Archive for the ‘Gesellschaftliches’ Category

Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie begrüsst erleichterte Zulassung für Cannabis-Medikamente

Mittwoch, August 18th, 2010

Die Entscheidung der Regierungskoalition, Zulassung und Verordnungsfähigkeit von Fertigarzneimitteln mit natürlichen oder synthetischen Cannabis-Wirkstoffen (Cannabinoiden) zu erleichtern, wird von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. und der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga e.V. unterstützt. „Es ist an der Zeit, Cannabis aus der Schmuddelecke zu holen“,erklärt der Göppinger Schmerzmediziner Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie und Vizepräsident der Deutschen Schmerzliga.

Mit dem teilsynthetisch hergestellten Cannabinoid Dronabinol, das aus natürlichen Cannabinoiden gewonnen wird, haben die Schmerztherapeuten bei verschiedenen Schmerzerkrankungen gute Erfahrungen gemacht. Denn Dronabinol darf – im Gegensatz zum natürlichen Extrakt der Hanfpflanze – auch schon unter den geltenden gesetzlichen Regelungen produziert und ärztlich verordnet werden. Zum Einsatz kommt die Substanz zum Beispiel bei Schmerzen nach Polioerkrankungen oder Schmerzformen wie Fibromyalgie, die durch eine mangelhafte körpereigene Schmerzkontrolle ausgelöst werden. Auch spastische Schmerzen bei Multipler Sklerose können mit dem Hanfwirkstoff häufig besser behandelt werden als mit anderen Medikamenten. „Wenn Gesetzesänderungen dazu führen, dass Cannabinoide generell leichter erforscht, zugelassen und verordnet werden können, begrüßen wir dies, weil es neue Therapieoptionen eröffnet“, erklärt Müller-Schwefe.

Durch die geplante Gesetzesänderung soll aber auch eine Praxis legalisiert werden, welche Schmerztherapeuten und Palliativmediziner schon lange aus der Not heraus pflegen: Sie lagern für Notfälle starke Schmerzmittel (Opioide) ein, die Patienten zurückgegeben haben, weil sie diese nicht mehr brauchen. Denn es geschieht immer wieder, dass Schmerzmediziner Patienten am Wochenende notfallmäßig ein starkes Schmerzmittel verordnen müssen, die Apotheken jedoch keine vorrätig haben. „Wir freuen uns, dass die Politik nun endlich unsere Forderungen umsetzt und unser Vorgehen legalisiert“, sagt der Schmerzmediziner Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe.

Quelle:

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=31106

Kommentar & Ergänzung:

Ich gehe mal davon aus, dass die geschilderte Praxis, wonach in der Palliativmedizin Opioide quasi illegal für Notfälle gehortet werden müssen, in der Schweiz nicht vorkommt – und dass bei uns die notwendigen Medikamente zur verfügen stehen.

Dronobinol ist auch in der Schweiz ein Thema. Infos dazu hier:

Cannabis als Heilmittel zulassen!

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/09/21/cannabis-als-heilmittel-zulassen.html

Interessant in der Stellungnahme der Gesellschaft für Schmerztherapie ist der Hinweis auf Polio (Kinderlähmung) und Fibromyalgie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Deutschland: Verschreibung von Cannabis soll vereinfacht werden

Mittwoch, August 18th, 2010

In Deutschland sollen künftig Cannabis-Medikamente leichter auf Rezept zu erhalten sein. Nach FDP-Angaben haben die Koalitionsfraktionen grundsätzlich Einigung erzielt über eine entsprechende Änderung des Betäubungsmittelrechts. Die Gesetzesänderung solle ermöglichen, Cannabis-Medikamente in Deutschland herzustellen und für eine Behandlung zu verschreiben. Auch die Versorgung sterbender Menschen will die Koalition verbessern, um in der letzten Lebensphase deren Schmerzen zu lindern. Heime und Hospize dürften dann über Notfallvorräte an Betäubungsmitteln verfügen. «Damit stehen schwerstkranken Menschen jederzeit schmerzlindernde Mittel zur Verfügung», sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagfraktion, Ulrike Flach.

Bislang müssen Betroffene oft langwierig mit Behörden, Ärzten und Kassen um die Nutzung von Cannabis-Arznei kämpfen. Nach Auskunft der Arbeitsgemeinschaft «Cannabis als Medizin» (ACM) dürfen derzeit bundesweit nur 40 Patienten derartige Medikamente aus der Apotheke beziehen. Vor knapp zwei Jahren hatten Union, SPD und FDP im Bundestag noch gegen die erleichterte Verwendung von Cannabis in der Medizin votiert. Die Kritiker warnten damals hauptsächlich vor dem Suchtpotenzial und zweifelten am medizinischen Nutzen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=34892&Nachricht_Title=Nachrichten_Cannabis%3A+Verschreibung+wird+vereinfacht&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Ankündigung, doch ist bleibt im Moment noch offen, ob den Worten auch Taten folgen.

Die Entkriminalisierung der medizinischen Anwendung von Cannabis – zum Beispiel zu Linderung von Übelkeit und Erbrechen bei Krebspatienten unter Chemotherapie, gegen Appetitlosigkeit bei AIDS und Krebs, zur Linderung der Spastik bei Multiple Sklerose – ist überfällig.

Schwerkranken ein Heilmittel vorzuenthalten, das ihre Beschwerden lindert (und zudem sehr wenig kostet), ist unverantwortlich. Die Warnung vor dem „Suchtpotenzial“ als Gegenargument ist im Kontext medizinischer Anwendung sehr schwach. In der Medizin werden zahlreiche Substanzen als Arznei eingesetzt, deren Suchtpotenzial wesentlich klarer auf der Hand liegt als bei Cannabis. Im Rahmen der medizinischen Anwendung bei Schwerkranken kann dies meines Erachtens kein ernsthaftes Argument sein.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Bevölkerung akzeptiert Cannabis als Arzneimittel

Dienstag, August 17th, 2010

Der Einsatz von Cannabis zur Behandlung Schwerkranker findet in Deutschland einer Umfrage zufolge breite Zustimmung. Bei einer Emnid-Befragung im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft «Cannabis als Medizin» (ACM) waren über 75 Prozent der angerufenen Bürger dafür, Cannabis-Produkte zur Behandlung chronischer Schmerzen oder zur Linderung der Spastiken bei Multipler Sklerose zuzulassen. Das teilte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft „Cannabis als Medizin“, Franjo Grotenhermen, mit. Die Zustimmung gehe quer durch die Bevölkerung, stellte Grotenhermen fest. Am meisten Zustimmung gab es in gebildeten Schichten, bei Männern und bei Anhängern der kleineren Parteien FDP, Grüne und Linkspartei. Auffallend ist die mit 55 Prozent vergleichsweise geringe Akzeptanz von Cannabis-Medizin bei Schülerinnen und Schülern.

