Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Das Wiktionary definiert „diskursiv“ mit „sich erörternd ergeben, sich in ausführlichen Diskussionen und Gesprächen entwickelnd.“

Genau diese Qualität, die für demokratische Gesellschaften unverzichtbar ist, scheint zunehmend gefährdet zu sein. Dafür spricht nur schon die Hassflut, die sich durch weite Bereiche von asozialen Medien wie Facebook ergiesst.

Darum ist es höchste Zeit, die diskursive Gesprächskultur zu verteidigen und zu stärken. Dabei kann man an verschiedenen Stellen ansetzen. In diesem Beitrag werde ich zwei Grundgefahren für die diskursive Gesprächskultur beschreiben und Gegenmittel vorschlagen.

Die zwei Grundgefahren sind die Beliebigkeit (Relativismus) und die Ausschliesslichkeit (Dogmatismus). An vielen Punkten handelt es sich dabei um gegensätzliche Positionen.

  • Beliebigkeit (Relativismus)
  • Gleich-Gültigkeit: Alle Werte, Interpretationen, Meinungen sind gleich-gültig.

    Alles horizontal: Keine Hierarchie von Werten und Wahrheiten will nur („Flachland“). Prinzipienlos; kein Verhältnis zu sich und der Welt.

    Lernimmun, weil kein Prüfungsprozess (unnötig, wenn alles gleich wahr / wert).

  • Ausschliesslichkeit (Dogmatismus)
  • Nur eine gültige Wahrheit, Interpretation, Meinung; ein höchster Wert.

    Alles Vertikal: Keine differenzierte Hierarchie von Werten & Wahrheiten weil nur eine vorhanden. Du bist in der Wahrheit oder ausserhalb.

    Lernimmun, weil Prüfungsprozess unnötig (weiss alles schon).

Welche Gegenmittel gibt es zur Vermeidung von Relativismus und Dogmatismus?

  • Gegen Relativismus hilft:
  • Forderung nach Begründung, Plausibilität und Glaub-Würdigkeit. Werschätzung von Argumenten.
  • Gegen Dogmatismus hilft:
  • Offenheit für andere mögliche Deutungen. Unabschliesbarkeit der Interpretation als Prozess. Wertschätzung von Argumenten.

⬇︎                                                                                                                   ⬇︎

☛ ☛ ☛ ☛ ☛ Diskursive Gesprächskultur ☚ ☚ ☚ ☚ ☚ ☚

Die diskursive Gesprächskultur ist charakterisiert durch:

  • Schrittweise Suchprozesse und Auseinandersetzungsprozesse
  • Annäherungen an die Wahrheit im Bewusstsein, sie nie vollständig und abschliessend zu erreichen.
  • Wohlmeinende, harte Prüfung von Erfahrungen, Theorien, Hypothesen in der „community“ (Gruppe von Menschen, die sich diskursiv mit einem Thema befasst).
  • Keine Letztbegründungen, nur (vorläufige) Bewährungen (Karl Popper).
  • Möglichst weitgehende Abwesenheit von Schwarz-Weiss-Denken, keine Kultivierung von Feindbildern.

Relativismus und Dogmatismus vertragen beide die Mehrdeutigkeiten, Ambivalenzen und Spannungen nicht, die daraus entstehen, dass es keine Letztbegründungen und keine absoluten Werte gibt.

Und was können wir als Einzelmenschen tun, um die diskursive Gesprächskultur zu stärken und zu verteidigen?

Stärkungsmittel für eine diskursive Gesprächskultur:

  1. Im privaten Umfeld für eine diskursive Gesprächskultur eintreten.
  2. Nur Politikerinnen und Politiker sowie Parteien unterstützen, die sich einer diskursiven Gesprächskultur verpflichtet fühlen.
  3. Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützen, die eine diskursive Gesprächskultur pflegen. Sich am Aufbau und an der Vernetzung solcher Strukturen beteiligen.
  4. Generell Sorge tragen zum gesellschaftlichen Klima und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – auf politischer Ebene und im privaten Umfeld. Demokratie braucht Auseinandersetzung und Konfllikt, aber keine Diffamierungen, die zur Spaltung führen.
  5. Kein Rückzug in isolierende Filterblasen. Mit verschiedenen Positionen und Ansichten im Gespräch bleiben, soweit das möglich ist.

Für die konkrete Gesprächssituation hat der Philosoph Karl Popper drei Grundhaltungen beschrieben, die zu einer diskursiven Gesprächskultur beitragen:

„Die Prinzipien, die jeder rationalen Diskussion zugrunde liegen, das heisst jeder Diskussion im Dienste der Wahrheitssuche, sind recht eigentlich ethische Prinzipien. Ich möchte drei solcher Prinzipien angeben,

  1. Das Prinzip der Fehlbarkeit: Vielleicht habe ich unrecht, und vielleicht hast du recht. Aber wir können auch beide unrecht haben.
  1. Das Prinzip der vernünftigen Diskussion: Wir wollen versuchen, möglichst unpersönlich unsere Gründe für und wider eine bestimmte, kritisierbare Theorie abzuwägen.
  1. Das Prinzip der Annäherung an die Wahrheit. Durch eine sachliche Diskussion kommen wir fast immer der Wahrheit näher; und wir kommen zu einem besserren Verständnis; auch dann, wenn wir nicht zu einer Einigung kommen.“

Quelle dieses Zitats: Karl Popper. Alle Menschen sind Philosophen, Piper 2002, S. 202.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Fragen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Eine kompakte, verständliche Zusammenfassung des Populismus-Konzepts des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Der Text bietet insbesondere eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Das Konzept von Karl Popper ist eine fulminante Verteidigung der offenen, liberalen Demokratie, die heute weltweit unter Druck steht.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen der liberalen Demokratien. Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

.- Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

Diesen Artikel teilen: