Phytotherapie: EMA veröffentlicht Empfehlungen zu Phytopharmaka

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Die europäische Aufsichtsbehörde „European Medicines Agency“ (EMA) will Informationen zu pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Deshalb werden ab sofort die Empfehlungen zur Anwendung von Phytopharmaka, die der zuständige Ausschuss, das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), publiziert, in laienverständlicher Sprache zusammengefasst.

Die Zusammenfassungen umfassen Informationen zur Bewertung des Phytopharmakons, die Schlussfolgerungen des HMPC betreffend die empfohlene Anwendung, sowie die Daten, auf denen die Empfehlungen basieren und Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen.

Diese Angaben sollen die Packungsbeilage ergänzen und den Bürgern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen, wenn sie die entsprechenden Präparate in der Selbstmedikation anwenden.

Für sechs Heilpflanzen, deren Bewertung schon abgeschlossen ist, wurden die Zusammenfassungen nun publiziert.

In Zukunft sollen diese Dokumente für alle neu bewerteten Heilpflanzen sowie für alle Revisionen, die im Rahmen der üblichen Routine stattfinden, verfügbar sein.

Die EMA beabsichtigt, nach und nach die publizierten Zusammenfassungen in alle offiziellen Sprachen der EU zu übersetzt.

Bislang publiziert sind:

 

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia california)

Ginkgo (Ginkgo biloba)

Beinwell (Symphytum officinale)

Paprika (Capsicum annuum)

Odermennig (Agrimonia eupatoria)

Mausohr-Habichtskraut (Hieracium pilosella)

 

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2015/08/05/phytoempfehlungen-der-ema-kuenftig-auch-fuer-laien-verstaendlich/16417.html

Kommentar & Ergänzung:

So kommen Sie zu diesen Zusammenfassungen:

Gehen Sie auf die Übersichtsseite. Unter „Browse A – Z“ klicken Sie auf den Buchstaben, der dem ersten Buchstaben des lateinischen Namens der Heilpflanze entspricht, die Sie suchen.

Aus der Liste wählen Sie die entsprechende Heilpflanze aus.

Wenn Sie auf der Seite der gesuchten Heilpflanze sind, zum Beispiel „Ginkgo“, dann sehen Sie zuerst die Zusammenfassung. Unter „All documents“ kommen Sie zu PDFs mit weiteren Informationen.

Dort können Sie zum Beispiel die Monografie zu Ginkgo abrufen.

Die Beschreibungen der Heilpflanzen ist nicht umfangreich. Davon sollte man sich nicht über ihren Wert täuschen lassen. Die Knappheit ist Resultat eines wohl ziemlich aufwendigen Auswahlprozesses. Die Quantität sagt nichts über die Qualität aus. Das ist im übrigen ähnlich bei Vorträgen und Kursen über Heilpflanzen. Wer am meisten über fast unendliche und wunderbare Anwendungsmöglichkeiten erzählt, hat sich vielleicht einfach um den aufwendigen Auswahlprozess gedrückt.

Interessant bei diesen Monografien ist zum Beispiel die Unterscheidung in „Well-established-use“ (linke Spalte) und „Traditional use“ (rechte Spalte).

„Well-established-use“ – das umfasst Aussagen, für die es wissenschaftliche Daten gibt.

„Traditional use“ – damit sind Aussagen zu Heilwirkungen gemeint, die ausschliesslich auf überlieferten Angaben aus langjähriger Anwendung basieren.

Monografien als Form der Qualitätssicherung

Die detaillierte Beschreibung von Heilpflanzen in Monografien, wie es hier das HMPC macht, ist eine Form der Qualitätssicherung in der Phytotherapie. Der wesentlichste Punkt dabei ist, dass die Quellen offengelegt werden, auf denen die Aussagen basieren.

Sie finden diese Quellenangaben unter „All documents“ als PDF mit dem Titel „List of references supporting the assessment of….“.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Aussagen in Monografien, die in einem kooperativen Verfahren zustande gekommen sind und auf offengelegten Quellen beruhen, haben einen viel höheren Glaubwürdigkeitsgrad als isolierte Behauptungen von Einzelpersonen.