Das Resultat der Befragung von 1001 Bürgern hat wenig mit dem eigenen Cannabis-Konsum der Befragten zu tun. Der Großteil der Interviewten gab zu Protokoll, selber nie Cannabis geraucht zu haben. Trotzdem sprachen sich auch aus dieser Gruppe 73 Prozent für die medizinische Nutzung aus. Die ACM hatte auch fragen lassen, wie die Bundesbürger zur Übernahme der Kosten für eine Cannabis-Therapie stehen. Rund zwei Drittel (65 Prozent) der Befragten sprachen sich für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen aus.

Bisher müssen Betroffene oft langwierig mit Behörden, Ärzten und Kassen um die Nutzung von Cannabis-Medizin und die Übernahme der Kosten kämpfen. In Deutschland dürfen laut Grotenhermen nur 40 Patienten Cannabis aus der Apotheke beziehen. In anderen Ländern wie zum Beispiel Kanada und Spanien seien verschiedene Cannabis-Medikamente zugelassen. «Außerdem werden Kranke, die sich selber mit Cannabis versorgen, in diesen Ländern strafrechtlich nicht verfolgt», erklärte Grotenhermen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Unabhängig von der Rauschdrogenproblematik  rund um Cannabis gilt es meines Erachtens festzuhalten, dass dieses Gewächs zweifellos zu den Heilpflanzen gehört. Aufgrund der Illegalität wird die Wirkung von Cannabis nur in wenigen Phytotherapie-Fachbüchern umfassender besprochen. Eine gute Zusammenfassung findet sich beispielsweise im „Heilpflanzenlexikon“ von Dietrich Frohne. Gut durch Studien belegt ist die Linderung der Spastik bei Multiple Sklerose, die appetitfördernde Wirkung bei Krebspatienten und AIDS-Patienten sowie die Linderung von Übelkeit und Erbrechen bei Krebspatienten unter Chemotherapie.

Dass schwer kranke Menschen, die sich mit Cannabis Linderung verschaffen können, potentiell oder defacto kriminalisiert werden, ist meiner Ansicht nach unakzeptabel. Dass ein überwiegender Teil der Bevölkerung – jedenfalls in Deutschland – dies inzwischen offenbar auch so sieht, ist erfreulich.

Ich schreibe dies als jemand, der selber mit Cannabis nichts um Hut hat, aber im Falle einer entsprechenden Erkrankung gerne auf diese Heilpflanze zurückgreifen können  möchte.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin: Populistische Sprüche aus der Politik

Sonntag, August 15th, 2010

Wie in der Schweiz, ist auch in Deutschland der Bereich Komplementärmedizin auf der politischen Ebene überwiegend in der Hand von Populistinnen und Populisten.

Es herrscht eine ziemlich naive und undifferenzierte Vorstellung von der sanften, wunderbaren Komplementärmedizin, die nur Gutes tut und ach so menschenfreundlich ist.

Ein Beispiel dafür lieferte vor kurzem die Gesundheitsministerin von Sachsen. „Bild“ berichtete:

„Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) sieht Homöopathie auf dem Vormarsch. ‚Die Alternativmedizin hat sich innerhalb von 40 Jahren in der deutschen Gesellschaft positiv und fest verankert. Ein Trend, der nach wie vor andauert’, erklärte sie anlässlich der nach dem Begründer der Homöopathie benannten 14. ‚Meißner Hahnemanntage’ am Wochenende. Viele Menschen vertrauten etwa bei der Behandlung von Erkältungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen und Hautkrankheiten auch auf alternative Heilmethoden. Entscheidend sei, was dem Patienten hilft – und ‚nicht die Frage Schul- oder Komplementärmedizin’. Clauß nannte dies ‚zwei Wege, ein Ziel’.“

Quelle:

http://www.bild.de/BILD/regional/leipzig/dpa/2010/04/11/ministerin-sieht-homoeopathie-auf-dem-vormarsch.html

Kommentar & Ergänzung:

Entscheidend sei, was dem Patienten hilft. Das ist einer von diesen tollen, gut klingenden Politikersprüchen, die konkret kaum etwas aussagen und die man auch in die Runde werfen kann ohne vorgängige Auseinandersetzung mit dem Thema.

Entscheidend wäre nämlich die Frage:

Wie stellt man fest, was dem Patienten hilft?

Bei jeder Behandlung trägt ein Placebo-Effekt mehr oder weniger stark zur Besserung bei.

Der überwiegende Anteil der Beschwerden bessert auch ohne Behandlung.

Gerade bei den von Christine Glauss als erfolgreiche Beispiele aufgeführten Erkältungen und  Kopfschmerzen handelt es sich normalerweise um selbstlimitierende Krankheiten. Sie bessern auch ohne Therapie. Auch Kreislaufstörungen verschwinden normalerweise wieder, andernfalls landet man ziemlich schnell auf einer Intensivstation.

Und zu chronischen Verläufen gehört erfahrungsgemäss ein Auf und Ab. – beispielsweise bei den von Glauss erwähnten Hauterkrankungen. Ob eine Besserung der Therapie zu verdanken ist oder nur einer natürlichen vorübergehenden Aufhellung im Krankheitsverlauf, lässt sich in der Regel nicht so einfach feststellen.

