eine vereinfachte Form der Kommunikation und stützen sich darum mehr auf emotionale als auf rationale Argumente (entspricht der Emotionalisierung im Boulevard) und auf einseitige anstelle von differenzierter Darstellung (kommt dem Konflikt-Prinzip der Medien entgegen).

3.) Die populistische Politik wird zum Spektakel (zum Beispiel durch Tabubrüche und Grenzüberschreitungen).

Diese Aufzählung lese sich wie ein Wunschkatalog von Boulevardmedien an die Politik, schreibt Matthias Zehnder. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik seien natürliche Partner:

„Populisten vereinfachen, spitzen zu, emotionalisieren. Sie teilen die Welt ganz simpel in Freund und Feind, in Gut und Böse. Sie bedienen sich alter Stereotypen und sind deshalb fremdenfeindlich und nationalistisch. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen ‚die da oben’ an. Schliesslich ist er der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und ‚great again’ macht. All diese Eigenschaften machen populistische Politiker zum Lieblingsobjekt von Boulevardmedien.“

Aber auch seriöse Medien können sich diesen Effekten nicht entziehen. Wenn Donald Trump lügt ist es für sie ein Skandal, über den sie gross berichten. Beispielsweise hat Trump wiederholt behauptet, Obama habe ihn im Wahlkampf abgehört. Dieser ungeheure Vorwurf wird noch durch die Provokation gesteigert, dass Trump es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, ihn durch Belege glaubhaft zu machen.

Die ständige Berichterstattung über solche Lügen machen sie grösser, hämmern sie in die Köpfe der Medienkonsumenten und lassen sie als eine reale Möglichkeit erscheinen (zumindestens bei Trumps Anhängern, und auf die kommt es ihm an).

Seriöse Medien sind darauf fokussiert, die Wahrheit zu finden. Im Populismus gibt es aber diese Wahrheit nicht mehr. Wahrheit wird zu einer Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten (wir erinnern uns: Trumps Sprecherin präsentierte „Alternative Fakten“).

Wenn seriöse Medien nachweisen, dass Trump lügt, dann sagt Trump: „Die Medien lügen, sie sind Fake News“. Wenn Wahrheit kein unabhängiger Referenzwert mehr ist, dann bestimmt der Stärkere, was als wahr zu gelten hat – und der Stärkere ist dann derjenige, der die Medien dominiert. Und das ist, weil er dem Aufmerksamkeitsbedarf der Medien so gut in die Hände spielt, der Populist.

Matthias Zehnder schreibt:

„Je stärker die Medien in der Aufmerksamkeitsfalle sitzen und um die Aufmerksamkeit ihrer Leser, Hörer und Zuschauer buhlen, desto eher werden sie zur Beute populistischer Politik. Populismus führt im Endeffekt zu einer iliberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letzlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.“

Wege aus der Aufmerksamkeitsfalle

Dass Medien in der Aufmerksamkeitsfalle stecken ist nicht nur für die Medien von Bedeutung, sondern für uns alle. Denn die Folgen dieser Entwicklungen sind für Politik und Gesellschaft unerwünscht.

Matthias Zehnder befasst sich gegen Schluss seines Buches mit Wegen aus der Aufmerksamkeitsfalle – einerseits für die Medien und anderseits für das Publikum.

Welche Auswege für die Medien?

Zehnder ist der Ansicht, dass die Hinwendung zu einer rein aufmerksamkeitsorientierten Publizistik für die meisten Medien eine Sackgasse ist. Er begründet das mit dem Phänomen der Desensibilisierung und weil es im unendlich grossen Medienschlaraffenland nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf Dauer zu erhalten. Zwar brauche jedes Medium Aufmerksamkeit, doch gehe es um den Grund, warum es zum Aufmerken komme, also um die Ursache für ein Umschalten von „awareness“ zu „attention“.

Wenn dieses Aufmerken rein Neugier-basiert sei, dann sei die Aufmerksamkeit eine flüchtige und untreue Angelegenheit. Sie wende sich dem jeweils stärksten Reiz zu – und von diesem sogleich wieder ab, wenn ein anderer, stärkerer Reiz auftauche. Weil die Empfindlichkeit der Menschen sich wiederholenden Reizen gegenüber abnehme, brauche es immer stärkere Reize. So öffne sich die Aufmerksamkeitsfalle.

Matthias Zehnder zieht daraus den Schluss, dass die Aufmerksamkeit nicht aufgrund eines Reizes dem Medium zugewendet werden darf, sondern aufgrund eines Entscheides.

Früher, in der Vergangenheit, basierte die Mediennutzung auf einem Entscheid und der daraus sich entwickelnden Gewohnheit.

Gewohnheit kann aber nicht die Lösung sein, welche die Medien heute anstreben. Es braucht viel Zeit, bis Gewohnheiten aufgebaut sind und für die grosse Mehrheit der heutigen Bürgerinnen und Bürger scheint das kein atttraktives Angebot zu sein – sie verpflegt sich lieber jeweils spontan am grossen Medienbuffet.

Wenn sowohl die Aufmerksamkeit aus Neugier aufgrund von Reizen als auch aus Gewohnheit nicht realisierbar sind, bleibt nach Ansicht von Matthias Zehnder nur eine Lösung: Nutzen.

Das Medienangebot muss einen klar ersichtlichen Nutzen schaffen.

Für eine politische Zeitung würde das heissen: Information ohne Sensation, Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung anstelle von Blut und Brüsten.

Der Nutzen eines solchen Medienangebots zeigt sich daran, ob seine Benutzer bereit sind, dafür zu zahlen, schreibt Zehnder.

Was können Medienkonsumenten tun?

Dieser Abschnitt ist im Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ leider etwas gar kurz. Zehnder weißt darauf hin, dass das Angebot der Nachfrage folgt. Er rät, die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit zu belohnen. In der Medienwelt steuert der Kunde mit seinem Verhalten das Angebot. Wer häufig auf Nackedeis klickt, wird mehr Nackedeis bekommen. Als Medienkonsument kann man sich auch vornehmen, nicht jeder Versuchung für einen Neugier-Klick nachzugeben.

Das sind allerdings sehr individuelle Lösungen, nicht ganz ohne Einfluss, aber mit doch sehr begrenzter Wirkung.

Darum sollten diese individuellen Verhaltensmassnahmen ergänzt werden durch grundsätzlichere Ansätze, auf die Zehnder abschliessend zu sprechen kommt:

„Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowd-funding oder den Kauf von Medien.“

Mir fehlt hier noch eine gesellschaftlich-politische Ebene. Vielleicht braucht es auch Rahmenbedingungen, um die Qualität der Medienlandschaft zu schützen. Zum Beispiel könnte man Facebook, Google & Co. unter das Presserecht stellen. Diese privaten Supermächte müssten dann Verantwortung übernehmen für ihre Inhalte, so wie das klassische Medien auch müssen.

Abschliessend hält Matthias Zehnder ein beherzigenswertes „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das Überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017,

Das sehr empfehlenswerte Buch ist erhältlich in meinem Buchshop.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Was ist Populismus? Und was nicht? Eine Zusammenfassung des Essays von Jan-Werner Müller.

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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