Der Weg, wie eine Aussage zustande gekommen ist, muss so gut wie möglich dokumentiert sein. Das bieten Monografien in hohem Mass.

Neben diesen neuen HMPC-Monografien sind in der Phytotherapie die ESCOP-Monografien und die älteren Monografien der Kommission E wichtig. Auch die WHO erstellt Monografien von Heilpflanzen.

Phytotherapie: Was sind ESCOP-Monografien

Phytotherapie: Kommission E – was beudeutet das?

Es wimmelt aber von isolierten Behauptungen von Einzelpersonen über die Wirkungen von Heilpflanzen. Behauptungen, die keinen kooperativen Diskussionsprozess überstanden haben und deren Entstehungsweg nicht transparent dokumentiert ist.

Was ist von solchen Behauptungen zu halten?

Nur weil es isolierte, undokumentierte und oft intransparent entstandene Behauptungen von Einzelpersonen sind, müssen sie ja nicht falsch sein.

Sie könnten trotzdem korrekt sein, aber sie haben wesentliche Prüfungen durch die „Community“ der Fachleute nicht hinter sich. Und daher sind sie wesentlich ungewisser und weniger glaubwürdig.

Beispiele für solche freischwebenden, isolierten, undokumentierten Behauptungen, die häufig anzutreffen, aber fragwürdig sind:

Storchenschnabeltinktur gegen Schock

Karde gegen Borreliose

Kleiner Kommentar zu den 6 veröffentlichten Zusammenfassungen

Da sind sehr unterschiedliche Heilpflanzen ausgewählt worden von den Anwendungsbereichen und von der Bedeutung her.

Ein paar Stichworte:

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia california)

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia californica, Papaveraceae) wird traditionell als Beruhigungsmittel und als leichtes Schlafmittel in der amerikanischen Indianermedizin angewendet. Diese Heilpflanze ist in der Schweiz wenig bekannt. Es gibt aber seit 2008 ein zugelassenes Arzneimitttel. Die wissenschaftliche Datenbasis ist schmal (Tierversuche, keine ausreichenden Patientenstudien)

Ginkgo (Ginkgo biloba)

Ginkgo-Extrakt gehört zu den meistverkauften und am besten untersuchten Heilpflanzen. Patientenstudien sprechen für eine positive Wirkung im Frühstadium von Demenzerkrankungen.

Beinwell (Symphytum officinale)

Äusserlich als entzündungshemmende Salbe oder Gel oft angewendet bei stumpfen Verletzungen (Prellungen, Verstauchungen) und Gelenkentzündungen. In den letzten Jahren zunehmend wissenschaftlich erforscht mit Patientenstudien, welche diese Wirkungen teilweise untermauern konnten.

Paprika (Capsicum annuum)

Paprika enthält als wichtigsten Inhaltsstoff das Alkaloid Capsaicin mit schmerzstillender, juckreizlindernder und entzündungshemmender Wirkung. Äusserlich angewandt lassen sich damit zum Beispiel Gelenkschmerzen, Neuralgien und manche Formen von Juckreiz behandeln. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Studien.

Odermennig (Agrimonia eupatoria)

Enthält Gerbstoffe und kann beispielsweise bei leichten Durchfallerkrankungen und leichten Mundschleimhautentzündungen angewendet werden. Da es viele und wahrscheinlich auch besser wirksame Gerbstoffpflanzen gibt, wird Odermennigkraut nur selten eingesetzt. Patientenstudien fehlen.

Mausohr-Habichtskraut (Hieracium pilosella)

Diese Pflanze ist mir in der Phytotherapie-Fachliteratur noch nie über den Weg gelaufen und daher überrascht es mich, sie hier in dieser Liste anzutreffen. Auf den Kräuterwanderungen sehe ich sie oft. Die langen Haare auf den Blättern sind sehr auffällig und haben zur Bezeichnung Mausohr-Habichtskraut geführt (auch: „Langhaariges Habichtskraut“ oder von mir inoffiziell „Dreitagebart-Habichtskraut“ genannt).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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