Werden nun alle diese Faktoren einfach der angewandten Behandlungsmethode gut geschrieben, ist das nicht sauber und nicht ehrlich. Genau dies geschieht aber sehr oft im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin. Vermieden wird damit eine differenzierende Betrachtungsweise, auch von Politikerinnen und Politikern, die pauschalisierend und simplizisitisch verkünden, dass schon richtig sei, was dem Patienten hilft.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es darum geht, ob eine Methode von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll. Gilt hier auch der naive Grundsatz, dass bezahlt wird, was dem Patienten hilft? Ohne weitere Kriterien?  Ohne Differenzierung zwischen  Effekten, die ein Medikament bzw. eine Therapie für sich bewirkt, und Besserung bringenden Kontextfaktoren wie Placebo-Effekt, Selbstheilkung, schwankender Krankheitsverlauf?

Dann würde ich sagen: Mir hilft Pilates, also möchte ich Pilates von der Grundversicherung bezahlt haben. Anderen tut vielleicht eine Wallfahrt nach Lourdes gut. Wenn entscheidend ist, was dem Patienten hilft, müsste die Wallfahrt von den Krankenkassen bezahlt werden.

Entscheidend wäre eine offene, transparente Diskussion der Kriterien, nach denen entschieden wird, ob eine Therapie bzw. ein Heilmittel  von der Grundversicherung bezahlt wird. Politikerinnen und Politiker, welche nur immer wieder den simplen Satz wiederholen, dass es nur darauf ankommt, was dem Patienten hilft, vermeiden diese komplexen Diskussionen und  beschränken sich auf billigen Populismus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pharmastudien glänzen häufiger mit günstigem Resultat

Montag, August 9th, 2010

Auch nach der Einrichtung des Registers ClinicalTrials.gov enden die Resultate von klinischen Studien häufiger mit einem positivem Resultat, wenn sie von den Herstellern gesponsert wurden. Dies zeigte eine Studie in den Annals of Internal Medicine (2010; 153: 158-166), deren Interpretation allerdings schwierig ist.
ClinicalTrials.gov wurde im Jahre 1999 eingerichtet, um auszuschliessen, dass Studien mit einem negativen Ausgang von den Herstellern unter den Tisch gefallen lassen werden. Denn dann könnte in den Meta-Analysen, auf die sich zunehmend die Empfehlungen der Leitlinien stützen, ein zu günstiger Eindruck von der Wirksamkeit der Medikamente entstehen. 

Im Jahr 2005 kündigte eine Gruppe von Fachzeitschriften, die sich zum International Committee of Medical Journal Editors zusammengeschlossen hat, an, nur noch Studien zu veröffentlichen, die vor ihrem Start bei ClinicalTrials.gov registriert wurden. Und seit dem Jahre 2007 hat sich auch die US-amerikanische Arzneibehörde FDA dieser Pflicht zur Präregistrierung angeschlossen – ausgenommen davon sind nur Phase I-Studien.

Durch diese Vorsichtsmaßnahmen sollte ein sogenannte Publication Bias verhindert werden. Umso überraschender sind die Resultate der Untersuchung von Florence Bourgeois vom Children’s Hospital in Boston und Mitarbeitern, die den Ergebnissen von 546 Studien nachgegangen sind, die zwischen 2000 und 2006 durchgeführt und auf ClinicalTrials.gov registriert wurden.

Die Arbeit von Florence Bourgeois erfasst Studien zu fünf Behandlungen: Cholesterinsenker, Antidepressiva, Antipsychotika, Protonenpumpeninhibitoren und Vasodilatatoren. In den ersten drei Jahren nach der Beendigung der Studien wurden die Resultate in drei Viertel der Fälle veröffentlicht, wie die Wissenschaftler durch Recherchen in Datenbanken und durch direkte Nachfragen bei den Autoren ermitteln konnten. 

Warum die Resultate der anderen Studien zurückgehalten wurden, ist nicht bekannt. Auffällig war aber, dass die Resultate der vom Hersteller gesponserten Studien häufiger nicht oder verspätet veröffentlicht werden: Die Publikation der Studien erfolgte nur in 32,4 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Bei den Studien, welche von unabhängigen Organisationen finanziert wurden, war der Anteil mit 56,2 Prozent fast doppelt so hoch.
Verdächtig ist auch, dass die von der Industrie gesponserten Studien zu 85,4 Prozent zu einem günstigen Resultat kamen, gegenüber nur 50 Prozent der von der Regierung geförderten Studien und 71,9 Prozent der Studien, die von Nonprofit-Organisationen finanziert wurden. Letztere werden nicht selten durch die Industrie mitfinanziert. Sie erhöhten den Anteil der Studien mit einem günstigen Resultat von 61,2 auf 85 Prozent.
Die Resultate bedeuten nicht automatisch, dass es den Herstellern gelungen ist, die Kontrollen zu unterlaufen. Eine mögliche Erklärung wäre auch, dass die Hersteller häufiger Wirkstoffe testen lassen, die größere Aussichten auf eine Wirksamkeit haben. Für diese Erklärung spricht, dass der Anteil der Phase-III-Studien größer war als bei den unabhängigen Studien. Da diese Studien sehr teuer sind, haben die Hersteller ein wirtschaftliches Interesse daran, Studien zu Medikamenten mit geringen Erfolgsaussichten zu vermeiden. Die jetzige Untersuchung zeigt aber, dass Meta-Analysen nur die zweitbeste Möglichkeit zur Beurteilung von medizinischen Therapien sind.

Quelle:
www.aerzteblatt.de

http://www.e-healthcaresolutions.com/ACP/januvia-annals-0610-inter.php?url=http://www.annals.org/content/153/3/158.abstract

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/42229/Pharmastudien_glaenzen_haeufiger_mit_positivem_Ergebnis.htm

Kommentar & Ergänzung:

Das Zurückhalten negativer Studien, der sogenannte „publication bias“,  ist ein ernsthaftes Problem in der Pharmaforschung. Und dies allerdings nicht nur im Bereich synthetischer Medikamente. Die Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin (z. B. Homöopathie-Forschung) und Phytotherapie ist nicht weniger davon betroffen. Auch hier wird gern publiziert, was einen günstigen Einfluss zeigt und ebenso gern verschwiegen, was der Vermarktung abträglich wäre. Es gilt daher, in allen Bereichen ein scharfes Auge auf dieses Phänomen zu werfen und sich der dadurch möglichen Verzerrungen bewusst zu bleiben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Warum Komplementärmedizin?

Dienstag, August 3rd, 2010

„Über wirksamere Methoden verfügen Naturheilkundler wohl nicht. Was sie der Schulmedizin voraushaben: Sie hören zu, fassen ihre Patienten mehr an und widmen ihnen viel Zeit,“ schreibt Prof. Edzard Ernst im der Zeitschrift „Stern“.

Die Aussage, dass Naturheilkundler wohl nicht über wirksame Methoden verfügen, ist mir etwas gar pauschal. Hier wäre in erster Linie eine genaue Definition von „Naturheilkunde“ gefragt.

Siehe:

Naturheilkunde – was ist das?

Zählt man nämlich zur Naturheilkunde beispielsweise die 5 Säulen nach Sebastian Kneipp – Hydrotherapie, Ernährung, Bewegung, Phytotherapie, Lebensordnung – dann findet man darin durchaus Anwendungen, die sich auch wissenschaftlich erklären und belegen lassen. Edzard Ernst selber hat sich immer wieder positiv zu verschiedenen Forschungen in der Phytotherapie geäussert. Wahrscheinlich meint er mit seiner Aussage im Stern mehr den viel unübersichtlicheren, sehr heterogenen Bereich der Komplementärmedizin.

Siehe: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Sehr interessant am Text von Ernst ist seine Ansicht dazu, was Naturheilkundler der Schulmedizin voraus haben:

Sie hören zu, fassen ihre Patienten mehr an und widmen ihnen viel Zeit.

Darüber lohnt es sich meines Erachtens vertieft nachzudenken.

Hier eine bearbeitete Zusammenfassung des Textes mit anschliessendem Kommentar:

Rund zwei Drittel aller Deutschen schätzen komplementärmedizinische Therapieverfahren. Dies obwohl die konventionelle Medizin heute effektiver ist als je zuvor – und die Wirksamkeit der meisten Alternativmethoden alles andere als gut belegt. Dass Komplementärmedizin dennoch so beliebt ist, führen Fachleute darauf zurück, wie ihre Vertreter mit Patienten umgehen.

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die Beziehung von Therapeut und Patient in der Komplementärmedizin in entscheidenden Punkten anders aussieht als in der Schulmedizin. Naturheilkundler nehmen sich beispielweise meist mehr Zeit. Sie hören zu und können dadurch auf die Belange ihrer Patienten besser eingehen. Diese legen viel Wert auf Empathie, Sympathie, Einfühlungsvermögen und Offenheit. Das sind Qualitäten, die im Alltag der konventionellen Praxis leider häufig hintenanstehen.

Hinzu kommt der körperliche Kontakt – ein wenig beforschter Umstand, vermutlich aber von grosser Bedeutung. Schulmediziner berühren ihre Patienten nur noch selten, schreibt Prof. Ernst. Die traditionelle körperliche Untersuchung sei zum Großteil durch Labor- und andere Tests ersetzt worden. Selbst Blutdruckmessungen würden halb automatisch fast ohne Kontakt ablaufen. Im Vergleich dazu gebe es während einer Konsultation beim Manualtherapeuten oder Akupunkteur viel mehr Körperkontakt. Dieser helfe, eine intensive Therapeut-Patient-Beziehung aufzubauen; er beruhige und flöße Vertrauen ein.

Naturheilkunde hilft Kontrolle zu bewahren

Weitere Faktoren seien wahrscheinlich ebenso wichtig: „Patienten wollen ihr gesundheitliches Schicksal nicht aus der Hand geben. Naturheilkundliche Therapien geben viel Gelegenheit, die Kontrolle über die eigene Gesundheit zu bewahren. Kneipp’sches Wassertreten, Tai-Chi oder Yoga involvieren den Patienten zu 100 Prozent, und diese Einbeziehung motiviert ihn.“

Ernst fährt weiter:

„Ein Schulmediziner mag ein Medikament verschreiben. Dem Patienten obliegt es dann lediglich, es regelmäßig einzunehmen. In der Komplementärmedizin wird dagegen meist viel mehr Wert darauf gelegt, dass der Patient Eigenverantwortung übernimmt, etwa regelmäßige Entspannungsübungen absolviert und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen unterlässt.“

All das intensiviere die zwischenmenschlichen Interaktionen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass dies der Hauptgrund dafür ist, warum Patienten die Komplementärmedizin schätzen: „Viele konsultieren Heilpraktiker und naturheilkundliche Ärzte also nicht wegen deren effektiver Verfahren, sondern wegen der Beziehung, die sie zu den Heilern aufbauen können. Sie fühlen sich verstanden und motiviert, an ihrer eigenen Gesundheit mitzuarbeiten. Die Erkenntnis, dass Komplementärmedizin so beliebt ist, muss deshalb zugleich als deutliche Kritik an der Schulmedizin verstanden werden, die als kalt oder zu technisch empfunden wird.“

Quelle:

http://www.stern.de/gesundheit/alternativmedizin-gefuehlter-vorteil-1537492.html

Kommentar & Ergänzung:

Meiner Ansicht nach lenkt die Auseinandersetzung Medizin versus Komplementärmedizin und umgekehrt oft von wichtigeren Fragen ab.

Dazu würde beispielsweise gehören:

Welche Medizin wollen wir?

Welche Komplementärmedizin wollen wir?

Die Punkte, die Prof. Edzard Ernst in diesem Interview anspricht, gehören genau in diesen Bereich. Stichworte: Therapeut-Patient-Beziehung, Eigenverantwortung, Zuhören, Ernstnehmen.

Es müsste allerdings auch diskutiert werden, ob eine gute Medizin bzw. Komplementärmedizin wirklich alle diese Bedürfnisse erfüllen muss, die da von den Patientinnen und Patienten an sie herangetragen werden.

Es gibt meines Erachtens nämlich auch eine ganze Menge von Erwartungen und Ansprüchen, die gar nicht erfüllt werden können. Zum Beispiel ist in manchen Fällen Heilung einfach nicht möglich (jedenfalls beim gegenwärtigen Wissensstand). Damit finden wir uns aber heute kaum mehr so einfach ab. Aus Sicht der Betroffenen  ist es zwar verständlich, nach Heilung zu suchen.

Auf dem Hintergrund eines riesigen medizinischen und komplementärmedizinischen Angebotes kann sich aus diesem Suchen nach Heilung aber auch eine endlose Patientenkarriere entwickeln. Und in manchen Fällen geht dafür viel Geld, Zeit und Kraft verloren, die vielleicht sinnvoller dafür verwendet würden, um mit der Krankheit eine möglichst gute Lebensqualität zu erreichen.

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Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Montag, August 2nd, 2010

Fachleute gehen davon aus, dass Geheimniskrämerei in der Gesundheitsforschung in den vergangenen Jahrzehnten zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben könnte. Das zeigt eine Untersuchung des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Wissenschaftler haben etwa 60 Fälle zusammengetragen, in denen die Ausbreitung von Wissen in der Medizin behindert wurde.

Sie werteten hunderte von Fachartikeln und andere Quellen aus – unter anderem aus den Gebieten Psychiatrie, Schmerztherapie, Herz-Kreislauf-Medizin, Krebstherapie und Infektionskrankheiten. “Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie”, kommentieren die Autoren.
Hauptsächlich das Verschweigen negativer Untersuchungsresultate bei neuen Medikamenten sei weit verbreitet. Eine Analyse von 90 in den USA zugelassenen Medikamenten ergebe, dass diese in insgesamt 900 Studien geprüft worden seien, jedoch selbst fünf Jahre nach der Zulassung 60 Prozent der Studien noch nicht publiziert worden seien. Bei anderen Studien würden häufig nur ausgewählte Resultate veröffentlicht.

“Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt, als sie sind”, erklärt Studienautorin Beate Wieseler, Stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung des Bonner Instituts. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen “publication bias” – oder: “Verzerrung durch selektives Veröffentlichen”.

Auslöser für die Suche nach dokumentierten Beispielen für “publication bias” waren eigene Erfahrungen des IQWiG – zuletzt bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Therapie von Depression. Das Pharmaunternehmen Pfizer hatte dem IQWiG nur dank öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die von der Firma bis dahin unter Verschluss gehalten wurden. Und in diesen unveröffentlichten Studien schnitt Reboxetin deutlich schlechter ab, als es zuvor anhand der publizierten Studien den Anschein hatte. “Über viele Jahre wurden Patienten und Ärzte getäuscht”, stellt Wieseler dazu fest.

Eine besonders hohe Korrelation zwischen Eigeninteressen und veröffentlichten Ergebnissen ortet das IQWiG bei von Pharmafirmen durchgeführten Studien. Zitiert wird vom IQWiG zudem eine Analyse, in welcher 2000 Studien aus dem Fachgebiet der Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden: Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht publiziert, von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 Prozent. Aufgrund von gesetzlichen Regelungen müssen auch Zulassungsbehörden Daten zurückhalten.

Leidtragende des „publication bias“ sind oft die Patienten. Wenn Misserfolgsmeldungen nicht veröffentlicht werden, “setzen Ärzte und Patienten häufig Therapien ein, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind”, stellt Wieseler fest. Beispielsweise gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausenden Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht publiziert worden seien.

“Bei registrierten Studien werden die Ergebnisse zurückgehalten, weil die untersuchten Präparate schlechter oder gleich gut funktionieren wie das Kontrollprodukt. Das färbt die Resultate der Evidenz-basierten Medizin rosa ein”, erklärt Claudia Wild vom Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment in Wien: “Pharmafirmen wollen den Markt und medizinische Forscher stets neue Sensationen publizieren.” Kann man überhaupt noch den Medikamenten vertrauen, welche der Arzt verschreibt? Claudia Wild umschreibt es so: “Wenn Sie Ihrem Hausarzt vertrauen, dann vielleicht ja.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/

Printausgabe vom Mittwoch, 19. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 18. Mai 2010 16:21:00

Kommentar & Ergänzung:
Der „publication bias“ ist ein ernsthaftes Problem in der Pharmaforschung. Und dies allerdings nicht nur im Bereich synthetischer Medikamente. Die Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin (z. B. Homöopathie-Forschung) und Phytotherapie ist nicht weniger davon betroffen. Auch hier wird gern publiziert, was einen günstigen Einfluss zeigt und ebenso gern verschwiegen, was der Vermarktung abträglich wäre. Es gilt daher, in allen Bereichen ein scharfes Auge auf dieses Phänomen zu werfen und sich der dadurch möglichen Verzerrungen bewusst zu bleiben.

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Studie: Neue Wohnformen für ältere Menschen

Sonntag, August 1st, 2010

Alternative Wohnformen für ältere Menschen, bei denen unentgeltliche nachbarschaftliche Hilfe gefördert wird, können Pflege- und Betreuungskosten vermindern und die Lebenszufriedenheit der Bewohner erhöhen. Zu diesem Resultat kommt nun eine deutsche Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Untersucht wurden vier alternative Wohnprojekte für ältere Personen, die von gemeinnützigen Organisationen getragen werden. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie beispielsweise durch eine barrierefreie Architektur und Gemeinschaftsräume darauf abzielen, nachbarschaftliche Hilfe und Austausch zu fördern.

Für die Studie wurden 312 Bewohner der vier Modellprojekte interviewt. In der Kontrollgruppe, deren Mitglieder in herkömmlichen Wohnformen wie Altersheimen oder im eigenen Haushalt leben, wurden 428 Personen befragt. Das Durchschnittsalter der Befragten in den Modellprojekten liegt bei 57,8 Jahren, in der Kontrollgruppe bei 56,6 Jahren. Als Ältere im Sinne der Studie werden Menschen bezeichnet, die mindestens 50 Jahre alt sind.

Die Analysen des ZEW belegen, dass in den Modellprojekten die Kosten, welche die Bewohner, die Sozialkassen und die Betreiberorganisationen insgesamt für Unterstützung, Betreuung und Pflege aufbringen müssen, um 30 Prozent unter denen liegen, die in den herkömmlichen Wohnformen anfallen. Teilweise gehen die Differenzen darauf zurück, dass die Bewohner in den Modellprojekten eine bessere gesundheitliche Entwicklung aufweisen als in der Kontrollgruppe. Auch die größere Bedeutung nachbarschaftlicher Hilfe spielt eine wichtige Rolle. Die gegenseitige Unterstützung findet dabei weniger im Gebiet der medizinischen Pflege statt, sondern mehr in der praktischen Hilfe bei der täglichen Lebensführung. Darüber hinaus zeigt die Befragung, dass die Modellprojekt-Bewohner ein aktiveres Leben führen, weniger Zeit allein zu Hause verbringen und ihre Lebensbedingungen positiver beurteilen als die Personen in der Kontrollgruppe.

Auch wenn die Studie sich auf eine recht kleine Stichprobe bezieht, deuten die Resultate laut des ZEW auf eine mögliche Breitenentwicklung entsprechender Projekte hin.

Quelle:

http://de.news.yahoo.com

Kommentar & Ergänzung:

Selbständig leben – aber nicht allein. Das ist ein Zukunftsmodell für Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Die Studie des ZEW zeigt den sozialen, gesundheitlichen und finanziellen Nutzen solcher Wohnmodelle.

Ein Pionierprojekt auf dieser Basis entsteht gegenwärtig in Winterthur:

Die Hausgemeinschaft 50plus an der Kanzleistrasse in Winterthur-Seen.

Für Interessierte hier die genaueren Angaben:

Hausgemeinschaft 50plus in Winterthur

Gemeinsam und doch individuell wohnen für Menschen in der zweiten Lebenshälfte.

Wollen Sie in einer Hausgemeinschaft Leben und selbst­

bestimmt und gemeinschaftsorientiert Wohnen? Sie wählen

diese Wohnform als Alternative zum Alleinwohnen.

Im Zentrum von Winterthur-Seen entsteht ein Minergie-Haus

mit 16 individuellen Wohneinheiten. Ausgestattet sind sie

mit Kleinküche und Dusche. Vielfältige Gemeinschaftsräume,

Küche, Gästezimmer, Bad sowie ein schöner Garten warten

auf zukünftige BewohnerInnnen.

Unter dem Dach der Genossenschaft GESEWO (www.gesewo.

ch)­ gestalten die BewohnerInnen das Leben im Hause selbst

und unterstützten sich im Alltag in einem partnerschaftlichen

Zusammenleben in gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger

Achtung.

Nettomiete von Fr. 1‘445.– bis 2‘021.– sowie Genossenschafts­

kapital und ein Pflichtdarlehen. Bezug im Dezember 2010.

Auskünfte:

052 242 03 52 · 052 203 69 08 · kanzlei­seen@gesewo.ch

oder www.gesewo.ch unter Häuser/Kanzlei Seen.

Besichtigung am 13.7.2010 von 18–19 Uhr an der Kanzlei­

strasse 50 in 8405 Winterthur.

Was das mit Gesundheit zu tun hat?

Schaut man sich die Werbung an, so sind wir seit einigen Jahren einer heftigen Medikalisierung des Älterwerdens ausgesetzt. Uns wird eingeredet, dass wir ohne ein ganzes Arsenal von Nahrungsergänzungsmittel, Vitaminen, pflanzlichen oder synthetischen Präparaten gar nicht gut älter werden können. Das lenkt die Aufmerksamkeit in eine völlig falsche Richtung. Viel zentraler für die gute Gestaltung und Bewältigung der zweiten Lebenshälfte ist eine tragfähige soziale Situation.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Der “Berner Heiler” und die Qualitätsprobleme in der Komplementärmedizin

Samstag, Juli 17th, 2010

Der Fall des „Berner Heilers“, der durch seine Behandlungen mehrere Personen mit dem HIV-Virus angesteckt haben soll, sorgt auch in den Kreisen von Komplementärmedizin & Alternativmedizin für Aufregung. Die Szene bangt um ihren Ruf. Die Berufsverbände distanzieren sich und verlangen staatliche Qualitätskontrollen. Die Situation ist aber viel komplizierter und desolater als es in den diversen Pressemeldungen dargestellt wird.

Drei Beispiele mit jeweils einem Kommentar von mir sollen das verdeutlichen:

Beispiel 1:

Auf dem Newsticker von www.suedostschweiz.ch erschien folgende Meldung:

Qualitätskontrolle ist unbedingt notwendig

Der Fall des Berner «Akupunkteurs» zeigt klar, dass eine seriöse Qualitätskontrolle bei der Aus- und Fortbildung von Therapeutinnen und Therapeuten der Komplementär- und Alternativmedizin (KAM) unabdingbar ist.

Kein anderes Land auf der Welt hat eine so hohe Dichte an Therapeuten der KAM wie die Schweiz. Umso wichtiger ist es, dass Patienten, die komplementärmedizinische Leistungen in Anspruch nehmen, herausfinden können, ob der von ihnen gewählte Therapeut gut ausgebildet ist.

Dies ist heute relativ schwierig, da das Berufsbild für die KAM-Therapeuten erst in Entwicklung ist und die kantonalen Regelungen bei der Zulassung von KAM-Therapeuten sehr unterschiedlich sind.

In den Kantonen sind von einer reinen Meldepflicht bis zu strengen Prüfungen alle Varianten vorhanden. Das Erfahrungsmedizinische Register EMR prüft seit über zehn Jahren nach strengen Richtlinien die Aus- und Fortbildung von KAM-Therapeuten und vergibt ein Qualitätslabel, das von über 40 Krankenversicherern genutzt wird. Auch mehrere Kantone stützen sich bei der Vergabe der Berufsausübungs-Bewilligung auf das EMR-Qualitätslabel ab.

Kommentar:

Wenn in dieser Meldung behauptet wird, das Erfahrungsmedizinische Register EMR prüfe seit über zehn Jahren nach strengen Richtlinien die Aus- und Fortbildung von KAM-Therapeuten, so hat das etwa soviel Realitätsgehalt wie die Romane von Jules Verne. Das EMR zählt vor allem Ausbildungs- und Weiterbildungsstunden zusammen anhand von Bestätigungen der Ausbildungsinstitute.

Für die Qualität des Inhaltes dieser Stunden, meines Erachtens der Kern jeder Qualitätskontrolle, interessiert sich das EMR nicht. Eine inhaltliche Qualitätskontrolle wäre für das EMR auch gar nicht machbar.

Wenn verschiedene Kantone und über 40 Krankenversicherer sich auf das „Qualitätslabel“ (Quantitätslabel?) des EMR abstützen, so gehen sie damit nur den für sie billigsten und einfachsten Weg, täuschen aber den Konsumentinnen und Konsumenten eine Qualitätskontrolle vor, die diesen Namen nicht ansatzweise verdient.

Beispiel 2:

Als Reaktion auf einen Artikel über den „Berner Heiler“ erschien im Tages-Anzeiger vom 11. Juni 2011 ein Leserbrief von Ruth Vuilleumier vom Schweizerischen Verband für Natürliches Heilen (SVNH):

„Der Schweizerische Verband für Natürliches Heilen“ (SVNH) versucht solche Missbräuche mithilfe eines strengen Prüfungssystems zu verhindern. Die therapeutisch tätigen Aktivmitglieder werden nicht nur in der Heilmethode geprüft, sondern ganz besonders auch auf ihre Persönlichkeit hin, welche Werte sie vertreten, wie sie mit Klienten und besonders auch mit Macht umgehen. Ein SVNH-geprüfter Naturheiler hat deswegen nicht nur ein seriöses Label bezüglich seiner Arbeitsmethode, sondern auch von der persönlichen Ebene her…..“

Kommentar:

Auch hier werden meines Erachtens „Potemkinsche Dörfer“ aufgebaut – schöne Fassaden eben.

Das fängt schon bei den Fachprüfungen an. Ein SVNH-Mitglied schreibt zum Beispiel zu der von ihr angebotenen Reinkarnationstherapie:

„Eine Rückführung ist nichts anderes als ein Besuch in einem Paralleluniversum, dessen Schwingungsfeld mit unserem heutigen Bewusstsein in Resonanz steht.“

Um  die Qualität dieser Versprechungen zu prüfen, müsste festgestellt werden, ob die angebotene Reise ins Paralleluniversum wirklich stattfindet oder nicht und ob das Schwingungsfeld des postulierten Paralleluniversum tatsächlich mit unserem heutigen Bewusstsein in Resonanz steht. Während bei einer Reise nach Tunis Reisende und Aussenstehende relativ leicht überprüfen können, ob der Trip tatsächlich nach Tunis geführt hat, dürfte dies bei einer Reise in ein Paralleluniversum wohl kaum möglich sein.

Das beschriebene Bespiel ist meines Erachtens nur scheinbar extrem. Man findet auf den Websites von SVNH-Mitgliedern hunderte von solchen Aussagen. Eine inhaltliche Überprüfung der propagierten Heilmethoden  und Diagnoseverfahren und der damit verbundenen Versprechungen findet meiner Erfahrung nach nicht statt, obwohl dies meiner Ansicht nach der Kern jeder Qualitätskontrolle und die Grundlage jedes Konsumentenschutzes in diesem Bereich wäre.

Ruth Vuilleumier streicht in ihrem Leserbrief vor allem heraus, dass der SVNH auch die Persönlichkeit der Aktivmitglieder überprüfe. Es wäre interessant mehr darüber zu erfahren, wie diese Persönlichkeitsprüfung genau stattfindet. Es scheint sich um ein Gespräch mit dem Kandidaten bzw. der Kandidatin zu handeln. Ich bin ganz und gar nicht gegen solche Gespräche. Die Vorstellung aber, mit einem Gespräch oder allenfalls irgendwelchen Fragebögen die Persönlichkeit eines angehenden Naturheilers beurteilen zu können, halte ich für reichlich naiv.

Riskant und problematisch sind m. E. in der Naturheil-Szene vor allem die verbreiteten Allmachtsphantasien und chronifizierten Feindbildhaltungen gegenüber der Medizin.

Solche Phänomene lassen sich nur bei den allerdümmsten Prüflingen per Gespräch oder Fragebogen eruieren. Wer auch nur einigermassen klar ist im Kopf weiss doch genau, was er oder sie zu antworten hat, wenn es um Werte, Macht und Moneten geht im Umfeld der Heilkunde.

Der Drang nach Qualitätslabel ist in dieser Szene so gross, gerade weil es an Qualität an allen Ecken und Enden mangelt. Entsprechend gross ist auch das Tamtam um allerlei Pseudoqualitätslabel. Nötig wäre anstelle solcher Farce-Bescheinigungen eine Kultur der kritischen Auseinandersetzung innerhalb „Naturheilszene“ und ein Abbau von undifferenzierten Feindbildern gegenüber der Medizin (was nicht mit Kritiklosigkeit gleichgesetzt werden sollte).

Beispiel 3:

Am 12. 6. 2010 erschien im Tagesanzeiger ein Artikel unter dem Titel

„Kontrollen gegen Scharlatane“.

Darin wird darauf hingewiesen, dass das Volk vor Jahresfrist einen neuen Verfassungsartikel gutgeheissen habe, und dass die Befürworter damit explizit beabsichtigten, den Schutz der Patienten zu verbessern:

„Eine Praxisbewilligung soll nur noch erhalten, wer über einen kantonal anerkannten Abschluss oder ein nationales Diplom verfügt, lautete eine ihrer Kernforderungen. Die Situation hat sich diesbezüglich aber seither nicht verbessert, im Gegenteil. Der Trend zum Laissez-faire gehe unvermindert weiter, kritisiert der Dachverband Komplementärmedizin. So kann heute in zehn Kantonen jeder beliebige Laie eine nichtärztliche Praxis eröffnen, ohne Ausbildung, Diplom und Kontrolle. Mit Schaffhausen plant ein elfter Stand diese Freigabe der Praxistätigkeit, in Zürich soll sie bald auf die Akupunktur ausgeweitet werden…..Verbandspräsidentin Edith Graf-Litscher kann dies nicht verstehen. «Die Kantone müssen endlich aufhören, die Gesundheit der Patienten leichtfertig aufs Spiel zu setzen», sagt die Thurgauer SP-Nationalrätin. Deren Passivität öffne Tür und Tor für Scharlatane und widerspreche, wie auch die Föderation Alternativmedizin Schweiz moniert, dem an der Urne geäusserten Volkswillen.

Die freimütigen unter den Kantonen berufen sich indes auf andere Instanzen. Seit dem Jahr 2000 empfiehlt die Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK), die Bewilligungspflicht nur restriktiv anzuwenden. Es sei schlicht nicht möglich, alle Spielarten der Alternativmedizin zu kontrollieren, begründet der damalige GDK-Sekretär Franz Wyss die Empfehlung. ‚Man käme aus dem Regulieren nicht mehr heraus.’ Für die  Alternativmediziner sind diese Argumente spätestens jetzt zu revidieren. Die Praxisfreigabe müsse an klare Qualitätsvorgaben geknüpft werden, fordern sie. Und solange es noch keine nationalen Diplome gebe, müssten sich die Kantone dazu mit anderen Kriterien behelfen.“

Kommentar:

In diesem Artikel stehen sich zwei Positionen gegenüber:

1. SP-Nationalrätin Edith Graf–Litscher vom Dachverband Komplementärmedizin wirft den Kantonen „Laissez-faire“ und Gefährdung von Patienten vor, weil sie zunehmend auf eine Regulierung der nichtärztlichen Komplementärmedizin verzichten.

2. Die Kantone bzw. die Gesundheitsdirektoren-Konferenz äussert sich skeptisch gegenüber der Möglichkeit, die Alternativmedizin zu kontrollieren.

Dazu folgendes:

Der Trend zur völligen Freigabe der nichtärztlichen Komplementärmedizin durch die Kantone ist zweifellos heikel.

Aber Nationalrätin Edith Graf-Litscher und der Dachverband Komplementärmedizin machen es sich m. E. auch sehr einfach mit der repetitiv geäusserten Forderung nach Qualitätsvorgaben durch Bund und Kantone. Damit schieben sie den „Schwarzen Peter“ einfach auf den Staat ab. Wie stellen sich Nationalrätin Edith Graf-Litscher und der Dachverband Komplementärmedizin solche Qualitätskriterien vor? Geht es letztlich wieder nur um eine Quantitätskontrolle wie beim EMR (siehe Beispiel 1). Soll einfach der Staat die verlangten Ausbildungsstunden zusammenzählen anstelle des EMR – ohne den Inhalt der Ausbildung zu prüfen?

Zu einer solchen Pseudo-Qualitätskontrolle darf der Staat meines Erachtens auf keinen Fall Hand bieten. Die Forderung nach „Kontrollen gegen Scharlatane“ in Ehren. Mit einer solchen stundenbasierten Lösung wird der Staat zum Handlanger von Scharlatanen und er täuscht Bürgerinnen und Bürger. Wenn es wirklich um Schutz vor Scharlatanen gehen sollte, müssten die zur Diskussion stehenden Methoden auch inhaltlich auf ihre Qualität geprüft werden. Hält die Heilmethode, was sie verspricht? Findet das Diagnoseverfahren relevante Krankheiten? Wer diese Fragen beim Thema Qualitätssicherung in der Komplementärmedizin ausklammert, streut den Leuten Sand  in die Augen.

Zu diesem Kern jeder Qualitätssicherung habe ich von Nationalrätin SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher und vom Dachverband Komplementärmedizin bisher kein Wort gehört. Transparente, klare Qualitätskriterien zum Inhalt von Ausbildung und Praxistätigkeit wären gefragt, damit Patientinnen und Patienten geschützt sind.

Auf diesem Hintergrund habe ich grosses Verständnis für die GDK, wenn sie nicht zu Pseudoqualitätslabels Hand bieten will.

Siehe dazu auch:

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragwürdige Versprechen zur Qualitätssicherung

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

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Treibhausgase: Curry gut fürs Klima

Dienstag, Juli 13th, 2010

Britische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Curry-Gewürze Koriander, Kurkuma und Kreuzkümmel die Methanbildung reduzieren können. Sie töten im Darmtrakt von Schafen die Bakterien ab, welche das Treibhausgas produzieren.

Koriander, Kurkuma und Kreuzkümmel veredeln nicht nur als beliebte Gewürze orientalische Speisen. Sie könnten auch der Klimaerwärmung entgegen wirken.

Wie Forscher der Universität Newcastle entdeckt haben, bilden Schafe, die die Curry-Inhaltsstoffe als Futterzusatz erhalten, im Verdauungstrakt weniger Methan (Asian Australian Journal of Animal Sciences, Bd. 23, S. 889, 2010).

Offenbar töten die scharfen Gewürze im Darm der Schafe jene Bakterien ab, die das Treibhausgas produzieren. Diese antibiotische Wirkung ließ sich im Labor am Verdauungssaft aus Schafspansen nachweisen.

Am deutlichsten verminderte die Methanproduktion demnach der Koriander; Zimt und Gewürznelken wirkten diesbezüglich hingegen kaum. In Großbritannien leben etwa 30 Millionen Schafe, wovon jedes täglich 20 Liter Methan ausscheidet.

Den Forschern zufolge lässt sich die Erkenntnis auch auf andere Wiederkäuer übertragen – wodurch der potentielle Nutzen sogar noch größer wäre: Eine Kuh produziert jeden Tag rund 500 Liter des Treibhausgases.

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/treibhausgas-curry-fuers-klima-1.971436

Kommentar & Ergänzung:

Die Idee, den Treibhauseffekt mit einem Curry-Futterzusatz für Schafe und Kühe zu bekämpfen, scheint jedenfalls auf den ersten Blick etwas skurril. Aber wenn das tatsächlich nützen sollte – nur zu. An die Schafe und Kühe auf den Alpweiden der Schweiz haben die Forscher allerdings wohl kaum gedacht. Die Curry-Applikation dürfte sich unter alpinen Freiland-Bedingungen  eher schwierig gestalten.

Für die Phytotherapie ist das Ergebnis interessant, weil auch bei Blähungen (Meteorismus) des Menschen die Methangas-Bildung durch Bakterien eine Rolle spielen kann. Also nehmen wir doch zur Kenntnis, dass von den untersuchten Heilpflanzen offenbar Koriander die Methan-Produktion am besten reduzierte. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass die Verdauungsorgane von Schafen und Kühen ziemlich anders funktionieren als beim Menschen – wodurch sich solche Resultate nicht mit absoluter Gewissheit auf uns übertragen lassen.

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